Skip to main content

Full text of "Handwörterbuch Des Deutschen Aberglaubens Band 7"

See other formats


1 




I 


t ' 

1 I 


I 



I 


Handwörterbuch 
des deutschen Aberglaubens 


Herausgegeben von 

Hanns Bächtold-Stäubli 

unter Mitwirkung von 

Eduard Hoffmann-Krayer 

mit einem Vorwort von 
Christoph Daxelmüller 


Band 7 

Pflügen - Signatur 



Walter de Gruyter • Berlin ■ New York 

1987 



Unveränderter photomechanischer Nachdruck der Ausgabe 
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 
herausgegeben unter besonderer Mitwirkung von E. Hoffmann-Krayer 

und Mitarbeit zahlreicher Fachgenossen 
von Hanns Bächtold-Stäubli, (Handwörterbücher zur deutschen Volkskunde, 
herausgegeben vom Verband deutscher Vereine für Volkskunde, 
Abteilung 1, Aberglaube), erschienen 1927 bis 1942 bei 
Walter de Gruyter & Co. vormals G. J. Göschen’sche Verlagshandlung - 
J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung - Georg Reimer - Karl J. Trübner - 

Veit & Comp., Berlin und Leipzig. 

Abbildung auf dem Einband: 

Geflügelter Drache, nach Conrad Gesner, Schlangenbuch, Zürich 1589. 

Die Originalausgabe dieses Bandes erschien 1936 


CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek 


Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens / hrsg. 
von Hanns Bächtold-Stäubli unter Mitw. von Eduard 
Hoffmann-Krayer. Mit e. Vorw. von Christoph Daxel- 
müllcr. - Unveränd. photomechan. Nachdr. - Berlin; 
New York: de Gruyter 
ISBN 3-11-011194-2 

NE: Bächtold-Stäubli, Hanns [Hrsg.] 

Bd. 7. Pflügen - Signatur. - Unveränd. photomechan. 
Nachdr. d. Ausg. Berlin u. Leipzig, de Gruyter, Gutten¬ 
tag, Reimer, Trübner, Veit, 1936. - 1987. 


© 1935/1936/1986 by Walter de Gruyter 6c Co., Berlin. 

Printed in Germany. 

Alle Rechte des Nachdrucks, der photomechanischen Wiedergabe, der Übersetzung, der Herstellung 

von Photokopien - auch auszugsweise - Vorbehalten. 

Druck: H. Heenemann GmbH & Co, Berlin 
Einbandgestaltung: Rudolf Hübler 
Bindearbeiten: Lüderitz & Bauer, Berlin 


pflügen. An bestimmten Tagen ist das 
P. verboten, so am Markustag, da sonst 
die Ochsen und anderes Vieh fallen 1 ), am 
Dreifaltigkeitssamstag, an Mariä Heim¬ 
suchung und am Wendelinstag 2 ). Am 
Karfreitag, wie überhaupt in den Tagen, 
in denen Jesus im Grabe ruhte 3 ), darf 
man ,,keine Erde öffnen“ 4 ); doch lebt 
noch die ältere Vorstellung, daß Festtags¬ 
arbeit Segen bringt, in der Vorschrift, 
gerade am Karfreitag oder doch in der 
Morgendämmerung bis zum Sonnenauf¬ 
gang zu p., um den Acker fruchtbar zu 
machen 5 ). Im Dezember als dem zwölften 
Monat muß der Acker ruhen und darf 
nicht bepflügt werden 6 ). Das gleiche Ver¬ 
bot gilt, solange eine Leiche im Hause 
ist 7 ). Um fruchtbarkeitszauberisch seine 
und des Brotes magischen Kräfte auf den 
Acker zu übertragen, muß sich der Pflüger 
beim Essen auf den Pflug setzen 8 ), wie 
man sich andererseits nicht auf den Pflug 
setzen soll, um analogiezauberisch die 
Arbeit nicht zu erschweren 9 ). Wer 
Schnee einpfiügt (d. h. die Beackerung zu 
früh beginnt), hat eine schlechte Ernte 10 ), 
was ursprünglich wohl nur Erfahrungs¬ 
wetterregel ohne glaubensmäßige Be¬ 
gründung ist. Wird der Acker im Früh¬ 
ling mit zwei roten Zwillingsochsen ge¬ 
pflügt, so kann der Hagel der Saat nicht 
schaden u ). Der Bauer schützt sich 
magisch vor dem P. durch Essen dreier 
kleiner in Wein getauchter Stücke Brot, 
damit ihm der Teufel nicht schaden 
kann 12 ). Beim P. durch Zufall aus der 
Erde gerissenes Eisen hilft, bei sich ge¬ 
tragen, als Heilzauber gegen Rotlauf 13 ). 
Wenn der Acker zur Saat gepflügt wird, 
darf das Kind nicht von der Brust ent¬ 
wöhnt werden; es muß geschehen, wenn 
das Getreide reif ist oder im Winter 
Schnee liegt 14 ). Wird beim P. eine 
Furche vergessen, so wird das als Vor- 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII 


Zeichen für den bevorstehenden Tod eines 
Hausgenossen angesehen 15 ). Träume vom 
P. bedeuten Tod 16 ). 

Vgl. Pflug, Pfluggang, erster, Pflugbrot, Pflug¬ 
ziehen. 

] ) Boeder Ehsten 85. 2 ) Meyer Baden 418. 
3 ) ZdVfV. 14, 145. 4 ) Pollinger Landshut 210; 
Meyer Baden 418. 6 ) Sartori Sitte 3, 145. 

6 ) Fogel Pennsylv. 195. 7 ) Höhn Tod Nr. 7 

S. 324; Heckscher Hannov . Vkde. 1, § 57. 

8 ) Nilsson Jahresfeste 51. 9 ) ZdVfV. 3, 33. 

10 ) Müller Isergebirge 8; ZdVfV. 24. 194. 

11 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 131. 12 ) Rogasefler 

Fambl. 3 (1899), 31. 13 ) Schönwerth Ober- 

Pfalz 3, 233. 14 ) Leoprechting Lechrain 238. 
15 ) Höhn Tod Nr. 7 S. 313; Heckscher 
Hannov. Vkde. 1 § 35. lö ) ZdVfV. 22, 163. 

Heckscher. 

Pfluggang, erster. Wie in agrarreli¬ 
giöser Zeit der e. P. Kulthandlung, 
mit Gebeten, Weihen, Opfern und an¬ 
deren kultischen Übungen verbunden war 
(siehe Pflug § 1) 1 ), so ist er auch heute 
noch heilige Handlung 2 ). Wie im 
alten Indien der Pflug durch Berührung 
des Priesters geweiht werden 3 ), und wie 
in Rom das Darbringen des Trankopfers 
zum e. P. mit gewaschenen Händen ge¬ 
schehen mußte 4 ), so muß der e. P. nooh 
heute vom Hausvater selbst vorgenom¬ 
men werden 5 ). Der e. P. ist zunächst 
zeitzauberisch gebunden. Mußte er im 
alten Indien an einem ,,günstigen Tage“ 
stattfinden 6 ), so geschieht es bei uns 
zu Lichtmeß 7 ), am Gertrudentage 
(17. März) 8 ), zumeist jedoch zu Mariä 
Verkündigung, welcher Tag deshalb , ,Pflug- 
marien“ heißt 9 ). Weiter sind die Wochen¬ 
tage maßgebend: es muß an einem 
Dienstag, Donnerstag oder Sonnabend ge¬ 
schehen 10 ), wie auch die Tierkreiskon¬ 
stellation : mußte es im alten Indien 
unter dem Indrasternbild geschehen 11 ), 
so darf bei uns der Acker nicht im Zeichen 
des Skorpions oder Krebses zuerst ge¬ 
brochen werden, damit analogiezaube¬ 
risch die Wirtschaft nicht rückwärts 

1 




3 


Pfluggang, erster 


Pflugziehen 


6 


gehe 12 ). Gesprochener Wortzauber 
wird angewandt, wenn das Frühlings¬ 
pflügen 13 ) wie das Umackern des Stoppel¬ 
feldes 14 ) mit kurzen Segensprüchen be¬ 
gonnen wird, wenn beim Einspannen zum 
e. P. die Hausgenossen ein gemeinsames 
Gebet verrichten 15 ) oder mit den Nach¬ 
barn vor dem Tenn knieend fünf Vater¬ 
unser beten 16 ), wenn man nach der Aus¬ 
fahrt des dritten Pfluges von Haus zu 
Haus ziehend den Rosenkranz betet 17 ), 
geschriebener Wortzauber, wenn man im 
christlichen Griechenland den Namen 
Raphaels auf die Pflugschar schreiben 
muß 18 ). Als Lärmzauber wurden zur 
Zeit der Gemein Wirtschaft, wenn die 
Bauern geschlossen und in feierlichem 
Zuge zum e. P. gingen, die Kirchen¬ 
glocken geläutet 19 ), als Zeichen za über 
werden vor dem e. P. mit dem Peitschen¬ 
stiel drei Kreuze vor dem angespannten 
Zugvieh gemacht 20 ), die ersten Pflug¬ 
furchen in Kreuzesform gezogen 21 ), auf 
dem Pfluge wächserne Kreuze 22 ), aus dem 
Wachs der Lichtmeßkerze hergestellt 23 ), 
angebracht, als Feuerzauber werden vor 
dem e. P. gesegnete Wachskerzen an¬ 
gezündet 24 ), wird der Pflug vor der Aus¬ 
fahrt auf der Tenne bei brennender Weih¬ 
kerze besegnet 25 ), wird Holzkohle vom 
Osterfeuer 26 ), vom kirchlichen Karsams- 
tagsfeuer 27 ), vom Bakenbrennen, dem 
Dithmarsischen Frühlingsfeuer 28 ) wie auch 
ein Stück Holz von einem vom Blitz ge¬ 
troffenen Baum (siehe Pflug § 4) 29 ) am 
Pfluge angebracht, als Pflanzenzauber 
versieht man den Pflug mit an Fastnacht 
zubereiteten Holzpflöcken 30 ), mit zauber¬ 
kräftigen Würzpflanzen 31 ), benutzt zum 
Besprengen mit Weihwasser einen Palm¬ 
sonntagzweig 32 ), als Pflanzen- in Ver¬ 
bindung mit Metallzauber muß der 
Pflug beim e. P. über einen Besenstock, 
ein Messer oder Pflugeisen, die ins Tor 
gelegt werden, ziehen 33 ). Als Tier opfer¬ 
zauber werden den Zugochsen bei den 
Hörnern einige Haare abgebrannt 34 ), 
wird die Pflugschar, um die Saat zu 
schützen, mit Fastnachtsfett 35 ), mit 
Schmalz, in dem die Fastnachtskuchen 
gebacken sind 36 ), mit Speck, der am 
ersten Ostertage geweiht ist 37 ), ein¬ 





gerieben. Als kultische Speise er¬ 
halten die alt indischen Pflug ochsen Honig 
und Schmalz, auch die römischen werden 
festlich bewirtet, und die deutschen mit 
Pflugbrot (siehe daselbst), dem alten 
Speiseopfer, mit geweihtem Brot und 
Salz gefüttert 38 ), wie auch die Pferde 
eine Kanne Roggen mehr bekommen, 
damit die Frucht gut gerät 39 ). Regen- 
zauber liegt außer dem Trankopfer 
(siehe Pflug § 1) vor *°), wenn vor der 
ersten Ausfahrt im alten Indien der 
Vorderochse einen Wasserguß bekommt 41 ), 
wenn in Litauen die Pflüger von den 
Weibern mit Wasser beschüttet 42 ), wenn 
heute bei der Rückkehr vom e. P. der 
Pflug 43 ), der Bauer 44 ), der als erster 
heimkehrende Pflüger 45 ) oder Bauer, 
Zugvieh und Pflug gemeinsam 46 ) als 
Partizipanten der ackerlichen Vegetations¬ 
kraft mit Wasser, zauberverstärkend mit 
Weihwasser 47 ), wie schon bei der Aus¬ 
fahrt zum e. P. 48 ), auch wohl mit Butter¬ 
wasser 49 ), Wein 5 °) oder Branntwein 51 ) 
begossen werden, was, zuweilen unter 
einem Zauberspruch 52 ), als Fruchtbar¬ 
keitszauber immer von Mädchen und 
Frauen oder der Hausfrau als Trägerin 
der Lebenskraft in Familie und Haus 
geschieht 53 ), wie denn hinwiederum bei 
den alten Litauern die Bäuerin von den 
Pflügern in den Teich geworfen 54 ) und 
heute von ihnen begossen wird, wenn sie 
Vesper aufs Feld bringt 55 ). Dieser Wasser¬ 
zauber hat überall, was auch zumeist die 
volksmäßige Interpretation ist, den 
Zweck, den Saaten Gedeihen durch 
Schutz vor Dürre zu sichern; doch wird 
er auch als Liebeszauber angewandt, 
wenn das Begießen des Pfluges heimlich 
und in Eile von einem Mädchen ge¬ 
schieht, das dem pflügenden Knechte 
gewogen ist 58 ). Andererseits wirkt der 
Pflüger als Teilhaber der Wachstumskraft 
fruchtbarkeitszauberisch auf die Mäd¬ 
chen, wenn er beim e. P. eine Jungfrau 
küßt 57 ), wenn er die Mädchen nach der 
Rückkehr vom e. P. mit seiner Peitsche 
schlägt, die, ursprünglich jedenfalls eine 
grünende Gerte, als Lebensrute zu ver¬ 
stehen ist, wie ja auch der Bauer vor dem 
e. P. seine Geißel segnet 58 ); volkser¬ 


klärungsmäßig geschieht das, um die 
Flöhe auszuklopfen 59 ), die ebenso als 
Dämonensubstitut in der Vorstellung er¬ 
scheinen, daß man sie aus der Stube ver¬ 
treibt, wenn man Erde, die beim e. P. 
mit einem ungekeilten Pflug gebrochen 
ist, in die vier Stubenwinkel streut 60 ). 
Schadenverhindernde Schutzvorschrift 
bestimmt, den Acker nicht mit einer 
neuen oder frisch geschärften Pflugschar 
zu brechen, sondern einen solchen Pflug 
erst in Rasen stechen zu lassen, damit 
kein Brand ins Getreide kommt 61 ). Vor¬ 
zeichenkündend wirkt der erste Pflug, 
wenn er liegend gesehen Unglück, im 
Zuge gesehen Glück für das kommende 
Jahr verheißt 62 ). 


l ) ZdVfV. 14, 7. 11 f. 14. 171. 140 ff. 148 ff.; 
Sartori Sitte 2, 60. 62. 2 ) Sartori Sitte 2, 60; 
John Westböhmen 187; Meyer Baden 417. 
•) ZdVfV. 14, 14. 149 h 4 ) Ebda. 11 f. 5 ) Sar¬ 
tori Sitte 2, 62. ®) ZdVfV. 14, 7. 7 ) Heckscher 
517. 8 ) Ebda.; Wrede Rhein. Vkde 2 201. 

•) Heckscher 181. 287. 517; Maack Lübeck 
30; Bartsch Mecklenburg 2, 256; Wuttke 84 
§ 99 * 10 ) Wrede Eifeier Vkde . 2 176. J1 ) ZdVfV. 
14, 7. 12 ) Frischbier Hexenspruch 133. 

18 ) Drechsler 2, 49. 14 ) ZdVfV. 24. 194. 

I§ ) Ebda. 14, 138. 16 ) SAVk. 11, 251 = Baum¬ 
berger St. Galler Land 145. 17 ) Meyer Baden 
119. 18 ) ZfdMyth. 2 (1854), 418; ZdVfV. 14, 

10. 149. 19 ) Maack Lübeck 29 f. 20 ) John 

Westböhmen 186. 21 ) Drechsler Schlesien 

2, 49. 22 ) Schmitz Eifel 1, 94; Wrede Eifeier 
Vkde 2 176; Sartori Sitte 2, 59. 23 ) Wrede 

Rhein. Vkde 2 201. 24 ) ZdVfV. 14, 137. 25 ) SAVk. 

11, 251 = Baumberger 145. 26 ) John Erz- 

gebirge 220; Wuttke 71 § 81; 418 § 651; 
Mannhardt 1, 504. 554; Sartori Sitte 2, 60. 
* 7 ) Kück u. Sohnrey Feste 3 187; Mann¬ 
hardt 1, 504; ZdVfV. 14, 137. 28 ) Maack 

Lübeck 30. 29 ) Drechsler Schlesien 2, 49. 

• 0 ) Wuttke 84 § 98. 31 ) ZdVfV. 14, 149. 

**) SAVk. 11, 251. "J Haltrich Siebenb. 
Sachsen 305. M ) ZdVfV. 14, 138. 35 ) Fogel 

Pennsylvania 199. 36 ) Eberhardt Landwirt¬ 
schaft 1. 37 ) Grimm Myth. 3, 416; Meyer 

Deutsche Vkde. 219; Bohnenberger 24. 
*•) ZdVfV. 14, 7 f. 11 f. 14. 141. 130. 39 ) Strak- 
kerjan 1, 54. 40 ) Vgl. Frazer 1, 282. 41 ) ZdVfV. 
14, 7. 18. 141. 42 ) Ebda. S. 18. 43 ) John Erz¬ 
gebirge 220; ZdVfV. 14, 5. 138. 149 h; Gese- 
mann Regenzauber 35 f. 44 ) ZdVfV. 14, 142; 
Frischbier Hexenspruch 133; John West¬ 
böhmen 187; Kuhn Westfalen 2, 153; Reins¬ 
berg Festjahr 2 175; Kück u. Sohnrey Feste 2 
122. 45 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 400. 

4S ) Kolbe Hessen 51; Mülhause 130; Kuhn 
Westfalen 2, 153. 428; Mannhardt 1, 332; 
ZdVfV. 14, 142. 47 ) ZdVfV. 14, 137 f. 149. 


«) SAVk. 11, 251. «) ZdVfV. 14, 138. 60 ) Ebda. 
51 ) Gesemann Regenzauber 36. 52 ) Ebda. 35. 
63 ) A. a. O. M ) ZdVfV. 14, 18. ») Ebda. 142. 
M ) Gesemann Regenzauber 36. 57 ) Meyer 

Baden 417. 58 ) Schmitz Eifel 1, 94 = Sartori 
Sitte 2, 59. *•) Mannhardt 1, 268. 280 = Lyn- 
cker Hess. Sagen 257. 341. 60 ) Grimm Myth. 
3, 476. 81 ) ZdVfV. 7, 149; Eberhardt Land¬ 
wirtschaft 1. 82 ) Strackerjan 1, 38; Heck¬ 

scher Hannov. Vkde. I § 35. Heckscher. 

Pflugziehen. Das im Vorfrühling statt¬ 
findende Umführen eines Pfluges um die 
Fluren ist ein alter als Ackerungsvorfest 
geübter Abwehrzauber, nach welchem 
die heilige Furche (siehe daselbst) als 
magischer Kreis die Felder von den 
die künftige Saat bedrohenden Schaden¬ 
geistern reinigen und sie an die Gemar¬ 
kungsgrenzen bannen sollte. Dieses 
Frühlingsabwehrpflügen meinte vielleicht 
der Indiculus superstitionum in seinem 
Verbot de sulcis circa villas x ), wie es noch 
im 15. und 16. Jh., zur Fastnachts¬ 
belustigung geworden, auch von Be¬ 
wohnern der Städte geübt wurde. Dabei 
eingerissener Mißstände wegen wird die 
Pflugumfahrt zu Fastnacht 1530 in Ulm, 
1578 in Neustadt an der Saale, 1580 in 
Freiburg in der Schweiz verboten 2 ). 
Trotz solcher Verbote hat sie sich in 
ländlichen Gemeinden bis in die Jetzt¬ 
zeit erhalten, auch die einstigen, ebenso 
von den geschichtlichen Belegen über¬ 
lieferten kultischen Reminiszenzen be¬ 
wahrend. Überall sind die Pflugumzüge 
Frühlingsbräuche. Das bei ihnen 
genossene Pflugbrot (siehe daselbst) wird 
am Fastnachtmontag gebacken 3 ). In der 
Rhöngegend finden sie an Petri Stuhl¬ 
feier (22. Febr.) statt 4 ), unter Jauchzen 
und Lärmen als Lärmzauber im Ziller¬ 
tal am Aschermittwoch 5 ), im Stanzertal 
in Tirol am Ostermontag oder -dienstag 6 ), 
in den bayrischen Alpen wird Ostern ein 
bekränzter, also mit der Frühlingsmaie 
versehener Pflug umgeführt, der durch 
die kultische Umfahrt tabu wird und 
deshalb nicht zur gemeinen Arbeit ver¬ 
wandt und als Schutz vor zauberzeit¬ 
licher Gefährdung Ostern nicht im Acker 
gelassen werden darf 7 ). In Rhöndörfern 
ziehen im März die sogenannten Pfingst- 
buben mit einem kleinen Pflug auf einem 
Brett, also einer Ablösung des Zauber- 

1* 






7 


Pflugziehen 


8 


pfropfen—Pharaildis 


10 


mittels, gabenheischend von Haus zu 
Haus 8 ), in der Gegend von Hall und 
Innsbruck erscheint unter den Fastnachts¬ 
schemen ein Bauer mit einem von Schim¬ 
meln gezogenen Pfluge und streut als 
Säezauber Sägespäne aus 9 ), im Ans- 
bachischen wird zu Pfingsten der anthro- 
pomorphe Wachstumsgeist als geschwärz¬ 
ter Pfuigstlümmel auf einem Wagen um¬ 
geführt, der aus zwei lärmzauberisch mit 
Rollen, Schellen und Klingeln behängten 
Pfluggestellen zusammengesetzt ist 10 ). 
Bei den in den österreichischen Alpen im 
Fasching oder am Aschermittwoch ge¬ 
übten Wiederherstellen des Pfluges ziehen 
die Burschen jubelnd und von der ganzen 
Dorfgemeinde begleitet als magische Um¬ 
wandlung um die Ackergrenzen, wobei mit 
einem Pfluge, von dem alle Eisenteile weg¬ 
geschlagen sind, der ,,Schnee eingepflügt“ 
wird, um das Erscheinen des Frühlings ma¬ 
gisch zu erzwingen; dem Pfluge folgt neben 
dem Führer und dem mit einer Flasche 
versehenen Wirt als kultische Person der 
Baumann, der Spaßmacher, der wie der 
Spielmann in den Pflugumzügen des 
MA.s die Stelle der im Heidentum die 
kultischen Funktionen ausübenden Per¬ 
son, des Priesters, vertritt n ), in der 
Hand den genetisch als Frühlingsmaie 
zu erklärenden Stock, der beim Pflügen 
zum Abstreichen der Erde vom Pflug¬ 
eisen dient 12 ). Ein wesentliches kultisches 
Moment liegt alsdann darin, daß der 
Pflug zur Verstärkung des Fruchtbar¬ 
keitszaubers von Mädchen gezogen 
wird 13 ). Hans Sachs und Chroniken des 
15. und 16. Jh.s überliefern, daß in Süd- 
und Mitteldeutschland heiratsfähige Mäd¬ 
chen, die im letzten Jahre nicht geehe- 
licht hatten, fastnachts vor den Pflug 
gespannt werden 14 ). Nach einer Nach¬ 
richt vom Jahre 1553 rissen zu Fastnacht 
die Burschen die Mädchen aus den 
Häusern, spannten sie vor den Pflug und 
ließen sie diesen, auf dem ein Spielmann 
singend und spielend saß, durch die 
Straßen ziehen, wobei ihn ein Bursche, 
die Mädchen mit der Peitsche treibend, 
lenkte und ihm ein Säemann Sand oder 
Asche, nach einem Bericht von 1592 
Häckerling und Sägespäne streuend, 


folgte 15 ). Die Pflugbespannung mit 
Mädchen hat sich vereinzelt bis in die 
neueste Zeit bei Frühlingspflugfesten er¬ 
halten. Noch in den achtziger Jahren des 
vorigen Jh.s fand in einem unterfrän¬ 
kischen Dorfe alle sieben Jahre im Fe¬ 
bruar ein Pflugfest statt, bei welchem 
neben andern Umzügen ein Pflug von 
sechs ausgesucht schönen Mädchen in 
ländlicher Festtracht dahergezogen wurde, 
gefolgt von einer ebenfalls mit vier Mäd¬ 
chen bespannten Rübenschleife und be¬ 
gleitet von Geräte tragenden Bauern, 
Säeleuten, Schnittern, Dreschern, Heu¬ 
machern, Winzern usw. 16 ). Daß auch 
kult ische Nacktheit mit solchen Pflug¬ 
umzügen verbunden gewesen ist, beweist 
ein Brauch, der bis ins 19. Jh. in Böhmen 
bestand: bei der ersten Aussaat zog man 
mit einem Pfluge, dem ein nacktes Mäd¬ 
chen voraufging und dem ein ganz 
schwarzer Kater mit einem Schloß am 
Halse voraufgetragen wurde, in großem 
Zuge aufs Feld, um dort den Kater als 
Opferzauber lebendig zu begraben 17 ). 
Regenzauber wird bei den Pflugum¬ 
zügen darin geübt, wenn der Pflug mit 
der auf ihm sitzenden kultischen Person, 
dem Spielmann oder dem Pfingstlümmel, 
ins Wasser gezogen wird 18 ), was eben¬ 
falls schon aus dem 15. und 16. Jh. über¬ 
liefert wird 19 ). Feuerzauber ist end¬ 
lich die ebenso aus dem ausgehendem MA. 
bezeugte Umfahrt mit einem feurinen 
pflüg, einem Pflug, auf dem ein Feuer 
brannte, bis er in Trümmer fiel 20 ), wie 
die 1493 in England belegte zum Jahres¬ 
beginn stattfindende Umführung eines 
Pfluges um ein Feuer 21 ), mit der der Pflug 
feuerzauberisch gereinigt und zauber¬ 
zwangsmäßig die warme Frühlingssonne 
dem Acker zugeführt werden sollte, wie 
endlich die ebenfalls aus dem ma.lichen 
England überlieferte Stiftung eines „Pflug¬ 
lichtes“ an die Kirche aus dem Ertrag 
der Sammlungen, die mit dem am Montag 
nach Epiphanias, dem Pflugmontag, statt- 
findenden Umzug mit dem Narrenpflug 
verbunden waren 22 ). In diesem tritt 
der Vegetationsdämon, der hier die Funk¬ 
tionen der kultischen Person übernimmt, 
trachtmäßig als theriomorpher Wachs¬ 



tumsgeist auf: dreißig bis vierzig Bur¬ 
schen, das weiße Hemd über der Weste 
tragend, ziehen an langen Stricken einen 
mit Bändern geschmückten Pflug, be¬ 
gleitet von einem alten Weibe oder einem 
als solches verkleideten Burschen, der 
Old Bessy, der Verkörperung des aus¬ 
zutreibenden Winters, in hohem zucker¬ 
hutförmigen Hut und närrischem Auf¬ 
putze, weiter von einem ganz in Felle 
gekleideten und mit einem Schwanz ver¬ 
sehenen Narren und befehligt von einem 
Burschen, der ebenfalls einen Kalbs¬ 
schwanz trägt 23 ). Ein Frühlingspflugfest, 
bei dem der bewegliche Pflug zu einem 
festen verblaßt ist, ist das oberhessische 
Rückersfest, das am 10. März, dem Tag 
der 40 Ritter stattfindet, und bei dem 
für 40 Tage auf dem First des Hauses 
ein von Holz geschnitztes Bild befestigt 
wird, das einen von fünf Pferden, näm¬ 
lich zwei Rappen, zwei Füchsen, die ge¬ 
ritten werden, und einem Schimmel an 
der Spitze, gezogenen Pflug mit einem 
Pflüger im weißen Kittel und einen Brot¬ 
beutel um die Schulter tragend dar- 
stellt 24 ). 


l ) Mannhardt 1, 563; vgl. die Belege bei 
Furche Anm. 7. 2 ) Grimm Myth. 1, 219; 3, 87; 
Mannhardt 1, 554 t.; ZdVfVk. 14, 144; SAVk. 
xi, 253. 3 ) Höfler F astengeb äcke 60. 4 ) Mann¬ 
hardt 1, 556; Sartori Sitte 3, 88. 6 ) Mann¬ 
hardt 1, 555. 6 ) Zingerle Tirol 150; Höfler 
Ostergebäcke 61. 7 ) Albers Jahr 189. 8 ) Panzer 
Beitrag 1, 240; 2, 445; Mannhardt i, 556; 
Sartori Sitte 3, 105. 9 ) Sartori Sitte 3, 100. 
10 ) Panzer Beitrag 2, 91, 445; Mannhardt 
I, 55 6 - u ) Simrock Myth . 2 555. 12 ) ZdVfVk. 
X4, 18; ZföVk. 3, 12 f.; Mannhardt 1, 556; 
Sartori Sitte 3, 105. 13 ) Meyer Germ. Myth. 

290; Sartori Sitte 3, 105. 14 ) Grimm Myth. 
X, 219; 3, 87; ZdVfVk. 14, 144. 15 ) Mannharut 
x, 554 - 16 ) Ebda. 556. 17 ) Grohmann 143 f. 

= Mannhardt 1, 560 f.; ZdVfVk. 14, 18. 
w ) Mannhardt 1, 563 f.; Meyer Germ. Myth. 
290. 19 ) Grimm Myth. 1, 219; 3, 87; ZdVfVk. 
14, 144; Mannhardt 1, 554. 20 ) Grimm 

Myth. 1, 219; 3, 87; Wolf Beiträge 1, 72; 
Meyer Germ. Myth. 290; ZdVfVk. 7,234; 14,144; 
Jahn Opfergebräuche 91. 21 ) Mannhardt 1, 

553 f* 564- 22 ) Ebda. 1, 558; ZdVfVk. 14, 137; 
Reinsberg Festjahr 2 37. 23 ) Mannhaidt 

X, 557 f.; Meyer Germ. Myth. 290; Frazer 
12, 415; Liebrecht Gervasius 187; Reins¬ 
berg Festjahr 2 36 f. 24 ) Kolbe Hessen 52. 

Heckscher. 


pfropfen. Das P. als eine nicht recht 


volkstümliche gartenbauliche Tätigkeit 
spielt im Volksglauben keine wesentliche 
Rolle. Nach der Chemnitzer Rocken¬ 
philosophie darf man Pfropfreiser nicht 
auf die Erde fallen lassen, da sonst auch 
analogiezauberisch die Früchte vorzeitig 
fallen x ). 

1 ) Grimm Myth. 3, 447. Heckscher. 

Phallus s. Nachtrag. 

Pharaildis ist ein Beiname der nächt¬ 
lichen Dämonenführerin Herodias (s. 
d.), der uns zum ersten Male um 1100 
in dem in den Niederlanden verfaßten 
Gedicht „Rein(h)ardus“ begegnet 1 ). Ph. 
hat somit viele Züge mit Diana (s. d.), 
Holda, Perchta (s. d.) und Abundia 
(s. d.) gemeinsam. Auf Ph. überträgt 
der Dichter des Reinardus die Sage von 
Herodias, der Tochter des Herodes, und 
Johannes dem Täufer 2 ). Ph. stürmt 
u. a. an der Spitze des wilden Heeres 
(s. d.) 3 ) oder als dämonische Hexen¬ 
führerin durch die Lüfte 4 ), umgeben 
von Scharen zauberhafter Weiber, die 
auf wilden Tieren reiten 5 ). Die Hexen¬ 
salbe, die die Hexen bei ihren Fahrten 
durch die Lüfte benutzen und „ungentum 
Pharelis“ nennen 6 ), kann mit Ph. in 
Zusammenhang gebracht werden. Den 
Glauben, daß der dritte Teil der Mensch¬ 
heit Ph. dient 7 ), bezieht Simrock auf 
die Seelen der Verstorbenen 8 ). 

Auf Grund ihrer Funktion als An¬ 
führerin des wilden Heeres bzw. der 
Hexenfahrt und als Urheberin des Wirbel¬ 
windes (Windsbraut) 9 ) führen einige For¬ 
scher ihren Namen Ph. auf Farahild 10 ) 
= Fahrende Hilde zurück u ), die meisten 
aber erklären ihn als latinisierte Form 
von „Frau Hilde“, vrouwa Hiltia, dem 
mnl. Vereide, d. i. Ver Heide, niedersächs. 
Verheilen, Ver Wellen, entspricht 12 ). Für 
die zweite Erklärungsmöglichkeit spricht, 
daß die Milchstraße (der Seelenweg) in 
den Niederlanden Vroneldenstraet (oder 
ver Broeneldenstraete, s. u. Brünhild), 
d. i. Frau Hildenstraße, genannt wird 13 ). 

Selbständigere Züge bekommt Ph. als 
Heilige in einer flandrischen Legende. 
Dort wird erzählt, daß eine Gans ver¬ 
zehrt und nachher von der hl. Ph. wieder 
ins Leben gerufen wird 14 ). 



II 


Phialomantie—Philomantie 


12 


x ) Reinardus i, 1139—64; Grimm Myth. 
1, 235!.; Golther Myth. 496 Anm. 2 ) Wilh. 
Müller Geschichte und System der altdeutschen 
Religion, Göttingen 1844, S. 112; Grimm Myth. 
1, 236. 3 ) Vgl. Simrock Myth. 396 = 6 367. 

4 ) Vgl. Sepp Religion 211 ff. cap. 80. 5 ) Mann¬ 
hardt Götter 301. 6 ) Hansen Hexenwahn 131. 
Grimm Myth. 3, 427. „Zu sölichen farn nützen 
auch man und weib, nemlich die vnhulden, 
ain salb die haissen vngentum pharelis“. 
7 ) Reinardus 1160; Müller aaO. 113; Hansen 
Zauberwahn 133. Vgl. die Praeloquia des Ra- 
therius u. den Isengrimus, zit. bei Hansen 
Zauberwahn 133. 8 ) Simrock Myth . 397; *367. 
9 ) Grimm Myth. 1, 526; Sepp Religion 211 ff. 
cp. 80; Müller aaO. 112; Mannhardt Götter 
301. 10 ) Unter den mit Fara- zusammen¬ 

gesetzten germ. Namen erwähnt Henning 
(ZfdA. 36, 325) auch Farohildis. n ) Golther 
Myth. 496 Anm.; Meyer Germ. Myth. 273. 
12 ) Grimm Myth. 1, 236; Mannhardt Götter 
301; Mannhardt Germ. Mythen 293; Sepp 
Religion 211 ff. cp. 80. Verheilen u. Ver Wellen 
sind für Simrock (Mythologie 397; 6 3Ö7) Ent¬ 
stellungen des Namens „Frau Hilde“, die Frau 
in „Ver“ abschwächen. Er glaubt, daß der 
Dichter des Reinardus Ph. aus Vereide u. Frau 
Hilde gebildet hat. 13 ) Mannhardt Germ. 
Mythen 293; Mannhardt Götter 301; Meyer 
Germ. Mythologie 273 (vgl. § 123); Meißner in 
ZfdA. 56, 83. 14 ) Mannhardt Germ. Mythen 

61. An anderer Stelle (Götter 301) berichtet 
Mannhardt, daß Ph. zusammen mit ihrem Ge¬ 
folge von zauberhaften Weibern auf dem Markt 
zu Ferrara einen Ochsen schlachtet und ver¬ 
zehrt, ihn dann aber mit ihrem Stabe aus den 
in die Haut gewickelten Knochen wieder ins 
Leben zurückruft. Lincke. 

Phialomantie s. Philomantie. 

Philipp von Flandern. Der Name 
des sagenhaften Grafen, der im sog. 
Grafenamulett (s. d.) auf tritt. Mit ihm 
ist ein Wundsegen verknüpft x ). 

x ) A. Baumgarten Aus der Heimat 2,93. 

f Stübe. 

Philippine s. Vielliebchen. 

Philippus hl. 

1. Apostel und Märtyrer aus Bethsai- 
da 1 ). Er wird mitunter verwechselt mit 
dem „Evangelisten“ P., einem der 
„Sieben“ 2 ). Die beiden Apostel P. und 
Jakobus der Jüngere haben als Gedächt¬ 
nistag den 1. Mai, an dem ihnen beiden 
im 6. Jh. in Rom eine Kirche erbaut 
wurde. Sie treten aber in den volks¬ 
mäßigen Vorstellungen und Bräuchen 
dieses Tages, der auch der h. Walpurga 
(s. d.) gehört, nicht besonders hervor. 

In Oberösterreich erzählt man: Als 


der Apostel Jakobus enthauptet worden 
war, wollten die Juden dasselbe auch 
mit P. tun und sperrten ihn in ein Haus 
Jerusalems. Um sich dieses zu merken, 
stellten sie einen kleinen Baum, nach 
andern einen abgehauenen Wipfel, vor 
die Tür. Am andern Tage aber standen 
vor allen Häusern Bäume oder Wipfel 3 ). 
In katholischen Orten der Magyaren 
will man wissen, daß einst Jakobus und 
P. mit der h. Walpurga das Land durch¬ 
reisten und die Leute die h. Walpurga 
deshalb schmähten. Da habe sie am 
1. Mai ihren Stab in die Erde gesteckt 
und gebetet, worauf der Stab grünes 
Laub getrieben habe. Zum Andenken 
pflanze man am 1. Mai die Maibäume 
vor den Häusern auf 4 ). Am P.tage soll 
man nicht flicken, nicht nähen und 
stricken, überhaupt nicht arbeiten, weil 
P. das Getreide „ausflickt“ 5 ). An diesem 
Tage sollen die Halme schon in die Ähren 
gehen 6 ). 

*) Ev. Joh. 1, 44; 12. 21. *) Apostelgesch. 

6 , 5; 8, 5 ff. 26 ff.; 21, 8 ff. Vgl. Boy 6 Heilige 
u. Selige d. röm.-hathol. Kirche 2, 175. 177; 
Samson Die Heiligen als Kirchenpatrone 
339 ff.; Kellner Heortologie 222. 3 ) Baum ¬ 

garten Jahr u. seine Tage 24; vgl. Wlislocki 
Magyaren 49. 4 ) Wlislocki a. a. O. 5 ) Baum¬ 
garten a. a. O. 6 ) Landsteiner Nieder¬ 
österreich 67 Anm. 3. 

2. In Zell in der Pfalz ist der h. P. 
begraben, der im Zellertal (Nordpfalz) 
das Christentum gepredigt hat. Man 
spendete ihm besonders silberne, auch 
vergoldete Knäblein als Ausdruck der 
Bitte um die Geburt eines Sohnes oder 
des Dankes dafür 7 ). 

7 ) BayHfte. 8 (1921), 145 ff.; NddZfVk. 9, 17. 

Sartori. 

Philomantie, Liebeswahrsagung. Ein 
Rezept des Großen Pariser Zauber¬ 
papyrus (4. Jh. n. Chr.) trägt die Über¬ 
schrift „ Liebesorakel der Aphrodite“ 
(ÄcppoSnnfjS cptXopavtsiov). In dem für 
die Zauberhandlung vorgeschriebenen 
Gebet wird die angerufene Göttin ange¬ 
fleht: „Bring mir Licht und dein schönes 
Antlitz und mache wahr die Liebeswahr¬ 
sagung“ (a$ov ixoi cptu;.xal dXrji)?] xrjv 

cptXop.'xvtsi'fav]). Da in dem Rezept 
sonst von Liebe nicht die Rede ist, und 
es sich anderseits um einen hydromanti- 


* 


, 3 Phitomantie 

sehen Zauber handelt, bei dem in einer 
mit Wasser und öl gefüllten Schale 
(9ia'X?j) das Bild der wahrsagenden Göttin 
auftaucht, hat man durch Korrektur 
an beiden Stellen (cpiaXojxavTsiov und 
<ptaXop.avx£tav) eine „Phialomantie“- 
Schalen Wahrsagung erschlossen, etwa 
gleichbedeutend mit der bereits im 
Altertum als „Lekanomantie“ (XexavTj 
M Schale“) bezeichneten Unterform der 
Hydromantie (s. d.) x ). In den Divi- 
nationslisten späterer Zeit ist weder 
Philo- noch Phialomantie vertreten, was 
sich selbstverständlich daraus erklärt, 
daß jene Verzeichnisse lediglich aus lite¬ 
rarischen Quellen geschöpft sind. 

*) Pap. Graec. Mag. ed. Preisendanz 1 (1928), 
179. Die dort aufgenommene Konjektur 
„Phialomantie“ vorgeschlagen von Hopfner 
Offenbarungszauber 2 (1924), 121 § 245. 

Zwischen Philo-, Phialo- und Phyllomantie 
schwankt die Lesart der Handschriften für 
die Hauptbelegstelle der Phyllomantie (s. d.). 
Vgl. ferner Abt Apologie 173; Eitrem Opfer¬ 
ritus 115. Boehm. 

Phitomantie s. Pithomantie. 

Phol (Pol). Der Name Ph., nur im 
zweiten Merseburger Zauberspruch (s. d.) 
überliefert und selbst dem Norden unbe¬ 
kannt, ist vielumstritten. Endgültige 
Sicherheit können wir aus der umfang¬ 
reichen wissenschaftlichen Literatur erst 
dann gewinnen, wenn die weitere Frage 
geklärt ist, ob wir in den beiden Merse¬ 
burger Zaubersprüchen rein heidnisch¬ 
germanische Zauberformeln vor uns 
haben x ) oder ob wir in ihnen Über¬ 
setzungen und Kontrafakturen fremder 
Muster erblicken und eine christliche 
Vorlage annehmen dürfen, wie es die 
jüngere Forschung zum Teil will 2 ) auf 
Grund der zahlreichen deutschen (ins¬ 
besondere des zweiten Trierer Zauber¬ 
spruchs 3 )), englischen, schottischen, fin¬ 
nischen, estnischen, isländischen, nor¬ 
wegischen und schwedischen Varianten, 
die sämtlich christlichen Inhaltes sind 4 ). 
Halten wir uns an das Denkmal selbst, 
so erhellt aus der Tatsache, daß uns dort 
nur germanische Götternamen begegnen, 
daß es sich auch bei Ph. um einen germa¬ 
nischen Gott handelt, der wahrscheinlich 
mit Balder identisch ist 5 ). Wir können 


Phol (Pol) 14 

in Ph. weder eine verkümmerte Form 
von Apollo 6 ) noch den Apostel Paulus 7 ) 
sehen, ebenso lehnen wir jede natur- 
mythologische Deutung ab 8 ). Mogk 
läßt zwar offen, ob Ph. mit Balder gleich¬ 
zusetzen ist, hält ihn aber für eine Lokal¬ 
gottheit, deren man in den Inschriften 
der Votivsteine viele findet und deren 
Bedeutung und Wesen immer verschlossen 
bleiben wird 9 ). Auf Grund von etymo¬ 
logischen und mythologischen Kriterien 
kommt neuerdings W. Steller zu der An¬ 
sicht, daß Ph. = Fohlen, „Pferd“ (vgl. 
Pferd) sei und erklärt die eigentümliche 
Tatsache, daß mit dieser Deutung dem 
Pferd die Stelle vor Wodan zuteil wird, 
mit der mythischen Priorität des dämo¬ 
nischen Rosses gegenüber der anthropo- 
morphen Erscheinungsform des Toten¬ 
gottes Wodan 10 ). 

Etwaige Zeugnisse für die Möglichkeit 
des Fortlebens des germanischen Gottes 
Ph. im späteren Volksglauben sind sehr 
dürftig und äußerst unsicher. Inwieweit 
sein Vorkommen in einigen alten deutschen 
Orts- undFamiliennamengesichert ist, 
bleibt einer kritischen Untersuchung der 
mit Ph. gebildeten Namen Vorbehalten 
(vgl. Balder, Anm. 4). J. Grimm, E. H. 
Meyer, Quitzmann, Grienberger u. a. sehen 
in ihnen wichtige Spuren von einem Gott 
Ph. Sie erwähnen einen dem Ph. geweih¬ 
ten Ph.esbrunnen in Thüringen 11 ), einen 
Volenbrunn (Ph.enbrunn) unweit Reut¬ 
lingen 12 ), einen Ph.tag, in rheinischen 
Gegenden Pfultag, Pulletag genannt, der 
gerade auf den 2. Mai fällt 13 ), und einen 
Ph.mänöt (Mai und September) u ), ferner 
die Ortsnamen Ph.esouwa (Ph.esauwa) 
aus dem 8. Jh., jetzt Pfalsau bei Passau 15 ), 
Ph.espiunt aus dem 12. Jh., jetzt Pfalz¬ 
point a. d. Altmühl (Bayern), Ph.es- 
brunno, jetzt Pfulsbom in Thüringen 16 ), 
die Dörfer Phulsbom (Pfolczborn), Fals- 
brunn (Falsbronn), ein Pfahlbronn bei 
Lorch und ein Pohlbronn in der Wet¬ 
terau 17 ). In dem Namen des Johannes 
de Palebome (um 1300) sieht Grimm 
Paderborn, das nd. Palbom, Baiborn, 
Padelbon heißt und von ihm mit Balders- 
brunnen zusammengebracht wird 18 ). Als 
bäuerliche Familiennamen begegnen Voll- 



*5 


Phol (Pol) 


Phönix 


18 



stedt in Westfalen, Vollborn und Polbem 
in Berlin 19 ), ein Berg bei Trier wird Puls¬ 
berg genannt, bei Waldweiler liegt ein 
Pohlfels, im Kreise Prüm ein Pohlbach 20 ). 
Der Wirbelwind trägt den Namen Pul- 
hoidche, Pulhaud, und Grimm spielt mit 
der Möglichkeit, daß Ph., ähnlich wie 
Herodias (s. d.), als Urheber des Wirbel¬ 
windes anzusprechen sei 21 ). Quitzmann 
bringt Ortsnamen wie Ph.inchofa, Pfoeln- 
choven, Ph.ingen, Phoelinge, Pfolingen, 
ferner Phulle, Phuel, Phalhof und Phal 
mit dem Lichtgott Ph. in Zusammen¬ 
hang 22 ). Weitere Belege s. Grimm, 
Myth. 1,1870.; 3, 79ff.; Grimm, Kl.Sehr. 
2, 14 ff.; ZfdA. 2, 252 ff.; Grienberger, Die 
Merseburger Zaubersprüche (ZfdPh. 27, 
449). Grimm gibt die Möglichkeit vieler 
Deutungen bei Ph. zu, entscheidet sich 
aber dahin, daß Ph. und Paltar ,,zwei 
von einander laufende historische Ent¬ 
faltungen desselben Wortes“ seien 23 ). 
Golther weist auf den ags. ,,Poies leah“, 
Hain des Pol, hin, der dem Sinn und der 
Bildungsweise nach genau mit ,,Balderes 
leg“, Hain des Balder, übereinstimme, 
und sieht darin eine Verbreitung des 
Gottes Balder-Pol über Süddeutschland 
hinaus 24 ), im übrigen ist für ihn die Zu¬ 
sammengehörigkeit des Gottnamens mit 
den Ortsnamen nicht sicher, und er er¬ 
wägt die Möglichkeit, daß diese mit Pfahl 
(oder auch Pfuhl) 25 ) Zusammenhängen 
können, insbesondere erinnert er an den 
Pfahl- oder Pohlgraben, die Teufels¬ 
mauer 26 ). Daß Pfalzpoint nicht weit von 
dieser Teufelsmauer liegt, ist für Bugge 
der Beweis, daß Ortsnamen mit Pholes- 
einen anderen Ursprung als von dem 
Gottnamen Ph. haben können 27 ). Ent¬ 
sprechend ihrer Deutung von Ph. als 
,,Fülle“ (s. oben Anm. 8) sind für Wacker¬ 
nagel, Mannhardt und Scherer in Orts¬ 
namen keine Spuren von einem Gott Ph. 
vorhanden 28 ). 

Der Name Pol begegnet heute noch in 
niederdeutschen Segens- und Bespre¬ 
chungsformeln. In einem Segensspruch 
gegen den Wurm im Finger (Adel) heißt es: 

De Adel und de Paul (oder Pol) 

De güngen beid tau Staul 29 ). 

Oder gegen Aufblähen (gegen die Pogge): 


De Pogg un de Pol 
De güngen in de Schöl 
De Pol de sang 
De Pogg de slang 30 ). 

Weil in anderen Besprechungsformeln 
St. Paulus in Begleitung von Petrus auf- 
tritt (z. B. Besprechungsformel gegen 
die Gicht 31 )) oder weil in einer belgischen 
Sage St. Paul zu Pferd Ratschläge und 
Hilfe gegen eine pestartige Krankheit 
erteilt 32 ), glaubt Bugge, daß ,,de Pol“ 
St. Paulus sei, und folgert weiter, daß Ph. 
(Pol) des Merseburger Zauberspruchs 
der Apostel Paulus sein müsse 33 ). Ver¬ 
gleichen wir diese Besprechungsformeln, 
deren es im Volksmund unzählige gibt, 
mit einer weiteren aus Mecklenburg, 

De Klocken de schiahn 
De Gesang de klingt. 

Peter un Pagel (Paul) 

De will dat Ding stilln. 

Dat reten Ding, dat spleten Ding, 

Dat ecken Ding, dat stecken Ding 34 ), 

so ergibt sich deutlich, daß es sich bei 
diesen Vierzeilern um Kinderreime, um 
zersprochene Segenssprüche handelt, bei 
denen der Inhalt Nebensache ist und die 
Wörter und Namen nach äußeren Assozia¬ 
tionen aneinandergereiht sind, um primi¬ 
tive Kleinpoesie also (wie schon die Mund¬ 
art verrät), die weder mit dem mythischen 
Ph. noch mit dem hl. Paulus etwas zu 
tun hat. 

Erwähnt sei noch, daß in Agrippas von 
Nettesheim Magischen Werken sieben 
Herrschaften im Firmament aufgeführt 
sind, deren sichtbare Gestirne Aratron, 
Bethor, Phaleg, Och, Hagith, Ophiel und 
Phul sind, und daß Phul dabei als Be¬ 
herrscher der dem Monde zukommenden 
Dinge erscheint 35 ). Ein Zusammenhang 
mit Ph. ist unwahrscheinlich. 

4 ) J. Grimm Kl. Sehr. 2, 1 ff.: Über zwei 
entdeckte Gedichte aus der Zeit des deutschen 
Heidentums; Fr. Kauffmann (ZfdPh. 26, 456: 
Noch einmal der zweite Merseburger Spruch); 
R. M. Meyer (ZfdA. 52, 390 ff.: Trier und 
Merseburg) u. a. 2 ) J. Schwietering (ZfdA. 
55, 1480.: Der erste Merseburger Spruch)', E. 
Schröder (ZfdA. 52, 180: Althochdeutsches 

aus Trier) u. a.; vgl. G. Ehrismann Gesch. 
d. d. Lit. 1, 115. 3 ) E. Schröder ZfdA. 52, 

169 ff., bes. 174; R. M. Meyer ebd. 390 ff.; 
W. v. Unwerth Der zweite Trierer Zauber - 
Spruch (ZfdA. 54, 195 ff.). 4 ) Grimm Myth . 

1, 185 f.; ZfdA. 52, 169 ff.; J. Zacher ZfdPh, 


4, 468 f.; Norske Hexefml. nr. 40; Palästra 24, 
X903; Paulus Cassel Paulus oder Phol, 
Guben-Berlin 1890, 12 ff.; W. Steller Phol 
4 nde Wodan (ZfVk. 40, 61 ff.); S. Bugge 
Heldensagen 301 f.; Hylten-Cavallius 1, 211; 
Kuhn Westfalen 2, 197; Grimm Kl.Sehr. 

2 , 12ff.; Meyer Germ.Myth. 262 u. a. 

•) Grimm Myth. 1, XVI; 1, 185 f. 189 Anm. 1; 
Kl. Sehr. 2, 14 ff.; Meyer Religgesch. 311; 
Losch Balder 7 f.; Golther Mythologie 384; 
Grienberger ZfdPh. 27, 449; Quitzmann 
96; Pfannenschmid Weihwasser 81 f. Einige 
»ehen in Ph. eine ungenaue Schreibung für 
Vol und deuten Ph. entweder als die im Nord¬ 
germanischen als Fulla bekannte Vertraute 
der Frigg, somit Vol als Nominativ zu dem 
angeblichen Genitiv Volla der fünften Zeile 
(Steinmeyer AI SD. 2, 47; Kauffmann Der 
weite Merseburger Zauberspruch, PBB. 15, 
208 ff.) oder als das männliche Seitenstück der 
Volla (Mannhardt, zit. bei H. Gering Der 
sweite Alerseburger Spruch, ZfdPh. 26, 463 f.); 
Kauffmann Balder 221. 6 ) Gering ZfdPh. 

26 , 145 ff.; Zacher ebd. 146, Anm.; Zacher 
ZfdPh. 4, 467; Cassel a. a. O. 28; Golther 
Mythologie 384 f.; Gering ZfdPh. 26, 463 f. 
Früher auch Bugge Heldensage?i 301. Vgl. 
Grienberger ZfdPh. 27, 457 ff. 7 ) Nach 
Bugge (Heldensagen 301) steckt in Ph. Paulus, 
der einen heidnischen, mit F, V beginnenden 
Namen, etwa Frija, verdrängt habe; E. Hoff- 
mann-Krayer (ZfdA. 61, 178) macht auf 
einen Segen gegen Verrenkung aus dem Berner 
Jura aufmerksam. 8 ) Kuhn-Schwartz 
XXVI ff.; Cassel a. a. O. 17 (vgl. 28). Oder 
man hat Ph. als Vol erklärt, als ,,eine Personi¬ 
fikation dem Sinne nach wie griech. Plutos 
(Emtefülle, dann Wohlstand in Friedenszeit)“; 
Mannhardt Myth. Forschung XXVII. 
f ) Hoops Reallex. 3, 423; ebenso Meyer Germ. 
Myth. 2S2. 10 ) ZfVk. 40, 61 ff. Gegen eine 

Ähnliche Deutung F. Wächters hat sich be¬ 
reits J. Grimm gewandt (Myth. 3, 79). 
n ) Pfannenschmid Weihwasser 82. 12 ) Ebd. 

207 . 13 ) Grimm Myth. 1, 511; Kl. Sehr. 2, 15 f.; 
Meyer Germ. Myth. 262; Laistner Nebelsagen 
202. 14 ) Grimm Myth. 1, 511; 2, 658; Kl. 

Sehr. 2, 16. 15 ) Bugge Heldensagen 298; 
Meyer Religgesch. 311; Meyer Germ. Myth. 
262; Grienberger ZfdPh. 27, 453 ff. u. a. 
le ) Meyer Religgesch. 311; Meyer Germ. Myth. 
202; Grienberger ZfdPh. 27, 436 f. 17 ) Grimm 
Myth. 1, 187. 1S ) Ebd. 3, 79. 19 ) ZfdMyth. 

3, 79 f. 20 ) Grimm Myth. 3, 80. 21 ) Grimm 

Myth. 1, 189 Anm. 2; 1, 236 Anm.; 1, 526. 
f> ) Quitzmann 96. 23 ) Grimm Myth. 1, 189. 
34 ) Golther Alythologie 384. 385; vgl. Meyer 
Religgesch. 312. 25 ) Vgl. Cassel a. a. O. 4. 5. 

* 6 ) Golther Mythologie 385; Grimm Alyth. 
I, 189 Anm. 2; Kl. Sehr. 2, 16. In diesem Zu¬ 
sammenhänge erwähnt Grimm (Kl.Sehr. 2, 
i6f.), ob nicht Ph. mit mhd. Välant, Volant, 
nhd. Volland, zusammenhängt, zumal im Henne- 
bergischen und Thüringischen Fäl, Fahl, der böse 
Fal für ,»Teufel“ gesagt wird. 27 ) Bugge Helden¬ 


sagen 299. 28 ) Vgl. Bugge Heldensagen 300. 

29 ) Bartsch Mecklenburg 2, 368 Nr. 1726. 

30 ) Schiller Tierbuch 2, 3 f.; Bartsch Mecklen¬ 

burg 2, 446; Frischbier Hexenspr. 80 Nr. 3, 
vgl. Nr. 2 4 . 5. 31 ) Schiller Tierbuch 1, 14; 

vgl. Möllenhoff Sagen 514. 32 ) Wolf Nie¬ 

dert. Sagen 248 f. 33 ) Bugge Heldensagen 
301. 34 ) Bartsch Mecklenburg 2, 419. 35 ) 

Agrippa von Nettesheim 5, 109 f. 116. 

Lincke. 


Phönix. Der P. 1 ) ist ein sagenhafter 
Vogel, dessen Sage im Orient entstanden 
ist 2 ). Er soll eine außerordentlich lange 
Lebensdauer, die sog. Phönixperiode 3 ), 
haben und sich dann im Feuer verbrennen 
lassen, um verjüngt ins Leben zurück¬ 
zukehren. In einfacher Form, d. h. ohne 
Verbrennung und Wiederbelebung, führt 
Herodot (2. 73) die P.sage in die Welt¬ 
literatur ein 4 ). Erst Plinius (10. 2. 3) 
kennt die Verjüngungsgeschichte, die im 
MA. in erster Linie durch den Physio- 
logus 5 ) verbreitet wurde. Der Gebrauch 
des P. in der christlichen Symbolik bot 
sich von selbst 6 ). Der ewig lebende Vogel 
in der Arche Noahs ist als der P. gedeutet, 
der allein nicht von der verbotenen Frucht 
aß 7 ). Der P. kommt in Märchen vor 8 ). 

*) Roscher Lex. 3, 34301!.; Fr. Schöll 

Vom Vogel Phönix, Heidelberg 1890; C. Koch 
Fugten Fenix. Kopenhagen 1909; Spiegelberg 
Festschrift zur 46. Versammlung dt. Philologen 
1901, 163 ff.; Zimmer mann Die P.sage, Theo¬ 
logie u. Glaube 4, 202 ff. Ältere Lit. bei Ro¬ 
scher 3, 3465; s. auch Feldman de phenice 
Rigae 1687; R. I. F. Henriksen De Phoenicis 
Fabula. Kopenhagen 1825—27. 2 ) Ägypten 

als Ursprungsland sowie die Zusammenstellung 
mit ägypt. bennu ist wohl unmöglich, s. Ro¬ 
scher Lex. 3, 3462 ff.; Spiegelberg Zu den 
Namen des P. Ägypt. Zs. 46, 142; Hommel 
Athiop. Physiologus S. XV. 3 ) Keller Tiere 
253. 441 Anm. 180; Bischoff Jenseits der 
Seele 257; Lauchert Physiologus 12; Roscher 
Lex. 3, 3460 f. Gewöhnlich wird die Zeit als 
500 Jahre angesetzt, doch schwanken die An¬ 
gaben zwischen einem Jahr und 972 Menschen¬ 
altern. 4 ) Die klassischen Zeugnisse findet 
man bei Roscherto. 3, 3450 ff. 5 ) Lauchert 
Physiologus, Index; Bolte u. Polivka 1, 513. 
6 ) Piper Alythologie der christlichen Kunst 1, 
446—71; Lauchert Physiologus 152. 173. 

2n ff.; besonders Lactantius de ave Phoenice 
(dazu Fehrle Keuschheit 17 Anm. 4); Klapper 
Erzählungen 410, 4 ff.; Megenberg 154 ff. Auch 
in der Liebeslyrik des MA.s, s. Lauchert 1870. 
193. Vgl. noch Lauchert 198. 203. 218 ff.; 
Gerhardt Frz. Novelle 75. 7 ) ZfVk. 16, 391. 

8 ) Bolte u. Pohvka 1, 513; Feilberg Bidrag 
3, 812; 4, 319. Taylor. 


19 


Photographie—Phylakteria 


20 


Phyllomantie 


22 


Photographie. 

1. An die Ph. eines Menschen knüpft 
sich zunächst jene uralte und über den 
ganzen Erdball verbreitete Vorstellung, 
die sich ursprünglich auf jedesBild (s.d.7) 
eines bestimmten Menschen bezog: es sei 
gefährlich sich ph.ren zu lassen, weil 
der Besitzer des Bildes Macht über 
den Dargestellten gewinne. Die 
Scheu vor dem Ph.ren erscheint besonders 
berechtigt, wenn man die unheimliche 
Ähnlichkeit des Lichtbildes sowie die 
Schnelligkeit und Mysteriosität des ganzen 
Verfahrens in Betracht zieht. Diese Scheu 
tritt nicht nur bei Naturvölkern auf 1 ), 
sondern ist auch z. B. aus Westböhmen 
bezeugt, wo sie freilich damit motiviert 
wird, daß der Betreffende bald sterben 
müsse 2 ); bei den Kaschuben darf nur 
eine schwangere Frau kein Bild von sich 
anfertigen lassen — ohne nähere Begrün¬ 
dung 3 ). Andererseits wird aus dem 
schweizer. Wehntal berichtet, daß man 
dort nur vor Verbreitung der photogra¬ 
phischen Kirnst geglaubt habe, wer ein 
Bild von sich anfertigen lasse, sei dem 
Bösen verfallen, und gerade die Ph. hat 
dort um 1860 diesem Aberglauben ein 
Ende gemacht 4 ). 

*) Andree Parallelen 2, 18—20; Seligmann 
Zauberkraft 221 f.; Urquell 3 (1892), 85; ARw. 
5, iof.; Frazer 3, 96—100. 2 ) John West¬ 
böhmen 251. 3 ) Seefried-Gulgowski 120. 

4 ) SchwVk. 7, 31. 

2. In manchen Gegenden (z. B. Heidel¬ 
berg) heißt es, wenn jemandes Ph. her¬ 
unterfalle, so sterbe der Betreffende 5 ). 
Auch dies ist ein allgemeiner Bildaber¬ 
glaube (s. Bild 7 F). 

5 ) Alemannia 33 (1905), 301. 

3. Interessant ist die Vorstellung, daß 
man, um sein Leben zu schützen, 
die Ph.en lieber Angehöriger bei 
sich tragen müsse —- natürlicherweise 
vor allem im Kriege 6 ). A. Hellwig 
betont sehr richtig, daß es sich hier um 
einen psychologisch naheliegenden Über¬ 
gang von einem bloßen Erinnerungsgegen¬ 
stand zu einem wirklichen Amulett han¬ 
delt. 

•) Hellwig Weltkrieg 26—29; de Cock 
Volkssage 172; SAVk. 19, 216 Nr. 1. 

4. Ein merkwürdiger Fall wird aus 


Galizien berichtet: 1910 erklärte der 
Redakteur einer polnischen Zeitung, er 
habe seiner Frau ,,als Zeichen der Ver¬ 
söhnung seine Ph. mit ein paar Zeilen, 
daß er ihr verzeihe, in den Sarg ge¬ 
legt“ 7 ). 

7 ) ARw. 16, 306. 

5. Tagwählerei. Ein Wiener Photo¬ 
graph berichtet im J. 1890: ,,An Mitt¬ 
wochen und Freitagen haben unsere 
Wiener ph.sehen Ateliers unfreiwillige 
Ferien; denn selbst sehr gebildete Leute 
aus hohen Ständen scheuen sich an diesen 
Tagen, mag die Sonne noch so schön 
scheinen, sich ph.ren zu lassen, ,,weil es 
kein Glück bringt““ 8 ). 

8 ) Urquell 1 (1890), 157. 

6. Die sporadisch — z. B. in der Schweiz, 

| Thüringen, Ostdeutschland, Polen und 

Litauen — vorkommende Sitte, Gräber 
mit der Ph. des Toten zu 
schmücken 9 ), kann entgegen der An¬ 
nahme H. Naumanns wohl kaum für 
einen abergläubischen Brauch, für ein 
,,uraltes Motiv in aller j üngster Stil¬ 
form“ (vgl. z. B. die Mumienportraits!) 
angesehen werden: dagegen spricht schon 
die mangelnde historische Kontinuität 
mit den alten Bräuchen, und das ein¬ 
fache Pietätsgefühl erklärt das Auf¬ 
tauchen der Ph.en auf Gräbern in völlig 
befriedigender Weise. 

®) Naumann Gemeinschaftskultur 40 (u. 

Fußnote 6). Anderson. 

Phrenologie s. Nachtrag. 

Phylakteria. Das griechische Wort 
phylakterion bezeichnet jedes Schutz¬ 
oder Abwehrmittel, insbesondere das 
Amulett, das schädigende Wirkungen 
böser Mächte, wie den ,,bösen Blick“, 
abwehrt. Im MA. sind Ph. Anhänger 
oder Amulette aus Holz, Knochen, Bern¬ 
stein, Silber, Gold, Pflanzen und mit ge¬ 
heimen Zeichen versehene Blätter, die 
ihren Träger sichern und schützen sollen. 
Nicht immer ist der Zweck Heilung oder 
Schutz, es gibt auch Ph., die durch Zau¬ 
ber einen Schaden verursachen sollen x ). 
Eine umfangreiche Liste hierher gehöriger 
Bräuche, gegen die oft kirchliche Ver¬ 
bote erlassen sind, enthält der sog. 
,,Indiculus superstitionum et pagani- 


21 

tnim“ (Cod. Palatinus No. 577 der 
Vaticana), ein Verzeichnis heidnischer 
Und abergläubischer Bräuche um die 
Zeit Karls des Gr. 2 ). In diesem Sammel¬ 
werk finden sich auch Verbote gegen 
magische Schutzmittel aus verschiedenen 
Stoffen, die angehängt oder angebunden 
(s. dd.) werden (daher lat. ligaturae). 

J ) Grimm Mythologie 2, 982. 2 ) Müllen- 

hoff und Scherer Denkmäler S. 494 ff.; Aus¬ 
gabe: Monumenta Paderbornensia ed. Fürsten¬ 
berg S. 336; Binterim Denkwürdigkeiten der 
Christi-kathol. Kirche XI, 2, S. 537 ff. 3 ) Saupe 
Jndiculus (Progr. Leipzig 1891) S. 14 f. 

f Stübe. 

Phyllomantie, Blätterwahrsagung (?uX- 
Xov „Blatt“). Die Bezeichnung findet sich 
zuerst im 11. Jh. bei dem Byzantiner 
Michael Psellos 1 ); in der Divinations- 
literatur der Humanistenzeit tritt sie 
nur einmal und ohne Beziehung auf jenes 
entlegene Zeugnis auf 2 ), aller Wahr¬ 
scheinlichkeit nach als spontane Neubil¬ 
dung zwecks gelehrter Benennung des in 
der antiken Literatur vorkommenden 
Klatschmohnorakels (s. u.). Inhaltlich 
wird sie sonst meist durch die Botano- 
mantie (s. o. 1,1482, vgl. a. Sykomantie) 
ersetzt, bei deren Schilderung gerade die 
mantische Verwendung von Blättern an 
erster Stelle steht. Ob der byzantinische 
Autor die Bezeichnung aus antiker Quelle 
übernahm, ist nicht festzustellen; un¬ 
möglich ist dies nicht, da er die Ph. neben 
der Aeromantie u. der Lekanomantie 
erwähnt, die beide als antik belegt sind 
(s. o. 1, 203; 5, 1205). Leider sagt er 
nichts über die Praxis der Ph. Tatsache 
ist, daß im Orakelwesen der Griechen und 
der Römer die Anwendung von Blättern 
verbreitet war. So scheint das Orakel 
in Delphi in ältester Zeit kein ekstatisches, 
sondern ein mit Blättern ausgeführtes 
Losorakel gewesen zu sein 3 ), am Par- 
nassos beim Orakel der Thriai verwendete 
man Feigenblätter (vgl. Sykomantie), 
beim Zeusorakel in Dodona kündeten 
irgendwie die „redenden Eichen“ die 
Zukunft. Das Orakel der Sibylle in 
Cumae war in historischer Zeit gleich¬ 
falls ein Losorakel mit Palmblättern, 
und was in den Beschreibungen der 
Botanomantie über die Praxis der Blätter- 


mantik zusammengefabelt wird, dürfte 
letzten Endes auf die Schilderung in 
Vergils Aeneis (3, 444 f.) zurückgehen, 
freilich mit arger Entstellung des Sinnes. 
Bei Vergil heißt es, daß die cumäische 
Sibylle ihre Prophezeiungen stückweise 
auf einzelne Palmblätter schreibt und 
diese dann, zu einem Orakelvers zu¬ 
sammengefügt, in ihrer Grotte hinlegt. 
Wenn dann bei Öffnung der Tür ein 
Luftzug die Blätter verweht, so denkt 
die Prophetin nicht daran, die frühere 
Ordnung wiederherzustellen, und die Be¬ 
fragenden „inconsulti abeunt sedemque 
oderunt Sibyllae“. Dagegen ist in den 
zur Botanomantie ausführlich wieder¬ 
gegebenen Beschreibungen dem Wind 
eine beabsichtigte, auslesende und dadurch 
erst das Orakel schaffende Rolle zuge¬ 
wiesen 4 ). Eine genaue Anweisung für 

omrvr* HroVAlTonKpr mit fl PT“ QlTivIlim- 


sehen Praxis gewisse Berührungspunkte 
zeigt, enthält ein griechisch-ägyptischer 
Papyrus des 3. Jh.s n. Chr. 5 ). Die 
alleinige Beziehung der Ph. auf das im 
Altertum wie in heutigem Volksglauben 
bekannte Liebesorakel mit dem Blumen¬ 
blatt des Klatschmohns, die ihr bei ihrer 
ersten Erwähnung in der humanistischen 
Literatur und von Späteren gegeben 
wird 6 ), ist zweifellos zu einseitig. Wie 
im Orakelwesen des klassischen Alter¬ 
tums und des alten Orients, der Israeliten 
und der Araber 7 ), so spielen auch bei 
den Germanen prophetische Bäume eine 
bedeutende Rolle 8 ). Mit Ph. im engeren 
Sinne könnte man zahlreiche abergläubi¬ 
sche Vorstellungen und Gebräuche be¬ 
zeichnen, die mit Baum- oder Blumen¬ 
blättern Zusammenhängen. Verbreitet 
ist z. B. die Sitte, bestimmte Blätter ins 
Feuer oder auf die heiße Herdplatte zu 
werfen und aus ihrem Verhalten die Zu¬ 


kunft zu deuten, was auch in antiken 
und neugriechischen Gebräuchen seine 
Entsprechung hat 9 ). So bezeichnet es 

Antonin von Florenz (1389—1459) a ^ s 

Aberglauben „si frondes olyve bene- 
dicte... posuit super ignem“ 10 ). Man 
legt in der Neujahrsnacht Immergrün¬ 
blätter auf die Feuerst eile oder auf die 
heiße Feuerschaufel. Kräuseln sie sich. 



23 


Phyllorod omantie—Pibaktoromantie 


24 


so bedeutet es Glück, verbrennen sie: 
Tod n ). Beispiele für andere Grund¬ 
formen sind folgende: In der Matthias¬ 
nacht (24. Februar) wirft man drei Blätter 
aufs Wasser, mit dem Namen der Mutter, 
des Vaters und des Kindes bezeichnet, 
und späht, welches zuerst untergeht 12 ). 
Gleichfalls am Matthiasabend legte man 
Efeublätter in eine Schüssel mit Wasser, 
bestreute sie mit Salz und eignete jedem 
Familienmitglied eins zu. Wessen Blatt 
am nächsten Morgen schwarz oder naß 
geworden war, der sollte noch im selben 
Jahr sterben 13 ). In Braunschweig ließ 
man in der Matthiasnacht Immergrün¬ 
oder Efeublätter auf Wasser aus bestimm¬ 
ten Brunnen schwimmen. Vereinigten 
sie sich, so deutete dies auf Hochzeit im 
laufenden Jahr 14 ). Auch die Beob¬ 
achtungen- über die abnorme Färbung 
von Blättern infolge Chlorophyllmangels 
u. dgl. 15 ) könnte man zur Ph. rechnen. 
Doch ist selbstverständlich diese ge¬ 
lehrte Bezeichnung im 16 Jh. nicht im 
Hinblick auf gleichzeitigen Volksglauben 
aufgenommen oder neugeschaffen worden. 

*) De operatione daemonum, ed. Boissonade 42. 
Nach Ausweis der Ausgabe von J. Bidez, 
Catalogue des manuscrits alchimiques grecs 6 
(Brüssel 1928), 129 bieten einige Handschriften 
die Lesart Phialo- oder Philomantie (s. d.). 
a ) Camerarius De generibus divinationum 
(1576) 129. 3 ) Diels Sibyllinische Blätter 

(1890) 56 f.; Losorakel mit Weidenblättern: 
Grimm Myth. 3, 321. 4 ) Vergils Schilderung 

wird von Rabelais Gargantua 3, 17, dt. Ausg. 
von Gelbcke 1, 371, in grotesker Weise paro¬ 
diert, vgl. Gerhardt Franz . Novelle 107. 
ft ) Pap. Graec. Mag. ed. Preisendanz 2 (1931), 
* 5 *» v gl- ebd. 1 (1928), 20 ff.; Hopfner 

Griechisch-ägyptischer Offenbarungszauber 2 
(•924), 142 § 29S f. und bei Pauly-Wissowa 
PF. 14, 1286. 6 ) Camerarius a. a. O.; 

Fabricius Bibliogr. antiquaria z (1760) 608; 

1 heokrit Idyll. 3, 29 (mit Scholien); oben 
4 * 1444. 7 ) Lenormant Magie und Wahr¬ 
sagekunst der Chaldäer (1878) 468. 8 ) oben 

*. 957 >' Freudenberg Wahrsagekunst 114t. 
•) Kustathios zu Ilias 1, 62; Polites in 
J.aographia 3 (1911), 349 ff. 10 ) Klapper in 
Mk hlesVk. 21, 68. 21 ) Haltrich Siebenb. 

Sachsen 284. 12 ) Grimm Myth. 3, 465; 

Schell in ZfrwVk. 3, 63. Auf diesen oder auf 
den folgenden Brauch bezog sich vermutlich 
dir Verfügung des Großen Kurfürsten für die 
Gialschaft Mark v. J. 1669, in der davon die 
Krdr ist, ,,daß auf Matthiasabend Blätter in 
Wuiaer gelegt werden“. I3 ) bezeugt für Köln 


i. J. 1580: Wrede Rhein.Vkde. 2 126: oben 
5, 1870; Gaßner Mettersdorf 80 (ähnliches für 
die Neujahrsnacht). l4 ) And ree Braunschweig 
335 15 ) oben 5, 72. Boehm. 

Phyllorodomantie, Rosenblattwahr¬ 
sagung (poSov „Rose“, cpuXkov ,,Blatt“) 
als Bezeichnung für eine angebliche 
Sonderform der Phyllomantie (s. d.), an¬ 
scheinend erst im 17. Jh. erfunden. Der 
vermutliche Urheber x ) beruft sich auf 
das 53. Gedicht der Pseudo-Anakreonteen, 
ein Preislied auf die Rose, die in Vers 11 f. 
bezeichnet wird als „süß auch für den, 
der einen Versuch auf dornigen Pfaden 
macht“ (jkuxi> xccl roioüvxt Tretpav ev 
axavhtvats aTapTrots). Er schließt daraus, 
daß die Griechen für das sonst mit 
dem Klatschmohn (s. d.) angestellte 
Liebesorakel, auf das von manchen die 
Phyllomantie (s. d.) bezogen wurde, auch 
Rosenblätter verwendet hätten, und ver¬ 
weist auf gleichzeitigen (französischen) 
Volksbrauch; vgl. Rose. 

*) Bouhours Remarques ou Reflexions (1692) 
114; Fabricius Bibliogr. antiquaria 3 (1760) 
608. Boehm. 

Physiognomik s. Nachtrag. 

Physiologus. Der Physiologus ist „das 
mittelalterliche Lehrbuch der Zoologie“. 
Das griechische Original entstand x ) im 
zweiten Jahrhundert in Alexandrien, 
wurde in verschiedene morgenländische 
Sprachen und bald nach 400 auch ins 
Lateinische übertragen, aus dem Lateini¬ 
schen kam es in die Literatur des Abend¬ 
landes: deutsche Übertragungen besitzen 
wir aus aus dem n. und 12. Jh. drei 2 ). 
Die Tendenz des Physiologus war von 
Anfang an christlich, doch ist das Material 
z. B. viel älter und erst christlich aus¬ 
gedeutet. Sagen und abergläubische Vor¬ 
stellungen von Tieren (Pelikan, Einhorn, 
Phönix usw.) sind von hier aus in spätere 
naturgeschichtliche Schriften, in Werke 
der schönen Literatur und schließlich 
in die Volksvorstellung übergegangen. 

J ) T. Lauchert Geschichte des Physiologus 
Straßburg 1889. 2 ) Ehrismann Gesch. d. 

deutschen Literatur II, 1, 224—231, wo auch 
sc ästige Literatur bequem verzeichnet ist. 

Helm. 

Pibaktoromantie, Unterform der Hy- 
dromantie, wie die Lekano-, Gastro- 
und Phialomantie, benannt nach dem 


25 


Pilatus 


26 


dabei verwendeten Gefäß (spätgriech. 
icißaxxopiov, Trtßakcapi). Die in späten, aber 
vermutlich auf byzantinische Quellen zu¬ 
rückgehenden griechischen Handschriften 
unter diesem Namen beschriebene Praxis 
(Knabe als Medium, dem von einem 
Zaubermeister geheime Worte ins Ohr 
geflüstert werden usw.) erinnert gleich¬ 
falls aufs genaueste an hydro- und lekano- 
mantische Rezepte 1 ). In den Divi- 
nationslisten der Humanistenzeit und 
späterer Autoren wird diese Bezeichnung 
nirgends erwähnt. 

l ) Delatte Anecdota Aiheniensia 1 (1927), 
37 * 430; Beschreibung bei Pfister in Philol. 
Wochenschrift 1929, 10. Boehm. 

Pilatus. 

1. Der Landpfleger Pontius P. ist im 
Mittelalter Gegenstand vieler Sagen ge¬ 
worden 1 ). Er soll Sohn eines Fürsten 
in Mainz und in Forchheim in Ober- 
franken zu Hause gewesen sein 2 ). In 
Hausen bei Forchheim soll er geboren 
sein. Hier heißt eine Flur Pilatus (Pilo- 
tes), und in Forchheim zeigt man seine 
roten Hosen 3 ). Nach der Kreuzigung 
Christi wurde P. nach Gallien verbannt 
und endete dort durch Selbstmord 4 ). 
In die Schweiz ist die P.sage nicht vor 
dem 13. Jahrh. aus Italien eingewandert 5 ). 
Ortsnamen ähnlichen Klanges haben zu 
ihrer Verbreitung Anlaß gegeben 6 ). 

Auf dem P.berge bei Luzern und in 
seiner Umgebung muß nun P. ruhelos 
wandern und zeigt sich in allerlei Ge¬ 
stalten 7 ). Alljährlich um Neujahr kommt 
vom Berge durchs Aargau ein nicht un¬ 
freundlich aussehender Mann an den 
Rhein gereist. In den Freienämtem heißt 
er P.; anderswo bezeichnet man ihn als 
den Ewigen Juden 8 ). Schon im 14. Jh. 
wird der P.see bei Luzern genannt. Wenn 
man in diesen Steine wirft oder den Na¬ 
men des P. ruft, so entstehen Unwetter 9 ). 
Der Besuch des Sees war daher zeitweilig 
strenge verboten 10 ). Zur Beruhigung 
des Tobgeistes hat man ein Pferd in das 
Gewässer versenkt n ). Alle Mittage 12 ) 
oder alljährlich am Karfreitage 13 ) zeigt 
sich der Geist in der Mitte des Sees auf 
einem purpurnen Sessel. Teufel setzen 


ihn darauf, deren Klauenspuren man 
ringsumher an den Felsen wahmimmt 14 ). 

Auch andere Seen werden als Aufent¬ 
haltsort des P. genannt 15 ). Im Pillersee 
muß er besonders in der Karwoche leiden; 
da hört man die ganze Woche hindurch 
den See brüllen 1Ä ). Im Jocher See, eine 
Stunde von Meran, liegen P. und ein Graf 
Fuchs. Wenn der See murrt und wogt, 
so raufen die beiden mit einander 17 ). 
Bei Kufstein im Tale Tiersee muß P. in 
schrecklicher Stiergestalt wild brüllend 
umgehen 18 ). Von der Scheibenfluh im 
Emmental erzählt man, daß dort ein 
Loch sei, und wenn man mutwillig etwas 
darein werfe, so gebe es ungestümes Wet¬ 
ter. Auch soll P. dort begraben liegen 19 ). 
Nach anderm Bericht ist sein Leichnam 
in die Alpen hach dem Septimer geschafft, 
wo er noch spuken soll. Denn sowie man 
den P. nennt oder ruft, entsteht dort ein 
heftiger und lärmender Streit des Land¬ 
pflegers mit seinem alten Feinde He- 
rodes 20 ). 

P. ist also Wetterherr wie der Berg 
bei Luzern Wetterprophet 21 ). Im allge¬ 
meinen sagt die Kalenderregel vom Wetter 
in der Osterwoche: P. wandert nicht aus 
der Kirche, er richtet denn zuvor noch 
einen Lärmen an, das will sagen, daß kein 
März oder April ohne Unwetter ablaufen 
werde 22 ). 

Auch an der Saar geht P. um. Er 
wurde in Pachten (Kr. Saarlouis) „auf 
Maul und Nase liegend“ begraben, nach¬ 
dem er durch Selbstmord geendet hatte. 
Nachts hört man den Ruf: „Ich bin 
unschuldig an dem Blute dieses Gerech¬ 
ten“ 23 ). — Bei den Ehsten sagen alte 
Leute, P. sei zur Rohrdommel geworden 24 ). 

*) Lütolf Sagen 7 ff. 14 ff.; Herzog Schwei¬ 
zersagen 1, 145 ff.; Bäßler Legenden 57 ff.; 
Niderberger Unterwalden 1, 152 ff.; Laistner 
Nebelsagen 2145.; Menzel Symbolik 2, 231 ff.; 
Sepp Religion 2iif.; Creizenach Legenden 
und Sagen von P. im PBB. 1, 89 ff.; ZfVk. 10, 

435 fri ! 7 > 45 ff- 2 ) Schöppner Sagen 3,113!. 
( I 959 )i ZfVk. 17, 48; Laistner Nebelsag. 214!. 
3 ) Panzer Beitrag 2, 23. 4 ) Alpenburg Tirol 

47. 5 ) ZfVk. 17, 49. 6 ) Ebd. 7, 50. 7 ) Roch- 

holz Sagen 2, 23 f. Der Berg bei Luzern heißt 
übrigens erst seit dem 18. Jh. P., früher hieß er 
Fräckmont, Fräckmünt, Frackmünt — Mons 
fractus. Ursprünglich hieß nur der See nach P.: 
Laistner Nebelsag. 215; ZfVk. 17, 52 t. 


27 Pilger 

8 ) Rochholz Sagen 2, 306. 308 f. ; Niderberger j 
Unterwalden 1, 166 f. ®) Lütolf Sagen 274 ff.; 
Rochholz Sagen 2, 309; ZfVk. 17, 55 ff. 62 1 ; 
Laistner 13. 215 f.; Niderberger 1, 1630.; 
Sepp Religion 211 ff.; Birlinger A. Schwaben 
i, 78; Meyer Mythol. d. Germanen 206. 10 ) ZfVk. 
17, 52 f.; Birlinger A. Schwaben 1, 78; Nider¬ 
berger 1, 163 f.; Meyer Mythol. d. Germ. 206. 
u ) Rochholz Sagen 2, 25; Meyer Indogerman. 
Mythen 2, 453 f. 12 ) Rochholz Sagen 2, 309. 
13 ) ZfVk. 17, 63. 14 ) Menzel 2, 234. 15 ) ZfVk. 
17, 51 ff. (1362 und 1367 wird der Monte di 
Pilato und ein dämonischer See bei Norcia ge¬ 
nannt). Auch in Tiber und Rhone hat P. Über¬ 
schwemmungen und Gewitter erregt: Menzel 
Symbolik 2, 234. 16 ) Heyl Tirol 64 f. 17 ) Zin- 

gerle Sagen 102; Laistner Nebelsagen 12 f. 

18 ) Alpenburg Alpensagen 24; Laistner 93. 

19 ) Rochholz Naturmythen 176; Laistner 15. 

20 ) ZfVk. 17, 50. 21 ) Niderberger Unter¬ 

walden 1, 170; ZfVk. 17, 62; Sepp Religion 213; 
Laistner 215. 22 ) Rochholz Naturmythen 3. 

23 ) Fox Saarland 284. 24 ) D ahn har dt Natur¬ 
sagen 2, 290. 

2. In dem kleinen See neben dem 
größeren auf dem P.berge soll die Frau 
des P. liegen 25 ). In Tirol wird oft die 
Perchte als Frau des P. ausgegeben 26 ). 

25 ) Sepp Religion 213. 26 ) ZfdMyth. 3, 205; 
Alpenburg Tirol 46 f.; Zingerle Tirol 127 f. 

3. Die abessynischen Christen haben 
P. als Heiligen in ihrem Kalender 
{19. Juni), weil sie seine Unschuld am 
Tode Jesu voraussetzen 27 ). Bei den 
Südslaven in der Lika gilt P. als Schic k- 
salsbestimmer für die Menschen. Man 
sagt sprichwörtlich: „Wie dir Urias am 
Geburtstage zuerteilt und P. zufeilt, so 
wird es dir dein Leben lang ergehen“ 28 ). 
Vereinzelt kommt P. im Diebssegen vor 29 ), 
auch mit Petrus zusammen in der Be¬ 
sprechung der Rose 30 ). Manche leiden 
es nicht, daß die Kinder „in den April 
geschickt“ werden, weil am 1. April einst 
Christus zu P. geschickt worden sei 31 ). 

27 ) Menzel Symbolik 2, 235. 28 ) Krauß 

Relig. Brauch 26 f. 29 ) Kuhn Westfalen 2, 195 
(546)- 30 ) Bartsch Mecklenburg 2, 416 (1929). 

31 ) Rogasener Familienblatt 1 (1897), 8. 

4. In der Nacht vor Georgi und auch 
Johanni machen die Schäfer Feuer aus 
Zweigen von neunerlei Holz, um die 
Schafe vor Schaden zu bewahren. Das 
nennen sie im Kalotaszeger Bezirk „Pila¬ 
tusbrennen". In manchen Gegenden 
verbrannte die Jugend früher am Oster¬ 
tage eine Strohpuppe, den P. 32 ). 

32 ) Wlislocki Magyaren 64. 


Pilze 



Pilze 



5. Als Verstümmelung eines unver¬ 
ständlich gewordenen Ausdrucks kommt 
der jedem Christen geläufige Name P. im 
Kinderliede vom „Herrn von Ninive" 
vor: „Heissassa P. (= jubilate)" *»). Auf 
Amrum hört einer die Unterirdischen 
über den Tod ihres Königs klagen: „Pi- 
lat je as duad". Er erzählt es im Dorfe; 
da rufts: „As Pilatje duad, Hatje Pilatje 
duad?" 34 ). 


33 ) ZfVk. 4, 181. 34 ) Müllenhoff Sagen 292. 

Sartori. 

Pilger s. Wallfahrt. 

Pilze (Schwämme; Fungi). 

1. An das Sammeln der P. knüpft 
sich vielfacher Aberglauben. Eingehend 
hat darüber F. Ferk x ) gehandelt. Nach 
dem (steirischen) Volksglauben hängt das 
Wachstum der P. von gewissen Vege¬ 
tationsgeistern, den „Schwammzwergein, 
-mandeln, -letterin" ab 2 ). Die Holz¬ 
fräulein zeigen die guten Plätze, wo es 
zahlreiche P. gibt 3 ). Als „Schwamm¬ 
heilige" gelten besonders der hl. Petrus 
(29. Juni) und der hl. Veit (15. Juni). 
Daher wallfahren am Peterstag die Weiber 
von ferne her nach St. Peter bei Graz und 
bitten um Verleihung von „Schwamm¬ 
samen". In Oberbayern heißt es auch 
„St. Veit baut die Recherl (= Eierpilze) 
und Schwammerl an” 4 ). St. Veit reitet 
in der Nacht des 15. Juni auf einem 
blinden, weißen Roß und sät Schwamm¬ 
samen 5 ). In Steiermark gilt auch noch 
der hl. Antonius der Einsiedler als 
Schwammheiliger. Wer „nicht richtig 
getauft ist" (d. h. bei dessen Taufe der 
Geistliche etwas übersehen hat), findet 
viele P. 6 ), ebenso wer gut (viel) lügt 7 ). 
Ferk erklärt dies wohl irrtümlich damit, 
daß „lügen" hier „lugen" (= schauen) 
bedeuten soll. Eine Analogie dazu bildet 
der Glaube, daß man beim Setzen der 
Kürbisse (s. d.) und der Bohnen lügen 
müsse 8 ). In Frankreich heißt es, daß 
man lügen müsse, um viele Morcheln zu 
finden 9 ). Beim Suchen der P. muß man 
die drei ersten gefundenen in einen hohlen 
Baum legen und drei Vaterunser beten 10 ) 
oder den ersten hinter sich werfen n ). 
Den ersten gefundenen P. darf man nicht 
brechen, sondern muß ihn stehen lassen 12 ). 


In all diesen Bräuchen dürfen wir das 
Rudiment eines Opfers an die Waldgeister 
sehen, s. Beere (1, 974). Viele P. findet 
man auch, wenn man ungewaschen und 
schlecht angezogen auf die Suche geht, 
wenn man sich die Schürze umgekehrt 
umbindet oder barfuß den Wald betritt. 
Die „Schwammzeit" beginnt, wenn der 
erste Donner vernommen wird; der beste 
Tag zum Suchen ist der Donnerstag; 
ebenso steht eine reiche P.emte bevor, 
wenn man sich bei dem ersten Donner, 
den man im Jahre vernimmt, auf der 
Erde wälzt 13 ). Da die P. oft innerhalb 
ganz kurzer Zeit in größter Zahl aus dem | 
Boden schießen, gelten sie als Fruchtbar¬ 
keitssymbol (s. auch Donner, Donners- 
tag). Als „Angang" beim Suchen der P. 
ist günstig die Begegnung mit einem 
Jäger, einem Eichhörnchen, einem Manne, 
einem Düngerhaufen, einem Heuwagen. 
Vor dem Eintreten in den Wald soll man 
mit bloßem Fuße auf die Erde ein Truden¬ 
kreuz (Trudenfuß) machen, auch ist es 
gut, vor dem Suchen in den Wald hinein¬ 
zukrähen (Verjagung der bösen Gei¬ 
ster?) 14 ). P. findet man mit Hilfe der 
Schwammuhr": Man bricht von einem 
dünnen, runden Grashalm ein Stück ab, 
das etwas länger ist als der Nagel des 
linken Daumens. Nun benetzt man den 
Fingernagel gut mit Speichel und legt 
den Grashalm darauf; er wird sofort die 
Richtung einnehmen, nach der hin P. 
stehen 15 ). Damit an einem „Schwamm¬ 
platz" viele P. wachsen, muß man ihn 
mit einer Wacholder- oder Haselrute 
(Lebensrute, s. d.) schlagen. Kein P. 
wächst weiter, wenn ihn einmal ein 
menschliches Auge erblickt hat, daher 
muß man jeden gefundenen guten P. 
brocken, sei er noch so klein. Mit dem 
ersten gefundenen P. soll man sich die 
Augen auswischen, das schärft den klaren 
Blick, um viele P. zu finden. In der Um¬ 
gebung von Sauerbrunn-Rohitsch (Unter¬ 
steiermark) sucht man sich zu Beginn der 
Schwammzeit einen Fliegenschwamm, 
hält ihn zuerst vor sich hin gegen den 
Wald gewendet, dann bewegt man ihn 
hin und her und spricht zu ihm: „Wenn 
du mir nicht die guten Schwämme zeigst. 


dann schleudere ich dich auf die Erde, 
daß du zu Staub und Asche zerfällst" 16 ). 
Auch existieren verschiedene „Schwamm¬ 
gebete" (Zaubersprüche), die halb singend 
morgens, während des Suchens usw. ge¬ 
sprochen werden müssen, z. B. 

Haliga sankt Veit! 

Gib uns Schwamm auf freier Weit’: 

Kloane Schwamm, große Schwamm, 

Oll' in mein Binkerl z'samm. 

In Nordmähren rufen die Kinder beim 
P.sammeln, wenn sie einen P. gefunden 
haben, „Noba, komm azu" (Nachbar, 
komm herzu), dann finden sie noch an¬ 
dere 17 ). Ähnlich ruft man in Frankreich: 
„Champignon, Champignon, montre-moi 
ton compagnon" 18 ). 

Volkstümliches aus dem Reiche der Schwäm¬ 
me, in Mitteilungen des Naturwissensch. Ver¬ 
eines für Steiermark 47 (1910), 18—52. 2 ) Ferk 
33 - 3 ) J°l i n Westböhmen 200. 4 ) Marzell 

Bayer. Volksbotanik 120. 6 ) Ferk a. a. O. 

6 ) Ferk 38. 7 ) Ferk a. a.O.; John West¬ 
böhmen 228. 8 ) S. auch Marzell Fluchen, 

Zornigsein, Lachen bei der Aussaat von Kultur¬ 
pflanzen in BayHfte. 1, 200 f. 9 ) Rolland 
Flore pop. 11, 179. 10 ) Grohmann 96 = 

Wuttke 289 § 437. n ) Drechsler Schlesien 
2, 75. 12 ) Ferk 46. 13 ) Ferk 40 f. 14 ) Ferk 42. 
15 ) Mittelsteiermark: Ferk 43. 16 ) Ferk 46. 

17 ) Orig.-Mitt. von Jorde 1919. 18 ) Rolland 

Flore pop. n, 131. 

2. Über die Entstehung der P. er¬ 
zählt man sich im (früheren) österrei- 
chisch-Schlesien die Sage, daß Petrus 
einst drei Kuchen erhielt, aber nur einen 
davon dem Herrn gab. Als er den zweiten 
Kuchen insgeheim essen wollte, fragte 
ihn Christus dieses und jenes. Petrus 
mußte antworten und warf das angebissene 
Stück rasch weg, bis er den ganzen Kuchen 
weggeworfen hatte. Aus diesen wegge¬ 
worfenen Bissen entstanden die eßbaren 
P. 19 ). In Deutsch-Böhmen (Leipa) ent¬ 
standen die ungenießbaren P. aus den 
Kuchenbrocken, die aus schwarzem Mehl 
gebacken waren, die genießbaren aus den 
aus weißem Mehl gebackenen Kuchen¬ 
brocken 20 ). Auch sonst erscheinen ab 
und zu P. in Sagen. Im Walde bei Viech- 
tach (Niederbayern) verwandeln sich gelbe 
P. (Cantharellus cibarius) zu Dukaten, 
aber bösartige Eulen hindern die beute¬ 
lustigen Pflücker 21 ). Eine Pilzsammlerin 
aus Pohlsdorf (Schlesien) sah im Walde 



3i 


Pilze 


33 


Pimpinelle—Pirmin, hl. 


34 


32 


» I 


einen Herrenpilz (Steinpilz, Boletus edulis), 
der vor ihren Augen so groß wurde, daß er 
über sie hinwegragte. Plötzlich ist der P. 
verschwunden und an seiner Stelle stand 
ein Knabe, der sich aber nicht fassen ließ 
und rief: „Kennst du den Vogelhannes 
nicht ?“ Im Jauersberger Holz erwächst 
aus einem P. eine Riesengestalt und ver¬ 
geht schnell wieder 22 ). Die sog. „Hexen¬ 
ringe“ (im Volksaberglauben als die nächt¬ 
lichen Tanzplätze der Hexen gedeutet) 
entstehen dadurch, daß das Fadengeflecht 
(Myzelium) gewisser P. sich zentrifugal 
ausbreitet und dann an der Peripherie die 
Fruchtkörper trägt. Infolgedessen sind 
dann die P. auffallend kreisförmig ange¬ 
ordnet. Wenn der „Hexenring“ sich 
schließt (verwächst), stirbt der Eigen¬ 
tümer der Matte 23 ). 

19 ) Peter Österreichisck-Schlesien 2, 133; 

ähnlich auch in Oberösterreich: Hmtg 4, 194 
und bei den Ungarn u. Ruthenen: Dähnhardt 
Natur sagen 2, 107. 109. 2 ) Dähnhardt a. a. O. 
2, 110. 21 ) Bayld 19, 93. 22 ) Kühnau Sagen 

1, 468 t. 388. 23 ) Schweizld. 6, 1091. 

3. Im Wetter- und Ernteorakel treten 
die P. vielfach auf. Wenn es an Prokopi 
(4. Juli) 24 ) oder Peter und Paul (29. Ju¬ 
ni) 25 ) viel regnet, „regnet es Schwämme“, 
d. h. es wachsen viele P. Wenn es viele 
P. gibt, dann wird das Jahr ungeraten 
und es entsteht eine Teuerung 26 ), es 
sterben im folgenden Jahr viele Leute 
besonders Kinder 27 ), daher auch der 
Spruch „Viel Schwamma — viel Jam- 
ma“ 28 ). Desgleichen heißt es in Italien 
„Anno fungato (Pilzjahr) — anno tribo- 
lato“ 29 ) und in Frankreich: „An de 
cepere (= Steinpilz) —an de misere“ 30 ). 
Es ist dies wohl so zu verstehen, daß in 
regenreichen Sommern, die ja der Ent¬ 
wicklung der P. günstig sind, die Ernte 
schlecht ist. Gibt es im Oktober viel 


Steinp., so wird die spät gesäte Winterung 
gut schütten 31 ). Viele P. verkünden 
einen schneereichen Winter 32 ). Ebenso 
gibt es einen strengen Winter, wenn die 
P. recht fest sind 33 ). Zeigen die P. 
schlechte und faule Stiele, so steht ein 
nasser Winter bevor 34 ). Alt und weit 
verbreitet ist der Glaube, daß man aus 
den „Teuerlingen“ (im Niederdeutschen 
auch „Hungerpöttkens“ genannt) den 


[ Ausfall der Ernte erkennen könne. Es 
sind dies Becherp. (Cyathus-Arten usw.), 
deren becherförmige Fruchtkörper („Peri- 
dien“) im reifen Zustand mehrere kugelige 
Körner („Peridiolen“) enthalten. Schon 
die Chemnitzer Rockenphilosophie 
sagt: „So viel die Teuerlinge Körner in 
sich haben, so viel Groschen wird das 
Korn hinfort gelten“ 35 ). Auch jetzt heißt 
es noch, daß so viel Taler der Scheffel 
Korn kosten werde, oder ganz allgemein, 
daß viele „Peridiolen“ eine gute Ernte 
prophezeien usw. 36 ). Wer auf dem Feld 
„Glückshäfeli“ trifft, dem lacht an jenem 
Tag das Glück 37 ), oder der Finder hat 
Glück in der künftigen Ehe 38 ). — Man 
suche auf der Wiese einen Johanniskopf 
(d. i. ein „Schwamm auf den Wurzeln 
der Bäume“), kratze mit dem rechten 
Daumennagel die obere Haut weg und 
lege ihn in das Wasser des Jungfern¬ 
brunnens. Versteckt man ihn dann zu 
Hause unten im Bett, so wird man jene 
Nummern sehen, die „kommen wer¬ 
den“ 39 ). 

24 ) John Westböhmen 228. 25 ) Schramek 

Böhmerwald 160. 26 ) Grob mann 96; vgl. da¬ 

gegen ebd. 144: Wenn es viel P. gibt, so wird 
das Getreide viel schütten. 27 ) John West¬ 
böhmen 164. 28 ) Ebd. 228. 29 ) Yermoloff 

Volkskalender 553. 30 ) Rolland Flore pop . 

11, 161. 31 ) Frischbier Naturkunde 332. 

32 ) Peter Österreichisch-Schlesien 2, 261; 

Drechsler Schlesien 2, 206; DVköB. 11, 171; 
MnböhmExc. 11, 297. 33 ) Peuckert Schles. 

Vk. 1928, 108. 34 ) Drechsler 2, 206. 35 ) Rok- 
kenphilosophie 1707, 3, 175 = Sterzinger 
Aberglaube 168 = Grimm Myth. 3, 442. 

36 ) MschlesVk. 27, 232; Spieß Obererzgebirge 20; 

John Erzgebirge 224; Geschichtsbl. f. Stadt u. 
Land Magdeburg 16 (1881), 242; Schulen¬ 
burg Wend. Volkstum 163; Köhler Voigtland 
392; Urquell N. F. 1, 269 (Melnik in Böhmen); 
Regel Thüringen 1895, 677; Marzell Bayer . 
Volksbot . 128; Schweizld. 2, 952. 1012 f. 

37 ) Aargau: Schweizld. 2, 1012. 38 ) Ebd. 952. 

39 ) Vernaleken Mythen 5. 

4. Volksmedizinisches. Die Hirsch¬ 
trüffel (Elaphomyces granulatus) wird im 
Volk hie und da als Aphrodisiacum ge¬ 
braucht. Sie wurde daher in getrocknetem 
Zustand von Burschen auf den Tanzboden 
gestreut (Ettenheim in Baden) 40 ), auch 
geben die Burschen das Pulver den Mäd¬ 
chen, deren Liebe sie erwerben wollen, 
zu trinken. Das Mädchen kann dann 


1 nicht mehr von dem Burschen lassen 41 ). 
Wenn eine Frau in schwerer Geburt liegt, 
soll sie von einem Hirschschwamm ein 
erbsengroßes Stück nehmen, von diesem 
die Hälfte kauen und mit der anderen 
Hälfte den herausgetriebenen Nabel ein¬ 
streichen. Dann gebiert sie das Kind ohne 
große Arbeit (Oberösterreich) 42 ). Den 
als „Schapp“ bezeichneten P. darf man 
nicht anfassen, weil man sonst die 
„Schapp“ (Krätze) bekommt (Dith¬ 
marschen) 43 ). Gegen Kröpfe legt man 
im abnehmenden Mond zu Kohlen ge¬ 
brannten Buchenschwamm auf 44 ). 

40 ) Archiv d. Pharmazie 260 (1922), 151. 

4l ) ZrwVk. 3, 62. 42 ) Anthropophyteia 3, 39. 

48 ) Urquell 6, 44 = ZfVk. 23, 282. 44 ) Höhn 

Volksheilkunde i, 87. 

5. Verschiedenes. Ein Gewehr muß 
man mit Birkenschwamm ausräuchern, 
dann trifft man immer (aus einem Zauber¬ 
buch) 45 ). Wem der Feuerschwamm 
(Zunder) nicht brennen will, der zeugt 
keine Kinder mehr 46 ). An manchen Orten 
von Oberbayern und Tirol bringen am 
Karsamstag die Knaben Buchenschwäm¬ 
me (Polyporus-Arten) zur „Feuerweihe“; 
dort werden die Schwämme teilweise an¬ 
gebrannt, beim Herannahen von Ge¬ 
wittern wird damit geräuchert 47 ). Wer 
am Weihnachtsabend viel P. ißt, dem 
stehen das ganze Jahr die Kleider gut 48 ), 
vgl. auch Hirse. 

45 ) John Westböhmen 325. 46 ) Treichel 

Westpreußen V, 52. 47 ) Gierl Kiefersfelden 

1899, 51; Marzell Bayer. Volksbot. 26; BayHfte. 
6 , 117. 48 ) Drechsler Schlesien 1, 34; 2, 209; 
MnordbExc. 28, 416. Marzell. 

Pimpinelle s. Bibernelle. 

Pimpernuss (Staphylea pinnata). 

1. Botanisches. Zierstrauch mit un¬ 
paarig gefiederten Blättern und weißen, 
außen rötlich angehauchten Blüten. Be¬ 
sonders kennzeichnend ist die Frucht, 
die eine kugelige, häufig aufgeblasene 
Kapsel ist x ). 

*) Marzell Kräuterbuch 143 f. 

2. In Böhmen kann man am 1. Mai 
in der Kirche mit einem neunmal ge¬ 
weihten Zweig der P. die Hexen erkennen: 
sie tragen einen Pferdefuß statt eines 
Menschenfußes 2 ). Mit dem am Palm¬ 
sonntag geweihten P.zweig kann man den 

Bächtold-Stäubli , Aberglaube Vl l 


„Hast ermann“ (Wassermann) erschla¬ 
gen 3 ). Auch in der Mieser Gegend (West¬ 
böhmen) ist die P. ein Bestandteil des 
Palmbuschens 4 ). Die Slovaken schlagen 
den Ohnmächtigen mit einer P.gerte 5 ). 
Ein Besitzer auf Bösegg (b. Willisau) hat 
auf seiner Pilgerreise einen Stab von 
einer P. geschnitten und ihn daheim in 
die Erde gesteckt. Er wuchs und die 
Früchte sind gut gegen Grimmen 6 ). 
Nach einer Sage aus Steyr schnitten sich 
einst Nonnen, in deren Kloster der Feind 
eindrang, die Nasenspitzen ab, um sich 
vor Schändung zu bewahren. Aus diesen 
Nasenspitzen erwuchs ein P.strauch 7 ). 

2 ) Grohmann 101 — Wuttke 256 §373. 

3 ) Ebd. 13. 4 ) ZföVk. 15, 154. 5 ) Hovorka 

u. Kronfeld 2, 196. 6 ) Lütolf Sagen 367. 

7 ) ZföVk. 13, 116. 

3. Je mehr „Glücksnüßchen“ (Samen) 
sich in der Frucht befinden, um so mehr 
Glück wird man haben. Man trägt daher 
solch ein „Glücksnüssel“ bei sich in der 
Tasche oder Geldbörse 8 ). 

8 ) MschlesVk. 16, 71; Drechsler Schlesien 
2, 216; John Erzgebirge 244. Marzell. 

Pirmin, hl., Abt und Wanderbischof 
von unbekannter Herkunft, f um 753. 
Er wirkte namentlich unter den neube¬ 
kehrten Alemannen und auch unter Fran¬ 
ken und gründete das Kloster Reichenau 
im Bodensee 4 ). An der Stelle, wo er hier 
ans Land stieg, ließ sein Stab eine Quelle 
hervorsprudeln 2 ). Er segnete eine im 
Kanton Wiltz in Luxemburg auf dem 
„Permesknupp“ fließende Quelle, durch 
deren Wasser Kranke, besonders skrophu- 
löse Kinder, geheilt wurden 3 ). Gegen 
Ende des 16. Jh. wurde von den Jesuiten 
in Innsbruck (wohin 1575 seine Reliquien 
übertragen worden sind) P.wasser durch 
Eintauchung einer Reliquie des Heiligen 
geweiht 4 ). Bei seiner Ankunft auf Rei¬ 
chenau verließ alles Ungeziefer und giftige 
Gewürm die Insel 5 ). P. wird in Ehren¬ 
stetten (Staufen) im Haussegen ange¬ 
rufen 6 ). Er ist Patron gegen Schlangen. 
Sein Gürtel soll glückliche Entbindung 
schwangerer Frauen bewirkt haben. Sein 
Gedächtnistag ist der 3. November 7 ). 

4 ) Wetzer u. Welte 10, 18 f.; Menzel Sym¬ 
bolik 2, 438. Über Herkunft und Namen: ARw. 
23, 160; BoudriotD. altgerman. Religion 15 
A. 3. Über seine Schrift „Dicta abbatis P.“: 


2 



35 


Pirol—Planeten 


36 


ARw. 20, 108 f.; Boudriot 15. Über ihren 
Wert für die Kenntnis der Glaubensverhältnisse 
des deutschen Volkes im 8. Jh.: Fehrle in 
OberdZfVk. 1 (1927), 97 ff. 2 ) Elsäss. Monats¬ 
schrift 1913» 574 ; Birlinger Volkst. x, 408 
Anm. 3 ) Wirtz Heilige Quellen im Moselgau 
(1926) 19; Sepp Religion 294; Fontaine Lu¬ 
xemburg 110; Weinhold Verehrung d. Quellen 
43. 4 ) Franz Benediktionen 1, 215. ö ) Bir¬ 
linger A. Schwaben 1, 40 f.; Meyer Baden 
80; Beißel Heiligenverehrung 2,80. 6 ) Meyer 

Baden 359. 7 ) Doye Heilige u. Selige d. röm. 
kath. Kirche 2, 186. Sartori. 

Pirol x ) (Bruder), Piro 2 ), Pirolf, 
Pirolt 3 ), Biereule 4 ) u. ähnl., Bier¬ 
esel (Vogel), Bülow, Vichaus, Fiaus 5 ), 
Gugelf achaus 6 ), Gugelflichauf u. ä., 
Pfingst-, Kirsch-Vogel, Gold-Am¬ 
sel, -Merle, -Drossel, mhd. wite- 
wal 7 ) (Oriolus oriolus s. galbula), Pli- 
nius: chlorion. 

Von naturgeschichtlichem Aber¬ 
glauben erwähnt Konr. v. Megenberg 
(216), der P. lebe nur von Luft, Gesner 
sagt (Vogelb. 229): „Etliche liegend ... 
daß seine jungen in 4 Teil zerteilt geboren 
werdind / vnd von eitern mit dem Kraut, 
Herba Julia genennt widerumb zusamen 
gefügt werdind 44 . Beide ohne Quellen¬ 
angabe. 

In Frankreich gilt der Glaube, daß 
der Blick des „loriot“ die Gelbsucht an¬ 
ziehe 8 ). Dagegen beziehen sich die 
Angaben von Hovorka-Kronfeld (2, 108) 
und oben 3, 585 wohl eher auf die Gold¬ 
ammer (Emberiz citrinella) 9 ). 

Als Orakeltier verkündet er Regen 10 ). 
Darauf hin deuten auch estnische Er¬ 
zählungen von dem P. u ). Fliegt er gegen 
die Gebäude, so verkündet er Blitzschlag 
(wegen seiner gelben Farbe) 12 ). Er ist 
der späteste Sommerverkünder: erscheint 
er, so bleibt es warm 13 ). 

Eigentliche Sagen über den P. sind 
spärlich. Bei Birlinger (Aus Schwaben 
1, 400) wird erzählt, daß ein Knabe von 
Hertfeld auf einem Baum eine „Gold¬ 
amsel“ gesehen habe, hinaufgestiegen 
sei, aber plötzlich sei ein großer schwarzer 
Mann statt des Nestes zu erblicken ge¬ 
wesen. Er stürzte vom Baum und brach 
den Fuß. Im Schloß von Frankenstein 
(Schlesien) haust eine gespenstische 
„Biereule“ 14 ). 


Die übrigen Erzählungen sind mehr 
spaßhafte Tiergeschichten. So die vlä- 
mische vom Sperling, der Amsel und dem 
Pirol 15 ). Zuweilen sind solche Geschich¬ 
ten mit der Deutung seines Rufes oder 
Gesanges verbunden 16 ). 

1 ) Verschiedene Namen: Suolahti Vogelnamen 
169 ff.; DWb. 7, 1867; Weigand Dt. Wb} 2, 
431. 2 ) Megenberg 216. 3 ) Frisch Wb. 1, 

161 b; Gesner Vogelb. 268 b. 4 ) MBöhmExc.37, 
7. 6 ) Baumgarten A. d. Heimat i, 94. 6 ) Ebda. 

7 ) Suolahti 169; Mhd. Wb. 3, 464; Lexerß, 952. 

8 ) Sebillot Folk-Lore 3, 205. 9 ) oben i, 368. 

10 ) Baumgarten A. d. Heimat 1, 94 (in Alt¬ 
münster Ober-Österreich: ,, Schauer vogel"); 

Drechsler Schlesien 2, 231; Rogasener Farn. 
Bl. 1 (1897), 40; Gesner Vogelbuch 229. 

1J ) Dähnhardt Natursagen 3, 315. 316. 318. 
12 ) Baumgarten aaO. 13 ) Ebda.; Hopf 
Tierorakel 128 (nach Aldrovandus); Gesner 
Vogelbuch 229. 14 ) Drechsler 2, 231. 15 ) 

Dähnhardt Natursagen 3, 369; Estnische, 
lettische, rumänische Sagen ebd. 315 ff. 362. 
369. 382. 398. 400. 16 ) Ebda.; Baumgarten 

aaO.; Wossidlo Meckl. 2, 1, 1240.; Ost¬ 
deutscher Naturwart 3, Heft 3 (Ober-Schlesien); 
ZfVk. io, 222; Der Vogelbrehm (1927) 549; 
Megenberg 217; Schulenburg Wend. Vt. 
155 f.; Ders. Wend. V.sagen 262. 

Hoffmann-Krayer. 

Pithomantie. In der „Biga Salutis“, 
einer Sammlung von Fastenpredigten 
aus dem 15. Jh., wird im 8. Sermon über 
das 1. Gebot unter den 13 Künsten der 
Hexen die „Phitomantie“ an 5. Stelle 
genannt x ). Es dürfte sich um eine Ver¬ 
schreibung für „Pithomantie 44 handeln, 
womit man vermutlich die Wahrsagung 
mit Hilfe eines prophetischen Dämonen 
(pithon, python) bezeichnen wollte, 
und zwar wahrscheinlich die durch Bauch¬ 
reden vorgetäuschte Prophetie, da python 
vorzugsweise in diesem Zusammenhang 
gebraucht wird 2 ). 

*) Verfaßt von einem „Frater ordinis Minorum 
de observantia familiae Hungaricae (Frater 
Hungarus), Geffcken Bilderkatechismus 32, 55. 

2 ) oben 3, 313 unter Gastromantie. Boehm. 

Planeten (PI. = Planet, -en; pl. = 
planetarisch.) 

A. Der Gegenstand des Artikels. — B. Die 
Pl. in der Laienastrologie. — C. Die Pl. in der 
höheren Astrologie und deren Einwirkung auf 
die Laienastrologie. D. Die bildlichen Dar¬ 
stellungen der Pl. und der Pl.kinder im deut¬ 
schen Sprachbereich. — E. Gereimte Über¬ 
lieferung in Deutschland. — F. Anhang: Pl.ge- 
bete; Pl. und Zauber. 


Planeten 


38 




A. Der Gegenstand des Artikels. 

Wenn heute die Amme etwa in Mecklen¬ 
burg oder einer anderen deutschen Land¬ 
schaft nach der Geburt eines Kindes ein 
Pl.büchlein auf schlägt, um die Natur 
dieses Kindes zu enträtseln 1 ), so wird 
damit in Ehrfurcht vor traditionell ge¬ 
heiligten Überlieferungen ein ganz alter 
Glaube bekannt und erhalten. Das ge¬ 
schieht freilich jetzt kaum anders mehr 
als mechanisch. Daß aber diese Stern¬ 
befragung noch verbreitet ist und so aus¬ 
geübt wird, wie manche Völker den ge¬ 
heiligten Ritus einer ihrem Sinn nach er¬ 
starrten Kirche vollziehen, beweist die 
Hoheit dieses Glaubens in vergangenen 
Zeiten. Durch Jahrhunderte hindurch 
hat dieser daher an Kraft kaum verloren. 
Die Bücher, die ihn überliefern, stehen 
heute noch in Ansehen. 

Die Gründe für diese Hochachtung er¬ 
geben sich aus der Auffassung vom Wesen 
solcher pl. Sternorakel, die die Quellen, 
aus denen die heutigen Bücher entstanden 
sind, vortragen. Diese Quellen sind hier 
vor allem zu untersuchen. 

Der Stamm des deutschen noch heute 
gepflegten Pl.glaubens geht zunächst auf 
die sog. Laienastrologie des Mittelalters 
und der Spätantike zurück. Sie haben 
wir nach Inhalt und Form hier zuerst zu 
beschreiben. 

Seit dem 14. Jh. aber gewinnt die durch 
die Araber vermittelte höhere Astrologie 
sehr an Einfluß. Sie stellte ein enormes 
Material aus den Arabern zur Verfügung 
oder erneuerte astrologische Gedanken¬ 
gänge der griechisch-römischen Zeit oder 
verband schließlich beides. Es wird dem¬ 
nach die zweite Aufgabe sein, die hier 
erkennbare griechische Systematisie¬ 
rung des Daseins unter der Herrschaft der 
Pl. einschließlich der Verarbeitung der 
neuen Materiahen in den Aberglauben der 
deutschen Allgemeinheit des MA.s und 
der anschließenden Zeiten zu veran¬ 
schaulichen. 

Um die Gründe für den entscheidenden 
Einfluß der höheren Astrologie im MA. 
und der Renaissance aufzuzeigen, muß 
kurz der Wesensunterschied dieser beiden 


Formen der Astrologie klargelegt werden. 
Dies geschieht in einer knappen histori¬ 
schen Darlegung der wissenschaftlichen 
Bemühungen um die Daseinssystemati¬ 
sierung unter den Pl. am Anfang des 
dritten Teils des Artikels. Wenn man in 
dieser unserer so gerichteten Betrachtung 
sogleich auch aufmerksam wird auf den 
Diesseitigkeitsgehalt der Lehre, der die 
Kräfte mit nährte, die das ma. Weltbild 
zerstörten — (eine Entwicklung, die durch 
die Verbreitung der Astrologie in jener 
Zeit zu einem erheblichen Teil mit¬ 
bewirkt wurde und die den eigentlichen 
Grund auch für den Aufschwung der da¬ 
maligen Laienastrologie enthält) —, so 
sei angedeutet, daß dieser Vorgang das 
interessanteste Problem der Geschichte 
des deutschen Pl.aberglaubens darstellt 
(s. Sterndeutung). 

Die Geltung der nun auch in der Laien¬ 
astrologie verarbeiteten Daseinssystematik 
beweisen die zahlreichen Versuche bild¬ 
licher Darstellungen, die wir im vierten 
Teil besprechen. Ebendasselbe gilt von 
der gereimten Überlieferung (Teil E). Das 
besondere Problem des Glaubens an PL- 
geister, die man beschwören kann, ist 
in einem Anhang kurz behandelt. Denn 
diese Anschauung ist unabhängig von der 
direkten Tradition des antiken Pl.glaubens 
in das abendländische MA. 

Es sei ausdrücklich bemerkt, daß diese 
Monographie den Einfluß der antiken 
Lehren über die Pl.Wirkungen auf das 
abendländische MA. und die späteren 
Jh.e vor allem in Deutschland darsteilen 
will. Es wird hier also nur das behandelt, 
was mit dieser Tradition und diesem 
Zweig der Pl.vorstellungen zusammen 
hängt. Wer die Vorstellungen der Völker 
über die Pl. überhaupt kennen lernen will, 
muß zu W. Gundels Büchern über diesen 
Gegenstand greifen 2 ). Auch die natur¬ 
wissenschaftlich-physikalischen Theorien 
können hier als zu speziell nicht be¬ 
schrieben werden. Über die dem PL- 
glauben zugrunde liegenden Ansichten 
von dem Wesen der Pl.kräfte wird im 
Zusammenhang mit den ähnlichen An¬ 
schauungen vom Wesen der Tierkreis¬ 
bilder s. v. Sterndeutung gehandelt. 


39 


Planeten 


40 


J ) Stemplinger Aberglaube m. w. 
Gundel Sterne und Sternbilder 1922; ders. 
Sternglaube, Sternreligion und Sternorakel 1933. 

B. Die Pl. in der Laienastrologie. 

Die Laienastrologie des Mittelalters 3 ) 
knüpft ihre Aussagen an Mond- und 
Planetentage an. Die Aussagen werden 
tabellarisch festgelegt und tradiert. Was 
man im Bereich des Abendlandes, mithin 
auch in Deutschland, an Mondtabellen 
oder Pl.tabeilen kennt, stellt seiner Form 
und seinem Inhalt nach das Stück einer 
Tradition dar, die über die Völkerwande¬ 
rung in die spätantike und hellenistische 
Kultur zurückreicht. Denn hier findet 
man fast alle die Erzeugnisse der Laien¬ 
astrologie bereits vor, die in den Jahr¬ 
hunderten der deutschen Geschichte immer 
wieder bis auf die Gegenwart begegnen. 
Wir behandeln demnach als Grundlage 
die uns bekannten Formen der antiken 
Laienastrologie in der Zeit des Spät¬ 
hellenismus und des römischen Kaiser¬ 
tums. Es wird sich dabei nicht ver¬ 
meiden lassen, unter den Belegen zuweilen 
byzantinische Exzerpte mit zu ver¬ 
wenden; aber diese gehen ihrerseits auf 
antike Vorlagen selbst zurück. In einer 

Reihe von Fällen ist das deutlich zu 
sehen 4 ). 

I. Die antiken Listen. 

1) Lunare. 

In den Listen der Laienastrologie neh¬ 
men die Listen mit Prognosen nach dem 
Mond — sog. Lunare — zweifellos den 
breitesten Raum ein. Den Listen eignet 

Offenbarungscharakter 5 ); ihr Inhalt, der 

sowohl meteorologisch wie politisch’ wie 
auch in Richtung auf das Individual¬ 
schicksal orientiert ist, gilt somit als zu¬ 
treffend. Die Lunare haben ihrerseits 
Verschiedene Formen, je nach dem, ob 
man die sog. beleuchteten oder unbe¬ 
leuchteten Tage des Mondes, oder den 
Mond in den Tierkreisbildern oder in 
Kombination mit Pl. zum Ausgangspunkt 
der Antwortsuche auf eine Frage machte. 

a) Mondwahrsagung nach belichteten 
Und unbelichteten Tagen. 

Das Prinzip ist dieses: ist ein Tag be¬ 
leuchtet 6 ), so güt er in seinem Einfluß 


auf das vorgehabte Tun als gut, ist er 
unbeleuchtet 7 ), so gilt er als schlecht 
Es gelten in der Regel der i., 2., 3., 7., 9., 

n., 13., 14., 16., 17., 18., 20., 22., 23., 26. 
und 28. Tag als belichtet und glückbrin¬ 
gend; die anderen sind unbelichtet und 
unglücklich. Die nach diesem Prinzip 
aufgestellten Listen bieten entweder nur 
die Zahlen der Tage in der genannten 
Teilung (zuweilen übrigens unter Hervor¬ 
hebung bestimmter Stunden) 8 ), oder sie 
geben einzelne Ausführungen teils zum 
Leben überhaupt 9 ), teils etwa hinsichtlich 
des Wohlergehens eines Kranken 10 ) u. a. 
Ein Beispiel, es lautet auf den alten Namen 
des Melampus 11 ), macht das deutlich: 

a) Der erste Tag des Mondes ist in seiner 
ganzen Bildung glücklich; der 2. von der 

6. Stunde bis zu Abend; der dritteTag ist in seiner 
ganzen Bildung unbrauchbar usw. 12 ) 

b) Der erste Tag ist schön für alle'an ihm 

c 11 S enommen en Dinge. Handeltreiben, 

Schiffahrt und über-Land-gehen, Sklaven - 
kaufen, Verträge-schreiben, Kinder zum Unter¬ 
richt geben, Sold empfangen, Grundstein¬ 
legung. Km Flüchtling wird in wenigen Tagen 
gefunden. Wer krank zu werden anfing, stirbt 
schnell. Wer geboren wird, ist aufziehbar. 
Verlorenes wird gefunden. Ein neugeborenes 
Kind wird gewandt und leicht veränderlich 
sein und ein Jäger und groß im Leben, . . es ist 
ein Gotteskind und den Menschen sehr lieb 

■ ■ ' e s stirbt jung und auf den Tag seiner Ge- 
burt 13 ). 

b) Der Mond in den Tierkrcisbildern. 

a) Man verfolgt die Stellung des 
Mondes in den Tierkreisbildern, 

und zwar sieht man zunächst einfach auf 

die jeweiligen Tierkreisbilder, 

| ohne auf bestimmte Räume in 
ihnen Rücksicht zu nehmen oder 
Zeichen am Mond zu beachten. 
Zu den einzelnen Tierkreisbildern finden 
sich dann wie oben die Angaben über das, 
was man tun und lassen soll. Dabei ist 
für diese Angaben des öfteren Einwirkung 
der astrologischen Natur des betreffenden 
Tierkreiszeichens zu erkennen. Eine 
solche (wie sie hier vorhegt, freilich erst) 
byzantinischer Zeit angehörige Liste findet 
man CCA V 3,94ff. aus einer Hs. im 
Vatikan (14. Jh.), deren Vorlage wohl 
schon die aus allen möglichen griechischen 
und arabischen Autoren gemachten Aus¬ 
sagen unserer Hs. enthielt. 


41 


Planeten 


42 


1 ? i 

fi: 


Beispiel: 

Der Mond in der Jungfrau ist geeignet zum 
S&en .. . zum Besuch verwitweter Frauen, 
tum Ankauf von Schiffen. Die Zeit ist günstig, 
Kinder in den dialektischen Unterricht zu 

E hen und sie zu erziehen, Sklaven frei zu 
ufen und Purgiermittel zu gebrauchen. 
Dieselbe Zeit ist ungeeignet, um auf dem 
Markt Besorgungen zu machen und hoch¬ 
gestellte Personen zu besuchen 14 ). 

ß) Verwandte Listen beobachten Mond¬ 
finsternisse (s. a. Finsternisse) oder auf¬ 
fällige Anzeichen am Mond in den ein¬ 
feinen Tierkreisbildern (bzw. deren Mo¬ 
naten). 

I. Beispiel: November (Skorpion): Wenn 
der Mond sich verfinstert, kommt Zorn über 
alle Menschen, in den Städten wird Hungers¬ 
not sein; es gibt große Kriege. Und ein sehr 
großer Mann wird wider den König auftreten 
Und zu ihm sagen: ,,ich bin König“. Hernach 
aber wird er in die Hände des Königs fallen l5 ). 

2. Beispiel. Schütze. Dezember: Erscheint 
der Mond blutig, so werden große Städte auf¬ 
rührerisch sein. Ist der Mond um die erste 
Nachtwache und Monatsmitte dunkel, werden 
die Leute im Palast aufrührerisch gemacht. 
Ist der Mond aber um die 2. Nachtwache 
dunkel, so deutet dies auf Krieg für die Küsten¬ 
bewohner usw. 16 ). 

Von den beiden Beispielen ist das erste 
einer griechischen Hs. des 15. Jh. ent¬ 
nommen, die heute im Escorial auf¬ 
bewahrt wird; für das Alter der Über¬ 
lieferung beweist das aber nichts. Das 
zweite Beispiel stammt aus Laurentius 
Lydus, dessen zerstörte Kapitel nun mit 
Hilfe der gleichen Hs. so glücklich ergänzt 
werden können. Wie alt das Material 
in diesen Listen ist, beweist die von Boll 
und Bezold gemachte Entdeckung von 
wörtlichen Zitaten babylonischer Mond¬ 
wahrsagelisten bei Lydus 17 ). Auch bei 
Lydus werden die Mondfinsternisse mehr¬ 
fach berücksichtigt (CCA XI 1, 155, 15). 

7) Eine weitere Gruppe der Lunare 
behandelt den Mond in den Tier¬ 
kreisbildern hinsichtlich seiner 
Bedeutung für einzelne Fragen¬ 
komplexe, wie Landbau, Auffindung 
von Gestohlenem, Heirat, Dauer des Ge¬ 
fängnisaufenthaltes usw. 18 ). Einer der 
Hauptvertreter dieser antiken Lehre war 
Dorotheos von Sidon (1. Jh. n. Chr.) 19 ), 
den ich schon deshalb hier zum Beleg 
heranziehe, weil er einer der griechischen 


Astrologen ist, dessen „Lehren“ die Araber 
ungemein stark verarbeitet haben. Durch 
ihre Vermittlung ist mit Namenszitat oder 
ohne dieses dann vieles von ihm in dieHss. 
des Mittelalters und die Prognostiken der 
Renaissance gekommen. Das 5. Buch 
seines den Elektionen gewidmeten Werkes 
enthält sehr instruktives Material, von 
dem hier aus dem Kapitel „über den 
Eingekerkerten“ einiges angeführt sei 20 ): 

Ist der Mond (in der Stunde, in der einer 
eingekerkert wird) im Widder, so bezeugt er 
schnelle Lösung. Ist er im Stier, bleibt er lange 
Zeit im Kerker; leidet er hinwiederum dieses 
wegen seines Vermögens, so wird er dieses 
verlieren, später aber wird er dem Kerker und 
den Schmerzen entrinnen. In den Zwillingen 
wird er in seinem schlechten Ergehen auf- 
gerieben, wenn er nicht in den ersten drei Tagen 
freikommt. Der Krebs wiederum wird ihn 
lange Zeit mit Ungemach festhalten usw. 

Diese Versifikationen werden hernach 
für den praktischen Gebrauch paraphra- 
siert; die astrol. Sammelhss. der byzan¬ 
tinischen Zeit enthalten viele Dorotheos- 
kapitel in Prosa, die dann unabhängig 
vom metrischen Grundtext ihre eigene Tra¬ 
dition haben 21 ). Teilweise sind sie auch 
den arabischen Astrologen entnommen; 
eine Paraphrase des eben angeführten Ka¬ 
pitels existiert z. B. bei Abu ’l-Hasan ‘Ali 
ibn abi 'r-rigäl (alias: Albohacen). Ähn¬ 
liches ist am Text des Maximus zu be¬ 
obachten, dessen Paraphrase in cod. Laur. 
28, 34 fol. 164fr (vgl. CCA I 71) enthalten 
ist 22 ). Daraus wurden dann durch ta¬ 
bellarische Kürzung des Textes neue 
Nachschlagetexte gewonnen; solche findet 
man CCA XI 1, 165 f. zum Säen, Pflanzen 
und Heiraten. 

Beispiel; Ist der Mond in den Zwillingen, 
ist es sehr schön, alle Landarbeit zu tun, zu 
säen und zu pflanzen; ist er im Krebs, soll man 
Gärten bestellen, Gräben ziehen und unbear¬ 
beitetes Land urbar machen 23 ). — Ist der 
Mond im Widder, so wird der Bräutigam ge¬ 
schädigt; denn seine Frau wird unbeständig, 
ihren Entschluß ändernd, lieblos sein und den 
Mann verlassen; ist der Mond im Stier, so wird 
der Bräutigam geschädigt; denn seine Frau 
wird ehebrecherisch sein und vielen gehören; 
sie ist lästig 24 ). 

Bei Dorotheos folgt auf die Liste, die 
die Bedeutung des Mondes allein in den 
Tierkreisbildern erörtert, stets in dem 
genannten 5. Buche zu den einzelnen 



43 


Planeten 


44 


Fragebereichen eine zweite, die die plane¬ 
tarischen Aspekte zum Monde beachtet. 
Dadurch ergibt sich eine Vielfalt von Be¬ 
ziehungen, die indes nur die höhere Astro¬ 
logie ausdeuten kann (vgl. Antiochos CCA 
VII, 107h.). 

Die Tierbilder bleiben dann außer acht. 
Diese Listen sind indes wieder vereinfacht 
worden in Lunare, die die plan et arischen 
Freundschaften und Feindschaften des 
Mondes in den Tierkreisbildem behan¬ 
delten. Eine solche Liste liegt CCA VIII i, 
200ff. vor; Cumont vermutet arabischen 
Ursprung; für die tabellarische Form mag 
das zutreffen 25 ); der Sache nach gehen 
diese Lunare auch auf die Antike zurück. 

So heißt es im Kapitel über das See¬ 
reisen bei Dorotheos (CCA VI iio, 5ff.): 

Nicht sei der Mond in Synaphie 26 ) mit dem 
Saturn, wenn er stillsteht, oder in Quadratur 
zu ihm. Denn — so sagt er —, selbst wenn er 
im Trigonalaspekt 27 ) steht, werden die Reisen¬ 
den kaum sich retten, nachdem sie von ihrer 
Last manches herausgeworfen haben. Steht 
aber noch Merkur, ebenfalls im Augenblick 
des Stillstands, mit ihnen in Aspekt, wird das 
Unglück noch größer und widerwärtiger sein; 
nur wenn ein guter Stern in Aspekt steht, ist 
das Unheil gering usw. 

Man vergleiche die erwähnte Liste der 
Freund- und Feindschaften z. B. Kap. 13: 

Mond und Saturn im Diagonalschein bedeutet 

volle Feindschaft. 

Ist der Mond im Widder, so ist das schlecht 
für alles. Schön ist diese Konstellation nur zum 
Trinken von Arznei und Einkauf von Sklaven. 
Ist der Mond im Stier, schlechter Tag. Es ist 
nicht zuträglich, sich eine Frau zu suchen. 
Ist der Mond in den Zwillingen, schlimm für 
alles 28 ). 

Das ist aus solchen bei Dorotheos vor¬ 
liegenden Angaben exzerpiert und nach 
Konstellationen geordnet (Hingegen ist 
die laienastrologische Auswertung der 
28 Mondstationen sicher erst arabischen 
Ursprungs; vgl. weiter unter Sp. 49ff.) 

S) Wahrsagung des kommenden Jahres 
aus dem Mondstand zur Zeit des Siriusauf- 
g a n g s (20. Juli) oder zu Beginn des Neuen 
Jahres (21. März, selten 1. Januar). 

Beispiel aus dem Werke des Astrologen 
Antiochos (zwischen 100 v. u. 50 n. Chr.) 29 ): 

Ist der Mond zur Zeit des Siriusaufgangs im 
Löwen, dann wird eine reiche Ernte an Getreide, 
öl und Wein zu erwarten sein, und alle übrigen 
Sachen werden billig sein. Es wird Unruhe in 
der Luft herrschen und ein weiches Klima vor¬ 


herrschen; es gibt einen Überfall von Völkern; 
auch Erdbeben und Stürme auf der See werden 
kommen. In der Jungfrau wird es viel Regen 
geben, Frohsinn wird herrschen, aber auch 
Sterben von Kindsmüttern ist zu erwarten; 
Sklaven und Vierfüßler werden nicht käuflich 
sein, usw. 30 ). 

2) Sonnenfinsternistexte. 

Wie es Wahrsagungen aus der Kom¬ 
bination einer Mondfinsternis mit einem 
Tierkreisbild gibt, so auch aus den Sonnen¬ 
finsternissen in den Zeichen. Eine solche 
auf das Werk des Nechopso-Petosiris 31 ) 
zurückgehende Liste enthält CCA VII 132 
nach einer Münchener Hs.; die Liste deckt 
sich weitgehend mit derjenigen, die von 
Hephaistion I 21 überliefert ist. Ihre Vor¬ 
aussagen umfassen den ganzen Erdkreis 
und sind vor allem politisch orientiert. 

Beispiel: Wenn im Löwen sich die Sonne in 
der 1. oder 2. oder 3. Stunde verfinstert, wird 
das Heer der Barbaren die Griechen belagern, 
und es werden die Barbaren siegen. Wenn dies 
in der 4. oder 5. oder 6. Stunde geschieht, wird 
in Ägypten ein großer Mann umkommen usw. 32 ). 

Weitere Listen berücksichtigen Donner, 
Blitz oder Erdbeben zur Zeit der Sonne 
in den einzelnen Tierkreisbildern; sie 
sind aber, so viel ich sehe, ohne größere 
Nachwirkung geblieben 33 ). 

3) Planetenbücher. 

Neben den Listen, die in den aufgezeig- 
ten mannigfachen Kombinationen den 
Mond oder die Sonne zu Wahrsage¬ 
zwecken ausdeuten, gibt es viele andere, 
die die pl. Tages- und Stundenregenten 34 } 
mit ihren Kraftauswirkungen auf zählen. 

a) Hebdomadenlisten für Stunden und 
Wochentage. 

Das zugrunde liegende Prinzip ist das 
der Tages- und Stundenherrschaft der 
Planeten. Jeder Tag wird regiert von dem 
Planeten, dem die erste Stunde zukommt; 
die folgenden Stunden beherrschen die 
Planeten nacheinander in der Reihenfolge 
der Sphären des ptolemäischen Welt¬ 
bildes. Das System, nach dem die Auf¬ 
teilung der Planeten auf die Woche vor¬ 
zunehmen ist, erklären Vettius Valens 
(I 10) und Cassius Dio (38, 18) 35 ). Dar¬ 
nach kommt jeweils die 1. Stunde des 
folgenden Tages auf den vierten Planeten 
der Reihe, ausgehend von dem, der die 
1. Stunde des vorhergehenden Tages be- 


Planeten 


46 




45 


4*. m V» 

in 0 




I herrscht. Man beginnt die Verteilung mit 
|idem Saturn als dem entferntesten Pla- 
f Beten; dieser Reihenanfang ist in den 
|> Bieisten astrologischen Planetenlisten üb- 
| hch. Folgendes Schema läßt das Prinzip 
p leicht erkennen: 

) I. Saturn, 2. Jupiter, 3. Mars, 4. Son¬ 
ne, 5. Venus, 6. Merkur, 7. Mond, 
ii 8 . Saturn, 9. Jupiter, 10. Mars, 
‘ XX. Sonne, 12. Venus, 13. Merkur, 
X4- Mond, 15. Saturn, 16. Jupiter, 
*7- Mars 18. Sonne, 19. Venus, 
•0. Merkur, 21. Mond, 22. Saturn, 


*7- Mars 18. Sonne, 19. Venus, 
• 0 . Merkur, 21. Mond, 22. Saturn, 
03. Jupiter, 24. Mars, 25.(1.) Sonne, 
0 . Venus, 3. Merkur, 4. Mond. 

Steht also die erste Stunde unter dem 
Saturn, so die 25., d. h. die erste des 
nächsten Tages, unter der Sonne, die erste 
des übernächsten Tages unter dem Mond 


Mars 


Merkur, 21. 


22. 


USW. Man erkennt leicht, daß hier die 
Reihenfolge unserer Tage auf Grund der 
Sphärenordnung des ptolemäischen Welt¬ 
bildes festgelegt ist. Cassius Dio glaubt 
tn altägyptischen Ursprung des Systems, 
Was Boll mit Recht bezweifelt hat 36 ). Viel¬ 
mehr deutet alles auf den Hellenismus als 


Zeit der Entstehung. Valens weist darauf 
hin, daß die Länge der Stunden sich nach 
der Jahreszeit und der geographischen 
Breite richte, man es also mit „kairischen“ 


Stunden zu tun habe. Nach ägyptischer 
Weise beginnt er die Zählung mit der 
X. Stunde nach Sonnenuntergang. Schon 
Serapion — wohl Schüler des Astronomen 
Hipparch — forderte die Beachtung des 
noXeutov und oisttcov bei jeder Unter¬ 
nehmung, verlangte aber dazu die Be¬ 
obachtung des Planetenortes 37 ). Als zu 
kompliziert strich die Laienastrologie 
diese detaillierten Auslegungsprinzipien. 
Dies System erst ermöglichte genaue 
Feststellungen über günstigen oder un¬ 
günstigen Verlauf der geplanten Unter¬ 
nehmungen. Juvenal erzählt, von keiner 
römischen Dame seiner Zeit sei etwas aus¬ 


geführt worden, ehe sie ihre Ephemeriden 
befragt und daraus die dem Unternehmen 


günstige Stunde des Petosiris erfahren 
habe 38 ). 

Eine einfache Liste mit Angaben über 
die Natur des Neugeborenen legt Anti¬ 
ochos vor: 


Ist Saturn Tagesgott, so sind die in der 
1. (— dem Saturn gehörigen), 3. (= dem Mars 
gehörigen), 8. (= dem Saturn gehörigen), 

10. (= dem Mars gehörigen) Stunde geborenen 
Kindern unedel und schädlich, und sterben 
gewaltsam. Ist Jupiter Tagesgott, so sind die 
in der 1., 4., 10. und 11. Stunde geborenen 
Herrscher berühmte Leute, jugendlich schön 
und anmutig 39 ). 

Die Verteilung der Stunden geschah 
früher nach Tag und Nacht getrennt 
(vgl. CCA IV I36ff.); eine Liste bei He¬ 
liodor (ca. 500 p. Chr.) gibt danach die 
Übersicht über die Stundenherrscher der 
Woche, eine zweite die Bedeutung der 
Planetenstunden. Danach gilt: 

Wer in der Stunde der Sonne etwas Heim, 
liches tun will 40 ), dem wird es nicht gut gehen- 
Sie bewirkt Vereinigung, gewährt Gastfreund¬ 
schaft; mache dich auf, wo du auch willst, zu 
Wasser oder zu Land, beginne Hausbau, lege 
Fundamente, kaufe Pferde, gib Kinder in den 
Unterricht; ein von dir gestohlener Gegenstand 
wird gefunden werden 40 ). 

Später zählte man die Stunden durch. 
Eine sehr übersichtliche Ephemeris liegt, 
nach älteren Materialien gearbeitet (vgl. 
Boll in CCA VII 88) aus byzantinischer 
Zeit vor 41 ). Man liest: 

Übersicht über die Planeten und über das, 
was man in ihren Stunden tun muß, in denen 
sie die 7 Tage der Woche beherrschen. 

Den Tag des Herrn beherrscht die Sonne. 

O» am 1 • Tag herrscht die Sonne in der 1. Stunde 
(Wertung fehlt). 

5 , in der 2. Stunde herrscht Venus: schön. Sie 
bringt Zuneigung der Herrn, der Großen 
und der Tyrannen. 

§, in der 3. Stunde herrscht Merkur: sie ist 
nützlich durch die Bekanntschaft mit den 
Herrn. 

(£, in der 4. Stunde herrscht der Mond: ge¬ 
eignet, um mit dem Herrn zu verkehren, 
in der 5. Stunde herrscht der Saturn: 
verbirg die Bekanntschaft, 
in der 6. Stunde herrscht Jupiter: geeignet, 
um zu den Herrn zu gehen. 

(?. in der 7. Stunde herrscht Mars: sieh dich 
vor; unternimm nichts, 
usw. durch alle Stunden der Woche. 

Dieselben Listen erscheinen mit christ¬ 
lichem Einschlag z. B. CCA VII 90, 20ff. 
So ist z. B. zum Tag des Mondes gesagt 

Stunde 7 und zugehörige unterstehen Merkur: 
der Flüchtige hält sich im Tempel (Kapelle) 
oder in einem Kloster auf. Der Erkrankte 
stirbt usw. 42 ). 

b) Listen mit J ahresregenten. 

Eine andere Gruppe solcher Planeten¬ 
listen verzeichnet Jahresregenten. Von 



47 


Planeten 


Planeten 


50 



ihnen ist das Werden des Jahres abhängig 
gedacht. Man errechnet diese entweder 
nach bestimmten Methoden oder gewinnt 
sie aus dem Wochentag der Kalenden. 
Für die erste Form kenne ich zwar nur 
ein ganz junges griechisches Exemplar, 
das in einer athenischen Hs. des anfangen¬ 
den 18. Jh. enthalten und für die Jahre 
ab 1722 aufgestellt ist 43 ). Aber die Ge¬ 
wohnheit, sich den Jahresregenten zur 
Grundlage der meteorologischen Gestal¬ 
tung des Jahres zu machen und von da 
auf das Leben des einzelnen zu schließen, 
ist ebenfalls antik. Galater 4,10 ruft 
Paulus den Galatern ironisch zu: „Be¬ 
obachtet doch Tage und Stunden und 
Monate und Jahre“; nach der Darlegung 
versteht man, daß auf die Lehre von den 
7roXetSovi£c und Sisttgvtss einerseits und 
die Lunare andererseits angespielt wird. 

Als Jahresregenten kennen wir an sich 
die Tierkreisbilder 44 ), die übrigens in 
der genannten Liste der Athener Hs. mit 
verarbeitet sind; aber erstens ist es nicht 
konsequent, dieselben auch planetarisch 
zu denken, und zweitens ist jene byzan¬ 
tinische Liste (am Wortschatz) erkennbar 
aus Überarbeitung älterer Listen ent¬ 
standen. Wir dürfen sie hier einreihen 
und zitieren den Anfang: 


Der Planet des Jahres ist der Mond mit dem 
Tierkreisbild des Schützen, dem Haus des Ju¬ 
piter. Die Zeit wird gut sein für die Früchte 
und schön. Der Winteranfang ist gemäßigt, 
die Mitte (des Jahres) regen- und windreich. 
Das Ende mit Regengüssen usw. 

Die andere Methode ist schon mit dem 
Namen des Astrologen Antiochos über¬ 
liefert, Ein Beispiel erklärt das Ver¬ 
fahren : 


Fallen die Kalenden (des Januar) auf den 
1. Tag (nämlich den der Sonne) so gibt es einen 
brauchbaren Winter; nassen, aber ertrag¬ 
reichen Frühling, einen trockenen Sommer und 
gemäßigten Herbst. Tiere gehen zugrunde, 
jüngere Leute sterben, ganz geringe Winde 45 ). 

Andere Listen verarbeiten andere Aus¬ 
legungen; so ist in CCA VIII 3, 191L auch 
politische Prognose wie Krieg usw. ent¬ 
halten 46 ). Interessant ist eine Liste, die 
die Witterung und die damit zusammen¬ 
hängenden Geschehnisse nach den Tages- 

herrschem der Kalenden des Oktober 
beurteilt 47 ). 


Der Kalendenaberglaube war bekannt¬ 
lich in Rom sehr verbreitet 48 ); es ist das 
CCA VIII 3, 191 durchaus empfunden, 
wo das Kalendolegion als ofomapoc 
pcojAGdxos (= Römische Weissagungs¬ 
methode) überschrieben ist. Damit läßt 
sich auch dieser Text als antik erweisen. 

c) Chronokratorien. 

Es gibt noch größere Einteilungen, in 
denen die Planeten u. a. als Regenten von je 
1000 Jahren erscheinen 49 ). Möglich, daß 
auf diese Idee das Bibelwort von den 
1000 Jahren, die vor Gott wie ein Tag 
sind, eingewirkt hat 50 ); nahe scheint 
auch der Gedanke zu liegen, daß die in 
der iranischen Zeitmystik verbreitete 
Vorstellung von den 1000 je einem Tier¬ 
kreisbild unterstellten Jahren hier über¬ 
tragen ist 51 ), zumal CCA IV 115, 31 eine 
solche Liste als „Philosophia Chaldae- 
orum“ bezeichnet wird. Die Chrono¬ 
kratorien reichen erkennbar bis ins 4. Jh. 
n. Chr. zurück; das Weltbild des Nonnos 
(5. Jh. n. Chr.) fußt auf dieser Vorstellung. 
Firmicus Maternus gibt eine solche Liste 
für 5 Planeten (III1, 10) 52 ). Ob man sich 
vor dieser Zeit im Abendland mit ihnen 
beschäftigte, ist fraglich, da die mehr¬ 
fachen Belege gerade aus dem 475. Jh. 
auf fallen. CCA IV ii4ff. findet man zwei 
Listen mit Aussagen über das Werden 
des neugeborenen Kindes. Nach der 
ersten Liste sind die in der Chiliade des 
Saturn geborenen Menschen langlebig; 
sie treiben im Gleichmaß ihres Lebens 
dem Kronos zugehörige Dinge. Die unter 
der Chronokratorie des Jupiter sind im 
Verhältnis zu jenen kurzlebiger, indem 
der Umlauf des Jupiter kürzer ist als 
der des Saturn usw. Indes blieb dieses 
System großzügige Spekulation und ohne 
erkennbare Nachwirkung auf die fol¬ 
genden Zeiten. 

Zu der Geschichte der Lunare haben 
Boll und Bezold 53 ) interessante Aufdeckungen 
gemacht, die die Übernahme und Weiter¬ 
bildung meteorologischer und politischer Weis¬ 
sagungen der Babylonier und Assyrer durch die 
Griechen evident erwiesen haben. Nicht nur, 
daß die Terminologie griechischer Lunare z. T. 
vollkommen ungriechisch ist (vgl. z. B. Laurent. 
Lyd. de ostent. ed. Wachsm. p. 54, 20 mit 
Sitzber. S. 32 Nr. 25), sondern die Texte 
decken sich geradezu. Man vgl. „Wenn 


im Monat Elul (Aug.—Sept.) eine Verfinsterung 
(des Mondes) in der mittleren Nachtwache 
Stattfindet, wird meine Festung der Feind 
nehmen“ mit Lydus de ost. p. 48, 7 ff. z{ oe ev t r t 
^lutEpa cpuXcc/Tj ojxotüi; ccuuopd cpavT}, ecpooov 
KoXejjiujüv d-EiAtl (nach dem nun vollständig 
vorhandenen Text in CCA XI 1, 148, 13ff.). 
Bei Boll weitere Beispiele a. a. O. Auch von 
Bearbeitung des babylonischen Materials 
unter den Händen der griechischen Übersetzer 
und Redaktoren hat sich eine Spur gefunden 54 ). 
Die antiken Übersetzer, die in Betracht kommen, 
gruppieren sich wesentlich um Laurentius Lydus' 
Buch de ostentis, das seine Lunare auf die -aXatof 
lurückführt, wie oft bei Astrologen 55 ). Eine 
wichtige Notiz weist darauf hin, daß schon 
Eudoxos v. Knidos solche Wahrsagetexte 
kannte 56 ); so kann man annehmen, daß in dem 
3. Jh. v. Chr. die Lunare des Zweistromlandes 
bei den antiken Völkern durch Übersetzen ver¬ 
arbeitet wurden. Daneben wurde manches auf 
dem Umweg über Nechopso-Petosiris (ca. 150 
v. Chr.) vermittelt. 

II. Arabische Listen; ihr Ein¬ 
dringen ins Abendland. 

Diese im späten Altertum im wesent¬ 
lichen so ausgebildeten Listen der Laien¬ 
astrologie vermehrten die Araber, die 
auch diesen Orakeln neben der höheren 
Astrologie ihre Aufmerksamkeit zuge¬ 
wandt haben 57 ), um eine neuartige Orakel- 
methode. Ihr Prinzip ist, aus den Mond¬ 
stationen (s. d.) zu weissagen. Wann das 
genau zum erstenmal geschah, weiß ich 
nicht zu sagen; es gibt aber einen sicheren 
Anhalt, daß man bei den Arabern schon 
im 879 * Jh. (273. d. H.) 4 diese Listen ver¬ 
wandte (s. u. Sp. 51). Sie sind wohl 
noch älter und werden später gern Völkern 
oder gelehrten Männern, die in der Astro¬ 
logie etwas bedeuteten, untergeschoben. 
So lernt sie die Zeit des 11. Jh. kennen. 

Eine solche Liste, auf den Namen der 
Inder und des Dorotheus lautend, liegt bei 
Abu T-Hasan ‘Ali ibn abi ’r-rigäl (1016— 
1062 in Tunis) vor; er hat sie, wie fast 
alles andere Detail seines großen Werkes, 
von einem früheren Astrologen über¬ 
nommen. Cap. 101 des VII. Buches dieses 
4 Liber magnus et completus’ trägt in der 
lateinischen Übersetzung 58 ) die Über¬ 
schrift: In electionibus secundum motum 
lunae per mansiones. Es wird stets zuerst 
der Name der Station samt seiner Grad¬ 
ausdehnung genannt, darauf folgt die 
Auslegung. 


Beispiel für den Widder: 

Alnath 5d ), a principio Arietis usque ad 12° 11' 26'' 
est mansio prima. Dicunt Indi quod quando 
luna fuerit in hac mansione, bonum est 
bibere medicinas, pönere bestias ad pas- 
cendum, iter facere in illa die nisi secunda 
ho ra diei. — Dixit Dorothius non est bonum 
facere coniugum usw. 

Albethain, a 12 0 11' 26" usque ad 25° 22 / 52 / ' 
ipsius. Dicunt Indi quod quando luna 
fu erit in hac mansione, bonum est Seminare, 
itinera facere. — Et dicit Dorothius, quod 
non est bonum facere in ea coniugum usw. 
Athoraie, a 25 0 22' 52" usque ad 8° 34' 18" Tauri. 
Dicunt Indi quod quando luna fuerit in 
hac mansione, bonum est mercari ac vin- 
dicare se de suis inimicis; est mediocris 
pro itinere. — Dicit Dorotheus usw. 

28 Mondstationen gibt es im ganzen; 
zu allen äußern sich die bei ‘Ali ibn abi 
’r-rigäl kombinierten Listen ähnlich. 

Joh. Hispalensis, der als einer der 
ersten Abendländer 1135—1153 in Toledo 
im Aufträge des Erzbischofs Raimund 
mit Übersetzungen arabischer Astro¬ 
logen beschäftigt war, hat seinerseits eine 
‘Epitome totius astrologiae’ verfaßt 
(1142) 60 ). Diese ist z. T. aus arabischen 
Autoren zusammengearbeitet; sie enthält 
am Ende eine Tafel der 28 Mansionen, 
die die lateinischen Namen der Stationen, 
die Gradausdehnung in den Tierbildem, 
die Natur sowie Glück oder Unglück an¬ 
zeigt. Die Gradangaben weichen von 
ibn abi ’r-rigäl ab. Der Tabelle voran 
geht eine ausführliche Beschreibung der 
Mansionen, wie bei ibn abi ’r-rigäl. Es 
werden wieder die Aussagen der Inder 
und des Dorotheus zitiert; der Einfluß 
von ibn abi T-rigäls Buch ist unverkenn¬ 
bar. Die erwähnte Tafel unterscheidet 
sich von den Prosakapiteln nur insofern, 
als sie auch die Natur der Stationen nach 
den Begriffen „frigidus, siccus, tempera- 
tus, humidus, calidus“ und deren Mischun¬ 
gen bestimmt. Dafür kann ich noch keine 
Quelle erkennen. Da es von der Epitome 
des Johannes Hispalensis etliche Hss. 
auch in deutschen Bibliotheken gibt 61 ) 
und das Buch schließlich 1548 in Nürn¬ 
berg gedruckt wurde, ist sein Verfasser 
u. a. (etwa neben ibn Esra) als Vermittler 
arabischer Laienastrologie anzusehen. 
Guido Bonatti beispielsweise, dessen gro¬ 
ßer Einfluß auf die Entwicklung der 





Planeten 




Planeten 



Astrologie in Italien immer deutlicher 
wird 62 ), zitiert in seinem ‘Liber de muta- 
tione' nach der Epitome des Joh. Hispa- 
lensis die Mondstationen unter Reduzie¬ 
rung der 5 die Natur bezeichnenden Be¬ 
griffe auf drei, nämlich: humidus, siccus, 
communis. Dies hat später Gültigkeit 
erhalten. 

Auch byzantinische Hss. mit ähn¬ 
lichen Listen sind ans Licht gezogen wor¬ 
den. Im Cat. codd. astrol. Graec. findet 
man zwei; sie stehen CCA V 3, 90 und 
VIII 1, 217. Die Einleitung zu letzterer 
Stelle enthält Cumonts Hinweis auf den 
arabischen Ursprung der astrologischen 
Verwendung solcher Listen und stellt 
eine ausführliche Erörterung des Problems 
für den IX. Band des Catalogus in Aussicht. 
Die beiden griechischen Listen hängen 
sachlich zusammen; von der Pariser Hs. 
(VIII 1, 217) gibt es Abschriften in einer 
Venetianischen und einer Münchener Hs., 
sie hatte also Verbreitung gefunden; Grad¬ 
angaben fehlen; die Namen der Mansionen 
decken sich freilich mit der Liste des ibn 
abi ’r-rigäl so wenig wie die Auslegungen. 
Es gab also auch hier verschiedene Ver¬ 
sionen, von denen eine vom 12. Jh. an 
über Spanien bekannt wurde, während 
die andere seit dem 14. Jh. mit den griechi¬ 
schen Sammelhandschriften von Byzanz 
aus in Italien, Frankreich und Deutsch¬ 
land eindrang. Aus dem Zustand der 
griechischen Überlieferung ist zu schließen, 
daß in Byzanz die Lehre im 13. Jh. sicher 
bekannt war 63 ). 

Der schon im 9. Jh. (Karolingerzeit) 
durch einen Juden (?) verfaßte ‘über Alex- 
andri’, ein auf Grund hellenistischer und 
arabischer Astrologie (syrische Vermitt¬ 
lung) kompiliertes Werk, enthält freilich 
die früheste Auslegung der arabischen 
Mondstationen im Abendland. Die Namen 
berühren sich mit den Namen bei ibn abi 
T-rigäl. Das Buch existiert jetzt in lateini¬ 
scher Übersetzung in einer Pariser Hs. 
des 10. Jh. Seine Wirkung neben Manilius 
und Firmicus ist schwer zu beurteilen. 
Das Kapitel über die Mondstationen fand 
in der breiteren Öffentlichkeit keinen An¬ 
klang. Erwähnt wird der ‘liber Alexan- 


dreus’ erstmalig von dem 1142 gestorbenen 
Wilhelm von Malmesbury 64 ). 

III. Deutsche Zeugnisse. 1) Mittel¬ 
alterliche Materialien. 

Das Gesamt dieser Listen der Laien¬ 
astrologie hegt vom 14. Jh. an in Hss. des 
deutschen Sprachgebiets vor; die Haupt¬ 
masse der handschriftlichen Zeugnisse 
gehört sogar dem 15. Jh.an. Ähnliche Er¬ 
gebnisse erhält man durch Einblick in 
die Bestände der römischen Bibliotheken. 
Danach sieht es nun so aus, als ob eine 
Bekanntschaft mit diesen Dingen erst 
mit dem Eindringen der höheren Astrolo¬ 
gie ins Abendland stattgefunden habe; 
daß dem nicht so ist, sondern daß eine 
ununterbrochene Linie auf die west¬ 
ländische Spätantike zurückgeht, be¬ 
weist die Polemik der abendländischen 
Kirchenfürsten gegen die Laienastro¬ 
logie 65 ). So bekämpft um 520 Caesarius 
von Arles den Brauch, den Reiseantritt 
vom Tagesregenten abhängig zu machen; 
ähnliche Polemik findet man bei Eligius 
(ca. 650), dem Reichenauer Abt Pirminius 
(753) und Hrabanus Maurus im 9. Jh. 
In einer römischen Hs., die 1077 in Ober¬ 
bayern geschrieben wurde, ist ein Lunar 
enthalten 66 ). Ähnliche Lunare lassen 
sich ausHss. des 11., 12. und 13. Jh. nach- 
weisen 67 ). Auch die Überlieferung der 
auf Tagwählerei beruhenden, ebenfalls 
im ganzen Altertum gepflegten Weis¬ 
sagung in lateinischen Hss. des 9. und 10. 
Jh. wird man als Beweis dafür heran¬ 
ziehen dürfen, daß die im Prinzip ähn¬ 
lichen antiken Orakel nach den Lunaren 
oder dem Wochentagsplaneten des Neu¬ 
jahrstags von der Spätantike her direkt 
übernommen worden sind 68 ). 

Aber es ist unzweifelhaft, daß die 
Beschäftigung mit der arab. Astrologie, 
die in Südeuropa seit dem 12./13. Jh. 
in Übung kam, hier belebend wirkte. 
Sicher ist die Ausarbeitung eines großen 
Teils der in den Hss. etwa von 1400 an 
erhaltenen laienastrologisch orientierten 
Texte hierdurch erst angeregt worden, sei es, 
daß diese Anregungen direkt aus Spanien 
über Italien oder auch über Frankreich 
kamen, dessen Beziehungen zu Böhmen 


und Süddeutschland im 14. und 15. Jh. 
beachtlich sind 69 ), oder vielleicht auch 
direkt aus Byzanz, nachdem einmal die 
neue Lehre in Südeuropa Anhänger ge¬ 
funden hatte. Mannigfache Zeugnisse der 
Renaissance berichten dann, wie sehr 
man das Leben nach den Lunaren ein¬ 
richtete 70 ). 

Um nur an einer Stelle einen Blick in 
das nun reichliche Material tun zu lassen, 
seien nach einigen deutschen und römi¬ 
schen Hss. die in ihnen enthaltenen 
laienastrologischen Texte dieser Art auf¬ 
gezählt ; das Ergebnis dieser kleinen Liste 
vervielfacht die Durchsicht j eder größeren 
Bibliothek oder des Zinner'sehen Ver¬ 
zeichnisses 71 ); das Material ist noch gar 
nicht systematisch ausgewertet worden. 

Cod. Pal. germ. 214 Heidelb. (geschr. 
X321) enthält zwei Drittel eines nach Neu¬ 
jahr orientierten Kalandologions 72 ), ein 
solches bietet vollständig der Codex 
Monac. germ. 398 in München (1435); 
ein nach dem Christtag orientiertes Ka- 
landologion ist in dem Cod. Pal. germ. 577 
in Heidelberg (15. Jh.) aufgefunden wor¬ 
den. Mondwahrsagebücher eines be¬ 
stimmten Typus (vgl. Losbücher) ent¬ 
halten der Heidelberger Cod. Pal. germ. 3 
( 14 - Jh-). die Berliner Hs. Ms. germ. fol. 
563 (15. Jh.) und fragmentarisch eine Hs. 
in Gießen (U. B.) (14. Jh.) 73 ). Cod. 
Vindob. 2378 (geschr. ca. 1400) enthält 
fol. 23 ein Kapitel über Planetenstunden, 
eine Beurteilung der Qualität des Jahres 
nach der Stellung des Mondes und einen 
‘libellus de planetis’; in cod. Vindob. 2683 
(vom Ende des 15. Jh.) findet sich fol. 31 
eine Kalenderauslegung nach dem Monde, 
in cod. Vindob. 3094 (einer italienischen 
Hs. von 1420) eine Mondstationenliste 
(fol. 238). Cod. Vind. 5327 (15. Jh.) ent¬ 
hält Planetentabellen, aufgestellt für die 
Jahre 1451—1550 (fol. 160ff.), fol. i6if. 
findet sich eine Bauempraktik (s. d.) 
mit Auslegungen der planet arischen Wo¬ 
chentage, auf die die Januarkalenden 
fallen 74 ). Zwei Erfurter Hss. (13./14. und 
14 - Jh.) kennen die Auslegung der Mond¬ 
stationen 75 ). Der im Vatikan befindliche, 
aber in Deutschland geschriebene cod. Pal. 


Lat. 1369 (ca. 1444) enthält ebenfalls eine 
Liste der Mondstationen 76 ) usw. usw. 

Als einzigen Beleg führen wir den An¬ 
fang eines mittelalterlichen Textes über 
Planetenstunden an; nach ihm und den 
unter c) gegebenen Zeugnissen aus den 
gedruckten Büchern wird man sich auch 
von den andern Formen dieser der Laien¬ 


astrologie dienenden Texte ein richtiges 
Bild machen können. In der Wiener Hs. 
Cod. 2378 (geschr. ca. 1400) liest man 
fol. 23 V. —24 r. 77 ): 

Cum fuit horas atumi, bonum est emere res gra- 
vis naturae, ut ferram stannum plumbum et om- 
nia metalla et lapides et pannos nigoos, et incipe 
ortos födere, et aliquas f rau des exeogitare 
contra inimicum. Et non est bonum sanguinem 
minuere, nec medicinam accipere nec potenti 
loqui nec praelato monacho ypocrite nec pisca- 
tori nec venatori nec alicui amico loqui nec 
aliquod opus mulierum construere et edificare. 
Nullum quidcumque opus incipere est bonum 
nec aliquam societatem facere nec uxorem 
accipere quia nunquam erunt concordes nec 
pannos incidere nec novos. 

Hora Iovis bonum est emere et cambiare argen- 

tum.est bonum et omnia negocia trac- 

tare que pertinent ad argentum. 

Ein ähnliches Bild der Kontinuität der 
Überlieferung erhält man bei einem Blick 
auf die Reste der Laienastrologie, die in 
englischen Hss. des MA. enthalten sind. 
Das Material ist zusammengestellt von 
M. Förster 78 ). So gibt es auch hier alt¬ 
englische Prognosen aus dem Wochentage 
der Geburt 79 ), Weissagungen aus dem 
ersten Wochentag (d. h. dessen Planeten), 
dem ersten Donner (ca. 1400) 80 ). Ka- 
landologien mit Weissagungen aus dem 
Wochentag des 1. Januar enthält eine 
große Sammelhs. desBrit.Mus. (11. Jh. 81 )). 
In demselben Codex sind enthalten Nati- 
vitätsprognosen aus dem Monatstage, 

T7 Ain Tronmlnnor 




Lunar ‘de rebus agendis’ usw. und zwar 
teils in lateinischer und teils in altengli¬ 
scher Sprache. Der oben erwähnten 
antiken Liste von der Sonne in den 12 
Zeichen entspricht mittelenglisch ein 
Donnerbuch des 15. Jh. (Univ. Bibi. 
Cambridge), das den Donner in jedem 
Monat auslegt, wobei zum Monatsnamen 
immer hinzugesetzt ist ‘Sol in Aquario, 
piscibus’ usw. In andern Büchern der 
Art begnügt man sich mit dem Anführen 



55 


Planeten 


56 


des Monatsnamens 82 ). Ganz antik sind 
ebenfalls die verifizierten Prognostica- 
tionen aus den planetarisch orientierten 
Wochentagen (15. Jh.) 83 ). Vor allem 
sind interessant die sehr alten (n. Jh.) 
lateinischen und englischen Geburts- und 
Krankheitslunare, Aderlaß- und allge¬ 
meinen Lunare (Mond in den 30 Tagen), 
die in verhältnismäßig großer Zahl belegt 
sind 84 ). Eine größere Anzahl moderner 
englischer Listen der Laienastrologie ver¬ 
mochte Förster in dem Zusammenhang 
mit nachzuweisen. Eine englische Mond¬ 
stationenliste ist mir nicht in diesen Ar¬ 
beiten begegnet. 

2) Nachmittelalterliche Texte. 

Wir kommen zu den bis in die Gegen¬ 
wart reichenden gedruckten Pl.büchem. 
Auch hier liefert die Durchsicht selbst 
kleinerer Bibliotheken, die reichliche 
Bestände aus dem 15.—18. Jh. enthalten, 
das Material, das die Kontinuität der 
Überlieferung erweist 85 ). So wie die Hss. 
zeigen, daß bestimmte Formulare immer 
weiter von Jahrhundert zu Jahrhundert 
gegeben werden, werden auch die Pl.- 
bücher, die jene laienastrologischen Listen 
enthalten, immer wieder neu aufgelegt. 
Dieselben Listen mit Mond- und Wochen- 
tagsprognosen, die in dem sog. „Großen 
Planetenbuch“ des 16. Jh. enthalten 
sind 86 ), erscheinen in der 1724 gedruckten 
Auflage wieder 87 ). Andere solche der 
Laienastrologie dienenden Werke zeigen j 
das gleiche Verhältnis zwischen älteren 
und jüngeren Auflagen. Eine genauere 
Durchforschung des hs. Materials wird die 
Zusammenhänge mit dem MA. noch 
deutlicher machen können. Überall sind 
zu den antik-mittelalterlichen Lunaren 
nunmehr die durch die Araber ver¬ 
mittelten Materialien (u.a. Mondstationen) 
getreten. Wir zitieren einige Sätze aus den 
Listen solcher Pl.bücher, um den Zusam¬ 
menhang zu veranschaulichen. Die Listen 
sind in der Reihenfolge der oben be¬ 
sprochenen antiken Listen aufgeführt. 

a) Lunare, oc) Bekannt ist mir erstens 
eine Liste, die den Mond in den Tier¬ 
kreisbildern beurteilt 88 ). 

Der Mon hat in jedem Zeichen seine Wirkung. J 
So kein hinderniss zwischen kompt / Als: 


So der Mon ist im Widder / fahe an was du 
bald zum end bringen wilst / was lang währen 
soll / meide. Hab gespräch mit Fürsten vnd 
Gewaltigen / bad / beschere das Haupt nicht / 
schrepffe keinem kranken am hals oder ohren. 

So der Mon im Ochsen ist / fahe langwirige 
ding an / pflantze bäum / Weingärten / sähe das 
erdtrich / bhw heuser / rede mit frawen / biss 
frölich / kauff Ochsen vnd Rinder. 

So der Mon im Zwilling ist / fahe an was nicht 

lang weren soll / thu Kinder zur Schul / hüte 
dich vor bluten. 

Wann der Mon im Krebs / ziehe vber Landt / 
brauche Latwergen. 

So der Mon im Löwen / was lang weren soll 
fahe an / schneid oder leg keine newe Kleider an / 
Artzney zum vndewen vermeide. 

So der Mon in der J ungfrawen / ist am besten 
die Kinder zur Schul thun / nimm kein Weib. 

So der Mon in der Wag / was bald naher gehn 
soll fah an / ziehe vber land / schlaff bey / handel 
mit Geistlichen / kauff / verkauft. 

So der Mon im Scorpion / fahe gar nichts 
guts an. 

So der Mon ist im Schützen / ziehe auffs 
schiessen / schlaff bey / handel mit Richtern 
und Juristen / treib kauffmanschafft. 

So der Mon im Steinbock / thue dich zun 
Alten / pfiantze äcker / weingart vnd gärten. 

So der Mon im Wasserman / lege grundfesten / 
stette / heuser / vnd thürn / pfiantze bäum vnd 
Weingärten. 

So der Mon im Fisch / stricke Fischgarn / 
ziehe vber Land. 

Ein Vorbild der Liste kann ich unter 
den griechischen nicht nachweisen; einige 

ihrer Aussagen findet man in dem Lunar 
CCA V 3, 94 ff. 

(3) Listen mit den Namen der Mond¬ 
stationen und den Auslegungen im Stil 
der beschriebenen arabischen Listen gibt 
es in Hss. des deutschen MA.s seit dem 
I 4 - Jh. In einer der erwähnten Erfurter 
Hss. (Ms. Ampi. 4 0 351 fol. 85 V.) beginnt 
die Liste folgendermaßen (14. Jh.) 90 ): 

Prima mansio lune ab antiquis philosophis 
vocatur alnach qui est facies martis 89 ) et est 
mala. 

Secunda albuta et est fortuna a(fyba, 
facies solis et est bona. 

Tertia alcoraye qui a nobis dicitur pliades 
et est facies veneris fortuna alba, bona. 

Quarta aldebaram sive(?) cor tauri, facies 
Mercurii, mala. 

Quinta almeicen (fortuna) rubea, facies 
lunae, mala. 

Sexta chara etc. 


Planeten 


58 






♦ f 


^ . 

i Die Liste fällt dadurch auf, daß sie wie 

£ h. Hispalensis Identifikationen der 
indstationen mit Stembildergruppen 
d Einzelstemen durchführt 91 ) und daß 
4e arabischen Namen wenigstens zur 
HAlfte in einer den originalen Namen 
iügenäherten Form erscheinen. Sie 
Icheint also nicht sehr fern von einer 
irabischen Quelle zu sein. 

Dieselben Mondstationennamen wurden 
ill einer andern Hs. des 14. Jh.s, von der 
wir eine Abschrift in einer andern Mund¬ 
art aus dem 15. Jh. besitzen, in Los- 
büchem (s. o. Sp. 53 und Art. Losbücher 
Sp. 1396h) verarbeitet 92 ). Im 16. Jh. 
erscheinen die Aussagen nach den Man- 
lk>nen in den populären Druckwerken. 
So ist in der ‘Astronomia Teutsch' von 1592 
eine Liste der Mondstationen abgedruckt 
(fol. 52). Die Beziehung zu den oben 
erwähnten arabischen Listen ist nicht 
deutlich zu erkennen; es muß hier ein 
drittes Schema vorliegen. Das System 
wird wie bei ibn abi T-rigäl auf die Inder 
ZUriickgeführt. Die Einleitung enthält 
eine klare Auseinandersetzung des Sy¬ 
stems; dessen nächste Quelle ist vielleicht 
Agrippa von Nettesheim (de occulta 
philosophia II 33). Da sowohl ibn abi 
'r-rigäl wie Joh. Hispalensis nur die Orakel 
zu den Mansionen geben, sei diese Ein¬ 
leitung des Lunars abgedruckt: 

Die Weisen auss India haben dem Mon 


XXVIII Mansiones / das seind Wohnung dess 
Mons genannt / zugeeygnet / welche in der 
achten Spher dess Himmels verfasset / haben 
denen zugeben mancherley Natur / Krafft vnd 
Neimen / von mancherley Gestirns wegen. Dann 
80 Luna / der Mon (welcher / wie Galenus der 
berühmpte Artzet / spricht / hat die vollkömm- 
lichste Wirkung vnd Operation / nach der 
Sonnen / auff das Erdtreich / darvmb / dass 
Luna dem Erdtreich / vor andern Planeten / 
aller nehest ist) in der Mansion einer gesatzt ist / 
werde alsdann auss derselbigen Mansion der 
Mon vberkommen eine sonderliche Kräht / 
Natur vnd Eygenschafft / mit welcher der Mon 
starck vnd kräflftig wircke auff das Erdtreich / 
als jetzundt die Feuchtigkeyt / jetzundt mit 
Truckenheyt / Kält vnd Wärme / jetzundt 
temperirtem Lufft vnd Wetter / nicht zu nassz / 
nicht zu trucken. Als wann ein new Liecht / 
das Voll / oder ein Quartier / in einer feuchten 
Mansion dess Mons erscheine / In eim feuchten 
weiblichen Zeychen / Sol man achten / vnd 
sagen / dass zur selbigen zeit folgen werde / 



feucht / nassz Wetter / nach Art vnd Natur dess 
Zeychens. So du dann funden hast die warhaff- 
tige Mansion dess Mons / so besihe denn / was 
Natur vnd Eygenschafft die habe / was dir in 
deinen Geschäften zu thun vnd zu lassen sey. 

Die erste Mansion ist temperiert. In der 
Mansion ist gut wandern / Artzney nemmen / 
neuwe Kleyder anthun / dinge nicht Knecht 
oder Mägde. 

Die ander ist trucken. In der Mansion wander 
nicht zu Wasser / kauff zame Thier usw. 

b) Sonnentexte. 

Außer dem ständig tradierten Text der 
Bauempraktik „von der Sonne (in den) 
12 Zeichen“, der Witterungsprognosen 
enthält, kennt das große Planetenbuch 
eine Liste, in der nach der Stellung der 
Sonne in den Tierkreisbildern Vorschriften 
meist medizinischen Inhalts zu den ein¬ 
zelnen Monaten gegeben sind, z. B.: 93 ) 

Im Jenner werden die Tage länger, die Sonne 
erhöht. Man soll nüchtern einen guten Trunk 
Wermuthwein tun, nicht Aderlässen, es sey 
denn Noth, so lass man an der Leber Ader, 
saure Tränke soll man nicht nehmen, mittel 
Speiss soll man essen, die weder kalt noch warm, 
selten baden, Ingwer, Poley, Isopp, Fenchel 
mit Wein temperiert solt du gemessen, es reinigt 
die Brust usw. 

Hornung. So die Sonne in die Fische kommt, 
mehret sich die Feuchtigkeit ... Man soll, wenn 
es Noth ist, auff der Hand und Daumen Ader¬ 
lässen, .vor Meth und Bier hüte dich ...., 

halt dich warm, iss nicht zu viel, trinck über 
Odermännig. 

c) Planetenlisten. 

a) Die Planetenstunden. 

In den vulgären astrologischen Werken 
sind die pl. orientierten Prognosen am 
häufigsten. Meist erscheinen freilich 
keine geschlossenen Hebdomadenlisten; 
vielmehr hat man unter die in diesen 
Handbüchern enthaltenen Kapitel, in 
denen das Wesen der Pl. ausführlich ge¬ 
schildert wird und die den gelehrten 
astrologischen Werken entnommen sind, 
die für die Praxis der Allgemeinheit viel 
wichtigeren Pl.stundenlisten aufgeteilt. 
Ein Beispiel 94 ) (vgl. o. Sp. 54): 

In den Stunden Satumi ist gut schwere Dinge 
kauffen und verkauften, als Eysen, Bley, allerley 
Metall und schwer Ertzt, schwere Steine, 
schwärtz Gewand, gut Garten bauen, Weyer 
graben, Ertzt graben und was in der Erden zu 
handeln, ist gut seine Feind mit List bekriegen, 
graue Tier reiten, Esel, Ross und Maulesel, gut 



59 


Planeten 


6o 


allerlei Speiss einkauffen, gut säen, pflantzen 
und Ackerbauen. In der Stund Saturni ist nicht 
gut Artzney nehmen, neue Kleider schneiden 
noch anlegen, Haar abschneiden; gehe in kein 
Schiff, reise nicht über Feld, suche keinen Feind, 
mache keine Ehe, wirff oder schiess niemand, 
nicht Ader lasse, nicht schröpfe, ist nicht gut 
Geleit fordern noch nehmen, er geneust seyn 
nicht. Wer in der Stund krank wird, lieget 
lange, stirbet zuletzt. Es ist bös mit großen, 
besonders geistlichen Herrn handeln, mit 
Fischern, Jägern und freunden, böss anfahen 
zu bauen Mauerwerk, nicht gut Gesellschaft 
machen, Weiber nehmen, sie leben sonst in 
Unfriede. 

Es folgt jeweils die Schilderung des 
Planetenkindes; diese Listen sind im ge¬ 
nannten Planetenbuch ebenfalls auf¬ 
geteilt. Auch hier erscheinen die Angaben 
erheblich erweitert; überall kann man 
den Einfluß und die Durchforschung ge¬ 
lehrter astrologischer Bücher (Ptole- 
maios, vor allem die Araber) wahmeh- 
men; man vergleiche nur unsere Listen 
in den vorigen Abschnitten. Wir zi¬ 
tieren die Fortsetzung der angezogenen 
Stelle: 

Ein Kind geboren in Saturnus Stund, wird 
ein träger und schwermütiger Mensch, mit 
einem dünnen Bart, bleicher, gelber Färb, dick, 
hart, schwartz Haupthaar, ist hochmütig, fähet 
viel an, sieht nichts aus, will über andere Leute 
sein, wird selten reich, wohnet gern bey Wasser, 
ist von Natur diebisch, Räuberisch, Neidisch 
und hässig, er sticht gern, Unglückhaftigkeit 
in allen Sachen, hat viel unreiner Hitz, wird 
schnell krank, zürnet nicht leichlich, hält lange 
Zorn, ist seines Guts nicht Herr, Lügenhaftig, 
hat tiefe mörderische Augen, ist ungern bei 
vielen Leuten, trägt gern schwartz, grauet bald, 
ist kein Frauenmann, redet gern mit ihm 

( = sich) selbst, ist wohl beredt, siehet gern 
unter sich. 

Die folgenden Abschnitte zu zitieren, 
erübrigt sich, weil die in Abschnitt C 
folgenden Listen das Material, das hier ver¬ 
arbeitet worden ist, vollständig enthalten. 
Aber auch die eben zitierte Liste selbst 
ist Nachdruck einer bereits in der Astro- 
nomia Teutsch von 1592 vorliegenden 
Liste; weiter zurück vermochte ich sie 
noch nicht zu verfolgen. Doch hat hier 
fast jeder Satz seine Vorläufer bereits in 
ähnlichen Sammelkapiteln, die in Hss. 
vor allem des 15. Jh. enthalten sind. 
Ein Fall genauer Tradierung einer 


ma.en Liste bis ins 18. Jh. sei erwähnt. 
Für ein solches lateinisch abgefaßtes 
Kapitel einer alchemistischen Hs. in St. 
Gallen (1465 geschr.) konnte ich kürzlich 
weitere Verbreitung in süddeutschen Hss. 
feststellen und mit einer oberdeutschen 
Übersetzung in einer Hs. in Tübingen 
(1404) einerseits bis ins 14. Jh. zurück¬ 
verfolgen 95 ); andererseits fand ich es in 
einem anderen, 1769 gedruckten Pl.-büch- 
lein wieder 96 ). Man gewahrt auch hier über¬ 
all starke Einwirkung der gelehrten Astro¬ 
logie auf die antik-mittelalterlichen Texte 
der Laienastrologie. Dem letzterwähnten 
Kapitel liegen die arabischen Übersetzun¬ 
gen des Abu ma'Sar und ‘Ali ibn abi ’r-ri- 
gäl deutlich erkennbar zugrunde, ob direkt 
oder durch Vermittlung etwa des Abraham 
ibn Esra, bleibt noch zu untersuchen. 
Die arabischen Kapitel ihrerseits stellen 
nur Variationen der entsprechenden Ka¬ 
pitel des Ptolemaios, Valens und Rheto- 
rios dar (s. Teil C). Nach dem Bekannt¬ 
werden dieser Dinge in der Renaissance 
ergänzt man dann auch aus ihnen, was 
mir am deutlichsten in dem Pl.büchlein 
von 1769 erschien. So erklärt es sich 
leicht, warum man in den nachrenaissancis- 
tischen Handbüchern bei Texten der 
Laienastrologie die Materialien der höhe¬ 
ren Astrologie eingearbeitet findet, deren 
Orakelgebung ein logisches Prinzip zu¬ 
grunde hegt, was man von einem guten 
Teil der Orakel der eigentlichen Laien¬ 
astrologie nicht eben sagen kann. 

ß) Die Tag- und Nachtstunden 
der PI. 

Die pl. Laienastrologie der Antike wirkt 
ferner nach in den Listen, die die Tag- und 
Nachtstunden der Pl. nennen. Das Prin¬ 
zip der Aufteilung ist das antike, das wir 
schon in der Liste des Antiochos kennen 
lernten 97 ). Eine geschickte Tabelle läßt 
sofort die Stunden finden, und ,,welcher 
Planet regieret, darnach der Mensch in 
allen anfahenden Werken sich zu richten 
hab“. 

Ich teile die Tabelle nach der Astro- 
nomia Teutsch von 1592 mit: 


Planeten 


62 


6l 



10 


11 


12 


III 

IV 
V 

VI 

VII 

VIII 

IX 

X 

XI 

XII 


©I C d* 

$ © 
Q 2j. - 


21 - 


ö $ 4 

© c <7 

? t> © 

Q 2t $ 


II 


© ( * 

$ 5 © 

5 % ? 

C ? 

5 w 

2t I $ h 

2t 


2 t 

C? 

© 


2 t 

cf 

© 


2 t 

cf 

© 


2 t 

cf 

0 


% 

<f 

© 


b 

2t 

cf 

© 


t) 

2t 

cf 

© 


I—12 Tages- 
I—XII Nacht- 


Sa 

OQ 


2 

O 

3 

P 

CTQ 


ö g 


P 

oq 


3 

O 

o 

3 * 


ö 

o 

3 

3 

rt> 

-1 

(/> 

c+- 

P 

crq 


H 

fl> 


in 

p 

3 

C/> 

c* 

0) 

0Q 


Y) Planeten als Jahresregenten. 

Endlich sind bis heute die Weissagungs¬ 
bücher nichts Unbekanntes geblieben, die 
nach dem Jahresregenten die Witterung 
des Jahres Voraussagen (auch in Kom¬ 
bination mit den Mondphasen). Mir liegt 
eine solche ,,genaue Wetterbeobachtung 
nach der Regierung der sieben Haupt¬ 
planeten 4 ‘ vor, die für den Horizont von 
Augsburg ausgearbeitet in Augsburg 1780 
erschienen ist 98 ). Das 370(!) Seiten 
starke Buch enthält genaue Ausführungen 
nach den Witterungsbeobachtungen der 
Jahre 1775—1781. Es ist wie jene neu¬ 
griechische Liste (Sp. 47*) getragen von 
der Anschauung, daß je nach dem pl. 
Jahresregenten die folgenden Jahre ähn¬ 
lich ausfallen werden;,,sollte die Änderung 
des Wetters“, heißt es in der Vorrede, 
p ,nicht fast allzeit auf den Tag inskünftige 
zutreffen“, dann solle man auf die Mond¬ 
wechsel, die sich bekanntlich verschöben, 
außerdem achten, „und sodann wird alles 
ziemlich wohl ausf allen“. Im übrigen 
aber sei das Büchlein „durch bishero 
ohnverdrossene Beobachtung“, abgefaßt, 
um „denen Liebhabern eines freund liehen 
Wetters so viel anzuzeigen: wenn solche 
sich auf ein solches getrosten, und wie 


lang sie sich desselben bedienen können. 
Und dieses beliebe sowohl zur Winterszeit, 
zu einer Reise oder Schlittenfahrt, als 
auch Sommerszeit zur vorhabenden Reise 
oder Recreation zu gebrauchen“. Frucht¬ 
barkeitsorakel werden abgelehnt, weil 
sie jeder selbst aus der Trockenheit oder 
Nässe der Monate ableiten könne. Le¬ 
diglich eine kurze Rekapitulation politi¬ 
scher Ereignisse ist zu jedem Jahres¬ 
regenten eingereicht. Ein Stück zum 
Mars, dessen Regentschaft am 21. März 
1778 begann (nach uralter Astrologen¬ 
sitte beginnt das Jahr am 21. März), 
sei zitiert, um den Charakter dieses 
Buches deutlich zu machen: 

Mars. 3. Welcher ein heller, wie auch ein 
feuerbrennender Stern ist, auch seinen Lauf 
alle zwei Jahre endet. Seine Natur ist sehr 

hitzig.ein böser Anstifter des Kriegs, 

wie dann in diesem 78. Jahr nicht nur allein 
in Europa, sondern auch in Amerika sehr blutige 

Auftritte sich ereigneten . Wird in 

diesem Säculo noch folgende Jahr sein Re¬ 
giment haben, als im Jahre 1785, 1792 und 1799. 
Mit seiner Witterung hat er sich verhalten wie 
folgt. 

Der 22. März brach an trüb, mit unfreund¬ 
lichem, kaltem Wind, welcher nach und nach 
ein wenig gelinder wurde. Gegen 9 Uhr kam 

die Sonne ganz unkräftig. Der 23. brach 

erträglich an mit baldiger Sonne, allein nach 
7 Uhr wurde der Wind heftiger und unfreund¬ 
licher, welcher jedoch wider alles Verhoffen die 

viele Regenwolken zerteilet .der Abend 

wurde trüb und um 8 Uhr Nachts fing es an 
zu regnen. Nach Mitternacht da und dort was 
von Sternen. Der 24. hingegen brach frei an 
usw. usw. 

Es ist schwer, den heutigen Stand des 
Glaubens zu übersehen — vorhanden ist 
er sicher. Die Kalender mit den Schil¬ 
derungen der Planetenbücher sind noch 
immer verbreitet"), auch Listen mit 
guten und bösen Tagen und pl.en Stun¬ 
den 10 °) sollen zuweilen immer noch Grund¬ 
lage der Entscheidungen abgeben. 

Lunare werden in der volkskundlichen 
Literatur mehrfach in Beziehung zu 
menschlicher Tätigkeit, wie Aderlässen, 
Feldbestellung u. a. erwähnt 101 ). Die 
primitive Idee von der guten Wirkung 
des zunehmenden, der hemmenden Wir¬ 
kung des abnehmenden Mondes (s. Art. 
Mond Sp. 486) läßt vor allem die Land¬ 
bevölkerung an den gelehrteren Lunaren 






03 


Planeten 


64 


der Laienastrologie festhalten. Sonst ist 
aus planetarischen Listen vor allem 
die Tatsache bekannt, daß jedes Jahr 
von einem PI. regiert wird: „Der Mond“ 
z. B. heißt es, „liebt das Wasser; das Jahr, 
das er regiert, ist ein Regenjahr“ 102 ). 
Die gedruckten Kalender sorgen dafür, 
daß diese Ansichten nicht aussterben 103 ). 
Auch die Lehre von den Mondstationen 
scheint noch nicht verschwunden; und 
wie viel Jahrmärkte und Messen unserer 
Tage kennen nicht den ‘Astrologen’, 
der aus dem Tagesregenten des Geburts¬ 
tages einem nach einer der erwähnten 
PI. Kinderlisten das eigene Wesen und 
Geschick weissagt! 

3 ) Allgemein: Boll-Gundel Sternglaube 4 
185Ö. 4 ) Boll-Bezold Reflexe astrol. Keil¬ 

inschriften bei griechischen Schriftstellern (= 
Sitzungsb. Heid. Akad. d. Wiss. 1911, phil.-hist. 
Kl. 7) 5 ff. 5) CCA VIII 4, 105, 4 f. 256,30. 
6 ) r^epat TrecptuTia^evai CCA III 40, 22. 7 ) r^spat 
accumsTot ebda. 8 ) CCA III 40; V 3, 128. 9 ) CCA 
IV 142; VII 101. 10 ) CCA III 40; X 136. n) Vgl. 
Lyd. de ost. c. 16a (nach Wachsm.) Ende in 
der Fassung der Escorialhs., s. CCA XI 1, 148. 
9. Dazu Boll-Bezold Reflexe usw. (s. A. 3) 
5f-; Kroll in PW. s. v. Melampus Sp. 404 u. die 
Ausführungen vonCumont CCA IV 110 Anm. 

u. CCA VIII 4, 102. 12) CCA vm 4 IO - ß 

13) CCA VIII 4, 105. 14 ) CCA V 3, 95. 19ff. 

15 ) CCA XI 1, 164, 20ff. (15. Jh.), vgl. VII 132ff. 

16 ) CCA XI 1, 155, 5ff. 1 7 ) Darüber vgl. Mond 
i®) Ein solches Lunar in Versen hinterließ der 
astrologische Dichter Maximus (ed. A. Ludwich, 
Teubner). 19 ) Über ihn Kroll PW. Suppl. III 
s.v.; V. Stegemann Astrologie und Universal¬ 
geschichte (Stoicheia IX) uff.; die Lebenszeit 
bestimmte P. Boudreaux CCA VIII 4, 233^. 

20 ) Dies Kapitel sowie das Nachleben des Doro- 
theos bei den Arabern und im MA. habe ich 
untersucht in Beiträge zur Gesch. der Astro¬ 
logie I. Der griechische Astrologe Dorotheos 

v. Sidon und der arabische Astrologe Abu 
’l-Hasan ‘ Ali ihn abi ’r-rigäl (1935). — Abdruck 
des griechischen Textes (ed. Kroll) CCA VI 112 f. 

21 ) z. B. CCA V 1, 240; I 29. 154 usw. Fast jeder 
Band des Catalogus enthält solche Paraphrasen, 
die einzelnen Stücke z. T. in mehreren Hss. 

22 ) Ediert v. A. Ludwich in Maximi et Ammonis 
. .. reliquiae (Teubner) p. 79 ff. 23) CCA XI 1, 

166, 4 ff. 24) Ebda l6y> l£f 25) CCA y m lf 2QO 

28 ) Darüber vgl. Bouche-Leclerq L’Astro- 
logie Grecque (Paris 1899) 245—247. 27 ) Dieses 
ist an sich günstig; aber Saturn ist ein böser 
Planet. 28 ) CCA VIII 1, 209, 7 ff. 28 ) Fr. Cumont 
Antiochus d'Ath&nes et Porphyre in L’Annuaire 
de l'Institut de Philologie et d’Histoire orientales 
f- II (1933—34); Melanges Bidez 135h. 144. 
30 ) Nach der Übersetzung von W. G u n d e 1 in Stern¬ 
glaube, Sternreligion und Sternorakel 68 f. Text CCA 


IV 155» 1 ff- 31 ) s. Art. Horoskopie Sp. 352. 354. 
32 ) CCA VII 135,1 ff.; vgl. H e p h. ed. Engelbrecht 
I 21 p. 84, 26ff. 33) ygi Laur. Lydus ed. 

Wachsm. 570. ioiff.io7ff. 34) Tagesgott 6 
Stundengott 6 oie tuov. 33) Vgl. CCA VII 113, 27 

aus Heliodor. Ferner Boll in PW. s. v. Hebdo¬ 
mas Sp. 2556. 36) s A 33^ 37) CCA j 99 38) 

luven. 6, 569h. 576—581; eine solche Liste 
CCA VII 88ff. 39) CCA VII II4f l8 40j Dazu 

vgl. die babylonische Anschauung über Samas: 
Erleuchter der Dunkelheit, Erheller des Him¬ 
mels, / Vernichter der Bösen droben und 
drunten. (A. Ungnad Die Religion der Baby¬ 
lonier und Assyrer 185.) S-u.Sp.171f. Dazu 

Fr. Dölger Die Sonne der Gerechtigkeit u. der 
Schwarze 86ff. 41 ) CCA VIII 2, 144. 42 ) CCA VII 92, 
2ff. 43 ) CCA X i 5 6ff. 44 ) CCA II 144ff. Dazu 
Boll bei PW. s. v. Dodekaeteris und meine Be¬ 
merkung in Astrologie u. Universalgeschichte 
166, 1 und 201. 45 ) CCA VII 126. 46 ) Vgl. auch 
CCA X I5if. 47 ) CCA X 153. 48 ) Bilfinger Das 
german. Julfest (Programm Stuttgart 1906) 
40 ff. Vgl. auch Art. Bauernpraktik A. 4 ff. 
49 ) CCA V 2, 135. 50 ) Ps. 90, 4; R. Reitzenstein 
Poimandres 270 A. 3 behandelt die Sache zu 
summarisch. 51 ) s. meine Astrologie u. Universal¬ 
geschichte 200ff. 52 ) Gegen Bouche-Leclerq 
L’astrologie Grecque 498 sqq. u. 187,1; s. die 
Bemerkung von Fr. Cumont CCA IV 114 o. 
53 ) Vgl. o. A. 4. 64 ) Ebda 42f. 55 ) Ebda 5. 5 «> 
Ebda 8 ff. 67 ) Vgl. die Liste mit den PI.stunden 
bei Abu ’l-Hasan Ali ibn abi-'r-rigäl (Albohacen) 
‘Liber magnus... de iudiciis astrorum' (Venedig 
1485) Teil VII cap. 100. Anfang: He sunt signi- 
ficationes accepte de libro abable9 filii 9aed 
(wer das ist, weiß ich nicht) et de libro al- 
bumasar (Abu Ma‘§ar) qui nominatus est über 
naturarum. Ferner Bethem de horis planetarum 
in der FirmicusMaternus-Ausgabe von Pruckner 
(Basel 1533) 110 ff. 58 ) Eine zuverlässige 

Übersetzung gibt es nicht; immerhin kann man 
nach den Drucken von 1485 (in Venedig) und 
1501 (in Basel) zitieren, da sie dem arabischen 
Original (beste Hs. trotz der Lücken ms. Ad¬ 
ditional 23, 399 des British Museum) am nächsten 
kommen. Der Druck von 1571 ist gänzlich 
unbrauchbar. Darüber vgl. meine oben A. 20 
zitierte Schrift. 59 ) Die arabischen Namen 
der Mondstationen in Ginzeis Aufsatz über 
Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier 
u. ihre kulturhistorische Bedeutung Klio 1 (1901). 
Die lateinischen Texte des MA. haben die Namen 
sehr entstellt. Dies zeigt die übersichtliche 
Tabelle bei R. Vian Ein Mondwahrsagebuch 
(Halle 1910) 68 f. Die Namen sind an sich 
arabische Bezeichnungen von Sternen in den 
Tierkreisbildern. 60 ) Das Material über ihn s. Art. 
Nativität A. 3. «) Aufgezählt bei E. Zinner 
Verz. d. astron. Hss. des deutschen Kulturgebiets 
München 1925 Nr. 2243—2258. 62 ) s. Fr. Saxl 
Verzeichnis astrol. u. mythol. Hss. des lat. Mittel¬ 
alters II (= Sitzungsber. d. Heid. Ak. d. Wiss. 
1925/26. Phil.-hist. Kl. 2) 4 9ff.; R. Vian Ein 
Mondwahr sagebuch 66. ® 3 ) Vgl. Fr. Boll u. 

C. Bezold Sternglaube u. Sterndeutung 1 32f. 


Planeten 


66 


‘■m'h 

% 

/i?; 


•1 


.« 1 

V 


es 


*) Fr. Cumont Asirologica in Revue archeolo- 
gique V. ser. tcm. 3 (1916), 16—22. 66 ) Die 

(teilen hei W. Gundel in Boll-Bezold Stern- 
f taube u. Sterndeutung* 1830. 66 ) Cod. Vat. lat. 
AIOl fol. 26r—28r bei Saxl Verzeichnis 1, 84. 
•f) Zinner a. a. O. (s. A. 61) Nr. 8o6off. 


*j W. Gundel bei Boll-Bezold Sternglaube 
B»W. 4 187. 69 ) S. a. A. Hauber Pl.kinderbilder 
I put Sternbilder (= Stud. z. deutschen Kunst¬ 
geschichte 194) 2 4 6ff. 70 ) Vgl. ThomasNaogeor- 
fUB Regnum papisticum (i553) P-*3 I: Haud 
Yenam incidunt nec eunt ad balnera lotum / 
#ec demunt ungues resecant nec forpice crines / 
Non etiam ablactant pueros, nec stercore terram / 
leetificant, sua nec medicinis corpora sanant / 
Necquidquamfaciunt aliud, nisi sedulolunam/ 
Observant .cursusque astrorum,ortusque obitus- 

S ue, nachMeyer Aberglaube 22 (vgl. 21). 71 ) s. A. 

I. 72 ) M. Förster in ArSpLit. 120 (1908), 299. 
*) R. Vian Ein Mondwahr sagebuch (Halle 1910). 
I 4 ) Fr. Saxl Verzeichnis II. 75 ) Am 4 °35 I fol. 
83t—88, deren Anfang wir unter Sp. 56 zitieren; 
Am 4*361 fol. 24°—26° ( = Zinner Verzeichnis 
Nr. 8211 und 8216). 76 ) Fr. Saxl Verzeichnis I. 
W) Unediert. 78 ) ArSpLit. pass. (s. die folg. 

Anm.). 79 ) a.a.O. 110 (1903) 354 f -I 128 (*9i*). 
896 und sonst. 80 ) a. a. O. 120 (1908), 45!. 52. 
•*) a. a. O. 121 (1908), 3off. ® 2 ) a. a. O. 128 

(1912), 285. 83 ) a. a. O. 128 (1912), 292. 84 ) a. a. 
0. 129 (1912), i6ff. 85 ) Von mir wurden probe¬ 
weise die Leopold-Sophien Bibliothek in Über¬ 
lingen und die Stadtbibliothek ‘Vadiana’ in 
St. Gallen daraufhin durchgemustert. 86 ) Titel: 
Das gross Planetenbuch sampt der Geomanci, 
Physiognomi, und Chiromanci / allezs auss 
Platone, Ptolemaeo, Hali, Albumasar und Ioanne 
Kunigsperger aufs kürzest gezogen usw. Hand- 
fchriftlich anscheinend zuerst in München Astr.P. 
4 ° 337 vom Jahr 1554. 87 ) Erschienen bei Johann 
Herbordt Klossen in Leipzig, benutzt wurde 
das Exemplar der Stadtbibliothek zu Überlingen 
(Signatur Hb 194). — Ferner ist mir von diesem 
Werk bekannt der Druck von 1599 bei Josias 
Richelen in Straßburg (benutzt wurde das 
Exemplar der Stadtbibliothek zu Überlingen 
Mb 193)- 88 ) Asironomia Deutsch. Himmels 

Lauff, Wirckung j vnd Natürliche Influentz der 
Planeten, vnd Gestirn usw. Getruckt zu Franck- 
fort / bey Martin Lechler . . . Anno 1592. fol. 67 
(Exemplar der Stadtbibi, in Überlingen Mb 12). 
•*) Zur Zuweisung der ‘facies’ zu den PI. vgl. die 
Ausführungen bei Abu ’l-Hasan Ali ibn abi 
'r-rigäl im Liber magnus Teil I cap. 3 (vgl. 
A. 58). ") Unediert. 91 ) Zu den Identifizierungen 
Vgl. die Listen in der Epitome totius astrologiae 
des J oh. Hispalensis (s. o. Sp. 50) Buch IV 
am Ende. 92 ) Weitere Listen bei R. Vian Ein 
Mondwahr sagebuch (Halle 191°) 67- 93 ) Großes 

Planetenbuch, Ausgabe von 1599, *95; von 1724 
362. B4 ) Großes Planetenbuch, Ausgabe von 1724 
19. 95 ) Beide Fassungen abgedruckt in Teil C 

hinter den einzelnen Planetentabellen. — Der 
Codex Monac. lat. 4394 ( I 5- Jh ) 2. B. enthält 
fol. 65rff. denselben Text. Die Zusammenhänge 

JC4- 'T ßvtoc r>orli rtQ miH 


rückwärts werde ich demnächst in einer beson¬ 
deren Untersuchung erörtern. M ) Neuvermehrtes 
und verbessertes Pl.büchlein usw., ohne Ort 1769 
20 ff. (Exemplar der Stadtbibliothek zu Über¬ 
lingen, Mb 195). 97 ) Großes Planetenbuch (1724) 
11 ff. 98 ) Marquard Adelkofers genaue 
Wetterbeobachtung usw. Augsburg 1780. ") Be¬ 

kannt sind die Ausdrücke wie Sonntagskind, 
Montagskind usw. s. Stemplinger Aberglaube 
114f.; John Westböhmen 262. 1CC ) Bohnen¬ 
berger 19; Sartori Sitte u. Brauch 2, 47!.; 
SchwVk. 4, 12, wonach man aber den pl. Ein¬ 
fluß mit dem eigenen Willen aufheben kann. 
101 ) Drechsler 2, 50; Wuttke 453 § 719 
(Ostpr.); And ree Braunschweig 415. 10a ) ZVfVk. 
14 (1904), 275. 1C3 ) Ebd. 14 (1904), 22 4 - 1W ) Vgl. 
E. Tiede Astrol. Lexikon (Leipzig) s. v.Mond¬ 
stationen und die Einzelartikel unter den Namen 
der einzelnen Stationen. Bindeglied zwischen 
diesem modernen Werk und der Liste der Astro - 
nomia Deutsch von 1592 ist etwa der Abschnitt 
‘Von der Ordnung der zwölf! Zeichen mit den 
Sternen, sampt ihrer Würckung' im Großen 
Planetenbuch (Ausgabe von 1724 S. 59 ff.). 

C. Die Planeten in der höheren 
Astrologie und deren Einwirkung 
auf die Laienastrologie des späten 

Mittelalters. 

1. Kann man, wie schon betont, bei 
den Orakeln der Laienastrologie im all¬ 
gemeinen keinerlei System erkennen, nach 
dem die Aussagen zu den Stellungen der 
Pl. gemacht werden, so liegt der Fall für 
die höhere Astrologie, deren Aufgabe das 
Horoskopieren ist (s. Horoskopie) großen¬ 
teils ganz anders. Denn für die wissen¬ 
schaftlich arbeitende Astrologie der Grie¬ 
chen, auf deren durch die Araber ver¬ 
mittelten Voraussetzungen die spätere 
abendländische Astrologie fußt, war mit 
Weitergabe eines etwa geoffenbarten Wis¬ 
sens nichts gewonnen, da dieses ihrem 
Versuch einer wissenschaftlichen Bewälti¬ 
gung der planetarischen Kräfte und 
Wirkungen im Bereich des Irdischen 
widersprach. Sie versuchte naturwissen¬ 
schaftlich das Wesen der Gestirne zu er¬ 
gründen und darnach deren Kräfte in 
ihrer individuellen Wirkung zu begreifen, 
und zwar auf Grund der medizinischen 
Theorien vom Zusammenhang der vier Ele¬ 
mente und ihrer Mischungen mit phy¬ 
sischen und psychischen Qualitäten, de¬ 
ren Wesen und Zusammenhang For¬ 
schungsgegenstand der antiken Philoso¬ 
phie war 105 ). Und selbst die auch bei den 


Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII 



67 


Planeten 


68 


Griechen des Hellenismus nebenher gepflo¬ 
gene höhere Astrologie m i t Offenbarungs¬ 
charakter 106 ) ist immerhin in den Fest¬ 
stellungen der Kräfteeinwirkungen im 
allgemeinen insofern systematisch ver¬ 
fahren, als die Grundlage dieser Fest¬ 
stellungen das mythologische Gotteswesen 
abgab, dem der Pl. zubenannt war 107 ) 
und das man schließlich — was sehr nahe 
lag — mit dem Stern gleichsetzte 108 ). 

Daß diese beiden Haltungen, die in der 
Ansicht der Gelehrten ursprünglich, als es 
sich um ein forschendes Verhalten zu dem 
Phänomen der planetarischen Einwirkung 
auf die Erde handelte, sicher getrennt 
waren, auf die Dauer nicht auseinander¬ 
gehalten werden konnten, beweist sogar 
die Tetrabiblos des Ptolemaios, dessen 
Denken an sich ganz naturwissenschaft¬ 
lich gerichtet ist. Indes ist diese Ent¬ 
wicklung aus dem Wissenschaftsverfall 
in der Kaiserzeit infolge der spekulativen 
Neigungen der damaligen Zeit sehr ver¬ 
ständlich. Die Offenbarungsastrologie be¬ 
mächtigt sich auch der naturwissenschaft¬ 
lich gerichteten Astrologie, bezieht sie in 
das eigene Erbgut ein, ohne sich um die 
Möglichkeit oder Unmöglichkeit des syste¬ 
matischen Zusammenhangs mehr zu küm¬ 
mern 109 ). 

So geformt gelangte diese Weisheit zu 
den Arabern; wie sie sie selbst weiter¬ 
bildeten, vermag man ohne eingehende 
Untersuchung der Abweichungen kaum 
zu sagen. Feststeht, daß sie erweiterten 
und damit den Weg weitergingen, den schon 
die späteren Griechen gegangen waren. 

Je mehr man sich von der Antike der by¬ 
zantinischen Zeit nähert, umsomehr werden 
die Begriffe der Interpretation zerspalten. 
Bei den Arabern lag das auch darum nahe, 
weil ihre Sprachbegriffe sich des öfteren 
mit denen des Griechischen nicht decken. 
Noch deutlicher wird dieser Grund zu 
Erweiterungen bei den Rückübersetzem 
des späten MA.s wahrnehmbar: Joh. Hi- 
spalensis z. B., aber zuweilen auch der 
griechische Übersetzer 110 ) scheinen Abu 
Ma'sars Text geradezu zu interpretieren, 
wenn sie ein arabisches Wort durch mehrere 
lateinische bzw. griechische übertragen 111 ). 
2. Was die höhere Astrologie der Grie¬ 


chen vor allem bei diesen Spekulationen 
über die Art der Kräfteeinwirkung der Pl. 
fesselte, und was somit ins abendländische 
MA. weitergeleitet wurde, war zunächst die 
Möglichkeit, aus den Konstellationen das 
Schicksal von Reichen und Städten zu 
erfahren. So formulierte man die Serien 
von Begriffen, die man kurz als 'Er¬ 
eignisse* bezeichnen kann, seien diese nun 
meteorologischer Art wie Sturm, Hagel¬ 
schlag, Schneefall, oder politisch-geschicht¬ 
licher, wie Krieg, Überfall, Gewalttätig¬ 
keit 112 ). So sehr indes z. B. Ptolemaios 
die Wichtigkeit gerade dieses Zweiges der 
Astrologie gegenüber der Individualho- 
roskopie 113 ) betonte, weil das Schicksal 
des Individuums nicht denkbar sei ohne 
das Schicksal des Ganzen, so wenig be¬ 
hauptete sich dieser Gesichtspunkt her¬ 
nach in der Praxis; denn hier herrschte 
das Interesse des Einzelnen an seinem 
privaten Ergehen bei weitem vor. Es ist 
solches nur zu menschlich; die Laien¬ 
astrologie, die wesentlich älter sein muß als 
die höhere Astrologie, ist fast ausschlie߬ 
lich auf personales Verhalten und Er¬ 
gehen abgestellt. Diese Haltung wirkt 
sich auch in der höheren Astrologie, durch 
die Haltung der sie befragenden Menschen 
und deren Gesichtskreis bezwungen, nun¬ 
mehr spürbar aus. Daher ergibt sich auch 
für diese Astrologie ein hervorstechendes 
Interesse am Individuum und seinem We¬ 
sen, sei es nun, daß man nach moralischen 
Wertungen aufteilte, sei es, daß man nach 
typischen Lebensgewohnheiten, anthro¬ 
pologischen und medizinischen Gesichts¬ 
punkten oder Berufen gliederte. Zu be¬ 
achten ist, daß man gliederte. Wie man 
diese Abteilungen fand, indem man das 
mythologische Wesen des Stemgottes 
zugrunde legte oder die naturwissenschaft¬ 
lich ermittelten Qualitäten, soll erst im 
Art. Stemdeutung beschrieben werden. 
Hier ist die Beobachtung wichtig, daß die 
nachptolemäische Astrologie mehr und 
mehr in ihren Analysen an die Stelle der 
Ereignisse die Menschen mit ihren Einzel¬ 
tätigkeiten, Berufsarten, moralischen Qua¬ 
litäten setzt, so daß der Einzelne hier für 
sich Material zur Deutung seines Wesens 
gewinnt. 


Planeten 


70 


I t- Nachdem sich in der Antike die Not¬ 
wendigkeit der Erforschung des Einzel- 
IChicksals aus den Pl. durchgesetzt hatte, 
"Mißte man die Aufteilung der Men- 
KfJChennatur zu den einzelnen Pl. deshalb 
KpiO zielbewußt versuchen, weil nach der 
Doktrin der Astrologie im allgemeinen 
m fber jedem Menschen ein Hauptpl. als 
mki Erzeuger seines Temperaments steht, 
% 4 bm entscheidend dessen Wesen prägt. 
» Dieser ist „sein Stern", und sind es 
® Wahrere, so wird doch der Mensch vor- 
||f Wehmlich nach dem Pl. beurteilt, der die 
jjl Haupteinwirkung hat 114 ), wie auch die 
i| Antike Medizin ein Temperament bei 
Mt Mischung als herrschend ansieht. 

T* Ei muß auffallen, daß wir in dieser Betrachtung 
4 k babylonischen Auffassungen vom Wesen 
W '* 4 k einzelnen Pl. bisher nicht gedacht haben, 
KO doch die Übernahme babylonischer Astrologie 
' dmrch die Griechen eine unbestreitbare Tatsache 
W irt* Dies hat seinen Grund darin, daß für 
^f\ 4ie Bildung der Planetenvorstellungen im 
Abendland die babylonischen Anschauungen mit 
\ einer einzigen Ausnahme ohne größere Wirkung 
j Waren. Die astrologischen Wahrsagungstexte der 
A? Babylonier lassen keinerlei systematische Auf- 
* tiilung des Irdischen zu den einzelnen Pl. er- 
p kennen. Über eine Wertung der Pl. als gut 
’ Oder schlecht und über eine Zuweisung weniger 
beetimmter Wirkungen gehen die babylonischen 
Aitrologen nicht hinaus. Man muß sich daher 
* fragen, ob überhaupt das Wesen des Gottes, 
/• dom je ein Pl. zugeteilt war, bei der Auswertung 
5? dar Pl.enkraft in der Schicksalsbestimmung der 
i Babylonier berücksichtigt worden ist. Nur die 
ijntematische Bezugsetzung zwischen den Pl.en- 
* kraften und den einzelnen Erscheinungsformen 
dos irdischen Daseins, die die Griechen in der 
, beschriebenen Weise durchführten, wirkte sich 
la der Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit 
für die Weltanschauungsbildung entscheidend 
aus. Andererseits ist es kaum zu bezweifeln, 
r daß die Griechen, die seit dem 6. Jh. die Pl. mit 
ihren Göttern gleichsetzten, bestimmte Wesens¬ 
auffassungen dieser Pl.-Götter vom Osten über¬ 
nommen haben. — Wenngleich das Wesen der 
7 Götter, für die die Griechen schließlich die 
7 Pl. als zugehörig in Anspruch nahmen, von dem 
Wesen der babylonischen Götter, denen die 
7 Pl. zu gehören, erheblich weit entfernt ist, 
* SO sei doch das Wesen dieser 7 babylonischen 
Götter zum Vergleich, kurz umrissen, unseren 
Pl. tabeilen (s. u.) vorangestellt. Außer zum 
Vergleich geschieht dies auch deshalb, weil die 
bildliche Tradition der Pl. im Mittelalter an 
Ofner Stelle deutlich die Nachwirkung der baby¬ 
lonischen Auffassungen vom Wesen der dort 
den Pl. gleichgesetzten Götter erkennen läßt. 

So entstand im Bereich des Grieche ntums 
in Jahrhunderte langer Arbeit die Systematisie¬ 


rung des Daseins unter den Pl., deren Geschlossen¬ 
heit imponiert. Jeder Pl. hat seinen Bereich 
und ist im harmonischen Zusammenklang des 
Kosmos nötig, ohne eine überragende ausschlie߬ 
liche Stellung einzunehmen. Ein Vergleich mit 
den viel totaler aufgefaßten babylonischen Pl.- 
göttern zeigt deutlich die große Veränderung 
in der Auffassung vom Regiment der Pl., die die 
Griechen herbeiführten. Dabei ist die pytha¬ 
goreische Idee von der Sphärenharmonie als 
dem Inbegriff der Welt zweifellos von ausschlag¬ 
gebender Wichtigkeit gewesen. Genauere Be¬ 
handlung der Entstehung dieser griechischen 
Daseinssystematisierung steht noch aus. All¬ 
gemein vgl. Roscher Myth. Lex. s. v. Planeten; 
Bouche-Leclerq L’ astrologieGrecque und Gun- 
de! bei Boll-Bezold Sternglaube 4 87 —106. 

3. Das späte Mittelalter und die Renais¬ 
sance erbten die planetarische Anthro¬ 
pologie der Griechen — man erlaube um 
der Kürze willen dieses Wort zur Bezeich¬ 
nung der von der Astrologie den einzelnen 
Pl. unterstellten Menschentypen in der 
nach ihren moralischen Qualitäten, Be¬ 
rufen, Tätigkeiten usw. durchgeführten 
Aufteilung; die Araber vermittelten sie: die 
genannten Menschentypen nannte man Pl.- 
kinder. Es ist gar keine Frage, daß der 
Reichtum an menschlichen Möglichkeiten, 
von dem das Mittelalter nichts wußte und 
wenn, nichts wissen wollte, im 12. und 13. 
Jh. zunächst für die Lehre einnahm, die 
eine Stärkung des menschlichen Selbstge¬ 
fühls auslöste und damit grundsätzlich Vor¬ 
aussetzung einer neuen forschenden Hal¬ 
tung wurde. Vom 11. Jh. an scheint diese 
Wandlung sich anzukündigen. Aber Ma- 
nilius und Firmicus Maternus, die jener 
Zeit einzig bekannt waren 115 ), führen 
keine prinzipiellen Wesensbestimmungen 
der Pl.enkinder durch; sie brachte erst 
die auf der antiken Astrologie erwachsene 
Astrologie der Araber, vor allem des Abu 
Ma'sar berühmtes Madhal (Introductorium 
in astrologiam). Teils ward dies selbst 
zugänglich, teils vermittelte gerade diese 
Lehre Abu Ma'sars des erwähnten Abu 
T-Hasan Ali ibn abi *r-rigäls „Großes und 
vollständiges Werk", das hierin weit¬ 
gehend auf Abu Ma'sar fußt. Auch Juden, 
die die arabische Astrologie ausbeuten 
und in eigenen Arbeiten weiter ausbilden, 
kommen als Vermittler in Betracht, wie 
der berühmte Abraham ibn Ezra, genannt 
Avenares (12.—13. Jh.). 


1 


7i 


Planeten 


72 


Der Einfluß dieser Werke vornehmlich 
ist in den Prognostiken, Horoskopanaly¬ 
sen, Planetenbüchem mit dem ausgehen¬ 
den Mittelalter auch in Deutschland zu 
spüren 116 ); daß freilich die vor allem 
vom Ende des 15. und am Anfang des 
16. Jh.s begegnenden Darlegungen der 
allgemeinen Schicksale mit dem E infl uß 
der neuentdeckten Tetrabiblos des Pto- 
lemaios und deren prinzipiell anderer 
Haltung zusammenhängt 117 ), kann man 
nicht ohne weiteres von der Hand weisen, 
die Behauptung bedarf aber der Sicherung 
durch Einzelforschung. 

Aus den arabischen Büchern vor¬ 
nehmlich stammt die nunmehr alles über¬ 
ragende Vorstellung vom Hauptpl. des 
Menschen und der Glaube an die in ihm 
eingeschlossenen Möglichkeiten. Hier 
hat die diese Zeit beherrschende Idee 
von den Pl.kindem, die in der Antike 
niemals so folgerichtig ausgebildet war, 
ihre Wurzel. 

Die Idee von den Pl.kindem ist also 
zweifellos die wichtigste, in der der Ein¬ 
fluß der höheren Astrologie vom 13. Jh. 
ab sich äußert; wie die arabische und 
griechische Astrologie die Menschen klassi¬ 
fizierte, so tat man es hernach auch unter 
Angleichung an die eigenen sozialen Ver¬ 
hältnisse, die sich mithin hier spiegeln. 
Hierin d. h. in der Fortbildung des 
griech.-arab. anthropologischen Systems 
liegt der Sinn einer forschenden Beschäfti¬ 
gung mit den Planetenkindervorstellungen 

jener Zeit in Deutschland, Italien und den 
anderen Ländern, die damit weit über die 
Kenntnis des Systems des Horoskopierens 
als des eigentlichen Gebiets der Astrologie 
hinausgreift in die Ergründung allgemein 
menschlicher Zustände. 

4. Bei der für die Geistesgeschichte des 
Abendlandes ausschlaggebenden Wichtig¬ 
keit dieses Vorgangs halten wir eine 
genauere Kenntnis des „Systems der 
planetarischen Anthropologie der Grie¬ 
chen“ und ihres Zustandes bei der Über¬ 
nahme in die abendländische Bildung für 
unerläßlich. Wir haben dieses „System“ 
der Araber auf den folgenden Tabellen 
jeweils in den Spalten 8 und 9 veranschau¬ 
licht und zwar haben wir, weil es sich um 


„Wissen" handelt, das sich im Laufe der 
Jahrhunderte entwickelnd zu der bei den 
Arabern faßbaren Eigentümlichkeit formte, 
dies System mit samt der Tradition dar¬ 
gestellt, die von den Griechen zu den 
Arabern führte und deutlich die Richtung 
der Rhetorios, Firmicus, Valens als Quelle 
der Araber erkennen läßt. Man braucht 
die deutschen Beschreibungen zu den Pl.- 
kindern, die hinter jeder Pl.tabelle folgen, 
nur mit dem Material dieser Tabellen zu 
vergleichen, um den skizzierten Ent¬ 
wicklungsgang bestätigt zu finden. 

Es sei bemerkt, daß die 4 Gruppen, auf 
die die 9 Spalten jeweils durch einen 
dickeren Strich geschieden sind, 4 Ent¬ 
wicklungsstufen veranschaulichen: 1) die 
Gruppe 1 (Antiochos und Dorotheos) 
kennt nur ganz allgemeine planetarische 
Wirkungen; 2) Gruppe 2 (Ptolemaios und 
Julianos) enthält die für uns faßbaren Ver¬ 
treter der wissenschaftlich eingestellten 
Astrologie; 3) Gruppe3 (Valens, Firmicus, 
Rhetorios) ist Vertreterin der spezialisier¬ 
ten aus mythologischer und wissenschaft¬ 
licher Interpretation vermengten Astrolo¬ 
gie der Kaiserzeit; 4) Gruppe 4 umfaßt 
die vor allem diese Richtung be¬ 
erbenden Araber. Damit wird auch 
klar, weshalb die Tetrabiblos des Ptole¬ 
maios später neben den Arabern Geltung 
errang; sie wich erheblich ihrem Wesen 
nach von den andern Gruppen in der 
Richtung auf das Wissenschaftliche ab 
und vermochte so neben den Arabern 
ihre Selbständigkeit darzutun, als in der 
Renaissance die Notwendigkeit der eigenen 
Forschung erkannt war. Denn die Re¬ 
naissance selbst war von der Idee der 
Autorität nicht in jeder Hinsicht mehr 
überzeugt; hinzukam aber, daß Ptolemaios 
die Spekulation wirklich in eine andere 
Richtung wies 118 ). 

Den einzelnen Pl.tabellen voran geht 
eine summarische Beschreibung des baby¬ 
lonischen Pl.gottes, der dem griechischen 
Gott zugrunde hegt. 

Die an die Tabellen angeschlossenen 
Texte aus deutschen Hss. des 15. Jh. 
glaubte ich nicht auf teilen zu dürfen, da 
sie eben das älteste zu kommentierende 
deutsche Material dieses Pl.-glaubens ent- 


i 


Planeten 


74 


tten. Die Durchforschung der Excerpte 
t noch kaum begonnen; immerhin dürfte 
I den beiden, einer St. Galler, Tü- 
Iger und Wiener Hs. entnommenen 
rsionen solcher Schilderung der Pl.- 
ider und pl.n Wesens Etliches zu 
nen sein. Derartige Kompilationen er- 
lien die weiteste Verbreitung und ziehen 
b, wie wir sahen (Sp. 59f.), bis in die 
kuckten Bücher des späten 18. Jh. 
tein; vielleicht auch noch weiter —, 
ht anders als die Texte der Laien- 


dogie, in denen sie schließlich auf- 


;n. 


In den Verbindungen mehrerer PI. 
Ineinander durch Aspekte oder in der 
Verbindung eines PI. mit einem Ort des 
loroskops berücksichtigt die höhereAstro- 
Igie die vermischten Qualitäten der 
■L. die dadurch die Güte eines ver- 


mehrerer PI. 


itündeten Ereignisses fördernd oder hem- 
tnend beeinflussen. Dieses Stück der 


[^Astrologie ist nur im 
und kaum wirkt 
^Worden : es hat rein t< 


k itond ist demzufolge s. v. Horoskopie be 
t handelt (Sp. 362«.) 119 ). Nur die Ver 
ubindung eines PI. mit einem Tierkreisbilc 




ij 


F wird gelegentlich in einer Regel des 
• Wetterglaubens erwähnt. Da in diesen 
Fällen das Zodiakalbild Grundlage der 
Weissagung ist, haben wir solche Weis¬ 
sagungen unter 'Sternbilder I’ behan- 

f delt uo ). 

j[. *«) Näheres darüber s. v. Sterndeutung. 

L **) Die sog. Astromantik des Nechepso-Petosiris. 
* Über die Ofienbarung an König Nechepso vgl. 
* Horoskopie Sp. 352. 107 ) s. Horoskopie 363; Fr. 
1. Cumont Antiochos d’Athönes et Porphyre 
' < 8 . A. 29) glaubt, daß die Bezeichnung ‘Stern 

' des Kronos’ usw. nicht über das 1. kaiserzeitliche 
Jahrhundert hinausreicht. Im übrigen Boll- 
Bezold Sternglaube 4 47h 108 ) Vgl. die Satum- 
tabelle in Panofsky-Saxl Dürers Melencolia 1 
(Warburgstudien Bd. 2) 82ff. 109 ) Man sehe 
in unsem Tabellen, wie z. B. Rhetorios (6. Jh. n. 
Chr.) Valens und Ptolemaios exzerpiert. 101 ) CCA 
XI1, 178 ff. U1 ) Man vergleiche die Texte, wie 
sie für Saturn Panofsky-Saxl a. a. O. bieten. 
Das Bild wiederholt sich für alle folgenden 
Pl.beschreibungen des Abu Ma‘sar. Doch ist 
Vorsicht im Urteil zunächst noch geboten, weil 
möglicherweise eine uns unbekannte Text¬ 
fassung des Abu Ma‘sar existierte, über die uns 
bekannte vgl. Boll-Dyroff in Fr. Boll Sphaera 
482ff. na ) Das Prinzip ist babylonisch, s. Horos- 


. X i 


kopie 344ff. 113 ) s. Horoskopie 354. 114 ) Die 

medizinische Lehre von den Temperamenten 
bei Galen, de temperam. I 1 liest man, 
daß die Bezeichnung tfojpprfv, tkj^pov, £r]pdv 

u. uypov nur eine allgemeine sei, die auf den 

Menschen nach dem überwiegenden Element 
der wirklich vorhandenen Mischung angewandt 
wird. Beleg für die ähnliche Anschauung in 
der Astrologie des deutschen MA.s aus Cod. Pal. 
Germ. 226 (Heidelberg) f. 25r bei Hauber 
PI. hinderbilder usw. S. XI. llß ) L. Thorn- 
dike A history of Magic and experimental 
Science 1 , 689 f. 118 ) Vgl. die auf den arabischen 
Beschreibungen der Pl.wirkungen erwachsenen 
Beschreibungen in der Epitome iotius astrologiae 
des Joh. Hispalensis (Isagoge cap. XIII ff.). 
Aber auch eine Analyse des Pl.textes der alche- 
mistischen Hs. der Vadiana in St. Gallen Nr. 429 
(s. die Tabellen) zeigt dies deutlich. Eine Zu¬ 
sammenstellung mehrerer zufällig gefundener 
Zitate von arabischen Astrologen im MA. und 
der Renaissance gab ich in meinem Aufsatz 
Beitr. z.Gesch.d. Astrol.I. Der griechische Astro¬ 
loge Dorotheos v. Sidon und der arabische Astro¬ 
loge Abu 'l-Hasan Ali ibn abi ’r-rigal S. 38 A. 2. 
117 ) s. ebd. S. 40 Anm. 1. Charakteristisch ist in 
diesem Sinne, so unbewiesen die Behauptungen 
oft sind, doch das Werk des Cardanus de 
septem erraticis stellis (= Opera ed. Sponius, 
Lugduni 1663 tom. V p. 3690.). 118 ) s. ebd. 

lie ) Vgl. CCA II 160 ff. 12C ) Folgende Materialien 
liegen den Tabellen zugrunde: Babylonische 
Vorstellungen sind entwickelt nach den Götter¬ 
beschreibungen bei Chantepie de la Saus- 
saye Lehrbuch d. Religionsgeschichte 1, 562f. 
(Satum-Ninurta). 559 ^- (Jupiter-Marduk). 565!. 
(Mars-Nergal). 549 ff. (Sonne- 5 ama§). 553 (Ve- 
nus-Istar). 563!. (Merkur-Nebo). 546 ff. (Mond- 
Sin). Dazu die Texte bei A. U n g n a d Die Religion 
der Babylonier undAssyrer 165ff. — Antiochos: 
CCA VIII3, inf. XI 2, 109 ff.; Dorotheos nach 
al-Qabi§i (Alcabitius) Introductorium (übers. 

v. Joh. Hispalensis, gedruckt 1481 Venedig) 
10a; Ptolemaios: ed. Melanchthon i7f. 
83—88. 142ff. 1480. 157—168; Julian CCA I 
i34ff.; Valens CCA II 88ff.; Firmicus Math. 
IV 19, 5ff.; Rhetorios CCA VII 2140.; Abu 
Ma‘§ar wurde von mir z. T. (Kapitel über 
Jupiter bis Mond) übersetzt nach Ms. Leiden Or. 
47 Gol. Der Text (Teil IX, Abschn. VII) steht 
S. 255—261; das Saturnkapitel trug ich ein nach 
der Übersetzung von Schaade bei Panofsky- 
Saxl Dürers Melencolia 1, 4f. Der Text des 
Abu ’l-Hasan Liber magnus Teil I cap. 4, 
ist zitiert nach der lateinischen Übersetzung des 
Aegidius de Tebaldis und Petrus Reginus 
(Venedig 1485) aus dem Altkastilischen (s. o. 
A. 58). Die Pl.beschreibungen des Abu ’l-Hasan 
zitiert in der altkastilischen Fassung aus Hs. 
3065 in der Bibliotheca Nacional zu 
Madrid: Manuel Rico y Sinobas Libros 
Alfonsies del saber (Madrid 1867) Bd. V 1, 289 
(Saturn). 283 (Jupiter). 277 (Mars). 166, Ai 
(Sonne). 269 (Venus). 263 (Merkur). 175 A. 1 
(Mond). — Zur der Hs. Biblioth. Vadiana (St. 


-I 



75 


Planeten 


76 


Gallen) 429 vgl. den Katalog. Die Beschreibung 
der Tübinger Hs. bei A. Hauber Pl.kinder- 
bilder usw. 3ff.; die Stellen 22ff. Die Wiener Hs. 
beschreibt Saxl Verzeichnis II, 1170. — 

Weitere Ausführungen zur pl. Daseinssystema¬ 
tisierung können hier nicht gegeben werden. 


Es gibt ja schlechterdings nichts, was nicht den 
Pl. unterstellt gewesen wäre. Dafür sind Zeugnis 
die aus einer athenischen Hs. ans Licht gezogenen 
Texte in CCA X 76 ff. Ein sehr übersichtlicher 
und ausführlicher Text, der von dem auf den 
Tabellen verzeichneten Schema sehr weit ab- 


Ninurta ist eine merkwürdig komplexe 
Erscheinung. Der Gott wird gepriesen (a) als 
Kriegsgott. Er ist der König der Waffen (ein 
Hymnus nennt ihrer 22!). Daneben erscheint er 


Planet Satumus 

1. Babylonische 

(b) als Flurengott, der den Ackerbau schützt und 
Feld und Kanal gedeihen läßt; man erblickt in ihm 
den König der Pflanzenwelt. Dieser vegetations¬ 
beherrschende Charakter hängt mit seinem Cha- 

2. Griechisch-arabische 


Antiochos 


Dorotheos 


Ptolemaios 


4 

Iulianos 


5 

Valens 


I. Physikalische 


herrscht über 
Nässe und Kälte 


größere Macht im 
Kühlen und im 
ganz geringfügi¬ 
gen Dörren 


sehr naß und sehr 
kalt 


herb 


windig 


ganz geringes 
Licht 


Farbe wie Biber 
geil 


eisartig 


Ursache der auf 
Kälte beruhen - 
den Vernichtung, 
im besonderen 


von 


II. Allgemeine Wirkungen: 


(langwierige 

Dinge) 


langen Krank¬ 
heiten 


a) Krankheiten: 


Belästigungen 
durch Wasser 


Wassersüchtige 


rheumatische 

Krankheiten 


Podagra 


Schwindsucht 


Nervenschmerzen 


viertägige Fieber 


Planeten 


78 


177 


I weicht, ist CCA VII 96ff. abgedruckt. Eine 
E tolche Liste aus dem 18. Jh. im Neu-vermehrten 
I und verbesserten Pl.büchlein von 1769 (ohne 
[ Ort) Kap. 4—10. Die Moderne kennt sie ähnlich: 
I* vgl. Karl Brandler-Pracht Kleines astrol. 
Lehrbuch (= Astrol. Bibi. I) 18 ff. — Über die 


Lebensalter und die Pl. s. die große Abhand¬ 
lung von Fr. Boll Die Lebensalter (Lpz. 1913), 
über Pl. und Kometen vgl. Art. Kometen 
Sp. 106 f. und Boll Antike Beobachtungen 
farbiger Sterne (= Abh. d. Bayer. Ak. d. Wiss. 
XXX 1) 26 f. 


Th 




i 


(Kronos, -ft ) 

Auffassung. 

nkter (c) als Unterweltsgott sicher zusammen. 
Seinem Wesen nach wird er im Gegensatz zu Ner- 
& als gütig, barmherzig und Leben schenkend, 
als Heilgott und vergebender Gott besungen. 

Tradition: 


Vielleicht hängt seine Ackerbau fördernde Macht 
mit seinem Wesen als (d) Wettergott zusammen: 
er ist, nach einigen Angaben zu schließen, auch 
der Wolkensturm und reitet auf Sturmfluten. 


6 

Firmicus 


Rhetorios 


Abu ma’sar 


Ali ibn-abi T-rigal 


Beschaffenheit: 


der Melancholie ver¬ 
gleichbar, die er von 
allen Säften beherrscht 


hat kein Licht zum 
Leuchten um sich 


1. auf die Menschheit 


1. Wesen derselben 

— lange Krankheiten 

langdauerndes Mi߬ 
geschick mit langem 
Brauchen von Arzneien 

Wassersüchtige — 

an Podagra leidende Fußgicht 

— Handgicht 

— Nervenleiden 


(verändert das Leben 
des Neugeborenen; we¬ 
nig Krankheiten, die es 
nicht schlecht erträgt) 


Lungen süchtige 


I 



79 


Planeten 


80 


Planeten 


82 


I 

2 

3 

4 

5 

Antiochos 

Dorotheos 

Ptolemaios 

Iulianos 

Valens 




-- 



t.; .» 

i, 

V- ; 

' { 

1 

• V* 

* 


6 

1 

7 

8 

9 

Firmicus 

Rhetorios 

Abu ma'sar 

Ali ibn-abi 'r-rigal 

ich)echter Saft 

-- 


— 

Leute, die im Innern 
tt&ndig starker Schmerz 

quält 

— 




2. Einzelne 


Krankheiten 




(Leute mit:) 
kaltem Magen 


Leiden, die in 

Kälte und Nässe 
bestehen 

* 

1 

kalter Magen 

Leiden, die in Kälte und! — 

Nässe bestehen 1 

(Erkältungen) 1 — 

-- 

— 

viel Schleim 

— 

-- 

i 

_ _ 

-* 

— 

an Rheuma lei¬ 
dende 

— 

— 

— 

Rheuma 1 — 

-- 

— 

schwache 

— 

-- 

hinfällig am Körper 

Schwächen verborgener! — 

Stellen 1 

-- 

— 

hustende 

— 

Husten 

— 

- 

— 

— 

sehr magere 

• — 

—• 

— 

- 

— 

1 

an Dysenterie 
leidende 

— 

Dysenterie 

— 

“ f 

t 

— 

Schleim aus¬ 

werfende 

— 

— 

Ständiger Auswurf 

! 


-- 

— 

an Darmkatarrh 
leidende 

— 

— 

! 

- 

-. 


Aussätzige * 

-* 

-* 

— 

_ 

1 ■ 


Frauen, die an 
Gebärmutter¬ 
beschwerden 
leiden 

1 

f 

l 



Epileptiker 


— 

-. 

—- 

— 

— 

an Krämpfen leidende. 

- 

— 

— 

-- 

-- 

— 

vgl. bleich aussehende 

— 1 — 


Verbannungen 
hilflose Lagen 


b) Sonstige 


Demütigungen 

Anklagen 

langdauemde 

Prozesse 

Zerstörungen von 
Geschaffenem 


Ereignisse: 


Gefahren aus alten, ver¬ 
jährten (?) Darlehens¬ 
geschäften; Gefahren 
seitens Gewalthaber oder 
älterer Leute 


Verbannungen 

Verblüffung 

Verwicklungen, schwie¬ 
rige Lage, Schikanen, 
Bedrängnis, Verderben, 
Täuschung (?) 

(Große Armut) 






Planeten 




furchtbare Kä 


Eis 


Nebel, Pest 


schlechte Luft 


U mwölkungen 
Dunkelheiten 


verheerend wir¬ 
kende Schnee - 
massen 


Dunkelheiten 
(finstere Wolken) 


Stürme 


Schiffbrüche 


Winde 


Erdbeben 


(Einstürze, Erd 
schlünde) 


wildbewegtes 
Meer, Wirbelwin- 
I de. Wirbelstürme 


schlechte 

fahrt 


Mangel und Un¬ 
tergang der Fi¬ 
sche 


Ebbe und Flut 

Verheerungen 
durch Über¬ 
schwemmungen 
(Flüsse) 


Mangel und Ver¬ 
nichtung an Feld¬ 
früchten, beson¬ 
ders der lebens¬ 
notwendigen 

durch Spannen¬ 
raupen 

| Heuschrecken 


Zerstörer mannig- I 
facher Früchte I 


f 


88 



5 

Valens 


3. in der 


I. 


8 

*7 t 

r* ^ 

1 
^ 1 




Planeten 


Firmicus 


Witterung: 


Rhetorios 


Abu ma'äar 


90 


Ali ibn-abi ’r-rigal 


Schöpfer der Kälte des 
Wassers 

Schöpfer des Nebels 


Schöpfer der Finsternis 


4. auf 




Gewässer: 



Vv 


',h 


t 1 

%• 

V' • I 


5. auf 


Pflanzen usw. 







93 


Planeten 


678 
Firmicus Rhetorios Abu ma'sar 



Menschentypen: 

schaffenheit nach entstehen: 


dunkelfarbige 


mäßig große — 

— schmutzige 

— schwarze 

— klein von Wuchs 

mit spärlichem Haupt- mit spärlichem Bart 

haar 

Kahle — 

mit struppig herab- wild (wie Gorgo) aus¬ 
hängendem Haar sehende; 

mißgestaltete 

— hohläugige 

bleiche — 


nach entstehen: 














99 


Planeten 


100 


Planeten 


102 


SOI 



Erbschaft 


solche, die an der 
Spitze von Wer¬ 
ken stehen 


Befehlshaber 


Bestrafer 


Länder und was 
mit Ländern zu¬ 
sammenhängt 


Vormundschaften 

Verwaltung 
fremden Gutes 

Väter fremder 
Kinder 

Seefahrer 


Leute, die feuch 
te Dinge tun 


hervorragende 

Stellungen 


großes Ansehen 


Erdarbeiten, 

Ackerbauer 


(Verleumdung) 


(Sykophantie) 


Verleumder 


sehr verhaßte 

Tagelöhner, Zoll 
ner 


Leute mit ver¬ 
leumderischem 
Blick 

ihre Verschlagen¬ 
heit verbergende, 
Leute mit 
senkte m Blick 


6 

Firmicus 

7 

Rhetorios 

8 

Abu ma*§ar 

9 

Ali ibn-abi T-rigal 

— 

Erben 

Erbschaft 

Erbschaften 

— 

— 

— 

Teilung der Ländereien 

— 

— 

— 

Abschätzung der Sachen 

— 

Lebenserwerb auf dem 
Wasser oder in dessen 
Umgebung 

Seefahrer 

Seereisen, lange Ab¬ 
wesenheit von der Hei¬ 
mat, weite und schlimme 
Reisen 

— 

— 

— 

bezeichnet die Werke 
der Feuchtigkeit 

— 

— 

— 

Bautätigkeit, Wasser, 
Flüsse 

— 

geehrte, gute, gewich¬ 
tige Persönlichkeiten 

Ränke, andere zu unter¬ 
werfen und zu beherr¬ 
schen 

machen sich Menschen 
dienstbar und lenken 
die Herrschaft 

will herrschen 

berühmte, vornehme 

Landbau 

Landwirtschaft 
bezeichnet die Werke 
des Pflügens 

dem König vergleichbar 

niedrige, unberühmte 

I 

bei allen verhaßte 

Sklaven, entehrte, Plebs 


— 

— 

Leichenschänd er 

— 

schlechte Kaufleute 

Diebe 




Landstreicher 

Räuber 

— 

— 

Verächter 

Verrat 

Verräter 

— 

Heuchler, auch: Traum¬ 
deuter 

Täuschung 

dienerisch 


Sykophanten 

List, Ränke 



Lügner 

Schaden 



4 * 







103 


Planeten 


104 


Antiochos 


Dorotheos 


(Foltern) 


Ptolemaios 


gewalttätige 

grausame 


4 

Iulianos 


5 

Valens 


gewaltsame 

Dinge 


Schamlosigkeit 


schamlose 


Unzucht 

Unreinheit 


Mühe 


Arbeit 


Übles redende; 
solche, die ihren 
Angehörigen 
nachstellen 

Mühsal beladene 

die Mühsal lie¬ 
bende 

gern klagende 


freudlose 


Böses leidende 


die Einsamkeit 
liebende 


einsame 


trotziges Wesen 


den Leib hassende 


Selbstveräch¬ 
ter (?) .mürrische, 

dünkelhafte 


gleichgültige 


schurkisches Leben 


gewalttätige 


boshaft handelnde 


j ederlei Anwendung von weiß um kein 
Bösem, Gewalt, Ver¬ 
gewaltigung 

Schlechtigkeit — 

Aufrührer (?) 

Eunuchen 


meineidige 


kirchliche 


wünscht niemandem et¬ 
was Gutes 


mühevolles Leben 


Sorgen, Trauer 


in Sorgen 


traurige 

Leute, deren Leben viel 
seelischen Schmerz aus¬ 
zustehen hat 


verhaßte (traurige (?))| Traurigkeit 


kein Ergötzen mit ir¬ 
gend jemandem; keiner 
ergötzt sich mit ihm 


abgesonderte und für einsame 
sich allein seiende 


Einsamkeit, Menschen-| sucht keine Gesellschaft 
scheu 

abgesondert 


in ihrer Art vorsichtige Wortkargheit Wortkargheit 

oder auch allein blei- Fernsein des Sprechens benommen zu reden 
bende 

er teilt niemandem mit, 
was er denkt oder emp¬ 
findet und läßt es nie¬ 
manden merken 


mürrische 


aufgeblasene 


dünkelhafte 


Hochmut, tyrannisches 
Wesen, Stolz, An¬ 
maßung, Prahlerei 


furchtsam in seinen 
Handlungen und 3 
wegungen 













Antiochos 


Dorotheos 


Ptolemaios 


4 

Iulianos 


5 

Valens 

zudringliche 

Trägheit 


Firmicus 


Rhetorios 


langsame 


Abu ma'sar 


Ali ibn-abi ’r-rigal 


Langsamkeit 
Bedächtigkeit 
schwerfällige ( 
Leute 


langsam im Verständnis, 
kein leichtes Verstand - 
müßige) nis 


gegenüber Frauen und 
Kindern keinerlei Lei¬ 
denschaft 


Leute, denen die Weiber bedarf wenig der Frauen 
<nicht>am Herzen liegen 


große Armut 


stumpfsinnige 

schwarz geklei¬ 
dete 

dürftige, arme 


Tagelöhner 


Zöllner 


stumpfsinnige 
schwarz gekleidete 


Feinde von Brüdern und 
Eltern 


Bedürfnis; 
große Armut 


Wahrhaftigkeit 

ist treu in der Freund 
schaft 


Verständnis, Erfahrung, 
Rücksichtnahme (?) 

wird nicht leicht zornig; 
wenn er aber zornig 
wird, kann er sich nicht 
beherrschen 


hält lange Wut 


Knochen 


IV. Herrschafts- 
i. Körper- 
Schenkel 


bereiche. 

teile. 


Kniee 


Sehnen 


Blase 


Lymphen 

Blase 


wie bei Valens 


Schleimhäute 


Milz 


Nieren 


Schleim 


das im Innern 
Verborgene 


rechtes Ohr 








Hs. St. Gallen 429 fol. 94 v ff. (geschr. 1465). 

Saturnus est supremus planetarum et currit 
per 12 zodiaci signa in 30 annis et est in quolibet 
signo per 2 1 / 2 annos. et magnum habet pote- 
statem in libra, quia est eius elevacio, et adhuc 
maiorem habet potestatem in capricomo et in 
aquario, quia illa duo signa sunt eius domus. 
in aquario tarnen maiorem habet potestatem 
quam in capricorno. et magnum habet diffor- 
tinium in cancro, in leone et ariete; et multum 
gaudium in aquario. 

Saturnus est planetarum pessimus et con¬ 
trarius omnibus naturis omnium rerum viven- 
tium. et principaliter, quando ipse regnat, 
etiam anichilat omnes creaturas viventes inter- 
ficiendo cum esurie et labore. et ergo puer qui 
nascitur sub tali planeta, est pessime nature. 
habet barbam tenuem, caput rotundum, pallide 
disposicionis, crines nigros, densos ac duros. 
libenter habitat in aquis vel in terra. raro 
ridet. habet rimas in pedibus, habet parvum 
cor et parvum pectus, habet magna supercilia, 
magnas scapulas et asellas. frigide est nature. 
communiter est für et mendax; iracundus si 
provorabitur in iram, licet difficulter provocetur 
in eam. et est homo parcus in rebus propriis, 
sed largus et mitis in alienis. est homo audax, 
habens oculos ut latro. habet mirabiles sensus 
et cogitaciones. immo semper similis est homini 
malo, opus matum valenti perpetrare; et raro 


3. Deutsche Sammel¬ 
est in consortio et communitate hominum. 
non curat vestes nec ornamenta, sed prope 
immunde incedit in distortis vestibus, et 
principaliter inclinatus est ad nigras vestes. 
cito canescit et statim inveteratur. non habet 
delectaciones et libidines mundanas, sed est 
homo astutus, invidus ac infidelis, lassus et 
piger in omnibus artibus, eorum est . .. planeta. 
non gaudium nec delectaciones muliebres, sed 
habet semper curas magnas et anxietates 
cogitando praeterita et futura. quando transit, 
frequenter inspicit terram et nunquam vel raro 
moritur bono fine. 

Hs. Tübingen M. d. 2 fol. 266 verso (Hauber 

S. 22f.), geschr. 1404. 

Saturnus ist der oberst planete und leuft 
durch die 12 Zeichen in 30 jaren <und ist in 
eym iglichen Zeichen) 1 ) 2 1 / 2 jare, und hat ser 
großen gewalt in der woge, want er ist sin 
erhohunge und hat noch grossem in dem 
steynbocke und in dem wasserman, want die 
Zeichen sint sine huser, doch hat er in dem 
wassermon (so!) mer gewalt dan in dem steyn¬ 
bocke und hat unglucke in dem krebse in dem 
lewen und in dem wieder und frauwet sich in 
dem wassermont. der planet ist böse und 

1 ) Von Hauber nach dem Wortlaut der 
folgenden Kapitel mit Recht ergänzt. 







zen: 

1 - 1 

(vgl. Horoskopie Sp. 366): 

wie bei Dorotheos I — I 


kapitel des MA.s: 

widerwirtig der naturen und allen lebendigen 
dingen. Und sunderlich so er richset (!) und 
gewalt hat, so verderbet er alle lebendige dinge 
mit hunger dot und arbeit. Syn kinder sint 
brüne und hant eynen dynnen bart eyn synne- 
wels heupt bleicher färben und wonent gern by 
wasser oder in erde. Er lachet selten. Ge- 
schrunden füße, eyn cleyn hertze cleyn brust, 
grosse lange brawen. Von natur eyn diep, 
cleffig hessig lugenhaftig, richtig in zome, nyt 
gut zu erzürnen und doch nach zorn mulich zu 
versünen; sins eigen guts karg, fremdes guts 
myld; frech, mit dürftigen äugen als eyn 
morder, eyns ungestymmen hyrns, böses willen, 
ungeme by den luden und treit gern unsauber 
böse gewant, swartze färbe und grawet schiere 
und hat eyn böse gestalt. Er hat nit lust des 
iibes, listig hessig und ungetruwe, trege lang¬ 
sinn in allen dingen und hat nit lust mit wiben. 
Er hat alzit sorge und anxst und gedenket 
und redet zu ihm selbst und so er gat, so ist 
sin angesicht alles geneiget zu der erden. Er 
ist wol gespreche und nympt selten eyn gut 
ende, syn kinder werdent gewonlichen er¬ 
hängen. Die nature haben sie von dem planeten 
Saturno. 

Cod. Vind. 3085 fol. 19 verso (geschr. ca. 1475). 

Saturnus ist der obrist planet vnd der 
gröst vnd der vntügent/hafftiges vnd ist chalt 


vnd trucken saturnus vnder den pla/neten vnd 
seine chinder Dy vnder im gepom werden sein 
gewö/lich rauber vnd morder vnd wan er 
regnirt so ist gut reden mit vbeln/leutten 
Der planet ist vnser natur veint albeg vnd 
stet (?) gen Orient/ vnd ist ain planet pöser 
lewt vnd untügenthaffter dy mager swartz/ 
vnd dur sein vnd ist ain planet der mänen dy 
nit part haben vnd we/ysse har Vnd dy ire 
clayder vnsawber tragen Dy chinder dy vnder 
de/ saturno werden geporen dy werden prawn 
am dem leib vnd swartz/mit swärtzm har 
Vnd haben hert (?) part auff dem hawbt vnd 
wenig/ har an dem part mit ayner smalen prüst 
vnd wirt hassig vnd vn/tügenthafft vnd auch 
traurig Vnd hört gern alle vnrayne ding vn/ 
tregt lieber vnsaubre clayder dan schöne vnd 
er ist aüch nit vnkeusch/ vnd mag nit wöll mit 
fraue wandeln Vnd churtzbeill treiben vnd / 
hat auch von nat(ur) alle pösse ding an im 
saturnus erfüllet seinen/ lauf! in dreyssig iaren 
Vnd in etlichen monadtn Vnd von seiner 
hö/che wegen mag mä in gar selten sechen vnd 
sein auch seynner nat(ur)/ zaichen des saturnus 
der staynpock vnd der wasserman dy sein 
chalt/ vnd trücken vnd an irer natür Vnd 

gleicht sich aüch dem melon/colicus mit seiner 
natur. 










H5 


Planeten 


Il6 


1x7 


Planeten 


118 


Marduk ist wieder eine komplexe Ge¬ 
stalt. Es eignet ihm (a) die Würde des Götter¬ 
königs, überhaupt des Königs über das kosmische 


Planet 

I. Babylonische 

Leben. So gebietet er den Bergen und lenkt 
die Ströme, er schenkt den Menschen das Korn, 
den Weizen und die Gerste. Mit der Königswürde 

2. Griechisch-arabische 


Jupiter (Zeus, 2|). 

Auffassung. 

paart sich (b) die Priesterwürde und damit die 
Weisheit und die Beschwörung. Ganz anderer 
Einschätzung gehört es an, wenn er schließlich 

Tradition: 


(c) als Lebensbringer und -erhalter Dämonen 
vertreibt, Menschen rettet und Krankheiten 
bannt. 


I 

Antiochos 

2 

Dorotheos 

3 j 

Ptolemaios 

4 

Iulianos 

5 

Valens 

6 

Firmicus 

7 

Rhetorios 

8 

Abu ma’Sar 

9 

Ah ibn-abi ’r-rigal 

— 

— 

gemäßigt 

gemäßigt 

I. Physikalische 

Beschaffenheit. 


gemäßigt 

gemäßigt 



wärmt u. feuch¬ 
tet, durch Über¬ 
wiegen der Wär¬ 
me verursacht er 

kalter u. feuriger 
bzw. warmer Na¬ 
tur 


| 

f 

warmer Natur 

heiß u. feucht 


Kindersegen 


fruchtbare Winde 

' verursacht Ge¬ 
burt d. Lebe¬ 
wesen 

(vgl. Geburt) 


fruchtbarer Natur 





1 

1 

1 


— 


windiger Natur 

atmosphärischer Natur 

es erklären die Weisen, 
daß Jupiter von der 
Klarheit des Aer u. von 
dessen klaren u. ge¬ 
reinigtem Wind entstan¬ 
den ist 



• 

l 

• 

1 

/ 

| 


Farbe: ins Graue 
gehend, aber mehr 
weiß 

Geschmack: süß 


Farbe: ins Graue gehend 
Geschmack: süß 




r\ 


II. Allgemeine Wirkungen, 

a) Krank- 


1. Auf die Menschheit, 
heiten: 



Gesundheit 

verbirgt Krank¬ 
heiten u. Leiden, 
körperliches und 
seelisches Wohl¬ 
befinden 

gibt Gesundheit 

! 

- - 

Magenkrankheiten in¬ 
folge Weingenusses u. 
Überladung des Magens 




— 

verursacht allge¬ 
mein Wachstum 

Wohltäter 

b) Ereig- 

nisse: 

vgl. er erreicht alles, 
was er erreichen will 


• - 

Huhm,Herrschaft 


im besonderen bei 
den Menschen: j 
Glück, Ruhm j 

■ 

'i 

Ruhm, Herr¬ 

schaft, Staaten, 

V orst eherschaf t 
von Tempeln 

ruhmreiches Leben, be-! 
achtet 

Ruhm, Herrschaft, 
Staaten, Vorsteher¬ 
schaft, Priestertum 

Ruhm, Lob, Glück, 
Macht 


— 

1 

' 

* 


- — 

-- 

Siege 

Sieg, plötzlicher Unter¬ 
gang aller Gegner 


Gesund an Körper u. 
Gliedern — Jupiter ver¬ 
mindert Krankheiten, 
Epidemien u. Sterblich¬ 
keit 


Guter Zustand, Gedei 
hen; erfolgreich in sei 
nen Taten 


Leitung, Frömmigkeit 


bevölkert, aber zerstört 
nicht 












H9 


Planeten 


120 



Antiochos 


Dorotheos 


Ptolemaios 


F reundschaften 


4 

Iulianos 


5 

Valens 


Verkehr 


Überfluß 


Reicht ümer 


Friedliche 

stände 


Zu- 


Festigkeit der Zu¬ 
stände 


gute Ernährung 


Neigung zum Gu 
ten 


Fruchtbarkeit, 
Vermehrung des¬ 
sen, was zweck¬ 
mäßig ist 


blühende Um¬ 
stände, guter Er¬ 
trag der Früchte, 
Leckerbissen 

Gerechtigkeit 


Freigebigkeit 

Anerkennung bei 
den Führern 


Wohltaten 

Geschenke von 
Königen, Förde¬ 
rung u. Beweise 
von Freigebigkeit 
u. hoher Gesin¬ 
nung seitens der 
Könige 


große Geschenke, 
Freundschaft mit 
großen Männern, 
Garantie der Gü¬ 
ter 


Kinderreichtum 


Hervorbringen le¬ 
bender Wesen 


Geburt 


Treue 


Liebe, Leiden¬ 
schaften 

Adoption 

Vermittlung 
(Maß) im Urteil, 
Befreiung vom 
Bösen, Lösung 
der Fesseln, 
Freiheit 

Vertrag, Bürg¬ 
schaften 

Erbschaften, 
rechtsverbind¬ 
liche Maßnahmen 


Einsichten 


121 


Planeten 


122 



7 

8 

9 

Rhetorios 

Abu ma*§ar 

Ali ibn-abi 'r-rigal 


umgängliche Leute, ge¬ 
ehrt durch guten Verkehr 


Reichtum, Überfluß 


Verlangen nach Gesel- Verkehr 
ligkeit 


Reichtum, Schönheit 
des Zustandes im Wohl¬ 
stand 


Festigkeit der Zustände Friedfertigkeit, Frieden 

stiften unter den Men¬ 
schen 


Anwachsen des Glük- glücklich in seinen Ta 
kes(?) in allen Dingen ten u. Werken 


Gerechtigkeit 


Recht, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, verwirft 
Liebe zum Guten, Wi- nicht 
derwillen gegen das Böse 


Geschenke 


Schutz durch den Na¬ 
men großer Männer 


Freundschaft mit gro¬ 
ßen Männern 
gute Aufnahme bei Kö¬ 
nigen u. Großen 


Geburt 


ständige zarte Liebe zu 
Gattinnen u. Söhnen 


Neigung zu den Höch¬ 
sten unter den Mächti¬ 
gen u. Vornehmen, 
Freigibigkeit, Hilfsbe¬ 
reitschaft (?); läßt bei 
sich eintreten, wer sich 
ihm nähert 

Leben; Körper der Tiere 
u. Kinder u. der Kindes¬ 
kinder insgesamt 

Keuschheit, vgl. viele Keuschheit 
Ehen 


vgl. Gerechtigkeit 


Richteramt unter den hindert das 
Menschen; vgl. Recht, schreckt vor 
Gerechtigkeit; unterläßt rück; Gesetz; 
Übertretung des Ge- rechtigkeit 
setzes 


Böse u 
ihm zu- 
vgl. Ge- 


man schenkt ihnen stets Bürgschaften 
Glauben 


Treue in der Verpflich- treu 
tung, Schuldzahlung der 
Treue 


Einsichten 


Intelligenz, Weisheit, Einsichten, Verstand 
Klugheit in religiösen 
Dingen, Macht im Wissen 


Einfachheit 















123 



Planeten 


I 

2 

3 

4 

5 

Antiochos 

Dorotheos 

Ptolemaios 

Iulianos 

Valens 


(Würde) 


2. auf die 


i 


• > 


;ir. 


t? 


6 

Firmicus 


7 

Rhetorios 


8 

Abu ma'äar 


Tiere: 


Förderung der 
dem Menschen 
nützlichen Tiere, 
die zahlreich wer¬ 
den 

Vernichtung der 
schädlichen Tiere 


i 


3. in der 


wohltemperierte, 
gesunde, wind¬ 
reiche Witterung, 
feucht u. gedeih¬ 
lich für das Ir¬ 
dische 


wohlte mperierte 
Luft 


Witterung: 


4. auf 


gute Schiffahrt 


gleichmäßiges 
Steigen derFlüsse 


(in guten Tier¬ 
bildern) : 
wohl gemischtes 
Ergießen der 
Wasser 

(in schlechten 
Tierbildem um¬ 
gekehrt) 


5- auf 


Schaffung von 
i. ihrer körperlichen Be- 


große Augen, 
breiter Augapfel 


in östl. Stellung: 
weiß bei schöner 
Hautfarbe 

mittlerer Haar¬ 
wuchs 

schwarzäugige 


ansehnlich große 

ehrwürdige 

in westl. Stellung: 
weiße Körperfarbe 
aber unschön 

glatthaarige 
vorn kahle, halb 
kahle 


Gewässer: 


Pflanzen: 


Menschentypen. 

schaffenheit nach entstehen: 

weiße, 

Leute mit schönem 
Fleisch 


weiße, schmucke 
pergestalt 


dichter Haarwuchs 


Augen 


schöne Gestalt 


hellblickende 


ansehnlich große 
ehrwürdige 


Kahlköpfigkeit vorne 


Ali ibn-abi 'r-rigal 


klärt die Luft, durch 
seine Gleichheit und die 
Temperierung seiner An¬ 
lage werden Sommer¬ 
hitze u. Winterkälte ge¬ 
mäßigt; Winde u. ge¬ 
sunde Regen 


— 

Reichtum an 

— 

gute Erträge der — 

— 

— 


Früchten 


Früchte, Ein¬ 

% 





käufen der Zu¬ 

1 





kost 















r 

129 


Planeten 


130 



Firmicus 


Rhetorios 


Abu ma'Sar 


Ali ibn-abi ’r-rigal 


Schöllköpfige 

festen Schrittes einher¬ 
gehende 


großköpfige 


Leute mit großem und 
schönem Bart, mit brei¬ 
ter Stirn, mit Haaren in 
den Nasenlöchern 


(Temperamenten) nach entstehen: 


Haltung (bzw. ihrem 

Leute, die stets zu gro-; 
ßen Arbeiten auf gelegt 1 
sind ! 


Beruf) nach 


entstehen: 

Eile; Kühnheit d. Seele, 
stürzt sich kopfüber in 
Gefahren 


gute, von edlem Charak- Schönheit des Charak- wahrhaftig in Wort und 
ter ters Tat 


Menschen, die hochge-j Leute mit erhabener Freigibigkeit 
mut Großes erstreben (großmütiger) Seele 


geehrte 


Frömmigkeit: mit Prie- Religion, Gottesglaube, fromm 
steramt geehrte Priester 


beliebte, mit Denkmä¬ 
lern geehrte 


verdienen 
aus den 
Söhne 


große Würde 
Ehren ihrer 


Verehrung, Sympathie 
u. stärkste Liebe u. 
Hilfe von seiten der 
Menschen in allen Din¬ 
gen 


vornehme, einflu߬ 
reiche 

ruhmreiche 


Ruhm; er ist gepriesen, 
Lob ist auf ihm 


tut gewöhnlich Gutes 


läßt alle bei sich ein- zeigt das Gute, hindert 

treten, die sich ihm das Böse (ausführlich 

nähern erörtert) 

— wahrhaftig in Wort und 

Tat 


H £ c i. 11 1 d • ? t Lu L 1 i , Al crthulc VII 


5 ^ 









Planeten 


132 



Dorotheos 



Ptolemaios 


freie 


Gerechte 


raenschenliebende 


schamhafte, ehr¬ 
würdige 

den eigenen Din¬ 
gen lebende 


mitleidige 


Gelehrte, Erfin¬ 
der 


zärtlich (Eltern, 
Kinder, Geschwi¬ 
ster) liebende 


Anführer 


in schlechter 
Stellung : 
liederliche 


Geselligkeit, 
Weichlichkeit, 
Liebe zu Lust¬ 
leben, Dünkel 


Gleichgültigkeit 

Feigheit 

Gespensterfurcht 
laut redende (?) 


4 

Iulianos 


5 

Valens 


(Freiheit) 

(Gerechtigkeit) 


Geschw isterliebe 


Herrschaft 


*33 


Planeten 


134 



Firmicus 


Rhetorios 


Abu ma*§ar 


Ali ibn-abi 'r-rigal 


(Gerechtigkeit) 


unterläßt Übertretun- gerecht, liebt die Ent- 
gen (des Gesetzes) Scheidungen u. Be¬ 
schlüsse des Gerichts 


ehrwürdige 


mit allen zusammen- Verlangen nach Gesel 
kommende ligkeit 

— Emst 


Barmherzigkeit (Almo- hilft den Armen 
sen), Geduld 

Gelehrsamkeit, Klug¬ 
heit in religiösen Din¬ 
gen, Rechtsgelehrsam- 


Gattinnen u. 
lieben sie zart 


lieben die Freunde 


Anführer, Adlige 


zärtlich die Familien¬ 
glieder hebende, Freude 
an Frau und Kindern 

Wohltäter der Freund¬ 
schaft 


Große; solche, die über 
das Vermögen die Dinge 
der Städte u. Volks¬ 
haufen glücklich leiten 


Führertum, Sultanat, 
Königtum, Adel 


gute Liebe 


gute u. wahre Freund 
schaft ohne Trug 

leitet 


schön ratende 


in schlechter Stellung: in schlechter Stellung: 


nichts Großes, Vermin¬ 
derung der Lebensjahre 


gesellige, freudige; ver¬ 
langen, sich auf alle Art 
zu amüsieren; Liebha¬ 
ber von weichlichen Ge¬ 
nüssen; vielessende 


dieselben Typen, aber 
mit verminderter Macht 
in der Großmut, dem 
Neid wegen ihrer Erfolge 
ausgesetzt 


in westl. oder schlechter 
Stellung: 

Schädigung der Tätig¬ 
keit, Verminderung des 
Lebens 


Freude, Scherz, Joviali¬ 
tät, Lachen; Liebe zum 
Leben in guten Verhält¬ 
nissen u. zu prächtigen 
u. blühenden Häusern 


deutliche, laute (? ) 
Sprache, Wortreichtum 








135 


Planeten 


136 



Hs. St. Gallen 429. fol. 95 recto. 

Jupiter est infra Saturnum proximus. et 
currit per 12 signa in 12 annis et est in qualibet 
parte unum annum. et magnam habet pote- 
statem in sagitario et pisce quia sunt sua domus. 
magnam habet potestatem in cancro quia est 
eius elevacio. magnum habet diffortunium seu 
nullam potestatem in geminis, libra et aquario. 
multum gaudet in sagitario. 

Jupiter est bonus planeta obtemperans 
malitiam Satumi. Unde puer qui nascitur sub 
eo, est bonus, habens barbam rotundam, oculos 
claros, magna supercilia deorsum flexa et 
depressa, et pulcher adulescens mediocris 
stature. habet latam frontem et discretum 
visum ac honestum. habet labia rubea, fatiem 
claram, rnembra disposita. erit honeste con- 
versacionis, habet nasum dispositum et rotundum 
et fatiem aequaliter longam. est homo multum 
amans iustitiam; et homo multum fidelis, nulli 
noxius, secrete amans mulieres. homines per- 


3. Deutsche Sammel¬ 
versos multum habet exosos. Item ut com- 
muniter huius dentes anteriores sunt lucidiores 
aliis et modicum scissos et divisos. habet 
multos et longos crines. et homo misericors 
ut communiter dives et raro pauper. et pro- 
motor iudicii et iustitie. estimat se ipsum 
multum famosum et dispositum. et homo 
sapiens, iocosus et a omnibus amabitur. 

Hs. Tübingen M. d. 2 fol. 267 verso. 

Jupiter stet under Satumo allernest und 
laufet durch die 12 Zeichen in 12 jaren und 
ist in iglichem Zeichen eyn jare und hat ser 
grossen gewalt im schützen und in dem fisch 
wan die 2 Zeichen sint sin hu ser. Er hat auch 
grossen gewalt in dem krebse, want das Zeichen 
ist sin erhohunge, und hat Unglücke in dem 
zwyling und in der jungffrauwen und in dem 
steynbocke und er frauwet sich in dem schützen. 
Der planete ist gut und darumb ist er der erste 
nach Satumo, das er ym sin bossheit beneme. 



kapitel des MA.s: 

Jupiters kint ist eyn gut mensch mit eynem 
ründen bart, und hat schon äugen und grosse 
brawen gebogen, schon von gestalt, eyner 
mitteler masse,. eyn breite styrn, zuchtlichs 
gesiechts, eyn siecht nase und eyn lang antütz 
und münt, nit zu groß noch zu cleyn, rot lefzen, 
eyn schon antlitz, slechter glieder, eyns züch¬ 
tigen wandeis und hat gerechtigkeit liep, 
nyemant schedelich und hat f rau wen heymlich 
liep, und gerechte lüde hat er auch liep und 
hasset böse lüde. Die zwen forderen zendhe 
sint ime breiter {!) dan die andern und eyn teil 
gespalten und hat lang hare. Er ist vast barm¬ 
herzig und werdent gewonlichen rieh und 
selten arme, eyn mytteler und furer des rechten 
gerichts und dunket sich selber schon. Er ist 
wise fruntlich und fröhlich und gefeit den luden 
gemeynlich wol mit synem wesen und wandel. 

Cod. Vindob. 3085, fol. 20 verso, 
lupiter der ander planet der ist gluck- 


hafftig tugenthafit warme vnd frisch vnd 
etwen träg an seinem lauff vnd gehört den zw 
dy da tugenthafftig sein. Vnd herlichn manen 
dy da gross dick part haben vnd werden nit 
kall vnd wan er regnirt so get es frauen 
woll dy mit knaben gent. Vnd ist dan güt, 
vor fürsten frid vnd recht suchen, dyser planet 
haltet aüch seinen lauff mit den dy da haissent 
Colerici, dy helffent aüch den lewten vnd den 
iren vnd thün doch dem nit geleich vnd thün 
ir hilff haimlich vn (vn cod.)uerporgenlich 
gegen den leüten vnd aller maniglich. Vnd 
sein auch vast getrew frewnt und nit offenlich. 
Das chind das vnder dem planeten geborn 
wirt das wirt güet massig, vnd wirt ere vnd 
recht lieb haben vnd hat aüch geren schone 
klayder vnd waz da woll smeckt vnd rayn ist, 
das hat es geren. Es wirt auch mit parm- 
hertzig vnd frolich vnd hat dy zaichen der 
sünnen, den schützen vnd den fisch. Jupiter 
erfüllet seinen laüff in zwelff jaren. 





*41 


Planeten 


142 



1. auf die Menschheit: 
j. Wesen derselben : 

— verursacht, was durch — (Zerstörer) 

Brand u. maßlose Hitze 
entsteht 


bewirkt, daß durch allzu Krankheiten, Leiden; viel Mühe und Leiden Krankheiten 
BtarkeFieberhitzeWahn- Tod durch anhaltende 
•inn entsteht Fieberhitze 

— u. dreitägige Fieber — — 

— Tod durch Blutstürze — Schmerzen infolge Blut¬ 

sturzes (die von Natur 
warm und feucht sind) 


gewaltsamer Tod Tod durch plötzliche 

Schläge 



l 

1 


Krankheiten : 




I 


3 » 



Planeten 


146 





JS. 


1 


145 


m *1 

3*1 

ti 

s 


Firmicus 


Rhetorios 


Abu ma'Sar 


Frühgeburt d. Embryo 


Ali ibn-abi ’r-rigal 


Zerschneiden des Kindes Zerschneiden des Kindes 

im Mutterleib 






Vernichtung der Früh- Ungerechtigkeit, ge- 
geburten tätigt im Augenblick 

der Geburt 


Wahnsinn (s. o.) — 

schlaffe — — 

hinfällige — — 

Wunden durch Schwert Wunden am Körper Wunden (in Aufständen) 


Krankheit durch Kälte 
oder vierfüßige Tiere 


Ereignisse : 


jede Sache, die plötz¬ 
lich geschieht 


Kriege, Anrücken von Krieg, Waffen 
Soldaten 


Kriege, Heldentaten, 
Schlachten 


Kriegsgefangenschaft 


Wunden in Aufständen 


Fesseln, Gefängnis, Ver¬ 
urteilungen, vgl. An¬ 
geklagte 


Fesselung, Gefängnis, 
Gefangensetzung, Wie 
dergef an gensetzung, 
Prozeß 


Verbannte 


Verbannungen 


Flucht 


vgl. plötzlicher oder ge- Tod durch plötzliche Schläge; vgl. jede Sache, 
waltsamer Tod Unglücksschläge die plötzlich eintritt 


Gewalttat 


Vernichtung der 
völkerungen 


Bichtold-Stiubli, Aberglaube VII 


Tyrannei, hochmütige 
Behandlung 

Erregung von Unord-i 
nung bei Dingen, die in 
gutem Zustand sind 


5 b 








147 


Planeten 


148 



Antiochos 


Ptolemaios 


4 

Iulianos 


Brandschatzun 

gen 

Männerraorde 


Räubereien, Über¬ 
fälle 


Begattung 


5 

Valens 





Planeten 


150 




• »p 


Brandschatzungen, 

Feuersbrünste 


Morde 


Brennen, Brandschatzen, 
Feuer, Feuersbrunst 

Mord 


liebt zu töten, Ermor- 
d ungen 


Verstümmelungen — — 

Tötung durch Straßen- Räubereien, Diebstähle, Dieb-sein, gestohlenes 
räuber Beutezüge, Überfälle Gut 


irren in fremden Län- weilen gern in der 
dem Fremde 


viel üble Nachrede, ge¬ 
meine Sprache, üble 
Redeweise, Rohheit und 
Ungebührlichkeit der 
Sprache | 

Reisen und Verlassen 
des Landes 


A 

schlechte Empfindungen Ehebruch, unstät gegen- Ausschweifung; 
gegenüber Frauen, Söh- über Frauen Schmähung von 

nen und Freunden rühmten Frauen 


Ver- 

be- 


wendet sich ab von 
Eltern u. seinem Haus 

verliert Gattin u. Söhne I Untergang der Frauen 


vgl. wenig Erfüllung 
eines Versprechens 


Reitkunst, Pflege der 
Reittiere 

Schafhirten 


Würfelspiel 

Durchgrabung 

Mauern 


von 


Aufgraben der Gräber Aufgraben der G 

deren Plünderung 


Streben nach Bekannt¬ 
werden und hohemRang 


















r 


151 


Planeten 


Planeten 


I 

2 

3 

4 

5 

Antiochos 

Dorotheos 

Ptolemaios 

Iulianos 

Valens 


1 


2. auf 


LI 


6 

7 

8 

9 

Fiimicus 

Rhetorios 

Abu ma'Sar 

Ali ibn-abi 'r-rigal 


Tiere: 


3. auf die 


Witterung: 


— 1 * 

Trockenheiten 

Hitze 

1 hB * 

— 

— 

- 

heiße, pestreiche, 

Luft: feurig, pest- 

1 1 

^^ T • 




verzehrende Win¬ 

reich, schwer und 

* 

1 




de 

krankheitserre¬ 

l!’i 

V* 



— 

— 

gend 

i # - 

!• 

h 

1 


■ 

— 

Donner, Blitze 

Donner 

1 

' !* 

t ; 

— 

— 

— 

Regenlosigkeit 

_ irr a 

t 

% 

*- 

e 


L _ 


steigend: Erhöhung von 
Hitze u. Trockenheit 


fallend: er feuchtet und 
es vermindert sich seine 
Warme 

Donner; Blitze (? = 
scintillationes, radios) 


4. auf 


Gewässer: 


1 

auf dem Meere 
plötzliche Schiff¬ 
brüche durch : 

Wirbelstürme, 
Donner u. ähnl. 


— Schiffbrüche 

A 



" 

Wassermangel d. 
Flüsse, Austrock¬ 
nen der Quellen, 
das Flußwasser 
verdirbt 



11 



Mangel u. Zer¬ 
störung der un¬ 
vernünftigen Tie¬ 
re 


zerstört alle Tiere 
auf der Erde 


u. der aus der 
Erde gewachse¬ 
nen Früchte 
durch Hitze 


u. mannigfacher 
Früchte infolge 
der übermäßigen 
Gewalt seines 
Feuers 


oderVerbrennung 
der Feldfrucht in 
den Scheunen 


5. auf 


Pflanzen: 


, Schaffung von 

1. Ihrer körperlichen 


Menschentypen. 

Beschaffenheit nach entstehen: 




in östl. Stellung: ! 


1 


1 

■ 1 

— 

weißrote 



— 

! 


— 

stattlich große 


- - 

stattlich große 


— 

— 

gesunde 

— 

- - 

— 

— 


155 


Planeten 


156 




mit scharfem blau-(scharf-) - 
Blick äugige 

— mit vielem Haar 


Beweglichkeit 


mit mittlerem 
Haarwuchs 

in westl. Stellung: 
nur rote 

mäßig große 

mit kleinem Kopfe 

etwas kahle 


mit rötl. Haaren ! 


ohne Runzeln 


2. ihren Qualitäten 

in östl. Stellung: 

mehr warm und — — 

trocken 

in westl. Stellung: 

mehr trocken — — 

3. ihrem Charakter und ihrer psychischen 
in guter Stellung: 

edle, zu Staats- — — 

ämtem befähigte, 

Herrscher 


Mut 


Führer 


mutige 


Kriegsführer, 

Heerführer 


Reichtum lieben¬ 
de 


Kühnheit, wag¬ 
halsige Unterneh¬ 
mungen, Gefahren 


Kühnheit 


sehr genährte 
kräftige 

waghalsige, sich 
in Gefahr stür¬ 
zende 


ungehorsame 


157 


Planeten 


158 






I6l 


Planeten 


IÖ 2 


6 

Firmicus 


Rhetorios 


Heißsporne, erregbare 


wenig aufmerksamePrü- s. vorstehendes Zitat 
fung der Dinge 


anmaßende 


vgl. stolzer Gang des 
Anführers 


V erächter 


Härte des Hochmuts 


glückliche, tapfere.. An¬ 
führer im Kriege, deren 
Zomausbrüche durch 
Entrüstung hervorgeru¬ 
fen werden 


Zorn, Zornesausbruch zürnt schnell in starkem 

Zorn 


rohe, gewalttätige Ver¬ 
brecher, Erfinder von 
Schandtaten 


Streben nach Unrecht, 
Bedrückung, Gewalt¬ 
tätigkeit, für Erlaubt- 
Finden des Verbotenen 


Mörder 


Verschwender 


viel Schlemmerei 


streitsüchtige 


sorgfältige Ausarbeitung 
in der Rede, Verschla-, 
genheit im Drängen auf 
Antwort, improvisierte 
Reden I 


Zänkerei, Streit 


Mörder, Folterer 


Wahnsinn 


beständige 


viel Unrecht tuende 


leicht umzulenkende 


gottlose 


gewaltige Trinker 


Soldaten, Athleten 


Aktionen der Bosheit, 
Streben nach Unrecht, 
wenig Edelmut 


minderen Sinnes (?) 


wenig Gottesfurcht 


vgl. wenig aufmerksame bedenkt nicht den Aus- 
Prüfung der Dinge gang der Dinge 


Festigkeit 


zieht nicht die Hand 
von seinem Beginnen 
zurück; ist ganz an sein 
Tun hingegeben 


geschickte Reiter, Sol¬ 
daten ; Armee, Beglei¬ 
tung d. Sultans 


Bäebtold-Stäubli, Aberglaube VII 


6 





163 


Planeten 


164 

















Hs. St. Gail en 429 fol. 95 recto. 

Mars currit per 12 signa in duobus annis, 
et est in quolibet signo per 2 menses. Magnam 
habet potestatem in ariete et scorpione quia 
illa duo signa sunt eius domus. magnam habet 
potestatem in scorpione (!) quia est eius elevatio. 
Nullam habet potestatem in libra, thauro et 
cancro. Mars est malus planeta siccae naturae. 
Pu er qui nascitur sub tali planeta est iracundus 
et austerus in grandi calore vel ruber / habens 
longam frontem: directa supercilia et longam 
fatiem: parvos et austeros oculos ac profundos / 
habet longum nasum et medio elevatum, habet 
os pro maiore parte aptum aut multum re> 
clausum. habet longos dentes / Est homo 
garulus, multa loquitur / macer et indolis et 
acuti ingenii et multum velox et festivus / omni 
tempore impetuosus / inclinatus ad gwerras, 
Iitem faciens et discordias. multum prodigus / 
se ipsum laudans in singulis / habens distortum 
corpus / non potest bene dormire pluries dolet 
caput. Et tirannus et inmisericors / Cupit 
multum luxurias, sed modicum potest / Libenter 
est in multitudine hominum / raro devenit ad 
etatem. 


3. Deutsche Sammel- 

Hs. Tübingen M. d. 2 fol. 26 vef so. 

Mars steht allereest nach Jupiter und durch- 

leuft die 12 Zeichen in zweyn jaren und ist in 

eynem iglichen Zeichen 2 monet und hat grossen 

gewalt in dem wieder und im scorpion, want 

die zwey Zeichen sind sin huser, der steynbocke 

ist sine erhohunge, und hat Unglücke und 

wenig glucks oder gewalts oder keynen in der 

wige in dem stiere und in dem krebes. Der 

planete ist böse und ist heißer und druckener 
naturen. 

Syn kynt ist synnerich zornig eyns scharfen 
angesicht, eyner brünen färben oder eyner 
roten, als die an der sonnen verbrant sint mit 
roten sprunkelin an dem antlitz, eyn lange 
styrn, siechte brauwen, cleyn scharfe äugen 
und diese, ein langes antlitz und eyn lange 
nasen und hoch, eyn grossen münt das merteil 
o0en, lange zende kleffig mager und eyn güder 
(wohl = Verbraucher, Verschwender; Anm. 
Haubers) sins guts, gach zornig und lat nichts 
ungerochen, alzit wetig und ungestymme, 
geneiget zu Unfrieden, eyn betrupsamer der 
friedlichen, giftig, eyn berümer siner bozheit 
und ander syner werke, eyns krommen libes 
und mag nit wol slafen, syn heupt dut ime 


I69 


Planeten 


170 


7 

1 8 

Rhetorios 

I Abu ma' §ar 


Ali ibn-abi 'r-rigal 


talle: 


zen 


1 • 

"i 


n 


Tierkreisbilder: 

S. 207); für Ptolemaios s. Tetrab. I 20 p. 49 Mel. (= Bouche-Leclerq a. a. O. S. 211). 


L* 


•1 •' 

i 


kapitel des MA.s: 

gern wee. Er ist eyn harte unbarmherzig mensche 
und begert der mynne und mag doch nit also 
vil. Er ist gern da der lüde vil by eynander 
sint und wirt gewöhnlich nit alt. 

Cod. Vindob. 3085 fol. 2 verso . 

Mars ist der drit planet vnd der ist hais 
vnd trücken vnd geluckhäfftig pösse doch 
mittelmässig in seine laüff vnd ist ain planet 
zornig’ lewt. Vnd dy da geren kriegen vnd 
töbe vnd kall sein vnd dy kraüs har haben 
vnd wenig vnder dem planeten ist güt in streit 
zw gen. Vnd stelen raüben vnd prenen vnd 
wuntten dy lewt. Mars ist ain pöß planet vnd 
darüb wan er regnirt vnder den siben plänetn 
so sprechent dy maister das mä in sech ob der 
sünne so wedent er grös nyderlegug vnd’ 
dem adell also das dy Hern ritter vnd knecht 
des selbign Jares nit schullen kriegen. Dan sy 
ligent darnyder aber des selben Jars haben dy 
pauren güt kriegen wan als ding get väst näch 
Irm willen vnd darüb dy menschn dy da en- 
pfangen werdent. Daii mars regnirt dy werdent 
gar’ steytper vnd als vörmäln gesprochen ist. 
Dan man in siecht ob der sünnen so hat er 
etlich nätur mit de dy haissent sangwiney wan 


dy sein gar streitper vnd verlirent doch vill 
vnd dick an ihren kriegn. Dan man in aber 
siecht vnder d’sünnen sö hat er etlich natür 
mit den dy da haissent meloncolia. Dy sein 
Stile vnd sweigent vnd streitn vnd gelyngt in 
wol aü im kriegn vnd streitn vn des jars wan 
mars regnirt so regnirt gewönlich ain stern 
haist Cometa vnd in welchem land dan der 
stern wirt gesechn in de selben land wirt an 
zweiffell grös tewrug vnd hüng. Wan man 
mag in mit allen lande gesechn wä er ist nyd ah 
dem himell vn nähet pey dem mäneh also 
des mäne schaden in vmb geit dz nä in nit 
woll mag gesechen vnd wann dy sun ist in dem 
zaichen Cancer oder leo vnd welchs jars er 
regnirt so ist gern der man vnd dy sün prechen 
hälftig. Der vnd’ dem planeten geporn wirt 
der wirt rot mit etlichr vinsternüs als dy ander 
sün praii werden nach dem dz chind wirt 
vntugethafft vnd vnstchauig. Es wirt hoffertig 
vnd macht albeg krig vn vnsabrkait vnder 
de leüte vrid hät vnder den zwelfif zaichen den 
wider vn den scofpian vh ir coplex(io)n vnd ir 
nat(ur). Vnd Mars erfüllet seinen laufi in fünff 
hundert vnd dreyssig tagen. 



m 


Planeten 


172 


Öama§, die Sonne, charakterisiert a) seine 
Eigenschaft als Richter in der himmlischen und 
irdischen Welt, deren Gesetzgeber er zugleich 
ist. Weil er alles sieht, haben Lumpen, Ver¬ 


planet Sonne 

1. Babylonische 

brecher, Räuber, Diebe, Lügner usw. allen Grund, 
ihn zu fürchten; für alle Gerechten ist er ein 
großer und geliebter Freund. Diese Idee läßt 

2. Griechisch-arabische 




Planeten 


174 


$1 


f 


; *73 

i 

(Helios, Sol, ©). 

Auffassung. 

fiamas werden b) zum gütigen Helfer der Schwa¬ 
chen. Er heilt Krankheiten, bringt Freude 
und Heil und schützt die Wanderer. Daß er 

Tradition: 


Tote lebend macht, wird mit seinem c) Charakter 
als Unterweltsmacht Zusammenhängen. Auch 
gilt er wie Sin d) als Erforscher aller Geheimnisse, 
denn er sieht alles. 



i«« 


i 

i 

... ?, 


R 


l 6 

7 

8 

9 

Firmicus 

Rhetorios 

Abu ma'Sar 

Ah ibn-abi 'r-rigal 

Beschaffenheit u. Wesen. 



> 

fehlt bei Firmicus 

warmer und trocknerl 

Natur: heiß, trocken 

1 _ 


Natur 


[vgl. IV 19, 31 Sonne 
(u. Mond) erhalten nie¬ 
mals den dominatus 
geniturae = Hausherr- 
•chaft über das Horo¬ 
skop. Mit dem dominus 
geniturae in gutem 
Aspekt bringt die Sonne 
unten Stehendes hervor] 


bewirkt die J ahreszeiten 


der mittlere von den 
7 Planeten; vgl. wie ein 
weiser König, der ver¬ 
standesmäßig sein Kö¬ 
nigreich in der Hand 
hat und zur Beobach¬ 
tung seine Residenz in 
der Mitte seines König¬ 
reichs hat, um alle 
Seiten (dieses Reiches) 
zu berühren 


Herr 


intelligibles Licht 


Herrscher der Welt; 
durch ihn werden die 
Planeten östl. u. westl., 
sichtbar u. verborgen, 
durch ihn bewegt sich 
jede Sache, die sich 
selbst bewegt, durch ihn 
wird jede entstehende 
Sache hervorgebracht 

große Seele des Him¬ 
mels, Licht u. Leuchte 
des Himmels 


Leiter der Seele 













175 


Planeten 


176 



177 


Planeten 


178 














179 Planeten 1 80 



i 


2. Wirkung 

erzeugt die Lebe- — 

wesen u. vernich- 
{ tet sie wiederum 

3. Wirkung au f 



11 

regiert den Jah¬ 
reszeitenwechsel 

vollendet Winter 
und Sommer und 
die beiden da¬ 
zwischenliegen¬ 
den Zeiten 

regiert über Win¬ 
de? 

L 


11 


4. Wirkung auf 

erweicht die 
Früchte u. trock¬ 
net sie wieder 



Bewegung des 
Atems 


Sinneswahrneh¬ 

mung 


m. Herrschaftsbereiche. 

Sehen i — rechtes Auge 

Gehirn — Kopf 

Herz — Herz 

Sehnen — — 

alles, was rechts ist — — 

— — Rippen 

—. — Bewegung des 

i Atems und der 

Wahrnehmung 

— — Sinneswerkzeuge 


I 


| Gold 


2. Me- 


;• 


181 


Planeten 


182 



talle: 


Gold 


| Gold (gier) 















183 


Planeten 


184 



Hs. St. Gallen 429 fol. 95 verso, 

Sol movetur per 12 signa in uno anno, hoc 
est in 365 diebus. Et est in quolibet signo per 
unum mensem / magnam habens potestatem in 
ariete quia id signum est eius elevacio / Et 
acriorem potestatem habet in leone quia est 
eius domus. Nullam habet potestatem in libra 
vel saltem modicam et adhuc minorem in 
aquario. Unde puer qui nascitur sub tali planeta 
habet dispositam fatiem: barbam pulchram / 
homo est mansuetus / magne capacitatis / bone 
industrie / multum facundus / bone eloquencie / 
libenter interrogans de magnatibus et officiis 
eorum / ocultus amator mulieris / habet os 
mediocrem / habet frontem lotundum et con- 
petentia supercilia / oculos rotundos nonlongos/ 
nasum parum elevatum / collum directum 
magnos pedes / iocundus hylaris / libenter 
deffert vestes preciosas et pulchras / unde sol 
est planeta malus et diffortunio plenus coram 
aliis planetis et sub aspectu eorum bonus. 


3. Deutsche Sammel- 

Hs. Tübingen M. d. 2 fol. 269 vcr s°. 

Sol die Sonne ist allemeste under Mars und 
durchleufet die 12 Zeichen in eym jare und ist 
in eym iglichen Zeichen eyn manet als vor 
geseit ist und hat grossen gewalt in dem wieder, 
want er ist der sonnen erhohunge und hat noch 
grosseren gewalt in dem lewen, want er ist sin 
huß und hat unglucke und lutzel gewalts in 
der woge und noch myner gew r alts in dem 
wassermon. 

Der Sonnen kynt hat eyn breit schon antlitz 
und ist senftmutiger und guter synne und 
ungelemig, wolgespreche schöner rede, wise, 
gerne fragen, grosser heren amptman, frauwen 
heymlich liep, schönes hare, eyeründe styrne, 
gefuge brawen und äugen, eyn siechte nasen 
nit zu lang in mytten dein hoch, eyns runden 
kynnes, schöner roselechten färben, eyn münt 
nit zu groß noch zu cleyn, sin lefzen cleyn hoch, 
sin halß ist siecht, eyn schonen bart, grosse fuße 
und große beyn, eyn grosse stymne. Bescheiden 
und senftmütig, vast wise frolich und wol gemüt 
und hat gern gut köstlich gewant liep. Und 


Planet 

1. Babylonische 

Istar ist a) die Göttin der Fruchtbarkeit. Leben hängt zweifellos ihre Beziehung zum Tode 
Es unterstehen ihr Ehe und Liebe. Man kann als dessen Gegenpol zusammen: so ist sie b) Un- 
sie als Göttin der Mütter bezeichnen: sie steht in terweltsgöttin. Diese Vollmacht über das Leben 
Geburtsnöten bei. Mit ihrer Beziehung zum in seiner Totalität hat sie wohl einerseits zur 

2. Griechisch-arabische 

1 2 3(4 5 

Antiochos Dorotheos Ptolemaios Iulianos Valens 

I. Physikalische 

-— I — gemäßigt in gemäßigter — 

i Luft; gemäßigt 

—- — wärmt zuweilen hat Teil an der — 

i Sonnenwärme 

I 

— — feuchtet meistens j und an einiger — 

Feuchte vom 
i Merkur 

— — — ! feucht — 


I 


Planeten 


186 



r 


j 


185 


' 

Ä" » ^ 

6 


7 

8 

9 


Firmicus 


Rhetorius 

Abu ma’äar 

Ali ibn-abi ’ r-rigal 


Tierkreisbilder: 


kapitel des MA.s: 

die sonne ist eyn planet by andern planeten 
ungluckhaftig und böse und mit angesichte der 
planeten auch gut. 

Cod. Vindob. 3085 fol. 22 vcrs <>. 

Die sünn ist der vierde planet der ist haiß 
vnd trücken vnd ist lustlich vnd ist ain eyn- 
fliessends liecht vnd ayn leben allen den dy 
da lebent vnd in allen natürlichen dingeh. Er 
ist ain planet schon vnd lustlichn leüchten 
der lewt antlitz vnd aüch den leittn Dye mit 
allen erbern gedencken vmb geht vnd mit 
erbern lewttn die sünn ist ain chuniglicher 
Stern ain liecht vn ayn aug der weit ist sy 
genant vnd scheinet durch sy selber Vnd 
erleüchtet dy andern stern vnd ist aüch vnder 
den siben plänetn' der miltest vnd zertailt dy 
feit Vnd erfult seinen lauft in aine gätzn Jar 
vnd dy Sün mächt den meschen zw leib voll 
vnd sein antlitz mächet sy im gar schön vnd 
wöllgeschaffen mit grossen aügen vnd mit 
aynem grossen pärt vnd mit lange har Vnd 
mächet den meschn näch der sele näch im 


geleich vnd machet In näch andern Sachen aüch 
weys vnd das mä in gar lieb hat Vnd mächt 
in künstreich vnd listig in allen dingn vnd 
näch dem plänetn sein genät dy sangwiney 
wann dy selbigen leut sein gar wegriffen in 
allen kunsten Vnd sein aber an gütlichen 
dingen vnd articklen zweiffelhafftig vnd sein 
aüch vnkeüsch leWt vnd werdent gär leicht 
ertzürnt vnd nypt doch gar pald ab an yn das 
chind das darvnder gepören wirt des Jars vn 
dy sünn herd ist das wirt fleischolt Vnd gewint 
ayn schön antlitz vnd grosse aügen Vn ayn 
weisse värb mit aynem wenig röttes gemischt 
Vnd mit vill partes vnd häres nach der sünnen 
geleichnüs vn scheinet aüswendig gär guet vnd 
sein leut nach Irm haübt das sprecheht etlich 
maister So sprechent auch dy andern dy vnder 
der sün gepören werden sein gar weis vnd 
frölich vnd haben güet lewt lieb vnd hässeh 
dy pöseh Vnd hat vnder den zwelff zaichen 
den leö mit seiner natur vnd aüch mit seiner 
Complexion. 


Venus (Aphrodite, O). 

Auffassung. 

(c) Himmelskönigin werden lassen, als welche 
sie die Sterne anführt, andererseits zur (d) Herrin 
der irdischen Länder und Göttin der Schlacht 


(was für diese Zeit zusammengehört), so daß 
sie kriegerisch, kampfesfroh und als Brandfackel 
erscheint. 


Tradition: 


6 

Firmicus 


Rhetorios 


Abu ma’Sar 


Ali ibn-abi 'r-rigal 


Beschaffenheit. Wesen. 


: Mischung gemäßigt 


;emäßigt 


feucht 


kalt u. feucht 


; kalt u. feucht 


■* 




glänzendes Leben vgl. in guten Tier 

bildern: heitere 
Seelen 


Tragen von 
Kränzen u. gol¬ 
denem Schmuck 


(Üppigkeit) 


I89 


Planeten 


190 


Firmicus 


Rhetorios 


Abu ma'sar 


Ali ibn-abi T-rigal 


Farbe: weiß 


Geschmack: fettig (?) 


vgl. oft brennende Sehn¬ 
sucht nach Beilager 


vgl. bezeichnet 
Begierde 


Liebe, 


vgl. Liebe zu Knaben u. Liebe 
Menschen; Bekundung 
der Liebe eines unsterb¬ 
lich Verliebten; fragt 
nach allen Dingen und 
ist gierig nach ihnen 


gut wirkend 


vgl. kann Übel, Zorn u 
Streit nicht ertragen 


phlegmatisch 


1. auf die Menschheit: 


guten Ruf, gelobt 


übervoll von Würdi¬ 
gung, des Lobes ge¬ 
würdigt bei den Massen 
u. hochstehenden Per¬ 
sonen; vgl. Priester oder 
mit solchen Ehren ge¬ 
schmückte 


Freude, Heiterkeit (der Freude, Fröhlichkeit, liebt Kurzweil, heiter 
Seele) Feste, Ferien, Spielen 

von Trick-track 


Lachen 


Lachen, viel Freude an 
allen Dingen 


mit Diademen, goldenen Tragen von Diademen weiblicher Putz, Um- 
Kronen gezierte binden(?) von Kronen 


trinken viel 


Gelage 


verlangen häufige Bei-j Liebkosungen, Liebe 
Jäger 


Ehen 


Wein, Honig, Getränke, 
Trunkenheit 

vgl. Liebe zu Knaben u. 
Menschen, Bekunden 
der Liebe eines un¬ 
sterblich Verliebten 

Menge der Heiraten 








I 9 I 


Planeten 


192 


Antiochos 


Doratheos 


Ptolemaios 


4 

Iulianos 


5 

Valens 



193 


Planeten 


194 


6789 
Firmicus Rhetorios Abu ma*§ar Ali ibn-abi ’r-rigal 


fruchtbar, sich an zahl- Kinder Schwangerschaft 

reicher Nachkommen¬ 
schaft freuend 


I 

1 


unberührte u. unzer- Freundschaften 
störte Freundschaft 


saubere Lebensführu ng 

i 

1 

1 

I 

1 

1 


— schöne Gestalt 

I 

# « 

1 

— Versöhnungen 

Erfinder heiliger Lehren Priestertümer, Gottes¬ 
verehrer | 

sein Leben erfreut an Musik 
musischen Freuden 

I 

Maler, naturgetreues Malerei, Mischung der 
Malen Farben 

— Stickereien 

— Färberei 


bedeutet viel für die 
Aufziehung der kleinen 
Neugeborenen 

Zartheit gegen Freunde Freundschaften, Verbin¬ 
dung 


1 

1 


I 

I 

Schönheit •— 

— wird geliebt von allen, 

die ihn sehen u. von ihm 
sprechen hören 


Ausübung des Kultus; — 

Festhalten an der Reli¬ 
gion. Enthaltsamkeit 
vom Unerlaubten; Apo¬ 
theose 

Süße der Sprache, Ge- Gesänge, Lieder, Spie- 
sang, Liebe u. Gesang, len von Instrumenten 
Schlagen der Lauten- wie Tamburin, Posau- 
saiten nen u. ähnl. 

Gemälde zeichnen, malen 

I 

i 

Stickereien — 

Färberei, Gefärbtes (?) — 

Parfüm ! — 


Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube VII. 


7 



















195 


Planeten 


196 


I 

2 

3 ! 

4 

Antiochos 

Dorotheos 

Ptolemaios 

Iulianos 


5 

Valens 




bei den Nutz¬ 
tieren meistens 
Überfl u ß, Fru cht- 
barkeit, Nutzen 
(Glück) 


temperierte Win¬ 
de 

feuchte, sehr 
fruchtbare Winde 

milde Luft 

heiterer Himmel 

überreichliche 
Regengüsse mit 
fruchtbarem Re¬ 
gen 


starkes Steigen 
der Flüsse, Fahr¬ 
ten, gute See¬ 
fahrt 

gewinnbringen¬ 
der Erfolg 


2. auf die 


3. auf die 


4. auf 


197 


Planeten 


198 


Firmicus 


Rhetorios 


Abu ma'Sar 


Ali ibn-abi 'r-rigal 

























199 


Planeten 


200 





Planeten 


202 


201 













203 


Planeten 


204 



205 


Planeten 


206 

















J+< 




Planeten 


210 



211 


Planeten 


212 


1 2 3 

Antiochos Dorotheos Ptolemaios 


3 - 

sehr wertvolle 
Edelsteine 


4 - 

I I — I — | ölbäume 

5. Bereiche der 
s. Bemerkungen 

3. Deutsche Sammel- 

Hs. St. Gallen 429 fol. 95 verso se p e palescit / habet frontem mediocrem, 

Venus currit per 12 signa sicut sol magnam supercilia conpetentia / oculos claros albedine 

habens potestatem et fortunam in thauro et mixtos ac sunt rubedine. / habet nasum acutum, 

libra, quia est elevacio eius. Quasi nullam os mediocre. Valde conatur corpus suum ornare 

habet potestatem in scorpione ariete et aquario /. et principaliter crines / Et diligit viridem 

Unde puer qui nascitur sub tali planeta est colorem. 

iocosus hylaris diligens omnem ludum citha- 

rarum nam gaudet et quaerit deductus tem- Hs. Tübingen M. d. 2. 

poris in suis artibus omnibus / Est fornicator: _ „ J _ 

luxuriosus et omnem suam diligentiam in luxu- ,, ^ as ±51att ' auf dem die Beschreibung der 

riam ponit / Est bomo curialis. se ipsum VeI ? us stand * ist ” seit Jahrhunderten“ heraus- 

libenter audiens laudare. Et homo eloquens gerissen (Hauber a. a. O. 22)]. 

et affabilis / de facili non irascitur, sed si quan- 

doque irascitur, statim cessat ab ira / Est Cod. Vindob. 3085 fol. 23 verso, 

homo mitis, fatiem habens claram, sed tarnen Venus der planet ist chalt vnd feucht vnd 




Nebo ist eine wichtige Gestalt als a) 
Schreiber der Geschicke; sein Wesen drückt 
sein Schreibgriffel aus. Indem er Schicksale 
mitbestimmt, wird er zum Ordner des Alls. 
Den Göttern übermittelt er Marduks Weisungen. 


Planet 

1. Babylonische 

Diese Beziehung zu den Schicksalen des Daseins 
hat sich wohl aus seinem ursprünglichen Charak¬ 
ter als Totengeist oder -geleiter entwickelt. Da 
das Schicksal des Landes vom Schicksal des 
Königs bestimmt ist, ist Nebo geradezu b) Ver- 


2 . Griechisch-arabische 



Antiochos 


Dorotheos 


Ptolemaios 


4 

Iulianos 


1 


5 

Valens 


I. Physikalische 


zuweilen wär¬ 
mend 

ruft das Feuchte 
auch hervor 

wechselt schnell 
zwischen beiden 


der Natur nach 
windreich 


Planeten 


214 


6 

7 

8 

9 

Firmicus 

Rhetorios 

i 

Abu ma'§ar 

ibn-abi 'r-rigal 


talle: 


— | Zinn 

Steine: 


Pflanzen: 


Tierkreisbilder: 

bei Mars. 

kapitel des MA.s: 

volpringt seinen lau ff in drewn hundert vnd 
XLIII tägen vnd er ist auch geluckhafftig Venüs 
ist ain gueter vnd gemaynner steril vnd tem- 
perirt mars pöshait vnd hat ain wolscheinende 
väib vn scheint vnder dem gestim gar milt- 
samiglich Vnd ist als der sünnen an schein ist 
an jungen leüten vnd sein gelb lewt vnd ve- 
kensch vnd dy geren pey frauen wönen Vnd 
aüch geren fraüenarbait thuen Wan venus 
regnirt so ist güet ne^ve clayder chaüffen vnd 
anlege Item waü venüs vor der sünne get so 
haisset sy lucifer vnd wän sy dan näch get so 
haisset sy vesper vnd venus macht den meschen 
ayner schönen person Vnd mit väst grossen 


1 


1 


aügen vnd aüg prägen als dan der sünen an 
schein ist vnd mächt den menschen mit der 
sele weitschaffen vnd aüch näch geistlichen 
dingen gierig vnd sein dye dy da haissen Colerici 
dy haben synne dy da zwifeltig sind vn welci- 
bent doch nit aüff irem zweiffell vor dem ende 
vnd davon sein sy aüß geschaiden von den 
sangwiney Dy peleibent zwifaltig pis an ir endt 
wer darvnd’ geboren wirt der waxet nit zw 
langk Mittelmässig vnd mit grossen äugen vnd 
aüg praüen näch der sünnen als dan vor stet 
vnd wirt senffmütig vnd woll redent vnd züchtig 
Vnd zeücht sich aüch rayniglich vnd hört geren 
saitenspill vnd tantzen der plänet hät vnder 
im den ochssen vnd dy wag mit Irer natur. 


Merkur (Hermes o). 

Auffassung. 

leiher des Königtums und seiner Insignien, wie Priesterweisheit, ebenso die Schreibkunst: so 
des Szepters. Als Schicksalbestimmer ist er wird Nebo Gott der Priester im besonderen; 
natürlich derjenige, der c) alle Geheimnisse der d) wird seine Güte und Barmherzigkeit hervor- 
Beschwörungen und Orakel kennt und der weis- gehoben, 
sagende Träume sendet. Das ist eigentliche 


Tradition: 


6 

7 ! 

8 

9 

Firmicus 

Rhetorios ! 

Abu ma'sar 

Ali ibn abi 'r-rigal 

Beschaffenheit. 




—— 

Natur: zuweilen warm 

1 

Trockenheit 

warm und trocken 


! zuweilen feucht 

Kälte 



I 

I 

i 

1 

1 







215 


Planeten 


216 



der Planet, mit 
dem er sich mischt, 
zu dessen Natur 
neigt er jedesmal 
hin; er ist aber 
mehr beweglich 
als alle 


- | Gemeinschaft- 

I lieh. Vgl. dieser 
I Stern hat die 
I Macht zu viel- 
I fähiger Art und 
I bewirkt gemäß 
I dem Wechsel der 

I Tierkreisbilder u. 
I der wechselnden 
I Aspekte zu den 

I anderen Planeten 

I die Angelegen- 
I heiten 

D. Allgemeine 

1. auf die Menschheit; 


im Aspekt 
schlechten 
neten: 
Atemnot 


zu 

Pia 


verursacht 
Krankheiten, 
die trocken( ?)sind 
und 

tägliche Fieber 
Husten 

Atemholen (Er¬ 
sticken) (?) 

Schwindsucht 


b) im tätigen 


in menschlichen 
Angelegenheiten 
ist Merkur schnell 
tätig und klug 
bei den Unter¬ 
nehmungen 

hinterlistig bei 
Straßenräube¬ 
reien, 

Diebstählen und 
Überfällen von 
Seeräubern 


Diebstahl 


kümmert sich 
um gottesdienst¬ 
liche Sprache 
und um die Ver¬ 
ehrung der Götter 


an Heiligem er* 
baute Leute; vgl. 
Opferer, Vogel¬ 
schauer, Traum¬ 
deuter 


217 


Planeten 


218 








219 


Planeten 


220 


I 

2 

3 

4 

5 

Antiochos 

Dorotheos 

i 1 

Ptolemaios 

i---—--- 

Iulianos 

Valens 


Klugheit, Ver¬ 
stand, Denken u. 
was durch den 
Verstand geleitet 
wird; Erziehung 


Dienstleistung 


Einkünfte 

Könige 


der 


Veränderung von 
Einrichtungen u. 
dem, was Brauch 
ist, je nach Zeit 


(Verständige, 

Denker) 


Schreiber 


Rechner 


(Naturwissen¬ 

schaftler) 


Bildung, 
schäften, Unter¬ 
suchung u. Be¬ 
weis, Verstand, 
Denken, Über¬ 
legung 

Darstellungsgabe 


Heroldsamt, Bot 
schaft 

Zahl, Rechen¬ 
stein 

Geometrie 


(Kenner und 
Erforscher des 
Himmels) 


Scherze, Gesellig¬ 
keit 


mühsame 

leistung 


Gewinn, Ränke 


Gehorsam 

Athletenkampf, 

Ringkampf 

Singübung 


Arbeit der Sticke- 


221 


Planeten 


6 

7 

8 

9 

Firmicus 

Rhetorios 

Abu ma'äar 

Ali ibn abi 'r-rigal 


Gefahren, Anklagen 


Bildung, 

Weisheit 


Wissenschaft, 


Beredsamkeit 


! Botschaft 


Rechenstein 


Geometrie 


(solche, die die Geheim¬ 
nisse des Himmels er¬ 
forschen) 


Astronomie 


Athletenkampf 


Prozesse (?) 

Schönheit der Unter¬ 
weisung, Wissenschaft, 
Forschung, Für-wahr¬ 

halten, Scharfsinn, 
Klugheit, Schreiben, 
Philosophie 

Sprache u. Rede, Süße 
der Rede, Feinheit der 
Redeweise 

vgl. Überlieferung 


Geometrie 


Wissenschaften, 
Schreibkunst, Verstand 
(zusammen mit Jupiter) 


Berechnungen 


Astronomie 


Dichtung, Poesiesa: 
1 ungen 


miii 


Geselligkeit 


vgl. viel Furcht vor 
Sklaven u. Dienern 

Ränke, Täuschung, Ver¬ 
schlagenheit 

Gehorsam 

Ringer 


Kenntnis d. Melodien 


der mit Gesticktem ar¬ 
beitet 



















223 


Planeten 


Planeten 



I 

Antiochos 

2 

Dorotheos 

3 ! 

Ptolemaios 

4 

Iulianos 

5 

Valens 

Handel, Waren¬ 
austausch 

1 

Kauf und Ver¬ 
kauf (Kaufleute) 

| 

5 

4 

Handel, gewandt 
in jeder Art des 
Markt- u. Bank¬ 
geschäfts 

— 

■- 

— 

1 

1 

1 

1 

l — 

1 

i 

1 

1 

Geschwisterliebe 

jüngere Menschen 

— 

— ■ 

— 

Jugend 

Kinder 

“ 

— 

— 

Brüder u. jüngere 
Kinder 


— 

— 

1 

atppayiCeaöat 

— 

-- 

— 

— 

^naTEXXciv 

— 

— 

— 

— 

fcsxdvai 

— 

— 

- 

— 

xpEf&aa&ai 

— 

— 

— 

■—— 

SoxijjloCsiv 

— 


— 

- - - 

ctxoueiv 


2. auf die 


bewirkt zuweilen 
Vernichtung der 
Nutztiere 


' in schlechtenTier- 
kreisbildem 
macht er die Tiere 
krank, in guten 
Tierkreisbildern 
gibt er den Tieren 
starke Seelen 


3. auf die 


zuweilen Ver¬ 
nichtung der 
Nutzpflanzen 


I * 


m schlechten 
Tierkreisbildern 
zerstört er die 
Erdfrüchte, in 
guten vermehrt, 
pflegt er sie und 
bringt sie zur 
Reife 


'*! 


► 1 
A 

Ifl* * 




M 

i, 

* 


! 

I 

f 

•• 

.1 


1 


S 


l 

* 


Tiere: 


Pflanzen 


6 1 

7 

Rhetorios 

8 

Abu ma' sar 

9 

Ali ibn abi ’r-rigal 


Handel 

Märkte, Handeltreiben, 
Kaufen, Verkaufen, 
Nehmen, Empfangen, 
Gesellschaft (der Kauf¬ 
leute ?) 


i 


Unglück von Feinden, 
Furcht vor ihnen, Skla- i 
ven und Dienern 


i 


freudige u. traurige Er¬ 
regung 

■ 

Brüder liebende 

1 

Zuneigung 



'1 

’ 

1 

1 

Milde, Erbarmen 


-- - 

1 

1 _ 

I 

s 

Vertrauen, Ruhe 

——- 

U 

1 

enthält sich des Bösen 

— 

— 

— 

J ugend 

— 

— 

jüngere Brüder 

jüngere Brüder 

vgl. Anhang zu Merkur 

1 


Frauen 

— - 

_ 1 

• 

vgl. das Für-wahr-halten 

— 


8 


Bichtold - Stäubli, Aberglaube VII 























227 


Antiochos 


Dorotheos 


Planeten 


Ptolemaios 


unregelmäßige 
Winde,die schnell 
dahersausen und 
plötzlich wech¬ 
seln 


4 

Iulianos 


in schlechtenTier- 
bildem: 

plötzliche Winde, 
die die Luft ver¬ 
wirren, Staub¬ 
wolken, Wirbel¬ 
stürme 


228 


5 

Valens 
4. auf die 



229 


Firmicus 


Witterung: 


Planeten 


230 


Rhetorios 


Abu ma'Sar 


Ali ibn abi 'r-rigal 


Gewitter 


Gewitter 


Blitze, einschla- Blitze, einschla¬ 
gende und zün- gende, zündende, 
dende : leuchtende 


Dunkelheit 


Hagelschlag 

Regengüsse 

in guten Tier 
bildern: 

gemäßigte Luft 


Regengüsse 


Erdspalten 

Erdbeben 


Erdbeben 


5. auf die 


Erde: 


6. auf die 


Gewässer 


in westl. Stellung: 
Austrocknen der 
Gewässer und 
Flüsse 

in östl. Stellung: 
Füllen der Ge¬ 
wässer u. Flüsse 


vgl. in schlechten 
Tierbildern: 
Erregung des 
Meeres; 

in guten Tier¬ 
bildern : 

heiteres Wetter 
über dem Meere 


in östl. Stellung 
dunkelhäutige 

gut proportio 
nierte in der 
Größe 


III* Schaffung von 

1. ihrer körperlichen 


Menschentypen. 

Beschaffenheit nach entstehen 


vgl. schöne Erscheinung, 
ebenmäßige Gestalt 


8 * 




I 

Antiochos 

2 

Dorotheos 

3 

Ptolemaios 

4 

lulianos 

5 

Valens 


1 _ 

wohl proportio¬ 
niert 



— 

— — 

mit kleinem Kopf 


•- 

— 

- — 

mit Haaren in 
der Mitte i 


— 

1 


in westl. Stel¬ 
lung: 

honigfarbene 

" 


— 

— 

Mangel leidende 

-- 

— 



lilagCIC 



— 

— 

hohläugige 

•- 

— 


— 

etwas rote 

P 

1 

I 

) 

\ 

1 

— 


6 

Firmicus 


Rhetorios 


8 

Abu ma‘ §ar 


Ali ibn abi 'r-rigal 


gut proportionierte 


kraushaarige 


magere 


mit schönem Bart 

Sommersprossen im Ge 
sicht 

dicke 


2. ihren Qualitäten 


(Temperamenten) nach entstehen: 


— 

in östl. Stellung: j 

mehr Wärme j — 

! 


— 

— 


| 

in westl. Stellung: 

mehr Trocken- — 



• 

1 


heit | 





3. ihrem Charakter und ihrer psychischen 


Haltung (bzw. ihrem Beruf) nach entstehen: 


— 

in guter Stellung: 
edle (?) 

1 


verständnisvolle. 



scharfsinnige, 
Denker, Viel¬ 

wisser, Erfinder, 
Erfahrene, über- 
legende, scharf¬ 
sinnige 

Naturwissen¬ 

1 


schaftler 

talentierte 

1 

• 

• 

1 

1 _ 

i 

1 

i 

Wohltäter 

eifrige 

» 

r ““ “ 

1 

1 


gerechte 


Philosophen, Me¬ 
thodiker 


geistreiche 


es gefallen ih: 
Dinge 


gute 


kundige, vernünftige I Klugheit 


vgl. Kenner und 
Erforscher des 
Himmels 


solche, die des Himmels 
Geheimnisse erforschen 


Astronomen usw. 


Leute, denen man das 
Amt der Schenkungen 
anvertraut 


talentierte zu allem 


sich erbarmen, Milde 
üben 


* 





















Planeten 




Antiochos 


Dorotheos 


Freundschaft 


führende, beleh¬ 
rende 


Mathematiker 
bzw. Astrologen 


an Mysterien hin 
gegebene 

Opferpriester, 

Wahrsager 


erfolgreiche 


Grammatiker 


3 

4 

5 

Ptolemaios 

Iulianos 

Valens 

überlegende 

-- 


ein Leben geisti- 

! - 

— 


Kenner und Er¬ 
forscher des 
Himmels 

Leute, die mit 
Heiligen um¬ 
gehen : 

Wahrsager, Opfe- 
rer, Vogel¬ 

schauer, Traum¬ 
deuter 


Bildhauer, Bild 
Schnitzer 

Ärzte 

Grammatiker 


Advokaten 


Redner 


Baumeister 


Tonkünstler 

Flechter u. Weber 

Kenner d. Kriegs¬ 
und Feldherm- 
werks 


Minnesänger, 
Witzbolde (!) 


237 


Planeten 


238 


6 

7 

8 

9 

Firmicus 

Rhetorios 

Abu ma'Sar 

Ali ibn abi ’r-rigal 


alles Lernende 


Leute mit Überlegung 
Wohlgebildete 


Mathematiker, Astro¬ 
logen 


Leute, die begierig 
die Geheimnisse aller 
Dinge zu erlernen: Re¬ 
ligiöse, den Religions¬ 
übungen Hingegebene, 
Opferschauer 


Advokaten 

Redner, deren Reden 
mit Anmut sind 


erfolgreiche 


Kenner der Wissen 
schäften 

Advokaten, Notare 

Wohlberedte, vgl. 
Schwätzer 


Dichter 


Beschäftigung mit den 
Wissenschaften 


Astronomen 


Göttlichkeit, Inspiration 
der Propheten, Apothe¬ 
ose 


das Kind liebt die Bü¬ 
cher, die Rechnungen 
und die Lehrämter 


vgl. verschiedene Hand 
werker 

schröpfen 

Wissenschaften 


Rede, Schönheit der 
Rede 


Architektur (?) 

Kenntnis der Melodien 


schön Redende, im Re¬ 
den wagemutig, schöne 
Reden 


feste Freundschaften 


bescheidene 


Leute mit vielen Freun¬ 
den, die die Gesellschaft 
lieben 

von Vielen geehrte 


Dichtung, Poesiesamm 
lungen 

Zuneigung, Vertrauen, 
Ruhe 


liebende 


außer Landes reisende 












239 


Planeten 


24O 


I 

Antiochos 

2 

Dorotheos 

3 

Ptolemaios 

4 

lulianos 

5 

Valens 



in ungünstiger 
Stellung: 
Übeltäter, geneigt 
zu Verbrechen 



— 

——- 

voreilige 


-■ 

-- 

——- 

vergeßliche 

-■ 

-- 

-- 


Leute mit schnel¬ 
len Vorsätzen 

-- 

—— 

-- 

— alberne 

— 

— 

— 

— unbeständige 

— 

-- 

— 

— Leute, die etwas 1 

bereuen 

— 

— 

— 

— törichte, dumme 


— 


1 — Leute, die Böses 

tun 

— 

— 

— 

— Lügner 

— 

— 

— 

— 

gleichgültige 

— 

— 


— 

unbeständige 

— 

— 

— 

-- 

habgierige 

— 

— 

— 

— 

ungerechte 

-- 




Leute, die gefähr¬ 
lich in ihrer Ge¬ 
sinnung sind 


solche, die ver¬ 
suchen, das Wi¬ 
dersinnige und 
Methodische 
durch Abstim¬ 
mung oder falsche 
Schlüsse sinnvoll 
zu machen 

— 

—_ 

Bankiers i 

1 

4 

■- 

Leute, die ihr 
Leben hinbringen 
mit Irrfahrt, Un¬ 
stetigkeit 

vgl. Kauf und 
Verkauf jeder 

Geldsorte {?) 


1 


241 


Planeten 


242 


ft 


Firmicus 


Rhetorios 


Abu ma‘§ar 


Ali ibn abi ’r-rigal 


! Leute, die in vielen 
Wechselfällen vieler 
Dinge kundig geworden 
I sind 


Übeltaten 


sich eilen im Arbeiten 


beweglich, geistig leben¬ 
dig 


Lügner, Betrüger 


Lüge, Unwahrheit 


schwachen Herzens: 
lügnerisch 


vgl. Schreiben und Er¬ 
finden von übler Nach¬ 
rede 


i Reiche, große Bankiers 


Würfelspieler 


vgl. Erregung von Un¬ 
ordnung beim Vermö¬ 
gen 


gewitzigt in betrügeri¬ 
schen Aktionen 











247 


Planeten 


se de calculacione. Diligens depingere florem 
et huiusmodi varia et diversa. quia est homo 
speculantius quam speculatur in singulis supra- 
scriptis et defacili capit quicquid volit et est 
bone memorie. / Est homo mobilis et inconstans 
diligens iter agere per diversas terras / habet 
parvam frontem: longa supercilia: oculos nigros: 
nasum directum: fatiem claram: labia magna: 
dentes equales / habens rimam subter labia in 
loca quae dicitur mentum / habet digitos 
longos: barbam tenuem / non est nimis albus 
nec nimis niger / amat mulieres et vestes nigras. 
habet pedes longos et collum longum: crines 
crispos: / Est homo iocundi animi / multum 
inconstans in factis suis / defacili mobilis de 
proposito in aliud. 

Hs. Tübingen M. d. Nr. 2, fol. 270 verso. 

Mercurius ist under Venus allerneste und 
hat grossen gewalt in dem zwylinge, wan das 


248 

ist sin huß und hat noch grossem gewalt und 
glucke in der junffrauwen, want sie ist sin 
erhohunge und hat keynen gewalt in dem 
schützen noch in dem fische. Mercurius ist gut 
by den guten und böse mit den bösen und ist 
doch gut von syner naturen. Syn kynt ist 
wolgespreche und meisterlich und rümet sich 
gern und fraget gern nach grossen Sachen und 
künsten und ist eyn meister siner reden und 
hubscher fremder kunste bisunder in den 
Sachen, dar inne man künftige dinge befindet 
und in allen natürlichen Sachen und eyn meister 
hubscher reden und dichtens und grosser 
rechenongen, snytzen, graben, malen, urgel- 
machen, sie hant (!) wunderlich betrachtunge 
uf die kunst und eynen unmüssigen synne und 
begriffet an leren was er will und behelt es 
lange und ist unstede und bewegelich und 
wandert gern in fremde lant. Syn stirn ist 
breit, sin brawen lang, syn äugen swarz, sin 


Planet 

1. Babylonische 

Sin, der Vater, dessen ‘Symbol' der Mond ist, Er selbst ist der erhabenste Herrscher im Hirn- 
stellt das Urbild königlicher Würde dar. Er mel und auf Erden; denn er allein hat keinen 
verleiht das Szepter und beruft zur Herrschaft. Richter über sich; selbst SamaS, die Sonne, 


2 . Griechisch-arabische 



I. Physikalische 

größere Macht im | Natur: naß und I — 

Feuchten i I 


1 — hat aber zuweilen 

• Teil am Wärmen | 

! I i 



! 



1 

1 

v 

I 




leitet mit der 
Sonne die übrigen 
Planeten 


gemäßigt 


Luna führt den 
ganzen Kosmos 
in dem Range 
einer Königin 


sein Licht ent¬ 
steht durch Re¬ 
flexion des Son¬ 
nenlichts u. ist 
unecht 

Farbe:lauchgrün 

Geschmack: sal¬ 
zig 


r 



Planeten 



nase siecht, syn antlitz clare bleich, sin lefzen 
groß> syn zende glych, sin kynne gespalten, 
syn finger lang; er achtet nit vil uf frauwen 
und treit gern grawes gewant und hat vil 
fründe und auch zu keynem glucke. Und hat 
lange beyn und etlich sagen, er habe eynen 
langen halß und eyn geringes gemute und eyn 
dynne har und ist unstete. 

Cod. Vindob. 3085 fol. 24 verso. 

Mercurius der planet Ist getemperirt mit 
seinet nat(ur) Also kumpt er zw ainem gueten 
so ist er güt kumpt er zw aynem pösen so ist 
er pöß Mercurius machet den meschen enphenck- 
lich an seinem leib von äyner starcken vnd 
herlichen person vnd macht den menschen 
schön mit lutzell hars vnd mächt In näch der 
seil gar weiß vnd subtill vnd das er weishait gar 
lieb hat vnd aynnes gute siten Vnd äynner 
güten red Also das er wöll sprechent wirt vn 


doch nit vill redet vnd gewint vill frewde vnd 
wirt gütz rätz vnd näch der lere der weysen 
maister vnd stern secher So get mercurius der 
Sün nach vnd hat äyne schein denn man selten 
siecht därüb er der sünnen also nahent ist Dey 
vnd (er) dem planeten mercürio gepören werden 
dy gewynen grösz end vnd werde red sprachig 
vnd weis vnd leicht pey den lewten vnd plaich 
an der varb vnd studiren geren Vnd sein still 
vnd subtill vnd wirt vill an in sten vn sein 
gütz rats vnd haben doch nit vill gelucks vnd 
haben doch nit pöshait in In selber mercurius 
erfüllet seine laüff In drewn hüdert vnd in 
acht vnd dreissig tage vnd dy melancolici sein 
gar geturstig Vnd aines güeten rätz vnd gerecht 
an in selber vnd dy lutzell reden vnd auch alle 
ding haymlich volpringn vnd regnirt vnder 
den zwelff zaichen mit der Junckfraüen vnd 
mit dein zwiling vnd mit iren naturenn. 





251 


Planeten 


252 


I 

2 

3 

4 

Antiochos ! 

Dorotheos 

Ptolemaios i 

Iulianos 


verwaltet den 
Raum rings um 
die Erde, ist der 
Erde am nächsten 
und nimmt mit 
seiner Größe die 
'Abflüsse' aller 
(Planeten ?) auf 


der Mond als das 
erdnaheste Ge¬ 
stirn gibt dem 
Irdischen seinen 
Zufluß, indem mit 
ihm das meiste 
sowohl Beseelte 
wie Unbeseelte in 
Sympathie steht 
und sich mit ihm 
wandelt. Die 
Flüsse wachsen 
u. fallen mit sei¬ 
nen Phasen in 
ihren Strömun¬ 
gen, die Meere 
wechseln mit sei¬ 
nen Auf- u. Un¬ 
tergängen ihre 
Gezeiten, Pflan¬ 
zen u. Tiere . . . 
kommen in ihrer 
Fülle mit ihm u. 
verkümmern mit 
ihm 


von mannigfa¬ 
cher Wirkung auf 
das Irdische und 
das Entstehen in¬ 
folge der Schärfe 
seiner Bewegung; 
zu beachten bei 
jeder Geburt 
nach dem Voll¬ 
mond, der Kon¬ 
junktion mit der 
Sonne und der 
Zu- bzw. Ab¬ 
nahme usw. 


5 

Valens 


II. Allgemeine 

1. in der 


[fehlt bei 
Qabisi] 


al- 


herrscht über den 
ganzen mensch¬ 
lichen Körper 

Mutter, führende 
Frauen 


[fehlt bei Ptole- 
maios] 


wirkt mannig¬ 
fach auf das Ent 
stehen (s. u.) 


2. im mensch- 

Leben der Men¬ 
schen gemäß der 
Geburt 
Körper 


Mutter, Herrin 


Schwangerschaft 


Gestalt 


Antlitz, Anblick 


gesetzliche Ehe 


Aufziehung 


größerer Bruder 


Leben in häus 
licher Stille 


Geld (Vermögen) 


253 


Planeten 


254 


678 
Firmicus Rhetorios Abu ma'äar 

Wirkungen. 

Natur: 

— —. — fügt sich dem Menschen 

in Entstehen u. Ver¬ 
gehen an, weil er klein 
beginnt und zunimmt 
usw. wie bei Ptolem. 

Luna ist Königin der 
Nacht und hat Macht 
über das Wachsen u. 
Fallen des Meeres (wie 
bei Ptolem.) 


j 


1 


• 1 

! i 

; 

• i 

1 

, — — bewirkt Regengüsse 


9 

Ali ibn abi 'r-rigal 

















255 


Planeten 


256 



257 


Planeten 


258 


Firmicus 


Rhetorios 


Abu ma*§ar 


Ali ibn abi T-rigal 


Glück 


Glück; er vermehrt den! 
Menschen, indem er 
stolz ist und gesund an 
seinem Herzen, indem 
er . . . geehrt ist bei den| 
Menschen und aufge¬ 
nommen wird von ih¬ 
nen ; nicht verbirgt er 
seine geheimen Gedan¬ 
ken 


Königin 


v ! 


i 4 


vgl. Könige, Adlige; 
Prinzessinnen 

hat die Oberhand über 
das, was er will von den 
Dingen 

[er ist weise geworden in 
der Religion u. den ho¬ 
hen (?) Wissenschaften 
u. der Magie u. die Men¬ 
ge der Täuschungen in 
den Dingen, in der Geo¬ 
metrie u. in der Wissen¬ 
schaft der Länder und 
Meere u. seine Vorbe¬ 
stimmung u. im Rech¬ 
nen (Rechnungen). — 
Vielleicht falsch von 
Merkurlisten hierher ge¬ 
stellt.] 

weist auf den Anfang 
aller Handlungen 


i t 



Menschentypen. 

Beschaffenheit nach entstehen: 

— Leute mit breiten Schen¬ 

keln, breiten Knien ! 

* * 

B ächtold - Stäublj , Aberglaube VII 


er ist König mit den 
Königen, Sklave mit den 
Sklaven, u. er ist mit 
allen Menschen I 


9 












Hs. St. Gallen 429 fol. 96 ™cto m 

Luna currit per 12 signa in 27 diebus, in 
septem horis et 24 minutis / Et est in quolibet 
signo per 2 dies: 6 horas et 38 minuta. Magnam 
habet potestatem in thauro quia est eius elevacio 
et adhuc acriorem in cancro quia est eius 
domus / magnum diffortunium habet in scorpione 
et capricomo / 

Luna plus influit nobis quam aliquis aliorum 
planetarum, quia nobis proximus et in suo 
cursu velocissimus. 


3 . Deutsche Sammel- 

Unde puer natus sub tali planeta est in- 
constans. libenter speculatur ab intra, sed 
indeliberate tarnen communiter loquitur. pluries 
et facitur. infirmatur / de facili irascitur et 
proturbatur, sed statim cessat / Non con- 
cupiscit res alienas / raro efficitur 60 annorum 
in etate / Inclinatus est ad mercimonia et ad 
navigandum. Imo est Cursor per diversas 
terras. habet fatiem claram et rotundam / 
frontem latam / supercilia crispia et sepius 
coniuncta: oculos mediocres. Et unum oculum 


261 


Planeten 


262 


Firmicus 


Rhetorios 


Abu ma‘§ar 


Ali ibn-abi 'r-rigal 


knorpelige 

mit schönen Augen 


mit weiblichem Gesicht 


frauenhafte 


—• wohlgenährte 

1. Körperteile (Krankheiten): 


Magen 


linkes Auge 
Blähung 


talle: 


Glas 


erkreisbilder: 


kapitel des MA.s: 

acriorem alio. habet nasum <et> os parvum 
et communiter aliquam specialem maculam in 
fatie / statim canescit et multum appetit res 
temporales, sed modicam. habet fortunam. 
(Hier scheint z. T. eine ganz andere Über¬ 
lieferung vorzuliegen, deren Tradition für mich 
noch nicht klar erkennbar ist.) 

Hs. Tübingen M. d. 2 fol. 271 verso. 

Luna der Mone ist der nyderste planete und 
uns allerneste und leuft durch die 12 Zeichen 


in 27 tagen und ist in eym iglichen Zeichen 
2 tage 6 stunden 38 mynuten und hat grossen 
gewalt in dem wieder, want er ist sin erhohunge 
und hat noch grossem gewalt in dem krebs, 
wan er ist sin huss und hat unglucke und wenig 
gewalts in dem tarrant (NB. Tarantel, Skorpion) 
und in dem steynbocke. Der mone ist uns 
zugefuget alles gestyraes und aller planeten 
influsse, want er uns allernest ist mit synem 
lauf aller snellichste. 

Myn (!) kint ist unstede als der Mone und 










263 


Planeten 


264 


blibet selten an eyner stat und fahet vil an. 
er ist lugenhaftig. wiser rede, kalter nature, 
lichtlich ungesunt, umb cleyne ding zornig und 
ungemut und wirt selten 60 jar alt, und ist 
gern eyn kaufman eyn schiffman ein leufer 
oder bote. Sin antlitz ist rünt bleich und clare, 
sin styme breit, eyn äuge grosser dan das 
ander nyder nase mit wyten naselochern, eyn 
dicken münt, sin antlitz hat dicke Zeichen und 
wirt bezitlich gra und hat seiten glucke. (Hier 
scheint z. T. eine ganz andere Überlieferung 
vorzuliegen.) 

Cod. Vindob. 3085 fol. 25 verso. 

Der man ist der nidrest plänet er ist feücht 
vnd chalt vnd tugenthafft vnd ist herr aller 
feüchten ding vnd ist aüch aller schnellest an 
seinem laüff Dan er laüfft in aynnem mönad 
als vill als dy Sün in ainem Jar er richtet aüch 
an alle chalte lewt dy da flüssig sein vnd auch 
gesiecht haben vnd churtzlich alle dye dy da 
pösse feuchtikait an in haben wan er vber 
alle feüchtikait regnirt vnd allermaist des 
meschen von seine plüet Daromb so ist es 
nütz däs wir seine laüff mer wissen vnd in 
welchem zaichen er gang wan es ist gar sorcklich 
das man seins laüffs nit wämympt wan er der 
nydrest plänet ist Es ist er aüch als ain richter 
vnd aller plänetn natur an sich zeücht ain taili 
vnd darüb müessen wir seinen laüff mer wissen 
dan der anderer pläneten wan er vb (er) alles das 
regnirt das in vns ist Der man macht den 
meschen weitschafft vnd also das er nit mäg 
peleiben an ayner stat vnd macht auch den 
menschen vnderweillen frolich vnd vnder- 


Weg in die Kunst. Sie objektiviert sub¬ 
jektive Gehalte und gibt ihnen für ihre 
Zeit das Recht der Gültigkeit. 

Erklären sich aus einem ähnlichen Ver¬ 
halten des Menschen zur Vorstellung des 
pl. Weltregiments die zahllosen echt 
deutschen Darstellungen der Pl. in 
Handschriften, Blockbüchem, Holzschnit¬ 
ten, Drucken, in der Skulptur und im 
Relief, die man in dem Deutschland des 
14.—16. Jh.s schuf und die die Formtypen 
entstehen ließen, die dann in den folgenden 
beiden Jahrhunderten jedes primitive 
Pl.buch nachdruckte ? Denn von antiker 
Nachwirkung ist oft gar nichts in den 
Formen zu spüren. Geht doch die schöp¬ 
ferische Kraft der Umprägung uralten 
Inhalts in dieser Zeit so weit, daß man 
vielfach nicht einmal mehr mit den für 
die Götter typischen Attributen der Antike 
etwas anzufangen weiß. 

Dies erklärt sich so: hier wurde in der 
deutschen Kunst ein Weg zu Ende ge¬ 
gangen, den die Araber und das abend¬ 
ländische MA. betreten hatten. Der 
griechische Inhalt der astralen Dar¬ 
stellung als objektiver Abspiegelung der 
himmlischen Wirklichkeit bleibt unbe¬ 


weillen traürig Vnd doch des merern tails 
frolich vn mächt dem menschen ain krümpe 
nasen mit krumpen naslochern Vnd gar feüch- 
ter natur vnd hayssen dy selben menschen 
flegmatici vnd sein gar trag vnd der selbig mensch 
hat albeg vngeleiche aügen Also das im ayns 
grösser ist dan das ander vnd erfült seine laüff 
alle monad vnd erleücht dy nacht vnd entlehet 
sein liecht von der Sünnen vnd mert sich vnd 
mynert sich vnd dy chind dy er machet vnd 
gepirt das werden gemyncklich knäben Vnd 
gar vill gemaynschafft mit den menschen vmb 
dy nachte so der man hat wö (?) vnd mit der 
Sünne vnd wan der man regnirt so ist nit gut 
an zw heben noch an zw vachen wed paüen noch 
kaynerlay Sachen Dan es ist vnstat vnd 
vnbeleiblich vnd der man macht auch plaich 
vnder' dem antlitz Vnd mit flecken gemischt 
vn macht in gar vnsynnig also das er gar pöß 
vnd czomig wirt Vnd das ist vö irs wandeis 
wegen es ist zwe wissen das der man ist in 
äynem yettlichen Zaichen ayn monad vnd 
hat vnder Im den Crebs mit seiner natur. 

D. Die bildlichen Darstellungen 
der Pl. und Pl.kinder im deutschen 

Volksbereich. 

Was den Menschen wirklich seehsch 
erschüttert und umprägt, findet seinen 


rührt; die von den Griechen geschaffene 
anthropomorphe Form der Dar¬ 
stellung dieses Inhalts indes wird ab¬ 
geworfen ; man prägt den Inhalt in eigene 
Form. Dasselbe tut nach dem Ein¬ 
dringen der arabischen Astrologie ins 
Abendland das abendländische Mittel- 
alter nochmals mit den arabischen Illu¬ 
strationen. Kaum etwas anders dürfte 
die Intensität der Einschmelzung der 
astrologischen Lehren in das abend¬ 
ländische Bewußtsein deutlicher spüren 
lassen. 

Es bedeutet etwas Ähnliches, wenn 
unter dem Einfluß der Rückwendung der 
Renaissance zu antiker Form nun dieses 
Gesetz wiederum Geltung erhält und 
erneut die Formen der Darstellung ver¬ 
ändert. Auch hier betätigt sich nochmals 
schöpferischer Wille; es wird nicht wesen¬ 
los tradiert. 

Nur die historische Analyse des Tra- 
dierungsprozesses der Pl.bilder läßt die 
hinter den Bildern stehende Haltung 


265 


Planeten 


266 




— 9 


deutlich werden. Sie erst zeigt, was die 
aus antiken und arabischen Astrologen 
übernommenen anthropologischen Inhalte 
der Pl.systematik, die wir in Abschnitt C 
beschrieben, dem 14.—16. Jh. bedeu¬ 
teten m ). 

I. Die Anwendung der bildlichen 
Darstellung der PL in Deutsch¬ 
land ist zunächst naturgemäß auf be¬ 
stimmte Stellen beschränkt. 

1) Zunächst illustrieren sie die deut¬ 
schen Texte, von deren formaler und in¬ 
haltlicher Seite wir oben in unseren Ta¬ 
bellen durch Abdruck zweier Typen, die 
damals weitere Verbreitung gefunden 
hatten, einen Begriff zu geben suchten. 
Man wird also viel Material in den Hss. 
des ausgehenden Mittelalters vorfinden. 

2) gibt es Pl.darstellungen auf Block¬ 
büchern, die wie eine Art Zeitung die 
Lehre verbreiteten, und auf Prognostiken. 

3) begegnen sie in ähnlicher Absicht 
nach der Erfindung der Buchdruckerkunst' 
in den gedruckten astrologischen Werken 
höheren und niedrigeren Inhalts; die 
Nachwirkung dieser Gewohnheit ist bis 
in die Pl.bücher des 18. Jh. und wohl 
noch darüber hinaus spürbar. Der leben¬ 
digen Vielfalt der hs. Illustration gegen¬ 
über ist in den späteren Pl.büchem deut¬ 
lich die Erstarrung der Typen zu be¬ 
obachten. 

4) Aber diese Illustrationskunst ist nicht 
auf die „Fachwerke" beschränkt. Sie 
löste sich früh aus ihnen, und ward in 
der Kunst des Reliefs, der Plastik und 
des Bildfrieses, die alle drei der Aus¬ 
schmückung öffentlicher Gebäude dienten, 
schon vom 14. Jh. an Ausdruck von welt¬ 
anschaulichen Denkinhalten der All¬ 
gemeinheit jener Zeit. Gerade die Tat¬ 
sache der Loslösung aus den Fachwerken 
beweist zur Genüge, wie stark und lebendig 
die Auseinandersetzung mit dieser Lehre 
im Abendland vor sich ging; vor Deutsch¬ 
land haben namentlich Spanien und 
Italien daran Anteil. 


II. Zum Wesen 


der bildlichen 
in Mittelalter 


Wiedergabe der Pl. in Mittelalter 
und Renaissance. Im echten Bild liegt 
Gehalt eingeschlossen. Der Gehalt ist 
der der Darstellung zugrunde liegende 


Gedanke. Die Bildwiedergabe ist somit 
Gestaltwerdung des Gedankens. Die PL- 
bilder machen die Kräfte, die dem ein¬ 
zelnen Pl.wesen zugrunde liegen, sichtbar 
und objektivieren sie. So wie sie Tat¬ 
sachen werden, machen sie erst die An¬ 
thropologie der neuen Lehre, die von 
den Kräften gestaltet wird, eigentlich 
verstehbar. Ausdruck der Kräftedeutung 
durch den Künstler ist im Gesamt die 
Form, die im einzelnen das Attribut als 
ein Sinnbild abstrakter Gehalte verwendet. 
Die Büder der Pl. haben alle einen ab¬ 
strakten Gehalt, weil sie eigenschafts¬ 
wirkende Kräfte darstellen; konkret wird 
dieser in den irdischen Wirkungen; die 
Darstellungen der pl. bestimmten An¬ 
thropologie in den sog. Pl.kinderbildern 
gehören also unmittelbar zu den Ver¬ 
suchen der bildlichen Darstellung pl. 
Wesens, denn es sind die auf der Welt 
sichtbaren Zeugen bestimmter pl. Kraft¬ 
äußerungen. Gerade diese Bilder be¬ 
weisen, daß das vomehmliche Interesse 
der anthropologischen Seite des Pl. galt, 
also den vom Schicksal gewollten In¬ 
dividuen. 

Die unter keinerlei historisierender Be¬ 
trachtungsart leidende Zeit der Araber 
und des späteren Mittelalters brachte die 
Kraft auf, „artgemäß" mit dem antiken 
Inhalt siderischer Bilder umzugehen. Das 
heißt nicht, daß die Antike ihrer Vor¬ 
stellung von den Pl.göttern keinen gültigen 
Ausdruck verliehen hätte. Im Gegenteil: 
die Tatsache, daß die sieben Sterne be¬ 
stimmten dem griechischen Bewußtsein 
konkreten Göttergestalten zugewiesen 
wurden, ließ nach der Gleichsetzung von 
Stern und Gottheit in Hellas den Pl.gott 
in der bildlichen Vorstellung, die bisher 
der vom Pl. unabhängigen Gottheit galt, 
aufgehen. Diese Bilder haben formal 
natürlich ihre Nachwirkung im Mittelalter 
gehabt; aber nach dem Gesagten ist es 
begreiflich, wenn es nur dort geschieht, 
wo mittelalterliche Menschen in erster 
Linie sich als Fortsetzer antiker Kultur 
in schlechteren Zeiten verstanden, also 
‘historisierend’ sahen. Und selbst hier 
werden die antiken Formelemente nur 
mit Mühe festgehalten. In ähnlicher 



1 


26 j 


Planeten 


269 


Planeten 


270 


Weise liegen den arabischen Bildern 
(syrische) Bilder zugrunde, die nicht ohne 
griechische Anschauung entstanden waren. 
Die Araber fanden sie schon orien- 
talisiert vor, weil man im Orient die 
babyl. Anschauungen über die PL nie 
vergessen hatte, so daß den arabischen 
Illustrationen die Umprägung in arabi¬ 
sches Formempfinden noch leichter fiel. 
Auch hier ist der Grundzug unhistori- 
sierenden Selbstgefühls unverkennbar; das 
Abendland machte sich ebenso aus dem 
Gefühl unnatürlichen Formzwanges her¬ 
aus selbst in der direkten antiken Tradition 
von den gegebenen Formen der Bilder 
unabhängig. Wie aber mußte sich dieses 
unhistorische Gefühl erst in der künst¬ 
lerischen Formgebung siderischer Ge¬ 
stalten auswirken, wenn dem Abendland 
die antiken Pl.gestalten in den arabisierten 
Typen bekannt wurden! Da erst, wo 
fern von der Möglichkeit, eine historische 
Kontinuität zu erkennen, die Pl.bilder 
übernommen wurden, waren die Vor¬ 
bilder so weit von antiker Formgebung 
entfernt, daß diese nicht mehr hemmte, 
zumal man sich nun auch mit eigenen 
Wertmaßstäben hatte sehen lernen: so 
entstehen die deutschen Pl.bilder des 
14. Jh. in ihrer so echten deutschen Le¬ 
bendigkeit. 

III. Die doppelten Bildformen 
der ma. und renaiss. Pl.darstel- 
lungen. 

1) Antike Formen und ihre abend¬ 
ländische Tradition. 

Antike Bilder der PL enthalten die Hss. 
der Arat-Übersetzung des Germanicus, 
die Hyginhss., sowie die Scholiensamm¬ 
lungen zu beiden Werken 122 ). Diesen im 
Anschluß an Arat entstandenen Schriften¬ 
komplex faßt man unter dem Namen 
Aratea zusammen. Was die Zeichnungen 
angeht, so berücksichtigen diese, von den 
Stembüdem in den astronomisch orien¬ 
tierten Arbeiten dieser Literatur ab¬ 
gesehen, mehr das stark mythologische 
Interesse der Antike als das astronomische, 
aus dem heraus freilich auch zuweilen 
illustriert wurde 123 ). 

Die Vermischung des mythologischen 


268 


Gehalts mit dem astronomischen ist in 
allererster Linie für die Darstellung der 
Pl. gegeben, weil die antike Identifizierung 
von Stern und Gott auch in der bildlichen 
Vorstellung naturgemäß dazu führen 
mußte, das Bild des Sterngottes in An¬ 
lehnung an irgend eine plastische Dar¬ 
stellung jener Zeit oder aus mythologi¬ 
schem Relief (Bildfries) zu gestalten. 

Einen antiken Saturn haben wir er¬ 
halten in einem Fresko aus der Casa dei 
Dioscuri in Pompei 124 ). Stil der Körper¬ 
haltung, Gewandung, Kopfbildung, Haar¬ 
behandlung entsprechen samt der Farbe 
dem, was man sonst auch von den vielen 
pompeianischen Fresken kennt. Der Ein¬ 
fluß der Statue scheint auf die Zeichnung 
in der Körperhaltung unverkennbar; damit 
ist die Figur entwickelt aus einer von Um¬ 
gebung unabhängigen Plastik. 

Neben die antiken (in ma. Hss. über¬ 
lieferten) männlichen Sternbilderzeich¬ 
nungen gehalten, lassen die antiken Pl.- 
darstellungen genau denselben Form¬ 
typus wie die männlichen Sternbilder¬ 
darstellungen erkennen. Der für die 
antiken Bilder charakteristische Rahmen 
und blaue Untergrund ist für die Kopien 
der Pl.bilder im Mittelalter freilich nicht 
mehr vorauszusetzen 125 ). 

Abgesehen von der Tradierung der Bil¬ 
der in den Aratea ist die neuschöpferische 
Nachgestaltung antiker Pl.gestalten im 
Mittelalter nur deutlich erkennbar in den 
Büdern von zwei im 14. Jh. in der Pro¬ 
vence entstandenen Hss. der National¬ 
bibliothek zu Wien, die u. a. auch Pl.- 
figuren enthalten. Auch unter diesen 
naturgemäß (s. o.) fremder gewordenen 
Gesichtern tritt der antike Typus deutlich 
hervor in Haltung oder Gewand; vor 
allem bleibt wichtig die noch hier wahr¬ 
nehmbare Vereinzelung der Figur. Eine 
drei Jahrhunderte ältere Hs. (Cod. Reg. 
123) vom Jahre 1056 (wohl im Kloster 
Rip^ 1 * * den Pyrenäen entstanden) kennt 
wie jüngere den antiken Rahmen, 

den einfarbigen Hintergrund und den 
mythologischen Inhalt. Die Figur ist 
ebenfalls in statuarischer Selbständigkeit 
gezeichnet 126 ). Ähnlich verhält es sich 






'i 


mit dem Merkur des Cod. Mutin. lat. 
210 m ). 

In diesem Zusammenhang ist besonders 
interessant ein Überblick über die Nach¬ 
wirkung der Venus als Anadyomene bis 
in diese Zeit in den genannten Wiener Hss. 
Eine weibliche Figur taucht wirklich aus 
dem Meere auf; in einem Fall ist das 
Stemrund, das schon in Cod. Reg. 123 
die Gottesdarstellung umschloß — Wan¬ 
del des viereckigen antiken Rahmens —, 
zum Rahmen der ganzen Szene geworden: 
Fische deuten realistisch das Meer an, 
aus dem die Göttin emporsteigt; die 
andere Darstellung verfährt ähnlich mit 
der Komposition, faßt aber das Rund 
wieder als Bildrahmen und läßt die in 
diesen hineingestellten Figuren den Stern 
in der rechten Hand tragen 128 ). 

Es wäre zu untersuchen, wo zuerst der 
antike Rahmen, der kompositionellen An¬ 
sprüchen dient, zum Stemrund geformt 
wird und somit selbst Bild wird. Sicher 
mittelalterlich, hängt diese Erscheinung 
mit dem Abwerfen der antiken Kompo- 
sitions- und Gestaltungselemente zusam¬ 
men, die Fritz Saxl auch bei dem Ver¬ 
gleich früherer und späterer Stembüder- 
zeichnungen, deren antike Grundlage un¬ 
bestreitbar ist, nachgewiesen hat. Aber 
während dort der Rahmen gänzlich in 
Fortfall kommt, wird er hier als Stück des 
Sterns aufgefaßt, den die Figur — einst 
die Hauptsache — verständlich macht 129 ). 

Daß im Mittelalter die antike Form 
schließlich verloren gehen konnte, wo der 
Inhalt so sorgfältig tradiert wird, hängt 
auch damit zusammen, daß die Illustra¬ 
toren ihre Darstellungen antiker Götter 
oft nach Beschreibungen in Prosa ab¬ 
faßten, die sehr genau das Detail der 
antiken Gestalt in ihrer Haltung angaben, 
aber infolge der ganz unhistoristischen 
Sehweise des Mittelalters naturgemäß 
„modern“ gesehen wurden 13 °). 

Von der größten Bedeutung sollte für 
diese Kunstäußerung der mythologischen 
Gestaltung das Buch eines irischen Mönches 
namens Albericus (12. Jh. ?) werden; dies 
wirkte weitgehend auch auf die bildliche 
Pl.Schilderung ein. Man wird nach den 
Beschreibungen dieses Buches immer so¬ 


fort genau die antiken Vorlagen erkennen; 
der Stil der Bildbeschreibung erinnert 
etwa an Philostrat; andrerseits ist eine 
antikem Stilgefühl entsprechende Zeich¬ 
nung nicht zu erzeugen, wenn bildliche 
Vorlage fehlt. Ein solches formal un¬ 
antikes zeichnerisches Beispiel für die 
Venus findet man bei A. Warburg, Ges. 
Schriften II Taf. LXIV Abb. 112 (teil¬ 
weise auch Saxl I A. 1). Wir zitieren teil¬ 
weise die Beschreibung der Gestalt: 

„Venus hat unter den Pl. den 5. Platz- 

Sie wurde gemalt als allerschönste Jung¬ 
frau, nackt und im Meere schwimmend, 
und in der rechten Hand hält sie eine 
Muschel, mit einem Kranz aus weißen 
und roten Rosen war ihr Kopf geschmückt, 
und von Tauben, die sie umflatterten, 
war sie begleitet. Vulkan, der Feuergott, 
roh und scheußlich, war ihr angetraut 
und stand zu ihrer Rechten usw. 

Danach hat A. Warburg bis ins 12. Jh. 
den Typus dieser Anadyomene des Alberi¬ 
cus in der Miniaturmalerei wiedererkannt 
(vgl. Ovide moralise), ferner in den 
sog. Mantegna-Tarockkarten Oberitaliens 
(1465) und in der Venus auf dem Schiffs¬ 
wagen über dem Märzfresken im Palazzo 
Schifanoia zu Ferrara 131 ). 

2) Die arabisierende Linie, 
a) Historische Grundlage . 

Eine starke Veränderung der mytho¬ 
logischen Auffassung der Aratea- und 
Albericusgruppe bewirkte Michael Scotus, 
der Hofastrologe Kaiser Friedrichs II. 
Er läßt in die abendländischen Anschauun¬ 
gen „die pl.en Elemente des arabischen 
Orients“ dringen. Er entkleidet u. a. so 
die Pl. eines Teils ihres antik-heidnisch¬ 
mythologischen Gehalts und setzt dafür 
mit christlicher Interpretation neue astro¬ 
logische. Er hat Merkur zum Bischof, 
Jupiter zum Geistlichen usw. gemacht 1S2 ). 

Wie solche und ähnliche ganz anders 
geartete Typen möglich wurden, versteht 
man, wenn man sich die Art des arabi¬ 
schen Bildmaterials ansieht. Selbst der 
kunst geschieht liehen Betrachtung fern¬ 
stehend, versuche ich, die Ergebnisse 
Fr. Saxls, der dies Problem eingehend in 
mehreren Arbeiten untersuchte, folgender¬ 
maßen zusammenzufassen 133 ): 



271 


Planeten 


272 


Merkur mit dem Buche, Jupiter mit 
dem Buche, Sol en face auf einem Sessel 
oder dem Löwen thronend mit Kaiser¬ 
krone auf dem Haupte, Szepter und 
Reichsapfel in den nach der Seite ge¬ 
streckten Händen haltend, sind deshalb 
keine antiken Typen, weil die antike 
Mythologie keine Züge enthält, aus denen 
sich diese ganz andere Gesamtauffassung 
der Pl. erklären läßt. Die Schwierig¬ 
keiten waren immer den Interpreten 
deutlich; ihre vor Saxl versuchten Rück¬ 
führungen auf die Antike befriedigen 
nicht. Z. B. glaubt man es Fuchs S. 22 
nicht ganz bei der Erklärung des Merkur 
der Sala della pace zu Siena, daß das 
Buch des Pl.gottes eine naive Anspielung 
auf den buchführenden Kaufmann sei, 
der zu den Pl.kindern des Merkur gehört. 

Saxl wies dagegen hin auf die Pl.- 
illustrationen der Kosmographie des Qaz- 
wlnl (f 1283), von dessen Werk die Wiener 
Nationalbibliothek allein über vier Hss. 
verfügt, was von seinem Einfluß 
deutlich Zeugnis ablegt. Die dort ent¬ 
haltenen Typen (— sie sind nicht die 
Quelle — ) weisen die Richtung, aus der 
die unantiken Illustrationen der Scotushss. 
stammen. Die Typen sind: 

1. Mondgott, mit Mondscheibe als Kopf, 
die von beiden Armen gehalten wird; 
Frontansicht. 

2. Merkur als Schreiber, Profilansicht. 

3. Venus, reich geschmückt mit Ohr¬ 
gehängen, Armband und Haarschmuck, 
spielt auf einem Musikinstrument; 
Frontansicht. 

4. Sol, mit einer Krone auf dem Haupt, 
hält ein Schwert auf den Knien; 
Frontansicht. 

5. Mars, gekrönt, hält in der einen Hand 
an den Haaren ein abgeschlagenes 
Haupt, in der anderen ein Schwert; 

Frontansicht. 

6. Jupiter hält ein halbgeöffnetes Buch, 
in das er hineinsieht, Halbseitenansicht. 

7. Saturn sitzt, im Gegensatz zu den 
anderen, die (meist mit untergeschlage¬ 
nen Beinen) auf Polsterthronen sitzen, 
auf einem Klappstuhl, hat die Rechte 
erhoben und hält in der Linken an 


langem Stil eine Spitzhacke. Fast 
Profilansicht. 

Stilistisch fällt das Bild des Saturn 
merkwürdig aus dem Rahmen. 

Für diese Pl.gestalten ist man sehr an 
die babylonischen Stemgötter,zu denen 
die Pl. gehören, erinnert. Da haben wir 
den Mondgott (männlich) Sin; Merkur ist 
Nebo, der Schreibergott; Venus könnte, 
obwohl sie auch im Orient die Göttin des 
Frohsinns und der Liebe ist, aus abend¬ 
ländischem Empfinden erklärt werden, 
wenn die Laute nicht wäre (s. u.); der 
Sonnenkönig ist Samas, der einmal 
schlechtweg 'malik' „König" heißt; Mars 
entspräche mit dem Haupt des erlegten 
Feindes dem Ninib-Nergal; Jupiter mit 
dem Buch läßt an Marduk's Rolle der 
Schicksalsverkündung denken, die der 
Gott aufgezeichnet durch seine Priester 
an den Neujahrsfesten dem König über¬ 
gibt. 

Saxl hat die naheliegende Folgerung — 
man vergleiche unsere Beschreibung der 
den Pl. gleichgesetzten babylonischen 
Götter — gezogen, daß die Qazwlnl- 
Darstellungen der Pl. inhaltlich die nach- 
lebenden Pl.götter Babylons zeigen. Na¬ 
türlich ist die Tradition nicht rein orien¬ 
talisch geblieben; die Vorstellungen, die 
die Griechen sich zu den Pl.göttern ge¬ 
schaffen hatten, wurden auch im Osten 
aufgenommen, wenngleich dort das orien¬ 
talische Empfinden in Form und Inhalt 
immer stärker blieb. Bei den Pl.darstellun- 
gen des Qazwlnl ist zunächst wenig 
Antikes zu erkennen; aber auf islami¬ 
schen Gegenständen weist Saxl Pl.brust- 
bilder in Verbindung mit den Tierkreis- 
häusem nach, bei denen formal antiker 
Einfluß ganz unverkennbar ist, und die 
dem Abendland bekannt wurden wie die 
Darstellungen der Qazwlmkosmographie. 

Es fragt sich, wer die Vermittler dieser 
synkretistischen Pl.Vorstellungen waren. 
Daß nur Orientalen in Betracht kommen, 
zeigen allein die babyionisierenden Nei¬ 
gungen der Qäzwinthss.; aber eben im vor¬ 
deren Orient waren auch die griechischen 
Formen eingedrungen. Saxl weist auf 
die aus antiken und orientalischen Ele¬ 
menten gemischte Sassanidenkunst hin. 



Ein merkwürdiger Zufall hat nun auf die 
harranischen Ssabier geführt, eine heidni¬ 
sche Insel mitten in dem christlichen 
Mesopotamien, die noch im 10. Jh. ihre 
Eigenart bewahrt haben muß. Deren 
Religion gipfelte in einem auf ägyptische 
Offenbarung zurückgeführten Pl.kult. Die 
Namen der PL Ilios, Sin, Ares, Nabug, 
Bai, Balth’i und Kronos zeigen die syn¬ 
kretistischen Einflüsse von Ost und West; 
neben griechischen Namen stehen die 
babylonischen Namen. Der Zufall hat uns 
genaue Nachrichten über die Vorstellun¬ 
gen der Ssabier zu den PL erhalten; man 
weiht ihnen Tempel und bringt ihnen 
unter Gebeten Opfer dar (s. u. Sp. 293). 
Diese Pl.vorstellungen entsprechen etwa 
den Qazwimdarsteliungen. Man ver¬ 
gleiche etwa dessen Mars und sein blut¬ 
bestrichenes Schwert und blutendes Haupt 
mit einem jener Berichte: „Am Diens¬ 
tag ... kommen sie (die Harranier) in 
den Tempel des Mars, rot gekleidet, mit 
Blut bestrichen und mit Dolchmessern 
und entblößten Schwertern in den Hän¬ 
den." Aus diesem Bericht allein erklärt 
sich auch die Laute der Venus; denn — 
heißt es in der Beschreibung des Venus¬ 
tempels a. a. O.: „Es befinden sich dort 
verschiedenartige.musikalische In¬ 

strumente, und die Dienerschaft des Tem¬ 


pels, von denen die meisten.schöne 

Mädchen sind, hört nicht auf,.auf 


musikalischen Instrumenten zu spielen.“ 
Den Merkur bezeichnet der genannte 
arabische Bericht als „Schreiber". Über 
die Einzelheiten der Übernahme von 
Babylon-Hellas und die Weiterwirkung 
auf die arabische Astrologie vermag man 
im einzelnen noch nichts zu sagen. Hier 
hat sicher auch die Anonymität des heim¬ 
lichen oder öffentlichen Glaubens an die 
astrologische Gedankenwelt gearbeitet. 
Im 11. Jh. hat man in dem islamischen 
Buche Pikatrix (s. u.) wichtige Spuren des 
auf lebenden Pl.glaubens in Verbindung mit 
später neuplatonischer Kosmologie, aber 
ohne Anschauungsmaterial. Doch kann 
die Auffassung der Pl. als Engel und per¬ 
sönliche Dämonen der Menschen zur bild¬ 
lichen Verdeutlichung des pl. Wesens ge¬ 
drängt haben. Die ersten Darstellungen 


im islamischen Kulturkreis stammen aus 
dem 12. Jh. Seitdem muß es sich um 
richtiges Traditionsgut der arabischen 
Kultur handeln, was man in Spanien so 
gut wie in Mesopotamien kannte. Das 
Abendland erhielt Kenntnis über Spanien, 
vielleicht auch über Sizilien. 

b) Das Eindringen der orientalischen 
Phantastik in das Abendland . 

a) Scotushss. 

Betrachtet man nun die Bilder der 
Scotushss., etwa des Liber introductorius, 
so erkennt man deutlich, daß die Form- 
und Inhaltsveränderung der Pl.darstellung 
hier ihre Wurzel hat. Die Quelle selbst 
ist bisher nicht aufgedeckt worden. Indes 
hegt für Scotus der Fall so: er steht auf 
der Basis der antiken Aratea und stößt 
mit den orientalischen Bildern zusam¬ 
men 134 ). Nun versuchte er von hier aus 
bei den Sternbildern Erweiterungen der 
Aratea, und fand neue Sternbilder (die 
im Grunde doch nur griechische mit ver¬ 
änderten arabischen Namen waren). Doch 
war bei den Sternbilderdarstellungen eine 
bestimmte Bindung durch die bestimmte 
Sterne umschreibende Figur gegeben. 
Hingegen konnte bei der Pl.gestalt sich 
die Phantasie austoben. So wird aus 
Saturn der alte Kämpe mit Schild und 
Sichel, Merkur der Mann des Buches, 
Jupiter ein Gelehrter am Eßtisch. Denn 
natürlich verstand Scotus und wohl auch 
seine arabische Vorlage die Bilder und 
Attribute aus dem astrologischen Wesen 
des PL dergestalt, daß die Attri¬ 
bute und die Teile der Gestalt Symboli¬ 
sierungen seiner Wesens- und Wirkungs¬ 
bereiche sind. 

Die Nachwirkung dieser Bildneugestal¬ 
tung war ungeheuer. Abgesehen davon, 
daß es fast 20 Scotushss. gibt, beugten 
sowohl Italien wie Deutschland sich dieser 
neuen Formgebung, die zweifellos des¬ 
halb ungleich lebendiger war, weil sie mit 
der neuen Astrologie zusammen das 
Abendland eroberte. 

ß) D ie arabisierenden Pl.typen 
in Italien. 

Die Einflüsse sind schon in der frühesten 
bildlichen Darstellung deutlich: die Fres¬ 
ken des Lorenzetti in der Sala della pace 





275 


Planeten 


276 


im Rathaus zu Siena (1338—41) kennen 
Merkur mit dem Buche, Venus mit der 
Laute, Helios in Vorderansicht auf dem 
Sonnen wagen, Saturn mit schwarzen un¬ 
geordnet herabhängenden Haaren und 
dunklem Gesicht, Jupiter im Kaiserornat 
mit Krone und Szepter und Reichsapfel 
(diese Verwechslung mit Sol geschieht 
unter antikem mythologischem Einfluß 
öfters) 135 ). Ähnliche Einflüsse zeigen die 
Reliefs am Florentiner Kampanile, der 
„steingewordenen Encyklopädie“. Merkur 
mit dem Buche wird hier zum Lehrer der 
Wissenschaften; Venus ist ein schönes 
Mädchen in fließend herabfallendem Ge¬ 
wände; Sol ein jugendlicher König mit 
den Reichsinsignien; Jupiter ein Mönch 
mit Kelch 136 ). Jupiter als Mönch mit 
Kelch und Kreuz leitet Saxl von dem 
Bericht über die harranischen Ssabier ab, 
daß diese in Jupiter den Schutzpatron 
der Christen gesehen hätten. „Demütig, 
bekleidet wie die Mönche der Christen“ 137 ). 
Saturn ist fast ein jüdischer Patriarch, 
mit dem antiken Attribut des Kindes, 
das er verschlingt, und dem Rad, das 
sicher ein Mißverständnis der sich in den 
Schwanz beißenden Schlange, des Attri¬ 
buts des Kronos, ist 137a ). So ähnlich ist es in 
der spanischen Kapelle zu Florenz (1330), 
am Dogenpalast zu Venedig auf dem 
Pl.kapitell (1400) und im Salone von 
Padua. Wir können Einzelheiten hier nicht 
erwähnen 138 ). 

Y) Deutsche Pl.typen mit orien¬ 
talischem Einfluß. 

Wie die sachlichen Inhalte der Astrolo¬ 
gie nach Deutschland von Italien oder 
Frankreich wanderten, so auch ihre bild¬ 
liche Vergegenwärtigung in diesem neuen 
Stil. Hier kommt wohl in erster Linie 
der Weg über die Alpen in Betracht, auf 
dem die Scotushss. den Eingang fanden. 
Wir gewahren nun auch hier die Ver¬ 
wendung der neuen Typen: der Bischof 
Merkur in Monac. lat. 10268; in einem 
Exemplar der Bibliothek Wenzels (Monac. 
lat. 826) schreitet er mit zwei Kerzen auf 
das auf einem Pult hegende offene Buch 
zu; eine andere Hs. Wenzels (Vindob. 2352) 
wahrt den Typus des Mannes mit dem 


Buche und der Virga duplicis rami (Relikt 
des alten Heroldstabs bei Scotus), aus der 
der Maler des vorigen Codex die beiden 
Kerzen entwickelt haben muß: ein deut¬ 
liches Beispiel dafür, wie schwer man die 
neuen Formen inhaltlich festhalten konnte, 
da klar verständliche mythische Bindung 
für diese Auffassungen im Abendland un¬ 
bekannt waren. Jupiter tritt in beiden 
letztgenannten Hss. an einen Eßtisch in 
priesterlicher (bischöflicher) Tracht, Sol 
ist in Monac. lat. 826 ein junger gekrönter 
König mit den Reichsinsignien. Man 
gewahrt dasselbe Bild wie in Italien. Auch 
die Kleinkunst des Holzschnitts und fol¬ 
genden Buchdrucks kann sich der neuen 
Richtung nicht entziehen: so ist in Leopol- 
dis ‘Compilatio’ Jupiter der Mönch mit 
dem Buche, er steht auf einem kasten¬ 
artigen Gebilde, das deutlich das Polster 
der ßazwinizeichnung ist. Interessant ist 
die Zusammenstellung dieser Typen auf 
dem sog. Glücksrad, einem Augsburger 
Holzstock. Verwechslungen untereinander 
bleiben natürlich nicht aus: so wird Sol 
in einer Kasseler Hs. mit dem neuen 
Jupiter verwechselt, während auf dem 
Glücksrad Mars in Harnisch mit Schwert 
und Reichsapfel thront, was stark an 
eine Umstilisierung des abgeschlagenen 
Kopfes der Qazwinlhs. denken läßt. 
Typisch ist auch Saturn mit der Hacke 
(später dann auch mit der antiken Sichel) 
auf den Prognostikondrucken des aus¬ 
gehenden 15. und anfangenden 16. Jh. 
Selbst das erwähnte große Pl.buch sowie 
die Astronomia Teutsch blieben nicht 
unberührt. Zwar sind hier manche Ge¬ 
stalten wie Saturn, Mars, Jupiter und 
Venus unter neuen antikisierenden Ein¬ 
flüssen der Renaissance wieder an die 
antik-mythologische Auffassung ange¬ 
nähert 140 ); aber dieser Sol geht noch 
unverkennbar auf den altorientalischen 
Typus des auf seinem Tier reitenden 
Gottes zurück, der gerade neben dem 
von dem stehenden oder jugendlichen 
Herrscher sich entwickelte und tradiert 
wurde; man vergleiche nur den Sol auf 
dem Löwen als Herrscher in dem Cod. 
Havn. Thottske St. 40, 833 141 ). Erst der 
Neudruck des Pl.büchleins von 1724 kehrt 


277 


Planeten 


278 


ganz zu antikisierten, der Renaissance 
verdankten Gestalten zurück. 

Schließlich kennen auch Pl.darstellun- 
gen auf deutschen Häusern die Pl.typen 
der Scotushs.; an dem Hause in Eggenburg 
in Österreich ist Sol deutlich als Herrscher 
zu erkennen; ebenfalls trägt wie bei 
Scotus Jupiter eine Krone und Mars ein 
Schwert 142 ). Am Göttinger Junkerhaus 
ist derselbe Typus vertreten 143 ). Beide 
Häuser zeigen im übrigen die antiken 
mythologischen Gestalten in den Formen 
der Renaissance; die Rückbewegung muß 
in Italien eingesetzt haben und ist auf 
Spielkarten faßbar. Die neuantiken Typen 
wirkten bis in norddeutsche Bauern¬ 
kalender. Es ging hier ähnlich wie mit 
den Sternbildersphären 144 ). 

c) Die spätmittelalterlichen PL zu Pjerde. 

Endlich gibt es noch eine freilich weniger 
populäre Darstellungsform, die die PL auf 
Pferde setzt. Hier wirkt sicher keinerlei 
antike Tradition ein. Nicht ganz aus¬ 


sind selten, so daß hier diese Übersicht 
abschließen kann. 

IV. Die Pl.kinderbilder. 

Es können bei dieser komplizierten 
Sachlage die vielen bildlichen Wieder¬ 
gaben der PL im Abendland hier nicht 
nach den einzelnen Pl. geordnet beschrie¬ 
ben werden. Auch die vor allem mit den 
Pl.darstellungen des 15. und 16. Jh.s ver¬ 
bundenen Pl.kinderbilder, deren früh- 
renaissancistische Auffassung zuweilen 
ganz allerliebste Kompositionen hat ent¬ 
stehen lassen, bieten zu viele Probleme, 
um auf alle einzugehen. Drei seien, ab¬ 
gesehen von den alle umgreifenden kunst¬ 
historischen Fragen des Stils und Vorbilds 
herausgestellt: 1. Wo stammen die Pl.- 
kinderbilderdarstellungen in den deutschen 
Hss. her? 2. Was trieb zu dieser Illustra¬ 
tion der Pl.texte ? 3. Wie verhält sich der 
Inhalt zu dem begleitenden Text und 
wo ist der Text zu suchen, wenn der bei¬ 
geschriebene Text mit dem Bild nicht 
restlos zur Deckung gebracht werden 


geschlossen scheint orientalischer Einfluß kann? 

einer andern Richtung. In einer Wiener 1. Zur ersten Frage ist allgemein zu 
Hs. sitzen sämtliche Pl. auf Pferden in sagen, daß man wenigstens teilweise 
mittelalterlicher Kleidung; Merkur ist sehr 
orientalisch (Turban) gekleidet, der Mond 
männlich 14S ). Alle Pl.gestalten tragen an 
Speeren Fahnen wie zum Turnier 146 ). 

Solche fahnentragenden Planeten begeg¬ 
nen nun im Text desPikatrix, jenes schon 
einmal erwähnten magisch-astrologischen 
Handbuchs arabischer Herkunft, das, im 
11. Jh. geschrieben, im 13. unter Alfons X. 
übersetzt wurde und in Deutschland unter 
dem Titel „puch aller verpotten kunst, 

Unglaubens und der zauberey“ bekannt sehen Pl.kinderbilder Einfluß auf die 

ward 147 ). In ihm ist von den Engeln des deutschen gewonnen haben. 

Saturn die Rede, die herabsteigen und die Man vermutet als stilistische Grundlage 
Leiber töten und die auf schwarzen Reit- kleine Genrebildchen, wie sie z. B. in 

tieren reiten, geführt von einem Engel, einer Hs. aus dem Kreise Alfons X. von 

der eine schwarze Fahne in der Hand hält Kastilien bekannt geworden sind, die nach 

mit der Inschrift des mohammedanischen Italien gewandert ist 149 ). Es handelt sich 

Glaubensbekenntnisses 148 ). Hier muß um mittelalterliche stilisierte Paranatel- 

ein Zusammenhang bestehen, so daß man lontenbilder, die später im Astrolabium 

sich weiter fragt, ob die Bilder der Kyeser- planum des Pietro d’Abano gedruckt er- 

hss. in Göttingen, obwohl sie die Fahnen schienen. Ähnliche Genrebilder finden 

nicht haben, doch auch auf solche reiten- sich in einer Bonattihs. des 14. Jh. zu den 

den Pl. der arabischen Phantasie zurück- Häusern des Horoskops. Es ist in letzteren 

gehen können. Aber die Darstellungen bildlich der astrologische Sinn des Hauses 


wieder mit arabischen Produkten zu rech¬ 
nen hat; die ersten Versuche solcher Illu¬ 
strationen in deutschen Hss. scheinen von 
süddeutschen Meistern des ausgehenden 
14. Jh. gemacht worden zu sein. Hauber 
ist nach weit schichtigen Vergleichen dafür 
eingetreten, daß es die Umgebung von 
Passau sein müsse, in der zuerst deutsche 
Pl.kinderbilder entworfen und gezeichnet 
wurden. Damit erhebt sich aber sofort 
die Frage, wie die nachgewiesenen arabi- 


279 


Planeten 


280 


Planeten 


282 


dargestellt: z. B. das XI. Haus der Freund¬ 
schaft wird durch eine Initiale mit dem 
Bilde zweier sich begrüßender Freunde 
veranschaulicht 150 ). Dieser Typus des 
Genrebildes begegnet nun auch in den 
PL kinderbilderdarStellungen des Salone 
zu Padua, dessen Ausmalung gleichfalls 
im Anfang des 14. Jh. erfolgte 151 ). In der 
drei-streifigen Komposition sind eine Un¬ 
menge solcher kleinen durch Rahmen 
gegeneinander abgegrenzter Bildchen vom 
Typus der Bonattihs.-Illustrationen ent¬ 
halten, und zwar, wie eindringliche For¬ 
schungen ganz allmählich erkennen lehr¬ 
ten, enthält der oberste Streifen die Pa- 
ranatellontenbilder, der zweite und dritte 
neben Monatsbildem sowie PL-, Apostel- 
und Engeldarstellungen die Bilder der Pl.- 
kinder. Sie entsprechen den Berufen und 
Tätigkeiten, die wir von den Texten 
der Araber her kennen. Die Verwendung 
dieses künstlerischen Typus getrennter 
Einzelbilder bei den Arabern ist aus einer 
arabischen Hs. mit Darstellungen der Pl.- 
kinder 152 ) bekannt; man vergleiche mit 
ihnen die Beschreibung, die Dimisqi (1300) 
von den Darstellungen in den ssabischen 
Tempeln zu Harran gibt 153 ): Saxl glaubt 
in ihnen letztlich die antiken Berufs¬ 
darstellungen wiederzuerkennen 154 ). Eine 
Linie jener italienischen Freskenkompo¬ 
sitionen führt also in den Orient; das ent¬ 
spricht dem bisherigen Büde des astro¬ 
logischen Überlieferungsweges. Es scheint 
aber noch eine zweite zu geben. Saxl 
vermutet, daß die Berufskompositionen 
frühmittelalterlicher Hss. des Abendlandes, 
die die Stationen der abendländischen 
Tradition der antiken Berufsdarstellung 
sein könnten, die zweite Quelle für die 
Inhalte jener italienischen Genrebilder 
sind. Unter dem Einfluß des Orients 
müssen dann die abendländischen Dar¬ 
stellungen, die z. B. in den Bonattihss. 
nachwirken, bildlicher Veranschaulichung 
astrologischer Weltbetrachtung dienstbar 
gemacht worden sei. Für Saxl ist der 
Salone zu Padua das Beispiel dieser 
Synthese. — Von hier wurde diese Kunst¬ 
übung und ihre Form auch den Deutschen 
bekannt. 

2. Nun will der Künstler des Salone 


durch die Gesamtkomposition, in die 
jene vielen Bildchen aufgenommen sind, 
mehr als nur Teilillustrationen zu Ab¬ 
schnitten der astrologischen Lehre liefern: 
Er veranschaulicht ein kosmologisches 
System. 

Da das auf diesen drei Bildstreifen 
veranschaulichte kosmologische System 
Himmel und Erde von pl. Kräften zu¬ 
sammengehalten zeigt, wäre der geistige 
Gehalt des Bildes der Glaube an die die 
Erde durch waltenden Kräfte der Pl.; 
dabei fällt das Schwergewicht des In¬ 
teresses auf die berufliche Differenziert¬ 
heit der irdischen Bereiche: weitaus der 
größte Teil der Bildchen gehört ihnen an. 
In der Idee der Illustration scheinen mir 
die deutschen Darstellungen der Idee der 
Salonefresken verwandt zu sein; in der 
Zeichnung und Gesamtkomposition sind 
sie gänzlich anders. In Deutschland hat 
man von der ersten Zeit an fast nur 
Kompositionen versucht, die die pl. Be¬ 
ruf stypen in einem Büde vereinigen. 
(Spätere Aufteilung scheint mir einfach 
Kopie des italienischen Kompositions¬ 
prinzips, das z. B. wie in Salone auch in 
der lateinischen Hs. zu Modena sich 
findet 155 )). In diesen Bildern gibt es eine 
Entwicklung von einem primitiven Neben¬ 
einander gleichsam einzelner Szenen in 
einem großen Bildrahmen zu beachtlich 
einheitlichen Kompositionen. Die In¬ 
halte der Berufs- und Lebenstypen finden 
sich im Süden wieder; diese Beziehung ist 
wohl nicht zu bestreiten. Aber den deut¬ 
schen Kompositionen, die Wesentliches 
der Niederländer Kunst jener Zeit ver¬ 
danken, Hegt doch etwas ganz anderes 
zugrunde. Hier soll nicht der wichtigste 
Zweig einer mathematischen Doktrin, die 
Differenzierung der Berufe, zur Darstellung 
gebracht, sondern ein einheithches Stim- 
mungsbüd geschaffen werden 156 ). Damit 
ist aber gesagt, daß hier ein anderes Welt¬ 
verhältnis deutlich wird. Gerade die Tat¬ 
sache, daß die neue Komposition der 
Pl.kinderbüder dann im Süden aufgenom¬ 
men wird (Palazzo Schifanoia, Ferrara; 
Flor. Kupferstecher), beweist, daß es sich 
tatsächHch hier um mehr handelt als um 
Illustration pl. erzeugter und geleiteter 


281 

Berufstypen. Das erwachende Gefühl der 
Freude am irdischen Daseih fand in 
Itahen seine Richtung und Klarheit in 
der astrologischen ÜberUeferung der pl. 
Wirkungsbereiche und deren Illustration 
(Salone); diese ÜberUeferung Heß den 
Reichtum des Irdischen erkennen. Aber 
indem so differenziert wurde, wurde auf¬ 
gelöst. VieHeicht sind die deutschen 
IHustratoren die ersten gewesen, die wieder 
den Kosmos als Einheit und die Pl.kräfte 
als zahlenmäßig übersehbare Teilkräfte, 
die jene Differenzierung des Irdischen 
erst bewirken, sie aber durch den Kraft- 
anteü eines Pl. übersehbar machen, aufzu¬ 
spüren unternahmen. Hier muß man 
natürHch nach der literarischen Anregung 
fragen, aus der diese wichtige Korrektur 
der ersten Zeit astrologischer Weltan¬ 
schauung des Mittelalters erfolgte. Man 
kann an ibn Ezras Einfluß denken, der 
bekanntlich früh ins Französische über¬ 
setzt wurde 157 ); Beziehung französischer 
BibHotheken zu Süddeutschland (Prag) 
weist Hauber nach 158 ). Bei diesem ibn 
Ezra finden sich Pl.kapitel 159 ), die sich 
dadurch von Abu Ma'sar und Ali ibn abi 
’r-rigäl unterscheiden, daß sie (vieHeicht 
unter dem Einfluß byzantinischer Astro¬ 
logie) die Wirkungsbereiche der Pl. syste¬ 
matisch unter größeren Gesichtspunkten 
zusammenfassen, während Abu Ma'sars 
wie Abu 'l-Hasans Text keinerlei Syste¬ 
matisierung der Wirkungsbereiche er¬ 
kennen lassen. ÄhnHches gewahrt man 
auch in dem auf dem späten Neuplatonis¬ 
mus erwachsenen Pikatrix. Dessen Pl.- 
gebete (s. u.) lassen deutlich die Vielfalt 
der irdischen Erscheinungen je als Werk 
eines pl. Geistes (Engels) erscheinen 16 °). 
SchließHch fordert der tiefe Sinn der 
Dürerschen MelencoHa I, des edelsten 
Erzeugnisses dieser Richtung, die die 
Pl.kräfte und damit die Welt zu syste¬ 
matisieren unternahm, ähnliche Über¬ 
legungen; denn hier ist nach Saxls und 
Panofskys eindringlicher Untersuchung 
die weltanschauliche Auseinandersetzung 
deutHch, indem im Saturnwesen der 
Mensch aus seiner schwer zu ertragen¬ 
den Doppeltheit als metaphysischem 
Denker und naturwissenschaftlich sich 


bindendem Realisten die EigentümHchkeit 
seines Welt Verhältnisses begreift. Indem 
sich nun dieses Denken über PL und 
irdische Berufsbereiche zu einer kosmo¬ 
logischen Deutung ausformt, ist eben 
dieses Tun satumisch: denn Saturns Mann 
denkt und bHckt auf alte Dinge. Vielleicht 
erklärt es sich auch daraus, daß man im 
anfangenden 16. Jh. gerade diesen Pl. 
als den undeutbarsten empfand und sei¬ 
nem Wesen und Temperament, der Me- 
lanchoHe, das besondere Augenmerk zu¬ 
wandte. 

Es wäre zu fragen, ob bei jener Rück- 
übemahme nach ItaHen die treibende 
Kraft das Neue im Bereich der astrolo¬ 
gischen Literatur war und ledigHch Sach- 
kopien vorHegen, oder ob ähnliche speku¬ 
lative Neigungen dahinter zu suchen 
sind, da der geistige Kosmos ItaHens von 
ähnlichen philosophischen Mächten (Mar- 
siüo Ficino!) gestaltet wird. Ferraras und 
Paduas riesige Kompositionen sprechen 
für letzteres. Ferrara hatte außerdem 
ebenfalls intensive Beziehungen zum fran¬ 
zösischen Hof; man hat vermutet, daß die 
indischen Dekane dieser Fresken, die auf 
der Lektüre Abu-Ma'sars beruhen, dem 
Künstler Cossa durch die französische 
Übersetzung des von ibn Esra ins Hebräi¬ 
sche übertragenen Werkes des genannten 
arabischen Astrologen zugänglich wur¬ 
den 161 ). Und eben hier sind die freiHch 
nach den Monatsherrschem des ManiHus 
gruppierten KinderbilderdarsteHungen wie 
in den deutschen Darstellungen einheitHch 
zusammengefaßt 162 ). 

Was ein Pl.kinderbüd stüistisch ist, 
vermittelt nur die büdHche Wiedergabe; 
bei Hauber findet man deutsches Material 
zusammengesteüt und beschrieben; vieles 
steckt in den Hss. von Wien, München, 
Heidelberg usw. 

Ebenso wird das Thema in Holzschnitt¬ 
folgen behandelt, deren bekannteste die 
von S. H. Behaim ist. ItaHenisches Ma¬ 
terial bei Saxl-Panofsky, Dür. Mel. I und 
bei Hauber (Hs. v. Modena). Die Typen 
entstammen seit der Bonattihs. dem Leben 
der Zeit, weshalb die Büder ein unschätz¬ 
bares Material der Sitten- und Kostüm- 
• geschichte sind 163 ). 


283 


Planeten 


3. Damit kommen wir zur Frage des 
Verhältnisses zwischen Bildinhalt und 
Text. Es ist sicher, daß die Bilder einer 
Hs. mit PI.texten oft nach einer andern 


halt der einst neuen Welterkenntnis war 
in den Kreisen derer, auf die sich die 
astrologische Praxis im primitivsten Sinne 
seit der Renaissance zu beschränken be¬ 



Vorlage (Quelle) geschaffen wurden als 
dem Text der zu illustrierenden Hs., denn 
man stellt häufig Unterschiede zwischen 
Bild und Text fest. Zunächst sind die Bilder 
oft reicher an Typen (= Wirkungsberei¬ 
chen). Zuweilen wiederum fehlen Motive, 
die der zugehörige Text und andere Bilder 
aufweisen. So steht im Saturntext der 
Tübinger Hs. nichts vom Geldwechsel, 
Backen und Gerichtsverfahren (außer dem 
Erhängen), das Bild zeigt indes diese 
Wirkungen 164 ), von denen auch bei den 
Arabern die Rede ist. Es liegt also 
zweifelsfrei dem den Tübinger Text be¬ 
gleitenden Bild ein anderer Text zu¬ 
grunde. Der Wiener Cod. 3085 (1475) 
bezieht seine Bilder ebenfalls nicht auf 
den zugehörigen großen Prosatext; sie 
sind vielmehr auf den ärmeren und inhalts¬ 
leeren Versen, die dem Prosatext folgen, 
erwachsen. Sicher wirkt bei der Ver¬ 
ringerung der Motive, die die Pl.kinder- 
bilder der Wiener Hs. aufweisen, das 
künstlerische Moment der Stimmungs¬ 
gestaltung mit ein; denn künstlerisch ist 
zwischen den Bildern der Tübinger Hs. 
und der genannten Wiener Hs. ein weiter 
Unterschied. 

Das umgekehrte Verhältnis, die Er¬ 
weiterung, kann nur philologische Quel¬ 
lendurchsicht und Aufzeigung weiterer 
kunst geschichtlicher Vorbilder klären. 
Solche Arbeiten hätten z. B. auch das 
Verhältnis der Zeichner zu ibn Ezra, 
Bonatti und Pietro d’Abano deutlicher 
herauszuarbeiten. 

Die abendländischen Pl.kinderbilder 
sind eine ausgesprochene Eigentümlichkeit 
des 14.—16. Jh.s. Sie stellen vielleicht in 
jener Zeit das eindringlichste Zeugnis für 
die Anteilnahme der abendländischen Welt 
an dem Pl.glauben dar 165 ). Die großen 
zusammenfassenden Handbücher der 
astrologischen Lehre, die seit dem 16. Jh. 
in Deutschland gedruckt wurden, nehmen 
sie nicht mehr auf. Das Interesse am 
künstlerischen Ringen um den tiefen Ge¬ 


gann, geschwunden, weil das neue natur¬ 
wissenschaftliche Denken und die erneuerte 
religiöse Gesinnung der Renaissance und 
Reformation die echten Menschen, die 
auch allein künstlerischer Vollendung 
fähig sind, einen neuen Weg zur Wahrheit 
als dem obersten Korrektiv der welt¬ 
anschaulichen Seite hatten einschlagen 
lassen, der von dem der Astrologie weit 
abwich 166 ). Daher können die Pl.- 
bilder, an denen noch länger in den Kreisen 
der Astrologen Interesse bestand, wohl 
weil die Bilder das Wesen des PL leichter 
verstehen halfen, seitdem nur mehr als 
Schemata tradiert werden. Erst ein 
moderner Künstler hat eine neue Aus¬ 
einandersetzung mit dem Wesen des 
Saturn versucht 167 ). 

121 ) Die Materialien findet man vor allem bei 
A. Hauber Pl.kinderbilder usw., in den Auf¬ 
sätzen von Fritz Saxl ( Beiträge zu einer Ge¬ 
schichte der PI.dar Stellungen im Orient u. Occident 
~ Der Islam 3 [1912] 151 ff., Einführung u. 
Bemerkungen zu den Tafeln in Verzeichnis I 
Vff. 1070., Einleitung in Verzeichnis II 7Ü.) 
sowie bei Saxl-Panofsky Dürers Melencolia I 
(= Warburgstudien 2). Außerdem wurden die 
Bilder von zwei Wiener Hss. (cod. Vindob. 3085 
fol. ig r ff. u. cod. Vindob. 3068 fol. 8orff.) ver¬ 
wendet, die ich in Photographien besitze. Für 
die sog. Hauspl. vgl. die Arbeit von O. Behrend- 
sen Darstellungen von Pl.gottheiten an und in 
deutschen Bauten (= Stud. z. deutsch. Kunst- 
gesch. 236). Wichtig als Materialsammlung auch 
das Werk von Bruno A. Fuchs Die Ikono¬ 
graphie der 7 PL in der Kunst Italiens bis zum 
Ausgang des Mittelalters (Diss. München 1909). 
122) Fuchs a. a. O. Anm. 44. 123 ) Grundlegend 

A. Thiele Antike Himmclsbilder. 124 ) Bequem 

zugänglich bei Boll-Bezold Sternglaube 4 Taf.IV 
Abb. 7. 125 ) Saxl Verzeichnis II 8ff. 125 ) Ebd. II 
13. 127 ) Saxl Islam Taf. 8. 128 ) Saxl Verz.II 

Taf. III. m ) Vgl. auch den Merkur des Cod. 
Mutin. Lat. 210 bei Saxl Islam Taf. 8. 130 ) 

Saxl Verz. I VHIff. 131 ) Dazu s. A. Warburg 
Ges. Schriften II 471 ff. 132 ) Saxl Verz. II 19; 
vgl. Islam a. a. O. 166. 133 ) s. A. 120. Einzel¬ 
belege erübrigen sich daher. 134 ) Saxl Verz. II 
i5ff. 135 ) Fuchs a. a. O. i8ff. 136 ) Ebd. 29!!.; 
Islam a. a. O. 168. 137 ) Islam a. a. O. 169. 

Doch war dem Jupiter der Priester und fromme 
Mensch unterstellt (s. o. Sp. 129L). 137a ) Der 

erst während der Korrektur erschienene Auf¬ 
satz von A. Greifenhagen, Zum Saturn¬ 
glauben der Renaissance (Antike XI 67 s.) 







« I 



Planeten 



enthält eine andere Erklärung. Doch kann 
hier nicht näher darauf eingegangen werden. 
138 ) Fuchs a. a. O. 32ff. 42s. 13 ®) Zum folgenden 
vor allem Islam a. a. 0.1650. u. Bilder. 14 °) 
Saxl Verzeichnis II 21 ff. 141 ) Saxl Islam a. a. O. 
Abb. 35; vgl. Astronomia Teutsch fol. 64. 
142 ) Behrendsen a. a. O. Taf. XVIII. l43 ) Ebd. 
Taf. XXI. l44 ) A. Warburg Ges. Schriften II 
4830.; Behrendsen a. a. O. 140.; Saxl Verz. II 
21 ff. 39f. 145 ) Mond männlich geht auf den 

babyl. Sin zurück. 146 ) Cod. Vindob. lat. 
3068 fol. 8o r ff.; die andern Darstellungen zählt 
Behrendsen a. a. O. 9 A. 1 auf, vgl. daselbst 
Taf. I—VII. 147 ) Genauere Angaben s. A. 197. 
148 ) Vorträge d. Bibi. Warburg 1921/22, io2f. 
Dazu beispielsweise die Verse in der Göttinger 
Kyeserhs. (Hauber a. a. O. 55): Sideris supremi 
Saturni summum vexillum / Sum senioris color 
nigri etc. 149 ) Vgl. dazu Saxl Verz. II 65; 
A. Warburg Ges. Schriften II 516 u. Taf. 79. 
iso) Saxl Verz. II Taf. XV Abb. 26. 151 ) Saxl 
Verz. II 49 ff. Vollkommene Abbildung in leider 
technisch unschöner Ausführung bei Antonio 
Barzon I cieli e la loro inßuenza negli afjreschi 
del Salone in Padova (Padova 1924). 152 ) Saxl- 
Panofsky Dürers Melencolia I Taf. XIX Abb. 
34. 1S3 ) Islam a. a. O. 156f. 154 ) Zum Folgenden 
Saxl-Panofsky Dürers Melencolia I 123s. 
iss) Hauber a. a. O. Taf. XXXII. 156 ) Saxl- 
Panofsky Dürers Melencolia I 134. 157 ) Boll 

Sphära 4190. 15S ) Hauber a. a. O. 244—251. 

1S9 ) Das Saturnkapitel ist abgedruckt bei Saxl- 
Panofsky Dürers Melencolia I 79f. 160 ) Vor¬ 
träge d. Bibliothek Warburg 1921/22, 1170. 
181 ) A. Warburg Ges. Schriften 459ff- 162 ) Ebd. 
469b 163 ) Saxl Verz. II 49h u. Taf. XV. 164 ) 
Bei Hauber a. a. O. Taf. XIII. 165 ) Am schön¬ 
sten vielleicht im sog. deutschen Hausbuch des 
MA.s, jetzt bequem zugänglich in der Ausgabe 
der Inselbücherei (Nr. 452). 16S ) Diese Aus¬ 

einandersetzung habe ich beleuchtet in meinem 
Aufsatz Beitr. z. Gesch. d. Astrol. I. Der griech. 
Astrologe Dorotheos v. Sidon u. der arabische 
Astrologe Abu 'l-Hasan Ali ibn abi ’r-rigal S. 
38 ff. 167 ) Goya. Das Bild im Museo del Prado 
zu Madrid. Abb. bei Boll-Bezold Sternglaube 4 
Taf TV Abb. 


E. Gereimte Überlieferung. 

Wie im Bild, so findet dieser Aberglaube 
auch im Reim seinen Niederschlag. Solche 
Versfolgen sind künstlerisch keine wert¬ 
vollen Produkte, aber sie enthalten in ge¬ 
formter Gestalt etwas, was dem Bewußt¬ 
sein der Allgemeinheit wichtig ist und was 
es zu erhalten gilt. Die Abfolge etlicher 
Verse läßt den schwierigen und trockenen 
Stoff, wie etwa die Wirkungen der ein¬ 
zelnen PL, zunächst besser dem Gedächt¬ 
nis eingehen; aber man hat zweifellos auch 
aus Freude an dem mit diesem Inhalt 


dahinfließenden Vers solche Versifikatio- 
nen gepflegt. 

Die Antike kennt keine kurzen Gedichte, 
die in diesem spielenden und mnemotech¬ 
nischen Sinne astrologische Inhalte ver¬ 
arbeiten. Manilius' poetisches Werk über 
das ganze Gebiet der Astrologie ist zweifel¬ 
los künstlerischen Antrieben entsprungen, 
aber es entbehrt des Momentanen, Apergu- 
haften, das jenen spätmittelalterlichen 
Versen eignet. 

Die Verse entstanden im 14./15. Jh*> 
sicher im Anschluß an die oben Ab¬ 
schnitt C abgedruckten Exzerpte aus 
den gelehrten ,,wissenschaftlichen“ Wer¬ 
ken der Araber. Man kennt sie in allen 
Ländern des Westens. Wie bei den Prosa¬ 
exzerpten ist man auch hier vom Lateini¬ 
schen zur Sprache des Volkes fortgeschrit¬ 
ten. In Deutschland wurden die Verse 
nach den lateinischen Kompilationen zu¬ 
nächst lateinisch abgefaßt, meist in hexa¬ 
metrischer Form. Mit dem Augenblick, 
in dem man jene Aussagen zu den Pl.- 
wirkungen ins Deutsche übertrug oder 
neue Auszüge deutsch anfertigte, hatte 
auch schon der deutsche Vers sein Recht 
erkämpft. Dazwischen gibt es eine Über¬ 
gangserscheinung, die lateinische und 
deutsche Verse mischt (in Nachahmung 
ähnlicher Dichtungen des Mittelalters) 168 ). 
In beiden Sprachen geht man bei diesen Ver- 
sifikationen zunächst meist davon aus, den 
ganzen zu einem Pl. vorliegenden Stoff 
poetisch zu verarbeiten. Dies macht die 
Gedichte zu den einzelnen Pl. sehr un¬ 
gleich lang. Hernach beginnt hier Neigung 
zur Vereinfachung sich durchzusetzen, 
bis man mit dem Beginn des 16. Jh. 
allenthalben schlichte deutsche Vier¬ 
zeiler dichtet. Diese halten sich und 
finden in den Volkskalendern und Pl.- 
büchem ihre Stätte; in ihnen werden sie 
dann seit dem Druck ziemlich unverändert 
den folgenden Jahrhunderten weitergege¬ 
ben. Es ist nun wie in der Bildtradition 
Erstarrung eingetreten; bis zum beginnen¬ 
den 16. Jh. waren noch gestaltende Kräfte 
überall lebendig am Werke gewesen. 
Davon legen die vor dem Druck im ganzen 
deutschen Sprachgebiet verbreiteten poeti- 



28 7 


Planeten 


288 


sehen Versuche zu diesem Thema Zeugnis 
ab. 

Wir geben einige Beispiele. Vollstän¬ 
digkeit hier für alle Formen zu er¬ 
streben, ist unmöglich; die Aufzählung 
wäre auch, da es sich schließlich doch um 
Variationen über einen etwas eintönigen 
Stoff handelt, zu langweilig. Auch wird 
es sich kaum lohnen, zu j edem PL einen 
metrischen Beitrag zu liefern. 

1. Lateinische Proben, a) Dreizeiler. 

Ymbriferem aquarum Saturnus habet simul ac 
capricornum 

Est dolor hinc aries, gloria libra seni. 

Dat anime virtutem discernendi ac racioci- 
nandi. 

Jupiter ille iuvans retinet cum pisce sagittam 
Est Jovis in thauro gracia, capra malum 
Dat magnanimitatem anime. 

Cuncta regunt regulant rutilancia sydera 
septem, 

Influunt virtutes anime, dant prosperitatem, 
Erecto sydere virtus duplatur amanti; 

Sed si cadit maius minus moveri desit 
Pu lehr i pusiones sic temere vates, 

Quorum tu casus sic noscas et erecciones. 

Kyeserhs. Göttingen (NB: cod. philos. 
63, fol. 5 V ) 14. Jh. — Die Verse sind ferner 
wenn auch schlecht, wiedergegeben im Hei¬ 
delb. cod. pal. Germ. 226 fol. 42* und 
Stuttgart. Landesbibi. cod. theol. et phil. 
4 0 201 (in beiden verkürzt) 169 ). 

b) Dieselbe Hs. enthält auf den folgen¬ 
den Blättern mehr in epischer Form und 
mit ganz unterschiedlichem Umfang (Ju¬ 
piter 13 Verse; Sonne 26 Verse!) andere 
lateinische Beschreibungen der Pl.wirkun- 
gen; insbesondere sind die Pl.kinder be¬ 
rücksichtigt. Wir zitieren die Marsverse 

(fol- V) ■ 

Zodyacum totum Mars bini pervolat annis 
Loquax elatus mendax Martis sistit natus. 
Albos habet crines, magnam frontem sibi- 
latam, 

Aspectum pulchrum retinet, dorsum sibilatum 
Felix, instabilis, grossus rubeique coloris. 

Es folgen je 2 Verse zum Widder und 
Scorpion, den Häusern des Mars, dann 
dessen Bild mit den Versen: 

Generi Martis vexillum cruore depictum 
Sum ego qui milito adversos neceque sterno. 
In septentrione traho moram et in occidente, 
Nam scorpius aries domus mihi sunt attribute. 

Einen aus demselben Verskranz stammen¬ 
den gegen Schluß abweichenden Vierzeiler 


über Jupiter (Göttinger Hs. fol. j y ) fand 
ich einzeln verwendet in dem Wiener 
Codex 3068 (ca. 1440) 17 °) unter sonst 
deutschen Versen (s. u.) neben einem 
Jupiterbild (Jupiter als Ritter mit der 
Fahne auf einem Roß dahersprengend) 171 ): 

Sum Jovis vexillum viridi depictus colore 
Dux ego stellarum, dominus sum, princeps 
eorum(sic) 

In Oriente pridem domus in sep<ten>trione 
Architenentem pisces simul gradiorque 172 ). 

Während der letzte Vers in der Göttinger 
Hs. lautet: 

Sagittam cum piscibus altus mihi dedit 
messe (?) 173 ) 

c) Schließlich seien noch einige hexa¬ 
metrische Zweizeiler nach einer Münchener 
Hs. angeführt: 

Marskinder. 

fallax instabilis grossus rubeique coloris 

estque loquax natus Martis mendax latro 
furque 174 ) 

Sonnenkinder. 

Natum quem genuit Sol hic prudens fitque 
loquax, 

Tristis sic talis, pulcher, bonus, et regalis 175 ) 

Es besteht hier sichtlich die Neigung zu 
kürzen. 

2. Deutsche Verse. 

Deutsche Pl.verse sind mir von der 
Mitte des 15. Jh. an bekannt. 

Cod. Vindob. 3068 (ca. 1440) fol. 83 Tl76 ) 
berichtet über die Sonne: 

Der Sternen keiser heiss ich wol 
Die Sunne man mich heissen sol 
Min farw ist golt für mich gezelt 
Ich bin das liecht in gantzer weit 

Ich bin gelückig edel vnd fin 
Also sind auch die kinde min 
Gel wis gemenget schön angesicht 
Glich gebart wis klein hör geschlicht 
Ein feisten Lib mit scharpfem aten 
Mittel äugen ein grosse stim 
Vor mittag dienent sy got vil 
Darnach Lebent sy wie man wil 

Ich durchgan die zwölf Zeichen 
In drinhundert vnd LXV tagen. 

Ähnlich ausführlich wird über die Venus 
und ihre Kinder berichtet (fol. 84 v ): 

Venus der fünfte planete fin 
Heiss ich vnd bin der minne schin. 

Min farw ist grün fücht kalt mit krafft 
Bin ich dick mit meist erschafft. 


289 


Planeten 


29O 



Was kinde vnder mir gebom wern 
Die sint fröhlich vnd singent gern 
Süsslich reden vnd klaffen lang 
Sie tribent fröidenspil mit hohem klang 
Ein zit arm, die andern rieh 
In miltekeit ist nieman ir gelich 
Ein schönen lib in rechter lang 
Hüpsch äugen vnd feiste wang 
Ougbrowen gros ein hübschen mund 
Welgefar lib vnd angesicht rund 
Vngelich an grosse füs vnd bein 
Sie sind zarter natur gemein 
Vnküsch vnd der minne pflegen 
Sind Venus kint ailwegen. 

Ich durchlouff die zwölff Zeichen in drin¬ 
hundert vnd acht vnd nüntzig tagen. 

Stücke aus diesen Venusversen unter¬ 
mischt mit anderen Versen über die Venus¬ 
kinder findet man wiederum in der Kas¬ 
seler Hs. Ms.astron. 1. 2° fol. 53 r (Landes¬ 
bibliothek). Sie sind teilweise abgedruckt 
bei Hauber 51; wie weit der ganze Zyklus 
über ein stimmt, kann nach Haubers An¬ 
gaben nicht festgestellt werden; man 
müßte die Hs. einsehen. Auch die un- 
edierten Verse des Cod. Vind. 3085 
(1475) 177 ) fol. 20 r ff. gehören, wie man 
an den Venusversen vergleichen kann, 
demselben poetischen Zyklus an, ohne 
ganz genau übereinzustimmen. Wir 
zitieren aus dieser Hs., die die Verse un¬ 
mittelbar in Verbindung mit einem jener 
kompilierten Pl.kapitel und den Illustra¬ 
tionen, also noch gleichsam im Entstehen 
zeigt, die Verse zum Merkur 178 ): 

Mercurius der sechst planet 
Haiss ich vnd macht wint hert. 

Warm pin ich pey ainem warmen Stern 
Vnd chalt pey ainem chalten geren. 

Dy zwiling vnd dy magt vein 
Sein geheissen dy hewser mein 
Darin gan ich [gan ich, cod.] gar tugenlich 
So Jupiter nit irret mich 
Mein erhochung ist in der magt 
In den visch wirt ich verzagt 
Durch dy zwelff zaichen ich lauff jagen 
In drewn hündert vnd vier vnd sechzig 
tagen (!). 

Getrew wehent ich geren leren. 

Meine chinder sich zw hubschait keren 
Woll zw eren vnd darczw weisse 
Frewde chunst subtill mit preysse 
Ir angesicht das ist rot voll vnd plaich 
Min höchstem geluar( ?) har waich 
Sy sein wöll gelert vnd güt Schreiber 
Goltschmid maler vnd pildsnitzer 
Orgeln machen vnd orgeln aüch vein 
Fro (?) mainger hant sy listig sein 
Ir frewnt in hilffig sind 
Arbaitsam seyn mercurius kind. 

E ächtold -Stäubli, Aberglaube VII. 


Mit dem Ende dieses Jahrhunderts treten 
häufiger die Vierzeiler auf. Die Bilder 
Behaims 179 ) kennen solche schon: 

Mercurius kind sind künstenreich. 

An behendigkeyt ist yhn nymant gleich, 

Inn 365 tagen lang 

Verbring ich meinen lauff vnd gang. 

Luna- Kind man nicht zemen kan 
Ihre kind seind nyemandt vntherthan. 

In acht vnd zwentzig tag vnd nacht 
Wirt auch mein gantzer lauff verbracht. 

Auch sie scheinen an sich schon älteren 
Datums. Wenigstens enthält der Cod. 
Berolin. lat. 115, eine Sammelhs. aus dem 
14./15. Jh. 7 Blätter mit solchen Vier¬ 
zeilern zu den sieben PI. in niederdeut¬ 
schem Dialekt. So heißt es über Satur¬ 
nus 180 ): 

Alt, kalt, lelic unde onreyne. 

Hat unde nyt ich oec meine 
Also synt oeck al min kint. 

Die onder my gheboren sint. 

Eine Sammelhs. des 15. Jh. in Salzburg 

(Studiumbibliothek V 1 36/8) hat neben 

lateinischen Versen deutsche Drei- und 

Vierzeiler: z. B. 

Saturnus mit seiner kraft 

Ist allem leben schadehaft 

Gefarlich vnd unverstanden 

Sine kint.gern mit schänden 181 ). 

Das 16. Jh. kennt viele Formen solcher 
Vierzeiler, so die ‘AstronomiaTeutsch' 182 ) 
vor ihren Pl.kapiteln 183 ): 

Von dem Jupiter. 

Vemünötig, gelehrt, verschwiegen, gerecht. 
Also seind all mein Kind vnd Knecht. 
Langwierig, trefflich Ding treib an, 

Mit Kauffmanschaft wol gewinnen kann. 

Von dem Mars 184 ). 

Ein nasser Knab, man kennt mich wol, 
Pferd, harnisch, krieg ich brauchen soll. 
Sonst gehet zurück alls was ich treib. 

Mit unglück lacht mirs hertz im leib. 

Dieselben Verse liest man im ‘Neuver¬ 
mehrten und verbesserten Pl.büchlein’ 
von 1769 185 ). Der Druck verhindert jetzt 
die stärkere Veränderung. 

Ähnlich reproduziert auch die Auflage 
des ‘Großen Planetenbuchs’ von 1724 die 
entsprechenden Verse der Auflage des 
16. Jh.; es wird lediglich die Orthographie 
verbessert 186 ). In diesem Volksbuch 
lauten die Jupiter-Verse so: 

10 




291 


Planeten 


292 


J upiter. 

Ansehnlich, reich, klug und gelehrt. 

Sind meine Kinder und geehrt. 

Bey Fürsten, Herrn bring ich an. 

Den so was lernet, weiss und kann. 

Die Marsverse sind die gleichen wie oben. 
Also auch hier wird kompiliert; man ver¬ 
tauscht jetzt ganze Versgruppen. 

Ein Zeichen für die große Beliebtheit, 
deren sich diese Poeterei erfreute, sind 
endlich die Hausinschriften 187 ). An einem 
Haus in Eggenburg in Niederösterreich, 
das mit geschnitzten Gestalten der PL, 
die an künstlerische Entwürfe der Zeit 
anschließen, geschmückt ist, liest man 
zugleich die Vierzeüer, die die Pl.kinder 
beschreiben (1547). Bis auf den Mond, 
dessen Text bei einer Restauration des 
Hauses teilweise zerstört wurde, sind die 
Strophen zu allen Pl. erhalten 188 ). Sie 
sind denen in den Pl.büchem nahe ver¬ 
wandt. Man vgl. 

zum Mars: 

Zu unfrit streit bin ich bereit 
Als euch bedeit mein wapenclait 
Rauben prenen Wirgen Reissen 
Ist mein gefert vnd umb mich beisen. 

zu Venus: 

Mein Stern bedeut freut vnd mut 
Verschwint lib sei eer vnd gut 
Mit essen trinken buler sein 
Also zeuch ich die Kinder mein. 

zu Merkur: 

Zu kauffmanschafit bin ich gericht 
AU Künstler haben mir verpflicht 
Cluger sinn vnd rechnen geschwind 
Die aüe seind Mercurio kindt. 

Alle diese Vierzeiler lassen eine gewisse 
Herbheit verspüren. Die Kinder, die die 
Pl. meist redend und, man möchte sagen, 
befehlend als ihre unkorrigierbaren Er¬ 
zeugnisse hinstellen, sind wirklich so, 
und es scheint ein rechtes Stück von der 
Unbedingtheit der astrologisch bestimm¬ 
ten Weltführung aus diesen Versen zu 
sprechen. So sehr die Vier- und Zweizeiler 
das Material, das vorliegt, vereinfachen, 
so geschlossen sind sie. Das ist der Weg: 
der erst enzyklopädischem Wissen dienende 
Vers wird schließlich Gefäß einer Empfin¬ 
dung. Der Empfindungsinhalt ist mit dem 


15./16. Jh. deutlich spürbar, bis schlie߬ 
lich der Druck ebenso deutlich spürbar 
die Verse inhaltsleer macht, weil sie in 
die Zeit des 18. Jh. nicht mehr passen. 
Diese Verse bedürfen der herben Sprache 
des 15./16. Jh., um echt zu wirken; jede 
spätere Sprachverbesserung ist stüwidrig 
und unecht. Bezeichnend genug für die 
astrologischen Handbücher des 18. Jh., 
daß es ihnen, wie den ersten Versifikatio- 
nen des Mittelalters, auf den Inhalt allein 
ankam. In der Zwischenzeit empfand 
man mehr, wie bei der Illustration 189 ). 

!68) Vgl. A. Ha über Planetenkinderbilder u. 
Sternbilder 89 f. 169 ) Ebd. 54. 17 °) Beschreibung 
bei Fr. Saxl Verzeichnis II 116. m ) s. o. Sp. 277. 
172 ) Die Verse unediert. 17S ) Hauber a. a. O. 54. 
174 ) Cod. Monac. lat. (15. Jh.) 4394 ( = Zinner 
Nr. 8344) fol. 67 r (unediert). 176 ) Ebd. fol. 70* 
(unediert). 176 ) s. z. A. 3. 17? ) Beschreibung bei 
Fr. Saxl Verzeichnis II 117. 178 ) a. a. O. fol. 

24 r /25 r . 179 ) Die Bilder bei G. Hirth Kultur¬ 

geschichtliches Bilderbuch I 193—196; dann 
auch bei H. A. Strauß Der astrol. Gedanke 
in der deutschen Vergangenheit am Ende. 
18 °) Hauber a. a. O. 82. 181 ) Hauber a. a. O. 
84. 182 ) Titel s. o. A. 88. 183 ) a. a. O. fol. 
61 ▼. 184 ) a. a. O. fol. Ö2 V . 186 ) Titel s. o. A. 96; 
die Stelle 22 u. 25. 18ft ) Titel s. o. A. 86; die Stelle 
21 u. 24. 187 ) Vgl. darüber die Bilder in der 

schönen Abhandlung von O. Behrendsen Dar¬ 
stellungen von Pl.gottheiten an und in deutschen 
Bauten (= Studien zur deutschen Kunst¬ 
geschichte Heft 236) Tafel XVIII—XX. 188 ) 
a. a. O. 34. 189 ) Vgl. auch die Kometenpoeterei 
der Zeit im Art. Kometen 1440. 

F. Anhang. 

Pl.gebete. PL und Zauber. 

Wesentlich auf den orientalischen Kul¬ 
turkreis beschränkt sich die Einbeziehung 
der Pl. in den Zauber; dieser Zweig des 
Pl.glaubens ist im einzelnen noch wenig 
erforscht. Da er außerdem in Deutsch¬ 
land wenig in die Breite gewirkt hat, be¬ 
schränken wir uns auf einige Bemerkungen 
und Materialangaben. Sterngebete hat 
es zu allen Zeiten bei vielen Völkern ge¬ 
geben (Babylonier, Ägypter, Griechen, 
Italiker, Indianer) 190 ). Vor allem sind sie 
an Sonne, Mond, Morgenstern und Sirius 
gerichtet. Die Planetengebete mit Zügen 
der typischen astrologischen Lehre, die 
wir hier meinen, gehen auf Babylonien 
(und Ägypten) zurück. Die mittelalter¬ 
lichen Pl.gebete in griechischer Sprache 


293 


Plantago—plätten 


294 


fassen die Pl. als Götter mit der kosmi¬ 
schen Machtfülle der babylonischen Pl. 191 ). 
Hier liegt eine orientalische Tradition 
vor, wie sie ähnlich bei den orientalischen 
Pl.bildern beobachtet werden konnte. 
Der Pl.kult der Ssabier ist wohl sicher als 
eines der Vermittlungsglieder anzuse¬ 
hen 192 ). Opfer vor den Pl.göttern, wie 
sie Büdercodices zeigen 193 ), vollzog man 
auch bei den Ssabiem. Diese sind natür¬ 
lich von Gebeten an den göttlichen Geist 
des Pl. begleitet. Dieser göttliche Geist 
des Pl. wurde dabei wohl unter dem Ein¬ 
fluß der hellenistischen Idee von den 
Gestimseelen als von dem Stern getrennt 
gedacht 194 ). Wenn also ein Zauberer den 
Pl. zu sich wie einen Dämon beschwörend 
zitiert, so ist es der Geist des Sterns, der 
vor ihm erscheint 195 ). Im Orient hat man 
in diesen Gestirngeistem irgendwo (Gno¬ 
sis ?) Engel erkannt: so ist Anael der Engel 
des Pl. Venus. Eben diese Engel werden 
in Gebeten angerufen 196 ). Das ist nicht 
viel anders wie in dem magischen Buche 
Pikatrix, das um die Mitte des II. Jh.s in 
Spanien in arabischen Kreisen entstand: 
hier wird gezeigt, wie die Stemgeister mit 
Gebeten zu beherrschen sind 197 ). 

Diese orientalischen Lehren wirken seit 
dem 11. Jh. auf das Abendland (über 
Spanien). Man kann es wohl nicht ganz 
von der Hand weisen, daß Michael Scotus 
in dem Prooemium seines Liber introduc- 
torius unter dem Einfluß solcher orien¬ 
talischen Ideen 198 ) seine These von den 
astrologiekundigen Engeln, zu denen 
eben die Pl. nach Gottes Weltordnung 
gehören würden, entwickelt. Daß im 
Abendland Interesse an solchen magischen 
Lehren des Orients und an dem so er- 
öffneten Wege eines Eindringens in die 
Geheimnisse der Welt bestand, wird man 
zunächst aus der damaligen Zuneigung 
zur arabischen Astrologie erklären können; 
vor allem aber beweist es die Tatsache, 
daß Alfons X. 1252 auch den Pikatrix 
übersetzen ließ 199 ). Die Übersetzung ver¬ 
breitete sich. Pietro d* Abano besaß ein 
Exemplar. Hernach wurde das Buch 
auch in Deutschland bekannt. 1456 warnt 
•der bayerische Hof- und Leibarzt Hartlieb 
•den Markgrafen Johann von Brandenburg, 


der sich mit alchemistischen und wohl 
auch astrologischen Studien befaßte, vor 
dem „volikomnest püch", das er je in der 
Kunst gesehen habe, das aber nur zur 
Verdammnis führe und vor dem der Fürst 
sich hüten müsse. Kaiser Maximilians 
Bibliothek verfügte indes gleich über zwei 
Exemplare, Agrippa von Nettesheim besaß 
eines; auch Rabelais kannte das ominöse 
Werk 2°°). 

Gerade die Pl.gebete, so meinte vor 
Jahren H. Ritter, werden das Buch, in dem 
eine ganze Weltdeutung enthalten ist, 
im Abendland in Verruf gebracht haben. 

Weiter als beschrieben kann ich die 
Wirkung der Pl.gebete nicht absehen. 
Bekannt blieben sie über das 16. Jh. hin¬ 
aus in bestimmten Zirkeln. Das beweisen 
die stark christianisierten Pl.gebete des 
17. Jh.s und die der hermetischen Bruder¬ 
schaft des 20. Jh.s 201 ). 

19 °) Vgl. W. Gundel Sternglaube , Stern¬ 
religion u. Sternorakel 38ff. m ) Texte CCA VIII 2, 
1540. 1720. 192 ) Fr. Saxl in Islam 3 (1912), 

i57ff. 183 ) Abb. in Boll-Bezold Sternglaube 
u. Sterndeutung* Taf. XXIV. 194 ) Boll-Bezold 
Sternglaube* 19!. 185 ) So wird die Venus be¬ 

schworen im Großen Pariser Zauberpapyrus 
(ed. K. Pr eisend anz Papyri Graecae magicae I 
Nr. IV) Z. 28910. Vgl. den Berliner Zauber¬ 
papyrus (ebd. Nr. I) Z. 154—172. 1Ä6 ) Solche 

Pl.engelgebete in einer athenischen Hs. CCA X 
80ff. Anael als Engel der Venus ebd. 81, 32. 
Vgl. das Gebet CCA VII 245. 187 ) Der arabische 
Text, herausg. v. H. Ritter mit deutscher 
Übersetzung von Plessner erscheint als Bd. 12 
der Warburgstudien. -— Über das Buch handelt 
H. Ritter in seinem Vortrag Picatrix, ein 
arabisches Handbuch hellenistischer Magie ( = 
Vorträge der Bibi. Warburg 1921/22) 94s. 

Sterne, Sterngeister und Sternbeschwörungen 
1170. 188 ) Er war in Toledo längere Zeit gewesen, 
der Hochburg arabischer Wissenschaft: Hauber 
a. a. O. 242. Cod. Bodley 266 fol. 2 r b Ende: 
cum angelica vero natura deus creavit et or- 
dinavit planetas ut Solem et Lunam et omnes 
stellas celi omniaque aüa fecit similiter propter 
hominem quem prius amavit quam cetera usw. 
189 ) H. Ritter Picatrix usw. (Vorträge d. Bibi. 
Warburg 1921/22) 94!. 2C0 ) Ebd. 201 ) W. Gundel 
Sternglaube , Sternreligion u. Sternorahel 54. 

S. die Artikel Abendstern, Horosko- 
pie, Mond, Morgenstern, Sonne usw. 

Stegemann. 

Plantago s. Wegerich. 

plätten. Aberglaube der Deutsch- 
Amerikaner, der wohl durch praelog ischen 
Analogieschluß entstanden ist: Wenn 

IO* 


295 


Plötze—Polei 


296 


man die Rückseite von Männerhemden 
plättet, so werden sie faul oder zornig 
oder bekommen Rückenweh 1 ). 

1 ) Fogel Pennsylvania 361 Nr. 1527. 

Tiemann. 

Plötze f. oder Plötz m. (Leuciscus 
rutilus). Die Sage, weshalb die P. blut¬ 
unterlaufene Augen hat, s. bei Barsch 
(i, 928). Hoffmann-Krayer. 

Plumpsack. Ein der Sache nach 
wohl schon im Altertum und im Mittel- 
alter bekanntes Spiel x ). P. oder Klump¬ 
sack heißt zunächst das zusammenge¬ 
drehte und eingeknotete Taschentuch, 
das bei manchen Spielen als Strafinstru¬ 
ment dient. In dem danach benannten 
Spiele stehen die Teilnehmer im Kreise, 
die Hände hinter sich. Einer geht mit 
dem P. außen herum. Wer von den Mit¬ 
spielern dabei lacht oder sich umdreht, 
kriegt einen Schlag. Schließlich legt der 
außen Herumgehende den P. unbemerkt 
einem in die Hand. Dieser jagt dann 
seinen rechten Nachbarn mit Schlägen 
um den Ring zurück bis an seinen Platz 2 ). 
An manchen Orten geht ,,der Fuchs“ 
herum 3 ). In Westfalen ist das Spiel 
beim aufgeschichteten oder schon bren¬ 
nenden Osterfeuer üblich: „Kik di nitt 
üm, das Fößken dat küemt“ 4 ) oder: „de 
Knüppel geiht üm“ 5 ). In Ganderkesee 
in Oldenburg spielten die Erwachsenen 
vor dem Osterfeuer Ball, und wenn es 
abgebrannt war, gingen sie ins Wirts¬ 
haus und spielten P., woran auch die 
jungen Mädchen teilnahmen 6 ). Auch 
andere Tiere werden (als umgehende 
Dämonen?) genannt 7 ). Nach älteren 
Berichten aus dem Osnabrückischen und 
Lippischen bildete den Schluß der Hoch- 
zeit ein Tanz in einer langen Reihe. Der 
Aufwärter mit dem P. beschloß diese 
und prügelte die Langsamen 8 ). In Brilon 
(Westf.) wurde bei der Leichenwache 
unter andern ausgelassenen Spielen auch 
„Dreh di mal rum, der Klumpsack geht 
rum“ gespielt 9 ). Vielleicht darf man in 
den Schlägen bei diesen Bräuchen die 
Absicht der Abwehr des Bösen und Le¬ 
bensfeindlichen vermuten. 

*) Pollux (2. Jh. n. Chr.) 9, 115 erwähnt es 
in einer adverbialen Form a/otvo^piXtvSa. In 
einer dem 13. Jh. zugeschriebenen Reichenauer 


Glosse heißt es: ,,Gurtulli, trag ich dich“: 
Rochholz Kinderlied 392 f. Der Name P. für 
das Spiel erscheint zuerst 1663: ZfVk. 4 (1894), 
184; vgl. 19 (1909), 402 (26). 2 ) Böhme Kin¬ 
derlied u. K.spiel 556 ff.; Handelmann Volks - 
u. Kinderspiel aus Schleswig-Holstein 2 58 f. ; 
JbNdSpr. 13 (1887), 102; Wehrhan Kinderlied 
u. K.spiel 67; Ders. Frankfurter Kinderleben 
298; Andree Braunschweig 323; Rochholz 
Kinderlied 392 f.; Schumann Lübeckisches 
Spiel- u. Rätselbuch 47h 193; ZfVk. 17 (1907), 
278; 13 (1903), 58 f.; Tetzner Slaven 262 
(Tschechen). 3 ) Kuhn Westfalen 2, 136 (Bre¬ 
men); Wehrhan Frankf. Kinderl . 298; ZfVk. 
17, 278 (Großschwabhausen i. Thür.). 4 ) Kuhn 
Westf dl. 2, 136. 5 ) Hüser Beiir . 2, 35 (12). 

8 ) Strackerjan 2, 78. 7 ) ZfVk. 13 (1903). 58 k 
Das Fößken bezog Woeste auf Donar: ZfdMyth. 
1, 392. Vgl. Toppen Masuren 22. ®) Jostes 

Westfälisches Trachtenbuch 105. 8 ) Mündlich. 

Ähnliches bei den Bojken (Ruthenen): Globus 
79 , 152. ^ Sartori. 

Pockenstein. Der P. ist ein sehr 
harter, dunkelgrüner Stein, der auf der 
einen Seite etwas erhabene Flecken hat 
und zwar der aus Indien stammende 
grüne, der sächsische (ein mit Granaten 
durchsetzter Serpentin) rote. Da diese 
hervorragenden Flecken den Blatter¬ 
pusteln gleichen, die bereits reif und platt 
sind, glaubt man nach dem Grundsatz 
„similia similibus curantur“, der Stein 
sei ein gutes Mittel gegen die Pocken, und 
gab ihm den Namen P. Man legte ihn in 
laues Wasser und wusch mit diesem an 
Pocken krank liegenden Kindern das 
Gesicht, damit sie keine entstellenden 
Narben bekämen. Nach Zedier hing 
man den P. so an den Hals, daß er die 
Herzgrube berührte; dann zog er das 
Pockengift aus dem Leibe. Die franzö¬ 
sische Bezeichnung des Steins ist variolite 
(verschiedenfarbiger Stein), in der Pro¬ 
vence nennt ihn das Volk pierre picot 
(Prickelstein, picot er) 4 ). 

*) Zedier 16, 752 s. v. Pockenstein; Berg¬ 
mann 388 s. v. Pockenstein u. 93 s. v. Blatter¬ 
stein. f Olbrich. 

Pol ei (Mentha pulegium). Mit den 
Minzen (s. d.) nah verwandter Lippen¬ 
blütler, der gestielte, eiförmige Blätter 
und kleine rosafarbige Blüten besitzt. 
Der P. stammt aus Südeuropa und wächst 
ab und zu an Ufern, auf nassen Wiesen 
usw. 1 ). Noch im 16. Jh. war er eine häu¬ 
fige Gartenpflanze 2 ). Hin und wieder 
findet er noch in der Volksmedizin Ver- 











Polterabend— Poenitential ia 



Wendung. Der P. ist keine Pflanze des 
deutschen Aberglaubens. In der Antike 
genoß er großes Ansehen 3 ). Im alteng¬ 
lischen Herbarius des Apuleius heißt 
der P. „dweorge-dwostle“ (Zwergkeh¬ 
richt?), was vielleicht auf mythologische 
Beziehungen hinweisen könnte 4 ). Mög¬ 
licherweise bezieht sich aber das „Zwerg“ 
nur auf den niederen Wuchs der Pflanze. ! 
Einen ,,P.-Segen“ bringt Clm. 7021 5 ). 
Im italienischen Aberglauben spielt der 
P. noch eine große Rolle 6 ). 

l ) Marzell Kräuterbuch 421. 2 ) Christ 

Z. Gesch. d. alten Bauerngart. d. Schweiz 1923, 36. 

*) Dioskurides Mat. med. 3, 31; Plinius Nat. 
hist. 20, 152; (Pseudo-)Apuleius Herbarius 
cap. 93 edd. Sigerist et Howald 1927, 168 ff. 

4 ) Grimm Myth. 2, 1017; Meyer Germ. Myth. 
136; Hoops Pflanzennamen 49; Cockayne 
Leechdoms 1, 205. 5 ) Schönbach Berthold 

v. R. 148. 6 ) Pitre Med. pop. 407; Usi 3, 113. 
250 = Dähnhardt Natursagen 3, 259; ATrad- 
pop. 5, 187; Gubernatis Plantes 2, 306 t. = 
Reinsberg-Düringsfeld Kuriositäten 1 
(1879). 34. Marzell. 

Polterabend s. Nachtrag. 

Poltergeist s. Geist (3, 480 h). 

Poenitentialia. 

Wasser sc hieben Bußordnungen, Halle 
1851. — H. J. Schmitz Die Bußbücher 1883. 
1898. — E. Friedberg Aus deutschen Bu߬ 
büchern, Halle 1868. — Ders. Bußbücher, Real¬ 
enzyklopädie für prot. Theologie 3 3, 581—584. 

— P. Fournier Etudes sur les pinitentials , 
Revue d'hist. et de littörature religieuse VI—IX 
(1901—1904). — H. v. Schubert Geschichte 
der christl . Kirche im Frühmittelalter, Tübingen 
1920. 

Bußbücher, Bußordnungen, Bußspiegel, 
Beichtbücher, Poenitentialia — in den 
Namen liegt kein sachlicher Unterschied 

— sind, z. T. recht umfangreiche, auf 
alten Einzelbestimmungen aufgebaute 
Sammlungen von Bußvorschriften zum 
Zwecke, den Geistlichen jedes Grades für 
die Praxis verläßliche und einigermaßen 
erschöpfende Richtlinien zu geben. Ihre 
Geschichte und die sehr verwickelten 
Zusammenhänge der zahlreichen Texte 
sind trotz vielen gründlichen Unter¬ 
suchungen noch nicht in allem restlos 
geklärt. Eine kurze Skizze dessen, was 
als gesichert und fast allgemein aner¬ 
kannt J ) gelten darf, gibt H. v. Schubert 
a. a. O., S. 684 ff. Danach liegen die 
Anfänge in der irisch-keltischen Kirche 


des 6. Jh.s: wichtig sind hier vor allen 
das P. Finniani 2 ) aus dem 6., das P. 
Cummeani 3 ) aus dem 7. Jh. und als be¬ 
reits festländischer Ausläufer der Gruppe 
das P. Columbani 4 ). Von der irischen 
Kirche griff der Brauch hinüber auf die 
angelsächsische, wo das P. Theodori 5 ) 
(Bischofs von Canterbury) niedergeschrie¬ 
ben von Eoda, auf irischen und griechi¬ 
schen Quellen beruhend, die Grundlage 
für alle späteren P. 6 ) wurde. Im Franken¬ 
reich erwuchs aus diesen Materialen und 
den Bestimmungen der heimischen Bu߬ 
praxis im Laufe des 8. Jh.s eine ganze 
Reihe einschlägiger Sammlungen 7 ), auch 
solche, die wegen ihrer nachgiebigen Hal¬ 
tung von der Kirche abgelehnt wurden, 
so daß seit 813 sogar mehrmals der Ge¬ 
brauch solcher P. verboten wurde 8 ). 
Einen gemeinsamen Grundstock der frän¬ 
kischen P. wollte Schmitz in einigen 
Dutzend Bestimmungen erblicken, die er 
als P. Romanum bezeichnete; doch wird 
diese Ansicht jetzt abgelehnt 9 ). 

Unter den P. des 9. Jh.s, welche ihre 
Entstehung den Bestrebungen verdanken, 
für das fränkische Reich ein seinen Ver¬ 
hältnissen entsprechendes neues offizielles 
P. zu schaffen, ist das P. des Halitgar 
von Cambrai 10 ) aus der Zeit um 830 das 
wichtigste. Auch dieses fußt auf sehr 
verschiedenartigen, nur z. T. fränkischen, 
im übrigen vielfach irischen Quellen, selbst 
das von Halitgar als P. Romanus bezeich¬ 
nete sechste Buch. Von anderen großen 
Kompilationen des 9. Jh.s ist das Pseudo- 
Gregorianische P. für das fränkische Reich 
bedeutungslos, auch das Pseudo-Theo¬ 
dorische; erst zu Beginn des 10. Jh.s 
entstand im zweiten Band von Reginos 
von Prüm (s. d.) großem Werk De syno - 
dalibus causis et disciplina ecclesiastica 
ein P., das den Bedürfnissen der Zeit 
entsprach, viel benutzt wurde und seiner¬ 
seits auf spätere (s. Burchard von Worms) 
wirkte. 

Die P. beschäftigen sich natürlich mit 
der Gesamtheit der Vergehen gegen die 
religiösen und kirchlichen Vorschriften. 
In den frühen Jahrhunderten bildet dabei 
die Idolatrie im weitesten Sinne, vor allem 
zauberische Handlungen der verschie- 



299 


Popanz—Präanimismus 


300 


densten Art, Gegenstand der Bekämpfung. 
Der Quellenwert der einzelnen Sätze 
der P. ist wegen der angedeuteten lite¬ 
rarischen Abhängigkeiten, auch von land¬ 
fremdem Material, vielfach unsicher und 
stets von Fall zu Fall zu untersuchen. 
Konkordanzausgaben und -tabeilen, wie 
sie in gewissen Grenzen da und dort schon 
gegeben sind u ), wären noch in weiterem 
Umfang dringend zu wünschen. 

l ) Anders jedoch Schmitz a. a. O. 2 ) Hrsg, 
von Wasserschieben a. a. O., 108—119. 3 ) Hrsg, 
von Zettingen, Arch. f. kathol. Kirchenrecht 82 
(1902), 501—540. 4 ) Hrsg, von Seebaß, Zeitschr. 
f. Kirchengesch. 14 (1894), 44* ff- 5 ) Hrsg, von 
Wasserschieben a. a. O. 182—219. Vgl. W. v. 
Hör mann MHanges Fitting 2, 1 ff. *) v. Schu¬ 
bert a. a. O. 685. 7 ) a. a. O. 8 ) Aufzählung 

a. a. O. S. 686. 9 ) Schmitz 1, 193; dazu v. 

Schubert a.a.O. S.685. 10 ) Hrsg, von Schmitz 
a. a. O. S. 252—300. u ) Bei Wasserschieben 
S. 438 ff., bei v. Hörmann, Zeitschrift für 
Rechtsgeschichte 46, 135. 150. 161—163. 

Helm. 

Popanz, Popelmann, s. Meuli oben 
5,1799 u. Anm. 352; dazu Urquell 3, 255; 
Panzer, Beitrag 2, 107 t. 109; Klingner, 
Luther 19; Weigand-Hirt, Dt. Wb. 2 s. v. 

Popel s. 5, 1793. 1804 ff. 

Poppele s. Nachtrag. 

Poppelgebet s. Nachtrag. 

Porst (Gräntze, Sumpfporst; Ledum 
palustre). Niedrige, holzige, stark rie¬ 
chende Pflanze mit schmalen, lederartigen 
Blättern und weißen, in Doldentrauben 
angeordneten Blüten. Der P. wächst vor 
allem in den norddeutschen Torfmooren 1 ). 
In Mecklenburg verwenden abergläubische 
Landleute den P. zu Räucherungen in 
den Ställen 2 ). Die Pflanze gilt wohl 
wegen des starken Geruches als hexen¬ 
vertreibend. Eine zu Braunau i. J. 1617 
peinlich verhörte Hexe gibt zu, daß sie 
u. a. P. gesammelt habe, um Krankheiten 
zu kurieren 3 ). Bei den Giljaken (Amur, 
Sachalin) betäubt sich der Teufelsaus¬ 
treiber mit dem Rauch von Sumpfp. und 
kaut die Wurzel des Gewächses 4 ). 

a ) Mar zell Kräuterbuch 391 f. 2 ) Schiller 
Tierbuch 3, 40. 3 ) Kühnau Sagen 3, 20. 

4 ) ARw. 8, 462. Marzell. 

P ortiunculafes t. Die Marienkirche 

„zu den Engeln“ bei Assisi wird gewöhn¬ 
lich Portiuncula genannt, angeblich wegen 


ihrer einstmaligen Kleinheit oder von 
dem kleinen Ackerstücke, das zu ihr ge¬ 
hörte. Sie war die Lieblings- und Sterbe¬ 
stätte des h. Franziscus von Assisi. Dieser 
soll von Christus einen vollkommenen 
Ablaß erwirkt haben für alle, die jene 
Kirche besuchten, jedoch nur vom Vesper¬ 
geläute des 1. August bis zur Vesper des 
2. August J ). Auch außerhalb Italiens 
spielt der Tag eine Rolle 2 ). An ihm steht 
der Himmel offen; wer da stirbt, kommt 
gleich hinein (Leobschütz) 3 ). Wer Bir¬ 
nen ißt und darauf nicht gleich Wasser 
trinkt, bekommt das Fieber 4 ). Neckende 
Elben heißen in Baden Portiunculaweib- 
lein, weil sie sich vorzugsweise am P. 
zeigen 6 ). 

*) Hase Franz v. Assisi 6. 9 ff. 29 t. 135; 
Wetzer u. Welte 10, 194 ff.; Künstle Ikono¬ 
graphie d. Heiligen 247 f. 2 ) Leoprechting 

Lechrain 189 t.; Niderberger Unterwalden 3, 
401; Reinsberg Böhmen 381 f. 3 ) Drechsler 
1, 149. 4 ) ZfVk. 4 (1894), 405 (Ungarn). *) Wolf 
Beiträge 2, 278. Sartori. 

Posterli s. 5, 1793. 1794. 

Praanimismus ist eine Anschauungs¬ 
weise, welche in der Erklärung des Aber¬ 
glaubens vieler zauberischer und reli¬ 
giöser Bräuche neuerdings eine große 
Rolle spielt. Die Bezeichnung ist aller¬ 
dings wenig glücklich und daher auch 
nicht von allen, die sie verwenden, ein¬ 
heitlich gemeint. Der Name ist dadurch 
entstanden, daß die scharfe Kritik an der 
animistischen Theorie (s. Animismus) seit 
Ende des 19. Jh.s zu einer gegensätz¬ 
lichen Formulierung benützt wurde. 
Während die Vorsatzsilbe prä zuerst be¬ 
sagen sollte, daß die durch die neuere 
ethnologische und religionshistorische 
Forschung betonte „Machtreligion“ den 
animistischen Anschauungen in der Ge¬ 
samtentwicklung des menschlichen Gei¬ 
stes voraufgegangen war, so ist der Name 
P. sofort nach seiner Einführung in die 
wissenschaftliche Sprache dadurch be¬ 
denklich geworden, daß die Mehrzahl 
der Forscher sich von solchen Versuchen 
zeitlicher Fixierung überhaupt abgewandt 
hat und unter P. nunmehr diejenige 
teils magische, teils religiöse primitive 
Anschauungsform versteht, welche so¬ 
wohl durch ihre Verbreitung als vornehm- 


<un*< 




301 


Präanimismus 


302 


.«r t 



lieh durch ihren Einfluß auf die folgende 
Entwicklung der Religion den Vorrang 
besessen zu haben scheint. Hauptsächlich 
soll dieser P. ein Gegengewicht gegen die 
auf Tylor zurückgehende Meinung sein, 
daß der Glaube an die Existenz von 
Seelen wesen, seien sie mit oder ohne 
Körper, die erste Stufe menschlicher 
Weltansicht war, aus der sich alle reli¬ 
giösen und magischen Vorstellungen ent¬ 
wickelt hätten (s. Animismus 2 a). Bei 
jenem Animismus wird nämlich vor allem 
nicht in Erwägung gezogen, daß in ganz 
primitiven Lagen vielfach die Auffassung 
der Beseelung zurücksteht hinter der 
Ansicht, daß etwas Unsinnliches und 
Ungreifbares, das man aber nicht begriff¬ 
lich näher bestimmen darf, vorhanden 
ist, und zwar seinen mächtigen Einfluß 

cnwnhl im TTnivpr<;tim als auch auf he- 


wahmehmbaren Macht, die sich aus 
Dingen und Begebenheiten heraus äußert, 
und ist durch die Entdeckung des mela- 
nesischen Mana in Schwung gekommen. 
Darauf folgte die Entdeckung der Ent¬ 
sprechungen bei nordamerikanischen In¬ 
dianern (orenda, manitu, wakonda) (s. 
Orendismus). Das mit diesen Begriffen auf¬ 
gegebene Rätsel lag darin, daß sie sowohl 
magisch wie religiös sind, sowohl Zauber¬ 
kraft, die man durch einige erprobte Riten 
lenkt und stärkt, als auch eine gottheit¬ 
ähnliche Macht, der man sich zu- und 
unterordnet, bedeuten. Viele ,,Präani¬ 
mist en“ deuten auch diese Anschauung 
so um, daß durch diesen Machtglauben 
die Theorie gesichert werde, daß die 
Zauberei vor der Religion und ihr Wurzel¬ 
boden sei. Davon darf freilich nicht im 

Fmcf Hip "RpHp epin \Vic:cpri«rhaft1irh 


stimmte Körper, Menschen, Dämonen nüchterne Forschung kann immer nur 
und durch diese hindurch äußert, wodurch das Nebeneinanderbestehen dieser Doppel- 
diese letzteren zu Trägern jener unsinn- bedeutung des Managedankens fest¬ 
lichen Kraft werden und zu besonderer stellen und zum Ausgangspunkt für 
Wirksamkeit gelangen. Zudem konnte weitere Erwägungen nehmen. Für die 
der Animismus vieles nicht erklären, Theorie des Aberglaubens ist wichtig, daß 
was er zu erklären vorgibt, z. B. warum der Mana-ismus (dieser Tatbefund, aus 
die abgeschiedenen Seelen, wenigstens dem die präanimistische Theorie ent¬ 
eine große Anzahl derselben, nach dem standen ist) dartut, wie ungeheuer stark 
Tode verehrt werden, während doch die das Erlebnis der Macht unter den In- 
Vorstellung vom Sein nach dem Tode stanzen vorwiegt, welche zu den Urdaten 
ganz allgemein auf Schwächezustand von Religion wie auch manchem anders¬ 
deutet. Nur durch Hinzufügung der Macht- artigen Glauben gehören, und daß diese 
idee wird ersichtlich, daß gewisse Tote Idee der überragenden Macht, die ge- 
wegen der bei Leibesleben ihnen zuer- heimnisvoll durch Natur und kosmisches 
kannten Macht-Ausgezeichnetheit auch Geschehen wirkt, zu vielen Maßnahmen 
jetzt eine erstaunliche Überlegenheit be- Anlaß geworden ist, durch welche man 
sitzen (s. Manismus); sie sind mana - diese Macht entweder im günstigen, ihre 
Persönlichkeiten vor wie nach dem Tode. Art befördernden, oder im abwehrenden 
Die ungeheuere Einschlagsbreite des Sinne zu beeinflussen trachtet. Hiemit 
präanimistischen Anschauens und Den- hängt eine besondere Eigentümlichkeit 
kens fordert eine allgemeine Berück- der präanimistischen Anschauungsweise 
sichtigung dieser Denkweise auch bei zusammen. Entgegen dem Animismus, 
Vorstellungen von der Macht innerhalb welcher das primitive Denken immer als 
des Aberglaubens. Seiner Eigenart nach ein kausales zu verstehen sucht, hat der 
ist dieses Denken nicht rationalistisch P. gesehen, daß die Feststellung und Be- 
und nicht stark reflektierend wie das handlung solcher unsinnlichen Macht 
animistische Denken, sondern irrational, Hand in Hand geht mit dem Erleben 
unmittelbar erlebnisgezeugt und erlebnis- eines unmittelbaren Berührtseins von ihr 
gebunden. Es beruht auf der Wahr- und einer unmittelbaren Verbundenheit 
nehmung und Anerkennung und even- mit den Teilen der Natur und dieser 
tuellen Verehrung einer nicht sinnlich selber untereinander, ein psychischer 



303 


Prätorius, J ohann 


304 


Komplex, den Levy-Bruhl als participation 
mystique, ich als symbiotisch-sympathe¬ 
tisches Grundgefühl bezeichnet haben. 
Die Leben der 12 Lilien, an welche die 
Leben der 12 Brüder im Märchen ge¬ 
bunden sind, die Seelen Verstorbener, 
die zu Blumen und Bäumen auf den 
Gräbern werden, die ungeborenen Seelen 
der Kinder in Bäumen oder im Wasser 
zeigen ebenso wie die Vorstellung, daß 
ein kürzlich Verstorbener an irgend einen 
seiner Gebrauchsgegenstände gebunden 
bleibt und daß der Verlust des Geschenkes 


einer geliebten Person ihren Tod zur Folge 
hat oder andeutet, diese präanimistische 
Denkweise. Man vergleiche die als wun¬ 
dertätig verehrten Werkzeuge und Waffen 
(Bumerang, Schwert, Keule), die Gewalt 
des Auges (s. d.), das Auge geradezu als 
Symbol für die persönliche Übergewalt 
einer Person, eines Gottes, das Horus- 
auge bei den Ägyptern als Symbol der 
unsinnlichen göttlichen Energie. Die 
Bätyle (griech. baitylos, von hebr. beth-el 
nach 1. Mos. 28, 17 der Stein, auf dem 
Jakob schlafend die Himmelsvision hatte, 
„Gotteshaus“ genannt, eigentlich ein mit 
unsinnlicher Gottkraft geladener Stein) 
werden heute in der Regel präanimistisch 
erklärt, Meteore, Blitzsteine, in denen 


man infolge ihrer mysteriösen Herkunft 
besondere Kraft vermutete. Bäume, in 
die der Blitz geschlagen, sind vom Him¬ 
melsfeuer getränkt, ihr Holz daher wirk¬ 
sames Zaubermittel; ein Span von ihnen 
kann Felder vor Unkraut schützen. Ein 


solcher Span verleiht dem Menschen, 
der ihn trägt, ebenso wie ein Donnerkeil 
(s. d.) ungeheure Kraft. 

Vgl. G. van der Leeuw Einführung in die 
Phänomenologie der Religion 1925; L. L6 vy- 
Bruhl Les fonctions mentales 1910;R. R. Marett 
The threshold of religion 1909, 1914; Beth Reli¬ 
gion u. Magie 1927; Über Bätyle z. B. O. 
Gruppe Griech. Mythol . 775 ff. 

K. Beth. 


Prätorius, Johann. 

F. Zarncke, ADB. 26, 520—529; Georg 
Witkowski, Geschichte des literar. Lebens 


in Leipzig. 1909 S. 170 ff. 

Joh. Prätorius (Hans Schultze), geb. 
1630 zu Zethlingen in der Altmark, 1656 
Magister, doziert wenig und ohne äußeren 
Erfolg zu Leipzig, vorübergehend in 


Dänemark 1 ), 1659 Poeta laureatus, 
gest. 25. Okt. 1680 zu Leipzig. Gelehrter, 
Dichter und außergewöhnlich frucht¬ 
barer Vielschreiber. 

Die Gesamtzahl seiner Werke steht 
noch nicht fest. Zarncke zählt 39 ihm 
bekannte auf 2 ), etwa ebensoviele ent¬ 
hält die Liste von Hayn 3 ). Beide 
Listen sind nicht vollständig. Die Rübe¬ 
zahlschriften sind bei de Wyl aufge¬ 
zählt 4 ). Manches ist von ihm anonym, 
manches unter einem Decknamen er¬ 
schienen und z. T. festzustellen auf Grund 
seiner eigenen Angaben in anderen Wer¬ 
ken 5 ), z. T. ist der Name irgendwie im 
Titel versteckt wie bei der Philosophia 
Colus. Manche Schriften erwähnt er 
selbst als bald erscheinend oder geplant; 
so am Schlüsse der Gematria (Zarncke 
Nr. 30) allein 37, die uns z. T. unbekannt, 
wohl auch gar nicht alle wirklich fertig 
gestellt worden sind 6 ). 

Von seinen Schriften sind einige wenige 
naturwissenschaftlich (Zarncke Nr. 1. 
32), andere historisch geographisch (Nr. 
10. 19. 23. 27), Nr. 9 bringt eine Samm¬ 
lung von Lobreden bei Begräbnissen, Nr. 8 
scheint lediglich Unterhaltungszwecken 
zu dienen. Wenn schon in den „wissen¬ 
schaftlichen“ Werken das Gebiet des 
Aberglaubens gestreift wird, so steht in 
der Mehrzahl seiner Werke der Aber¬ 
glaube im Mittelpunkt. 

In einer größeren Reihe von Schriften 
handelt er von astrologischen Dingen 
und besonders von Kometen und Kometen¬ 
glauben (Zarncke Nr. 7. 8. 13. 17. 21. 25. 
35); andere sprechen von Vorzeichen 
und Wahrsagung verschiedenster Art: 
die Chiromantie (Zarncke Nr. 2 und be¬ 
sonders Nr. 3 der thesaurus Chiromantiae ), 
die Metoscapia seu Prosopomantia (Nr. 41), 
die Schrift de Coscinomantia oder vom 
Sieb-Laufe (Nr. 34), die Alectryomantia 
seu divinatio magica cum gallis peracta 
(Nr. 39). Von Wünschelruten handelt 
Nr. 24, von vielerlei zauberischen Hand¬ 
lungen und Vorstellungen der Anthro- 
podemus plutonicus (Nr. 20), eine Auf¬ 
zählung wunderbarer Geschöpfe: Schretel, 
Bergmännlein, Zwerge. Von den aber¬ 
gläubischen Bräuchen bei der Geburt 


4 



Preiselbeere—prellen, schnellen 



handelt z. T. die Wochenkomödie 7 ). 
Der abenteuerliche Glückstopf (Nr. 28) 
ist eine Sammlung von 118 abergläubischen 
Bräuchen mit Widerlegung. Auch Nr. 
6 die Philosophia Colus ist eine solche 
Sammlung, in die Gruppe der Rocken¬ 
philosophie (s. d.) gehörend 8 ). Die Schrift 
Blocksbergs Verrichtung (Nr. 26) berichtet 
von Hexenfahrten. Am bekanntesten 
unter Pr.s Werken ist die Dämonologia 
Rubinzali Silesii (Nr. 5) und ihre Er¬ 
gänzungen 9 ), die ersten Sammlungen 
von 250 Rübezahlgeschichten, teils nach¬ 
erzählt, teils von Pr. erfunden (s. Rübe¬ 
zahl). 

Die Stellung, die Pr. persönlich zum 
Aberglauben einnimmt, ist die selbe, die 
wir von Chr. Lehmann und andern seiner 
Zeitgenossen kennen: er glaubt an Geister, 
Kobolde, Dämonen und vor allem an 
den Teufel, erklärt aber die große Masse 
des Aberglaubens der Zeit als Teufels¬ 
werk, verspottet und bekämpft ihn. 

Das bei Pr. erhaltene Material ist sehr 
bunter Herkunft. Vieles beruht auf 
eigener Beobachtung, wie es für die Dar¬ 
stellung in der Wochenkomödie von 
Hepding sehr hübsch nachgewiesen ist. 
Sehr viel mehr ist gewiß kompiliert aus 
älteren Schriften; so ist der Inhalt der 
Philosophia Colus größtenteils fremder 
Herkunft. Im einzelnen wissen wir über 
die Quellen noch wenig Bescheid, zumal 
eine Monographie über Pr. und ein Neu¬ 
druck seiner Schriften noch fehlt und 
die alten Ausgaben z. T. nicht leicht 
zugänglich sind. Das Verzeichnis Zarn- 
ckes enthält auch Angaben über die Auf¬ 
bewahrungsorte der ihm bekannten 
Schriften. 

*) Ohrt Danske Studier 1930. 2 ) a. a. O- 

523 ff. 3 ) Zeitschr. f. Bücherfreunde 12 (1902/3), 
I. 78ff. 4 ) de Wyl Rübezahlforschungen, Bt^s- 
lau 1902. 5 ) So in den Nummern Zarncke 

20. 22. 28. 30. 6 ) Witkowski a. a. O. 179; 

Müller MsäVk. 7 (1918), 193 h 7 ) Vgl. Helm 
HessBl. 5, 40—61; Hepding HessBl. 23, 
125—129. 8 ) Müller a. a. O. 9 ) de Wyl 
a. a. O. Helm. 

Preiselbeere (bayerisch-österreichisch: 
Granten; Vaccinium vitis idaea). 

1. Botanisches. Niedriger Halb¬ 
strauch mit eiförmigen, lederartigen, 


immergrünen Blättern. Die Blüten sind 
glockenförmig, weiß und sitzen in Trauben 
an den Stengelspitzen. Die Frucht ist 
eine rote Beere. Die P. ist (besonders auf 
kalkarmem Boden) in Wäldern häufig 1 ). 

1 ) Marzell Kräuterbuch 447 f. 

2. Nach einer Tiroler Sage erschuf der 
Teufel die roten P.n und sprach den 
Fluch aus, daß jeder, der davon koste, 
ihm verfallen sein solle. Der liebe Gott 
machte aber, um dem Fluch die Kraft 
zu nehmen, ein Kreuzlein auf die Beeren 
(gemeint ist der kreuzähnliche Rest des 
vertrockneten Kelches, der an den Beeren 

I stehen bleibt). Seitdem kann man die 
1 P.n ohne Gefahr essen 2 ). Nach einer 
I bergischen Sage trug der „Mägdepalm“, 
wie die P. auch heißt, auf die Bitten 
eines frommen Klausners durch die Gnade 
der Mutter Gottes die eßbaren Früchte 3 ). 

2 ) Schrank u. Moll Natur hi st. Briefe über 
Österreich usw. 2 (1785), 348; Alpenburg Tirol 
254; Heyl Tirol 86; Zingerle Sagen 371; ZfVk. 
4, 128; Gräber Kärnten 313; Rochholz Glaube 
2, 280. 3 ) Montanus Volksfeste 158 = Schell 
B er gische Sagen 145. 

3. Tee aus P.nkraut ist gut gegen allerlei 
Krankheiten und Behexung 4 ), die Beeren 
gelten als Schutzmittel gegen seuchen¬ 
artige Krankheiten 5 ). Auch gegen Blut¬ 
speien werden die P.n (rote Farbe!) 
empfohlen 6 ) 

4 ; Drechsler Schlesien 2, 211. 6 ) Schreiber 
Wiesen 98. 6 ) Das Kuhländchen 9 (1927), 100. 

4. In manchen Gegenden (z. B. in 
Mittelfranken) sind die immergrünen 
Blätter der P. ein Bestandteil des „Palms“ 
(s. d.). In Thüringen wird bei der Kon¬ 
firmation (Palmsonntag) mit P.kraut ge¬ 
streut 7 ). In der Amberger Gegend 
„pfeffert“ man mit ein paar Zweiglein 
des P.Strauches 8 ). Im Bergischen stellt 
der Bursche, der unglücklich liebt, den 
,,Mägdepalm“ an das Fenster des Mäd¬ 
chens 9 ). 

7 ) MdBlfVk. 1, 69. 8 ) Heimatbilder aus 

Oberfranken 3 (1915), 123. 9 ) ZfVk. 10, 40. 

Marzell. 

prellen, schnellen. Ein heute noch 
hauptsächlich in der Schweiz geübter 
Brauch ist es, beim ,,Todaustragen“ 
zur Fastenzeit die Strohpuppe dadurch 
symbolisch zu „töten“, daß man sie 
durch ein aufgespanntes Tuch wiederholt 



307 


Priester 


Priester 


310 



in die Luft emporschnellt und wieder 
auf fängt 1 ). Daß der Brauch früher weiter 
verbreitet war, beweist seine Erwähnung 
im Weltbuch des Sebastian Frank 2 ). In 
Norddeutschland 3 ) ebenso wie in Nord¬ 
frankreich 4 ) ist der Brauch auf die 
Beendigung der Ernte übertragen worden; 
die Gutsherrschaft muß sich das P. so 
lange gefallen lassen, bis sie sich los¬ 
kauft. In Südfrankreich 5 ) werden bei 
dem Erntefeste oft Haustiere solange 
geprellt, bis sie tot sind. 

Es ist wohl kaum anzunehmen, daß, 
wie Allmers es wollte 6 ), dieser Brauch 
auf die altgermanische Sitte, den Fürsten 
mit Geschrei auf den Schild zu heben (s. d.), 
zurückgeht. Wahrscheinlicher ist es doch, 
daß wir es hier mit dem erstarrten Über¬ 
rest einer mittelalterlichen Strafe zu tim 
haben. Allerdings sind die Überliefe¬ 
rungen in dieser Hinsicht spärlich. So 
heißt es in der ,,Alten Verfassung der 
Burg und Stadt Cronenberg (0.0. 1748) 
„sehenden, uff schnellen oder sunst hert- 
lichen strafen“ 7 ). Bei den Bäckern in 
München war die „Prelle“ noch am An¬ 
fänge des 19. Jh. in Gebrauch; der Delin¬ 
quent wurde in einen Korb gesteckt, am 
Galgen hochgezogen und in die Isar ge¬ 
schnellt 8 ). Auch in Zürich war eine 
ähnliche Strafe für falsch Maß und Ge¬ 
wicht 1821 noch üblich 9 ). 


x ) Hof f mann-Krayer 134; SAVk. 11, 
239 - 2 ) Grimm Myth. 2, 639; Schmidt 

Volksk. 121. 3 ) Maack Lübeck 84. 4 ) Mann¬ 

hardt i, 612. ß ) Söbillot Folk-Lore 3, 112. 
6 ) Almers Marschenbuch (1857), 237. 7 ) Grimm 
RA. 2, 1324 f. 8 ) Ebda.; Delling Beyträge 
zu einem bayrischen Idiotikon (München 1820) 
unter dem Stichwort ,,schupfen'*. 9 ) Vema¬ 
le ken Alpensagen 423 Tiemann. 


Priester. Im folgenden handelt es 
sich allein um den katholischen P., da 
nur er der Träger eines besonderen P.tums 
ist; das evangelische Christentum aner¬ 
kennt kein solches (s. Geistlicher 3, 
561 ff.). Es ist von größter Wichtigkeit 
bei Beurteilung der Stellung des katho¬ 
lischen P.s im deutschen Aberglauben, daß 
man beachtet, daß 1. sein P.amt nach der 
kirchlichen Lehre von Jesus Christus ein¬ 
gesetzt ist, 2. er dazu berufen und aus¬ 
erwählt und durch die Handauflegung 


des Bischofs in sichtbarer und offizieller 
Form (P.weihe) bestellt wurde zu seinem 
Lehr- und Königsamt, Träger göttlicher 
Vollmachten zu sein, nämlich, die Sakra¬ 
mente zu spenden und das Opfer darzu¬ 
bringen. Dieser Glaube an das besondere 
und geweihte P.tum ist von der katho¬ 
lischen Kirche dauernd und mit Erfolg 
verteidigt worden. Dieses Weihebewußt¬ 
sein bildet einerseits den stärksten und 
unzerstörbarsten Kern im Glaubens¬ 
bewußtsein des einzelnen P.s selbst, es. 
ist aber auch für seine ganze Stellung in 
den Augen der Nichtgeweihten von größter 
Bedeutung gewesen; schließlich knüpfte 
sich gerade daran die Bildung von aber¬ 
gläubischen Anschauungen über den P. 
Ferner ist zu beachten, daß mit dieser 
kirchlichen Auffassung von der Ein¬ 
setzung des P.amtes durch Jesus Christus 
die Annahme seiner Weiter- oder Heraus¬ 
entwicklung aus primitiven oder den 
antiken Religionen unvereinbar er¬ 
scheint 1 ). Dies zu beachten ist weiters 
wichtig für die Frage der Stellung des 
christlichen P.s zu dem germanischen, 
vor allem für die Frage, ob sich von dem 
germanischen P. noch ein Niederschlag 
im deutschen Aberglauben findet. Man 
muß fest st eilen, auch mit Berücksichtigung 
der mangelhaften Überlieferung über den 
germanischen P„ daß das christliche 
P.tum alles germanisch Priesterliche 
gründlich weggeräumt hat — auch sein 
Name ist fremden Ursprunges —, und 
daß keineswegs nur die kirchliche Über¬ 
deckung weggeschafft zu werden braucht, 
um die Spuren des germanischen P.s zu 
finden. Es ist begreiflich, daß gerade er, 
als der Vertreter seiner Religion von der 
neuen Religion beseitigt werden mußte; 
das scheint im allgemeinen durchaus 
keine große Schwierigkeiten gemacht zu 
haben, da den von einem starken Standes¬ 
bewußtsein und von dem Gedanken an 
ihre Sendung erfüllten christliche P.n 
auf Seite der Germanen kein P.stand 
entgegenstand 2 ). 

*) J.Lippert Allgem. Geschichte des Priester¬ 
tums, Berlin, 1883 u. 1884 (für den christlichen 
P. 2, 639 ff. unzureichend); A. Horneffer 

Der Priester, Jena 1912 (vom völkerpsycholog. 
Standpunkt; ohne Quellen, daher eine Nach¬ 


prüfung der vielen anfechtbaren Behauptungen 
des Verf. schwer möglich); R. Ch. Darwin 
Die Entwicklung des Priestertums u. d. Priester - 
voürde, Leip. 1929 (wissenschaftlich wertlos 
rez. O. Weinreich ARw. 28, 362); Pauly-Wis- 
sowa 11, 2, 2125 ff.; RGG. 2, 552 ff. (beide 
grundlegend, mit weiterer Lit.); Lehmann 
Mana 27 ff. (Orenda des P.s bei Tiefkultur- 
völkern); Frazer 1, 231; Nilsson Religion 
84 ff.; Chantepie Religionsgesch. 4 1, 46 ff. u. 
passim; Fehrle Keuschheit 66 ff. J ) Grimm 
Myth. 1, 72 ff.; 3,38; Hoops Realiex. 3, 426 ff.; 
Helm Religgesch.; Wein hold Frauen 2, 345; 
v. d. Leyen Sagenbuch 1, 47 ff.; Jeremias 
Religgesch. 243. 

A. Abergläubische Anschauungen 

über den P. 

I. Allgemeines. Wichtig ist die Fest¬ 
stellung, daß sich an den P. dieselben 
Anschauungen knüpfen wie an den P. 
der primitiven und antiken Religionen 
und daß die kirchliche Lehre von der Ein¬ 
setzung des P.amtes durch Christus auf 
diese ohne Einfluß war. Allerdings scheint 
die Ansicht, daß das christliche P.tum 
eine Weiterentwicklung aus primitiven 
Religionsformen ist, in ihnen die stärkste 
Stütze zu finden; die Erklärung dieser 
Erscheinung fällt verhältnismäßig leicht, 
wenn man den christlichen P. in die Ent¬ 
wicklungslinie von einem niederen zu 
einem höheren P.tum hineinstellt und 
ihm eine bestimmte Stelle anweist. Die 
Schwierigkeit der kirchlichen Lehre gegen¬ 
über wird dabei nicht berücksichtigt; 
auffällig erscheint aber dabei die Tatsache, 
daß der germanische P., den man doch 
sicherlich auch in eine solche Entwick¬ 
lungslinie hineinstellen muß und der sich 
vom christlichen P. nicht durch einen 
absoluten Gegensatz unterscheiden konnte, 
von diesem so vollkommen überwunden 
wurde. 

Unter den Ursachen für die Entstehung 
dieser abergläubischen Anschauungen 
über den P. ist die grundlegendste, daß 
es sich in erster Linie um niedere Volks¬ 
schichten handelt, in denen sich zu allen 
Zeiten und unabhängig von der kirch¬ 
lichen Lehre nicht nur vorchristliche 
Glaubensreste, sondern auch solche von 
primitiv religiösen Urformen unausrott¬ 
bar erhalten haben. Diese dringen immer 
wieder vor und setzen sich auch an eine 
kirchliche Lehre an; die niederen, primitiv 


religiösen Volkselemente können an den 
schwierigen und oft nur wenigen und zwar 
religiös Begabten zugänglichen Inhalt des 
Dogmas nicht herankommen und deuten 
sich diesen in ihrer Weise mit den ihnen 
zur Verfügung stehenden religiösen Grund¬ 
formen um. So steht auch beim P. der 
kirchlichen Lehre eine Art Dublette des P.s 
im Volksglauben gegenüber, wie sich ihn 
das Volk, indem es das Dogma nach eigener 
Auffassung umbildete, geformt hat. Eine 
solche Umdeutung geschah mit der Weihe. 
Nicht zufällig besteht gerade hier der 
grundlegende Unterschied in der Auf¬ 
fassung der katholischen und der prote¬ 
stantischen Lehre. Hinzu weisen ist ferner 
darauf, daß die P. die abergläubischen 
Anschauungen des niederen Volkes unter¬ 
stützten, indem sie, oftmals in dem Aber¬ 
glauben ihrer Zeit befangen, abergläu¬ 
bische Bräuche ausführten oder diese 
wenigstens duldeten 3 ). 

II. Besonderes; Die P.weihe oren- 
distisch umgedeutet. In der dem P. 
durch die Weihe übertragenen göttlichen 
Vollmacht zur Spendung von Sakramenten 
und zur Darbringung des Opfers sieht 
das Volk eine Kraft, aber nicht in dem 
Sinne, daß sie ihm durch den P. als Gnade 
vermittelt wird, sondern daß sie der P. 
für sich und für seine und ihre Lebens¬ 
notwendigkeiten gebrauchen kann. Es 
erkennt nicht die Quelle der Kraft-Gnade, 
sondern schreibt sie dem Vermittler selbst 
zu; es tritt damit jene Auffassung vom 
primitiven P. hervor, wonach er ein mit 
besonderer Kraft begabter Mensch ist. 
Daß nach der kirchlichen Lehre zu schei¬ 
den wäre zwischen der dem P. über¬ 
tragenen Vollmacht und der Kraft (oren- 
distische Auffassung) ist einer allzu pri¬ 
mitiv religiösen Volksschicht nicht er¬ 
faßbar. 

So wird die Weihe und die durch sie 
dem P. übertragene Vollmacht als etwas 
rein Äußerliches, ihm Anhaftendes auf¬ 
gefaßt, denn nach Tiroler Aberglauben 
(Lüsen) kann ihm ein Weib die Weihen 
nehmen, indem es ihm ihr Fürtuch um 
den Kopf wirft 4 ). Andererseits zeigt 
der Aberglaube der Luzemer Bauern 5 ), 
wonach der P. bei seiner Weihe die Wahl 



Priester 


312 


311 

zwischen drei Dingen hat, entweder Un- ; testamentlichen Schriften oftmals in oren- 
wetter femzuhalten oder den Verlust von j distischem Sinne umgedeutet haben, und 
Seelen der Sterbenden zu hindern oder j es dürfte dadurch der Glaube an die Heil¬ 
gestohlene Gegenstände durch Messelesen kraft des P.s gesteigert worden sein, 
wieder herbei zu schaffen, daß das Wesen Gerade der Unterschied, daß nämlich 
der P.Vollmacht nicht ganz erfaßt ist, j diese Heilkraft nur manchen P.n zuge- 
sondern im Sinn jener primitiven Kraft, schrieben, schließlich als Zauber betrachtet 

die zur Zaubermacht werden kann, um- und von der Kirche ihrerseits bekämpft 

gedeutet ist. So kann sich der P. diese wurde, zeigt, daß die P.weihe, — die 

auf geheimnisvollem aber menschlichem jedem in gleicher Weise verliehen ist, — 

Wege erwerben durch Lernen und Lesen zum Teil in dem orendistischen Sinn ver- 

in Zauberbüchern und durch den Besuch standen wurde. Nur in diesem Fall wird 

sog. „höherer Schulen“. Sie äußert sich man von abergläubischen Anschauungen 

beim P. in gutem Sinn als sog. weiße über eine Heilkraft des P.s sprechen 

Magie zum Nutzen der Gläubigen. Doch dürfen, so, wenn man sich auf den Platz 

sagt man ihm auch nach, daß er sie setzt, wo beim Neujahrsumgang ein P. 

manchmal nicht anwenden sollte. Man gesessen ist, damit man das ganze Jahr 

schreibt ihm zu: gesund bleibt (Ullendorf am Queis) 6 ). 

a) Heilkraft. Man wird die Beschäf- Vgl.: In Rumänien wendet man gegen 

tigung des P.s mit der Heilkunst, die in Fieber und Anämie folgendes Mittel an: 

früherer Zeit stärker war, nicht ohne Wenn der P. in der Kirche mit den Sakra- 

weiteres vergleichen dürfen mit der Heil- menten seinen Umgang zu halten be- 

tätigkeit des Medizinmannes bei den heu- ginnt, werden alle kranken Kinder auf 

tigen Tiefkulturvölkem, oder mit der des die Erde ihm in den Weg gelegt, daß er 

P.s in gewissen antiken Religionen. über sie hinwegschreiten muß 7 ) (Kraft¬ 
in früheren Epochen deutscher Ge- Übertragung durch Berührung mit dem 

schichte waren die Beziehungen des P.s Fuß, s. Fuß, Fußtreten). Hierher gehört 

zur Heilkunde kulturgeschichtlich be- es auch, wenn das evangelische Landvolk 

gründet, insofern als er durch seine höhere dem katholischen P. größere Kraft zu- 

Bildung,' seine Naturerkenntnis, den Men- schreibt und sich an ihn wendet 8 ). Fer- 

schen in erster Linie helfen konnte. Der ner, wenn die Litauer ihm zuschreiben, 

Anbau fremder Arzneipflanzen in deut- daß er den Feinden böse Krankheiten 

sehen Klöstern und die Führung einer auf das Haupt bete 9 ). Er kann also seine 

Apotheke durch einen Kleriker erfolgte Kraft in gutem und bösem Sinne ge¬ 
rn Befolgung der christlichen Mission brauchen, was der P.vollmacht vollständig 

bei den Deutschen und des Gebotes der widerspricht; hier haben wir es mit einer 

Nächstenliebe; die Heilpraxis gründete Zauberkraft zu tun, die diese zwiespältige 

sich auf die dem Wissen der Zeit ent- Anwendung dem Willen des Zauberers 

sprechende Heilerfahrung. Man mag ver- anheimstellt. Gefördert wurde dieser 

gleichen, daß auch der heutige Missionar Aberglaube bezüglich ihrer Heilkunst 

mit medizinischen Kenntnissen für seinen auch sicher durch die P. selbst, da sie, 

Beruf ausgerüstet wird, Kenntnisse, die befangen in den Anschauungen ihrer 

vor allem dem leiblichen Wohl der Tief- Zeit, von der magischen Entstehung der 

kulturvölker zugute kommen. Daß diese Krankheiten jene Heilpraxis an wendeten, 

dem weißen P. eine besondere Heilkraft die in Besprechungen bestand. Dabei 

zuschreiben und zwar eine größere als das hat manche Segnung der kirchlichen 

Orenda des Medizinmannes, zeigt die Lehre entsprochen und ist nicht als 

gleich verlaufende Entwicklung wie bei Aberglauben im Sinne des Handwörter- 

den Deutschen. In der ärztlichen Hilfe buches anzusprechen, so die Benediktion 

des P.s sah man eine höhere Kraft zutage des Wassers für den Kranken 10 ). Wenn 

treten. Sicherlich wird sich das Volk aber z. B. ein P. das Wechselfieber durch 

auch die Wunderheilungen in den neu- Umhängen eines an einem Faden befestig- 


313 


314 


ten, beschriebenen Zettels vertrieb, und : 
sich infolge dieser Heilmethode eines | 
guten Rufes erfreute 11 ), so ist das Volks¬ 
medizin, die nicht wesentlich mit dem P. ; 
zusammenhing, denn dasselbe Verfahren 
kannten und wandten auch Laien an; 
jedenfalls hat aber eine solche Tätigkeit 
den Glauben an die Heilkraft des P.s 
gesteigert. Auch deshalb, weil Geistliche, 
die schriftkundig waren, die verschiedenen 
Zauberformeln nicht nur abschrieben und 
übersetzten, sondern auch die germani¬ 
schen und antiken christlich umformten, 
erscheinen die P. mit größerer Heilkraft 
ausgestattet 12 ). 

3 ) Friedberg Bußbücher 60; Meyer Aber¬ 
glaube 322; MschlesVk. 30,90 ff. ( Der katholische 
Geistliche im Volksglauben von Karl Olbrich. 
Diese wichtige Arbeit scheidet nicht immer 
genau den Pr. und den Geistlichen und Pfar¬ 
rer). 4 ) Heyl Tirol 803 Nr. 267. 6 ) Mey¬ 

er Aberglaube 230 — Lütolf Sagen 555 N. 568 
= K. Pfyffer Der Kanton Luzern 1, 246. 

6 ) Drechsler 1, 50; 2, 122. 7 ) Hovorka u. 

Kronfeld i, 155. 8 ) ZfVk. 19, 126; 21, 114 = 
Wuttke 148 §207. 9 ) Frischbier Hexenspr. 

25. 10 ) Urquell 2,130.; Zingerle Tirol 59 

Nr. 492. n ) Hovorka u. Kronfeld 1, 204. 

12 ) Fehrle Zauber 43. 

b) Feuerzauber. Es bestand die 
Vorstellung, daß das Feuer ein Werk 
böser Dämonen sei und daß ihm durch 
Bannung Einhalt geboten werden könne. 
Man glaubte aus dem Feuerlärm ein merk¬ 
würdiges Brüllen und Tosen in der Luft 
zu vernehmen und sah darin den Lärm 
der bösen Geister 13 ). Diesen hat man 
angeblich bei einem großen Brand des 
Marktes Lembach (ob. Mühlviertel) ver¬ 
nommen; weil es kein „rechtes“ Feuer ge¬ 
wesen sein soll, war der Feuer bann des 
Ortspfarrers mit geweihtem Brot und der 
Monstranze erfolglos 14 ). Dasselbe ge¬ 
schah 1750 in Rastatt 15 ). Man verlangt, 
daß der P. den Brand mit der Monstranze 
umschreite, besonders, wenn die Kirche 
vom Feuer bedroht ist. Wirft er das ge¬ 
weihte Brot (Agathenbrot) hinein, so ist 
das wirksamer 16 ). Der Pfarrer muß drei¬ 
mal im Ornat den Brand umschreiten, 
damit dieser nicht weiter greift. Der 
Pfarrer muß aber so schnell als möglich 
davon eilen, denn das Feuer läuft ihm 
ellenlang nach und würde ihn verbrennen. 


wenn es ihn erreichte 17 ). Dieser Feuer¬ 
exorzismus ist auch bei den Protestanten 
in Verwendung und wurde vor nicht allzu 
langer Zeit in Schäßburg (Siebenbürgen) 
angewendet 18 ). Ob dies eine Inkonsequenz 
oder ein Relikt aus der Zeit vor der Refor¬ 
mation ist, kann schwer entschieden 
werden. 

13 ) Haupt Lausitz 1, 109 ff. 14 ) Mündl. von 
einem 90jährigen Obermühlviertler. 15 ) Meyer 
Baden 376 = Birlinger Schwaben 2, 179. 16 ) 
Wuttke 401 § 618; Schönwerth Oberpfalz 2, 
84 ff. 17 ) Müllenhoff Sagen 258 ff. Nr. 348. 
349. 18 ) Haltrich Siebenbürg. Sachsen 309. 

c) Wetterzauber. Diese Funktion 
des Wettermachens ist bekanntlich bei 
den Tiefkulturvölkern und ebenso in den 
antiken Religionen mit der priesterlichen 
vereinigt und tritt auch im deutschen 
Aberglauben zutage 19 ). Ein solcher ist 
es, wenn das Volk seiner Gewalt allein 
und seinem Einfluß die Kraft zuschreibt > 

a) das Unwetter, Hagel abzuwenden. Das 
Gebet deutet es sich als Zaubergebet (Ja¬ 
kobssegen, Wettersegen). Er ist wetter¬ 
gerecht (Oberbayern), schauerfest (Ober¬ 
öster.) 20 ). Diese Kunst verlangte manche 
Gemeinde von ihm, sie gehörte oft gerade¬ 
zu zu den amtlichen Pflichten des Pfarrers, 
(s. d.), und sein Einfluß hing davon ab 21 ). 
Jede Gemeinde wollte in ihrem P. den 
mächtigen Wetterzauberer haben, der 
das Wetter von ihrem Gebiet abwehren 
konnte. Er sollte ein sogenannter De¬ 
fensor sein 22 ). Andere Gemeinden da¬ 
gegen, die vom Unwetter verwüstet wur¬ 
den, beschwerten sich dann über einen 
solchen P.; z. B. schrieb 1820 eine ver¬ 
wüstete Gemeinde im Luzernerland ihr 
Unglück einem benachbarten Pfarrer zu, 
der angeblich das Unwetter aus seinem 
Kirchspiel weg und ihnen zugeschoben 
hatte 23 ). Als einem die Kunst versagt, 
das Hagelwetter zum Abzug von seiner 
Gemeinde zu bringen, gelingt es ihm nur 
so weit, daß es sich in seinem Garten 
entladet (Voralpengebiet) 24 ). Wenn sie 
in Kärnten der in sie gesetzten Hoffnung 
nicht entsprachen, dann brachten ihnen 
die Weiber ihrer Gemeinde Schürzen 
voll Schloßen als Zehnten ins Haus 25 ). 
Diese Abwehrkraft des P.s ist für eine 
Gemeinde an seine Anwesenheit gebun- 


Priester 


* 


Priester 


Y) Er kann regnen lassen (Scharten¬ 


o) Seine Reise bringt Regen. Es ist 


den, denn in Birkingen (Waldsh.) hagelte 
es nur einmal, als er auswärts war 26 ). 
Ein anderer (Jesuit, Kapuziner) schießt 
auf die Hexe in der Wetterwolke 27 ). 
Besonders in Bayern gilt mancher P. als 
besonders erfahren im Bekämpfen der 
Wetterhexe 28 ). Ein Pfarrer wird von 
den Hexen deshalb getötet, weil er ihnen 
das Wett er machen verleidet hat 29 ). 

ß) Er kann aber auch andererseits Ge¬ 
witter machen und Hagel senden 30 ) und 
nähert sich so der Hexe (s. d.). Es tritt 
somit auch hier die Möglichkeit einer 
guten und schädigenden Anwendung der 
Kraft hervor, wodurch sie als Zauber¬ 
kraft charakterisiert wird. Die aber¬ 
gläubische Anschauung besteht darin, 
daß man dem P. selbst die Kraft zu¬ 
schrieb und nicht dem Himmel die Ent¬ 
scheidung überließ. Pfarrer, die bei der 
Bevölkerung unbeliebt waren, wurden 
deshalb verdächtigt. So erklärten noch 
zu Beginn der 6oer Jahre des vorigen 
Jahrhunderts Theißenegger Bauern (Kärn¬ 
ten), daß sie ihren Pfarrer in einem 
Schauergewölke reitend gesehen hätten, 
und daß er ihnen so den Hagel bringe. 
Er mußte wegen der Volkswut sein Amt 
auf geben 81 ). Im französischen Aber¬ 
glauben werden die Gewitterwolken von 
P.n gelenkt; man schießt sie mit einer 
geweihten Kugel herab 32 ). Mancher P. 
wurde verdächtigt, daß er das Wetter 
hätte abwehren können, wenn er die be¬ 
treffenden Gebete verrichtet hätte. Des¬ 
halb vergriffen sich im Jahre 1870 in 
Stranice (Jugoslawen) Bauern an ihrem 
Pfarrer, der sich ihrer nur mit Mühe er¬ 
wehren konnte 33 ). Vgl. denselben Aber¬ 
glauben bei den Franzosen, die Drohungen 
ausstießen und von ihren P.n die Abwehr 
des Unwetters erzwangen, ihn bei Erfolg 
liebten und bei Katastrophen verjagten. 
Seltsame Beschwörungsformeln und Riten 
waren üblich. Ein savoyischer Pfarrer 
drohte, die zu Beschwörungszwecken mit¬ 
gebrachte Hostie bei Mißerfolg in den 
Schlamm zu werfen. Die Monstranze 
wird den Wolken gezeigt (Provence). 
Der P. muß das Passionsevangelium 
lesen, er wirft seinen Schuh, seine Mütze, 
seine Socken in die Richtung der Wolken 34 ). 


berg, O.-Oe. 35 ) und auch sonst). Wie fest 
dieser Regenzauber am P. haftet, zeigt 
die Geschichte von Luther, der deshalb, 
weil er während eines Jahrmarktes in 
Rudolstadt gewässertes Bier bekommen 
habe, angeblich den Markt und das Ge¬ 
tränk verwünscht hat, weshalb seither 
jeder Markt im Wasser schwimme 36 ). 
Der Zauberer aus dem Erzgebirge, P. 
Hahn, läßt regnen, um die Leute zu 
narren und für die Sonntagsarbeit zu 
strafen 37 ). 

Neben der Abwehr steht die Hervor¬ 
bringung des befruchtenden Regens. Er 
hat dieselbe Verantwortung, zur rechten 
Zeit den Regen herbeizuzaubern, wie dies 
der P. auf der primitiven Stufe zu tun 
hat (s. Regenzauber). Meist ist der ur¬ 
sprüngliche Grund verdunkelt, und es 
werden die verschiedensten Gründe für 
den Regenzauber durch einen P. angegeben. 

Der P. kann seine Macht über den Regen 
auch dazu benützen, ihn fernzuhalten; 
so ,,stellte“ einer das ,.Wetter ein“, weil 
ihn seine Pf arrkinder böse gemacht hatten, 
und es regnete viele Monate nicht und 
alle Feldfrüchte verdorrten. Er konnte 
nicht früher regnen lassen, als bis ihm 
ein anderer P. den Bann abnahm 38 ). 
Besonderen sympathetischen Einfluß auf 
den Regen hat die Farbe des Meßge¬ 
wandes. Wenn es an einem Sommer¬ 
sonntag regnet, an dem der P. ein grünes 
Meßgewand trägt, regnet es noch längere 
Zeit (O. A. Leutkirch 39 ) und sonst: 
Landshut 40 ), Mailberg, N. Oe.) 41 ). Es 
regnet 8 Tage, wenn dies an einem Regen¬ 
tag geschieht (Oberschwaben) 42 ), neun 
Wochen (Tirol und Baden) 43 ). Die regen¬ 
kündende Bedeutung ist sogar auf die 
Pfarrerwiese übergegangen; wenn sie ge¬ 
mäht wird, regnet es. Die Schuld daran 
hat stets der Pfarrer M ). Vgl. den Regen¬ 
zauber, der an einem Geistlichen in Süd¬ 
rußland bei der anhaltenden großen Dürre 
im Jahr 1892 zur Erlangung von Regen 
vollzogen wurde. Nach den allgemeinen 
Gebeten in der Kirche wurde er im vollen 
Ornat auf die Erde geworfen und hierauf 
mit Wasser begossen, daß keine Stelle 
seiner Kleidung trocken blieb 45 ). 


begreiflich, daß der Aberglaube an seine 
Kunst, Regen zu machen, auch seinem 
Erscheinen dieselbe Kraft zuschreib c. 
Diese allgemein verbreitete Anschau- 
ung 46 ) wird gegenwärtig noch scherz¬ 
haft auf den P. angewendet und lebt 
in der Schweiz in dem Sprichwort fort: 
Regen gibt es, sooft die Pfarrer zu¬ 
sammen über Land gehen. Viele Schrift¬ 
steller beweisen das Alter und die Ver¬ 
breitung dieser Ansicht 47 ). Wenn sich 
mehrere Geistliche an einem Ort treffen, 
zufällig oder auf Verabredung, dann gibt 
es Regen (Münsterland) 48 ). Diese Auf¬ 
fassung mag ursprünglich nicht in einer 
einzigen Anschauung wurzeln. Nach der 
einen sind an die Stelle des Gottes, der 
durch die Lande zieht und den Frucht- 
regen bringt, seine Nachfolger, die P., ge¬ 
treten. Einen Naturmythos (Rochholz) 
mag man aus der Sage erschließen, daß es 
in einem Lande, wo nach der Abreise des 
P.s Dürre eingetreten war, erst wieder 
bei dessen Rückkehr regnet 49 ). Diese 
mythische Grundlage wäre dann nicht 
mehr verstanden worden und die Reise 
als Zukunft kündend, bzw. wetterkündend 
angesehen worden. Das Erscheinen des 
P.s mit seinem allgemein ungünstigen 
Angang habe das schlechte Wetter be¬ 
deutet, denn als solches wird der Regen 
aufgefaßt. Ein Epigramm auf die Geist¬ 
lichkeit von dem Appenzeller Joh. Grob 
v. Herisau sagt: ,,daß euch der Himmel 
haß, ist unschwer zu erweisen, es ist ja 
weltbekannt, ihr könnet nimmer reisen, 
daß nicht die güldne sonn ihr wertes 
liecht versteck und euch ein Wolkenbruch 
als nasses volk bedeck“ 50 ). Zu dem un¬ 
günstigen Angang reisender P., der schlech¬ 
tes Wetter bringt, s. ferner die Anweisung, 
daß man denselben Weg, den ein reisen¬ 
der P. oder Mönch geht oder reitet, nicht 
machen soll, weil meist schlechtes Wetter 
ist 51 ). Vgl.: auch in Rabelais Gargantua 
lib. 4 wird die Begegnung mit einem 
Schiff voll P., die zu einem Konzil fahren, 
zuerst als von guter Vorbedeutung auf¬ 
gefaßt, nachher folgt aber ein großer 
Seesturm 52 ). 

1# ) Bavaria 1,1, 321 = Wuttke 149 § 207; SA- 


Vk. 8,309 (P. Laurenz in Einsiedeln); Stracker- 
jan 2, 4 Nr. 262. 20 ) Baumgarten Aus der 
Heimat 1, 65. 21 ) Rosegger Steiermark 68. 

22 ) Rochholz Sagen 2, Nr. 372. 23 ) Ebd. 

2, 148. 24 ) ZföVk. 7, 239. 25 ) Meyer Aberglaube 
230 = Fr. Sartori Reise durch Österreich 

2, 153 ff. 28 ) Meyer Baden 364. 27 ) Schön¬ 

werth Oberpfalz 3, 183 ff. Nr. 2, 126; John 
Westböhmen 199. 28 ) Andrian Wetter Zauberei 

98. 29 ) Heyl Tirol 434 Nr. 124. 30 ) Andrian 
Wetterzauberei 102; Endt Sagen 41 Nr. 4. 
31 ) Waizer Kulturbilder 25. 32 ) Sebillot 

Folk-Lore 1, 108 ff. 33 ) Andrian Wetter¬ 

zauberei 106; Krau ss Relig. Brauch 118. 
34 ) Sebillot Folk-Lore 1, 108 ff. 35 ) Baum¬ 
garten Aus der Heimat 1, 65. 38 ) Rochholz 

Naturmythen 8. 37 ) Endt Sagen 39 h. 38 ) Fi¬ 
scher Oststeirisches 120. 39 ) Bohnenberger 

18. 40 ) Pollinger Landshut 230. 41 ) ZföVk. 

33 » 93 - 42 ) Birlirger Schwaben 1, 402. 

43 ) Zingerle Tirol 75 Nr. 622; Meyer Baden 
157 1 = Gesemann Regenzauber 64. 44 ) ZfVk. 
6, 182. 45 ) ZfVk. 3, 84. 46 ) Grimm Myth. 

3» 959 » 960 — Alte Weib. Phil. 107k = Meyer 
Aberglaube 143. 230 = Praetorius Anthr. 
pluton. 1, 399; Schultz Leben 242. 47 ) Roch¬ 
holz Naturmythen 8; Wettstein Disentis 
175 48 . 48 } Strackerjan 1, 30. 49 ) Rochholz 
Naturmythen 8. 50 ) s. Nr. 46. 61 ) ZfdMyth. 

3, 316. 52 ) Rochholz Naturmythen 8. 

d) Die Bannkraft. Allgemeines: 
Die katholische Lehre anerkennt die 
Wirklichkeit böser Dämonen und des 
Teufels; daher ist die exorzisierende Tätig¬ 
keit des P.s kein Aberglaube im Sinn des 
Handwörterbuches (s. Exorzismus). Das 
Volk aber deutete auch die exorzistische 
Vollmacht des P.s nur als eine geheime 
Kraft. Auf katholischer Seite wird es erst 
Aberglaube, wenn das Volk annimmt, 
daß die exorzistische Macht unter den P.n 
nicht gleich ist, ganz in der Art des Oren- 
das; dahin gehört es, wenn man den P.n 
eine verschieden starke Macht für die 
Bannung zuschreibt. Manche sollen sie 
in besonders starkem Grad besitzen, so 
die Ordensp. und unter ihnen die Jesuiten 
(s. d.) und Kapuziner (s. d.). Eine andere 
abergläubische Anschauung ist es, wenn 
ein Mißerfolg bei einer Teufelsbeschwö¬ 
rung nur mit einem wenig heiligmäßigen 
Leben begründet wird. Vgl. die zahl¬ 
reichen Sagen über Teufelsbeschwörungen. 
Mag diese Motivierung auch auf den ersten 
Blick sehr nach kirchlicher Lehre aus- 
sehen, daß Sakramentalien durch die 
persönliche Würdigkeit beeinflußt werden, 
es tritt auch hier jene Anschauung zutage, 



319 


Priester 


320 


die sich die exorzistische Gewalt um- bei der Luftfahrt dahin verkehrt auf dem 

deutet und ihre Wirkung abhängig macht Reittier sitzen und seine Tonsur mit einer 

von der Einhaltung von Geboten bzw. Mütze zudecken 61 ); sie belästigen ihn 62 ). 

Verboten wie sie der Steigerung des Ofen- ß) Er bannt Geister jeder Art. 
das bei den Tiefkulturvölkern dienen Hierfür eignen sich neben den vorher er- 

sollen. Die Keuschheitsvorschrift vor j wähnten besonderen Kategorien unter 
allem steht für den P. jeder Religion im j den P.n vor allem die Frühmesser w ). 
Vordergrund 53 ). Sie hat eine Umwertung Der Vorgang dabei ist, daß der P. den 
im ethischen Sinn erfahren, daß der P. G^ist als Tier hervorruft, ihn in einen 
nicht die kleinste Sünde begangen haben Behälter hineinspricht und ihn entweder 
darf. Mancher mag auch selbst seine selbst verträgt oder einem sog. Ranzen- 
exorzistische Vollmacht in dem volks- mann (Feilenhauer, Fahrender, Kamin- 
tümlichen Sinne aufgefaßt haben — die feger) zu diesem Zweck übergibt. Er kann 
äußere Entfaltung des P.tums ist zeit- Seelen, die herumirren, ohne erlöst zu 
bedingt —, wenn er zum Exorzismus ge- w T erden, dem Teufel übergeben. Den 
wisse äußere Vorbereitungen traf, die Geistern gleich zu halten sind auch die 
abergläubisch waren, so wenn er sich am Zwerge, die der P. ebenfalls bannen kann, 
ganzen Körper mit dem heiligen öl be- Der Glaube an die exorzistische Kraft 
streicht und auf den Fußboden ein weißes des P.s ist auch unter den Protestanten, 
Kreuz mit Kreide macht. Weil er ver- besonders unter der Landbevölkerung 
gessen hat, eine Stelle am rechten Fuß wach. Sie schreibt dem katholischen P. 
zu bestreichen, schlägt ihn dort der Teufel, höhere exorzistische Gewalt zu als dem 
daß er sein Leben lang hinkte und einen evangelischen Geistlichen (s. Pfarrer). 
Verband tragen mußte, der ihm nicht Die Ostfriesen wenden sich an den katho- 
einmal beim Tod abgenommen werden lischen P. und an Klöster um Rat bei 
durfte 54 ). Behexung 64 ), ebenso macht man es in 

a) Teufels- und Hexenbanner 55 ) gemischt konfessionellen Gebieten, wie 
(s. Hexe u. Teufelsbeschwörung). Als im Hildesheimischen, in allen Fragen, 
abergläubisch sind demnach erst die über die Zauber und abergläubische Hand- 
den Exorzismus (in kirchlichem Sinne) lungen angehen 65 ). Dasselbe ist es, wenn 
hinausgehenden Anschauungen zu be- man in Ostpreußen gegen den Wieder¬ 
trachten, wo beim Exorzismus noch wei- gänger ebenfalls den P. holt, weil ein 
tere Bedingungen zum Bannen des Teufels lutherischer Geistlicher dies nicht kann, 
oder der Hexen notwendig sind. So wenn obwohl dort die Bannung von Wieder - 
die Macht des P.s über sie abhängig ge- gängern auch von evangelischen Geist¬ 
macht wird von einem vollkommen reinen liehen vorgenommen wird 66 ). Es kommt 
und schuldfreien Leben, ferner davon, auch das Gegenteil vor, daß der evan- 
daß er frei sein muß von Unrechtem Gut gelische Geistliche geholt wird, weil der 
und eine sogenannte „lange Wandlung" 56 ) katholische wegen seiner Sündhaftigkeit 
hat, er muß mit dem Teufel unter körper- nichts ausrichtet 67 ). 
liehen Anstrengungen kämpfen 57 ). Hier- 7) Bannung von Landplagen. Man 
her gehört es auch, daß man dem P. zu- nimmt an, daß diese von verschiedenen 
schreibt, er erkenne die Hexen, wenn er bösen Geistern verursacht sind oder von 
durch die Monstranze durchblickt; sie ihnen geschickt sind. Wie für das Wetter 
trügen Korbschwingen auf dem Kopf trägt der P. auch für den Schutz des Lan- 
(Westfalen 58 )) oder Milcheimer (Kuiavi- des gegen Landplagen die Verantwortung, 
scher Volksglaube 59 )); sie säßen mit Er soll seine Kraft zu dessen Nutzen in 
dem Rücken zum Altar gewendet (Neu- Anwendung bringen. Als in den 30er 
markt) 60 ). Mit den Hexen wird er auch Jahren des vorigen Jahrhunderts in West- 
außerhalb seiner Tätigkeit als Banner in preußen plötzlich eine Heuschreckenplage 
Verbindung gesetzt; so nimmt er an verschwand, wurde das damit erklärt, 
einem Hexensabbat teil. Er muß aber daß ein katholischer P. durch besonders 


321 


Priester 


322 


kräftige Beschwörungsformeln das Unge¬ 
ziefer in einen benachbarten See getrieben 
habe, in welchem es umgekommen wäre 68 ). 
Er kann die Raupen von einem Feld ver¬ 
treiben, w r enn ihm dort am Morgen ein 
nacktes Mädchen begegnet 69 ). Diese 
Auffassung der p.lichen Gewalt hat nichts 
mehr zu tun mit der exorzistischen Ge¬ 
walt; sie ist gänzlich umgedeutet im oren- 
distischen Sinn und ist Zaubermacht. 

0) Das Bannen der Diebe. Diese 
Kunst ist ebenfalls nur mehr reine Zauber¬ 
macht; es ist begreiflich, daß man dem 
P., sobald er einmal mit einer Kraft in 
diesem Ausmaß ausgestattet war, auch 
diese Zaubermacht zusprach. Vielleicht 
war sein Bücher wissen die ursprüngliche 
Wurzel zur Bildung dieser abergläubischen 
Anschauung. Doch muß der P. Zeit zur 
Vorbereitung beim Bannen der Diebe 
haben 70 ). Berühmt als Diebsbanner war 
P. Hahn, der Zauberer aus dem Erzge¬ 
birge 71 ). In West preußen wandte man 
sich auch diesbezüglich lieber an den 
katholischen als an den evangelischen 

Geistlichen 72 ). 

e) Er kann Schätze heben. Man wen¬ 
det sich deshalb um Hilfe an ihn, auch von 
seiten der Protestanten, die ihm eine 
höhere Macht zusprechen als ihrem Geist¬ 
lichen, der diese verloren haben soll 73 ). 
Zur Frage nach Herkunft des Schatzes 
an den Teufel verwendet man am besten 
einen würdigen P., weil ihm der Teufel 
Rede stehen muß 74 ). Der Schatz kann 
nur von einem P. gehoben werden, der in 
einer aus Kirschbaumholz verfertigten 
Wiege geschaukelt wurde 75 ). Unter den 
schatzhebenden P.n kommen in den vielen 
Sagen vor allem die Jesuiten vor 76 ). 
Unter den Opfern an den Teufel für den 
Schatz wird an Stelle des 13., des roten 
Schneiders, auch der P. genannt 77 ). Er 
kann den zum Schatzhüten verurteilten 
Geist eines Schloßherrn erlösen und er¬ 
hält dafür den Schatz. Er muß der Erst¬ 
geborene sein und in einer Wiege gelegen 
sein, die aus dem Holz eines auf der Burg¬ 
mauer gewachsenen Baumes gemacht 

wurde 78 ). 

* 3 ) Fehrle Keuschheit 68 ff. (mit reicher Lit.). 
64 ) Blümml Forschungen 6, 7. ö6 ) ZföVk. 

Bächtold - Stäubli, Aberglaube VII. 


24, 52 Nr. 4; ZfVk. 3, 175; 3, 3S5 (evangel.); 
die Lit. kann nicht vollständig gegeben werden. 
56 ) Meyer Baden 537. 67 ) Zingerle Tirol 

59 Nr. 511. 58 ) Wuttke 237 § 374. 5e ) ZfVk. 
22, 95. 60 ) Zingerle Tirol 35 Nr. 281. 61 ) Heyl 
Tirol 699 Nr. 85. 62 ) Ebd. 299 Nr. 118. 

63 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 113. 116. 119. 
128. C4 ) Meyer Aberglaube 296 = Frisch¬ 

bier Hexenspr. 24. 23; Wuttke 148 § 207; 
ZfVk. 2i, 114 = Andree Braunschweig 2 377; 
Kuoni St.Galler Sagen 16; Müllenhoff Sagen 
258 f. Nr. 348. 349; Niderberger Unterwalden 
3, 527 h. 65 ) ZfVk. 2i, 114. 6e ) Wuttke 148 

§ 207; 473 § 754; Eisei Voigtland 51 Nr. 116; 
84 Nr. 217; 85 Nr. 220; Müllenhoff Sagen 
194. 67 ) Eisei Voigtland 234 Nr. 587; Kühnau 
Sagen 3, 208. 68 ) Tettau u. Temme 267 — 

Frischbier Hexenspr. 24 = Wuttke 148 §207. 
«») Weinhold Ritus 32. 70 ) Schell Bergische 

Sagen 293 Nr. 1 c. 71 ) Endt Sagen 63 ff. 
72 ) Frischbier Hexenspr. 24 = ZfVk. 21, 
i 44 = Wuttke 148 § 207. 73 ) Mühlhause 
321 = Waldmann 7 = Wuttke 148 § 207. 

74 ) ZföVk. 4, 234- 76 ) Se PP Sa S en 61 ff - 

7 «) ZföVk. 4, 226; 7, 229 ff. 77 ) Eisei Voigtland 
179 Nr. 478. Heyl Tirol 643 Nr. 110. 

f) P.angang. Aus der Vorstellung 
vom Besitz einer Kraft erklärt sich, daß 
der P. das Objekt eines Anganges wird: 
dieser ist durchwegs ungünstig. Die 
Gründe dafür dürften mehrfach sein. 
Außer der aus der Antike ererbten An¬ 
schauung, welche die Grundlage bildet, 

! werden noch andere Gesichtspunkte später 
| hinzugekommen sein (s. Angang). Be¬ 
züglich des ungünstigen Anganges besteht 
kein Unterschied zwischen dem katho¬ 
lischen und dem protestantischen Geist¬ 
lichen, er ist allen Kirchenleuten gemein¬ 
sam ; auch Mönch und Nonne haben ihn 
(s. d.) in Deutschland, Frankreich, Eng¬ 
land und darüber hinaus, auch schon in 
der Antike, wo P. und Eunuch im An¬ 
gang gleich sind 79 ). Nachrichten dar¬ 
über stammen bereits aus dem frühen 
MA.: sacerdotem obvium aliumve reli- 
giosum dicunt esse infaustum (Johannes 
Sarisberiensis 1182) und die Klage des 
Berthold v. Regensburg, ,,daz ein gewihter 
priester boesen aneganc habe, an dem 
glaube lit" 80 ). Im einzelnen bringt a) die 
Zeit des Anganges, ß) die Kleidung des 
P.s und 7) die Berufszugehörigkeit des 
Objektes Modifikationen mit sich. 

a) Zeit. Der Angang am Morgen be¬ 
deutet Unglück für den ganzen Tag 
(allgemein) 81 ). Drei P. zugleich bedeuten 

I I 


323 


Priester 


324 


den Tod (Wiener Kinderglaube) 82 ). Am 
schlimmsten ist es, wenn man außerdem 
noch von ihm angeredet wird (von einem 
walach. Popen in Siebenbürgen) 83 ). Am 
Neujahrstag bedeutet sein Angang den 
Tod 84 ); man kommt vor das Gericht 
(Halle) 85 ). 

ß) Kleidung. Besonders nachteilig 
ist es, wenn der P. im Talar ist. Es ist 
das ein schon im frühen MA. bestehender 
Aberglaube 86 ). 

7) Der Nachteil für gewisse Beschäf¬ 
tigungen. Sein Erscheinen unterbricht 
und vereitelt Geschäfte 87 ); bei seinem 
Erscheinen wird die Arbeit unterbrochen, 
weil die schuldige Ehrfurcht beobachtet 
wird. Besonders Fischer (s.d.), Jäger (s.d.) 
und Schiffer (s.d.) sehen in seiner Begegnung 
eine nachfolgende Schädigung. Auf der See 
dürfen die Fischer beim Angelheben nicht 
das Gespräch auf einen Geistlichen kom¬ 
men lassen, weil sonst der Seehund die 
Fische fressen würde 88 ). Der Walfisch¬ 
fang würde nicht glücken, wenn ein Geist¬ 
licher vom Strand aus zusähe (Färöer) 89 ). 
Besonders ungünstig ist er für eine Reise; 
seine Anwesenheit bringt ein Schiff ins 
Verderben; es geht unter, während er 
gerettet wird; so soll ein hoher französi¬ 
scher Geistlicher im Jahre 1868 einem 
Überseedampfer zum Verderben geworden 
sein. In Italien und Griechenland soll 
er nicht einmal von der Rhede aus der 
Abfahrt beiwohnen; in diesem Fall wird 
sie sogar verschoben 90 ); deshalb ver¬ 
wenden die Schiffer nach französischen 
und schwedischem Aberglauben für P. 
bezw. Geistlicher irgend eine ihn bezeich¬ 
nende Umschreibung 91 ). 

Abwehrmittel gegen den ungün¬ 
stigen Angang. Will man nicht auf die 
Ausführung eines Planes am Tag eines 
ungünstigen Anganges verzichten und 
eine Reise 92 ) oder die Jagd 93 ) nicht ver¬ 
schieben, so kehrt man wenigstens für 
kurze Zeit nach Hause zurück 94 ). 

Die ungünstige Wirkung sucht man 
auch abzuschwächen dadurch, daß man 
dreimal ausspuckt oder eine Nadel fallen 
läßt 95 ) oder ein wenig Heu vom Reise¬ 
wagen wirft. Dies geschieht in Sieben¬ 
bürgen allgemein gegenüber einem wa- 


lachischen 96 ), in Polen gegenüber einem 
russischen Popen 97 ). 

Der Besitz seiner Macht schützt nicht 
nur den P. selbst, sondern auch seinen 
Besitz und sogar sein Vieh. Seinem Vieh 
können nämlich die Hexen und Teufel 
nichts anhaben (fast allgemein) 98 ). Der 
Grund ist der, weil er mit dem Heiligen 
umgeht 99 ). Dasselbe ist es, wenn die 
Landbevölkerung in vielen Gegenden 
Preußens und besonders in Litauen wegen 
der gutartigen Zauberkraft des P.s ihrem 
Vieh von diesem geweihte Kräuter zu 
fressen geben. Der Litauer läßt sich dazu 
einen katholischen P. mit großen Kosten 
von auswärts kommen, weil der evan¬ 
gelische Prediger angeblich das Weihen 
nicht mehr versteht 10 °). 

79 ) Liebrecht Zur Volksk. 359; Leoprech- 
ting Lechrain 88; Drechsler 2, 121; Heck¬ 
scher 347 132 . 348; Stemplinger Aberglaube 
45. 80 ) Grimm Myth. 2, 938 ff. = Wuttke 

208 § 288; Schönbach Berthold v. R. 32. 32 ff. 
81 ) Grimm Myth. 3, 440 Nr. 177. 82 ) ZföVk. 

33, 12. 83 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 316 ff. 

84 ) Wuttke 208 § 288. 85 ) Ebd. 8ti ) John 

Erzgebirge 34. 87 ) Grimm Myth. 2, 941 ff. 

88 ) Frischbier Hexenspr. 158 = Sartori Sitte 
2, 162. 89 ) ZfVk. 3, 289 = Sartori a. a. O. 

®°) Seligmann Blick 1, 229. 91 ) Liebrecht 

Zur Volksk. 359; Heckscher 118. •*) Haltrich 
Siebenb. Sachsen 316 ff.; Leoprechting Lech¬ 
rain 88. 93 ) Grimm Myth. 2, 941 ff. 94 ) S. 

Belege oben 4. 575 ff. 95 ) ZföVk. 3. 21. 
96 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 316 ff. 97 ) Münd¬ 
lich von Fr. Thommen aus Pabianice i. Polen. 
98 ) Wuttke 148 § 207. ") Ebd. 260 § 380. 

10 °) Frischbier Hexenspr. 24. 

g) Die mantische Kraft. Da dem 
P. in der hl. Messe bei der Wandlung 
die höchste Kraft der Verwandlung ge¬ 
geben ist und der Gegensatz zwischen 
Göttlichem und Menschlichem aufgehoben 
erscheint, so glaubt man, daß er die Gabe 
des Blickes ins Jenseits habe und bei der 
Totenmesse das Schicksal der Verstor¬ 
benen erfahren könne. Dies war ein dem 
Volk tief eingewurzelter Glaube; doch 
darf der P. von seinem ihm während 
der Wandlung zuteil gewordenen Wissen 
nichts weiter sagen. Einige behaupten, 
der P. lese dies während der Messe aus 
dem Kelch, andere, er erkenne bei der 
ersten Totenmesse an einem weißen, roten 
oder schwarzen Tüpfelchen, dessen er im 
Meßbuch ansichtig wird, ob die Seele 


325 


Priester 


326 


im Fegefeuer oder in der Hölle sei. War 
der Verstorbene ein großer Sünder, so 
kann der P. bei der ersten Totenmesse 
oft den Kelch gar nicht oder nur mit 
Mühe und Anstrengung aufwandeln. Von 
der aufgewandelten Hostie sollen schon 
Öfters Blutstropfen herabgefallen sein 101 ). 
Wenn die Seele verloren ist, kommt der 
P. bei der Messe, die er für sie liest, nicht 
weiter (Ranggen). Er sieht diese Seele 
während der Wandlung bei den drei 
Seelenmessen (Unterinntai) 102 ). Er kann 
die Seele während des Totenamtes zi¬ 
tieren 103 ). 

101 ) Baumgarten Aus der Heimat 3, 123. 
102 ) Zingerle Tirol 50 Nr. 443. 444. 445; 
Schönwerth Oberpfalz 1, 276. 103 ) Stracker- 
jan 2, 131 Nr. 461. 

B. Gegenüber dieser ersten Gruppe 
von abergläubischen Vorstellungen, die 
sich einheitlich aus einer Quelle herleiten 
lassen, knüpft eine zweite 

1. an die Ausübung der kultischen 
Handlungen durch den P. an. 

a) Von Bedeutung für den Menschen 
ist ihr genauer Vollzug. Aus der Vor¬ 
schrift, die Handlungen genau zu ver¬ 
richten und die Gebete genau zu sprechen, 
leitet man die Schädlichkeit einer Unge¬ 
nauigkeit des P.s für die Zukunft des 
Menschen ab, für den sie vollführt wird 
(s. reden). 

a) Wenn er bei der Taufe ein Wort 
ausläßt, hat das zur Folge, daß das Kind, 
wenn es herangewachsen ist, eine Drud 
oder mondsüchtig wird. Oder das Kind 
kann nicht im Bett liegen bleiben, es steigt 
immer mit den Füßen nach oben, oder 
es wird von der Drud erdrückt oder ein 
Mädchen wird zur Drud 104 ). Sein Stot¬ 
tern und Stammeln hat zur Folge, daß der 
Täufling sein ganzes Leben lang Vieh 
und Mensch beschreit (s.beschreien), wenn 
er sie ansieht oder anspricht und nicht 
sogleich ,,pföds God“ sagt. 

ß) Macht er bei der Trauung einen 
Fehler, kommen die Kinder ins Zucht¬ 
haus. Verspricht er sich, so hat das erste 
Kind einen Sprachfehler (Wiener Kinder¬ 
glaube) 105 ). 

b) Nach kirchlicher Lehre ist der Le¬ 
benswandel des P.s ohne störende Wir¬ 


kung auf die von ihm gespendeten Sakra¬ 
mente; es ist eine zwar sinnige aber doch 
abergläubische Meinung, daß er vor seinem 
Gang zum Altar von seinen Sünden ge¬ 
reinigt wird, indem nach Unzhurster 
Glaube ein Engel mit einer Schüssel 
hinter ihm einhergeht und ihn von seinen 
Sünden reinwäscht 106 ). 

c) Behinderung in seiner priest erlichen 
Handlung: Wenn der Ministrant ohne 
Wissen des P.s einen Vierklee in das 
Meßbuch legt, so wird der P. beim Messe¬ 
lesen nicht mehr weiterkommen, sondern 
wie verzaubert innehalten. Der Ministrant 
muß ihn dann beim Meßkleid zupfen und 
ihn so zum Bewußtsein zurückrufen 107 ). 

d) Der P. mißbraucht die heilige Hand¬ 
lung. Dies geschieht in den Sagen von 
der Taufe in Teufelsnamen. Er nimmt 
diese im Einvernehmen mit der Hebamme 
vor, damit alle Kinder bis zum siebenten 
sterben; bei diesem wird er durch einen 
frommen P. verhindert. Sehr häufig 
findet sich dieser Glaube in der Ober¬ 
pfalz 108 ). Solch ein P. muß die Taufe 
nach dem Tode als Geist wiederholen 109 ). 
Vgl. den südslavischen Aberglauben, daß 
der P. mit der Messe seinem Feinde aller¬ 
lei Unglück, Krankheit u. a. m. antun 
kann uo ). 

104 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 168 ff. 

10S ) ZföVk. 33, 102. 106 ) Meyer Baden 538. 

107 ) Zingerle Tirol 66, 531; Baumgarten 
Aus der Heimat 1, 40. 108 ) Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1, 202; 3, 110. 109 ) Ebd. no ) ZföVk. 4, 305. 

2. An die Priesterkleidung 111 ). An 
die liturgische Kleidung knüpft sich der 
Aberglaube, daß das Meßkleid zum 
Schatzheben verwendet 112 ) wird (s. regen- 
kündend, oben Spalte 316). Zu den Glocken 
am Saume von liturgischen P.kleidern 
und ihrer als Abwehr für den Träger auf¬ 
gefaßten Bedeutung s. Eisler 113 ). Die 
sonstigen Tierdarstellungen gehören in 
die Darstellung der kirchlichen Kunst. 
Die Bevorzugung der schwarzen Kleidung 
bei der außerdienstlichen Kleidung wird 
mit Trauer über den Verlust des heiligen 
Landes erklärt 114 ). 

in ) Gihr Meßopfer 221 ff.; Fehrle Keusch¬ 
heit 70 (röm.); Wächter Reinheit 13. 18; 
Lauffer Deutsche Altertumsk. 125. 112 ) Wai- 

belu.Flamm2, 266. 113 ) Weltenmantel 1, 25 ff. 
114 ) Lütolf Sagen 535 Nr. 569. 


3*7 


Priester 


328 


3. An den P.beruf im allgemeinen. 
Einzelnes. P. wird, wer als einjähriger 
Knabe unter drei vorgelegten Dingen 
nach dem Rosenkranz gegriffen hat (Angel¬ 
tal) 115 ). 

Ehelosigkeit gilt als ein so feststehendes 
allgemeines Gebot, daß ihm ein Scherz¬ 
wort die Ehe erlaubt, wenn er männliche 
Drillinge tauft 116 ). Eine P.erbschaft 
bringt nie Glück 117 ). Eine scheinbar 
auf eine heidnische Sage zurückgehende 
ist die unter alten selbst frommen Katho¬ 
liken verbreitete Sage von der P.schlacht, 
wonach eine Zeit kommen wird, in der 
die P. von den Bauern erschlagen wer¬ 
den U8 ). 

Wer mit einem P. zankt oder ihn ver¬ 
folgt, stirbt jäh und erlangt keinen geist¬ 
lichen Beistand auf dem Totenbett (Pitz¬ 
tal) 119 ). 

4. P. im Traum. Die ungünstige Be¬ 
deutung des Anganges erstreckt sich 
auch auf den Traum. Im allgemeinen 
bedeutet er den Tod des Träumenden 12 °), 
wenn er im Talar gesehen wird 121 ); oder 
den eines Verwandten 122 ), Hausgenos¬ 
sen 123 ), Zank 124 ); dasselbe, wenn man 
ihn auf der Kanzel sieht 125 ); eine große 
Kränkung, wenn man mit ihm im Traume 
spricht 126 ). 

5. Dem Kranken verkündet er, wenn 
er ungerufen kommt, den Tod (Solin¬ 
gen) 127 ). Dieselbe Bedeutung hat sogar 
das Pferd des gerufenen P.s, wenn es das 
Haupt senkt 128 ). 

116 ) ZföVk. 11, 191. 116 ) Baumgarten Aus 
der Heimat 3, 19. 117 ) Wolf Beiträge 1, 253. 

118 ) Schell B er gische Sagen 538 Nr. 6. m ) Zin- 
gerle Tirol 25. 12 °) ZföVk. 33, 102. m ) John 
Erzgebirge 29. 122 ) Drechsler 2, 122 = Wutt ke 
228 § 325. 123 ) Urquell 4, 91. 124 ) Ebd. 125 ) Ebd. 
1, 203. 128 ) ZföVk. 3, 371 Nr. 406 (Rumänen 

i. d. Bukowina). 127 ) Urquell N. F. 1, 17 = 
ZfrwVk. 1908, 242. 128 ) Ebd. 

6. P. nach dem Tode, a) Gleich 
anderen Berufs- und Standesgruppen¬ 
angehörigen läßt der Volksglaube auch 
die P. nach dem Tode spuken und sie 
müssen gebannt werden 129 ). Auch sie 
setzen ihre Tätigkeit fort, schweben über 
Gräber, besprengen sie mit Weihwas¬ 
ser 13 °); in diesen Sagen ist keine nähere 
Motivierung angegeben 131 ); sie erscheinen 


in der Kirche 132 ) ohne Kopf in priester- 
lichem Kleide 133 ), teilen angesprochen 
Ohrfeigen aus, die den Tod nach sich 
ziehen, wie dies auch andere Gespenster 
tun 134 ). Das Erscheinen eines P.s (Mönch), 
der den Kopf unter dem Arm trägt, soll 
drohendes Unglück anzeigen; so soll er 
1832 den Brand von Komotau angezeigt 
haben 135 ). 

b) Meist handelt es sich um Verletzung 
der Standespflichten und zwar 

a) wegen eines den Volksanschauungen 
vom geistlichen Stand (s.Geistlicher) wider¬ 
sprechenden Lebenswandels. Sie müssen 
ewig kegeln 136 ); leichtfertige katholische 
P. gehen zu des Teufels Orgien 137 ) (gleich 
der Nonne); ein Bischof muß als drei- 
beiniger Hase spuken 138 ); ein trunk¬ 
süchtiger jammert im Grabe 139 ). 

| ß) Der P., der bezahlte Messen nicht 
gelesen hat, muß sie um Mitternacht 
nachlesen, bis er erlöst wird; denn er hat 
diejenigen, welche diese Messen gezahlt 
haben, um die aus ihnen erfließenden 
Gnaden betrogen 14 °). Dasselbe geschieht, 
wenn er eine Messe vergessen hat 141 ); 
irgend ein während des Gottesdienstes 
Eingeschlafener wird als Ministrant ver¬ 
wendet ; erlöst wird er, wenn er bis 1 Uhr 
fertig ist, was ihm aber aus irgend 
einem Grund nicht gelingt 142 ). Oder 
auch, wenn ihm ein Soldat bis zu 
Ende ministriert 143 ). Bedankt er sich 
bei dem Ministranten, so darf ihm dieser 
nicht die Hand, sondern nur den rechten 
Rockflügel geben 144 ). 

7. Er hat sein Brevier nicht ge¬ 
betet. Er muß es nachbeten und „ves¬ 
pert“ von Mitternacht bis zum Früh¬ 
läuten 145 ). Er muß die Taufen nachholen,, 
die er im Namen des Teufels vollzogen 
hat 146 ). 

Bestrafung für ungetreue Amtsfüh¬ 
rung. Diese Strafe gehört zu den häufig¬ 
sten Erscheinungen im Volksglauben 147 ),. 
betrifft aber den beamteten P., den 
Pfarrer (s. Pfarrer). 

Eine im evangelischen Sinn erfolgte 
Umbildung ist es, wenn ein P. in der evan¬ 
gelischen Kirche spukt, weil er sich der 
Reformation nicht angeschlossen hat 148 ). 

12») Witz sehe 1 Thüringen 2, 51 Nr. 56.. 


329 


Priesterkönig—Primel 


330 


150 ) Schönwertli Oberpfalz 1, 280 Nr. 1. 

m ) SAVk. 8, 296; Strackerjan 1, 296; 
Bohnenberger 8; Köhler Voigtland 512. 
lM ) Witz sehe 1 Thüringen 2, 51. 133 ) Ebd. 2, 11; 
Reiser Allgäu 1,320ff.; Bohnenberger 8. 134 ) 
Witzschel Thüringern, 130. 135 ) Gr oh mann 
Sagen 282. 136 ) Eisei Sagen 72, 174. 137 ) Kohl- 
rusch Sagen 54. 138 ) Eisei Sagen 141^.380. 
13# ) Meyer Aberglaube 157. 14 °) Reiser Allgäu 

1, 64. 141 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 291 Nr. 10. 

142 ) Strackerjan 1, 226. 143 ) Lehmann 

Sudetend. Volksk . ui. 144 ) Waibel u. Flamm 

2, 240. 145 ) Birlinger Schwaben 1, 204. 

l46 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 110 Nr. 14; 

3, 133 Nr. 13. 147 ) Wuttke 474 § 755. 147 ) 

Meiche Sagen 159 Nr. 212. 148 ) Ebd. 

8 . Sonstiges; a) Donner-P. Wenn 
es bei einem Gewitter im Gebirge heftig 
dröhnt, sagt der Bauer (Schweiz): Der 
Pf aff rührt sich. Dies soll ein P. aus dem 
Engelberger Kloster gewesen sein, der 
wegen einer Wette um Wein, daß er Salz¬ 
fässer auf den Berg tragen werde, mit 
dem Tod bestraft wurde 149 ). 

b) Pfaffensprung. Der Name von 
Schluchten wird in Sagen damit erklärt, 
das ein P. darüber sprang, um mit seiner 
geraubten Geliebten den Verfolgern zu 
entkommen oder als Gottesurteil zur 
Widerlegung dieses angedichteten Ver¬ 
gehens 15 °). Zur Erklärung als Nebel¬ 
sagen s. Laistner 151 ). 

c) Wenn in einem Kreis von Leuten 
plötzlich Stille eintritt, sagt man, es geht 
ein P. (auch Prädikant) vorüber und 
gleichwertig: ein Engel flog durchs Zim¬ 
mer (Redensarten). Vgl. 'Epp); iTreiarjX- 
8e 152 ). 

d) Einzelnes zum P. in psychoana¬ 
lytischer Auffassung s. Storfer 153 ). 

14# ) Lütolf Sagen 397. 15 °) Nebelsagen 278. 

151 ) Rochholz Naturmythen 11. 162 ) Grimm 

Myth. 2, 942. 153 ) Jung fr,-Mutter schaft passim. 

Jungwirth. 

Priesterkönig vereinigt in sich die 
königliche und priesterliche Funktion; 
beide erscheinen als Ausfluß und Offen¬ 
barung der nach primitiv-religiöser An¬ 
schauung gewissen Personen zugesproche¬ 
nen Kraft (Orenda). Aus ihrem einheit¬ 
lichen Besitz kann der König (Häuptling) 
auch Priester sein, und umgekehrt erfüllt 
der Priester die Aufgaben des Königs. 
Eine Abspaltung einer dieser Gewalten 
aus dem ursprünglichen Kraft besitz ist 
noch nicht eingetreten. 


Spuren eines P.s sind in Hochkulturen 
nachweisbar; so waren die ältesten Be¬ 
herrscher Babylons, weiters Melkisedek, 
die griechischen und römischen und ebenso 
die altgermanischen Könige x ) auch mit 
dem Gottesdienst betraut. Die ihm zuge¬ 
schriebenen höheren Kräfte (s. Priester) 
hat er zum Schutz und zur Wohlfahrt 
des Landes anzuwenden, besonders zur 
Sicherung der Ernten, weshalb ihm be¬ 
sonders der Regenzauber obliegt. Bei 
Mißernten wurde er abgesetzt und manch¬ 
mal gegen Hungersnot geopfert. Davon 
ist in der nordischen Sage Yngl. c. 18, 47 
ein Rest im Königsopfer von Upsala er¬ 
halten 2 ),und daß sich noch der schwedi¬ 
sche König Gustav Wasa bei seiner Thron¬ 
besteigung 1523 gegen eine derartige 
Verantwortung wehrt 3 ). Auch der Tod 
des P.s. als Vegetationsopfer ist dem 
germanischen Norden bekannt gewesen; 
s. über die Beziehung des Opfertodes 
von Balder zu den alt germanischen 
Königsopfern R. Much 4 ). 

P. Johannes 5 ). 

In derselben Anschauung von der Ver¬ 
einigung von Priester- und Königtum 
wurzelt zwar auch diese Sage vom P. 
Johannes, doch hat diese, mit orien¬ 
talischen und christlichen Ideen ver¬ 
mengt, das zweite Motiv von dem Para¬ 
dieseszustand und dem glücklichen Ur¬ 
zustand, der durch den P. Johannes ge¬ 
schaffen wird, in den Vordergrund gestellt 
und über das ursprüngliche P.tum ge¬ 
schichtet. In dieser Form ist sie ein Be¬ 
standteil der deutschen Kaisersage 6 ) und 
des Parzifalepos 7 ). 

l ) Pauly-Wissowa 11, 2, 21250.; RGG. 
2, 551; Chantepie Religionsgesch. 1, 48 ff. 525. 
576. 620; Grimm RA. 1, 338; Nilsson Religion 
92; Griech. Feste 12. 232; Frazer 1, 44 ff.; Leh¬ 
mann Mana 30; Lippert Gesch. des Priester¬ 
tums i, 134 ff.; Jeremias Religionsgesch. 
verschied. 2 ) Meyer Germ. Myth. 199. 3 ) Lip¬ 
pert Priestertum 2, 606. 4 ) ZfdA. 61, 93 ff. 

6 ) F. Zarncke AbhLpz. Phil.-hist. Kl. 7 
(1873—79); 8 (1876—1883); Arnold v. Harff 
140, 17; Lippert Priestertum 1, 136; SchwVk. 
10, 15. 44. 79 (Literatur, Anfragen u. Nach¬ 
träge). *) Kampers Kaiseridee 78 ff. 103; 

Kaisermystik 113 ff. 7 ) MschlesVk. 21, 37 ff. 

Jungwirth. 

Primel s. Schlüsselblume. 



33i 


Primiz 


332 


Primiz. 

1. Die P. in volkstüml. u. kirchl. Auffassung. 
— 2. Vorbereitung der P. — 3. Feierlicher Ein¬ 
zug, P.messe u. Prozession. — 4. Die weltl. 
Feier der „geistl. Hochzeit“. — 5. Der P.segen. 

I. Die Feier einer P., d. i. des ersten 
Meßopfers eines Neupriesters, wird be¬ 
sonders in Landorten von der ganzen Ge¬ 
meinde festlich begangen, ein Beweis 
der Hochschätzung des Priestertums. Oft 
kommt man in Scharen aus den Nachbar¬ 
orten, besonders viel wird auf drei gleich¬ 
zeitige P.n in der nächsten Umgebung 
gehalten a ). Man betrachtet und be¬ 
zeichnet die P. als eine „geistliche Hoch¬ 
zeit“, gleichsam die Vermählung des 
Neugeweihten mit der Kirche. Das wird 
symbolisiert durch eine „geistliche Braut“, 
das sog. P.bräutle, die den Primizianten 
begleitet 2 ). Die Kirche hat diese Feier 
einer geistlichen Hochzeit, zugleich eine 
Verherrlichung der Jungfräulichkeit, ge- ! 
stattet und auch ihrerseits die P. feierlich 
ausgestaltet: dem Primizianten darf bei 
seiner ersten hl. Messe außer den zwei 


mit Triumphbogen 4 ). Auch richtet man 
da und dort einen großen „Maien“ vor dem 
Haus des Gefeierten auf 5 ) oder auch 
(im Unterinntal) zwei blumen- und bän¬ 
dergeschmückte Tannenbäume 6 ). Am 
Vorabend des Festes wird der Primiziant 
von einer Abordnung der Gemeinde feier¬ 
lich „eingeholt“ und zur Kirche geleitet, 
wo er seine Heimatgemeinde erstmals 
segnet. 

4 ) O. Menghin Eine P.feier im Burggrafen¬ 
amte und ein P.tajellied aus dem Pustertale 
ZfVk. 24, 71 ff.; Kohl a. a.O. 277. 5 ) Künzig 
Alte Frühlingsbräuche aus einem fränkischen 
Dorf. Hmtl 10, 20. 6 ) Kohl a. a. Ö. 281. 

3. Am Tag der P.feier, gewöhnlich 
einem Sonn- oder Feiertag, in Südtirol 
am liebsten an einem „Baueinfeiertag“, 
d. i. an einem in Abgang gekommenen, 
offiziell nicht mehr gehaltenen Festtag 7 ), 
holt eine festliche Prozession den Neu¬ 
priester an seinem Hause ab. Der Fest¬ 
zug zieht unter Böllerschüssen zur Kirche, 
vor dem Primizianten geht das P.bräutle, 
das auf goldgesticktem Kissen ein Kränz¬ 


Leviten noch ein „Patrinus“, d. h. ein 
Priester in Chorrock u. Rauchmantel 
dienen, wie es sonst nur kirchl. Würden¬ 
trägern vom Domherrn aufwärts gestattet 
ist 3 ). Die bei der Primizmesse anwe¬ 
senden Verwandten können einen beson¬ 
deren Ablaß gewinnen; vor allem darf 
der Neupriester nach eigenem Formulare 
den P.segen erteilen (s. Abschnitt 5). 

*) Mündl. aus Kirchen, A. Engen. 2 ) Kohl 
Die geistliche Hochzeit in: Die Tiroler Bauern¬ 
hochzeit. Wien 1908, S. 275 ff. 276 ff.: 
ausführliche Schilderung von Südtiroler P.- 
feiem. Schon Seb. Francks Weltbuch Fol. 
130b: „Wenn ein Pfaffe seine erste Messe liest, 
feiert er seine „Hochzeit“: die Kirche ist an 
diesem Tage sein, er muß sie kaufen. Da setzt 
er sich eine Kugelkappe auf und sieht heraus 
wie eine Spinne aus der Logei. Reinheit muß 
er schwören und geloben und gibt sich die 
Kirche zum Weibe. Jedoch gibt man dem 
andächtigen Priester auf diesen seinen Hoch¬ 
zeitstag eine Braut zu, etwa eine schöne Jung¬ 
frau, die den Namen hat, die ihm auch lieber 
wäre als seine Kirche“ (Zitiert nach Schmidt 
Volksk. S. 126 fg.). ») KohI a a. O. S. 275. 

2. Das Fest wird tage- und wochenlang 
vorbereitet: man flicht Kränze, windet 
Guirlanden und schmückt die Dorfstraße, 
das Elternhaus, die Kirchtüre, das Pfarr¬ 
haus, in Südtirol auch das Friedhofstor 


chen (in Südtirol turmartig, in der Mitte 
als P.insignie einen Miniaturkelch) 8 ) trägt 
als sinnbildliches Zeichen der bräut¬ 
lichen Vereinigung mit der Kirche. In 
den meisten Gegenden ist das „Bräutle“ 
ein Kind aus der Verwandtschaft des 
Primizianten, in Tirol aber ein erwachsenes 
Mädchen, als Braut geschmückt und von 
einem Brautführer, einem Geistlichen 
oder jungen Theologen begleitet. Da¬ 
hinter folgen zwei Nachjungfrauen und 
mehrere Kranzeijungfern 9 ). Auch in 
anderen Gegenden ist die P.braut hoch¬ 
zeitlich geschmückt, trägt weißes Kleid, 
einen Schleier und im Salzburgischen eine 
P.kröne, d. i. eine regelrechte Braut¬ 
krone 10 ). Der Primiziant trägt am lin¬ 
ken Arm ein künstl. Sträußchen oder den 
sog. P.kranz, ebenso die an der Feier 
teilnehmenden Geistlichen. Letztere le¬ 
gen indes den Kranz während der Messe 
ab, nur der Neupriester behält ihn bei n ). 

Zur P.messe, die meist als levitiertes 
Hochamt gefeiert wird, kommen oft viele 
Leute von auswärts, um des neupriester- 
lichen Segens, dem man besondere Kraft 
zumißt, teilhaftig zu werden. Ein in 
Böhmen und Tirol geläufiges Sprichwort 


333 


Primiz 


334 


sagt: „Zu einer P. soll man ein Paar neue 
Schuhsohlen durchlaufen“ 12 ). Bei der 
Opferung legt in Böhmen, Bayern, Tirol 13 ), 
auch in Baden 14 ), das P.bräutle den 
Kranz auf den Altar, um anzudeuten, 
daß der junge Priester seine Jungfräulich¬ 
keit Gott zum Opfer dar bringe 15 ), an 
manchen Orten auch eine brennende 
Kerze. Das Kränzchen pflegt der Neu¬ 
priester ehrenvoll aufzubewahren, ja man 
trägt es zuguterletzt vor seinem Sarge 
her und gibt es ihm ins Grab mit 16 ). In 
Westfalen trägt beim Begräbnis eines 
Priesters die P.braut die myrtenge¬ 
schmückte P.kerze im Leichenzug mit 17 ). 

Die Wandlung, der Höhepunkt der 
Feier, wird mit Böllerschüssen weithin 
verkündet. Ältere Frauen achten darauf, 
ob der Primiziant eine „lange Wandlung“ 
hat, denn solchen Priestern schreibt 
man eine besondere Kraft zu, Hexen und 
Geister zu bannen 18 ). In einer mittel¬ 
alterlichen Sammlung von Predigtexem- 
peln wird erzählt, wie ein Neupriester 
während der P.messe von einem Engel 
entrückt wird und seine Mutter, die mit 
dem Teufel im Bunde gewesen war, nahe 
der Hölle in entsetzlichen Qualen er¬ 
blickt. Trotzdem aber ist sie froh und 
glücklich, denn sie weiß, daß ihr Sohn sie 
nun durch dreißig Messen erlösen kann. 
Nach Lesung der Messen fällt der Ver¬ 
trag Luzifers als Zeichen der Erlösung auf 
den Altar nieder 19 ). Auch in Schwaben 
glaubt man, daß der Primiziant während 
der ersten Messe seine verstorbenen Eltern 
sehen könne 20 ). 

In Tirol findet anschließend an die 
Messe eine Prozession durch das Dorf 
statt, ähnlich der an Fronleichnam. Der 
Primiziant trägt dabei die Monstranz 
unter dem „Himmel“ (Baldachin) und 
spendet damit den Segen an vier blumen¬ 
geschmückten Altären, die längs der 
Dorfstraße errichtet sind 21 ). Bei der 
Segenserteilung geben die Schützen eine 
Salve ab. 

7 ) Kohl a. a. O. 277. 8 ) Ebda. 278. 9 ) Piger 
Eine P. in Tirol. ZfVk. 9. 397 - 10 ) Eine solche 
P.kröne befindet sich im Museum des Monats¬ 
schlößchen zu Hallbrunn, vgl. Schreiber 
Nationale u. internationale Volkskunde (1930), 
S. 94. n ) Kohl a. a. O. 278. 12 ) Meyer Baden 


537; Kohl a. a. O. 276. 13 ) ZfVk. 9, 397 und 

24, 74. 14 ) Meyer Baden 537. 16 ) ZfVk. 9, 

397. 16 ) Eigene Beobachtung aus dem bad. 

Frankenland. 17 ) Schreiber a. a. O. S. 74. 
18 ) Mündlich aus Unzhurst, A. Bühl. 19 ) Klap¬ 
per Erzählungen 399 Zeile 6 ff. 20 ) Birlinger 
Aus Schwaben 1, 396. 21 ) ZfVk. 9, 397 f. 

4. Ein ausgedehnter, oft sehr üppiger 
Fest schmaus folgt, häufig im Wirtshaus 
abgehalten. Ist die geistl. Braut be¬ 
gütert, bestreitet sie oft selbst das Fest¬ 
mahl; andernfalls geben die Gäste reich¬ 
liche Geldgeschenke. In Südtirol wird 
der Beginn des Mahls durch Böllerschüsse 
verkündet, ebenso wird beim Aveläuten 
das Fest „ausgepöllert“ 22 ). In der Mera- 
ner Gegend lädt man zur P.feier feierlich 
ein, ähnlich wie zu einer Hochzeit. Bei 
dieser Gelegenheit wird dem Ladenden, 
einem Burschen in Tracht mit großem 
Buschen auf dem Hut, und dem Pfarrer 
nur w'eißer Wein angeboten 23 ). Auch 
im Eisacktal tragen die P.lader Kränze 
auf dem Hut und in der Hand einen reich 
gezierten Stab 24 ). Vielerorts sind für 
die Einladung herkömmliche Reimreden 
in Gebrauch, wie übrigens auch das 
P.bräutle für die Begrüßung gereimte 
Sprüche können muß 25 ). Bei der Tafel 
sind im Puster- und Eisacktal noch be¬ 
sondere geistliche Tafellieder üblich 26 ). 
Die Anlehnung an die weltl. Hochzeit 
ging mitunter in Tirol soweit, daß man 
selbst das Brautstehlen übte 27 ). Damit 
war freilich ein mit der Würde der Feier 
nicht mehr zu vereinbarender Weg ein¬ 
geschlagen, und so wurde die Sitte einer 
geistlichen Braut mehrfach verboten, z. B. 
in der Diözese Brixen; auch in der Diözese 

Trient ist sie in Abgang begriffen 28 ). 

22) Kohl a. a. O. 279 t- 23 ) ZfVk. 24, 73. 
24 ) Kohl a. a. O. 280. 25 ) Kohl a. a. O. 186 
bis 199. 26 ) Kohl a. a. O. 87; Blümml Drei 

P.lieder. ZfVk. 18, 88 ff.; ebda. 24, 76. 2? ) Ebda. 
398 und 24, 75; Kohl a. a. O. 276. 28 ) Über 

große Ausgelassenheit bei P.en, wie man sie 
nur in Oberdeutschland kenne, berichtet Cleß 
Kulturgeschichte 3 , 4 68 (abgedr. bei Bir¬ 

linger Aus Schwaben 2, 231). 

5. Den P.segen, für den die Kirche 
eine eigene Formel geprägt hat, erteilt 
der Neupriester am Schluß der P.messe 
der ganzen Gemeinde; nach der P. be¬ 
sucht er alle Freunde und Verwandten 
und spendet auch ihnen seinen Segen, 



335 


Prognostikum 


336 


wovon man eine starke Wirkung erhofft. | des 14. Jh.s sind sicherlich nicht die äl- 
Nicht selten ruft man den Neupriester zu testen ihrer Art. Sie zeigen bereits einen 
Siechen und hoffnungslos Kranken: denn ausgebildeten Typus, der sich auch später 
man traut seinem Priestersegen mehr zu bei Theophrastus Paracelsus und Kepler 
als einem Geistlichen, der schon länger nicht verändert. Die Prognostika der 
geweiht ist. Künzig. | Renaissance, denen der Druck für die 

Prognostikum. Das anscheinend von j Verbreitung zur Verfügung stand, sind 
dem medizinischen irpoyvo>3i£ (Voraus- ■ nur ausführlicher, weil Ausführlichkeit 
sage) abgeleitete Wort 2 ) begegnet in der nicht mehr, wie zweifellos früher, ein 
Literatur der Alten seit dem 1. Jh. v. Hindernisgrund weiter Verbreitung ist; 
Chr. auch in dem mantischen und astrolo- denn das Drucken ging schneller vor sich 
gischen Schrifttum. Wie TrpoyvuxjTixaiTaT'K als das Abschreiben 12 ). Die Disposition 
Epimenides heißt, weil er die Athener zu- | pflegt so angeordnet zu sein, daß nach 
kunftssehend vor den Gefahren warnen einer Vorrede des Verfassers die Beschrei- 
kann, die der Hafen von Munychia ihnen bung der Wunderzeichen (Finsternisse, 
bringen werde 2 ), bezeichnet man als Kometen, astrologische Konstellationen) 
itpoyvcixJtixov u. a. jede Liste, mit folgt; dann findet man die Auslegungen 
deren Hilfe man etwas über die Zukunft derselben angeschlossen. Die Darlegung 
erfährt 3 ). Daneben wird der Ausdruck der Konstellationen wie deren Ausdeu- 
für drei besondere Fälle angewendet, tung ist im allgemeinen unendlich gelehrt 
nämlich 1. zur Bezeichnung der Wetter- und stark von dem Autoritätsgedanken 
Vorzeichen überhaupt 4 ), insbesondere der des MA.s getragen 13 ); was bei Griechen, 
Übersetzung Ciceros von Arats Werk vor allem aber bei Arabern als Beleg ge- 
über diesen Gegenstand 5 ), 2. in der Be- funden wird, ist im allgemeinen als un- 
deutung ,,Methode vorauszuwissen“ (etwa bezweifelbar angesehen worden. Ähn- 
ein Sterbedatum 6 )), 3. in der Bedeutung liches kann man bis in die Renaissance 
„Omen“ 7 ). So soll es ein rpoyvcoSTtxov beobachten; noch den Arzt Cardanus 
gewesen sein (in welchem Sinne, wird leitet trotz vorübergehender Zweifel bei 
nicht gesagt), daß Anaxagoras im Jahr seinen Horoskopauslegungen dieselbe An- 
von Platons Geburt (428) gestorben ist 8 ). schauung 14 ). 

In der abergläubischen Literatur hat sich Die Vorreden sind z. T., besonders in 
hernach ,,prognosticon“ nur in der Be- den aus dem 14. Jh. bekannt gewordenen 
deutung ,,Zukunftskündung“ zur Be- Texten von einem starken, religiösen Ge- 
zeichnung von Listen und Auslegungen von fühl, nicht selten von ausgesprochen 
Vorzeichen gehalten. Dabei gebrauchen christlichem Sündenbewußtsein getragen, 
byzantinische Hss., wie mir scheint, das Die Angst vor den Konstellationsfolgen 
Wort mehr zur Bezeichnung der Listen war echt; nicht selten begegnet daher der 
von Vorzeichen 9 ); die lateinischen Texte Gedanke, nur Gott könne helfen 15 ), 
des MA.s und der Renaissance (Hss. und Der diese Vorreden beherrschende Geist 
Drucke) verwenden es vor allem im Titel dürfte beeinflußt sein von den Versuchen 
der Auslegungen von W T underzeichen einer Synthese zwischen Christentum und 
eines bestimmten Jahres 10 ). Astrologie (vgl. z. B. die Einleitung zu 

Kulturgeschichtlich sind natürlich die Michael Scotus „über introductorius“ 16 ); 
astrologischen Jahresprognosen weitaus dabei sieht der Astrolog sich als Warner 
am interessantesten. Solche gibt es seit der Menschheit, der nicht selten wegen 
den Zeiten der Babylonier, wo die Hof- ihrer Sünden zittert und bebt. Ja, er 
astrologen dem König berichten 11 ). Seit wird geradezu zum Bußprediger, und der 
wann sie im MA. hergestellt werden, ver- zukunftsweissagende Text erhält bei 
mag ich angesichts der Tatsache, daß dieser Auffassung der Schreiber solcher 
bisher fast jede Untersuchung zu diesem Prognostiken etwas vom Ton der Pro- 
Gegenstand fehlt, nicht zu sagen. Die phetie 17 ); er blieb infolgedessen nicht 
von Pruckner behandelten Prognostiken unbeeinflußt von Bibel und Liturgie 18 ). 












Prophet, Prophetie 



Noch Keplers Prognostika zeigen bei j 
aller naturwissenschaftlichen Haltung 
diese Stimmung ganz deutlich. 

Beispiele für Prognostiken findet man 
in jeder Bibliothek, die Materialien aus 
derZeit des MA.s und der Renaissance ent¬ 
hält. In meinen einschlägigen Artikeln 
dieses Lexikons habe ich öfter längere 
Zitate aus dieser Literatur eingeflochten, 
auf die für das erste als Beleg der typi¬ 
schen Schreibweise verwiesen werden 
kann 19 ). 

Die Verfasser dieser Prognostiken sind 
durchweg gelehrte Männer. Nicht nur die 
in den Traktaten enthaltenen astrono¬ 
mischen Diskussionen beweisen dies; vor 
allem geht solches aus der gelehrten Lite¬ 
ratur hervor, die unter den die Ausdeu¬ 
tungen erhärtenden Belegen angeführt 
wird. Universitäten werden meist daher 
als die Stätten anzunehmen sein, wo solche 
Traktate entstanden; daher verfügen die 
älteren Universitätsbibliotheken auch über 
mannigfache handschriftliche und ge¬ 
druckte Texte dieser Art 20 ). 

Die Art der Aussagen ist meistens auf 
sehr allgemeine Ereignisse wie Gefahr, 
Hungersnot usw. abgestellt. Doch ist 
interessant, daß Prognostika auch in der 
Politik verwendet wurden. Ein Pariser 
Kometenprognostikon vom Jahre 1368 
zeigt ausgesprochen england-feindlichen 
Charakter 21 ). 

Für die Geschichte der Umbildung des 
abendländischen Geistes seit dem 12. Jh. 
im Zusammenhang mit der Astrologie, 
deren prinzipielle Gesichtspunkte wir s. 
v. Planeten, Sternbilder und Stern- 
deutung behandelt haben, ist eine ge¬ 
naue Durchforschung der Prognostiken 
als einer der verbreitetsten Gattungen 
astrologischer Literatur sehr wichtig; vor 
allem sind die Vorreden hinsichtlich ihrer 
Quellen und der Frage der autoritären 
Geltung dieser zu untersuchen. 

Neben ‘Prognostikon’ findet sich in der 
Renaissance öfter die Bezeichnung ‘Prac¬ 
tica' ohne Unterschied gebraucht 22 ). Was 
Practica im speziellen bedeutet, ergibt sich 
aus dem Art. Bauernpraktik. 

x ) Vgl. das Verzeichnis der Schriften Demo¬ 
krits bei Diog. Laert. 9, 48 und Galen. 


IX 426 B (ed. Chartier, Paris 1679); lat. bei 
dem Arzt Caelius Aurel, chron. 4, 8, 112. 
2 ) Diog. Laert. 1, 114. 3 ) s. u. und toü Ej- 

öo 2 to*j /ettxöivo; Tcprrfwoatixa CCA. VII, 181. 
4 ) Quint. 5, 9, 15. 5 ) Cic. de div. 1, 8, 13. 6 ) Pap. 
magic. Leid. ed. Dieterich col. 11, 1; CCA. 
VIII, 3, 166. 7 ) Hippol. refut. 1, 8, 13 (bei 

Diehls Fragm. d. Vors . 3 1, 385, 25 ff.). 8 ) Ebda. 
») s. CCA. III 39; VII 181; X 170. 10 ) Solche 

sind jetzt bequem zugänglich bei Hub.Pruckner 
Studien zu den astrol. Schriften des Heinrich 
v. Langenstein (Studien d. Bibi. Warburg 14), 
sodann bei H. A. Strauß Die Astrologie des 
Johannes Kepler (1926). Theophrastus 
Paracelsus' Prognostika s. in der Ausgabe 
von Huser. n ) H. Zimmer Das babyl. Neu¬ 
jahrsfest (= Alter Orient 25, 3). Beispiele von 
Berichten über augenblickliche Beobachtungen 
u. deren Erklärung, wie sie babyl. Astrologen 
an den König sandten, bei Br. Meißner Baby¬ 
lonien u. Assyrien 2, 251 ff. l2 ) Vgl. Pruckners 
Ausführungen a. a. O. 85. 13 ) Ebda S. 83. 

14 ) Vgl. meinen Aufsatz Beiträge zur Geschichte 
der Astrologie I. Der griech. Astrologe Dorotheos 
von Sidon und Abu 'l-Hasan Ali ihn abi ’r-rigal 
— Quellen u. Studien zur Geschichte u. Kultur 
des Altertums und des Mittelalters. Reihe D, 
Heft 2, Heidelberg 1935 - 15 ) Pruckner a. a. O. 
S. 84. 16 ) s. Art. Planeten. 17 ) s. die Beispiele 
im Art. Kometen Sp. 12 f. 144 f. 18 ) Einen Beleg 
bringt Pruckner a. a. O. S. 84 A. 1. 19 ) Außer 
dem A. 17 genannten Artikel vgl. Finster¬ 
nisse Sp. 1523. 20 ) Pruckner 83; vgl. auch 

A. Hauber Planetenkinderbilder u. Sternbilder 
(— Stud. z. deutsch. Kunstgesch. 194) S. 49. 69. 
73. Nur Gelehrte sind als Kenner und Besitzer 
dieser Literatur denkbar. 21 ) Pruckner a. a. 
O. 74. 22 ) z. B. von Paracelsus. 

Stegemann. 

Prophet, Prophetie (s. Weissagung, 
Volkspropheten). 

1. Name und Umfang der Bezeichnung. 
I. Der erste Sinn des Wortes 
ist unsicher 1 ); die Schwierigkeit der 
Deutung liegt in der Sinnbestimmung 
der Vorsilbe: Ttpo „vor“ —„heraus“ oder 
„vorher“; „Zukunftsweissagung liegt ur¬ 
sprünglich nicht im Begriff des irpo- 
? 1 3 T7 F 2 )* Diesen Sinn erhält das Wort 
erst in der spät jüdisch-christlichen Zeit 3 ), 
und zwar zuerst in der Septuaginta 4 ). 
Als ersten Sinn für ttoo ermittelt Fascher 
„heraus“; demnach sei der P. ein Sprecher, 
Verkünder gewesen 5 ). Aber in diesem 
Verkünden liegt doch, daß er das Unbe¬ 
kannte, Verborgene verkündet und damit 
auch das in der Zukunft Verborgene, so 
daß das Wissen um diese zumindest in 
den Begriff mit eingeschlossen gewesen 




339 


Prophet, Prophetie 


340 


sein muß 6 ). Daß der P. der Zukunfts- von „Vorzeichen“ handelt, die sich von 
wissende sei, wird später immer stärker selbst darbieten (s. Vorbedeutung, Vor¬ 
betont, und beispielsweise im Deutschen Zeichen), oder um Schlüsse und * Fest¬ 
gilt der P. als der „Verkünder der Zu- Stellungen aus Vorgängen, Zeichen, die 
kunft“, „der aus heiligem Geistestriebe man herbeiführt (s. Wahrsagen). Peucer 
Gottes Wort verkündigt und bezeugt“ 7 ), in seinem Commentarius de praecipuis 
prophezeien als: ,,in die Zukunft sehend, | divinationum generibus schied 1591 ganz 
Vorhersagen 8 ). ähnlich in 1 . jjiavTtxTj 7rveojj.aTtx7] oder rpo- 

Sehen wir im P.en den, der der Zukunft cpYjxsta, 2. fpuatxT) oder ts/vixtj, 3. Öiaßo- 
kundig ist, so kann doch diese Inhalts- Xixt) und 4. xmvt) oder Ö7jpa>%, d. tu 
bestimmung nicht genügen, denn auch Angang und dergleichen 15 ). Schließlich 

der Wahrsager erkennt die Zukunft vor- ist auch vom Inhalt des Vorhergesagten 

aus. Faschers Bestimmung: ji.avTtc ist eine gewisse Scheidung möglich. Es 

einer, der die Zukunft erkennt, P. der, handelt sich für uns heute bei der P.ie 

der sie verkündet 9 ), ist zu stark durch zumeist um die Voraussage von Ereig- 

seine Etymologie eingeengt und kann nissen weittragender Art (Schicksale des 

für unsere Zeit auch nicht ausreichen, Volkes usw.) oder um solche eschato- 

da wir^ keine derartigen reinen „Ver- j logischer Natur 16 ), welche Voraussage 
künder“ mehr kennen. Aalders warf in engem Zusammenhang mit einem 

P.ie und „Mantik“ völlig zusammen 10 ); sittlichen Grundgedanken steht 17 ); das 

Orelli begriff P.ie als eine höhere Stufe | ist zwar eine willkürliche Begrenzung, 
des Hellsehens n ). Näher kommt Lübkers, die aber durch den Einfluß der biblischen 

der als den Unterschied zwischen griechi- P.ie gegeben ist; — bei der Wahrsagung 

sehen und jüdischen Propheten den fest- zumeist um Angaben, die sich auf ein 

stellt, daß jene ein Erfragtes verkünden, Einzelnes, Privates beziehen, 
diese spontan aussagen 12 ). Der grie- II. In unseren bisherigen Erörterungen 
chische p.avxtc erfragt die Zukunft; fiel P.ie und „Weissagung“ zusammen; 

der P. bedarf dessen nicht, ihm ist sie stillschweigend wurde die eine der andern 

offenbar 13 ). Ebenso scheidet Bouche- gleich gesetzt, denn beide verkünden nach 

Leclercq zwischen intuitiver und induk- landläufigem Meinen größere Ereignisse 

tiver Schau der Zukunft. Das Wesen der Zukunft, ohne daß eine Befragung 

der intuitiven besteht darin, daß ihre geschah; auch decken die beiden Begriffe 
Ergebnisse dem Menschen unmittelbar, sich im täglichen Sprachgebrauch. Hin- 

gleichsam innerlich, bewußt werden, das gegen hat die Theologie beide geschieden: 

der induktiven, daß der Seher die Zu- Weissagung ist die Zukunfts-Voraussage, 

kunft auf Grund von Zeichen oder Vor- P.ie die eifernde, vom göttlichen Geist 

gängen seiner äußeren Umgebung, nicht entzündete Rede 18 ). Hier also ist der P., 

aber durch innere Wahrnehmung, er- um es kraß auszudrücken, nichts anderes 

kennt 14 ). Damit deckt sich z. T. die als ein ekstatisch-erregter Prediger. Diese 

Einteilung bei Cicero (de divinatione), Begriffsbestimmung ist weiteren Kreisen 

der die kunstlose, natürliche und die fremd. Hier findet sich vielmehr, daß man 

kunstmäßige divinatio unterscheidet 14 ), die reine, intuitive Voraussage der Zukunft,. 

Die natürliche umfaßt Ekstase und In- wie sie etwa von elbischen Wesen, von 

spiration; ihre Ursache ist das Einströmen Sterbenden geschieht, als Weissagung, — 

des göttlichen Geistes in den Menschen diese Voraussage aber auf Grund, in Folge, 

(I 49). Man darf diese Bestimmungen oder verbunden mit einem Erlebnis Gottes 

hierherziehen und als Wesen der P.ie (vgl. Kotter) als P.ie bezeichnet. So 

die natürliche, kunstlose (svxs^vo;), in- spricht die Kühnausche Sagensammlung 

tuitive, spontane Erkenntnis der Zukunft von einer „Weissagung“ der Heiden- 

ansprechen. Ihr gegenüber steht die Jungfrau von Glatz über den eschato- 

induktive Erkennntis, bei der es sich logischen Türkenkrieg 19 ), hingegen von 

entweder um Beobachtung und Deutung dem „Propheten Böhme“ als einem mit 


341 


Prophet, Prophetie 


342 


Gott sich innig verbunden wissenden 
Menschen 20 ), von dem Propheten Kot¬ 
ter 21 ). Es ist hier auch auf die vor¬ 
hin schon angezogene Formulierung des 
Grimmschen Wörterbuches hinzuweisen, 
in welcher beide Seiten, Zukunftsvoraus- 
sage und göttlicher Trieb, genannt werden. 

Ist der P. des Gottes voll, dann läßt 
es sich verstehen, daß man — im Gegen¬ 
satz zum Weissager — einen P.en auch 
am Anders-Sein erkennt. Dies Anderssein 
läßt sich am einfachsten, wenn auch ein 
wenig roh, als das eines ekstatischen 
Menschen bezeichnen (s. u.); der Gott 
hat ihn ergriffen oder besessen. Der Weis¬ 
sager, der allein sieht, kann dieses Er¬ 
griffenseins entraten. So wird man schon 
rein äußerlich die beiden Gestalten schei¬ 
den dürfen, wenn ganz gewiß auch Über¬ 
gänge vorhanden sind. In diesem Zu¬ 
stand stehen P. und der sich selbst in 
eine Ekstase steigernde Wahrsager ein¬ 
ander näher als Weissager und P.; doch 
darf man dabei nicht übersehen, daß 
beider Ekstase aus einem ganz anderen 
Grunde kommt; der Wahrsager will sehen, 
der P.ist vom Gott ergriffen; die P.ie ist 
nicht gewollt, aber ersehnt. 

x ) Erich Fascher 7ipocpV]T7]g 1927, 2. 2 ) Ebd. 
2—6. 3 ) Fascher 3. 170 ff.; vgl. auch Wetzer- 
Welte 10, 464. 4 ) Fascher 148. *) Fascher 

6; ebenso Lorenz Dürr Wollen und Wirken 
d. alttestamenilichen Propheten 1926, 3 t 6 ) S. 
auch Herrn. Gunkel bei Hans Schmidt 
Die großen Propheten 1923 (Die Schriften d. 
AT. . . v. H. Gunkel etc. Göttingen II 2), 
XXXII. XXVI f. 7 ) DWb. 7, 2166. 8 ) DWb. 7, 
2168. 9 ) Fascher 12 f. 10 ) G. Ch. Aalders De 
Profeten des ouden verbonds 1918, 235. n ) Her- 
zog-Hauck RE. 16, 81. P.ie als eine höhere 
Art der divinatio gegenüber Wahrsagen = A. 
Tholuck Die Propheten u. ihre Weissagungen 
1860, 1. 73 ff. 12 ) Fascher 4. Vgl. Wuttke 
194 §261; Beth Religionsgesch. 58!.; Eduard 
König Die messianischen Weissagungen des 
Alten Testaments 1923, 3 f. 13 ) Fascher 8. 
14 ) Hopfner bei Pauly-Wissowa 14, 1261. 
Vgl. auch dieselbe Scheidung in „mittelbare“ 
und „unmittelbare Offenbarung“ bei Ernst Sellin 
Der alttestamentliche Prophetismus 1912,200 ff. 15 ) 
Vgl. Maximilian Perty Die mystischen Erschei¬ 
nungen d. menschlichen Natur 1861, 629. 16 ) Da¬ 
gegen Joh. Viator (Bilger) Veridicus Germa¬ 
nus 1630, 137 f. 17 ) Joh. Hänel Das Erkennen 
Gottes b. d. Schriftpropheten 1923, 240. 18 ) Aug. 
Frh. v. Gail BaaiXefa toü #eoü 1926, 51; Hugo 
Greßmann D. älteste Geschichtsschreibung u. 
Prophetie Israels 1921, 40; H. W. Hertzberg 


Prophet u. Gott 1923, 12; Hänel Erkennen 
Gottes 204 f. 224. 46. 19 ) Kühn au Sagen 3, 520L 
| == Peuckert Schlesien 16. 20 ) Kühnau Sagen 
3, 522; vgl. oben 1, 1468!. 21 ) Kühnau Sagen 

| 3 , 533 - 

i 2. Echte und Schein-P.ie. 

; Wir unterscheiden eine „wahre“, „echte“ 

I P.ie, von der allein in diesem Artikel zu 
| handeln ist, — und eine P.ie ex eventu, 
fingierte oder Schein-P.ie, welche ge¬ 
schehene Dinge so berichtet, als seien 
i sie vor ihrem Eintritt von einem P.en 
| vorhergesagt und ausgesprochen worden 
i (Literarische Weissagung: Vaticinium ex 
S eventu). 

I S. Weissagung, literarische, — und als Bei- 
i spiel den Artikel: Lehninsche Weissagung. 

■ Jene, vor allem ältere theologische Streit- 

i Schriften, welche die P.ie im Titel führen 
! und unter dem Vorgeben einer geschehe¬ 
nen P.ie oder der Auslegung eines p.ischen 
Textes ihre Kämpfe treiben, gehören 
nicht hierher. 

! 

3. Historische Vorfragen. 

Zum Verständnis der Erscheinung kann 
ein Rückblick auf die historische Ent¬ 
wicklung der israelitisch-jüdischen P.ie — 
ebenso um ihres Einflusses auf die Bibel 
willen, als weil sie die best erforschte ist, — 
helfen 22 ). Die Berechtigung dazu gibt 
uns die Feststellung, daß das prophetische 
Erlebnis zu allen Zeiten gleich und seine 
Äußerungen letztlich darum sehr ähnlich 
sind; was Lindblom in diesem Sinne für 
die Übereinstimmung mittelalterlicher und 
alttestamentlicher P.ie sagt 23 ), gilt ebenso 
für die neuzeitlichen P.en. 

Am Anfang dürfte die Mantik gestanden 
haben. Sie findet sich schon früh und ist 
uns noch heut bei beinah allen primitiven 
Völkern bezeugt; so kennt das Ebertsche 
Reallexikon, das frühgeschichtliche und 
ethnologische Artikel enthält, keinen Ar¬ 
tikel P.ie oder Weissagung, sondern nur 
einen „Wahrsagen“. Früh dürfte die 
zuerst privat geübte Mantik an Priester 
oder andere berufsmäßige „Seher“ über¬ 
gegangen sein. Die Seherpraxis war in 
Babylonien stark ausgebildet 24 ); sie fin¬ 
det sich im ganzen alten Orient. Der 
König ZKR aus Hamat befragt die Seher 
nach dem Ausgang eines Krieges gegen 
Benhadad III 25 ); Benhadad von Da- 


343 


Prophet, Prophetie 


344 


maskus erforscht den Ausgang seiner 
Krankheit auf diese Weise 26 ); in Ägypten 
wird sie geübt; aus Israel-Juda haben 
wir mannigfache Belege 27 ). Aber sie 
ist auch sonst bekannt 28 ). 

Diese Seher sind „Gelehrte“, die die 
Bedeutung der einzelnen Omina erlernten, 
zuweilen literarisch fixierten (ähnlich den 
Astrologen der Chaldäer usw.) 29 ), und 
meist an Kultorten zu finden sind. Da¬ 
neben gibt es ein freies Wahrsagertum 30 ), 
dessen Männer bereits Empfänger von 
Offenbarungen sind. Es darf hier an 
Gestalten wie Bileam, Elias oder an Samuel 
erinnert werden, der sieht, wo die ver¬ 
lorenen Eselinnen Sauls sind, und den 
man nach dergleichen befragt (I. Sam. 
9, 1—10, 16) 31 ). Manches an ihm läßt 
einen „Hellseher“ vermuten 32 ). Hell¬ 
sehen kann man nicht nach Wunsch; 
hingegen scheinen ekstatische Zustände 
es zu begünstigen 33 ), das führt zu einer 
Art Schamanentum; der Seher versetzt ; 
sich künstlich in den hellseherischen 
Zustand ^). Der Überwindung des Rau¬ 
mes gesellt sich die Überwindung der 
Zeit; der Seher sieht nicht nur, wo die 
verlorenen Eselinnen sich augenblicklich 
finden; er sieht auch, was geschehen 
wird. 

Dieses ekstatische Prophetentum 
(I. Sam. 10,5) scheint aus Kleinasien 
gekommen zu sein 35 ) (den ältesten Se¬ 
miten war es wohl fremd, zumindest be¬ 
richten die literarischen Quellen nichts 
von ihm 36 )), und es hat sich bis in unsere 
Zeit erhalten 37 ). Man bringt die Bakis, — 
ein Name für ekstatische Wanderprediger 
des 6.—8. Jh.s 38 ), —die dionysischen Scha¬ 
ren 39 ), und die zu Sauls Zeit durch das 
Land streifenden Banden mit ihm in 
Verbindung 40 ). Besonders früh liegt 
eine phönikische Nachricht über einen 
in der Verzückung redenden Jüngling, 
freilich keinen P.en 41 ), vor. ZudenHebrä- j 
em ist die Ekstase wohl in der Samuelzeit 
(I. Sam. 10,5 ff.) gekommen. Diese 
Ekstatiker versetzen sich durch Musik 42 ), 
Tanz 43 ), Selbst Verwundungen 44 ) usw. 45 ) 
in einen Rauschzustand und sprechen 
dann aus diesem, — des Gottes voll 46 ). 
Denn Gott verkehrt mit ihnen anders, 


| näher, als mit gewöhnlichen Menschen. 
Sie sind nicht die Erfinder eines eksta¬ 
tischen Sehens, das findet sich bereits 
bei Primitiven, — aber sie üben es be- 
j wußt; die alte mantische Praxis nimmt 
jetzt dies Mittel auf 47 ), sie bilden end¬ 
lich Schulen. 

j Unter den alten Formen der Mantik 
; existierte eine besondere, das Nachtge- 
| sicht (Hiob 4, 12 ff.) 48 ). Das Wesent- 
i liehe in ihm ist das Hören einer Stimme, 
der der Gottheit 49 ), des Dämons 50 ), 
welcher dem Menschen Offenbarungen 
| schenkt, und zwar ist es ein Dämon, 
welcher den Menschen stets begleitet. 
Der Schritt von hier zum offenbarenden 
Gotte Jahve ist nicht mehr groß. 

Man hat die jüdischen P.en vom Range 
eines Arnos, Hosea, Jesaja u. a. mit den 
Ekstatikern in einen Zusammenhang 
bringen wollen 51 ). Ich glaube, das ist 
verfehlt. Zwar, ihre P.ie erscheint der 
der Ekstatiker oft gleich, sie handelt 
von dem, was werden wird, — deshalb 
wird Amos auch als nebiim, d. h. als einer 
dieser P.en bezeichnet, — aber er wehrt 
sich gegen diese Einordnung (Amos 7, 
12 ff.). Er wendet keine Mittel an, um 
eine Ekstase zu erzwingen; „der Herr hat 
ihn hervorgeholt hinter der Herde“, 
Gottes Geist senkte sich, ohne daß er es 
wollte, auf ihn, er mußte weissagen; er 
ist das Werkzeug dieses Gottes. Die 
schamanistische Ekstase ist durch die 
innere Erregung, die Entzückung, er¬ 
setzt 52 ). Aus dieser Erregung heraus 
straft der P. die Schäden seiner Zeit, droht 
er mit Gottes Zorn und Strafgericht 33 ). 
Die äußere Ekstase und die Hüfsmittel 
sind geschwunden; — „sie haben nur eine 
Quelle der Verkündigung: Gott; Vision 
und Audition, in denen er sich ihnen 
offenbart, bleiben also“; doch werden 
die Visionen seltener 54 ). 

Die Theologie legt bei Betrachtung 
der P.en das Hauptgewicht auf ihre 
Lehrtätigkeit; sie sind ihr die religiösen 
Erzieher des jüdischen Volkes. Wie weit 
das richtig ist, geht uns nichts an, für 
unser Volk sind die P.en vor allem die 
gewesen, die in die Zukunft sahen und 
das enthüllten, was Gott geschehen lassen 


345 


Prophet, Prophetie 


346 


I 

II 

t! 


wollte. „Mit Recht haben daher Well¬ 
hausen und Smend betont, daß das erste 
im Berufe des Propheten wirklich die 
Vorahnung des Kommenden gewesen 
sei“ 55 ). Budde behauptet sogar, sie 
hätten nur deshalb ihre Reden aufge¬ 
schrieben, damit spätere Generationen 
erkennen sollten, daß sie in ihren Unheils- 


Die griechischen Mantiker! 29 ) Hölscher 

Profeten 107. 126 f.; Jastrow 2, 1560. 192 f.; 
Zimmern Beiträge 82h.; H. Duhm Verkehr 
Gottes mit den Menschen im AT. 1926, 460.; 
König 18 f. 33 f.; Fascher 96 ff. Sitzen an 
Kultorten: Hölscher Geschichte 82 0 . Hof¬ 
propheten: I. Reg. 22, 10. Vgl. die Hofpropheten 
sibirischer Khane: Radloff Proben d. Volks - 
liieratur 4, 164. 31S. (In späterer Zeit:) Fascher 


150 f. 152. 


3(J 


) Hölscher Profeten n8ff.; 


i 


P.ien Wahres gesagt 56 ). Ja, die escha- j 
tologischen Momente treten bei späteren 
P.en immer mehr in den Vordergrund 
(Deut ero-Jesaja, der erste Apokalyp- 
tiker 57 )), und zur Zeit Jesu Sirach liegt 
auf ihnen allein der Ton 58 ). Das ist auch 
die Zeit, in der das Wort rpocp^tTjc den 
Zukunftskündiger bezeichnet. Die weitere 
Entwicklung mag hier nicht interes¬ 
sieren, ebensowenig wie die Frage, ob es 
bei andern Völkern des Altertums P.en 
und Prophezeiungen gegeben habe. Es 
handelt sich hier nicht darum, eine Ge- ; 
schichte der P.ie zu schreiben, sondern 
allein darum, aus einem historischen Ab¬ 
lauf, der besser als andere erforscht ist, 
die beiden Begriffe klar zu machen, so¬ 
wie die Stelle kennen zu lernen, aus der 
sich oft genug ein neues P.entum ent¬ 
zündete. 

22 ) Gustav Hölscher Die Profeten 1914, iooff. 
89 ff. 154 ff. 23 ) Über die Berechtigung, beide 
mit einander zu vergleichen: Joh. Lindblom 
Die Literarische Gattung d. prophet. Literatur 1923, 
16ff. 24 ) Hugo Greßmann Altorientalische 
Texte und Bilder zum Alten Testament 1926. 

1, 281 ff.; Arthur Ungnad Die Religion der 
Babylonier und Assyrer 1921, 2990.; Carl 
Frank Studien zur Babylonischen Religion 1 
(1911), 16 f.; Otto Weber Die Literatur der 
Babylonier und Assyrer 1907, i7öff.; Eduard 
König Die messianischen Weissagungen 1923, 
11 f. Vgl. auch Hölscher Profeten 139 f. 
(keine Ekstase am Euphrat); Johannes Hänel 
Das Erkennen Gottes b. d. Schriftpropheten (Bei¬ 
träge z. Wissensch. v. A. T. N. F. 4) 1923, 8; 
König 17 f. 2S ) Alfred Jeremias Das alte 
Testament im Lichte des alten Orients 1930, 551 
N. 4. 26 ) II. Reg. 8, 9. 27 ) Hölscher Profeten 
101. 105 ff.; Ders. Geschichte der israelitischen 
u. jüdischen Religion 1922, 63. 65 f. 73. 82 ff.; 
Paul Scholz Götzendienst und Zauberwesen bei 
den alten Hebräern 1877; Jirku Mantik in 
Altisrael; Hölscher Geschichte 82 ff. 63. 65 f. 
73; Ders. Profeten 107 ff. 151. 156 ff.; I. Sam. 
9.9: 28,3; Hugo Greßmann Die älteste Ge- 


Fascher 148 f. (Elia und Elisa): Hans Duhm 
Verkehr Gottes 66 ff.; Elisas Sehergabe: II. Reg. 
3, 15; 5, 26; 6, 12. 32 f.; 8, 7—15; 3, 1 ff.; 7, 1 ff.; 
8, if.; 13, 14—19; Fascher i2if.; Wundt 
Mythus u. Religion 3 (1909), 640 f. 31 ) I. Sam. 
28, 3 ff.; Fascher 117. 118. 121. 123; H. Gre߬ 
mann Schriften des A. T. Abtlg. II Bd. i 2 , 
257 ff.; Hölscher Profeten 121 ff. 32 ) Hellseher: 
Ernst Sellin Der alttestamentl. Prophetismus 
1912, 4 ff. 311 ff.; dagegen: Hölscher Profeten 
121 ff. 123. 325 ff. 129. 33 ) Hölscher Profeten 
1460. 149 f. 154. 34 ) Hölscher Profeten 

132 ff. 147Ü i43ff.; Hans Duhm Der Verkehr 
Gottes mit d. Menschen im A. T. 1926, 20. Zur 


Technik: Jes. 29,10; Fascher 127 f.; Gre߬ 
mann Älteste Geschichtsschreibung u. Prophetie 
Israels 37; H ö 1 s c h et Geschichte 83 .Vgl. unten Ab¬ 
schnitt 4. 35 ) Hölscher Profeten 14öS.; Fascher 
119. 149; Hölscher Geschichte 83 f.; Gre߬ 
mann Texte u. Bilder 1, 225 ff. Vgl. Sellin 
9 ff. (doch) 213. 36 ) Hölscher Profeten 129 ff.; 
Geschichte 85 N. 68; H. Duhm Verkehr Gottes 
m. d. Menschen 1926, 61 ff. Dagegen Gunkel 
bei Schmidt XXVIII f. 37 ) Pauly-Wissowa 
14, 1263 f. (bis neuplat. Zeit); noch 2. Jh.: 
Sach. 13, 1 ff.; Hölscher Profeten 130; Gre߬ 
mann Ält. Geschichtsschreibg. u. Prophetie 
Israels 37 f. 38; Sellin 8 f. 38 ) Fascher 55. 

w ) Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff Der 
Glaube der Hellenen 2 (1932), 3 1 - 63. 67; Pauly- 
Wissowa 14, 1263. 1266; Fascher 54 f. 66; 
vgl. auch Samter Religion 35. 36t. 4Ü ) Fa¬ 

scher 122 f.; Hölscher Geschichte 96; Ders. 
Propheten 1520.; Greßmann Älteste Ge¬ 
schichtsschreibg . u. Prophetie 39; Alfr. Jeremias 
Alte Test, im Lichte d. alt. Orients 513 f.; Sellin 
9; Wundt Mythus u. Religion 3 (1909), 640. 
4l ) Greßmann Texte u. Bilder 1, 328 ff.; Ders. 
Propheten 38; Fascher 119; Günther Roeder 
Ägypt. Märchen 77; Alfr. Jeremias Handbuch d. 
altoriental.Geisteskultur 226;Ders .AlteTestament 


im alt. Orient 12. 234 ff.; Hölscher Profeten 24. 
133. J 33 ff.; Hänel Erkenn. Gottes 181; Ekstat. 
Propheten zur selben Zeit wie in Kanaan: 
G. Contenau La civilisation pMnicienne 1926, 
131. — Vom Orakelgeben in der Verzückung 
sprach Eduard Meyer Die Israeliten u. ihre 
Nachbarstämme 1906, 87. 42 ) Hölscher Ge¬ 

schichte 84; Ders. Profeten 144; Alfred Jere¬ 
mias a.a.O. 607; I. Sam. 10,5; dazu Gunkel 
bei Schmidt XVIII; Sellin 8; II. Reg. 3, 15; 


Schichtsschreibung und Prophetie Israels 1921, i dazu Fascher 122. 43 ) Hölscher Geschichte 

36 f.; König Messian. Weissagungen 13 ff. 28 ) 84; Ders. Profeten 144. 152; Hauer 75 ff.; 

(Wahrsager am Hof sibirischer Fürsten): I. Reg. 18, 26, dazu Gunkel bei Schmidt 

Radloff Proben d. Volksliteratur 4, 164. 318. XIX; I. Sam. 10, 5; dionys. Banden: Fascher 



Prophet, Prophetie 


55. n8f. 44 ) Hölscher Profeten 131. 144; Ders. 
Geschichte 84; Jer. 23, 9; Sach. 13, 6 (I. Reg. 
18, 28). 45 ) Vgl. zu diesen und andern ekstat. 
Hilfsmitteln unten Abschnitt 4. 46 ) Fascher 

151. 142; dagegen Greßmann Alt. Geschichts- 
schreibg. u. Prophetie Israels 40. 47 ) Vgl. Fa¬ 

scher 131 ff.; Orelli in Haucks RE. 16, 82 f.; 
Sellin 18 ff.; Hölscher Profeten 1520.177 f.; 
Hans Duhm Verkehr Gottes 61 ff. 48 ) Höl¬ 
scher Profeten 82 ff.; Hänel Erkennen Gottes 
H5ff. 49 ) Hölscher Profeten 84. 5ü ) Ebd. 

84 ff. 99 f.; Hans Duhm Verkehr Gottes 20 ff. 
:ßl ) Gunkel bei Schmidt XXIX; Greßmann 
Propheten 37; vgl. auch v. Gail in ARw. 4 (1901), 
365 ff. Das wird auch durch Lindbloms Nach¬ 
weis (Lindblom 97 ff.) des Gebrauches der 
,,Orakelformel'‘ versucht. Dagegen: Hölscher 
Profeten 197 f.; Ders. Geschichte 84; Lorenz 
Dürr Wollen u. Wirken der alttest. Propheten 
1926, 6; Greßmann Ält. Geschichtsschreibg. w. 
Prophetie Israels 37; Gunkel bei Schmidt 
XXIX. Elias u. Elisa Übergangsstadien: Duhm 
Verkehr Gottes 66 ff. 52 ) Gunkel bei Schmidt 
XIX; Hölscher Geschichte 1035.; Ders. Pro - 
feten 188. 63 ) Fascher 154 f.; Hölscher Ge¬ 

schichte 103 ff.; Sellin 219; vgl. H. Duhm 
Verkehr Gottes 94; Fascher 124!. ßS ) Sellin 
239; s. auch Tholuck 23; W. H. Hertzberg 
Prophet u. Gott 1923, 12 f. 56 ) Karl Budde 
Gesch. d. althebräischen Literatur 67 = Lind¬ 
blom 9. 59. 57 ) Sellin 81. ß8 ) Fascher 146. 

4. Psychologische Grundlagen. 

Mehrere Möglichkeiten einer Erklärung 
scheinen gegeben: 

Die P.ie ist eine göttliche oder dämo¬ 
nische Offenbarung. Sie setzt das Dasein 
eines übernatürlichen Wesens und dessen 
Geneigtheit, sich zu äußern, voraus. 

Die P.ie und Weissagung beruhen mit 
dem ,,Hellsehen" (s. d.) auf irgendwelchen 
geheimnisvollen Kräften ,,der Nachtseite 
der Kultur" 59 ), um deren Erforschung 
sich die „Okkultisten" bemühen 60 ). 

Die P.ie läßt sich mit den vorhandenen 
Mitteln der psychologischen Forschung 
erklären oder doch wenigstens notdürftig 
verdeutlichen. D. h. man leugnet die 
übernatürlichen Mächte und Kräfte und 
sieht in ihr Begreifliches. 

Bei einem Versuche, den Vorgang zu 
verstehen, dürfen wir zuerst sagen, daß 
hier ein „religiöses Erlebnis" zugrunde 
liegt. Der Mensch wird überwältigt von 
der Gottheit, zugleich bezwungen, zum 
Nichts gemacht und wieder doch er¬ 
hoben 61 ). Vielleicht bleibt es nur beim 
Erlebnis des Numinosen an sich; viel¬ 
leicht aber auch „offenbart" sich der 


Gott, offenbart seinen Willen, läßt sich 
und seinen Willen erkennen. Das sind 
im letzten graduelle Unterschiede, Fort¬ 
schritte zu einem mehr bewußten Er¬ 
leben. Man nimmt nicht nur mehr hin. 

Von außen gesehen, erscheint ein solches 
Erlebnis als ein Zustand gesteigerten 
„Gefühlslebens" 62 ). In diesem ist das 
Denk- und Willensleben mehr oder weni¬ 
ger auf bestimmte Dinge konzentriert, 
der Ablauf anderer Vorstellungen ge¬ 
hemmt; das Unterbewußtsein schlägt 
durch; parapsychologische Momente 
setzen ein; es zeigen sich ferner körper¬ 
liche Rückwirkungen (starrer Blick, be¬ 
schleunigter Puls usw.) 63 ). Die Ent¬ 
ladung dieser starken Affekte hat man 
als Ekstase bezeichnet 64 ), ein fast-reli- 
giöses Erlebnis 65 ); Ekstase gilt als eine 
Grundbedingung der P. 66 ). Aber das rückt 
ein Äußerliches an die Stelle des Grund¬ 
erlebnisses 67 ). So weist auch Lindblom 
darauf hin, daß es sich nicht immer um 
das handelt, was wir im technischen Sinne 
Ekstase nennen, sondern auch um seelische 
Zustände, die mehr ... an die energische 
Konzentrierung der Phantasie und des 
Gedankens oder an die künstlerische 
Inspiration erinnern. Einmal wird der 
Mystiker ohne Vorbereitung von dem 
überfallen, was er raptus mentis nennt, 
. . . ein andermal setzt er sich selber hin, 
die Feder in der Hand und das Tintenfaß 
vor sich auf dem Schreibtisch. Er konzen¬ 
triert die Aufmerksamkeit auf ein be¬ 
stimmtes Thema, eine gewisse Erregung 
tritt in seinem Seelenleben ein, Vorstel¬ 
lungen und Gedanken strömen über ihn. 
Es ist ihm, wie wenn aus einem wunder¬ 
baren Vorrat eine Fülle von Ideen über 
ihn ausgegossen sei. Dies ist nicht Ek¬ 
stase, sondern eine Erfahrung geistiger 
Eingebung 68 ). 

Eine häufige Äußerungsform „eksta¬ 
tischer Zustände" sind „Sinnestäuschun¬ 
gen" 69 ). Die Religionspsychologie be¬ 
schreibt als solche, d. h. als Visionen im 
weiteren Sinne nach alter Einteilung 
(Augustinus contra Adimantum): Hallu¬ 
zination (Illusion), Imagination und intel¬ 
lektuelle Visionen. Halluzinationen und 
Illusionen verlegen den Vorgang in die 



Prophet, Prophetie 



Außenwelt, und zwar gilt als Halluzination 
•das Sehen von (nicht-wirklichen) Ge¬ 
stalten inmitten der den Visionär um¬ 
gebenden realen Welt 70 ) (Kotters Engel, 
der als Jüngling erscheint und sich als 
solcher bewegt). Unter Illusion begreift 
man die Umdeutung realer Wahrneh¬ 
mungen 71 ) (Rauschen der Bäume = 
Stimmen), während man unter Imagi¬ 
nation bloße Vorstellungen versteht, die 
sich durch eine abnorme Deutlichkeit 
und Lebhaftigkeit auszeichnen 72 ) (Es 
däuchte ihm — Seuse — im inneren Ge¬ 
sichte, daß ein stattlicher Jüngling von 
•oben herabkäme); das ist, was Hänel als 
„innere Wahrnehmung" bei den P.en 
bezeichnete 73 ). Als letzte erscheinen 
•die intellektuellen Visionen, in denen 
nichts der Art im Bewußtsein vorhanden 
ist und der Visionär dennoch etwas wahr¬ 
nimmt oder erfährt, Hänels unmittelbarer 
Offenbarungsempfang 74 ). Die Visionen 
können ebenso zeitlich wie räumlich die 
Nähe und die Feme treffen. Doch haftet 
•dieser Systematisierung etwas Gezwunge¬ 
nes an; sie ist von außen her gegeben; 
es ist wohl besser mit Hauer hier nur 
von „Gesichten" zu sprechen 75 ). Auf 
•den „prophetischen Traum" 76 ), der letzt¬ 
lich zur Inkubation (Tempel-,Gräberschlaf) 
führt, soll hier nur hingewiesen werden. 
Zum Wahrnehmen der transzenden¬ 
ten Welt tritt ein Ergriffensein des Men¬ 
schen durch diese: die Inspiration, eine 
durch das Uberweltliche vermeintlich 
herbeigeführte Erregung des Menschen 
zu besonderen Leistungen 77 ), die mei¬ 
stens als „ekstatische" (s. vorhin) be¬ 
zeichnet werden. Als eine dieser Lei¬ 
stungen ist die prophetische Rede zu 
betrachten 78 ). 

Die hier skizzierten psychologischen 
Vorgänge dürften an ganz bestimmte 
Personen gebunden sein. Nicht jeder 
beliebige kann zum P.en werden. Es 
sind psychisch labile Menschen, oft 
Frauen 79 ). Wenn nur der Saitenspieler 
die Saiten rührte, kam die Hand Jahves 
über Elisa (II. Reg. 3, 15). Häufig sind 
•es sexuell Erregte 80 ), und die Pubertäts¬ 
zeit zeichnet sich besonders aus 81 ); die 
Heidewetter beginnt mit elf Jahren zu 


prophezeien und schweigt später 82 ); die 
Poniatowski mit sechzehn, um ebenfalls 
mit der Heirat die Gabe zu verlieren . 
Auch Schwangere heben sich als P.innen 
hervor 84 ). Schließlich sind Kranke 85 ) 
oder von einem Schreck Gepackte 86 ) zu 
erwähnen; Heinrich Fitzner war blind; 
die Vetter war als wahnsinnig angekettet 
gewesen 87 ). Oder es ist ein ganz beson¬ 
deres, den Menschen durchrüttelndes Er¬ 
lebnis, das ihn aus seinem Gleichgewichte 
wirft, durch welches er als P. „berufen" 
wird 88 ), so die hl. Birgitta durch den 
Tod ihres Mannes 89 ). 

Manchmal bleibt die Berufungsvision 
die einzige, zuweilen wieder ist sie die 
erste vieler sich folgenden. Psychisch 
reizbaren Personen mögen sie ohne ihr 
Zutun kommen; oft aber werden sie 
herbeigeführt, in primitiven Zeiten durch 
Schamanisieren 90 ), Tanz 91 ), Maskenver¬ 
kleidung und -tanz 92 ), dann durch Mu¬ 
sik 93 ), asketische Übungen wie Fasten 94 ), 
sexuelle Enthaltsamkeit 95 ), dauerndes 
Wachen 96 ), Baden, vielleicht gar in be¬ 
stimmten Quellen 97 ), durch Opiate und 
Betäubungsmittel 98 ), Blut 99 ), Selbstver¬ 
wundungen 10 °), „Übungen" 101 ) wie 
die „Yoga-Praxis", Tempel- 102 ) und 
Gräberschlaf 103 ), aber das meiste da¬ 
von gehört doch noch älterer Zeit 
an. Näher liegt, wenn die Offenbarung 
ausgelöst wird durch einen Aufenthalt 
in der Einsamkeit 104 ), an einem Berge 105 ), 
einem Strom 106 ), auf freiem Felde 107 ), 
in der Wüste 108 ), unter einem bestimm¬ 
ten Baume 109 ); so irrte Kotter tagelang 
in der Heide herum 110 ). In tiefer Nacht 111 ), 
wie bei Gewittern 112 ), endlich am frühen 
Morgen überkommt den P.en der Geist 113 ). 
Zu diesen Stimulantien gehört auch 
Nacktheit 114 ), das Zerreißen der Klei¬ 
der 115 ) oder das Tragen von bestimmter 
Kleidung 116 ). 

Zu den gröberen treten geistige „Er- 
regungsmittel‘ 4 : die Konzentration 117 ), 
womöglich mit geschlossenen Augen 118 ), 
die Autohypnose 119 ), der Einfluß der 
Opferhandlung 120 ), des Gebetes 121 ), der 
Bibel 122 ) oder einer Predigt 123 ), derjenige 
des Gottesdienstes an sich 124 ), des Sakra¬ 
mentgenusses 125 ), der „fromme, sitten- 



35i 


Prophet, Prophetie 


reine Wandel“ 126 ). Viele der gröberen 
Mittel sind eher als dem P.en dem Wahr¬ 
sager eigentümlich, die geistigen Stimu- 
lantien hingegen mehr dem P.en, doch 
dienen alle, wie Hauer sagt, zur Er¬ 
weckung oder Bloßlegung des Unter- 
bewußtseins. Oder, vom Religiösen her 
gesehen, sie dienen dazu, den Menschen 
für die Gottheit bereit zu machen (nicht, 
diese herbeizuzwingen, zur Äußerung zu 
zwingen). 

Es ist verständlich, daß psychisch 
labile Menschen, die öfters den Erregungs¬ 
zustand herbeigeführt, in einen Zustand 
äußerster Reizbarkeit geraten, in dem 
sie bei geringster Reizung schon rea¬ 
gieren 127 ). Und das macht auch ver¬ 
ständlich, daß dem Erwachen so oft die 
schwersten Depressionen und Ermüdungs¬ 
zustände folgen 128 ). Der „Prossener“ 
Mann, der freilich nur selten Offenba¬ 
rungen hatte, verspürte nach ihnen ein 
immerwährendes Anregen in ihm und 
eine Freudigkeit, die Sache bald anzu¬ 
zeigen 129 ). 

89 ) Tholuck 4 ff. nach Carus. M °) Alexander 
Spesz Okkultismus u. Wunder (1929), 54 ff. 
57ff. 61 ) J. W. Hauer Die Religionen 1 (3923); 
Rudolf Otto Das Heilige 8 1922. ® 2 ) Wundt 

Mythus u. Religion 2 (1906), 97 f.; danach Höl¬ 
scher Die Profeten 1914, 16 ff. 1 ff. Dazu 
Hänel Erkennen Gottes 62. 63 ) Hölscher 

Profeten 5 f. 14 ff. 18 ff. 64 ) Hölscher Profeten 
4; vgl. Hänel 62f. 65 ) Hauer 94h. 98. 66 ) Gun¬ 
kel bei Hans Schmidt Die großen Propheten 
1923,XVIII; Robinson inZtschr.alttestamentl. 
Wiss. 45, 4; Tholuck 56 ff. So ist Müller bei 
seinen Gesichten ,,entrückt": M. Kemmerich 
Prophezeiungen (1911), 285. ® 7 ) Vgl. auch die 

Kritik Hänel Erkennen Gottes 42 f. 61 ff. an 
Hölscher. ® 8 ) Joh. Lindblom Die Literarische 
Gattung d. prophet. Literatur 1924, 27. 41 ff.; dort 
auch Belege; ferner zu Jak. Böhme: Peuckert 
Die brennende Nacht (1919), 12. Vgl. hierzu 
auch: J. Hänel Das Erkennen Gottes bei d. 
Schriftpropneten 1923, 62 f. und Lindbloms 

Einwände: Lindblom 44; Knut B. Westman 
Birgitta-Studier 90 f. 69 ) Hölscher Profeten 
35; Hauer 87 f. Zu ,,Vision": Traugott Kon¬ 
stantin Oesterreich Einführung in die Reli¬ 
gionspsychologie 1917, 25 ff. 70 ) Oesterreich 

28ff. Vgl.Hölscher Profeten 35ff. 450., wo auch 
die Imagination zugerechnet wird, und Wundts 
Scheidung in Wach- und Traumvisionen: 
Wundt Mythus und Religion 2 (1906), 94 ff.; 
Hänel 42 ff.; Westman Birgitta-Studier 87 f. 1 
u. (wichtig!) 88 f. Zu Augustins Visiones corpo- 
rales, imaginariae et intellectuales vgl. Joh. 


^ £ 'y 

Lindblom 30. Als Beispiel neuerer Zeit: Bauer 
I Martin: Friedr. Bülau Geheime Geschichten u. 
rätselhafte Menschen 11 (1864), 394!. 447. 

71 ) Oesterreich 30 f.; Hölscher Projeten 45 ff. 
Hierher zählt Oesterreich auch die Massen¬ 
visionen. 72 ) Oesterreich 31 ff. Ebendort 
über das Verhältnis von Ort und Zeit, Wach¬ 
visionen. 73 ) Hänel Erkennen Gottes 83 ff. 85. 
100. 74 ) Oesterreich 46 ff.; Hänel Erkennen 
Gottes 143 ff. 145; Duhm Verkehr Gottes 94; 
Knut B. Westman Birgitta-Studier 1911, 81; 
Joh. Pordage Göttliche u. wahre Metaphysica 
3 (1715), 539 ff.; Schnitzer Savonarola Aus¬ 
wahl 29. 78 ) Hauer 208 ff. 7 ®) Hauer 227 ff. 
240. 257 ff.; Hänel Erkennen Gottes 128 ff. 
77 ) Oesterreich 50. 78 ) Ebd. 49 ff. 7S> ) Höl¬ 
scher Profeten 41; Gunkel bei Schmidt 
XXII; Hans Duhm Verkehr Gottes 18 ff.; 
Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff Glaube 
d. Hellenen 2 (1932), 34. 67; Somnambule: Char¬ 
les Riehe t Traili de Metapsychique 1923, 468 ff.; 
Joh. Heinr. J ung-Stillings Theorie d . Geister¬ 
kunde (Sämtt. Schriften 1837) 6, 408 f.; Tholuck 
61 .; Westman Birgitta-Studier 99 ff.; Hans 
Engel brecht Warhafftige Geschieht u. Ge¬ 
sicht 1640 F4 A.; Spesz Okkultismus «. 
Wunder 69 ff. Dagegen Johansen: Max Des- 
soir Vom Jenseits d. Seele 1931, 147. 80 ) So die 
Vetter: Gottfr. Arnold Unparteyische Kirchen - 
u. Ketzer-Historie 3 (1700), 2730.; Guyon: 
Perty 638; Westman Birgitta-Studier (104 ff.) 
n6ff. 81 ) Hölscher Profeten 41; Pauly- 
Wissowa 14, 1264; Hauer 2i6f.; Jeanne 
d\Arc(?): Perty 628; Dessoir 2; Tholuck 7; 
Westman Birgitta-Studier 100; Arnold 3, 225. 
227. 82 ) Göttliches Wunder-Buch 1629 (Breslau 
Univ.-Bibl. Theol. ree. X Qu. 139) Hmj R. 
83 ) Revelationes Christinae Poniatoviae in (Arnos 
Comenius) Lux e tenebris 1655 P. II, 5 ff.; 
Arnold 3, 22 § 16 — S. 217. 84 ) H. Duhm 
Verkehr Gottes 19; Hölscher Profeten 37; Die 
Vetterin: Arnold 3, 273 f.; Birgitta fühlt 
Kindsbewegungen (nicht schwanger): West¬ 
man Birgitta-Studier 93 h Kindbetterin: Mei- 
che Sagen 452 f. — Cecile V6 während den Men¬ 
struationen: Dessoir 2. 8S ) Greulich: Arnold 
3, 2480.; die epileptische Anna Fleischer: 
Arnold 3, 208. Poniatovska: Comenius 5 f. 
8 ®) J. W. Hauer Die Religionen 1 (1923), 64 f. 
nach Frobenius Weltanschauung d. Natur¬ 
völker 1898, 256 ff.; Hauer 382!.; Meiche 
Sagen 452 f. 87 ) Fitzner: H(einrich) F(itz- 
ner) Dreyfaches Gespräch zwischen einem flüch¬ 
tigen Pater aus Rom 4 (1744), 45. Vetter: Ar¬ 
nold 3, 274 f.; Gunkel bei Schmidt XXII. 
XXIV. 88 ) Hölscher Profeten 470; Hauer 
(s. o.) 99 f. 89 ) Frederik Hammerich St. Bir¬ 
gitta 1872, 73 ff.; Westman Birgitta-Studier 
103 ff. 9Ü ) Hauer 331 f.; ZfdMyth. 4, 160 f. 
(ob Weissagen oder Wahrsagen?); Georg Nio- 
radze Der Schamanismus bei d. sibirischen 
Völkern 1925, 99; Stoll Suggestion 36; Perty 
576 f.; Meiche Sagen 5 f.; Tholuck 8 ff.; über 
das Recht, den Schamanen hierher zu ziehen: 
Wundt Mythus u. Religion 3 (3909), 636 f. 640. 


353 


Prophet, Prophetie 


354 


* l ) Hölscher Geschichte 84; Ders. Profeten 
152; Hauer 7 ff. 10 ff. 17 f. 75 ff. 239 f.; 
Gunkel bei Schmidt XIX; Greßmann 
Alteste Geschichte u. Prophetie in Israel 39; 
Hauer 401 ff.; I. Reg. 18, 26; I. Sam. 10, 5 ff.; 
19, 18 ff.; Derwische usw.: Greßmann Alt. 
Geschichte 38, Hauer 383; Perty 578; Antike: 
Pauly-Wissowa 14, 1266; Fascher 119. 

118 f. 59; Kregel wird der Abendtanz verboten. 
•*) Wundt Mythus u. Religion 2 (1906), 103; 
Hauer 81 f. 396 ff. 93 ) Hölscher Geschichte 
«41 Ders. Profeten 11. 473; Alfr. Jeremias 
Alte Test, im Licht d. alt. Orients 607; 1 . Sam. 10, 
5; dazu Gunkel bei Schmidt XVIII; Sellin 
8 ; Orelli in Haucks RE. 16, 83; II. Reg. 3, 
15, dazu Fascher 122; Derwische: Greßmann 
Alt . Gesch. 38; Hauer 383 ff.; Engelbrecht 
singt und hört Engel musizieren: Engelbrecht 
Geschichte HA. Ich rechne hierher auch die 
..Lärminstrumente": Hauer 383 ff. 94 ) Höl¬ 
scher Profeten 36 f. 471; Gunkel bei Schmidt 
XIX; Daniel 9, 3. 21; 10, 2 ff.; IV. Esra 5, 20; 
6, 35 ; Apoc. Baruch 9, 2 f.; 12, 5; 20, 5; 43, 3; 
47, 2; 48, 1. 25; Tylor Anfänge d. Kultur 2, 18; 
Antike: Pauly-Wissowa 14, 1265. 1274; 

Poniatowska: Comenius 6. 15; unfreiwillig 
Kotter: Wunderbuch 6; Engelbrecht als Beweis 
der Wahrheit seiner Gesichte: Engel brecht 
Brief A2 A; A4 A; Johansen (s. Welt¬ 
kriegsprophetie): Dessoir 147 (trank und 
rauchte nicht); Pordage 1, 680; Westman 
Birgitta-Studier 79. Vgl. ZfEthnol. 56 (3924), 
56 ff. 95 ) Kregel 24; (Swedenborg:) 
Perty 643. 644; Johansen: Dessoir 147; 
Pordage 1, 680. Müller enthält sich 7 Tage 
seiner Frau: M. Kemmerich Prophezeiungen 
(1911), 243. Vgl. ZfEthnol. 56 (1924), 56 f. 
M ) Engelbrecht Brief B 4 R; Ders. Geschichte. 
S7 ) Didyma, Klaros: Pauly-Wissowa 14, 
1265. 98 ) Vgl. Perty 625 t.; Hölscher Pro¬ 

feten 36; Hauer 73 h.; Gase einatmen (Delphi 
usw.): Pauly-Wissowa 14, 1264. 1265; 

Samter Religion 37; Dunst aus Wasser Didy¬ 
ma, Wasser bestimmter Quellen getrunken 
(Kassotis usw.); Pauly-Wissowa 14, 1264; 
Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff Glaube 
d. Hellenen 2 (1932), 27 f.; Perty 626; 

Karl Buresch Klaros 1889, 29C; Bier: Kotter: 
Wunderbuch 45; Wein: Hölscher Profeten 
3i f.; Trunkenheit: Jes. 28,7 h.; Hauer 383; 
ZfdMyth. 4, 160 f.; Kaffee: Swedenborg, s. 

Perty 643; Lorbeerblätter, Gerste kauen 
(Delphi): Pauly-Wissowa 14, 1265; Wilamo¬ 
witz-Moellendorff 2, 30 f.; Samter Religion 
37; narkot. Räuchermittel: Pauly-Wissowa 
34, 3261. 1275; Hauer 383; Perty 578; Pflanzl. 
Narkotika: Revue Metapsychique Juli-Aug. 
1926; Datura sanguinea: Tylor Anfänge 2, 
418 = ZfVk. 2, 418; Arsenik: Perty 577 f.; 
Tabak: Hauer 54. 386; ZfdMyth. 4, 160 f. 
Dutry: John Fryer A new account of East 
India 1698, 33 — ZfVk. 15, 88 (vgl. Barg- 
heer-Freudenthal Handwörterbuch III). 
") Hauer 69; in Aigeira trank die Orakel¬ 
priesterin frisches Stierblut: Pauly-Wissowa 

Bachtold-Stäubli, Aberglaube VII. 


14, 3266. 10 °) Hölscher Profeten 12 f. 19; 

Ders. Geschichte 84; Jer. 23, 9; Sach. 13, 6; 
I. Reg. 38, 28; Perty 577; H. Duhm Verkehr 
Gottes m. d. Menschen 62. Verwundung 
| macht prophezeien: Perty 621 f.; die gekreuzig- 
! te Pariser Spitzenwäscherin: Fr. Bülau 
Geh. Geschichten u. rätselh . Menschen 1 (1863), 
409. l01 ) Hauer 72 ff.; Pordage 675 ff. (das 

■ jungfräuliche Leben). 102 ) Hauer 2580.; 
Stoll Suggestion 51 f.; Paul Scholz Götzen¬ 
dienst 11. Zauberwesen bei d. alten Hebräern 
1877, 93; Samter Religion 35 f. 40 ff.; Beth 
Religionsgesch. 62; Wilamowitz-Moellen¬ 
dorff Glaube d. Hellenen 2, 28; Fr A. Wolf 
Vermischte Schriften 1802, 382 — Tholuck 
3.6; Hieronymus ad Jes. 65,4. 103 ) Hauer 

1 258 ff. 240. 257 ff.; Fascher 149; Stoll 

! Suggestion 51 f.; Scholz 93; Pauly-Wissowa 
14, 1273 f. 104 ) Hölscher Profeten 39. So 
auch Delphi: Wilamowitz-Moellendorff 
Glaube d. Hellenen 2 (1932), 27!. 105 ) II. Reg. 

1, 9; 4, 25; in Höhle: Hölscher Geschichte 62; 
Ders. Profeten 39; I. Reg. 19, 9; Exodus 33, 
22; Apoc. Baruch 21, 1; 31 2; Rischmann: 

Kühnau Sagen 3, 524 ff. 106 ) (Ezech. 1, 1 f.; 
3o, 20 ff ); Dan. 10, 4; Aeth. Henoch 13, 7; 
Apoc. Baruch 5, 5; Kotter: Wunderbuch 32. 
36. 39. 107 ) Hölscher Profeten 39; Ezech. 3, 

22; 37, 3; IV. Esra 9, 26; 32, 40; 34, 3; Engel¬ 
brecht Brief A2 R; A4 A; Heinr. Federer 
Niklaus von Flüe (3928), 312. lc8 ) Matth. 3, 1; 
I. Reg. 39, 4. 8. 109 ) I. Reg. 39, 4; IV. Esra 

14, 3; Apoc. Baruch 6,2; Kotter: Wunderbuch 
72. Uü ) Wunderbuch 63. 72. in ) Hölscher 
Profeten 39 f. (Sacharia); I. Sam. 3,3; IV. Mose 
12, 8f.; Joh. Pordage Göttliche u. wahre 
Metaphysica 1 (3735), 653. Drabic: (A. Co¬ 
menius) Lux e tenebris 8; Kotter: Wunder¬ 
buch 96 f.; Greulich: Arnold 3, 248 ff. Gill- 
hausen (s. Weltkriegsprophetie): Dessoir 145; 
Johansen (s. Weltkriegsprophetie) ebd. 148; 
Charles Riehe t Traite de Metapsychique 3923, 
496; Schnitzer Savonarola Auswahl 32; (Kar¬ 
freitagnacht) ebd. 35 (Meiche Sagen 646); 
vgl. ,,Nachtgesicht": s. Abschnitt 3; 135 ff. 
112 ) Kotter Wunderbuch 72 f. 113 ) Wunderbuch 
26. 32. 97; Johansen: Dessoir 348. U4 ) I. Sam. 
39, 24; Jes. 20; vgl. Gunkel bei Schmidt 
XXI. U5 ) Apoc. Baruch 9, 2. ll6 ) Pauly- 
Wissowa 34, 1265. 117 ) Hauer 83 f.; Gunkel 
bei Schmidt XIX f.; Greulich: Arnold 3, 
248. 118 ) Bileam: Num. 24, 3. 35. 119 ) Höl¬ 

scher Profeten 40. 58 ff. 66 ff.; H. Duhm 
Verkehr Gottes 20; Ansehen einer Wolke: Kotter: 
Wunderbuch 30; Greulich muß stets den Himmel 
ansehen: Arnold 3, 2480., ,,wie er so blutig 
ist"; den Himmel ansehen muß auch der 
anonyme niederdtsch. Visionär: Arnold 3, 
Additamenta; Georg Reichart Erster Theil 
Etzlicher sehr nachdenckl. Visionen 3640 Ciij A.; 
Starren in glänzende Gegenstände: Hauer 
67. 79. 276 ff. 3830.; Horst Deuteroskopie 
3, 60 — Tholuck 58. Nabel: Perty 628. 
(Auch Hypnose der Umstehenden:) Hölscher 
Profeten; Joh. Pordage Götti, u. wahre Meta- 


12 



355 


Prophet, Prophetie 


356 


physica 1 (1715), 654; Engel brecht Ge¬ 

schichte HR seq.; philadelph. Gesellschaft 
Pordages: Perty 637; s. ebd. 653 ff. 120 ) Hauer 
68 ff.; Kühnau Sagen 3, 500 t. (Messe). 

121 ) Jer. 11, 18 ff.; 14, 130.; 32, 16 ff. 42; 
Poniatowska: Comenius 6; Wunderbuch 170; 
Drabic: Revelationes in (Comenius), Lux e 
tenebris 8; Greulich: Arnold 3, 248; Engel¬ 
brecht A4 A; Kühnau Sagen 3, 500; Bauer 
Martin: Friedr. Bülau Geheime Geschichten u. 
rätselhafte Menschen 1 (1864), 464 f. Vgl. das 
gemeinsame chor. Beten der Derwische: Greß- 
mann Alt. Geschichte 37 f. 122 ) Engelbrecht 
Geschichte F5 R; Johansen: Dessoir 1475.; 
Savonarola scheint sich an der Apoc. Johann, ent¬ 
zündet zu haben: Schnitzer Savonarola Aus¬ 
wahl 30 f.; s. auch Müller: Kemmerich Prophe¬ 
zeiungen 243 f. 265. 245. Vgl. die dauernden 
bibl. Zitate in den Prophetien. 123 ) Kotter: 
Wunderbuch 2. 30. 124 ) Gunkel bei Schmidt 
XIX. 125 ) Greulich: Arnold 3, 248. 128 ) Kre¬ 
gel 1. 9; Johansen: Dessoir 147; Joh. Heinr. 
Jung-Stillings Theorie d. Geisterkunde 
(Sämtl. Schriften 1837) 6, 410 f. 463 ff. ^Höl¬ 
scher Profeten 149 f. 154; Ludwig Stauden¬ 
maier Die Magie als experimentelle N aturwissen- 
schaft 1912, 36 ff.; II. Reg. 6, 32 ff.; Ez. 8, 1 ff. 
(am Tag unter gleichgültigen Zuschauern); die 
Poniatowska: Wunderbuch 213. 216. 128 ) Höl¬ 
scher Profeten 15 f. 26 ff. 40 f. 470 unter Er¬ 
schöpfung usw.; vgl. auch ebd. 69 f.; Hänel 
63 ff. 129 ) Fr. Bülau Geh. Geschichten u. rätsel¬ 
hafte Menschen 7 (1864), 436 = Max Kemme¬ 
rich Prophezeiungen (1911), 231. 

5. Begleiterscheinungen. 

Der ekstatische Zustand ist häufig von 
einer Reihe besonderer Erscheinungen 
begleitet. P.en „rasen** 13 °), verfallen 
in Krämpfe und Zuckungen 131 ), ihre 
Gesichtszüge entstellen sich 132 ). Sie er¬ 
scheinen wie „trunken* * 133 ) und ver¬ 
spüren einen besonderen Geschmack auf 
der Zunge 134 ); ihr Atem stockt 135 ), die 
Sinne schwinden 136 ); die Poniatowska 
empfindet ein Erstickungsgefühl, als sei 
sie im tiefen Wasser 137 ). Andere sind 
wie blind 138 ) und stumm 139 ); Levita¬ 
tionen stellen sich ein 14 °), und sie sind 
gegen Verwundungen fest 141 ). Zu diesen 
Erlebnissen passiver Art treten Hand¬ 
lungen. So rennt Elias meilenweit vor 
Ahabs Wagen her 142 ); andere (Kotter) 
wandern tagelang ziellos hin und her 143 ): 

Kotters Irrfahrten 

7.—17. August 1622 

7. August 1622 von Sprottau über Weichau bis 
Eckersdorf. 8. August Eckersdorf — Neu¬ 
hammer. 8./9. 9. /io. in Neuhammer. 10. Au- 


We/chau 


er 


MusJcau 


So rau \ 

Zckersdorf/ V 

Sagau f Mal/rmfz 
AA^P 


RauscAa 


^ Sprottau 


Weuhammer 8. -JO. 




r* 


& 


Pen 7J^f K0h/furf Bunz/au 


JrX Ungenau 




» 


\acnsen 


GÖRLITZ 


Lauban 


gust Neuhammer—Penzig. 11. August Penzig 
—Zodel. 12. August Zodel—Görlitz—Langen¬ 
au. 13. August Langenau—Kohlfurt. 14. 
August Kohlfurt—Penzig. 15. August Penzig 
—Ludwigsdorf er Berg—Langenau. 16. August 
Langenau—Mallmitz. 17. August Mallmitz— 
Rauscha—und mit Wagen nach Görlitz. 

Johann Adam Müller ist unstet und un¬ 
ruhig 144 ). Der Geist Gottes trägt sie an 
einen fremden Ort 145 ). Sie reißen sich 
die Kleider ab 146 ), verwunden sich 
selbst 147 ), und schließlich ergreift ihr 
Zustand auch andere 148 ). 

Aber das wichtigste sind doch ihre Ge¬ 
sichte 149 ). Besonders Visionen sind häufig 
belegt 150 ). Der Heimgesuchte sieht grelle 
Lichter, Wetter leuchten, die Gestirne, 
göttliche Wesen im Licht 151 ), wie der Bauer 
Martin 152 ), weiter erscheinen ihm Ge¬ 
stalten, besonders solche göttlicher Art 153 ), 
ganze Geschehnisse 154 ), Bilderreihen 155 ) 
rollen sich vor ihm ab, und er durch¬ 
wandert Himmel und Hölle 156 ), ist hier 
und da im Geist 157 ). Zuweilen auch 
sieht er nur symbolische Dinge 158 ), so wie 
die P.en des 17. Jh.s Wappentiere, — wie 
ja auch die Geschehnisse symbolisch ge¬ 
deutet werden 159 ). Oft sind es nur all¬ 
tägliche Dinge; aber Gott läßt den P.en 
„die Dinge und ihre Bedeutung 
sehen** 160 ). Auch von Auditionen ist 
oft die Rede 161 ). Der Entzückte hört 
das Brausen der Winde 162 ), Knattern 
und Krachen 163 ), ungeheuer laute Töne 164 ), 

Posaunen 165 ), das brausende Gewühl der 


357 


Prophet, Prophetie 


358 


Völker 166 ), Stimmen 167 ) in den Lüften, 
Geschrei der Geister 168 ), Gesänge von 


oben 169 ), Stimmen am Ohr 170 ); er hört 
in Gottes Rat zu 171 ), dessen Engel unter¬ 
weisen ihn 172 ), ja zuletzt werden die 
Offenbarungen oft nur noch Unter¬ 
weisungen 173 ), wobei, wie schon häufig 
zu bemerken Gelegenheit war, die Bibel 
Vorbild ist, der P. sie — unbeabsichtigt — 
kopiert 174 ). Abweichend von andern ist 
der Fall Georg Reicharts, des sächsischen 
Schulmeisters um 1640, welchem der 


Geist allezeit nach Empfahunge eines 
schönen lieblichen Geschmacks im Munde 


und gar herrlichen Geruchs in seiner 
Nasen, erschien 175 ). Das Gefühl, daß 
der Dämon, Gott ihn ergreife, tritt ein 176 ). 


130 ) Greßmann Ält. Geschichte 38; Höl¬ 
scher Profeten 20 f. 131 ) Hölscher Pro¬ 
feten 13 ff.; Jes. 21, 1 ff., vgl. Gunkel bei 
Schmidt XXI; Dan. 10, 11; Aeth. Henoch 14, 
14; 60,3; Jer. 23, 9; Hiob 4, 14; Derwische: 
Greßmann Ält. Geschichte 38; Poniatowska: 
Wunderbuch 172; Rischmann: Kühnau Sagen 
3, 525; Heidewetter: Wunderbuch. 132 ) Dan. 
7, 28; 10, 8. 133 ) Jer. 23, 9; Gunkel bei 

Schmidt XXI. 134 ) Ezech. 3, 2; Apoc. Jo¬ 
hannes 10, 10. 135 ) Dan. 10, 8. 136 ) IV. Esra 

IO, 30. 137 ) Wunderbuch 172. 174. 138 ) II. Mak- 
kab. 3, 27; Jes. 21, 3; Acta apost. 9, 8f.; 9, 18; 
22, 13; Hölscher Profeten 14. 139 ) Hölscher 

Profeten 14 f.; Bscherer: Arnold 3, 219. 

M# ) Hauer 89; Ezech. 8, 3; 11, 24; 40, 1 f.; aber 
doch nur das subjektive Empfinden derselben. 

141 ) Engelbrecht Brief B 5 A; Perty 628!. 

142 ) I. Reg. 18,46; vgl. Gunkel zu Schmidt 

XXI; Hauer 89. I43 ) I. Sam. 19, 23; Höl¬ 

scher Profeten 29 f.; Kotter: Wunderbuch 19. 
35 f. — Ich habe aus den Angaben Kotters 
für einen bestimmten kurzen Zeitraum eine 
Kartenskizze seines Umirrens gezeichnet, die 
das besser als Worte zeigt. 144 ) Kemmerich 
Prophezeiungen 246 f. 145 ) Ezech. 3, 14; 

I. Reg. 18, 12; II. Reg. 2, 16; Hölscher Pro¬ 
feten 67!.; Alfr. Jeremias Alte Test, im Lichte 
d. alt. Orients 605; Rischmann: Kühnau 3, 
525. 530; Zeller Hirschbergische Merckwürdig - 
keiten 1 (1720), 181. 14Ä ) I. Sam. 19, 24. 

l47 ) I. Reg. 18, 28; Sach. 13, 6. 148 ) I. Sam. 10, 
10; 19, iS ff.; Gunkel bei Schmidt XIX; 
Greßmann Ält. Geschichte 40; Derwische: 
Ebd. 38; Stoll Suggestion 33 f. 149 ) Lind- 
blom 38 f. 68. 150 ) Hölscher Profeten 16 ff. 

37 ff. 41 ff. 151 ) Ezech. 1; Dan. 10, 5 f. 15; 
Aeth. Henoch 14; Hölscher Profeten 42 f.; 
Hänel 65!.; Kotter: Wunderbuch 152; Müller: 
Kemmerich Prophezeiungen 243; Poniatowska: 
Ebd. 171; Anna Fleischer: Arnold 3, 208 ff.; 
Georg Reichart Erster Theil Etzlicher sehr 
nachdencklicher Visionen und Offenbahrungen 


1640 AijA AiijR. Greulich: Arnold 3, 
248 ff.; Engelbrecht Brief Ä2 R. A 4 A. 
A5A; Lindblom 20 N. 3; Westman Birgitta- 
Studier 82 f.; Wetterleuchten: Greulich: Ar¬ 
nold 3, 258. Blitz: Müller: Kemmerich 
Prophezeiungen 242. 287. Gestirne: ebd.; 

Kotter: Wunderbuch 6. 15. 18. 152 ) Bülau 
Geheime Geschichten 1, 415 f. 153 ) Dan. 10, 
2 ff.; 9, 3 ff.; Hölscher Profeten 27; Kotter 
durchgängig; Westman Birgitta-Studier 83; 
der „Prossener Mann“: Bülau Geh. Geschichten 
7, 424. 425 ff.; (Der Prossener Mann sieht nicht 
im Traum, sondern im Wachen, kennt auch 
keinen Offenbarungsmittler); dieselben An¬ 
gaben: Kemmerich Prophezeiungen 211 f. 232. 

154 ) Hölscher Profeten 37; Kotter: Wunder- 
buch 3; Westman Birgitta-Studier 83 f.; 
der „Prossener Mann“: Kemmerich Prophe¬ 
zeiungen 231 1.; Müller: ebd. 242. 244!. 287. 

155 ) Kotter durchgängig. 15# ) Die Apokalyptiker; 

Hölscher Profeten 72 f.; Schnitzer Savona¬ 
rola 1, 292 f.; Joh. Lindblom Die Literarische 
Gattung d. proph. Literatur (Uppsala Universitets 
Ärsskrift 1924), 21; Westman Birgitta- 

Studier 84!.; Heyl Tirol 35 Nr. 40. 157 ) II. Reg. 
5, 26; Ezech. 8; Hölscher Profeten 70 ff. 
lbS ) Hauer 217 ff. Kotter; Westman Bir¬ 
gitta-Studier 84. Vgl. auch Hölscher Profeten 
30 f. 45 ff. 159 ) Hölscher Profeten 45 ff.; 
Hosea 1; Jes. 7, 14 ff. usw. 18 °) H. Duhm 
Verkehr Gottes 98; vgl. Peuckert Carl Haupt¬ 
manns Sendung 1933. 181 ) Hölscher Profeten 
38 f.; der „Prossener Mann“: Fr. Bülau Geh. 
Geschichten u. rätselhafte Menschen 7 (1864), 
436; Müller: Kemmerich Prophezeiungen 
247. 182 ) Greulich: Arnold 3,258. 183 ) Ezech. 

3, 12 f. 164 ) Hölscher Profeten 44. Dagegen 
„Flüstern“: Johansen: Dessoir 148. 185 ) Jer. 

4, 19; Kotter: Wunderbuch 43. 62. 188 ) Jes. 17, 

12; 6, 3 f.; Ezech. 1, 24; 3, 12 f.; 10, 5. l87 ) Jes. 
40, 3 ff.; Lindblom 20. 22; Westman Bir¬ 
gitta-Studier 81. 188 ) Kotter: Wunderbuch 40. 

176!. I89 ) Kotter: Wunderbuch 120; Georg 

Reichart Erster Theil Etzlicher sehr nach¬ 
dencklicher Visionen 1640 AiijA. 17 °) Bauer 
Martin: Bülau Geh. Geschichten 11, 441; 

Lorenz Clasen: H. Duhm Verkehr Gottes 96 
nach Enno Nielsen Das große Geheimnis in 
Neuzeit u. Gegenwart 266 f. 171 ) Jer. 23, 118. 
22; I. Reg. 22, 19; Jes. 6; Gunkel bei Schmidt 
XXIV; Hölscher Profeten 72; Pauly- 
Wissowa 14, 1263. Heidewetter: Wunderbuch 
Liiiij A (nach Apoc. Jo. 4). 172 ) Dan. 10, 7 ff. 

Kotter, Kregel; Engelbrecht Brief A2 R; 
Schnitzer Savonarola-A uswahl 30; ders. Savon¬ 
arola 1,537!.; Lindblom 22; Westman Bir¬ 
gitta-Studier 9. Nachw. 185. 173 } Kotter; 
Westman Birgitta-Studier 81; Georg Reichart 
Erster Theil Etzlicher sehr nachdencklicher Visionen 
Hall 1640. 174 ) Schnitzer Savonarola-Auswahl 
32 f. IV; Kemmerich Prophezeiungen 216 
über den „Prossener Mann“. 175 ) Reichart Vi¬ 
sionen Aij A. 176 ) Hölscher Profeten 22 fl. 31; 
Dürr 8; Jer. 20, 7; Hertzberg. 44; Lind¬ 
blom 41 f. 43f.; Wundt Mythus u. Religion 



359 


Prophet, Prophetie 


360 


2 (1906), 96. Die Initiative für das „Wissen” 
des P.en geht, so empfindet er es, gänzlich von 
der Gottheit aus, er will nicht in deren Wissen 
eindringen; Hertzberg 28 f. 29 p 46 f. 

6. Der p.ische Geist. Der P. ist 
von einem überirdischen Wesen „be¬ 
sessen“ 177 ), vielleicht von einem Toten¬ 
geiste 178 ), von Dämonen 179 ), Teufeln 
oder Lügengeistern, die Gott zuläßt 180 ), 
zumeist natürlich von Gott 181 ); er ist 
von Gottes Geist 182 ) voll, wie ja seine 
Seele in Gottes Gemeinschaft weilt (s. o.). 
Nach griechischem Glauben enthalten 
die Elemente göttliche Kraft und ema¬ 
nieren sie auf den Mantiker 183 ). Die 
Heidewetter sprach erst aus sich selbst, 
dann sprach Jesus aus ihr; eine französi¬ 
sche Bäuerin sprach 1913, als ob sie die 
Jeanne d\Arc sei 184 ). Dem französischen 
Bauer Martin (um 1830) erschien der 
Engel Raphael, der ihn aussandte und 
ihm die zu verkündenden Worte eingab 185 ), 
dem Joh. Adam Müller „der Geist 
Gottes“ I86 ), der Anna Fleischer ein 
„Glanz“ in Gestalt eines Kindes 187 ), 
häufig „ein Engel“ 188 ). j 

177 ) Hauer 375 ff.; H. Duhm Verkehr Gottes 
mit den Menschen 21. 178 ) Pauly-Wissowa 14, 
1260. 1272; I. Sam. 28. Dazu Wundt über den j 
Seelenvogel: Mythus u. Religion 2 (1906), 73; 
Beth Religionsgesch. 61. 179 ) Hölscher Pro¬ 

feten 85 f.; Beth Religionsgesch. 58;Tholucki. 
J8 °) I. Sam. 18, 10 (der böse Geist); I. Reg. 22, 
20 ff. Die Anna Fleischer: Arnold 3, 208 f. 
(Lügengeist); Meie he Sagen 452 f. Daneben 
gibt es „falsche” P.en. 181 ) Micha 3, 5; Pauly- 
Wissowa 14, 1260. 1259. 1262 f.; Hölscher 
Profeten 24. 25 f.; Beth Religionsgesch. 58; 
Hauer 4i6ff.; Dessoir 5; Tholuck 44ff.; 
Lindblom 19. 25. 182 ) Hölscher Profeten 

24 f.; Fascher 151. 141 f.; Beth Religions- j 
gesch. 58. 183 ) Pauly-Wissowa 14, 1265 t. I 

184 ) Richet 511. 185 ) Fr. Bülau Geh. Geschichten 
u. rätselhafte Menschen 11 (1864), 401. 417. 18 ®) 
Kemmerich Prophezeiungen 287. 242. 243. 275. 
281.288. X87 ) Arnold 3, 209. 188 ) Martin Drö- 
scher in Goglau (Schweidnitz): Arnold 3, 211; 
Bscherer: ebd. 3, 219; Brigel: ebd. 3, 225; Sophie 
Lotter: ebd. 3, 225; Hans Engelbrecht Brief, 
Warhafftige Geschieht u. Bericht 1640 an vielen 
Orten; Georg Reichart Erster Theil Etzlicher 
sehr nachdencklicher Visionen 1640 AiijR. 

7. Die Formen der P.ie. Der 
Theologe scheidet im alten Testament ein 
Wort- und Schriftpropheten tum, eine 
Scheidung, die auch hier Wert hat. Wir 
kennen P.ien, die nur zu den Umstehenden 
gesprochen (Rischmann), und andere, die 


vom P.en aufgezeichnet wurden (Kotter). 
Hieraus erklären sich Verschiedenarten 
des Stiles. Ein schreibender P. kann in 
Bilderreihen, Symbolen schwelgen; der 
Wort-P. gebraucht die kurze Rede, wenn 
auch Vermischungen (etwa bei Risch¬ 
mann) erscheinen. Man könnte auch 
sagen; der Wort-P. sagt, was er eben 
sieht; der Schrift-P. teilt mit, woran er 
sich noch zu erinnern weiß. Dabei wird 
seine Rede sinnvoller, logischer, aber auch 
leerer, symbolistisch 189 ); der wahre P. 
ist der Wort-P. Als charakteristisch für 
den Ekstatiker gilt, daß er, dem 
Zungenredner ähnlich, verkündet; Aus¬ 
rufe 190 ), laute Schreie 191 ) werden häu¬ 
fig erwähnt. Aber die ekstatische Glos- 
solalie steht doch unterhalb der 
Grenze des Prophetentums; keine halb¬ 
verständlichen Laute begegnen, son¬ 
dern die klare Aussage 192 ). Höchstens 
spricht der P. in metrischen Formen 193 )„ 
singt 194 ); meist aber berichten die P.en 
ihre Gesichte 195 ), reden und lehren mit 
gewaltig erhobener Stimme 196 ). 

Das, was wir kennen, sind aber nicht 
Äußerungen der Wort-P.en; wir müssen 
ihre Tätigkeit erst mühsam rekonstru¬ 
ieren. Die Stilform der Schrift-P.ie, die 
einige Aufschlüsse über ihr Wesen geben 
könnte, bedarf noch eingehender Unter¬ 
suchungen. Bisher liegt lediglich ein 
Aufsatz von Lindblom vor, der sie der 
Revelationsliteratur zuordnet, was zwei¬ 
fellos zu Recht geschieht, aber ihr Eigent¬ 
liches zu wenig deutlich macht, denn 
jede Offenbarung, Revelation faßt Gegen¬ 
wärtiges, Zukünftiges, Erzählung usw. 
in sich, während uns hier nur die „P.ie“ 
an sich angeht 197 ). Eine gute Beobach¬ 
tung machte Duhm 198 ); die apokalyp¬ 
tischen, barock überladenen Gesichte 
späterer P.en des AT. erklärt er als 
entstanden dadurch, daß sie durch die 
Bibel, jetzt festgelegt, eingeengt waren, 
und daß die P.en nun stärkere Mittel 
anwenden, sich als Inspirierte zu legi¬ 
timieren. Der Gedanke ist auch für 
unsere pr.ische Literatur und ihr Ver¬ 
ständnis nutzbar zu machen. 

189 ) Vgl. Wundt Mythus u. Religion 2 (1906), 
100 f. 19 °) Ezech. 2i, 31 f.; Gunkel bei Schmidt 


361 


Prophet, Prophetie 


362 


XXII; Hölscher Profeten 31 ff. 33 ff.; Oester¬ 
reich 49 ff.; unartikulierte Laute bei Risch- 
mann: Kühn au Sagen 3, 527. 191 ) I. Reg. 

18, 28; Rischmann: Kühnau Sagen 3, 525. 526; 
Poniatowska redet zuweilen überlaut: Come- 
nius 6. x9 ' 2 ) H. W. Hertzberg Prophet u. j 

Gott 1923, 51 f. 193 ) Gunkel bei Schmidt 
XXII; Ztschr. f. wissenschaftl. Okkultismus 
I (1926), 304. l94 ) Jes. 5, 1; I. Chron. 25,1 ff.; 
Greulich: Arnold 3, 255; Rischmann: Küh- ; 
nau Sagen 3, 527. X95 ) Lindblom 54 ff. 

1W ) Jes. 1, 2; Micha 6, 1; Gunkel bei Schmidt 
XXII; Rischmann: Kühnau Sagen 3, 525 ff. 
187 ) Joh. Lindblom Die literarische Gattung d. 
Prophet. Literatur (Uppsala Universitets Ärs- 
skrift) 1924. 198 ) H. Duhm Verkehr Gottes 151. 

8 . Inhalt der P.ie: Reden und Schrif¬ 
ten unserer P.en ähneln denjenigen des 
AT.s. Auch bei uns eifern P.en gegen 
die Zustände der jeweils augenblick¬ 
lichen Zeit, die sie in religiöser 199 ) 
wie sittlicher 200 ) und sozialer Bezie¬ 
hung 201 ) tadelnswert finden. Ihre „poli¬ 
tischen“ Auslassungen sind oft vom 
Sozialen und Ethischen ihres persön¬ 
lichen Erlebniskreises her bestimmt. 
Schon darin verrät sich ein primitiver 
Denkschluß. Da eine Besserung, auch 
auf die prophetische Warnung hin, meist 
nicht zu erwarten ist, droht der P. an 
und weissagt die Strafgerichte Gottes. 
Es ist bezeichnend, daß er diese nicht 
als die etwaige Konsequenz sittlicher 
oder sozialer Verwilderung kommen sieht, j 
sondern als eine Willenshandlung des 
wegen der Sünde erzürnten Gottes, daß 
also — abgesehen vom Religiösen — 
wieder eine verhältnismäßig primitive 
Gedankenwelt auf scheint. Es ist dabei 
zu beachten, daß solche Gedankenbil¬ 
dungen durch die besondere Stellung des 
P.en als „Mund Gottes“ eine weitgehende 
Unterstützung finden. Die Drohungen 
beschränken sich meist auf die Vorher¬ 
sage der bekannten eschatologischen Er¬ 
eignisse: Not, Hunger, Seuchen, Krieg, 
„das Ende“ 202 ). Dabei sind diese Vor¬ 
hersagen, auch wenn sie allgemeinerer 
Natur sein wollen (Einfall der Fremd¬ 
völker), meist lokal gefärbt (Untergang 
Hirschbergs: so Rischmann). Gewiß 
gibt es daneben P.ien rein eschatologischer 
Art, aber die sind verhältnismäßig selten. 

Selten ist auch die Voraussage einer 
späteren Heiiszeit 203 ). Dagegen finden 


sich Ratschläge, wie „man dem zukünf¬ 
tigen Zorn entrinne“, auch diese meist 
recht naiv (Flucht auf nächste Berge 
usw.: Spielbähn), zuweilen allgemeiner ge¬ 
halten (Erwarten der letzten Zeiten in 
Palästina: so H. Schul). Häufig, das 
ist noch zu bemerken, geben die P.ien 
sich im biblischen Stil 204 ), wie schon in 
biblischen Zeiten gewisse Visionen als 
stereotyp bezeichnet werden können 205 ). 
Man kann hieraus —* wie schon vorhin — 
entnehmen, daß die Bibel durchaus be¬ 
stimmend, formend wirkt. 

199 ) (Mohamedanische) Strafrede an Istam- 
bul: Tholuck 18 f.; Bauer Martin: Bülau 
Geh. Geschichten 397. 409; Müller: Kemmerich 
Prophezeiungen 244. 260. 272; Bscherer: Arnold 
3, 219. 2dd ) Hänel 202 ff.; Bauer Martin: 
Bülau Geh. Geschichten 11, 397. 409. 2 ° l ) Vgl. 
Nachw. 199; Kotters Reden; Amos usw. 
202 ) Wundt Mythus u. Religion 3, 467 ff.; 
Tholuck 78 ff. 203 ) Schnitzer Savonarola- 
Auswahl 36. 39; Schnitzer Savonarola 1, 298 f. 

204 ) Vgi Kotter; Heinrich Fitzner 4, 57. 

205 ) Hölscher Profeten 44 f. 

9. Der P. als Magier. Der P. ist nicht 
nur der Beauftragte, der Sprecher Gottes; 
er ist von diesem auch mit übermensch¬ 
lichen Fähigkeiten begabt. Die sind ja 
schon dazu nötig, um seine Worte als 
göttlich zu verifizieren 206 ), wie um ihm 
die Möglichkeit des Einflusses auf Gott 
zu verschaffen 207 ). Dann weiß er alles 208 ), 
sieht in die Ferne wie ins Innere der 
Menschen 209 ), ja kann die Zukunft zwin¬ 
gen 210 ). Er verflucht, d. h. treibt Bos¬ 
heitszauber durch Wunsch und Wort 211 ), 
heilt (durch Suggestion ?) Kranke 212 ), 
ja gebietet über Tod und Leben 213 ). 
Ihren ekstatischen Geist vermögen P.en 
andern mitzuteilen 214 ). Wie weit in 
diese Dinge Suggestion und Hypnose 
spielt, — was ja bei allen P.en als psy¬ 
chisch abnormen Personen nahe liegt, — 
ist hier nicht zu erörtern 215 ). 

Viele Zaubergeschichten gehen von 
den alten P.en. Schlägt Elia mit seinem 
Mantel das Wasser, so teilt es sich 216 ); 
wirft er ihn auf einen, so muß der ihm 
folgen 217 ). Elisa zaubert dem König 
Sieg 218 ), ein Jeremia versenkt eine Fluch¬ 
rolle in den Strom 219 ), ähnlich wie Zau¬ 
berer noch heut Zaubermittel ins fließende 
Wasser versenken, um eine Aufhebung 


363 


Prophet, Prophetie 


364 


des Zaubers zu verhindern. P.innen, 
von denen Ezechiel redet, vermögen mit 
Zauberbinden Seelen zu fangen 220 ). Savo- 
narola soll nach den Behauptungen seiner 
Gegner Zauberei und Nekromantie ge¬ 
trieben haben 221 ). Birgitta trieb Dä¬ 
monen aus 222 ). Der Bauer Martin er¬ 
schien nach seinem Tode, um den an 
ihm geschehenen Mord zu offenbaren 223 ); 
Müllers Anwesenheit sicherte das Schiff, 
in dem er fuhr 224 ); Engelbrecht aß und 
trank über 14 Tage nicht, ohne daß sein 
Fleisch verfiel 225 ). 

2ce ) Deuteron. 18, 22; Schnitzer Savonarola 
Auswahl 42; Schnitzer Savonarola 1, 507; 
Wundt Mythus u. Religion 2 (1906), 107t.; 
Hauer 65 f. 207 ) W. H. Hertzberg Prophet 
u. Gott 1923, 13. 208 ) I. Sam. 9, 19; II. Reg. 

6, 12. 209 ) I. Sam. 9, 19; I. Kor. 14, 24; Höl¬ 

scher Profeten 70 ft. 21 °) Jes. 55, iof.; Gun¬ 
kel bei Schmidt XXVI. 21 *) Jer. 51, 59«.; 
vgl. Tholuck 16 f. 212) II. Reg. 5. ioff.; 

20,7; 4, 34 ff-; I. Reg. 17, 21 f.; Hölscher 
Profeten 68 f.; Westman Birgitta-Studier 96. 
97 ff- 213 ) II. Reg. 1; Jer. 28, 16; I. Reg. 17, 21 ff. 
214 ) Peuckert Leben J. Böhmes 1924, 63 f. 
216 ) Hölscher Profeten 66 ff. 2 *«) II. Reg. 2. 8. 
Siehe auch H. Duhm Verkehr Gottes 68 ff. 95: 
,,Ihre (der älteren P.en) Lebensluft ist das Wun¬ 
der“. 2 i 7 ) I. Reg. 19, 19 ff. 2 i8) II. Reg. i 3> 

14 ff. 21# ) Jer. 51, 59 ff. 22 °) Ezech. i 3 , 17 ff. 
221 ) Schnitzer Savonarola 1, 519 f. 539. 
22Z ) Westman Birgitta-Studier 96 f. 223) p r 
Bülau Geh. Geschichten n, 470. 224) Max Kem¬ 
merich Prophezeiungen (1911), 2550. 225 ) Hans 

Engelbrecht Warhafftige Geschieht u . Gesicht 
1640 D 3 A. 

10. Überzeugung vom P.entum. 
Der P. selbst ist von seinem Beruf über¬ 
zeugt. Man spricht von seinem Sendungs¬ 
bewußtsein 226 ); er weiß, daß Gott aus 
ihm spricht, daß er der Dolmetsch Gottes 
ist 227 ), daß Gott ohne sein Wissen nichts 
tut 228 ). Ja Gott zwingt ihn zu seinem 
Amt 229 ). Die Vetterin nennt sich das 
Licht der Stadt 23 °), die Poniatowska 
weiß sich die Braut Jesu 231 ); Georg 
Reichart ist seit vielen Jahren von Gott 
erwählt zu seinem Amt 232 ). Die alten 
Propheten — Kotter, der Prossener Mann 
wie Müller und viele andere — werden 
beauftragt, mit ihrem Wissen zum König 
zu gehen, und gehen ohne Weigern 233 ). 

Aber auch der Hörer ist davon über- 
zeugt, daß ein göttlicher Geist aus dem 
P,en spricht 234 ). Man holte ehemals 


nicht nur Orakel bei ihm ein 235 ), sondern 
befragt ihn auch sonst um Rat 236 ). 
Es bilden sich — vor allem in unsern 
Zeiten — Gemeinden oder Kreise von 
Gläubigen um ihn 237 ) und seine P.ien 
wie Schriften werden noch lange kolpor¬ 
tiert, so heut in Schlesien noch die Risch¬ 
manns, im Rheinland die Spielbähns und 
anderer. Man weiß, daß des P.en Worte 
von Gott und außergewöhnlich sind, und 
hält sie vor den Welt klugen, vor Pfarrern 
und „Gebildeten", geheim. Immer in 
Notzeiten erinnert man sich ihrer, sucht 
man sie wieder hervor, prüft nach, was 
etwa schon erfüllt und was noch kommen 
soll; die eschatologische Spannung trägt 
sie empor. 

Aber das gilt nur von den „Laien"; 
die Geistlichkeit ist stets in Babel er¬ 
soffen und trunken von der Hure; sie 
sperrt sich gegen den P.en, verfolgt ihn 
mehr oder weniger schroff und schilt seine 
Worte erlogen, ihn selbst verblendet. 
So war es schon im alten Jsrael, so auch 
im Laufe der Jahrhunderte bei uns 238 ). 

226 ) I. Reg. 18, 17L; 21, 19 f.; I. Sam. 15, 
14 ff.; Ztschr. f. syst. Theol. 5, 176 ff.; vgl. G. Ch. 
Aalders De Profeten des ouden Verbonds 1918, 
26, vor allem aber Lindbloms Ausführungen; 
Hänel Erkennen Gottes 190 ff.; Bauer Martin: 
Bülau Geh. Geschichten 11, 433. 227 ) Aalders 
6. 20; Gunkel bei Schmidt XXXI. XXVI; 
I. Reg. 22, 14; IV. Mose 22, 18; 23, 12; 

24,13; Lindblom '97 ff.; Westmann 108 f. 
129 ff. Der „Prossener Mann“: Kemmerich 
Prophezeiungen 233 f. 228 ) Amos 3, 7. 229 ) Kot¬ 
ter: Wunderbuch 3; Müller: Kemmerich 
Prophezeiungen 246; Georg Reichart Erster 
Theil Etzlicker sehr nachdencklicher Visionen 
1640 BiijA. 230 ) Arnold III, 282. 23 *) Beinah 
iü jeder Revelatio. 232 ) Erster Theil Etzlicher 
sehr nachdencklicher Visionen Vnd Offenbah¬ 
rungen , Welche mir Georgio Reicharten . . . 
sind eröffnet worden. Hall 1640, Visio II. 

233 ) Prossener Mann: Kemmerich Prophe¬ 
zeiungen 213. 217; Müller: ebd. 247!. 243. 

234 ) Gunkel bei Schmidt XXV. 235 ) Gunkel 
bei Schmidt XXVI. 236 ) Vgl. Samuel, Elias 
usw. 237 ) So um die Schul. 238 ) Peuckert 
Leben J. Böhmes 1924; Müller: Kemmerich 
Prophezeiungen 269 f.; H(einrich) F(itzner) 
Dreyfaches Gespräch zwischen einem flüchtigen 
Pater aus Rom . . . 1744. 4, 45 ff. 62 ff.; Hans 
Engelbrecht Eine Warhafftige Geschieht und 
Gesicht vom Himmel u. d. Hellen 1640 DA. 

11. Der Wahrheitsgehalt der P.ie. 
Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der 
P.ie ist für die Volkskunde verhältnismäßig 


365 


Prophetenkuchen—Psychoanalyse 


366 


gleichgiltig. Im allgemeinen wird er, d. h. 
die Möglichkeit des Blickes in die Zukunft 
abgelehnt, — so wie das in Bezug auf die 
der biblischen P.en Hölscher tut 239 ), — j 
obwohl hier 24 °) manchem Möglichkeiten 
gegeben scheinen. Richet erklärt: Si nous 
connaissions la totalite des choses pre¬ 
sentes, nous connaitrions du meme coup 
la totalite des choses ä venir, sieht also 
die Zukunft kausal vom Heute be- ! 
dingt 241 ). Aber hier handelt es sich viel J 
mehr um die Tatsache, daß weite 
Kreise — unter den „Gebildeten" be¬ 
sonders Gläubige 242 ) und Okkultisten 243 ) 

—, vor allem auch weitere Schichten des 
Volkes an dem Satze, P.en vermöchten 
die Zukunft vorauszusehen, halten. „Das 
hat schon Rischmann gesagt", „das hat 
der alte Schäfer Thomas schon gesagt" 
und ähnliche Äußerungen kann man 
häufig hören 244 ). Dabei gesteht man, 
nicht nur in „gebildeten" Kreisen, son¬ 
dern ganz allgemein, daß P.ien dunkel 
seien, daß man oft erst nach der Erfüllung 
ihren Sinn verstehe; kritisch gefaßt: 
sie werden in weitem Maße den Ereig¬ 
nissen angepaßt 245 ). 

239 ) Hölscher Profeten 74 ff. 24 °) Nach 
Ztschr. f. Parapsychologie 2 (1927), 100. 

241 ) Charles Richet Traite de Mttapsychique 
3923, 452; s. auch seinen Hinweis auf Laplace 
ebd. 242 ) Hier handelt es sich zumeist darum, 
daß die biblischen, besonders die messianischen, 
Weissagungen für eingetroffen gehalten werden. 

S. auch Tholuck 78 ff. 134 ff. 146 ff.; Deuteron. 
18, 22; Schnitzer Savonarola 1, 192. 243 ) Vgl. 
Max Kemmerich Prophezeiungen (1911). 
24< ) Vgl. etwa Peuckert Schles. Volkskd. 1928, ; 
171 f.; Tholuck 76 ff. 105 ff.; H. Duhm Ver- 
kehr Gottes 108 f. uof. 151 f. Schon bei den 
Primitiven: Hauer 280 ff. 245 ) Richet 484; 
Perty 623. 624 f. 634 f.; Ztschr. f. wissenschaftl. 
Okkultismus 1 (1926), 377 ff.; 2 (1927), 156; 
Johansen: Max Dessoir Vom Jenseits d. Seele 
1931, 150; vgl. ferner die Artikel „Lehnin“, j 
„Nostradamus“, „Weltkriegsprophetie“ usw. 
So Tod Friedrichs sub flore: Histor. Jahrb. 49 
(1929), 49 N. 33. 

12. Man wird zum Schluß zusammen¬ 
fassend sagen dürfen, daß für das Volk 
P.en außergewöhnliche, der breiten 
Masse entwachsene Menschen sind, — 
man kennt sie charakteristischer Weise 
stets bei Namen, — und daß aus ihnen 
eine göttliche Stimme spricht, die, meist 
in scheinbar klarer Rede, und doch ver¬ 


schleiert, den Schleier von der Zukunft 
hebt. Eine Erscheinung, die schon in 
frühen Zeiten möglich ist, hat bis in die 
heutigen Geltung bewahrt. 

Peuckert. 

Prophetenkuchen. Um 1679 in Sach¬ 
sen. Eine im Geschmack ausdrucks¬ 
lose Erinnerung an die jüdischen Matzen; 
dünne, breite, hart knusprige, ungesäuerte 
Fladen aus Mehl, Ei und Zucker. 

Höfler Ostergcbäcke 40. Peuckert. 

Prostituierte s. Hure. 

Prozeß s. Gericht. 

Prozession s. Nachtrag. 

prügeln s. schlagen. 

Psalm s. Nachtrag. 

Psychoanalyse (PsA.). 

1. Die auf Sigmund Freud zurück¬ 
gehende, vor allem durch C. G. Jung 
weitergebildete PsA. hat zum Gegen¬ 
stand ihres Forschens und Beschreibens 
ursprünglich nur den neurotisch er¬ 
krankten Menschen, besonders den mit 
hysterischen Phänomenen, sie überträgt 
jedoch viele der Züge des Krankheits¬ 
bildes verallgemeinernd auf den gesunden 
Menschen. Indessen sind auch abge¬ 
sehen von solchen nicht immer unbedenk¬ 
lichen Verallgemeinerungen seitens der 
mit psychoanalytischen (psa.sehen) Er¬ 
kenntnissen arbeitenden Psychopatho¬ 
logie wichtige Entdeckungen gemacht 
worden, die ins Seelenleben des nor¬ 
malen Menschen hineinleuchten. So ist 
die psa.sehe Methode schon lange auf 
den normalen Menschen angewandt zum 
Zweck der Feststellung psychischer Ver¬ 
haltungsweisen und ihrer Verkettung mit 
anderen individuellen Phänomenen. Daher 
läßt sich PsA. als die erstmalig von 
Freud 1893 durch seine ersten Studien 
über „den psychischen Mechanismus 
hysterischer Phänomene" begründete, an 
geistig Abnormen wie Normalen aus¬ 
geübte wissenschaftliche Methode be¬ 
zeichnen, welche durch Sammlung, ex¬ 
perimentelle Herbeiführung und Deutung 
assoziierter Einfälle unter Vermeidung 
der gewaltsamen Suggestion und Hypnose 
die unter der Bewußtseinsschwelle be- 
1 findlichen Triebkräfte und Seeleninhalte 



Psychoanalyse 


Psychoanalyse 



zunächst eingehend zu erforschen und 
danach zu beeinflussen strebt (Wiener 
Schule). Ihr Hauptaugenmerk richtet 
sich auf die Erschließung des „Unbe¬ 
wußten“ im Sinne des unter die Bewußt¬ 
seinsschwelle herabgedrängten seelischen 
Erfahrungsinhalts und seiner Trieb¬ 
komponenten 1 ). 

Eine der wichtigsten ersten Fest¬ 
stellungen war die, daß manchmal ein 
stark affektbetonter seelischer Vorgang 
gleichsam „eingeklemmt“, d. h. an der 
normalen Abreaktion verhindert und da¬ 
durch auf die Suche nach einem Ausweg 
aus seiner behinderten Lage gedrängt 
wird. Diese abnormale Beeinträchtigung 
des Triebablaufs wird Trauma, Ver¬ 
wundung, genannt. Solche verdrängten 
Komplexe sind aber mit der Verdrängung 
selber nicht erledigt. Sie streben viel¬ 
mehr wieder ins Bewußtsein hinauf, er¬ 
fahren dabei jedoch den Widerstand des 
Ich, das die unentstellte Bewußtwerdung 
der aus bestimmten, weiter zu respektie- 
rendenGründen unter dasBewußtsein hinab¬ 
geschalteten Komplexe nicht dulden will; 
und dieser Widerstand erzeugt durch die 
Verletzung von deren Geltungswert patho¬ 
gene Zustände und Vorstellungen. Neue 
Versuche, sich durchzusetzen, stoßen auf 
den nämlichen Widerstand, vermögen 
aber den Trieb nicht überhaupt abzu¬ 
töten, sondern zwingen ihn, sich aus dem 
Unbewußten allein zur Geltung zu brin¬ 
gen. Seine latent gemachte Energie 
sucht immer wieder vorzubrechen und 
erscheint gelegentlich in verkleideter 
Form (in Fehlleistungen oder sog. komi¬ 
schen Situationen, die der Mensch sich 
‘selber’ schafft). Wenn die Maskierung 
sehr vollkommen wird, so tritt eine merk¬ 
liche Konvertierung des Triebes ein, der 
anstelle seines ihm eigenen Ergebnisses 
eine eigenartige Idealleistung, etwa eine 
hohe Kulturleistung hervorbringt; in die¬ 
sem Falle spricht man von einer Subli¬ 
mierung des Triebes, die eine Umsetzung 
des Triebzieles in ein heterogenes Gebiet 
bedeutet. 

*) Die grundlegende Lit. zur PsA.: außer 
Sigmund Freud Vorlesungen zur Einführung in 
die PsA., und: Neue Folge der Vorlesungen zur 


Einführung in die PsA.; dess. Totem und Tabu; 
Theodor Reik Probleme der Religionspsycho¬ 
logie 1919 (2. Aufl. u. d. Titel; Das Ritual 1928); 
Dogma und Zwangsidee 1927. Otto Rank 
Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung 
1919; ders. Seelenglaube und Psychologie 
1930; Leo Kaplan Die göttliche Allmacht 
1926; ders. Das Problem der Magie 1927: 
Oskar Pfister Die Liebe des Kindes u. ihre 
Entwicklungen 1922; ders. Der psychologische 
u. biologische Untergrund des Expressionismus 
1920; ders. Die Liebe vor der Ehe 1925; ders. 
PsA. und Weltanschauung 1928; C. G. Jung 
Psychologische Typen 4 1929; ders. Das Unbe¬ 
wußte im normalen und kranken Seelenleben :t 
1929; ders. Über die Energetik der Seele 192S; 
Ernest Jones Zur PsA. der christlichen Re¬ 
ligion 1928; Har. Schu 1tz-Hencke Einfüh¬ 
rung in die PsA. 1927; Carl Clemen Die An¬ 
wendung der PsA. auf Mythologie und Relig- 
gesch. (Arch. f. d. ges. Psychologie 1928). 

2. Was hiermit für das Verständnis des 
Menschen und seiner Vorstellungsbil¬ 
dungen und Handlungen geleistet ist, 
das wird durch einen Vergleich mit der 
vor auf gegangenen Periode deutlich. Die 
Zeit vor der PsA. war dadurch charakte¬ 
risiert, daß man das Wirken geistiger 
und rationaler Kräfte als solcher im 
Menschen für ausgeschlossen hielt. Man 
kannte z. B. keinen Zugang für direkte 
geistige Beeinflussung in einem Indivi¬ 
duum und war erst recht zaghaft gegen¬ 
über dem Gedanken an eine seelische 
\ Beeinflussung von Individuum auf Indi¬ 
viduum. Die Behauptung, daß Angst 
oder Furcht imstande seien, körperliche 
Zustände von tiefergehender Tragweite 
auszulösen, hatte bis dahin nur mit¬ 
leidiges Lächeln erweckt. Die Zellular¬ 
biologie und -pathologie jener vor-psa.- 
schen Zeit schätzte Geist wie Leib als 
physisch-materielle Zellhaufen in dem 
Grade, daß es schon eine gewisse Schwie¬ 
rigkeit war, zuzugeben, daß der Ver¬ 
stand oder etwa der Wille den Organismus 
wirklich beherrsche und bestimme. Auf 
solchem Standpunkt war aber auch der 
Zugang zum Verständnis des Aberglau¬ 
bens ziemlich verschlossen, wie ja denn 
auch zumeist in der zünftigen Wissen¬ 
schaft das Wort Aberglaube mit dem 
Prädikat der Sinnlosigkeit bedacht, volks¬ 
tümlicher Brauch und zugehörige Vor¬ 
stellung für Geistesschwachheit und 
Wahnsinn erklärt wurde. Es ist ein 


wirkliches Verdienst der psa.sehen Ar¬ 
beitsweise am Unterbewußten, daß man 
darauf achten lernte, daß seelische Triebe 
und Kräfte im Zustande ihrer Zurück¬ 
gezogenheit aus der unmittelbaren Tages¬ 
bewußtheit und -betätigung besondere 
Ergebnisse zeitigen können. Wir ver¬ 
stehen daraufhin viel Abergläubisches 
als Ausfluß solcher Wirksamkeit des aus 
der Aktivitätsrolle verdrängten Seeli¬ 
schen, das aus dem Unterbewußtsein 
heraus zu neuen Formen hervordrängt. 
Man denke nur an die Konvertierung der 
früheren Göttergestalten und Dämonen 
in die mannigfachsten Figuren hinüber. 
Man denke an die Prozesse der Um¬ 
gestaltung alter Opferbräuche bei völligem 
Verschwinden der Opferhandlungen als 
solcher aus unserer Lebenssphäre (s. 
Füttern der Elemente). Die PsA. und 
die durch sie angeregte Psychologie des 
Unbewußten weiß von einer Welt, in der 
Kräfte seelischer, jedoch unpersönlicher 
Art wirken, welche die Grenzen gewöhn¬ 
lichen menschlichen Seelenlebens bis¬ 
weilen überschreiten, durchdringen, über¬ 
spielen und überspringen. So steht die 
psa.sehe Anthropologie der Welt des 
Aberglaubens viel näher als die voran¬ 
gegangene Psychologie und wird für das 
Verständnis mancher Phänomene mit 
Erfolg herangezogen. Denn diese Metho¬ 
de macht mit dem starren Rationalismus, 
der alles aus vernünftigen Gründen er¬ 
klären will, ebenso wie mit dem Materia¬ 
lismus, der die Psyche nur nach kaltem 
Schematismus arbeiten läßt, ein Ende. 
Das muß anerkennend gesagt werden, 
obgleich andererseits die PsA. ganze 
Gebiete des eigentlichen Seelischen noch 
unbeachtet und unverstanden liegen läßt, 
namentlich für die eigentlichen religiösen 
Erscheinungen des Seelischen keinen Blick 
gezeigt hat. Die PsA. hat deutlich zu 
machen verstanden, daß außer Vernunft 
und Leib ein seelisches Gebiet vorhanden 
und führend tätig ist, welches, uns selber 
eigentlich unbekannt seiend und bleibend, 
minimale Reize registriert, fühlt, apper- 
zipiert, darauf reagiert; ein Gebiet aber, 
welches gleichzeitig auch mit den Neben¬ 
menschen in eine enge Verbindung treten 


kann. Und dies Unbewußte, das, sofern 
wir jetzt in der ursprünglichen ps.a.schen 
Definition bleiben, jenes Unterbewußte 
ist, das sich in der Hauptsache aus ver¬ 
drängtem Bewußten zusammensetzt und 
zu welchem das Unbewußte im Sinne des 
gar nicht mit dem Bewußtsein in Be¬ 
rührung Stehenden nur ganz nebenbei 
mitbefaßt wird, ist durch die PsA. als 
eine starke geistige Macht nachgewiesen 
worden, welche die Gehalte der ver¬ 
drängten Masse wieder und wieder in die 
Lebensbewußtheit emporschleudert 2 ). 
Kein Wunder also, wenn es sich auch in 
der Form der verdrängten Inhalte von 
Gattung und Volksbewußtsein, der in 
Glaubensrevolutionen und gewaltsamen 
Glaubensänderungen verdrängten Glau¬ 
bensgüter wieder und wieder zur Geltung 
bringt und wenn dabei jene alten Glau¬ 
bensvorstellungen in mangelhaft er¬ 
innerter Gestalt auf scheinen, die dazu 
dienen soll, untergegangene Handlungs¬ 
weisen und Vorstellungsformen wach zu 
erhalten — was wir dann Aberglauben 
zu nennen pflegen. Besonders fruchtbar 
können für die Erhellung mancher aber¬ 
gläubischer Vorstellungen die Bemühun¬ 
gen Jung’s (schweizerische Schule der 
PsA.) werden, archaische Momente des 
unpersönlichen kollektiven Unbewußten 
hie und da hervortauchen zu sehen 
(vgl. Nr. 4). 

2 ) Maag PsA. u. seelische Wirklichkeit 
(1930) 11 ff. 

3. Hiernach ist verständlich, daß die 
PsA. selber sich berufen fühlt, religiöse 
Ideen zu verstehen und zu beurteilen 
und daß ihr von vielen diese Fähig¬ 
keit zuerkannt wird. Seit ihren Anfängen 
greift sie in die Deutung von Glaubens¬ 
vorstellungen von religiösen Menschen 
und volkstümlichen Anschauungsweisen 
ein und macht dabei den Versuch, die 
nicht an sich aufgeschlossenen, vielmehr 
oft zunächst sinnlos erscheinenden Ge¬ 
dankenkomplexe aufzuschließen. Dabei 
ist sie allerdings auf den harten Wider¬ 
stand der überwiegenden Gruppe von 
Spezialforschern auf den betreffenden 
Gebieten gestoßen. Schon der Umstand, 
daß das psa.sehe Material zuerst an 


* 



T 

a 





271 Psychoanalyse 272 

Kranken gewonnen wurde, gab einer ge- tiven diese hiernach also normal ab¬ 
wissen Voreingenommenheit Raum, da laufenden sexualen Triebe infolge der 
der Gesunde in medizinischer Beleuch- Kleinheit primitiver Volksstämme be- 
tung von dem Kranken, zumal dem merkbar und werden sie infolge der ge- 
psychisch Kranken, durch eine breite ringen Anzahl ihrer Sippen bisweilen 
Kluft getrennt erscheint. Dem gegen- gestaut, so treten sie bei den Menschen 
über kann die PsA. darauf hinweisen, der höheren Zivilisationsstufen infolge 
daß, was inzwischen fachmännisch all- der mit sogenannter Kultur eingetretenen 
gemein erkannt worden ist, keine scharfe moralischen Gesetzgebung besonders 
Grenzlinie zwischen Gesunden und Kran- scharf in einem Zustande der Verdrängt- 
ken zu ziehen ist und daß die Psychologie heit hervor. Sonach gelten für die PsA. 
des normalen und des abnormalen Men- folgende durch wissenschaftlich nicht ge¬ 
sehen in einander überlaufen, wie sie rechtfertigte Verallgemeinerung ent- 
einander zu ergänzen haben. Ist sonach standene Leitsätze: „Jedesmal werden 
dieser Widerstand gegen psa.sche Deu- wir durch die Analyse in die sexuellen 
tungen in gewissem Ausmaße selbst Erlebnisse und Wünsche des Kranken 
korrekturbedürftig, so war und ist der eingeführt werden, und jedesmal müssen 
Grundzug der psa.sehen Deutung der wir fest stellen, daß ihre Symptome der 
in die Untersuchung gezogenen psychi- gleichen Absicht dienen. Als diese Ab¬ 
sehen Phänomene nachhaltiger ange- sicht gibt sich uns die Befriedigung sexueller 
griffen. Hier handelt es sich darum, daß Wünsche zu erkennen; die Symptome 
Freud und seine Mitarbeiter sich bei den dienen der Sexualbefriedigung der Kran¬ 
krankhaften seelischen Erscheinungen, ken, sie sind ein Ersatz für solche Be- 
von denen sie ihren Ausgang nahmen, friedigung, die sie im Leben entbehren“, 
stets auf ein besonders in der Sphäre des „Die Symptome beabsichtigen entweder 
Sexualtriebes aufgefundenes Trauma eine sexuelle Befriedigung oder eine Ab- 
hingewiesen sahen und deshalb jede wehr derselben; sie sind Kompromiß- 
neurotische Anomalie auf fehlerhaft ver- ergebnisse, aus der Interferenz zweier 
drängte Sexualität zurückführten. Hierauf gegensätzlicher Strebungen hervorge- 
beruht die Betonung des sogenannten gangen, und vertreten ebensowohl das 
Oedipuskomplexes, da Freud in dem Verdrängte wie das Verdrängende, das 
antiken Oedipusmythus eine vorbildliche bei ihrer Entstehung mitgewirkt hat“ 3 ). 
Beschreibung der Grundursachen aller Bedeutsam wurde die mit diesem 
sowohl männlichen wie weiblichen Neu- Schlüssel betriebene Freud’sche Mythen- 
rotiker erblickte — bei männlichen auf deutung durch den Anteil, den das 
Grund vermeintlich typischer gewalt- Unbewußte dadurch an der Mythen- 
samer Einstellung gegen den Vater bis bildung erhielt. Denn damit war ein 
zur Todesbedrohung desselben, bei weib- bisher gar nicht berücksichtigter Faktor 
liehen auf Grund gleicher Einstellung herangezogen. Dieser führte dazu, die 
gegenüber der Mutter, jedoch auch mit Mythen als die entstellten Überreste 
umgekehrter sexueller Besetzung. An- von Wunschphantasien nicht nur einzelner 
geblich typische Träume männlicher Indi- Individuen, sondern ganzer Nationen, 
viduen vom Tode des Vaters und dem sozusagen als die „Säkularträume der 
geschlechtlichen Verkehr mit der dadurch jungen Menschheit“ aufzufassen 4 ). Hier¬ 
frei gewordenen Mutter legen nach dieser zu gesellten sich natürlich leicht die nach 
Theorie die tiefsten im Unterbewußtsein demselben Schema vorgenommenen „Er- 
verschlossenen Motive der eingekapselten klärungen“ aller abergläubischen Vor- 
Triebrichtungen bloß und sollen als all- Stellungen und Riten. Es war eine be- 
gemein menschlicher Ausdruck solcher stechende Theorie, wie der Traum bei 
sexualen Bezogenheiten an den Lebens- dem Individuum ontogenetisch, so reprä- 
beziehungen der Primitiven veranschau- sentiere der Mythos beim Volk phylo- 
licht werden. Machen sich bei den Primi- genetisch ein ins Unterbewußte herab- 


jf 373 

-3 ♦ 

* 

J 


4. Wesentlicher als die wenig durch¬ 
dachte Theorie des Unbewußten bei 
Freud ist die genauere Darlegung bei 
Jung, der den Versuch unternimmt, 
den Geisterglauben und die Geister¬ 
visionen als „unbewußte autonome 
Komplexe“ anzusehen, welche der Mensch 
nach außen projiziert, damit sie eine 
direkte Assoziation mit seinem Ich ge¬ 
winnen. Jedoch befindet sich der Mensch 
an dem sexualpsychischen Komplex, an im Banne des Geisterglaubens auf der 

dem sie leidet, wird man zugeben müssen, absteigenden Linie. Denn — so etwa 

daß mit dieser energischen Durchleuch- führt Jung aus — während durch Er- 

tung unterbewußter und unbewußter fassung der Idee der Seele eine geistige 

psychischer Zusammenhänge manche Er- Erstarkung ein tritt, bedeuten die Geister¬ 
hellung solcher Vorstellungen geboten komplexe in ihrer Beziehung zum Ich 

wird, welche in ihrer einfachen Tag- Krankheit. Daher eben kommt es, daß 

bewußtseinslage nicht durchsichtig wer- Besessenheit durch einen Geist in primi- 

den. Aber es ist doch sofort die Ein- tiver Pathologie ganz mit Recht zu den 


gedrängtes Bestandstück des kindlichen 
Seelenlebens. Die PsA. macht sich 
daraufhin anheischig, die aus persön¬ 
licher Analyse gewonnene Erkenntnis 
des unterbewußten Seelenlebens in den 
mythischen und sagenhaften, auch mär¬ 
chenhaften Überlieferungen der Vorzeit 
vollinhaltlich wiederzufinden. Und selbst 
bei aller scharfen Kritik an den Einseitig¬ 
keiten der psa.sehen Theorie, vor allem 



Schränkung hinzuzufügen, daß die PsA. 
sich bisher viel zu einseitig auf eine einzige 
Betrachtungslinie und eine einzige heraus¬ 
gestellte Motivenlinie bezogen hat, durch 
welche sie die verschiedenartigsten For¬ 
men von Vorstellungen zugleich er¬ 
klären möchte, nämlich auf das ambi¬ 
valente Verhältnis zu den Eltern und 
weiterhin zur übrigen Familie. 

Auch hierin liegt wieder so viel Wahres, 
als die Sippe von ur an dem heran- 
wachsenden Menschen der nächstliegen¬ 
dere Interessengegenstand neben seinem 
in der Regel noch nicht ganz erfaßten Ich 
ist und daher innerhalb desselben die 
meisten Regungen ihre inhaltliche Be¬ 
stimmtheit erfahren. Manche psa.sche 
Begreifung eines Ritus wird man zu 
billigen geneigt sein, wie z. B. die Ranks, 
daß das zwischen die beiden Gattenlager¬ 
stätten gelegte Schwert, das durch den 
historischen Brauch des Brautwerbens 
vergeblich zu erklären versucht worden 
ist, ursprünglich nicht symbolum casti- 
tatis, also auch gar nicht von „trennen¬ 
der“ Wirkung sei, sondern vielmehr Be¬ 
fruchtungsmittel 5 ), symbolum oder 
besser causa efficiens der ehelichen Frucht¬ 
barkeit (also Weiterbildung der ursprüng¬ 
lichen Fruchtbarkeitszweige und -gerten). 

3 ) Freud Vorlesungen 4 340 fr.; Totem u. 
Tabu 16. 67; 4 ) Rank Psa. Beiträge 4. 

6 ) Rank ebd. 372 Anm. 


Ursachen der Krankheit gehört. 

In diesem Zusammenhang wird Jungs 
Theorie des Unbewußten bedeutsam. 
Nach ihr zerfällt das Unbewußte in zwei 
scharf zu unterscheidende Teile: a) Das 
persönliche Unbewußte; dies enthält in 
weitem Umfange alle diejenigen psychi¬ 
schen Inhalte, welche im Laufe des Lebens 
vergessen worden sind; ferner alle subli- 
minalen Eindrücke oder Wahrnehmungen, 
die zu geringe Energie besaßen, um das 
Bewußtsein erreichen zu können; sodann 
solche Vorstellungskombinationen, welche 
zu schwach und undeutlich sind, um 
die Bewußtseinsschwelle überschreiten zu 
können, b) Das überpersönliche oder 
kollektive Unbewußte, das nur solche 
Inhalte hat, welche nicht einem Indi¬ 
viduum allein zugehören, sondern min¬ 
destens einer bestimmten Gruppe von 
Individuen, meist einem ganzen Volke, 
ja sogar der ganzen Menschheit. In diesem 
Teile des Unbewußten finden wir also 
keine Erwerbungen der Individualexistenz, 
sondern angeborene geistige Formen 
(‘Instinkte 1 ). In einem kindlichen Ge¬ 
hirn liegen schon drin die Instinkte und 
alle „Urbilder, auf deren Grundlage die 
Menschen stets gedacht haben, als der 
ganze Reichtum an mythologischen Mo¬ 
tiven“. Ist es beim normalen Menschen 
nicht leicht, die Existenz eines kollek¬ 
tiven Unbewußten nachzuweisen, so 



375 


Psychoanalyse 


376 


melden sich doch schon in seinen Träu¬ 
men von Zeit zu Zeit mythologische Vor¬ 
stellungen. Bei Geisteskranken kann man 
leicht feststellen, wie in ihren Ideen Ver¬ 
bindungen primitives mythologisches 
Denken seine Urbilder reproduziert und 
keineswegs etwa, wie der medizinische 
Laie meinen möchte, eigene persönliche 
Erfahrungen. —* Wenn es nun vorkommt, 
daß irgendwelche persönlich verankerte 
Komplexe durch Verdrängen unbewußt 
werden, so fühlt das Individuum einen 
Verlust. Und wenn ihm etwa durch 
therapeutische Behandlung ein solcher 
Komplex wieder bewußt gemacht wird, 
so empfindet es dadurch einen Kraftzu¬ 
wachs. Wenn dagegen ein Komplex der 
zweiten, kollektiven Kategorie des Unbe¬ 
wußten sich dem Ich assoziiert, d. h. ins 
tagtägliche Bewußtsein eintritt, dann 
empfindet das Individuum diesen Inhalt 
als fremd, als unheimlich; das Bewußt¬ 
sein wird da schädlich, unangenehm beein¬ 
flußt. Das ist nach dieser Theorie etwa 
der Ort, welcher von aus der Stammes¬ 
vergangenheit bisweilen hervorschau¬ 
enden abergläubischen Vorstellungen ein¬ 
genommen wird. In der Tat findet 
man hier einen recht beachtlichen Bei¬ 
trag zur Aufhellung der psychischen 
Gebiete, in denen das Abergläubische 
vorwiegend anzutreffen ist 6 ). 

Es lag für die PsA. nahe, sich auf die 
Märchenmotive zu stürzen, die in der 
Konstruktion entgegenzukommen schie¬ 
nen. Spielen doch die Geschehnisse des 
Märchens (s. d.) in dem Reich, wo der 
bloße Wunsch schon seine Erfüllung be¬ 
deutet und wo alles das, was das gewöhn¬ 
liche Leben versagt, in üppiger Fülle dem 
Glückskinde zu Gebote steht. Während 
aber sonst Wünsche in der Regel jene 
einfachen Lebenswünsche wirklich be¬ 
deuten, in deren Sphäre sie in der Er¬ 
zählung des Märchens auftauchen, deutet 
die PsA. die meisten dieser Wünsche in 
sexuale um, die wesentlich durch die 
von der hausbackenen Moral gezogenen 
„Inzestschranken" aus dem Unterbewußt¬ 
sein emporstiegen. Gemäß dem „Oedi- 
puskomplex" werden alle möglichen Ge¬ 
stalten der Märchen, Sagen und Mythen ' 


1 als Vater- (bzw. Mutter-) Surrogate und 
die Handlungen in den Sagen und Mär¬ 
chen als „verkappte Rachehandlungen 
j des Sohnes gegen den bösen Vater (der 
| Tochter gegen die böse Mutter)“ gedeutet 
— der Titel der „bösen Stiefmutter 
scheint das ursprüngliche Mißverhältnis 
zur eigenen Mutter umdeutend zu recht- 
fertigen. Die Aussetzung und, auf spä¬ 
terer Erzählungsstufe, Ausschickung des 
Sohnes auf Heldentaten wird als ge¬ 
milderte Form der ursprünglichen Aus¬ 
treibung der nach dem sexualen Besitz 
der Mutter trachtenden Söhne gedeutet 7 ). 

Wie hier, so kann man in den meisten 
Fällen sagen, daß die Anwendung der 
sexuellen Vorstellung auf die Gegenstände 
der Sagen, Mythen und Märchen auf 
starke Widerstände in den Stoffen stößt. 
Im besonderen ist auch die sexuelle 
Ausdeutung der Naturgegenstände in der 
Regel gesucht 8 ). So, wenn unter dem 
Felde oder dem Garten das weibliche 
Genitale verstanden werden soll und 
diese Vorstellung sexueller Verdrängung 
zugeschrieben wird, nämlich in diesen 
Fällen namentlich der Verdrängung der 
gegen die Mutter empfundenen oder ge¬ 
äußerten Libido zugeschrieben wird. Wenn 
wir die aus dem wirtschaftlichen Leben 
hervorgegangenen Riten der Feldbe¬ 
stellung und der Ernte näher ansehen, so 
zeigt sich immer, daß, wenn hiermit ein 
sexualer Gedanke verbunden wird, der¬ 
selbe verhältnismäßig spät zu der ur¬ 
sprünglich rein agrikultureilen Bedeutung 
des Ritus hinzugekommen ist. Wenn wir 
bedenken, daß viele Indianer das Gras 
nicht schneiden mögen, weil es das Haar 
der Mutter Erde ist, so sehen wir in diesem 
psychischen Zusammenhang die viel 
naivere Verbundenheit mit der Mutter 
Erde. Nicht an einen möglichen Koitus 
denkt der Indianer, sondern der Kult 
der Mutter Erde und was damit zusam¬ 
menhängt, ist, genau besehen, außer¬ 
halb geschlechtlicher Empfindungen, 
wenn auch natürlich innerhalb geschlecht¬ 
licher, besser allerdings familiärer Sym¬ 
bolik. Die Phantasie Freuds und der von 
ihm in diese Interpretationsmethode ein¬ 
geführten Forscher gefällt sich in der 


377 


Psychoanalyse 


378 


Entdeckung von sexuellen Empfindungs- | 
analogien, zu deren Erregung die Men- ' 
sehen, um die es sich handelt, viel zu 
gesund sind. Darf aber bei den Primi¬ 
tiven eine solche sexuelle Ausdeutung 
zum mindesten nicht verallgemeinert 
werden, so läßt sich auch die infantile 
Erotik nur in ganz vereinzelten Fällen 
als Ansatzpunkt für eine sexuell ab¬ 
gestimmte Natur Symbolik verwerten. Die 
PsA. legt Wert darauf, daß es für das 
aufkeimende menschliche Lebewesen eine 


Priorität besitzt, als vielmehr Jung (die 
schweizerische Richtung), welcher hier 
neue Wege eingeschlagen hat. Jung ist 
derjenige Psychoanalytiker, der diese 
ganze Bewegung in die engere wissen¬ 
schaftliche Bahn gelenkt hat, vor allem 
durch Betonung der Einsicht, daß auch 
dem Unbewußten die aktive Betätigung 
nach Zwecken und Absichten zukommt, 
und daß es deshalb bisweilen eine finale 
Führung übernehmen kann. Während 
Freud den Traum immer wieder aus der 


Außenwelt nur in ganz beschränktem 
Maße gibt und daher sein ganzes Be¬ 
dürfnis nach Schutz, Wärme und Nah¬ 
rung von der Mutter gedeckt wird. Das j 
Verhalten der Kinder unmittelbar nach I 
der Geburt spreche dafür, daß von der 
embryonalen Entwicklung her sich kon- | 
tinuierlich das Bewußtsein erhalte, daß j 
alle Lebensbedürfnisse im unmittel¬ 
barsten körperlichen Bereich befriedigt 
werden können, woraus eine Art von 
Allmachtsbewußtsein entstehe 9 ). Auf \ 
diese Weise erkläre sich auch die Ein- ! 

9 

Schätzung der Erde, die den Menschen 
ebenfalls ernährt und „in ihren Grotten, 
in ihren Wäldern und auf ihren Bergen" 
schützt, als Parallele bzw. Fortsetzung 
der mütterlichen uterinen Behausung 
des Kindes. In diesem Sinne spricht man 
von der zentralen mütterlichen Potenz 
der Erde und findet selbst in den sakral 
verwendeten Schluchten und Höhlen 
eine mütterliche Symbolik, welche aus 
der im Unterbewußten sich erhaltenden 
Verbundenheit des Menschen mit dem 

1 

Mutterleib seines vorgeburtlichen Zu- | 
Standes verstanden werden soll 10 ). 1 

®) Jung Energetik 213 ft. 7 ) Rank Bei - 1 
träge 3810. 8 ) Maag 143 ff. 9 ) Ferenczi 

in Internat. Ztschr. f. ärztl. PsA. 1, 127. 
10 ) Lorenz in Imago 6, 60 ff. 

5. Da die Träume im Aberglauben eine 
große Rolle und in die Entstehung bzw. 
Weiterbildung der Mythen und Sagen 
hinein spielen, so ist die Traumtheorie 
der PsA. auch für die Erhellung der hinter 
dem Aberglauben liegenden Gedanken¬ 
gänge von Bedeutung. Es ist aber unter 
den Psychoanalytikern nicht sowohl 
Freud, dessen Traumanalyse die zeitliche 


letzten Vergangenheit des Träumenden 
herleiten will (also ihn eben rein kausal 
verstehend), erkennt Jung klar, „daß der 
Traum auch eine Kontinuität nach vor¬ 
wärts besitzt". Die Freud’sche Auf¬ 
fassung der Träume als infantiler Wunsch- 
erfüllungen ist für Jung viel zu eng; die 
im Traum vorhandene finale Seelen¬ 
haltung in jener Theorie zu bedeutungs¬ 
schwach. Freuds rein kausale, rück¬ 
wärtsschauende Betrachtung des Traumes 
geht ganz allein vom triebhaften Be¬ 
gehren aus d. h. vom verdrängten und im 
Traum wieder vorscheinenden Wunsch, 
der sich hinter mannigfachen Hüllen 
verbergen kann; diese Verhüllung wird 
darauf zurückgeführt, daß der Wunsch 
stets etwas verbotenes Sexuelles ist und da¬ 
her die „Traumzensur" gegen den Wunsch 
selber ein Veto einlegt 11 ). Alle Einzel¬ 
heiten des Traumes werden dann in der 
Wiener PsA. auf Sexuelles bezogen. Hin¬ 
gegen die finale Jung'sehe Auffassung 
strebt gerade nach einer Vieldeutigkeit 
der Traumsymbolik, kennt überhaupt 
keine festen, ein für allemal stigmati¬ 
sierten Symboldeutungen. Der Traum¬ 
sinn ergibt sich hiernach direkt aus der 
Deutung des Symbols. Jung vermutet 
in der Gleichnissprache unserer Träume, 
die zudem vielfach typische Gleichheit 
; zeigt, ein phylogenetisch organisches 
! Überbleibsel, welches uns Verständnis 
für die Entwicklung und Struktur der 
menschlichen Seele vermittelt, ebenso 
wie die vergleichende Anatomie das Ver¬ 
ständnis des Körpers. Die beiden Schu¬ 
len stimmen wieder darin überein, daß 
der Traum seine zweckmäßige Reak¬ 
tionsbedeutung als Kompensation zur 


379 


Psychoanalyse 


380 


Bewußtseinslage erweist. Er führt z. B. 
in einer gegebenen Bewußtseinslage das 
unbewußte dazu passende Material dem 
Bewußtsein in einer symbolischen Kom¬ 
bination zu. Diese kompensatorischen ; 
Momente sind von sehr individueller I 
Natur, wodurch der Nachweis ihrer 
momentanen Bedeutung erschwert wird. : 
Weil nun das Unbewußte, wie eben gesagt, 
auch direkt zweckmäßige Führung im 
Leben übernehmen kann, dürfte auch 
<ler Traum wegen des starken und be¬ 
wußten Einschlages in ihm die Stelle 
^iner positiv leitenden Idee oder Ziel¬ 
vorstellung einnehmen. Diese „pro¬ 
spektive Funktion des Traumes“ ist 
eine im Unbewußten auftretende Ante- 
zipation zukünftiger bewußter Leistun¬ 
gen, so daß sein symbolischer Inhalt 
gelegentlich der Entwurf einer Lösung 
des seelischen Konfliktes des Träumenden 
ist. Mehrere Märchen lassen erkennen, 
wie weit diese Bedeutung seit alters durch 
das Volksbewußtsein erfaßt worden ist. 
Der Traum ist nach Jung eine Resultante 
der psychischen Totalität; daher auch 
manches aus dem Leben der Menschheit 
seit uralters darin einschlägt. Ein wirk¬ 
liches Durchdringen dieser psa. sehen 
Traumtheorie müßte daher manche Ein¬ 
blicke in das Werden abergläubischer j 
Ideen ermöglichen 12 ). 

n ) Freud Vorlesungen 4 145 ff. 12 ) Jung 
Energetik 141 ff. 

6 . Eine besondere psa.sche Erklärung 
ist für die sog. Fehlleistungen ver¬ 
sucht worden. Unter diese Kategorie 
fällt z. B. das eigentümliche Vergessen 
von ganz Bekanntem, das im Aberglauben 
eine nicht geringe Rolle spielt, ferner das 
Sich-Versprechen, -Verlesen, -Verhören, 
-Verschauen sowie das Verlegen und Ver¬ 
lieren einer Sache. Diese Gruppe von 
auf den ersten Blick rätselhaften Ver¬ 
haltungsweisen wird zwar manchmal 
durch psychische Absorption hinreichend 
erklärlich. Häufig ist jedoch solche Er¬ 
klärung nur eine scheinbare und wird die 
Hinzunahme von Einwirkungen des Un¬ 
bewußten ins Bewußte notwendig 13 ). 
Die Fehlleistungen haben also, insoweit 
bei ihnen die Annahme einer Herauf¬ 


wirkung des Unterbewußten zulässig ist, 
eine dem Individuum nicht bewußte 
Absicht zur Voraussetzung, die, obwohl 
oder gerade weil zurückgedrängt, auf 
Verwirklichung heimlich drängt. Allein 
durch die Verdrängung aus ihrer Bahn 
gelenkt, ist sie nicht wirksam genug, sich 
vollständig durchzusetzen. Freud meinte 
mit Recht, daß sich diese Fehlleistungen 
in den meisten Fällen nicht rein physiolo¬ 
gisch und auch nicht psychophysiologisch 
erklären lassen, d. h. nicht daraus, daß 
der Betreffende abgespannt, ermüdet oder 
aufgeregt und von anderen Gegenständen 
in Anspruch genommen ist. Denn ab¬ 
gesehen davon, daß ein Sich-Versprechen 
oder Sich-Verhören auch unter anderen 
Umständen vorkomme, wird mit der 
anderweitigen psychischen Inanspruch¬ 
nahme noch nicht verständlich gemacht, 
daß sich der Betreffende gerade in dieser 
und keiner anderen Weise verspreche 
oder verhöre. Wenn man der Art und 
Weise oder der Richtung nachgehe, wie 
ein Sich-Versprechen oder Sich-Verhören 
usw. erfolgt, dann werde deutlich, daß 
verborgene Motive die Lenkung über¬ 
nommen hatten, und von da aus ließe 
sich etwa behaupten, „daß jede Fehl¬ 
leistung sinnreich“ sei 14 ). Nehmen wir 
zunächst ein Beispiel, auf das die spezi¬ 
fische psa.sche Erklärungsweise sehr wohl 
zu passen scheint. Wenn ein Mädchen 
das Salzfaß auf den Tisch zu stellen ver¬ 
gißt und dieses Verhalten nach dem 
Aberglauben anzeigt, daß sie keine Jung¬ 
frau mehr ist, so würde die psa.sche Inter¬ 
pretation voraussetzen, daß der gedeckte 
Tisch Symbol des bereiteten Ehebettes sei, 
bei dessen Anblick in der unbewußten 
Sphäre sich ein Skrupel über die eigene 
körperliche UnVollständigkeit (Versehrt¬ 
heit) emporringt und die Un Vollständig¬ 
keit des Tischgedeckes zur Folge habe. 
Man könnte meinen, das Volk selbst habe, 
indem es diese Gedankenverbindung zwi¬ 
schen dem unvollständig gedeckten Tisch 
und der verlorenen Virginität aussprach, 
an solche unbewußte Regungen ge¬ 
dacht. Sehr anders scheint es sich aber 
in einem anderen Falle zu verhalten: 
Wenn der Umstand, daß man beim Aus- 


Pudel—Pulver 


382 



gehen etwas vergessen hat und umkehren j 
muß, Unglück auf dem Wege anzeigt, j 
so wird, wer nicht der PsA. von vorn¬ 
herein anhängt, ein sexuelles Motiv nicht 
zugestehen wollen, sondern dabei be¬ 
harren, daß eben die Unterbrechung des 
eingeschlagenen Weges selber die Unter¬ 
brechung der glücklichen Beendigung 
bedeutet; und so auch in einer Reihe von 
anderen Fällen: etwa, wenn der Bauer, 
weil er ein Beet zu besäen vergißt, in dem 
Jahre sterben muß oder den Tod irgend¬ 
eines Mitgliedes seiner Familie im Laufe 
des Jahres dadurch verschuldet; oder 
wenn man, um etwas sich immer wieder 
Aufdrängendes endlich zu vergessen, den 
Pantoffel in dem Augenblick, wo man 
wieder daran denkt, rückwärts über den 

Kopf werfen muß. Bei Berücksichtigung 

% 

der psa.sehen Deutungstheorie wird die 
Wissenschaft vom Aberglauben nach ; 
allem, was hier vorgeführt worden ist, 
vielfach von den Spezialisierungen, 
namentlich den aus der sexuellen Sphäre 
hergeholten, verzichten müssen, sie wird 
aber dessen eingedenk bleiben, daß die 
PsA. das Verdienst hat, darauf hinge¬ 
wiesen zu haben, daß außerordentlich 
häufig gerade auch in populären Ge¬ 
dankengängen und Vorstellungen das sich ! 
regende Unterbewußtsein es ist, das als j 
eigentliches Motivenbereich im Unter¬ 
grund vorhanden und aufzusuchen ist. 

13 ) Maag 59 ff. 14 ) Freud Vorlesungen* 55. 

K. Beth. 

Pudel. Vom P. gehen ähnliche Volks¬ 
sagen, wie von den schwarzen Hunden 
überhaupt L ); er tritt hier stets als 
Geistertier und Spukerscheinung auf 2 ). 
Insbesondere nimmt der Teufel, wie jeder¬ 
mann aus Goethes „Faust“ weiß, gern 
die Gestalt eines schwarzen P.s an 3 ) ; 
manchmal ist er dann sogar mit Hörnern 
vorgestellt 4 ). Auch von feurigen P.n 
mit glühenden Augen fabelt das Volk 5 ). 
Besonders häufig ist ein solch dämoni¬ 
scher P. der Hüter eines Schatzes 6 ). 
Der schwäbische Schimmelreiter er¬ 
scheint gleichfalls als P. 7 ). Natürlich 
gehen auch Geister als P. um 8 ). Hat 
ein P. einen weißen Brustfleck, dann 
kann man ihn erlösen 9 ). Sehr selten 


wird von einem weißen P. eine Spuk¬ 
geschichte berichtet 10 ). Vgl. im üb¬ 
rigen Hund. 

*) Mschles. Vk. 21 (1919), 160 f.; ARw. i, 204; 
Alemannia 7 (1879), 213s.; 8 (1880), 29; Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 56; Marzell Pflanzennamen 
225. 2 ) Strackerjan 1, 268; Birlinger 

Schwaben i, 199.238 f. 238.326; ZföVk. 23 (1917), 
125; Panzer Beitr. 1, 156; Kühnau Sagen 
1, 68 ff. 255. 271. 278. 281. 298 ff. 526 f.; Leo- 
prechting Lechrain 50 f.; Vonbun 105; 
Reiser Allgäu 1, 281 ff. 282; SAVk. 2, 276. 
3 ) Pollinger Landshut 99 b; Urquell 4(1893), 
168; Heyl Tirol 526 Nr. 95. 4 ) SAVk. 21 

(1917), 195 ff. 5 ) Kühnau Sagen 1, 295. 

6 ) Birlinger Volkst. 1, 91 ff. 101; Bartsch 

Mecklenburg i, 245 h; Panzer Beitr. 1,29. 158t. 
177; Rochholz Schweizer sagen 1, 262 h; 

Reiser Allgäu 1, 82, 86; Kühnau Sagen 3, 
718; Waibel und Flamm 1, 108 f.; 2, 68. 

7 ) Rochholz Schweizersagen 2, XXXV. 

8 ) Strackerjan 1, 229; Jecklin Volkstüm¬ 
liches 1916, 345 f.; Quitzmann Baiwaren 177; 
Laistner Nebelsagen 45. 48; Reiser Allgäu 
i, 170. 9 ) Leoprechting Lechrain 50. 10 ) Boh¬ 
nenberger 7; Meiche Sagen 52 Nr. 52. 

Güntert. 

Pudelmutter, eine Weihnachtsmaske 
in der (Unter-) Steiermark. Sie erscheint 
als altes, dickes, zottiges Weib in zer¬ 
rissenem Gewand, mit einem Buckelkorb 
auf dem Rücken und einer Rute in der 
Hand in Häusern, wo Kinder sind, fragt 
nach bösen Kindern (die sie in ihrem 
Sack mitzunehmen droht), beschenkt die 
frommen mit Nüssen, Äpfeln, Birnen oder 
Geld und segnet die Hausgenossen mit 
einem frommen Spruch. Den Kindern 
sagt man, die P. habe ihren mit zwei 
Ziegen bespannten „Kobelwagen“ vor 
dem Hause stehn 1 ). — P. ist in Unter¬ 
steiermark aber auch Benennung einer 
unsichtbaren Perchte. Als solche holt sie 
aus Häusern, die zu Weihnachten nicht 
sauber sind, die Kinder und teilt durch 
die Fenster Spindeln zum Überspinnen 


aus 2 ). 

*) ZfVk. 8, 445 (= Sartori Sitte 3, 47); 
ZföVk. 2, 303. 2 ) Wein hold Weihnachtsspiele 


11 (= ZfVk. 8, 445). 


Ranke. 


Pulver. Die Kraft des Pulvers sucht 


der Jägeraberglaube durch Beimischung 
pulverisierter Tiere oder Teile von Tieren 
(bes. Herz, Leber) zu erhöhen; dabei 
bedient er sich gern gew. Vögel (Schwal¬ 
ben, Wiedehopf), der Fledermäuse, der 
Würmer und Schlangen; aber auch ge- 


383 


Pumpernickel 


384 


mahlene Knochen von Toten und Ge¬ 
henkten werden gebraucht. 

Im Soldatenaberglauben der Schweiz 
ist aus dem Jahre 1914 — aber „als alter 
Brauch“ — aus dem Berner Oberland, 
der Gegend von Thun und im Emmen¬ 
tal bezeugt, daß Schießpulver in Wein 
gemischt getrunken wurde, um mutig zu 
machen x ). 

In der Volksmedizin wird Schießpulver 
vielfach angewandt, in Wasser oder 
Branntwein, evtl, in Essig gelöst, gegen 
Krämpfe 2 ), Halsweh 3 ), Wechselfieber 4 ), 
Verstopfung 5 ); aufgelegt auf blutende 
Schnittwunden 6 ); allgemein wird es (mit 
andern Mitteln zus.) in Pestzeiten zu 
einem Rezept 7 ) genommen. Als Haus¬ 
mittel dient es wider den Milzbrand der 
Schweine 8 ) und den kalten Brand des 
Rindes, wie überhaupt bei allen Blähungen 
und Verstopfungen der Haustiere 9 ). 

*) SAVk. 19 (1915),218. — AberMessikom- 
mer berichtet ( Aus alter Zeit 1,177), daß auch 
unter den Knaben in Zürich beliebt gewesen 
sei, Schießpulver zu essen, um mutig zu werden. 
2 ) John Erzgebirge 53. 3 ) Hovorka u. Kron- 
feld 2, 11 (Beleg aus Wien). — Allg. gegen Er¬ 
kältung, wenn der Aderlaß nicht hilft, bei den 
Bosniaken: Stern Türkei 1,209. 4 ) Lammert 
261; Hovorka u. Kronfeld 2, 324. 5 ) Ho¬ 

vorka u. Kronfeld 1,172 (in Szabadka u. im 
Csiker Komitat). 6 ) Hovorka u. Kronfeld 
2, 374 (Slovenen: Pulver über Kuhmist ange¬ 
zündet). 7 ) Höhn Volksheilkunde 1, 150 (nur 
aus Hausbüchern bekannt). 8 ) Romanusbüch¬ 
lein 41 f.; Kuhn u. Schwartz Nordd. Sagen 
450. 9 ) ZföVk. 4 (1898), 307. Basler. 

Pumpernickel. 

a) P. als Weihnachts- und Ostergeschenk: 
Im Sechsämterbezirk in der Oberpfalz ist 
der P. beliebt, eine Art gewürzreicher 
Lebkuchen, ein Geschenk der Paten J ). 
Im Bezug auf die Bezeichnung wären zu 
vergleichen: Pauternickel in Bayern, ein 


durchmachen muß 6 ). Die Bezeichnung 
P. ist nicht alt und wurde vor allem im 
Süden diesem westfälischen, aber auch 
\ anderem schwarzen Brot des Nordens 
| gegeben: Gerardus Mercator in seinem 
Atlas minor (1611), der sich ziemlich 
derb und ausführlich über die Lebens¬ 
weise der Westfalen äußert, spricht nur von 
„schwartz Brot“ 7 ). Logau und Christian 
Günther bezeichnen mit Pompernickel 
das rauhe Soldatenbrot 8 ). In dem la¬ 
teinischen Wörterbuch von Merk (Ulm 
1646) wird panis ater mit „Chrobatisch 
oder westphälisch Brod“ glossiert 9 ). 
Erst gegen Ende des 17. und im Laufe 
des 18. Jh.s finden wir das Wort P. 
häufig als abfällige Bezeichnung des 
westfälischen Schwarzbrotes 10 ). An Er¬ 
klärungen des Namen gibt es folgende: 
F. Hoffmann 11 ), der in seiner gelehrten 
Monographie den „Pompurnickel“ als sehr 
gesund bezeichnet wegen der Kleien¬ 
schale und ein daraus präpariertes heil¬ 
sames Wasser gegen hektische Hitze 
empfiehlt, will das Wort aus dem 
westfälischen Dialekt erklären und denkt 
offenbar auch an die Zusammensetzung 
Bon-pour-Nikel. Von Eye aber weist 
nach, daß das Wort nicht westfälisch 
ist 12 ). Eine andere Monographie stammt 
vom Osnabrücker Rektor Zacharias 
Götze 13 ); dieser vergleicht Saunickel, 
Hurennickel mit P. = liederliches Gesindel. 
Aloysius Charitinus 14 ) verteidigt die 
Deutung: Bon-pour-nicol; so soll ein 
; Franzose das Brot genannt haben: gut 
I für sein Pferd 15 ). Dazu bemerkt J. L. 

Frisch (1741) 16 ): Wenn einige das Wort 
1 P. von den Worten eines Franzosen (Bon- 
; pour-Nickel) herleiten und verstehen 
darunter seinen Knecht, der Nikolaus 


Pfannkuchen 2 ), Biernickel, Brot in Bier S geheißen, so ist der anderen Meinung 
gebrockt 3 ), Nigl, ein Österreich. Kuchen wahrscheinlicher, es werde durch Nickel 


und der kärntnerische Haidnickel 4 ). 
Staub weist noch auf den Commisnickel 
hin 5 ). 

b) Obwohl pemmatologisch auf voll¬ 
kommen anderer Basis stehend, ist dieses 
Gebäck dem Namen nach mit dem west¬ 
fälischen P. zusammenzustellen. Dies 
ist das schwarze, schwerverdauliche Brot, 
das einen langen Gär- und Backprozeß 


hier ein ... Pferd verstanden. Noch 
Krünitz erklärt: Bon-pour-Nickel 17 ), 

| dagegen Zedier 18 ). Hofier 19 ) und 
Wasserzieher 20 ) nehmen eine bei Brock¬ 
haus 21 ) und E. Wilke 22 ) zitierte Er¬ 
klärung an: Die Stadt Osnabrück backte 
1400 (1540) zur Zeit einer Hungersnot 
bona panicula; der Turm, in dem der 
i Backofen lag, heißt noch heute PernikeL 


385 


Pump(h)ut 


386 


P. Branscheid bringt eine neue Inter¬ 
pretation : wie in der Kölner Gegend 
Pfund-Birnen „Pompieren“ heißen, so 
ist P. auf Pfund-Panikel (Brötchen) 
zurückzuführen 23 ). K. Friedrichs 24 ) 
kommt auf eine Deutung, die der von 
L. Weise 25 ) nahekommt. P. ist der 


polternde Hausgeist. Das Brot wurde 
drei Tage im Backofen eingemauert 
sich selbst überlassen. Da knisterte 
und krachte der Ofen, was man wohl 
jenem Hausgeist zuschrieb. Weise 1 . c. 
stellt P. zu den Gebäcken, die den 
Namen von einem Kobold haben, 
dem man ein Speiseopfer darbrachte(?). 
Wahrscheinlicher ist folgende Deutung: 
Nach dem Material bei Grimm 26 ), 
Staub 27 )), Wendeier 28 ), Wacker nagel 29 ) 
und Hüffer 30 ) bedeutet P. 1. ein kleines 
Kind. 2. ein grobes Landsknechtslied. 

3. einen groben Kerl. So wurde dann 
der Name P. auf das grobe Brot über¬ 
tragen. Nickel oder Niggl kann einen 
Kobold bedeuten und als Übername 
gebraucht werden (Sauniggel, Huren- 
niggel 31 ). Der Nickel spielt auch beim 
Dreschritus eine Rolle 32 ), vgl. das Aus¬ 
dreschen des Pumpernickels 33 ). Den 
ersten Teil deutet Staub als plump 34 ), 
ebenso Weigand 35 ); Paul 36 ) und Wilke 37 ) 
denken an pumpern (Lärm machen), 
Jostes 38 ), Kluge 39 ), Adelung 40 ), Woeste 41 ) 
und Kügler 42 ) an pumpern — suppedere 
(Stinkfritze wegen der Wirkung des gro¬ 
ben Brotes). Zu der Übertragung des 
Namens P. auf eine grobe Gebäckart 
ist zu vergleichen: In Warmbrunn im 
Hirschbergischen in Schlesien wird der 
Tallsack gebacken, ein Männchen mit 
Rosinenaugen; tallsack aber heißt auch 
ein alberner Kerl 43 ). 

2 ) Bavaria 1a, 386; Höfler Weihnachten 30. 
Vgl. 32. 2 ) Schmeller Wb. 1, 414; Germania 

5, 352; Staub Brot 122. 3 ) Schmeller Wb. 

1, 1722; Staub I. c. 122. 4 ) L. Weiser in NdZf- 
Vk. 1926, 14. 5 ) 1 . c. 6 ) Beschreibung bei 

Jostes Westfälisches Trachtenbuch 1904» 

60—68; Krünitz Enzyklopädie 118, n6ff.; 
Zedier 4, 1448; ZrhwVk. 3, 53; Sartori West¬ 
falen 9. 109 ff., vgl. Abb. 22: P.backen im 
Ravensburgischen; vgl. Niedersachsen 16, 233. 

7 ) Atlas Minor , das ist, Ein kurtze jedoch gründt - i 
liehe Beschreibung der gantzen Welt .... über¬ 
setzt durch Jodocum Hondium; der lat. 
Titel lautet: Atlas Minor Gerardi Mercatoris 


a J. Hondio plurimis aeneis tabulis auctus 
atque illustratus Amsterodami 1611; darüber 
H. Hüffer in Monatsschrift für rheinisch-west¬ 
fälische Geschichtsforschung 2 (1876), 274 ff. 

8 ) Hüffer 1 . c. 276. 9 ) 1 . c. 274. lK> ) A. v. Eye 
in Frommanns Mundarten 2, 276. 279; Hüffer 
277 ff.; L. Frisch Deutschlateinisches Wb. 
B. 1741; Jostes 1. c. 60 — 64; Globus 59, 208. 
J1 ) Propempticon de pane grossiore Westfalorum 
vulgo Bompournikel als Anhang zu: Disputa- 
tio de prudenti medicamentorum applicatione 
Halle 1695; vgl. Zedier 4, 1448; Staub 1 . c. 
119. 12 ) 1 . c. 13 ) Über den Bompernickel Pro¬ 

gramm Osnabrück 1725; daraus Auszug von 
J. Gottlieb Bidermann Acta scholastica 7 
(Nürnberg 1747), 99 ft. 14 ) Von betrüglichen 
Kennzeichen der Zauberey Stargard 1708, 74; 
Korrespondenzblatt des Vereins für nieder¬ 
deutsche Sprachforschung 13, 10. 15 ) Diese 

Geschichte vom Franzosen, der das landübliche 
Brot als „pain-pour Nicole“ bezeichnet, wurde 
auf Hannover übertragen, als im siebenjährigen 
Krieg eine Hetze gegen das Haus Hannover 
getrieben wurde: Lord Mahon History of 
England 3 (L. 1853), 384; Hüffer 1 . c. 278. 
16 ) Bei Hüffer 1 . c. 277. 17 ) Encyklop. 118, 716. 
18 ) 4, 1448. 19 ) Höfler Weihnachten 30. 

2(l ) Ztschr. d. d. Sprachver. 1927, Sp. 24; Täg¬ 
liche Rundschau 24 u. 26, 21. August 1926; West- 
fäl. Zeitg. Nr. 222 vom 23. 9. 1926. 21 ) Alte Auf¬ 
lage 13, 513. 22 ) Deutsche Wortkunde (L. 1925 ®) 
376. 23 ) ZddSprachver. 1927 Sp. 24. 24 ) Bei 

Wilke 1 . c. 25 ) NZfVk. 1926, 14. 26 ) Wb. 7, 2, 

2231; vgl. 2, 236 ff.; vgl. Schultz Alltagsleben 
176. 216; Höfler Weihnachten 32. 27 ) 1 . c. 

120 ff.; Lütolf Sagen 511 Nr. 467. 28 ) Korre¬ 

spondenzblatt des Vereins für niederdeutsche 
Sprachforschung 5, 44 ff. 29 ) Germania 5, 350ff. 
3U ) 1 . c. 273 ff. 31 ) Staub 1 . c. 120; vgl. Westische 
Zeitschrift 25, 146. 32 ) Sartori Sitte 2.101.104. 
33 ) Panzer Beitrag 2, 236. 34 ) 1 . c. 122. 35 ) Wb. 
2, 491 ff. 36 ) Wb. 400. 37 ) 1 . c. 38 ) 1 . c. 60 ff . 
39 ) Wb. 380. 40 ) Wb. 3, 1177. 41 ) Korr. d. Ver. 
f. niederd. Sprachforsch. 1, 62 ff. 42 ) D. Allg. 
Zeitung vom 21. 2. 26 Nr. 86; ZddSprach- 
vereins 1927 Sp. 150; vgl. 24. Abzulehnen 
ist Benary in ArchStudnSpr. 1928 (154), 
271 ff. 43 ) Drechsler 1, 76 Nr. 77. 

Eckstein. 

Pump(h)ut. Martin P. (auch Pumpot), 
zauberkundiger Müllergeselle in der Volks¬ 
überlieferung vor allem der Lausitz, des 
sächsischen Voigtlandes, der Ucker- und 
Neumark, soll in dem Dörfchen Spuhle 
bei Hoyerswerda geboren sein und schon 
in der Wiege seine Eltern durch seine 
zauberischen Gaben erschreckt haben; 
später spielte er bes. den Müllern der 
genannten Gegenden manchen Possen 
(darunter das aus dem apokryphen Kind¬ 
heitsevangelium stammende Motiv von 
der Streckung der Mühlwelle), bannte 


Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII. 



387 


Puppe 


388 


Spatzen und Fliegen, war kugelsicher 
(Kugeln im Hut aufgefangen), konnte 
aus jeder Ecke seines dreieckigen (nach 
anderen spitzen, breitrandigen) Hutes 
andere Kugeln schießen, soll auch mit 
dem polnischen General Sybilski von 
Wolfsberg (1677—1763) und dem alten 
Dessauer um die Wette gezaubert und 
andere Kraft- und Zauberstücke voll¬ 
bracht haben (darunter: Beil durch die 
Beine hindurch auf den Kirchturm ge¬ 
schleudert) und zuletzt vom Teufel geholt 
worden sein 1 ). 

Jacob Grimm sah in P. einen Mühlen¬ 
kobold 2 ), Veckenstedt den slavischen 
Korn- und Kulturdämon (lit.) Pümpas 3 ), 
andere stellten ihn mit Wodan zusam¬ 
men 4 ). — Die Überheferung von P. 
ist in einem geschlossenen geographischen 
Gebiet zu Hause, dessen Zentrum die 
Lausitz zu bilden scheint, und das im 
Süden bis nach Nordböhmen 5 ), im Nor¬ 
den bis in die Ucker- und Neumark reicht 
(hier z. T. mit der Namensform Pump¬ 
fuß) 6 ); abgesplittert ist je ein Beleg aus 
Mecklenburg(-fut) 7 ) und aus Westfalen 
(desgl.) 8 ). — Der gut wendische Name 
(wörtlich etwa: Poltern; vgl. wend. 
pumpotas = rumpeln, undeutlich reden; 
pumpac, pumpak = Schmerbauch 9 ), 
die Formen mit -hut und -fut sind Ein¬ 
deutschungen) deutet doch eher auf einen 
Kobold (vgl. Pölterken) , an den sich aller¬ 
lei auch sonst bekannte Zauberergeschich¬ 
ten gehängt haben, als auf eine historische 
Person l0 ). 

1 ) Gräve Volkss. d. Lausitz (1839) S. 83 f. 
88 1 ; Haupt Lausitz 1, S. 51. 185 f. 218. 220; 
Schulenburg 2 (193°) S. 34 — 36; Vecken¬ 
stedt Sagen S. 861 ; Gander Niederlausitz 
S. 27 Nr. 58. 146; Meiche Sagen Nr. 645. 

646. 652. 666. 678; Kühnau Sagen 2, 222; 

3, 162; Köhler Voigtland 542 1 ; Eisei Voigt¬ 
land 218 {.; Sieber Sachsen 225 f. 335; Köhler 
Sagen Nr. 220; Grässe Preußen 2, 672. 673; 
ZfVk. 12 (1902), 68. 69. 2 ) Grimm Myth. 

3, 146 1 ; ähnlich Petsch ZfVk. 26. 331; 

Siebert Sachsen 335. 3 ) Veckenstedt 

Pumphut, ein Kulturdämon der Deutschen 
und Wenden, Litauer und Zamaiten (= 54. 
u - 55 - Jahresb. d. Voigtländ. altertumsfor¬ 
schenden Vereins) 1887/88 S. 1 ff. 4 ) Menzel 
Odin S. 168; vgl. Brunner Ostdtsche Volkskde. 

S. r 37 - 5 ) Ant. Hoc kauf Heimatkde d. Bez. Rum¬ 
burg (Rumbg. 1885) S. 209 1 6 ) W. Schwartz 
Sagen u. Gesch. d. Mark Brandenburg (Berl. 


1895) Nr. 78. 79; Handtmann Brandenburg 
208 1 261; Kuhn u. Schwartz S. 60 f. Nr. 65. 
66; Landeskde d. Provniz Brandenburg 3, S. 
206 f. 7 ) Bartsch Mecklenburg 1, 228 Nr 296 
= Niederhöffer Meckl. Sagen 4, 35 1 

8 ) Kuhn Westf. 2, 279 Nr. 28. 9 ) Mucke 

Wb. d. nieder wend. Sprache 2 (Prag 1928), 
S. 275. 10 ) Ältester Beleg: Insel Felsenburg 2 

(Nordhausen 1746) S. 366 —370 (nach Grimm 
Mylhol. 3, 146; mir nicht zugänglich). 

Ranke. 

Puppe la ). Der Ausdruck P., der heute 
am häufigsten für Spiel-, Kleider- und 
Insektenpuppe verwendet wird, stammt 
aus dem mlat., wo pupa Insektenhülle 
bedeutet lb ). Für eine Darstellung mensch¬ 
licher Figur scheint der Ausdruck ge¬ 
nommen worden zu sein auf Grund des 
volkstümlichen Glaubens, daß die kleinen 
Dämonen (Zwerge, Elben u. a.) mit Vor¬ 
liebe in Insektengestalt erscheinen 2 ). 
Fassen wir die einfachsten Formen der 
P. ins Auge, wie sie unter andern die 
,,Zauberpuppen von Celle“ 3 ) oder heutige 
bäuerliche Spielp.n vorstellen, so ist ja 
die Ähnlichkeit mit der Insektenp. tat¬ 
sächlich gegeben. 

Der alte Ausdruck für den Inhalt 
unseres heutigen Wortes P. freilich ist 
dokke 4 ); die Mundart kennt im all¬ 
gemeinen nur dieses Wort, das alle Be¬ 
deutungen von P. aufweist 5 ), insbe¬ 
sondere auch die eines elbischen Geistes 
(Rumexpflanze) 6 ). 

P. zeigt Verwendung für Spiel-, 
Glieder-, Garbenp. 7 ); diese letztere, die 
uns der Erntep.n wegen mehr interessiert, 
besteht aus mehreren zu einem Schaub 
zusammengebundenen Garben 8 ). Im 
Galloromanischen gibt es eine aus dem 
Mohnkopf gefertigte P. 9 ). — Ferner 
bedeutet P. Wickelkind, Schnurbündel, 
Insektenlarve, Klumpen, Rohrkolben 
u. ä. 10 ), aber auch Kobold 11 ), und wird 
in einer Linie mit Götze, Abgott, Ko¬ 
bold, Butz und Tattermann genannt 12 ) 
Die Verbindung wird herzustellen sein, 
wenn wir an die älteste Darstellung der 
Göttergestalt überhaupt denken: das 
Götterbild geht vom verehrten Pflock 
oder Pfahl aus Holz oder Stein aus 13 ) 
(vgl. Kegel), der späterhin mit Kleidern 
behängt wird 14 ). Im Volke finden sich, 
wie ja das Folgende noch zeigen wird. 


389 Puppe 390 

diese einfachen Darstellungen der Dä- I Kinder mit P.n aus Ton, Wachs oder 


monen als P.n noch allenthalben; in 
Schweden geht der Elf aus dem kranken 
Kinde in Gestalt einer P. heraus 15 ), und 
wenn ein Elf den Menschen befallen hat, 
so trägt man ihn als Zeugp. in den Wald 
zurück 16 ). 

Natürlich spielt die P. auch in das Ge¬ 
biet der Vermummung hinüber, auf dem 
ja der Zusammenhang mit dem Dämonen¬ 
glauben reichlichst gegeben ist, soll doch 
auch gerade durch die Vermummung 
der Dämon irre geführt werden 17 ). 

Spielp. Da die Spielp., die aus der 
Darstellung des Dämonen sich ent¬ 
wickelt haben dürfte 18 ) (Dämon-Haus- 
geist-Popanz-Spielzeug), doch eine Reihe 
von mehr oder weniger ersichtlichen 
Beziehungen zum Aberglauben aufweist, 
muß sie kurz berührt werden. 

Schon sie hat hohes Alter. In Ägypten 
sind hölzerne Gelenkp. bereits um 1900 
v. Chr. belegt 19 ), Griechen und Römer 
kannten die Spielp. 20 ), in prähistorischer 
Zeit findet sie sich, vgl. die P. von Rhi- 
now i. d. Mark 21 ); in Deutschland ist 
die Spielp. seit dem 9./10. Jahrh. all¬ 
gemein; gemalte P.-n treten im 14. Jh. 
auf 22 ), für dieselbe Zeit sind Handp.-n 
zum Kasperltheater in Nordeuropa be¬ 
legt 23 ). Besonders auch Tonp.n als 
Patengeschenke kennt man, sie tragen 
eine Vertiefung zum Einlegen des Paten¬ 
pfennigs und stellen vor nackte Kinder, 
Wickelkinder, Reiter, Heilige u. a. 24 ). 
Daß gerade hier eine Beziehung zum 
Dämonischen vorliegt, ist mehr als wahr¬ 
scheinlich. Nicht geklärt scheint mir 
die Frage der Kinderp.ngräber („Gredl- 
gräber“) u. a. in Niederösterreich 25 ). 
Gelenkp.n sind in Nürnberg fürs 14. Jh. 
bezeugt, während sonst — wie heute unter 
dem Landvolke genau wie bei primitiven 
Völkern •— die Spielp. nur hausgefertigt 
und zwar überaus einfach erscheint als 
Fetzenkopf, Kartoffelkopf, aus Binsen, 
Holz u. a. 26 ). 

Spielp.n kennt Schweden, Japan 27 ), 
Indien 28 ), ja fast jedes Volk 29 ), insbe¬ 
sondere auch als Grabbeigaben in Eu¬ 
ropa 30 ) und außerhalb 31 ). Bekannt ist 
ja das P.nfest im alten Rom, wobei die 


Teig beschenkt wurden 32 ). Eine be¬ 
sondere Form der Spielp. ist die Leb¬ 
kuchen p. (,,Leb-Dockn“), die z. B. 
die Taufpaten am 1. Weihnachtsfeiertage 
den Mädchen bringen 33 ); der Kärntner 
hat seine Popalan am Kirchtag (Wickel¬ 
kinder aus Lebzelt 34 )), die, etwa vom 
Burschen der Geliebten geschenkt, nahe 
Beziehung zum Fruchtbarkeitskult zu 
haben scheinen. Zum Teile Spielp., zum 
Teile wohl auch schon ins Dämonische 
übergehend, sind die Christkindp.n, die 
die Äugsburgerinnen in die Kirche mit- 
nahmen 35 ), und die in steirischen Bauern¬ 
häusern und Kirchen vorkommenden 
Christkindlp.n aus Holz, bunt bemalt, 
oder aus Wachs mit Faschenkleidern 38 ). 
Übrigens hieß ein altes Marienbild in 
einer Kirchennische die P. 37 ). 

Die Fahrenden hatten P.n aus Holz, 
Lappen oder Wachs, die an Fäden gezogen 
wurden und auch vielleicht Gestalten 
der Geister der Volkssage vorstellten 38 ). 

Spottp. Wenn auch # die Spottp. in 
erster Linie natürlich dem Kapitel Brauch 
zuzuweisen ist, so nimmt doch manche 
Spottp. bereits den Charakter einer Ge¬ 
stalt an, die sympathetisch-symbolisch 
wirken soll, so daß ich auch dies Kapitel 
kurz streifen muß. 

Eine P. aus Stroh wird als Symbol des 
unehelichen Kindes auf einem Baume 
in der Nähe der Wohnung der ledigen 
Mutter angebracht 39 ), im Mai 40 ); einem 
unbeliebten Mädchen, das als Braut zur 
Kirche geht, hängt man eine weibliche 
Strohp. auf einen am Wege stehenden 
Baum oder es wird ein Strohweib zer¬ 
rissen 41 ); auch legt man einem solchen 
in Gottschee am Aschermittwoch eine 
Mannsp. vor die Türe 42 ); ähnlich wird 
in Südtirol der ,,Egerthansl“ alten Jung¬ 
frauen ans Haus genagelt 43 ), in Süd¬ 
böhmen und sonst tritt eine Verbindung 
mit dem Maibaume ein 44 ). 

Im Eifelgebiet wird in der Hillichs- 
nacht dem ehemaligen Geliebten der 
Braut eine weibliche Strohp., der früheren 
Geliebten aber eine männliche aufs Dach 
gesetzt 45 ), ähnlich in Niederösterreich 46 ). 

Noch ist zu nennen die Strohp. „Lippö“, 


39 i 


Puppe 


392 


die dem schwerfälligen Liebeswerber gefühlt 59 ). Eine ähnliche Abwehrma߬ 
gilt 47 ), sowie das Speikmandl, eine Art nähme kennt der germanische Norden, 
Hasen = oder Vogelscheuche, die einem wenn z. B. in Schweden die P. in eine 
Faulen gesetzt wird, der das Grumet sogenannte Elfenmühle gelegt wird und 
auswachsen ließ; sie hat den Speikbrief zwar an drei Donnerstagen nacheinander 
in der Hand mit Spottsangln 48 ) und bei Sonnenuntergang; gilt das Opfer 
kommt so fast einer Rachep. gleich. für ein Kind, so sagt man dabei: „Spiel 

Zauber. Mit P.n wird allerlei Weis- mit dem, was ich gebe, laß mein Kind in 
sagung und Zauber getrieben 49 ). Beim Frieden“ 60 ). Ähnlich mit P.n aus Nä- 
Orakel wird die P. verwendet am An- geln, Haaren und Wäsche des Kindes 
dreasabend: fängt nämlich das Mädchen unter Laubbäumen 61 ). Zur Seuchen- 
aus einer Schüssel mit buntem Inhalte abwehr wurde in Böhmen alljährlich eine 
eine P. heraus, so bedeutet dies ein unehe- „Tod“ genannte P. ertränkt; man wird 
liches Kind; auch sonst versinnbildlicht dabei an das Wasser als Sitz des Toten- 
die P. beim Orakel das weniger Erfreu- gottes denken dürfen 62 ); ähnliches wird 
liehe 50 ); beim Liebesorakel bringt man aus der Umgebung von Gera gemeldet 63 ). 
durch zwei P.n zur Entscheidung, wer Abwehr böser Geister hat offenbar 
sich von den Liebenden rascher ent- auch die Flachsp. („Haarfräul"), die 

zündet 51 ). neben dem zum Bioaken ausgelegten 

Abwehrzauber. Dämonen und Gei- Flachs gestellt wird, im Sinne 64 ). Die 
ster sollen durch P.n getäuscht werden; dem verstorbenen Kinde mit dem Sauger 
so auch bei den römischen Compitalien, i ins Grab mitgegebene P. soll verhindern, 
wobei wollene P.n den Laren an Kreuz- daß das Kind wieder „aufwache" 65 ); 
wegen und Haustüren aufgehängt wurden als Abwehr eines ev. zurückkehrenden 
in der Absicht, daß sich die Laren mit Seelendämons ist der Brauch anzusehen, 
den P.n begnügen sollen 52 ); man hat wenn bei den Alten der Verstorbene als p! 
bei solchen Gelegenheiten an Ersatz ehe- i nachgebildet und diese versteckt, gesucht 
maliger Menschenopfer gedacht 53 ), was j und bestattet oder ins Wasser geworfen 
aber doch zurückgewiesen wurde mit der wurde 66 ); ähnliches machte man mit 
besonderen Begründung, daß es sich bei der „Kermesp." in der Eifel 67 ). Als Ab- 
den Compitalien um das Aufhängen der wehrzauberp. ist auch die moderne Auto- 
Jugendsymbole handelt 54 ). Auf eine fetischp. zu werten. 

Abwehr bezweckende Täuschung geht Glückbringende Zauberp.n sind das 
es wohl auch hinaus, wenn während der Allerürken, eine kleine, im Koffer ver- 
Taufe eine P. ins Kinderbett gelegt wird, schlossene P. 68 ), verwandt mit dem 
damit der Wechselbalg das Kind nicht Alraun 69 ) (Ditmarschen); die Reich¬ 
vertausche 55 ); man täuscht mit der P. tum bringende, aus weißem Wachs ge- 
die Drud 56 ); schließlich ist die eine oder fertigte Teufelsp. Mönöloke (manna¬ 
andere P.nverbrennung selbstverständ- lihho, Menschenbild) 70 ), eine Zauber- 
üch auch eine Abwehrmaßnahme, be- j gestalt, die nach Berichten des beginnen- 
sonders die Verbrennung des Toddämons, den 18. Jh.s von selbst auf den Reichtum 
da die Unterlassung der Zeremonie den ihres Besitzers hinarbeitet 71 ). Auch 
Tod eines jungen Menschen oder irgend j die niedersächsischen Zauberp.n von Celle 
ein anderes Unglück zur Folge hat 57 ), werden als Heckemännchen aufgefaßt 72 ), 
Der Abwehrzauber nimmt oft den Cha- wie sie als „Dragedukker“ (Tragp.n, die 
rakter einer P.-nopferung an. Reichtümer ins Haus bringen) in Däne- 

Um unruhige oder kranke Kinder zu mark bekannt waren, aus Knochen 
beruhigen, wirft man in Tirol eine oder aus Alraunwurzeln 73 ) gefertigt. 
Strohp. mit der Haube des Kindes in die Wachsp.n wurden im Mittelalter zum 
Ziller, indem man es der „Nachtwuone“ Liebeszauber verwendet 74 ). Scha- 
weiht 58 ); dabei hat man sich an die im denzauber verursachen P.n, die die 
Indiculus erwähnten Fetzenp.n erinnert Hexen den kleinen Kindern' ins Bett 


393 


Puppe 


394 


A 



0 • 

F* 

1 _ 
w 

i, 

t' 


oder in die Wiege legen, wodurch die 
Kleinen krank werden oder gar sterben; 
diese P.n machen den Menschen sym¬ 
pathetisch krank, sie können nur ver¬ 
brannt werden 75 ). — Die P. übernimmt 
in gewissen Fällen die Rolle des Men¬ 
schen: was ihr angetan wird, erleidet 
gleichzeitig die ins Auge gefaßte Person. 
So gilt der einer Wachsp. zugefügte 
Herzstich dem, den sie vorstellt, der da¬ 
her auch krank wird oder stirbt 76 ), nach 
alter Methode 77 ), denn schon im alten 
Rom benützte man Bilder aus Wachs 
oder Blei zu demselben Zwecke 78 ) wie 
auch im Mittelalter und in neuer Zeit 
solche aus Wachs oder Lehm 79 ). So haben 
wir uns Rachep.n (s. d.) zu denken, wie 
eine im Stettiner Museum sich findet, 
ein Bleikästchen, in das eine mensch¬ 
liche gefesselte Figur eingezeichnet ist 80 ). 
Manches auf diesem Gebiete wird als 
Analogiezauber zu werten sein, so wenn 
jemand in dem Hause sterben muß, in 
dessen Nähe Kinder mit P.n Begräbnis 
spielen 81 ). 

Eine ganz eigene Art von Zauberp.n sind 
die Leben annehmenden. Übermütige 
Sennen 82 ) oder Jäger 83 ) schnitzen eine 
einen Dämon vorstellende P., füttern 
sie, tränken sie mit Schnaps, sie erwacht 


zum 






A 1—. 


putz 84 ), ein Almgeist 85 ), ein Kaser¬ 
männlein 86 ), ein Strohmännlein „Han¬ 
sel“ 87 ), die Unze 88 ). Dieser Dämon 
bringt ein Strafgericht über die Frevler 89 ). 
Diese P. stellt bei mädchenlosen Sennen 


eine Dirne vor, der sie ebenfalls zu essen 
geben, aber vorzüglich mit ihr Unsitt¬ 
lichkeit treiben 90 ). Die P. kann aber 
unter Umständen auch eine gewöhnliche 
Spielp. sein 91 ). Jedenfalls ist damit 
der Übergang von der Spielp. zur dä¬ 
monischen gegeben. 

Eine ähnliche Vorstellung kennen auch 
die Esten, die Hauskobolde aus Werg, 
Lumpen und Tannenrinde fertigen und 
sie vom Teufel beleben lassen 92 ); zu ver¬ 
gleichen ist ferner die in Teufels Namen 

bekleidete Wachsp. 93 ). 

Der dem Donar heilige Hirschkäfer, 
der auch Donnerp. heißt 94 ), bringt als 
Feuerträger den Blitz ins Haus 95 ). 



Auch im Bereiche des Fruchtbar¬ 
keitszaubers wird die P. vielfach ver¬ 
wendet. Und zwar zur Hebung der Frucht¬ 
barkeit beim Menschen; so wird im 
Gasteinertale beim Perchtenumzug ein 
P.nwickelkind den Weibern zugewor¬ 
fen 96 ), in der Schweiz erscheint ein 
maskierter Narr mit großer P. vor dem 
Hause Neuvermählter und zeigt der Frau 
die P. 97 ). Damit sind wohl auch die 
kleinen P.n bei der Weinlese im Prättigau 
zu vergleichen 98 ). Kinderlose Eltern 
brachten ein Kind aus Wachs, Holz oder 
Silber dar "); eine P. mit Kinderkleidem 
wird beim Hochzeitsmahl an der Stuben¬ 
decke befestigt, liegt auf dem Hochzeits¬ 
kuchen, kommt ins Brautbett 10 °) oder 
wird zum Mahlgeld gelegt 101 ). In Meck¬ 
lenburg steht neben dem Brautbett eine 
Wiege mit männl. und weibl. P., der kleine 
Bub ins Hochzeitsbett gelegt, bedeutet 
einen Knaben als Erstgeburt 102 ). 

In der Fruchtbarkeit verleihenden P. 
hat man den Ersatz eines lebenden Men¬ 
schen sehen wollen 103 ). — Von solchen 
Zauberp.n spricht auch der Bericht über 
die Zauberp.n von Celle auf Grund münd¬ 
licher Angaben, allerdings habe es auch 
solche zur Verhinderung der Empfängnis 
gegeben 104 ). Auch die am Totensonntag 
verwendete P. scheint Beziehungen zum 
Fruchtbarkeitskult beim Menschen zu 
haben, da sie von Ungleichgeschlechtigen 
getragen wird 105 ). 

Die P. stellt aber mit Vorliebe auch 
einen Dämon dar, der mit Pflanzen¬ 
wuchs und Ernteertrag in Zusammen¬ 
hang steht, so den Vegetationsgeist, der 
die Fruchtbarkeit der Bäume fördert 106 ), 
oder einen Emtedämon. 

Schon in der Synode zu Lestines (743) 
wird von einem „simulacrum quod per 
campos portant“ gesprochen, wobei an 
eine mit dem Emtewuchs zusammen¬ 
hängende P. (aus Stroh oder Ähren) zu 

denken sein wird 107 ). 

Naturgemäß findet diese P. vorzüglich 
Verwendung im Rahmen der Frühlings¬ 
feier vom März bis in den Mai hinein in 
verschiedenen Gestalten und unter den 
verschiedensten Namen, so als Tod, 
Winter, Fastnachtsbutz, Wilder Mann, 




395 


Puppe 


398 


Tattermann, Hexe u. a. Ich reihe nur 

in aller Kürze die wichtigsten Bräuche 
nach dem Kalender. 

Eine P. erscheint am Marientag (25. 3.) 
als Frauenp. 108 ), in Schlesien am Ruper- 
tustage (27. 3.) 109 ), besonders beim Tod¬ 
austragen 110 ), auch als Hansl und Gretl 111 ), 
am Faschingdienstag 112 ) beim Faschings¬ 
zug 113 ), in der Fastnacht 114 ), wobei 
Gericht über sie gehalten wird (wird er¬ 
schossen oder verbrannt 11S ), als Stroh¬ 
mann 116 ) begraben oder ertränkt 117 )); 
als Fastnachtsbutz 118 ) (1614), am letzten 
Tage der Fastnacht als Strohmann 119 ), 
beim Faschingbegraben 12 °), Fastnacht¬ 
vergraben 121 ), am Aschermittwoch 122 ), 
am Hirßmontag (Montag nach Ascher¬ 
mittwoch) als Kridigladi 123 ), sie erscheint 
als Döll oder Löll zu Eichstädt 124 ); eine 
P. wird beim Sommerdockenaustragen 
in Böhmen als Tödin verwendet 12S ), 
weibliche Todp.n kennt man unter ande¬ 
rem noch in Mähren und Schlesien 126 ); 
eine P. tragen Mädchen in einer Schachtel 
(Franken, Nürnberg) 127 ), sie wird als 
strohenes oder hölzernes Bild ins Wasser 
geworfen 128 ); ähnliche Beziehungen 
dürfte wohl auch die Wendung „tricas 
ymagines in terram fodere“ bei Bert- 
hold v. Regensburg haben 129 ). Ferner 
ist hier zu erwähnen die P. aus Stroh und 
Lumpen am Totensonntag 130 ), der Ju¬ 
das 131 ) am Karsamstag 132 ), die Winterp. 
am 1. Ostertag am Kyffhäuser 133 ), bei 
der Sommertagfeier 134 ), beim Winter¬ 
ersäufen im Gailtale 135 ), die Fetzenp. 
(Hexe) am Walpurgisabend 136 ), die in 
verschiedenen Formen erscheinende P. auf 
dem Maibaume 137 ), beim Maifeuer 138 ); die 
im Pfingstbrauch übliche P., die Pfingst- 
p. 139 ), der Pfingstl 140 ), der Pfingst- 
butz 141 ), der Pfingstlümmel 142 ), als Hansl 
und Gretl 143 ) (München), ins Wasser ge¬ 
worfen 144 ) am unsinnigen Pfinnstag 145 ); 
die P. im Sonnwendbrauch (Hansl und 
Gretl 146 ), Tattermann 147 ), Luther und 
Kathei 148 ), Lotter 149 ), zu Peter und 
Paul 150 ), als Verkörperung des Kirmes 151 )); 

wohl auch die Mannsp. zu Mosigkau in 

einem Julispiel 152 ), ähnlich der alte 
Mann zu Pistorf 153 ). 

Wollen diese und andere P.n den Er- 



Puppe 


trag der kommenden Ernte im guten 
Sinne beeinflussen, so gibt es eine Reihe 
von dämonischen P.n, die während der 
Ernte und bei Ernteschluß Vorkommen. 

Die P. erscheint als Korndämon 154 ) 
j als der Alte 155 ) (Westfalen) 155 ), eine 
Mannsp., mit bunten Bändern aufge¬ 
putzt, gefertigt aus dem letzten Bü¬ 
schel 157 ); als ein einem Menschen glei¬ 
chendes Bäumchen auf der letzten 
Fuhre 158 ) u. a. 

Beim Dreschschluß wird in der Um¬ 
gebung des Kyffhäusers eine männliche 
P. mit Arbeitsgeräten ausgestattet 159 ), 
bei der Mahlzeit nach dem Ausdreschen 
sitzt eine P. bei Tisch, der von allen 
Speisen vorgesetzt wird 160 ); in Ober¬ 
österreich kennt man das ,,Drescher¬ 
mandl“ 161 ) aus Stroh, es heißt auch 
„Leoblmann“ 162 ), und wird jenem Bauern¬ 
höfe zugetragen, der mit dem Dreschen 
noch nicht fertig ist, damit es mithelfe 163 ). 

Auch auf außerdeutschem Gebiete 
finden wir die P. im Aberglauben der ver¬ 
schiedensten Formen. 

So im Fruchtbarkeitszauber für den 
Menschen; die Chinesinnen tragen eine 
P. zu diesem Zwecke auf dem Rücken 164 ), 
ähnlich auch sonst noch 165 ); hierher ge¬ 
hört die P. im Frauenkloster zu Smolensk, 
die Unfruchtbarkeit abwendet 166 ); bei 
den Römern wurden die oscilla als mem- 
bra virilia bezeichnet 167 ); in Kleinrußland 
wird die Jarilo-P. als Mann mit unge¬ 
heurem Phallus in den Sarg gelegt und 
von Weibern beweint 168 ); als deutlicher 
Übergang zum Vegetationsgeist er¬ 
scheint der Sommergott Kupala in Wei߬ 
rußland, eine Weiterbildung des Jarilo 169 ). 
Beim Todaustragen auf tschechischem 
Gebiete finden wir eine weibliche Lumpen- 
P. 170 ), in der mährischen Walachei die 
weibliche Tod-P. Marena 171 ), verwandt 
damit ist der Lito 172 ); ähnliches bei den 
Wenden 173 ), daneben Smrt oder Muriena 
bei Slaven überhaupt 174 ); ferner die 
P. im Mitfastenbrauche der Südslaven 175 ); 
aber auch bei Italienern und Spaniern 
taucht die P. in solchen Zusammen¬ 
hängen auf 176 ). Hierher stellt sich der 
russ. Semikbaum 177 ), die russ. Frau P. 
im Pfingstbrauch 178 ), der estnische Vege¬ 



tationsgeist Metsik 179 ), die bei den Wen¬ 
den auf der bunten Kuh sitzende P. 180 ); 
die in Frankreich und Belgien bekannte 
Riesen-P. „le gaiant“ 181 ), der Stroh¬ 
mann „grand mondard“ 182 ); die P.n 
im Brauch zu Cambrai und Valenci- 
ennes 183 ), zu Bourbonnais 184 ) und 
Meurs 185 ); schließlich die schwedische 
Johannisstange 186 ). Aus griechischem 
Brauche gehört hierher das auf dem 
Gipfel des Kithairon verbrannte Dai- 
dalon 187 ) (Frühlingsfeier mit Feuer 188 )), 
vielleicht auch die P. ,,Hellotis“ 189 ), ge¬ 
wiß aber der Sühnritus des P.nvergrabens 
im Charila-Festbrauch zu Delphi 19 °) 
(vgl. Todaustragen). Als Weih Sym¬ 
bol finden wir die P. im alten Rom, 
wo an den Maiiden für jede Kurie eine 
P. in den Tiber geworfen wurde 191 ); in 
Auxerre um 400 n. Chr. 192 ). — Be¬ 

merkenswert ist der Brauch der Gil- 
jaken auf Sachalin, die bei dem Tode 
von Zwillingen — von denen ein Kind als 
das eines Berggeistes gilt — eine Holz.-P. 
als Kind bis ins dritte Geschlecht weiter 
füttern und sie dann erst feierlich be¬ 
graben 193 ). 

In Paris trug man zwei Püppchen 
(männl. u. weibl.) gegen die Wirkung 
der Fliegerbomben und Ferngeschosse 194 ), 
in Basel ca. 1919 gegen Grippe (mündl.). 

ia) Laufend zu vgl. Boehn Puppen- u. 
Puppenspiele (München 1929) 2 Bde., bes. Bd. 1. 
*b) Güntert Kalypso 229. 238; DWb. 7, 2244. 
2 ) Güntert Kalypso 229 f.; über Etymologie 
vgl. 230. 3 ) Vgl. die Abbildungen ZfVk. 9, 334; 
vgl. 10, 99 f. 4 ) Beleg bei Heckscher 440 
Anm. 21; Haltrich Siebenb. Sachsen 191; 
Weinhold Frauen 1, 101 f. 5 ) Vgl. Adelung 
Wb. i, 1180 f.; DWb. 7, 2244; Güntert Ka¬ 
lypso 229 f. •) Höf ler Botanik 28. 7 ) Vgl. DWb. 
a. a. O. 8 ) John Oberlohma 118; Meyer Baden 
431; ZfVk. 25, 366 ff. 9 ) Schroef 1 Mohn 73; 
Sebillot Folk-Lore 3, 523. 10 ) DWb. 7, 2244. 

13 ) Grimm Mythologie 1, 414 h 12 ) Saupe 
Indiculus 31; vgl. Widlak Synode v. Liflinae 
33; DWb. 2, 239. 1208; ZföVk. 31, 87. 13 ) WS. 
1, 39 ff.; 1, 199. 14 ) WS. i, 39 ff. (mit zahlr. 

Literatur). 15 ) Mannhardt i, 62. 16 ) Ebd. 

1, 63. J7 ) Vgl. i. allg. WS. 5. 98 ff. 18 ) Vgl. 

ZfVk. 25, 126. 19 ) Ebd. 25, 127. 2u ) Ebd. 25, 
127; 5, 186. 21 ) Ebd. 22 ) Schultz Leben 140. 
23 ) ZfVk. 22, 295; vgl. Rabe Kasper Putschen¬ 
eile. Hamburg 1912. 24 ) Weinhold Frauen 

1, loi. 25 ) ZfVk. 9, 333 f. 2# ) Vgl. ZfVk. 21, 
109; 25, 126 ff.; Andree Parallelen 2, 89. 
27 ) Vgl. Ploß Kind 2 2, 257. 28 ) Ders. 240. 


33 ) John Westböhmen 23; Engelien u. 
238 (Brandenburg). 34 ) Krobath 


*•) Weinhold Frauen 102; vgl. Globus 75, 354. 
* Ä ) Reichhardt Geburt, Hochzeit und Tod 143. 
31 ) ZfVk. 5, 186; 25, 129. 32 ) Vgl. Albers Jahr 

3 * 7 - 
Lahn 

Kärntnervolk 110. 35 )Birlinger^ 4 w 5 Schwaben 
2, 11. 3e ) Reiferer Ennstalerisch (Graz 1913) 
25. 37 ) Köhler Voigtland 448. 38 ) Weinhold 
Frauen 2, 136. Zum P.nspiel i.a.: Kollmann 
Deutsche P.nspiele (Leipzig 1891); Lei¬ 
brecht Zeugnisse u . Nachweise zur Geschichte 
des P.nspieles in Deutschland (Freiburg i. B. 
1919). 39 ) Wrede Eifler Volksk. 135. 40 ) Mann¬ 
hardt 1, 165. 167. 41 ) Hauffen Gottschee 81; 
Heimatgaue 8, 95. 42 j Hauffen Gottschee 72. 

43 ) Hörmann Volksleben 17; Sartori 3, 122. 

44 ) Gallistl Heimatkunde des polit. Bezirkes 

Krummau (1903) 240; Sartori 3, 175. 45 ) Wre- 
de Eifel 159, vgl. Heimatgaue 8, 96. 46 ) Ver- 

naleken Alpensagen 396. 47 ) Heimatgaue 

2, 252; 8, 95 f. 48 ) Adrian Salzburg (Wien 
1924) 203 f. 49 ) ZfVk. 10, 100. 60 ) Köhler 

Voigtland 379 f. 61 ) Ploß Weib 8 638. 62 ) ZfVk. 
17, 470; Gruppe Griech. Mythol. 2, 907; Gün¬ 
tert Kalypso 229 f.; Samter Familienfeste 
m ff. 63 ) ZfVk. 10, 100; Samter Familien¬ 
feste in ff. bi \ ZfVk. 17, 470; ARw - 7 . 53 Ü-; 
Frazer 2, 344. 352. 55 ) John Erzgebirge 62. 
Vgl. Pollinger Landshut 240. 58 ) Schön¬ 

werth Oberpfalz 1, 211. 67 ) Haltrich Siebenb. 
Sachsen 285. 58 ) Zingerle Tirol 7. 53; Zfd- 

Myth. i, 237; ZfVk. io, 419h; Mannhardt 

1, 62. 69 ) Meyer Mythol. d. German. 221. 

80 ) Ebenda; ZfVk. 10, 99 f. 4*8 f. Ä1 ) ZfVk. 10, 

419. 62 ) Bertsch Weltanschauung 9. e3 ) Köh¬ 
ler Voigtland 171; vgl. Sepp Religion 88, Pestp.- 
in Frankfurt a. M. **) Adrian Salzburg 192. 
65 ) Drechsler 1, 297. 66 ) Gruppe Griech. 

Mythologie 2, 972. 67 ) Wre de Eifler Volksk. 

230. 68 ) Grimm Mythologie 3, 148 = Müllen- 
hoff Sagen 209 Nr. 285. 69 ) Müllenhoff Sagen 
210 Nr. 285. 7Ü ) ZfVk. 11, 217 f. 71 ) Müllen¬ 
hoff Sagen 209 Nr. 284. 72 ) ZfVk. 9, 335. 

7S ) ZfVk. 10, 420; Güntert Kalypso 229 L ; 
vgl. Quitzmann Baiwaren 27 = Vernaleken 
Mythen 258. 74 ) Höfler Volksmedizin 196 

(nach Ploß Weib). 75 ) Strackerjan 1, 381 — 
Wuttke §396 = ZfVk. 10, 100; Strackerjan 

2, 234 Nr. 497; vgl. Pollinger Landshut 240. 
7 *) ZfVk. 7, 252; Grimm Mythol. 1045; Müllen¬ 
hoff Sagen 223 Nr. 303; Güntert Kalypso 
229 f. 77 )ARw. 5, 8. 78 )ARw. 5, 8. 79 ) ARw. 
5, 9; Meyer Aberglaube 35; Stemplinger 
Volksmedizin 77. 80 ) ARw. 20, 417 (Referat). 

81 ) Andree Braunschweig 224; Birlinger 
Schwaben 1, 391; Naumann Grundzüge 70. 

82 ) Alpenburg Alpensagen 283 Nr. 299; Laist- 

ner Sphinx 2, 189. 83 ) Heyl Tirol 75 f. Nr. 38. 
84 ) Ebd. 85 ) Zingerle Tirol 169 Nr. 292; vgl. 
Laistner Sphinx 2, 189. 86 ) Zingerle Tirol 

85; Laistner Sphinx 2, 189. 87 ) Vernaleken 
Alpensagen 203. 88 ) Heyl Tirol 611 Nr. 75. 

8Ö ) Vgl. Meiche Sagen 139 Nr. 185. 90 ) Heyl 
Tirol 610 Nr. 75. 91 ) Ebd. 76 Nr. 39. 92 ) Grim m 
Mythologie 3, 148. 93 ) Ebd. 94 ) Simrock 


399 


purpur—Pyromantie 


400 


Mythologie 237. 95 ) Grimm Mythologie 1, 152. 
96 ) Andree-Eysn Volkskundl. 183. 97 ) SAVk. 
8, 88; 11, 268 = Andree-Eysn Volkskundl. 
183. 98 ) SAVk. 11, 268; auch als Phallen ge¬ 

deutet: Bühler Davos (1872) 373. ") Grimm 
Myth. 2, 987. ll)0 ) ZfVk. 13, 298 ff. = Reu- 

schel Volksk. 2, 28. 101 ) Öst.-ungar. Monarchie 

i. W. u. B. f Oberösterr. u. Salzburg 439 = 
Meyer Volksk. 181; vgl. Höfler Hochzeit 55 
(P. in Gebäckform). 102 ) ZfVk. 13, 300 Anm. 1. 
103 ) Ebd. 104 ) Ebd. 9, 333 f.; 10, 100; 13, 300. 
105 ) Mannhardt 1, 421. 106 ) Ebd. 1, 605. 

107 ) Ebd. 1, 405; vgl. Saupe Indiculus 

28. 31 f. lt8 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 285. 
109 ) Vernaleken Mythen 293. llu ) Bronner 
Sitt’ u. Art nof.; Reu sehe 1 Volksk. 2, 52 ff.; 
Vernaleken Mythen 69; Pritz Überbleibsel 
aus d. hohen Altertum 63; Schultz Leben 415; 
Sartori 3, 130 ff.; Waltinger Bauernjahr 
(1914)22. in ) Sepp Religion 68. 167. 112 )John 
Westböhmen 50 ff. 56 (Literatur). 113 ) Sepp 
Religion 109; Mannhardt 1, 498; Liebrecht 
Zur Volksk. 437; Öst.-ungar. Monarchie Bd. 
Oberöst. u. Salzburg 151; Heimatgaue 7, 23. 
lu ) Sartori 3, 97. 109. 123 ff. 115 ) Bertsch 
Weltanschauung 124; Haltrich Siebenb. Sachsen 
284; Vernaleken Mythen 294 ff.; Wrede 
Eifler Volkskunde 209. 210 f. 116 ) John West¬ 
böhmen 42 (Literatur). 117 ) Köhler Voigtland 
171; Birlinger Volksthüml. 2, 41; John West¬ 
böhmen 46 ff. 118 ) Vernaleken Alpensagen 363; 
Reuschel Volkskunde 2, 52. 119 ) Vernaleken 
Alpensagen 364. 12 °) Andrian Altaussee 122. 

m ) Bronner Sitt* und Art 81; Hörmann Volks¬ 
leben 25; Mannhardt 1, 498. 122 ) Haltrich 

Siebenb. Sachsen 284; Sartori 3, 124. 123 ) Ver¬ 
naleken Alpensagen 364. 365; Mannhardt 
1, 523 (imbesond. alsRegenzauber-p. aufgefaßt). 
124 ) Bronner Sitt* und Art 78. 125 ) John West¬ 
böhmen 54 ff.; Sartori 3, 133. 126 ) Vernaleken 
Mythen 294 ff. 127 ) Grimm Mythologie 2, 639L 


27. 316 ff. 326 ff.; Sepp Religion 284; Sartori 
2, 91; Wuttke § 434; ZfVk. 7, 91. 156 ) Mann¬ 
hardt 1, 196. 210. 157 ) Simrock Mythologie 

590. 158 ) Mannhardt 1, 200. 156. 158. 

159 ) Kuhn u. Schwartz 370 Nr. 7; darnach 
Mannhardt Forschungen 29. 18 °) Panzer 

Beiträge 2, 217 f. = Sartori 2, 104; vgl. oben 
die zu Leben gekommenen Puppen. 161 ) Hei¬ 
matgaue 2, 123. 162 ) Ebd. 1, 303; Oest.-ung. 

Monarchie, Salzb.-Oberöst. 165; Meyer Volks¬ 
kunde 237. lft3 ) Mannhardt Forschungen 27. 
164 ) Floß Weib 8 749. 165 ) Vgl. Frazer 9, 243. 
249. 166 ) ZfVk. 17, 162. 167 ) Gruppe Griech. 

Mythologie 2, 907 Anm. 7. 168 ) Globus 33, 317 
— Mannhardt 1, 416 = Ploß Kind 2 2, 367L 
Vgl. Mannhardt 2, 186. 268. 286 ff. 169 ) Glo¬ 
bus 48, 252 f. 17u ) Mannhardt 1, 156; Reins¬ 
berg Böhmen 86 ff. m ) ZföVk. 2, 244; Mann¬ 
hardt 1, 156. 172 ) Mannhardt 1, 156. 

173 ) Kühn au Sagen 2, 546. 174 ) Grimm Myth. 

2, 643; Globus 48, 252 f.; Mannhardt 1, 413. 

175 ) Grimm Myth. 2, 682; Ploß Kind 2 2, 367t. 
17 ®) Grimm Myth. 2, 682. 177 ) Mannhardt 

1, 200 f. 178 ) Ebd. i, 157. 179 ) Ebd. 1, 408 f. 
18 °) Kuhn Mark. Sagen 315 f. = Sartori 

3, 194; Kuhn u. Schwartz 388, 72; Mann¬ 
hardt 1, 390. 181 ) Mannhardt 1, 523. 

182 ) Ebd. 1, 408 f. 183 ) Wolf Beiträge 2, 392; 
Mannhardt 1, 513. 184 ) Mannhardt 1, 205. 
210. 185 ) Ebd. 1, 200. 186 ) Ebd. 1, 200. 187 ) Nils- 
son Griech. Feste 52 ff. 55. 188 ) Vgl. Frazer 

2, 3 * 239 f- 248. 271. 281 f. 189 ) Nilsson Griech. 

Feste 95. 19l> ) Ebd. 467; Gruppe Griech. Myth. 
2, 907. 191 ) Sepp Religion 338. 192 ) Grimm 

Mythologie 1, 63. 3, 35. 193 ) Ploß Kind 2, 154L 

194 ) RTradpop. 33, 136. Webinger. 

purpur s. rot. 

Purzelbaum s. wälzen, 
pusten s. blasen. 


X28 ) Ebd. 640 ff. 644. 129 ) Schönbach Berthold 
50. 13 °) Sepp Religion 68. 167. 131 ) Bronner 
Sitt* und Art 130 f. 132; Sartori 3, 148. 

132 ) John Oberlohma 150; Mannhardt 1, 504L 

133 ) Bronner Sitt* und Art 354. 138 f. = Sar¬ 
tori 3, 151. 134 ) Bronner Sitt* u. Art 108. 

135 ) Gera mb Brauchtum 21. 136 ) John West¬ 

böhmen 71 (Literatur!. 137 ) Andrian Altaussee 
125; Mannhardt 1, 181. 408; Sartori 3, 176. 
138 ) Mannhardt 1, 513. 139 ) Albers Das Jahr 
226; Hüser Beiträge 2, 36; Sartori 3, 191. 
14 °) Mannhardt 1, 320. 141 ) Ebd. 1, 321; vgl. 
Sartori 3, 200 ff. 142 ) Pollinger Landshut 
214; Mannhardt 1, 321. 143 ) Sepp Religion 

182. 144 ) Ebd. 179. 145 ) Ebd. 173. 146 ) Heimat¬ 
gaue i, 105. l47 ) Ebd. 7, 105; Öst.-ung. Mo¬ 
narchie, Ober.-Salzburg 156. 148 ) Hörmann 

Volksleben 119. 149 ) Mannhardt 1, 513. 

15 °) Heimatgaue 1, 292. 151 ) Sartori 3, 254 ff. 
152 ) ZfVk. 7, 90. 153 ) Ebd. 154 ) Gesemann 
Regenzauber 50. 155 ) Kuhn Märk. Sagen 341 f.; 
ders. Westfalen 2, 184 Nr. 512 b; Kuhn u. 
Schwartz Nr. 102; darnach Jahn Opferge¬ 
bräuche 171L; Mannhardt Forschungen 19 ff. 


Pyromantie. Angesichts der Erschei¬ 
nungsfülle antiker und mittelalterlicher 
Divination ist es nicht ganz einfach, den 
sprachlich eindeutigen Begriff auch sach¬ 
lich genau zu umreißen. Nach Bouche- 
Leclercq x ) könnte man eine Pyromantie 
und eine Empyromantie dahin unter¬ 
scheiden, daß die erstere eine Ausdeutung 
des Feuers selbst, die letztere eine Wahr¬ 
sagung aus dem Verhalten der ins Feuer 
geworfenen Stoffe umfaßt; doch ist die Be¬ 
schaffenheit der Flamme nicht unab¬ 
hängig von der Art dieser Stoffe. Ein 
anderer Einteilungsgrund ließe sich mit 
Ganszyniec 2 ) darin finden, daß man die 
bloße Ominaschau des sakralen und pro¬ 
fanen Feuers abtrennt von der Praxis 
der geheimwissenschaftlich betriebenen 
Mantik; aber auch dann würde man dem 


401 


Pyromantie 


402 


einheitlichen Charakter einer durchgehen- 2, 753 f.) oder Kristall (vgl. Krystallo- 

den Grundvorstellung nicht gerecht. mantie) ist 12 ). Es geht also lediglich um 

Immerhin werfen beide Vorschläge für die akustisch und visuell wahrnehmbaren 

eine in diesem Rahmen durchaus not- Erscheinungsformen des gewöhnlichen 

wendige arbeitshypothetische Ein- Leuchtfeuerbrandes, 

grenzung schon einiges ab. Es soll hier Der Ursprung der P. ist dunkel; doch 
nicht alles zusammengetragen werden, was sind sich die Bearbeiter 13 ) der Divina- 

,,ex omnibus Ignis affectionibus fieret, siue tionen des Altertums im allgemeinen einig 

lux ex cineribus emiseuisset, siue in ara in der Vermutung, daß, wenn man nicht 

affulsisset, aut in capite, in mucronibus, autochthone Mehrbildung annehmen will, 

ex igneis impressionibus, stellis caudatis, aus den Feuerkulten des Orients, ins- 

Cometis, et id genus meteoris existeret“ 3 ); besondere der Perser, Anregungen für 

vielmehr ist hier nur die Rede von einer eine mantische Ausdeutung der Flamme 

P. im engsten Sinne des Wortes, d. h. als einer Erscheinungs- oder Mitteilungs¬ 
in der Beschränkung auf eine unmittelbare form der Gottheit ins Abendland ge- 

Vorzeichenschau aus dem irdischen, künst- langten. Unmittelbare Überlieferungen 

lieh genährten Leuchtfeuer größeren Aus- jedoch fehlen. Sowohl die babylonisch- 

maßes. Demnach scheiden aus: die Deu- assyrischen Inschriften 14 ) als auch die 

tung der ,,ostenta ignea“ 4 ), nämlich Zauberpapyri 15 ) geben nur Kunde von 

feuriger (s. d.) Himmelserscheinungen 5 ) einer allerdings reich ausgestalteten Lych- 

(s. Komet usw.), insbesondere die ob- nomantie (s. d.), die sich von der amt- 

servatio fulminum 6 ) oder Keraunoscopie 7 ) liehen und privaten Feuerschau der 

(vgl. Blitz, oben 1, 1416 h), und natür- Griechen nicht nur in der Technik, son- 
licher Licht- und Feuerquellen auf der dern auch in der Deutungstheorie unter- 
Erde 8 ), z. B. des Ätna 9 ) (vgl. außerdem scheidet. Zwingt man dort die Gottheit, 
Irrlicht, oben 4, 784, Elmsfeuer, oben sich als Licht zu manifestieren und im 

2, 791 f., Licht, feurig), sodann die Rauch- Licht zu offenbaren, so handelt es sich hier 
(s. d. und Kapnomantie) und Aschen- nur um die Bereitung eines gegenständ¬ 
es. oben 1, 616) Wahrsagung (s. Tephra- liehen Zwischenträgers, durch den man 
mantie), ferner die Divinationen aus der den Willen Gottes erforscht, den Ausgang 
in der Sonderform des Kerzen- (s. d. und zukünftiger Unternehmungen vorerkundet. 
Licht) und Lampen- (s. d.) Lichtes auf- Und über die Praxis dieser griechi- 
tretenden Leuchtflamme (s. Lampado- sehen P., als deren sagenhafter Begründer 
mantie, Lychnomantie) sowie der am Amphiaraos 16 ) oder Prometheus 17 ) gilt, 
glühenden Eisen sichtbar werdenden sind wir gut unterrichtet 18 ). Sie ist un- 
Zündhitze (s. Sideromantie 10 ), führt hin- trennbar verbunden mit dem Opfer- 
über zum Feuerordal: s. Gottesurteil, oben dienst 19 ) und scheint nach den überkom- 

3, 1016 ff.), des weiteren die Ausdeutung menen Belegen vorwiegend an die be- 
des Verhaltens von nicht zum eigent- rühmten Opferstätten gebunden zu sein, 
liehen Brennmaterial gehörenden Stoffen, Neben der Priesterschaft des Poseidon 
wie von Lorbeerzweigen (s. Daphno- in Delphi und des Apoll in Theben sind 
mantie, oben 2, 172 f.), Weihrauch (s. vor allem die olympischen Seher 20 ) des 
Libanomantie), Getreidekörnern und Mehl Zeus begnadete Träger der Feuerschau 
(vgl. Aleuromantie, oben 1, 258 ff.; Alphi- (I(X 7 ropoc ^/vy]), die sich zusammensetzt 
tomantie i,3iof.; Krithomantie 5,594ff.), aus der Beobachtung der Flamme und 
Tierteilen (Kephalomantie u )oben5,204ff.) des von ihr verzehrten Opferstückes. Der 
und schließlich die mannigfachen man- rasche, gleichförmige, leuchtend auf- 
tischenAnweisungen,in denen das Feuer nur lodernde Brand des vorsorglich geschich- 
eine nebensächliche Rolle spielt, das offen- teten Holzstoßes galt als günstiges, ein 
barende Medium hingegen der von ihm langsam sich entwickelnder, unregelmäßi- 
bestrahlte Spiegel (vgl. Katoptromantie), ger, schwelender, vorzeitig verlöschender 
Fingernagel (vgl. Onychomantie und oben I als ungünstiges Vorzeichen; besondere 


403 


Pyromantie 


Pyromantie 


406 


Ausdeutung fand das Verhalten von 
Schwanz, Galle und Blase der Opfer¬ 
tiere in der Glut. 

Haben wir es hier mit einer zweifellos 
echten und unmittelbaren Überlieferung 
zu tun, so wird die Annahme eines tat¬ 
sächlichen Brauchtums unsicher, wo es 
in den Zeugnissen nicht mehr um die Dar¬ 
stellung der Opferschau geht, sondern die 
P. zusammen mit anderen Divinations- 
arten in der dialektischen Philosophie auf- 
tritt. Von der Vierelementenlehre her ge¬ 
sehen und durch die Auffassung von der 
feurigen Natur der Seele und des Lebens 
(vgl. Lebenslicht, Licht) beeinflußt 21 ), 
wird sie, vor allem in der römischen Lite¬ 
ratur, außer in ihrer konkreten Erschei¬ 
nungsform 25 ) auch nach ihrem theoreti¬ 
schen Standort in der philosophischen 
Systematik aufgeführt; dergestalt gehört 
sie, seit Varro (1. Jh. n. Chr.) 23 ) klar 
belegbar, zusammen mit Hydro-, Aero- 

und Geomantie zu den „elementarischen“ 
Divinationen. 

Dies Schema geht als verdammens- 
werter heidnischer Aberglaube in das 
christliche Schrifttum ein und wird, 
seitdem Isidor es in seinen Kompilationen 
brachte ?3 ), nahezu wörtlich in den dogmati¬ 
schen Auslassungen von Hrabanus Maurus 
bis Thomas von Aquino 24 ) weiterge¬ 
schleppt und vom Humanismus wieder 1 
aufgenommen 25 ), ohne daß wir über die 
Technik Näheres erfahren. 

Das ist um so bedauerlicher, als damit 
die wichtigste Frage keine Beantwortung 
findet: ob diese Überlieferung eine rein 
literarische ist oder ob sie ähnliche Er¬ 
scheinungen im germanischen Kult vor¬ 
gefunden und sich mit ihnen verschmolzen 
hat. Eine klare Entscheidung darüber 
ist vorerst noch nicht möglich. In Betracht 
kommen für die Frühzeit vor allem zwei 
Hauptquellen. Die eine ist Eligius-Pirmin 
und etwaige Vorläufer. „Nullus Christi¬ 
an 5 inpuras credat“, heißt es bei 
Eligius 26 ) und in Pirmins Zusammen¬ 
stellung 27 ): „Tempistarias nolite credere 
. . . neque inpurias, que dicunt ho- 
mines super tectus mittere, ut aliqua fu- 

tura possint eis denunciare. 

Caspari 28 ) und Boudriot haben sicher mit 


404 

( Recht inpur (i)as mit Ijiirupct gleichgesetzt 
und ein Feuerorakel, vielleicht in der be¬ 
sonderen Form des Rauchauguriums, an¬ 
genommen; der letztere will, obwohl 
keine unmittelbare Entsprechung nach¬ 
zuweisen ist, auf Grund sonstiger Über¬ 
einstimmungen auch hier als gemeinsame 
Quelle Cäsarius von Arles ansehen, was 
für ihn zur Folge hat, daß es sich nicht um 
germanischen Glauben handelt, da die 
griechischen empyra „natürlich auch in 
der Griechenkolonie Arelate Namen und 
Art beibehielten . . . Germanische Über¬ 
lieferung ist ausgeschlossen“ 29 ). Das 
dürfte jedoch nicht so unbedingt sicher . 
sein; denn einmal ist uns diese Form der 
P. aus dem Altertum nicht bezeugt; zum 
andern wird sie bestätigt durch eine zweite 
Quelle, die wesentlich stärkeren germafti- 
schen Einschlag hat, den Indiculus super- 
stitionum (s. d.), der unter XVII an¬ 
führt: „De observatione pagana in foce 
vel in inchoatione rei alicuius“ 30 ). So 
ist es nicht von der Hand zu weisen, daß 
sich die in die Bußbücher, Traktate, Pre¬ 
digten usw. eindringende literarische Über¬ 
lieferung der Antike an germanischen und 
insbesondere auch deutschen Bräuchen 
ausrichtete, die der P. der Alten zwar nicht 
in den Formen, wohl aber in der Grund¬ 
auffassung von der mantischen Kraft des 
Feuers ähnlich sind, nur daß sie sich auf 
eine bloße Vorzeichendeutung beschränken 
und mehr häuslichen als öffentlichen Cha¬ 
rakter tragen. Das gilt von der einfachen 
Feuerschau wie von Abarten unter Zu¬ 
hilfenahme besonderer Offenbarungs¬ 
mittel. Beides ist bezeugt im Corrector 
Burchardi 3l ): „Fecisti, quod plures fa- 
ciunt, scopant locum, ubi facere solent 
ignem in domo sua, et mittunt grana ordei 
adhuc loco calido, et si esalierint grana, 
periculosum erit, si autem manserint, 
bonum erit“ ? Diese Nachricht gewinnt 
dadurch an Wert, daß ihr neuzeitliche 
Aufzeichnungen (s. unten) völlig ent¬ 
sprechen; zudem wird das Gerstenkom- 
orakel selbst von Boudriot 32 ) für ger¬ 
manisch gehalten. 

Ein solcher Sachverhalt ist von Be¬ 
deutung für die Beurteilung der weiteren 
mittelalterlichen Zeugnisse. Im Gegen- 


405 

Satz zu Klapper 33 ), für den die wenigen 
deutschen Belege romanischer Herkunft 
sind, ist zu betonen, daß sie doch zahl¬ 
reicher auftreten, als er annimmt, und daß 
sie bei aller etwaigen Abhängigkeit von 
außerdeutschen Vorlagen 34 ) im Einzel¬ 
fall doch insgesamt eine einfache, volks¬ 
tümliche Feuerschau auch auf deutschem 
Boden wohl auszuweisen vermögen. Über 
ihre Elemente wird allerdings nur wenig 
ausgesagt. Vom St. Trudpert er Hohen 
Lied 35 ) über Bruder Rudolf 36 ), Nikolaus 
von Dinkelsbühl 37 ), Martin von Am¬ 
berg 38 ), Hans Vintler 39 ), Stephan von 
Landskranna 40 ), Willem van der Tave- 
rijen 41 ) und anonymen Traktaten 42 ) ist 
bis zum Ende des Mittelalters nur die 
Rede von einem „inspicere ignes“, einem 
„fiur sehen“, bei dem man „sonitu ignis 
aut ex figura eius“, „auß dem sauß oder 
gestalt des fewers“ künftige oder ver¬ 
borgene Dinge erkennen, bei der man er¬ 
fahren könne, „wie sich die sach hie sol 
enden“ 43 ). Aber solche summarischen Er¬ 
wähnungen sprechen nicht ohne weiteres 
gegen das tatsächliche Vorhandensein einer 
pyromantischen Übung; was sie berichten, 
gleicht durchaus der schlichten Vor¬ 
zeichendeutung im späteren und heutigen 
Volksbrauch. 

Neben derartige Aufzeichnungen setzt 
sich nun aber in der Folgezeit die huma- i 
nistische Divinationsliteratur, die in 
mehr oder weniger breiter Darstellung 
das mantische Erbe der Antike beackert, 
vor allem unentwegt begriffsfreudig syste¬ 
matisiert und für den deutschen Glauben 
kaum Zeugnis ablegt. An der Schwelle 
dieser Zeit steht in verhältnismäßig 
selbständiger Stellung Johann Hartlieb. 
Im 80. Kapitel seines Buches 44 ) schreibt 
er „von der verpotten kunst, die man 
haißt Pyromancia“, das ist „als ain 
Weissagung von dem fewr“: „Got wolt, 
das jch das wol künde, wann gar vil 
menschen durch die kunst verlait vnd 
verfürt werden vnd zu gar grossem vn- 
gelouben chomen ... es sind frawen vnd 
man, die sich vnderwinden fewre zu 
machen vnd jn dem fewr dann sehen 
geschechne vnd künftige ding, die maister 
vnd maistrin diser tewfflischer kunst 


haben besunder tag, darynn lassen sy 
jn holtz zu beraitten vnd wenn sy jr 
kunst treiben wollen, so gänd sy an ain 
gehaime stat vnd füren mit jn die armen, 
torhaftigen menschen, den sy dann wär 
sagen süllen. sy haissen sy nider knyegen 
vnd dem engel des fewrs, den sy eren 
vnd anbäten, äch opffern. mit dem opffer 
zünden sy das holtz an, vnd sicht der 
maister gar genaw jn das fewr, er merckt 
wol, was jm daynn erscheint.“ Im 81. Ka¬ 
pitel ergänzt er, „wie die kunst zugätt“: 
„Ettlich sprechent, das sy jn dem fewr 
sehen, als jn ainen Spiegel . . . ettlich, 
die sehen an das fewr vnd jn seinen 
flammen, ob der recht an jrrung vber 
sich prynn. darnach sagen sy dann, wie 
jr sach ergän sol. etlich die mercken, 
wie der rauch gän krump oder schlecht, 
das ist dann jr kunst vnd sagen grosse 
ding damit, ob das fuir lauter prynn 
oder dunckel“. „O lieber got, was claines 
grunds hat die kunst“, ruft er aus und 
weist darauf hin, daß der Brand sich 
doch nach der Beschaffenheit des Brenn¬ 
materials richte, besonders in bezug auf 
die Rauchentwicklung, dessen mantischer 
Ausdeutung dann das 82. Kapitel ge¬ 
widmet ist. Kann man bis hierher trotz 
antik-orientalischer Verbrämung immer¬ 
hin noch eigene Beobachtung vermuten, 
so wird es in den folgenden Kapiteln 
(83 —90) schwer, Angelesenes und Ge¬ 
schautes auseinanderzuhalten. Für unser 
Thema ist die hier geschilderte Praxis 
auch ohne Belang, obwohl Hart lieb sie 
der P. zuweist; denn sie umfaßt solche 
Veranstaltungen, bei denen es weniger 
auf das Feuer ankommt als auf die von 
ihm (auch als Kerzen- und Sonnenlicht) 
bestrahlten Spiegelflächen bestimmter 
Gegenstände, die als Träger der man¬ 
tischen Handlung in der landläufigen 
Aufgliederung den Namen hergeben für 
selbständige Divinationsformen 45 ). Daß 
Hartlieb im 96. Kapitel schließlich das 
Bleigießen unter die pyromantischen 
Künste rechnet, zeigt deutlich die Schwie¬ 
rigkeit einer eindeutigen Begriffsbildung, 
und so wird denn auch die P. ähnlich 
wie die Hydromantie (s. oben 4, 551 ff.) 
von den humanistischen Divinations- 




407 


Pyromantie 


408 


Systematikern in eine große Zahl von 
Abarten aufgespalten. Dabei bezieht 
man sich nahezu ausnahmslos auf die 
immer vollständiger erfaßte Überlieferung 
des Altertums. Von bloßer Erwähnung 
der P. oder Pyroscopie 46 ), latinisiert 
Ignispici( n )a 47 ), etwa bei Gerard Groots 48 ), 
Johann Vincentius 49 ), Camerarius *°), 
Boissardus 51 ), Zanchius 52 ) führt der Weg 
über eine Zusammenstellung und Ver¬ 
arbeitung von Einzelbelegen z. B. bei 
Agrippa von Nettesheim 53 ), Pictorius von 
Villingen 54 ), Bodinus 55 ), Cardanus 56 ), 
Potter 57 ), Rosinus 58 ), Valckenaer 59 ) hin 
zu eingehender Darstellung ®°) der antiken 
Feuerschau aller Art, so vor allem durch 
Bulengerus 61 ) und Peucer 62 ). 

Der letztere nun aber, häufig zitiert 
und z. B. noch ein Jh. später von An¬ 
horn 63 ) stark ausgeschrieben, fügt seiner 
Beschreibung der Opferfeuerschau und 
Profanmantik den Satz an: ,,Non paucis 
utraque adhuc hodie in usu est" 64 ). Und 
wenn das nicht eine bloße Floskel ist, 
haben wir hier verhältnismäßig früh eine 
Auffassung vor uns, die antike Über¬ 
lieferung nicht nur referiert, sondern auch 
in Beziehung setzt zum lebendigen Volks¬ 
brauch. Noch einen Schritt weiter geht 
der eine Generation jüngere Delrio 65 ), 
der im Anschluß an eine gedrängte Kenn¬ 
zeichnung der antiken P. erzählt, daß 
die Litauer sich einer solchen noch „ho¬ 
die' f bedienten, indem sie einem Kranken 
aus der Lage des von seinem Körper ge¬ 
worfenen Schattens Gesundung oder Ab¬ 
leben prophezeiten. Auch stellt er die 
Frage: „An ab hoc vitio immunes Ger- 
mani?“ und beantwortet sie unter Hin¬ 
weis auf die Johannisfeuerbräuche ver¬ 
neinend. Im allgemeinen aber gehören i 
derartige Äußerungen, die eine historisch¬ 
ethnologische Zusammenschau von an¬ 
tikem und zeitgenössischem Brauchtum 
verraten, erst dem späteren 17. und dem 
18. Jh. an. Aus der Zeit, wo man z. B. 
die Jahresfeuer zuerst im Altertum zu 
verankern sucht 66 ), stammt auch eine 
eindeutige wissenschaftliche Erwähnung 
deutscher Feuerschau; 1729 kommentiert 
Eccard 67 ) die Angabe des Indiculus durch 
folgenden Zusatz: „Observatio in foco. 


sive igne, restat apud plebeculam, quando 
dicunt, das Feuer keifet, sive ignis mala 
minatur. Fieri hoc creditur, ubi flammae 
ex non satis siccis lignis succum vi ex- 
pellit et veluti sibilat; quo indicari pu- 
tant, ea re infausti quid portendi“. 

Damit gewinnen wir den Anschluß an 
die volkstümlichen Überheferungen der 
Neuzeit. Eine Vorzeichendeutung aus 
Farbe, Bewegung und Geräusch des 
Feuers ist in allen deutschen Landschaften 
reich bezeugt; die oben (2, 1395 f., Feuer 
§ 5 ) gegebenen Belege 68 ) sind hier noch 
um einige zu ergänzen 69 ). Insbesondere 
ist hinzuweisen auf eine Entsprechung 
zu der griechischen Opferfeuerschau in 
gelegentlichen Beobachtungen bei den 
Jahresfeuern. Wenn Delrio 65 ) die Jo¬ 
hannisfeuerbräuche mit der antiken P. 
in Verbindung bringt, so leitet ihn dabei 
die Auffassung, daß es sich hier wie dort 
ganz allgemein um Feueridolatrien handle; 
demgemäß begnügt er sich damit, aus 
dem Bereich des Johannisfeuers Lustra¬ 
tionsriten aufzuführen, die jedoch mit 
der Mantik nichts zu tun haben. Daß 
aber auch bei den deutschen Jahres¬ 
feuern eine bescheidene Vorzeichen¬ 
deutung betrieben wurde und wird, zeigen 
folgende Überlieferungen: Den badischen 
Lenzkirchern kündigte ein ruhiger Brand 
des Fastnachtsfeuers ein gutes Jahr, 
ein unruhiger viele Gewitter an, die in 
der Richtung des Rauches ziehen wür¬ 
den 70 ); im Kemptischen galt es als böses 
Omen, wenn die auf dem Holzstoß er¬ 
richtete Strohhexe nicht recht brennen 
wollte 71 ). Je heller beim Osterfeuer die 
Fackel leuchtet, um so besser wird des 
Trägers und der durchlaufenen Flur Ge¬ 
deihen sein 72 ); kommen die Feuerräder 
in Lügde gut brennend zu Tal, ist ein 
fruchtbares Jahr zu erwarten 73 ). In 
der bayrischen Oberpfalz deuten die 
durchs Johannisfeuer springenden Paare 
einen lustig stiebenden Brand als gün¬ 
stiges, einen qualmenden als ungünstiges 
Vorzeichen für das Zustandekommen der 
Hochzeit 74 ); so hoch die Flamme auf¬ 
lodert, so hoch wächst der Flachs 75 ). 

Im übrigen mögen noch einige seltenere 
Formen mittelbarer P. der Gegenwart 


409 


Pyromantie 


410 


angeführt werden, die z. T. antiken und 
frühmittelalterlichen Angaben entsprechen 
und keine Sonderbenennung erfahren 
haben. Ganz im Sinne des Gerstenkom- 
orakels bei Burchard von Worms 31 ) 
tat man noch zu Beginn unseres Jh.s im 
Egerland am Weihnachtsabend eine 
Schleiße mit zwölf Weizenkörnern, je 
eines für einen Monat des kommenden 
Jahres, auf den Ofen; dasjenige, das in¬ 
folge der Hitze zuerst hüpfte und zer¬ 
platzte, zeigte den Monat an, in dem die 
Getreidepreise steigen würden 76 ); mit 
geringen Abweichungen und Ergänzungen 
ist dieser Brauch auch aus dem südlichen 
Baden bezeugt 77 ). Den gleichen tech¬ 
nischen Vorgang nutzte man in der 
Schweiz als Liebesorakel ebenfalls am 
Christabend: Die ledige Person zündete 
zwei Büschel Wolle an; hüpften sie in¬ 
folge des Zerplatzens je eines darin ver¬ 
steckten Haferkornes gleichzeitig auf, 
so sollten die unter ihnen vorgestellten 
Personen ein Paar werden 78 ). In Schaff¬ 
hausen verfuhr man einfacher, indem 
man einen Apfelkern in die Lichtflamme 
tat; zersprang er knallend, so durfte man 
der Zuneigung des Geliebten sicher 
sein 79 ). — Entsprechend der antiken 
Daphnomantie (s. d.) kennt der Volks¬ 
glaube ein Losen aus dem Verhalten von 
Immergrün (oben 4, 675 f.; 2,210) und 
Buchsbaumblättern (oben 1, 1696) in 
der Glut oder auf der heißen Ofenplatte, 
Feuerschaufel, Pfanne. — Einer u. a. 
von Bulengerus 80 ) erwähnten „divinatio 
ex ovis, seu 'ßopavTstct“ (s. d.) kommen 
verschiedene mittelfränkische Bräuche 
nahe 81 ): Bei der Behandlung des Magen¬ 
fiebers zeigt ein ins Feuer geworfenes Ei 
durch den Zeitpunkt seines Zerplatzens 
den Heftigkeitsgrad des Leidens an; in 
eine Pfanne gelegt, deutet es auf baldige 
Besserung, wenn es beisammen bleibt, 
dagegen auf bösartige Verschlimmerung, 
wenn der Dotter aus der Schale springt; 
mit schwarzem Faden überquer an ge¬ 
kreuzte Stecken gebunden und übers 
Feuer gehalten, weist ein Verbrennen des 
Fadens und ein Zerbrechen des Eies auf 
Tod, ein Unversehrt bleiben beider auf 
Gesundung des Patienten. — Delrio 


zählt zur P. ein zeitgenössisches Schatten¬ 
orakel der Litauer (s. oben 65 )), das sich, auf 
Lampe und Kerze als Lichtquelle be¬ 
zogen, auch im deutschen Brauch findet 
(s. Kerze). 

Nach schlesischem Volksglauben läßt 
sich aus dem Geräusch erhitzten Wassers 
auf Art und Stand des zukünftigen Gatten 
schließen 82 ). Dieses in das Gebiet des 
Hafen- und Ofentopfbehorchens (s. 
Ofen) 83 ) gehörende Orakel sei zum Schluß 
aufgeführt als Beispiel dafür, wie der 
lebendige Volksbrauch, der die Vor¬ 
zeichen nimmt, wo sie sich ihm sinn¬ 
fällig bieten, das wissenschaftliche Schema 
sprengt und verschiedene Divinations- 
formen — hier P. und Hydromantie 
(vgl. oben 4, 560) 84 ) — miteinander ver¬ 
schmelzt. 

4 ) Bouche-Leclercq Histoire de la divination 
dans VantiquiU 1 (Paris 1879), 178 f. 2 ) Pauly- 
Wissowa 13, 2116. 3 ) Bulengerus Liber 

adversus diuinaculos et sotnniatores (III) c. 11. 
Opusculorum systema 1 (Lyon 1621), 203. 
4 ) Cardanus De rerum varietate 1 . 14 c. 69. 
Opera 3 (Lyon 1663), 273 f. ö ) Vgl. von den 
älteren Schriftstellern vor allem Bulengerus 
a. a. O. 207 ff. 6 ) So z. B. Fabricius Biblio - 
graphia antiquaria (Hamburg 3 1760) 600. 

7 ) Camerarius Comm. de generibus divi - 
nationum. Leipzig (1575), 44. 8 ) Der Umkreis 
der von dieser Vorzeichendeutung erfaßten 
Licht- und Feuererscheinungen ist sehr groß 
und erstreckt sich beispielsweise auch auf die 
Johanniswürmchen; ihr helles Leuchten ver¬ 
kündet gutes Wetter: Schramek Böhmerwald 
250. ®) Nach Cardanus De sapientia 1 .4. 

Opera 1 (Lyon 1663), 565, gibt es eine zweifache 
P.: neben der Beobachtung des Verhaltens von 
ins Feuer geworfenem Pech „alia quae in Aeth- 
nae ignibus ad sacrificij instar peragebatur. 
immissa enim victima si absumebatur, foelix 
euentus predicebatur, si reiicebatur malus". 
Das gleiche erwähnt Agrippa von Nettes¬ 
heim Magische Werke 1, c. 57, deutsche Über¬ 
setzung 1, 275, sowohl von den Ätnakratern 
als auch vom vulkanischen Vorgebirge Nym- 
phäum bei Apollonia, wo nach Sueton. in 
Tiber, c. 14 und Dio 1 . 41 (vgl. Bulengerus 
a. a. O. 205. 216) eine Feuerschau mit Weih¬ 
rauch, also eine Libanomantie (s. d.) vorge¬ 
nommen wurde. 10 ) Fabricius a. a. O. 610; 
Boissardus De divinatione et magicis praesti - 
giis. Oppenheim o. J. (1611?) 20. n ) Fa¬ 
bricius a. a. O. 598. 12 ) Vor allem bei Hart- 
lieb; vgl. unten Text zu Anm. 45. 13 ) Z. B. 

Bouche-Leclercq a. a. O. 178; Hopfner 
Griechisch-ägyptischer Offenbarungszauber 2 (Leip¬ 
zig 1924), 103; Lenormant Die Magie und 
Wahrsagekunst der Chaldäer. Deutsche Ausgabe. 


4X1 


Pyromantie 


412 


Jena 1878, 463. 14 ) Ungnad Die Deutung der 

Zukunft bei den Babyloniern und Assyrern. 
Leipzig 1909, 18. 1C ) Hopfner a. a. O. 103 ff. 

18 ) Plinius 7, 56. 17 ) Aisch. Prom. 498. 18 ) Vgl. 
die einschlägigen Darstellungen: Bouchö- 
Leclercq a. a. O. 178 ft.; Halliday Greek divi- 
nation. London 1913, 184 ff.; Pauly-Wissowa 
5 (2), 2543 t. s. v. v E ( um>pa und die dort ver- 
zeichnete Lit.; Staehlin Mantik 148. 19 ) In 

der Systematik der im Humanismus wurzelnden 
Divinationsliteratur erscheint die P. gelegent¬ 
lich als Unterabteilung einer mit „Hiero- 
mantie" zusammengefaßten Opferschau: z. B. 
Potter Archaeologia graeca. Deutsche Über¬ 
setzung von Rambach 1 (Halle 1775), 700 ft. 
20 ) ARw. 18, 87 ff. 21 ) Vgl. Freudenthal Feuer 
7. 22 ) In dieser Beziehung kennzeichnet eine j 

Anmerkung von Potters Übersetzer Ram¬ 
bach, a. a. O. i, 700, das Verhältnis der römi- | 
sehen zur griechischen Feuerschau: ,,Es ist 
kaum zu glauben, wie genau und pünktlich die 
Römer . . . den Griechen gefolgt sind. Man lese, 
was Rosinus . . . (Romanorum antiquitates, 

1 . 3 c. 11. Basel 1583. 103) sagt, und man wird 
eine bis auf die kleinsten Umstände sich er- | 
streckende Übereinstimmung wahrnehmen", j 
23 ) Isidorus Etymologiae 1 . 8 c. 9, 15 (Migne 
PL. 82, 312). 24 ) Die Stellen sind bereits unter 
Hydromantie, oben 4, 565 f., angeführt. — 
Hugo von St. Victor Eruditio didascalica 
1 . 6 c. 15 (Migne PL. 176, 810 ff.) erweitert das 
varronische Schema durch Hereinbeziehung der 
Nekromantie zu einer fünffachen Divination; 
dazu kämen ,,sub mathematica" ,,aruspicina, 
auspicium, horoscopia" und schließlich ,,tres 
aliae": ,,sortilegium, maleficium, praestigium", 
so daß sich also insgesamt „simul undecim man- 
tice" ergäben. 25 ) So schreibt Agrippa von 
Nettesheim ,,Von den vier elementarischen 
Wahrsagungskünsten der Geomantie, Hydro¬ 
mantie, Aeromantie und P.‘‘: a.a.O. 1, 275 
und ,,rudibus versibus" übernimmt auch Joh. 
Conr. Dietericus inseinen Antiquitates biblicae 
Gießen 1671, 658, diese Einteilung, nur daß, 
wohl des Wortspiels wegen, die Aeromantie 
durch die Chiromantie ersetzt wird: 

,,De terra est Geomantia divinatio facta 

Ast aquam spectat Hydromantia; spectat ad 

ignem 

At Piromantia; sed Chiromantia sit tibi 

palmae". 

2B ) Boudriot Altgerm. Religion 32; Grimm 
Myth. 1, 401. 27 ) Kirchenhistorische Anecdota, 

hrsg. von Caspari 1 (Christiania 1883), 173 f.; 
Boudriot Altgerm. Religion 32. 28 ) A. a. O. 

1 > 174 - 29 ) Boudriot Altgerm. Religion 33. 

30 ) Vgl. z. B. Saupe Indiculus 23. 3l ) Wasser¬ 
schieben 649; vgl. dazu noch das Brotorakel 
ebd. 643 t. 32 ) Boudriot Altgerm. Religion 78. 

33 ) MschlesVk. 21, 80. 34 ) Vgl. ebd. 66 (Antonin 
von Florenz, 1389— 1459); ZfVk. 22, 128 
(Bernardino von Siena, 1380—1444); 

23, 2 f. 35 ) Das Hohe Lied, hrsg. von Haupt. 
Wien 1864, 95. 36 ) MschlesVk. 17, 38. 37 ) Niko¬ 
laus von Dinkelsbühl Tractatus. Druck * 


Straßburg 1516, 28 a. ») Germania (v. d. 

Hagen) 2, 64. 39 ) Nach verschiedenen Hand¬ 
schriften und Drucken bei Grimm Myth. 3, 
420; Zingerle Tirol 187 ff. und ZfdA. 9, 70, 
wo Zarncke Vintlers Schrift im großen und 
ganzen für eine Übersetzung aus dem Italieni¬ 
schen hält, die in der Vorlage fehlende Aber¬ 
glaubenliste aber nicht unbedingt auf den 
gleichen Ursprung zurückgeführt wissen will. 
Vgl. dazu noch ZfVk. 23, 2 f. 40 ) Stephan 
von Lanzkranna Das buch genannt die hymel 
Straß. Augsburg 1484, 42 b, nach SAVk. 27, 137. 
41 ) Hansen Hexenwahn 253. 42 ) Züricher 

Hdschr. 1393: Grimm Myth. 3, 411. — Pfälzer 
Hdschr. 15. Jh.: AnzfKddV. 4, 449. — Magde¬ 
burger Hdschr. ausgeh. 15. Jh.: ZfVk. 9, 278. 
4S ) Die aufgeführten Stellen sind abgedruckt bei 
Freudenthal Feuer 72 ff. 4i ) Ulm Hartlieb 
49 ff. 45 ) S. oben Text zu Anm. 12. 46 ) Z. B. 
Bulengerus a. a. O. 203; Delrio (s. Anm. 65) 
609. 47 ) Schon Plinius 7, 56; dann z. B. Zan- 
chius (s. Anm. 52) 36; Valckenaer (s. Anm.59) 
426 b. 48 ) Brief an Rudolf von Enteren (um 
1380): Hansen Hexenwahn 86 l . 49 ) Johann 
Vincentius (von Les Moustiers) Liber ad- 
versus magicas artes c. 11 (um 1475), nach 
Hansen Hexenwahn 231. 50 ) Camerarius 

(1500—1574) a. a. O. 9; 102. 51 ) Boissardus 

(*1528) a. a. O. 15. 166. 52 ) Zanchius Trac¬ 

tatus de divinatione. Hanau 1610, 36. 53 ) 
Agrippa von Nettesheim (i486—1535) 
a.a.O. 1, 272 ff.; 5, 360. 64 ) Pictorius (f 1569), 
ebd. 4, 168 f. 55 ) Bodinus (1530—1596) De 
magorum daemonomania 1 . 2 c. 1. Frankfurt 
1590, 219. Deutsche Übersetzung Hamburg 
1698, m. M ) Cardanus (1501—1576) a. a. O. 
565. 67 ) Potter a. a. O. 700 ff. 58 ) Ro- 

sinus a. a. O. 103. 59 ) Valckenaer Euri- 

pidis tragoedia Phoenissae 1755, 426 f. 

60 ) Weitere Lit. bei Fabricius a.a.O. 609. 

61 ) Bulengerus a.a.O. 203 ff. 62 ) Peucer 

Comm. de praecipuis generibus divinationum. 
Wittenberg 1580. 190 ff. 63 ) Anh orn Magio- 
logia 309. 64 ) Peucer a.a.O. 193b. 65 ) Del¬ 

rio (*1551) Disquisitiones magicae 1 . 4 c. 2. Köln 
1657. 609. 66 ) Vgl. Freudenthal Feuer 

283 ff. 324 ff. 67 ) Eccard (Eckhart) Comm. 
de rebus Franciae Orientalis et episcopatus Wirce- 
burgensis 1 (Würzburg 1729), 426. 68 } Vgl. auch 
Freudenthal Feuer 75 ff. 69 ) Zu oben 2, 1395 
n )— 20 ): Peuckert Schles. Volksk. 47; Monatsbl. 
d. Touristenkl. f. d. Mark Brandenburg 26 (1917), 
14; ZföVk. 2, 285 (Rumänen). — Zu oben 2, 
1396 21 )— 42 ):Fossel Volksmedizin i6g;Pollin- 
ger Landshut 164; Baumgarten Aus der 
Heimat 3, 104; Fischer Oststeierisches 114; 
Reiter er Ennstalerisch 57; Spieß Fränkisch- 
Henneberg 151; Heckscher Hannov. Volksk. 
38; Kock Volks - und Landeskunde der Land¬ 
schaft Schwansen. Heidelberg 1912, 121; Ger¬ 
mania 29, 92; Liebrecht Zur Volksk. 328 
(Norwegen); ZföVk. 3, 118 (Rumänen). 

70 ) Meyer Baden 212. 71 ) Reiser Allgäu 2, 94. 

72 ) Pröhle Harz 63; Strackerjan 2, 72 f. 

73 ) Freudenthal Feuer 257. 74 ) Fehrle Volks¬ 



feste 72. 75 ) Bavaria 1 (1), 374; Meyer Baden 

226 76 ) Egerland 9, 18; John Westböhmen 19. 

77 ) Meyer Baden 484; Lachmann Überlingen 
399. — Vgl. noch oben 3, 697: Gerstenkorn¬ 
orakel bei den Serbokroaten. 78 ) SAVk. 21, 44. 
79 ) Unoth 1, 180. ®°) Bulengerus a. a. O. 212: 
,,Divinatio ex ouis fuit, si ouum igni impositum 
in capite, aut in latere insudaret. Si ruptum 
•effluxerat, periculum ei portendebat, pro quo 
factum fuerat, vel rei familiari". — Vgl. auch 


Bouche-Leclercq a. a. O. 180. 8l ) Reubold 
Beitr. zur Volksk. (Bezirksamt Ansbach). Kauf- 
beuren 1905 (Sonderheft der DG.), 57. 82 ) 

Drechsler 1, 145!. 83 ) Vgl. Freudenthal 

Feuer 71. 84 ) Vgl. noch ein ganz andersartiges, 
ordalähnliches Orakel: Bei Diebstahl werden 
angeglühte und wieder abgekühlte Steine unter 
Namensnennung in Weihwasser geworfen, das 
beim Schuldigen auf zischt: Anhorn Magiologia 
770; Montanus Volksfeste 117. Freudenthal. 


Quacksalber s. Nachtrag. 

Quadrat s. Nachtrag. 

Quälgeister s. 3, 478. 

Quarz. Bei den Angelsachsen galt 
der ,,weiße Stein“ (Quarz?) als wirk¬ 
sames Mittel gegen Stiche, fliegendes 
Gift und alle Widerwärtigkeiten x ). In 
Deutschland sagt man dem Quarz nicht 
viel Gutes nach: Wer einen ,,Augstein“ 
(Gnatzstein, Quarz) längere Zeit ansieht, 
bekommt schlimme Augen 2 ). In Meck¬ 
lenburg nennt man den weißen Wasser¬ 
oder Glasquarz ,,Blädderstein“, weil man 
angeblich Bläddern (Blasen) bekommt, 
wenn man mit dem Stein den Mund oder 
gar die Zunge berührt 3 ). Wer einen 
Milchkiesel findet, soll darauf spucken 
und ihn dann rücklings über den Kopf 
werfen, sonst bekommt er die Bläddern. 
Sein glitzeriges, blisteriges Aussehen 
scheint den Stein in diesen üblen Geruch 
gebracht zu haben 4 ). In Ostpreußen 
nennt man den weißen Quarz ,,Fieber¬ 
stein“; um diese Krankheit nicht zu be¬ 
kommen, muß, wer ihn aus Unvorsichtig¬ 
keit in die Hand nahm, ihn sofort über 
den Kopf wegwerfen; wer ihn dann findet 
und längere Zeit in der Hand hält, be¬ 
kommt das Fieber 5 ). In der Gegend von 
Schleiz vertreibt man den Keuchhusten 
der Kinder, indem man ihnen Milch zu 
trinken gibt, in die man einen glühenden 
Quarz hielt 6 ). 

x ) Fischer Angelsachsen 41. 2 ) Hovorka- 

Kronfeld 2, 781 unten. 3 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 433 Nr. 2006 a; vgl. ZdVfVk. 23 (1913), 
282 Nr. 36. 4 ) Urquell 4 (1893), 124. 5 ) Lemke 
Ostpreußen 3, 46 u. 1, 48. 6 ) Seyfarth Sachsen 
262; vgl. Köhler Voigtland 354. —• Vgl. Kiesel¬ 
stein. t Olbrich. 


♦ 

Quecke (Agropyrum repens, Triticum 
repens). Unkraut aus der Familie der 
Gräser, das durch seine weithinkriechen¬ 
den Wurzelstöcke in Äckern, auf Garten¬ 
land usw. sehr lästig wird. Gegen Bett¬ 
nässen ißt man eine Kartoffel, durch die 
eine Q. gewachsen ist (Ostpreußen)*) 
oder man gibt den Bettnässern gebratene 
Q.n ein, die durch eine Kartoffel ge¬ 
wachsen sind (Hinterpommern) 2 ). Im 
Anhaitischen ist eine solche Kartoffel 
gut gegen Kopfschmerzen und Fieber 3 ). 
Wenn man bei abnehmendem Monde 
ackert, sollen die Q.n zerstört werden 4 ). 

x ) Urquell 3, 15. 2 ) Jahn Hexenwesen 360. 

3 ) Wirth Beiträge 6/7, 29. 4 ) Marzell Bayr. 

Volksbotanik 101. Marzell. 

Quecksilber 1 ), ahd. quecsilbar, mhd. 
quecsilber, eine Nachbildung des lat. ar- 
gentum vivum wie frz. vif-argent, ital. 
argento vivo 2 ). 

Q. war im Mittelalter ein viel gerühmtes 
Heilmittel. Man trug es als Amulett, 
in einer Nußschale oder Federpose fest¬ 
verschlossen, bei sich; bis Ende des 
18. Jh.s galten solche Amulette als Ab¬ 
wehrmittel gegen Pest, Dysenterie und 
Kolik 3 ). Auf der Brust getragen sollten 
sie den Wöchnerinnen die Milch erhalten 
und mehren 4 ). Auch als Abwehrmittel 
gegen Verhexung, bösen Blick und 
Zauberei galten sie, wenn man sie unter 
das Kopfkissen, ins Zimmer, unter die 
Schwelle legte 5 ). Einen magisch (durch 
Nestelknüpfen) Gebundenen, d. h. Im¬ 
potenten, sollten sie wiederherstellen 6 ). 
Verbreitet war auch ihr Gebrauch gegen 
Ungeziefer, besonders Läuse; nun hilft 
hier zwar Q. tatsächlich, da aber der 
Volksaberglauben das Auftreten von Un- 




415 


Quecksilber 


Quelle— Quendel 


418 


416 



geziefer teuflischen Wesen zuschrieb, ver¬ 
wendete man das Q. zunächst als Ab¬ 
wehrmittel gegen diese Urheber 7 ). Von 
weiteren zauberischen Verwendungen des 
Q.s sei vermerkt: In Oldenburg tut der 
Bestohlene einen zufällig geretteten Teil 
seines Gutes, z. B. den Rest eines ge¬ 
stohlenen Bienenkorbes, mit Q. zu¬ 
sammen in ein Glas oder einen hohlen 
Knochen, verschließt diese fest und wirft 
sie in fließendes Wasser; dann wird der 
Dieb unruhig und entdeckt sich so 8 ). 
Im St. Galler Land sieht man es vieler¬ 
orts nicht gern, wenn das „rastlose" Q. 
verschüttet wird, da es die Erde „un¬ 
ruhig" macht 9 ). Andererseits verleiht 
das Q. auch Festigkeit. So schüttet man 
Q. in die Schuhe, um sicher zu treffen; 
es soll standhaft machen und das Zittern 
vertreiben. Dieser Aberglaube war bei 
Soldaten bis in die neueste Zeit leben¬ 
dig 10 ). Eigenartig ist der Luther be¬ 
kannte Volksaberglauben, daß durch mut¬ 
willig hineingeworfenes Q. Brunnen ver¬ 
derbt werden können; noch heute glaubt 
man in Franken und Oberdeutschland, 
das Q. fresse Löcher in die Brunnenwand, 
so daß das Wasser allmählich versickere 11 ). 
Sagen vom Verschwinden von Quellen 
durch hineingeworfenes Q. sind nicht 
selten 12 ). Vielleicht entstand dieser 
Aberglaube durch ein Mißverständnis: 
Der Queckbrunnen (fons vivus), der auch 
Silberbrünnlein heißt, hat sich in Q. 
(argentum vivum) verkehrt, seitdem die 
Markscheidekunst ihre alchimistischen 
Vorstellungen unter das Volk trug 13 ). 
Boshafte Menschen suchen auch Bäume 
zu vernichten, indem sie Q. in das Loch 
eines Zweiges bringen, ebenso die Wein¬ 
berge zu beschädigen, indem sie Q. in 
sie vergraben 14 ). In der Heilkunde hatte 
das Q. eine große Bedeutung und fand 
meistens magische Verwendung. Aus 
festem Q. verfertigte Ringe wurden als 
Mittel gegen verschiedene Leiden emp¬ 
fohlen und getragen, so gegen Lues, Herz¬ 
schmerzen, Krampf. Bei ihrer Ver¬ 
wendung zum Heilen von Geschwüren 
ist bezeichnend die Vorschrift, der Ring 
müsse in hora coniunctionis Mercurii et 
Lunae (d. h. der Planeten für Q. und 


Silber) verfertigt sein, ein echt magisch- 
alchimistischer Zug 15 ). Nach der Lehre 
der Chemiker verfertigte man aus ge¬ 
härtetem Q. Ringe für Arme, Finger, 
ja den ganzen Leib; sie sollten alle Feuch¬ 
tigkeiten, den Grind, selbst die Wasser¬ 
sucht herausziehen und verzehren 16 ). 
Ein Gürtel aus Q.drähten diente zum 
Vertreiben der Wassersucht und als Mittel 
gegen Lues; ein Q.ring am Finger oder 
Zehe galt als gut gegen die Flüsse 17 ). 
Alle diese Q.amulette verdanken ihr Ent¬ 
stehen wahrscheinlich der Heilwissen¬ 
schaft, die im 16. Jh. bereits Q.sublimat 
gegen die Franzosenkrankheit verwendete 
und damit das bis dahin herrschende 
Vorurteil gegen die medizinische Ver¬ 
wendung des Q.s zerstörte 18 ). Die eigen¬ 
artigen physikalischen und chemischen 
Eigenschaften dieses Metalls mögen ebenso 
wie der Volksaberglauben, der Pest, 
Seuchen und andere Krankheiten und 
widrige Zufälle bösen Geistern zuschrieb, 
den Ruf des Q.s als magisches Heilmittel 
bestärkt und zu seiner Verwendung als 
Amulett geführt haben 19 ). — Magisch 
ist auch der in Pommern übliche Brauch, 
in den Futtertrog der Schweine ein Loch 
zu bohren, Q. hineinzuschütten und dann 
das Loch zu verkeilen; es soll sie gesund 
erhalten 20 ). — Im Altertum hielt man 
das Q. für ein innerlich tätlich wirkendes 
Gift, da es die Eingeweide zerfressen 
sollte 21 ). K. von Megenberg weist eben¬ 
falls auf die verderbliche Wirkung des 
Q.dampfes hin 22 ), dessen große Gefähr¬ 
lichkeit übrigens in der neuesten Zeit 
wieder behauptet wurde 23 ). Q. galt 
lange Zeit als Allheilmittel, besonders 
gegen alte Schäden 24 ). Die Volksheil¬ 
kunde verwendete es gegen Syphilis in 
jeder Form, auch indem man damit 
räucherte, d. h. es verdunsten ließ 25 ). 


*) A. Jacoby Zum Quecksilber im Volksge¬ 
brauch, im SAVk. 21 (1917),88ff. 2 ) Kluge Etym* 
Wörterb. s. v.; Schräder Reallexikon 2 2 , 209; 
Bergmann 404. 3 ) Fr. de Pre de usu et abusu 
amuletorum (1720) 20; R. Peinlich Geschichte 
der Pest in Steiermark 1 (1877), 488; Amers¬ 
bach Grimmelshausen 2, 58; Staricius Helden¬ 
schatz (1706), 488 Nr. 24; zu den verschiedenen 
Anschauungen alter Autoren über die Wirksam¬ 
keit solcher Amulette gegen Pest vgl. Jacoby 
a. O. 92 f. 4 ) Jacoby a. O. 89; Bressl. Samml. 




15, 199. 6 ) Balth. Schnurr Kunst-, Hauss- und 
Wunderbuch (1676), 916; Staricius a. O. 477 
Nr. 11; Kräutermann der Thüringische Para¬ 
celsus (1730), 69; Zedier 13, 1353; Schön¬ 
wert Oberpfalz 3, 219 § 16; Zahler Simmenthal 
115 (aus dem Jahre 1772); ZdVfVk. 1 (1891), 321; 
vgl. Mitt. z. jüd. Vk. N. F. 3 (1907)» 123 Nr. 55 
u. 58 (aus d. Jahre 1676); Hovorka-Kronfeld 
2, 13 (Konstantinopel); Seligmann 1, 392 u. 
2, 18 (Spanien, Montenegro); SAVk. 19 (1915)» 
215 u. 21 (1917)» 941 ZfrwVk. 1912, 226. 
•) Seligmann 1, 277; Schmid und Sprecher 
91; Keller Grab d. Aber gl. 4, 86. Zu Nestel¬ 
knüpfen vgl. Seyfarth 63 u. Dobeneck Mittel- 
älter 2, 13 ff. 7 ) Jacoby a. O. 88 f.; de Pre 
a. O.; Baidinger Alexiteria et alexipharmaca 
contra Diabolum (1778), 7; Zedier 13, 1352; 
Lonicer 31. 8 ) Strackerjan 2, 118 u. 1, 122; 
Wuttke 413 § 642. 9 ) Baumberger St. Galler 
Land 201. 10 ) SAVk. 1 9(1915), 226; ZdVfVk. 26 
(1916), 223; Baumgarten Aus der Heimat 2, 94. 
n ) Götze Luther 17; Klingner Luther m; 
Jacoby a. a. O. 91; Sepp Sagen 333 Nr. 87 u. 
701; vgl. Sebillot Folk-Lore 2, 406. 12 ) Bir- 

linger Volksth. 1, 138; Rochholz Sagen i. 42 
Nr. 28. 13 ) Rochholz a. a. O. 1, 43; gutes Bei¬ 

spiel dazu bei Zedier 30, 135; Sagen von Queck- 
oder Süberbrunnen bei Sepp a. O. 701 u. 330; 
Niderberger Unterwalden 1, 52; Lütolf Sagen 
308. 14 ) SchwVk. 14, 33 (aus dem Jahre 1762); 
ZdVfVk. 7 (1897), 187. lö ) Jacoby a. a. O. 88 
u. 91. 16 ) Staricius a. O. 492; Zedier 13, 

1352 (cingulum Mercurii). 17 ) Jacoby a. a. O. 
88 f. u. SAVk. 15 (1911), 180; vgl. Bressl. Samml. 
15, 198 u. Hellwig Kalender 62. 18 ) Peters 

Pharmazeutik 2, 119; vgl. Zedier 30, 150 (Venus¬ 
seuche). 19 ) Seligmann 1, 277; J acoby a. a. O. 
94; Lehmann Aberglaube 145. 20 ) Jahn 

Hexenwesen 195 Nr. 782. 21 ) Lonicer 31 u. 

52; Hovorka-Kronfeld 1, 353. 22 ) Megen¬ 
berg B. d. N. 410. 23 ) Hauptversammlung des 
Vereins deutscher Chemiker Kiel 1926 (Vortrag 
des Professors A. Stock). 24 ) Zedier 30, 1470; 
Lonicer 52. 25 ) Hovorka-Kronfeld 1, 353 

u. 2, 157; vgl. eb. 1, 162 f Olbrich. 

Quelle s. Brunnen, Wassergei st er. 

Quendel (wilder Thymian, im Bayrisch¬ 
österreichischen: Grodlkraut, Karwendel, 
Kranzelkraut, Kro(n)lkraut, Kundel- 
kraut, im Schwäbischen: Böhler; Thymus 
serpyllum). 

1. Botanisches. Stengel gewöhnlich 
niederliegend, in dichten Rasen. Blätter 
kurzgestielt, eiförmig. Die kleinen Lippenr 
blüten sind rosenrot (selten auch weiß) 
und stehen in kugeligen Köpfen oder in 
kurzen, eiförmigen Ähren an den Stengel¬ 
spitzen. Die Pflanze duftet stark. Der 
Q. ist häufig an sonnigen, steinigen Or¬ 
ten, an Wegrändern, Rainen usw. zu 
finden x ). 

Bächtold-Släubli, Aberglaube VII. 


J ) Märze 11 Kräuterbuch 256; Heilpflanzen 
153—158; W. Pf aff Naturkundliches u . Volks¬ 
tümliches vom Thymian. In: Schiern 7 (1926), 
135 — 144 - 

2. Als stark aromatisch riechendes Kraut 
hat der Q. apotropäische Eigenschaften. 
Besonders gilt das von dem Q. der „Ant- 
laßkränzchen", d. h. der Kränzchen, die 
am Antlaßtag (Fronleichnam) in der 
Kirche geweiht worden sind. Sie kommen 
in die Keller und Ställe gegen die Hexen 2 ). 
Vor allem schützen diese Kränzchen 
gegen den Blitzschlag 3 ). In den Rauh¬ 
nächten gibt man dem Vieh ein Geleck, 
das u. a. Q. („Grodelkraut") vom Ant¬ 
laßtag enthält 4 ). Am Sonnwendtag oder 
zwischen den zwei Frauentagen ge¬ 
sammelt schützt der Q. das Vieh vor 
Krankheit und bewirkt, daß auch die 
Milch recht reichlich und gut wird. Daher 
wäscht man auch mit einem Absud der 
Pflanze das Euter der Kühe und die 
Milchhäfen 5 ). Um das Verderben der 
Milch zu verhüten, wird in Brudzyn 
(Posen) am Johannistag Q. und Teufels¬ 
dreck unter der Türschwelle vergraben e ), 
auch in Niederbayem hängt man den 
(am Antlaßtag geweihten) Q. als „Hexen¬ 
kraut" im Haus auf, damit die Hexe 
nicht in die Milch kommen kann 7 ). Viel¬ 
fach legt man auch der brütenden Gans 
oder Henne Q. unter, damit die jungen 
Tiere leichter auskriechen usw. 8 ). Auch 
hierin dürfen wir wohl ein ursprüngliches 
Apotropäum sehen, vielleicht spielen auch 
die unter 4 aufgeführten Anschauungen 
mit. Die am Fronleichnam geweihten 
Kränzchen legt man Kranken zur Heilung 
unter den Kopf 9 ), auch sind sie ein 
Mittel gegen den Bilmesschnitt 10 ). In 
Böhmen räuchert man mit dem an Jo¬ 
hanni gepflückten Q. am hl. Abend die 
Bäume aus, damit sie gut gedeihen 11 ). 
Die Braut muß den geweihten Q. im 
Mieder 12 ) oder in den Schuhen 13 ) tragen. 
Im Kreis Oststemberg (Prov. Branden¬ 
burg) legt die Braut vor der Trauung 
„Thymian“ (Q. oder Thymus vulgaris?) 
in die Schuhe und spricht: 

Ik tret\ ik tret up Thymian, 

Kieck du mir keene andre an 14 ), 

s. Dill 2, 296. Wenn jemand vom 
Teufel verfolgt wird, soll er laufen, bis 

14a 


419 


Quendel 


420 


421 


Quiriacus, Quiricius—Quirinus 



er einen „Karwendelstock“ (= Q.) findet, 
und soll sich auf diesen setzen. Der 
Teufel hat dann keine Gewalt über ihn 15 ). 

2 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 37; Nieder- 
bayr. Monatsschrift 9 (1920), 163 (Innviertel); 
Reiser Allgäus, 145; Leoprechting Lechrain 
187; Pollinger Landshut 215; Panzer Beitrag 
2, 211. 3 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 38; 

Treichel Westpreußen 4, 25. 4 ) Schönwerth 

Oberpfalz 1, 312. 5 ) Baumgarten Aus der 

Heimat 143; vgl. auchPerger Pflanzensagen 144. 
6 ) Knoop Pflanzenwelt 12, 13. 7 ) Orig.-Mitt. 

von Schinabek 1924. 8 ) Drechsler Schlesien 

2, 88; Grohmann 140; Nordwestböhmen: 
Orig.-Mitt. von Stelzhamer 1910; Kr. Ost¬ 
sternberg (Prov. Brandenburg): Orig.-Mitt. v. 
Tempel 1925. ®) Zimmermann Volksheil¬ 

kunde 49. x0 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 39. 
X1 ) Grohmann 93. 12 ) Schönwerth Ob^/a/^ 
1, 60. 13 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 39. 

14 ) Orig.-Mitt. von Tempel 1925. 15 ) Menghin 
Südtirol 121. 

3. Besonders im Bayrisch-Österreichi¬ 
schen sind Sagen häufig, nach denen der 
Teufel, der sich als Liebhaber einer Bauem- 
dirne nähert, durch Q. („Kundelkraut“. 
„Karwendel“ usw.) vertrieben ward, der 
vor dem Fenster des Mädchens hängt. 
Der betrogene Teufel ruft dann ent¬ 
täuscht aus: 

Kudlkraut und Widritat 

Hab’n mi um mei Madl bracht 1# ), 

vgl. auch Dorant (2, 351), Dosten (2, 362), 
Widerton. Eine ganz entsprechende Sage 
ist auch aus Roussillon (Südfrankreich) 
bekannt 17 ). 

l8 ) ZfdMyth. 3, 343 = Freisauff Salzburg 
529; vgl. auch Zingerle Tirol 1857, 64 t.; 
Sagen 39; Alpenburg Alpensagen 1861, 6f.; 
Baumgarten Aus der Heimat 1, 152; Heyl 
Tirol 760; ZföVk. 26,52; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1,134; ZfVk. 9, 459 ; SAVk. 23,175. 
17 ) Sebillot Folk-Lore 3, 384. 

4. Der Q. ist ein „Frauenkraut“, er 
gehörte wohl zu den aromatischen Kräu¬ 
tern, die der Gebärenden ins Lager ge¬ 
legt wurden 18 ). Er wird daher wie das 
echte Labkraut (5,865!.) als „Marienbett¬ 
stroh“ bezeichnet 19 ), im Dänischen als 
„Mutter Maries sengehalm“, im Eng¬ 
lischen als „Our Ladies Bedstraw“. Be¬ 
merkenswert, daß der mit dem Q. nah 
verwandte Thymian (s. d.) in der Antike 
der Aphrodite geopfert worden sein soll 20 ). 
Nach einer flämischen Legende bereitete 
die hl. Maria dem Jesuskinde aus dem 
Q. ein Lager 21 ). Nach einer Tiroler Sage 


hatte die hl. Maria sich bei ihrer Ver¬ 
mählung ein Kränzchen aus Q. auf das 
Haupt gesetzt 22 ). Bei ihrer Reise über 
das Gebirge soll die Muttergottes auf 
einem „Karwendelrasen“ gerastet haben 23 ). 
Der am Johannistag mittags 12 Uhr ge¬ 
sammelte Q. wird als Tee bei der Nieder¬ 
kunft verwendet 24 ), auch stillende Mütter 
trinken diesen Tee 25 ). Nach einer pfäl¬ 
zischen Sage legte sich ein Mädchen, das 
an „Mutterweh“ (Gebärmutterschmerzen) 
litt, an einem Q.busch schlafen, da kam 
ein Tier (= Gebärmutter, vgl. ihre Personi¬ 
fizierung als Kröte) aus dem Munde des 
Mädchens nach dem Q.stock und kroch 
dann in den Mund des Mädchens zurück, 
das von da an gesund war 26 ). In den 
Origines des Isidor von Sevilla (gest. 
636) heißt der Q. „matris animula“, 
propter quod menstrua moveat 27 ). In 
slawischen Sprachen lebt dieser Name 
als poln. macierza dusza, böhm. materina 
duska, serb. majkina dusica (= Seelchen 
der Mutter) weiter 28 ). 

18 ) ZfVk. 3, 447. x «) Vgl. auch Wydlak Sy- 
node von Liftinae 28; Höfler Botanik 116. 
20 ) Murr Pflanzenwelt 196 f. 21 ) Teirlinck 
Folklore flamand 1895, 37; Dähnhardt 

Natursagen 2, 20; FFComm. 37, 91. 22 ) Der 

Schiern 7 (1926), 144; ebenso in Friaul: Mail ly 
Sagen aus Friaul 1922, 83. 23 ) Heyl Tirol 795. 
24 ) Köhler Voigtland 377. 25 ) Schiller Tier¬ 
buch 2, 24. 26 ) Panzer Beitrag 2, 197. 27 ) Hof¬ 
ier Kelten 243. 28 ) Vgl. auch Grohmann 93; 
Marzeil Heilpflanzen 156. 

5. Im Thüringer Wald galt der Q. als 
eine Pflanze, die bei Geschäften Glück 
bringt; ein Stengel davon wurde mit der 
Rechten dreimal um den Kopf geschwun¬ 
gen und dabei gesprochen: „Quandel, 
mach mir Handel“ 29 ), vgl. Fingerkraut 
(2, 1498). Auch in Unterfranken ist der 
Spruch bekannt als „Quenl, du machst 
mer Hännl“, dort wird aber „Handel“ 
als „Streit“ gedeutet 30 ). In Westböhmen 
läßt man nach der Ernte 3—4 Halme 
stehen, bindet sie zusammen, ziert sie 
mit Q., legt einen Stein darunter oder 
schichtet mehrere auf einander. Das ist 
für die „Holzfrau“ 31 ). 

2Ö ) Unger Pflanze als Zaubermittel hrsg. 
von France 1910, 32 = Schiller Tierbuch 
2, 24. 30 ) Mitt. u. Umfr. z. bayer. Volkskde. 

N. F. 1911, 210. 31 ) John Westböhmen 189. 

Marzeil. 


Quiriacus, Quiricius s. Cyriacus. 

Quirinus, hl., unter den zahlreichen 
Heiligen des Namens Q. treten Q. von 
Neuß und Q. von Tegernsee hervor, beide 
der Legende gemäß römische Märtyrer. 

I. Q. von Neuß, römischer Tribun, wurde 
angeblich unter Hadrian (130?) ge¬ 
martert 1 ). Seine Gebeine wurden am 
30. April 1050 feierlich nach Neuß über¬ 
tragen als Geschenk des deutschstämmi¬ 
gen Papstes Leo IX. an seine Schwester 
Gepa, Äbtissin des Frauenstiftes zu Neuß. 
Die Neußer Kirche (Quirinusmünster, ehe¬ 
dem Stiftskirche) war freilich bereits 1043 
dem Heiligen zu Ehren geweiht. Der Q.- 
kult breitete sich früh über die rheinischen 
Landschaften, die angrenzenden Nieder¬ 
lande, Ostflandern und Nordfrankreich 
aus 2 ), umfaßte also ein ehedem zusam¬ 
menhängendes Kulturgebiet, das sich in 
seinem Kern mit der alten Kölner Kirchen¬ 
provinz deckt. Mit den Heiligen Antonius 
(Einsiedler), Cornelius und Hubert bildete 
Q. früher die Sondergruppe der soge¬ 
nannten hl. vier Marschälle der Kölner 
Kirche (s. o. 5, 1706) 3 ). Seine Ver¬ 
ehrung steigerte sich und gewann an 
Volkstümlichkeit, seitdem die Stadt Neuß 
aus ihrer während der Belagerung Karls 
des Kühnen (1474/75) hervorgerufenen 
großen Not durch den Beistand des Hei¬ 
ligen, wie man vermeinte, errettet worden 
war. Christian Wierstrait betont die 
Hilfe und bedeutsame Stellung des hl. Q. 
in seiner noch im Jahre der Befreiung 
(1475) vollendeten Reimchronik der Stadt 
Neuß 4 ). Es scheint, daß der Heilige im 
Neußer Kriege auch bei den fremden Völ¬ 
kern des burgundischen und des kaiser¬ 
lichen Heeres den Ruf eines machtvollen 
Helfers gewann, wie z. B. die Wallfahrt 
der Burgunder zum Q.münster nach dem 
Friedensschluß verrät. Sicherlich über¬ 
trugen manche die Verehrung in ihre 
Heimat. Es heißt, die Schweizer hätten 
1474 Q. zu Neuß kennen und verehren 
gelernt 5 ). 

Der Heilige wurde gegen mancherlei 
körperliche Gebrechen, vorzüglich gegen 
Fisteln und Geschwüre und gegen die 
Blattern angerufen, auch gegen Kopf¬ 
leiden. Als ein von Gott besonders „privi¬ 


legierter“ Heiler der Fistel wird Q. bereits 
in einer Erzählung der „Libri octo mira- 
culorum“ des Caesarius von Heisterbach 
(um 1225) genannt 6 ). In Luxemburg 
wandte man sich gegen Skrofeln, Blattern 
und andere Krankheiten, z. B. der Augen, 
an den im Petrustal verehrten hl. Q., 
im Volksmund „Sankt Grein“ genannt 7 ). 
Weil Blattern und ähnliche andere Plagen 
so oft durch seine Fürsprache, wie das 
Volk glaubte, geheilt worden waren, 
nannte man sie nach dem Heiligen selber 
Q.plage oder Q.buße, Q.marter, Q.rache, 
Q.rauch oder mundartlich (oberdeutsch) 
Kürins-, Küris- oder Kirisplage usw. 8 ), 
in Luxemburg die Blattern Greinsblat- 
tern 9 ). Der Ausdruck Q.plage oder die 
jeweilige mundartliche Form bildete ein 
starkes Fluchwort und kehrt mit andern 
ähnlichen verbunden in Verwünschun¬ 
gen 10 ) früherer Zeiten häufig wieder, so 
bei Murner, Hans Sachs und anderen. 
In der erneuerten Ordnung der Kölner 
Büchsenschützen aus dem Jahre 1549 
wird geboten, daß „sich ein jeder des 
fluchens ader lesterunge aller lieben 
heilligen meiden und enthalten soll als 
droessen bladeren S. Quirin S. Huppert 
S. Job S. Corneliß S. Thoneis und der- 
glichen“ 11 ). Der Heilige wird deshalb 
auch als ein sogenannter Marter- oder 
Plagheiliger bezeichnet. 

In dem Q.kult nehmen Wasser und 
Brunnen eine bedeutsame Stelle ein. In 
Neuß gab man Pilgern und Kranken aus 
dem sogenannten Schädel des hl. Q., 
einem silbernen runden Becher (Napf) in 
Gestalt eines Kopfes, Wasser, das aus dem 
Q.brunnen an der Westseite der alten 
Abtei geschöpft wurde, zum Trinken. 
Vermutlich war eine Reliquie des hl. Q. 
in dem Gefäß eingeschlossen. Ein „solcher 
Napf“ soll außer für die Q.kirche in Neuß 
z. B. auch für Maastricht, Werden, Brau¬ 
weiler bezeugt sein 12 ). Für Neuß ist der 
Trunk aus der Zeit um 1466 von Gabriel 
Tetzel aus Nürnberg überliefert 13 ). Er 
sollte gegen Hirn- oder Kopfschmerz 
helfen. Mittelpunkt des Q.kultes in 
Luxemburg bildet eine den hl. Märtyrern 
Quirinus, Firminus und Ferreolus ge¬ 
weihte Kapelle mit einem eingemauerten 


423 


Quirinus, hl. 


424 


Brunnen, St. Greinsbrunnen, eine „nie 
versiegende kristallhelle Felsenquelle“, 
deren Wasser jährlich am vierten Sonntag 
nach Ostern gesegnet und von den Wall¬ 
fahrern gegen Skrofeln und andere Übel 
getrunken oder in Flaschen gefüllt nach 
Hause getragen und als Heilmittel auf¬ 
bewahrt wird 14 ). 

Zu Ehren des hl. Q. auf Maiabend 
(30. April, Übertragung der Gebeine) ge¬ 
weihtes Wasser gebrauchte man gegen 
offene Wunden 16 ) und für das Vieh, vor¬ 
züglich für Pferde, um sie vor Unheil zu 
bewahren. Für Neuß ist die Verwendung 
des Q.wassers bei Pferden aus der Zeit 
um 1650 und seine „heilsame Wirkung“ 
aus der Zeit um 1670 bezeugt 16 ). Das 
geweihte Q.wasser mischte man, wie aus 
einer Reihe von Ortschaften in der Eifel 
überliefert ist, in das Viehfutter und gab 
es auch im Laufe des Jahres den erkrank¬ 
ten Haustieren 17 ). Die Weihe des Wassers 
war und ist noch heute an manchen Stellen 
mit einem Festgottesdienst und einer Pro¬ 
zession verbunden, bei der häufig Pferde 
geführt oder geritten werden 17a ). Außer für 
andere Stellen (Aachener Gegend, Eifeier 
Ortschaften) ist ein solcher Brauch, Bitt¬ 
prozession am 30. April mit Reiterzug und 
Pferdesegnung und Weihung des Brunnens 
mittels einer besonderen „Benedictio putei 
in honorem S. Quirini“ noch heute für 
Zülpich am Nordabhang der Eifel bezeugt. 
Offenbar ist hier ein alter vorchristlicher 
Frühjahrskult allmählich mit dem Kult 
des hl. Q. verknüpft worden wie ähnlich 
anderswo mit andern Heiligen. Die Ent¬ 
wicklung des hl. Q. zu einem Viehheiligen 
steht vermutlich mit diesem Brauche in 
Verbindung. 

Als Seltsamkeit sei erwähnt, daß man 
in Neuß sagt, die dreißig Jahre alten 
Mädchen, die noch keinen Mann gefunden 
hätten, müßten den hl. Q. scheuern gehn. 
Gemeint ist sicherlich das kupferne Stand¬ 
bild des Heiligen, das seit 1740 die Kuppel 
des Q.münsters ziert. 

J ) AA. SS. März III, 811 ff.; Korth Die 
Patrocinien im Erzbistum Köln 181 fi.; Annalen 
d. Historischen Vereins f. d. Niederrhein 104 
(1920), 121 ff.; Felten Der hl. Märtyrer u. 
Tribun Quirinus , Patron der Stadt Neuß , 1900; 
Künstle Ikonographie 508; Sebillot Folk- 


Lore 1, 394. 2 ) Grein Geschichtliches über die 

QVerehrung (1926) 22; Bömmels-Van Dyck 
De hl. Q. van Nuis in „Verzamelde Opstellen" 
1930, teils irrig. 3 ) In Thüringen u. im 
Harz bildeten „Valentin zu Rufach, Ruprecht, 
Quirin und Anton" (anscheinend Antonius der 
Einsiedler), die dort im 15. Jahrh. vermutlich 
als Helfer gegen die von ihnen vertretenen 
Plagen auf Missionen zur Verehrung empfohlen 
wurden, die „vier Botschaften", vgl. Anm. 10. 
4 ) Christian Wierstraits Historij des be- 
leegs van Nuys, hrsg. von Karl Meisen, Bonn 
1926. 6 ) SAVk. 3,12. *) Caesarius v. Heister¬ 
bach 190. 7 ) Gredt Luxemburg 445. 8 ) Hofier 
Krankheitsnamen 86. 399. 472. 488; bei Fisch¬ 
art heißt der ganze Monat April „Kirinsbiss" 
(Q.-Buße), DWb. 5, 833; Alemannia 2 (1874), 
264. *) Fontaine Luxemburg 107, 112. 10 ) Z.B. 
„daß Euch St. Küri und das Ritt aller Schergen 
und Kaiben schütt'!", DWb. 5,431; „daß 
dich S. Kürin ankomme**, Agricola 502 (750 
teutscher Sprichwörter), Hagenau 1534; „Ihr 
mägd habt euch sant Kürins rauch", Scheidt 
Übersetzung des Grobianus v. Dedekind (1551). 
Im 15. Jh. fluchte man in Thüringen und im 
Harz bei den „vier Botschaften", etwa „Daß 
dich die vier Bottschaft ankommen!", also 
die vier Plagen, die durch die vier Anm. 3 
genannten Heiligen vertreten wurden. Scheible 
Deutsche Stich - und Hieb-Worte. Eine Ab¬ 
handlung über deutsche Scheit-, Spott- und 
Schimpfwörter , altdeutsche Verfluchungen und 
Flüche (Straßburg 1885) 67, ohne nähere 
Quellenangabe; Wein hold Die altdeutschen 
Verwünschungsformeln in SitzbBerl. 1895, 6670.; 
ARw. 1, i3iff. X1 ) Abgedruckt bei Ewald 
Die rheinischen Schützengesellschaften (1933) 
194. 12 ) Meisen a. a. O. s. Anm. 4. 13 ) Leos 

von Rozmital reise, Publikationen des Litera¬ 
rischen Vereins in Stuttgart 7 (1843), 148: 
„Do [Neuß] sahen wir in der Kirchen 
einen köstlichen sarch, dorin leit der lieber 
heilig sant Quirinus und sahen sein hirn- 
schalen. Doraus [! ?] gab man uns zu trinken**. 
S. auch oben 5, 202 u. Kopf. 14 ) Gredt a. a. O.; 
Wirtz Heilige Quellen im Moselgau (1926), 
21. 15 ) Schmitz Eifel (1856) 1, 35. 16 ) An¬ 

nalen d. Histor. Vereins f. d. Niederrhein 104 
(1920), 145 t. 17 ) Oster Geschichte der Pfarreien 
der Diözese Trier 3, 612. 658. 7120.; Bömmels- 
Van Dyck a. a. O. i8ff. 17a ) Hindringer 
Weiheroß u. Roßweihe (1932) 137. 

2. Der ebenfalls als Märtyrer bezeichnete 
hi. Q., dessen Gebeine 746 nach Tegernsee 
übertragen worden waren, erfreute sich dort 
seit dieser Zeit in steigendem Maße volks¬ 
tümlicher Verehrung. Seine Legende 18 ) 
ist freilich durchaus unhistorisch, so daß 
wir über seine Herkunft, seine Zeit und 
sein Schicksal im Unklaren sind. Man ist 
geneigt, ihn mit einem hl. Q. von Siscia 
oder Sissek in Kroatien aus der diokletiani- 


* 


425 


Quitte 


426 


sehen Verfolgung gleichzusetzen. Fest 

25. März 19 ). 

Mitte des 12. Jh.s wird ein Q.brunnen 
bei Tegernsee erwähnt. An diesem Brun¬ 
nen konnten Kinder oder Kranke ge¬ 
wogen werden, um unter Hergabe eines 
dem Gewichte entsprechenden Opfers zu 
gesunden oder durch einen sanften Tod 
erlöst zu werden 20 ). 

Auf einem Kupferstich des 15. Jh.s ist 
dieser Q. als Schutzpatron gegen die 
Pest 21 ) dargestellt. Früher teilte das 
Kloster Tegernsee das sogenannte Q.öl 22 ) 
aus, das als ein wundertätiges Mittel gegen 
Kopfschmerz 23 ) und mancherlei körper¬ 
liche Schäden angepriesen wurde, aber 
nichts anderes als ein Stein- oder Bergöl 
war. Die Stelle, wo es aus dem Boden 
hervordrang, war von einer Kapelle 
(Ölkapelle) überbaut. Das Q.öl wurde 
auch als Geheimmittel gegen Ölschenkel 
(Geschwür mit Ekzema) verwendet 24 ). 

18 ) Hrsg, von Krusch M.G. SS. rer. Merov. 
III, 11 ff. 10 ) Künstle Ikonographie 507. 20 ) 
Franz Benediktionen 2,461. 2I ) Künstle Iko¬ 
nographie 508. 22 ) Birlinger^ws Schwaben 

1,466 nach einem 1787 erschienenen Anek¬ 
dotenbuch für katholische Geistliche', Sepp 
Sagen 539; Andree-Eysn 129; Höfler ZfVk. 
1 (1891), 296; Ders. Waldkult 114 findet, 
ganz nach seiner Art, eine Beziehung des hl. Q. 
und des Öles zu den „Kultölen". 23 ) Lammert 

26. 24 ) Höfler Krankheitsnamen 564. 

3. Reliquien beider Heiligen gleichen Na¬ 
mens ruhen an verschiedenen Orten, wes¬ 
halb auch mehrfach Wallfahrten 25 ) mit 
neuntägiger Andacht zu solchen oder 
strenge Fasten überliefert sind und eine 
Q.Verehrung aus Baden, dem Elsaß und 
bei Regensburg bekannt ist oder war. Ob 
und in welcher Weise etwa der hl. Q. 
von Neuß die Verehrung des Q. von 
Tegernsee beeinflußt hat oder umgekehrt 
und in welcher Weise von den beiden 
Q.kultstätten aus Glaube und Brauch des 


Volkes beeinflußt wurden und mit dem 
Namen Q. verbundene Bezeichnungen aus¬ 
gingen, müßte noch genauer untersucht 
werden. Namen und Verbindungen wie 
z. B. Kürin, Kirisbuß usw. weisen auf 
oberdeutsches Gebiet hin, hingegen Krings 
und ähnliche auf niederrheinisches. 

as ) Meyer Baden 529. Wrede. 

Quitte (Cydonia vulgaris). 1. Bota¬ 
nisches. Die Q., eine Verwandte von 
Apfel- und Birnbaum, wächst strauch- 
oder baumartig, hat große rötlich-weiße 
Blüten und goldgelbe rundliche Früchte. 
Ihre Heimat ist Asien; durch die Römer 
kam sie nach Deutschland. Die genaue 
Zeit ihrer Einführung steht jedoch nicht 
fest 4 ). 

*) Hoops Reallexikon 3, 434 f.; Schräder 
Reallexikon 646. 

2. Im deutschen Aberglauben spielt 
die Q. im Gegensatz zum antiken, ita¬ 
lienischen und südslavischen 2 ) keine be¬ 
merkenswerte Rolle. Die südungarischen 
schwangeren Zigeunerinnen nehmen Q.n- 
stückchen mit Blutstropfen eines kräftigen 
Mannes besprengt bei abnehmendem 
Mond, um kräftige Kinder zur Welt zu 
bringen 3 ). „So die schwangeren Weiber 
oft Q.n essen, sollen sie sinnreiche und 
geschickte Kinder gebären“ 4 ). Gegen 
die Leberfäule der Kühe gibt man den 
Kühen am St. Martinstag einen Q.n- 
schnitz 6 ). In der Volksmedizin wurde 
früher die Q., besonders ihre Kerne, öfters 
gebraucht 6 ). Als blutstillendes Mittel 
wird ein Pulver aus Q.nkernen und 
Attichkraut empfohlen 7 ). 

2 ) Pauly-Wissowa 1,64; Pitr& Usi 2,42; 
3,285; ATradpop 5, 166 ff.; 17,465; Krauss 
Sitte u. Brauch 417. 168. 3 ) Urquell 3, 8 f. 

4 ) Fuchs Kreuterbuch 1543, cap. 150. 5 ) Al¬ 

bertus Magnus Toledo 20 3, 24. 6 ) Schmidt 
Kräuterbuch 53; Hovorka u. Kronfeld 1, 353. 
7 ) Braunschweig. Kalender von 1699 = An¬ 
dre e Braunschweig 423. Marzell. 



427 



Rabe 




♦ 


Rabe (Corvus corax). 

i. Name. 2. Naturgesch. Aberglaube. 3. 
Fremde Mythologien. 4. Im Götter-, 5a im 
Dämonen- und 5b Seelenglauben. 6. War¬ 
nend u. weisend. 7. Vorbedeutung u. Angang. 
8. Als Wetterkünder. 9. Heiligkeit u. Opfer. 
10. R.nzauber. 11. Im Segen. 12. In der 
Volksmedizin. 13. Weißer R. 


1. Name. R. und Krähe werden vom 


Volk durchaus verwechselt; es finden sich 
darum in Namen und Aberglauben weit¬ 
gehendste Übereinstimmungen (vgl. des¬ 
halb stets: Krähe). Angeblich schon im 
Paläolithikum beachtet 1 ), geht der Name 
auf die onomatopoet. Wurzeln qor: 
gr. xopa$, lat. corvus, und qraq: lat. 
crocio, altksl. krakati = krähen, russ. 
karkünu, altn. hrafn, ahd. hraban, mhd. 
raben (auch feminin, vgl. Grimm KHM. 
93) zurück 2 ). Im Niederdeutschen findet 
sich heut Rabe, im Oberdeutschen 
Rapp 3 ). Daneben findet sich altksl. vranu 
der Schwarze, altpr. wamis, Rabe, also 
ein nach dem Aussehen gebildeter Name 2 ). 
Übernamen und Umschreibungen finden 
sich verhältnismäßig selten 4 ). R.n nennt 
das Volk die Zigeuner 4a ). 


*) Correspondenzbl. Ges. Anthrop. 49, 27 f.; 
G. Kossinna Indogermanen 1, 7; Ebert Re- 
allex. 7, 140. 2 ) Nehring in Schräders 

Reallex. 2, 397; DWb. 8, 5; Rieh. Loewe 
German. Sprachwissenschaft 1, 88; Mahlow (zu 
Kolkrabe) in WS. 12 (1928), 47 ff.; Tiroler 

Namen: Dalla Tore ii3f. (131). 123. Ro¬ 
man. Namen bei Rolland Faune 2, 106 ff.; 
Karl Meisen Nikolauskult (1932), 343; Gertrud 
Franke Einfluß d. Nikolauskultes auf die 
Namengebung im franz. Sprachgebiet (Bonn, 
Phil. Diss.) 1933, 125. 3 ) Suolahti Vogel¬ 
namen 176. 4 ) Mschles Vk.H. 19 (1908), 90; 

Suolahti I77ff. 4a ) Creangä Contes rou - 
maines (Les litteratures pop. N. S. 1), 69 N. 1. 


2. Naturgeschichtlicher Aber¬ 
glaube. Der R. gilt als der Krähe 
Mann 5 ); einen großen Teil des auf den 
R.en bezüglichen Glaubens wird man 
demnach auch bei der Krähe finden. Wie 
die Krähe war er anfänglich weiß (all¬ 
gemein) und schön 6 ); die schwarze 
Farbe 63 ), die nach einigen die Sturmwolke 
symbolisieren soll 7 ), ist Resultat einer 
ihm widerfahrenen Bemalung (Indi¬ 
aner 8 ), Anam 9 )), oder er ward ihrer 
teilhaftig, als er das Feuer (Wasser 10 ), 


Harz 11 ), nordamerikanischer Indianer) 
raubte, als er sich verbrannte 12 ). Die Ru¬ 
mänen denken an die Sintflut, nach wel¬ 
cher die Sonne zu heiß schien, so daß er 
versengte 13 ). Gewöhnlich ist aber die 
schwarze Farbe Folge einer Verwün¬ 
schung durch Apoll 14 ), Gott 15 ), Noah, weil 
er nach der Aussendung aus der Arche 
ein Aas fraß und sich verweilte (jüdisch, 
rumänisch, walachisch 16 )). Er wurde 
schwarz, weil er vom Menschen 17 ), vom 
Teufel (slavisch: Kärnten) aß 18 ). Der 
weiße Vogel wollte sich nicht beschmutzen, 
als Gott ihn zur Mitarbeit am Brunnen¬ 
bau auf forderte (estnisch) 19 ), oder be¬ 
schmutzte sich am Schlamm nach der 
Sintflut (rumänisch) 20 ), darum die 
schwarze Farbe. Jesus verflucht ihn, weil 
er ,,schade“ ruft, als man diesen nicht 
findet (ungar.) 21 ), weil er das Wasser 
trübte, aus dem das Jesuskind trinken 
wollte (Tirol) 22 ). Die Jungen sind die 
ersten sieben 23 ), neun 24 ), vierzig 24 ) Tage 
weiß, und die Alten verlassen die Jungen 
so lange 25 ) und Gott ernährt diese, dafür, 
daß der R. Adam das Begraben der Toten 
lehrte (jüdisch) 26 ). Junge R.en sind 
fromm: sie fliegen gen Himmel, nachdem 
sie gefressen, und loben Gott 27 ). Weiter 
glaubt man, sie würden von den Alten 
in Karfreitags- (Rhein-, Meer-) Wasser 
gebadet und dadurch schwarz 28 ). Sein 
Kopf wird weiß, wenn er falsch weis¬ 
sagt 2Ö ); er hat eine (weiße) Feder an sich,, 
die er vernichtet, denn der, der sie er¬ 
langt, wird weise, glücklich usw. 30 ). Sein 
Fleisch ist schwarz (giftig); aus ihm wächst 
ethica 303 ). 

Andere Folgen seiner Verfluchung durch 
Noah sind, daß er auf Bergen wohnen 
muß (rumänisch) 31 ), nicht grade gehen 
kann (arabisch) 32 ). 

Die R.en sind ständig durstig und 
dürfen nur Regenwasser trinken 33 ), müssen 
60 Tage im Sommer dürsten 34 ), das ist 
eine Strafe Apolls 35 ), oder die Folge des 
Ungehorsams des von Noah ausgesandten 
R.en 36 ), oder ein Gedächtnis an die Spei¬ 
sung des Elias 37 ). Ähnlich heißt es 
(franz.), daß der R. Jesu vor Verrat 


schützen wollte, und daß es zum Lohn nie 

in sein Nest regne 38 ). 

Der R. war der erste, der von Jesu Ge¬ 
burt wußte. Er legt seither in der Christ¬ 
nacht-Mitternacht sein einziges Ei, das 
er mit Harz verklebt und in den Ästen 
des Tannenbaumes verwahrt 39 ). Und er 
ist das einzige Tier, das in der Christ¬ 
nacht schläft 393 ). 

Er brütet im Winter, aus Angst vor den 
Ameisen, daß diese ihm die Eier rauben 
(Estland, Polen) 40 ), oder auch das ist 
eine Strafe (estn.) 41 ), Belohnung (Po¬ 
sen) 39 ), Fluch Noahs (rumänisch) 42 ). 
Erst wenn er zu brüten anfängt, weicht 
(Posen) der Winter 39 ). Vom brütenden 
R.en kann man den R.enstein ge¬ 
winnen 43 ). Der R. wirft (schon nach 
antikem und talmudischen M ) Glauben) 
die Jungen aus dem Nest; doch heißt 
es auch bei Aelian und Plinius, daß die 
Jungen die Alten fräßen 45 ). 

Der R. ist als Aasvogel 46 ) das Tier 
des Schlachtfeldes 47 ), des Kirchhofs 473 ) 
und des Hochgerichtes 48 ), auch das ist 
eine Folge des Fluches Noah 49 ). Deshalb 
auch mag er im Märchen vorm Räuber¬ 
hause sitzen 50 ). Besonders gern hackt er 
lebenden Tieren und Aas die Augen aus 51 ). 

Seine Feinde sind nach den Alten 
Grünspecht, Weihe und Wolf 52 ), der 
Pfau (Anam) 53 ), Schnepfe (estn.) 54 ), 
Eule 55 ) und Uhu 56 ); der Hase fürchtet 
ihn 52 ); der Fuchs ist sein Freund 57 ); 
doch hindert das nicht, daß er ihn 
überlistet 58 ). Die R.en sind kluge Vögel 59 ); 
sie riechen das Pulver 60 ), warnen die 
Kinder im Walde vorm Jäger 61 ); doch 
zeigen sie auch dem Klugen das Wild 
an 62 ), spüren Aas in der Erde 63 ), die 
Engerlinge im Feld 64 ). Trotz solcher 
Klugheit, er ist auch der geheimen Kräfte 
der Natur (Springwurz) kundig 65 ), wird 
der R. zuweilen übertölpelt 66 ). Sonst hält 
man die R.en für tückische Sauviecher, 
die den Wandrer in Klammen stürzen 67 ), 
für Lügner und Betrüger 68 ), für unver¬ 
schämt 69 ) und undankbar 70 ), geizig 71 ), 
geschwätzig 72 ), gefräßig 73 ), diebisch 74 ), 
geil 72 ), — obwohl sie als Muster der Gat¬ 
tenliebe gelten 75 ). Angeblich begatten sie 
sich im Fluge 76 ), durch den Schnabel 77 ), wie 


sie durch diesen gebären 78 ), oder sie 
werden befruchtet, wenn sie ein R.enei 
essen 77 ). Der R.gilt als langlebig 79 ). Senf¬ 
same tötet ihn 80 ). An vielen Orten hält 
sich immer nur ein Paar R.en auf, die 
andern müssen weichen 81 ). Der R. kann 
sprechen 82 ), hat 64 Stimmen 83 ); sein 
Ruf erfährt mancherlei Deutung 84 ), etwa 
wie bei Augustin cras, cras — morgen 
(so wie der Sünder die Reue auf morgen 
verschiebt) 8S ); ebenso weiß man von ihm 
im Tiergespräch 86 ). Er wurde zum 
Sprechen abgerichtet 87 ). Anrufe und 
Reime auf ihn sind häufig 88 ). 

5 ) DWb. 6, 1974 t.; WS. 12, 52. 6 ) D ähn - 
hardt Natursagen 1, 285 — ZfVk. 16 (1906), 
388 nach Weil Bibi. Legenden d. Muselmänner 
51. Vgl. zur schwarzen Farbe: M. Gott¬ 
fried Voigts Neu-Vermehrter Physicalischer 
Zeit-Vertreiber 1694, 217 ff. 6a ) WS. 12, 48. 49 f. 
7 ) Schwartz Volksgl. 67; Haltrich Sieben¬ 
bürger Sachsen 293; Wuttke 122 §162. 8 } 

D ähnhardt 3, 63. 115; Wundt Mythus 

2, 105. 8 ) Dähnhardt 3, 65. 373. 10 ) Ebd. 

3, 78. 11 ) Ebd. 3, 77. 12 ) Ebd. 3, 77. 72; 

Krauß Tausend Sagen u. Märchen d. Süd¬ 
slaven 1914, 359; Flucht durch Schornstein (s. 
Krähe): W. Krickeberg Indianer mär chen aus 
Nordamerika 1924, 203; Krallen: Ebd. 220. 
13 ) Dähnhardt 1,284; ZfVk. 16,387. l4 ) 

Keller Antike Tierwelt 2, 103. (Die Arbeit 
,,Rabe u. Krähe im Altertum“ im 1. Jahres¬ 
bericht d. wissenschaftl. Ver. f. Vk. Prag 1893 
ist hier wieder abgedruckt.) Die Apollsage 
wird durch Prediger wie R. P. Placidus 
Taller Einfältiger doch Wohlmeinender Bauern - 
Prediger. Regensburg 1716, 514 eingeschleppt. 
15 ) ZfVk. 16, 389 = S6billot Folk-Lore 3, 
158; vgl. Leo Frobenius Atlantis 1921. 1, 
87 f. 16 ) Dähnhardt 1, 283 ff. = ZfVk. 16, 
386 ff.; Grimm Myth. 2, 559; vgl. bin Gorion 
Sagen d. Juden 1 (1919), 2140.; Volkskunde 
7, 146; de Cock Volksgeloof 1, 111. 17 ) Dähn¬ 

hardt 1, 63 f. = Lemke Asphodelos 113; Se- 
billot Folk-Lore 3, 158. 18 ) Dähnhardt 3, 
59. 19 ) Ebd. 3,316; vgl. Anm. 22. 20 ) Dähn¬ 
hardt 1, 284 = ZfVk. 16, 387; vgl. Anm. 
20. 21 ) Dähnhardt 2, 51 = ZfVk. 16, 

389; dagegen Sebillot Folk-Lore 3, 160. 
22 ) Zingerle Tirol 86 Nr. 726 = Dähnhardt 
1,286 N. 1; 2, 77 = ZfVk. 16,389; Lemke 
Asphodelos 113; ZfdA. 22, 16 f.; auch hier die 
Eitelkeit auf das weiße Gefieder. 23 ) Me gen- 
berg Buch d. Natur 146; Lonicer Kreuterbuch 
1577, CCCXXVI R. 24 ) Strackerjan 2,164 
= E. Lemke Asphodelos 110; Meier Schwaben 
1, 220. 25 ) ZfVk. 16, 389 nach Fr. Rückert 

Makame 11, Anm.; Sebillot Folk-Lore 3, 
175; vg^- Nachw. 23; ferner ZfVk. 16, 388. 
26 ) Ebd.; Lemke Asphodelos nonach Lemke 
Ostpreußen 2, 21 f.; Dähnhardt 1, 249 f. 


431 


Habe 


432 


285 f.; Max Grünbaum Jüdischdeutsche Chre¬ 
stomathie 1882, 182; vgl. Lemke Asphodelos 
120 f. Die Legende geht wohl über Augustin: 
Megenberg 146. 27 ) Osw. Croll Von d. innerl. 
Signaturen d. Dinge 1623, 53. 28 ) Drechsler 

2, 230; Peuckert Sckles. Volkskd. 122; Wasser 
vom Rhein: Strackerjan 2, 164 Nr. 394; 
Meerwasser (lettisch): Dähnhardt 3, 314 f. 
29 ) Horaz sat. I 8, 38 = Pauly-Wissowa 
11,1.19. ZfVk. 35/36, 108 f.; Landtman 
Folkdiktning 837; Dähnhardt 3, 316; vgl. 
auch ebd. 3, 79: weiße Augen. 30a ) Buch d. 
Beispiele d. alten Weisen (ed. Holland) 1860, 49 f. 
31 ) Dähnhardt 1, 284 = ZfVk. 16, 387. 3a ) 

Ders. i, 285 = ZfVk. 16,388. 33 ) Kärnten: Zfd- 
Myth. 3,29. 221 f.; Köhler Kl. Sehr. 1, 3f.; 
ZfdA. 22,15 t.; Italien: Dähnhardt 3, 322; W. 
Krickeberg Indianermärchen aus Nordamerika 
1928, 203. 34 ) Plinius h.n. 10, 32 = Pauly- 

Wissowa 11, 1, 20f.; Lemke Asphodelos 114 
nach Reichhardt Volksabergl. u. Volksan¬ 
schauung über Tiere u. Pflanzen (Grafsch. 
Hohenstein): Aus d. Heimat 1896 Nr. 10; 
ZfdMyth. 3, 409. 3ß ) Ebd. = Lemke Aspho¬ 
delos 114. 3 ®) ZfdMyth. 3, 409; Lemke As¬ 

phodelos 114 (Grafsch. Hohenstein); Witzschel 
Thüringen 1, 295 Nr.306 (Nord-Thüringen); ZfVk. 
10, 210; Birlinger Volksth. 1, 123; Dähnhardt 

1, 286 = ZfVk. 16, 389; ZfdA. 22, 16. 37 ) Zin- 
gerle Tirol 87 Nr. 733; Lemke Asphodelos 114. 
3Ö ) S6billotFo/Ä-Lor«3, (160.) 170; Dähnhardt 

2, 52. 39 ) Knoop Tierwelt 38 Nr. 331. 39a ) Rev- 

tradpop. 2, 535. 40 ) Dähnhardt 3, 143. 144; 
vgl. zum Termin Rolland Faune 2, 123. 4I ) 

Dähnhardt 3, 314 f. 42 ) Dähnhardt 1, 284 = 
ZfVk. 16, 387. tt ) Aristoteles hist. anim. 
6,391 Plinius nat. hist. 10,31; Megenberg 
Buch d. Natur 146 = Keller Tierwelt 2, 91. 
94; Pauly-Wissowa 11, 1. 19. 44 ) Keller 

Tierwelt 2, 94; DWb. 8, 6; vgl. „Raben- 
eltem"; Meier Schwaben 220. Zu Grunde liegt 
wohl Hiob 38, 41; bin Gorion Sagen d. Juden 
1 (1919), 216 f.; Rolland Faune 2, 120 f. (s. 
Anm. 25); (Noel Chomel) Öconomisch-Physi- 
calisches Lexikon 8 (1753), 5; E. Lemke As¬ 
phodelos 1914, 109 f. 45 ) Aelian nat. anim. 
3,43; Plinius 10, 121 ff.; Keller Tierw. 
2, 94; Pauly-Wissowa 11, 1, 19. 46 ) Rad¬ 

io ff Probend. Volksliteratur türkisch-tartarischer 
Stämme 1, 235. 47 ) Höfler Organoth. 124; 

Beowulf 6044 A; Keller Tierw. 2, 97 f.; Gu- 
drunarkvida 2, 7; J. Piprek Polnische Volks¬ 
märchen 1918, 200; Söbillot Folk-Lore 4, 337; 
Friedr. Bangert Tiere im altfranz. Epos 1885, 
212. 47a ) Im Elsaß: ZfdMda. 13 (1918), 132, 

heißt der Kirchhof „R.n-Tanzplatz". 48 ) Pau¬ 
ly-Wissowa 11, 1, 20. 22; Keller Tierw. 2, 
97 f.; Alfr. Jeremias Das Alte Testament im 
Lichte d. alt. Orients 1930, 649 zu Sprüche 
Salom. 30, 17; Zaunert Wesifäl. Sagen 1928, 
305 f.; Ders. Dtsch. Märchen seit Grimm 2 
(1923), 102; Ders. Märchen aus d. Donaulande 
1926, 126; ZfrwVk. 1914, 85 t.; Wolf Niederl. 
Sagen 401; Revtradpop. 5, 578; Aug. v. Löwis 
of Menar Russische Volksmärchen 1914, 241. 


Selbst rächender Geist = Alemannia 26, 162 f. 
49 ) (Ukraine) Dähnhardt 1, 285 = ZfVk. 16, 
387. M ) Schambach-Müller 305; vgl. 
de Cock Volksgeloof 1, 110. 51 ) Seligmann 

2, 155; Keller Tierwelt 2, 96; Megenberg 
Buch d. Natur 147; DWb. 8, 6; Rolland Faune 
2, 115 f.; Sebillot Folk-Lore 3, 177. Über das 
„warum": M. Gottfr. Voigts Neu-vermehrter 
Physicalischer Zeit-Vertreiber 1694, 566 ff. 

62 ) Pauly-Wissowa 11, 1, 20; Agrippa v. 
Nettesheim 1, 116; Porta Magia naturalis 
1713, 33 Nr. 12; (Noel Chomel) Oeconomisch- 
Physical. Lexikon 8, 5 f. 53 ) Dähnhardt 3, 
373. 64 ) Ebd. 3, 348. 55 ) Ebd. 4, 187!; Lieb- 
recht Zur Volksk. 109 f.; ZfdA. 22, 17!.; 
Zingerle Sagen 1859, 390; Heinr. Gradl 
Sagenbuch d.Egergaues 1892,68 (vgl. Nachw. 134); 
Pröhle Unterharz 19. 56 ) Dähnhardt 3, 356 f.; 
Megenberg Buch d. Natur 147. 67 ) Pauly- 

Wissowa 11,1, 20 nach Aelian 2, 51; Arist o t. 
hist. an. 9,1; Plinius 10,205; Megenberg 
Buch d. Natur 147; doch Porta Magia natu¬ 
ralis 1713, 33; vgl. ferner Keller Tiere 179. 
273; (No 61 Chomel) 0 economisch- Physical. 
Lexikon 8,6. 58 ) (Lettisch): Dähnhardt 4, 

237. 282; Rieh. Wilhelm Chinesische Volks¬ 
märchen 1919, 27; Keller Tierwelt 2, 93. 59 ) 

(Indisch): Dähnhardt 4, 186 ff.; (listig): Ka¬ 
lilag u. Damnag (Übers, d. Pantschatantra) ed. 
Bikell 1876, 22; bin Gorion Sagen d. Juden 

1, 216; Grimm Myth. 2, 559; Liebrecht 

Gervasius 45; Heyl Tirol 790 Nr. 173. 60 ) Zin¬ 
gerle Tirol 86 Nr. 728 = Hovorka-Kron- 
feld 1, 354; Rolland Faune 2, 116. 61 ) Meyer 
Baden 514; P. Walther Schwäbische Volksk. 
1929» 93 ,' Meier Schwaben 1, 219 = Wolf 

Beitr. 2,428. 62 ) ZföVk. 10 (1904), 51; Zin¬ 
gerle Tirol 87 Nr. 735. ® 3 ) Heyl Tirol 790 

Nr. 173. fl4 ) Zingerle Tirol 87 Nr. 734. 
65 ) Herzog Schweizer sagen 2,45; Wolf Beitr. 

2, 428 f. ® 6 ) Pauly-Wissowa 11, 1, 22; Keller 

Tierwelt 3, 93; Dähnhardt 4, 67 u. Nachw. 58. 
67 ) Alpenburg Tirol 386; vgl. Ernst Voigt 
Ysengrimus 1884, 4 f. Nr. 1. Ä8 ) Keller Tierw. 

2, 93; (Indianer:) Dähnhardt 3, 209. 351. 
443 f.; Strodtmann Idioticon Osnabrugense 
1756, 127. 69 ) Pauly-Wissowa 11, 1, 19. 

70 ) Taufik Canaan Dämonenglaube im Lande 
d. Bibel (Morgenland 21) 1929, 15. 71 ) Osw. 

Croll Von d. innerlichen Signaturen d. Dinge 
1623, 53. 7a ) Pauly-Wissowa 11, 1, 21 nach 
Ovid met. 2, 531 ff. 7S ) Ebd. 11, 1. 20; 

Grimm Myth. 2,559; DWb. 8, 6; Luther Tisch¬ 
reden (Weimarer Ausg.) 3, 637 f. Nr. 3819. 
74 ) DWb. 8, 6; ZfdMda. 16, 175; Oeconomisch- 
Physical. Lexikon 8, 6; Schütze Holst. Idio¬ 
ticon 3, 305; Croll Von d. innerl. Signat. 53; 
Keller Tierw. 2, 93; Pauly-Wissowa 11, 1, 
20; vgl. Sagen vom Ringdiebstahl: Benfey 
Pantschatantra 1, 172 f.; Kuoni St. Gallen 
269L; Wolf Beitr. 2,405; Grässe Preußen 
2, 913 f.; Lemke Asphodelos 121; Pröhle 
Dtsch. Sagen 1867, 250 ff.; Knortz Streifzüge 
113; Bechstein Thüringer Sagenbuch 2, 240; 
Schwebe 1 Tod u. ewiges Leben 124 f.; Die 



Grafschaft Glatz 5, 136 f.; Fr. Sieber Harz¬ 
land 1928, 86; Ders. Sachsen n6f.; Kuhn 
Märk. Sagen 60 f. (201) = Brandenburg 222 = 
Lemke Asphodelos 122; Arndt Märchen u. 
Jugenderinnerungen (Hesses Klassikerausgb.) 
(5,146) 6, 78 t.; P. Zaunert Dtsch. Märchen 
seit Grimm 2 (1923), 229 ff.; WS. 12, 48; vgl. 
Aug. Leskien Balkanmärchen 1915, 58. Leute, 
die bei Nacht stehlen, heißen Nachtraben: 


DVköB. 11, 165. 75 ) Dähnhardt 1, 249!. 

(jüdisch); Pauly-Wissowa 11, 1, 20; Meyer 
Aber gl. 72; Montanus Volksfeste 172; dagegen 
Bolte-Polfvka 1, 363. 76 ) Megenberg 

Buch d. Natur 147. 77 ) Ebd. 146; DWb. 8, 8; 

(Aristot. hist. an. 2, 15). 78 ) Plinius 10, 32; 
Pauly-Wissowa 11, 1, 19. 79 ) Keller Tier¬ 
welt 2, 105; Wackernagel Epea 10; Pauly- 
Wissowa 11, 1, 21; DWb. 8, 5; Witzschel 
Thüringen 2, 135; vgl. M. Claudius Abendlied 
beim Mondschein zu singen ; P. Kretschmer 
Neugriech. Märchen 1917, 81 f.; Krickeberg 
Indianer mär chen 214. 80 ) Pauly-W T issowa 11, 

I, 20 nach Aelian 6,46; ebenso Chamäleon: 

Agrippa v. Nettesheim 1,113; heilt sichdurch 
Eiche oder Rabenkraut: ebd. 81 ) Pauly-Wis¬ 
sowa ii, 1,20; Keller Tierw. 2,99; vgl. Se- 
billot Folk-Lore 4, 262. 82 ) Ruodlieb 5, 173 f.; 
Wilh. Busch Utöler Welt 1910,132; Keller Tier¬ 
welt 2,94. 83 ) Fulgentius mythol. 1, 12 usw. 

bei Pauly-Wissowa 11, 1, 19; Megenberg 
Buch d. Natur 147; Montanus Volksfeste 172; 
ZfrwVk. 1914» 262. 84 ) Dähnhardt 1, 284 = 
ZfVk. 16, 387; Ders. 1, 286 Nr. 1; 3, 391 f. 364; 
Wossidlo Mecklenburg 2, 44 Nr. 20; ZfVk. 
10, 222; Sebillot Folk-Lore 3, 182. 85 ) Au¬ 

gustin in Psalm. 92, 16; serm. 82, 14; Keller 
Tierw. 2, 96; DWb. 8, 5; Knortz Streifzüge 
116; Lemke Asphodelos 126. 8fl ) W. Busch 
Ut 6ler Welt 76; Strackerjan 2, 164 Nr. 394; 
ZfVk. 13,94; Knoop Tierwelt 38 Nr. 329. 
87 ) Keller Tierw. 2, 94; Pauly-Wissowa 

II, 1, 21. 88 ) Z. B. Germania (Neues Jahrbuch 
f. dtsch. Altertumskd.) 8, 232; Curtze Waldeck 
281 f.; SchwVk. 11,9; Wolf Beitr. 2, 428 f.; 


Lewalter-Schläger 295t. 298. 316t. 
Heßler Hessen 2, 276; BIPommVk. 


Wossidlo Mecklenburg 2, 


402. 255 f. 


328; 

5 . 591 
256 ff. 


161. 183. 186. 187. 297. 398; ZfdMyth. 4, 404; 
Rolland Faune 2, 113 ff.; Sebillot Folk-Lore 


3 . 183. 


3. In fremden Mythologien. Den 
nordamerikanischen Indianern an der 
pazifischen Küste ist Yelch, der R., 
Schöpfer, Licht- und Heilbringer und 
Stammvater 89 ). Den Mayas war er der 
Vogel, der die Maisfrucht fand 893 ). Im 
Iran verkörperte er den Siegesgenius "), 
die königliche Glorie 90 ); dem Sonnengott 
waren zwei R.en als Boten heilig 91 ), 
ebenso wie Mithras 91 ). R.n sind bei den 
Griechen die Begleiter Apolls 92 ), des 

Bächtold-Stäubl i, Aberglaube VII. 


Helios 93 ); die Himmelsboten 94 ); Apollo 
selbst zeigt sich in R.engestalt 95 ); Su¬ 
merern und Babyloniern, Chinesen ist 
er der Gottesvogel 96 ), den Esten der 
Lichtvogel ö7 ). Es ist bemerkenswert, daß 
in der alten wie in der neuen Welt der R. 
den Lichtgott personifiziert. 

Dem gallischen Gott Lugus und dar¬ 
nach dem gallorömischen Mercur soll er 
heilig gewesen sein 98 ). 

Bekannt ist seine Stellung in der assyri¬ 
schen "), jüdischen 10 °) und chinesi¬ 
schen 101 ) Sintflutmythe, der dort bereits 
beginnende Gegensatz R. — Taube, sein 
Verhältnis zu Elia (I. Reg. 17, 6) 102 ), den 
er wie Paulus Eremita, Bonifatius und 
andere Heilige mit Speise versorgt 103 ) •— 
während sonst nur im leicht verächtlichen 
Sinne von ihm gesprochen wird (Ps. 147, 9; 
Hiob 38, 41) 104 ), oder er als das Tier der 
Fluchzeit erscheint 105 ). Die heutigen Be¬ 
wohner Palästinas kennen Dämonen in 
R.ngestalt 106 ). Auch bei den Burjäten 
erscheinen oft Geister in R.-Gestalt 106a ); 
im Kälacakra-System des Buddhismus 
zeigt der Schutzdämon des Schicksals 
einen R.-kopf 106b ). 

89 ) W. Krickeberg Indianermärchen aus 
Nordamerika 1924, 191 ff. 203. 383. 388 f. 391 ff.; 
Dähnhardt Natursagen 1, (63 f.) 65. 86. 110; 
3, 7 N. 1. 28 f. 67. 77. 79. 97. 102. 104. 113 ff. 
IJ 9 - 5°7 Ü-» 4 » 4 1 i Keller Tierwelt 2, 92; Aurel 
Krause Tlinkit-Indianer 1885, 2530.; ZfEthn. 
27, 222 ff. 192; Wundt Mythus 2, 159. 162. 
163; Kurt Breysig Entstehung d. Gottesgedan¬ 
kens u. d. Heilbringer 1905, 10 ff.; P. Ehren¬ 
reich inZtfEthn. 38 (1906), 542; Knortz Streif- 
züge 100 ff.; Herbert Schlieper Die kosmogo- 
nischen Mythen d. XJrvolker , Bonn Phil. Diss. 
1932, 22. Vgl. auch die Mythen der Tsimschian 
ZfEthn. 27, 195 ff., der Haida: ebd. 217 ff., 
zusammenfassend Boas ebd. 488 ff.. Als Totem 
Reuterskiöld Speisesakramente 26 f. 29; 
Niederlaus. Mittlgn. 18 (1928), 320. 89a ) Ed. 

Seler Ges. Abhdlgn 4 (1931), 580 ff. w ) Ol- 
rik Ragnarök 329; Panier der Göttin der 
Zwietracht: Knortz Streifzüge 108. 91 ) Keller 
Tierwelt 2, 102. 103. 104; Lemke Asphodelos 
ii2) Martin Dibelius Jungfrauensohn u. 
Krippenkind (Sitzb. Heid. 22), 73. 92 ) Keller 

102 f. 99; Ders. Tiere 267. 446; Hahn in 
Ebert Reallex. 11, 7; Chantepie de la 
Saussaye 2, 505; Küster Schlange 125; 
Lemke Asphodelos 112. 93 ) Keller Tierw. 2, 

104. 94 ) v. Duhn im ARw. 12, 167!.; Volks¬ 
kunde 5, 97. 95 ) Keller Tierw. 102. 103; 

Panzer Beitrag 2, 410 f. nach Kallimachos 
Hymne au) Apoll 66 f.; Ovid met. 5, 329 usw.; 

14b 


. 


1 r 



435 


Habe 


436 


Plutarch de solertia an. 35, 9; Paus. 9, 3, 
1 = Panzer Beitrag 2, 411; ZfdA. 22, 15. ® 6 ) 
Jeremias A Ite Testament im Lichte d. alt.Orients 
I 93 °» 603 N. 3; Wilhelm Chines. Volksmärchen 
1919, 24 f. 87 ) Kreutzwald Estnische Märchen 
1869. 1, 7. 98 ) Keller Tierwelt 2, 106 f. ") 

Ungnad Religion d. Babylonier u. Assyrer 
1921, 107; Jeremias Alte Testament im Lichte 
d. alt. Orients 134. 153; Gunkel Genesis 1917, 
68ff.; Hahn in Ebert Reallex. 11, 7. 10 °) Gene¬ 
sis 8, 6 f.; vgl. Gunkel Genesis 64; Dähn- 
hardt 1, 283 ff.; Chantepie de la Saussaye 
L 598; Keller Tierwelt 2, 100. 101 f. 101 ) Wil¬ 
helm Chines. Volksmärchen 24. 102 ) SAVk. 23, 

214 = Frazer Folk-Lore in the Old Testament 
3 (1918), 22 ff. Als Boten Gottes zu dem im 
Totenreich Weilenden deutet sie Jeremias 
Alte Testament i. Lichte d. a.O. 603. 103 ) Kunze 
Suhler Sagen 102; Frenkel Wunder u. Taten d. 
Heiligen 1925, 74. I04 ) Zur Stellung de R.n im 

semitischen Glauben vgl. auch E. Böklen Ent¬ 
stehung d. Sprache im Lichte des Mythos 1922, 
184 h = Ebert Reallex. 5, 335. 105 ) Jere¬ 

mias Alte Testament 800. 106 ) Taufik Canaan 
Dämonenglaube im Lande d. Bibel (Morgenland 
21) 1929, 13. 16. 106a ) Georg Nioradze Der 

Schamanismus b. d. sibir. Völkern 1925, 42. 
i°6b) Albert Grünwedel Teufel des Avesta 2 

(1924), 56. 

4. In der germanischen Mytholo¬ 
gie. Der R. ist ein dämonisches Wesen, ein 
Tier, das mit der Toten weit zusammen¬ 
hängt; das machte ihn zu des Toten¬ 
gottes Tier (vgl. Malten über die ähnliche 
Stellung des Pferdes im Totenglauben 106c )). 
Zwei R.n, Gottes Hühner 107 ), — nach 
skaldischer Überlieferung Huginn und 
Muninn genannt, — sitzen auf Wodans 
Schultern, fliegen durch die Welt und 
raunen ihm ihre Nachrichten ins Ohr 108 ). 
Ob die Sage 109 ) einen Nachklang davon 
bewahrt, bleibt noch zu untersuchen. 
In St. Oswald mit dem R.n Wodan 
sehen zu wollen, ist wohl verfehlt 110 ); 
es dürfte ein Märchen zugrunde liegen. 
War der R. ursprünglich eine Personi¬ 
fikation von Wodans Seele 111 )( ?) (nach 
E. H. Meyer der schwarzflüglige Sturm¬ 
vogel 112 )), der Vogel, welcher den Ge¬ 
hängten, Odins Opfer, umflatterte 113 ), 
so hat doch zur Annäherung der beiden 
auch beigetragen, daß er das Tier des 
Schlachtfeldes (s. Wolf) ist 114 ), Krieger 
(nach des Gottes Willen ?) geleitet 115 ), und 
in der Fahne dem Heer vorangetragen 
ward (s. Krähe) 116 ). Ebenso gehört 
er dem Dichter zu 117 ). Als R. raubte Odin 


den Met 118 ). Noch heute heißt — und das 
soll auf den Wodanskult zurückgehen, — 
eine Beteuerung der Friesen „das ist bei 
dem Raben wahr“ 119 ). Doch wird man 
weiter nicht vergessen dürfen, daß im ira¬ 
nischen und manichäischen Glauben, aus 
welchem mancher Einfluß in den Norden 
statthatte, zwei R.n, nachrichtenbringend, 
auf des Gottes Schulter sitzen 108 ). Man 
wird vielleicht auch den Walkyrien ein 
R.nhemd, R.ngestalt (s. Krähe) beimessen 
dürfen 120 ). 

i°6 C ) Archäolog. Jahrb. 29 (1914), 178 ff. 
107 ) Montanus Volksfeste 172 = E. Lemke 
Asphodelos 1914, 110. 133. 135; (bei Montanus 
heißen die Krähen „Königs Hühner“); ZföVk. 
10, 51; R.n üben Gottes Gericht: Schöppner 2, 
36 t. 108 ) Grimnismäl 26; Gylfaginning c. 38, vgl. 
auch Ne ekel Balder 13 ff.; Heimskringla 1 c. 7; 
Mogk Relgesch. 67; Jiriczek in ARw. 5, 278; 
Grimm Myth. 1, 122; 2, 559; Meyer Germ. 
Myth. 225. 232; Ders. Mythologie d. Germ. 371. 
374 - 384; Jos. Brock Hygins Fabeln 1923, 
XIV; Quitzmann Baiwaren 31. 244; Mann¬ 
hardt Götter 160; Wolf Beitr. 1, 26; man 
könnte hier an einen Einfluß iranischer und 
manichäischer Vorstellungen denken; vgl. auch 
Nachw. 91. Eine keltische Entsprechung: Jo- 
stes Sonnenwende 1 (1926), 1142.; vgl. Anz- 
fdA. 51 (1932), 108. Ahnen das Weitende; 
Hugin fliegt zum Himmel u. kommt nicht mehr 
wieder: Lemke Asphodelos m, vgl. auch ^18; 
Keller Tierwelt 2, 104. 109 ) Etwa: Heyl Ti¬ 

rol 253. 257; Lübbing Friesische Sagen 217; 
Grässe Preußen 2, 410. 1028 f.; Peter öster¬ 
reichisch Schlesien 2, 4; Bolte-Polivka 2, 
355 t-i Anton Mailly Sagen aus Friaul n. 
110 ) Losch Balder 125 ff.; ARw. 3, 370 t.; Zin- 
gerle Sagen 1859, 1; Ders. Oswaltlegende 1856; 
ZföVk. 10, 51 (Kärnten um 1600); Grimm Myth. 
2, 123; Simrock Mythologie 229; Quitzmann 
Baiwaren 32. 244; Keller Tierwelt 2, 104 t.; 
Lemke Asphodelos 123 f.; Dähnhardt Natur¬ 
sagen 1, 331 f.; Franz Kießling Frau Saga 
im nied.-Österreich. Waldviertel (1924) 7, 38. 
Nach Reginalds Vita S. Oswaldi: Wolfg. 
Golther Deutsche Dichtung im MA. 1912, 123. 
Erwähnt mag seine Beziehung zu christl. 
Heiligen sein: Keller Tierwelt 2, 103. 104; 
Grimm Myth. 2, 559 nach Paulus Diaconus 
Gesta Langobard. I 26; Lemke Asphodelos 124 f.; 
Sebillot Folk-Lore 4, 262. m ) v. d. Leyen 
Sagenbuch 1, 174. 188; vgl. Wolf Beitr. 1, 26. 
112 ) Meyer Germ. Myth. 1 12.232; Lemke Aspho¬ 
delos 114. 113 ) Ebd. 232. 235. m ) (s. Nachw. 46a 
„Aasfresser“); Gudrünarkvida 2, 7 = Genzmer 
Edda 1, 94; vgl. ebd. 129; Montanus Volksfeste 
172; Fr. Meyer Schleswig-Holsteiner Sagen 
1929» 157 ; MschlesVk. 31/32 (1931). 109; vgl. 
Krickeberg Indianermärchen 216 f. 115 ) 
Grimm Myth. 2, 559; 3, 193; Wolf Beitr. 


! 





Rabe 



I, 26; Meyer Germ. Myth. 112; doch vgl. schon 
Livius 7, 26 = Pauly-Wissowa 11, 1, 22. 
ll# ) Grimm Myth. 2, 931 f.; 3, 193; Meyer 
Germ. Myth. 112. 235.; Lemke Asphodelos 117f.; 
Emst Meyer in Ztschr. d. Savignystftg. Germ. 
Abtlg. 51 5 (193 1 )» 203. 117 ) W. Grimm 

Altdänische Heldenlieder 1811, 25. 118 ) Vgl. 

Krickeberg Indianer mär chen 203. 1W ) Fr. 

Meyer Schleswig-Holsteiner Sagen 77; vgl. 
Schulenburg in Niederlausitzer Mittlgn. 18 
(1928), 297. 12 °) Neckel Walhall 79. 130; 

vgl. auch Dähnhardt Natursagen 3, 116. 

5 a. Im Zauber- und Dämonen¬ 
glauben. Hexen erscheinen gern als 
R.n 121 ); R.n wieder sind Hexentiere 122 ). 
Im Böhmerwald wird eine Kuhherde in 
einen R.nschwarm verhext 123 ), in Schwa¬ 
ben verwandelt ein schwarzkünstlerischer 
Schäfer seine Schafe in R.n 123a ). Auch 
Hexenmeister 124 ) und Zauberer, wie König 
Artus 125 ), nehmen R.ngestalt an, werden 
vom R.n begleitet 126 ); ihr Mantel (Luft¬ 
fahrt) von R.n getragen 127 ). In Ober¬ 
schlesien flogen in der Heidenzeit drei 
Missionare, als sie von den Heiden an¬ 
gegriffen wurden, als R.n davon 127a ). Be¬ 
kannt ist, daß die Schüler der schwarzen 
Schule 128 ), Freimaurer in der Loge 129 ) 
in R.ngestalt beieinander sitzen. Schwarz¬ 
künstler können auch andere in R.n ver¬ 
wandeln 130 ), während im Märchen sonst 
schon der böse Wunsch genügt 131 ). Nach 
einer Werdenberger Sage aber sind die 
R.n strafweis verwandelte Menschen 132 ). 
Die Seele der Hexe 133 ), der oder die 
Teufel, daemones mali erscheinen als 
R.n 134 ), besonders wenn Unbefugte im 
Höllenzwang studieren 135 ), so wie nach 
dem Lesen in ihm die Unterirdischen 
kommen (Schleswig-Holstein) 136 ). Ein 
solches Zauberbuch heißt ja auch „schwar¬ 
zer Rabe“ 266 ). Der R. ist ein teuflisches 
Tier 134 ), begleitet Satan 137 ), gilt als sein 
Bote 138 ), Apostel 139 ), Reitpferd 140 ), in 
der Bretagne als sein Geschöpf 141 ). R.n 
verfolgen den bis nach Hause, der die 
Hexen auf dem Sabbath belauschte 141a ). 
Ein Teufel im Spessart hatte ein Maul 
wie ein R. (Nachklang einer Beschreibung 
in Zauberbüchern ?) 142 ). Nur einmal 
wurde der Teufel mit ihm betrogen, in¬ 
dem er ihn als erste versprochene Seele 
erhielt 143 ). 

Als ein dämonisches Wesen erscheint 


der R. auch im Märchen 144 ). Der Wald¬ 
geist (Hemann) 145 ), Zwerge 146 ), Haus¬ 
kobolde 147 ), Rübezahl 148 ), die nordi¬ 
schen Trolle 149 ) haben R.ngestalt. Die 
wilde Jagd zieht als R.nschar 149a ), und 
ihre Rufe deutet man als R.ngeschrei 149b ). 
Als R. vertauscht „der Teufel“ ein Kind 
(Wechselbalg) 15 °). Die Bergmännlein 
im Kuhländchen hetzen Eulen und R.n 
auf ihre Feinde 151 ). R.n sind Begleiter 
des Obersten der Bergmännchen 151a ). 

121 ) Bolte-Polivka 2, 69; Wuttke 123 
§162; Kämpfen Hexen 53; Walliser Sagen 2, 
268 f.; Vonbun Beiträge 96; Meyer Baden 556; 
Mittig. Ver. Gesch. d. Dtsch. in Böhmen 18 
(1880), 205 ; John Westböhmen 220 f. 254; (Steier¬ 
mark) ZfVk. 7 (1897), 246; Grässe Preußen 
2, 618 f.; Strackerjan 1, 416; 2, 124. 164; 
Lübbing Friesische Sagen 178; Wolf Niederl. 
Sagen 373 f.; de Cock en Teirlinck Bra- 
bantsch Sagenboek 1 (1909), 26f.; de Cock Volks- 
geloof 1, in; Stroebe Nordische Volksmärchen 
2, 63 ff.; Knortz Streifzüge 110; Sebillot Folk- 
Lore 1, 99; Krauß Relig. Brauch 113. 122 ) Heß- 
ler Hessen 2, 452; Wuttke 159 § 216 (aus 
Kärnten); John Westböhmen 220. 254. 123 ) 

Jungbauer MwewaM 200. 123a ) Birlinger 

Volksthüml. 1, 16 f. 124 ) Germania 26, 196 zu 
Grimm Myth. 2, 919; Alemannia 4, 170; Wolf 
Dtsch. Märchen u. Sagen 248; Arndt Märchen 
u - Jugenderinnerungen (Hesses Klassikerausgb.) 
6, 253; Sebillot Folk-Lore 1, 110 (4, 233). 
125 ) Grimm Myth. 2, 559; Germania 5, 122; 
Knortz Streif züge 111. 126 ) Keller Tierwelt 

2, 104 t.; de Cock Volksgeloof 1, m (Luther, 
Albertus Magnus, Berthold Schwarz): Lemke 
Asphodelos 126; (zuberkundiger Jäger bannt 
sie in die Stube:) Niederlaus. Mittlgn 18 (1928), 
297. 127 ) Peuckert Schlesien 87; Karl R. 

Fischer Doktor Kittel d. nordböhm. Faust 
1924, 27. 34. 127a ) Ausschau v. Burg Tost (Hei¬ 
matbeilage) 2 (1927), Nr. 3. 128 ) Kühnau 

Sagen 3, 167 ff.; Meiche Sagen 539; P. Zau- 
nert Dtsch. Märchen seit Grimm 2 (1923), 84!.; 
Jegerlehner Was d. Sennen erzählen 160 ff.; 
Boehm-Specht Lettisch-litauische Volksmär¬ 
chen 1924,1000. 129 ) Peuckert Schlesien 96. 
13 °) Gockelius Tractatus . . . von dem Be- 
schreyen u. Bezaubern 1717, 29; ZfVk. 13 

( I 903 )* 435 .“ Zaunert Hessen-Nassauische 
Sagen 1929, 283 f.; vgl. Dähnhardt Na¬ 
tursagen 3, 116; Rolland Faune 2, 122. 

131 ) Keller Tierwelt 2, 97; Grimm KHM. 
Nr. 9. 25. 93; Henne am Rhyn Dtsch. Volks¬ 
sage (1879), 135; Köhler Kl. Sehr. 1, 57. 67. 
175; ZfVk. 4 (1894), J 32; SAVk. 23 (1921), 207; 
Jecklin Volkstüml. 1916, 74 f.; Jegerlehner 
Oberwallis 329 Anm. 36; Germania 1, 425 f.; 
Alemannia 26, 159; Panzer Beitrag 2, 172 f.; 
Langer DVöB. 11, 165; Strackerjan 1, 134; 
2, 164; Rosa Warrens Germanische Volkslieder 
d. Vorzeit 2 (1858), 70 ff.; 4, 52 ff.; Talvj Ver- 



439 


Rabe 


440 


such einer geschichtl. Charakteristik d. Volkslieder 
1840, 230 ff. Vgl. Handwörterbuch „Märchen“. 
132 ) Henne am Rhyn Dtsch. Volkssage (1879), 
135. 133 ) Grässe Preußen 2, 512; John West- 
höhmen 220.254 > KochholzGiaube 1,156; Lemke 
Asphodelos 119; ZfVk. 7 (1897), 195. 134 ) S. oben 
2, 15; mhd. hellerabe, Höllenhuhn: Alemannia 
26, 163; Keller Tierwelt 2, 97; Grimm Myth. 
2, 833; Wuttke 123 § 162; Henne am Rhyn 
Dtsch. Volkssage 135; Roskoff Gesch.d. Teufels 
1 (1869), 301. 368. 369; Lemke Asphodelos 122 f.; 
Erasmus Francisci Höllischer Proteus 195; 
Scheible Kloster 5, 1138; (Militariuslegende:) 
Kiesewetter Faust 1, 116; Friedr. Bangert 
Die Tiere im altfranzös. Epos 1885, 212; Cä- 
sarius Heisterbacensis Dialogus miracu- 
lorum V c. 41 = K. Drescher Joh. Hartliebs 
Übersetzung des Dial. mir. (Deutsche Texte d. 

M. A.s 33) 1929, 352; Gottfr. Arnolds Unpar - 
theyische Kirchen - u. Ketzerhistorie 3/4 (1700), 
278; Karl Schindler Der schlesische Barock¬ 
dichter Andreas Scultetus 1930, 131; Pneumato- 
logia occulta bei Horst Zauberbibliothek 2, 84; 
R. Kienast J. V. Andreae u. d. vier echten 
Rosenkreuzer Schriften 1926, 45; Johann Bruns¬ 
mann Das geängsligte Köge 1674, aus d. Dä¬ 
nischen übers, durch M. J. J. L. s. a. Leip¬ 
zig, A 7 A; Schade Ursula 71; Adam a Leben- 
waldt 8. Tractätl 173; (Volkslied:) Alemannia 
26, i6if.; P. Zaunert Dtsch. Märchen seit 
Grimm 1 (1912), 2 f.; Walliser Sagen 2, 120 f.; 
Kämpfen Hexen 25; Jegerlehner Was d. 
Sennen erzählen 8ff. 216; Kuoni St. Gallen 121; 
Rochholz Sagen 1, 331; ders. Glaube 1, 156; 
Alemannia 11, 32. 34; Höhn Tod 356; Waibel 
u. Flamm 1, 190 f.; Birlinger Volksth. 1, 124; 
Zingerle Tirol 87 Nr. 738; ZfVk. 9, 375; 
Alpen bürg Tirol 250; (Steiermark:) ZfVk. 7, 
244 (195); Schöppner Sagen 3, 225 f.; 2, 22( ?). 
36f.( ?); ZfdMyth. 4, 23 (Maingegend); Herr¬ 
lein Spessart 1906, 200 ff.; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 3, 52. 205; Jungbauer Böhmerwald 34; 
John Westböhmen 220 f.(?); Gradl Sagenbuch 
d. Egergaues 1892, 68 (vgl. Nachw. 55); Mitt. 
nordböhm. Exkursionsklub i, 133; Peuckert 
Schlesien 87; R. Kühn au Mittelschlesische Sagen 
1929, 1331 Ders. Oberschles. Sagen 1926, 236; 
Ders. Sagen 2, 613 f. 716. 727; 3,172. 168; 

N. lausitz. Magazin 35, 372; P. Zaunert Hessen- 
Nassauische Sagen 188 f. 289; Heßler Hessen 
2, 324; Pröhle Unterharz 132 f.; Knoop 
Schatzsagen 24 Nr. 47; Jahn Hexenwesen 8; 
Ders. Volkssagen 178 f. 332. 347; Heckscher 
77 - 3331 Müllenhoff Sagen 211. 367 = Wolf 
Beitr. 1, 26; Kruspe Erfurt 1, 45 f.; (Aussig- 
Karbitzer Lehr er verein:) Heimatkd. d. Bez. 
Aussig 1929. II 1, 45; Walter Loose Sagen 
aus d. Schwarzwasser gebiet 1931, 16; Meiche 
Sagen 636 f.; Fr. Sieber Sächsische Sagen 
1926, 208. 215; (Braunschweig:) Meyer Germ. 
Myth. H2; ZfrwVk. 1914, 86; Montanus 
Volksfeste 172; W. Busch Ut Öler Welt 134; 
Strackerjan 1, 312. 319; 2, 164; Lübbing 
Fries. Sagen 107; Wolf Niederl. Sagen 229. 
401; Hess. Bl. 1, 249; Cock en Teirlinck 


Brabantsch Sagenboek 1909. 1, 248; Paul Da- 
nielsson Djävulsgestalten i Finlands svenska 
folktro 1 (1930), 63. 106 ff.; de Cock Volksgeloof 
x, in; (tschech.) Grohmann 65; Hovorka- 
Kronfeld 1, 354 f.; (Kujawien:) Hess. Bl. 3, 
119; K.W. Woycicki Volkssagen u. Märchen aus 
Polen übers. Levestam 1921, 49; Wlislocki 
Magyaren 160; Ders. Märchen u. Sagen d. trans- 
silvan. Zigeuner 1886, 99f.;R. mit Entenfuß == 
Teufel: ebd. 104 f.; Rolland Faune 2, n8f.; 
Säbillot Folk-Lore 3, 210 f. Schwarzer u. 
weißer R. streiten um Seele: Schell Sagen 1922, 
346f. Nr. 892. 135 ) Adam a Lebenwaldt 

(j. bis) 8. Tractätl von deß Teufels List u. 
Betrug 1682, 40; Müller Uri 1, 219; Wucke 
Werra 1891, 282; P. Zaunert Hessen-Nassau- 
ische Sagen 1929, 245. 275; Wolf Sagen 79 f.; 
Kühnau Sagen 3,275; Peuckert Schlesien 85t.; 
Karl R. Fischer Doktor Kittel , der nordböhm. 
Faust 1924, 18 f. 27. 33; E. Lehmann Vom 
Kronwald u. vom Krottenpfuhl 1921, 107!.; 
(Pföhlwies Bez. Mährisch-Schönberg) Trost- 
bärnla (Kalender), Mittelwalde 1924, 65 f. 
(Aussig-Karbitzer Lehrerverein:) Heimatkd. d. 
Bezirkes Aussig 1929. II 1, 57; Jos. Kern Sagen 
d. Leitmeritzer Gaues 1922, 48 f.; Schulenburg 
197 = 1930, 106; John Erzgebirge 135; Fr. 
Sieber Sächsische Sagen 248. (Cap Sizun, 
Pointe du Raz): Revtradpop. 2, 62; 9, 61 ff. 
i 36 ) j? r Meyer Schleswig-Holsteiner Sagen 1929, 
298. 137 ) Andree Braunschweig 397. Auch 

lappisch: Carl Schoyen Skouluk-Andaras Be¬ 
richte aus Lappland 1923, 42. 74. 138 ) Grimm 
Myth. 2, 833 nach dem Faust-Puppenspiel — 
Simrock Mythologie 480; Lemke Asphodelos 
123; Müllenhoff Sagen 367; de Cock Volks¬ 
geloof 1, in; Germania 27, 368 f.; Alemannia 
26, 161; Wolf Beitr. 2, 28L; Quitzmann Bai¬ 
waren 33. 244. 139 ) Stroebe Nord. Volks¬ 

märchen 1,72. l4 °) Arndt Märchen u. Jugend¬ 
erinnerungen (Hesses Klassikerausgb.) 6, 181; 
ZfdPhil. 14, 462. 1U ) Dähnhardt Natursagen 
1, 164. 141a ) E. H. Carnoy Litterature orale 

de la Picardie 1883, 105 f.; vgl. Nachw. 134. 
142 ) Joh. Schober Sagen d. Spessarts 1912, 233 
Nr. 16. 143 ) P. Zaunert Westfäl. Sagen 1928, 

132. 144 ) P. Zaunert Dtsch. Märchen seit Grimm 

1 (1912), 2 ff. 408. 410; ZfdMyth. 1, 311 f.; 

ZfEthn. 32, 83. 145 ) P. Zaunert Natursagen i, 
92; Laistner Sphinx 2, 222. Der Katzenveit 
steckt R.n an den Bratspieß. 148 ) Rochholz 
Sagen 1, 266. 147 ) Ebd. 1, 331 nach Grimm Ir. 
Elfenmärchen XIV; W. Busch Ut oler Welt 132; 
Grässe Preußen 2, 880. 883. 883!.; Kühnau 
Sagen 2, 36. 148 ) Briefe eines 1777 reisenden 

Engländers: Deutsches Museum 1 (1780), 89. 
149 ) Grimm Myth. 2, 919. 830; Klara Stroebe 
Nord. Volksmärchen 2 (1915), 10. 200; Rosa 
War re ns Germanische Volkslieder d. Vorzeit 

2 (1858), 54 (= Heinr. Heine Deutschland: 

Helios-Klassiker 3, 322 ff.); 4, 52 ff. in ff. 418. 
420. 149a ) Alpenburg Alpensagen 322. So 

auch der „tolle Fuhrmann“ Witzschel Thü¬ 
ringen 2, 293. 149 b) Hermann Koepcke Joh. 

Gailer v. Kaisersberg, Phil. Diss. Breslau 1927, 




14; vgl. Nachw. 160. 15 °) Aus d. Beuthener 

Lande 3 (1926), 6 f. 151 ) Jos. Ullrich Volks¬ 
sagen a. d. Kuhländchen 1925 4 , 28 Nr. 3. 15ia ) 

Peter Österreichisch-Schlesien 2, 4; vgl. Nachw. 
109. 

5b. Der R. im Seelenglauben. Der 
leichenfressende R. wird zum Leichen- 
und Seelen vogel, Spuktier 152 ). Es sind 
besonders die Seelen von bösen Menschen, 
welche als R.n erscheinen 153 ) und als „Ver¬ 
bannte“ R.ngestalt annehmen 153a ); erlöst 
sind sie schneeweiß 154 ). So flog aus 
Judas Munde, als er sich erhängte, ein 
R. 155 ). Schon die Eskimos wissen von 
der Seelenwanderung der Seele eines Zau¬ 
berers, die dabei auch in einen R.n ein¬ 
geht; als sie diesen verläßt, stirbt der Vo¬ 
gel 156a ). R.n haben Wissen um wunder¬ 
liche Dinge, und wer sie (unterm Galgen) 
belauscht, erfährt viel 156 ). Als Seelen¬ 
vogel faßt v. d. Leyen auch Wodans R.n 
auf 111 ); und wenn es heißt, daß jedem 
Hause zwei R.n zugeteilt seien, die den 
Bewohnern Leben und Tod weissagen, kann 
man darin wohl Hausgeister vermuten 157 ). 
Auch in den R.n, die den Kyffhäuser 158 ), 
den Untersberg und andere Totenberge 15d ) 
umkreisen, den R.ndocken 159a ) bei Gold¬ 
berg den Namen gaben, hat man Seelen¬ 
vögel vermutet, so wie im Zuge des wüten¬ 
den Heeres (s. d.), dem Seelenheer, R.n er¬ 
scheinen 16 °) (s. Nachtrabe). Der Schlüssel¬ 
jungfrau sitzt er auf der Schulter 161 ). 
Als das Tier eines mädchenraubenden 
Riesen kennt ihn eine (romant.) schles. 
Sage 162 ). Unklar, und wohl aus den Vor¬ 
stellungen, er sei ein Seelen vogel und der 
Teufel, gemischt erscheint der R. als 
Wächter der armen Seele 163 ), als Schatz¬ 
hüter 164 ), und in Verbindung mit der 
Sage vom Erlöser in der Wiege (er läßt die 
Eichel fallen, aus der ein Baum auf geht 
usw.) 165 ). 

Oft fordert ein schwarzer R. den Leib 
des Bösen, der ehrlich begraben worden 
ist, heraus 166 ). 

152 ) Höfler Organotherapie 124. 253; G. Wilke 
Religion d. Indogermanen 1923, 42 f. 153 ) v. 
Duhn im ARw. 12, 167; Helm Religgesch. 1, 
205; Naumann Gemeinschaftskultur 50; Wier 
im Theatrum de veneficiis 2 (1586). 35; Otto 
Tobler Epiphanie d. Seele 28 ff. 31 N. 1. 2; 32; 
Knortz Streifzüge 111; Gubernatis Tiere 534; 
E. Lemke Asphodelos 1914, n8ff.; Lavater 


in Theatrum de venefciis 1586, 145; Wuttke 
123 § 162; Rochholz Sagen 2, 44; (antik) Pli- 
nius 7, 174; Rohde Kl. Sehr. 2, 22; Chante- 
pie de la Saussaye 2, 298. 364; Rochholz 
Glaube 1867, 156 — Lemke Asphodelos 119; 
Schwebel Tod u. ewiges Leben 124; Albertus 
Magnus Werke (ed. Jammy) 6, 261 = J. 
Sighart Alb. Magnus 1857, 352; Ranke Volks¬ 
sagen 24; Bacher Lusern 67; (Schweiz) Meyer 
Abergl. 366; Stemplinger Abergl. 59; SAVk. 
20, 54 f.; Bohnenberger 1,98; Schwä¬ 

bische Sagen 1926, 34; Künzig Schwarzwald¬ 
sagen 54; Schöppner Sagen 3, 225 f.; Herrlein 
Spessart 1906, 177; (Steiermark) ZfVk. 7, 195; 
Lemke Asphodelos 1914, 199; Schönwerth 
Oberpfalz 2, 343; 3, 107. 114. 115. 117. 118. 
120. 156. 169; Jungbauer Böhmerwald 162; 
98 f.; Heinr. Gradl Sagenbuch der Egergaues 
1892, 66; Langer DVöB. 11, 165 Nr 399 (12, 
184); Meiche Sagen 486; Fr. Sieber Säch¬ 
sische Sagen 1926, 290. 297 t.; Handtmann 
Brandenburg 10 = Lemke Asphodelos 120; 
Grässe Preußen 2, 655; P. Zaunert Hessen- 
Nassauische Sagen 53; Firmenich 1, 301; 
Schell Berg. Sagen 514 = ZfVk. 15, 2( ?); P. 
Zaunert Westfäl. Sagen 278; de Cock Volks¬ 
geloof 1, m; Strackerjan 2, 164; Fr. Meyer 
Schleswig-Holsteiner Sagen 244; Müllenhoff 
Sagen 195 Anm.; Jahn Volkssagen 333. 345 L; 
Ders. Hexenwesen 8f.; Arndt Märchen u. 
Jugenderinnerungen 6, 31. 105; Knoop Posen 
121; Meyer Germ. Myth. 63; Grohmann Nr. 
1369; Rolland Faune 2, 117; Sebillot Folk- 
Lore 2,43. 63 ( 357 )- 443 »' 3 # 209 f- 211. Vgl. 
Bayr. Hefte 1, 122 {.; Mühlau in Beiträge z. 
rom. u. germ. Philologie, dem 10. dtsch. Neu- 
philologentage überreicht, Breslau 1902, 80. 

Hierher gehört wohl auch die „schwarze 
Taube“: Künzig Schwarzwaldsagen 1930, 182 f., 
ein glühender R.: Schell Sagen 1922, 162 Nr. 
474. 153a ) oben 3, 517; Müllenhoff-Men - 

sing 204 ff. 535. 154 ) Kelle speculum 

ecclesiae 176; Hrabanus Maurus de universo 
1 . VIII c. 6 — Migne PL. m, 252 C; Meiche 
Sagen 550; Jungbauer Böhmerwald 98 ff.; 
Jahn Volkssagen 178 t.; P. Zaunert Dtsch. 
Märchen seit Grimm 1 (1912), 244. Aber in West¬ 
falen erscheint ein Gebannter als weißer R.: 
Josef Winckler Pumpernickel 1926, 105. 

155 ) de Cock Volksgeloof 1, m. 156 ) Grimm 
KHM. Nr. 6 (107?); Schönwerth Oberpfalz 
3, 272; Wolf Beitr. 2, 81. 428; Kreutzwald 
Estnische Märchen 2 (1881), 42; (Walther 
Aichele Zigeunermärchen 1926, 50; Genzmer 
Edda 1, 123); vgl. Handwörterbuch „Märchen“. 
i 56 a) Rasmussen Grönlandsagen 1922, 64. 

157 ) Wolf Beitr. 1, 253. 158 ) Grimm Sagen 

Nr. 23; Ders. Myth. 2, 801; Pröhle Dtsch. 
Sagen 1867, 258. 261. 268; Wilh. Ernst Tenzel 
Monatl. Unterredungen 1689, 7190.; Wolf 

Beitr. 2, 69; Simrock Mythologie 148; Quitz¬ 
mann Baiwaren 32 f. 49; Rochholz Sagen 
1, 33 1 »' J* Häußner Die dtsch. Kaiser sage 
1882, 44 f.; E. Lemke Asphodelos 1914, 116; 
Keller Tierwelt 2, 105. 159 ) Frei sau ff Salz- 



443 


Rabe 


Rabe 


446 


444 


bürg 6 . 8. 9 (abhängig von Rückerts „Der alte 
Barbarossa“ ?); Quitzmann 32 f. 244; Verna- 
leken Alpensagen 61; Heinr. Gradl Sagenbuch 
d. Egergaues 1892, 2f.; Sebillot Folk-Lore 
2, 69. 159 a) Peuckert Schles. Volkskd. 1928, 119; 
Ders. Schlesien 281 f.; Kühnau Sagen 3, 634 f. 
63 7 f* 16 °) Herzog Schweizersagen 2, 81; Boh¬ 
nenberger 1, 92; Meier Schwaben 150; Kapff 
Schwäb. Sagen 1926, 11; Kießling Frau Saga 
im nieder Österreich. Waldviertel 1924, 88; Ger¬ 
mania 27, 368 t. (Meiche Sagen 93); Scham¬ 
bach-Müller 68 ff. 345; P. Zaunert Hessen- 
Nassauische Sagen 1929, 10; Wucke Werra 
1891, 162; Grässe Preußen 2, 1058 f.; 

Strackerjan 1, 312; Lemke Asphodelos 1914, 
115; Wolf Beitr. 1, 26; Liebrecht Zur Volksk. 


353; Germania 27, 119; Laistner Sphinx 2, 
222. 250; Meyer Germ. Myth. 240; Keller 
Tierwelt 2, 105; vgl. Nachw. 149 a. b. 161 ) 
Rochholz Sagen 1, 227 f.; 2, 44 f. 162 ) E. 
Kunick Heimatbuch d. Kreises Landeshut 1 
(1929), 326 f. 163 ) Grässe Preußen 2, 479; 
Jahn Volkssagen 178 f. 164 ) (Im Rabenstein 
Krs. Landeshut Schles.:) E. Kunick Heimat¬ 
buch d. Kreises Landeshut 1 (1929), 313 f. = 
Kühnau Sagen 3, 630 f.; Aus unserer Heimat, 
Beil. z. Anzeiger f. Bd. Carlsruhe OS. 1924, 
26; Willibald Müller Beiträge z. Vk. der 
Deutschen in Mähren 1893, 152; MnböhmExk. 

L 92 f.; Jos. Kern Sagen d. Leitmeritzer Gaues 
1922, 28 f.; Birlinger Volksthüml. 1, 85. 185 ) 

Zaunert Rheinland 2, 222; Wolf Sagen 35 f.; 
Oers. Beitr. 2, 248. 166 ) Wolf Dtsch. Märchen 

und Sagen 514 f.; Nachw. 134. 

6 . Der R. weisend und ratend. 
Als wissendes Tier (s. §2), das selbst den 
Weg zum Lebenswasser kennt 167 ), ver¬ 
mag der R. seefahrenden Helden 168 ) 
wie wandernden Heeren 169 ) oder Stäm¬ 
men 17 °) den Weg zu weisen. Er zeigt die 
hl. Bäume an 171 ). Besonders in Grün¬ 


dungslegenden (s. weisendes Tier) ist oft 
von ihm die Rede 172 ), und damit wird er 
namengebend 173 ). Hierher mag auch der 
Umstand gerechnet werden, daß R.n 
Mörder verraten und weisen 174 ). Das 
kluge Tier erscheint auch warnend (Unter¬ 
gang) 175 ) und ratend (Eßt Krane¬ 
witt . . .) 17 «). 


167 ) HWb. Märchen s. v.; vgl. etwa Löwis 
of Menar Russ. Volksmärchen 313; Ders. 
Finnisch-estnische Volksmärchen 1922, 16; v. 
Taube Russische Märchen 90; Knortz Streif¬ 
züge in f.; W. Krickeberg Indianer märchen 
aus Nordamerika 1924, 208; vgl. Höfler Or¬ 
ganotherapie 124: R. weist Seelenland. 168 ) 
Grimm Myth. 2, 559; Siinrock Mythologie 
522; ARw. 12, 168; Chantepie de la Saus- 
saye 2, 584; Nachw. 99. 100; Keller Tier¬ 
welt 2, 181; Neckel Balder 206; WS. 14, 35 t. 
169 ) Pauly-Wissowa 11, 1, 22; ARw. 12, 168; 


Plutarch Alexander 27, 2 = Panzer Beitr. 
2, 406; ZfdA. 22, 15; Neckel Balder 206; WS. 
14 » 35 f- 170 ) ZfVk. 22, 15; Keller Tierwelt 2, 
101 f.; Grimm Myth. 2, 954; Panzer Beitrag 2, 
4 ° 7 ff-; Stoeber Elsaß 1852, 178f. A71 ) Panzer 
Beitr. 2, 4 nf.; ZfdA. 22,15; Keller Tierwelt 
2, 102; Pausanias 9, 3, 1 ff. A72 ) ZfdA. 22, 15; 
Wolf Beitr. 1, 26. 31 f.; Heyl Tirol 562 Nr. 15; 
Zingerle Sagen 14 f.; Künzig Baden 113; 
Ders. Schwarzwaldsagen 227; Jungbauer 
Böhmerwald 155; Panzer Beitrag 1,49 t. 104; 
2, 172. 192 f. 413. 414; Schöppner Sagen 
3 » I 5 ®» P* Zaunert Hessen-Nassauische Sagen 
1929, 40; Oberschlesien 4. 193; Die Grafschaft 
Glatz 5, 136; Alfr. Karasek-Langer u. Elfr. 
Strzygowski Sagen d. Beskidendeutschen 1930, 
188; Elfriede Strzygowski u. Karasek 
Ostschles. Sagen ~ Viktor Kau ders Ostschles. 
Heimatshefte 3,3; Müllenhoff Sagen 113 
Nr. 140 = Müllenhoff-Mensing 119; Fr. 
Meyer Schleswig-Holsteiner Sagen 1929, 97; 
Grässe Preußen 2, 1062; Lemke Asphodelos 
125 t.; W. Keller Tessiner Sagen 1930. 12 ff.; 
Karl Scheyen Skouluk-Andaras Berichte aus 
Lappland 1923, 94; vgl. auch Reginald Vita 
S. Oswaldi. 173 ) (Rabishau) Joh. E. Berge- 
mann Flinsberg u. seine Heil-Quellen 1827, 
226; BIPommVk. 3, 52t. A74 ) R. Cysat 69! 

Wackernagel Epea 15 t.; Meier Schwaben 
328; Vernaleken Alpensagen 25 (300); Ed. 
Osenbrüggen Raben d. hl. Meinrad 1861; 
Schwebel Tod u. ewiges Leben 124; Roch¬ 
holz Sagen i, 331; 2, 44 f.; Ders. Glaube 

1, 156; Heyl Tirol 785 Nr. 128; Vonbun 
Beitrag 108 f.; Herzog Schweizer sagen 1, 108 f.; 
SAVk. 22,189; Lemke Asphodelos 124 f.; 
Erk-Böhme 1, 160; Sebillot Folk-Lore 3, 
212; Jos. Brock Hygins Fabeln 1923, XIV. 
175 ) ZfdMyth. 2, 109 f.; Herrlein Sagen d. 
Spessart 1906, 198 ff. = Wolf Beitr. 2, 28 f. = 
Schöppner Sagen 2,295; Johann Schober 
Sagen d. Spessarts 1912, 230 f.; Kruspe Erfurt 

2, 30; Henne am Rhyn Dtsch. Volkssage 
(1879), 135; Lehmann-FilhSs 2, 7 f. A78 ) Ei¬ 
sei Voigtland 147; Meiche Sagen 599; Fr. 

. Sieber Sächs. Sagen 1926, 97. 

7. Beauftragte .Gottes. 1191 ver¬ 
brennen höllische Geister in R.ngestalt 
nach Gottes Willen die Stadt Mügeln 176a ). 
Daß R.n heilige Männer speisen, wurde 
vorhin bereits erwähnt 103 ), und wenn 
der böse Geist in R.ngestalt erscheint, 
so wird man auch dafür den Willen Gottes 
annehmen dürfen 134 ). 

176a ) Meiche Sagen 636h; Freudenthal 
Feuer 1931, 359. 

8. Angang und Vorbedeutung. Als 
Zukunft wissender Vogel galt der R. der 
Antike so gut wie Germanen 177 ), Sla- 
ven 178 ), Babyloniern 179 ), Juden 18 °), Ara¬ 
bern 180 ) und Mongolen 180a ), und er war 


445 

darum wohl ein Orakelvogel 181 ), aber in 
Frankreich 182 ), Ostasien wie Afrika 183 ) 
von übler Vorbedeutung. Schon der Ge¬ 
nuß seines Herzens verleiht prophetische 
Kräfte 184 ). In Rom 185 ), wo Augustus es 
als Augurium, als Adler R.n schlugen 185a ), 
ansah, beachtete man vor allem seine Stim¬ 
me 186 ), darnach den Flug, der von rechts 
her günstig, von links ungünstig war 187 ), 
was in die Mantik der Deutschen 188 ), Is¬ 
länder 1883 ) wie Magyaren 189 ) und Tsche¬ 
che^ ?) 190 ) überging. Erscheinen in 
Scharen galt stets als übel (s. u.), be¬ 
sonders damals, als sie das Bild der Athene 
zerhackten 191 ). Der römische Glaube 
ward von ma.liehen Autoren zu uns ge¬ 
bracht 192 ), aber es hat gewiß dessen nicht 
bedurft; der R. war auch den Germanen 
als Losvogel 193 ). 

Der R. galt im Norden als guter An¬ 
gang für Krieger und Krieg 194 ). Im Deut¬ 
schen deuten R.nscharen, -kriege auf 
Krieg 195 ), in der Antike auf Nieder¬ 
lagen 196 ). Wenn R.n mit blutigen Schnä¬ 
beln erschienen, nahmen die Sibirier das 
vor einem Kriegszug als böses Vor¬ 
zeichen 196a ). Wenn R.n eine lange Zeit zu¬ 
sammenkrächzen, bedeutet das Krieg 196b ). 
Ebenso zeigen R.nscharen über einer Stadt 
Seuchen und Pestilenz 197 ), Feuer 197a ), 
endlich auch Teuerung an 198 ). Dem 
Jäger bedeutet sein Schrei (Kärnten um 
1600) Glück. Heut hat sein Angang 
üble Vorbedeutung 1983 ). Das Erscheinen 
von R.n (in der Nähe des Hauses) 199 ), 
gar in Scharen 200 ), R.ngeschrei 201 ) (am 
Neujahrstage) 202 ), in der Frühe 203 ) be¬ 
deutet allgemein Unglück. R.n überm 
Haus schaffen Zank und Streit 204 ); er¬ 
scheinen sie bei der Saat, gedeiht das 
Getreide nicht 205 ), fliegen drei übers 
Haus, verdirbt etwas 206 ), sitzen sie auf 
dem Dach, wird jemand krank 207 ). 

,,DerR. hat Macht über Leben und Tod. 
Von ihm geht eine Kraft aus, die den 
Tod des Feindes bewirkt; wie auch Wal- 
kyrie (s. § 4) und R. innerlich verwandt 
erscheinen“ 2073 ). R.nschrei 208 ), das Er¬ 
scheinen in Scharen 209 ), ihr Flug über 
einen Menschen weg 21 °), über den gepfla¬ 
sterten Weg am Hause hin 215a ). Schreien 
.an und überm Hause, im Gehöft 2n ), 


über dem Dorf 212 ), der Kirche 213 ) gilt 
als Todesvorzeichen. Besonders, wenn 
sich R.n (krächzend) auf dem Hause 
zeigen, in dem ein Kranker liegt 214 ), 
wenn einer ans Fenster klopft 215 ), an ihm 
krächzt 215a ), schreiend den Schwanz gegen 
das Haus dreht 216 ). Fliegt ein R. übers 
Haus, stirbt ein weibliches, zwei, ein 
männliches Familienmitglied 217 ). R.n auf 
dem First der Kirche oder dem Tür¬ 
pfosten, den Schwanz wendend, mit ge¬ 
sträubten Federn, krächzend, den Schna¬ 
bel aufsperrend, das bedeutet den Tod 
vornehmer Leute der Gegend 2173 ). R.n 
in einer Reihe deuten das Gefolge beim 
Begräbnis an 218 ); sie reden über den 
Tod eines Menschen, der in der Richtung 
wohnt, in die sie fliegen 2183 ). Sitzen 
sie (in Island) auf dem Hofhügel und 
abwechselnd auf dem Türpfosten, lassen 
sie ein langes Krächzen hören, so bedeutet 
es den Tod von Leuten aus dem Volk 
oder Bekannten 215a ). Im Schwarzwald 
heißt es, daß jeder, der durch den Bellen- 
wald gehe und einen R.n oder eine Elster 
schreien höre, bald sterben müsse 219 ). 
Als Melanchthon drei R.n auf dem Felde 
einen Siegestanz aufführen sah, nahm er 
das als Todesvorzeichen 220 ). Eines R.n 
Schrei sagt Gunnar den Tod der Gju- 
kungar an 220a ); und aus eines R.n 
Rede versteht ein Bischof, daß der Tod 
einen Mann gerufen habe, der im Fluß 
ertrinken soll (,,die Stunde ist da und 
der Mensch noch nicht“) 220b ). In der 
Bretagne gilt es als Todeszeichen, wenn 
R.n lange an einem Orte krächzen oder 
um ein Haus herumpicken 221 ). Den tod¬ 
verkündenden R.n kannte man bereits 
im Altertum 222 ). Vor allem galt er dem 
Hause Habsburg als Unglücksbote 223 ). 
Zuweilen wird das Vorzeichen recht eng 
gefaßt. Wenn R.n dreimal um den Schorn¬ 
stein fliegen und drauf häufeln 224 ), wenn 
man einen R.n in den Internächten vom 
Bett aus hört, stirbt man 225 ). Als tod¬ 
anzeigend gilt ferner dem Besitzer, wenn 
der R. im Obstbaum nistet 226 ), aber auch, 
wenn er die gewohnte Niststätte am Haus 
meidet (er riecht den Toten) 227 ), wenn er 
keine Abfälle vom geschlachteten Schwein 
1 holt 228 ). In Island sagt man: Wenn er 


447 


Rabe 


448 


auf dem Dach unruhig hin und her 
hüpft, hinkt, aufwärts krächzt usw., 
ist ein Mensch in Seegefahr 228a ). In 
Frankreich hat jedes Haus zwei Raben, 
welche den Hausleuten Leben oder Tod 
Voraussagen (s. o. und Krähe) 22d ). 
Sein Schrei kann auch den Tod eines 
Viehes vorbedeuten 230 ). Schreit er des 
Nachts auf dem Friedhof, ist der Jüngst- 
verstorbene noch lebendig 231 ). Ziehen 
R.n über einen Leichenzug, so ist der 
Tote unselig gestorben 231a ). 

Um das Unglück, das er anzeigt, abzu¬ 
wenden, spuckt man dreimal auf die 
Erde 232 ), braucht man einen Segen 232a ). 

Von R.n träumen, bringt Verlust (ma¬ 
gyarisch) 233 ), sonst Feindschaft, Kummer, 
Todesfall usw. 234 ). 

Am Rhein 235 ), Lechrain 236 ), um Lands¬ 
hut 237 ) bedeutet sein Erscheinen Glück, 
wie (aber selten) schon unter besonderen 
Umständen bei den Alten 238 ). Im Kanton 
Freiburg 23 ») zeigt er die Geburt eines 
Kindes, in Albanien 24 °) eines Knaben 
an. Der Isländer hält den Angang 
rechts, wenn er vor einem herfliegt, für 
günstig, entgegen oder in der Luft über 
einem, für ungünstig 2403 ). Den Arabern 
galt er, paarweis fliegend, als glückbedeu¬ 
tend " 41 ), sonst als Vogel der Trennung 
Liebender, also Unglück anzeigend 242 ). 

l ”) Helgakvida Hundingsbana 1,5; Sigur- 
aarkvidu 7 = Genzmer Edda 1, 154 35 - 
Lehmann-Filhes 2, 8. 9 f.; ZfVk. 23, 3 86 : 
(Montanus Volksfeste 172); Wuttke 201 f.; 
vgl. Josef Brock Hygins Fabeln 1923, XIV. 
178 ) Hanusch Wissenschaft d. slav. Mythus 
1842 3i 9 ; Globus 79, 383; Liebrecht Zur 
Volkskd. 41; Hovorka-Kronfeld 1 355- 

(Ungarn:) ARw. 2,334. l79 ) ZfVk. 23,387! 

Jeremias Alte Testament im Lichte d alt 
Orients 800. ™) ZfVk. 3, 32; 23, 386; Schef- 
telowitz Alt-Palästinensischer Bauernglaube 
1925. * 4 °; Taufik Canaan Dämonenglaube 
im Lande d. Bibel 1929, 15; Reinisch Soma- 

253. 180a ) HenningHaslund- 
Christensen Jabonah 1933, 299 f. 220 f. 261. 
m ) Strackerjan 2, 164 Nr. 394; Waibel u. 
Flamm 1, 297L; MsäVk. 7, 112; vgl. auch 
Grimm KHM. Nr. 61. »*) Sebillot Folk- 

Lore 3, 193; Rolland Faune 2, 116; Andree 
Parallelen 1, 12 f.; ZfVk. 23, 387. In Toulouse 
lautet im 17. Jh. eine Beichtfrage: Aurais- 
^ con sulte cor üeau ou la pie: Melusine 1, 528. 
183 ) Ebd.; Hopf Tierorakel 114. 18 «) Keller 

Tierwelt 2, 102; Lemke Asphodelos 127. lg 5 ) 
Pauly-\\ issowa 11, i, 21 f., besonders Ael- 


ian 1,48; Hör. carm. III 27,3. 185 a) Sueton 
Augustus c. 96. 188 ) Hopf Tierorakel 18; ZfVk. 
3 . 32 ; 23, 386; vgl. ZföVk. 10 (1904), 51; Keller 
Tierw ; 2,96. 97 - 187 ) Hopf 111; Staehlin 

Mantik 189. 190; (Böhmen:) Andree Parallelen 
1,12. 188 ) Wuttke 201 §234; Wolf Beitr. 

2,428; Curtze Waldeck 408 Nr. 186; SAVk. 
23, 206; (Noel Chomel) Oeconomisch-Physical 
Lexikon 8 (1753), 7 f. * 88a ) Lehmann-Fil¬ 
hes 2, 9. 18# ) Wlislocki Volksglaube u. rel 

Brauch 1893, 75. i*>) Grohmann 65. 

Pausanias 10, 15, 3 = Panzer Beitr. 2, 4 o6f 
19Ä ) etwaHopf 30. 31; Agrippa v.Nettes- 
heim 1, 246. m ) Reginsmäl = Genzmer 
Edda 1, 130 = oben 1, 410; Grimm Myth. 

2,940; 2, 931L; 3,193; Neckel Walhall 79- 
(russisch:) Mansikka in FFC. 43, 105; (spa¬ 
nisch:) Breslauer Ztg. vom 10. 4. 1844 S. 729; 
E. Lemke Asphodelos 1914, 118 nach Saxo; 
dagegen Grimm Myth. 2, 946; Hopf 113’ 

196 ) Wolf Beitr. 2, 428 = Meier Schwaben 
219# P. Walther Schwäbische Volksk . 1929 
93 ; Brnd. 24, 163; C. Heßler Hessen 453J 
Kuhn Märk. Sagen 254 = E. Lemke Asphodelos 
1914* Meiche Sagen 617 f.; Wuttke 

201 § 274; Hovorka-Kronfeld 1,354; vgl. 
E. Diederichs Deutsche Vergangenheit in 
Bildern 1, 245; Nostradamus Cent. III 
Quatr. 7; J. Piprek Polnische Volksmärchen 
1918, 200; Freudenthal Feuer 1931, 360. 396 ) 
Keller Tierwelt 2,97; Hopf Ulf.;' vgl. 
ebd. 39. 42. 114. So auch Wolf Dtsch. Märchen 
u. Sagen 503. 196a ) Radloff Proben d. Volks- 
literatur 1, 236. * 98 b) Heßler Hessen 2, 45^ 

187 ) Wolf Beitr. 1, 253; Paracelsus Bücher 
u. Schnfften 9 (1589), 96; Sebillot Folk-Lore 
3, 194 - 197a ) Meiche Sagen 627 f. 636 f.; Freu¬ 
denthal Feuer 1931, 359. i» 8 ) Lütolf Sagen 

356. 198a ) Alpenburg Alpensagen 54; (Ost¬ 

preußen) Urquell 1,65; vgl. Lehmann-Filhes 
2,8. 10 f. 1«») Meyer Abergl. 136; Henne am 
Rhyn Dtsch. Volkssage (1879), 135; Mitt. an- 
thropol. Ges. Wien 6, 36; Alpenburg Tirol 
386; Zf d Myth. 1,238. 406; SAVk. 23,206; 
Höhn Tod 7, 325; Schramek Böhmerwald 244; 
Langer DVöB. 11, 165 N. 1; Curtze Waldeck 
408 Nr. 187; (Romintner Heide:) NdZfVk. 
8, 5 ®» Haltrich Siebenbürger Sachsen 293; 
Urquell 1,46 (Wuttke 201 § 274); Bayr- 
Hefte 1, 247 — Shakespeare Viel Lärmen 
um nichts II 3; Krankheit: SAVk. 2,219; 
tschechisch: Grohmann 65; vgl. (Indianer) 
ZfVk. 23, 387. 200) Zingerle Tirol 86 Nr. 730* 
(Kärnten): ZfdMyth. 3,29 Nr. 4; Hovorka- 
Kronfeld 1,354; ZföVk. 3,11; Andree 
Parallelen 1,12. 201) Klapp ^Deutsches Volkstum 
am Ausgang d. Mittelalters 1930, 25. 202 ) He߬ 
ler Hessen 2, 361; Meyer Baden 578. 203 ) Bayr- 
Hefte 1,228 (Tirol); vgl. Frobenius Atlantis 
1 (1921), 114; dagegen Quit zmann Baiwaren 
33 - 204 ) Rothenbach Bern 39 Nr. 338; 

Lachmann Überlingen 394; Schönwerth 
Oberpfalz 3,274; Grohmann 65; Wuttke 
201 §274. 205) (Vogtland): Ebd. §274. 206) 

Rothenbach Bern 39 Nr. 339; vgl. Sebillot 



Folk-Lore 3,193. 207 ) SAVk. 2,219; Manz Kronfeld 1, 354; ZfdMyth. 3,312; Rocken- 

Sargans 119; Sebillot Folk-Lore 3, 193; Wlis- philosophie 1 (1706), 220; Psychische Studien 

locki Volksglaube 1893, 75 - 207a ) Neckel 44, 573 f.; Manz Sargans 119; SAVk. 2,217; 

Walhall 79 f. 208) F ranz Hik .de Jawor 157 7,139; 8,274; Höhn Tod 7,307; 

Nr. 1 nach Hasak Christi. Glaube d. dtsch. Alemannia 33,301; Meyer Baden 578; Lach- 

Volkes beim Schluß d. Spätmittelalters 1868, mann Überlingen 394; Reiser Allgäu 2,437; 

47: Spiegel d. Sünders um 1470; DWb. 8, 5; Lammert 99. 100; Panzer Beitrag 2, 293; 

Ackermann Shakespeare 73; Herrn. Koepcke Witzschel Thüringen 1,256 Nr. 40; John Erz- 

Joh.Gailer von Kaisersberg. Bresl. Phil. Diss. 1917* gebirge 113; Grimm Myth. 3, 438 Nr. 120; 

8; ZfdPhil. 16, 189; ZfVk. 23, 9. 125; Henne MsäVk. 7, 112; Dähnhardt Volkstüml. 1, 98Nr. 

am Rhyn Dtsch. Volkssagen (1879), 135; 17; (isländ.:) ZfVk. 8, 290 und Lehmann- 

ER Francisci Höllischer Proteus 1732, 1005; Filhes 2,251; vgl. ferner ZfVk. 2, 181; 23, 

Rothenbach Bern 44 Nr. 401; Alemannia 387; Wlislocki Aus d. inneren Leben d. Zi- 

4, 271 ff.; Heer Altglarn. Heidentum 22; Wal- geuner 1892, 127 f.; Buch Wotjäken 164 f. 

liser Sagen 1, 204; Meyer Baden 578; Quitz- 215 ) Thomas Deloney Tage d. alten England 

mann Baiwaren 244; Hartmann Dachau u. 1928, 196; ZrwVk. 5, 120; SAVk. 8, 273; Schw- 

Bruck 221 Nr. 72; Köhler Voigtland 388; Vk. 15, 28; Globus 59, 380 (Lothringen); Ro- 

Heßler Hessen 2,361; Kuhn Westfalen 2,50; gasener Farn. Bl. 2 (1898), 48; R. als Über- 

ZfrwVk. 1908, 120; 1914, 262; BIPommVk. bringer der Todesbotschaft: Schade Ursula 71. 

5 » 59 ; (lettisch:) Andree Parallelen 1, 12; 215a ) Lehmann-Filhes 2, 10. 216 ) SAVk. 8, 

Felix Chapiseau Le Folklore de la Beauce et 273; ähnlich (Island) Lehmann-Filhes 2, 9 f. 

du Perche 2 (1902), 162; Sebillot Folk-Lore 217 ) Gaßner Mettersdorf 79. 217a ) Lehmann- 

3,195; (griech. u. neugriech.:) ARw 24, 282; Filhes 2, 9 f. 218 ) Heer Altglarn. Heidentum 

Canaan Dämonenglaube im Lande d. Bibel 22; Rochholz Glaube 1, 156; P. Walther 

1929, 15. 209 ) Albertus Magnus Werke (ed. Schwäbische Volksk. 1929, 93; ZfVk. 15, 7; 

Jammy) 6, 261 = J. Sighart Albertus M. Schwebel Tod u. ewiges Leben 124; Lemke 

352 = Lammert 100; Hopf 113; SAVk. Asphodelos 120; Hovorka-Kronfeld 1,354; 

15,11. 21 °) Höhn Tod 307; Birlinger Volksth. vgl. Höhn Tod 7, 307; Reichhardt Geburt 

1, 123; (dtsch-böhm.:) Grohmann 65; Wolf Hochzeit und Tod 1913, 121. 218a ) Lehmann* 

Beitr. 2,428; Heckscher 349; BIPommVk. Filhes 2, 10 f. 219 ) Hoffmann Ortenau 

5 » 59 (über Haus, in dem Kranker); Hovor- 126 f. 22 °) Klingner Luther 94 N. 4 nach 

ka-Kronfeld i, 354; Fogel Pennsylvania Hartfelder in Hist. Taschenbuch 6. F. 8, 

119 Nr. 534; Wuttke 201; Knortz Streif- 257. 220a ) R. C. Boer Untersuchungen über 

Züge 109 f.; (Indianer:) ZfVk. 23, 387. 2n ) d. Ursprung ... d. Nibelungensage 1 (1906), 

Keller Tierwelt 2, 97 f.; Wolf Beitr. 2, 28 f. 12 f. 220b ) Lehmann-Filhes 2, 8 f. 221 ) 

428; Reichhardt Geburt , Hochzeit und Tod Beiträge z. rom. u. engl. Philologie Breslau 

3913,121; Heckscher 350; Rockenphilosophie 1902, 79. 222 ) Keller Tierwelt 2, 97; Hopf 

3 (1706) A. 220; Alte Weiber Philosophey: Zfd- Tierorakel m; ARw. 24, 282; MA.: Zingerle 

Myth. 3, 312 Nr. 39; Alemannia 19, 166 Nr. 33; Tirol 288 Vers 7885; vgl. (lettisch:) Hopf 39. 

24, 154; SAVk. 26, 196; Manz Sargans 122; 223 ) Zentralbl. f. Okkultismus 8, 294; 11, 88. 

Höhn Tod 307. 316; P. Walther Schwäbische 224 ) SchwVk. 10,32. 225 ) John Erzgebirge 114. 

Volksk. 1929, 93. 124; Birlinger Volksth. 1, 226 ) Höhn Tod 7, 307; Rud. Reichhardt 

123; Zingerle Tirol 45 Nr. 388; 86 Nr. 727; Geburt , Hochzeit u. Tod 1913, 121. 227 ) Urquell 

Panzer Beitrag 2, 293; John Erzgebirge 113; 2, 91; Waibel u. Flamm 2, 222 f. 228 ) Meyer 

(Anhalt) ZfVk. 32, 149; Witzschel 2, 256; Baden 578; vgl. Krähe. 228a ) Lehmann- 

Kuhn u. Schwartz 452; Fr. Meyer Schles - Filhes 2, 10. 229 ) Sebillot Folk-Lore 3, 193 - 

wig-Holst. Sagen 1929, 233; Knorrn Pommern 23 °) Rothenbach Bern 39 Nr. 337; Fient 

119 Nr. 52; Knoop Tierwelt 38 Nr. 330; Fest- Praettigau 248; Manz Sargans 119; Zin- 

schrift für H. Lemke 1898, 228; W'uttke 201; gerle Tirol 86 Nr. 729 = Hovorka-Kron- 

Wolf Beitr. 2, 428; Fogel Pennsylvania 160 feld 1,354. 231 ) Zingerle Tirol 86 f. Nr. 731. 

Nr. 756; (Island:) Lehmann-Filhes 2, 251 23ia ) (Schwed. Finnland:) Landtman Folk- 

und ZfVk. 8, 291; (schwed. Finnland:) Landt - diktning 195. 232 ) MschlesVk. H. 19, 90 = 

man Folkdiktning 191. Ein Rabe: Tod eines Drechsler 2, 229!. 232a ) Mansikka 41. 233 ) 

weiblichen, zwei, eines männlichen Bewoh- Wlislocki Volks gl. d. Magyaren 75. 234 ) Gro- 

ners: Gaßner Mettersdorf 79. Einmaliges ßes Traumbuch, Universal-Verlag Berlin 107 f. 

Krächzen: Krankheit, dreimaliges: Tod = 235 ) ZfrwVk. 1914, 262. 236 ) Leoprechting 

Manz Sargans 119; auf Dachfirst sitzen: Lechrain 81. 89. 237 ) Polling er Landshut 

Krankheit = SAVk. 2, 219; Südslav.: ZfVk. 167. 238 ) Hopf Tierorakel 112. 239 ) Roch- 

2,181; Böhmen (?): Andree Parallelen 1,12; holz Sagen 1, 331 = Kohlrusch 156. 24 °) 

wendisch: Schulenburg Volkssagen 261; v. Hahn Albanesische Studien 1854, 158 == 

franz.: Sebillot Folk-Lore 3, 193. 196. 212 ) Hopf 39 = Andree Parallelen 1, 12. 240a ) 

Höhn Tod 7, 307; Haltrich Siebenb. Sachsen Lehmann-Filhes 2, 9. 241 ) Rolland Faune 

293. 213 ) (Isld.) ZfVk. 8, 290; Lehmann-Fil- 2,117; Schade Ursula 71; Hovorka-Kron- 

hes 2, 9 f. 214 ) Grimm Myth. 2, 950; Wuttke feld 1,3551 Hopf Tierorakel 114; vgl. ZfVk. 

201 §274; ZfVk. 12, 11; 23, 386 {.; Hovorka- 3,32; 23,386. 242 ) Enno Littmann Die Er- 

Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube VII 15 






45 i 


Rabe 


Rabe 


454 



Zählungen aus den tausend u. ein Nächten 3 

(1925), 432 . 

9. Als Wetterkündiger. Walpurgis 
muß das Korn so hoch sein, daß sich 
ein R. in ihm verstecken kann 243 ). (Gluch- 
zender, schnorrender) R.nschrei 243a ), 
anhaltendes Krächzen 243b ) oder ein 
Krächzen im schnellen Tempo, von 
heftigem Flügelschlag begleitet 243c ) und 
auffälliges Benehmen 244 ) zeigt Regen an. 
In Krannon (Thessalien) wurde beim 
Regenzauber ein Wagen mit Nachbildun¬ 
gen von R.n umgeführt 245 ). Schön wird 
es, wenn sie sich in Scharen sammeln 246 ), 
in der Luft spielen 247 ), an den Nistplätzen 
lustig lärmen 248 ), gegen Abend mit heller 
Stimme rufen 249 ), dem Mäher früh als 
erster Vogel begegnen 25 °), windig, wenn 
sie lange nacheinander schreien 250a ); reg¬ 
nerisch, wenn sie eher als gewöhnlich 
erwachen und lauter schreien 25ob ). Bear¬ 
beiten sie im Herbst mit dem Schnabel den 
Acker 251 ), schreien sie im Winter 252 ), , 
gibt's Schnee. Sitzen sie gern im Winter 
in den Spitzen der Bäume, kommt starker 
Frost (Romintener Heide) 253 ). Im Früh¬ 
jahr bringen sie Kälte 254 ); ziehen sie 
winters nach Süden, gibt es ein spätes 
Frühjahr 255 ). Wenn sie das Vesperbrot 
stehlen, kommt Teuerung 256 ). Von der 
Seite, auf welcher der Eingang zum Nest 
ist, kommen dies Jahr die Unwetter 257 ). 
Ein R. zur See bedeutet Glück, zwei 
Sturm, drei den Tod 258 ) (s. o. und Krähe). 

243 ) Heßler Hessen 2, 112; (Nordthüringen) 
ZfVk. 10, 213; vgl. Krähe. 243 a) j üd . ; 

Psalm 147, 9; Hiob 38, 41; Dähnhardt 
1. 241 f.; Pauly-Wissowa 11, 1, 21; Keller 
Tierwelt 2, 98. 99; (Italien) Dähnhardt Na¬ 
tursagen 3, 322; (Noel Chomel) Oeconomisch - 
Physical. Lexikon 8 (1753), 6f.; Rosegger 
Älpler 142; Fogel Pennsylvania 237 Nr. 
1223. 1226; vgl. ZfdMyth. 3, 29 Nr. 4; oben 
2 - 243b ) Joh. Heß Luxemburger Volkskunde 

1929, 143; Nederl. Tijdschr. v. Vk. 1928, 152- 
153 - 243c ) Nederl. Tijdschr. v. Vk. 1928, 92. 

244 ) Eberhardt Landwirtschaft 8; SAVk. 12, 
150; Wlislocki Volksglaube d. Magyaren 1893, 
75; Sebillot Folk-Lore 3, 202; Baden: Rol¬ 
land Faune 2, 110. m; vgl. auch Sebillot 

1, 99. 245 ) Keller Tierwelt 2, 99; v. Duhn 

im ARw. 12, 168. 246 ) Bartsch Mecklenburg 

2, 208 Nr 1014; doch Keller Tierwelt 2, 98. 

247 ) Bartsch Mecklenburg 2, 208 Nr. 1017. 

248) Vergil Georgica 1, 410 ff.; Plinius 18, 362; 
Keller 2, 98; Pauly-Wissowa n, 1, 21. 


249 ) Ders. 11, 1, 21 ] Oeconomisch-Physical. Lexi¬ 
kon 8, 6 f. 25 °) SAVk. 23, 187. 250a ) M. 

Gottfried Voigts Neu-vermehrter Physicalischer 
Zeit-Vertreiber 1694, 777. 2 &ob) Felix Cha- 

piseau Le Folk-Lore de la Beauce et du Perche 
2 (1902), 309. 251 ) ZföVk. 3, 21. 252 ) Schw- 

Vk. 10,34; Nederl. Tijdschr. v. Vk. 1928, 152. 
253 ) NdZfVk. 8, 54. 2 ^) (Böhmen:) Keller 

Tierwelt 2,92; niedrig fliegen: Rolland Faune 
2, 110. 255 ) Wlislocki Volksgl. d. Magyaren 

75 * 256 ) Hs. des SchwArchiv. 257 ) Oecono¬ 
misch-Physical. Lexikon 8, 5. 258 ) Knortz 

Streifzüge 114. 

10. Heiligkeit und Opfer. Ein Schuß 
auf den Schwarzrock bringt kein Glück 259 ), 
wird binnen Jahresfrist gerächt 26 °). Gibt 
man ihm Speise, wenn er sich auf den 
Türpfosten setzt, bezahlt Gott für ihn, 
d. h. man bekommt etwas 2603 ). 

Von R.nopfern wird im Norden be¬ 
richtet 261 ). Er soll bei Germanen als 
Bauopfer gegeben worden sein 262 ); Alba¬ 
nesen vergraben ihn am Eingang der Wein¬ 
berge 263 ). Im Braunauer Blutbuch wird 
zu 1615 berichtet, daß dem Hause nichts 
schade, in dessen Stall man ein Genist 
junger R.n vergrabe 2633 ). 

Der Waidmann präsentiert das Spitzel 
vom Herz des Hirschen dem R.n mit 
Waidgeschrei 264 ). 

259 ) ZfrwVk. 1905, 207. 26 °) Liebrecht Zur 
Volksk. 337; vgl. (Indianer) Hopf Tierorakel 
46. 26 ° 3 ) Lehmann-Filhes 2, 10 f. 2 «i) 

Grimm Myth. 2, 559. 954; Simrock Mytho¬ 
logie 522; Lemke Asphodelos 120. 262 ) Höfler 
Organotherapie 122; ihm folgend Georg Wilke 
Religion d. Indogermanen 1923, 51 f. 263 ) v. 
Hahn Albanesische Studien 1854, 155. 263 a) 

Jahrb. d. dtsch. Gebirgsver. f. d. Riesengeb. 
1927, 198 f. 2 « 4 ) ZföVk. 10,51; vgl. Dähn¬ 
hardt Natursagen 3, 364 (lettisch). 

11. R.nzauber. R.nzauber Wodans 
(was aber mit dem R.n nichts zu tun hat) 

ist der Name eines jungen nordischen 
Liedes 265 ). 

Sonst spielt der R. im Zauber eine große 
Rolle, was sich schon dadurch erweist, daß 
ein Zauberbuch ,,Schwarzer Rabe“ ge¬ 
nannt wird 266 ). Mit R.blut schreiben 
Zauberer 267 ), werden die Sigel im drei¬ 
fachen Höllenzwang gemalt 268 ), wischt 
man den Lauf aus, wenn aus einem Gewehr 
nichts sterben will 269 ). Mit schwarzer 
R.feder werden Zauberschriften 270 ), der 
Teufelspakt 271 ) geschrieben. Doch hat 
der Glück, der eine R.feder findet 272 ); 


nur muß man ihr die Spitze abbeißen, 
wenn man sie einer Schwängern ins Haus 
trägt, sonst lernt das Kind nie sprechen 273 ). 
Mit einem R.nflügel übertragen Hexen 
die Pest 274 ). Durch die Krallen eines 
am Karfreitag geschossenen R.n sehen, 
stellt das Wild 275 ). EinR.nherz in Wolfs¬ 
riemen gebunden und getragen, erweckt 
einem Liebe 276 ), das Herz gibt auch 
sicheren Schuß 277 ), von einem lebenden 
R.n genommen, macht es stark im 
Streit 278 ); gepulvert und die Würfel da¬ 
mit bestrichen, läßt gewinnen 279 ). Auf 
das Herz einer schlafenden Frau gelegt, 
macht es diese alles offenbaren 280 ). Das 
eines lebenden R.n genommen, unter die 
Zungenwurzel gelegt, sonst in einem Ge¬ 
fäß verwahrt, in dem noch nichts war, 
macht die R.nsprache verstehen 280a ). 
Wird einem Neugebornen ein R.nherz 
umgehängt, kann das Kind nicht ver¬ 
tauscht (Wechselbalg) werden 280b ). Auch 
R.nhirn erweckt die Liebe 281 ). Wer ein 
R.nhaupt bei sich trägt, wird im Handel 
nicht betrogen 282 ); es ist auch ein Mittel 
gegen zauberische Krankheit; in Frank¬ 
reich brauchen es die Hexen 283 ). Wenn 
man ein R.n äuge in einen Ameisenhaufen 
legt, findet man nach acht Tagen ein 
stärkeverleihendes Sternchen dabei 284 ). 
Sonst kennt der R. den R.nstein, den 
Springstein, und man gewinnt ihn, indem 
man seine Eier hart siedet; er holt dann den 
Stein, sie zu erweichen 285 ) (nach andern 
macht dieser Stein unsichtbar, mehrt das 
Geld, macht sieghaft usw.). Der R. hat 
den bösen Blick 286 ), greift ihn aber 
auch an 287 ); seine Jungen schützt er 
gegen ihn durch Keuschlamm oder 
Weide 288 ). Wer R.fleisch ißt, wird 
{Sympathieglaube) listig 289 ), diebisch 290 ). 
Den Holzknechten vermag er die Säge zu 
hemmen 291 ). Im schwedischen Finnland 
nagelt man gegen die Mahrt einen R.n 
über die Stalltür 291a ). 

265 ) Simrock Mythologie 74; Germania 11, 
311 ff. 266 ) Horst Zauberbibliothek 2, 432; 
Bindewald Sagenbuch 128. 137; P. Zaunert 
Hessen-Nassauische Sagen 1929, 295; Hess. Bl. 
3, 59; Waibel u. Flamm 2, 238!.; s. auch o. 
267 ) Mannhart Zauber glaube 166. 268 ) Gör res 
■Christi. Mystik 3, 624; Scheible Kloster 5, 
1122. 269 ) John Westböhmen 328. 27 °) Kie¬ 


sewetter Faust 2, 76; Meiche Sagen 488 
Nr 635; (die Neidschütz:) Hess. Bl. 3, 136; 
vgl. WS. 12, 56. 271 ) Wehrhan Freimaurer 

46; Wlislocki Märchen u. Sagen d. trans - 
silvan. Zigeuner 1886, 99. 272 ) Montanus 

Volksfeste 172; Lemke Asphodelos 128. 273 ) 

ZfEthn. 32, 65. 274 ) Knortz Streifzüge 110. 

275 ) John Westböhmen 331. 276 ) Drechsler 

1, 329; Peuckert Schles. Volksk. 208. 277 ) 

Wuttke 122 § 162; 452 § 714 = Höfler 

Organotherapie 253; (von 3 R.n, 3 Maulwürfen, 
zu Asche gebrannt und unter das Pulver 
gemischt:) Globus 35, 26. 278 ) SAVk. 7, 50 

= Höfler Organotherapie 253. 279 ) ZfVk. 13, 

272. 280a ) Lehmann-Filhes 2, 9. 28 °t>) F. 

Burjan Den skandinaviska folktron om harnet. 
Diss. Helsingfors 1917, 169, nach Kristensen 
Jyske folkeminder 4, 349 und Feilberg Dansk 
Bondeliv 2, 83. 281 ) Höfler Organotherapie 
124; vgl. SAVk. 6 (1902), 58. 282 ) ZfrwVk. 

1, 324; in Frankreich die Hexen: Sebillot 

Folk-Lore 3, 203. 283 ) Thomas Sigfridus 

Richtige Antwort au ff die Frage, Ob die Zeu - 
berer vnd Zeubrin mit jhrem zauber Pulfer 
Kranckheiten . . . beybringen können, Erffordt 
1594 (Breslau Univ.-Bibl. Phys. I Q in 276) 
Ciiij A. 284 ) MittAnhGesch. 14, 8. 285 ) Ale¬ 

mannia 2, 130; Meier Schwaben 1,220; Bir- 
linger Volksth. 1, 123; Lemke Asphodelos 
126 f.; Panzer Beitr. 2, 307. 429 f.; Alpen¬ 
burg Tirol 385; ZfVk. 8, 170; Zingerle 
Tirol 87 Nr. 732. 736; Schönwerth Oberpfalz 
3, 209; Lommer Volksthüml. aus d. Saalthal 
1878, 49; (Prozeß 1615 in Braunau:) Jahrb. 
d. dtsch. Gebirgsver. f. d. Riesengebg. 1927, 
198; Jahn Pommern 469 f.; Grässe Preußen 

2, 485; ZfVk. 1, 234; 2, 14; (Island) Leh¬ 

mann-Filhes 2, 30 f. 32 f.; (Schweden:) V. 
E. V. Weßman Mytiska sägner (Finlands 
svenska folkdiktning 227) 1931, 596 f. 456; 
Landtman Folkdiktning 837; Knortz Streif - 
züge 107 f.; Wolf Beitr. 2,428; Wuttke 122 
§ 162; Hovorka-Kronfeld 1, 354; (Polnisch) 
ZfVk. 18, 97 f. Bei Knoop Tierwelt 38 Nr. 331 ist 
es das R.nei, das Glück bringt. Vgl. auch 
SAVk. 27, 82 f. 286 ) Seligmann 1,125. 

287 ) Ebd. 2, 130. 288 ) Pauly-Wissowa ii, 

1,21; Porta Magia naturalis 1713, 58. 289 ) 

Andreae Tenzelii medicinisch-philosophisch 
und sympathetische Schrifften 1725, 283. 29 °) 

Urquell 3, 273. 291 ) Höfler Waldkult 36 N. 2. 

291a ) Walter W. Forsblom Magisk folkmedicin 
(Finlands svenska folkdiktning 195) 1927, 627. 


12. Der R. im Segen. Im Sarganser 
Alpsegen wird gegen des R.n Schnabel 
gebetet 292 ) — sonst wird er nur (im Sla- 
vischen) gelegentlich erwähnt 293 ). 

292 ) ZfdMyth. 4, 122; ARw. 8, 558; Meyer 
Germ. Myth. 240; Rochholz Sagen 1, 331. 
293 ) Urquell 4,10; Seligmann 2, 377 f.; 

Hovorka-Kronfeld 2, 373; gegen bösen An¬ 
gang: Nachw. 232 a. 

13. Kinderbringer. Im tschechischen 




455 


Rabe 


Rabendukaten—Rabenstein 


458 



Böhmen fungiert die Rabin als Kinder¬ 
bringerin 293a ). 

293 a) Urquell N. F. 2, 88; vgl. Nachw. 239. 240. 

14. Der R. in der Medizin. Der R. 
vermag sich selbst mit Lorbeerblättern 
zu heilen, wenn ihn das Chamäleon ver¬ 
giftete 294 ), trägt heilkräftige Dinge herzu 
295 ) und hat in der Arznei selbst vielen 
Nutzen. Lebendig in Roßmist vergraben 
und 40 Tage lang gefäult, heilt er das 
Podagra 296 ). Die Jungen zu Asche ver¬ 
brannt, Podagra 297 ) und schwere Not 298 ). 
Das Fett macht die Haare schwarz 299 ), 
ist Zigeunern und Slovaken eine Augen¬ 
salbe 30 °). Auch das Blut schafft schwarze 
Haare 301 ), heilt Hämorrhoiden (poln. Ju¬ 
den) 302 ), die schwere Not 303 ) so wie das 
Hirn 304 ), das auch als Frostsalbe er¬ 
frorenen Gliedern nützt 305 ). Es dient 
ferner bei Kopfschmerzen 306 ). Das 
lebende Herz dient vor hohe Siech¬ 
tage 307 ), um den Hals getragen, gegen 
Schlafsucht 308 ). Die Galle, welche im 
Menschen einen Widerwillen erweckt 309 ), 
hilft dem verlorenen Gehör 310 ) und be¬ 
hebt (zaubrische) Impotenz des Mannes 311 ). 
R.nmist ist gut bei Zahnschmerzen und 
-geschwüren 312 ), heilt, um den Hals 
gehängt, den Husten der Kinder 313 ), 
ebenso wie ein R.nfuß umgehängt 314 ). 
Aus den Eiern wird eine Salbe bereitet, 
mit der man die Haare schwarz färbt 315 ), 
wobei man öl im Munde halten mußte, 
damit nicht die Zähne ausfielen 316 ). 
Sonst helfen sie gegen die Ruhr 317 ), und be¬ 
wirken Abort durch den Mund 318 ). Ein 
Stück Fleisch, das den R.n, wenn sie 
ausschlüpfen, im Mund liegt, und das das 
Leberlein heißt, hilft gegen die böse 
Sucht 319 ). 

Ferner versuchte man, Krankheiten 
auf den R.n zu übertragen 320 ), gewöhn¬ 
lich indem man die kranke Stelle mit 
Fleisch belegte, und dieses ihm dann 
vorwarf 321 ). Ein im März geschossener 
R. in den Stall gehängt, macht, daß 
das Vieh nicht von Fliegen gequält 
wird 322 ). 

294 ) Plinius 8, 101 = Pauly-Wissowa n, 
1, 20; Osw. Cr oll Von d. innerl. Signaturen d. 
Dinge 1623, 62; Höfler Organotherapie 124. 
295 ) Streifzüge 103t. 296 ) Jühling Tiere 226; 

(Noel Chomel) Oeconomisch-Physical. Lexikon 


8 (1753), 7- 297 ) Joh. Schröder Apothene 1685, 
1343; Höfler 125; Paracelsus natürliches 
Zauber magazin 1771, 225. 298 ) Joh. Joachim 

Becher Parnassus mcdicinalis 1663, 67; 

Schröder 323. 1343 = Höfler 125; Oecono- 
misch-Physical. Lexikon 8, 7; Seyfarth Sachsen 
293; Heyl Tirol 788 Nr. 152; MschlesVk. 
29, 294; Hovorka-Kronfeld 2, 212. 2 ") Be¬ 
cher 67; Schröderi343; Oeconomisch-Physical. 
Lexikon 8, 7. 30 °) Urquell 3, 10. 301 ) Becher 

67; Schröder 1343; Pauly-Wissowa 11,1,21; 
Plinius 29, 109; Aelian i, 48; Oeconomisch- 
Physical. Lexikon 8, 7. 302 ) Strack Blut 1911, 
99 303 ) Jühling Tiere 226. 304 ) Becher 

67; Schröder 1343; Jühling 226. 227; 

Höfler Organotherapie 125; MschlesVk. 29, 294; 
MsäVk. 8,91; Knoop Posen 121. 305 ) Sta- 

ricius Heldenschatz 496 (1750, 300 f.); Kräu¬ 
termann 233; Paracelsus natürliches Zauber- 
magazin 1771, 232; Jühling Tiere 227; Höfler 
Organotherapie 125; Lemke Asphodelos 127; 
Lammert 21S; (Tirol) ZfVk. 8, 170; ZfrwVk. 
1905, 287; Wuttke 346 §517. 206 ) Plinius 29, 
36 = Höfler 125. 30? ) Ebd.252.253. 308 ) Agrip - 
pa v. Nettesheim 1, 104; Jühling Tiere 
227; Höfler 253; Oeconomisch-Physical. Lexikon 
8, 7; Alpen bürg Tirol 386; Lemke Aspho¬ 
delos 215; ZfVk. 8, 170. Dafür Ei: Marshall 
Arznei-Kästlein 29. 30d ) Agrippa v. Nettes¬ 
heim 1, 115. 31 °) Staricius Heldenschatz 486 

(1750: 294); Kräuter mann 09; Paracelsus 
Zaubermagazin 223; Lammert 231; Lemke 
Asphodelos 127. 3n ) Jühling Tiere 226; Höf¬ 
ler 219; SAVk. 6,55; Hovorka-Kronfeld 
2, 165. 312 ) Plinius 30, 26. 137 — Pauly- 

Wissowa 11, 1, 21; Jühling 226. 227; Schrö¬ 
der 1343; ZfdMyth. 3,322; MschlesVk. H. 13 
(1905), 29. 313 ) Becher 67; Schröder 1343; 

Hovorka-Kronfeld 2, 20. 314 ) Jühling 226. 
315 ) Pauly-Wissowa 11,1, 21 nach Plinius 
29, 109; Aelian 1, 48; Keller Tierwelt 2, 107; 
Frazer Der goldene Zweig 1928, 46; Höfler 
124; Becher 67; Oeconomisch-Physical. Lexikon 
8,7; Kräutermann 318 f.; (Bouillon färbt:) 
Mars hall Arznei-Kästlein 83. 316 ) Plinius 29, 
109; Aelian 1, 48. 317 ) Becher 67; Schröder 
1:343; Oeconomisch-Physical. Lexikon 8,7. 318 ) 
Plinius 30, 130; SchwVk. 18, 18 f. 319 ) Oecono¬ 
misch-Physical. Lexikon 8, 7. 32 °) Adam a 

Lebenwaldt siebentes Tractätl von deß Teuffels 
List u. Betrug S. 40; Pauly-Wissowa 11, 
1, 23. 321 ) Lammert 208; Wuttke 349 § 523. 
322 ) Niedersachsen 18, 411 = Heckscher 389. 

15. Weißer R. 323 ). Daß einmal die R.n, 
jetzt noch ihre Jungen acht Tage lang, 
weiß waren, wurde bereits erwähnt (s. 2). 
Auch sonst hält man am Vorhandensein 
weißer R.n fest; sie streiten mit schwarzen 
um die arme Seele 324 ), treten also für 
die Taube, den rettenden Engel ein; in 
Westfalen erschien aber auch einmal ein 
Gebannter als weißer R. 154 ). Sie war¬ 


nen und raten zu Pestzeiten 325 ). Den j 
Alten galten sie von übler Vorbedeu- j 
tung 326 ). Doch wurden sie in der Heiden¬ 
zeit gespeist; als man das einmal nicht | 
tat, fielen vom Osten wilde Völker ein 326a ). j 
Beschmiert man R.neier mit Katzenfett ■ 
und läßt sie ausbrüten, entstehen weiße j 
R.n 327 ). Aber für „niemals“ findet sich j 
im Volkslied „wenn die R.n weiß zu « 

werden beginnen“ 328 ). | 

323 ) Dalla Tore 123 ( = Nebelkrähe). 

324 ) Schell Bet gische Sagen 426; Zaune rt 
Rheinland 2, 200 f. 325 ) Meiche Sachs. Schweiz 
1929, 155; Walter Loose Sagen aus d. Schwarz¬ 
wassergebiet 193 1 » 44 - 326 ) Panzer 2, 4°7 n äcli ; 

Heraklit; vgl. Pauly-Wissowa 11, 1, 21 f. 
326 a) Rosegger Waldschulmeister 134 f* = Zfd- 
Mda. 1 (1906). 117 f. 32? ) Birlinger Schwaben 

1, 436 nach Wolfg. Hildebrands Magia natu- 
ralis 1609. II c. 47. 328 ) Grimm Altdänische | 

Heldenlieder u. Balladen 1811, 229; Hess. Bl. 

3* 163 f. 

16. Ein R. ist auch der Nacht¬ 
rabe 1 ), entweder eine mythologische Ge- ! 
stalt 2 ), oder ein Übername für nächt¬ 
liche Diebe im deutschen Nordböhmen 3 ). 

i) Lauchert Physiologus 9. 142. 2 ) Oben j 

6 , 803 f. 3 ) DVköB. 11, 165. 

Peuckert. 

Rabendukaten (ungar.), umgehängt, 
halfen gegen Epilepsie 1 ), erleichtern das 
Zahnen 2 ), glühend, in Wein gelegt, die¬ 
nen sie gegen die Gelbsucht 1 ). 

i) ZfdPhil. 20, 358 f. (Schlesien); DWb. 8. 6f.; 

MschlesVk. 19. 9 °- 2 ) Lemke Asphodelos 127. 

Peuckert. 

Rabenreiser. Das dünne Holz, aus 
dem die Raben ihr Nest bauen, und das 
die Kinder sammeln, wird in Hessen x ) 
als R„ in schlesischen Sagen als „Vogel¬ 
tritt“ bezeichnet. 

i) ZfVk. 18, 312. Peuckert. 

Rabenstein. Noch heute ist der einst 
weitverbreitete Aberglaube nicht völlig 
ausgestorben, daß der Rabe einen Stein 
kennt, der unsichtbar macht. Will man 
sich einen solchen Stein verschaffen, so 
muß man zu dem Neste eines hundert¬ 
jährigen Raben hinauf steigen, einen jun¬ 
gen, höchstens sechs Wochen alten Raben 
töten und sich genau merken, wo er sich 
befindet; man kann, um das zu erreichen, 
ihm an den Fuß eine lange rote Schnur 
binden, die, wenn der alte Rabe ihn un¬ 


sichtbar macht, nicht mit verschwindet. 
Oder man nimmt aus dem Neste ein Ei, 
kocht es und legt es wieder hinein. In 
beiden Fällen fliegt der Rabe sofort an 
das Meer, holt dorther den unsichtbar 
machenden Stein, steckt ihn dem toten 
Jungen in den Schnabel, „um den Jammer 
nicht zu sehen“, oder berührt damit das 
gesottene Ei, das alsbald wieder roh 
wird. Baum, Nest und Junges werden 
durch die Kraft des Steines unsichtbar; 
hat man sich aber die Stelle genau ge¬ 
merkt, so kann man ihn herausnehmen. 
Wo, wie in Oldenburg, der Rabe selten 
vorkommt, tritt die Krähe für ihn ein 
(Krähenstein) x ). Ein in Pommern vor¬ 
kommender Aberglaube läßt den R. aus 
Diebsaugen erwachsen, die der Rabe den 
am Galgen Hängenden herausgehackt hat; 
doch entsteht er erst, wenn es hundert 
Augen sind; es ist ein glatter, runder, 
wie ein Karfunkel feurigroter Stein, der 
alles erhellt, während sein Träger un¬ 
sichtbar bleibt 2 ), so daß sich herrlich 

mit ihm stehlen läßt. 

Wer einen R. bei sich trägt, wird für 
alle unsichtbar. Wer ihn in den Mund 
nimmt, versteht die Sprache aller Vögel 
(Tirol). Wer ihn in einem Ringe bei sich 
trägt, kann die stärksten Ketten zer¬ 
reißen und verschlossene Türen auf- 
sprengen, wenn er sie mit dem Stein be¬ 
rührt 3 ). — Dem R. haftet etwas Dä¬ 
monisch-Teuflisches an. In einem alten 
Zauberbuche (158b) heißt es, man solle 
den Stein „in aller Teufel Namen“ tragen; 
auf Rügen glaubt man, sein Besitzer 
sei dem Teufel verfallen, in Pommern, 
er leite seinen Träger schließlich zu Galgen 
und Rad 4 ). Zedier verweist s. v. R. 
auf „Albschoß“ und versteht darunter 
den dunklen Belemniten. 

i) Kuhn Westfalen 2, 76 Nr. 231; Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 209; Alpenburg Tirol 
385 t.; Bartsch Mecklenburg 2, 29; Wuttke 
318 § 473; ZdVfVk. 1 (1891), 324» vgl. 18 (1908), 
97 u. 2 (1892), 14 Nr. 16; Kuhn Studien i, 190 2 ; 
vgl. Maurer Isländische Volkssagen (1860), 182 
und die wunderliche Sage bei LemVeOstpreußen 
2, 21 Nr. 39. 2 ) Jahn Pommern 469 Nr. 585. 

3 ) Wuttke 122 § 162; ZdVfVk. 8 (1898), 170; 
Knortz Streifzüge 107 f.; Sepp Sagen 465 f. 

4 ) Kuhn a. O. 77; Bartsch Mecklenburg a. O. 
letzte Zeile; Jahn a. O. 470; vgl. Urquell 3 





459 


Rabi Habi Gabi—Rachepuppe 


460 


(1892), 275 u. Meier Schwaben 220 Nr. 3. 
Vgl. Liebrecht Gervasius m (französ. Abergl.). 

f Olbrich. 

Rabi Habi Gabi 4 ), Zauberworte, aus 
Habere usw. (s. d.) entstellt. 

*) Bartsch Mecklenburg 2, 397t.; ZfVk. 7 
( I ^ 97 )» 7 1 * Jacoby. 

Rache s. Strafe. 

Rachepuppe nennt man das im 
Schadenzauber verwendete plastische 
Abbild eines zu treffenden fernen Gegners. 
Dieses Bild wird in Gestalt einer Puppe 
aus Wachs, Teig, Ton, Lehm, auch Kreide, 
Holz, Eisen oder Blei hergestellt und 
(nach Benennung, „Taufe“) unter Zauber¬ 
formeln entweder mit Nadeln oder Nägeln 
durchstochen, in der Regel durch be¬ 
stimmte Teile, meistens an der Herzstelle, 
oder durchschossen, umbunden, auch ver¬ 
brannt bzw. geschmolzen oder gebäht, in 
die Luft gehängt, ins Wasser getaucht, 
vergraben. Dadurch soll der augen¬ 
blickliche Tod oder mindestens ein Dahin¬ 
siechen des Gemeinten, ein Erkranken an 
den 

werden. Ein Zusammenhang der R. 
mit dem Bedrohten, indem man etwa 
von dessen Haaren, Nägelteilen, Blut, 
Urin oder Schweiß einknetet, erscheint 
im allgemeinen nicht ausdrücklich er¬ 
forderlich wie z. B. bei dem verwandten 
Fußspurzauber. Solcher mit einer R. 
vorgenommener Fernzauber ist nur eine 
unter vielen Arten von Bildzauberkünsten. 
Wie diese alle begegnet auch der Zauber 
mit R.n seit den Anfängen der Menschheit 
unter dem Zwang einer primitiven Vor¬ 
stellungswelt. Vgl. Bildzauber 1, 1293 f.; 
s. a. Analogiezauber 1, 394, Atzmann 1, 
671 f., Defixion 2, 184 f., Fernzauber 2, 
1342 f., Liebeszauber 5, 1287, Schaden¬ 
zauber, Wachsmännchen. 

Das Durchstechen oder Verbrennen von 
Wachsbildern ist schon der Antike in 
Orient und Mittelmeerlanden geläufig 1 ). 
Diese antiken R.n tragen die Namen der 
Verfluchten als Inschrift 2 ). Unverändert 
erhält sich dieser Schadenzauber durch 
die Jahrtausende auf dem ganzen Erd¬ 
kreis 3 ). In Nordamerika wird noch jetzt 
nach Zauberern in effigie geschossen 4 ), 
in gleicher Absicht in Kanada ein Gegen¬ 



stand, der einer Hexe gehört, mit Nadeln 
durchstochen 5 ), und ein neueres Beispiel 
aus Mexiko zeigt zwei wächserne R.n, die 
zuerst gebunden und dann mit 4 Dornen, 
7 Nadeln durchstochen worden sind 6 ). 

Für das deutsche Sprachgebiet und das 
angrenzende Abendland sei hier eine 
Reihe von Belegen in zeitlicher Folge der 
Quellen angeführt. Der älteste überlieferte 
deutsche Fall trifft 1066 Erzbischof Eber¬ 
hard von Trier, der angeblich durch Juden 
mit einem geschmolzenen Wachsbüde um¬ 
gebracht worden ist 7 ). Der Glaube an 
solche Bildzauberei findet sich dann in 
der Literatur des 13. Jh.s, so bei Albertus 
Magnus wie bei Berthold von Regensburg. 
Papstbriefe und Verhörakten des 14. Jh.s 
verraten die Angst vor diesem Rache¬ 
zauber, der auch wirklich geübt worden 
ist, namentlich am französischen Königs¬ 
hof 8 ). Daher begegnen die Wachs- und 
Bleibilder auch um 1320 in einem Formu¬ 
lar für das Verhör in einem Zauberei¬ 
prozeß zu Toulouse 9 ) und in Traktaten 
gegen Ketzer und Hexereien im 14. und 
I 5 - Jh* 10 ). 1407 wird ein Wachsmännlein 
zu Basel ins Feuer gehalten n ). Aus 
Kärnten und Tirol sind Mordanschläge 
mit von Stecknadeln durchstochenen und 
eingegrabenen Wachs-(Lehm-)puppen von 
x 465 > x 4^5 und I 493 überliefert 12 ). Vint- 
ler läßt die Nadel in den Magen des 
Wachsbildes stechen 13 ). Alle diese Zeug¬ 
nisse und Fälle scheinen bis dahin ein 
fast ausschließliches Vorkommen der R. 
in Mitteleuropa auf romanischem, süd- 
und westdeutschem Boden zu ergeben. 
Die literarische Kunde der R. pflanzt sich 
vom 15. ins 16. Jh. weiter, über Thomas 
Ebendorfer 14 ), Geiler von Kaisersberg 15 ) 
bis Johannes Pauli 16 ), der c. 102 der 
Gesta Romanorum nacherzählt, und Maxi¬ 
milians II. Hofmedikus Carrichter 17 ). 
1578 sollen in England in einem Mist¬ 
haufen drei Wachsbilder gefunden worden 
sein, durch die ein Dorfpfarrer bei London 
die Königin und zwei andere, deren Namen 
er daraufgeschrieben, habe umbringen 
wollen 18 ). 1611 erscheint in Bayern noch 
ein Landgebot notwendig gegen die, 
„welche bilder machen von wachs, bley. 


r 


461 


Rachepuppe 


462 


oder anderm metall. . . (und) solche 
bilder mit nadeln, messern oder sonst 
verletzt und durchstochen . . .“ 19 ). Pro¬ 
testantische Pamphlete von 1619 und 
1620 behaupten daher, ohne damals un¬ 
glaubhaft zu wirken, die Jesuiten in Rom 
hätten Bildnisse eines jeden ketzerischen 
Fürsten in Wachs geformt, um sie täglich 
so lange zu verfluchen, bis die lebendigen 
Ketzer dadurch gestorben, oder um sie 
mit Nadeln zu durchstechen und dem 
Teufel zu übergeben 20 ). Und es begegnen 
auch weiterhin noch wirkliche Fälle 
dieses Zaubers, so 1613 in umgekehrter 
Absicht 21 ), 1635 in Italien 22 ), 1653 in 
Schlesien — in Menschengestalt geformtes 
„Hexenbrot“, durchstochen in einen Sarg 
gelegt 23 ) — 1677 in Cilli 24 ). Ende des 
17. Jh.s sollen Georg III. und Georg IV. 
von Sachsen durch Verbrennen einer R. 
getötet worden sein 25 ). Ebensowenig 
verschwindet die R. aus der Literatur, 
im 17. Jh. erwähnen den Zauber (nicht 
unter dem Namen R.) Praetorius 2Ä ), 
Anhorn 27 ), Ludwig Hartmann 28 ) und 
zuletzt 1694 Gießener Konsistorialakten, 
die sich auf den Tod der sächsischen Kur¬ 
fürsten beziehen 29 ). Ein 1796 gezeich¬ 
netes Arzneibuch von Bischheim schreibt 
vor, das Wachsbild mit Eichenholz zu 
durchstechen und am Feuer herumzu¬ 
drehen, damit das Herz des Gemeinten 
brennen und er selbst krumm gehen müsse 
und daher sich unausstehlich änstige, bei 
gänzlichem Braten gar sterbe 30 ). In 
mancherlei Variationen erscheint das Re¬ 
zept noch 31 ), bis zum Durchstechen und 
Vergraben einer gekleideten und „ge¬ 
tauften“ Vogelleiche 32 ). Mindestens ein 
„Hexenstich“ oder „Hexenschuß“ ist 
die Folge solches Zaubers, solange man 
an Hexen glaubt 33 ). Auch das 19. Jh. 
weiß noch von der Verwendung der R., 
wenn auf Amrum einmal als Ursache 
einer schweren Erkrankung festgestellt 
worden sein soll, daß ein Weib das 
wächserne Bild eines Männchens mit einer 
Stecknadel im Herzen im Sand vergraben 
hatte 34 ). Die eigentliche R. scheint bei 
uns heute verschwunden zu sein, es sind 
aber verwandte Zauber geblieben wie das 
Durchstechen einer Kerze 35 ) oder das 


Abbrennen eines Lichtes 36 ), das Durch¬ 
stechen von Photographien und Spiel¬ 
karten 37 ). In Oldenburg brachten zuletzt 
Hexen Kinder durch Auszehrung um, in¬ 
dem sie kleine buntseidene Puppen ihnen 
ins Bett legten, die nur durch Verbrennen 
unschädlich gemacht werden konnten 38 ). 
Okkultes Schrifttum verbreitet aber noch 
heute die Ansicht eines Paracelsus über 
die wächsernen Bilder, daß es möglich sei, 
„daß ich durch meinen Willen den anderen 
Geist meines Widersachers in ein Bild 
bringe und ihn danach krumm mache oder 
lähme, im Bild nach meinem Gefallen“ 39 ). 

i) R. Wünsch in Philologus 61 (1902), 

26—-31; Fahz Doctrina magica 20; Abt Apu- 
leius 57. 80 ff.; MschlesVk. 13/14, 5 2 9 ^-'» 

NJbb. 5, 152; ZfVk. 23, 114. 2 ) Abt Apuleius 
211. 239. 3 ) Grimm Myth. 2, 913 h.; 3, 3 * 5 - 

424. 430. 474; Schindler Aberglaube 133 f. 
350 f.; Meyer Aberglaube 194 t- 261 ff.; Leh¬ 
mann Aberglaube 29. 43; Soldan-Heppe 

i, 141. 200 ff. 219; Stemplinger Aberglaube 
69 ff.; Schefold u. Werner 17; Löwen- 
stimm Abergl. 74; Groß Handbuch 1, 542; 
Beth Religion u. Magie 72. 135 f.; S. Reinach 
Hart et la magie 125 ff.; Levy-Bruhl Fonctions 
mentales 41 ff.; Bargheer Eingeweide 39 
Freudenthal Feuer 92. 105 ff.; Andree Pa¬ 
rallelen 2, 8—17; Frazer 1, 10ff. 55—68: Bei¬ 
spiele aller Zeiten und Völker; Henderson Folk- 
Lore of Northern England 229; F. Skutsch 
in MschlesVk. 13/14 (1911), 525—551 (hier 
auch eine Zusammenstellung von Beispielen 
aus der Dichtung); ZfVk. 9, 332; J 3 * 44 ° f* 
(frühe Parallelen aus Orient, arabische R.n, 
9. Jh. in Spanien); HessBl. 3, 131 ff.; ARw. 
5 , 8 f.; 14, 223; 15, 3i3ff-; 17. 392; 19,286; 
Svenska Landsmalen 5, 6, 48. 150; ZfEthn. 
1877, 334; Globus 25, 28 ff.; 77, 36; 79, 110 ff. 
4 ) AKrim. 61, 124 f. 5 ) Ebd. 126. 6 ) ARw. 

15, 313 ff. 7 ) Gesta Trevirorum, MG. SS. 8, 
182; Fox Saarland 119. 443; dazu und zum 
folgenden vgl. Bargheer a. a. O. 39 L; Freu¬ 
denthal Feuer 106; MschlesVk. 17, 35 (Trak¬ 
tat 13. Jh.s); Schönbach Berthold v. R. 27; 
Grimm Myth. 2, 914; 3 , 3 * 5 : cereas imagines 
facere 1219 den Stedinger Ketzern zur Last 
gelegt. 8 ) Gerhardt Französische Novelle 
132 ff.; Hansen Zauberwahn 251 ff. 260. 355 ff.; 
ders. Quellen 3. 5. 7. 11 f. 14 t. 447 ff. 520 ff. 
702; Historisches Jb. 18 (1897), 73 h- 87. 

608—630. 626: ein Tiroler Fall 1371; MschlesVk. 
13/14, 534 ff.; Ulm Hartlieb 133, 24; Stemp¬ 
linger 70. 9 ) Hansen Quellen 48 f. 10 ) Ebd. 

60. 94. mf. 193 - 231; vgl. HessBl. 3, 142 f. 
u ) Meyer Aberglaube 261 ff.; Freudenthal 
106 f. 12 ) Byloff Volkskundl. aus Straf¬ 
prozessen 8. 12 ff.; ders. Hexenglauben 30. 33. 
13 ) Vintler Pluetnen 7743 t. 7945 h = ZfVk. 
23, 5. 10; vgl. ZfdMyth. 1, 6. 242. 14 ) yma- 



Rad 


Rad 


466 




gines cereas, ZfVk. 12, 10. 15 ) vveszin bild, 

Bargheer a. a. O. 40; ebd. weitere literar. 
Belege des 16. Jh.s; Hansen Quellen 287 ff, 
16 ) Schimpf und Ernst c. 232 (ed. Bober¬ 
tag); vgl. Grimm Myth. 2, 913 ff.; Gering 
Aeventyri 2, 139 ff. 142. 17 ) Breslau 1551, 

Drechsler 2, 260 f. 18 ) ARw. 15, 317 

= MschlesVk. 13/14, 537; Pfister Schwaben 
46. 19 ) Panzer Beitrag 2, 272 f. 20 ) B. Duhr 

Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher 
Zunge 2, 2 (1913), 673. 21 ) als Krankheits¬ 

abwehr, HessBl. 3, 144 (Odenwald). 22 ) Sternp- 
linger Aberglaube 70. 23 ) Drechsler 2, 261. 

24 ) Byloff Volkskundl. 45; Hexenglaube 123. 

25 ) Meiche Sagen 488 t.; HessBl. 3, 131 ff. 
2Ö ) Seyfarth Sachsen 53. 27 ) Magiologia 735 ff. 
947. 1058. 2g ) ZfVk. 23, 14. 29 ) HessBl. 3, i3off. 

30 ) JbElsaß-Lothr. 18, 199 = Bargheer 40; 
vgl. ein Zauberbuch von 1773, Nds. 13, 342. 

31 ) Bargheer 40 f.; Montanus Volksfeste 112. 

ii7f. ähnlich wie Anhorn Magiologia 947 ff.; 
Strackerjan 1, 376; Kühnau Sagen 3, 195; 
Drechsler 2, 257. 32 ) Bartsch Mecklenburg 

2, 329 = Bargheer 41; vgl. Bartsch 2, 355. 
33 ) ZfVk. 7, 252 (Steiermark). 34 ) Müllen- 
hoff Sagen 223 Nr. 303 = ZfVk. 9, 332 f., hier 
auch das Vorkommnis eines durchstochenen 
u. in einen Fluß gelegten Lehmbildes 1869 in 
der engl. Grafschaft Inverness; Lübbing Fries. 
Sagen 184t. 35 ) Drechsler 1, 232; Schön¬ 

werth Oberpfalz 1, 127 — ZfVk. 9, 332; vgl. 
Bildzauber 1, 1294. 36 ) Müller Siebenbürgen 

148. 37 ) Mschles.Vk 13/14, 539 f.; vgl. ZfdMyth. 
1, 242 (Mosel); SAVk. 2, 270 (Zürich); Wolf 
Niederl. Sagen 497. 38 ) Strackerjan 1 i, 307 = 
W. §396. 39 ) Paracelsus 138. 

Müller-Bergström. 

Rad. 

1. Allgemeines. 2. Das Rad als magischer 
Gegenstand im Zauber. 3. Das Rad in Ver¬ 
bindung mit Jahresfeuern. 4. Rad u. Gestirne, 
Heilige, Dämonen. 5. Das Rad beim Notfeuer. 
6. Radtänze, Radgebäcke, Radornamente. 7. 
Das Rad bei Umzügen. 8. Verbote, Räder 
zu drehen oder zu zeigen. 9. Radspeiche, zer¬ 
schlagne, hilft gegen Bannzauber. 10. Lebens¬ 
rad u. Glücksrad. 11. Rad im Rechtsbrauch 
u. als Wappen. 12. Feurige Räder als umgehende 
unerlöste Tote. 


; standen aus der Weiterbildung von Spinn- 
wirtein und Tonscheiben, die primäre 
Form sei J ). Andrerseits weist das Fehlen 
nicht nur eines gemeinsamen ig., sondern 
auch gemeingerm. Wortes für den Gegen¬ 
stand 2 ) darauf hin, daß erst in einer Zeit 
nach der Trennung der ig. Stämme das 
Rad in wirtschaftlicher wie in kultischer 
j Hinsicht allgemeinere Bedeutung erlangt 
| hat. 

' *) Ebert Reallex. 11, 9 ff. 2 ) Kluge Elyrn. 

Wb. lQ 383; Schräder Reallex. 647. 

| 2. Wir beginnen mit einer Zusammen¬ 

stellung der zauberischen Handlungen, 

1 bei denen das Rad als magischer Gegen¬ 
stand eine Rolle spielt. In einem Zauber- 
j buch d. J. 1455 heißt es, daß Hexen das 
von einem Mühlrad emporgesprühte Was- 
: ser auffangen und zur Zauberei benutzen 3 ). 

| In Ostpreußen läßt man Erbsen vor der 
I Aussaat durch die Nabe eines Wagenrades 
laufen 4 ). Nach einem Tiroler Glauben 
| verschwinden Überbeine, wenn man das 
kranke Glied an einem Wagenrade reibt 5 ). 
Ein Freischütz wird man, wenn man von 
j der Speiche eines Rades, auf dem einer 
gerädert wurde, jedesmal etwas in die 
Kugeln hineintut 6 ). Im Märchen hilft 
ein von einer Kröte gespendetes Pflugrad 
der Prinzessin auf den richtigen Weg 7 ). 

Im Altertum benutzte man das Rad in 
i verschiedener Form, entweder als Bronze- 
j scheibe, tu*;; 8 ), oder als Zauberkreisel. 

poußo; 9 ), zum Liebeszauber; im deut- 
I sehen Aberglauben ist von einer solchen 
Verwendung keine Spur zu finden. Der 
gleiche Gedanke eines Bannzaubers liegt 
vor, wenn empfohlen wird, um einen 
Dieb zur Rückgabe des gestohlenen Gutes 
zu zwingen, einen Gegenstand, den er 


1. Das Rad findet im deutschen Aber¬ 
glauben und den aus ihm hervorgehenden 
Bräuchen eine so verschiedenartige An¬ 


zufällig zurückgelassen hat 


Wendung, daß es nicht möglich ist, diese 
Formen alle auf eine Gr und Vorstellung i 
zurückzuführen. In der vorgeschicht¬ 
lichen Forschung besteht noch keine Ein¬ 
mütigkeit über die Entstehungsfrage, ob 
nämlich das Rad als Gebrauchsgegenstand, 
hervorgegangen aus der zur Fortbewegung 
schwerer Lasten untergelegten Baumrolle, ; 
oder als Gegenstand des Kultus, ent- ! 


oder drei 

Späne von der Tür, aus der er heraus¬ 
gegangen ist, an ein Rad zu binden und 
dieses in Bewegung zu setzen; je schneller 
man dreht, um so schneller muß der 
Dieb laufen 10 ) (Näheres unter ,,drehen“ 
2, 411). Auf Norddeutschland ist be¬ 
schränkt ein ähnlicher Zauber gegen den 
Drak, ein schatzspendendes Fabelwesen 
(vgl. 2, 391 ff.). Wenn man nämlich ein 
Wagenrad schnell abzieht und es verkehrt 
wieder aufsteckt, dann muß das Untier 


entweder seine Beute fallen lassen u ), 
oder es setzt das Haus dessen, bei dem . 
es einkehrt, in Brand und verbrennt selber 
mit 12 ). Die gleiche Wirkung erzielt man, ! 
wenn man ihm durch die Nabe eines i 

1 

Wagenrades ein Wort zuruft 13 ). Nur 
muß man danach trachten, auf schnell¬ 
stem Wege nach dem Zauber unter ein ; 
schützendes Dach zu kommen, sonst j 
wird man, statt mit Gold, mit Dreck und ! 
Ungeziefer überschüttet 14 ). — Ebenso ! 
gelang es, bei Altbüron einen Geist zu 
bannen, indem man den Zauberspruch j 
durch eine Radnabe sprach 15 ). \ 

Häufig wohnt dem Rade oder einem 
Teüe desselben eine starke apotropäische 
Wirkung inne. Man schützt sich gegen 
die wilde Jagd, indem man den Kopf 
zwischen ein Wagenrad steckt 16 ). Wenn ; 
man die zufällig gefundene Felge eines j 
alten Wagenrades in die Scheune wirft, 
dann können die Mäuse im Getreide 
keinen Schaden anrichten 17 ). Wider das 
Weitergreifen des Feuers hilft es, wenn 
man in der Stube einen Tisch umgekehrt j 
auf die Erde legt und in ein Wagenrad ‘ 
zwischen seinen Füßen die Worte ,,con- . 
summatum est“ schreibt 18 ). Altgeübt j 
und allgemein verbreitet ist die Sitte, 
Scheune und Stall durch vor die Tore 
gelegte oder auf den Dächern befestigte 
Wagenräder zu schützen. „Ein altes 
Wagenrad schützt gegen böse Mächte“, 
heißt es in Oldenburg 19 ). Wenn sie ent- j 
fernt werden, so stirbt ein Stück Vieh 
nach dem andern (Ammerland) 20 ). In 
Calbe (Prov. Sachsen) hing man Wagen¬ 
räder im 18. Jh. in den Torhäusem auf, 
damit das Vieh beim Ein- und Ausgang 
immer unter ihnen hindurchschreiten 
mußte 21 ). Ebenso tat man in Bayern 22 ) 
und Tirol 23 ). Im Hessischen legt man 
dem Storch zum Nestbau ein Wagenrad 
aufs Dach, dann ist das Haus gegen 
Blitzschlag geschützt 24 ). Schon im 
30jährigen Kriege diente ein an die 
Türe gezeichnetes Rad als Schutz gegen 
Krankheiten und böse Geister 25 ). Viel¬ 
leicht zeigt sich ein letzter Rest dieses 
Glaubens noch darin, daß auf den Halligen 
die Gucklöcher in den oberen Teilen der j 
Haustüren zuweilen wie Räder gestaltet 


sind 26 ). Der Glaube an eine solche apo¬ 
tropäische Kraft des Rades ist uralt und 
allgemein, wie zahlreiche Amulette von 
der Hallstatt zeit an beweisen 27 ). 

Selten wird dem R.e Orakelkraft bei¬ 
gelegt. Um einen Dieb zu entdecken, 
setzt man in der Pfalz ein R. in Bewegung 
und spricht die Namen verschiedener 
Verdächtiger aus; bei der Nennung des 
Schuldigen bleibt das R. stehen 28 ). Bei 
einem Grenzstreit zwischen zwei Olden¬ 
burger Dörfern ließ man im 16. Jh. ein 
R. von einer Anhöhe herablaufen. Dort, 
wo es niederfiel, setzte man dann die 
Grenze fest 29 ). In Frankreich benutzt 
man das R. von Statuen der hl. Katharina 


von Alexandrien, um die Leichen Er¬ 
trunkener zu finden. Man glaubt, daß 
das in den Fluß geworfene R. über der 
Stelle im Wasser anhält, wo auf dem 
Grunde die Leiche liegt 30 ). In einer 
böhmischen Variante zum Märchen vom 
singenden Knochen verrät ein R. den 
Mord, den die falsche Braut an der 
echten beging 31 ). Im Erzgebirge prophe¬ 
zeit man eine unglückliche Ehe, wenn 
auf der Fahrt zur Trauung ein R. der 
Hochzeitskutsche zerbricht oder verloren 
geht 32 ). 

In dieser ersten Gruppe haben wir alle 
die abergläubischen Bräuche zusammen¬ 
gefaßt, die vorwiegend magische Quali¬ 
täten des R.es zur Grundlage haben. 
Sie sind also ihrer Entstehung nach 
weder zeitlich noch örtlich einmalig und 
gebunden, wenn sie auch im Laufe der 
Entwicklung mancherlei Einflüsse von 
solchen Bräuchen erfahren haben werden, 
bei denen in erster Linie der kultische 


Charakter des R.es zutage tritt. 

3 ) Grimm Myth. 3, 428. 4 ) Sartori Sitte 

67; Toppen Masuren 93. 5 ) Hovorka u. 

ironfeld 2, 397. 6 ) Schönbach Berthold 

R. 149. 7 ) Grimm KHM. Nr. 127. «) Abt 
ipuleius 104; Panzer Beitrag 2, 322 f.; Pindar 
°ythia 4, 213. 9 ) Abt Apuleius 177 ff ; Ovid 
imores 1,8, 7;Pauly- \Viss0wa2.R. 1,1,1148h. 
°) Baumgarten Heimat 2, 88; BIPommVk. 
\, 139; Bohnenberger 19; DG. 5,23; Groh- 
nann 204 t.; Heyl Tirol 40; Kunze Suhler 
•lagen 69; Mackensen Nds. Sagen 103; Meyer 
Baden 567; Müller Urner Sagen i, 225 ff.; 
STiderberger Unterwalden 3, 620 ff.; Reiser 
illgäu i, 2iifL; Schw.Vk. 2, 10; Wolf Bei- 
räs'e 1. 2S7 f.: Wuttke 413 § 643- ll ) Bartsch 







467 


Rad 


468 


Mecklenburg 2, 202. 12 ) Andree Braunschweig 
389; Bartsch Mecklenburg 1, 237; BIPommVk. 
4, 141; Kuhn Mark. Sagen 49; Kuhn und 
Schwartz 420; Meyer Germ. Myth. 99; Mül- 
lenhoff Sagen 4 206; Reusch Samland Nr. 37; 
Sundine (Stralsund) Jg. 1832, p. 255; Voges 
Braunschweig 57. 13 ) Grohmann 23. 14 ) 

Bartsch Mecklenburg 2, 202. 15 ) Lütolf 

Sagen 156. lß ) Bechstein Frank. Sagen 1, 57; 
Bechstein Thüringen 4, 234; Birlinger 

Volksth. 1, 37; Wolf Beiträge 2, 160; Wuttke 
*9 § 18; 130 §177. 17 ) Grimm Myth. 3, 445. 
18 ) Birlinger Volksth. 1, 200. 19 ) Stracker- 

jan 1 § 236. 20 ) Ebda. 2 § 487. 21 ) Kuhn Mark. 
Sagen 369. 22 ) Panzer Beitrag 1, 260. 23 ) Hey] 
Tirol 804. 24 ) Kuhn Herabkunft d. Feuers 106; 
Lyncker Sagen Nr. 191; Sey Sachsen 154. 
25 ) Grimm Myth. 2, 953; 3, 444; Heyl Tirol 
763; Prätorius Phil. 100. 26 ) NdZfVk. 8, 39. 
27 ) Deonna croyances relig. 335 h.; Goblet 
d'Alviella Migration 33. 28 ) Löwenstimm 

Abergl. 87. 29 ) Strackerjan 2, 230; 2, 292. 

30 ) Sebillot Folk-Lore 2, 385. 31 ) Kahlo Verse 
i. Sagen u. Märchen (Jena 1919) 61; Mile- 
nowski V olksmär che n a. Böhmen (Breslau 1853) 
I 43 »' Wen zig Westslaw. Märchenschatz (Leipzig 
i8 57 ) 5 6 * 32 ) John Erzgebirge 95. 

3. Häufig und schon seit dem frühen 
Mittelalter bezeugt ist die Verwendung 
des R.es im Kulte der Jahresfeuer. Es 
begegnet uns in zwiefacher Anwendung, 
einmal als strohumflochtenes Wagenr., das 
beim Jahresfeuer meistens auf einem 
Berge in Brand gesetzt und dann zu Tal 
gerollt wird, oder als R.scheibe, die im 
Feuer an den Rändern glühend gemacht 
und dann durch einen Stock im hohen 
Bogen durch die Luft geschleudert wird 
(s. Sch ei benschlagen). 

Der älteste unsichere Hinweis auf 
einen von beiden Bräuchen findet sich 


vielleicht in einer Missionspredigt des 
hl. Eligius (gest. 659 zu Noyon), in der 
es heißt: „nullus in festivitate Johannis 
baptistae . . . solstitia . . . exerceat“ 33 ). 
Den ersten sicheren Beleg bringen die 
Annalen des Klosters Lorsch vom Jahre 
1090, wo gesagt wird ,,discus in extrema 
marginis hora, ut solet accensus, . . . per 
aera vibratus“ sei die Ursache des Kloster¬ 
brandes vom 21. März gewesen 34 ). Eine 
höfische Umformung der Sitte des R.- 
rollens können wir wohl in den Versen 
der Kaiserchronik (ca. 1150) erblicken: 

die allerwisistin herren 
vuorten einiz all umbe die stat, 
daz was geschaffen same ein vat 
mit brinnenden liehten 35 ). 


des 


Gleichfalls aus dem 12. Jh. stammt ein 
Beleg aus Frankreich in der summa de 
divinis officiis des Joh. Beleth: „in festo 
Johannis baptistae . . rota in quibusdam 
locis volvitur“ 36 ). Als letzte tritt hinzu 
eine Stelle bei einem mittelalterlichen 
ags. Schriftsteller: „dicamus de tripudiis, 
quae in vigilia St. Johannis fieri solent, 
quorum tria genera . . . Tertium de rota, 
quae faciunt volvi; quod, cum immunda 
cremant, habent ex gentilibus“ 37 ). Für 
die nächsten Jahrhunderte schweigen 
die Quellen. Erst die Humanisten be¬ 
richten uns wieder, so Joh. Boemus in 
seinen Omnium gentium mores cap. 13—16 
pag. 221 ff. (ca. 1520) aus Würzburg: 
Zu Mitterfasten hat damals die Jugend 
ein strohumwickeltes R. brennend zu Tal 
gerollt, so daß alle, die es noch nicht 
gesehen hatten, glaubten, die Sonne oder 
der Mond falle vom Himmel 38 ). In der 
Johannisnacht zündeten dann die Hof¬ 
leute des Bischofs von Würzburg auf 
einem die Stadt überragenden Berge ein 
Feuer an, legten kleine in der Mitte 
durchlöcherte Scheiben hinein, setzten 
diese in Brand, steckten sie auf einen 
Stock und schleuderten sie dann hoch 
in die Luft. Boemus setzt hinzu: Wer 
sie noch niemals sah, hält sie für fliegende 
Drachen 39 ). Nur wenig später bezeugt 
Seb. Frank in seinem Weltbuch (Ausg. 

v - I 534 u. 1567) für Eisenach die Sitte, 
zu Mitterfasten ein Feuerr. zu Tal zu 
rollen 40 ). Um die gleiche Zeit etwa 
( x 55 °) wird das ,,R.schleudern“ zum 
ersten Male erwähnt, das die Metzger 
in Trier auf dem Maxberge feierten 41 ). 
Gleichfalls für das 16. Jh. legt ein Bericht 
diese Sitte für den Kanton Basel-Land 
fest 42 ). Im Jahre 1566 wird in der 
pfälzischen Grafschaft Leiningen „Das 
Rathscheiben“ beim Johannisfeuer und 
„manche andere heydnische, abergleubi- 
scheGebräuche“ verboten 43 ). Im Kirchen¬ 
kalender des Jahres 1608 verbietet Mar- 
tinus Bohemus für Schwaben: „So dürften 
wir auch am St. Johannstage nicht 
Todtbeine verbrennen oder Lichter an¬ 
zünden oder Reder umbtreiben“ 44 ). Im 
Jahre 1722 wird für die Grafschaft 
Leiningen das Verbot des Jahres 1608 


? 



Rad 



wiederholt 45 ). In einer Hs. des Jahres 
1704 wird ausführlich über das R.rollen 
berichtet, das zu Eisenach die Kinder 
und Mägde beim „Sommergewinn“ am 
Laetaresonntag veranstalteten 46 ). 1779 
wird zum letzten Male das Feuerr. vom 
Maxberge bei Trier zu Tal gerollt 47 ). 
1816 hört die gleiche Sitte in Gerolstein j 
(Eifel) auf 48 ). i 

Die Mehrzahl der Belege für beide 
Sitten stammt aus dem 19. Jh.; doch 
beschränken sie sich im wesentlichen auf j 
West-, Südwest- und Süddeutschland 
sowie die Alpenländer, reichen nur ver¬ 
einzelt nach Mitteldeutschland hinüber 
und meiden Nord- und Ostdeutschland 
gänzlich. Auch für Frankreich ist der 
Brauch nur in unbedeutenden und er¬ 
starrten Resten bezeugt. 

Das R.rollen findet statt zu Fastnacht 
im Rheinland 49 ), Rheingau 50 ), Pfalz 51 ), 
Odenwald 52 ); am 1. Fastensonntage 
(Invocavit), dem sog. Funkensonntage, 
in Luxemburg 53 ), der Eifel 54 ), dem 
Moselland 55 ), der Rheinpfalz 66 ), dem 
Odenwald 57 ), der Rhön 58 ), dem Vogels¬ 
berg 59 ), Nassau 60 ), dem badischen Unter¬ 
land 61 ), Elsaß 62 ), Schwarzwald 63 ), 
Schwaben 64 ), Allgäu 65 ), Bayern 66 ), im 
Kanton Aargau 67 ), Luzerner Hinter¬ 
land 68 ), Züricher Weinland 69 ), in Tirol 70 ) 
am Montag nach Invocavit, dem sog. j 
Hirßmontage in der Nähe von Zürich 71 ); j 
zu Mitterfasten, am Sonntag Laetare, 
bei Eisenach 72 ) und in der Nähe von 
Freiburg i. B. 73 ); zu Ostern im alten 
Bistum Hildesheim 74 ), in Oberbayern 75 ); 
am St. Veitstage (15. Juni) in Schwaben 76 ); 
sehr häufig am Johannistage, nämlich 
im Moseltale 77 ), in Hessen 78 ), Nassau 79 ), 
Böhmen 80 ), im schwäbischen Jura 81 ), 
bei den deutschen Kolonisten am unteren 
Maros 82 ); am Michaelstage (29. Sept.) 
in der Eifel 83 ), dem Mosellande 84 ); 
am Martinstage in der Eifel 85 ), dem 
südlichen Westfalen 86 ). Das brennende 
R. wird bisweilen ersetzt; durch eine 
Teertonne beim Johannisfeuer in Eders- 
leben bei Sangerhausen 87 ) und beim Mar¬ 
tinsfeuer in Echternach (Luxemburg) 88 ), 
häufig durch einen Kartoffelkorb bei 
den Martinsfeuern in der Eifel 89 ) und 


in Westfalen 90 ). In Frankreich übt man 

das R.rollen noch beim Johannisfeuer in 

Poitou 91 ) und im Departement de 

rOrne 92 ). Über die Form der Sitte 

herrscht zwischen den einzelnen Be- 

* • 

richten weitgehende Übereinstimmung. 
Fast stets sind R.rollen und Jahresfeuer 
eng miteinander verbunden; meistens 
wird dieses an jenem entzündet 93 ). In 
vielen Fällen ist ein ganz bestimmter 
Berg in der Umgebung Stätte der kulti¬ 
schen Handlung, so der Radersberg bei 
Brück (Eifel) M ), der Paulsberg bei 
Trier 95 ), der Mittelstein bei Eisenach 96 ). 
Oft wird gefordert, daß das Feuerr. erst 
im Wasser des Talflusses gelöscht wird 97 ); 
man weissagt dann eine gute Wein¬ 
ernte 98 ). Auch sonst hat die Sitte im 
Volksglauben vorwiegend fruchtbarkeits¬ 
fördernde, dämonenabwehrende Kraft. In 
dem mittelalterlichen Zeugnis aus Eng¬ 
land heißt es, daß durch das Feuer 
Giftdrachen, die zur Sommerzeit Brunnen 
und Quellen vergifteten, vertrieben wür¬ 
den "). Nach den Belegen des 19. Jh. 
werden die Felder soweit fruchtbar, wie 
der Feuerschein reicht 10 °). Das R. 
wehrt den Hagelschiag von den Saaten 
ab und heißt darum auch „Hallr.“ 101 ); 
es schützt vor Gewitterschaden 102 ). Junge 
Männer begleiten es auf seinem Laufe 
mit brennenden Fackeln 10 3 ); wessen 
Fackel auf dem Wege nicht erlischt, der 
hat eine glückliche Zukunft 104 ). Wo 
man es sieht, wird es mit lautem Jubel 
begrüßt 305 ). Wenn es im Tale aus¬ 
brennt, werden von den Umstehenden 
Gesangbuchverse und fromme Sprüche 
aufgesagt 106 ). Nachher werden ein be¬ 
sonderes Gebäck 107 ), Erbsen 108 ), Eier 109 ) 
verzehrt. Eine neue Mythenbildung 
liegt vor, wenn in Gerolstein (Eifel) ge¬ 
sagt wird, das R.rollen sei ein Hinweis 
auf den Untergang der evangel. Lehre 

dort (1583) no ). 

Das Scheibenschlagen stimmt in seiner 
räumlichen Verbreitung sowie in den 
Zeiten, an denen es stattfindet, auf das 
engste mit dem R.rollen überein; zu¬ 
weilen werden beide Sitten gleichzeitig 
geübt m ). Es ist bezeugt zu Fastnacht 
aus der Eifel 112 ), den Nordvogesen U3 ), 


1 



47i 


Rad 


4/2 


aus Schwaben 114 ), Allgäu 115 }, Bayern 116 ), 
den Alpen 117 ); zum Sonntag Invocavit 
aus dem Mosellande 118 ), der Pfalz 119 ), 
dem fränkischen Teile Badens 12 °), der 
Rhön m ), aus Schwaben 122 ), dem Basler 
Jura 123 ), den Kantonen Aargau 124 ) und 
Glarus 125 ), dem Luzerner Hinterland 126 ) 
und Tirol 127 ); zu Ostern aus Ober¬ 
bayern 128 ); zum Johannistage aus der 
Pfalz 129 ), dem Egerland 13 °), Württem¬ 
berg 131 ), Baden 132 ), Tirol 133 ), Kärn¬ 
ten 134 ) und bei den deutschen Kolo¬ 
nisten am unteren MaroS 135 ). Die R.- 
scheiben sind entweder richtige kleine 
Räder 136 ) oder runde. Holzscheiben, die 
an den Rändern häufig strahlenförmig 
ausgezackt sind 137 ) und dann in der 
schon dargestellten Weise angebrannt 
und in die Luft geschleudert werden. 
Im Gegensatz zum R.rollen ist die Zauber¬ 
kraft der R.scheiben mehr auf das per¬ 
sönliche Leben gewandt. Wer sie schleu¬ 
dert, sagt dabei einen Segensspruch und 
bringt durch ihn einer bestimmten Person, 
meistens der Bursche seinem Mädchen, 
Glück und Gesundheit 138 ). Wenn neben 
diesen „Ehrenscheiben“ auch „Spott¬ 
end Schadenscheiben“ 139 ) auftreten, so 
ist in ihnen wohl eine jüngere Ent¬ 
wicklung zu erblicken. Vereinzelt ist 
man der Überzeugung, daß das Feld 
fruchtbar werde, so weit die Scheibe 
über es hinwegfliegt 14 °); Reste der Schei¬ 
ben steckt man in den Flachsacker, um 
das Ungeziefer fernzuhalten 141 ). 

F ür Deutschland waren gegen Ende 
des 19. Jh. R.rollen und Scheibenschlagen ; 
so gut wie ausgestorben; in den letzten ! 
Jahren sind sie, ebenso wie die Oster- j 
und Sonnwendfeuer, aus dem Geiste j 
einer neuen Romantik an manchen Orten 
wieder üblich geworden, wie Zeitungs- j 
meldungen beweisen 142 ). j 

Man hat in der Forschung beide i 
kultischen Gebräuche stets in enge Be- \ 
Ziehung zueinander gebracht und sie für j 
Reste eines germanischen Sonnenkults j 
erklärt 143 ); z. T. trennte man derart, j 
daß die R.scheiben, als Symbol der auf- j 
steigenden Sonne, ursprünglich nur den 
Frühlingsfeuern 144 ), das R.rollen, als 
Symbol der absteigenden Sonne, jedoch 1 


den Mittsommerfeuern 145 ) eigneten. Der 
lebendige Volksglaube bietet jedoch keine 
■ Beweise für diese Erklärungsversuche. 

Alle Glaubensäußerungen beziehen sich 
i nur auf die Verbreitung von Fruchtbar- 
j keit und Gedeihen oder auf die Abwehr 
' von Schaden und feindlichen Dämonen. 

| In den meisten Fällen sind R. und Scheibe 
nicht viel mehr als das Mittel, um die 
Zauberkraft des Jahresfeuers auf einen 
möglichst großen Umkreis auszudehnen, 
i Auch die älteren Zeugnisse geben keine 
1 andere Auskunft. Zwar berichtet Seb. 

I Frank „das gleich anzusehen ist als ob 
! die Sonn vom Himmel lieffe“ 146 ), aber 
diese Worte sind ein poetischer Vergleich 
des Humanisten, nicht Wiedergabe einer 
j Volksmeinung. Ähnlich drückt sich auch 
I J- Boemus aus 147 ). Als scheinbare 
I Stütze für die Herleitung aus dem Sonnen- 
i kult bleiben nur übrig das mittelalter¬ 
liche englische und französische Zeugnis. 
Im ersten 148 ) (und ähnlich im zweiten 149 )) 
heißt es allerdings: „vota involvitur ad 
significandum, quod sol tune ascendit 
ad alciora sui circuli et statim regreditur; 
inde venit, quod faciunt volvi rota“. 
x\ber der gelehrte Verfasser führt un¬ 
mittelbar vorher den eigentlichen Aber¬ 
glauben, nämlich die Vertreibung der 
Giftdrachen, an; der Franzose braucht 
den Vergleich zwischen dem Feuerr. und 
der Sonne in Verbindung mit Johannis 
d. Täufer und Christus, so daß auch in 
diesen beiden Zeugnissen die Beweiskraft 
für einen Sonnenkult fraglich bleibt. 
Abgesehen von diesen Bedenken darf 
auch nicht übersehen werden, daß die 
Ausbreitung beider Sitten scharfe räum¬ 
liche Grenzen zeigt. Die ältesten Belege 
stammen aus dem Moselland, der Pfalz, 
dem Rheingau, also aus fränkischen 
Stammesgebieten, und sind dort ziemlich 
zahlreich; später liegen Zeugnisse aus 

dem alemannisch-schwäbischen Stammes¬ 
bereich vor, dann solche aus Bayern, 
Tirol, Österreich, während die nördlichen 
und östlichen germanischen Lande ganz 
ausfallen. Diese Tatsache läßt vermuten, 
daß R.rollen und Scheibenschlagen nicht 
Reste eines urgermanischen Sonnenkults 
sind, sondern in ihrer Form erst später 


473 


Rad 


474 


auf fränkischem Boden, vielleicht sogar 
in den einst römischen Provinzen Ger- 
maniens, entstanden sind und sich von 
dort auf das übrige Süddeutschland aus¬ 
gebreitet haben. In ihrem Mittelpunkt 
hat nicht eine kultische Verehrung der 
Sonne, sondern ein Fruchtbarkeits- und 
Schadenabwehrritus gestanden. 

Ein unorganisches Weiterwuchern dieser 
Sitte haben wir sicher in dem R.rollen am 
Martinstage in der Eifel und im südlichen 
Westfalen zu erblicken. Schon die Tat¬ 
sachen, daß das R. meistens durch einen 
Kartoffelkorb vertreten ist, daß das Fest 
„Mierteskorf“ 15 °) heißt, daß als Grund 
kein Zauber, sondern die Freude über 
die beendete Ernte angegeben wird 151 ), 
zwingen zu dieser Annahme. Ebenso 
wird man einen anderen Grund dafür 
annehmen müssen, daß es in Ritten bei 
Bozen üblich ist, in den Nächten nach 
Neujahr Räder übers Haus zu werfen 152 ). 

33 ) Vita S. Eligii 2, 16 (ed. Krusch MG. 
script. merov. 4, 634—741); Grimm Myth. 1, 
516. 34) Z fvk. 3 (1893). 349 - 35 ) Grimm 

Myth. 1, 516 f. 38 ) j. ßeleth Summa de divinis 
officiis (gedr. Dillingen 1572) pag. 256 cap. 137; 
Grimm Myth. 1, 516 f. 37 j Kembl e Die Sachsen 
i. England 1, 296 f.; Kuhn Herabkunft d. Feuers 
51; Mannhardt 1,509. 38 ) Schmidt Volksk. 
104; ZfVk. 3 (1893). 357 f - S9 ) Schmidt 
Volksk. 104. 40 ) Seb. Frank Weltbuch (1567) 
1, 50 ff.; Grimm Myth. 1, 522; Jahn Opfer¬ 
gebräuche 91; ZfVk. 3 (1893), 357 f. 41 ) Grimm 
Myth. 3, 70. 42 ) Basler Jb. 1905, 117; SAVk. 
31, 247. 43 ) HessBIVk. 6, 148. 44 ) Birlinger 
Schwaben 2, 122; Jahn Opfergebräuche 40. 

45 ) Kirchenordnung, wie es mit der christl. 
Lehre . . in unserer Grafen zu Leiningen 
Grafschaften gehalten werden soll (Grün¬ 
statt 1722), Abschn. Kirchenzensur pag. 10 f. 

46 ) J ahn Opfer gebräuche 89; Sartori Sitte 3,131; 
Witzschel Sitten u. Gebräuche a. d. Umgeb. v. 
Eisenach (Progr. Eisenach 1866) pag. 12. 

47 ) Grimm Myth. 3, 70. 48 ) ZfdMyth. 1, 88 ff. 

«) Wrede Rhein. Volksk . 2 253. 50 ) Grimm 

Myth. 1, 522; Pfannenschmid Erntefeste 384. 
61 ) Bayld. 24, 124; Becker Pfalz 2 141; BlBay- 
Vk. 1, 23; Mitteilgn. u. Umfr. z. bayer. Vk. 9 
Nr. 1 ff. 52 ) HessBIVk. 4, 211 ff.; 6, 147. 

53 ) Fontaine Luxemburg 28 f. 54 ) J ahn Opfer¬ 
gebräuche 85; Mannhardt 1, 455; 1, 5 QI ; 
Schmitz Eifel i, 24 t.; ZfdMyth. 1, 88 ff.; 
ZfVk. 3, 353. 55 ) HessBIVk. 5, 158; 6, 147; 

Jahn Opfer gebräuche 85; Mannhardt 1, 501; 
Mannhardt Götter 233; Wallonia 12, 66 ff.; 
ZfVk. 3, 353. 56 ) HessBIVk. 6, 147; Jahn 

Opfer gebräuche 86; ZfVk. 3, 353. 57 ) Frankf. 

Ztg. Jg. 1905 Nr. 69, 1. Morgenbl.; HessBIVk. 


6, 147. 58 ) Jahn Opfer gebräuche S9; Kolbe 

Hessen 36; Mannhardt 1, 500; Witzschel 


Thüringen 189; ZfVk. 3, 353 


) Heßler 


Hessen 2, 95; 2, 354; Mannhardt 1, 500; 
Zf Vk. 3, 353. 60 ) J. Kehrein Nassau (Leipzig 
1862) 142 ff. 61 ) Meyer Baden 215. 62 ) Hess¬ 
BIVk. 6, 147; Hertz Elsaß 22 ff.; Pfannen- 
schmid Fastnachtsbräuche i. Elsaß-Lothringen 
13. 6a ) Frankf. Ztg. Jg. 1906 Nr. 63 Abendbl.; 
HessBIVk. 6, 147; F. Lamey Volkskdn. i. 

Breisgau 45 h.; Tobler Schweizer Volksl. i„ 
205 ff. 64 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 31; 
2, 54; Birlinger Volksth. 2, 56. 65 ) Förder- 

reuther Allgäu 250; Reiser Allgäu 2, 92. 
««) Bronner Sitt' u. Art 85. 67 ) SAVk. 1, 129. 
181; 11, 247. 68 ) Henne am Rhyn Die Deut¬ 
sche Volkssage (Leipzig 1874) 528; Meyer 

Volksk. 256; SAVk. 11, 247. 69 ) SAVk. 16, 41 ff. 

70 ) v. Hörmann Die Jahreszeiten i. d. Alpen 27. 

71 ) ZfVk. 3, 353. 72 ) Witzschel Thüringen 

2, 192. 73 ) Alemannia 39, 125. 74 ) K. Seifert 

Sagen . . . aus Hildesheim 135; Jahn Opfer¬ 
gebräuche 124; Mannhardt 1, 507. 75 ) Jahn 

Opfer gebräuche 127; Mannhardt 1, 5°^: 

Panzer Beitrag 1, 212. 76 ) J ahn Opfergebräuche 
154; Mannhardt 1, 519; Panzer Beitrag i, 
213; 2, 240. 77 ) Grimm Myth. 1, 515 f.; 

Henne am Rhyn Die Deutsche Volkssage 
530 ff.; Hocker Moselland (1852) 415: Kuhn 
Herabkunft d. Feuers 95 f.; Mannhardt 1, 510; 
Panzer Beitrag 2, 544; Wolf Beiträge 2, 382; 
ZfDMyth. 1, 88 f. 78 ) Jahn Opfergebräuche 
153. 7Ö ) Ebda. 80 ) Mannhardt 1, 510; Reins¬ 
berg Böhmen 306 ff. 81 ) Birlinger Volksth. 
2, 96; 2, 103; Mannhardt 1, 510; Meier 
Schwaben 424; Wolf Beiträge 2, 382. 82 ) Wlis- 
locki Magyaren 63. 83 ) J ahn Opfergebräuche 

239; Pf annenschmid Erntefeste 117; Sartori 
Sitte 3, 259; ZfdMyth. 1, 88 f. 84 ) Pfannen¬ 
schmidt Erntefeste 117; Schmitz Eifel 1, 43L; 
ZfdMyth. 1, 88 f. 85 ) J ahn Opfer gebräuche 241; 
Sartori Sitte 3, 271; Schmitz Eifel 1, 46. 
86 ) Pf annenschmid Erntefeste 213. 87 ) Kuhn 
u. Schwartz 390; Mannhardt 1, 511; Sartori 
Sitte 3, 226. 88 ) Fontaine Luxemburg 79; 

Sartori Sitte 3, 271. 89 ) Jahn Opfer gebräuche 
241; Sartori Sitte 3, 272; Schmitz Eifel 1, 46; 
Wolf Beiträge 1, 41 ff. 90 ) Kuhn Westfalen 
2, 99; Pf annenschmid Erntefeste 213. 

91 ) Mannhardt 1, 511; Wolf Beiträge 2, 393 - 

92 ) Mannhardt 1, 537 - 93 ) z - B - Jahn Opfer¬ 

gebräuche 154; Mannhardt Götter 201; Panzer 
Beitrag 2, 240; Sartori Sitte 3, 226; Wlislocki 
Magyaren 63. 94 ) Simrock Mythologie 371; 

Schmitz Eifel 1, 248. 95 ) Henne am Rhyn 

Die Deutsche Volkssage 530 f- 96 ) J ahn Opfer¬ 
gebräuche 89; Sartori Sitte 3, 131. 97 ) Sartori 
Sitte 3, 271; Schmitz Eifel 1, 24 f.; ZfdMyth. 
1, 88 ff. 98 ) Grimm Myth. 1, 515 f-J Henne 
am Rhyn Die Deutsche Volkssage 530 f.; 
Mannhardt 1, 510 f.; Panzer Beitrag 2, 544; 
Wolf Beiträge 2, 382. ")Kemble Die Sachsen 
i. England 1, 296 f.; Kuhn Herabkunft d. Feuers 
51; Mannhardt 1, 5 ° 9 ; Meyer Germ. Myth. 
99. ^o) Becker Pfalz 2 141; Golther Mytho - 






475 


Rad 


476 


logie 576; Sartori Sitte 3, 107; Wolf Beiträge 
2 » 393 - 101 ) DWb. 4, 2147; J ahn Opfergebräuche 
153; Kolbe Hessen 36; Mannhardt 1, 500; 
Meyer Germ. Myth. 99; Pfannenschmid 
Erntefeste 67; ZfVk. 3, 353. 102 ) Jahn Opfer¬ 
gebräuche 86. 103 ) Ebda. 239. 104 ) Sartori 

Sitte 3, 259; ZfdMyth. 1, 88 f. 105 ) Henne am 
Rhyn Die Deutsche Volkssage 530 f.; Mann¬ 
hardt 1, 511. 106 ) Jahn Opfergebräuche 89; 

154; Panzer Beitrag 2, 240. 107 ) Mannhardt 
L 455 - 108 ) ZfdMyth. i, 88 f. 199 ) Panzer 

Beitrag 1, 212. 110 ) ZfdMyth. i, 88 f. ni ) z. B. 

1. d. hohen Rhön u. a. d. Mosel; Mannhardt 

L 537 » Panzer Beitrag 1, 212; ZfVk. 3, 353. 
112 ) J ahn Opfer gebrauche 85. 113 ) Eis. Lothr. Jb. 
2 » 183; 3, 119 ff.; 8, 160 ff.; 12, 187; Erkmann- 
Chatrian Histoire d’un sousmaitre (1871) 
98—104; Mannhardt 1, 456. 114 ) Alemannia 

39, 124 f. 115 ) Reiser Allgäu 2, 96 ff. m ) Bron- 
ner SiW u. Art 82 ff. 117 ) v. Hörmann Die 
Jahreszeiten i . d. Alpen 30 ff. 118 ) ZfVk. 3, 353. 
119 ) Becker Pfalz 2 130 f. 12 °) Meyer Baden 
215. m ) ZfVk. 3, 353. 122 ) Bavaria 2, 2, 839; 
Mannhardt 1, 502; Meier Schwaben 380t.; 
423 f. 123 ) SAVk. ii, 247. i 24 ) Ebda. 123 ) Mann- 
hardt 1, 465. i 2 ®) SAVk. n, 247. 127 ) Mann¬ 
hardt 1, 501. 128 ) Mannhardt 1, 507h; 

Panzer Beitrag 1, 212. 129 ) Becker Pfalz 2 

130 f. 13 °) Mannhardt 1, 466; Reinsberg 
Böhmen 308. 131 ) Meyer Baden 215. 132 ) Ebda. 
266. 133 ) v. Hörmann Die Jahreszeiten i. d. 

Alpen 30 ff.; Panzer Beitrag 1, 210 ff.; 1, 511. 
134 ) Franzis ci Kärnten 77. 133 ) Globus 98, 240. 
i36 ) ZfVk. 3, 353. 1 37 ) Kuhn Herabkunft d. 

Feuers 49; Mannhardt 1, 465h; Sartori 
Sitte 3, 108; ZfVk. 3, 359. 138 ) Mannhardt 

L 5 OI I L 507 f-; L 465; Mannhardt Götter 
2 34 f-»’ SAVk. 11, 247. 139 ) Mannhardt Golfer 
234 f.; Sartori Sitte 3, 107. 14 °) Golther 

Mythologie 572; Jahn Opfergebräuche 138. 
141 ) Bavaria 2, 2, 839; Birlinger Aus Schwaben 

2, 67 ff.; Mannhardt 1, 502. 142 ) z. B. Dte. 

Allg. Ztg. (Reichsausg.) Jg. 70 Nr. 281/282 u. 
Nr. 275/276. 143 ) Becker Pfalz 2 130 f.; Grimm 
Myth. 1, 515t.; Helm Religgesch. 1, 176; i, 
180 f.; Kuhn Herabkunft d. Feuers 49 h 97. 
102 f.; Mannhardt 1, 465 t.; Mannhardt 
Götter 201; Panzer Beitrag 2, 545; Rehm 
Feste 35; Sartori Sitte 3, 108; Wuttke 130 
§ 177; Zingerle Johannissegen 208. 144 ) Mann¬ 
hardt 1, 521; ZfVk. 3, 359. 145 ) Mannhardt 

1» 521. 146 ) Jahn Opfergebräuche 91. 

147 ) Schmidt Volksk. 102. 104. 148 ) Kemble 

Sachsen i. England 1, 298 t.; Kuhn Herabkunft 
d. Feuers 51. 149 ) J.Beleth summa de divinis 
officiis cap. 137; Grimm Myth. 1, 515 f. 

15 °) Jahn Opfergebräuche 241; Schmitz Eifel 
1, 46; Wolf Beiträge 1, 41 f. 151 ) Sartori 
Sitte 3, 272. 132 ) Heyl Tirol 763 Nr. 60. 

4. Ganz vereinzelt sind Redewendungen, 
in denen der Volksmund die Sonne oder 
andere Gestirne mit einem R.e vergleicht. 
Wenn man in der Oberpfalz von den 
Ringen, die die Sonnenstrahlen auf dem 


Wasser bilden, sagt, „die Sonne radelt* * 153 j, 
so ist dies sicher eine junge Bildung. In 
einem deutschen Märchen heißt es ein¬ 
mal, die Sonne sitze in einem Glashause, 
drehe ein R. und spinne Goldfäden 154 ). 
In Titurel wird vom Sonnenr.e ge¬ 
sprochen 155 ); in der Edda stehen im 
Alvismäl die Worte „alfar (kalla söl) 
fagra hvel“ 156 ). Aber alle diese Rede¬ 
wendungen sind poetische Bilder und 
keine Zeugnisse für einen germanischen 
Sonnenkult in Gestalt des R.es. Dagegen 
sind der indischen Götterdichtung Ver¬ 
gleiche zwischen Sonne und R. geläufig 157 ), 
und auch bei den Griechen 158 ) und 
Römern 159 ) tauchen sie auf. Ebenso 
selten nennt der Volksmund den Mond 
ein R. In der Oberpfalz sagt man vom 
Vollmond „da Maun is vull wai a Pflaug- 
radf c 16 °); in der Steiermark heißt der 
Mond „gmoarat“, was vielleicht mit 
gemeines R. zu übersetzen ist 161 ). In 
der Edda stehen im gleichen Liede wie 
oben für den Mond die Worte „kalla 
(mäna) hverfanda hvel hei jo i“ 162 ). 
Keine Parallele im Deutschen hat die 
wallonische Bezeichnung des Regenbogens 
als des R.es des hl. Bernhard 163 ). 

Wenn der Dithmarser Bauer bei einem 
starken Gewitter sagt „nu faert de Olde 
all wedder da bawen un haut mit sin Ex 
anne Räd“ 164 ) und meint die Funken, 
die dabei absprängen, seien die Blitze, 
so kann in diesen Worten ein alter 
Glaube vorliegen. Wenn dagegen in 
einigen Kinderversen die hl. Katharina 
(v. Alexandrien), die auf Grund ihres 
Martyriums mit dem R.attribut dar¬ 
gestellt wurde, angerufen wird, die Sonne 
scheinen zu lassen 165 ), so ist dies kein 
Beweis für das R. als Sonnensymbol. 
Ebensowenig läßt sich wohl der Heiligen¬ 
schein aus dem Sonnenr. herleiten 166 ). 
Sehr häufig hat man zwei antike Mythen 
in Beziehung zum Sonnenkult gesetzt, 
die Sage von Ixion, der von Zeus zur 
Strafe auf ein R. geflochten wurde 167 ), 
und das Sagenvolk der Cyklopen 168 ). 
Jedoch finden sich im deutschen Volks¬ 
glauben hierzu keine Entsprechungen; 
die Einäugigkeit Odins auf die Sonne zu 
deuten, ist zurückgewiesen worden 169 ). 


477 


Rad 


478 


Dagegen steht für die alten indischen 
und vorderasiatischen Kulturen die Ver¬ 
ehrung der Sonne in R.gestalt zweifels¬ 
frei fest 17 °). Hymnen und Mythen der 
ain. Dichtung beweisen, daß das Sonnenr. 
Gegenstand zahlreicher kultischer und 
magischer Zeremonien gewesen ist 171 ); 
von hier haben sich dann aus dem R.e 
Hakenkreuz 172 ) und christliches Kreuz 173 ) 
entwickelt. Bei den semitischen Völkern, 
Babyloniern und Assyrern ist das R. 
außerdem, vielleicht ursprünglich, Mond¬ 
symbol gewesen 174 ). Ob der keltische 
Gott mit dem R.attribute tatsächlich 
ein Sonnengott gewesen ist, bleibt zweifel¬ 
haft 175 ). 

153 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 54. 154 ) Zau- 
nert Märchen seit Grimm 1, 346. 155 ) Titurel 

(ed. K. A. Hahn) 2983; vgl. Grimm Myth. 2, 
585. 15e ) Alvismäl 16, 3; Grimm Myth. 2, 

585; Kuhn Herabkunft d. Feuers 54; Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 385; Mannhardt Götter 
104. 157 ) Kuhn Herabkunft d. Feuers 53 ff. 

158 ) Ebda. 68. 159 ) Ebda. 16 °) Mannhardt 

Götter 104; Schön werth Oberpfalz 2, 66; 

W. Wolf Mond (Bühl 1929) 18. 161 ) Grimm 

Myth. 2, 584; Wolf Mond 18. 162 ) Alvismäl 
14, 2; Grimm Myth. 2, 584; Mannhardt 
Götter 104. 163 ) Sebillot Folk-Lore 1, 68. 

164 ) Golther Mythologie 246; Kuhn Herabkunft 
d. Feuers 67; Müllenhoff Sagen 358 Nr. 480; 
Schwartz Studien 29. 272. 165 ) Mannhardt 

Germ. Mythen 385; Meyer Germ. Myth. 292. 

166 ) Goblet d’Alviella Migration 275. 

167 ) Goblet d'Alviella 1 . c.; Kuhn Herabkunft 

d. Feuers 68 f. ; Schwartz Studien 388 t.; 
anders: Mannhardt' 2, 83 ff. 168 ) Grimm 
Z. Polyphemsage 27 ff.; Kuhn Herabkunft d. 
Feuers 68 f.; anders: Mannhardt 2, nof. 
169 ) Golther Mythologie 347. 17 °) Ebert 

Reallex. 11, 9I; Eisler Weltenmantel 2, 364 h; 
Prometheus 1904/1905 Nr. 16—18. 171 ) Hille¬ 
brandt Sonnwendfeste i. Alt-Indien 23 ff.; 
W. Menzel Die vorgeschichtliche Unsterblich¬ 
keitslehre (Leipzig 1870) 1, 197 h.; Mannhardt 

I, 553 ; Pfannenschmid Erntefeste 423; 

Schröder Rigveda 438 f.; Siecke Götter¬ 
attribute 171; Strauß Bulgaren 48; ZfVk. 

3 . 359- 172 ) J- Lee hier Vom Hakenkreuz = 

Vorzeit Bd. 1 (1921). 173 ) Ebert Reallex. ii, 9. 
174 ) Spieß Prähistorie 18 ff. 175 ) Ebert Reallex. 

II, 10; Gaidoz Le Dieu Gaulois du Soleil et le 
symbolisme de la Roue in Revue archeologique 
1885. 

5. Eine große Rolle spielt das R. bei 
der Entzündung der Notfeuer 176 ), indem 
nämlich in die Nabe eines Wagenr.es 
eine enganschließende Achse gesteckt 
und das R. solange möglichst schnell ge¬ 


dreht wird, bis das Holz zu glimmen be¬ 
ginnt. Zwar sprechen die ältesten Er¬ 
wähnungen nur „de igne fricato de ligno, 
id est Notfyr“ 177 ); auch hat man es 
nach anderen Berichten auf verschiedene 
Weise entzündet 178 ). Dagegen heißt es 
in Marburger Untersuchungsakten v. J. 
1605, man solle ein neues Wagenr. mit 
noch ungebrauchter Achse solange um¬ 
treiben, bis es Feuer gebe 179 ). Schon 
etwas früher spricht der Pfarrer von 
Winterfeld in einem Bericht d. Js. 1575 
vom Räderschieben und Notfeuer in 
seinen Gemeinden. Für spätere Zeiten 
liegen zahlreiche Zeugnisse über eine 
solche Gewinnung des heüigen Feuers 
aus allen deutschen Gebieten vor: Ost¬ 
deutschland 18 °), Norddeutschland 181 ), 
Hessen 182 ), Thüringen 183 ), Böhmen 184 ), 
Süddeutschland 185 ), Schweiz (Appen¬ 
zell) 186 ); dazu gesellen sich überein¬ 
stimmende Berichte von den britischen 
Inseln 187 ), Ungarn 188 ), Indien 189 ). Wenn 
in Bayern und Schwaben am St. Veitstage 
die Erwachsenen ein altes Wagenr. auf 
einen Pfahl steckten und dann anzün¬ 
den 19 °), so wird auch darin noch der 
Rest einer alten Notfeuerbereitung vor¬ 
hegen. Über Zeiten und Zweck der Not¬ 
feuer siehe näheres s. v. Notfeuer. 

Auch das R., das bei der Notfeuer¬ 
bereitung erscheint, hat man als Sonnen¬ 
symbol angesprochen 191 ), obwohl die 
direkten Zeugnisse keine Beweise liefern. 
Vielmehr ist das R. zunächst nur der zur 
Erzeugung des Feuers benutzte Gegen¬ 
stand und erlangt erst durch jenes seine 
kultischen Qualitäten 192 ). Vielleicht sind 
die Sitten des R.rollens und Scheiben¬ 
schlagens aus dem Gebrauch des R.es 
zur Notfeuergewinnung hervorgegangen. 
Der Umstand, daß die Scheiben auf 
einen Stock gesteckt und durch dessen 
Drehung in die Luft geschleudert werden, 
weist darauf hin 193 ); bei den Feuerrädern 
wird des öfteren geradezu gefordert, daß 
sie wie das Notfeuer entzündet werden 194 ). 
Andererseits stimmt das Notfeuerr. mit 
den beiden anderen Sitten darin überein, 
daß es oft auf den Johannistag festgelegt 
ist 195 ), daß Feuer und Rauch des R.es 
für das Vieh heilkräftig sind 196 ), daß 


479 


Rad 


480 


angekohlte Teile von ihm zur Dämonen¬ 
abwehr mit nach Hause genommen wer¬ 
den 197 ). In allen drei Bräuchen ist das 
Feuer und seine Heiligkeit das Primäre; 
nachdem das R. bei der Bereitung des¬ 
selben angewandt wurde, wird es beim 
R.rollen und R.scheiben Mittel, um die 
Segenskraft des Elements auf einen mög¬ 
lichst großen Umkreis auszudehnen. 

Vereinzelt taucht die Verbrennung eines 
R.es bei Festschmäusen auf. So mußten, 
wie des öfteren berichtet wird, die Bauern, 
wenn sie dem Lehnsherrn am Stephans¬ 
tage (26. Dez.) den Zins ablieferten, so¬ 
lange bewirtet werden, bis ein Wagenr., 
das zuvor 45 Tage in einem Mistpfuhl 
gelegen hatte und bei Beginn der Feier 
angezündet wurde, vollständig verbrannt 
war 198 ). In der Mark Brandenburg 
pflegte man im 19. Jh. bei der Hochzeits¬ 
feier ein altes Wagenr. vor dem Hause 
zu verbrennen 199 ). In beiden Fällen 
darf man wohl annehmen, daß es sich um 
Weiterentwicklungen der Notfeuerberei¬ 
tung handelt 20 °). 

176 ) Grimm Myth. 1, 509; Jahn Opferge¬ 
bräuche 28; Mann har dt 1, 518. 177 ) Indiculus 

super stitionum 15; Grimm Myth. 1, 502. 
178 j Grimm Myth. 1, 503 ff. 179 ) Grimm Myth . 

1, 5 ° 3 I Wolf Beiträge 1, 116. 180 ) ] ahn Opfer¬ 

gebräuche 28; Mannhardt 1, 520; Neue Preußi¬ 
sche Provincialblätter 6, 148 f.; Rehm Feste 
35; Sartori Sitte 3, 229; Toeppen Masuren 
71. 181 ) Kuhn Märk. Sagen Nr. 341b; Kuhn 

u. Schwartz 369; Wolf Beiträge 1, 117. 
182 )Lyncker Sagen 252. 183 )Hch. Waldmann 
Eichsfeldische Gebräuche u. Sagen (Progr. Hei¬ 
ligenstadt 1864) 12. 184 ) John Westböhmen 209. 
18S ) Grimm Myth. 1, 504; Rochholz Glaube 

2, 145 ff. 186 ) Sartori Sitte 3, 109; SAVk. 21, 

245. 187 ) Grimm Myth. 1, 506 ff.; Mannhardt 
1, 521; Weinhold Neunzahl 31; Wolf Beiträge 
1,116. 188 } Wlislocki Magyarenö^. 189 ) Schrö¬ 
der Rigveda 438 f. 19 °) Jahn Opfergebräuche 
154; Panzer Beitrag i, 212 ff.; 2, 240. 
m ) Grimm Myth. i, 509; Kuhn Herabkunft 
d. Feuers 50; Mannhardt 1, 518 f.; Wolf 
Beiträge 2, 382. m ) Wlislocki Magyaren 64. 
193 ) Kuhn Herabkunft d. Feuers 49; Mannhardt 
1, 465; Panzer Beitrag 1, 210 ff. 194 ) Rehm 
Feste 143*; Sartori Sitte 3. 109; SAVk. 21, 245; 
Wlislocki Magyaren 63. 195 ) z. B. Kuhn 

Herabkunft d. Feuers 50; Mannhardt 1, 519P; 
Toppen Masuren 71. 196 ) Grimm Myth. 1, 

502 ff.; Wlislocki Magyaren 64. 197 ) Wlis¬ 

locki 1 . c. 198 ) Grimm Myth. 1, 509; Grimm 
Weisthümer 2, 615 ff.; 2, 6930.; Kuhn Herab¬ 
kunft d. Feuers 48; Mannhardt Götter 235; 


Wolf Beiträge 1, 515 ff. 199 ) Kuhn Mark. 
Sagen 362; Mannhardt I, 565; Sartori Sitte 
3, 108. 20 °) Wolf Beiträge 1, 516. 

6 . Zuweilen sind R.tänze üblich. So 
umtanzt man zu Ostern in Siebenbürgen 
das auf einen Mastbaum gepflanzte R. 201 ) 
in Brandenburg taten früher ein Gleiches 
die Hochzeitsgäste um das brennende 
R. 202 ). Die zu Fastnacht von den Um¬ 
ziehenden geübten Tänze, bei denen sich 
die beiden Tänzer an den Händen fassen 
und sich, die Füße gegen das Zentrum 
kräftig gegenseitig anstemmend, möglichst 
schnell herumdrehen, heißen R.tänze 203 ). 
Ein bei Augsburg geübtes Schlittenspiel 
heißt das Rädli 204 ). Ein lebendiger 

Aberglaube knüpft sich an diese Spiele 
nicht mehr. 

R.förmige Gebildbrote sind auf deut¬ 
schem Boden selten; im Kylltal (Eifel) 
verzehren Burschen und Mädchen am 
Sonntag Invocavit R.kuchen, nachdem 
das Feuerr. zu Tal gerollt ist 205 ). Zur 
Belohnung für das Scheibentreiben er¬ 
hält der Bursche von seinem Mädchen 
ein kranzförmiges Fastnachtsgebäck, den 
sog. Funkenring 206 ). Sonst fehlen in der 
deutschen Fastenzeit Rädergebäcke; sie 
treten erst zu Pfingsten deutlicher auf 207 ). 
Bei Griechen (cpÖots xpoyt'a) 20B ) f Römern 
(summanalia liba farinacia in modum 
rotae ficta) 209 ) und Galliern 210 ) sind 
Rädergebäcke und r.förmige Kuchen¬ 
formen verbreitet; sie scheinen Beziehun¬ 
gen zum Sonnen- 211 ), Mond- 212 ) und 
Cereskult 213 ) gehabt zu haben. 

Einer ungeheuren Beliebtheit hat sich 
das R. als ornamentales Symbol in den 
vorchristlichen Jahrtausenden erfreut. Es 
findet sich, wobei seine Form den ver¬ 
schiedensten Abwandlungen unterworfen 
ist, vom Kaukasus bis zu den britischen 
Inseln und Skandinavien 2U ), bei In¬ 
dern 215 ), den semitischen Völkern des 
Orients 216 ), in ganz Nordafrika 217 ), bei 
Griechen 218 ), Italern 219 ), auf altetruski¬ 
schen Monumenten 220 ), bei Galliern 221 } 
und Germanen 222 ). Sicher hat man es 
bei den Völkern Asiens und der Mittel¬ 
meerländer als Sonnensymbol ange¬ 
sehen 223 ), wenn auch Beziehungen zu 
anderen Kulten nicht selten sind 224 ), ln 


Rad 


482 


481 


Nordeuropa taucht es, übernommen aus 
dem Orient, als Kreisornament mit ein¬ 
gezeichnetem R.kreuz zuerst in der jün¬ 
geren Steinzeit auf; z. T. werden diese 
Zeichen schon symbolhafte Bedeutung 
gehabt haben 225 ). Größere Verbreitung 
und Häufigkeit erlangen diese Sonnen¬ 
räder erst in der Bronzezeit 226 ). Durch 
das Christentum scheint das Kreisorna¬ 
ment dann zum zweiten Male vom Orient 
nach dem Norden gewandert zu sein 227 ). 
Jedoch vermögen diese stummen Zeug¬ 
nisse trotz ihrer großen Zahl nicht den 
Beweis für einen mit dem R.e verknüpften 
germanischen Sonnenkult zu erbringen; 
auch führt von ihnen keine Brücke zum 
R.aberglauben der historischen Zeit. Die 
beim Blankenauswerfen in Beromünster 
verteilten Silberlinge, die R.gestalt haben, 
stehen vereinzelt da 228 ). 

201 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 286; Sartori 
Sitte 3, 162 Anm. 70. 202 ) Kuhn Märk. Sagen 
362; Mannhardt 3, 565. 203 ) Hofier Fast¬ 
nacht 59; NdZfVk. 7, 147. 204 ) Birlinger 

Schwaben 2, 23. 205 ) Mannhardt 1, 455; 

Schmitz Eifel 1, 24 f. 206 ) Mannhardt 1, 466. 
207 ) Höfler Fastnacht 59; Nds. 4, 350; Sartori 
Sitte u. Brauch 3, 215. 208 ) Höfler Fastnacht 59. 
209 ) Ebda.; Bachofen Gräber Symbolik 233 
Anm. 1. 210 ) Archiv für Anthropologie N. F. 

11 (1912), 243 ff. 211 ) Siecke Götterattribute 
308. 212 ) Höfler Fastnacht 59. 213 ) Bachofen 
Gräbersymbolik 241. 214 ) Ebert Reallex. 11, 11; 
Spieß Praehistorie 19. 215 ) Goblet d’ Alviella 
Migration 82 f. 219 t. 332. 216 ) Spieß Prae¬ 

historie 19. 217 ) Goblet d’Alviella Migration 
48t. 92. 283. 218 ) Ebert Reallex. 11, 11. 

2l9 ) Goblet d’Alviella Migration 274 f.; 
Bachofen Gr aber Symbolik 39. 22 °) Bachofen 

Gräber Symbolik 145 Anm. 2. 221 ) Deonna 
Croyances relig. 353 ff.; Goblet d’Alviella 
Migration 219 f. 222 ) Kuhn Herabkunft d. 
Feuers 47; Prometheus 1905 Nr. 16—18; 
Meyer Germ. Myth. 58. 223 ) Ebert Reallex. 

11, 11; Goblet d’Alviella Migration 67. 88. 
22< ) Bachofen Gräber Symbolik 39; 145 Anm. 2; 
Goblet d'Alviella Migration 82 f. 92; Meyer 
Germ Myth. 58. 225 ) AKultG. 3, 509; Ebert 

Reallex. 11, 10; Prometheus 1905 Nr. 16—18. 
**•) Ebert Reallex. 11, 11; 13, 451 f. 227 ) AKultG. 
3 , 509; Goblet d’Alviella Migration 219t.; 
Prometheus 1905 Nr. 16—18. 228 ) Hoff- 
mann-Krayer 144. 

7. Häufig findet man im deutschen 
Volksglauben die Vorstellung, daß Dä¬ 
monen zu bestimmten Zeiten auf einem 
Wagen oder einer R.welle umziehen 229 ). 
Am verbreitesten ist sie in der Form, 

Bächtold - Stäubli, Aberglaube VII 


daß dem Waldweiblein oder der Frau 
Gaue das Wagenr. zerbricht und von 
einem Menschen ausgebessert wird. Der 
hilfreiche Mensch erhält zum Lohne 
eine Handvoll Holzspäne, die bei der 
Arbeit abgefallen sind und sich am 
nächsten Morgen als Gold erweisen 230 ). 
Doch darf man aus dieser R.reparatur 
nicht auf eine Sonnengöttin und das 
Sonnenr. schließen 231 ); dem widerspricht 
die sonstige Natur des Dämons. Viel¬ 
mehr ist dieser und sein Umziehen der 
ursprüngliche Glaube; erst von ihm 
erhält das R. seine kultische Bedeutung. 
Ein Rest dieses Glaubens hat sich viel¬ 
leicht noch in den öfter bezeugten franzö¬ 
sischen Sagen erhalten, in denen gewisse 
Eindrücke in Felsen als Spuren der 
Wagenräder Heiliger erklärt werden 232 ). 

Des öfteren begegnet bei Festen und 
Umzügen der Brauch, Räder, die meist 
mit Figuren besetzt sind und in drehender 
Bewegung gehalten werden, mitzufüh¬ 
ren 233 ). So werden in Zürich am Hirß- 
montag (Tag nach Invocavit) der Kryden- 
Gladi und das Elsi, im Kanton St. Gallen 
der helle und der dunkle Ölgötz, im Aargau 
der Hansli und das Gretli, in Graubünden 
der Alte und die Alte auf einem horizontal 
sich drehenden Wagenr.e durch die Stadt 
gezogen 234 ). In Neuhausen bei München 
werden in gleicher Weise Hansl und Gretl 
im Pfingstumzug mitgeführt 235 ). Ähn¬ 
lich zeigen die Siebenbürger Deutschen 
Strohmann und R. beim Fastnachts¬ 
umzug 236 ). Zur Erntezeit wird ein Hahn 
auf ein in Umdrehung gesetztes R. ge¬ 
bunden 237 ). In Plauen und im Kreise 
Lübben (Lausitz) setzen sich zwei Bur¬ 
schen auf das nachgeschleifte Wagenr. 
und bringen es in Bewegung 238 ). Daß 
diese Sitte in ältere Zeiten hinauf reicht, 
beweist ein Verbot in der Kirchen¬ 
ordnung zu Hoya (Hannover) a. d. Jahre 
1573 : „es ist verboten . . . sich (zu Fast¬ 
nacht) auf Rädern und Böhmen (= 
Bäumen) tragen zu lassen“ 239 ). Man 
darf daher wohl auch das Schiff auf 
Rädern im Moritz von Craon 240 ) und 
dasjenige, das sich im Jahre 1133 ein 
Bauer aus dem Jülichschen bauen ließ, 
und mit dem er durch die Lande zog 241 ), 

16 


483 


Rad 


484 


vergleichen. Ob das Drehen des R.es 
zugleich ein Symbol für den gleichmäßigen 
Ablauf des Jahres und für die regel¬ 
mäßige Wiederkehr des Dämons ist 242 ), 
dafür findet sich im Volksglauben kein 
unmittelbares Zeugnis. 

229 ) Börner Sagen a. d. Orlagau 157; Simrock 
Mythologie 381. 23 °) Grimm Myth 1, 400; 

Kuhn Herabkunft d. Feuers 67; Schwartz 
Heidentum 20; Schwartz Studien 29. 231 ) Gol- 
ther Mythologie 497. 232 ) Sebillot Folk-Lore 

1, 392. 233 ) Kuhn Westfalen 2, 119; SAVk. 28, 
30; Sartori Sitte 3, 168; ZfdMyth. 1, 79. 

234 ) Hoffmann-Krayer 130; Mannhardt 
1, 43°; Runge Quellenkultus i. d. Schweiz 27 
Anm. 6; Vernaleken Alpensagen 356. 

235 ) Mannhardt 1, 352; 1, 429; Panzer Bei- 

trag 1, 234; 2, 82; 2, 445; Sartori Sitte 3, 204; 
Wolf Beiträge 1, 70. 236 ) Haltrich Siebenb. 

Sachsen 284 f.; Sartori Sitte 3, 124. 237 ) Mann¬ 
hardt 1, 430; Mannhardt Korndämonen 18. 
238 ) John Westböhmen 42; Schulenburg 
Wend. Volksth. 137. 23 *>) Ae. L. Richter Die 

ev. K.-Ordn. des 16. Jh. (Weimar 1845 ff.) 2, 355; 
vgl. NdZfVk. 4, 230. 24 °) Golther Mytho¬ 
logie 468. 241 ) Ebda. 467. 242 ) Mannhardt 

1 > 430 . 

8 . Während im vorhergehenden Ab¬ 
schnitte das R. eine kultische Rolle im 
positiven Sinne spielt, gibt es anderer¬ 
seits auch Meinungen, die zu bestimmten 
Zeiten oder Gelegenheiten verbieten, ein 
R. in Bewegung zu setzen oder auch 
nur zu zeigen. Besonders darf man in den 
Zwölften kein R. drehen 243 ) (s. d.) (Olden¬ 
burg 244 ), Nordfriesland 245 ), Westfalen 246 ), 
Hessen 247 ), Neumark 248 )) . In Belgien 
darf man den Bäumen kein R. zeigen 249 ). 
Andere Zeiten, für die das Verbot gilt, 
sind die Karwoche (Westfalen) 25 °), der 
Gründonnerstag (ebda.) 251 ), Fasten¬ 
zeit 252 ), jeder Samstag (Rhön) 253 ), die 
Tage, da eine Leiche im Hause ist 254 ). 
Oft wird das Verbot, das zu den Arbeits¬ 
verboten gehört, unterstützt durch An¬ 
drohung kommenden Unglücks: Kälber 
und Schafe 255 ) oder Menschen 256 ) kriegen 
die Drehkrankheit, wenn man es nicht 
beachtet; es gibt einen Todesfall 257 ); in 
gesponnenes Garn kommen die Motten 258 ); 
der Tote wird ein Wiedergänger 259 ) u. a.m. 
Fast alle diese Verbote fallen in Zeiten, 
da nach dem Volksglauben die Dämonen, 
besonders die Toten, umgehen; daher 
werden sie auch aus der Furcht vor ihnen 
zu erklären sein und nicht auf der Vor¬ 


stellung beruhen, daß die Sonne um diese 
Zeit gleichsam stillstehe. Eine Weiter- 
bÜdung auf Grund der christlichen Le¬ 
gende ist die Ansicht, daß am St. Katha- 
l rinentage Müller und Spinnerinnen ihre 
Räder nicht bewegen dürfen, sonst zer¬ 
brechen diese 26 °); eine Verallgemeinerung 
liegt wohl vor in der Meinung der Penn¬ 
sylvaniadeutschen, daß man geschmierte 
Wagenräder nicht zurückdrehen dürfe, 
sonst wird man behext 261 ). 

Im Gegensatz zu diesen allgemein ge¬ 
übten Verboten steht die aus einigen 
Gegenden Schleswigs bekannte Sitte, daß 
ein Dorfbewohner am Weihnachtsabend 
hinausgeht und von Osten her ein R. 
ins Dorf rollt; man sagt dazu ,,trüde 
Jul in“ = Weihnachten eintründeln 262 ). 
Ob dieser Sitte ein alter Glaube zu¬ 
grunde liegt, läßt sich aus den Berichten 
nicht mehr erkennen. Die ostfriesische 
Sitte des Wepelrötes, das am Neujahrs¬ 
tage den Mädchen von den Burschen 
heimlich ins Haus gebracht wird 263 ), hat 
mit einem R.aberglauben nichts zu tun, 
sondern ist eine Umformung des Lebens¬ 
baumes. 

243 ) Grimm Myth. 2, 958; Kuhn u. Schwartz 
518; Meyer Germ. Myth. 74; Wolf Beiträge 

2, 126. 244 ) Kuhn u. Schwartz 409, 518; 

Mannhardt Götter 235; Ranke Sagen 86; 
Strackerjan 2, 17; 2, 230; Wolf Beiträge 
1, 120; ZfVk. 3, 272. 245 ) Jensen Nordfries. 

Inseln 376; ZfVk. 3, 272. 246 ) Kuhn West¬ 

falen 2, Ulf.; ZfdMyth. 2, 88; ZfrheinVk. 
1, 9 - 247 ) Kolbe Hessen 8. 248 ) Beiträge z. 

Heimatkunde d Neumark (Landsberg 1925) 
Heft 8, 95. 24# ) Mannhardt Götter 235. 

25 °) Sartori Sitte 3, 143; ZfrheinVk. 4, 21. 
251 ) ZfrheinVk. 4, 21. 252 ) Eberhardt 

Landwirtschaft 14; Kuhn Westfalen 2, 129. 
253 ) Grimm Myth. 1, 224. 254 ) Meier Schwaben 
490; Strackerjan 2, 17; 2, 217; Wuttke 
46 1 § 730. 255 ) Eberhardt Landwirtschaft 14; 
Kuhn Westfalen 2, 112; ZfdMyth. 2, 88. 
256 ) Grimm Myth. 2, 958. 257 ) ZfrheinVk. 1, 9. 
258 ) Kuhn u. Schwartz 518. 259 ) Stracker¬ 
jan 2, 17; Wuttke 461 § 730. 26 °) Wett¬ 
stein Disentis 173. 261 ) Fogel Pennsylvania 

367 Nr. 1963—-1967. 262 } Handelmann 
Weihnachten 36; Sartori Sitte 3, 55; Kuhn 
u. Schwartz 518; Wolf Beiträge 1, 115. 
263 ) Mannhardt Götter 235; Sartori Sitte 

3, 61 f.; Wolf Beiträge 1, 114. 

9. Mit der Vorstellung von Dämonen¬ 
umzügen zu Wagen hängt wohl auch der 
Glaube zusammen, daß mau einen Wagen 


485 


Rad 


486 


festmachen könne, so daß die Pferde ihn bur 8 Wend. Volksthum 77. 275 ) ZfrheinVk. 

nicht mehr von der Stelle bringen. Wenn 4 ' 296 ' 27 ^ Wemhold Neunzahl 22. 277 ) B aum- 

der Fuhrmann aber meint, daß Zauberei Meyer Baden 559 . »o, Bartsch MeckUn- 
im Spiele ist, und eine R.speiche entzwei- bürg 2, 97 Nr. 337. 281 ) ZfrheinVk. 4, 259. 

schlägt, dann ist der Bann gelöst, und 282 ) Panzer Beitrag 1, 117. 283 ) Rochholz 

der Zauberer hat ein Bein gebrochen oder Sa S en l > l8 °; 2 » 59 - 

muß sterben 264 ). Solche Berichte finden I0 . Aus Indien stammt die Lehre vom 


wir auf dem ganzen deutschen Kultur¬ 
gebiet: Rheinland 265 ), Hunsrück 266 ), Ba¬ 
den 267 ), Bayern 268 ), Schweiz 269 ), Ti¬ 
rol 27 °), Oberösterreich 271 ), Bergisches 
Land 272 ), Ostfriesland 273 ), Lausitz 274 ). 
Zuweilen muß man eine bestimmte Speiche 
(vom Vorderr. 275 ), die neunte 276 )), die 
zuletzt vom Wagner angefertigte 277 ) zer¬ 
schlagen, um den Bann zu überwinden; 
in anderen Fällen genügt es, wenn man 
auf alle R.nägel schlägt 278 ). In Baden 
sieht man noch heute Wagen, bei denen 
der Wagenbauer eine Speiche des Vorder- 
r.es durch ein Kreuz bezeichnet und nur 
lose eingesetzt hat, damit sie leicht 
herausgenommen werden kann, wenn der 
Spuk beginnt 279 ). — ,,Wenn en Lik nich 
wider furt will, so brückt man blot an 
den Wagen, up dem sei steiht, en R. 
ümtautrecken, dann kann sei wider führt 
warden“ 28 °), dieser mecklenburger Aber¬ 
glaube entspringt gleichfalls der Vor¬ 
stellung, daß Dämonen Wagen zu bannen 
vermögen. Im Bergischen Land werden 
beim Leichenwagen die R.speichen sorg¬ 
fältig geputzt und mit Teer beschmiert 281 ), 
auch diese Sitte bestätigt obigen Glauben. 
Eine merkwürdige Verquickung mit der 
Ixionsage liegt vor, wenn erzählt wird, 
ein Prälat habe den Teufel, als er ihm 
auf der Romreise ein R. seines Wagens 
zerbrach, auf das R. gebannt, um weiter¬ 
fahren zu können 282 ). Ähnlich sagt man 
in der Schweiz, daß der Teufel herzlose 
Fuhrleute an Stelle einer Speiche in 
das R. drücke, so daß sie jetzt den 
Wagen stoßen müssen 283 ). 

264 ) DG. 5, 202. 265 ) NdZfVk. 6, 156; 

Zaunert Rheinland 2, 163; 266 ) ZfrheinVk. 

4, 296. 267 ) Meyer Baden 559. 268 ) Andree- 
Eysn Volkskundliches 215. 269 ) Rochholz 

Sagen 1, 197; 2, 59; SAVk. 21, 214 f.; 25, 135 f. 
2-0) Weinhold Neunzahl 22; Zingerle Tirol 
179. 271 ) Baumgartenff^wa/ 2, 79. 272 ) Schell 
Bergische Sagen 86 Nr. 5; 150 Nr. 27; 292 
Nr. 1 b. 273 ) NdZfVk. 7, 39. 274 ) Schulen- 


R.e der Geburten; sie taucht zum ersten 
Male auf in den Upanisaden 284 ). Die 
Lebewesen erscheinen als an das R. der 
himmlischen Ordnung gebunden 285 ). Von 
dort ist diese Vorstellung einerseits nach 
Vorderasien 286 ) und weiter zu den Grie¬ 
chen 287 ) und Römern 288 ) gewandert, an¬ 
drerseits vom Buddhismus 289 ) und Hin¬ 
duismus 29 °) übernommen worden. Auch 
in jüdische 291 ) und christliche 292 ) Glau¬ 
bensvorstellungen hat sie Eingang ge¬ 
funden. Der zugrunde liegende Gedanke 
ist mehrdeutig; einmal ist das R. Symbol 
der Bewegung und damit jedes Lebens 
schlechthin 293 ), zweitens Sinnbild der 
ewigen Wiederkehr aller Dinge, der Lehre 
von der Palingenese 294 ); drittens Aus¬ 
druck der Unbeständigkeit und Ver¬ 
gänglichkeit der irdischen Welt 295 ). 

An diesen letzten Gedanken knüpft an 
die Vorstellung, daß das Glück auf einem 
R.e oder als R. durch die Welt eilt 296 ). 
In der Lateinischen Literatur finden wir 
dafür zahlreiche Belege 297 ); auch dem 
Liebesgott wird ein R. beigelegt 298 ). Von 
dort haben mittelalterliche geistliche 
Schriftsteller 299 ), Predigermönche 300 ), Hu¬ 
manisten 301 ) das Bild übernommen und 
volkstümlich gemacht. Im Wigalois 
wird erzählt, jemand habe sich ein golde¬ 
nes Glücksr. gießen lassen und sei fortan 
glücklich gewesen 302 ); im Beschluß des 
Schlüssels zum Theuerdank wird dem 
Kaiser Maximüian das Glücksrad (s. d.) 
beigelegt 303 ). Schon früh zeigt sich in 
deutschen Handschriften das R. als 
Glückszeichen 304 ). In den Volkskalen¬ 
dern finden wir es vom 15. Jahrhundert 
ab 305 ). Praetorius erzählt vom Glücks- 
r.e 306 ). Trotz dieser zahlreichen literari¬ 
schen Zeugnisse entspringt aus ihnen kein 
lebendiger deutscher Aberglaube; sie ver¬ 
lieren nicht den Charakter des Gelehrten 
und Fremden. 


4 87 


Rad 


Radegundis, hl.—rädern 


490 



284 ) Eisler Weltenmantel 2, 501 f.; Jeremias 
Religgesch. 149. 285 ) Eisler Weltenmantel 2, 

501 Anm. 7. 286 ) Eisler Weltenmantel 2, 381 
Anm. 14; Jeremias Religgesch. 149. 287 ) Bach¬ 
ofen Gräber Symbolik 231; Boll Lebensalter 104; 
Eisler Weltenmantel 1, 202 Anm. 1; 2, 502; 
Jeremias Religgesch. 149. 288 ) Bachofen 

Gräbersymbolik 39, 233. 289 ) Jeremias Relig.- 

gesch. 161 ff. 28 <>) Ebda. 167. 291 ) Eisler 

Weltenmantel 1, 202 Anm. 1. 292 ) Jeremias 

Religgesch. 149. 293 ) Ackermann Shakespeare 
8; Plato Phädrus cap. 24. 294 ) Eisler Welten¬ 
mantel 2, 502; Jeremias Religgesch . 161 ff.; 167. 
29s ) Bachofen Gräbersymbolik 39. 296 ) Wein¬ 
hold Glücksrad u. Lebensrad. 297 ) Cicero in 
Pisonem cap. 10; Ovid Epist. e Ponto 2, 3, 
56; Plutarch consol. ad Apollonium (ed. 
Hutten) 7, 331; Tacitus de oratione cap. 23. 
298 ) Grimm Myth. 3, 263. 299 ) Panzer Beitrag 
2, 542. 30 °) Schönbach Berthold v. R. 101. 

301 ) Seb. Frank Weltbuch (Ausg. 1534) 52b; 
Schmidt Volksk. 117. 302 ) Grimm Myth. 2, 
722; Wigalois (ed. Pfeifer) 1036—1052. 303 ) 
Das Kloster 4, 52. 3M ) Boll Lebensalter 129 f. 
305 ) Jungbauer Gesch. d. deutschen Volks¬ 
kunde (Prag 1931) 41. 306 ) Prätorius Phil. 101. 

11. Eine ziemliche Bedeutung besitzt das 
R. im altdeutschen Rechtsleben. Fuhr¬ 
leute leisten den Eid aufs R. 307 ); bei der 
Freizügigkeit 308 ), der Bemessung des 
Strafmaßes für Holz- *°*) und Land¬ 
frevel 310 ) ist es wichtig. Am bekanntesten 
ist seine Verwendung bei der Strafe des 
Räderns. Ihr ursprünglich kultischer 
Charakter 311 ) steht ebenso fest wie ihr 
hohes Alter und ihre Verbreitung bei 
fast allen germanischen Stämmen 312 ). 
Im Mittelalter ist das Rädern die übliche 
Strafe für Mörder, Verleumder, Brand¬ 
stifter 313 ). Wie in der Wirklichkeit so 
wird auch in Sage 314 ) und Märchen 315 ) 
der Verbrecher aufs R. geflochten. Zeichen 
der Gerichtsbarkeit sind wohl in den 
meisten Fällen die R.Wappen, die Städte 
(z. B. Mainz, Osnabrück) und Adels¬ 
geschlechter (z. B. die Grafen Donners¬ 
berg) führen 316 ). Bei der Familie von 
Wedel ist dies urkundlich belegt 317 ). 

307 ) Grimm RA. 2, 550. 30S ) Ebda. 1, 481. 

309 ) Ebda. 1, 145. sio) Ebda. 1, 145. 3 “) Hoops 
Realiex. 3, 346. 312 ) Grimm RA. 2, 265 ff. 

313 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 494 f.; Ho- 
vorka u. Kronfeld 1, 313; John West¬ 
böhmen 351; Kondziella Volksepos 72 t. 174. 

314 ) Kühnau Sagen 1 Nr. 140; NdZfVk. 7, 152; 

Zaunert Rheinland 1, 210. 3I4 ) Wisser 

Plattdeutsche Volksmärchen 1, 224. 316 ) Grimm 
Myth. 3, 70. 317 ) Beiträge z. Heimatkunde 

d. Neumark (Landsberg 1925) Heft 8, 58. 


j 12. Von der Strafe des Räderns leiten 
! sich wahrscheinlich die meisten Sagen her, 
die von Gespenstern in R.gestalt, oder auf 
ein R. geflochtene oder von einem R.e be¬ 
gleitet berichten. Wigalois hat ein Aben¬ 
teuer mit einem ehernen R.e zu beste¬ 
hen 318 ); Julius Agricola sagt in seinen 
Teutschen Sprichwörtern bei der Schil¬ 
derung des Totenheeres, „einander ist auf 
ein R. gebunden gelegen, und das R. ist 
von ihm selbs umbgelauffen“ 319 ). In der 
deutschen Volkssage sind Beispiele sehr 
zahlreich und allgemein verbreitet (Ber- 
gisches Land 320 ), Westfalen 321 ), Han¬ 
nover 322 ), Oldenburg 323 ), Pommern 324 ), 
Preußen 325 ), Schlesien 326 ), Sachsen 327 )[ 
Württemberg 328 ), Tirol 329 ), Österreich 330 )," 
Ungarn 331 )). Auch Frankreich 332 ) und 
England 333 ) berichten ähnlich; im Mär¬ 
chen kommen Gespenster als feurige R.er 
vor 334 ). Man kann den Dämon bannen, 
wenn man einen Stock durch die R.nabe 
steckt 335 ) oder das R. bei der 12. Speiche 
faßt 336 ). Gelingt es, das R. mit Eisen 
zu beschlagen, so erscheint die Hexe am 
nächsten Tage als mit Eisen überzogene 
alte Frau 337 ). Die Entstehung solcher 
Sagen aus dem Strafrecht erhellt aus 
den Erzählungen über den Ursprung 
der Gespenster: der Grenzfrevler leidet 
als feuriges R. 338 ). Die Alke war zu Leb¬ 
zeiten ein gottloser Wirt; nur haust sie 
als feuriges R. im Moor 339 ). Die feurigen 
R.er sind eigentlich Hexen 340 ). Sie 
zeigen sich in der Nähe des Galgens 341 ). 
Wenn man in Schlesien sagt, die Hexen 
versammelten sich gerne auf den Pflug- 
r.ern vor den Bauernhöfen 342 ), so ist 
dieser Glaube wohl aus den Sagen von 
R.gespenstern entstanden. Eine moderne 
Mythenbildung liegt vor in der Erzählung, 
daß sich zwischen Hannover und Bremen 
nachts feurige R.er gezeigt hätten, dort 
wo später die Bahnlinie gebaut wurde 343 ). 

318 ) Grimm Myth. 2, 724; Wigalois (ed. 
Pfeifer) 6773—6891. 319 ) NdZfVk. 4, 21. 

32 °) Schell B er gische Sagen 276 Nr. 736. 
321 ) Kuhn Westfalen 1, 37; 1, 67 t.; Mann¬ 
hardt 2, 110. 322 ) Mackensen Nds. Sagen 

39- 43) Nds. 18, 446; Radermacher Bei* 
träge 55; Schambach u.Müller 358. 323 ) Mak- 
kensen Nds. Sagen 65; Strackerjan 1, 294; 
2, 230. 324 ) Haas Pomm. Sagen (Berlin o. J. 


[1912]) 19. 325 ) Mannhardt 2,83; Schwartz 
Studien 389. 326 ) Kurtz Beiträge z. Erklärung 
d. volkstüml. Hexenglaubens i. Schlesien (Diss. 
Greifswald 1916) 94. 327 ) Meiche Sagen 253. 

328 ) Bohnenberger 9. 329 ) Alpenburg Tirol 
181 Nr. 50; NdZfVk. 5, 226; Zingerle Sagen 
Nr. 380. Nr. 802. 33 °) ZföVk. 23, 124. 331 ) Wlis- 
locki Magyaren 114. 332 ) Sebillot Folk-Lore 
1, 392. 333 ) Ackermann Shakespeare 24; 

King Lear IV, 7 v. 43—48. 334 ) Zaunert 

Märchen seit Grimm 1, 243. 335 ) Haas Pommer - 
sehe Sagen 19. 336 ) Wlislocki Magyaren 114. ! 

337 ) Ebda. 338 ) NdZfVk. 5, 226; Zingerle 
Sagen Nr. 380. 339 ) Kuhn Westfalen 1, 37; 

Mackensen Nds. Sagen 39. M0 ) Wlislocki 

Magyaren 114; Zingerle Sagen 467. 341 )ZföVk. 
23, 124. 342 ) Kühnau Sagen 3, Nr. 1387. 

343 ) Mackensen Nds. Sagen 21. Tiemann. 

Radegundis, hl. 

1. Königin der Franken, Gemahlin 
Chlothars I., dann Nonne, gest. 587 1 ). 
Aus ihrer Legende ist besonders ihr Ver¬ 
steck in dem wunderbar wachsenden 
Haferfeld berühmt 2 ). Früher pflegten 
die Pilger unter ihrem Grabe in Poitiers 
durchzugehen 3 ). Ihr Gedächtnistag ist 
der 13. August. 

*) Bernoulli Merowinger 79 ff.; Künstle 
Ikonographie 509; Doye Heilige u. Selige d. i 
röm. kath. Kirche 2, 225. 2 ) Dazu: Dahn- j 

hardt Natursagen 2, 61 ff. 3 ) Sebillot Folk- 
Lore 4, 137. Legenden von ihr: ebd. 1, 403. 3, 
530. 4, 22. Vgl. auch Gräber Sagen 330. j 

2. Eine Volksheilige, die kirchlich weder ^ 
heilig noch selig gesprochen ist. Sie heißt j 
die fromme Magd Radegunde, auch i 
St. Rat ha wird sie genannt. Sie lebte 
auf dem Schlosse Wellenburg bei Augs¬ 
burg, wo sie das Vieh zu besorgen hatte, ; 
und pflegte Arme und Kranke, vor allem ; 
die Aussätzigen. U. a. wird eine dem 
Rosenwunder der h. Elisabeth verwandte 
Geschichte von ihr erzählt. Sie lebte um 
1290. Über ihren Todestag ist nichts be¬ 
kannt. Ihr Fest fällt auf den 5. August. 
Seit dem 5. August 1810 ruhen ihre Ge¬ 
beine in Waldberg. Es sind wohl einige 
Züge der Frankenkönigin R. auf sie über¬ 
tragen 4 ). 

4 ) Doye Heilige u. Selige d. röm. kathol. 
Kirche 2, 226; Schöppner Sagen 1,51; Bir- j 
linger A. Schwaben 1, 347; BayHfte 6 (1919), 
149 ff. Sartori. j 

rädern. Als frühere Todesstrafe stand 

* 

R. hinter Hängen und Enthaupten (s. d.) j 
in der Anwendung zurück, doch nicht 
an Alter. Die in Indien übliche Tötung 1 


durch fahrende (Götter-)Wagen ist viel¬ 
leicht auch bei uns die ursprüngliche 
Todesart gewesen, die sich später in 
Zerstoßen der Glieder mit einem Rade. 
„Radebrechen“, und Flechten des Ver¬ 
urteilten aufs Rad umwandelte und so 
eine noch schimpflichere (verschärfende) 
Strafe als Hängen war, auch nur über 
Männer (besonders verruchte Mörder), 
in älterer Zeit nur über Unfreie verhängt 
wurde 1 ). Obwohl sich eine nähere Be¬ 
ziehung dieser Strafe zu einer bestimmten 
Gottheit so wie des Hängens zu Odin 
nicht erweisen läßt 2 ) — Rad = Sonne 
in diesem Zusammenhang wenig wahr¬ 
scheinlich —, trägt natürlich auch diese 
Form der Hinrichtung von Anfang an 
den Sinn eines sühnenden Opfers, vgl. 
Hinrichtung § 1. Deshalb erschien auch 
der geräderte Verbrecher wie jeder andere 
Hingerichtete durch seinen außerordent¬ 
lichen, verfrühten Tod zauberkräftig ge¬ 
heiligt, und man begehrte daher seine 
Glieder, Finger und Zehen, zum Glücks- 
zauber 3 ): so schnitt einer 1569 in 
Schlesien den Finger eines Geräderten ab, 
um ,,gut gelück zum kauffschlagen“ zu 
erzwingen 4 ), man raubte sogar die Mem- 
bra von Geräderten, wie uns ein Vor¬ 
kommnis im Jahre 1727 verrät 5 ). Und 
wie die Galgenamulette (s. Galgen § 4) 
wurden die Bestandteile eines Rades, 
womit ein armer Sünder gerichtet worden 
war, für durch den sakralen Akt der Hin¬ 
richtung geheiligt und zu Amuletten 
gekräftigt gehalten 6 ). Ihrer bediente 
man sich vor allem im Waffenzauber. 
So empfiehlt eine Hs. des 17. Jh.s: zum 
schissen brauch ain spaich von einem 
radt, damit ainer geredert worden, und 
(tu davon) alzeit ain wenig in die kugel 7 ). 
Oder um ein gutes Schwert zu erhalten, 
verfertigte man „das Häfft von einer 
Spaichen eines Rades, damit ein Ubel- 
thätter gerecht fertiget“, und „Knopff 
und Creutz von einer eysenen Ketten, 
daran ein Missthäter gerichtlich er¬ 
würget“ (Leipzig 1618) 8 ). Eine solche 
Radspeiche galt noch später als gut für 
einen Bolzen 9 ), ein kleiner Spreißel nur 
stärkte ein Messer 10 ). Sogar den Nagel, 
„damit eines armen Sünders Kopff auf 



49i 


Radium—Rahm 


492 




493 


Rai n—Rainfarn 



dem Rade ist angenagelt worden“, 
schmiedete man in ein Treffglück ver¬ 
leihendes Gewehrkorn um 11 ). Mit der 
Strafe selbst ist natürlich auch der an 
sie geknüpfte Aberglaube im 19. Jh. 
ausgelöscht worden. 

*) Grimm RA. 2, 265 ff. 273. 329; W. E. 
Wilda Das Strafrecht der Germanen (1842), 503; 
Gregor v. Tours Frankengeschichte 6, 35; 
Schultz Höfisches Leben 2, 151 f.; Kondziella 
Volksepos 174 (Beispiele 1466—1513); John 
Westböhmen 351; DG. 9, 296 t.; H. Fehr Das 
Recht im Bilde (1923), 77 h.; de Cock Oude 
Gebr. 87 f. 2 ) Vgl. Meyer Germ. Myth. 58. 92. 
293 - 2 95 ; v. Künssberg in JbhistVk. 1, 316. 
3 ) Amira Todesstrafen 223 (Lit.). 4 ) MschlesVk. 
25 (1924), 87. 5 ) Ebd. 88. 6 ) de Cock a. a. O. 
7 ) Schönbach Berthold v. R. 149. 8 ) Staricius 
(1623), 80. 98; Kronfeld Krieg 94. 9 ) Baum¬ 
garten Aus der Heimat 2, 97. 10 ) Ebd. 2, 98. 

n ) Staricius (1679), 340; vgl. Alemannia 8, 
288 (18. Jh.). Müller-Bergström. 

Radium. Der Okkultismus erklärt 
sich heute den Einfluß, den die Sterne 
auf das Schicksal der Menschen ausüben 
sollen, mit R.strahlen x ). — In der Volks¬ 
medizin ist R. ein Kopfwehmittel; in 
Joachimstal (Böhmen) bindet man näm¬ 
lich die r.haltige Uranpechblende in ein 
Ledersäckchen und legt diese auf die 
schmerzende Kopfstelle; die stärksten 
Kopfschmerzen sollen nach dieser Be¬ 
handlung in kurzer Zeit verschwinden 2 ). 

*) Stemplinger Sympathie 32. 2 ) Ho- 

vorka -Kronfeld 1, 355 u. 2, 192 (mit Ab¬ 
bildung); ZdVfVk. 23 (1913), 380. f Olbrich. 

Radkreuz s. Nachtrag. 

Radspeiche siehe Rad, Abschn. 9. 

Radtanz siehe Rad, Abschn. 6. 

Rahm als die konzentrierte oberste 
Schicht der Milch im Milchtopf der 
patriarchalischen Bauersfrau, als es noch 
keine Zentrifugen gab, als der Kraft¬ 
extrakt der Milch ist wie diese selber dem 
Schadenzauber in besonderem Maße 
unterworfen, ist der behütete Schatz der 
Hausfrau beim Buttergeschäft, s. Butter, 
buttern, Milch, Milchhexe, Milchopfer. 

1. Die Milchhexe verlangt gierig nach 
R. x ) und bittet inständig um Nidel 2 ). 
In Uri treibt die Nidelhexe R.zauber 
mit Hilfe des Teufels 3 ). Die Nidelhexe 
spricht über das Butterfaß: Lüzifer, vor 
Raphael, Schneeveegel, Läckdafis, Pumpis 


a’ diä Wyggä; aus dem Faß hüpfte ein 
schwarzes Büebli hervor. Beim 
zauberischen Entziehen des R.es kommt 
auch das Motiv vor (vgl. Butter, Milch¬ 
hexe), daß der Spruch „aus jeder Kuh 
zwei Löffel voll“ unendliche R.mengen 
spendet, weil der Zauber nicht mehr ge¬ 
löst werden kann. Eine Nidelhexe be¬ 
kam soviel R. von einer Kuh, wie andere 
von 20; ein Küfer lauschte ihr den Spruch 
ab: 

Hei, Asteroth, flink auf und hol’. 

Von jeder Kuh zwei Löffel voll; 

Als Hexengut und Sennenzoll. 

In einer Sintflut von R. versank der Mann, 
als er den Zauber anwandte, und von 
oben erscholl eine Stimme: Der tut mir’s 
nicht mehr nach 4 ). In Frankreich 
schütten die „cremettes" am Morgen 
des 1. Mai vor Sonnenaufgang unter einer 
Beschwörungsformel einen Topf R. in 
eine Hauslache; als Gegenzauber schüttet 
man geweihtes Wasser hinein 5 ). Im 
Norden verhexen die Weiber den R. 
mit dem bösen Blick 6 ). 

2 ) Müller Uri 1, 103. 138. 2 ) 1 . c. 116. 158 o. 
3 ) 1 . c. 104, 139. 4 ) 1 . c. 102, 137; ZfEthnol. 

26,15. 5 ) Sebillot 2,439. 6 ) Seligmann 

Blick 1, 266. 

2. Im Gegenzauber finden wir, wenn 
der R. nicht buttern will, dieselben 
Mittel wie bei dem Gegenzauberapparat 
der Bauersfrauen, den sie gegen die 
Milchhexen anwenden: Wie die Milch, 
so schüttet man auch den R. in das 
Feuer 7 ), in der Niederlausitz gehen die 
Frauen zum klugen Mann von Sommer¬ 
feld, der dann selbst buttert 7a ). In den 
nordischen Ländern setzt man, wenn 
der R. keine Butter geben will, eine 
Tasse R. über das Feuer; darin schaut 
man das Bild der Hexe, die mit bösen 
Augen den R. ansah 8 ). 

7 ) Fischer Oststeierisches 126; BayrHefte 
1914, 233; Urquell 5, 282; Freudenthal Feuer 
99. 7a ) Gander Niederlausitz 23, 60, 3. 8 ) 

Seligmann 1 . c. 

3. Damit man das ganze Jahr über 
vielen und guten R. bekommt, rahmt 
man in Bulgarien am St. Annatag, einem 
Lostag, die Kuh- und Schafmilch nicht 
ab 9 ). Nach dem Glauben der Frauen in 
Bain vermehrt das am Karsamstag ge¬ 
weihte Wasser den R. der Milch 10 ). Die 


Christblockzeremonie, die sich an das 
Auftreten des polaznik in Serbien knüpft, 
soll für das folgende Jahr guten und 
dicken R. auf der Milch verbürgen 11 ). 
In Suffolk bekommt der Knecht, der am 
1. Mai einen blühenden Dornzweig (zum 
Abwehren der Hexen) ins Haus bringt, 
ein R.frühstück, in Cornwall umkränzt 
man mit einem solchen Zweig den R.- 
topf 12 ). 

9 ) Arnaudoff Bulgarien 11. 10 ) Sebillot 

4, 150. - 11 ) Frazer 10 (7, 1), 262. 12 ) Ders. 

2 (1, 2), 52. 

4. Der thüringische Drache, das Steff- 
chen geheißen, der Lebensmittel ins 
Haus schleppt, bringt denen, die ihm 
ihr Blut verschrieben haben, in Gestalt 
einer Feuerkugel, Butter, R. und Rosinen 
für den Festkuchen 13 ). Vgl. Milch, 
Butter, Klöße. 

13 ) Witzschel Thüringen 2, 292, 150. 

5. Wie die erste Milch, so behandelt 
man auch die erste Sahne mit be¬ 
sonderem Ritus: Die erste Sahne von 
einer Kuh oder Ziege buttert man nicht 
im Butterfaß, sondern durch Schütteln 
in einer Flasche oder Quirlen in einem 
Topf 14 ). 

14 ) Globus 72, 353. 

6. R. an Familien- und Jahres¬ 
festen: In Boterode in Thüringen 
steuert die ganze Nachbarschaft bei 
einer Hochzeit R. zum R.kuchen bei 15 ). 
Im Glamerlande ist die ganze Familie 
an Neujahr um Nidel (geschlagener R.) 
und Birnbrot versammelt 16 ). Nidel¬ 
nächte heißen die 7 Nächte vor Weih¬ 
nachten 17 ); an solchen Nidleten wird 
im Kt. Zürich die Hälfte des geschwun¬ 
genen R.s verzehrt, die andere Hälfte 
von den Teilnehmern gegenseitig ver¬ 
schleudert 18 ), auch an die Decke ge¬ 
schleudert, um Fülle für das neue Jahr 
zu sichern 183 ). Im Toggenburg werden 
an Lichtmeß den Verstorbenen Lichter 
angezündet; darnach folgt ein Mahl mit 

geschwungenem R. 19 ). 

15 ) Witzschel Thüringen 2, 229, 26. 16 ) 

Herzog Volksfeste 204 ff.; Hoffmann-Krayer 
113. 17 ) Simrock Mythologie 572. 18 ) Hoff¬ 
mann-Krayer 1 . c. 54. 18a ) SAVk. 2, 39; 

19,66; Sartori Sitte 3, 67. 19 ) Hoffmann- 

Krayer 124. 

7. R. als Opfer: Den lutins opfert 


man im Gebirge von Waadt vom besten 
R. 20 ), vgl. Milch- und Butteropfer. 

20 ) Sebillot 1, 231. 

8. R. als Volksmittel: Auf Brand¬ 
wunden legt man das Schmalz, das man 
durch Sieden des süßen R.es gewonnen 
hat 21 ). Aus Heidelberger Überlieferung 
hat sich bei den Deutschamerikanern 
ein humorvolles Bartmittel erhalten: Wer 
den Schnurrbart wachsen lassen will, 
muß die obere Lippe mit süßem R. oder 
mit Hühnerdreck schmieren und in einer 
dunklen Nacht von einer Katze ab¬ 
schlecken lassen 22 ). 

21 ) Jühling Tiere 151. 22 ) Fogel Pennsyl¬ 
vania 370, 1984. 

9. Volkswitze und ähnliches: In 
einem norwegischen Märchen wird er¬ 
zählt, daß die weiße Schwanzspitze des 
Fuchses daher komme, daß eine Bäuerin 
ihm eine Handvoll R. nachwarf 23 ). Wenn 
in Oldenburg junge Mädchen zum Tee 
oder Kaffee eher den R. als den Zucker 
geben, werden sie alte Jungfern 24 ). 

23 ) Kloster 9,956. 24 ) Strackerjan 1, 55 * 

Eckstein. 

Rain s. Grenze. 

Rainfarn (Tanacetum vulgare). 

1. Botanisches. Korbblütler mit 
doppelt fiederspaltigen, stark aromatisch 
riechenden Blättern und gelben Blüten¬ 
köpfen, bei denen die zungenförmigen 
Randblüten fehlen. Der R. ist an Weg¬ 
rändern, Rainen, an Bahndämmen usw. 
nicht selten 1 ). Mit dem Farn (s. d.) ist 
der R. nicht verwandt. 

J ) Marzell Kräuterbuch 341; Heilpflanzen 
214—216. 

2. Offenbar wegen des starken Ge¬ 
ruches gilt der R. als hexenwidrig. 
„Welche frawen ire kynder leyphafftig 
und frisch behalten wollen, die sollen 
die kynder über den rauch halten diß 
kruts, der benimt in alle zufelligen suchten 
und alle böse gespenster des teufels und 
mag inen nit geschaden“ 2 ). In Unter¬ 
franken legt man den R. den kleinen 
Kindern unter die Kissen, um die Hexen 
abzuhalten 3 ). Die Stengel wurden über 
die Türen der Viehställe gesteckt, um 
Hexen und Viehseuchen fernzuhalten, 
auch wurden die Blütenköpfchen dem 
behexten Vieh eingegeben 4 ). Vielleicht 


495 


Ranzen, Ranzenmänner—Ranzenpuffer 


496 


ist auch unter dem „blühenden Farn¬ 
kraut“, das über der Haustür befestigt 
wurde 5 ), der R. zu verstehen. In Sieben¬ 
bürgen heißt der R. ,,Gehonnesgirker‘ 
(Johannisgürtel), weil man damit an 
Johanni die Stalltore und -dächer um¬ 
gürtete als Schutz gegen Hexerei 6 ). In 
Böhmen soll jemand, der sich auf die 
Reise begibt, R. pflücken, dann wird er 
glücklich heimkehren 7 ). Vielfach be¬ 
findet sich der R. unter den Pflanzen, 
die an Mariä Himmelfahrt geweiht werden 
(s. Kräuterweihe) 8 ). Um Jülich wird 
der R. Donner- oder Blitzkraut genannt, 
da er den Blitz abhalten soll 9 ), in Belgien 
wirft man bei einem Gewitter etwas von 
den Sträußen des an Mariä Himmelfahrt 
geweihten R.s auf glühende Kohlen; der 
Rauch schützt vor Blitz 10 ). 

2 ) Gart der Gesunthcit, Straßburg 1507, 168 r; 
vgl. auch Brunfels Kreuterbuch 1532, 199. 
3 ) Mar zell Bayer. Volksbotanik 211. 4 ) Mon¬ 
tanus Volksfeste 141. 5 ) Grimm Myth. 3,471. 
6 ) Schullerus Pflanzen 370 7 ) Grohmann 

97. 8 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 53 h; 

Bauernfeind Nordoberpfalz 50; Leoprech- 
ting Lechrain 191; Wilde Pfalz 198; Philipp 
Ermland 125; auch in Belgien: Rolland Flore 
pop. 7, 77. 9 ) Marzeil Heilpflanzen 216. 

10 ) Rolland a. a. O. 

3. In der Volksmedizin wird der R. 
besonders gegen Eingeweidewürmer ver¬ 
wendet. Nach westfälischem (Osnabrück) 
Aberglauben muß man eine ungerade 
Anzahl von Blütenköpfen gebrauchen u ). 
In Siebenbürgen (Marpod) ist der R. das 
„Maddekrokt“ (Madenkraut). Um die 
,,Maden“ bei Pferden zu vertreiben, 
fächelt man mit einem Strauß R. in der 
Hand und sagt: ,,Neun Pfarrherren, 
acht Pfarrherren usw. (bis: kein Pfarr- 
herr). Wie sich diese neun Pfarrherren 
alle verloren haben, so sollen sich diese 
Maden aus dem Pferde verlieren“. Dann 
hängt man den Strauß zum Trocknen 
auf 12 ). 

n ) 45 - Jahresber. d. Westfäl. Provinzialver. 
f. Wissensch. u. Kunst 1917, 60. 19 ) Schullerus 
Pflanzen 370. 

4. In England essen die jungen Leute 
zu Ostern ,,tansycake“ (R.-Kuchen), 
wohl ein altes Kultgebäck 13 ). 

13 ) Mannhardt 1, 476; Höfler Ostern 40. 

Marzeil. 


Ranzen, Ranzenmänner. 

1. In einen R. wird mit Vorliebe ein Geist 
gebannt, um in sein künftiges Revier ver¬ 
tragen zu werden. Das ist die Aufgabe der 
R.-männer. Diese müssen auf dem Wege 
alle Vorsicht anwenden, um des gefangenen 
Geistes Herr zu bleiben, gelegentlich auch 
zu drastischen Mitteln (Prügel) schreiten. 
Tragen mutwillige Leute den Geist im 
R., so schwillt er immer mehr und droht 
den R. zu zersprengen. Gelingt ihm das, 
oder öffnen neugierige Menschen gar 
den R., so wird der Geist wieder frei 
(s. Geist). 

J ) Wolf Beiträge 1, 14 h, wo dieser R. 

auf die alte Brünne zurückgeführt wird. 

2. Im Märchen spielt der R. eine ähn¬ 
liche Rolle wie andere wunderkräftige 
Gegenstände (Stock, s. d.; Hut, s. d.). 
Wenn der Besitzer mit der Hand auf den 
R. klopft, erscheint ein Gefreiter mit 
sechs bewaffneten Soldaten, welche eine 
ganze Armee zu schlagen vermögen. In 
einen anderen R. kann man alles hinein¬ 
wünschen 2 ). 

2 ) Strackerjan 2, 234 Nr. 497. Mengis. 

Ranzenpuffer. Name eines in den 
Wäldern um Tübingen spukenden „grünen 
Jägers“, der die Leute durch Brüllen und 
andern Spuk erschreckt; bes. klopft er 
mit seinem Hammer an Holz wie beim 
Verkauf oder tut, als wären Holzdiebe 
beim Schlagen; er schreit, „als ob jemand 
von einem Baum heruntergefallen wäre“, 
gibt dem Spötter Ohrfeigen; zeigt sich 
als Fuchs, Reh, Hase, Ochs, schwarzer 
Hund, Schweineherde, breitrandiger Hut 
(auf dem Weg liegend) und als Schimmel¬ 
reiter (auf einem „dem Meer“ (?) entstie¬ 
genen Schimmel). Sein Brüllen zeigt 
Wetteränderung an 1 ). 

Die Naturgrundlage des Spuks ist zum 
Teil deutlich (Specht, Kauz); anderes 
gehört in die allgemeinen Vorstellungen 
vom Waldspuk. Der Name sieht aus wie 
der Spottname einer geschichtlichen Ge¬ 
stalt (der R. soll ein gottloser Jäger auf 
dem Einsiedel bei Tübingen gewesen 
sein). Meier 2 ), Mannhardt 3 ) und E. H. 
Meyer 4 ) stellen den R. zum Wilden Heer 
und zu Wodan. 

*) Meier Schwaben 1, Nr. 124 S. 108ff.; Ober- 





Raphael—Rasen 



amtsbeschreibung Reutlingen 1, 159. 2 ) Meier 
aaO. S. XVIII. 3 ) Mannhardt Germ. Myth. 
80. 4 ) E. H. Meyer Germ. Mythol. 245 § 323. 

Ranke. 

Raphael, Begleiter des Tobias als einer 
von den 7 Engeln, „die vor dem Herrn 
stehen“ 1 ). Patron der Apotheker 2 ), 
Bergknappen und Dachdecker, der Schif¬ 
fer, Reisenden, Pilger 3 ), der Eheleute 4 ), 
auch gegen Augenleiden 5 ). Er ist Arzt¬ 
engel und Pestpatron 6 ). Ihm ist der 
24. Oktober gewidmet 7 ). Oft wird 
er mit den andern Erzengeln zusammen ! 
genannt 8 ). 

*) Tob. 12, 15. An die Tobiasgeschichte wird 
in kirchlichen Weiheformeln erinnert: Franz 
Benediktionen 1, 426. 447; 2, 395. 2 ) R. kommt 
in der Weiheformel für das Eisenkraut vor 
(mit andern Erzengeln): Franz 1,413; auch 
in der für die Raute: ebd. 1, 418. 3 ) Im Tobias¬ 
segen: Bartsch Mecklenburg 2, 328. Auch 
in Votivmessen (Franz 2, 262. 263) und in 
Gebetsformeln für Reisende, Pilger, Kreuz¬ 
fahrer: ebd. 2, 265. 280. 305. 4 ) Die Messe 

vom hl. R. wird gegen das Maleficium der Li- 
gatio empfohlen: Franz 2, 183. 5 ) Sein Name 
in einer Beschwörung gegen Augenleiden: 
Franz 2, 498. 6 ) ZfVk. 1 (1891), 302. Formel 
aus Frankreich: Lie brecht Gervasius 247 
(342). 7 ) Kellner Heortologie 244. 246; Nork 
Festkalender 2, 615. 656. 8 ) Bartsch 2, 336. 

337; ZfVk. 2,167. Vgl. oben 2,837. Mit ’ 
Michael und Gabriel zusammen kommt R. 
im Wettersegen vor: Franz 2, 74. 79. 81. 84. 
91. 97. In den Benediktionen gegen Fieber: 
ebd. 2, 483; gegen Gicht: ebd. 2, 508; im Exor¬ 
zismus: ebd. 2, 587. 592. 608. Die drei Namen, 
auf drei Lorbeerblätter geschrieben usw., be¬ 
wirken, daß ein Mädchen oder eine Frau die ! 
ganze Nacht an einen denkt: Liebrecht 
Gervasius 248 (357: Französisch). — Über R.: 
Doye Heilige u. Selige d. röm. kathol. Kirche 
2, 230; Samson D. Heil, als Kirchenpatrone 
344 f. Sartori. 

Rappe s. Pferd. 

Raps (Reps; Brassica napus oleifera). 
Zu den Kreuzblütlern gehörige, hin und 
wieder im Großen angebaute Pflanze, aus 
deren Samen öl gewonnen wird. Der j 
R. muß am Laurentiustage (10. August) 1 ) j 
oder bei Neumond 2 ) gesät werden. Der 
mit dem R. nah verwandte Rübsen 
(Brassica rapa oleifera) wird gern von j 
„Pfeifern“ (Käferlarven) angegriffen. Da¬ 
her wurde das Feld nach Sonnenunter¬ 
gang mit brennender Pieife umschritten, 
von jeder Ecke eine solche Käferlarve : 
genommen, die vier Larven in ein Leinen- i 


Säckchen getan und in den Rauchfang 
gehängt. Sobald der Rauch sie verzehrt 
hat, sind die „Pfeifer“ im Rübsenfeld 
verschwunden 3 ). 

*) Strackerjan Oldenburg 2, 131. 2 ) Unter- 
franken: Orig. Mitt. von Meidhof 1910. 
3 ) Witzschel Thüringen 2, 215. Marzeli. 

Rasen. 

1. Animation. 2. Rechtsbrauch. 3. Ab¬ 
wehrzauber. 4. Heilzauber. 5. Schaden¬ 
zauber. 6. Mantik. 

1. Der R. verdankt seine zauberischen 
Kräfte einmal seiner Eigenschaft als 
Kollektiverscheinung des Grases (s. d. 
u. Heu), besonders aber als Teil der 
wie alles gebärenden, so auch alles auf¬ 
nehmenden mütterlichen Erde, weshalb 
die meisten rasenzauberischen Maßnahmen 
Erdbindezauber sind. Animations¬ 
vorstellungen haben sich in Sagen 
erhalten, nach denen die Seelen un- 
getauft verstorbener Kinder sich in grünen 
R. verwandeln 1 ). Wie man R. als Teil 
der heiligen Erde als Opfergegenstand 
benutzt, wenn in Frankreich junge Mäd¬ 
chen, die heiraten möchten, eine R.sode 
auf den Arm eines Kreuz des R.stücks 
(croix de la Motte) genannten Kruzifixes 
legen 2 ), so empfängt er selbst für die 
Erde bestimmte Geldopfer bei Heilzauber¬ 
handlungen (s. 4). Daß dem R.zauber 
der pars pro toto-Gedanke zugrunde 
liegt, beweist eine ags. Nachricht über 
die Entzauberung unfruchtbarer Felder, 
in der sich das Eindringen christlicher 
Ablösungen in altheidnischen R.zauber 
zeigt: vor Sonnenaufgang werden aus 
den vier Winkeln des Ackers je ein R.- 
stück ausgehoben, diese selbst und die 
Erdschürfe mit Weihwasser besprengt, 
mit öl, Honig, Hefe, mit Milch von jedem 
Vieh, mit Zweigen von allen Baumarten 
im Lande, außer Hartbaum, und allen 
Krautarten, außer Kletten, beschüttet 
und ein Segen gesprochen; alsdann werden 
die R. in die Kirche getragen und auf den 
Altar gelegt, die Grasnarbe diesem zu¬ 
gewandt, wo der Priester vier Messen 
über sie singt; vor Sonnenuntergang 
werden sie wieder an ihre Plätze ge¬ 
tragen und jeder unter neunmaligem Ge¬ 
bet in seinen Erdschurf, in den man 
vorher ein aus Lebensbaum hergestelltes 



499 


Rasen 


Rasen 


502 



Kreuz mit je einem Namen der vier 
Evangelisten an den vier Armenden 
gebracht hat, gelegt 3 ). 


*) Sebillot Folk-Lore 3, 326. 2 ) Ebd. 1, 209. 
3 ) Rochholz Sagen 2, XLVII; ZdVfVk. 14, 
133 f.; Text: Panzer Beitrag 2, 535 f.; Grimm 
Mytk. 2, 1185. 

2. Vertreten in der ags. Flurentzaube¬ 
rung die vier aus den Winkeln gestochenen 
Erdschollen den ganzen Acker (ebenso 
wie im sal. Gesetz ein anderer Erdstoff, 
die Chrenecruda, Staub aus den vier 
Ecken des Hauses, den der landflüchtige 
Besitzer des Hauses auf den wirft, dem 
er den Besitz übertragen will, das Haus 
vertritt; wie auch noch im 19. Jh. dem 
Neugeborenen Vierwinkelstaub unter das 
Kissen gelegt wird, um ihm Hausfrieden 
zu sichern 4 )), so dient ebenso im ma.- 
lichen Rechtsbrauch das gegrabene 
R.-stück, das noch weiter reduziert zum 
Halm wird (s. das.), als Verkörperung 
des ganzen Ackers: durch Ausschneiden 
und Darreichen von Graserde wird das 
Gut aufgelassen, durch Annahme des¬ 
selben wird das neue Besitzverhältnis 
angetreten 5 ), durch Darbringen von R. 
und Zweig als Symbolen für Boden und 
Pflanzenbestand auf den Altar wird 
Land an die Kirche übertragen 6 ), durch 
R. und Zweig der Rechtsanspruch auf 
bestrittenen Boden vor dem Richter 
dargestellt 7 ), bei der ordalen R.probe 
wird eine Scholle aus dem streitigen 
Boden gestochen, in ein Tuch geschlagen 
und von beiden Kämpfern mit dem 
Schwerte berührt 8 ); so stoßen Schwö¬ 
rende das Schwert bis an den Griff in 
den R. 9 ), so muß bei Eidesleistung der 
Schwörende, ein R.stück des umstrittenen 
Bodens auf dem Haupt, im Erdschurf 
stehen 10 ), beim Grenzeid im Hemd, als 
Ablösung der kultischen Nacktheit, in 
einer ellentiefen Grube mit einem R. 
auf dem Kopfe niederknien 11 ), wie über¬ 
haupt die Eidesstärkung durch den R. 
auf dem Haupte eine weit verbreitete 
Sitte gewesen ist 12 ). Die ursprüngliche 
Form, die die Verbindung des Schwören¬ 
den mit der mütterlich-heiligen Erde im 
Augenblick des Eides darstellte, hat sich 
im ma.liehen Blutbrüderschaftsschwur er¬ 
halten : die schwörenden Bundesbrüder 


1 

i 


! 


I 






I 

I 


schneiden einen Streifen R. an den Längs¬ 
seiten auf und lassen ihn an den Schmal¬ 
seiten mit dem Boden Zusammenhängen, 
heben dann den R. in die Höhe, stützen ihn 
in der Mitte durch einen untergestellten 
Spieß und lassen unter ihm Blut aus 
Hand- oder Fußsohle auf dem nackten 
Boden zusammen fließen 13 ). Derselbe 
Gedanke des Erdbundes liegt der Sage 
zugrunde, nach der der Scharfrichter dem 
Enthaupteten anstatt des Kopfes ein 
R.stück auf den Rumpf legte: Zurück¬ 
führung in den neugebärenden mütter¬ 
lichen Boden 14 ). 

4 ) ZdVfVk. 14, 137. 5 ) Grimm Rechtsalt.. 

i, 157; Eauffer Altertümer (1918) 76; Mann¬ 
hardt Wald- u. Fk. 1,248; Heckscher Hannov. 
Vkde 1 § 180. 6 ) Birlinger Aus Schwaben!, 373. 
7 ) Rochholz Sagen 2, XLVII. 8 ) Grimm 
Rechtsalt. 1, 160; nichtkirchliches Ordal: Franz. 
Benediktionen 2, 342. 9 ) Grimm Rechtsalt. 

1, 163. 10 ) Rochholz a. a. O. n ) Grimm 

Rechtsalt. i, 166; ZdVfVk. 3, 224. 12 ) Grimm 

Myth. 1,535; 3 »i 84 : ZdVfVk. 3.225; Quitz- 
mann Baiwaren 278. 13 ) Grimm Rechtsalt. 

163 f.; Amira Grundriß 186; Kondziella 
Volksepos 155; Strack Blut 25; Wein hold 
Schwur unter dem R., in ZdVfVk. 3, 105 ff. 
14 ) ZdVfVk. 2, 49 f. 

3. Der im mittelalterlichen Rechts¬ 
brauch geübte Erdbindezauber lebt fort 
in der neuzeitlichen Anwendung des R.s 
als Abwehrzauber. Naturgemäß richtet 
er sich zunächst gegen die Totengeister: 
dem Toten wird R. auf den Hals gelegt, 
nach volksmäßiger Interpretation, um 
ihm durch Festhalten des Kinnes das 
öffnen des Mundes und damit das Wieder¬ 
kehren als Nachzehrer unmöglich zu 
machen 15 ). Verblaßt ist diese Erd¬ 
bindung, wenn man einem Toten, der 
,,schnell gestorben“, dessen Rückkehr 
also besonders zu fürchten ist, einen R. 
auf die Brust legte, angeblich gegen das 
Auslaufen 16 ), was auch mit einem Toten 
geschieht, um den sich die Angehörigen 
,,nicht grämen wollen“ 17 ), wenn man 
statt des Kissens dem Toten ein frisches 
R.stück unter den Kopf legt und diesen 
„Kopfwasen“ in den Sarg mitgibt 18 )„ 
oder wenn man die Leiche, um sie gegen 
Verwesung zu schützen, bis zur Ein¬ 
erdung auf R. legt 19 ), endlich, wenn 
grüner R. auf dem Grabe dem Toten 
Ruhe bringt 2Ü ). Der R.bannzauber hat 


sich .sodann in seinem Objekt von den 
Totengeistern auf andere Schadengeister 
übertragen, wobei zunächst in Inne¬ 
haltung der genetischen Linie der R. 
von einem Grabe stammen muß: im 
Mittelalter legte man in die Wiege eines 
beschrieenen Knaben ein R. stück vom 
Grab eines jungen Mädchens, in die Wiege 
eines beschrieenen Mädchens ein solches 
vom Grab eines jungen Knaben 21 ); be¬ 
fallen fremde Bienen die eigenen (Bienen 
gelten als heilige und deshalb stark 
magischen Schutzes bedürftige Tiere 22 )), 
so zerstößt man ein R.stück vom jüngsten 
Grabe des Friedhofes und bewirft mit 
dem Pulver die Angreifer 23 ); der zur , 
Hexenschau benötigte R. muß vom i 
Grabe eines ungetauft verstorbenen 
Kindes stammen (siehe unten) 24 ). End- j 
lieh verliert sich diese Herkunftsvor- j 
schrift und damit der Zusammenhang 
mit den Totengeistern, wenn allgemein 
R. als Abwehrmittel gegen den Teufel 
und seine Genossen, besonders die Hexen 
gilt 26 ). R. aufs Haupt gelegt, also, wie 
man in Frankreich sagt, zwischen zwei j 
Erden (entre deux terres) sein 26 ), sichert j 
gegen Zauber 27 ), weshalb man sich beim j 
Anblick einer als Hexe verdächtigten j 
Person R. auf den Kopf legt 28 ). Hexen ; 
kann man, ohne von ihnen behelligt und \ 
gestraft werden zu können, ihnen selbst 
unsichtbar 29 ), erkennen, wenn man, ein 
R.stück, das vom Grab eines ungetauften 
Kindes stammt 30 ), das vor Sonnen¬ 
aufgang auf einer Feldecke gestochen 
ist 31 ), auf dem Kopfe, in der Mainacht 
auf einem Kreuzwege 32 ), in einer Grube 
auf dem Galgenberg 33 ) sitzt, am Georgs¬ 
tage (24. April, südslav. Hexenziehtag) 
beim Austrieb der Kühe sich an die 
Stalltür stellt 34 ) oder vor Sonnenauf¬ 
gang auf der Kuhweide die Kleider aus¬ 
zieht und umgewendet wieder anzieht 35 ). 
R. auf dem Kopfe macht auch dem Teufel 1 
unsichtbar 36 ): man kann ihn 37 ), wie 
auch seine Gesellen, die Bilmesschnitter 38 ), 
sehen, wenn man unter einem solchen 
auf dem Felde in einer Grube sitzt 39 ), j 
oder die R.decke eines Maulwurfshügels : 
mit der Grasseite nach unten auf dem 
Kopfe trägt 40 ), wie man auch am Jo- ' 


hannistage mit einem Stück frischen 
R.s unter dem Hut seinen Feind er¬ 
kennen kann, der den Segen des Feldes 
raubt, indem er an jeder Ackerecke 
einige Ähren abschneidet und dadurch 
den Ertrag des Feldes, doch zu eigenem 
Nutzen, vergrößert 41 ). Mit einem R. 
auf dem Kopf und nackten Füßen kann 
man ferner blinkende Schätze heben 42 ), 
mit dem ersteren allein die Vogelsprache 
verstehen 43 ), wie man auch „zwischen 
zwei Erden“ stehend, d. h. mit einem 
R. auf dem Kopf oder in der Hand, in 
mondlosen Nächten Dinge sehen kann, 
die andern verborgen sind 44 ), und anderer¬ 
seits derjenige, der in den Zwölften in 
einem Zauberkreise „lossteht“, die der 
Hölle bestimmten Nachbarn mit einem 
R. auf dem Kopfe dieser zu wandern 
sieht 45 ). Das Vieh schützt man auf der 
Sommerweide gegen Behexung, die sich 
als Lahm werden 46 ) oder Grasseuche 47 ) 
äußert, wenn man es beim ersten Aus¬ 
trieb (s. d.) über frischen, vor die Schwelle 
gelegten R. gehen läßt 48 ), auf den man 
zur Zauberverstärkung außerdem ein 
Ei und Eisengerät, wie Beil, Schlüssel usw. 
legt 49 ), oder unter den man kreuzweise 
Schere, Erbschlüssel und Wetzstein an¬ 
bringt 50 ). Auch im Stalle schützt man 
das Vieh durch außen vor die Schwelle 
gelegten frischen R., den man mit Sumpf¬ 
dotterblumen bestreut: wie in allen diesen 
Zaubermaßnahmen hindert volksinter¬ 
pretationsmäßig das Zählen der Halme 
die Hexe, hier vermehrt durch das der 
Blumenblättchen 51 ). In besonderem 
Maße hat man in der Walpurgisnacht den 
Stall durch R. zu schützen 52 ): man legt 
die R. zu dreien vor die Tür 53 ), sie müssen 
mit einem Bannspruch gegen die Hexen 
gegraben und mit drei Kreuzen von Hol¬ 
lunder besteckt sein 54 ), man legt sie mit 
Besen zusammen in Kreuzform 55 ) und 
breitet schließlich auch vor Wohnhaus 
und Stubentür solche R.stücke aus 56 ). 
Vor Hexen schützt man sich allgemein, 
wenn man auf Rasen und nicht auf dem 
ausgetretenen Fußweg geht 57 ). Auf die 
Tätigkeit der Hexen als Wettermache¬ 
rinnen geht der Glaube zurück, daß man 
den Wind wenden und damit herauf- 





5»3 


Rasen 


504 


ziehende Unwetter abhalten kann, wenn 
man ein Stück R. auf dem Boden um¬ 
kehrt 58 ). 

1S ) Meyer Aberglaube 346; Keller Grab d. 
Aberglaubens 3, 84!!; 5,4; Grimm Mythol. 
3, 459; Panzer Beitrag 2, 294. 16 ) Höhn 

Tod 316. I7 ) Laramert 106. 18 ) Meyer 

Baden 587. 19 ) Fogel Pennsylvanien 134. 

20 ) Köhler Voigtland 417, danach Selig¬ 
mann Blick 2,64; Wuttke 467 §740. 2l ) 

Seligmann Blick 1, 286. 22 ) Heckscher 

384. 23 ) ZföVk. 5, 188. 24 ) Kuhn Westfalen 

1 Nr. 419. 25 ) Grimm Myth. 1, 534h; Gold¬ 
mann Einführung 113t.; Drechsler 2,214; 
Wuttke 100 §126. 26 ) Sebillot Folk-Lore 

1, 210. 27 ) Grimm Myth. 3, 184; Panzer 

Beitrag 1, 240. 241; Kuhn u. Schwartz 378; 
ZdVfVk. 3,389; Sebillot Folk-Lore 2, 91. 
28 ) Sebillot Folk-Lore 1, 210. 2Ö ) ZdVfVk. 

2,49. M) Siehe Anm. 24. 31 ) Wuttke 378. 

32 ) Kuhn-Schwartz 378; Heckscher Han- 
nov. Vkde 1, §28. 33 ) Feilberg Ordbog s. v. 

graestorv. 34 ) Krauss Slav. Volkforsch. 40. 
3a ) Krauss Relig. Brauch 121. 36 ) Grimm 


Myth. 3, 312. 


) Schönwerth Oberpfalz 


1, 439 - 38 ) Rochholz Sagen 2, XLVII; Som¬ 
mert Egerland 118; ZdVfVk. 2, 49; 14, 133. 
39 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 439. 40 ) Panzer 
Beitrag 2, 536; Leoprechting Lechrain 21. 
41 ) John Erzgebirge 206. 42 ) Meiche Sagen 

720. 43 ) Feilberga a. O. 44 ) Sebillot Folk- 
Lore 1, 210. 45 ) Baumgarten Jahr 16. 46 ) 

Schramek Böhmerwald 239. 47 ) Kuhn- 

Schwartz 446. 48 ) Schramek und Kuhn- 

Schwartz a. a. O. 4Ö ) ZdVfVk. 2, 49; Wuttke 
89. 50 ) John Erzgebirge 227 = Reuschel 

Volkskunde 2, 35. 51 ) Köhler Voigtland 373; 

Drechsler 2, 250; ZdVfVk. 2, 49; Seligmann 
Blick 2, 64. 52 ) John Westböhmen 72; Ders. 

Oberlohma 162; Schramek Böhmerwald 
151; Seligmann Blick 2,64. 53 ) Schön¬ 

werth Oberpfalz 1,315. 54 ) John Westböhmen 
72. 5o ) ZdVfVk. 23, 120. 56 ) John Westböhmen 
72. 57 ) Bindewald Sagenbuch (1873) 105. 

58 ) ZdVfVk. 2, 49. 

4. Der Erdbindungszauber der ma.- 
iichen Rechtssitte ist ebenso im neuzeit¬ 
lichen Heilzauber erhalten, insofern 
die Krankheit magisch an die Erde ge¬ 
bunden wird 59 ). Die Bindeart, wie sie 
in ursprünglicher Form der Blutsbrüder¬ 
schaftsschwur zeigte, klingt in manchen 
unserer Heilungsweisen noch nach, so, 
wenn man zur Entfernung des Fiebers drei 
Tage nacheinander vor Sonnenaufgang 
oder nach Sonnenuntergang schweigend 
auf einem Grasplatz ein rundes Stück R. 
so ausschneidet, daß es an der Nordseite 
mit dem übrigen gewachsenen Boden 
zusammenhängend bleibt, den R.deckel 


aufklappt, in das Loch eine Handvoll Salz 
(als Zauberabwehrmittel) wirft und sein 
Wasser (als Krankheitsträger) abschlägt 
und den R. wieder schließt 60 ); wenn zur 
Fortzauberung bestimmter Krankheiten 
ein Stück R. in zwei Teile geschnitten und 
so gelegt wird, daß der Kranke hindurch¬ 
schreiten kann 61 ); wenn man zur Heilung 
der englischen Krankheit an drei auf 
einanderfolgenden Donnerstagsabenden 
schweigend ein auf dem Felde, besonders 
an der Verzweigung dreier Wege ausge¬ 
grabenes frisches R.stück zu Hause über 
die Beine eines umgestülpten Stuhles 
legt, das kranke Kind in Sonnenlauf¬ 
richtung unter dem Erdstück hindurch¬ 
zieht und dieses schweigend an seinen 
Ort zurückträgt, wie die ganze Handlung 
schweigend erfolgt 62 ). Handelt es sich 
bei diesen Heilungszaubern um ein 
Abstreifen (s. d.) der Krankheit, so tritt 
der Erdbindezauber mit dem Leichen¬ 
zauber, der ein dem Vergehen der Leiche 
analoges Schwinden der Krankheit be¬ 
zweckt, in Verbindung, wenn der heil¬ 
zauberisch verwandte R. von einem 
Grabe stammen muß: gegen Seekrankheit 
muß man vor Beginn der Reise aus einem 
Kirchhof geschnittenen R. in die Schuhe 
legen 63 ); gegen Zahnschmerz am Kar¬ 
freitag früh auf einem Gottesacker R. 
ausstechen, dreimal in den Erdschurf 
hauchen und den R. zurücklegen 64 ) ; 
zur Bannung innerer Krankheiten vor 
Sonnenaufgang auf dem Friedhof R. ab¬ 
heben, sein die Nacht über aufgespartes 
Wasser hineinlassen und den R. mit der 
Grasseite, als der eigentlich zauberisch 
wirksamen, nach unten wiedereinsetzen 65 ); 
zur Heilung von Brüchen und Fallsucht 
in der Karfreitagsnacht oder am Weih¬ 
nachtsabend auf dem Kirchhof R. aus¬ 
stechen, in die kahle Stelle etwas vom 
Kranken Herrührendes legen und den R. 
wieder hineinfügen, wobei man Erde von 
den drei jüngsten Gräbern mitnimmt, die 
der Kranke auf dem Leibe tragen muß 66 ). 
Einfacher Erdbindezauber durch Ein¬ 
graben liegt vor, wenn man ein ausge¬ 
stochenes R.stück eine Zeitlang durch 
Auflegen auf den Krankheitssitz mit dem 
Numen der Krankheit in Berührung 


505 


Rasen 


506 


i 


h 

ix 

6 






«v 

1 



bringt und den R. alsdann zurücklegt: so 
heilt man Einschuß, eine Brustkrankheit, 
indem man bei zunehmendem Monde 
einen R. aussticht, ihn unter Absagen 
einer Bannformel mit folgendem Vater¬ 
unser eine Zeitlang auf die Brust legt und 
darauf wieder an seine Stelle einsetzt 67 ); 
Kopfschmerz vertreibt man, indem man 
einen R. eine Zeitlang auf den Kopf hält 
und dann, wie er gewachsen oder umge¬ 
kehrt mit der Narbenseite nach unten 68 ), 
zurücklegt; zur Heilung von Pferdefu߬ 
krankheiten wird unter dem Huf des 
kranken Fußes R. weggeschnitten, der 
Fuß, während das Pferd mit ihm auf dem 
nackten Boden steht, unter Absagen einer 
Krankheitsbannformel mit dem R. ge¬ 
rieben und dieser sodann zurückgelegt 69 ). 
Weiter vergräbt man sein Wasser, als 
vermeintlich numinös mit der Krankheit 
in Verbindung stehend: innere Krank¬ 
heiten 70 ), wie Fieber 71 ), auch den Ver¬ 
lust der monatlichen Regel 72 ) sucht man 
dadurch zu beheben, daß man vor Sonnen¬ 
aufgang, während des Marialäutens schwei¬ 
gend, und, als kultisches Blick verbot, mit 
abgewandtem Gesicht seinen über Nacht 
angesammelten Urin in einen seines R.s 
entblößten Erdschurf läßt und mit dem 
R. bedeckt. Sodann werden tatsächlich 
mit der Krankheit in Verbindung stehende 
Stoffe vergraben, wenn man, um Blutun¬ 
gen, besonders der Nase, zu stillen, in 
den nackten Erdschurf Blut 73 ), zuweilen 
unter Hersagung einer Blutstillformel 74 ), 
tropfen läßt, ein Läppchen mit Blut hin¬ 
einwirft, oder einen dreieckigen R., 
in den drei höchsten Namen geschnitten, 
auf die blutende Stelle hält 75 ) und den R. 
zurücklegt. Künstlich mit dem Krankheits¬ 
herd in Verbindung gebracht wird der 
Krankheitsnumenträger, wenn man zur 
Heilung des Überbeins ein Stück Seife drei¬ 
mal in Kreuzform auf dieses drückt und 
unter einem ausgehobenen R.stück ver¬ 
gräbt 76 ). Zum Erdbindezauber durch 
Eingraben tritt Opferzauber, wenn man 
die von einer Fingerwurzelkrankheit be¬ 
fallene Hand nachts und unbeschrieen 
auf einen R. legt, der bei einer Weggabe¬ 
lung an einer Wagenspur wächst, den R. 
aushebt, in den Erdschurf die kranke 


Hand hält, sodann ein Geldstück hinein¬ 
legt und den R. zurücklegt 77 ); und 
Zeichenzauber, wenn man zur Heilung 
einer kranken Kuh in ein ausgehobenes 
R. stück ein Kreuz schneidet, in dieses hin¬ 
einmelkt und den R. in seinen Schürf zu¬ 
rückfügt 78 ). Endlich wird der R. nur noch 
als Mittel zur Absorption der Krankheit 
verwandt, wenn man, angeblich zum 
Schutz gegen das Wundliegen, R. mit der 
Grasseite nach unten (was wohl als eine 
Art Überleitung auf die Erde zu verstehen 
ist) ins Bett legt 79 ), wenn man Kranke 
auf R. legt 80 ), wenn man zum Heilen von 
Krankheiten der Schweine ein mit Pfeffer 
bestreutes Stück R. in den Stall bringt 81 ), 
und schließlich, was unter diesen Heil¬ 
arten die verbreitetste ist, wenn man zur 
Behebung von Viehkrankheiten 82 ), zu¬ 
meist des Fußes, wie Hufkrankheit 83 ), 
Fußfäule 84 ), Maul- und Klauenseuche 85 ), 
Blasenbildung zwischen den Klauen 86 ), 
Lahmheit 87 ), der fourche genannten Fu߬ 
krankheit 88 ), weniger der Menschen¬ 
krankheiten, wie der Fußgeschwüre 89 ) 
oder gar des Kopfschmerzes 90 ), ein R.- 
stück, auf dem der Kranke steht, oder, 
zur Heilung des Kopfwehs, auf dem er 
die linke Hand hält, ausschneidet und, 
indem man es an die Sonne hängt 91 ), an 
einen Zaunpfahl steckt 92 ), zuweilen mit 
der Grasnarbe nach unten 93 ), in den 
Rauch hängt 94 ), auf den Rauchmantel 95 ) 
oder hinter den Herd 96 ) legt, zum Ver¬ 
dorren bringt, wobei die Krankheit mit 
dem Sterben der Pflanzen im R.stück 
vergeht. Zuweilen wird diese Heilweise 
dahin variiert, daß man, wie bei der Fu߬ 
fäule des Viehs, in den R. drei Nesseln 
steckt, die man dem kranken Tier durch 
die Zehen gezogen hat, und R. mit Nesseln 
über der Feuergrube dorren läßt 97 ), daß 
man den Gebirgsziegen, deren Klauen 
durch Eintreten von Spreißen vereitert 
sind, etwas Haut von den Klauen schneidet, 
die Wunde mit frisch gestochenem R. 
reibt und diesen dann in den Rauchfang 
hängt 98 ), daß man, wenn ein Rind Blut 
uriniert, den R., auf den es sein Wasser 
gelassen hat, ausschneidet und mit der 
Narbe abwärts auf einen Zaunpfahl 
steckt "), und endlich, daß man Lungen- 




507 


Rasen 


508 


. w 

1 1 


tuberkulöse heilt, indem man ein Stück 
Grasland umgräbt, wobei die Krankheit 
vergeht, wie das Gras verfault 10 °). Auf 
dem Umweg über den Baum wird die 
Krankheit auf die Erde übertragen, wenn 
man ein R.stück, nachdem man es von 
außen mit dem Krankheitssitz in Be¬ 
rührung gebracht hat, auf die Zweige 
•eines Baumes legt 101 ). 

59 ) Sebillot Folk-Lore 1, 205 ff. 60 ) Wuttke 
33 1 § 493 - 6l ) Krauss Relig. Brauch 52; danach 
Weinhold Ritus 38 u. ZdVfVk. 20, 149. 62 ) 
ZdVfVk. 7, 44 f. 63 ) Liebrecht Zur Vkde 370; 
ZdVfVk. 8, 287. 64 ) Witzschel Thüringen 

1, 283 Nr. 78; ZdVfVk. 23, 120; Wuttke 334 
$ 496. 65 ) Seyfarth Sachsen 215. 66 ) Köhler 
Voigtland 415; danach Seyfarth 215. 67 ) 

ZdVfVk. 7, 67. 68 ) Pollinger Landshut 279; 

Schönwerth Oberpjalz 3, 238. 6Ö ) Sebillot 

Folk-Lore 1, 206. 70 ) Höhn Volksheilkunde 

L 139 - 71 ) Lammert Volksmedizin 263; 

Hovorka-Kronfeld 2, 327 (altrömisch); in 
Deutschi, zuerst bei Albert. Magn. de animal. 
XXIII de gugulo. 72 ) Lammert Volksmedizin 
149; Hovorka-Kronfeld 2, 262. 73 ) Reiser 
Allgäu 2, 441. 74 ) Wlislocki Magyaren 5. 

7S ) Birlinger Volkst. 1,480; Lammert Volks¬ 
medizin 194. 76 ) Drechsler 2, 294. 77 ) Se¬ 
billot Folk-Lore 1, 206. 78 ) Zahler Simmen- 

thal 94. 79 ) Fogel Pennsylvanien 290. 80 ) 

Wlislocki Magyaren 5. 81 ) SAVk. 15, 8. 

82 ) Bohnenberger 15; Strackerjan i, 91. 

83 ) Wuttke 444 §700. 84 ) Zahler Simmen¬ 
tal 96. 83 ) SAVk. 15, 8. 86 ) Bi rlinger 

Volksth. 1, 488. 87 ) Liebrecht Zur Vkde 316. 
**) Sebillot Folk-Lore 1, 206 f. 89 ) Frisch¬ 
bier Hexenspruch 61. ®°) Schönwerth Ober- 

Pfalz 3 » 2 3^. 91 ) Birlinger, Bohnenberger 

Sebillot a. a. Oo. 92 ) Liebrecht a. a. O. 
* 3 ) Schönwerth, Frischbier a. a. Oo. 94 ) 
SAVk., Zahler a. a. Oo. 95 ) Strackerjan 
a. a. O. *) Wuttke a. a. O. 97 ) SAVk. 15,8; 
Zahler Simmenthal 96. 98 ) Rochholz Sagen 

2, XLVIII. ") Bartsch Mecklenburg 2, 151 f. 

10 °) Hovorka-Kronfeld 2, 61. Sebillot 
Folk-Lore 3, 415. 

5. Vergeht im Heilzauber durch Dorren 
der betretenen R.sode der Krankheits¬ 
geist, so geschieht dasselbe im Schaden¬ 
zauber mit dem Menschen- oder Tier¬ 
geist selbst. Wenn man ein Stück R., auf 
welchem ein Mensch 102 ), und zwar als 
Verstärkung der Numenüberleitung mit 
nackten Füßen 103 ), ein Dieb 104 ) oder ein 
Pferd 105 ) gestanden hat, das von einem 
jemandem anders gehörenden Rain abge¬ 
stochen ist 106 ), das also immer das Numen 
dessen, dem man schaden will, in sich 
auf genommen hat, dadurch zum Ver¬ 


dorren bringt, daß man es in den Ka¬ 
min 107 ), hinter Herd oder Ofen hängt 108 ), 
oder indem man es sonstwie verwahrt 109 ), 
so muß der, dessen Fußspur der R. trägt, 
dahinsiechen, wie der R. eintrocknet, und 
sterben, wie das letzte Leben aus dessen 
Pflanzen entwichen ist. Dem Numen- 
zauber wird Bandzauber beigesellt, wenn 
beim Hexen zur Milchgewinnung das 
fremde Vieh über einen R. geführt wird, 
auf den man Strickstücke gelegt hat, 
und der R. sodann ausgeschnitten und in 
die Butterrolle getan wird no ). Zauberer 
können sich dadurch unsichtbar machen, 
daß sie auf grünen R. treten 111 ), also 
durch zauberische Mittel an der magischen 
Kraft der Erde partizipieren, wie durch 
Zauber Gebannte erst dann wieder gelöst 
werden können, nachdem sie „ausge¬ 
graben“, d. h., der R., auf dem sie stehen, 
kreisförmig ausgeschnitten ist 112 ). 

102 ) Grimm Myth. 1, 536; 3, 452 (v. J.1790); 
Alpenburg Tirol 350; Reling-Brohmer 
Pflanzen 5 3,86; Höhn Volksheilkunde 1,64. 
103 ) Andree Parallelen 2, 8; Wuttke 186 
§258. 104 ) Heckscher Hannov. Vkde 1, §68; 
ZrwVk. 3,231. 105 ) Meyer Baden 397. w») 

Drechsler Schlesien 2, 248. 107 ) Grimm, 

Alpenburg, Meyer, ZrwVk., Drechsler, 
Reling-Brohmer a. a. Oo. 108 ) Andree, 
Wuttke a. a. Oo. 109 ) Höhn a. a. O. u0 ) 
Krauss Relig. Brauch 55. ln ) Panzer Beitrag 
2, 114L Nr. 177. 112 ) Baumgarten Heimat 

2, 82. 85. 

6 . Vereinzelt wird die Zauberkraft des 
R.s auch man tisch genutzt. Will ein 
Mädchen wissen, ob es bald heiratet, so 
gräbt es am Johannisabend ein rundes 
Stück R. aus und legt es in der Mitter¬ 
nachtsstunde wieder an seinen Ort: sind 
am nächsten Morgen Ameisen darauf, so 
heiratet es bald 113 ). Wül es den Beruf 
seines künftigen Mannes erfahren, so muß 
es am Johannisabend 114 ) oder in der 
Johannisnacht 11S ) einen R. ausheben; ist 
ein Wurm darunter, so heiratet es, und 
zwar gibt der Wurm in seiner Farbe das 
Berufskleid des Zukünftigen an 116 ); oder 
es muß die R.stücke zurücklegen und am 
nächsten Morgen nach einem Wurm unter 
ihnen suchen, der dann ebenso durch 
seine Farbe entweder die Farbe des 
Kragens an der Berufstracht des Zu¬ 
künftigen 117 ) oder überhaupt die des 






ti 


; 




509 

Berufskleides angibt, wie ein grüner Wurm 
einen Förster, ein schwarzer einen Ge¬ 
lehrten in Aussicht stellt 118 ). Ameisen 
am Johannismorgen unter einem Stück R. 
gefunden bedeuten Glück 119 ). 

11 3 ) Drechsler 1, 145. 114 ) Wuttke 234 

§ 335 (Ostpreußen); Drechsler a. a. O. ll5 ) 
John Erzgebirge 205. 116 ) Drechsler a. a. O. 

117 ) Wuttke a. a. O. u8 ) John a. a. O. l19 ) 

Drechsler 1, 144. 2, 219. 

Zum Ganzen (auf Grund des Materials des 
Hdwb.s) vgl. Heckscher R.zauber in Volk u. 
Rasse 3 (1928), 105—118. Heckscher. 

rasieren, Rasiermesser. Die Sitte, den 
Bart zu rasieren, ist bereits eine gemein¬ 
germanische Angelegenheit gewesen, wie 
die sprachlichen Verhältnisse 1 ) und die 
Gräberfunde 2 ) zeigen; denn übereinstim¬ 
mend werden die vielen seit der Bronze¬ 
zeit (auch bei Griechen und Römern 3 )) 
als Grabbeigaben auftauchenden sichel¬ 
förmigen Messer von der Forschung 4 ) als 
Rasiermesser erklärt. Auch im deutschen 
Altertum und Mittelalter haben das 
Scheren des Bartes und der Barbier eine 

große Rolle gespielt 5 ). 

Der Volksglaube, das Haar sei der Sitz 
der Lebenskraft, ist schon in der Bibel 
•durch die Geschichte von Simson 6 ) ver¬ 
treten. Vielleicht klingt dieser Glaube 
noch leise an, wenn im mhd. Dietrich- 
Epos vom Riesen Sigenot 7 ) der Berner 
nachträglich droht: 

„het ich’s gewist ze Pern, ich het jn 

abgeschorn“. 

Sicher aber liegt dieser Aberglaube dem 
häufig aus verschiedenen Teilen Deutsch¬ 
lands 8 ) (Oldenburg 9 ), Saterland 10 ), Mün¬ 
sterland 11 ), Bergisches Land 12 ), Steier¬ 
mark 13 ), Siebenbürgen 14 )) belegten Ge¬ 
bote, einen Toten zu r. zugrunde, 
wenn man sich auch heute dieser Ver¬ 
bindung meistens nicht mehr bewußt ist, 
sondern z. B. als Grund angibt, der Tote 
müsse recht schön am jünsten Tage vor 
Gott treten 15 ). Auch für fremde Völker 
ist die Sitte, den Toten zu rasieren, be¬ 
legt 16 ). 

Nur bei den Primitiven 17 ), nicht da¬ 
gegen in Deutschland, ist die Sitte üblich, 
daß die Leidtragenden sich die Bärte 
teüweise r. und die abgeschnittenen 
Haare dem Toten schenken. Ob dieser 


510 

Opfergedanke auch den an manchen 
Stellen auftauchenden Sagen vom R. 
durch Geisterhand 18 ) zugrunde liegt, läßt 
sich nicht genau erweisen. Sicherlich aber 
ist die Aufgabe, einem Gespenst den 
Bart zu scheren, die in einem schon im 
18. Jh. bekannten Märchen auf taucht lö ), 
was das R. angeht, von jedem übersinn¬ 
lichen Gehalt frei zu halten. 

Sehr häufig begegnet bei Faschings¬ 
umzügen 20 ), einmal auch bei einer Grenz¬ 
begehung 21 ), der Brauch, daß ein Mitglied 
des Umzuges symbolisch eingeseift und 
rasiert wird, etwa erfolgt das Einseifen 
mit einem Strohwisch, das R. mit einer 
schartigen Sichel. Es wäre denkbar, daß 
dieser längst zum Scherz erstarrten Hand¬ 
lung der Gedanke an ein Opfer für um¬ 
ziehende Geister zugrunde liegt. Andrer¬ 
seits wissen wir, daß das erste Scheren 
eines Kindes etwa bei den Juden 22 (oder 
die erste Bartschur eines Jünglings bei 
den Indern 23 )) als eine kultische Handlung 
angesehen wurde. Wenn daher bei einem 
Braunschweigischen Fastnachtsumzug 24 ) 
ausdrücklich hervorgehoben wird, daß ein 
junges Mitglied von einem alten rasiert 
wird, so ist auch an das Nachklingen 
eines Übergangsritus' zu denken. Eine 
dritte Möglichkeit der Erklärung dieser 
Bräuche ergibt sich schließlich aus der 
Tatsache, daß es üblich war, bei dem 
Reinigungsritus nach irgendwelcher Krank¬ 
heit sich zu r. 25 ), wie ja schon aus der 
Bibel bekannt ist 26 ). 

Auf der Anschauung vom Haar als 
Sitz der Lebenskraft fußen viele Verbote, 
sich zu r., wie ja schon aus dem Altertume 
überliefert ist 27 ). öfter findet sich in 
Sagen und Märchen der Zug, dass ein 
König schwört, sich nicht eher den Bart 
wieder scheren zu lassen, als bis er ein 
bestimmtes Werk vollbracht habe. Hierin 
haben wir vielleicht noch eine Erinnerung 
an jenen alten Volksglauben. Deutlicher 
tritt diese Verbindung (neben der Vor¬ 
stellung eines Analogiezaubers) zutage 
in dem norwegischen Aberglauben 28 ), 
ein Bauer dürfe sich während der ganzen 
Saatzeit den Bart nicht r. In dem Verbot, 
sich nicht am Karfreitag zu rasieren, 
das in Deutschland allgemein verbreitet 


rasieren, Rasiermesser 



ist 29 ), trifft wohl jener alte Glaube mit 
kirchlichen Verboten zusammen. In 
einer holsteinischen Sage ist das Verbot, 
sich außer am Sonnabend zu r., die 
Grundlage eines Teufelspaktes 30 ) ge¬ 
worden. 

Es versteht sich von selbst, daß das Ra¬ 
siermesser, das einem Toten gehörte oder ! 
zum R. einer Leiche benutzt wurde, für 
einen schädlichen Gegenstand gehalten 
wird. Dieses wird dem Barbier, der die 
Leiche versorgte, gegeben 31 ), von jenem 
sagt der Aberglaube der Deutsch-Ameri¬ 
kaner, der Bart würde nach seiner Be¬ 
nutzung schnell grau 32 ), eine Wunde, die 

man sich mit ihm schnitte, heile nicht 
wieder 33 ). 

Auf einer Analogievorstellung beruht 
das Gebot, sich bei Neumond zum ersten 
Male zu r., wenn man einen großen Bart 
bekommen wolle M ), Der Mondaberglaube 
spricht mit, wenn gesagt wird, ein Rasier¬ 
messer, das der Mond bescheine, werde 
stumpf (Odenwald) 35 ). Vereinzelt steht 
der mecklenburgische Brauch 36 ), das R. 
um Mitternacht zum Orakel zu benutzen. 
Tut man es nämlich, so soll einem die 
künftige Frau die Seife dazu bringen. 

*) Hoops Reall. 3, 438 ff. 2 ) Ebda. 3, 439; 
Müller Altertumskunde 1, 257 ff. 350. 385. 
389. 414; 2, 65; Schröder Germanentum 63. 

з ) Pauly-Wissowa 2 R. 1, 1, 254 ff. 4 ) Siehe 
Anm. 2 u. 3; anders Spieß Praehistorie u. 
Mythos 18. ö ) Fischer Altertumskunde 44 f.; 
Martin Badewesen 70 ff. 6 ) Richter 16, 17. 

7 ) Kondziella Volksepos 74 Anm.; Riese 
Siegenot 159, 12 (ed. v. d. Hagen 2. Teil; 
Berlin 1825). 8 ) Kondziella Volksepos 129; 

Rochholz Glaube 1, 183 f.; Sartori Sitte 1, 
132. ®) Strackerjan 2, 216. 10 ) ZfVk. 3, 269. 

и ) Strackerjan 2, 216. 12 ) ZfrheinVk. 5, 248 f. 

13 ) Fossel Volksmedizin 2 (Graz 1886) 170. 

14 ) Schüller Tod u. Begräbnis i. Siebenbürger 

Sachsenlande (Pgr. Schäßburg 1863) 42. 

15 ) Kondziella Volksepos 129. 16 ) ARw. 4, 343; 
Flachs Rumänische Hochzeits - u. Totenbräuche 
(Berlin 1899) 45; Wilken Haaropfer 2, 370 u. 
387; ZfVk. 18, 361. 17 ) Samter Volksk. i. alt- 
spracht . Unterricht 135. 18 ) Kühnau Sagen 
1, 507; Bartsch Mecklenburg Nr. 284; NdZfVk. 

5 > 2 35 I 6, iii; Pfister Hessen 106; Zingerle 
Sagen Nr. 435; Schamberg u. Müller 
225. 19 ) Unterredungen im Reiche der Geister 
(o. O. 1730) 1, 289 ff.; Mackensen Nds. 

Sagen 68; Nds. 1, 74. 20 ) And ree Braunschw. 
F£- 2 331 th; Bavaria 4, 2, 398 ff.; Becker 
Frühlingsfeiern 24; Frazer 12, 437; Hess- 
BlVk. 6, 162 ff.; John Westböhmen 43; E. H. 


Meyer Volkskunde 137 ff.; Nds. 6, 170. 

21 ) Drechsler 2, 26; Sartori Sitte 2, 185. 

22 ) Stern Türkei 2, 127 ff. 23 ) Oldenburg 

Religion d. Veda 424; Samter Volksk. i. 
alt spracht. Unterricht 170. 24 ) And ree Braun¬ 
schw. Vk. 2 331 ff. 25 ) Samter Volksk. i. alt- 
sprachl. Unterricht 53; Stern Türkei 1, 380. 
26 ) 3. Mose 14,1; 4. Mose 6,9. 2 ?) Samter 

Volksk . i. altspr. Unterricht 169; Stern Türkei 
1, 378 28 ) Liebrecht Zur Volksk. 323; Sartori 
Sitte 2, 65. 29 ) John Erzgebirge 193; John 

Westböhmen 61; Sartori Sitte 3, 143; Stracker¬ 
jan 2, 69; Witzschel Thüringen 2, 196; 
ZfVk. 4, 395. 30 ) Müllenhoff Sageji 192. 

31 ) Strackerjan 2, 216. 32 ) Fogel Penn¬ 
sylvania 130 Nr. 598. 33 ) Ebda 342 Nr. 1827. 

34 ) Ebda 341 Nr. 1819. 3 *) Wolf Der Mond 

(Bühl 1929) 38. 36 ) Bartsch Mecklenburg 

2 > 2 4 °- Tiemann. 

Rasiermesser siehe rasieren. 

Rauhreif s. Reif. 

Ratperonius. Ein frommer Einsiedler, 
den der hl. Ulrich (s. d.) zur Bekehrung 
der Gegend des heutigen Kislegg und 
Rötsee ausgesandt haben soll. Das Volk 
nennt ihn den heiligen Rabis und erzählt 
allerlei Wunderbares von ihm 1 ). In 
einem Stein, auf dem er ausgeruht haben 
soll, ist seine Fußspur eingedrückt. Wer 
seinen Fuß hineinsetzte, konnte nicht 
müde werden 2 ). 

b Birlinger Volkstüml. 1,408 ff.; Reiser 
Allgäu 1, 376 f. 2 ) Ebd. Sartori. 

Ratsche s. Nachtrag. 

Rätsel s. Nachtrag. 

Ratssitzung, Ratsherr. Zahlreiche 
Sagen berichten von einer geisterhaften 
R. 1 ). Im hellerleuchteten Ratssaal sitzen 
die alten Ratsherren zusammen. Neu¬ 
gierige Menschen, die das Geheimnis dieser 
R. erkunden wollen, werden bestraft. So 
wird eine Frau am frühen Morgen be¬ 
wußtlos aufgefunden, während eine ver¬ 
wegene Magd noch in derselben Nacht 
starb 2 ). Nur wer „notnagel“ (s. d.) ist, 
dem passiert nichts dabei 3 ). 

Auch im Buchholz kann eine solche R. 
stattfinden, wie eine mecklenburgische 
Sage erzählt. Ein Stuhl, an dem eine 
Sprosse fehlte, stand dabei leer für einen 
lebenden Ratsherrn, der sterben sollte, 
sobald dieselbe fertig sei, und der von dem 
verstorbenen Ratskutscher geholt werden 
sollte. Und wirklich soll am nächsten Tag 
ein R. tödlich verunglückt sein 4 ). 


513 


Ratte 


514 


Verbrecherische Ratsherren, wie einer 
in Bozen hingerichtet wurde 5 ), müssen 
zur Strafe ihr Leben nach dem Tode 
weiterleben (s. Geist), gelegentlich ver¬ 
schmilzt ihre Gestalt auch mit der des 
wilden Jägers (Lausitz) 6 ). 

*) Baader N. Sagen (1859) 100 Nr. 132; 
Correvon Gespenstergeschichten 5L; Eisei 
Voigtland 112 Nr. 286; Lütolf Sagen 1270.; 
Rochholz Naturmythen 167; Schönwerth 
Oberpfalz 3,131 Nr. 6; Vonbun Beiträge 10 
(= Ranke Sagen 275); Walliser Sagen 1, 198; 
2, 72 Nr. 59; ZfVk. 4 (1894), 329 f. 2 ) Baader 
NSagen (1859) 100 Nr. 132; Eisei Voigtland 112 
Nr. 286; Niderberger Unterwalden 2, 51t. 
3 ) Ranke Sagen 275. 4 ) Bartsch Mecklen¬ 

burg 1, 434. 6 ) Heyl Tirol 283 Nr. 101; Köhler 
Voigtland 511. Mengis. 

Ratte. 1. Etymologisches. In den 
meisten germanischen Sprachen (ahd. 
ratta> nhd. Ratte , holl, rat , rot , schwed. 
rätta , dän. rotta J )) versteht man unter dem 
Namen „Ratte** nur die großen Arten wie 
mus rattus (Hausratte), mus decumanus 
(Wanderratte), während er in den 
romanischen Sprachen und wohl auch im 
Englischen (rat) als allgemeinen Begriff 
auch die Mäuse mit einschließt 2 ). rat 
und raton in Lafontaines Fabeln be¬ 
zeichnen die Hausmaus und ihr Junges 3 ). 
Schürr 4 ) hat mit Recht darauf hinge¬ 
wiesen, daß in den romanischen Sprachen 
eine wortgeschichtliche Scheidung zwi¬ 
schen den beiden Begriffen schwer möglich 
ist, denn es hat ein beständiges Hin und 
Her stattgefunden, bzw. ist die Bezeich¬ 
nung überwiegend vom selben Stamme 
erfolgt. Vgl. auch ahd. gröz-müs 5 ) für die 
Hausmaus. Merkwürdig ist die Bildung 
Rattmaus 6 ). Im Neugriechischen werden 
alle Arten von Mäusen und R.n mit tcov- 
xtxoc bezeichnet 7 ). 

Die Herkunft des Wortes „Ratte** ist 
nicht sicher. Am ehesten läßt sich noch 
mit Spitzer 8 ) schallnachahmender Ur¬ 
sprung annehmen. Wie das Wort ist auch 
die Herkunft des Tieres in Dunkel gehüllt. 
Wann und von wo die Hausr. nach Europa 
gekommen ist, steht nicht fest 9 ). Dem 
Altertum war sie unbekannt. Die Hausr. 
wurde vielfach durch die größere Wanderr. 
verdrängt, die Anfang des 18. Jh.s an 
der unteren Wolga erschien und von da 
Europa überschwemmte 10 ). Auf ein 

Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube VII. 


Wandertier weisen mit Entschiedenheit 
die Benennungen der R. nach fremden 
Völkerstämmen. So heißt im Aisl. die R. 
volsk mus „welsche, d. i. französische 
Maus**, ebenso wurde sie im Kymrischen 
(Uygoden Ffrengig) und im Neuirischen 
(francach, galluch) bezeichnet 11 ). Ähnlich 
findet sich im Tschechischen für die R. 
die Bezeichnung nemecka mys „deutsche 
Maus“, im Englischen heißt die Wanderr. 
Norway rat 12 ).—Im Hochdeutschen lautet 
übrigens der volkstümliche Name für die 
R. Ratz, das in modernen Dialekten auch 
den Marder (Iltis), das Murmeltier und 
den Bilch (Haselmaus) bezeichnet 13 ). 
Auch im Französischen 14 ) wird die 
Haselmaus nach der R. benannt: rat dort 
(seit Buffon), in Mundarten: neuprov. 
rat-dourmeire , Correze rat dourman usw. 
Im Bayrisch-Schwäbischen dient Ratz auch 
zur Bezeichnung der Raupe 15 ). Auf 
Tabu scheint zu beruhen der Name der R. 
im französischen Soldatenargot: Gaspard 16 ). 
Nach Sartori 17 ) gehört die R. zu den 
Tieren, die in den Zwölf nächten vom 
Namensverbot betroffen werden. Auch 
heißt es in Tirol von den Hexen, daß sie 
die R.n mit geheimen Namen locken 18 ). 

*) Edlinger Tiernamen 85; Jaberg-Jud 
AIS. Karte Nr. 446; 2 ) Zoologischer Garten 

12, 357 . 3 ) Ebd. 4 ) ZfrPh. 47, 510. *) 

Palander Ahd. Tiernamen 75. 6 ) Kehrein 
Nassau 2, 61. 7 ) Heldreich Faune 13. 8 ) Ar. 
1927, 293 f. 9 ) Schräder Reällex. 648. 10 ) Ebd. 
u ) Ebd.; Palander a. a. O. 74 f. 12 ) Zoolo¬ 
gischer Garten 12, 358 f. 13 ) Nemnich 1, 426; 
Palander op. cit. 75; Riegler Tier 69. 
14 ) Wartburg FEWb. 2, 142. 15 ) Ebd.; 

Hoops Reällex. 3, 18. 16 ) Esnault Le poilu 

436. 17 ) Sitte 3, 24. 18 ) Zingerle Sagen 450. 

2. Biologisches. In England glaubte 
man die R.n (und Mäuse) wie alles „Un¬ 
geziefer“ aus Unrat entstanden lö ). In 
Nordamerika erhielt sich der Glaube, R.n 
und Mäuse seien Männchen und Weibchen 
desselben Tieres 20 ) (Vgl. katal. rat 
„Ratte**, rata „Maus“) 21 ). Dement¬ 
sprechend ist im Renartroman die R. 
(dan pelez) der Gemahl der Maus 22 ). In 
den Vereinigten Staaten gelten die Mäuse 
auch für die Jungen der R.n 23 ) (vgl. span. 
raton „Maus**) 24 ). Im Hunsrück glaubt 
man, daß sich R.n und Kaninchen 
paaren 25 ). Die R. erregt überall Abscheu; 

17 




Ratte 



sie gilt als giftig 26 ), ganz besonders ihr 
Schwanz 27 ). Dessen Berührung erzeugt 
Geschwüre 28 ). Setzen sich die R.n auf 
die Schweinetröge und lassen ihre 
Schwänze hineinhängen, so gedeihen die 
Schweine nicht 29 ). Nach niederländischem 
Aberglauben soll man den Katzen, die 
R.n fangen, viel Milch (als Gegengift) zu 
trinken geben 30 ). Auch Dinge, die von 
R.n berührt werden, wirken verderblich. 
Ißt man etwas, woran R.n genagt haben, 
fallen einem die Zähne aus 31 ). Flicken 
Frauen oder unverheiratete Mädchen ein 
von R.n zerfressenes Kleid, so werden sie 
später keine Milch zum Stillen ihrer 
Kinder haben 32 ). — Die R. gilt als be¬ 
sonders durstig (vgl. port. beber como 
rato). Der Vergleich schlafen wie ein 
Ratz bezieht sich jedoch auf den Sieben¬ 
schläfer 33 ), den Megenberg 34 ) als 
Waldr. bezeichnet. In den Niederlanden 
gilt die R. als schlaues Tier (vgl. zoo slim 
als een rat ; hij ts een oude rat) 35 ). 

19 ) Hulme Natural History 194. 20 ) MAFLS, 
7, 38 Nr. 961. 21 ) ZfrPh. 47, 512. 22 ) Wüster 
Tiere 93. 23 ) MAFLS. 83 Nr. 960. 24 ) Riegler 
Tier 69. 25 ) ZfdMdA. 6, 229. 26 ) Hulme op. 

cit. 282. 27 ) Cornelissen Muizen 16; Drechs¬ 
ler 2, 233. 28 ) Jühling Tiere 133; Grohmann 
59. 29 ) Drechsler a. a. O. 30 ) Cornelissen 

a. a. O. 31 ) Fogel Pennsylvania 311 Nr. 1651. 
3a ) Urquell 4, 188. 33 ) Riegler Tier 77. 

34 ) Buch der Natur 115. 35 ) Cornelissen 

Muizen 21. 

3. Animismus. Etwas weniger häufig 
als die Maus erscheint die R. als Seelen¬ 
epiphanie. Zwerge und Kobolde nehmen 
R.ngestalt an. Sie sind die Gefährten des 
Klabautermanns 36 ). Wenn Zaunert 37 ) 
Razeln als Bezeichnung der Unterirdi- 
sehen angibt, so sollte das Wort wohl 
richtig Ratzein geschrieben werden. 
Die R.n sind die Wohnungsgenossen der 
Hauselfen, mit denen sie das unerwartete 
Erscheinen und Verschwinden gemein 
haben 38 ). Der estnische Kobold Puhkis 
sowie auch deutsche Kobolde zeigen sich 
als R.n 39 ). — Hexen stehen in engen 
Beziehungen zu R.n 40 ) und verwandeln 
sich auch in solche 41 ) wie die fee-soreiere 
Tareina im Aostatal 42 ). Das reflektierte 
Sonnenlicht, das zuweilen nach der Hexe 
benannt wird, entlehnt in franz. Dialekten 
seine Bezeichnung der R.: garri-baboou 


(überraschte Ratte ? Vaucluse) 43 ) sowie 
südfranz. rate und rataco „R.nschwanz“ 44 ). 
Hexentiere sind selbstverständlich immer 
Teufelstiere, so auch die R.n 45 ). Als 
Teufelsspuk ziehen sie einen Wagen 46 ). 
Sünder gehen nach dem Tod als R.n 
um 47 ). Animistischen Charakter hat auch 
die sagenhafte Riesenr., die im Keller des 
Lyoner Rathauses ihr Wesen trieb 48 ). 
Ihr Name Gaspard wurde zur Bezeichnung 
der R. im franz. Soldatenargot (s. weiter 
oben). Wie die rächenden Mäuse (siehe 
da) sind auch die rächenden R.n rein ani- 
mistisch zu verstehen. So z. B. in der 
Mecklenburger Sage von der Kemlade bei 
Barkow 49 ), einer Variante zur Sage vom 
Bischof Hatto. Auch der Mörder des 
hl. Knut fand durch R.n seinen Tod 50 ). 
— In Gr. Kühnau gilt das Erscheinen von 
R.n (neben Mäusen und Fröschen) als 
Strafe für das Spinnen zu Fastnachten 51 ). 

3Ä ) Strackerjan 2, 150. 37 ) Zaunert Na¬ 
tursagen 1, 44. 38 ) Montanus Volksfeste 172. 

39 ) Schräder Germanische Elben 34; Mon¬ 
tanus a. a. O. 40 ) Zingerle Sagen 450. 
41 ) Wlislocki Magyaren 181. 42 ) Sebillot 

Folk-Lore 3, 54. 43 ) Maaß Mistral 30. 44 ) 

Sainean 1. Beiheft zur ZfrPh. 83. 45 ) Corne¬ 
lissen Muizen 20. 46 ) Strackerjan 2, 150 

Nr. 3 77 - 47 ) Frazer 8,299; Kühnau Sagen 

1, 129. 48 ) Sainean Langage parisien 409. 

49 ) Bartsch Mecklenburg 1, 299 f. 50 ) Cor¬ 
nelissen Muizen 68. 51 ) ZfVk. 6, 438. 

4. Krankheitsdämon. Bei einigen 
Völkern findet sich von altersher die Vor¬ 
stellung, daß R.n (u. Mäuse), die im 
Gehirne nisten, Störungen der Denk¬ 
tätigkeit verursachen. In der Phraseologie 
finden sich noch Spuren dieser volks¬ 
tümlichen Auffassung. So heißt es im 
Franz, von einem, bei dem „es nicht 
ganz richtig ist“: Un rat lui trotte dans 
la tete 52 ), il a des rats dans la cervelle, 
prov. des garris en testo 53 ) und analog im 
Engl.: He has rats in his garret 54 ). Daher 
ist das Wort Ratzel = böse Laune 55 ) 
wohl nichts anderes als das Diminutiv von 
Ratz = R. — Wenn im Hunsrück einen 
Trinker die Saufleidenschaft überfällt, 
so sagt man, er hat die R. 56 ). Vielleicht 
aber besteht ein Zusammenhang mit dem 
krankhaften R.nsehen der Alkoholiker 57 ). 
Aus einem S. Pedro de Rates wurde in 
Portugal volksetymologisch ein S. Pedro 


de Ratos. Nach der Legende erschien 
nach seinem Tode an seinem Haupte ein 
R.nnest 58 ). Magenweh oder Hunger wird 
nach katalonischem Volksglauben durch 
eine im Bauche hin und her schwirrende 
R. verursacht: Corre la rateta pe y l 
ventre 59 ). Nach Höfler 60 ) ist die R. 
(Ratz) ein elbischer Pißdämon, der die 
Ratzensucht (Epithelkrebs) hervor¬ 
ruft. 

52 ) WS. 7, 130. 53 ) Esnault Mltaphores 

90 9 . 54 ) Riegler Tier 73. 5S ) Unger u. Khull 
Steir. Wortsch. 489. 56 ) ZfdMdA. 6, 229. 

* 7 ) Riegler Tier 73. 58 ) Leite de Vascon- 

cellos Tradicoes 71. ß9 ) Gomis Zoologia 288 

Nr. 871. 60 ) ZfRw. 2, 125. 

5. Schadenzauber. Im Schaden¬ 
zauber spielt die R. eine bedeutende Rolle. 
Wie die Hexen die Kunst des Mäuse- 
machens verstanden (s. Maus), so ließen 
sie auch mit Satans Hilfe aus Erdkügel¬ 
chen R.n erstehen 61 ) (Aostatal), um diese 
dann in die Häuser ihrer Feinde zu 
schicken (franz. dial. enracer) 62 ). Dieser 
Glaube hat sich in verschiedenen Gegenden 
Frankreichs (le Bessin, Manche, So- 
logne) bis auf den heutigen Tag er¬ 
halten 63 ). Hexenmeister verpflichten sich 
gegen eine gewisse Summe, die R.n in das 
Haus eines Nachbars zu schicken. Finden 
sie dort nicht genug zu fressen, kehren sie 
in ihr altes Heim zurück (Belgien) 64 ). 
Auch Bettler und Landstreicher ver¬ 
dächtigte man dieser Kunst (envoyeurs 
de rats) 65 ). Diese dämonischen R.n sind 
daran erkenntlich, daß die Katzen sie 
nicht berühren. Für den Menschen ist es 
gleichfalls gefährlich, solche R.nzüge zu 
stören 66 ). 

Auch mit natürlichen R.n läßt sich 
Schadenzauber üben. So nimmt man 
seinem Nachbar ein wenig Brot weg, ohne 
daß er es merkt, und füttert damit die 
eigenen R.n, die hierauf in das Haus 
ziehen, aus dem das Brot stammt (Cötes- 
du-Nord) 67 ), oder man verbrennt eine R. 
lebend und trägt ihre Leiche um das Haus 
des Feindes, in das alle anderen R.n ein- 
dringen (aus derselben Gegend) 68 ). Sicher 
ist auch als Symbolisierung dieses Schaden¬ 
zaubers der Karnevalsbrauch zu be¬ 
trachten, den Passanten Lappen in Gestalt 
von R.n auf den Rücken zu heften 69 ). 


Auch in der Phraseologie finden sich An¬ 
klänge an den R.nzauber. So heißt im 
Franz, gar der des rats ä qu. „jemandem 
R.n aufheben“ so viel als „Groll gegen 
jemanden hegen“ 70 ), wozu sich die port. 
Redensart stellt dar na ratada a alg . „je¬ 
mandes böse Absicht erkennen“ ( ratada 
ursprünglich wohl „R.nzauber“). 

61 ) Sebillot Folk-Lore 3, 29. 62 ) Ebd. 

® 3 ) op. cit. 3. 28 f. 64 ) Cornelissen Muizen 
34. 65 ) Sebillot op. cit. 3, 29; Cornelissen 

op. cit. 34. 86 ) Sebillot a. a. O. 67 ) op. cit. 

3, 40. 6B ) op. cit. 3, 29. 6Ö ) Riegler Tier 70. 
70 ) op. cit. 71. 

6. Abwehr. Zur Abwehr der R.n 
werden teils himmlische, teils höllische 
Mächte angerufen. Die Heiligen, die 
gegen Mäuseschaden schützen, sollen auch 
gegen R.n helfen. So betet man dreimal 
zur h. Gertrud 71 ). In den Ardennen 
schreibt man den Namen des h. Nicasius 
(14. Dez.) auf die Türe des Hauses oder 
man klebt sein Bild darauf 72 ). In Frank¬ 
reich schreibt man gewisse Formeln, in 
denen sein Name vor kommt, auf so viele 
Blätter als Plätze von den R.n verwüstet 
werden 73 ). Der h. Ulrich ist nicht nur 
Mäusevertilger, sondern auch R.nfänger 
(Baden) 74 ). In Zehbitz (Anhalt) war der 
8. Juni, Medardus, der Tag des R.naus- 
treibens. Man sagte: Heute ist St. Me¬ 
dardus, da weichen alle Rattus 75 ). Ähn¬ 
lich in Posen (Kujawien) 76 ). In Wedlitz 
schreibt man noch heute an alle Türen: 
„Mamertus, d. n. Mai“ und macht drei 
Kreuze dahinter 77 ). Bei den Magyaren 
wird am Tage des h. Georg eine Bann¬ 
formel gegen die R.n gebraucht 78 ). 
Bei den Wallonen wirkt gegen die R.n 
ein Gebet, das man unter das Altartuch 
schiebt, worauf der Priester die Messe 
liest 79 ). In Frankreich und Deutschland 
wird das Evangelium Johannis zu dem¬ 
selben Zwecke verwendet 80 ). Die son¬ 
stigen Mittel haben mehr oder minder 
einen magisch-dämonischen Charakter. 
Grausam ist der Brauch, eine lebendige 
R. ins Feuer zu werfen, der sich in der 
Schweiz 81 ), im Bergischen 82 ) und in 
verschiedenen Gegenden Belgiens 83 ) fest¬ 
stellen läßt, etwas menschlicher, sie in 
einem Bach zu ertränken 84 ). 

Vielfach sucht man die R.n durch Lärm 

17* 


) 


.t 


• r 

i 

itr 


I 

I 

il 

i 

\ 


> 

•i 


519 


Rattenfänger—Rattenkönig 


520 


mit oder ohne Instrumente zu vertreiben. 
So durch Klopfen an die Wand in der 
Ostemacht (Ostpreußen) 85 ), durch Schla¬ 
gen mit einem Eggenzahn auf eine 
Schaufel 86 ), durch Klirren mit einer 
Kette 87 ). Als wirksam gilt auch Glocken¬ 
geläute. Einer gefangenen R. wird eine 
Glocke um den Hals gehängt und das 
Tier dann über die Felder gejagt 88 ), 
oder es werden die R.n einfach ausge¬ 
läutet. So berichtet die Grazer Tages¬ 
post (28.4. 1928) von einer Gerichts¬ 
verhandlung in Graz, die den Diebstahl 
einer Kirchenglocke zum Zwecke des 
Ausläutens von R.n zum Gegenstände 
hat. Auch das Auspfeifen der R.n ist 
beliebt und zwar bedient man sich eines 
Pfeifchens, das aus dem Rohrknochen 
des linken Hinterbeins einer R. ver¬ 
fertigt ist (Riesengebirge, Mecklen¬ 
burg) 89 ). Berufsmäßige R.nfänger locken 
pfeifend die R.n ins Wasser oder in 
einen Berg 90 ). Hexen vertreiben sie mit 
Papierschnitzeln (worauf offenbar Bann¬ 
formeln stehen), die an die Kellerwand 
geklebt werden 91 ) (Luxemburg). — Ver¬ 
einzelt finden sich folgende Bräuche: 
Auf einen Kreuzweg legt man einen 
alten, ungeputzten Schuh 92 ) oder eine 
kleine Büchse mit einem Cent darin 93 ). 
Man näht einer gefangenen R. den After 
zu (wallonisch) 94 ), brennt ihr die Augen 
aus (Posen) 95 ) oder sengt sie lebendig ab 
(ebenda) 96 ) und läßt sie dann los. — 
Am Karfreitag kehrt man unter Her¬ 
sagen einer gewissen Formel den Schmutz 
aus dem Hause nach außen 97 ). — In 
Pennsylvanien setzt man einen Maul¬ 
wurf (s. d.) in den Keller 98 ). —• In früheren 
Zeiten wurde auch von R.nbannung 
durch den bloßen Blick berichtet 99 ). 
Wie anderen schädlichen Tieren wurde 
auch den R.n der Prozeß gemacht. So 
verurteilte im 16. Jh. das Bistum von 
Autun die R.n, das Gebiet binnen vier 
Tagen zu räumen 100 ). 

71 ) Sebillot Folk-Lore 3, 38. 72 ) op. cit. 

з, 41. 73 ) Cornelissen Muizen 49. 74 ) Waibel 

и. Flamm j, 197 f. ») Wirth Beiträge 4/5, 

33. 76 ) Knoop Tierwelt 38 Nr. 334. 77 ) Ebd. 

78 ) Wlislocki Magyaren 181. 79 ) Wallonia 

10, 106; Cornelissen Muizen 36. *°) op. 

cit. 31. 81 ) SchwVk. 10, 37. 82 ) ZfrhwVk. 1907, 


298. 83 ) Cornelissen 37. 45. ® 4 ) Urquell 

4, 88. 85 ) Knuchel Umwandlung 83. 88 ) Sö- 
billot op. cit. 3, 41. 87 ) Schulenburg Wend. 
Volkst. 125. 88 ) BIPommVk. 8, 169; Cor¬ 
nelissen Muizen 31. 89 ) Grohmann Apollo 

Smintheus 66; Bartsch Mecklenburg 2, 176. 
M ) Cornelissen Muizen 38 ff. 91 ) op. cit. 
36 f.; Sebillot op. cit. 3,40. 92 ) Grohmann 
59. 93 ) Fogel Pennsylvania 365 Nr. 1952. 

94 ) Cornelissen op. cit. 45. 95 ) Knoop Tier¬ 
welt 38 Nr. 332. 96 ) a. a. O. Nr. 333. 97 ) Drechs¬ 
ler 1, 88. 98 ) Fogel op. cit. 371 Nr. 1988. 

M ) Seligmann Blick 1, 202. 10 °) Corne¬ 

lissen op. cit. 56. 

7. Orakel. Träume von R.n bedeuten 
Krankheit (Lüttich) oder Hungersnot 
(Vogesen) 101 j. Wenn R.n ein Schiff ver¬ 
lassen, geht es unter 102 ); ebenso bedeutet 
es Unglück, wenn R.n aus einem Hause 
freiwillig abziehen. Nach oldenburgischem 
Aberglauben bringen R.n Schiffen Glück,, 
dagegen Häusern Unglück 103 ). 

101 ) Sebillot Folk-Lore 3, 26. 102 ) Hulme 

Natural Lore 195; Wuttke 201 §273; Cor¬ 
nelissen Muizen 16; Söbillot op. cit. 3, 25 f_ 
103 ) Bartsch Mecklenburg 2, 176. 

8. Volksmedizin. In früheren Jahr¬ 
hunderten wurden R.n in pulverisiertem 
Zustand gegen Krebs verwendet 104 ). Bei 
den russisch-polnischen Juden ist die 
Asche einer lebend verbrannten R., in 
Wasser oder Wein getrunken, ein gutes 
Mittel gegen Epilepsie 106 ). Wie Mäuse 
verwendet man in Frankreich auch R.n 
gegen Bettpissen 106 ). Homöopathisch 
heilt man den Biß einer R. mit R.nhaut 
(Menton) 107 ). R.nfleisch gilt in Ruppin 
als schädlich für die Zähne 108 ). 

104 ) Jühling Tiere 133. 105 ) Hovorka 

u. Kronfeld 2, 218. 106 ) Sebillot Folk-Lore- 

3. 50 . 107 ) op. cit. 3, 51. 108 ) ZfVk. 8, 202. 

Riegler. 

Rattenfänger s. 6, 1581. 

Rattenkönig. Unter R. versteht 
die Naturgeschichte eine Krankheit der 
Ratten, die darin besteht, daß mehrere 
von den Tieren, wie man annimmt, in¬ 
folge einer eigentümlichen Ausschwitzung 
der Schwänze zusammenwachsen 4 ). Die 
Erklärung des auffallenden Namens R. 
gibt uns der alte Volksglaube, dem zu¬ 
folge auf dieser Gruppe von Ratten ein 
R. geschmückt mit goldener Krone thront 
und von hier aus den ganzen Rattenstaat 
regiert 2 ). Der erste Beleg des Wortes 
findet sich im 16. Jh. In Geßner- 


521 


Rauch 


522 


Forers Tierbuch 3 ) heißt es: Es wollend 
etüch dasz der rat in seinem alter mächtig 
grosz von den andern jungen gespeiszt 
werde: wirt bei uns der rattenkönig ge- 
nennt. Luther benützt den Ausdruck 
als Schimpfwort gegen den Papst 4 ). 
Bekannt ist der heutige Gebrauch des 
Wortes für etwas Unentwirrbares 5 ). In 
den anderen Sprachen findet sich kein 
Analogon 6 ), wohl aber stellt Liebrecht 7 ) 
in einem chinesischen Traumorakel einen 
R. fest. Staricius 8 ) will wissen, die 
Pfeife des Rattenfängers sei aus Knochen 
des R.s gemacht. 

*) Riegler Tier 76. 2 ) Ebd. 3 ) S. 109 a 

zitiert im DWb. 8, 206. 4 ) Ebd. 5 ) Riegler 

Tier 76 f. 6 ) op. cit. 77. 7 ) Zur Volksk. 14. 

8 ) Heldenschatz 41. Riegler. 

Rauch. „Wo Feuer ist, ist auchR.“. 
Dies verbreitete, in verschiedenen Fas¬ 
sungen und Anwendungen 4 ) überlieferte 
Sprichwort ist die übertragende Aus¬ 
deutung einer der alltäglichsten Erfah¬ 
rungen, die glauben- und brauchbildend 
geworden sind; Feuer und R. gehören 
nicht nur im natürlichen Vorgang der 
Verbrennung unslösbar zusammen, son¬ 
dern sind auch in der Ebene des sinnbild¬ 
lichen, magischen, religiösen Denkens 
nicht voneinander zu trennen. Das zeigt 
sich z.B. schon in formelhaften Rede¬ 
wendungen des überlieferten Rechtes. 
Das Haus wird erst dann zur Stätte eines 
selbständigen Haushaltes, wenn es einen 
Herd besitzt, der Bewohner erst dann mit 
den bürgerlichen Rechten und Pflichten 
ausgestattet, wenn er ,,Feuer und R.“ 
hat. Abgaben werden dementsprechend 
nicht nur als Feuergeld oder -Schilling, 
sondern auch als R.pfennig oder -pfund, 
vor allem aber als R.huhn erhoben und 
als solche vom „Hausr.“, d. h. von je¬ 
dem, der „eigen R. und Schmauch“ hat, 
an den „R.grundherm“ entrichtet 2 ). 

Ferner wird die Auffassung vom Feuer 
ab Erscheinungsform der Seele 3 ) 
ebenfalls auf den Rauch ausgedehnt — 
z. B. soll die Seele eines Verstorbenen als 
R.wolke im Zimmer erscheinen, wenn man 
bei seinem Tode das Fenster nicht öffnet 4 ) 
—, wenngleich zur Herausbildung dieser 
Meinung auch noch andere Vorstellungen 


(Windseele, Hauchseele, Schattenseele) 
beigetragen haben dürften 5 ). Von hier 
aus gewinnen wir weiterhin einen Zugang 
zu dem Umstand, daß sich die reiche 
Feuersymbolik des Christentums ge¬ 
legentlich auch auf den R. erstreckt: 
,,Der rüch ist süer den ougen und cumet 
von dem füere, der bezeichent die ruwe“, 
usw. 6 ). So erscheinen und verschwinden 
schließlich auch die verschiedensten Gei¬ 
ster in R.form. Das gilt insbesondere von 
der Pest. Sie begegnet in der bekannten 
Überlieferung als Flämmchen oder aber 
als blaues Räuchlein, das, von einem 
Kundigen verpflöckt, nach Jahren er¬ 
neut ausbricht, wenn jemand aus Un¬ 
kenntnis oder Fürwitz das Loch wieder 
freilegt 7 ). 

Von solchen Vorstellungen ist der 
Schritt nicht groß zu der Auffassung, daß 
die Offenbarungsfähigkeit des Feuers in 
der zukunftkündenden Kraft des R.es 
eine Ergänzung findet. Boehm hat bei 
der Darstellung der antiken und mittel¬ 
alterlichen Kapnomantie (oben 4, 
974 ff.) beispielhaft bereits eine Reihe 
neuzeitlicher R. Wahrsagungen ange¬ 
führt, die hier ergänzt und nach der auf 
die meisten Divinationsformen anwend¬ 
baren Gliederung, deren sich auch er 
bedient, zusammengefaßt seien. Es han¬ 
delt sich danach um absichtliche Befra¬ 
gung und um zufällige Vorzeichenschau. 
Die erste Form ist eine Handlung, die zu 
dem ausgesprochenen Zwecke eines R.- 
auguriums veranstaltet wird. Sie ist in 
der geheimwissenschaftlichen Mantik vor 
allem des ausgehenden Mittelalters, z. B. 
bei Hartlieb (oben 4, 977 f.) vorherr¬ 
schend, in der Neuzeit selten. Um die 
letzte Jahrhundertwende kannte man z. 
B. noch in Siebenbürgen das folgende 
Weihr.orakel, um den Ausgang einer 
schweren Krankheit zu bestimmen: Man 
stellte sich mit einem neuen Töpfchen, in 
das man eine glühende Kohle auf Weihr. 
geworfen hatte, auf den Tisch; je nach¬ 
dem ob der R. senkrecht in die Höhe 
stieg oder sich der Tür zuwandte, blieb 
der Kranke am Leben oder war dem Tode 
geweiht 8 ). Ein ähnliches bewußtes Losen 
liegt vor, wenn das Mädchen aus der Rieh- 


523 


Rauch 


524 


tung, den der Rauch eines eigens zu diesem 
Zwecke angezündeten Besens nimmt, die 
Herkunft des künftigen Freiers erkundet 9 ). 
Der Brauch, die Möglichkeit eines Todes¬ 
falles zu erschließen aus dem Nieder¬ 
schlagen des R.es an einem für diese 
Befragung gewählten Tage 10 ), bildet be¬ 
reits einen Übergang zur bloßen Vor¬ 
zeichenschau, die im übrigen meistens 
ohnedies an besondere Gelegenheiten oder 
Zeiten gebunden ist. Da werden z. B. 
die Jahresfeuer auf das Verhalten des R.es 
ausgedeutet; die Zugrichtung vor allem 
des Frühlingsf euerr.es sowie des ,,Zante 
Hansrouh“, des „Muggeroh“ oder „Su- 
wendraach“ der Sommerfeuer läßt Schlüsse 
zu auf die Güte der Ernte, die Richtung 
der Gewitter, die Herkunft der Freier 11 ). 
Dabei gilt, genau wie der ruhige, gleich¬ 
mäßige Brand, so das ungestörte, ge¬ 
schlossene, senkrechte Aufsteigen des R.es 
gegenüber der unregelmäßig flatternden, 
geteilten R.fahne im allgemeinen als 
glückliches Omen, und ein ähnliches 
Orakel stellte man wohl auch beim Aus¬ 
räuchern der Scheune in den R.nächten 
an ]2 ). Eine andere Gelegenheit zur Vor¬ 
zeichenschau gab das Verbrennen des 
Leichenstrohs (s. d.); die Richtung des 
R.es weist auf die Stätte des nächsten 
Todesfalles 13 ). Die meisten Überliefe¬ 
rungen aber gehören in den Bereich der 
Kerzenorakel. M. Prätorius erwähnt 
unter einer Reihe von Zeichendeutern bei 
den Zamaiten auch die ,,Dumones von 
dumai R“; er selbst habe ein Weib an¬ 
getroffen, das aus dem R.e einer erlosche¬ 
nen Wachskerze wahrsagte 14 ). Dieser 
Vorgang scheint offenbar mehr umfaßt 
zu haben als die vereinzelte spätere ost¬ 
preußische Überlieferung, daß ein r.ender 
Lichtdocht auf Skandal vorweise 15 ). 
Recht häufig ist eine entsprechende Aus¬ 
deutung des Krankenlichtes. Wenn der 
R. der nach der Krankenkommunion ge¬ 
löschten Kerze der Tür zuzieht, so muß 
der Kranke sterben, steigt er gerade auf¬ 
wärts, streicht er ins Zimmer hinein oder 
auf den Kranken zu, so wird dieser ge¬ 
sunden 16 ). Ähnlich wird das Verhalten 
der ausgeblasenen Sarglichter ausgedeutet. 
Geht der R. gerade in die Höhe oder weht 


er ins Haus hinein, so wird dort binnen 
Jahr und Tag wieder einer hinausge¬ 
tragen, und zwar wird der zuerst sterben, 
dem er sich zuwendet 17 ), wie auch der R. 
der Altarlichter bei der Trauung sich zu 
demjenigen Ehegatten hinzieht, der vor 
dem andern ableben wird 18 ). Der Tote 
soll in den Himmel kommen, wenn der 
R. nach oben steigt, in die Hölle, wenn 
er sich nach unten verbreitet 39 ), und es 
steht ebenfalls schlecht um ihn, wenn 
sich das letztere bei einem Seelenamt 
für ihn wiederholt 20 ). Eine solche Vor¬ 
zeichenschau wird dann weiterhin zur 
bloßen mehr oder weniger begründbaren 
Wetterregel: Wenn der R. hochzieht, 
,,piel in Enn“, wird das Wetter gut; 
schlägt er nieder oder beißt er, gibt’s 
Regen 21 ). Und schließlich stellt man in 
der Traumdeutung den R. als unheil- und 
todverkündend in Gegensatz zu der 

glückverheißenden hell leuchtenden Flam¬ 
me 22 ). 

Den weitesten Eingang ins abergläu¬ 
bische Brauchtum aber hat der R. ge¬ 
funden auf dem Gebiete des Abwehr¬ 
und Angriffszaubers der verschie¬ 
densten Art, auch hier im engsten Anschluß 
an entsprechende Feuervorstellungen. Was 
die brennende Flamme nicht vernichtet, 
die leuchtende nicht verscheucht, vertreibt 
der R., eine Anschauung, die sich in den 
gelegentlichen und periodischen Räuche¬ 
rungen von Menschen, Vieh und toter 
Habe wie auch in selbständigem Brauche 
ausprägt (s. räuchern, R.nacht, Not¬ 
feuer, Jahresfeuer). Wie hier die Tat¬ 
sache der unangenehmen Einwirkung 
des beißenden und stinkenden R.es auf 
die Sinnesorgane des Menschen, so ist 
bei der Verwendung des R.es im Heil¬ 
zauber vielleicht seine konservierende 
Kraft mitbestimmend gewesen. Doch ist 
überall der Einfluß der Feueranschau¬ 
ungen unverkennbar; Feuer- und R.- 
therapie gehen völlig ineinander über, und 
man kann bei den sympathetischen 
Krankheitskuren die das Leiden oder den 
Leidenden stellvertretenden Dinge, statt 
sie zu verbrennen (s. d.), mit dem glei¬ 
chen Erfolge in den R. hängen. Dasselbe 
gilt vom Bosheitszauber, wo der R. be- 


525 


rauchen 


526 


sonders bei der Behandlung der Fu߬ 
spur (s. d.) des zu schädigenden Men¬ 
schen eine Rolle spielt. 

Im übrigen unterhegt der R. im Ein¬ 
zelfall der jeweiligen Sonderauffassung 
von dem Feuer, dessen Teilerschei¬ 
nung er ist. Das wird z. B. deutlich bei 
der Stellung des Herdfeuers zum Blitz. 
In den Gegenden, wo man bei herauf¬ 
ziehendem Gewitter das Herdfeuer nicht 
anzündet — und dann häufig gerade auf 
ein stark r.endes Feuer bedacht ist —, 
sondern löscht, wird diese Gewohnheit 
ebenfalls mit dem Verhalten des R.es 
begründet: er gilt als Blitzleiter und darf 
„kein Zeichen“ geben 23 ). Oder: Bei der 
Römerkerze ist nicht nur der Feuerschein, 
sondern auch der R. noch wirksam; man 
soll den Butzen des ausgeblasenen Wachs¬ 
stockes fortr.en lassen, da der Dampf 
den armen Seelen zugute kommt 24 ). 
So erstreckt sich gelegentlich auch der 
Unsegen verbotener Handlungen auf den 
R.; man soll z. B. in der Christnacht nicht 
Brot backen, weil in der Gegend, wohin 
sich der R. zieht, kein Obst wächst 25 ). 

1 ) Vgl. z. B. Mensing Schlesw. Wb. 4, 140. 
2 ) Belege bei Freudenthal Feuer 54; dazu 
DWb. 8, 250; Lexer Mhd. Wörterbuch 2, 514; 
Schiller-Lübben Wörterbuch 3, 502; Men¬ 
sing Schlesw . Wb. 4, 141t.; Fox Saarland 263; 
Heyl Tirol 765t.; Mülhause 319; Nds. 36, 
133 - 229. 510; 37, 34. 3 ) Vgl. oben 5, 1250 t. 

4 ) Drechsler i, 290t. 5 ) Vgl. z. B. Meyer 

Myth. d. Germanen 74 f. 6 ) Schönbach Ahd. 
Predigten 2, 101 f. 7 ) Z. B. Lütolf Sagen 114; 
Eisei Voigtland 168 f.; Zimmermann Volks¬ 
heilkunde 95. 8 ) Urquell 4, 18; HessBl. 6, 22. 

*) MschlesVk. 7, 43. 10 ) WZfVk. 35, 150. 11 ) Be¬ 
lege bei Freudenthal Feuer 243. 258. 299 t. 
12 ) Geramb Knaffl-Handschrift 53. 13 ) Belege 
bei Freudenthal Feuer 76; dazu oben 4, 979 
Anm. 4. 14 ) Praetorius Deliciae pruss. 43. 

16 ) Urquell 1, 123. 16 ) Belege bei Freudenthal 
Feuer 177. 17 ) Belege ebd. 178. Dagegen: In die 
Ecke ziehender R. der ausgeblasenen Sarglichter 
deutet auf baldige Verlobung: Men sing Schlesw. 
Wb. 1, 545 f. 18 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 91; 
vgl. Liebrecht Zur Volksk. 326 (Weihnachts¬ 
licht, Norwegen). 1B ) Peter Österreichisch- 
Schlesien 2, 246. 20 ) Andrian Altaussee 118. 

21 ) Heckscher Hannov. Volksk. 43; Mensing 
Schlesw. Wb. 1, 345 f.; 4, 441; Kück Lüne¬ 
burger Heide 193; Finder Vierlande 1, 228t.; 
vgl. Fogel Pennsylvania 227. 22 ) Belege bei 

Freudenthal Feuer 83; dazu Mensing 
Schlesw. Wb. 1, 867; 4, 141. 23 ) Heckscher 

Hannov . Volksk. 66 f.; vgl. die Belege bei 


Freudenthal Feuer 44. 48. 24 ) Rochholz 

Glaube 1, 167. 25 ) Jäckel Oberfranken 163. 

Freudenthal. 

rauchen. Es ist „eine der größten 
Merkwürdigkeiten [der Kulturgeschichte] 

..., daß ein fremdes Giftkraut mit bei¬ 
spielloser Geschwindigkeit sich die ganze 
Menschheit unterwerfen und einen Auf¬ 
wand von Hunderten von Millionen her- 
vorrufen konnte, der aufgehäuft oder pro¬ 
ductiv angelegt alle Völker hätte wohl¬ 
habend machen können“ 1 ). Das (Tabak- 
firn übrigen s. Rauch]) R., besonders 
das Pfeifen- (s. d.) R., erst längere Zeit 
nach Einführung der Tabakpflanze (s. d.) 
in Europa bekannt und vielfach von kirch¬ 
lichen und weltlichen Behörden be¬ 
kämpft 2 ), ist deshalb gelegentlich auch 
psychologisch ausgedeutet worden: Es 
soll natürliches Selbstgefühl, freies Auf¬ 
treten, tiefe Inspiration usw. vermitteln 3 ). 
Wie dem auch sei, im volkstümlichen Le¬ 
ben ist es geradezu ein Sinnbild des ge¬ 
regelten Ablaufs der Werktagsarbeit und 
der Beschaulichkeit des Feierabends ge¬ 
worden 4 ); „ers de pipen in brand, un 
denn dat perd ut’n graben“ 5 ). Es trägt 
i als solches zunächst seine Bedeutung in 
sich selbst und erstreckt sich auch auf die 
Geisterwelt. Haus- und Feldgeister rau¬ 
chen wie die Menschen 6 ), und mitunter 
besteht die Begegnung zwischen irdischem 
und überirdischem Wesen darin, daß 
man sich zur Erlangung des Rauchge¬ 
nusses gegenseitig mit Tabak und Zünd¬ 
feuer aushilft 7 ); ganz vereinzelt ist die 
Überheferung, daß es der Geist dabei 
auf einen Schabernack abgesehen hat 8 ) 
oder in seinem Revier dem Menschen das 
R. überhaupt verbietet 9 ). 

Wie der gewöhnliche Sprachgebrauch, 
so unterscheidet auch die Ausdeutung 
im Glauben und Brauch das R. vom 
Räuchern (s. d.) dadurch, daß ihm an 
sich noch keinerlei bewirkende Absicht 
zugrunde hegt. Erst unter besonderen 
Umständen und mehr oder weniger zu- 
i fähig wird es als einfachste und be¬ 
quemste Form, Rauch zu entwickeln, zu 
einer Ersatzhandlung für das plan¬ 
mäßige Räuchern 10 ). So ist es nur 
natürhch, ein Räuchern der Mundhöhle 


52 ; 


rauchen 


529 


räuchern—Rauchnächte 


530 



gegen Zahnschmerzen u ) und Mundfäule 12 ) 
durch R. vorzunehmen und die Wirkung 
durch ausschließliche oder zusätzliche 
Sonderrauchstoffe, wie z. B. Abschabsei 
vom Beinknorren einer Stute 13 ) oder 
gedörrte durch Stiche von Rhodites 
rosae entstandene Moos- oder Rosen¬ 
äpfel 14 ) zu verstärken; gelegentlich wer¬ 
den aber auch andere Krankheiten mit 
Pfeifenrauch behandelt 15 ). Als einst 
in einem Orte im Siebengebirge die But¬ 
ter nicht geraten wollte, wurde von den 
Knechten ,,aus ihren irdenen Mutzen 
tüchtig ins Butterfaß hineingepafft“, und 
das Buttern gelang 16 ). Und was hier 
offenbar der Zufall eingibt, entspricht 
durchaus der volkstümlichen Auffassung 
von der Möglichkeit eines Gegenzaubers 
bei Verhexung durch R. 17 ); nur wird 
auch hier gewöhnlich ein besonderes 
Rauchmaterial verlangt: Wer Schwarz¬ 
meisterwurzeln in die Pfeife schneidet und 
raucht, vertreibt die Hexen und macht 
sie wild 18 ), und Segelbaum tut die gleichen 
Dienste 19 ). Ein Knecht entlarvt seine 
Herrin als Hexe, als er in ihrer Anwesen¬ 
heit getrocknete Kräuter zu r. beginnt; 
„kaum ringelten die ersten Wölkchen aus 
der Pfeife, als die Kastenvögtin am Spinn¬ 
rad aufsprang, zu stampfen anfing, wie 
eine Furie in der Stube umherlief und 
endlich durch eine winzige Ritze in dem 
tannenen Getäfel ... hinaus in das 
Freie flog“ 20 ). Schließlich tut das R. auch 
im Zitierzauber seinen Dienst; als der 
von der Hexe in einen tiefen Brunnen 
verstoßene Soldat zufällig seine halbge¬ 
stopfte Pfeife an einem blauen Licht 
in Brand setzt und der Rauch die Höhle 
erfüllt, erscheint ein dienstbeflissenes 
Männchen, das sich ihm auch später im¬ 
mer wieder zur Verfügung stellt, sobald 
die Pfeife am blauen Licht in Gang 
gesetzt ist 21 ). 

Die enge Beziehung einer solchen zau¬ 
berbannenden Kraft des Rauches (s. d.) 
zur ähnlichen Wirksamkeit des Feuers 
wird ersichtlich in Beispielen, die beide 
Maßnahmen miteinander verbinden. Ein 
Ungeheuer in Ueken kann jeder Tabak¬ 
raucher verjagen, wenn er Feuer aus der 
Pfeife bläst 22 ); einen gespenstischen Lei¬ 


chenzug kann nur derjenige passieren, der 
eine brennende Zigarre bei sich führt 23 ). 
Tabakr.d umgeht der Schweizer Fuhr¬ 
mann seinen Wagen gegen einen Geist 22 ), 
und der masurische setzt sich schon bei 
Beginn der Reise mit brennender Pfeife 
oder Zigarre auf den Bock, weil es gut ist, 
mit Feuer abzufahren 24 ). 

Genau wie das Verbrennen (s. d.) je¬ 
doch ist das R. ambivalent; es kann auch 
zum Schaden ausschlagen. Man soll des¬ 
halb z. B. beim Säen 25 ) als auch beim 
Kalken des Saatkorns nicht r., damit 
kein Brand in das Getreide kommt 26 ). 
Am Florianstage wird in schlesischen 
Ortschaften nicht nur weder Feuer noch 
Licht gebrannt, sondern auch kein Tabak 
geraucht 27 ). 

Die volkstümlichen Vorstellungen, die 
das R. dem altüberlieferten Räuchern 
eingliederten, fanden früh eine Stütze in 
der Auffassung der ärztlichen Heilkunde. 
1598 schickt der englische Gesandte in 
Hamburg an den Herzog von Braun- 
schweig-Lüneburg eine kleine Menge Ta¬ 
bak mit der Empfehlung, daß der Rauch 
die Reinigung des Hauptes und des Ma¬ 
gens sehr befördere 28 ). 1726 heißt es von 
dem beliebten Tabacco de Becco: „Er 
zertheilet alle Haupt-Flüsse und Kopf¬ 
schmerzen, er clarificiret die Augen, 
schärfet das Gehör und curiret alle Zahn¬ 
schmerzen in wenig Minuten...“ 29 ). 
Noch Niemeyer (f 1871) nennt als Volks¬ 
heilmittel gegen Darmträgheit das R. 
auf nüchternem Magen 3 °) — wie der 
mecklenburgische Bauer einem Rindvieh 
gegen Verstopfung wohl die Spitze einer 
brennenden Pfeife in den After steckt 31 ) —. 
und nach einer schweizerischen Über¬ 
lieferung soll es gegen Genickstarre gut 
sein 32 ). Im übrigen jedoch wird weniger 
das R. als der Tabak (s. d.) selbst in 
mannigfacher Zubereitung als Heilmittel 
angepriesen. 

Eine vereinzelte mantische Ausdeu¬ 
tung des R.s in Norwegen — bildet der 
Rauch einen „Glücksring“, so soll man 
danach greifen, und man erhält bestimmt 
Geld; gelingt es, ihn mit dem Finger zu 
durchstechen, so wird man Glück haben 33 ) 


* 


* 









•1 


<; 

% 

t 




t' 


1* 

* 


findet anscheinend im deutschen Volks¬ 
glauben keine Entsprechung. 

i) Haberlandt Die Cigarre. Kultur im All¬ 
tag. Wien 1900. 86. 2 ) Vgl. z. B. ebd. 870.; 
Finder Hamburgisches Bürgertum. Hamburg 
1930. 158 ff.; SAVk. 27, 145 ff.; Alemannia 15, 
117. 3 ) Z. f. angew. Psych. 12 (1917). 34 <> 

*) Vgl. Meyer Baden 340; Finder a. a. O. 83; 
Finder Vierlande 2, 180. 5 ) Heckscher Han- 
nov. Volksk. 292. 6 ) Kühnau Sagen 2, 306. 307; 
Stöber Elsaß 1, 13; Schell Bergische Sagen 
43; Jahn Pommern Nr. 35; Birlinger Aus 
Schwaben i, 207; Stöber Elsaß I, 13; Jecklin 
Volkstüml. 92 f.; Fient Prättigau 158 t.; 
Ranke Sagen 151; Rochholz Naturmythen 
28. 184 ff.; vgl. Amersbach Lichtgeister 6. 
7 ) Kühnau Sagen 2, 300. 301; Gräber Kärnten 
26 f. 8 ) Meiche Sagen 144. 9 ) Müller Sieben¬ 
bürgen 32. 10 ) Anderseits wird Tabak auch 

gelegentlich für Räucherungen verwandt: Württ. 
Jahrb. 1907, 212. — Tabakasche als Salben¬ 
zusatz: Lammert 181. 11 ) Zahler Simmenthal 
90 (Der Vater steckt dem kranken Kinde den 
Beisser der brennenden Pfeife in den Mund). 
12 ) Buck Volksmedizin 40; Men sing Schlesw. 
Wb. 4, 602; Urquell 3, 73; SAVk. 8, 149; Manz 
Sargans 56 (7 Pfeifen am Tage). 13 ) ZfVk. 8, 
254 (Ruppin). 14 ) Urquell 2, 129 (Schlesien). 
«) Z. B. die Rose: ZfVk. 7, 412. — Vgl. SAVk. 
8, 145. 16 ) ZfrwVk. 10, 271 f. 17 ) Vgl. auch 

Buck Volksmedizin 40. — Die Schlange flieht 
den R.den, da sie den Rauch nicht vertragen 
kann: ZföVk. 4, 216 (Rumänen in der Buko¬ 
wina). 18 ) Kuoni St. Galler Sagen 18. 19 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 174. 20 ) SAVk. 2, nof. 

«i) Grimm KHM. Nr. 116. 22 ) Rochholz 

Sagen 2, 70. — Auch die Geister r. häufig so, 
•daß Funken sprühen: Vgl. 4 ). 23 ) Meiche 

Sagen 242. 24 ) Toeppen Masuren 102. 25 ) 

Meyer Baden 418; Wuttke 419; Jahn 
Opfergebräuche 70 (Siebenbürgen). 26 ) ZfVk. 7, 
149. 2? ) MschlVk. 21, 102 f.; vgl. Freuden¬ 

thal Feuer 442. 28 ) Finder a. a. O. 158. 29 ) Ebd. 
159. 30 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 120. 

31 ) Bartsch Mecklenburg 2, 153. 32 ) SAVk. 19, 
215. 33 ) Liebrecht Zur Volksk. 338. 

Freudenthal. 

c Vq rhfrQ er 


Rauchfang s. Schornstein. 

Rauchnächte. 

1. Eine Ausräucherung des Hauses 
wird in vielen katholischen Familien öfters 
im Jahre vorgenommen, besonders an 
den Vorabenden hoher Feste 4 ), in man¬ 
chen Häusern sogar alle Samstage 2 ). 
In Nieder Österreich bezeichnet man als 
Freinächte, R. oder schwarze Nächte: 
Thomas-, Nikolaus-, Christnacht, Drei¬ 
könige, Fastnacht, Walpurgis-, Andreas-, 
Hubertusnacht und St. Ruprecht 3 ). Im 


Pinzgau sind es die drei Donnerstage vor 
Weihnachten. Burschen ziehen dann als 
Perchten um 4 ). Anderswo die vier Klöp- 
feinächte 5 ). In der Luziennacht (13. 
Dez.) räuchert in Niederösterreich die 
Hausfrau mit Judenkohle (von dem am 
Ostersamstag verbrannten Holze). Bei 
dem Zuge durchs Haus darf niemand 
etwas fallen lassen 6 ). Vielfach bezeichnet 
man die ganze Zeit der Zwölften als 
R. 7 ). Gewöhnlich aber begeht man in 
dieser Zeit vier R.: am Vorabend von 
St. Thomas (21. Dez.), Weihnachten, Sil¬ 
vester und Dreikönigen 8 ). An diesen 
Abenden durchräuchert ein Priester oder 
der Hausherr oder die Hausfrau nach 
dem Abendläuten alle Räume des Hauses 
und die Ställe mit geweihten Kräutern 
oder Weihrauch und besprengt sie mit 
Weihwasser. Dazu werden Gebete ge¬ 
sprochen, um Hexen und böse Geister 
zu vertreiben. Nach dem Rauchen darf 
die Stalltür nicht mehr geöffnet werden 9 ). 
Mit dem dabei benutzten Weihrauch wird 
Liebes- und sonstiger Zauber getrieben 10 ). 
Um den Attersee beräuchert man selbst 
das Stallgerät 11 ). Man begnügt sich auch 
mit drei R.n: Christ-, Neujahrs- und 
Dreikönigsnacht 12 ). Die letzte ist be¬ 
sonders wichtig 13 ). Sie heißt im Böhmer¬ 
wald „Foast-Rauhnacht“, weil es da 
recht fettes Schweinefleisch zu essen 
gibt. Maskierte Burschen singen Foast- 
rauhnochtlieder 14 ). Das Zeltenbrot wird 
in den drei heiligsten Rauhnächten ein¬ 
geräuchert 15 ). 

Häufig findet man die Bezeichnung 
Rauhnächte. In der Oberpfalz redet 
man von Raubnächten 16 ) und Raun¬ 
nächten 17 ). Im Baierwalde nennt man 
eine häßlich vermummte Weibsperson 
eine „Rauhnacht“ 18 ). 

Im niederbayerischen Hügellande und 
zum Teil in der Oberpfalz hat sich der 
Name Rauhnacht auf jeden bäuerlich 
üppigen Festtagstisch, wie er früher an 
den Haupttagen in der Zeit der Zwölften 
üblich war, übertragen 19 ). 

In der Oberpfalz namentlich am Vor¬ 
abend des Ostertages: Schönwerth Oberpfalz 
1, 313. Am Karfreitag: Drechsler 1, 87. 
Vgl. auch Freudenthal Feuer n6ff. 2 ) 
Reiser Allgäu 2, 40. 3 ) Urquell 1, 109. 



53i 


rauhe Leute 


4 ) Mannhardt i, 542 f. 5 ) Tille Weihnacht 
50. 6 ) Vernaleken Alpensagen 113; Ger am b 
Brauchtum 104. 7 ) Meyer German. Mythol. 

197; Ders. Mythol. d. German. 327; Franz 
Benediktionen 1, 423; Weiser Jul 41; Schmel- 
ler BayWbch. 3, 12; Landsteiner Nieder¬ 
österreich 33; Gera mb Brauchtum 104 f.; 
ZfVk. 11 (1901), 464 (Steiermark); Bronner 
Sitt’ u. Art 12 ff.; Urquell N. F. i, 104 (Pfalz); 
Jahn Opfergebr. 259 Anm. 3. «) Leoprech- 

ting Lechrain 204; Pollinger Landshut 194; 
Vernaleken Mythen 344; Baumgarten Jahr 
5. 14; Bronner 12 ff.; Landsteiner Nieder¬ 
österreich 36 f.; Tille Weihnacht 50 f.; Sepp 
Religion 47 f.; Heinsberg Festjahr 437. 
ü ) Leoprechting 205; Zingerle Tirol 186 
( J 537 ) - Wenn sie offensteht, wird die Milch 
rot, auch wenn man diese draußen stehen läßt: 
WZfVk. 33 (1928), 135. 10) Tille 50 f. ii) 

Baumgarten Jahr 14. i*) Vernaleken 

Mythen 344; Franzisci Kärnten 30 t.; ZfVk. 

8 (1898), 249 t. (Gossensaß); Zingerle Tirol 
186; Sepp Religion 9. 1 3 ) Oben 2, 457. 1 4 ) 

Schramek Böhmerwald 126 f. 1 5 ) Schade 
Klopfan 69. 16 ) Schönwerth 1, 312. 313. 332. 
17 ) Ebd. 1, 138. Man hat das Wort auch mit 
rauen = heulen, winseln zusammengebracht: 
Baumgarten Jahr 5 Anm. 3. * 8 ) Mannhardt 
2,186; Quitzmann 16. 1») Bronner Sitt 9 

u. Art 19. Vgl. Sepp Religion 47 t. 

2. Die Angaben der Berichterstatter 
über die abergläubischen Vorstellungen, 
die den R.n anhaften, lassen es nicht 
immer deutlich werden, welche R. jedes- 
mal gemeint sind. Für die im folgenden 
angeführten Einzelheiten kommen in 
erster Reihe die drei oder vier Hauptr. j 
der Zwölften in Betracht. 

Die R. werden für die Erforschung der 
Zukunft besonders in Anspruch ge¬ 
nommen. Sie heißen daher auch Los¬ 
nächte 20 ). In den R.n gab es den sog. 
Rauchweizen, von dessen Genuß sich 
niemand im Hause ausschließen durfte 21 ). 
In München wird der Räuchwecken 
gebacken 22 ). Wer in der Rauhnacht 
geboren ist, wird reich 23 ). 

Man muß sich in den R.n vor allem 
möglichen bösen Zauber hüten 24 ). Man 
soll nicht dreschen, sonst verdirbt das 
Getreide, so weit man den Schall hört 25 ). 
Man muß in einen Kübel husten und die 
Kinder auf Decken wiegen (so still muß 
es sein) 26 ). Man soll nicht aus einem 
unverdeckten Brunnen trinken 27 ), der 
Vater darf nicht von der Seite des Kindes 
weichen, damit es nicht zur Wasserbutte 
werde 28 ). Wenn man sich auf einen 


532 

Tisch setzt, so kriegt man Furunkel 29 ). 
In den R.n grub man Wurzeln, deren 
Genuß die Pferde zu tüchtigen Läufern 
machen sollte 30 ). Das Vieh redet ver¬ 
nünftig zusammen, aber nur Quatember¬ 
kinder hören es 31 ). Ein Mädchen, das 
vor den R.n ihren Wickel nicht abge¬ 
sponnen hat, kommt das Jahr nicht zum 
Heiraten 32 ) oder kriegt einen bärtigen 
Mann 33 ) oder stirbt 34 ) oder die Berchta 
kommt 35 ). Diese zeigt sich überhaupt 
in den R.n 36 ), und die Gstampe äußert 
sich unsichtbar durch entsetzliches Pfeifen 
und Winseln 37 ). In der Rauhnacht 
kann man sich auch den Teufel dienstbar 
machen 38 ). In Tiers ließ man von den 
drei Speisen, die an den drei Rauch¬ 
abenden auf den Tisch kamen, für die 
Stampa etwas stehen 39 ). In Villnös 
legte man für die Seligen Kucheln auf 
das Hausdach 40 ). Man wirft auch 
Grummet und Hafer aufs Dach, läßt 
es darauf liegen, bis die R. vorüber sind, 
und gibt es dann dem Vieh (14./15. Jh.) 41 ). 

20 ) Vernaleken Mythen 23. 344t.; Franzisci 
Kärnten 31; Pollinger Landshut 194; Baum¬ 
garten Jahr 14; Schramek Böhmerwald 129; 
Jahn Opfergebr. 280. 284 21 ) ZfVk. 21 (1911), 
256; Sepp Religion 9 (Jachenau). 22 ) Schade 
Klopfan 69 Anm. Über die Gebäcke in der Zeit 
der R.: Höf ler in ZföVk.9,15 ff.; ZfVk. 12, 441. 
23 ) WZfVk. 33 (1928), 135. 24 ) Baumgarten 

Jahr 14; Sch önwerth Oberpfalz 1, 312 t. 

25 ) Grimm Mythol . 3, 468 (916: Bayern). 

26 ) Heyl Tirol 764. 27 ) Schönwerth 2, 172. 

28 ) Ebd. 1, 194. 29 ) Grimm Mythol. 3, 418 (32) ; 
ZfVk. 12, 441. 30 ) Franz Benediktionen 2, 133. 
31 ) Heyl Tirol 155. 32 ) ZfVk. 8, 249 f. 33 )Baum- 
garten Jahr 14. 34 ) Zingerle Tirol 185 f. 

Heyl Tirol 764. 36 ) Waschnitius Perkt 32. 
37 ) Ebd. 40. 58 ) Pollinger Landshut 195 {.; 

Urquell 1, 110. 39 ) Zingerle Tirol 186 (1537); 
Heyl Tirol 764. 40 ) Ebd. 170. Vgl. oben 2, 119. 
41 ) Grimm Mythol . 3, 418 (44). Sartori. 

rauhe Leute (s. a. wilde Leute, Wald¬ 
leute). Die r.n L., ihrem Wesen nach 
Naturdämonen, werden geschildert als 
„kleines Volk", das von oben bis unten 
behaart ist. Sie leben nach einem west¬ 
fälischen Sagenkomplex x ) in einem See, 
aus dem sie emporsteigen, um mit den 
Menschen zu verkehren. Als haarigen 
Klumpen, zusammengerollt wie ein Igel, 
findet ein Bauer ein solches Wasserkind 
und nimmt es mit sich nach Hause 2 ), 
ein behaartes nacktes Weib, das sich mit 


533 


Rauhreif—Raupe 


534 


seinem Kind am Ufer sonnt, springt in 
den See und läßt dem Bauern das Kind 
zurück, das es heimlich besucht und 
säugt 3 ). Gern verdingen sich r. L. als 
Knechte. Ein Knecht, gekleidet wie ein 
anderer, aber rauh an Gesicht und 
Händen, dient einem Bauern sieben 
Jahre treu und fleißig 4 ), ein andermal 
bietet sich ein nackter und von Kopf 
bis zu den Füßen behaarter Mann an, 
für gewisses Geld Schmiedearbeit zu 
machen 5 ). Eine dritte Version dieser 
Sage bezeichnet den Knecht geradezu 
als den r.n L.n entstammend 6 ). Wenn 
man r. L. reizt, bringen sie Unheil. Ein 
Bauer, der statt Geld schmutzigen Lohn 
für den rauhen Schmied hinlegt, wird 
von einem von unsichtbarer Hand aus 
dem See geschleuderten Speer durch¬ 
bohrt 7 ), ein rauhes Weib verflucht einen 
Bauern und sein Geschlecht, weil er das 
Wasserkind zu sich ins Haus nimmt und 
nach menschlichem Aussehen schert 8 ). 

In mythischen und fabelhaften Er¬ 
zählungen aus alten Chroniken, die die 
Brüder Grimm fälschlicherweise als 
„Sagen" ihrer Sammlung einreihten, wird 
die Zeugung eines die Merkmale seiner 
dämonischen Abkunft am Leibe tragen¬ 
den Kindes durch ein rauh behaartes 
Meerungeheuer mit glühenden Augen be¬ 
richtet 9 ). Amersbach konstruiert wegen 
dieser abnormen Behaarung Zusammen¬ 
hänge zwischen den Meerungeheuern und 
den r.n L.n und betrachtet beide auf 
Grund von grotesker Beweisführung als 
Lichterscheinungen 10 ). 

Zu den r.n L.n gehört die Rauhelse des 
„Wolfdietrich", ein starkes, wildes, be¬ 
törendes und zauberkundiges rauhes Weib, 
das sich im Jungbrunnen badet und in 
eine wunderschöne Frau verwandelt (s. a. 
Else) 11 ). Ihr ähnlich sind die rauh¬ 
haarigen, grausamen, menschenfresse¬ 
rischen Fänggen (s. d.), auch die Busch¬ 
großmutter (s. d.) und das Buschweib¬ 
chen (s. d.) stellen sich in diesen Zu¬ 
sammenhang. Die verschiedenen Fas¬ 
sungen des „Wolfdietrich" nun machen 
deutlich, daß es sich hier nicht in erster 
Linie um die primitive Walddämonen¬ 
figur der rauhen Else handelt, sondern 


daß wir in dem Rauhelseabenteuer ein 
ursprüngliches Stiefmuttermärchen er¬ 
kennen müssen, bei dem eine Stieftochter 
von ihrer Stiefmutter in die häßliche 
Gestalt der Rauhelse verflucht worden 
ist, und zwar so lange als rauhes Weib 
zu leben, bis der größte Held es durch 
seine Liebe erlöse. Das geschieht auch, 
Rauhelse steigt in einen Jungbrunnen 
und kommt als die schönste aller Frauen, 
als Sigeminne, wieder daraus hervor 12 ). 
Der Gestaltwandel Rauhelse-Sigeminne 
hat nichts mit der Frage der Erlösbarkeit 
oder Entzauberung von Dämonen zu 
tun, er findet auch nicht seine Erklärung 
in der proteusartigen Natur der Natur¬ 
dämonen, er erfolgt vielmehr unter der 
formelhaften Kraft der Märchenerlösung 
(s. Märchen Wb. unter „Erlösung"). Um 
so abwegiger mutet uns die längst über¬ 
wundene Erklärung Amersbachs 13 ) an, 
der die Metamorphose des häßlichen 
Wesens in die in strahlender Schönheit 
sich erhebende Frauengestalt aus der 
Vielgestaltigkeit der Licht-, Nebel- und 
Dunsterscheinungen ableitet und sowohl 
die auf allen Vieren zum Feuer kriechende 
Else als auch die aus dem Jungbrunnen 
steigende Sigeminne als Lichter schei- 
nungen deutet. 

J ) Kuhn Westfalen 1, 46-51. 2 ) Ebd. 1, 51. 
3 ) Ebd. i, 48 f. 4 ) Ebd. 1, 49. 5 ) Ebd. 1, 50. 
6 ) Ebd. 1, 52. 7 ) Ebd. 1, 48. 8 ) Ebd. 1, 48 f. 
9 ) Grimm Sagen Nr. 405; 424. 10 ) Amers¬ 

bach Lichtgeister 37 ff. 1J ) Adolf Holtzmann 
Der große Wolf dietrich. Heidelberg 1864, 
Str. 506—525. 544 ff.*, Grimm Myth. i, 359; 
Meyer Germ. Myth. 159. 12 ) Vgl. Werner 

Lincke Das Stiefmuttermotiv im Märchen der 
germanischen Völker (Germ. Studien H. 142). 
Berlin 1933, S. 77—79. 13 ) Amersbach Licht¬ 
geister 47 t. Lincke. 

Rauhreif s. Reif. 

Raupe. 

1. Etymologisches. R., die Gesamt¬ 
bezeichnung der Schmetterlingslarve — 
Artnamen sind selten —, geht zurück 
auf mhd. rüpe, ahd. rüpa. Dem Bayrisch¬ 
österreichischen ist das Wort in eigent¬ 
licher Bedeutung unbekannt. Es treten 
dafür ein graswurm < ahd. grasawurm 
oder krautwurm < mhd. krütwurm x ). Im 
Waldviertel (N.öst.) heißt die R. der 
■ Ohreule Grotzenwurm 2 ), d. h. ein Wurm, 


535 


Raupe 


536 


der im Innern des Kohlhauptes {„Grätzel“) 
lebt 2 ). In Bayern und Schwaben kommen 
auch Ratz 3 ) oder Wurm vor (Vgl. engl, 
in derselben Bedeutung worm, dän. orm, 
ital. verme 4 )). Im Bayrischen wird 
Raupet im kollektiven Sinne für „Un¬ 
geziefer'' gebraucht, umgekehrt heißt 
im Patois von Metz die R. vermine „Un¬ 
geziefer“ 5 ). 

Mhd. kölwurm entspricht dän. kaal - 
arm 6 ), altengl. cäwel-wyrm 7 ). Im Neu- 
engl. begegnen canker-worm ,, Krebs¬ 
wurm“ und case-worm „Gehäusewurm“ 8 ). 
Neben dän. larve stehen schwed. larf 9 ) 
und löfmask (löf = Laub 10 )), wozu sich 
altengl. leaf-wyrm vergleicht 11 ). Schwed. 
skräpuk 12 ) bedeutet eigentlich „Popanz“. 

Lat. eruca findet sich wieder in katal. 
eruga, span, oruga , venez. ruga 13 ). Ital. 
bruco (kämt, bruggn [Lavanttal] = R. 
des Kohlweißlings 14 )), wozu Garbini 15 ) 
zahlreiche Varianten anführt, erweist sich 
nach Rohlfs 16 ) als Kontamination von 
beco < lat. bombyx „Seidenwurm“ und 
ruga < lat. eruca . Als eine Kontamina¬ 
tion von lat. caries „Fäulnis“ und eruca 
stellt sich parm. carüga dar 17 ). 

Häufig sind Benennungen nach anderen 
Tieren, so nach dem Hunde: altgriech. 
xtStav 18 ), ital. cagna „Hündin“ (Berga¬ 
mo 19 )) franz.-dial. chen' y chan* (May- 
enne) 20 ), franz. chenille < lat. canicula 
„kleine Hündin“ 21 ), engl. dial. miller's 
dog „Müllers Hund“ 22 ) sowie rumän. 
cänele-babei Hund der Alten (d. h. Hexe), 
womit die R. des Nachtpfauenauges be¬ 
zeichnet wird 23 ). Ins Mythische weist 
auch der finnische Name der R.: tuonem / 
koira „Hund des Todes“ 24 ). — Benen¬ 
nungen nach der Katze: ital. gata (Ve- 
rona ) 25 ), gata pelosa „haarige Katze“ (all¬ 
gemein) 26 ), altfranz. chatte pelue 27 ), cate- 
peleure id. 28 ), das ins Engl, eindrang (Cater¬ 
pillar) 29 ) und die oben angeführten germa¬ 
nischen Bezeichnungen der R., zu denen 
noch altengl. treow-wyrm 3 °), „Baumwurm' ‘ 
zu stellen ist, gänzlich verdrängte. Engl, 
dial. werden die R.n auch als cats and 
kittens 31 ) „Katzen und Kätzlein“ be¬ 
zeichnet. Vereinzelt steht prov. toro 
„Stier ' (Gard) 32 ). Im Ital. kommen 
Benennungen nach der Schlange vor wie 


ital. dial. bissa pelosa „haarige Schlange“ 
| (Costermano) 33 ), womit sich engl. dial. 
nanny-viper (Nanny — Ännchen) 34 ) ver¬ 
gleicht . 

*) Riegler Tiernamenkunde, Festschrift 42 
2 ) Weinkopf in Natur 2, 89. 3 ) Hoops Reallex. 
3,18. 4 ) Ebd. 5 ) Ebd. 6 ) Heinzerling Wirbel¬ 
tose Tiere 12. 7 ) Zandt-Cortelyou Altengl. 

Insektennamen 54. 8 ) Heinzerling a. a. O. 

9 ) Ebd. 10 ) Ebd. n ) Zandt-Cortelyou 
a. a. O. 12 ) Heinzerling a. a. O. 13 ) 
Meyer-Lübke REWb. Nr. 2907; Jaberg- 
Jud AIS. 481. 14 ) Carinthia 96, S. 57. 

15 ) Garbini Antroponimie 301 f. 16 ) Rohlfs 
in AR., SA. S. 3 f. 17 ) Meyer-Lübke REWb. 
Nr. 1692. 18 ) Sain6an Etym. frang. 1, 113. 

19 ) Garbini op. cit. 347. 2 °) Rolland Faune 

13. 189. 21 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 1586. 

22 ) Rolland op. cit. 13, 191. 23 ) Hiecke Ru¬ 
män. Tiernamen 139. 24 ) Grimm Mythologie 

2, 8982. 2S ) Garbini op cit. 549. 26 ) Ebd. 

27 ) Rolland op. cit. 3, 189. 28 ) Sainean op. 

cit. 1. 113 5 . 29 ) Heinzerling op. cit. 12. 

30 ) Zandt-Cortelyou op. cit. 57. 31 ) Rolland 
op. cit. 13, 191. 32 ) op. cit. 3, 190. 33 ) Gar¬ 

bini op. cit. 251. 34 ) Rolland op. cit. 3, 191. 

2. Biologisches. Im Altertum hatte 
Aristoteles eine ungefähre Vorstellung 
von der Metamorphose des Schmetter¬ 
lings 35 ). Aristophanes von Byzanz 
glaubt, die R. entstehe aus dem Tau, der 
auf den Kohl fällt; auch der Mond soll an 
ihrer Erzeugung beteüigt sein 36 ). Nach 
Megenberg 37 ) ist die Benetzung mit 
Tau oder Regen die Ursache der Meta¬ 
morphose: „Es wird erzählt, daß dieser 
Wurm (d. h. die R.) im Monat September 
seine Farbe ändere und andere Gestalt an¬ 
nehme, wenn er vom Tau oder Regen be¬ 
netzt wird. Er bekommt dann nämlich 
Flügel und kann fliegen“. Nach rumäni¬ 
schem Volksglauben 38 ) ist die R. aus 
Teufelstränen entstanden. Sie greift den 
bösen Blick an 39 ). Bräuner *°) berichtet 
1737 von leuchtenden R.n in Neu-Hispa- 
nien, „welche wegen eines erschröcklichen 
Giffts niemand anrühren darf“, womit eine 
Art Leuchtkäfer (Lampyris) gemeint ist. 

35 ) Keller Antike Tierwelt 2, 436. 36 ) Ebd. 

37 ) Buch der Natur 256. 38 ) Marian Insectele 

261. 39 ) Seligmann Blick 2, 130. 40 ) Curiosi - 
taeten 572. 

3. Animismus. Ausgesprochenen Ani¬ 
mismus zeigt die Vorstellung eines Bantus¬ 
stammes, daß die Seele des Toten zeit¬ 
weise R.nform annehme als Zwischen¬ 
stufe zur Schlange 41 ). Elben erscheinen 


( 


537 Raupe 538 

auch als R.n. Laistner 42 ) stellt die j man in einem Lauenburgischen Dorfe, 


Elbennamen Räzel zu Ratz = R. In 
Oberkämten (Gegend von Radenstein) 
heißt die R. Schratei (s. Schrat) = elben¬ 
artiges Wesen In Wildenreuth (Nördl. 
Oberpfalz) werden die großen haarigen 
R.n Klöchmouda (Klagemutter) oder 
Bämouda (Gebärmutter) genannt 44 ). Als 
Art Hexenepiphanie erscheint die R. in 
England, dort trägt die Stachelbeerfrau 
(gooseberry-wife) in Gestalt einer haarigen 
R. Sorge um die grünen Stachelbeeren 45 ). 
Auch im Kleinrussischen heißt eine stark 
behaarte R. Hexe (jazibaba) 46 ). Auf Be¬ 
ziehungen zum Teufel läßt der Name 
Teufelskatze 47 ) (Schweiz. Tüfels- 
chatz) 48 ) schließen. So heißt auch in 
Windischgarsten (Oberöst.) eine R.nart, 
die in Wäldern vorkommt und gefürchtet 
wird, öri Teufel sein Roß 49 ), und im steiri¬ 
schen Ennstal führt die haarige R. des 
Nesselfalters den Namen Teufels Kopf- 
polster 50 ). 

41 ) Küster Schlange 64. 42 ) Nebelsagen 341. 

•*) E)r. Kranzmayer mündlich; ebenso im 
Egerland ZföVk. 2, 329; Natur 2, 88. 44 ) Dr. 

Kranzmayer brieflich. 45 ) Wright Rustic 
Speech 198. 48 ) Güntert Kalypso 224. 47 ) 

Grimm Mythologie 2, 898 2 . 48 ) Vernaleken 

Alpensagen 420 Nr. 153. 49 ) Baumgarten 

Aus der Heimat 1, 121. *°) Weinkopf in 

Natur 2, 88. 

4. Raupenmachen. Außer Ratten 
und Mäusen erzeugen die Hexen mit des 
Teufels Hilfe auch R.n, und zwar auf fol¬ 
gende Weise: Die Hexe gibt Kraut in einen 
Hafen, den sie dann auf Geheiß des 
Teufels um wirft. Aus dem Hafen quillt 
ein Bäume versengender Nebel, aus dem 
sich schließlich die R.n entwickeln 51 ). 
Anderswo gibt der Teufel der Hexe ein 
grünes Mehl, das sie zum Kraut in den 
Topf schüttet 52 ) (1596) oder sie erhält 
vom Teufel ein „Geschmeiß“ von 
schwarzer Farbe, das sie umrührt und 
um zwölf Uhr mitternachts aufs Feld 
streut 53 ). 

61 ) ZfVk. 14, 417 t. 62 ) ZfdMyth. 2, 74. M ) 
ebenda. 

5. Schadenzauber. Die R.n werden 
von den Hexen und Hexenmeistern zu dem 
Zwecke erzeugt, um sie in die Felder und 
Gärten von Feinden zu schicken, damit 
sie dort Schaden anrichten. So erzählt 


daß ein böhmischer Fuhrmann die R.n 
besprochen und sie am folgenden Tage 
in Scharen in den Garten und das Gehöft 
eines Bauern geschickt habe 54 ). Als im 
Jahre 1735 das Elsaß und dieUmgebungvon 
Paris von Spannraupen verheert wurden, 
wollten einige die Hexe oder den Hexen¬ 
meister gesehen haben, der sie aus¬ 
sandte 55 ). In Boulay (Lothringen) trugen 
geheimnisvolle Mädchen die R.n in zuge¬ 
deckten Tragkörben herbei, um sie in den 
Gärten auszuschütten 56 ). 

64 ) Wuttke S. 267 § 393. 55 ) Sebillot Folk- 
Lore 3, 309. 56 ) op. cit. 3, 309 f. 

6 . Krankheitsdämon. Die R. des 
Kohlweißlings (pieris brassicae) heißt in 
einigen Gegenden Rumäniens fapt < lat. 
factum „Zauber“ und wird von einem 
Zauberer auf das Haupt eines Feindes 
gesandt 57 ), wohl um Krankheiten zu er¬ 
zeugen (vgl. fapt = Krankheit) 58 ). In 

Frankreich glaubte man, die R. riefe 
Schwindsucht hervor (etre enchenille) 59 ). 
Nach einer noch viel älteren, bei den Süd¬ 
slaven fortlebenden Vorstellung sind die 
R.n böse Dämonen, die vom Baumgeiste 
ausgeschickt werden, damit sie sich in den 
Körper einschleichen und darin Krankheit 
und Schmerz hervorbringen ®°). Ihr Sitz 
ist namentlich das Gehirn, wo sie wie 
andere Insekten 61 ) Geistesstörungen ver¬ 
ursachen 62 ). Wer R.n im Kopfe hat, ist 
zu tollen Streichen aufgelegt daher 
heißt es in der deutschen Studenten¬ 
sprache eine R. t d. h. einen Streich 
spielen M ). Die R. im Kopf verursacht 
Wahnsinn: südfranz. tourä (toro = R.) 
„verrückt“ 65 ) oder schlechte Laune (vgl. 
südfranz. [Toulouse]: abe la ruco, die R. 
haben, d. h. schlecht gelaunt sein 66 )). — 
Die R. kann auch als Alp schlafende Men¬ 
schen drücken 67 ). Einem schwachen 

Kinde legt sie sich in die Haut 68 ). Vielfach 
I güt sie für giftig 69 ). Vgl. franz.-dial. vlin < 
lat. venenum „Gift*‘ = „Raupe“ (Aube) 70 ). 
Kriecht die R. über die bloße Haut eines 
Menschen, so erregt sie Ausschlag 71 ) oder 
Krätze. Vgl. mhd. rappe „R.“ und 
„Krätze“ 72 ). Tritt ein Barfußgehender 
auf die R. des Brombeerspinners, die 
Katzensporen heißt und für giftig gilt. 



L 


bekommt er einen wehen Fuß 73 ). Ge¬ 
langen Haare einer R. ins Auge, so er¬ 
blindet es 74 ). — In verschiedenen Gegen¬ 
den Englands heißt die R. des großen 
Bären Spinners finget-ring oder golden-ring 
nach dem Glauben, daß die R. sich bei 
Berührung um den Finger wickle und 
Blut zu saugen beginne 75 ). Auf ähnlichem 
Volksglauben scheint zu beruhen der süd- 
franz. Name stgue-dit „Finger Säger“ 
(Bayonne) 76 ). Der Unrat der R. heißt im 
Pfälzischen Beschiß; er ist nach der 
Meinung des Volkes giftig und erzeugt 
auf der Haut Entzündungen 77 ). 

57 ) Marian Insectele 269. 58 ) op. cit. 272 f. 

50 ) Brissaud Express, popul. 200. 60 ) Krauss 
Relig. Brauch 40. 61 ) Riegler Tiernamenkunde 
45. 62 ) WS. 7, 133. 63 ) ZfvglSpr. 13, 71. 

64 ) ZfdWf. 12, 287. 65 ) Rolland Faune 13, 198. 
66 ) Ebd. 67 ) Höfler Krankheitsnamen 300; 
Hovorka-Kronfeid 1, 356; Liebrecht Ger¬ 
vasius 76. 68 ) Grohmann 112. 69 ) Megenberg 
Buch der Natur 256. 70 ) Rolland Faune 3, 319. 
71 ) Megenberg a. a. O. 72 ) Heeger Tiere 1, 
S. 7 f. § 14. 73 ) op. cit. 2, 16 § 32 Nr. 3. 

74 ) Drechsler 2, 221. 7S ) Wright Rustic Speech 
204. 76 ) Rolland Faune 3, 319. 77 ) Heeger 
Tiere 2, 16 § 32 Nr. 2. 

7. Abwehr. Die Abwehrmittel gegen 
•die R.n berühren sich teilweise mit denen, 
die gegen Mäuse und Ratten gebraucht 
werden. Sehr beliebt ist das Umwandeln 
des Gartens oder der Bäume 78 ). Ein weib¬ 
liches Wesen geht zur Mitternacht meist 
nackt und einen Bannspruch murmelnd 
um Feld oder Garten 79 ). In Kösitz (An¬ 
halt) geht ein menstruierendes Weib 
wiederholt über das Feld ®°). Ebenso in 
Anjou 81 ). Auch ein in den Zwölften ge¬ 
bundener Besen wird dazu verwandt 
(Anhalt) 82 ). Gern trägt man eine Pfingst- 
maie (Birkenstrauch) um das Feld 83 ) 
oder auch den Abkehrwisch des Back¬ 
ofens Bei den Abwehrriten spielt auch 
das Wasser eine gewisse Rolle. Unter 
Hersagung einer bestimmten Formel 
wirft man eine ungerade Anzahl von R.n, 
die man vor Sonnenuntergang ge¬ 
sammelt, ins Wasser 85 ). Ähnlich in An¬ 
halt 86 ). Zu St. Scolaire (Frankreich) be¬ 
sprengt der Pfarrer mit dem Weihwedei 
die Felder und beschwört die R.n 87 ). 
Offenbar ist es eine Andeutung dieses 
Ritus, wenn an Stelle des Priesters eine 


beliebige Person tritt, die ein in Wasser 
getauchtes Haselnußstäbchen in der 
rechten Hand trägt (Loiret) 88 ). In Gard 
füllt man eine Gießkanne mit Wasser, 
mit dem man die Felder an den Rändern 
begießt 89 ). An Stelle des Wassers wird 
in Niederösterreich am 24. Juni geweihter 
Wein verwendet, von dem man in jede 
Ackerecke einige Tropfen schüttet 90 ). 
Feuer ist ein seltenes Abwehrmittel. In 
Süderstapel (Stapelholm) wirft man drei 
R.n ins Feuer 91 ). Frazer 92 ) berichtet 
von bonfires („Bergfeuer“) als Schutz 
gegen R.n. In Ostpreußen räuchert man 
die R.n unter Besprechungsformeln 93 ), 
in Schlesien hängt man einige davon in 
den Rauchfang 94 ), ebenso in Anhalt 95 ). 
Wie sie dort vertrocknen, verdorren die 
anderen (Analogiezauber) 96 ). Bei der 
Ausräucherung des Ackers wird darauf 
gesehen, daß eine Ecke freigelassen wird, 
wo die R.n abziehen können 97 ). Anders¬ 
wo ist der Karfreitag als Banntag vorge¬ 
schrieben 98 ), während nach norddeut¬ 
schem Glauben der Gartenbesuch am 
Karfreitag eine Vermehrung der R.n zur 
Folge hat "). Die Stadt Arles hatte einen 
eigenen R.ntag (tinearum dies) 100 ).— Wer 
sät, soll zuerst die Hände mit Fett von 
den Fastnachtskuchen einreiben, dann 
werden die Pflanzen gegen R.n gefeit 
sein 101 ). Alt scheint der Brauch zu sein, 
durch Stücke eines ausgegrabenen Sarges, 
die man ins Kraut steckt, die R.n abzu¬ 
wehren 102 ). In Böhmen verbrennt man 
ein Sargstück an drei Ecken des Feldes 103 ), 
in Anhalt streut man in den Zwölften 
gesammelte Asche 104 ). Auch gewisse 
Pflanzen schützen vor R.n, so Hanf, 
Schaf- und Geißkohl 105 ) wie auch Bren- 
nesseln 106 ). — Symbolische Abwehrgesten 
werden mit landwirtschaftlichen Geräten 
vollführt, so mit einer Sichel 107 ), einem 
Staubbesen 108 ), einem Ochsenstachel (Li¬ 
mousin) 109 ). * Auch legt man den R.n 
Hindernisse in den Weg. Man umwickelt 
die Stämme der Bäume mit breiten, in 
Vogelleim oder dgl. getauchten Leinwand¬ 
lappen oder man bindet einen Kranz von 
Kornähren um den Baum so zwar, daß die 
Ähren mit ihren Stacheln abwärts hän¬ 
gen 110 ). Wie Mäuse und Ratten wurden 



i 

» 



u 





Raute 



auch die R.n von der Kanzel aus ver¬ 
urteilt und nötigenfalls exkommuniziert. 
So 1516 in Villeneuve 111 ) und noch 1781 
in Tirol 112 ). — Vereinzelt steht der Fall 
«einer R.nbannung durch den bösen 
Blick. Das Journal de Verdun berichtet 
Nov. 1735 von einem jungen Mädchen, 
•das alle R.n im Garten tötete, indem sie 
nur einige Blicke auf sie warf 113 ). 


78 ) Wirth Beiträge 4/5,34 (Anhalt). 79 ) Keller 
Grab 5, 213 f.; Grimm Mythologie 3, 468 
Nr. 928; Weinhold Ritus 32; Knuchel Um¬ 
wandlung 79 f. ®°) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 23. 
Ä1 ) S6billot Folk-Lore 3, 310. 82 ) Wirth Bei¬ 
träge 4/5, S. 33. 83 ) Mitteil. Anhalt. Gesch. 
a. a. O.; Wirth op. cit. 4/5, S. 33; Kuhn 
Märkische Sagen 382 Nr. 48; ZfVk. 7, 78. 
**) Wirth a. a. O. 33. 8S ) ZfVk. 20, 386. 

86 ) Wirth op. cit. 34. 87 ) S6billot op. cit. 
3, 314. 88 ) op. cit. 3, 312. 89 ) Ebd. 90 ) Land¬ 
steiner Nieder Österreich 63. 9l ) ZfVk. 20, 386. 
* 2 ) Golden bough 12, 210. 93 ) Wuttke S. 417 

§ 648. 94 ) Drechsler 2, 81. 9S ) Wirth Beiträge 
4/5 S. 34. ® 8 ) Andree Parallelen 2, 11; Keller 
Grab 5, 211. 97 ) Schneller Wälschtirol 247; 

Wirth Beiträge 4/5, S. 33. ö8 ) Ganzlin Sächs. 
Zauberformeln 19^.27; Wirth op. cit. 4/5, S.34. 
••) Kuhn u. Schwartz 374 Nr. 26. 10 °) Boese 
Superst. Arelat. 83 ff. 101 ) Wirth op. cit. a. a. O. 
X02 ) Grimm Mythologie 3, 440 Nr. 171; Wuttke 
S. 416 § 648. 103 ) Grohmann 86. 104 ) Wirth 
op. cit. 4/5, S. 32. 105 ) Keller Grab 5, 266 f. 

1M ) Schultz Alltagsleben 241. 107 ) ZfVk. 2, 264. 
108 ) Bartsch Mecklenburg 2, 457. 458. 109 ) Se- 


billot op. cit. 3, 312. 


110 


) Jahn Opfer ge¬ 


brauche 217. m ) Mannhardt German. Mythen 
368. 1I2 ) Keller Grab 5, 211. 266 f. u3 ) Se¬ 

ligmann Blick 1, 219. 


8. Orakel. Als Orakeltier hat die R. 
geringe Bedeutung. Bei den Deutschen 
in Pennsylvanien 114 ) schließt man aus der 
Farbe der R. auf die Strenge des Winters. 
Sind die Enden schwarz, so werden An¬ 
fang und Ende des Winters hart sein, ist 
die Mitte schwarz, so ist die Mitte des 
Winters rauh. Eine ganz schwarze R. 
bedeutet durchaus strengen Winter 115 ). 
Fallen die R.n spät im Jahre von den 
Bäumen, wird der Winter mild sein 116 ). 
Umgekehrt schließt man in Frankreich 
von der Temperatur auf die R.n. Ist es 
im Oktober kalt, wird es im nächsten Jahre 
wenig R.n geben 117 ). In Ille-et-Vilaine ist 
der Anblick der R.n von schlechter Vor¬ 
bedeutung; man muß sie daher töten 118 ). 

114 ) Fogel Pennsylvania 230 Nr. 1183. 
115 ) Ebd. 116 ) op. cit. 282 Nr. 1198. U7 ) Rol¬ 


land Faune 3, 319. 11S ) Sebillot Folk-Lore 3, 
3 ° 8 - 

9. Volksmedizin. Die R. spielt in 
der volkstümlichen Zahnheilkunde eine 
gewisse Rolle. Früher glaubte man, Be¬ 
rührung eines Zahnes mit einer R. be¬ 
wirke dessen Ausfall 119 ). Jetzt noch ver¬ 
wendet man gegen Zahnschmerzen R.n. 
Mittelbar oder unmittelbar an die schmer¬ 
zende Stelle gebracht, stillen sie die Zahn¬ 
schmerzen 12 °). Oder man hängt R.n 
um den Hals und wartet, bis sie tot sind. 
Dann wirft man sie in den Ofen und 
betet ein Vaterunser 121 ). In England 
(Sussex) gilt das Herumtragen einer R. 
als Mittel gegen Wechselfieber. Die R. 
soll das Fieber anziehen 122 ). Im Alter¬ 
tum verwendete man homöopathisch die 
R.n des Kohlweißlings, mit öl einge¬ 
rieben, als Schutzmittel gegen den Biß 
giftiger Tiere 123 ). 

119 ) Urquell 3, 197. 12 °) Netolitzky Käfer 

129. 121 ) Pollinger Landshut 285. 122 ) Hen- 
derson Folk-Lore 150. 123 ) Hovorka-Kron¬ 
feid 1, 356. Riegler. 

Raute (Garten-, Weinraute; Ruta gra- 
veolens). 1. Botanisches. Staude mit 
graugrünen, doppelt oder dreifach ge¬ 
fiederten Blättern, deren Teilblättchen ver¬ 
kehrt-eiförmig sind. Die gelbgrünen 
Blüten stehen in Scheindolden. Die 
Gipfelblüten sind fünfzählig (s. unter 4), 
die übrigen Blüten vierzählig. Die ganze 
Pflanze riecht stark aromatisch. Die R. 
stammt aus Südeuropa, wird aber schon 
seit Jahrhunderten besonders in den 
Bauerngärten Süddeutschlands gepflanzt. 
Ab und zu kommt sie auch als Überbleibsel 
früherer Kultur, z. B. in der Nähe alter 
Burgen, verwildert vor x ). Im Volke 
werden übrigens verschiedene stark¬ 
riechende (Alpen-)Pflanzen als „Rauten“ 
bezeichnet 2 ), so die Edelraute (Artemisia 
mutellina),Frauenraute, Steinraute (Achil- 
leaClavenae), Goldraute (Senecioincanus) 
s. auch Eberreis (2, 527). 

*) Marzell Kräuterbuch 169 f.; Heilpflanzen 
73—81. 2 ) Vgl. ZfVk. 3, 446. 

2. In der antiken Heilkunde 3 ) und 
im antiken Aberglauben genoß die R. 
großes Ansehen. Sie wurde fast gegen 
alle Krankheiten verwendet. Die R. 
sollte besonders gut gedeihen, wenn man 


543 


Kaute 


544 


sie unter Fluchen (maledicta) aussäte 4 ), 
vgl. Kümmel. Auch sollte gestohleneR. 
besser gedeihen 5 ). Das Wiesel sollte im 
Kampf gegen die Schlangen zuerst R. 
fressen, um sich gegen das Gift zu sichern 6 ). 
Ein Rezept eines St. Galler Codex (9. Jh.) 
läßt die R. gegen Schlangenbiß mit einer 
lateinischen Beschwörung sammeln 7 ). 
Überhaupt galt die R. als ein unfehlbares 
Gegengift, daher auch der ma. Spruch 
der „Schola Salernitana": 

Salvia cum ruta 

Faciunt tibi pocula tuta 8 ). 

Nach den alten Kräuterbüchern darf die 
R. nicht mit Eisen berührt werden (s. 
Eisen 2, 724): „Rauten leidet nit das mans 
anrüre / oder schneid mit yßen / oder ein 
messer“ 9 ). Auch dieser Glaube ist antik 10 ). 
Wie viele andere Kulturpflanzen verdorrt 
auch die R., wenn sie von einer menstru¬ 
ierenden Frau berührt wird 11 ), ein Glaube, 
der in die alten „Zauberbücher" überge¬ 
gangen ist 12 ). (Pseudo-)Apuleius (475. 
Jh.) 13 ) bringt das Rezept „Ad pro- 
fluvium (Blutfluß) mulieris": „Herbam 
rutam circumscribe auro et ebore et 
argento, sublatam eam adligabis infra 
talum". Als Amulett wird die R. in Süd¬ 
europa und in Italien auch heute noch 
viel gebraucht (s. u.). R. hing man in 
den Taubenschlägen auf, um die Katzen 
fernzuhalten 14 ); jedenfalls sollte der 
starke Geruch der R. die Katzen abhalten. 
Dieses zunächst empirische Rezept wird 
später zum magischen, indem die R. im 
Stall gegen das Verhexen des Viehes auf¬ 
gehängt wird lö ). Beschwörungen (Beseg¬ 
nungen, Benedictionen) der R. sind nicht 
selten aufgezeichnet 16 ), vgl. auch unter 4. 
Als besonders zauberkräftig (vor allem 
gegen den „bösen Blick") gilt die R. in 
Italien 17 ), daher auch das italienische 
Sprichwort: „La ruta — ogni male stuta". 
Ebenso sagt man in Wälschtirol, daß die 
Kamille und R. gegen alles Übel gut sei: 
„Zenis e erba ruta — che da ogni mal 
agiuta" 18 ). Auch in Frankreich 19 ), in 
der Berberei 20 ), bei den spanischen und 
ottomanischen Juden 21 ), bei den Sla- 
ven 22), in Palästina &) ist die R. ein 
Apotropäum. Im Neupersischen heißt 
dieR. „aspand" (= die Heilige) 24 ). Wenn 


die R. auch im deutschen Volksglauben 
vielfach als Apotropäum gilt, so beruht 
j das wohl hauptsächlich auf der antiken 
Überlieferung (Einfluß der Mönchsmedizin 
usw.), wie ja auch die R. selbst aus dem 
Süden stammt und wohl hauptsächlich 
über die Klostergärten in den deutschen 
Bauerngarten gelangte. Ebenso stammt 
der Name, der erst im späten Ahd. als 
ruta auftritt, aus dem Lateinischen. 
Es ist verfehlt, wenn Branky 25 ) die 
R. als eine Pflanze des deutschen Volks¬ 
glaubens hinstellen will. 

3 ) Dioskurides Mat. med. 3, 45; Plinius 
Nat. hist. 19, 156; 20, 131; Pauly-Wissowa 
2. R. 1, 1, 287 t. 296 ff. 4 ) Vgl. auch Märze 11 
Fluchen usw. bei der Aussaat von Kulturpflanzen 
in BayHfte. 1, 200 f. 5 ) Plinius Nat. hist. 19. 
123; Palladius De re rustica 4, 9, 14. 

6 ) Plinius a. a. O. 20,132; Aelian Hist. 
Animal. 4, 14; Panzer Beitrag 2, 372; Höfler 
Organotherapie 175; auch fälschlich als „deut¬ 
scher" Aberglaube angegeben: Alpenburg 
Tirol 383; Vonbun Beiträge 106. 7 ) Jöri- 
mann Rezeptarien 29, 8 ) Renzi Collectio- 

Salernitana 1 (1852), 452. 9 ) Brunfels 

Kreutterbuch 208; ebenso Tabernaemon- 
tanus Kreutterbuch 1613, 398. 10 ) Plinius 

Nat. hist. 19, 177. ii) Columella 9, 3, 38; 
Palladius 4, 9, 14; Plinius Nat. hist. 28, 79; 
Geoponica ree. Beckh 12, 25, 2. 12 ) Z. B. Mizal- 
dus Hort. Secret. 1574, 31. 1») Corpus Medic. 
Latin. 4 (1927), 162. 14 ) Geoponika 14, 4. 

16 ) z. B. Meyer Baden 560; Marzell Bayer. 
Volksbot. 201; Wuttke 103 §133. 1«) Schön¬ 
bach Berthold v. R. 148; Franz Benedictionen 

1, 418; ATradpop. 4, 135. 17 ) Seligmann 

Blick 2, 81 f. ; Gubernatis Plantes 2,327; 
ATradpop. 5, 190; Folklore Ital. 2 (1926); 
R. F. Günther The Cimaruta, its structure 
and development in FL. 16, 132—161; vgl. auch 
FL. 19, 223. i®) Schneller Wälschtirol 247. 

19 ) RollandFlorepop. 4,8. 20 ) Seligmann Blick- 

2, 82; Westermarck Marriage Ceremon. 1913, 

27. 21 ) Seligmann a. a.O. WissMittBosnHerc! 

2, 447. 22 ) Krauß Slav. Volkforschung 63. 

23 ) Canaan Aber gl. usw. im Land der Bibel 
1914, 64. 24 ) Schräder Reallex. 2 2,217. 

25 ) Die Rauten, ein kleines Kapitel zur Sitten¬ 
kunde des deutschen Volkes in: ARw. 1, 104—110. 

3. Im deutschen Aberglauben gilt 
die R. vor allem (nach dem Vorbild der 
Antike) als Apotropäum. Da besonders 
die Brautleute dem Schadenzauber 
ausgesetzt sind (s. 1, 1582), trägt in 
vielen Gegenden die Braut R. bei sich 26 ). 
Die Braut muß immer R. im Schuh 
tragen 27 ). In Baden wird dies damit be¬ 
gründet, daß die R. „alle hundert Stund 


545 


Raute 


546 


von der Muettergottis g'segnet" sei, s. 
unter 6. Ein „Ruteknöpfle" wirft man 
in Schönwald (Triberg) in den Braut¬ 
kelch, der auf der Festtafel vor der Braut 
steht. Auch legte man in Leustetten 
(Uberlingen) R. ins Brautbett und nähte 
früher im Wutachtal in die 4 Ecken der 
Bettdecke gesegnete R. 28 ). Die „Braut¬ 
kerzen" sind mit R.n verflochten 29 ). Bei 
den Wenden trägt die Braut ein R.n- 
kränzchen 30 ), und bei den alten Preußen 
trug der Hochzeitslader auf einem grünen 
Haselstock ein R.nsträußlein 31 ). Auch 
hier ist teilweise die Zitrone (s. d.) an 
die Stelle der R. getreten 32 ). 

26 ) Wuttke 370 §562. 27 ) Schönwerth 

Oberpfalz 1, 60; Meyer Baden 285 t.; Alräun¬ 
chens Kräuterbuch 4 (1885), 7 (Starnberg in 
Oberbayern); Becker Pfalz 141 (18. Jh.); 

Fischer SchwäbWb. 5, 195 = Höhn Hoch¬ 
zeit 1, 29. 28 ) Meyer Baden 286. 29 ) Ebd. 295. 
s0 ) Düringsfeld Hochzeitsbuch 1871, 170; 

vgl. auch MschlesVk. 3, 12. 31 ) Praetorius 

Deliciae pruss. 71. 32 ) ZfVk. 14, 200. 

4. Die R. ist überhaupt ein Mittel 
gegen Hexen usw. 33 ). Vielleicht hat 
auch die Kreuzesform der Blätter und 
der (vierteüigen) Blüten und Früchte 
zu diesem Glauben beigetragen 34 ). Eine 
1617 niedergeschriebene St. Blasische 
Hs. bringt „eine schöne Kunst, daß dir 
keine Zauberei in dein Hauss kommen 
mag. So brich R.n und Benedicten- 
Kraut oder Wurtzen und sprich: 

Ich brich euch edle Kreuter schon 
Durch des himelischen vatters Krön 
Und durch den heiligen Geist 
Daß du behältst dein Krafft und Tugent 

mit gantzem fleiß, 
Daß du mir seyest ein Sicherheit 
Vor dem Teiffel und allen Zauberleuthen. 

In dem Namen Gottes usw. Darnach 
nimm die R.n und Benediktenkraut, 
wachßkertzen und saltz und bind es 
zusamen und laß es dreimal weichen, 
darnach mach drei Stück aus der Kertzen, 
die fein klein seindt, und verbors dar¬ 
nach in ein Thürschwellen da man da¬ 
rüber auß und ein geht und mach ein 
Nagel darfür aus einem Eggenzan, so 
ist man sicher vor aller Zauberei. Dar¬ 
nach bet 3 Pater noster etc." 35 ). Ähn¬ 
lich sagt ein altes Simmentaler Arznei¬ 
buch: „Dass keine häx oder gespänst 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII 


dem deinigen mag Schaden Thun. Nimb 
R.n Wienachtbrodt (Weihnachtbrot) saltz, 
Eichen Köllen (Kohlen). Borr ein Loch 
in die schwellen Ver Wicklen es in ein 
tuch Thu es in dass Loch Ver mach 
dass Loch mit einem Rächen Zahn“ 36 ). 
Den aromatischen Samen aus dem Kräuter¬ 
büschel (s. Kräuterweihe) legt man in 
die Kissen und in die Wiege der Kinder 37 ). 
Das Mittel wird bereits in den alten 
Kräuterbüchern genannt 38 ). Ein Amu¬ 
lett gegen Blitzstrahl enthielt u. a. drei 
fünflappige (s. unter 1) Früchte der R., 
die am St. Johannistag gepflückt wurden 
und in ein weißes viereckiges skapulier- 
ähnliches Tüchlein gelegt worden sind 3Ö ). 
Überhaupt sollen diese fünfzähligen R.n 
besonders zauberkräftig sein 40 ). 

33 ) Wuttke 103 § 133. 34 ) Gafarelli 

CuriosiUs inouies 1650 = Sterne Herbst¬ 
blumen 1886, 363; Tschirch-Festschrift 1926, 
259. 35 ) Mones Anz. f. Kde d. Vorz. 6 (1837), 
460 = Perger Pflanzensagen 204. 36 ) Zahler 

Simmental 43 f., vgl. Höfler Weihnacht 27 f. 

37 ) Zimmermann Volksheilkunde 1927, 49; 
Meyer Baden 38; Stoll Zauber glauben 98; 
auch in der Gegend von Lüttich: Sebillot 
Folk-Lore 3, 489 = Rolland Flore pop. 4, 9. 

38 ) Tabernaemontanus Kreuterbuch 1613, 

405; Schroeder Apotheke 1693, 1131. 39 ) 

Stoll Zauber glauben 170. 40 ) Zingerle Tirol 

1857, 68; Vonbun Sagen 38 Nr. 41; Perger 
Pflanzensagen 203. 

5. In verschiedenen Volkssagen wird 
die R. unter den Pflanzen genannt, die 
den Teufel vertreiben, vgl. Baldrian, 
Dorant, Dosten, Quendel 41 ). So rief 
der Teufel einer Frau in Riedichen (Ba¬ 
den), die er am Sonntag vormittag beim 
Jäten erwischte, die Worte zu: 

I wott, es wär nit selli Rute 
I wott dir au krute (jäten) 42 )! 

In der Oberpfalz ruft der getäuschte 
Teufel aus: 

Ehrenreutl und Myrrhenreutl 
Bringen mich um mein Bräutl 43 ); 

in Tirol lautet der Spruch 

Edelraut, edles Kraut, Weinkraut 
Du hast mir bracht um meine Braut 44 ) 

und in Oberbayem 

Denn der Rauten und Mithridat 
Hat den Teufel um seine Braut gebracht 45 ). 

In einem Hexenprozeß v. J. 158g sagt 
eine Angeklagte aus, daß sie den Buhl- 
teufel mit geweihter R. vertrieben habe 46 ). 

iS 


547 


Raziel— Rebhuhn 


548 


41 ) SAVk. 23, 174. 42 ) Meyer Baden 286. 
43 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 137; vgl. Panzer 
Beitrag 2, 59. 44 ) ZfdMyth. 2, 60. 45 ) Hart- 
mann Dachau u. Bruck 212; vgl. auch Mar- 
zell Bayer. Volksbot. 218. 46 ) Alsatia 1856/57, 
292. 

6. Um angezauberte Liebe loszuwerden, 
nehme man R., Weintrauben und The- 
riak, von jedem ein Quentchen, lasse es 
mit einer Zwiebel braten und esse dann 
alles zusammen 47 ). Andrerseits ist aber 
auch die R. ein Mittel, um auf magische 
Weise Liebe zu gewinnen (ad amorem in 
mulieribus) 48 ). Vielleicht hängt der 
Glaube damit zusammen, daß die R. 
als ein ,,Frauenkraut“ gilt. Sie befindet 
sich häufig im „Kräuterbüschel“ (s. 
Kräuterweihe) 49 ). In Willisau (Schweiz) 
sagt man, die R. sei 9 Klafter tief in die 
Erde hinein gesegnet. Als nämlich die 
Muttergottes ihre erste „Monatsrose“ 
bekam, habe sie's unter einem R.nstock 
verborgen 50 ). Die Verbindung mit dem 
weiblichen Geschlecht hat insofern eine 
empirische Grundlage, als die R. hin und 
wieder im Volke als Abortivmittel Ver¬ 
wendung findet 51 ). 

47 ) Drechsler Schlesien 1, 232; Staricius 
Heldenschatz (1679), 363; ARw. 3, 287; Lam- 
mert 152; Celia Thesaurus 254 = ZfdMyth. 
1, 32S (remedium contra philtrum propinatum). 
48 ) Latein. Beschwörung aus einer Hs. des 16./17 
Jh.s: ZfdMyth. 3, 328; ZföVk. 3, 272 (Zauber¬ 
büchlein der Iglauer Sprachinsel). 49 ) Marzeil 
Bayr. Volksbot. 53 ff. 50 ) Lütolf Sagen 377. 
51 ) Mar zell Heilpflanzen 79 f. 

7. Wie andere aromatisch riechende 
Pflanzen (s. Rosmarin, Zitrone) ist auch 
die R. eine Totenpflanze. Man 
schmückt die Gräber damit 52 ). In der 
Schweiz wurde in den 40er Jahren des 
19. Jh.s bei Leichenbegängnissen auf das 
Bahrtuch R. gelegt 53 ). Den gestorbenen 
Kindern gibt man R. mit ins Grab, damit 
sie nicht so schnell verwesen 54 ). In 
Oberösterreich gibt man den Leichen 
Kränze von R. („Weinkraut“) um den 
Hals oder legt sie ihnen auf die Brust; 
sie werden beim jüngsten Gericht zu 
lauter Goldblumen 55 ). Die R. hieß daher 
auch früher „Totenkraut“ 56 ). In Ga¬ 
lizien heißt die R. „maruna“, angeblich 
nach der slavischen Totengöttin Marana. 
Sie güt als Kraut von düsterer, trauriger 
Bedeutung 57 ). 


52 ) ZfrwVk. 5, 269; auch in Bosnien: Wiss- 
MittBosnHerc. 4,421. 53 ) Christ Bauern¬ 

garten 1916, 27. 54 ) Posen: Wuttke 104 § 133; 
vgl. ARw. 1, 108; auch in England in den Sarg 
gelegt: Fl. 16, 66. 55 ) Baumgarten Aus der 
Heimat 151. 56 ) Curtius De ruta 1715 = 

Rolland Flore pop. 4, 7. 57 ) Hoelzl Galizien 
158. 

8 . In der Sympathiemedizin findet 
üie R. hin und wieder Anwendung. Auf 
der bereits in der Antike hervorgehobenen 
Wirkung der R. als Emenagogum be¬ 
ruht das „Tiroler“ Sympathie mittel: 
„wenn eine Frau hart zu Kinde geht. 
Nimm harte Eier und R.n, eines so viel 
wie das ander, siede die R.n in Wasser 
und laß es der Frau auf das Wärmste 
eine kleine Weile auf den Nabel, so ge¬ 
biert sie das Kind ohne Schaden“ 58 ). 
Eine Besegnung gegen Gebärmutter¬ 
schmerzen heißt: „Ein alter Schnurren¬ 
kopf, ein alter Leibrock, ein Glas voll 
R.nwein, Bärmutter laß das Grimmen 
sein“ 59 ). Gegen Blattern hängt man 
den Kindern R.nwurzeln um den Hals ®°). 
R. (mit Kletten- und Teufelsabbißwurzel) 
auf den Rücken gehängt vertreibt die 
Flecken in den Augen 61 ). Die R. galt 
schon in der Antike als augenstärkend 62 ). 
Haben die Kinder Bauchweh, so darf 
man nur ein Büschel R. in die Häl (den 
Kesselhaken) hängen 63 ), s. auch unter 3. 
Tut man einem Kranken R.nsaft in die 
Nase und er niest, so wird er wieder ge¬ 
sund, im andern Fall stirbt er 64 ). 

58 ) ZfVk. 8, 171. 59 ) Fischer SchwäbWb. 

5 » 195 - 60 ) Heyl Tirol 792: Lammert 137. 

61 ) 17. Jh.: SAVk. 15,92- 62 ) Marzell Heil¬ 
pflanzen 75. 63 ) Perger Pflanzensagen 204. 

64 ) Buck Volksmedizin 39. Marzell. 

Raziel s. Nachtrag. 

Rebe s. Traube, Wein. 

Rebhuhn. Der Name ist in seinem 
ersten Teil bis heute noch nicht mit 
Sicherheit gedeutet. Vgl. altsl. jar^bz, 
jerzbi, lett. irbe (lauka-irbe Feldhuhn), 
vielleicht stimmdeutend, ebenso wie per- 
dix !). 

1. Biologisches: „Jacobus, Ambro¬ 
sius und Isidorus erzählen, das Rephuhn 
sei sehr schlecht und treulos, so daß es 
anderer Vögel Eier stehle und sie aus¬ 
brüte. Diese Schlechtigkeit bringt ihm 
aber wenig Nutzen, denn wenn die jungen 



549 


Rechbrett—rechnen 


550 


Vögel auskriechen und die Stimme ihrer 
rechten Mutter hören, verlassen sie die 
Bruthenne und folgen ihrer rechten 
Mutter. Das Gehirn des Rephuhns ist 
trockener wie das der anderen Vögel. 
Deshalb ist das Rephuhn vergeßlich und 
von kurzem Gedächtnis. Es vergißt gar 
leicht die Stelle, wo es sein Nest hat und 
verliert auf diese Weise seine Eier, die 
dann ein anderes Rephuhn an sich 
nimmt und ausbrütet. Nähert sich ein 
Mensch dem Neste, so läuft die Henne 
absichtlich dem Menschen entgegen und 
stellt sich an einem Fuße oder Flügel 
krank, so daß es scheint, als könne man 
sie ohne Weiteres fangen. Wenn die 
jungen Rephühner fürchten, man wolle 
sie fangen, so heben sie mit ihren Füßen 
Erdschollen auf und verbergen sich dar¬ 
unter. Wenn die Hähne untereinander 
um die Henne kämpfen, treten die Sieger 
die Besiegten und begatten sie, wie wenn 
sie die Henne vor sich hätten; in ihrer 
hitzigen Brunst vergessen sie den Unter¬ 
schied der Geschlechter. Wenn der 
Vogelsteller Rephühner fangen will, so 
laufen, ist erst eins im Garn, die andern 
alle hinterher; die nachfolgenden sichern 
sich nicht bei dem Fall des Vorgängers 
und werden so alle zusammen betrogen. 
Die Rephühner sind in der Brunstzeit 
so hitzig, daß sie schon von dem Geruch 
der Hähne allein befruchtet werden. 
Denn wenn zur Brunstzeit der Wind 
von den Hähnen nach den Hennen hin¬ 
weht, so werden sie befruchtet. Während 
der Brunst bringen sie ihre Zungen zu¬ 
sammen und erhitzen sich so noch mehr“ 2 ). 
Wenn man ihnen Wein in das Wasser 
mischt, schlafen sie ein und können leicht 
gefangen werden 3 ). 

*) Keller Antike Tierwelt 2, 160. l ) Me¬ 
renberg Buch der Natur 178 t.; bezüglich des 
Ausbrütens fremder Eier s. auch Grimm DWb. 
s. v. R. 3 ) SAVk. 25, 155. 

2. Volksmedizinisches. Die Ver¬ 
wendung der Galle des Vogels gegen 
Augenleiden war schon der Antike be¬ 
kannt 4 ). Wer damit seine Schläfen be¬ 
streicht, stärkt sein Gedächtnis 5 ); in 
die Ohren geträufelt, hilft sie gegen 
Schwerhörigkeit 6 ). Die Leber, pul¬ 


verisiert, wird als Heilmittel gegen Epi¬ 
lepsie 7 ), Gelbsucht und Fieber geschätzt 8 ). 
Auch das Gehirn wird schon seit dem 
Altertum als Mittel gegen Gelbsucht 
genossen 9 ). Der Genuß des Fleisches 
befördert das Zahnen der Kinder 10 ), 
R.erfüßlein gebraten, klein gestochen 
und mit Rotwein getrunken, heilen die 
„rote Wehe“ u ), Rauch von verbrannten 
Beinen hilft gegen Gebärmutterleiden 12 ). 
Der Genuß der Eier stärkt die männ¬ 
liche Kraft und verleiht den Frauen 
Fruchtbarkeit und Milch 13 ). Hängende 
Brüste werden durch Auflegen von R.- 
eiern zusammengezogen 14 ). Die Asche 
verbrannter Federn gibt man Schwan¬ 
geren ein, „wenn die Mutter nicht lieget 
im Mutterleibe“ 15 ), und Riechen an an¬ 
gebrannten Federn hilft gegen Grim¬ 
men 16 ). 

4 ) Höfler Organotherapie 219. 220; Jühling 
Tiere 227; Megenberg Buch der Natur 179. 
5 ) Höfler 220; J ühling 228; Ho vor ka-Krön* 
feld 2, 192: MschlesVk. 19 (1908), 90; SAVk. 
2, 262. 6 ) Jühling227; Höfler220. 7 ) Höfler 
185; Jühling 227. 8 ) Höfler 185. 9 ) Höfler 
129. 130; Jühling 227. 10 ) Jühling 228. n ) 
Ders. 228. 1Z ) Ders. 228. 13 ) Ders. 228. 13 ) 

Ders. 228. 14 ) Ders. 228; Grimm DWb. s. 

v. R. 15 ) Jühling 228. 16 ) Ders. 227. 

3. Wenn R.er über ein Haus oder 
eine Siedlung fliegen, bricht über kurz 
oder lang Feuer aus 17 ). 

17 ) Grohmann 74; John Westböhmen 220; 
Ders. Oberlohma 164; ZföVk. 6 (1900), 110. 

Schneeweis. 

Rechbrett. R£ Totenstarre, r£ starr x ); 
der Re die Leiche 2 ), reh werden be¬ 
deutet also: zum Tode reif sein 3 ). Der 
Ausdruck ist erhalten in Rechbrett = 
Leichenbrett (Tirol, Steiermark) 4 ); s. 
Totenbrett. 

*) Vilmar Wb. 318. 2 ) Schmeller Bay- 

Wb. 2, 1. 3 ) Heckscher 205. 4 ) J.B. Schöpf- 
Hofer Tirolisches Idiotikon 1866, 541; Unger 
u. Khull Steir. Wortsch. 495. 487; vgl. Wirth 
Anhalt. Vk. 180; Meyer Baden 597ff. 

Peuckert. 

Rechen s. Nachtrag. 

rechnen. Reiser 1 ) erzählt von einem 
Rechenkünstler, der „alles, was man nur 
haben wollte“, ausrechnen konnte. „Hatte 
man z. B. irgendwo etwas gestohlen, so 
konnte er herausrechnen, wo das Gestoh¬ 
lene sei, und zu welcher Stunde es ge- 

18* 


55i 


Recht 


553 


Recht 


554 



stöhlen sei“. Dieser vereinzelte Aber¬ 
glaube stammt aus der Zeit, da das R. 
noch für eine geheime Kunst galt. Aller¬ 
dings fügt unser Bericht auch schon in 
leichter Ironie hinzu, daß ,,er nicht er¬ 
rechnen konnte, welche Nummern in der 
Lotterie gewinnen würden“. Anschließend 
an diesen Aberglauben wird der Schwank 
von zwei Rechenkünstlern wiedergegeben, 
die gegenseitig ihren Wohnort, Namen 
und Alter ausrechneten. Dieser schon im 
Indischen bekannte Schwank 2 ) wird auch 
noch aus der Schweiz berichtet 3 ). 

*) Reiser Allgäu i, 223. 2 ) Holzmann Ind. 
Sagen 2, 62! 3 ) Lütolf Sagen 252; Nider- 

b erg er Unterwalden 1, 61. Tiemann. 


Recht. 1. Die Beziehungen zwischen 
dem R.sieben der älteren Deutschen und 
den Formen alter Sitte und alter Sage 
und umgekehrt die Spuren ursprünglichen 
Zaubers und einstiger religiöser Anschau¬ 
ung in der älteren R.sübung sind schon 
wiederholt behandelt worden, zumeist von 
Vertretern der deutschen R.sgeschichte, 
die zahlreiche größere und kleinere Einzel¬ 
untersuchungen geliefert haben, deren 
wichtigste im folgenden noch genannt 
werden; es sind im letzten Jahrzehnt auch 
einige zusammenfassende Betrachtungen 
erschienen 1 ). 


*) Grundlegend E. Frh. v. Künßberg 
R.sgeschichte u. Volkskunde, JbhistVk. 1 (1925), 
69 — 125. 314 — 327; s. a. ders. in ZfDkde 1922, 
321 ft.; im Handwb. d. R.swissenschaften 1, 3t.: 
, .Aberglaube", ,,Aberr.", 4, 647t.: ..R.liche 
Volkskunde"; in Spam er Deutsche Volks¬ 
kunde 1, 5520.; in OdZfVk. 7, 6ofT.; in Peßler 
Handbuch d. Deutschen Volkskunde', CI. Frh. 
v. Schwerin Volkskunde u. R. in Diepgen- 
v. Schwerin-Tschumi Volkskunde (1928) 5 ff.; 
W. Steller Volkskunde u. R.skunde, ZfVk. 42 

(i933h 


2. Vor einem halben Jahrtausend trieb 
das deutsche Geistesleben der verhängnis¬ 
vollen Überfremdung durch das römische 
R. zu und damit einer endgültigen Spal¬ 
tung in gelehrte R.sprechung und 
überlieferte R.ssitte, welche ein Teil 
nur gewesen ist jener Zerreißung des 
deutschen Volkes in „Gebildete“ und 
„Ungebildete“, die schon durch die latei¬ 
nisch sprechende christliche Kultur des 
Mittelalters vorbereitet worden war. Zwi¬ 


schen dem neuen toten Gelehrtenr. und 


der alten lebendigen Volkssitte wuchsen 
keine Verbindungen; als ein immer kom¬ 
plizierterer Apparat meisterte jenes den 
Gang des Lebens und erdrückte des 
Volkes Gestaltungswillen, statt ihn in 
Schwingung zu erhalten 2 ), und es ver¬ 
drängte des Volksr.s lebendige Formen 
um toter Papierrede willen aus dem 
herrschenden R. in die unbeachtete Sitte 3 ). 
Seit der Rezeption des römischen R.s ist 
also die Einheit unserer Kultur auch auf 
den Gebieten von R. und Sitte verloren 
gegangen, jene Einheit, die das ma.e 
Christentum 4 ) trotz seiner fremden For¬ 
men und Stoffe noch einmal gestaltet zu 
haben scheint. Vordem ist sie da ge¬ 
wesen als ein Zusammenklang und eine 
innere wie äußere Verwandtschaft 
von R. und Sitte 5 ), von R.sanschau- 
ung und religiösem Glauben, von 
R.sübung und Zauberbrauch. Es 
flössen nicht nur die Grenzen zwischen 
R.sprechung, Lebenssitte, Religionskult 
und Zauberritus, alle diese Formen 
menschlicher Lebensgestaltung wurzelten 
in einem gemeinsamen Boden, die gleiche 
tiefe Anschaulichkeit und Bildhaftigkeit 
beseelte Handlung und Sprache in R., 
Sitte und Religion, aber auch der gleiche 
strenge Formalismus durchdrang auf jener 
früheren Stufe das R.sleben wie später 
noch die Vorschriften bäuerlicher Sitte 
oder die Methoden abergläubischer Zau¬ 
berei 6 ). So vernichtete überall ein ein¬ 
ziges Versprechen die Wirkung des Ge¬ 
sagten. Dem römisch-deutschen R. waren 
solche innere und äußere Verbindung mit 
der Volkssitte und jede beachtliche Ein¬ 
wirkung auf diese versagt, unverbunden 
blieb es daher stets auch unvolkstümlich, 
ja, als ein fremder Ausdruck der herr¬ 
schenden kulturellen und wirtschaftlichen 
Auffassung mußte es seine Träger, die 
allein „Gebildeten“, unheilvoll den Trä¬ 
gem der älteren, heimischen Auffassung,, 
den nunmehr „Ungebildeten“, entfremden, 
deren R.swelt unterdrückt ward oder 
höchstens noch als Sitte weiterdauerte, 
s. a. § 5; Richter. 

3 ) v gl* Grimm RA. 1, Vorrede S. 18f.; 
Sartori Sitte u. Brauch 1, 6f.; Reuschel 
Volkskunde 2,65; HessBl. 1, 207f.; Hellwig 






in SAVk. 10, 22ff.; Schwerin a. a. O. 7f.; 
Freudenthal Feuer 251; ZRGgerm. 51 (193 1 )» 
561; ZfVk. 42, 123. 3 ) ZRG. 51, 204; 54, 2790.; 
s. a. Herbert Meyer R. u. Volkstum (1933); 
Freybe Leben im R. (1889) Einleitung! 4 ) Vgl. 
Anm. 29. ö ) ,,Für das in der Volkssitte wurzelnde 
R. sind das klassische Volk die Germanen", 
Usener in HessBl. 1, 206; s. a. F. L. Jahn, 
Dt. Volkstum c. 1 (Reclamausgabe S. 48); Heck¬ 
scher 178s. (das R. nur eine Sonderentwick¬ 
lung der Sitte); s. a. JbhistVk. 1, 314t. 6 ) 

JbhistVk. 1, i22f.; ZfVk. 42, 121. 


3. Wir gewinnen die Deutung eines 
weitgehenden kultisch-zauberischen 
Gehalts des alten R.slebens, ja, 

1 

geradezu des Ursprungs des R.sformalis- 
mus aus einstigem Zauberbrauch 7 ), wenn j 
wir das R. in seinen einzelnen Handlungen j 
und Worten beobachten und belauschen, j 
wie sie uns als „R.saltertümer“ ausge- \ 
zeichnete Forscher zusammengestellt ha- • 
ben, allen voran J. Grimm und K. von ; 
Amira 8 ). Eine eindringliche Sprache I 
reden die alten R.ssymbole oder Wahr- 1 
Zeichen, deren gleichgeartete Verwendung j 
in Sitte und Kult deutlich die anfängliche 
Einheit von R., Sitte und Religion er¬ 
weist 9 ). Vgl. die Artikel Axt 1, 743 *-» ! 
barfuß 1, 915, Bart 1, 929 h, bedecken 
1, 968 t., Beine kreuzen 1, 1015, berühren 
1, 1104h, Besen 1, 1132, Bier 1, 1270, 
Blut 1, 1435 10 ), durchkriechen 2, 484h., 
Einkleidung 4, 1497. 1509h. u ), Erde 2, 
898h 903. 906 12 ), Faden 2, insff. 13 ), ! 
Fahne 2, 1120h 14 ), Feuer 2, 1389h. 15 ), 
Finger 2, 1486t., Fuß 3, 229, Gebärde 3, 
331. 334 f., Glocke 3, 875 16 ), Gras-Halm 
3, 1358h., Grenzstein 3, 1137h. 17 ), Gür¬ 
tel 3, 1221 ff., Haar 3, 1260h., Hammer 
3, 1371 l8 ), Hand 3, 1380. 1389. I 397 f - 
Handschlag 3, 1401h. 4, 1138, Hand¬ 
schuh 3, 1405h., Haube 3, 1550h, Haus¬ 
marke 3, 1573 19 )> Hemd 3, 1710. 1721, 
Henkersmahl 3,1746h., Herd 3,1766h. 20 ), 
Hinterer 4, 66, Hose 4, 407, Hut 4, 527 h., 
Kerze 4,1245 21 ), Kesselhaken 4,1272!. 22 ), 
Keule 4, 1288h., Kind 4, 1314, knien 4, 
1572. 1576, Kreis 5, 462h., Kreuz 5, 561, 

Kugel 5, 754 ff-> Kuß 5 » 8 49 f » Mantel 5, 
1588h., Mehl 6, 90f., Messer 6, 190 **), 
Nacktheit 6,828 h., Ohrfeige 6,1217 t., Ohr¬ 
zupfen 6,1210, Pfahl, Pfeil, Pferd, Pflug, 
rechts, Ring, Rock, Roland, Schere,Schild, 
Schleier, Schlüssel, Schuh, Schwert 24 ), 


Seil, Sichel, Span, Speer, Spindel, Sporn, 
Stab, Staub, Stein, Strohwisch, Stuhl, 
Tisch, Türe, Verbot, Wagen, Wasser, 
Wein, Weinkauf 4, 1138h. 25 ), werfen 28 ), 
Wettlauf, Zweig. S. a. die gleiche ban¬ 
nende Aufgabe von Hegung und Um¬ 
wandlung in Kult, Magie und R.sbrauch, 
3,1628h. 5, 474h 27 ). Die engen, geradezu 
identifizierenden Beziehungen zwischen 
germ. R. und germ. Religion bzw. 
alter religiöser Weltanschauung (Toten¬ 
glauben und Ahnenkult) hat man schon 
länger erkannt 28 ). Die christliche 
Religion hat natürlich dieses uralt ge¬ 
wachsene Bündnis durch eine Durch¬ 
dringung des R.slebens mit ihrem Geist 
und ihren Formen zu zerreißen und um¬ 
zuwandeln gesucht 29 ). Heidnisch sind 
so vielleicht zu deuten die imaginäre 
Strafe des Ausdärmens für den Baum¬ 
schäler in Weistümem des 14. und 15. Jh.s 
durch die Vorstellung von der Baum¬ 
seele 30 ), die Strafe des Steintragens als 
Ausläufer eines alten Steinopfers 31 ); be¬ 
stimmt rührt die Heiligung der Hasel im 
R. aus dem alten Glauben 32 ). Man muß 
freilich Vorsicht üben in der kultischen 
Deutung alter R.ssymbole; so braucht der 
Hammer noch nicht mit Donar in Ver¬ 
bindung gebracht zu werden, er mag eher 
auf primitiven Gerätefetischismus und auf 
die Vorrangstellung des Schmiedes im 
Gemeinschaftsleben zurückgehen 33 ). Un¬ 
zweifelhaft hat der präanimistische Glau¬ 
ben an das Fortleben des Toten noch 
lange in vielen R.shandlungen Ausdruck 
gefunden wie in der Pfählung, der Witwen- 
! Verbrennung, den Totenbeigaben, der 
; Ehescheidung nach dem Tod des Gatten, 
der Verheiratung mit dem toten Bräuti¬ 
gam, der Klage mit dem Toten, dem Be¬ 
reden des toten Mannes, der Beweis- 
! führung am Grabhügel, dem Strafvollzug 
| am Toten, dem Bahrrecht, der Beurtei¬ 
lung von Leichenraub und Grabschändung 
als eines Eingriffs in die R.e des Toten 34 ), 
vgl. 6, 568 f. Weitere Beziehungen zwi¬ 
schen R. und Religion liegen in den 
Adoptionsriten (1, 194h.), in den zu r.- 
lichen Grenzbegehungen gewordenen Flur¬ 
umgängen (s. u. §5; 2, 1681), schließlich 
in dem sakralen Gehalt der alten Todes- 



555 


Recht 


556 


strafen, vgl. Hingerichteter 4, 3 7ff., Strafe. 
Zum R.szeremoniell s. a. Gericht 3, 669 ff. 
4, 32, Mutterrecht 6, 706 ff. 35 ). 

7 ) ZRG. 52, 285; vgl. H. Meyers Arbeiten, 
s. u. Anm. 9. 28. 29. 103. 8 ) Grimm RA. 

(1. Ausgabe 1828); Amira Die Handgebärden 
in den Bilderhss. des Sachsenspiegels (1905); 
ders. Stab (1909); ders. Todesstrafen (1922); 
vgl. HessBl. 27, 187 A. 87; s. a. Osenbrüggen 
Deutsche R.salteriümer aus der Schweiz (1858/59); 
ders. Studien ; Freybe Leben im R. (1889); 
Lau ff er Deutsche Altertümer (1918) 74 ff.; 

A. Mail ly Deutsche R .saltertümer in Sage u. 
Brauchtum (1930); Zingerle Tirol 2030.; 
Vernaleken Alpensagen 374*1.; Andree- 
Eysn 22off.; Cysat 75I; Birlinger Aus 
Schwaben 2, 457—530; ders. Volksth. 2, 186; 
John Westböhmen 333*5.; W. Müller Hessische 
R.salteriümer, HessHmt. 1; Fontaine Luxem¬ 
burg 129**.; Heckscher Hannover. Volksk. 
1, 2iiff.; B. E. Siebs Die Helgoländer 48f. 
58ff.; P. Bartels Deutsches R.sieben in der 
Vergangenheit mit bes. Berücksichtigung Nieder¬ 
deutschlands (1924); Freudenthal Feuer 53ff. 
158t. i69ff.; erwähnt sei die Zusammenstellung 
von R.sgebräuchen bei Nork Sitten 10650.; 
über die bäuerlichen Weistümer vgl. R. 
Schröder Lehrbuch d. dt. R.sgeschichte 6 76off. 
u. v. Künßberg Deutsche Bauernweistümev 
(1926), bes. S. 164; JbhistVk. 1, 3i6ff. 323ff.; 
0 stberg Norsk bondereis (19140.); s. o. Bienenr. 
1, 1251; Friede 3, 84 f.; Gastfreundschaft 3, 
310; Jüngstenr. 4, 857!.; Kreuzweg 5, 529; 
Meise 6, 1240. 9 ) Vgl. neben Grimm RA. 

L 153—284 (darunter 2470.: Münze) u. Amira 
a. a. O. den Überblick v. Schwerins in Hoops 
Reallex. 3, 469—477; v. Künßberg in JbhistVk. 
1, 96ff.; Mailly a. a. O. 8ff.; Freybe a. a. O. 
281 ff.; Borchling R.ssymbolik im germ. u. 
röm. R., Vorträge d. Bibi. Warburg 1923, 
227*5.; J. Herwegen Germ. R.ssymbolik in der 
röm. Liturgie ; v. Künßberg Schwurfinger¬ 
deutung u. Schwurgebärde, ZfSchweizR. 39 
(1920), 3840.; H. Meyer Das Handgemal als 
Gerichtswahrzeichen des freien Geschlechts bei den 
Germanen, Untersuchungen über Ahnengrab, 
Erbhof, Adel u. Urkunde, Forschungen z. 
Deutschen R. Bd. 1 H. 1 (1934); Vordemfelde 
Religion bes. 47fr. (Ring). 90ff. (Stab); HessBl. 
30/31, 123f. (Ring); ZRG. 31, 278. (Stab¬ 
brechen); Weinhold Frauen 2, 345; Sartori 
Glocken 130; Heckscher Hannover. Volksk. 
1, 222ff.; Becker Pfalz 279*5. 304I 334. 394; 
ZfVk. 40, 29ff. (d. blaue Stein zu Köln); 41, 
43ff. (d. Domnapf zu Speyer); OdZfVk. 5, 
88ff.; HessBl. 27, 187 (weitere Lit.); s. a. 
Sittl Gebärden i29ff.; F. Wolf Beiträge zur 
R.ssymbolik aus span. Quellen, SitzbWien 1865; 
sexueller Deutungsversuch bei Storfer Jungfr. 
Mutterschaft 29f. 62ff. (Stab). 100ff. (Szepter, 
Schwert). 157t. (Hammer). 10 ) S. a. Grimm 
RA. 1, 2650. X1 ) S. a. Ernst Mayer Die 

Einkleidung im germ. R. (1913); ZRG. 52, 283. 
l2 ) S. a. Grimm RA. 1, i54ff. 13 ) S. a. Mailly 


a. a. O. 47ff. l4 ) S. a. Anm. 28. lfi ) S. a. Grimm 
RA. 1, 268 f.; ZfvglRw. 40 (1923). 362 h. 
16 ) Zum Glockenklang (u. Schall überhaupt) 
als R.smaß, gewaltbegrenzend gleich dem 
Abwehrzauber des Läutens, vgl. Grimm RA. 

1, 106ff.; Mailly 68ff. 17 ) Zur Lit. über Grenz¬ 

altertümer vgl. Schröder R.sgeschichte Anm. 
zu S. 13; Mailly 59ff. 18 ) Zum Hammerwurf 

vgl. noch Grimm RA. 1, 78ff. 91 f.; Vordem¬ 
felde Religion 22ff.; Schröder a. a. O. 460; 
Germania 13, 402f. 416ff.; JbhistVk. 1, 126. 
129. 133**. l9 ) S. a. Meyer Handgemal passim, 
bes. S. 17ff. 50 ff. 20 ) Zum Herdfeuer in der 
R.ssymbolik (Feuerlöschung, Herdumwand¬ 
lung) vgl. Freudenthal Feuer 54ff. 21 ) Ebd. 
I58f. 169*5. 22 ) Ebd. 57*5.; Grimm RA. 1, 

271 ff. 23 ) S. a. Mailly 52 ff. 24 ) Zu Schwertleite 
u. Ritterschlag vgl. ZRG. 45 (1925), 5280.; 
zum Eheschwert ebd. 52, 276*5. (H. Meyer 
legt Gegenteiliges zu dem oben 4, 160 von 
Kummer Behaupteten dar). 25 ) Vgl. v. Kün߬ 
berg R.ssprachgeographie (1926) 34h. u. Ver¬ 
breitungskarten von Leitkauf u. Weinkauf. 

26 ) S. bes. Grimm RA. 1, 78ff.; Mailly i8ff. 

27 ) Knuchel Umwandlung bes. S. 92ff. iooff. 

1050.; Grimm RA. 1, ii9ff.; Mailly 9ff. 
47ff. 28 ) Vordemfelde Religion (1923); 

Amira Todesstrafen ; ARw. 11, i2off.; H. 
Brunner Deutsche R.sgeschichte 2 1, 39. 150. 
153. 181. i84f. 219. 245h. 261 ff. 2, I9ff.; 
H. Schreuer Altgerm. Sakralr., ZRG. 34 
(1913), 313ff.; H. Fehr Deutsche R.sgeschichte 
(1925 2 ) 13. 68. 189; Schwerin Volkskunde 
u. R. 18ff.; H. Meyer R. u. Religion bei den 
Germanen, Z. d. Akademie f. Deutsches R. 2 
( J 935 ). 8—14. 51; ders. Heerfahne u. Rolands¬ 
bild, Untersuchungen über „Zauber” u. Sinnbild 
im germ. R., Göttinger Nachrichten, phil.-hist., 
1930, 478ff.; über Fahne vgl. noch ders. in 
ZRG. 50, 3ioff.; 51, 204ff.; 52, 285; 53, 291 ff.; 
HansGeschbl. 56 (1931), 5ff.; HistorZ. 147 
( x 93 2 )> 27 78. 311 ff.; s. a. Bachofen Mutter¬ 
recht 71. 135. 140; Meyer Germ. Myth. i8ff. 
253; Golther Mythologie 545h.; Meyer 
Religgesch. 54; Reuschel Volkskunde 2, 12. 
29 ) Zum Einfluß der christl. Kirche auf die 
dt. R.sentwicklung vgl. Reuschel a. a. O. 

2, 73 (Verlobung betr.); Schröder R.sgeschichte 
386f. (Zauberei u. Meineid betr.); SAVk. 26, 
i68f. (Selbstmörder betr.); s. a. Gottesurteil 
oben 3, 994h. u. v. Schwerin Rituale für 
Gottesurteile, SitzbHeid. 1932/33 (vgl. ZRG. 
54, 3040.); S. Hardung Vorladung vor Gottes 

Gericht (1935) (s. o. 3, 974 *-; 4> 77 2 *-); AStraf- 

recht 61 (1914), 449 f- 462 h. (strengere Beurtei¬ 
lung der schwangeren Mädchen u. Kindsmörde¬ 
rinnen seit der Reformation); mit H. Meyer 
sei darauf hingewiesen, wie die ma. christl. 
Kirche dafür sorgt, daß die (weltliche) Ehe¬ 
schließung von der Hausgerichtsstätte, dem 
heidnischen Hausaltar, an die Kirchtür verlegt 
wird, wie unter der Herrschaft des Gottes¬ 
friedens der Christentempel an die Stelle der 
Dingstätte, der Kirchturm (engl, steeple) an 
die Stelle des Gerichtspfahls (stafflum regis) 


557 


Recht 


558 


u. das Glockengeläut an die Stelle des Gerüfts 
zu ihm tritt; vgl. ZRG. 52, 293; HansGeschbl. 
56, ögff.; Meyer Handgemal 79f. 98ff.: der 
heidnische Kreuzpfahl des Gerichts in das er¬ 
höhte Kreuz des Herrn umgedeutet. 113. 127. 
3C ) Schwerin Volkskunde u. R. 18; vgl. Mak- 
kensen in ZfDkde. 1924, iff. 21. 31 ) JbhistVk. 

1, iozff.; v. Schwerin a. a. O. 20. 32 ) Ebd. 19; 
Grimm RA. 2, 434; Vordemfelde Religion 
88ff. 33 ) Ebd. 22ff.; s. o. 3, 1372. 34 ) H. 

Schreuer Das R. der Toten, ZfvglRw. 33, 

333 ö- 35 i; 34 » Grimm RA. 2, 5198.; 

Hoops Reallex. 4, 339ff.; Brunner R.sge¬ 
schichte 1, 39f. io8f. 245h 250; Schwerin 
Volkskunde u. R. 20. 22; H. Scherer Die 
Klage gegen den toten Mann; R. His Der Toten¬ 
glaube in der Geschichte des germ. Strafr.s (1929); 
ZRG. 51, 548h.; Vordemfelde Religion i5iff.; 
ARw. 11, 123h.; 20, 217. 224t.; NdZfVk. 5, 
i43ff.; ZfVk. 42, 132ff.; JbhistVk. 1, 321 (un¬ 
garisch). 35 ) Vgl. noch H. Meyer Friedelehe u. 
Mutterr., ZRG. 47, I98ff. 52, 369h. 

4. Zauberbrauch in alten R.ssitten. 
Daß die älteste R.sübung über die Ein¬ 
flüsse der religiösen Weltanschauung hin¬ 
aus weitgehend Zauber und Dämonen¬ 
abwehr gewesen ist, beweisen schon die 
zauberischen Vorgänge des Bannfluches 
oder des Eides (2, 659^.; 6, H2ff.) und 
seiner Erweiterung, des Gottesurteils 
(3, 994h.) 36 ). Denn einst gehörte der 
Zauberkult zu den Ordnungen des ge¬ 
meinsamen Lebens, ja, er bildete in frühen 
Zuständen seinen wichtigsten, mit Sitte 
und R. eng verwachsenen Inhalt 37 ). 
Manche zunächst unverständliche Ge¬ 
bärde alter R.sübung hat sich daher der 
heutigen Forschung als Zauberbrauch 
enthüllt 38 ). Hier hat Goldmann einige 
gute Beispiele entwickelt aus dem R. 
der fränkischen Zeit. Wenn damals der 
Aussteller einer Urkunde das noch un¬ 
beschriebene Pergament, bisweilen mit 
Tintenfaß und Feder auf die Erde legte 
und dann wieder aufhob oder durch den 
Schreiber aufheben ließ, erkennen wir 
einen stärkenden Berührungszauber 
mit der Kraft der Erde 39 ). Berührungs¬ 
zauber begegnet ebenso in der Form des 
heidnischen Eides, bei dem der Schwö¬ 
rende den beschworenen Gegenstand (spä¬ 
ter Kreuz oder Bibel!) berühren muß, j 
wie im Handschlag 40 ). Umgekehrt setzte 
man noch im 19. Jh. einen Verbrecher 
auf einen Teppich, um die Berührung mit 
der Erde zu verhindern 41 ). Wenn der 


zahlungsunfähige Wergeidschuldner in sein 
Haus treten und aus den vier Hausecken 
Erde (Staub) in die geballte Hand zu¬ 
sammenraffen soll, welche ,,gesiebte Kru¬ 
me" (chrene cruda) er von der Schwelle 
mit der Linken rückwärts über die Schul¬ 
ter gegen seine nächsten zur Zahlung ver¬ 
pflichteten Verwandten hinauszuwerfen 
hat, deuten wir dies als einen Eid¬ 
zauberritus 42 ). Ebenso ist die Ehe¬ 
schließung nach altem R., wie H. Meyer 
dargetan hat, unter Verwendung symbo¬ 
lischer Handlungen mit Schwert und 
Ring mit Eidzauber geladen 43 ). Gegen¬ 
stände, die stark und heilig 
sind in Zauber und Brauch, 
werden ebenso gerne bei R.s- 
handlungen hinzugezogen, wie 
Goldmann ausführlich vom Kesselhaken 
gezeigt hat 44 ). Die Zauberkraft gewun¬ 
denen und geknoteten Strohs führte zu 
dessen Verwendung als Verbotszeichen 
wie als Pfandschaub 45 ). Auch die Nackt - 
heit bei R. shandlungen, bei der 
Haussuchung (zumeist wegen gestohlener 
Tiere!), beim Gottesurteil, beim Grenzeid 
ist zauberisch-kultisch bedingt 46 ). Ein 
zauberischer Gehalt der R.shandlung wird 
ferner deutlich in Verträgen und Pro¬ 
zessen mit schädlichenTieren,die 
durch die Kraft eines feierlichen Vertrages 
oder einer mit Anwendung bedeutungs¬ 
voller R.ssymbole vollzogenen Strafe ge¬ 
bannt werden sollen 47 ). Eine ganz große 
Rolle hat bis in die jüngste Zeit Zauber aller 
Art gespielt in der Selbsthilfe des Volkes 
gegen die häufigsten Störer der R.s- 
ordnung, die Diebe, bei ihrer Abwehr 
und Verfolgung, ihrer Entdeckung und 
Bestrafung, vgl. Dieb 2, 201 ff. In den 
Gottesurteilsverfahren ist manche dieser 
Zauberhandlungen zeitweise auch in das 
offizielle Gerichtsverfahren hinübergeglit¬ 
ten, vgl. 2, 207Ö.; 3,1041 f. Eine Mischung 
von R.sbrauch und Zauberbrauch (ban¬ 
nende Absteckung eines Friedkreises durch 
Wurf) begegnet im ,,Hühnerr." vieler 
Weistümer 48 ). Dieses erinnert an die 
oben genannte Umhegung (Umhaselung) 
des Gerichtsplatzes, die zum Bereich des 
magischen Kreises zu rechnen ist. 
S. a. losen 5, 1362^. 


559 

Im umgekehrten Sinne wird Zauber 
heute noch vor, d. h. gegen das Gericht 
bewußt geübt, besonders bei der Eid¬ 
leistung, die selbst als gefährlicher 
Zauber gelegentlich abgelehnt wird, so 
von schwangeren Frauen, die verhüten 
möchten, daß infolgedessen das Kind viel 
mit dem Gericht zu tun haben werde 49 ), 
s. o. 2, 659«.; 3,673h. 1714; 6, I22f. 
Wie gegen diese R.spflichten sucht man 
auch mit Friedhoferde und Totenzahn, 
Menschenfett und Hasenpfote sich von 
der Militärdienstpflicht zu drücken 50 ). 

38 ) Schräder Sprachvergleichung 2, 409; 
Ebert Reallex. 4, 25off.; 11, 5off.; vgl. bes. 
Fehr Gottesurteil u. Folter (s. o. 3, 1006); Dt. 
Literaturztg. 1927, 622 t. 37 ) Wundt Mythus u. 
Religion 3, 418. 38 ) Hier ist, gegenüber 

v. Schwerin Volkskunde u. R. 16, zu sagen, 
daß in diesen Fällen die Volkskunde der R.s- 
geschichte weiterhelfen kann, während sie in 
der Deutung vieler Volkssitten umgekehrt der 
R.sgeschichte verpflichtet ist. 39 ) E. Gold- 
mann Car tarn levare, Mitt. d. Instituts f. österr. 
Geschichtsforschung 35 (1914), iff.; vgl. 

JbhistVk. 1, 87f. 113. 40 ) Amira Die Hand¬ 
gebärden usw. 239ff. 257h; Schwerin a. a. O. 
2of.; Meyer Handgemal 86ff. 104t. 119; Grimm 
RA. 1, 96£E. 4l ) Ave-Lallemant D. dt. 

Gaunertum 2, 21. 42 ) Lex Salica tit. 58; Gold- 
mann Chrenecruda (1931); s. a. ders. Beiträge 
zur Geschichte d. fränk. R.s I (1924); Vordem¬ 
felde Religion 69ff.; ZRG. 52, 361. 43 )Ebd. 28off. 
44 ) Goldmann Andelang (1912); s. a. die ein¬ 
gehende Untersuchung der Riten bei der Ein¬ 
führung der deutschen Herzogsgeschlechter 
Kärntens in den slovenischen Stammes verband, 
ders. Einführung (1903); zu Goldmanns 
Schriften vgl. die Besprechungen ARw. n, 
i2of.; 20, 226; JbhistVk. 1, 314; HessBl. 24, 
i 79 ff. 27, 191. 45 ) Wiffa der Lex Bajuvariorum, 
Schwerin a. a. O. 19; Vordemfelde Religion 
59ff. 46 ) v. Schwerin Die Formen der Haus¬ 

suchung in idg.en R.en (1924) bes. S. 19Ü.; 
vgl. Goldmann in ZRG. 45, 457Ö. 47 ) Amira 
Tierstrafen u. Tierprozesse, Mitt. d. Instituts 
f. österr. Geschichtsforschung 12 (1891), 545 ff.; 
Vordemfelde Religion I02f.; Pappenheim 
Zur Frage der Tierstrafen, ZfSchleswHolstGesch. 
52 (1923); Wundt Mythus u. Religion 2, 169fr, 
Fehr D. R. im Bilde, Bild 7off.; ders. D. R. 
in d . Dichtung 312. 356. 464; JbhistVk. 1, 323; 
s.o. 4, 697.908; 6, 53. 48 ) v. Künßberg Hühnerr. 
u. Hühnerzauber, JbhistVk. 1, I2öfi. 49 ) Vgl. 
Hellwig in SAVk. 10, 24; ARw. 12, 46!!.; 
AKrim. 61, 112; JbhistVk. 1, 87. 50 ) Ebd. 

1, 89. 

5. R. und Sitte. In noch höherem 
Maße als früherer Zauberbrauch sich in 
altem R. erhalten hat — ein echtes 


560 

Stück Aberglauben, wirkt einstige R.s- 
übung in späterer Sitte weiter — 
oft ein vermeintliches Stück Aberglauben. 
Zu Beginn der historischen Zeit zeigt sich 
das germ. R. schon von der Sitte abge¬ 
grenzt 51 ). Die Spaltung in R. und 
Sitte ist mit der Geburt der staatlichen 
Macht erfolgt, als mit der Volkwerdung 
eine staatliche Ordnung über der Ordnung 
von Familie und Sippe bzw. Dorfgemein¬ 
schaft aufgerichtet wird. Während in 
der frühesten Ordnung Sitte (Moral) und 
R. noch zusammenfallen in eine einzige 
Begrenzung aller antisozialen Regungen, 
die das in strengen Normen von den Ahnen 
überkommene Gemeinschaftsleben stören, 
tritt mit der Staatwerdung das R., auch 
schon als ungeschriebenes Gewohnheits- 
r. 52 ), als der Ausdruck der herrschenden 
kulturellen und wirtschaftlichen Auffas¬ 
sung des Gemeinschaftslebens mit der 
zwingenden Gewalt des Gesetzes der 
Sitte gegenüber, die im Gebäude der 
neuen Ordnung zu einer grundlegenden 
Unterschicht von eigentümhcher Bedeu¬ 
tung „hinabsinkt": sie ist wohl ausge¬ 
schlossen von der herrschenden, entschei¬ 
dend bestimmenden Ordnung; doch waltet 
sie, obgleich nur mit psychischem Zwange 
ausgestattet, dem auch physisch zwingen¬ 
den R. benachbart, weiterhin in allen 
Bezirken des Gemeinschaftslebens, die 
das Gesetz ihr nicht genommen hat; und 
als eine Unterschicht (in dieser Beleuch¬ 
tung!) nimmt sie außer Geltung kom¬ 
mendes R., wenn es dem Volke vertraut 
und angemessen ist, auf, um es als Sitte 
zu erhalten; umgekehrt schöpft ein volks¬ 
nahes R., wenn es einer Erneuerung oder 
Ergänzung bedarf, aus den gegebenen 
Gestaltungen der Sitte 53 ). 

So ist vieles, was einst r.lich notwendig 
gewesen, im deutschen Volke später noch 
brauchmäßig festgehalten worden. Es sind 
die Grundlagen der Verlobungs- und 
Hochzeitsriten aus dem R.sieben ge¬ 
schöpft, soweit sie nicht unmittelbaren 
zauberischen Ursprung haben 54 ). Das 
Auf halten des Brautwagens, das Vor¬ 
spannen des Hochzeitszuges wird nicht 
nur als Abwehrzauber, sondern auch als 
alte R.shandlung gedeutet, als Uber- 


t 561 

* 

1*. 

: l . nähme der Braut in den neuen Verband; 
' r die beiden Deutungen brauchen einander 
nicht auszuschließen, da uns altdeutsche 
Quellen gerade bei den Hochzeitsriten 
deutlich den Gang vom Zauber über den 
R.sbrauch zur Sitte erkennen lassen 55 ); 
auch das an verschiedenen Orten übliche 
Stabbrechen bei der Heirat könnte auf 
einen R.sbrauch zurückgehen; durch den 

w • 

’ Handschlag verpfändet sich der Verlobte; 
das Treten des Bräutigams auf den Fuß 
der Braut bei der Eheschließung und das 
i Einsteigen der Braut in einen vom Bräuti- 
1 gam gegebenen Schuh sind Unterwerfungs- 

-i Symbole, die Übergabe des Handschuhs 
der Braut an den Bräutigam ein In¬ 
vestitursymbol 56 ). Solche R.ssitten sind 
auf allen möglichen Gebieten aufzuspüren. 
Gleich dem Ritterschlag promovierte noch 
1800 in Rügen der Pferdehirte zum 
Knecht mit einer Maulschelle, die der 
Großknecht erteilte 57 ), ein Einführungs¬ 
ritus wie das karpathendeutsche Prit¬ 
schen 58 ). Noch lange finden Gesinde¬ 
wechsel 59 ) und Hausbau (3, 1560fr), Be¬ 
sitzeinweisung 60 ) und Viehkauf (4,1138ff.) 
„mit aller Zierde des R.s" statt 61 ). 

. Auch in unser Alltagsleben ragen 
noch alte R.sformen hinein 62 ), so im 
Hutabnehmen, in den Spielregeln der 
jugendlichen Kampf spiele (altes Fehder.) 
und in den Pfänderspielen 63 ). 

Die R.shandlung des Verpfändens 
bei einem Vertragsabschluß, sei es der 
eigenen Person 64 ) durch Handschlag, 
sei es der Person oder einer Leistung 
durch Hingabe eines stellvertretenden 
Symbols als z. B. eines Handschuhs 
(s. o. 3, 1407h; 14, 1138ff.) hat über die 
zur bloßen Sitte gewordenen ursprüng¬ 
lichen R.svorgänge des Ehe Versprechens 
und der Eheschließung 65 ) hinaus häufige 
Nachahmung in Volkssitte und Volks¬ 
sage gefunden. Der Wiedergänger, der 
erlöst werden will, verlangt von dem 
dazu WÜligen zur Bekräftung des Ver¬ 
sprechens nach R. und Sitte eine Verpfän¬ 
dung durch Handschlag oder Pfand; 
man gebe ein Taschentuch oder einen 
Stock 66 ), sonst verbrennt der Tote die 
Hand oder reißt einen Finger ab 67 ). Man 
verschafft sich umgekehrt Gewalt über 


562 

Zwerge, wenn man sich eines Pfandes 
bemächtigt, am besten der Mütze 68 ). 
Das Pfand stellt also eine zwingende Be¬ 
ziehung her; deshalb muß man auf einen 
zauberisch gefundenen Schatz ein „Pfand" 
drauf werfen 69 ); man denkt an das Pfand, 
das ein Verfolgter einst in eine Freiung 
werfen konnte, um sich dadurch schon 
des Schutzr.s zu versichern TO ). Ver¬ 
dunkelt ist die r.liche Bedeutung in der 
Opfer- und Bannhandlung, da man, um 
Raubtiere von verlaufenem Vieh abzu¬ 
halten, ein Beil oder anderes Eisen durchs 
Fenster warf mit den Worten: nimm 
wahr, da hast du ein Pfand für.. . 71 ). 

Sage und Sitte des Volkes haben so 
manche R.sübung durch die Jahrhunderte 
bewahrt, die das Gelehrtenrecht längst 
beiseite geschoben hatte, so daß man 
mitunter auf ein unerwartet langes Fort¬ 
wirken alter deutschr.licher Einrichtungen 
stoßen kann 72 ),, vgl. Dieb 2, 226 §5f. 
Altes, aufgegebenes R. ist auf diese Weise 
gleich dem zum Aberglauben gewordenen 
überholten Glauben vielfach geradezu 
zum Aberr. geworden 73 ). Dies güt be¬ 
sonders von dem gemeinen Manne gün¬ 
stigen R.szuständen als freie Jagd und Fi¬ 
scherei oder Allmendgenuß bis zu immer 
wieder durchbrechenden Urgefühlen der 
Selbsthilfe, Blutrache, Lynchjustiz 74 ). 
Alte Verwandtschaftspflicht zur Eidhüfe 
lebt in der Meinung fort, daß Meineid zu¬ 
gunsten nahestehender Personen ent¬ 
schuldbar sei 75 ). Aberr. (und nicht Un¬ 
sittlichkeit, in gewisser Hinsicht sogar 
Einwirkung des kanonischen R.s) ist es, 
wenn auf dem Lande noch immer das ehe¬ 
liche Leben meist schon mit dem Abschluß 
der Verlobung beginnt 76 ). Die Gottes¬ 
urteile, zumal Bahrprobe und Hexenbad, 
überhaupt die Vorstellungen vom Gottes¬ 
gericht führen noch lange in der Volks¬ 
sitte ein inoffizielles Dasein als solches 
Aberr. Gleich diesen enthüllt sich noch 
mancher harmlosere Aberglaube als alte 
R.ssitte, so wenn die Osnabrücker Gro߬ 
mutter dem Neugeborenen ein Stück 
gebratenen Apfel in den Mund steckt, 
„damit es einen reinen Atem bekomme", 
doch einst deshalb, weil das Kind erst 
Anspruch auf Leben erhält, wenn es etwas 


Recht 


Recht 


563 


Recht 


564 


Speise zu sich genommen hat, und dann 
nicht mehr ausgesetzt werden darf 77 ). 
Bis heute greifen noch abergläubische 
Meinungen in den Ablauf des R.slebens, 
so die Tagewählerei beim Abschluß von 
wichtigen Verträgen 78 ), Abwehr- und 
Glückszauber bei Dienstbotenwechsel, 
Viehkauf und Besitzantritt. 

In der Schweiz wurden sonst längst 
geschwundene R.sbräuche, in erster Reihe 
solche, die zur Erhaltung des Friedens in 
der Gemeinde dienten, als gültige R.ssitten 
bis ins 19. Jh. bewahrt 79 ). Es entspricht 
der Farbigkeit des alten R.s, daß gewich¬ 
tigen R.shandlungen als wie Kaiserkrö¬ 
nungen, Grenzumgängen, Hinrichtungen 
Festsitten des Volkes in freudigem Aus- | 
maß folgten m ). Zuweilen haben sich ehe¬ 
malige R.sübungen nur noch als sinnlos 
gewordene Volksbelustigungen be¬ 
hauptet, z. B. die Übersendung (und Ver¬ 
steigerung) des Lambrechter Geißbocks 
nach Deidesheim am Pfingstdienstag, 
einer ursprünglichen jährlichen Abgabe 
für ein Weider. 81 ). Dies ist nicht die 
einzige alte Servitut, welche als Festsitte 
oder Spiel weitergedauert hat 82 ). Es 
kommt aber auch vor, daß zu Unrecht 
einem Festbrauch vom Volk ein r.licher 
Ursprung unterschoben wird, so 1587 in 
Ingelheim, da das Radbrennen als Trutz¬ 
handlung gegen frühere r.liche Übergriffe 
eines Mainzer Bischofs angesehen wird 83 ), 
ein Aberr.sglaube, der zur R.ssage hin- 
übemeigt. Das Kinderspiel hat sich 
als eine reiche Quelle alter und neuer R.s¬ 
bräuche erwiesen 84 ). Die pfälzischen 
Sommertagsbräuche enthalten vielleicht 
auch ein Stück alter R.ssymbolik 85 ). 

Alles Gemeinschaftsleben in natür¬ 
lichen und Zweckgemeinschaften, in 
Alters-, Geschlechts- und Standesgemein¬ 
schaften 86 ) wie in den Nachbai schäften 
(6, 753ff.) verläuft in geordneten 
Bahnen, Ordnungen und Einrichtungen, 
die naturgemäß sowohl die Formen alter 
R.sübung bewahren als auch stets neue, 
R.ssitten innerlich und äußerlich ver¬ 
wandte Formen hervorbringen müssen 
und R. zu schaffen vermögen 87 ). S. a. 
Sitte und Brauch 88 ). Die Nachbar¬ 
hilfe der bäuerlichen Sitte bei Arbeit 


und Fest, in Not und Lust ist vom R.s- 
brauch zur bloßen Sitte geworden 89 ). 
Das Gildebier einer westfälischen Bauern¬ 
schaft hat sich als Gilbertfeier erhalten ®°). 
Wie in den Nachbarschaftsverbänden 
lebt in den Burschenschaften ma.es 
Einungswesen mit autonomen Satzun¬ 
gen, Organen und Gerichtsbarkeit 91 ). 
Die Ordnungen der Sitte heißen R.: die 
Pfingstreiter holen ihr Pfingst-R. 92 ), man 
spricht von Kußr.en (5, 862). R.sähnliche 
Sitte ist die sittenrichterliche Tätigkeit 
der Knabenschaften bzw. der Narren¬ 
gesellschaften. Diese und andere Volks- 
justiz nimmt oft geradezu Prozeßform 
an mit Ankläger, Verteidiger und Rich¬ 
tern, mit Urteil und Vollstreckung in 
effigie 93 ). Vgl. Amecht 94 ) 1, 361. 6, 168, 
Gericht 3, 670t., Haberfeldtreiben 3,1291, 
Katzenmusik 4, 1126. 5, 1822b, Mai¬ 
baumsetzen 5, 1517 b, Narrengericht 

6, 968 t. Solchen Parodien von Gerichts¬ 
oder Ratsverhandlungen, die wie das Ge¬ 
richt der Eizacher Schuddig altdeutsches 
R. durch das Verfahren im Ring wider¬ 
spiegeln 95 ) und das Rüger, der bäuer¬ 
lichen Weistümer ausüben, stehen jüngere 
Parodien von R.svorgängen als politische 
Kampfmittel zur Seite 96 ). R.sformen 
ahmen schließlich auch die Mädchen¬ 
versteigerungen des Mailehenbrauches 97 ) 
nach und die Hinrichtungsspiele im Früh¬ 
ling 98 ). 

Auf der Grenze zwischen R.sübung 
und Sitte stehen heute noch die Funktion 
des Handschlags beim Vertragsabschluß, 
bei Kauf und Verkauf, Verlobung und 
Hochzeit; des gemeinsamen Trunks nach 
Abschluß eines Geschäfts, des Wein¬ 
oder Leitkaufs; des aus dem Lehenr. 
entwickelten Brauchs, ein Angeld (Gottes¬ 
heller) zu geben 99 ); oder die uralte 
Sitte der feierlichen Grenzbegehung, 
die auch in protestantischer Gegend, 
z. B. in Arnstadt, wo sie den angenom¬ 
menen Charakter als St. Markusprozession 
(5, 1704) wieder verloren hat, noch lange 
als reiner R.sakt fort lebt, durch welchen 
die Bürgerschaft die Grenzen ihres Weich¬ 
bildes gegen die Bauern zu sichern sucht 
und der endlich auf einen beliebigen Tag 
der Herbstzeit verlegt wird 10 °). Zur 


565 


Recht 


566 


Übereinstimmung von altem R. und 
Sitte bzw. Volksglauben s. a. Jahresfrist 
4, 607 b, Scheinhandlung. Befreiung 
eines zum Tod Verurteilten durch Heirat 
vgl. Verurteilter. 

61 ) Hoops Reallex. 3, 467t. 52 ) Schräder 

Reallex . 2 2, 221 ff . 53 ) 1. Mai, vgl. Sartori 
Sitte 1, 2. 6f. 64 ) Fruchtbarkeitszauber u. 

Abwehrzauber, vgl. oben 4, 170!!.; HessBl. 27, 
155; Naumann Grundzüge 80ff.; Fehrle Volks¬ 
feste 92 f.; Becker Pfalz 2300.; Hanika 
Die falsche Braut , Heimatbildung Reichenberg 
1926. 6S ) ZRG. 52, 276!!. 56 ) Hoops Reallex . 
3, 4700.; vgl. Bächtold Hochzeit; K. Frölich 
Die Eheschließung des dt. Frühmittelalters im 
Eichte der neueren rechtsgeschichtl. Forschung, 
HessBl. 27, 144—194. 2850., bes. S. 154. 1900.; 
Sartori Sitte 1, 52ff.; Reuschel Volkskunde 
2, 73 ff.; Schwerin Volkskunde u. R. 23; 
Andree Braunschweig 303 f.; JbhistVk. 1, 123; 
ZfVk. 35/36, 162; s. u. Anm. 103. 57 ) Lauffer 
Niederdeutschland (1934) 2 4 2 - 58 ) Dt. Volks¬ 

kunde im außerdt. Osten (1930), 13 f. 113. 

Reuschel a. a. O. 2, 7off. 60 ) NdZfVk. 
13, ii9ff. 61 ) v. Künßberg bei Spamer Dt. 
Volkskunde 1, 555; vgl. Mackensen ebd. 

1, 109. 113. 122ff. („Sitte u. Brauch“); ders. 

in NdZfVk. 3, 52ff.; Schwerin a. a. O. 22L 
62 ) JbhistVk. 1, 123; MsäVk. 6, 232 h. 63 ) ZRG. 
13 (1878), 220; v. Künßberg R.shrauch u. 
Kinderspiel 48L 53b; Heckscher i6if. 411; 
Erk-Böhme 3, 865; Lauffer Niederdeutsche 
Volksk. 100. 64 ) Im MA. verpfändete man von 
Haupt, Fuß, Hand, Treue, Ehre bis zur Seele, 
Kondziella Volksepos 76b; Grimm RA. 2, 
169L €5 ) Bächtold Hochzeit 1, 1230.; über 

Ehepfänder vgl. Hoffmann-Krayer 31 (16. u. 
17. Jh.: Bänder, Tücher, Messer, ein Stück Brot, 
Geldmünzen); s. o. 3, 613. 66 ) Strackerjan 

1* 2400. 67 ) Schell Bergische Sagen 53; Mak- 
kensen Nds. Sagen 5. ® 8 ) Heckscher 74b 

69 ) Lütolf Sagen 507. 70 ) Künßberg Kinder¬ 
spiels' 7. 71 )Montanus Volksfeste 11g. 72 )Lauf¬ 
fer Nieder deutschland 162 b 73 ) JbhistVk. 1, 
ii5ff. 123; die Bezeichnung prägte v. Kün߬ 
berg, vgl. Grimms etwas anders gemeinten 
,,R.sglauben“, Grimm RA. 2, 342. 74 ) Vgl. 

das R.sgefühl der aisl. Sagas, A. Heusler Das 
Strafr. der Isländersagas (1911), u. die helgo- 
länd. Auffassung des Strandr.s, Siebs Helgo¬ 
länder 11. 48h 90. 75 ) Schwerin a. a. O. 23. 

76 ) Sartori Sitte 1, 58; SAVk. 27, 171; Siebs 
a. a. O. 65ff.; JbhistVk. 1, 119: hier weitere 
Beispiele „aberr.licher“ Laienmeinung. 77 ) Sar¬ 
tori Westfalen 77. 78 ) JbhistVk. 1,86. 79 ) Hoff¬ 
mann-Krayer 65L; Reuschel Volkskunde 

2, 67; vgl. Lehmann Sudetendeutsche 187. 

80 ) JbhistVk. 1, 75f. 103. 81 ) Becker Pfalz 

322f. 82 ) Parallelen: JbhistVk. 1, 75. 83 ) Ebd. 
1, 70; vgl. die Wandlungen des Hildesheimer 
Maigrafenritts, ebd. 74f. 84 ) v. Künßberg 
R.sbrauch u. Kinderspiel, SitzbHeid. 1920; 
JbhistVk. 1, 77; Heckscher i6iff. 411. 435; 


Dt. Forschung H. 6 (1928), 37b; J. Meier 
Alter R.sbrauch im brem. Kinderspiel, Festschr. 
z. 400jahrfeier d. A.Gymn. Bremen (1928), 
229ff.; E. Angstmann D. Henker i. d. Volks¬ 
meinung (1928) 103b; Adrian Von Salzburger 
Sitt’ u. Brauch (1924), 243; ZföVk. 33, 12; 
SchwVk. 13, 11; ZfVk. 40, 40; OdZfVk. 5, 90b; 
BlpommVk. 2, 47; 3, 123b; 4, 144. 83 ) Becker 
Pfalz 304b 321b 86 ) Vgl. oben Knabenschaften 
4 » 1564; 5, 1004; Handwerker 3, 14190.; R. 
Wissel 1 Des alten Handwerks R. u. Gewohnheit 
(1929); vgl. ZRG. 49, 6730. 50, 522ff. 87 ) Vgl. 
Graf-Dietherr Dt. R.ssprichwörter ioff. 88 ) Vgl. 
Usener in HessBl. 1, 207Ü.; Reuschel a. a. O. 
2, 72b; Schwerin a. a. O. 22b; G. Koch 
Maß u. Ordnung, ein Beitrag zur Ethik des 
Bauerntums, HessBl. 26, 1040. 89 ) Reuschel 
2, 67 ff. (Literatur). 90 ) Sartori Westfalen 
128b 91 ) Sartori Sitte 2, 188; Meyer Baden 
491; Wrede Rhein. Volkskunde 220; Schul- 
lerus Siebenbürgen 1460.; Schwerin a. a. O. 
23. 92 ) Lyncker Sagen 249; Becker Pfalz 

321 f.; Sartori Sitte 2, 26. 114. 93 ) Ebd. 2, 

114. 116. 173b 179b 189; 3, 48. 108. ii9fb 161. 
212 ff. 232. 242 (Volksjustiz zu verschiedenen 
Festzeiten); Reuschel Volkskunde 2, 78 f.; 
Naumann Grundzüge 6of.; Schröder R.$- 
geschichte 628b 661. 832. 836 A. 23; Mailly 
a.a. O. 163b 167; R. Beitl Dt. Volkskunde 
(i 933 ) I 49 Ü-; Mackensen bei Spamer 1, 144; 
Adrian Volkstüml. Rügegerichte im Salzburgi¬ 
schen, MAG. 56 (1926); Birlinger Aus Schwa¬ 
ben 2, 1; Hoffmann-Krayer 59. 132h.; 
SAVk. 8, 81 ff. i6iff.; SchwVk. 11, 38; Mein 
Elsaßland 1, 421 f.; Becker Pfalz 282. 285; 
Fox Saarland 369!.; Wrede a. a. O. 223b 263; 
ZfrwVk. 24, 52 f. 94 ) S. a. HessBl. 1, 2290. 
95 ) Hmtl. 13, 20. 96 ) JbhistVk. 1, 76. 97 ) Sartori 
Sitte 3, n8f.; Becker Frauenr.liehes (1913), 
bes. S. 9ff.; ders. Pfalz 223. 314. 98 ) Sartori 
Sitte 3, 203; Angstmann a. a. O. 103!.; s. o. 
4, 57 *- 99 ) S. o. 4, 11380. 10 °) E. Einert Aus 
den Papieren eines Rathauses (1892) S. 5; 
Knuchel Umwandlung 102b 1070.; Reuschel 
Volkskunde 2, 65b; Sartori Sitte 2, 184b; 
Künßberg Kinderspiel 14fr; ZfDkde. 1922, 
332; Wrede a. a. O. 221; ZfrwVk. 14, 127L; 
Fehr Der Liestaler Grenzumgang, OdZfVk. 2, 
90 ff. 

6 . Die Einwirkung der alten R.s- 
gedanken und R.sgebräuche auf andere 
Seiten mehr des geistigen Lebens ist 
hier nur zu erwähnen, für weiteres sei 
auf die entsprechenden Einzelarbeiten 
verwiesen. Das Fortleben früherer R.s- 
vorstellungen und R.ssitten in den zahl¬ 
reichen R.ssagen 101 ) gehört zusammen 
mit der Abbildung des R.slebens im 
Märchen 102 ), in der Dichtung über- 
! haupt 103 ) wie in der bildenden Kunst 104 ). 

Die R.ssagen unterscheidet v. Künß- 


1 


567 


Recht 


568 


berg 105 ) in drei Gruppen: 1. Ursprungs¬ 
sagen, die von der Entstehung eines 
R.s 106 ), Erteilung eines Privilegs, einer 
Freiheit, von sagenhaften Gesetzgebern 
u. dgl. erzählen; 2. R.sschutzsagen, 
sie berichten warnend von Verbrechen 
und Strafe 107 ); 3. Sagen von R.sdenk- 
mälern 108 ) und Wahrzeichen (Wappen- 
und Namensagen), R.sorten und R.s- 
personen i09 ). Nicht Aberglauben darf 
solche Überlieferung genannt werden, 
sondern mit Heusler ,,das historische 
Wissen des Volkes, die Verklärung seines 
Glaubens an sein R." uo ). Diese Be¬ 
urteilung schließt nicht aus, daß jene 
sagenhafte Deutung des Volkes sehr oft 
in die Irre geht und so zum aberr.lichen ; 
Glauben wird, zu sagenhaftem R., das 
niemals gegolten hat, sondern getrübter, 
falscher Erinnerung oder gar reiner Phan¬ 
tasie entsprungen ist. Das gilt besonders 
von den r.sgeschichtlichen Greuel¬ 
märchen von furchtbaren Strafen des 
MA.s wie das Ausdärmen und die Eiserne 
Jungfrau, von Femgericht und Leib- j 
eigenschaft (ius primae noctis!), oder 
von mißverstandenem Humor im R. 111 ). 
So verkünden auch die R.ssprich¬ 
wörter, eine ergiebige Quelle volks¬ 
tümlicher R.sweisheit, zuweilen paro¬ 
dierendes Pseudor., wie z. B. „Einen 
Kuß in Ehren kann niemand wehren“ 112 ). 
Die R.ssprichwörter sind jedoch im großen 
Ganzen ein ernstes Zeugnis eines alt¬ 
begründeten R.sgefühls, gipfelnd in dem 
unerbittlichen, zornigen Begehren: R. 
muß doch R. bleiben 113 ); unbelehrbare 
bäuerliche Prozeßsucht ist die Kehrseite 
dieses R.sgefühls, wenn starre Eigen¬ 
sucht es verdunkelt. Davon hebt sich 
wieder ab auch ein Gerechtigkeits¬ 
gefühl des Volkes, das sich neben dem 
Sprichwort am stärksten in der Sage i 
kundgibt, und im Märchen, mit mehr j 
oder weniger offen moralisierender Ten- i 
denz, doch nicht ohne präethische, magi¬ 
sche Störungen 114 ); vgl. die Ansichten 
des Volksglaubens über Strafe und Ver¬ 
brechen (s. d). Von jenen Störungen ; 
einer primitiven Denkart abgesehen, ver¬ 
langen sie unbedingt, daß Unr. im Leben 
durch Unrast im Grabe gesühnt werde 115 ). 


S S. a. Selbstmörder, unehrlich, untreu. 
Verurteilter. 

1 

r 

101 ) Böckel Volkssage 108; R.ssagen ent¬ 
halten zerstreut die meisten Sagensammlungen; 
Ranke Sagen hebt diese Gattung nicht hervor; 
gute Beispiele geben: Fehr R. u. Aberglauben 
im St. Galler Land (St. Galler Tagblatt 1919), 
eine Analyse der R.ssagen in Kuoni St. Galler 
Sagen; ders. D. R. in d. Dichtung 451 ff. (bes. 
Analyse von Grimms Sagen u. Märchen); 
Lütolf Sagen 3870.; Müller Urner Sagen 1, 
61 ff.; Mackensen Nds. Sagen 209ff.; ders. 
Hanseat. Sagen 96ff.; Mailly Dt. R.saltertümer 
in Sage u. Brauchtum passim; s. a. Müllen - 
hoff Sagen Einleitung S. 51; Heckscher 
Hannover. Volksk. 1, 322 f.; Roch holz Sagen 
2, 875.; Walliser Sagen i, 172. 233. 263; 2, 110 
(vgl. Fehr a. a. O. 4580.); E. Hoyer Rübezahl 

u. R.s ge schichte, SudetendtZfVk. 2, 1235. 

102 ) K. Friedrichs Das R. in den Kinder- u. 
Hausmärchen, MschlesVk. 22 (1920), i6ff.; 

v. Künßberg in ZfDkde. 1922, 3240.; AKrim. 

38, 340ff.; HessBl. 27, 189. 103 ) A. Hellwig 

in Zfvgl.Rw. 17, 166ff.; 18, 4290.; Fehr Das 
R. in der Dichtung (1931); ders. Das R. im 
Iwein in Festschrift f. E. Mayer (1932); 
JbhistVk. 1, 83f.; G. Müller R. u. Staat in 
unserer Dichtung (1924); Strothmann Die 
Gerichtsverhandlung als literar. Motiv (1930); 
O. Zallinger Die Eheschließung im Nibelungen¬ 
lied u. in der Gudrun, SitzbWien 1923; ders. 
Die Ringgaben bei der Heirat u. das Zusammen¬ 
geben im ma. dt. R., SitzbWien 1931; vgl. 

H. Meyer Die Eheschließung im Ruodlieb u. 
das Eheschwert, ZRG. 52, 2760. (s. a. ders. 
Friedelehe u. Mutterr., ZRG. 47, 1980.); ZRG. 
52, 368ff.; HessBl. 27, 1870.; Volkslied: 
ZfDkde. 1922, 323!.; Fehr Das R. im dt. 
Volksliede, Volk u. Rasse Nov. 1926; ders. 
D. R. i. d. Dichtung 4320.; zur Poesie im R. 
vgl. J. Grimm Von der Poesie im R. (1815); 
RA. 1, 45ff.; Golther Mythologie 6240.; 
Meyer Poesie im alten thurgauisehen R. (1890); 
JbhistVk. 1, 123. 104 ) Fehr Das R. im Bilde 
(1923); Amiras Ausgaben ma. Bilderhss. vgl. 
ZRG. 47, 6850.; 48, 657; s. a. ZRG. 44, 3295. 
47 » 8 54 : ZflübGesch. 1919, 135ff.; Schand- 
gemälde: JbhistVk. 1, ioöff. 314h.; ZfGORh. 
NF. 44, 601 f.; ZRG. 51, 5140. 105 ) JbhistVk. 

I, 70; ZfDkde. 1922, 326ff. loe ) Besonders 
ausgebildet bei den Friesen, ZfVk. 42, 119t. 
i*7) Ygi di e Meineidsagen oben 2, 669f.; 6, 
ii2ff.; vgl. noch Kohlrusch Sagen 82. 213L 
2i8f. 276t. 375. 412L; SAVk. 15, 17; R.sstreit- 
sagen z. B. Heyl Tirol 211; Herzog Schweizer- 
Sagen 2, 235s.; SAVk. 2, 4b; Künzig Schwarz¬ 
wald 293f. 297; Bechstein Thüringen 2, 259t.; 
Mailly a. a. O. 77ff.; Hinrichtungssagen vgl. 
Angstmann a. a. O. 1040. 108 ) Z. B. Klapper 
Schlesien 48ff.; Künzig a. a. O. 282. 366 
(Freiburger „Meineidsäulen“ = einfache Stadt¬ 
bannkreuze); Mailly a. a. O. 2150. 109 ) Z. B. 
von Freistätten: Mackensen Nds. Sagen 
210 f.; Leng gen hager Sagen 94; Unterschie- 


569 


Recht 


570 


* 


bung von Mordnacht sagen (6, 574) anstelle { 
alter R.sbräuche, Tobler Kl. Sehr. 98f. | 
uo ) A. Heusler Schweiz. Verfassungsgeschichte 
(1920) 77ff. 1U ) JbhistVk. 1, 70L 117. I2iff. 

315; OdtZfVk. 7, 61 f.; HessBl. 27, 171; ZfdA. 
46, 158L; Grimm RA. 1, 531. 2, 39L 76. 342; 
Liebrecht Zur Volksk. 426; Schambach u. 
Müller 333L 547; Heckscher 149L; Kuhn 
Westfalen Nr. 115; O. Gierke Der Humor im 
dt. R. 112 ) JbhistVk. i, 72f. 1230. (Literatur, 
das Hauptwerk:) E. Graf u. M. Dietherr 
Deutsche R.ssprichwörter (1864. 1869 2 ); s. a. 
ZRG. 5 (1866), 280.; Grimm RA. 1, 45ff.; 
E. Osenbrüggen Die dt. R.ssprichwörter 
(1876); Freybe Leben im Recht 201 ff.; K. 
Rother Die schles. Sprichwörter u. Redens¬ 
arten (1928) 272ff.; Amira Grundriß 15; 
Brunner R.sgeschichte 1, 9. 153; Hwb. d. 
R.swiss. 4, 648; ZfVk. 6, 2iif. 42, i2if.; DG. 
12, 252h; HessBl. 27, 189; L. Günther Dt. 
R.saltertümer in unserer heutigen dt. Sprache 
(1903); L. Winkler (Heutiges) Dt. R. im 
Spiegel dt. Sprichwörter (1927); v. Künßberg 
Rechtsverse, Neue Heidelberger Jbb. 1933, 
89—167; ders. Flurnamen u. R.sgeschichte, 
ZRG. 51,93ff.; ZfDkde. 1922, 330L; JbhistVk. 

1, 72. 314; Schwerin a. a. O. 24; hingewiesen 
sei hier auch auf das entstehende Deutsche 
R.swörterbuch, vgl. ZRG. 54, 2690. 

us ) Heckscher 217; ZfVk. 9, 48; SAVk. 25, 
229; Urquell 1, 122L (eine bosn. Parallele); 
Dieterich Nekyia 20$i.\ vgl. die volkstümliche 
R.sanschauung, ausgedrückt in den allgemeinen 
R.ssprichWörtern, Grafu. Dietherr iff. 2850.; 
Freybe a. a. O. 114 ) Vgl. NdZfVk. 5, 231 f. 
6, 109f. 115 ) E. Goez Der Schuldbegriff in der 
dt. Volkssage der Gegenwart, NdZfVk. 6, 1290. 
222ff.; 7, 3ff. bes. 1520. 244h. 

7. Die Äußerungen des R.slebens 
als allgemeine R.ssatzungen wie als ein¬ 
zelne R.sentscheidungen, als Urteile und 
als Verbote, sind nicht nur daraufhin zu 
betrachten, wieweit sie den gleichen 
Gesetzen folgen wie die Gebiete der 
Volkskunde — Aberglauben, Sitte, Sage — 
sondern auch wieweit sie als Quellen 
volkskundlicher Erkenntnis aus¬ 
genutzt werden können. Und da bieten 
sie reichen Stoff. 

a) Sie enthüllen uns abergläubische 
Gesetzgeber und Behörden früherer 
Zeiten, die den Zauber in den Dienst des 
R.slebens stellen 116 ), am bekanntesten 
bei Eid und Gottesurteilsverfahren 
und im Tierprozeß. Abergläubische 
Furcht ließ die Kindsmörderinnen pfählen, 
schuf die aus Teufelsangst geborene 
Folter 117 ), umnachtete am grauen¬ 
haftesten und folgenschwersten die Ge¬ 


richte des Abendlandes für einige Jahr¬ 
hunderte in den Hexenprozessen 118 ). 
Von 1631 bis 1678 galt in Lugano eine 
Verordnung, Hexen nur im Winter zu 
verfolgen, damit sie nicht die Früchte 
schädigten 119 ). Noch im 18. Jh. fehlen 
nicht mancherlei abergläubische Verord¬ 
nungen von Amtspersonen wie der 1742 
zur Bekämpfung von Feuersbrünsten vom 
Herzog von Sachsen-Weimar bestimmte 
Gebrauch von Holztellem mit der Sator- 
formel 12 °) oder das Verbot, 1654 in 
Sulzbach, 1723 und 1748 in Trier und 
in Fulda, bei Sonnen- oder Mondfinsternis 
Vieh aus dem Stall zu lassen, bevor die 
giftigen Nebel sich verzogen hätten, vor 
denen man auch die Brunnen bedecken 
ließ, ein Stück naturwissenschaftlichen 
Aberglaubens 121 ). Noch harmloser wirkt 
jener Ansbacher Schultheiß, der 1758 
dem Förster von Solnhofen amtlich be¬ 
stätigt, daß er Osterhaseneier abgeliefert 
hat 122 ). 

b) Diese Rechtsquellen zeigen uns noch 
häufiger und bis in die Gegenwart aber¬ 
gläubische Verbrecher und Ver¬ 
brechen aus abergläubischen Beweg¬ 
gründen, das heißt kriminellen Aber¬ 
glauben im eigentlichen Sinne. Darüber 
vgl. Dieb 2, 201 ff. 229ff. Verbrecher. 

c) Endlich finden wir Gesetzgeber und 
Behörden schon seit ältesten geschicht¬ 
lichen Zeiten 123 ) im Kampf gegen 
den Aberg 1 auben höheren und niederen 
Grades. Zahlreiche Verbote einzelner 
Bräuche und Ansichten von weltlicher 
(wie von kirchlicher) Seite sind uns 
kostbarste Quellen der volkskundlichen 
Forschung geworden. Am lebhaftesten 
ging das R. in der Zeit der Karolinger 
vor, um die Trümmer des Heidentums 
zu bekämpfen, und dann wieder in der 
Zeit der Aufklärung, um den Aber¬ 
glauben auszurotten, der während der 
Verwirrung und Verrohung des 16. Jh.s 
aufgeschossen war 124 ), vielfach freilich 
in nüchternstem Nützlichkeitsglauben ver¬ 
ständnislos auch den schönen Festbrauch 
unterdrückend wie Maiensetzen und Jo¬ 
hannisfeuer 125 ). Entartungen und Aus¬ 
schreitungen haben bis zur Gegenwart 
zu Verboten und Einschränkungen von 






57i 


rechts—reden 


572 


Festsitten (vor allem an Fastnacht) 
geführt 126 ). Eine traurige, aber reiche 
Quelle abergläubischer Erkenntnis fließt 
in den Hexenprozeßakten 127 ), vgl. die 
Quellen des Aberglaubens oben 1, 79 ff. 
Neben dem kriminellen findet auch anderer 
Aberglaube gelegentlich Niederschlag in 
Gerichtsakten, vom Gesundbeten und 
Tischrücken 128 ) bis zum Lourdes- | 

wunder 129 ). 

Den behördlichen Verboten von Fest- ' 


*922, 334. 132 ) Solcher amtlichen Festgestaltung 
und Stilbildung des Volkes durch ein eigenes 
Propagandaministerium gehen seit dem 19. Jh. 
die Bemühungen um Nationalfeiertage in 
allen Kulturstaaten voraus, die zum Teil den 
langsamen Weg von der Sitte zum R. gehen 
müssen, wie 6. VI. in Schweden und 1. VIII. in 
der Schweiz. Müller-Bergström. 

rechts s. Nachtrag. 

reden (und ohne Bedeutungsunter¬ 
schied sprechen). 

Der Aberglaube bezieht sich 


sitten stehen seit dem 19. Jh. auch 
Anregungen von Volksfesten gegen¬ 
über, wie des Münchener Oktoberfestes 
oder des preußischen Totensonntages 130 ); 
und neben Tanzverboten hat es in alter 
und neuer Zeit gelegentlich nicht auch 
an Tanzgeboten gefehlt 131 ), eine Art 
der amtlichen Formung des Volkslebens, 
die das Dritte Reich in Deutschland, 
zum Teil nach italienischem Vorbild, 
in eindringlicher Weise auf den ver¬ 
schiedensten Gebieten der Lebensgestal¬ 
tung ins Werk gesetzt hat von den Gru߬ 
sitten bis zur Frühlingsfeier des „Tages 
der Arbeit“ und zum Erntedankfest der 
Bauern 132 ). 

116 ) JbhistVk. 1, 85BE. H 7 ) Fehr in ZRG. 
53 , 3*7 U8 ) ZfVk. 42, 126L; vgl. neben 

Soldan-Heppe S. Riezler Geschichte der 
Hexenprozesse in Bayern (1896), bes. S. 29 
(Volksjustiz 1090). 131 ff. 152ff. 164^. 272ff. 
u. die Arbeiten Byloffs (s. u. A. 127); s. u. 
Richter. u») ZfschweizR. N. F. 22, 86 = 
Schwerin a. a. O. 8; Angst vor Liebeszauber 
s. o. 5, 1285. 120) JbhistVk. 1, 86 = ZfVk. 42, 

125 f. 12 i) Ebd.; F ox Saarland 308. 122 ) JbhistVk. 

1, 86. 1 23 ) Vgl. die Bekämpfung von zauberi¬ 

schem Felddiebstahl u. Schadenzauber im röm. 
Zwölftafelgesetz, F. Beckmann Zauberei u. R. 
in Roms Frühzeit (Diss. 1923); entsprechend 
die germ. Volksrechte, Vordemfelde Religion 
124g. 12«) JbhistVk. 1, 93 ff.; Schwerin 

a. a. O. iof.; ZfVk. 42, 124t. 125 ) Reuschel 

Volkskunde 1, 22; Sartori Sitte 1, 6f.; 17. u. 
18. Jh. sind in allen dt. Territorien reich an 
allgemeinen Polizeiordnungen wie Einzel manda- 
ten, die sich neben der Aberglaubensbekämpfung 
aus merkantilistischer Einsicht vor allem gegen 
Kleideraufwand und Festmahlzeiten, aber auch 
alle anderen Festsitten und Festgeschenke rieh- j 
ten, die Unkosten verursachen. 126 ) JbhistVk. 

1, 73 f* 127 ) S. o. Hexe 3, 1832f. 18530.; Milch¬ 
hexe 6, 295ff. 312ff.; vgl. die Quellenarbeiten 
Byloffs, verzeichnet in Byloff Hexenglaube 
(* 934 ) S. 169. i 28 ) AKrim. 61, 156s. 69, 245. 
4 off. i 29 ) AKrim. 61, 99f. 1 30 ) Spamer FoW. 

158; vgl. F. L. J ahn a.a. O. c. 7, 3. 131 )ZfDkde. I 


A) auf das rein Physiologische des Sprech- 

i Vermögens, 

B) auf die Bedeutsamkeit des R.s (im 

; landläufigen Sinne), 

I C) auf die Störung von Handlungen 
durch das R. 

D) R. ist Zukunft kündend. 

A) Beim Sprechvermögen ist der Be¬ 
ginn und die Leichtigkeit des R.lernens 
von größter Wichtigkeit. Daher werden 
Mittel angewendet, die diese wichtigste 
Phase in der Entwicklung des Kindes 
fördern sollen, bzw. die Behinderung be¬ 
seitigen. Sympathetische Bräuche und 
Analogiezauber dienen dazu. 

Aberglaube, der die Erlernung des 
R.s fördern soll: In dem späten R.-lernen 
vermutet man bösen Zauber, es erscheint 
die Zunge gebunden 1 ). Hierher gehört 
das Lösen des Zungenbändchens durch 
die Hebamme, damit das Kind schnell 
sprechen lernt. Früher war das eine von 
den Hebammen allgemein geübte volks¬ 
medizinische Praktik 2 ). Damit das 
Kind leicht sprechen lernt, schenkt man 
ihm beim ersten Besuch ein Ei (Ober¬ 
schwaben in den Oberämtern Tuttlingen, 
Geislingen, Aalen, Gaildorf, Mergent¬ 
heim) 3 ). Man öffnet den Patenbrief so¬ 
gleich 4 ), über dem Mund des Kindes 5 ). 
Der Pate schlägt ihm stillschweigend mit 
einem neuen Löffel dreimal über den 
Mund (Böhmen) 6 ); man gibt ihm Bettel¬ 
brot 7 ); es erhält oft Wasser von seiner 
eigenen Badewanne (Appenzell) 8 ); man 
kratzt ihm den Schmutz vom Scheitel, 
wenn es nicht r. lernt 9 ). Es wird ein im 
Backofen zusammengebackenes Brot über 
seinem Haupt auseinander gebrochen 10 ). 
Zu beachten ist, daß hier der Mutterleib 
als Backofen erscheint, und ferner, daß 


573 


reden 


574 


W. 


« 


1 


n» : 


a. 


3 


ein nicht vollwertiger Mensch als nicht J 
ausgebacken allgemein bezeichnet wird, j 
Mehl, das aus der Mühle gebracht wird, , 
muß sogleich ausgeschüttet werden, denn 1 
sonst lernen die Kinder nicht r. (Mähren) 11 ), j 
Zwei Kinder, die noch nicht sprechen 
können, soll man sich nicht zusammen 
küssen lassen 12 ); vgl. den franz. Aber¬ 
glauben: man bringt Kinder, die nicht 
rechtzeitig sprechen, zur Quelle einer 

geschwätzigen Heiligen 13 ). 

i) SAVk. 3,303. 2 ) Drechsler 1,185: 

mündl. (ob. Mühlv.). 3 ) Höhn Geburt 277. 

A ) Kuhn u. Schwartz 430 Nr. 261. 5 ) Grimm 
Myth. 3, 474 Nr. 1045. 6 ) Wuttke 395 §606. 

7 ) Grimm Myth. 2,435 Nr. 13; Müller Iser - i 
gebirge 22. 8 ) Hoffmann-Krayer 25 = Ver- j 

naleken Alpensagen 395 Nr. 57. ö ) Gassner 
Mettersdorf 41. 10 ) Grimm Myth. 3, 448 

Nr. 415 = ZfVk. 13,384. n ) Grimm Myth. 
3,457 Nr. 677. 12 ) Ebd. 3,477 Nr. 1127. 

13 ) Sebillot Folk-Lore 2, 269. j 

B) Die Ursachen der Bedeutsamkeit 1 

des Redens liegen 

1) in der Bedeutung der Wörter, die 
man verwendet. Mit dem Wort, bzw. j 
mit der ihm innewohnenden Kraft, wird 
die Gewalt über das damit bezeichnete 
Ding erworben (s. Wort). Daher ist die 
richtige Verwendung des Wortes beim j 
R. von Bedeutung. Der Mensch kann 

a) mit seiner Rede Menschen und Geister 
bannen (s. Bannung); er muß aber gerade 
deshalb seine Rede mit Vorsicht ge¬ 
brauchen, damit er nicht mit ihrer Bann- j 
kraft jemand Unrechten trifft und be¬ 
ruft (Verbot gewisser Worte gegenüber 
Fremden, Worttabu), z. B. wenn man ihn j 
nennt, kommt gerannt oder, daß man 
den Teufel nicht mit Namen nennt (all¬ 
gemein) 14 ); wer von der Drud spricht, 

den drückt sie nachts 15 ). 

b) Der Mensch wird also nicht r. und 
sich so nicht als menschliches Wesen zu 
•erkennen geben, wenn er mit feindlichen 
Wesen in Verbindung kommt. In der 
Wohnung des Teufels ist das R. gefähr¬ 
lich, man darf sich mit ihm in kein Ge- ! 
spräch einlassen (Sage aus dem 11. Jh.) 16 ). 

c) er darf sie nicht anr. (s. d.) in dem Sinn, 
jemanden mit seinem Namen anrufen. Der 
Bilmesschnitter darf während des Durch¬ 
ganges nicht angesprochen werden, sonst 
würde er tot hinstürzen 17 ). Der Teufel 


tanzt eine Frau zu Tode, weil sie ihn in 
der Meinung, er wäre ihr Mann, angeredet 
hatte 18 ). Die Anrede dürfen nur gewisse 
Leute ungefährdet tun 19 ), wenn man das 
erste und letzte Wort des Gespräches führt, 
denn sonst läuft man Gefahr, vom Geist 
tot geredet zu werden 20 ). 

d) Man darf daher auf die Anrede, bzw. 
Frage nicht antworten 21 ) (s. Frage). Wer 
dem Nachtvolk auf dem Zug durch die 
Dörfer, wenn es anklopft, antwortet, 
muß mitziehen, d. i. bald sterben 22 ). 
Man darf auch dem Ruf nicht folgen; 
ein Mädchen tat dies und wurde am 
nächsten Morgen tot aufgefunden 23 ). 
Auch der Hexe darf man auf ihre Frage 
nicht antworten und auf ihre Anrede 
nicht danken 24 ). Ein Mann wurde des¬ 
halb sogleich getötet 25 ). Sie kann einem 
etwas nehmen 26 ). Die Wöchnerin darf 
einer fremden Frau (Fahrenden), die 
unerwartet kommt, keine Antwort auf 
deren Fragen geben (Bärnau) 27 ). 

14 ) ZfVk. 20, 387. 15 ) Heyl Tirol 430 

Nr. 119 1 . 16 ) ZfdA. 7, 522 = Schambach u. 

Müller 384. 17 ) Pollinger Landshut 117. 

18 ) Knoop Hinterpommern 72 ff. lfl ) ZfdMyth. 
3, 343; Lohmeyer Saarbrücken 30. 20 ) Roch- 
holz Sagen 2, 136. 21 ) Schönwerth Oberpfalz 
2, 345; Müller Isergebirge 37. 22 ) Vernaleken 
Alpensagen 408 Nr. 108. 23 ) Wolf Beiträge 

2, 148 ff. 24 ) Schambach u. Müller 385 
25 ) Schambach u. Müller 385 = Müllen- 
hoff Sagen 290. 26 ) Grimm Myth. 3, 436 

Nr. 59. 27 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 186 

Nr. 7. 

2. Die Ursache liegt in der genauen 
Beibehaltung bzw. Außerachtlassung von 
Wörtern; so wird formelhaft gebundene 
Rede modifiziert, z. B. durch Auslassung 
des letzten Wortes in einer Zauberformel 
oder in einem dazu verwendeten Gebete; 
beim Vaterunser wird das Amen weg¬ 
gelassen 28 ), im Feuersegen 29 ), Diebs¬ 
segen 30 ) (s. d.). 

28 ) Frischbier Hexenspr. 109. 29 ) Toeppen 
Masuren 49. 30 ) Frischbier Hexenspr. 116. 

3. Die in diesen Ursachen begründete 
Bedeutsamkeit der Rede kann für die 
Menschen in günstiger und ungünstiger 
Richtung zur Auswirkung kommen. Be¬ 
zeichnend hiefür ist, daß in den meisten 

m 9 

außereuropäischen Sprachen der Über¬ 
gang in der Bedeutung von r. (sagen) 


•I 



575 


reden 


576 


zu behexen erfolgte 31 ). Hierher gehört 
die Wichtigkeit des formelhaft ge¬ 
bundenen R.s, z. B. beim Heilzauber. 
Voraussetzung für den Erfolg ist, daß 
keine Störung durch R. versucht wird. 
Er muß unberedet, „unberaffelt" ge¬ 
braucht werden 32 ) (s. besprechen). Auch 
bei der Diebsbannung (s. Diebssegen) ist 
der Erfolg davon abhängig, daß bis zu 
einem bestimmten Zeitpunkt nicht ge¬ 
sprochen wird, besonders mit keinem 
Fremden 33 ). Daher macht üble Nach¬ 
rede gegen einen Dritten aus Neid bu߬ 
fällig 34 ). Vgl. die Bestrafung der Flagi- 
tatio im altrömischen Zwölftafelgesetz 35 ) 
(s. Beschreien). 

Es tritt Rede und Handlung zu einer 
Zauberhandlung zusammen 36 ), wobei ein¬ 
mal die Rede das Primäre sein mag 
(Besprechen mit gleichzeitiger Hand¬ 
auflegung) oder die Handlung (Hand¬ 
auflegung mit dazu gesprochenem Zauber¬ 
spruch bzw. Gebet). Diese Entwicklung 
begegnet am häufigsten, und unter diesem 
Gesichtspunkt gehören eigentlich alle 
Zauberformeln und alle abergläubische 
Rede hierher; auch die Art der Rede 
(laute, stille, die für den Zauberspruch 
so bezeichnende singende Vortrags¬ 
weise) 37 ), doch kommt dies bei den 
einzelnen Stichwörtern zur Darstellung 
(s. besonders Zauber, Zauberformel). 

Erscheint so eine Darstellung des R.s 
sehr umfangreich, so ist es andererseits 
begreiflich, daß das Verbot des R.s, das 
Schweigen (s. d.) viel öfter begegnet 
und besonders vorgeschrieben bzw. in 
der Literatur erwähnt wird. Die Aus¬ 
nahme bestätigt auch hier die Regel, 
daß R. im Ritus, im Kult und im Aber¬ 
glauben die umfassendere Rolle spielt. 

31 ) Lessiak Gicht 144 ff. 32 ) Bohnenber- 
ger 25; Hoops Die Anthropologie und die 
Klassiker (Heidelberg 1916) H5ff. M ) Roch- 
holz Sagen 2, 150«. 34 ) Wasserschieben 398 
= Friedberg Bußbücher 21. M ) Usener Kleine 
Schriften 4, 356 ff. 3 *) Seyfarth Sachsen 98. 

37 ) Hoops Die Anthropologie 116. 

C. Störung verursacht das R. 1. bei 
rituellen Handlungen. Es ist mit diesem 
R. nicht das die heilige Handlung be¬ 
gleitende heilige Wort zu verstehen, 
sondern deren Störung durch das pro- 


j fane R. der Teilnehmer und die dadurch 
verursachte vermeintliche Schädigung der 
Wirkung dieser Handlung. Daher wird 
ihnen ihr Beginn kundgemacht, und in 
verschiedenen Kulten bestehen eigene 
Schweigegebote. In dem Bestreben, die 
Handlung nicht durch R. zu stören, ist 
eine Ursache zur Herausbildung von 
Schweigegeboten zu sehen (s. schweigen). 

Bei Taufe und Hochzeit ist das R. von 
ungünstiger Wirkung für die Zukunft 
des Täuflings, bzw. der Eheleute, beim 
Begräbnis wird dadurch der Lebende 
gefährdet. 

2. Bei der Taufe soll nicht geredet 
werden, denn das Kind würde sonst als 
Erwachsener viel im Traume reden 38 ). 
Die Person, die ein Kind von der Taufe 
heim bringt, soll unterwegs nicht r., sonst 
wird es ein Schwätzer 39 ). 

3. Bei der Hochzeit sollen die Braut¬ 
leute auf der Fahrt zur Kirche nicht 
miteinander r., sonst ziehen Not und 
Unglück in die Ehe ein (allgemein) 40 ). 

4. Beim Tod soll man weder während 
des Leichenbegängnisses noch am Grab 
r., um den Toten nicht durch die Rede 
zu beunruhigen oder ihn durch Nennung 
seines Namens „aufzuschreien“. Es ist 
das ein allgemeines in der Antike und 
bei den heutigen Tiefkulturvölkern beob¬ 
achtetes Gebot 41 ). Die Person, die zur 
Leichenfolge bat, durfte nicht angeredet 
werden; eine Vorsichtsmaßregel, um nicht 
den Tod anderswohin zu übermitteln 42 ). 
Bei der Leichenwache durfte keine Silbe 
gesprochen werden, nur so kann die dem 

Teufel verschriebene Seele erhalten wer¬ 
den 43 ). 

38 ) Boeder Ehsten 23. 3 ») SAVk. 15, 10 

(Emmental); 24,62. 40 ) John Erzgebirge 95. 
41 ) Rohde Psyche 1, 24H; Grimm Myth . 
3,465; Hovorka u. Kronfeld 1,151. 4 *) 

Bartsch Mecklenburg 2, 95 = Sartori Sitte 
1,129. 43 ) Strackerjan 1,336 Nr. 204c. 

Eine besondere Stelle nimmt das viele 
laute R. (Schwätzen) der Kirchenbe¬ 
sucher ein. Begreiflicherweise kann es 
die heilige Handlung nicht unwirksam 
machen, ist aber eine Sünde für den R.den. 
In der Vermengung von Heiligem mit 
Aberglauben, wie wir sie im volksmedizi¬ 
nischen Aberglauben finden, spricht man 


577 


Reformierter—Regen 


578 


gegen Warzen, wenn man zwei Leute 
in der Kirche schwätzen sieht, Folgendes: 

Was ich sehe ist Sünd 

Was ich berühre das verschwind! 

Schwätzen ist Sünd. 

Warze verschwind 44 ). 

Bei gewissen Zauberhandlungen ist es 
ebenfalls verboten zu r.; so wird die 
Kraft des Hexenbanners über die Hexe 
für die Nacht, in der der Bann vor¬ 
genommen wird, genommen, wenn ihm 
jemand dreinredet 45 ) (s. schweigen). 

44 ; Pollinger Landshut 289. 45 ) Alpen¬ 

burg Tirol 313 = ZfdMyth. 3, 343. 

D. Wie allgemein an menschliche Hand¬ 
lungen, so wird auch an das R. die Er¬ 
forschung der Zukunft angeschlossen. 
Es geschieht dies 

1. beim ersten vom Kind gesprochenen 
Wort. Ist dieses Wort „Vater“, dann 
bekommt die Mutter als nächstes Kind 
einen Knaben; wenn „Mutter“, eine 
Tochter 46 ). 

2. Bei gleichzeitigem R.: Sprechen 
zwei Menschen in dem gleichen Augen¬ 
blick dasselbe, werden sie an diesem Tag 
etwas Neues erfahren (Reichenbach, Erz¬ 
gebirge). In Zwickau sagt man: da kommt 
ein Schneider in den Himmel; sie leben 
noch ein Jahr zusammen (Schlesien, 
Oldenburg, Hessen, Pfalz, Mecklenburg 47 ). 
Das Niesen gilt als Bestätigung der Wahr¬ 
heit des Gesprochenen allgemein) 48 ) s. 
Niesen. 

46 ) Grimm Myth. 3, 457 Nr. 677. 47 ) Wutt- 
ke 208 § 287; Köhler Voigtland 392. 48 ) 

Grimm Myth. 3, 443 Nr. 266. Jungwirth. 

Reformierter s. Calvinist 2, 5 f. 

Regen. 

1. R. und Gottheiten. Bei der Be¬ 
deutung des gewöhnlichen R.s für die 
Landwirtschaft einerseits, bei den Ge¬ 
fahren großer Sturzregen und Wolken¬ 
brüche für die menschlichen Ansiedlungen 
und die menschliche Kulturarbeit ander¬ 
seits ist es selbstverständlich, daß der 
Mensch den R. mit Gottheiten in Ver¬ 
bindung gebracht hat. Im Orient wie im 
Okzident wie bei den Schwarzen kennt 
man R.gottheiten oder R.gespenster, die 
beide Seiten, guten und schädigenden R., 
in sich vereinigen und je nach Neigung 
die Menschen fühlen lassen 1 ). So ist der 

Bächtold-Stäubli , Aberglaube VII 


babylonische Wettergott Adad guter und 
böser R.gott zugleich; die Tatsache, daß 
man bei ihm flucht, zeigt, wie sehr man 
ihn als grausamen, verheerenden R.gott 
hatte fürchten lernen 2 ). 

Mit dem Herabkommen des R.s als 
befruchtendem Naß aus den Höhen des 
Himmels hängt es zusammen, daß man in 
gebirgigen Gegenden den Wettergott auf 
den Höhen thronend denkt und ihn dort 
religiös verehrt. So in Japan 3 ); aber auch 
die Stämme der alten Hellenen stiegen 
auf Berge, wenn sie dem R.zeus ihre 
Bitten Vorbringen mußten 4 ). Bei den 
Deutschen lebte dieselbe Vorstellung; ein 
altes Relikt der Art ist die österreichische 
Sage, nach der die Bewohner von Am¬ 
stetten zuweilen einen riesigen Mann auf 
weißem Rosse auf den Bergen reiten sahen, 
was R. bedeutet 5 ). Ganz offenbar ist 
hier der alte Gott Wodan angedeutet, der 
wie Donar und die weiblichen Gottheiten 
Holda und Nerthus(?) auch des R.s 
waltete und so die Fruchtbarkeit be¬ 
treute 6 ). 

Nach einer anders gearteten Erklärung 
wird der R. von dämonischen bösen 
Wesen wie Hexen erzeugt (vgl. Hagel). 
Dies gilt z. B. von schmutzigem R. 7 ). 
Am bekanntesten ist dies jedoch von dem 
sog. Sonnenr., d. h. dem R., der bei 
Sonnenschein tröpfelnd fällt. Dann 
machen, so heißt es, die Hexen Butter 

% 

(Oberschlesien, Lüneburger Heide, Polen) 
oder backen Pfannkuchen (Ostfriesland), 
wovon die Tropfen überlaufen. Die 
Worte verraten die alte Beziehung des 
Wettermachens zu den Hexen. Auch 
heißt es im Lüneburgischen noch, die 
Hexen hielten die Wolken auf. In christ¬ 
licher Zeit trat verschiedentlich an die 
Stelle der Hexe des Teufels Großmutter 
oder Weib, mit der er tanzt — denn 
er ist fröhlich (Sonnenschein) — oder 
die er ‘verkloppt’, — indem die Regen¬ 
tropfen als ihre Tränen gedeutet werden. 
Denselben Vorgang nennt man im Olden- 
burgischen des Teufels Hochzeit oder den 

Festtag der Hölle 8 ). 

Daneben haben sich noch Reste einer 
dritten Vorstellung erhalten. Nach ihr 

19 



579 


Regen 


580 


ist der R. selbst ein Dämon. Schweizer 
Volkskunde Bd. 10, S. 38 wird von einem 
Bauernhaus in Beaumont unter dem 
Neuhaus erzählt, in dem der Güggeli 
Schaltibrand gewohnt habe. Wenn es 
regnete, habe der seine roten Stiefel 
angezogen und gerufen: ,, Chömet nume nit, 
ihr Gspänster; i ha nüt für euch“. Her¬ 
nach sei er wieder hineingegangen. Schlie߬ 
lich werden etliche Tiere, wie Kuckuck, 
Specht, Schnepfe und Fink als R.vögel 
angegeben. Heute nimmt der Landmann 
ihr Rufen oder Klopfen als R.Vorzeichen 
(s. d.); sicher hat man diese Vögel zu 
früheren Zeiten geradezu als R.macher 
angesehen 9 ). 

Die christliche Zeit setzte dann überall 
Heilige an die Stelle alter R.gottheiten. 
So haben besonders die männlichen Heili¬ 
gen Severinus, Guido und Murinus, den 
man auch S. Pluvialis nennt, das Amt 
der R.walter übernommen. Des öfteren 
schließt in manchen Gegenden der Glaube 
an einen Ortsheiligen als R.heiligen an, 
zu dem man in bedrängter Lage wall¬ 
fahrtet. Neben den Heiligen ist sodann 
noch Maria als R.walterin verehrt, die 
damit zweifellos an die Stelle der alten 
Holda getreten ist 10 ). 

x ) Chantepie de la Saussaye Lehrbuch 
156 f. 187; 2, 628 u. die folgenden beiden 

Anm. 2 ) Ebda 1, 551. 3 ) Ebda 1, 288. 4 ) Zitate 
in ZfVk. 5 (1895), 206. 6 ) ZfVk. 12 (1902), 

24. 6 ) Wolf 1, 201. 7 ) Strackerjan 2, 109. 

8 ) Kück Wetterglaube 115—117; Engelien 
u. Lahn 280; Drechsler Schlesien 2, 149; 
John Westböhmen 236; Schramek Böhmer - 
wald 250. # ) Chantepie de la Saus¬ 

saye Lehrbuch 1, 36; dazu Grimm Mythol. 
I, 153:2, 561; ZVfVk. 23 (1913), 27i;ZfdMyth. 
3, 222; Birlinger Volkst. 1, 196; Mannhardt 
i» 355 - I0 ) Wolf 1, 201. 

2. R.machen, -beten u. ä. Das 
Regnen ist also im allgemeinen in das 
Ermessen der Gottheit gestellt. Sie läßt 
zuweilen nicht regnen, während der 
Mensch glaubt, des R.s zu bedürfen. 
Zu allen Zeiten und in allen Teilen der 
Welt hat es daher Zeremonien gegeben — 
und sie gibt es vielfach noch —, die be¬ 
zweckten, den R. auf die Erde herab¬ 
zuziehen, wenn der Mensch ihn zu be¬ 
nötigen glaubte. Diese Zeremonien sind 
entweder zauberische Zwangsriten 


(sog. R.machen) oder Bittfeiern mit 
Opfern und Prozessionen. Zwangsriten 
kannte man im alten Griechenland X1 ): 
Man breitete z. B. Widderfelle aus, die mit 
Orenda erfüllt sind; der R. stellte sich 
hernach ein. Oder ein Priester stieg auf 
den Zeusberg in Arkadien, das Lykaion, 
und rührte mit einem Zweig das Wasser 
einer dort befindlichen Quelle um, aus 
der man dann sehr bald Nebel steigen 
sah, der sich zu Wolken verdichtete, 
so daß es hernach über ganz Arkadien 
regnete 12 ). Die Leute, die zum Zeus 
Pelion zogen, waren aus ähnlichem Grund 
in frische Widderfelle gehüllt 13 ). — Im 
1. Buch der Könige wird erzählt, daß Elias 
siebenmal den Kopf zwischen seine knie¬ 
gebeugten Beine gesteckt habe, um durch 
diese Stellung R. zu erzeugen 14 ). Aus 
unserer Zeit berichtet man, daß Auf¬ 
stellen von Wasserkübeln ebenfalls R. 
erzwinge 15 ), ferner das Füllen der eigenen 
Quellen und Wasserbehälter, die auszu- 
trocknen drohen, mit dem Wasser be¬ 
stimmter geweihter Brunnen (Böhmen) 16 ). 

In Böhmen wird u. a. in trockenen 
Jahren eine Schlange gefangen und an 
einem Ort mit dem Kopf nach unten ge¬ 
hängt, wodurch R. nach einigen Tagen 
entstehen soll 17 ). Diese Grausamkeit 
stellt vielleicht den Zug eines Opfers dar, 
wie es aus Indien berichtet wird: Wenn 
der Khonde die Menschenopfer, die der 
Erdgöttin dargebracht werden, martert, 
so freut er sich, sie (wegen der Schmerzen) 
reichlich Tränen vergießen zu sehen, denn 
das sei ein Zeichen, daß häufige R.schauer 
auf sein Land niederfallen werden 18 ). 
Auch zu dem R. erzwingenden Opfer 
eines weißen Pferdes, das die Wogulen 
im Herbst darbringen, wird berichtet, 
daß das Tier auf grausame Weise zu Tode 
gequält wird, die wohl der Gottheit 
Tränen abringen soll. Selbst in Nieder¬ 
bayern findet man R.zauber und Tötung 
ähnlich verbunden, wobei aber das Opfer 
durch Scheinopfer ersetzt ist: der Pfingstl 
wird dort ins Wasser geführt und sodann 
geköpft 19 ). BeiLeitmeritzgeht der Tötungs¬ 
akt voran: man durchsticht dem Wilden 
eine unter das Wams gebundene Blut¬ 


581 


Regen 


582 


blase und ertränkt hernach eine Stroh¬ 
puppe im Teich 20 ). 

Weit verbreitet ist auch das Baden von 
Menschen oder Tieren im R.zauber, sei 
es daß die Lebewesen es sich gefallen 
lassen müssen, im Fluß oder Teich ge¬ 
taucht zu werden, sei es daß man sie 
mit einem Eimer Wasser übergießt. So 
werden in Tirol (Burgeis) die Mädchen 
am 1. Mai bei langer Dürre, wenn sie sich 
auf dem Wege zeigen, von den Burschen 
eingefangen, begossen oder ins Wasser 
ge stellt 21 ). In Rußland (Gouvernement 
Kursk) ergriffen die Weiber einen Vorüber¬ 
gehenden und warfen ihn in den Fluß 
oder begossen ihn ebenfalls mit Wasser 22 ). 
Im Gebiet von Constantine in Algerien 
besteht die Gewohnheit, einen oder meh¬ 
rere Marabuts im Fluß unterzutauchen, 
um R. hervorzurufen 23 ). Ähnliche R.- 
taufen gab es in der Schweiz (Zürich) 24 ), 
in Bayern und sonst 25 ). In Erkamp 
(Kr. Düsseldorf) wird der R.zauber in der 
Form geübt, daß nach Beendigung der 
Ernte die Binderin von den Mähern in 
einen Bach oder Teich geworfen wird, 
ohne daß freilich der Sinn des Brauches 
noch verstanden wurde 26 ). An anderer 
Stelle wird der Gutsherr oder der Schnitter 
(bzw. die Binderin) der letzten Halme 
in die letzte Garbe hineingebunden und 
an ihm die Wassertauche als R.zauber 
vollzogen 27 ). Im Egerland badet man 
zu ähnlichem Zweck den heimkehrenden 
Pflug 28 ). 

Das im R.zauber der Europäer häufiger 
erwähnte Begießen eines Mädchens —* 
dieses nennt man R.mädchen — ist in 
Deutschland schon bei Burchard v. Worms 
(f 1024) belegt und bei zwanzigtägiger 
Kirchenbuße mit Wasser und Brot ver¬ 
boten worden 29 ). Anscheinend in Hessen 
und am Rhein war es, wo in jener Zeit 
Jungfrauen ein kleines Mädchen entklei¬ 
deten und es nackt vor das Dorf zu einer 
Stelle führten, an der Bilsenkraut wuchs. 
Sie geboten ihm, die Pflanze mit dem 
kleinen Finger der rechten Hand samt 
der Wurzel auszureißen, an die kleine 
Zehe seines rechten Fußes zu binden und 
es beim Gehen nachzuschleppen. Jede 
Jungfrau hatte eine Rute in den Händen. 


Sie führten sodann das R.mädchen in 
den nächsten Fluß, besprengten es mit 
Hilfe der Ruten und sangen Incanta- 
tionen dazu, um R. zu erlangen. Endlich 
führten sie das Kind im Krebsgang vom 
Fluß ins Dorf zurück. Ganz ähnliches 
wird aus Serbien und dem heutigen 
Griechenland berichtet. In Bulgarien und 
Serbien verhüllt man das nackte Mädchen 
vom Gesicht an in Blumen. Es steht 
dort inmitten von andern Jungfrauen; 
vor jedem Hause dreht es sich fortwährend 
um und tanzt, indes der Ring eines der 
sog. Dodolalieder — Dodola ist die 
serbische Bezeichnung des R.mädchens — 
singt und die Hausfrau eine Mulde Wasser 
über dem Kinde ausgießt. Das Lied 
erklärt den natürlichen Vorgang während 
des Zaubers: die am Himmel gehenden 
Wolken werden beschleunigt, überholen 
die Dorfprozession und benetzen Korn 
und Weinstock. Es ist Analogiezauber: 
Wie aus dem Eimer das Wasser auf die 
Dodola strömt, so soll der himmlische R. 
hernach auf die Erde niederrauschen 30 ). 
In Dalmatien tritt an die Stelle des 
Mädchens ein junger unverheirateter 
Mann, der im Laubschmuck tanzt 31 ) 32 ). 

Neben diesem zwangsrituellen Hervor- 
bringen des R.s steht der Versuch, auf 
die Gottheit durch Opfer, Prozession 
oder Gebet einzuwirken. Auch diese 
Form des Versuchs, den Feldern R. zu 
bringen, ist uralt. Von den Opfern weißer 
Pferde bei den Wogulen war oben die Rede; 
ähnlich opferten die finnischen Wotjaken 
weiße Schafe oder weiße Stiere 33 ). R.- 
gebete 34 ) kannte man im griechischen 35 ) 
und römischen Altertums 36 ), im vorderen 
Orient 37 ) (auch bei den Christen) wie bei 
den Naturvölkern. Indische R.gebete 
lassen deutlich den auch sonst voraus¬ 
zusetzenden Zusammenhang mit der Feld¬ 
bestellung erkennen 38 ). In Japan und 
China vollzieht man feierliche Zeremonien 
mit Gebet und Tanz, um den R. auf die 
Erde bei anhaltender Dürre herabzu¬ 
flehen 39 ). 

In katholischen europäischen Gegenden 
werden Wallfahrten und R.prozessionen 
veranstaltet, die in sehr alte Zeit zurück¬ 
zureichen scheinen und z. T. an alten 

19* 


583 


Regen 


584 


später christianisierten Kultstätten an¬ 
knüpfen (Maria-Trenz bei Sterzing, Me- 
ransen) 40 ). In Bosnien kennt man ähn¬ 
liche Wallfahrten auf Berge, die die 
katholische wie die mohammedanische 
Bevölkerung aufsucht, um R. zu erflehen. 
Auch hält man öffentliche Gebete in 
unsem katholischen Kirchen 41 ). Das 
christliche Gebet ist für R.fall überhaupt, 
wie es scheint, bedeutsam gewesen; Hei¬ 
lige, die für die Gegenden ihres Wirkens 
R. erflehten, stehen in hohem Ansehen 
auch nach ihrem Tode 42 ). Aus der Süd¬ 
schweiz wird eine nette Geschichte er¬ 
zählt: Vor Jahren hatte das Vieh auf den 
Almen wegen großer Trockenheit kein 
Wasser mehr zu trinken. Da langte 
eines Tages auf dem Kamp ein italieni¬ 
sches altes Weiblein an, um nach seinem 
Vieh zu sehen. Als es die große Trocken¬ 
heit gewahrte, kniete es bei einem Stein 
betend nieder und betete so sehr, bis 
Wasser beim Steine herauszukommen I 
anfing; seit diesem Tage hat diese Alm 
immer Wasser. Man hat den Eindruck, 
als habe die biblische Schilderung vom 
Wasser aus dem Felsen bei der Erzählung 
Pate gestanden; die naturgemäße Erklä¬ 
rung findet man ZfVk. 10 (1900), 311, 
wo auch die Geschichte verzeichnet ist. 

Erwähnt sei in dem Zusammenhang, 
daß nach anderer Ansicht der R. sicher 
ist, wenn bei Dürre die Bewohner sich 
bewußt still in Gottes Willen ergeben und 
abwarten 43 ). 

Uber die magische Entstehung des R.s 
ohne absichtliches menschliches Ein wir¬ 
ken s. Regenvorzeichen. 

J1 ) Pauly-Wissowa ir, 2165. 12 ) Chan- 

tepie de la Saussaye Lehrbuch 2, 290. 
Die Stelle Paus. 8, 38, 3. «) ZVfVk. 5 (1895), 
206. 14 ) 1. Kö. 18,41 ff.; vgl. Rochholz 

Sagen 2, 162. Die Gebärde bedeutet nach 
Einigen angestrengtes Beten, nach Andern ist 
sie ein Zaubergestus (vgl. Die Heilige Schrift, 
übers, v. Kautzsch zur Stelle). 1S ) Maack 
Lübeck 40. 18 ) Grohmann 52. 17 ) Ebda. 

Nr. 334 und 80 Nr. 569. 18 ) Mannhardt 1, 356. 

19 ) ZfVk. 23 (1913), 156. 20 ) Mannhardt 

358, vgl. 606. 21 ) Ebda i, 531; vgl. Mann¬ 
hardt 1, 356, der berichtet, daß der südeuro¬ 
päische Landmann eine Bildsäule der Jungfrau 
Maria oder St. Petri ins Wasser taucht. 

22 ) Mannhardt 1, 351; vgl. Urquell 2 (1891), 
204t. 23 ) Ebda. 356. 24 ) Ebda. 494. 25 ) Ebda. 494. 


26 ) Mannhardt 1, 215. 27 ) Ebda 611. 28 ) ZfVk. 
14 (1904), 142. 29 ) Migne PL. CXL, 974; s. b. 
Mannhardt 1, 330 f.; Grimm Mythologie 
l > 493 - 30 ) Mannhardt 1, 329t.; Panzer 

Beitrag 2, 444 f. 31 ) Mannhardt 1, 329. 

32 ) Vgl. ferner Gesemann Regenzauber 10 ff. 

33 ) s. A. 19. 34 ) s. Art. Gebet § 4 Sp. 353 i.„ 

wo mehrere Gebete der Art wörtlich angeführt 
sind. 38 ) ZfVk. 14 (1904), 8, aus der Kaiserzeit. 
Die Stelle bei Marc. Anton in. V 7: usov, 
uaov, d) «pi'Ae Zeu, xatd apoupot; tt,; ’Aftqvaf- 
wv Td»v reottov. S6 ) Verg. Georg, 1, 157. 

37 ) P. Krüger Zu den Regenbitten Aphrems 
des Syrers in Oriens Christianus herg. 
v. A. Baumstark. 38 ) ZfVk. 14 (1904), 6. 
39 ) Ebd. 3 (1893), 334 ü.; vgl. Anthr. 12/13. 
(l 9 ! 7 !8), 144 I 5 !. 40 ) ZfVk. I (1891), 70; 

2 (1892), 323; vgl. Grimm Mythol. 1, 145; 
U 494 f•» 3 . 65; Sepp Religion 780.; v. An- 
drian Wetterzauberei 86; Drechsler 2, 149. 
41 ) ZfVk. 5 (1895), 207. 42 ) SAVk. 21 (1917), 163. 
43 ) ZfVk. 2 (1892), 192. 

3. R. ab wehr. Nun kann es offenbar 
aber auch R. im Übermaß geben. Auch 
hier hat die Volksseele Mittel ersonnen, 
den daraus entspringenden Gefahren Ein¬ 
halt zu tun. In Siebenbürgen vollzog man 
Zeremonien, deren Sinn es war, abwech¬ 
selnd R. und Sonnenschein hervorzurufen; 
ein Übermaß des erbetenen R.s wurde 
auf bestimmte Weise versucht zu ver¬ 
hindern 44 ). Aus dem dortigen Ort 
Sächsisch-R. wird von dem Glauben 
berichtet, daß man dem vielen R. da¬ 
durch würde Einhalt tun können, wenn 
die Leute von den um das Gebirge 
liegenden Ortschaften alle hineilten, eifrig 
schaufelten und ihn so herausbrächten 45 ). 
In Tirol lebt noch der Glaube, daß 
man den R. abhalten könne, indem 
man die Hände zum Himmel emporhalte, 
die Handflächen frei nach oben, wie die 
Alten, wenn sie Jupiter Pluvius an¬ 
riefen 46 ). Aus der Gegend südlich 
von Marburg ist ein Ritus gegen R.fall 
überliefert; nach der Angabe gingen zwei 
Männer auf den Bacher (Gebirge süd¬ 
westlich von Marburg), banden dort den 
bösen Geist Kasperl (= Teufel) mit 
Frauenhaaren an dem Wipfel einer Buche 
fest •— der R. blieb aus. Schließlich kam 
ein Bauer, der den Baum umhacken 
wollte; der Böse schrie, er möge ihn 
befreien, es werde sofort regnen — wie 
es dann auch geschehen sein soll 47 ). 

Andere Gegenmittel sind der böse. 


1 


585 Regenbogen 5 36 


Blick oder barhäuptiges Ausgehen. Ist 
R. nötig, bittet man im Pandschab 
einen barhäuptig ausgehenden Mann, 
seinen Turban aufzusetzen, denn der 
Barhäuptige wünscht instinktiv, daß es 
nicht regne 48 ). Auch Leichen können 
mit R.güssen und deren Aufhören in 
Beziehung stehen. In Florenz hatte man 
1478 den Verschwörer G. Pazzi er¬ 
drosselt. R.güsse, die die Ernte be¬ 
drohten, waren die Folge. Da rissen die 
Bauern die Leiche aus der Kirche und 
sollen günstiges Wetter erreicht haben 49 ). 
In Piacenza erreichte man im gleichen 
Jahre das Aufhören der dortigen R.güsse, 
indem man trotz bischöflichem Ein¬ 
spruchs die Leiche eines in S. Francesco 
begrabenen Wucherers ausgrub. Man 
zerrte sie auf der Straße herum und 
warf sie schließlich in den Po 50 ). 

Wie man heute R.prozessionen für R. 
in katholischen Gegenden Europas ab¬ 
hält, so auch gegen die Gefahren über¬ 
mäßiger R.- bzw. Gewitterregengüsse 51 ). 
Eine amüsante Geschichte, die den Zu¬ 
sammenhang von Gebetsstärke mit R.- 
stärke zeigt, den man anscheinend be¬ 
achten muß, wird aus dem Kanton 
Waadt berichtet. Der Priester von 
Palezieux hatte zur Abwehr des R.s 
Prozession und Gottesdienst abgehalten. 
Da fing es plötzlich zu hageln (!) an 
und er rief: ,,Schau, ich hab halt zu 
stark gebetet" 52 ). 

44 ) Mannhardt 1, 554; vgl. auch den inter¬ 
essanten Bericht über die beiden steinernen 
Fässer auf einer Anhöhe in Indien, das R.faß 
und das Windfaß, die dort Apollonius v. Tyana 
traf u. die das Wetter des Landes regelten 
Philostr. vita Apoll. III 14, Hinweis bei 
Liebrecht ZVolksk. 336. 45 ) Müller Sieben¬ 
bürgen 61 f. 46 ) ZfVk. 1 (1891), 70 f. 4? ) Ebd. 
7 (1897), 188. 48 ) Seligmann 1, 225. 49 ) Meyer 
Aberglaube 248. 50 ) Ebd. 178. 51 ) Vgl. die 

fesselnde Beschreibung eines solchen Erleb¬ 
nisses ZfVk. i (1891), 71 ff. 52 ) Rochholz 
Sagen 2,148. 

4. R.liedchen. Abschließend sei noch 
auf die R.liedchen hingewiesen. Sie sind 
in Europa ebenfalls sehr verbreitet und 
meist von Kindern als Kinderlieder ge¬ 
sungen. In ihnen steckt sicher wenigstens 
z. T. der letzte Rest einer Bitte um Auf¬ 


hören des übermäßigen R.s. Wir führen 
einige an: 

1. Es regent, es regent, 

Der liebe Gott, der segent. 

Es regent, es regent (Nodheim b. Göttin¬ 
gen) 53 ). 

2. Lieber Regen, geh weg, 

Liebe Sonne, komm wieder 
Mit deinem Gefieder, 

Mit dem goldenen Strahl 
Komm wieder herdal (Stade) 54 ). 

3. Es regnet, es regnet, 

Es regnet seinen Lauf. 

Und wenn's genug geregnet hat. 

Dann hört es wieder auf (allgemein). 

4. Sunnenrä'en, mak mih nich nat, 

Mäk de ölen wiwer nat, 

Leiwe sunne, kumm erunner 
Lat den rä'en bowen(Braunschweig) 55 ) 58 ). 

53 ) ZfdMyth. 3, 176. 54 ) Ebd. 55 ) Andree 

Braunschweig 293. 56 ) Ferner ZfdMyth. 3, 309; 
Grohmann 52 Nr. 335; Gesemann Regen¬ 
zauber 187; Söbillot Folk-Lore 1, 120 ff. 

S. Regenbogen, Regenorakel, 
Regen Vorzeichen, Regen wasser; 
ferner Wetter und Wetterzauber so¬ 
wie Gewitter, Hagel und Hagel¬ 
zauber. Stegemann. 

Regenbogen. 

1. Mythische und volkstümliche 
Erklärungen. Das farbenprächtige 
Schauspiel eines R.s hat die Phantasie 
fast aller Völker zu allen Zeiten be¬ 
schäftigt. Die allgemeinen Deutungen, 
die in großer Zahl bekannt sind, zerfallen 
deutlich in zwei Gruppen: entweder man 
faßte den R. als göttliches oder wenigstens 
als lebendes Wesen auf oder man dachte 
ihn sich dinglicher Natur. Daneben gibt 
es in christlichen Ländern eine dritte 
Deutung, die in dem R. symbolisch ein 
Friedenszeichen Gottes erblickt. 

Bei den Erklärungen des R.s als eines 
lebenden Wesens überwiegt die An¬ 
sicht, daß ihm gewisse menschenfeind¬ 
liche Kräfte innewohnen. So findet sich 
in Ostpreußen, Bayern, Schwaben, aber 
auch z. B. in Ungarn und Böhmen die 
Anschauung, daß der R. alles, was in 
den Bereich seiner Enden gelangt, in die 
Höhe ziehe 1 ). Schon die Griechen und 
Römer sprachen vom Trinken des R.s 2 ); 
ebenso heißt es in Ostpreußen, Schwaben 



Seelen, die in den Himmel kommen. 


ist der R. die Versöhnungsfahne (auch 


587 

und Baden, daß er Wasser anziehe, d. h. 
daß er Vorzeichen weiteren Regens ist 3 ). 
Der Volksglaube steigerte die Vorstellung 
indes: nicht nur, daß er mit einem 
goldenen Becher das Wasser schöpft, 
den er hernach fallen läßt (Bretten) 4 ), 
sondern er zieht auch die Fische ans 
Land (Twardowo, Kreis Pieschen) 5 ) oder 
gar Kinder in die Höhe 6 ). Die Anschauung 
steckt noch in verschiedenen Sagen: 
In den Tiefen der Burg Hohenschwangau 
(Oberbayern) liegt ein Schatz verborgen, 
der zuweilen aufwärts steigt; dann zeigt 
sich auf dem Platz ein R. 7 ). Eine Sieben¬ 
bürger Sage berichtet von einem Hirten¬ 
knaben, der, während er eine große 
Schafherde an einem Bergabhang weiden 
ließ, mit frevelhafter Neugier aus der 
Nähe sehen wollte, wie der R. das Wasser 
anziehe. Deshalb trieb er seine Herde 
hinab ins Tal an den Fluß. Da wurde 
er mitsamt der Herde aufgesogen und 
weidet nun ewig am Himmel seine Schafe. 
Ist er dort an heitern Frühlings- und 
Sommertagen sichtbar, dann erzählen 
Eltern ihren Kindern zur Warnung seine 
traurige Geschichte 8 ). 

Zum Vergleich sei hier erwähnt, daß 
die Siamesen den R. ‘den das Wasser 
aus dem Meere Heraufpumpenden’ 
nennen 9 ). Solcherlei Bezeichnung kennt 
man auch bei den Indianern. So haben 
mehrere Stämme die Benennung ‘der 
Regen bedeckende', indem sie den R. 
sich als den ‘Großen Geist’ vorstellen, 
der den Regen wie mit einem Mantel 
bedeckt 10 ). Daneben kennt ein kali¬ 
fornischer Stamm die Vorstellung, der 
R. sei die Schwester von Pokoh, dem 
Weltschöpfer, deren Brust mit Blumen 
bedeckt ist 11 ). Ob die Deutung des 
R.s als Schlange bei Indianern von 
Nevada oder als ungeheuere Wasser¬ 
schlange bei den südamerikanischen 
Bororö diesem Wesen göttliche Macht 
zuweist, vermag ich nicht zu sagen 12 ). 
In Bosnien sieht man in dem R. einen 
Drachen, der aus der Save Wasser und 
zappelnde Fische saugt 13 ). 

Ungleich häufiger ist, wenigstens bei 
den europäischen Völkern, insbesondere 
auch bei uns, die dingliche Deutung 


588 

der Natur des R.s. Da sieht man in ihm 
schlicht den Himmelsring (Schächental, 
Schweiz; Bad. Oberland) 14 ) oder auch 
den Sonnenbogen 15 ). Letztere Bezeich¬ 
nung scheint Überbleibsel der gelehrten 
antiken (Aristoteles 16 ), Seneca 17 )), im 
Mittelalter (Konrad v. Megenberg 18 )) 
und der Renaissance (Cardanus 19 )) weiter¬ 
gegebenen Erklärung des Phänomens. 
Auf die Bezeichnung Himmelsring statt 
R. wird in Ernetschwil seitens der älteren 
Bauersleute größter Wert gelegt, da das 
Wort ‘R.’ — ausgesprochen — gewaltsam 
den Regen herabziehe 20 ). In Schwaben 
wird der Himmelsring als Brücke zwischen 
Himmel und Erde angesehen, auf dem 
die Engel herabsteigen 21 ). Die Vor¬ 
stellung einer Brücke ist beim R. sehr 
naheliegend und daher verbreitet (Edda 22 ), 
Japan 23 )); bei den Griechen 24 ) und 
Römern 25 ) ist es die Bahn der Götter¬ 
botin, Iris, in welcher Personifikation der 
R. hier erscheint. Wie himmlische 
Wesen auf dem R. zur Erde gelangen 26 ) — 
neben den Engeln wird z. B. das Christ¬ 
kind erwähnt, das auf dieser Brücke 
herabreitet 27 ) —, so vermögen auch 
Menschen unter bestimmten Bedingungen 
auf ihm herauf zum Himmel zu gelangen: 
Zigeuner nämlich glauben, daß, wer zu 
Pfingsten das Ende eines R.s findet, an 
ihm in den Himmel hinaufsteigen und 
sich von da ewige Schönheit und Gesund¬ 
heit holen könne 28 ). Eine Entführungs¬ 
sage W. Rabes, Der R. betitelt, schildert 
den R. als den Weg, auf dem sogar der 
Teufel, der den Herrn Kurator, nachdem 
er ihn vor sich wie einen Sack über dem 
Sattelknopf seines schwarzen Gaules (mit 
Bezug auf die schwarze Gewitterwolke) 
gelegt hatte, mit sich in die Lüfte nahm, 
hinwegritt, daß man seinen feurigen 
Hufschlag deutlich in den Wolken wahr¬ 
nahm 29 ). 

Eine andere Bezeichnung, die eine 
dingliche Auffassung der Natur des R.s 
erkennen läßt, ist „Wolkendeichsel". Man 
erzählt dazu im Posenschen erklärend, 
daß alle Menschen, die ertrunken seien, 
die Wolken ziehen müßten, wobei ihnen 
der R. als Deichsel diene 30 ). Sodann 
ist der R. dort der Fluß, aus dem die 


trinken, damit sie im Himmel leben 
können 31 ). Ferner gilt der R. als die 
Schale, aus der der liebe Gott bei Er¬ 
schaffung der Welt die Vögel und Tiere 
bemalt, deren Farbe aber jetzt ver¬ 
trocknet sei 32 ). Oder der R. ist ein 
Strahl des Lichts, das aus dem Himmel 
auf die Erde falle, wenn Petrus die 
Himmelstüre öffnet 33 ). Oder er wird 
als Peitsche des Luzifer angesehen, mit 
der dieser seine kleinen Teufel züchtigen 
wolle (alles aus der Prov. Posen) 34 ). 

Ähnliche dingliche Auffassungen des 
R.s kennen wir wiederum bei Indianern. 
Die Dene-Indianer vom Hasenfellstamm 
glauben im R. das Gewebe einer Unge¬ 
heuern Spinne zu sehen, die die Sonne 
fangen will. Bei den Mohaven in Arizona 
ist der R. der Zauber, dessen der Welt¬ 
schöpfer bedarf, um den Regen aufhören 
zu lassen; die Farben sind die ver¬ 
schiedenen Zaubermittel; um einen hef¬ 
tigen Regensturm zu beendigen, braucht 
er die ganze Farbenreihe 35 ). 

Schließlich ist der religiös-symboli¬ 
schen Deutung hier zu gedenken, die 
der R. im Alten Testament erfährt, als 
Gott nach der Sintflut mit Noah den 
Bund eingeht und den R. zum Zeichen 
dieses Bundes in die Wolken setzt 36 ). 
Es versteht sich fast von selbst, daß 
diese Erklärung des R.s in den anderen 
europäischen Völkern mit der Ausbreitung 
des Christentums übernommen und neben 
den eigenen mythischen, die wir bisher 
erwähnten, der Nachwelt mitüberliefert 
wurde 37 ). Abwandlung der Deutung und 
Verschmelzung mit anderer Vorstellung 
bleibt dabei nicht aus. So ist den Schwa¬ 
ben (Oberndorf) der R. das Zeichen der 
Versöhnung der Menschen mit Gott wie 
in der Genesis; aber er wird zugleich der 
Bibelstelle entgegen aus mythischer Er¬ 
innerung dinglich gesehen: die guten 
Toten müssen beim Jüngsten Gericht 
über ihn als Brücke in den Himmel ein¬ 
ziehen. Unter den Bösen bricht diese 
Brücke zusammen. Hoch oben sitzt als 
Wächter derselben ein Engel, der die 
Toten zum Jüngsten Gericht mit seiner 
Posaune ruft 38 ). Nach anderer Version 


hier beide Vorstellungen vermischt), die 
die Engel nach einem Gewitter — dieses 
als Kampf zwischen Himmel und Erde 
aufgefaßt — heraushängen 39 ). Sehr derb 
ist folgende Umdeutung der Genesis¬ 
erzählung, die aus der Provinz Posen 
stammt: 

Als Noah mit dem Bau der Arche fertig war, 
fing er aus Freuden an, Wein zu trinken, und 
da ihm der Wein gut schmeckte, trank er so 
lange, bis er sich betrunken hatte. Seit dem 
Tage mußte er immer an den Wein denken, 
und so nahm er denn auch, als er in die Arche 
ging, mehrere Tonnen von dem edlen Getränk 
mit sich. Vierzig Tage lang soll er nun in der 
Arche Wein getrunken haben, so daß er fast 
immer trunken war. Als die große Flut zu 
Ende und er aus der Arche gestiegen war, nahm 
er die Reifen von den leeren Tonnen und brachte 
sie Gott zum Opfer dar. Und Gott nahm auch 
dieses Dankopfer an, da Noah bei ihm in großer 
Gnade stand. Zum Andenken an die Sintflut 
und das Dankopfer Noahs nun läßt der liebe 
Gott noch heute den Menschen die Reifen er¬ 
scheinen: es sind die Regenbogen, die sich nach 
einem Regen in den Wolken zeigen. Wenn 
die Dorfbewohner einen solchen Regenbogen 
erblicken, so pflegen sie zu sagen: ,,Mit dem 
Regen ist es zu Ende, denn die Reifen, die Noah 
von den Tonnen genommen und Gott geopfert 
hat, sind schon zu sehen“ 40 ). 

In diesem Zusammenhänge ist, wie es 
scheint, auch des zweiten, umgekehrten 
und blässeren R.s zu gedenken. Er wird 
als teuflische Nachahmung des ersten 
R.s — des göttlichen Werkes — be¬ 
zeichnet (z. B. Schwaben, Baden, Luxem¬ 
burg) 41 ). — Unvollständige R. nennt 
man Wasser- oder Wettergallen; sie 
gelten als gefährlich und werden wohl 
ursprünglich ebenfalls als dämonische 
Wesen aufgefaßt sein 42 ). 

l ) ZfVk. 6 (1896), 233; Urquell 1 (1890), 86; 
Meyer Baden 417; Grohmann 40 Anm. 
Literaturverweis: Urquell 4 (1893), 262 Anm. 
2 ) Tzetz. AUeg. Hom. II. 24, 51 dvEppd'^aev 
üypov i'A. toü reAdpoo;; Vergil Georg. 1, 
380; vgl. Ovid Met. 1, 270 t. 3 ) Auch: SAVk. 
12 (1908), 21 (Baselland); Lütolf Sagen 38; 
And ree Braunschweig 410; ZfVk. 21 (1911), 
392 (Rogasen); 4 (1894), 82; 9 (1899), 231. 
Vgl. Regenbogen am Morgen, des Hirten Sorgen; 
Regenbogen am Abend, den Hirten labend: 
ZfVk. 9 (1899), 231; Kück Wetterglaube 114; 
Bartsch Mecklenburg 2, 212 (Schwerin, Rib- 
nitz). Daher heißt es wohl anderwärts auch, 
der R. bringe schönes Wetter (John West¬ 
böhmen 240; Meyer Baden 517). — Historische 
Notiz für Deutschland: Keller Grab des Aber- 


Regenbogen 


59 i 


Regenbogen 


592 


glaubens 4, 210. Antike Belege bei O. Gilbert 
Die meteorol. Theorien des griech. Altertums 
S. 604 A. 4. 4 ) Meier Schwaben 1, 229 Nr. 6. 

6 ) ZfVk. 21 (1911), 392 - 6 ) Urquell 1 (1890), 86. 

7 ) Panzer Beitrag 1, 28 f. 8 ) Müller Sieben¬ 
bürgen 166 Nr. 235. ®) ZfVk. 6 (1896), 233. 

10 ) Urquell 4 {1893), 261. u ) Ebd. 4 (1893), 262. 
12 ) Ebd. 262. 13 ) Ebd. 1 (1890), 73. 14 ) SchwVk. 
9, 5; Meyer Baden 517; Birlinger Volkst. 1, 
196, vgl. John Westböhmen 241. l5 ) ZfVk. 1 

(1891), 76 (ebd. 'Sonnenring'). 16 ) Aristot. 
Met. III cap. 4. 5. Dazu und zum Folgenden 
die Darlegungen bei O. Gilbert Die meteorolog. 
Theorien des griechischen Altertums 607 ff. 
17 ) Senec. quaest. nat. 1, 6—■8. 18 ) Buch der 

Natur S. 79 ff. 19 ) de subtilitate lib. IV. Separat- 
Ausgabe von 1559 (Lyon) p. 157 ff. 20 ) St oll 
Zauberglauben 131; vgl. John Westböhmen 241: 
Sagt man zum R.: 'Himmelsring', so sagt die 
Mutter Gottes: ‘du bist mein Kind'; sagt man 
aber: R., so sagt die Mutter Gottes: ‘dich soll 
der Teufel huln' (Nallesgrün). 21 ) Birlinger 
Volkst. 1, 196. 22 ) Grimm Mythol. 694 f.; 

vgl. Wolf Beitr. 2, 6. 23 ) Chantepie de la 

Saussaye Lehrb. d. Religgesch. 1, 274. 24 ) Ilias 
15, 144. 2S ) Eine fast naturmalende Beschrei¬ 

bung bei Vergil. Aen. 9, 14 f., vgl. 4, 694. 700 f. 
26 ) s. A. 21. 27 ) Strackerjan 2, 109. 28 ) SAVk. 
14 (1910), 271. 29 ) Vgl. ZfVk. 7 (1897), 235. 
30 ) Ebd. 21 (1911), 390. 31 ) Ebd. 32 ) Ebd. 

33 ) Ebd. u ) Ebd. 35 ) Urquell 4 (1893), 261 f. 
36 ) Genesis 9, 13 ff. 37 ) ZfVk. 21 (1911), 39 ° 
(poln. Mitt. aus Kaziopole bei Rogasen). 
38 ) Birlinger Volkst. 1, 197. 39 ) ZfVk. 21 

(1911), 390. 40 ) Ebd. 41 ) Birlinger Volkst. 

1, 196; Meyer Baden 517; Mersch Die Luxem¬ 
burger Kinderreime 84. Hier weiß man zu 
sagen, daß nicht nur Gott, sondern auch Maria 
den oberen R. geschaffen haben kann. S. noch 
Meier Schwaben 1, 227; Dähnhardt Natur¬ 
sagen 1, 172. 346. — R. gottgeweiht ZfVk. 21 
(1911), 391. 42 ) ZfVk. 9 (1899), 231; Meyer 

Baden 517. 

2. Volksglaube. Entsprechend diesen 
mythischen Vorstellungen verbindet der 
Volksglaube mit dem R. allerlei An¬ 
sichten, in denen dieser entweder als 
schaden- oder segenstiftend erscheint. 
Die Ansichten lassen fast alle auf die 
Annahme irgendwelcher magischer Zu¬ 
sammenhänge zwischen menschlicher 
Tätigkeit und R. schließen. Ausge¬ 
nommen dürften die Sätze sein, in denen 
das Erscheinen des R.s für die Prophe¬ 
zeiung der kommenden Witterung aus¬ 
geweitet wird; hier liegen meistens Er¬ 
fahrungstatsachen zugrunde. 

Gefährlich ist es in Westböhmen für 
ein noch nicht sieben Jahre altes Mädchen, 
unter einem R. hinwegzuspringen, es 


könnte ein Knabe werden 43 ). Ähnliches 
berichtet man (ohne Altersangabe) aus 
Westfalen und verweist auf die Sage von 
der wilden Johanne in Gravenhorst bei 
Münster 44 ). Aus Wernstadt (Böhmen) 
wird berichtet, daß das Haus vom Un¬ 
glück heimgesucht werde, über das der 
R. geht 45 ). Weil der R. selbst Gott 
oder Gottes Werk ist, soll man auch 
nicht mit Fingern auf ihn (oder die 
Wassergalle) weisen, um ihn nicht zu 
profanieren (wie bei Blitz Sp. 1415 und 
Gewitter Sp. 826) 46 ). Der Finger schwin¬ 
det, sagt man in Schlesien 47 ); Gott 
straft, heißt es im Harz 48 ); der Finger 
fällt ab, glaubt man in Böhmen (Starken¬ 
bach) 49 ); nach österreichischem Glauben 
kommt der Wurm in den Finger 50 ). 
Übrigens kennen dasselbe Verbot auch 
die Chinesen und die Inder 51 ). Schlie߬ 
lich soll man, sagt der Böhme, nicht R. 
sagen, sondern Gottes R.; das bloße 
Aussprechen des Wortes R. gilt als 
Sünde 52 ). Anderswo heißt es, man solle 
nur die Bezeichnung Himmelsring ver¬ 
wenden, da das Wort ‘R.’ eine magische 
Wirkung auf den R. ausübe, so daß es 
zum Regnen kommt (s. o. Sp. 588). 

Demgegenüber stehen die Vorstellungen 
von der Segen bringenden Macht des 
R.s. Sehr verbreitet ist der Glaube, 
daß ein über den R. geworfener Hut oder 
in ihn geworfenes Stück Eisen, Blei oder 
anderes gemeines Metall Gold bringe: 
der Hut fällt mit Gold gefüllt nieder, 
das Eisen verwandelt sich selbst in Gold. 
Der Zusammenhang dieser Vorstellung 
mit der mythischen Erklärung vom R. 
als Schatzhüter und Schatzspender (s. u. 
Sp. 593 f.) ist deutlich zu erkennen. Auch 
ein in den R. geworfener Schuh oder 
Geldsack kommt mit Gold gefüllt zurück; 
selbst der Stein wird dann zu Gold 53 ). 
Die Verbindung zwischen R. und Schätzen 
wird immer wieder betont; so heißt es in 
Böhmen, daß dort, wo ein R. drei Sonn¬ 
tage hintereinander aufliege, ein Schatz 
verborgen sei M ). Interessant ist eine 
Ausdeutung der Farben des R.s in 
Baden: in Göbrichen bei Pforzheim soll 
derjenige, der einen R. sieht, schnell 
Nelkensamen säen, weil es dann ‘aller¬ 


593 


Regenbogen 


594 


hand farbige* Nelken gäbe 55 ). Auch 
medizinische Bedeutung hat der R. Wer 
von den Zigeunern über Pfingsten einen 
R. sieht, kann sich auf leichte Weise ein 
gutes Mittel gegen den Tollwurm der 
Tiere verschaffen, indem er ein Messer 
für die Dauer der R.erscheinung in die 
Erde steckt: Mit einem so geweihten 
Messer kann man am sichersten den 
Tollwurm unter der Zunge rasender Tiere 
schneiden 56 ). So ist schließlich der R. 
bei jemandes Geburt sogar ein gutes 
Omen; er wird ein tüchtiger Mensch 
werden 57 ), oder auffallend schön, wenn 
derjenige Teil des R.s, der die Erde 
berührt, über ihn hinwegscheint (Zi¬ 
geuner) 68 ). 

Die naturgemäße Fortsetzung unserer 
Darstellung muß hier zu einer Betrach¬ 
tung des sog. R.schüsselchens führen; 
mit ihm hat der Volksglaube sich be¬ 
sonders liebevoll beschäftigt. Wir rücken 
hier die Ausführungen des verstorbenen 
Professors Olbrich ein, die dieser dankens¬ 
werterweise der Redaktion unseres Hand¬ 
wörterbuchs einsandte. Wir können uns 
mit ihnen vollständig einig erklären; ledig¬ 
lich einige Materialangaben sind nachge¬ 
tragen. Olbrich schreibt: Weit verbreitet 
ist der Aberglaube, daß dort, wo der R. 
auf die Erde aufstößt, sich große Schätze 
finden, vor allem kleine goldene Schüssel- 
chen. Das gemeine Volk, sagt Zedier, 
meint, sie seien aus der Luft erzeugt, 
schätzt sie wegen ihrer Seltenheit hoch 
und teuer ein und mißt ihnen unbeschreib- 
bare Tugenden und Kräfte zu; denn wie 
Gott den R. zu Gnaden eingesetzt, 
müßten auch die Schüsselchen davon 
herrühren und nichts anderes als Glück 
mit sich bringen, zumal in ihrer Mitte 
oft ein Stemlein oder Kreuz abgebildet 
sei. In Schwaben meint man, wo ein R. 
die Erde berührt, lassen die Englein 
goldene Schüsselchen fallen, die von der 
Größe eines Halblotgewichtleins sind. In 
Bayern glaubt man, der R. stelle sich 
auf zwei Gewässer und schlürfe aus 
ihnen goldene Schüsseln; man hält ein 
solches hoch in Ehren als ein wahres 
Schatzgold. In Tirol hält man schnell 
den Hut unter das Ende des R.s; ist er 


mit der Öffnung nach oben gerichtet, so 
wird er mit Gold gefüllt; deckt der Hut 
aber mit seiner Öffnung den Boden, so 
darf man ihn nimmer wegnehmen, denn 
im Nu haben sich giftige Schlangen unter 
ihm angesammelt. In Schlesien heißt 
es, nur ein nackter Mann könne den 
Schatz heben, der dort begraben liegt, 
wo der R. auf die Erde stößt. Dem, der 
es besitzt, bringt das R.schüsselchen Glück 
und Segen, ebenso dem Hause, wo es sich 
befindet. Selbst für den höchsten Preis 
soll man es nicht verkaufen, denn in ihm 
steckt Glück genug. Verliert oder ver¬ 
kauft man es, so weicht das Glück. Dem 
R.schüsselchen schrieb man auch Heil¬ 
wirkungen zu. Der gemeine Mann legt 
es in Getränke als Mittel gegen Fieber 
(Zedier); bei schweren Geburten schabte 
man etwas von dem Schüßlein ab und 
gab es der Frau zu trinken. Als Amulett 
schützt es Kinder vor Krämpfen, ebenso 
wenn man sie daraus trinken läßt (Bayern); 
in Franken schüttet man in das Schüssel¬ 
chen Muttermilch und träufelt sie den 
an Fraisen kranken Kindern in den Mund. 

Der Aberglaube ist dadurch entstanden, 
daß man nach Regengüssen aus dem 
Boden herausgespülte prähistorische Mün¬ 
zen fand. Nach den Fundorten hält 
man sie für keltische, in Altbayern, wo 
sie sehr häufig Vorkommen, für römische 
Goldmünzen 59 ). 

Eine besondere Stellung scheint eine 
Reihe von Ansichten über den R. am 
Weitende einzunehmen. Schon oben 
war auf den Weg der guten Toten zum 
Himmel beim Jüngsten Gericht ver¬ 
wiesen worden ®°). Der Zusammenhang 
zwischen R. und Weitende erscheint 
deutlich in einem Kinderreim; der R. 
ist hier der Weg, auf dem Gott dann 
zum Gericht kommen wird. Das Gebet 
heißt: 

Wenn der jüngste Tag wird werden, 

Fallen die Sternlein auf die Erden, 

Beugen sich die Bäumelein, 

Singen die lieben Engelein, 

Kommt der liebe Gott gezogen. 

Auf einem schönen Regenbogen. 

Tretet in die Spitzen, 

Wo die lieben Englein sitzen, 

Tretet in die Bahn, 

Der liebe Gott wird uns Alle erhör’n. Amen 61 ). 


595 


Regenbogen 


596 


Stemenfall und Aufzug des Engelheeres 
sind die bekannten schon in der Antike 
verarbeiteten eschatologischen Vorstel¬ 
lungen, die das Ereignis begleiten sollen. 
In Zusammenhang damit seien noch zwei 
Anschauungen erwähnt, die R. und Weit¬ 
ende verbinden. In der Provinz Posen 
bezeichnet man den R. als die Straße 
des Sterns, der einmal die Erde zer¬ 
stören wird, denn der Stern sei ein 
feuriger Körper, der die Erde in Brand 
setzen werde 62 ). Das geht einerseits auf 
Apocal. 8, iof. zurück, anderseits an¬ 
scheinend auf die Vorstellung vom Ko¬ 
meten, in dessen Schweif die Erde ver¬ 
brenne (s. Kometen Sp. 96). Hier 
scheint der Schweif des Kometen zum 
Himmel und Erde verbindenden R. 
geworden zu sein. Neben dieser, wenn 
nicht ursprünglich auf dem Boden des 
Christentums erwachsenen, so ganz chri¬ 
stianisierten Vorstellung von R. und 
Weitende steht noch eine schöne andere, 
die deutlich mythisches Denken der 
heidnischen Kulturstufe erkennen läßt: 
Wenn es regnet, heißt es in Belp (Bern) 
und die Sonne scheint und es gibt keinen 
R., so geht die Welt unter (weil etwas 
Widernatürliches vorgefallen ist) 63 ). 

43 ) John Westböhmen 240; vgl. die ähnliche 
serbische Anschauung von Erwachsenen bei 
Grohmann 40 Anm. 44 ) ZfVk. 5 (1895), 127; 
vgl. Grimm Myth. 2, 611. 45 ) Grohmann 

41 Nr. 252. 46 ) Grimm Myth. 2, 611; John 

Westböhmen 240; Urquell 3 (1892), 108; Andree 
Braunschweig 403 usw. 47 ) Drechsler 2, 139; 
vgl. Alemannia 24, 154 und SchwVk. 10, 37. 
48 ) Wuttke 14 §11; ZfdMyth. 1 (1853), 202. 
4fl ) Grohmann 41 Nr. 251. 50 ) ZföVk. 9 (1903), 
216. 51 ) Liebrecht Zur Volk sh. 341. 52 ) Groh¬ 
mann 40 Nr. 246 (tsch.). 53 ) ZfdMyth. 1, 237; 
3, 29; Grohmann 41 Nr. 248; Heyl Tirol 798 
Nr. 234; Meier Schwaben 1, 229 (aus Grau¬ 
bünden); SchwVk. 9, 5. Vgl. Wuttke 411 
§ 638. Interessant SAVk. 3, 196. M ) Groh¬ 
mann 40 Nr. 247. 55 ) Meyer Baden 517. 

56 ) SAVk. 14 (1910), 271. 57 ) ZfVk. 21 (1911), 

392. 58 ) SAVk. 14 (1910), 271. 59 ) Zedier 30, 
J 755 ff.; Grimm Myth. 3, 455 Nr. 598; Bir- 
linger Volksth. 1, 196 Nr. 309 7 u. Nr. 310; 
Meier Schwaben 227 f. Nr. 2—5 u. 503 Nr. 359; 
Sepp Sagen 28 h.; Heyl Tirol 708 Nr. 234; 
Reiser Allgäu 2, 430 Nr. 56; Schönwerth 
Oberpfalz 2, 129 f.; Drechsler 2, 138 u. 204; 
MschlesVk. . 11 (1904), 9; Kühnau Sagen 3, 
709 f. Nr. 2112; Witzschel Thüringen 2, 276 
Nr. 3; Bartsch Mecklenburg 2, 212 Nr. 1072; 


M üllenhoff Natur 21 Nr. 33; Schräder Real- 
lex. 288 s. v. Gold; Schöppner Sagen 2, 9. 
Nr. 481; Lammert 124; Meyer Aberglaube 
104; Ho vorka-Kronfeld 2, 675; Keller 

Grab d. Abergl. 4, 99 f.; Seligmann 2, 18. — 
Ergänzend fügen wir hinzu: John Westböhmen 
240; Meyer Baden 517; Seyfarth Sachsen 251; 
Alemannia 34 (1906), 269 (Walldürn); Köhler 
Voigtland 433; ZfdMyth. 1 (1853), 237 Nr. 17 
(Unterinntal); Kühnau Sagen 3, 710. 60 ) s. 

Anm. 38. 61 ) Urquell 1 (1890), 86. 62 ) ZfVk. 21 
(1911), 390. — Weitere Literatur über diese 
volkstümlichen Ansichten bei H. Gaidoz in Me¬ 
lusine Bd. 2—5. 7. 10 (L’arc-en-ciel), ferner 
RTrp. 12, 627; 15, 117; 16, 468. 556; 17, 55; 
Sebillot Folk-Lore 1, 66. 90; S. Merian Die 
franz. Namen des R.s (Diss. Basel 1914)- 63 ) SA¬ 
Vk. 8, 271. Vgl. den ähnlichen Glauben über 
Weltuntergang bei Finsternissen (s. d. Sp. 1512), 
der sich aus der gleichen Vorstellungsweise 
erklärt. 

3. Astrologisches. Daß sich unter 
den vielen himmlischen Erscheinungen 
die Laienastrologie auch des R.s an¬ 
genommen hat, erwähnen wir nur, weil 
Luther mit dem Erscheinen eines R.s 
den Tod des Kurfürsten Friedrichs des 
Weisen in Verbindung gebracht hat. 
,,Das Zeichen seines Todes", schreibt 
Luther in einem Briefe an Joh. Rühel 
unterm 23. Mai 1525, ,,war ein R., den wir, 
Philips und ich sahen . .“ (folgen noch 
zwei Wunderzeichen) €4 ). Die Stelle be¬ 
weist nämlich, daß von den byzantini¬ 
schen R.aussagen, die sich in wenigen 
griechischen Hss. finden 65 ), doch einiges 
auch nach Deutschland im Zusammen¬ 
hang mit den astrologischen Studien des 
15. und 16. Jh.s gedrungen ist. Diese 
byzantinischen Listen, die aus dem R. zu 
den Monaten ihre Aussagen machen teils 
mit Rücksicht auf den Mond, teils ohne ihn 
zu beachten, sind nach dem Schema der 
Blitz-, Donner- und Mondwahrsagebücher 
entworfen, die in der Antike von den 
Astrologen geschrieben wurden (s. z. B. 
Donner Sp. 321, Planeten Sp. 44 f.). Die 
beiden mir bekannten Listen berichten 
(nach dem Schema: Wenn im April am 
Himmel ein R. erscheint, so . . .) neben 
der Witterung über Hungersnot und 
Tiersterben, aber auch über den Tod von 
Königen 66 ), Großen oder über Krieg 
im Westen sowie über böses Ergehen 
des persischen Volkes. Melanchthon 
und nach ihm Luther wird seine 


597 


Regenbogenschüsselchen—Regenorakel 


598 


Aussage auf eine ähnliche Angabe ge¬ 
stützt haben 67 ); bekanntlich achtete 
ja auch Luther die Himmelserscheinungen 
als Zeichen, die Gott den Menschen 
gegeben habe 68 ); die Idee eines ursäch¬ 
lichen Zusammenhangs freilich, wie sie 
Melanchthon und die zünftigen Astro¬ 
logen vertraten, pflegte er allerdings stets 
entrüstet als falsch zurückzuweisen 69 ). 

64 ) Mit geteilt von A. Warburg Heidn. antike 
Weissagung ... zu Luthers Zeiten. Jetzt in 
Ges. Schriften 2, 522 A. 2. 65 ) Cat. codd. astrol. 

Graec. III 47 f., X 170. Dazu eine Theorie 
über die Farben und die Zeiten der Prognose 
VIII 1, 139!. — Übrigens registrierte man die 
R.n wie Blitze und Erdbeben schon in Baby¬ 
lonien (Meißner Babyl. u. Ass. II 409). 
M ) Cat. codd. astr. III 48 zum November: ’Edv 

VOEpßptlü TO TÖ£oV <p<ZV 7 |, Eie l‘A T( 1 >V ßotCJlXECOV 

TEÄEUTTjCtEt .... Die Hs. stammt aus dem 14./15. 
Jh. 67 ) Daß solche Listen in der Tat bekannt 
geworden waren, beweist auch eine Angabe 
bei Müller Siebenbürgen 71 aus einer Chronik, 
in der es heißt: 1654 am 17. Dezember ist ein 
R. bemerkt worden, zu solcher Zeit ein böses 
Anzeichen. In der Tat heißt es in der genannten 
griechischen Hs. zum Dezember: ei; ttjv Sustv 
cpövot fjLeydXoi löovtau 68 ) Vgl. Art. Finster¬ 
nisse Sp. 1519. 69 ) A. Warburg Ges. Schriften 

2, 512 und 545. 549. Stegemann. 

Regenbogenschüsselchen s. Regen¬ 
bogen 2. 

Regenorakel. Mit Regen an bestimmten 
Tagen verbindet sich im deutschen Volks¬ 
glauben allerlei Aberglauben, der in Re¬ 
geln zusammengefaßt umgeht. Die in 
diesen Regeln ausgesprochenen Ansichten 
gehen teils auf einfache Naturbeobachtun¬ 
gen zurück, teils wirken in ihnen 
alte Anschauungen von der göttlichen 
Kraft des Regens (s. Regenwasser) nach. 
Die erste Gruppe bezieht ihre Schlüsse 
meist entweder auf das kommende Wetter 
oder auf den Ausfall der Ernte; die 
zweite Gruppe hat Ereignisse des Lebens 
zum Gegenstand ihrer Betrachtung. Von 
dem großen Schatz heben wir einiges 
heraus. 

1. Wetter- und Ernteregeln, 
a) Wetterregeln. Die wohl verbreitetste 
Anschauung ist die, daß Regen während 
des sonntäglichen Kirchgangs eine Regen¬ 
woche im Gefolge habe 1 ). Zuweilen ! 
wird die Regenperiode sogar auf 7 Wochen 
ausgedehnt 2 ); doch kennt man in man¬ 


chen Gegenden die Regel auch wieder in 
der Form, daß es nur den Sonntag 
oder die ganze Woche regne 3 ), womit in 
lustiger Weise die Unsicherheit dieser 
ganzen Prognose charakterisiert wird. 
Bekannt ist die Regel, daß Regen am 
Freitag auf Regen am Sonntag schließen 
lasse 4 ); doch prophezeit man hier auch 
das Gegenteil und erwartet wenigstens 
aus Frühregen am Freitag schönes 
Sonntagswetter 5 ). 

Daneben dient der Regen an gewissen 
hervorragenden Festen des Kirchenjahres 
zu mancherlei Wetterprognosen auf län¬ 
gere Zeit. Z. B.: Warmer Regen am Kar¬ 
freitag bringt einen warmen Frühling 
(Lohne, Oldenburg) 6 ); andere fassen den 
Karfreitagsregen als Hinweis auf Dürre 
im kommenden Jahr (Schwaben, Böhmer¬ 
wald) 7 ). Regnet es am Ostertag, so 
soll es alle Sonntage bis Pfingsten regnen, 
sagt man in Brütz (Mecklenburg) 8 ); in 
Westböhmen erwartet man allgemein viel 
Regen zwischen Ostern und Pfingsten, 
wenn es am Tag vor Ostern oder am 
Weißen Sonntag (8 Tage nach Ostern) 
regnet 9 ). In dem erwähnten mecklen¬ 
burgischen Brütz bringt Regen am Him¬ 
melfahrtstag vermutlich ein unfrucht¬ 
bares Jahr 10 ). In Dithmarschen weiß 
man zu sagen, daß auf Regen am ‘Peter 
Kett’ (= 1. August) vier Wochen lang 
Regen folgen wird 11 ). Über Regen am 
Dreifaltigkeitssonntag ist man geteilter 
Meinung 12 ). — Daneben sei die nur auf 
den gegenwärtigen Tag bezogene Regel 
erwähnt, daß es nachmittags des Tages 
nicht regnen wird, an dem vom Morgen 
an der Regen fällt 13 ). 

b) Ernteregeln. Regnet es in den 
Faschingstagen, so hofft man auf viel 
Gemüse (in Kärnten, Howenen 14 ). Kar¬ 
freitagsregen (man sagt auch ‘wenn es 
dem Herrn Christus ins Grab hinein¬ 
regnet') 15 ) versengt den Rasen sieben Mal 
(s. o.) und macht in dem Jahre die 
Erde nicht satt (Thüringen, Schwaben, 
Hessen, Mecklenburg) 16 ); in Westböhmen 
hat man dafür die Formel: ‘Charfreita 
Reg'n, ist's Heu's ganze Jahr z'weng' 17 ). 
Ähnlich heißt es in Mecklenburg und 



599 


Regenorakel 


Regenpfeifer—Regen Vorzeichen 


602 


Hessen, daß Osterregen das ganze Jahr 
die Erde nicht satt mache 18 ). Der Regen 
am 1. Mai hingegen 'regnet Butter' (An¬ 
halt). Dieses Wort hängt wohl mit der 
Fruchtbarkeit zusammen, die durch den 
Regen dem wachsenden Grünfutter ge¬ 
bracht wird 19 ). Dagegen am 1. Pfingsttag 
darf es nicht regnen; die halbe Nahrung 
könnte hin sein (d. h. wohl Getreide, Kar¬ 
toffeln usw.) 20 ). In Grafenried (West¬ 
böhmen) regnet es dann Vogelwicken 21 ). 
Regen am Dreifaltigkeitssonntag regnet 
an der Hohen Möhr (Baden) den dritten 
Teil des Getreides hinweg 22 ). Es folgt 
der Johannistag. Im Erzgebirge bringt 
Johannistagregen ziemlich sicher nasse 
Ernte 23 ), ebenso in Mittenwalde und 
Fahrland bei Potsdam 24 ). Regnet es 
an dem Tage nicht, so erwartet man in 
Pommerellen und Schlesien gute und 
viele Nüsse 25 ), in Schlesien auch viele 
schwangere Mädchen 26 ). Walpurgisnacht¬ 
regen endlich hat Tenn' und Keller stets 
gefüllt in Westböhmen, Westpreußen, 
Schlesien und der Provinz Sachsen 27 ); 
in Mecklenburg glaubt man ein unfrucht¬ 
bares Jahr im Gefolge dieses Regens 28 ). 

Neben diesen an ganz bestimmte Tage 
anknüpfenden Regeln stehen einige all- j 
gemeinere. 'Regen auf die Pötten (Knos- ' 
pen), bringt volle Hotten' (Tragkörbe), j 
sagt man in Mecklenburg 29 ), wie man 
auch sonst gerne sieht, daß es nach der 
Feldbestellung regnet, weil 'es die Körner, j 
die aufliegen, in die Erde ziehe und j 
dann alles wachse', was guten Ernte¬ 
ertrag verspricht 30 ). Nur bei Obstblüte j 
hat man den Regen nicht gern; schnelle ; 
ohne Regen vergehende Obstblüte bringt 
erst den Segen (Heidenheim) 31 ). Zur 
Zeit der Heuernte ist Regen natürlich j 
verpönt 32 ). j 

Unter die Ernteregeln gehört endlich j 
auch die von der Wirkung des Regens bei I 
Sonnenschein: das bedeutet Mehltau für j 
die Pflanzen, denn dieser Regen ist ein 
Giftregen (Oldenburg und sonst) 33 ). i 

1 ) Köhler Voigtland 396; John Erzgebirge j 
2 5 o; vgl. Alemannia 24,155 (Wiesloch). 2 ) John j 
Westböhmen 236. 3 ) Drechsler 2, 149: Enge- ! 
lien und Lahn 281. 4 ) John Erzgebirge 250, j 

vgl. ‘Freitagswetter — Sonn tags wetter’ (allge¬ 
mein). 5 ) John Erzgebirge 250. 8 ) Stracker- 



jan 2, 70. 7 ) Meier Schwaben 2, 389; Schra- 
; mek Böhmerwald 146; vgl. Grimm Mythol. 
! 3 » 474 Nr. 1044. 8 ) Bartsch Mecklenburg 2, 

262. •) John Westböhmen 236. 10 ) Bartsch 

Mecklenburg 2, 270. n ) ZfVk. 24 (1914), 59. 
12 ) Sartori 3. 218. 1S ) Urquell 4 (1893), 89. 
i J4 ) ZföVk. 4 (1898), 148. 15 ) Wuttke 75 §87. 

[ 16 ) Ebd. 17 ) John Westböhmen 236. 18 ) Bartsch 
j Mecklenburg 2, 262; Wuttke S. 72 § 83. 

19 ) Mitt. Anh. Gesch. 14, 20. 20 ) ZfVk. 1 (1891), 
70; Kück Wetterglaube 68. 21 ) John West¬ 
böhmen 78. 22 ) Meyer Baden 506. 23 ) John 

: Erzgebirge 207; vgl. Kück Wetterglaube 71. 

| 24 ) Engelien und Lahn 234. 25 ) ZfdMyth. 3, 

| 104 A. 4; Drechsler 1, 146. 26 ) Drechsler 

; U 146- 27 ) John Westböhmen 73; Wuttke 

; S. 76 § 88. 28 ) Wuttke S. 76 § 88 . 29 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 212. 30 ) ZfVk. 2 (1892), 191. 

31 ) Eberhardt Landwirtschaft 13. 32 ) Panzer 
Beitrag 1, 266. 33 ) Strackerjan 1, 21; Enge¬ 
lien und Lahn 281; s. a. Wolf Beiträge 2, 387. 

; 2. Regen als Künder von Ereig¬ 

nissen im Leben. Da niemand mit 
| dem Regen als Spender oder Zerstörer 
der Fruchtbarkeit so verbunden ist, wie 
der Landmann, — alle im vorigen Ab¬ 
schnitt aufgezählten Regeln sind Bauern¬ 
regeln — wird man nicht umhin kön¬ 
nen, die auf das Leben bezogenen R. 
wesentlich in bäuerischen Kreisen ent¬ 
standen zu denken. 

Regen beim morgenlichen Ausgang ist 
unheilvoll, man soll sofort umkehren 
(Schlesien) 34 ). Besonders wichtig wird 
der Regen am Hochzeitstag genommen; 
aber die Urteile über seine Bedeutung 
widersprechen sich 3S ). Im allgemeinen 
scheint die Ansicht zu überwiegen, daß 
die Ehe, wenn es auf den Brautkranz 
regnet, gesegnet sei. Reichtum wird 
vornehmlich prophezeit 36 ). Dem stehen 
die andern Deutungen gegenüber: man 
habe Unglück 37 ), die Frau werde körper¬ 
lich mißhandelt, beide Gatten hätten 
Herzeleid und trübe Tage 38 ), kurz es folge 
eine ‘bösi Eh' 39 ), wie es im Baselland 
heißt — ‘Viel Regen, viel Tränen'. Zu¬ 
weilen wird der Stärkegrad des Regens 
noch besonders gewertet: sanfter Regen 
am Hochzeitstag bringe Segen, starker nur 
Tränen, sagt man in Schlesien 40 ). In 
Westböhmen wiederum ist es entscheidend, 
ob dieser Regen vormittags oder nach¬ 
mittags fällt; nur der Vormittagsregen ist 
nämlich daselbst als glückbringend ange¬ 
sehen (Egerland, Plan) 41 ). Am Einzugs- 








tag bedeutet ebenda Regen Glück 42 ). Im 
Erzgebirge wünscht man den Regen am 
Hochzeitstag, aber nicht mit Sonnen¬ 
schein. Auch Regen am Tage vor der 
Hochzeit ist Künder kommenden Un¬ 
glücks 43 ). Ähnlich Lausitz: Wenn es vor 
der Trauung regnet, folgen Tränen, wenn 
nach ihr, Reichtum und Kindersegen 44 ). 

Nächst dem Hochzeitstagregen bedeutet 
Regen auf Grab und Leichenzug Besonde¬ 
res. Im allgemeinen hebt man Regen auf 
das Grab, denn dieser bringt Reichtum 45 ). 
Regen bei einem Leichenbegängnis weist 
darauf hin, daß der Verstorbene ins 
Himmelreich komme, im andern Fall 
weiß man, daß er nicht dorthin gelangt 
ist 46 ). Man hat trefflich den Volksspruch 
'es regnet, Gott segnet’, der sich zunächst 
auf die Frucht bezieht, auch hier zur 
Erklärung beigezogen: hier wirkt sich 
die Vorstellung von dem himmlischen, 
segenspendenden Naß der Gottheit aus 
(s. Regen Sp. 577 f.). 

Aber auch hier ist die Überheferung 
nicht einheitlich. Für den Bewohner 
mancher Gegend des Erzgebirges ist 
Regen am Begräbnistag ein Zeichen 
dafür, daß der Tote viel gehtten hat und 
ungern gestorben ist 47 ), auch daß er 
ungerecht war (‘dem Gerechten regnets 
am Ehrentag, dem Ungerechten am 
Sterbetag') 48 ). In Schlesien deutet Regen 
bei dem Begräbnis einer Bauersfrau darauf 
hin, daß 'sie die Milch zu viel getauft 
habe' 49 ). 

Regen in ein neues Grab ist Vorzeichen 
für den baldigen Tod irgend jemandes 50 ). 
Regnet es bei einem Umzug, so werden 
die Leute reich (Voigtland: Reichenbach, 
Oelsnitz; Erzgebirge) 51 ). 


34 ) Urquell 3 (1892), 108; Drechsler 2, 156. 
35 ) Strackerjan 2, 109. 36 ) Köhler Voigtland 
385. 438; John Erzgebirge 93; Liebrecht 
Zur Volkskde. 328; Wolf Beiträge 1, 211; John 
Westböhmen 236; SAVk. 12 (1908), 214 (Schafi¬ 
hausen); Schramek Böhmerwald 250. 37 ) Wolf 
Beiträge 1, 211. 38 ) John Erzgebirge 93; Lam- 
mert 155. 39 ) SAVk. 12 (1908), 150. 40 ) Drechs - 
ler 1, 257 f.; vgl. oben John Westböhmen 236. 
41 ) John Westböhmen 236. 42 ) John Erzgebirge 
28. 43 ) Wuttke S. 197 § 266. 44 ) Ebd. 45 ) Höhn 
Tod 344; Alemannia 24, 153; Schmitt Het- 
tingen 18. 46 ) Nahetal: ZfrhwVk. 1905, 198. 

47 ) John Erzgebirge 128. 48 ) Ebd. 93. Doch vgl. 


‘Dem Glückseligen regnet's ins Grab, dem Un¬ 
glücklichen am Hochzeitstag’ bei Höhn Tod 
344. 49 ) Drechsler 1, 303. 50 ) ZfVk. 8 (1898), 
290; vgl. Grohmann 188 Nr. 1325. 51 ) Köh¬ 
ler Voigtland 385; auch Wuttke S. 198 §266. 


; 3. Ein Teü der Regenorakel ist sehr 

: alt; eine Untersuchung über ihre Her¬ 
kunft ist noch nicht erschienen. Über die 
historischen Grundlagen der heutigen 
Bauernregeln allgemein vgl. meine Be¬ 
merkungen im Art. Bauernregel. Da¬ 
selbst findet man in der Anmerkung die 
großen Materialsammlungen verzeichnet, 
die auch für die volkstümlichen Regen¬ 
orakel noch vieles beisteuern, das hier 
nicht erwähnt werden konnte. 


Stegemann. 


Regenpfeifer s. Nachtrag. 


Regenprozession s. Regen. 

Regenschirm s. Schirm. 

Regenvogel s. Regen und Regen- 
Vorzeichen. 

I Regenvorzeichen. Weitaus die meisten 
Wetterregeln beschäftigen sich mit dem 
Eintreten des Regens. Den Vorgängen 
| in der Luft, bei Tieren, Pflanzen und 
! Menschen usw., die auf Regen schließen 
lassen, hat der Landmann seit Anbeginn 
seiner Tätigkeit auf Erden die größte Auf¬ 
merksamkeit gewidmet; die Ergebnisse 
seiner vielhundertjährigen Erfahrung wir¬ 
ken bis auf unsere Zeit nach. Dies Wissen 
wurde ganz früher mündlich, hernach im 
allgemeinen mündlich und schriftlich auf 
Kind und Kindeskind vererbt; es hält 
sich, weil das meiste auf richtige Beob¬ 
achtung zurückgeht. Daneben gibt es in 
der Überheferung des Volkes weniges 
Abergläubische, das wohl in alten religiö¬ 
sen Anschauungen seinen Grund hat; 
einiges ist auch antik und wurde durch 
die Bauernkalender dem Volke zugäng¬ 
lich, die wie früher auch heute noch viel¬ 
fach eingehend gelesen und beachtet 
werden. Und wenn, einem vor hundert 
Jahren erschienenen Wetterbüchlein zu¬ 
folge, die Regeln auch nicht unfehlbar 
gewiß sind, so treffen sie doch oft 
wenigstens zum Teile ein*): eben diese 
Tatsache läßt immer wieder die Regeln 
beachten. 





603 


Regenvorzeichen 


604 


x ) Das Buch vom Wetter oder kuYzgefaßter 
Unterricht von den sog. Bauernregeln als Wetter- 
prophezeyungen .... Abdruck aus dem loojäh- 
rigen Zeit- und Witterungskalender. Pesth 
1819 bei A. Hartleben S. 4. (Exemplar der 
Leopold-Sophien-Bibl. zu Überlingen: Mb 37). 

1. R. an Gestirnen. Es gibt Regen, 
wenn die Sonne weiß untergeht und 
Wasser zieht 2 ) oder zur Zeit ihres Unter¬ 
gangs einen Hof um sich hat (Hollenstedt, 
Lüneburger Heide) 3 ). Sonnenschein nach 
Regen bedeutet weiteren Regen; aus der 
Heide kennt man mehrere Zweizeiler, die 
das besagen, wie: 

Wenn de Sünn schint up’n natten Busch, 

Krigt de Ragen noch mal Lust (Jelmstorf) 4 ). 

Wenn die Sonne sich zugleich blau und 
rot zu färben scheint, so hat man Regen 

und Wind zugleich zu befürchten 5 ). 

• # 

Ähnlich bedeutet der Mondhof Regen 6 ); 
auch wenn der Mond früher aufzugehen 
scheint als er sollte oder größer erscheint 
als man ihn erwarten sollte, kann man 
auf Regen schließen 7 ). 

Schließlich weisen starkes Sternflim¬ 
mern sowie gutes Licht der Milchstraße 
auf den kommenden Regen 8 ). 

2 ) SchwVk. 9, 25. 3 ) Kück Wetterglaube in. 
4 ) Ebd. 113. 3 ) Wetterbuch (s. A. 1) S. 17 Nr. n. 
*) s. Art. Mond Sp. 519,5; Wetterbuch S. 16 Nr. 4. 
7 ) Wetterbuch S. 16 Nr. 3. 8 ) SchwVk. 9, 25. 

2. Gewölk und Atmosphäre werden 
sodann betrachtet. Vor orientierend sei 
bemerkt, daß die aus dem Regen be¬ 
stimmter Tage geweissagten Regengüsse 
bereits unter Regenorakel 1 a behan¬ 
delt sind. Sonstige atmosphärische Regen¬ 
zeichen sind besonders ganz grau durch¬ 
zogenes Abendrot (allgemein; s. d.), 
Rauhreif 9 ), aus den Wäldern aufsteigende 
Dämpfe 10 ) und bestimmte Wolkenbildun¬ 
gen, so die Lämmerwolken 11 ). Wenn die 
Gipfel höherer Berge mit einer starken 
Nebelwolke eingehüllt sind, folgt Wind 
und Regen und desto heftiger, je dichter 
diese Wolkenkappe ist 12 ); ebenso für viele 
Gegenden bei bestimmten Winden. Vgl. 
'wenn der bayrische Wind geht, gibt es 
im Böhmerwald Regen’, weil er von 
Westen kommt 13 ) oder 

Kommt der Wind vom Brocken, 

Bleibts nicht lange trocken 14 ) (südl. Teil 

der Lüneburger Heide). 


Auch die abendliche Bewölkung des süd¬ 
lichen und nördlichen Himmels soll ähn¬ 
liche Anzeichen enthalten. So traut man 
in Göddingen (Lüneburger Heide) dem 
klaren Südhimmel nicht, denn 

Süden klör, 

Makt dann Scheper den Rock swör 15 ). 

Dasselbe behauptet man in Hänigsen 

(ebenda) freilich vom klaren Nordhim¬ 
mel 16 ). 

Über den Regenbogen als R. s. Art. 
Regenbogen Sp. 587. 

9 ) ZfVk. 24 (1914). 60. 10 ) Andree Braun¬ 
schweig 410; 'die Hexen kochen' (s. Nebel Sp. 
986); SchwVk. 9, 25. X1 ) John Westböhmen 237; 
Bartsch Mecklenburg 2, 211; Kück Wetter¬ 
glaube 119. 12 ) Wetterbuch (s. A. 1) 17 Nr. 13; 

Schramek Böhmerwald 251; Andree Braun¬ 
schweig 410. 13 ) Schramek Böhmerwald 250. 


14 ) Kück Wetter glaube 119. 
18 ) Ebd. 123. 


1S ) Ebd. 122. 


3. Vorzeichen an Tieren. Es ist 
unmöglich, hier alle die Anzeichen des 
Regens, die an Tieren sich erkennen 
lassen, aufzuzählen. Bei Kück, Wetter¬ 
glaube, findet man S. 98 ff. eine gute Zu¬ 
sammenstellung, deren Ausführlichkeit 
uns hier längerer Darlegungen überhebt. 
Diese Ansichten dürften allgemein ver¬ 
breitet sein. Beispielsweise gibt es Regen, 
wenn die Schwalben und Mücken tief 
herunterfliegen, die Schwalben auf Dä¬ 
chern und Drähten zusammensitzen, die 
Spatzen im Sand ‘baden’, Pfauen, Trut¬ 
hühner, Möwen, Spechte, Häher, Gänse 
und Krähen stark schreien, der Buchfink 
‘schütt schütt' ruft, der Specht auf¬ 
fallend laut poppert, die Bienen stark 
schwärmen, die Schnecken über den Weg 
kriechen, der Laubfrosch in der Tiefe 
bleibt, die Frösche nicht in klarer Sommer¬ 
nacht lärmen, die Fische in einem Haufen 
an seichten Stellen sind, der Hecht und 
die Forellen aus dem Wasser schnellen, 
das Vieh nach Luft schnappt, die Schwänze 
aufwärts streckt 17 ), die Schafe nicht in 
den Stall wollen 18 ), die Katzen faul 
herumliegen, oder wie die Hunde Gras 
fressen 19 ), viele Blindschleichen beim 
Heuen sichtbar werden *°), die Flöhe 
beißen oder die Kühe sich den Hintern 
an der Wand reiben usw. usw. 21 ). 

17 ) SchwVk. 9, 24; vgl. John Westböhmen 


605 


Regenvorzeic hen 


606 


235; ZfVk. 1 (1891),68; 9 (1899),233; 23 (1913)» 

183; SAVk. 24 (1922), 64. 18 ) Kück Wetter¬ 
glaube 99 - 19 ) z- B. John Erzgebirge 250; 

Strackerjan 2, 109. 20 ) SchwVk. 9, 24. 

21 ) Drechsler 2, 198. —- Ganz ähnliche Hin¬ 
weise im Wetterbuch (s. A. 1) S. 19 ff. Beachte 
vor allem, was dort noch über die Spinnen als 
Wetterprophet gesagt ist: Gibt es keine Spinnen 
oder arbeiten sie nicht, so zeiget es Regen oder 
Wind an ... . Wenn die Winkelspinne in ihrem 
Gewebe den Kopf gegen die weite Öffnung und 
den hintern Teil gegen den Winkel gekehrt hat, 
gibt es gutes Wetter; die umgekehrte Stellung 
deutet auf längeren Regen (Nr. 36. 37). Vgl. 
dazu: Ist das Feld mit Spinngeweben bedeckt, 
so wehen oder regnen sie binnen drei Tagen ab 
(Drage; s. ZfVk. 24 [1914]* 59 )- 

4. Vorzeichen an Pflanzen sind im 
Vergleich zu denen aus dem Tierreich sehr 
gering. Das genannte ‘Buch vom Wetter' 
(s. A. 1) gedenkt der Blumen als Wetter¬ 
propheten, bemerkt aber, daß ihre Beob¬ 
achtung für die Umstände des arbeiten¬ 
den Bauern nicht tauge, und läßt sie 
deshalb beiseite 22 ). Kück kennt aus der 
Lüneburger Heide die Regel, daß hän¬ 
gende Runkel- und Steckrübenblätter 
Regenvorboten sind. Ebenso bedeuten 
dort auffällig welke Kleeblätter, zumal 
wenn sie sich nach unten drehen, Regen. 
Ähnlich deutet man dort stärkeres Duften 
der Nachtviolen, Birken und Zitter¬ 
pappeln. Auch das plötzliche Empor¬ 
schießen von giftigen Pilzen aus der 
Erde oder auf dem Düngerhaufen ist ein 
Regenzeichen; letzteres dürfte allgemein 
bekannt sein 23 ). 

22 ) Wetterbuch 21 Nr. 41. 23 ) Kück Wetter¬ 

glaube 106; vgl. Bartsch Mecklenburg 2, 207. 

5. Vorzeichen an Gegenständen 
in Haus und Hof kennt der Land¬ 
mann sehr viele. Will das Holz nicht 
recht brennen oder sind Fußboden, Töpfe, 
Sandstein oder Pumpe feucht, dann liegt 
Regen in der Luft 24 ). Ähnlich wenn der 
Schornsteinrauch nach unten schlägt, der 
Rauch der Schmiede oder Lokomotive 
stinkt 25 ). Nasses Salz, rostige Pfannen, 
ein nach Regen dampfendes Strohdach, 
stärkeres Riechen der Aborte sind ver¬ 
wandte Zeichen 26 ). 

24 ) Kück Wetterglaube 124; ZfVk. 24 (1914)* 
59. 2S ) Kück Wetterglaube 125. 26 ) Ebd. und 
Wetterbuch 21 Nr. 39; SchwVk. 10, 34. 

Haben diese Regeln Vorgänge, die mit 
dem vor dem Eintritt des Regens zuneh¬ 


menden Feuchtigkeitsgehalt der Luft 
Zusammenhängen, zum Ausgangspunkt 
ihrer Aussage, so dürfte das nicht der 
Fall sein, wenn man hört, daß rutschende 
(‘Wolken-, Wasser ziehende’) Strümpfe 27 ) 
oder ein mit den Zinken nach oben lie¬ 
gender Rechen 28 ) oder das Zupfen des 
Grases Regen im Gefolge habe. Das 
gehört in das Gebiet reinen Aberglaubens. 

27 ) Kück Wetterglaube 125; allg. Redensart. 

28 ) John Erzgebirge 250; ZfVk. 24 (1914), 59 
(Dahrenwurth). Auch der Fall eines Rechens 
ist so ausgewertet worden: Strackerjan 2, 109. 

6. Sonstiges. Reinem Aberglauben ge¬ 
hören ferner folgende Regeln an: Es gibt 
Regen, wenn die kleinen Kinder viel und 
laut beim Spiel schreien (Dithmarschen) 29 ), 
wenn ein Leitermann im Orte seine Waren 
feilbietet (Erzgebirge) 30 ), der Römfessel- 
mann oder Rußbüttenmann kommt 31 ), 
eine Braut aus der Pfanne oder irdenen 
Töpfen gerne gesottene Milch ißt 32 ), ein 
Fremder in die Stube tritt und seinen 
Stock in den Winkel stellt (Österreich) 33 ), 
mehrere Frauen beisammenstehen 34 ) bzw. 
nach anderer Fassung sieben Frauen auf 
einem Kreuzweg beisammen sind 35 ), 
schließlich der Küster den Kirchhof 36 ) 
oder der Lehrer seine Wiese mäht 37 ). 
Endlich sei der Glaube erwähnt, daß der 
Regen stärker wird, wenn man in ihm 
läuft (Oldenburg) 38 ), oder einen Regen¬ 
wurm zertritt 39 ) (Erzgebirge), oder auf 
den Lachen beim Regnen Blasen ent¬ 
stehen *°) (Nord- und Mitteldeutschland). 

29 ) ZfVk. 24 (1914), 59; SAVk. 2, 222. 30 ) J ohn 
Erzgebirge 250. 31 ) Urquell 3 (1892), 108. 

32 ) ZfdMyth. 3, 309. 33 ) Wuttke 209 § 289. 

34 ) Südl. Schleswig: ZfVk. 24 (1914), 60. 

35 ) Strackerjan 2, 109; vgl. Kück Wetter¬ 
glaube 127. In der Klei (z. B. Barum) ruft man, 
wenn die Frauen ihre Unterhaltung auf der 
Straße plötzlich abbrechen und nach Hause 
eilen, schelmisch hinterher: Nu ward’t rägen, 
denn ,,sonst würden sie sich gewiß noch weiter 
was erzählen“ Kück a. a. O. Andere Fassung: 
‘Es regnet, wenn sich alte Weiber zanken' 
(Drechsler 2, 149). 36 ) Strackerjan 2, 109. 
3? ) Kück Wetterglaube 126 f. 38 ) Strackerjan 
i, 55; 2, 109. 39 ) John Erzgebirge 250. 40 ) An¬ 
dree Braunschweig 410; Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 211; ZfVk. 24 (1914). 59 ; Urquell 4 
(1893), 89; Knoop Hinterpommern 182. 

7. Materialien zur Geschichte der Re¬ 
geln, die von Regen ankündenden Vor¬ 
zeichen handeln, findet man in weiterem 




6o 7 


Regenwasser 




«I 


610 


6a 


Zusammenhang im Art. Wett er Vorzeichen. 
S. aber auch Art. Bauernpraktik, 
Kalender (Sp. 926f. 932 1 ), Regen¬ 
bogen und Wetterbüchlein. 

Stegemann. 

Regenwasser, Pfütze. Je unmittel¬ 
barer das Wasser aus der Umgebung der 
Gottheit kommt, um so heiliger und 
heilkräftiger ist es. Darum wohnt dem 
vom Himmel kommenden R. eine be¬ 
sondere Zauber- und Heilkraft inne. Es 
wurde schon im Altertum zu allerlei 
Zauberhandlungen benützt x ). Bei der 
Wahrsagung gebrauchte man im alten 
Ägypten R., wenn man sich an die 
himmlischen Götter wandte 2 ). Die 
Araber hielten den Regen besonders am 
Ende des Monats für erwünscht: Da die 
letzte Nacht des Monats für jede Unter¬ 
nehmung als ungünstig galt, bot er einen 
wirksamen Gegenzauber 3 ). Noch heute 
laufen die Kinder deshalb gerne in den 
Mairegen (s. d.); ungetauft verstorbene 
Kinder werden in Oberhessen noch viel¬ 
fach unter der Dachtraufe der Kirchen 
beerdigt, als Ersatz für die Taufe haben 
sie im Tode das Regenbad vom Dach 
der Kirche; der Tote, dem es beim Be¬ 
gräbnis ins offene Grab regnet, wird 
selig 4 ). In Tirol stellt man bei einem 
Gewitter das Weihwasser (s. d.) ins 
Freie, daß es sich mit dem R. vermenge 5 ). 
In Indien gießt sich, wer Wohlfahrt er¬ 
langen will, R. aufs Haupt 6 ). Zu Heil¬ 
zwecken badete man im alten Preußen 
Kinder in R., in das man an drei Sonn¬ 
tagen hintereinander einen Pferdekopf 
getaucht hatte 7 ). In Hannover beugt 
man dem Wundliegen des Kranken vor, 
indem man ihm eine Schüssel sonnen- 
klares R. unters Bett stellt 8 ). Aber 
auch das R., das in der Pfütze auf dem 
Erdboden oder anderswo stehen ge¬ 
blieben ist, hat Heil- und Segenskraft. 
In Monte Carlo ist es von guter Vor¬ 
bedeutung, wenn man in eine Pfütze 
tritt 9 ). Warzen vertreibt man sich, 
indem man die Hände in einer Pfütze 
wäscht, die nach einem Gewitter stehen 
geblieben ist 10 ), oder in R., das auf Kuh¬ 
dreck liegt 11 ); man bestreicht sie mit 
R., das sich auf einem Leichenstein 12 ) 


gesammelt hat oder in das der Mond¬ 
schein 13 ) gefallen ist (nach neuerem 
Glauben ist das R. in den beiden letzten 
Fällen giftig geworden und frißt die 
Warzen weg; das Ursprüngliche ist sicher 
die wegnehmende Kraft des Todes und 
des abnehmenden Mondes; s. Fluß § 2); 
auch das R., das sich unter der Dach¬ 
traufe 14 ) oder auf einen Eichenstumpf 15 ) 
angesammelt hat, hilft gegen Warzen. 
Um Sommersprossen verschwinden zu 
lassen, nimmt man das auf einem Leichen¬ 
stein 16 ) oder Eichenstumpf 17 ) stehen¬ 
gebliebene R., seiht es durch ein Tuch, 
gießt es in eine Flasche, setzt diese der 
Sonne aus und wäscht sich dreimal damit. 
Um Hühneraugen los zu werden, tritt 
man in eine Pfütze, in der Hühner ge¬ 
badet haben, und zieht dann die Strümpfe 
über die mit dem anhaftenden Schmutz 
bedeckten Füße; die Strümpfe muß man 
14 Tage anbehalten und darf auch so 
lange die Füße nicht reinigen 18 ). Das 
R., das sich in einem alten gotischen 
Taufstein bei der Kirche in Meiches 
(hessisches Amt Schotten) sammelt, gilt 
als heilkräftiges Augenwasser; es wird 
in Flaschen geholt und sogar bis nach 
Amerika verschickt ld ). Aber auch das 
Trinken des R.s hat Heil- und Segens¬ 
wirkung. Manchmal wird ein Heiltrank 
damit angemacht 20 ), meist aber wird 
es unvermischt getrunken. Nach Megen- 
bergs Buch der Natur (67) ist das in 
einer Cisterne gesammelte R., wenn die 
erdigen Bestandteile sich gesetzt haben, 
gut gegen die Ruhr und den roten Fluß; 
die Fische werden vom R. fett. Kindern 
gibt man R. zu trinken, daß sie leicht 
reden lernen 21 ) oder eine gute Stimme 
zum Singen bekommen 22 ) oder die 
Furcht vor den Toten verlieren 23 ). Wenn 
der Mann „wüst" gegen die Frau ist, 
muß sie ihm heimlich R. in die Suppe 
mischen 24 ). Besondere Kraft hat das 
Wasser, das es an heiligen Tagen regnet 
(s. Heiliwag): nach heutigem Wiener 
Kinderglauben hilft das R. vom Drei¬ 
falt igkeits tag gegen eine gewisse Krank¬ 
heit 25 ); bei den marokkanischen Stämmen 
setzt sich alles am Tage des Nisan 
(27. April) dem Regen unbedeckten 




r 


u 

5 

t; 




3 

f 

'I 

r- 


fc 





■t 


M 


*1 

1 • * 



Regenwur 


Hauptes aus; man sammelt das R. in 
Gefäßen, Schulkinder trinken es zur 
Stärkung des Gedächtnisses, man spült 
den Mund damit gegen Zahnweh 26 ). 

S. Regen, Regenwetter. 


J ) Pauly-Wissowa 11, 2, 2178. 2 ) Eitrem 
Opferritus 115. 3 ) ARw. 13, 44 Anm. 4. 4 ) 

Kolbe Hessen 82. 5 ) Heyl Tirol 797 Nr. 228. 
6 ) ARw. 17, 406. 7 ) ZfVk. 12 {1902), 385. 

8 ) Pfannenschmid Weihwasser 113. 9 ) Selig¬ 
mann 2, 40. 10 ) Grohmann 172. n ) Fogel 
Pennsylvania 322 Nr. 1708. 12 ) Seyfarth 

Sachsen 251; Drechsler 2,287. 13 ) Ebd. 

14 ) Schramek Böhmerwald 282. 15 ) Fogel 

a. a. O. 324 Nr. 1724. 16 ) Drechsler 2, 240; 

Bartsch Mecklenburg 2, 362 f. 17 ) Ebd. 

l8 ) Seyfarth a. a. O. 177. 19 ) ZfVk. 21 (1911), 
316. 20 ) Hovorka-Kronfeld 2, 63. 21 ) 

Grimm Myth. 3,455 Nr. 624; Meyer Baden 
51 (Diedelsheim bei Bretten). 22 ) Wuttke 395 
§606; Meier Schwaben 2, 510. 23 ) John Erz¬ 
gebirge 126. 24 ) SAVk. 24 (1922), 63. 25 ) WZf- 
Vk. 32,86. 26 ) Goldziher in ARw. 13, 29 f. 

Hünnerkopf. 

Regenwurm. 


1. Etymologisches. Zu hochd. Re¬ 
genwurm (lumbricus terrestris) < ahd. re¬ 
ganwurm, altengl. regnwyrm, dän. regn¬ 
orm x ) findet sich in lat. imbrius (von 
imber „Regenguß") ein Analogon 2 ). Aus 
dem franz. des 16. Jh.s ist pluvial be¬ 
legt 3 ). Zusammensetzungen mit „Wurm" 
begegnen noch im Engl. ( earthworm 
„Erdwurm") und Schwedischen (met- 
mask „Angelwurm") 4 ). Ferner nach 
dem Tau benannt: dau-worm (Göttingen), 
engl, dew-worm , schwed. daggmask 5 ). 
Eigene Namen für den R. finden sich 
im Ndd. So pir an den verschiedensten 
Punkten des ndd. Sprachgebietes (auch 
holl, pier) 6 ), daneben verdeutlichend 
pierwurm, pielwurm (Westfalen, Nieder- 
rhein) 7 ), pielewurm (Hannover) mit An¬ 
lehnung an piel „gerade, lang" 8 ). Da 
der R. als Köder an der Angel (vgl. 
oben schwed. metmask) benützt wird, 
heißt er auch pieraas (schon 1640 be¬ 
legt) 9 ). Der Plural pieräser führte zu¬ 
nächst zur volksetymologischen Um¬ 
bildung pieresel (Mark) 10 ); für „Esel" 
traten dann andere Tiernamen ein wie 
Ratze: pier atze 11 ). Roß : pirosse 12 ), Lork 
„Kröte": pierlorken 13 ). Mit „Tau" 
zusammengesetzt (vgl. dauworm): dau- 
pir (Duisburg) 14 ). Ein anderer ndd. 

Bäcbtold - Stäubli, Aberglaube VII 


Name des R.s ist bergisch scklik(e), 
schlik, schleck (zu schleichen) 15 ). Weitere 
Formen bei Heinzerling 16 ), schliken- 
fänger bedeutet einen geriebenen Men¬ 
schen 17 ). 

Häufig sind Benennungen nach der 
Made. Es begegnen in der Mark neben ein¬ 
fachem Made, Piermade 18 ) und Tau¬ 
made 19 ), in Anhalt Regenmade 20 ). Die 
mit k erweiterten Formen 21 ) maddik, 
meddik, mik 22 ), medk, megge, mettn, meck 23 ), 
moddik, mottken 24 ) sind im Ndd. sehr 
verbreitet. Weigand-Hirt 25 ) stellen 
zu „Made" auch Schweiz. metteL Da in 
Vorpommern maddik für R. gesagt wird, 
hat das ursprüngliche Wort für R., pir, in 
der Form pürrik die Bedeutung „Made" 
angenommen 26 ). Die von Strackerjan 27 ) 
angeführten Namen Olke, Ölke, Uelke, 
Aulworm sind sämtlich vom Öl herge¬ 
nommen, da in der alten Volksmedizin 
aus R.n ein sehr begehrtes öl hergestellt 
wurde 28 ). Vgl. ital. bisso de To jo „Öl¬ 
schlange" (Feltre) 29 ). Ullke „R." ist 
jedoch kaum mit Ulke „Zwerg" identisch, 
wie Strackerjan 30 ) will. 

In allen romanischen Sprachen lebt 
lumbricus fort, eigentlich „Eingeweide¬ 
wurm" 31 ), dann mit dem Zusatz terrae oder 
terrestris ,,R.": rum. limbric, ital. lom- 
brico, prov. lombric, katal. llambrich, port. 
lombriga, span, lombriz. Besonders zahl¬ 
reiche Varianten bieten die ital. Dia¬ 
lekte 32 ). 

Dem oben erwähnten engl, earthworm 
entsprechen franz. ver de terre (vereinzelt 
auch ver rouge) und katal. euch de terra 33 ). 
Hiermit vgl. man altgriech. pj* evrspa 
„Erdeingeweide", welcher Name als ge- 
sentera von den römischen Ärzten über¬ 
nommen wurde 34 ). Aus einem dial. 
evTspa wurde in Sizilien casentera mit 
zahlreichen Varianten 35 ). — Auch er¬ 
scheint der R. einfach als „Wurm" im 
Franz.: verm(e), varm (dial.), Ital.: verme, 
Katal. euch, Span.: gusano 36 ). Griech. 
axwXrfi lebt weiter in Reggio di Calabria: 
seölaeu mit Varianten 37 ). 

Nach dem Glauben, der R. fresse Erde, 
heißt er im Ital. magia-tera (Rovereto), 
sussa-tera „Erdsauger" (Orsera) 38 ), katal. 
papaterra „Erdfresser" (Plana de Vieh) 39 ). 


20 


6i i 


Regenwurm 


612 


Schon altgriech. findet sich 40 ). 

rassa-tera ( rassa = raspa) „ Erdkratzer“ 
heißt das Tier im Trentino 41 ). Der R. ist 
ein bei Anglern sehr beliebter Fisch¬ 
köder 42 ), daher heißt er prov. esco 43 ), in 
Caserta esca 44 ) < lat. esca ,,Köder'* 45 ), 
mit angewachsenem Artikel lesca (Sa¬ 
lerno) 46 ), mit v von vermis oder viscum 
„Lockmittel“ 47 ), vesche (Caserta), in Ve¬ 
rona volksetymologisch umgedeutet ve- 
scovo „Bischof“ 48 ). Im Franz, begegnen 
als Derivata von lat. esca laiche mit an¬ 
gewachsenem Artikel, ferner achet , achee 49 ) 
(vgl. als Analogon weiter oben ndd. pier¬ 
aas). Auch Benennungen nach der Natter 
kommen in ital. Dialekten vor: bissa 
(= biscia), bissol , bisseto 50 ). Erwähnens¬ 
wert sind noch pizzeca-formica „Ameisen¬ 
kneifer“ (Caserta) 51 ), contapassi „Schritt¬ 
zähler“ (Treviso) 52 ), ferner storto, bi- 
storto „Krummer, zweimal Krummer“ 
(Gazzo Veronese) 53 ), was der Anfang 
eines an den R. gerichteten Kinder¬ 
reimes ist. — Nordkamp. (Gallo) maka - 
rgha M ) benennt das Tier nach der be¬ 
kannten Lieblingsspeise der Italiener, ge¬ 
hört also zu maccherone 55 ) (vgl. umge¬ 
kehrt vermicelli „Würmchen“ für eine 
Art Nudeln). 

J ) Weigand-Hirt DWb. 2, 554. 2 ) Keller 
Antike Tierwelt 2, 500. 3 ) Rolland Faune 

12, 192. 4 ) Heinzerling Wirbellose Tiere 22. 

5 ) Ebd. 6 ) Ebd.; Leithaeuser Volkskundliches 
1/2, 28; Weigand-Hirt op. cit. 2, 425t. 7 ) ZfVk. 
5,249. 8 ) ZADSprV. 34, 141. 9 ) Weigand-Hirt i 
a.a. O.; ZfVk5, 168. 10 ) Brandenburgs 35, 49t.; 
ZfVk. 5, 168. J1 ) Brandenburgia a. a. O. 12 ) ZfVk. 

5, 168. 13 ) ZfVk. 5, 249. u ) Leithaeuser a. a. 
O. 15 ) Ebd. 16 ) Heinzerling a. a. O. 17 ) Leit¬ 
haeuser a. a. O. 18 ) Volksetyra. Biermade in 
Anhalt: Wirth Beiträge 4/5, 34. 19 ) Branden¬ 
burgia a. a. O. 20 ) Wirth Beiträge 4/5, 39. 
2l ) Weigand-Hirt op. cit. 2, 103. 22 ) Hein¬ 
zerling a. a. O. 23 ) ZfVk. 5, 263 (Lüneburg). 
24 ) Strackerjan 2, 177. 25 ) Weigand- 

Hirt a. a. O. 2 «) ZfVk. 5, 253. 27 ) 

Strackerjan a. a. O. 28 ) Hovorka u. Kron- 
feld 1, 259. 29 ) Garbini Antroponimie 227. 

30 ) Strackerjan a. a. O. 31 ) Meyer-Lübke 
REWb. Nr. 5158. 32 ) Garbini op. cit. 2i2fg.; 
Jaberg-Jud AJS. 457. 33 ) Rolland Faune 

3, 248. 34 ) Keller op. cit. 2, 501. 35 ) Gar¬ 

bini op. cit. 219 fg. 3Ö ) Rolland a. a. O. 
37 ) Garbini op. cit. 219. 38 ) op. cit. 222. 

39 ) Gomis Zoologia 455. 40 ) Keller op. cit. 

2, 501. 41 ) Garbini a. a. O. 42 ) Vgl. engl, 

dial. angel touche (Rolland a. a. O.). 43 ) 


Rolland op. cit. 12, 192. 44 ) Garbini 

op. cit. 218. 45 ) Meyer-Lübke REWb. 

Nr. 2973. 46 ) Garbini op. cit. 219. 47 ) Meyer- 
Lübke REWb. Nr. 9376. 48 ) Garbini op. 

cit. 218. 49 ) Rolland a. a. O. 50 ) Garbini 

op. cit. 211. 51 ) op. cit. 223. 52 ) Ebd. 53 ) 

op. cit. 232. Rohlfs in ZfrPh. 46, S. A. S. 26. 
55 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 5250 a. 

2. Biologisches. Die R.r haben nach 
den Alten keine Augen, können sich nicht 
weit bewegen, gedeihen am besten in 
weißem und unfruchtbarem Boden und 
fressen Erde (vgl. altgriech.-dial. ya?a- 
?ai) und entsprechende Namen in den 
neueren Sprachen 56 ) (vgl. weiter oben). Die 
h. Hildegard berichtet ziemlich konfus: 
Der R. entsteht in der Kraft, durch welche 
die Gräser ihre Keimkraft erhalten 57 ). 
Deutlicher drückt sich Megenberg 58 ) 
aus: Der R. entsteht ohne Zeugung aus 
reiner Erde. — Nach einer Göttinger Dis¬ 
sertation von 1786 sollten die R.r im 
Frühjahr zur Begattungszeit gesammelt 
werden, wenn sie „den Gürtel (einen gelben 
Ring am Hals) um den Leib“ hatten. Die 
anderen R.r seien giftig und unrein 59 ). 
Noch jetzt glaubt man, daß, zerschneidet 
man einen R. in mehrere Stücke, jedes 
Stück lebt und sich fortbewegt, trifft aber 
eines mit dem anderen zusammen, so 
wachsen sie wieder aneinander 60 ). 

56 ) Keller Antike Tierwelt 2, 501. 57 ) Ho¬ 
vorka u. Kronfeld 1, 359. 58 ) Buch der 

Natur 264. 59 ) Jühling Tiere 140. 60 ) Strak- 
kerjan 2, 177 Nr. 411. 

3. Animismus. Der R. scheint im 
deutschen Volksglauben keine animistische 
Bedeutung zu haben. Wohl aber be¬ 
richtet eine italienische Sage (Aquila) 
vom R., was in ähnlichen deutschen Sagen 
von der Kröte (s. d.) erzählt wird. Ein 
Mädchen, das zur Madonna di Loreto 
pügert, stößt unterwegs einen R. in den 
Straßengraben. Als sie in der Kirche an¬ 
langt, sieht sie von deren Herrlichkeiten 
nichts. Vom Beichtvater, dem sie den 
Vorfall mit dem R. beichtet, erhält sie 
den Auftrag, das Tier wieder auf die 
Straße zu setzen, denn es sei eine heüige 
Seele, die auch auf der Pilgerfahrt be¬ 
griffen sei. Als das Mädchen dies getan, 
sieht sie wie alle anderen die Herrlich¬ 
keiten der Kirche 6l ). Diese Sage erklärt 
den Namen des R.s in Aquila: anima 


613 


Regenwurm 


614 


santa 62 ), und es gilt als schwere Sünde, 
Regenwürmer zu zerstückeln oder zu 
töten 63 ). 

6l ) Garbini Antroponimie 223. 82 ) Ebd. 

63 ) Ebd. c. 223 f. 

4. Orakel. Wenn die R.r aus der Erde 
kommen, bedeutet es Regen 64 ); ebenso, 
wenn sie den Boden durchlöchern 65 ). 
Wer einen R. tot tritt, ruft Regen herbei 
(Berg. Land, Anhalt) 66 ). 

64 ) Bartsch Mecklenburg 2, 206 f. 210; 

Gomis Zoologia S. 455 Nr. 1788. 65 ) Hopf 

Tierorakel 226; Bartsch op. cit. 206 f. 6Ö ) 
Leithaeuser Volkskundliches 1/2, 28; Wirth 
Beiträge 4/5, 34. 

5. Zauberkraft. Pulverisierte R.r, in 
die Kugeln und ins Schießpulver gemischt, 
verleihen Treffsicherheit 67 ). Destillierte 
oder auch pulverisierte R.r, zu anderen 
Ingredienzien gemengt, dienten zur Här¬ 
tung des Stahles 68 ). In Pfalzburg können 
solche Personen den Wurm heilen, denen 
man vor der Taufe (!) einen R. in die 
Hand gab und darin faulen ließ 69 ). 

67 ) John Westböhmen 327. 68 ) Staricius 

Heldenschatz 134 f. 338 f. 69 ) Jühling 
Tiere 139. 

6. Krankheitsdämon. Der Ge¬ 
brauch von port. minhoca „R.“ für „fixe 
Idee“ 70 ) setzt den Glauben an einen 
imaginären Hirnwurm voraus, der Wahn¬ 
ideen hervorruft 71 ). Mit R.n, die in öl 
gesotten den Kranken verabreicht wurden, 
behandelten die Römer die imaginären 
Ohren- und Nasenwürmer homöopa¬ 
thisch 72 ). Auch an das Vorhandensein 
von R.n im Magen glaubte man, wie aus 
dem in Alemannia 73 ) angeführten Rezept 
zur Entfernung dieser Würmer hervor- 
geht. 

70 ) WS. 7, 135. 71 ) Riegler Tier 289. 72 ) 

Keller Antike Tierwelt 2, 501. 10 (1882), 228. 

7. Volksmedizin. Sehr bedeutend 
ist die Verwendung, die der R. in der 
Volksmedizin findet. Er wird bzw. wurde 
lebend 73a ) oder tot (in Branntwein) 74 ) 
verschluckt, direkt 75 ) oder in einem 
Tuche an den kranken Körperteil ange¬ 
bunden 76 ), zerstoßen 77 ), zerhackt 78 ), ge¬ 
braten 79 ), pulverisiert 80 ), gedörrt 81 ), 
zu öl destilliert 82 ). Ganz allgemein 
gelten die R.r als schweißtreibend und 
schmerzlindernd 83 ), und zwar gibt es 
kaum eine Krankheit, gegen die sie nicht 


helfen sollten. Das Tier findet Verwen¬ 
dung bei jeglicher Art von Wunden 84 ), 
alten „Schäden“ 85 ), „zerhauenen“ 
Adern 86 ), Frostbeulen 87 ), Panaritium 
(Wurm am Finger, homöopathisch) 88 ), 
Kropf 89 ), Bruch 90 ), Harnverhaltung 91 ), 
Gliederschwund 92 ), Skrofeln 93 ), Blutun¬ 
gen 94 ), Blutstockungen 95 ), Fieber 96 ), 
Zahnschmerzen 97 ), Skorbut 98 ), „schlim¬ 
men“ Augen 99 ), Ohrenbeschwerden 10 °), 
Halsschmerzen 101 ), Bauchweh (Kolik) 102 ), 
Eingeweidewürmern (homöopathisch) 103 ), 
Abzehrung 104 ), Gicht 105 ), Rheumatis¬ 
mus 106 ), Rotlauf (vgl. altnord, für ,,R.“ 
amumadkr — Rotlaufwurm ) 107 ), Magen¬ 
schmerzen 108 ), Gelbsucht 109 ), Fallsucht 
(Konvulsionen, Krämpfen) 110 ), Wasser¬ 
sucht 111 ), Milzkrankheiten 112 ), Schlag¬ 
fluß 113 ), Trunksucht 114 ), Tollwut 115 ). R.r 
fördern einerseits die Empfängnis 116 ), 
andererseits bewirken sie Abortus 117 ). 
Kreißenden stillen sie die Schmerzen im 
Nacken und in den Schulterblättern und 
beschleunigen das Abgehen der Nach¬ 
geburt 118 ). 

73a ) Hovorka u. Kronfeld i, 359. 74 ) Jüh- 
ling Tiere 140. 75 ) Ebd. 76 ) op. cit. 139. 

77 ) Lammert 214. 78 ) ZfVk. 8, 179. 79 ) 

a. a. O. 180. 80 ) Jühling op. cit. 135. 81 ) 

Hovorka u. Kronfeld 1, 142. 82 ) ZfVk. 

7, 162; Hörmann Volksiypen 195. 83 ) Jüh¬ 

ling op. cit. 140. 84 ) op. cit. 133—138; Köhler 
Voigtland 350; Drechsler 2, 219; 2, 289; 

ZfrheinVk. 12,134; Jühling op. cit. 140. 
85 ) Ders. op. cit. 136—138; Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 101; ZfrheinVk. 8, 144; ZfVk. 8, 

180. 86 ) Jühling op. cit. 133. 135. 137; 

Wirth Beiträge 4/5, 34; Lammert 214; ZfVk. 

8, 179. 180; Hovorka u. Kronfeld 2, 360. 

87 ) Strackerjan 1,97. 88 ) Jühling op. cit. 

137—140; ZfVk. 8, 179; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 3, 251; Urquell i, 281; Staricius Helden¬ 
schatz 511. 89 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 14. 

90 ) Urquell 4, 154; Jühling op. cit. 134 f. 136; 
ZfrheinVk. 1914, 165. 91 ) Jühling op. cit. 

140; Hovorka-Kronfeld i, 358. 92 ) Jüh¬ 

ling op. cit. 134. 136 f.; Hovorka u. Kron¬ 
feld 2,379; ARw. 3,285; ZfVk. 8,180. 93 ) 

Zahler Simmenthal 77; Hovorka u. Kron¬ 
feld 1, 359. 94 ) Jühling op. cit. 138; Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 234. 95 ) ZfVk. 7, 162; 

Jühling op. cit. 136. 98 ) op. cit. 137. 139; 

Hovorka u. Kronfeld 1, 142. 358; Lam¬ 

mert 140; ZfVk. 8, 179; Drechsler 2, 219; 
Staricius Heldenschatz 527. 97 ) Jühling 

op. cit. 139; Hovorka u. Kronfeld 1, 358. 
98 ) Jühling op. cit. 140. ") Urquell 4,277. 

10 °) Jühling op. cit. 134. 140; Hovorka u. 

20* 


6i5 


Regenzauber—Reh 


6l6 


Kronfeld i, 358. 101 ) Elsäss. Monatsschr. 
L 37 » Jühling op. cit. 141; Rolland Faune 

з, 248. 102 ) Jühling op. cit. 136. 137; Ho- 

vorka u. Kronfeld 2, 129; ZfVk. 8 , 180. 
103 ) Jühling op. cit. 140. 10t ) Jühling op. 

cit. 139; Schönwerth op. cit. 3, 258; Ho- 
vorka u. Kronfeld 2, 45; Lamraert 245. 
10S ) Jühling op. cit. 134. 137 f. 140; Lammert 
268; Strackerjan 1, 97; Wuttke S. 113 
§ 149; ZfVk. 180; Drechsler 2, 219; Zfrhein- 
Vk. 1914, 165; Schmidt Kräuterbuch 51; 
Hovorka u. Kronfeld 2, 275. 277. 278. 
284. 106 ) Jühling op. cit. 140; Urquell 

4,31; ARw. 3, 285; Strackerjan 1, 97; 
2,177 Nr.411; Hovorka-Kronfeld 2,275. 
307 ) Hoops Reallex. 3,534. 108 ) Jühling op. 
cit. 140; Hovorka u. Kronfeld 1, 359. 109 ) 

Jühling op. cit. 137. 140. no ) Lammert 271; 
Jühling op. cit. 140. m ) op. cit. 139. 112 ) op. 
cit. 140. 113 ) Ebd. ««) ZföVk. 13, 136. ««) 

Jühling op. cit. 134. 140. m ) Hovorka 

и. Kronfeld 1, 359. 17 ) Ebd. 118 ) op. cit. 

1, 35 8 * Riegler. 

Regenzauber s. Regen. 

Regino von Prüm. Geboren viel¬ 
leicht zu Altrip in der Pfalz; Mönch, später 
Abt zu Prüm in der Eifel; 899 Abt zu 
Trier, dort 915 gestorben. 

Von seinen Werken x ) sind die wichtigen 
Libri duo de synodalibus causis et disci- 
plinis ecclesiasticis 2 ), geschrieben 906 im 
Auftrag des Erzbischofs Radbod von 
Trier, ein seinerzeit viel benutztes Hand¬ 
buch der bischöflichen Visitationspraxis. 
Besonders wichtig ist das zweite Buch, 
das ein ausführliches Poenitentiale für 
die Laiendisziplin darstellt. Nach 89 
Fragen sammelt R. hier 454 kirchliche 
Bestimmungen darüber. Es ist also eine 
Compilationsarbeit 3 ), in welcher zwar 
ältere Poenitentiale verarbeitet sind, aber 
reichlich ergänzt werden aus späteren 
Synodalbeschlüssen, unter denen R. selbst 
denen der fränkischen Synoden des 
9. Jahrhunderts besondere Bedeutung 
beimißt. Sie haben in der Tat für uns den 
größten Quellenwert. Für den Aber¬ 
glauben kommen die Fragen Nr. 38 (de 
furto et sacrilegio), 42—45 (de incanta - 
toribus et sortilegis) und 46—49 (de san- 
guine et morticinis ) und die dazu ge¬ 
gebenen Bestimmungen in erster Linie in 
Betracht. — Burchard von Worms (s. d.) 
hat die Schrift R.s ausführlich benutzt. 

*) Außer dem nachgenannten die Schrift 
De harmonica institutione hrsg. von Cousse- 


maker, Ser. de musica medii aevi II, 1—73, 
Paris 1867 — und das Chronicon, hrsg. von 
F. Kunze 1890. — Vgl. auch Wattenbach 
Geschichtsquellen I 7 , S. 311 ff. 2 ) Hrsg, von 
Wasserschieben Leipzig 1940. — 3 ) Vgl. 
C. Wawra De Reginone Prumiensi, Diss. Bres¬ 
lau 1900 (Teildruck; ein Volldruck ist an¬ 
scheinend nicht erschienen); Wasserschieben 
a. a. O. Helm. 

Reh (Cervus capreolus), ahd. reh; 
das weibl. Tier reh-geiz oder reia wird zu 
scr. rekha und rikh — malen, zeichnen, 
gestellt, also: geflecktes, gezeichnetes 
Tier x ). Die Römer und Megenberg sehen 
in ihm eine wilde Ziege 2 ): capreolus, 
wie russ. kozülja, Reh neben kozä, Ziege x ). 
Griech. vsßpoc (neben älterem 8op£, Sopxa'c) 
= Neugeborenes (Hirschkalb) 3 ). Es galt 
als furchtsam und sanft 4 ), wurde für 
ein Hirschkalb oder Tier gehalten 6 ). 
Die Sagen rühmen seinen schnellen 
Lauf 5a ). Bei Nacht sieht es so gut wie 
am Tage 5b ). Wenn es der Jäger stellt, 
weint es 5c ). Zuweüen ist auch von weißen 
R.en die Rede 5d ). 

3 ) Schräder Reallex . 2 1, 502; vgl. DWb. 
8, 553 ; PBB. 40, ioiff. 2 ) Megenberg Buch 
der Natur 106. 3 ) Keller Tiere 104; Antike 

Tierwelt 1, 279. *) Megenberg Buch der Natur 
106; DWb. 8, 554L Das geht auch aus Baader 
N. Sagen 107 hervor. 8 ) Keller Tiere 102. 
5a ) Osw. Cr oll Von d. innerlichen Signaturen 
d. Dinge 1623, 58; W. Grimm Altdän. Helden¬ 
lieder 1811, 234h; Höhn 1, 82. 6b ) MschlesVk. 
29, 289. 6 c) Knoop Tierwelt 38. 5d ) Schöpp- 
ner 3, i6f.; Meiche 629C 

2. Das R. gehörte in vorgeschichtlicher 
Zeit nur im Mesolithikum und bei den 
Pfahlbau Völkern des Neolithikums zum 
häufigeren Jagdwild 6 ). Zur Römerzeit 
wurde es in R.bergen gehalten 7 ). Auch 
später hören wir davon, daß zahme R.e 
gehalten werden 7a ). R.opfer fanden in 
Patrai (Achaia) zu Ehren der Artemis 
Laphria und bei den Dionysien 8 ) statt 9 ), 
doch tritt das R. (in der darstellenden 
Kunst) oft für den Hirsch ein 10 ), so daß 
man ähnliches hier wird erwarten dürfen. 

*) Hilzheimer in Eberts Reallex. 11, 72; 
doch vgl. Höfler Organotherapie 108. 7 ) Kel¬ 
ler Tiere 103. 7a ) Franz Kießling Frau Saga 
im nieder Österreich. Waldviertel 6 (1928), 44. 
8 ) Höfler Organotherapie 107; Keller Tiere 
94; Roh de Psyche 9 2, 10. 9 ) Keller Tiere 103; 
G. Wilke Religion d. Indogermanen 1923, 223. 
10 ) Keller Tiere 104 f. 

3. R.sagen erscheinen häufiger nur in 


617 


Reh 


6l8 


Waldlandschaften. Sie reichen über alle 
Gebiete. — Der Mann im Mond, ein 
Wilddieb, trägt ein R. 10a ). Das R. ver¬ 
lockt wie der Hirsch ins Zauberland, die 
Unterwelt 11 ), das Reich des Wasser¬ 
mannes lla ), den (wilden) Jäger zum 
frevelnden Schuß 12 ), den übermütigen 
Gutsherrn zum Jagen, bis er die Messe 
verpaßt 12a ). Und wie die indischen Wind¬ 
geister mit R.en fahren 13 ), so reiten 
fromme Frauen (Maria) auf laubbekränz¬ 
tem R. in den Wald 14 ), sind R.e die 
Tiere der Saligen 15 ), erscheint eine ver¬ 
wünschte Prinzessin 16 ) oder die Wald¬ 
frau 17 ), der Hehmann 17a ) in R.gestalt. 
Der Schrei der wilden Leute im Harz 
glich dem des R.es 18 ); ein Unterirdischer 
heißt „Rehkitzli“ 18a ). Später nehmen 
Hexen 19 ), Schwarzkünstler 20 ) R.gestalt 
an, und die Verwandlung in ein R. ist 
ein beliebtes Märchenthema 21 ). Weiße 
Frauen verwandeln sich in R.e 22 ); sonst 
sind spukende R.e nicht eben häufig 23 ). 
So erscheint ein spukender Wilddieb als 
R. 23a ). Diese Spuktiere sind schußfest 235 ), 
haben keinen Kopf 230 ), verschwinden, 
wenn auf sie geschossen wird 23d ). In 
Schlesien erscheint ein R. einmal als 
Schatzhüter 24 ), im Schönhengst zeigt ein 
R.bock eine Schatzhöhle an 24a ). Wie der 
Hirsch gehört das R. zu den hilfreichen 25 ) 
und frommen Tieren, kniet vor der 
Hostie 26 ), sucht Schutz bei Einsied¬ 
lern 27 ), Gnadenbildem 28 ), und gerät so 
in Gründungslegenden 29 ), wird zum wei¬ 
senden Tier 29a ). R.e sind Jagdwild des 
wilden Jägers 30 ). Als R.bock vereitelt 
der Teufel die Gewinnung des Fam- 
samens und leckt den gewonnenen weg 303 ). 
Seltsam erscheinen R.e dem Wilderer 
an einem heiligen Tage, die schußfest 
sind, den Wilderer umtanzen und ihn 
annehmen 30b ). 

10a ) Kießling 4, 11. u ) Panzer Beitrag 
2, 122 = Zaunert Märchen seit Grimm 1, 133; 
Alpenburg Tirol 94f. = Losch Balder 72f.; 
Vernaleken Kinder - u. Hausmärchen 1892, 
137; ders. Mythen 6; Franz Kießling Frau 
Saga im niederösterr. Waldviertel 1924, 84; 
Mailly Niederösterr eich. Sagen 59; Schöppner 
Sagen 2, 148. 346; Eckart Südhannov. Sagen 
34 = Pröhle Harz 141 ff. = Losch Balder 
173 f. lla ) Langer VödB. 13, 81. 12 ) Friedr. 
Sieber Harzlandsagen 1928, 71; Korth Berg¬ 


heim 16. 12a ) Victor Brunet Contes popu - 

laires de la Basse Normandie 1900, 123 ff. 
13 ) F. L. W. Sch war tz Natur anschauungen 2 
(1879), 95 - 14 ) Meiche 629!.; Rochholz 

Sagen 2, 194, nach Grässe Sachsen Nr. 385. 
15 ) Alpenburg Tirol 94 f.; vgl. Schambach 
u. Müller 83 f. 18 ) Curtze Waldeck 95 f. 
17 ) Baader N. Sagen 35 = Waibel u. Flamm 
2, 73; Reiser Allgäu 1, 113; Mannhardt 
1, 131; vgl. Meier Schwaben 110; Kapff 
Schwaben 25. 17a ) Wolf Hessische Sagen 109; 
Kapff Schwäbische Sagen 25. 18 ) Sieber 

Harzlandsagen 64. 18a ) Künzig Schwarzwald 

150, 141; ders. Badische Sagen 41 f. 42L l9 ) 

Rosegger Volksleben 250; Meyer Baden 555; 
Brandenburg 198; Schulenburg 1930, 91. 

20 ) Schambach u. Müller 189 f.; (ein Wil¬ 
derer:) Lachmann Überlingen 120 Nr. 70. 

21 ) Grimm KHM. Nr. 11; Bolte-Polivka 

1, 79ff.; Sebillot Folk-Lore 3, 53. 22) Scham¬ 
bach u. Müller 190, vgl. 83 f.; Panzer Beitrag 

2, 182; Büsching Volkssagen 1812, 380 f. 

(Oldenburger Horn). 23 ) Ebd. 2, 186 f.; Schön- 
werth 3, 193; Kapff Schwaben 25; Scham¬ 
bach u. Müller 189 f.; Jahn Pommern 420; 
Grässe Preußen 2, 534; Peter 2, 59 t. = 
Ullrich Kuhländchen 182 = Kühnau Sagen 
1» 313 f-; Sommert Tillenwunder 71L (?); 
Künzig Schwarzwald 70. Wilh. Schrem- 
mer Schles. Vk. 1928, 130 Nr. 38. 23b ) Heßler 
Hessen 2, 223. 23c ) Kießling 2, 38. 23d ) 

Peuckert ScAfes.Sagen 131. 24 ) Kießling3,628. 
24a ) Rübezahlkalender 1925, 86. 25 ) Bolte- 

Polivka 1, 533; Boehm-Specht Lettisch¬ 
litauische Märchen 1924, 45 ff. 2# ) Zaunert 
Rheinland 1, 214. 27 ) Waibel u. Flamm 

2, 231; Rochholz Naturmythen 58 f. = Losch 
Balder 180 f.; vgl. Kießling 6, 12; Sieber 
Sachsen 24. 28 ) Ignaz Storm Das Mürztal 

1926, 102 f.; Sann Sagen 46; Schöppner 
Sagen 1, 482. 29 ) Ebd. 1, 482; 3, 15 ff. = Losch 
Balder 59 f. 29a ) Mailly Niederösterr eich. Sagen 
128 f.; Schöppner 3, 16 f. (Paul Stintzi 
Sagen d. Elsasses 192g, 31); Stöber Elsaß 
313 f. M ) Kuhn Märk. Sagen 106; Taub¬ 
mann Nordböhmen 72; Langer VödB. 3 
(1903), 235; Schmitz Eifel 2, 8; E. Lehmann 
Kronwald u. Krottenpfuhl 1921, 63 f.; Witz- 
schel Thüringen 2, 36 f.; Kühnau 2, 495. 470. 
446 f. = Oberlausitzer Heimatkalender 1913, 
102; Sieber Sachsen 166. 169. 30a ) Künzig 

Baden 98. 30b ) Jungbauer Böhmerwald 192. 

4. Unter den Wachstumsdämonen sind 
R. und Hirsch schon stark verblichen 31 ). 
In Westpreußen spielen Bräutigam und 
Braut die Rollen von Jäger und R. 32 ). 
Das Bellen des R.bockes zeigt schlechtes 
Wetter an 33 ). In Hinterpommern und 
Mengen (Freiburg) bedeutet ein R. dem 
Begegnenden Glück 34 ), sonst in Baden 
Unglück 35 ). Um Hexenzauber beim 
Buttern zu brechen, wird der Sterl aus 


619 


Rehe—reiben 


reiben 


622 



Elzbirnholz gemacht, an dem R.e ge¬ 
nagt haben 36 ). 

31 ) Mannhardt Korndämonen 1; Reuter - 
skiöld Speisesakramente 109. 128; Fra z er 
Gold . Zweig 674. 32 ) ZfEthn. 16, 113. Vgl. 

Rhein. Museum 30, 187. 33 ) John Erzgebirge 

250; Zedier Universallexikon 30, 1928. 34 ) 
Knoop Hinterpommern 163; Meyer Baden 
5 * 4 * 35 ) Ebd.; vgl. Rolland Faune 1, 105. 

s€ ) Alemannia 20, 283. 

5- Das R. in der Volksmedizin. 
Haare eines in den Dreißigern erlegten 
R.es stillen das Blut 37 ). Mit dem Fell 
wird die Wöchnerin beräuchert, um die 
Nachgeburt zu bringen 38 ); Heilmittel 
werden wie in Hirsch-, in R.fell einge¬ 
wickelt getragen 39 ). R.fleisch galt seit 
dem Altertum als leicht verdauliche 
Krankenkost 40 ), half gegen Durchlauf 
und Ruhr 40a ), R.blut gegen die Kolik 41 ), 
rote Ruhr 413 ). Nach Wiener Kinder¬ 
glauben wird ein gebrochenes Bein ge¬ 
heilt, indem man ein junges R. tötet und in 
seinem Blut badet 41b ). R.herz stillte den 
Blutfluß 42 ). R.gehirn diente gegen 
Epilepsie und elbische Schäden 43 ). Eben¬ 
falls ins Altertum reicht der Gebrauch 
der Leber zurück; sie diente noch im 
18. Jh. bei Augenleiden 44 ), Nasenbluten 45 ), 
auch wie die Milz 46 ) gegen Leibschmer¬ 
zen 47 ). Die Galle reinigt die Haut 48 ), 
heilt Augenkrankheiten 49 ), Ohrenleiden 50 ) 
und Zahnschmerzen 51 ); ward im Altertum 
auch gegen Halsschmerzen, Verstop¬ 
fung 52 ) und Genitalgeschwüre ange¬ 
wandt 53 ). Die Galle, gemeint sind die 
Geilen, als Zäpfchen befördern die 
Schwangerschaft 54 ). Das Mark einer R.- 
geiß vertreibt Geschwülste 55 ); Achill 
ist mit ihm aufgezogen worden 56 ). Die 
Milch, äußerlich gebraucht, verschafft 
eine zarte Haut; geronnen und innerlich 
angewendet, hilft sie gegen die Ruhr 57 ). 

Der Kot heilt, getrunken, die Gelb¬ 
sucht 58 ). 

3 ') ZfVk. 8,46; Jühling Tiere 142; Lam- 
mert 195. 38 ) Urquell 1 (1890), 205 (Buko¬ 

wina). 39 ) Pollinger Landshut 277; Lammert 
272. 40 ) Höfler Organotherapie 108; Zedier 

Universallexikon 30 (1741), 1932. 40a ) Joh. 

Joachim Becher Parnassus medicinalis 1663, 
44; Joh. Sch röders Medicin-chymische Apo¬ 
theke 1685, 1270. 41 ) Höfler 108. 41a ) Rai- 

mundus Minderer Kriegs Artzenei 1620, 2i8f. 
41b ) ZföVk. 32, 44. 42 ) Höfler 249; Hovorka- 


Kronfeld 2, 275. 43 ) Höfler 108; Zedier 

30, 1933. 44 ) Höfler 179. 178; Zedier 30, 

1933 » Becher 44; Schröder 1270. 45 ) Höfler 
179; Zedier 30, 1933; Becher 44; Schröder 
1270. 46 ) Höfler 268. 47 ) Ebd. t 7 8. 48 ) Ebd. 
215; Zedier 30, 1933; Becher 44; Schröder 

1270. 49 ) Höfler 215. 214; Zedier 30, 1933; 

Becher 44; (Star) Schröder 1270. 50 ) Höfler 
2 i 5 »' Jühling Tiere 141; Zedier 30, 1933; 
Becher 44; Schröder 1271. 51 ) Ebd. 30, 

J 933 » Höfler Organotherapie 215. 214; Becher 
44; Schröder 1271. 52 j Ebd. 214. ® 3 ) Ebd. 

215. 54) Ebd. 215; j ü hling Tiere 141 f. ß3 ) 

Ebd. 142. 56 ) Sepp Heidenthum 1, 374 (Philostr. 
heroic.). ö7 ) Becher 44. s«) Ebd.; Schröder 

1271. 

6. Im Spott der wendischen Nachbarn 
wird den Leipern nachgesagt, sie stamm¬ 
ten von keinem Menschen, sondern (von 
Türken und) R.en ab 59 ). 

59 ) Schulenburg in Niederlaus. Mittigen. 
18 (1928), 319. 

Vgl. auch Hirsch. Peuckert. 

Rehe, Pferdekrankheit, die vom Futter, 

Wasser oder Wind herrühren soll; heut 

als Verfangen, Verschlagen bezeichnet 1 ); 

begegnet bereits im Pariser Segen 

(10. Jh.) 2 ). Gegenmittel siehe bei 
Wolf 3 ). 

*) Zedier Universallexikon 30, 569g.; DWb. 
8, 13- 556 . 2 ) MSD. 2, 303. 3 ) Vgl. auch 

Zedier a. a. O. und DWb. 8,13. Peuckert. 

reiben. Das R. mit oder an einem 
Gegenstände hat zauberwirkende Kraft. 
Die Entstehung dieses Glaubens liegt 
sicher in der Erfahrungstatsache begrün¬ 
det, daß bei gewissen Krankheiten das 
R. des kranken Körperteiles Erleichterung 
brachte, wie ja noch heute Massage und 
und Einreibungen Heil- und Linderungs¬ 
mittel der Medizin sind. Mit dieser Er¬ 
fahrung verbindet sich im Volke die Vor¬ 
stellung, daß durch das R. entweder die 
materiell gedachte Heilkraft auf den 
kranken Körper übertragen oder der 
Krankheitsstoff von diesem auf den 
Gegenstand, mit dem man reibt, abge¬ 
geben wird. Am häufigsten finden wir 
daher diesen Aberglauben im Heilzauber. 

1. Der Gegenstand selbst hat Heil¬ 
qualitäten, die durch das R. auf den 
Kranken übertragen werden. Die mensch¬ 
liche Hand besitzt diese Kraft. So heißt 
es schon in einem Segen aus dem 12. Jh. 
gegen die Gliedersteifheit der Pferde: 


t 




i 

", * 

1 


IC.« | 



„terge crua eius et pedes“ 1 ). Warzen, 
Gicht, Rheumatismus, Zahnweh u. ä. 
heilt man, indem man die kranke Stelle 
mit der Hand oder dem Finger reibt 2 ). 
In Böhmen wendet man den bösen Blick 
ab, wenn man sich dreimal die Schläfen 
reibt 3 ). Dieser Glaube ist uralt und 
allgemein; für die Römer ist er belegt 
durch Inschriften aus der Zeit des Anto- 
ninus Pius 4 ) und Valerius Maximus 5 ). 
Die Araber kennen ihn und Muhammed 
selbst hat Krankenheilungen auf diese 
Art bewirkt 6 ). Häufig aber genügt die 
Kraft der Hand allein nicht; an ihre 
Stelle treten andere Gegenstände. Um 
ihre Warzen loszuwerden, legten sich die 
alten Römer an einer Grenzscheide auf 
den Rücken und streckten die Hand über 
den Kopf aus; mit dem, was sie dabei 
ergriffen, rieben sie die Warzen 7 ). Im 
deutschen Volksglauben sind sehr beliebt 
Hände 8 ), Zähne 9 ), Knochen 10 ) von toten 
Menschen oder Tieren. Daneben finden 
sich in bunter Fülle und Mischung alle 
möglichen Teile und Produkte von Tieren, 
die in weitem Umfange aus den Rezepten 
der antiken und mittelalterlichen Dreck¬ 
apotheke entstammen, z. B. Schafwolle, 
Schafsurin, Schweinegalle, Eidechsenblut, 
Ameiseneier, Froschlaich, Hühnerkot, 
Asche von verbrannten Hundezähnen 
u. a. m. 11 ). Älter ist der Glaube an die 
Zauberkraft des R.s mit Pflanzenteilen. 
So heilt im Eckenlied ein Waldfräulein 
Dietrich und sein Roß von Weh und 
Müdigkeit, indem sie beide mit einer 
Wurzel bestreicht 12 ). R. mit neun 
Erbsen hilft gegen einen bösen Finger 13 ); 
mit den drei ersten Veilchen 14 ) oder den 
Blättern der Herbstzeitlose 15 ) geriebene 
Augen werden nicht müde. Nach fran¬ 
zösischem Glauben vertrocknen Warzen, 
die man mit den Blättern des Löwenzahns 
reibt 16 ); auch Weißklee 17 ) -und Hecken¬ 
rosenblätter 18 ) helfen. Allerdings ver¬ 
mischen sich an diesem Punkte Aber¬ 
glauben und begründete Volksmedizin. 
Wenn gegen Blutungen R. mit Eschen¬ 
holz 19 ) oder Schamikelwurz 20 ) empfohlen 
wird, wenn man in Frankreich Wermuts¬ 
blätter 21 ) gegen das Fieber braucht, so 
liegt diesen Mitteln neben der magischen 


Wirkung echte Heilkraft inne. Auch 
Steine haben magische Zauberkraft. Im 
König Rother erweckt ein Zauberstein 
Tote wieder zum Leben, wenn man sie 
j mit ihm reibt 22 ). In Frankreich heilen 
Kieselsteine Kopfweh 23 ); wenn man das 
Vieh mit gefundenen Steinäxten reibt, 
bleibt es gesund 24 ). In der Lausitz 
werden mit den Echeniten, den versteiner¬ 
ten Schwanzenden eines prähistorischen 
Tintenfisches, den sogenannten Donner¬ 
keilen, Bisse und Geschwüre gerieben, 
damit sie heilen 25 ). Schließlich werden 
auch noch andere Gegenstände zu diesem 
Zauber verwandt: Maitau 26 ), Wagen¬ 
räder 27 ), das Tuch, mit dem der Back¬ 
ofen ausgewischt wird 28 ). Daß in diesen 
Beispielen die Zauberkraft im Gegenstand 
selber sitzt, erhellt aus einigen Zusätzen: 
Je größer der Stein ist, um so wirkungs¬ 
voller ist das R. mit ihm 29 ); oder es 
gilt das Verbot, man darf sich an dem 
Tage, an dem der Heilzauber vorgenom¬ 
men wird, nicht waschen 30 ). 


*) Fehrle Zauber und Segen 52. 2 ) Ebd. 60; 

OdZfVk. 4, 63; SAVk. 17, 63 f.; Wettstein 
Disentis 174 Nr. 33; Wolf Der Mond (Bühl 
1929) 34. 3 ) Wuttke 281 §413- 4 ) Codex In- 
scriptorum Graecorum 4, 955 ; Samter Volks¬ 
kunde 65. 5 ) ARw. 8,98. 

40 ff. 7 ) OdZfVk. 2, 52. 

Erdkunde Halle 1893, 

Volksth. 1, 483 Nr. 703. 

Segen 64; Heyl Tirol 801 Nr. 253; Wolf Mond 
35. 11 ) Amersbach Grimmelshausen 2, 60; 


6 ) Reinfried Buchari 
8 ) Mitt. d. Vereins f. 
156. ß ) Birlinger 
10 ) Fehrle Zauber u. 






TT* 1 . 1. _ 


21; Höfler Organother. 294; Hovorka u. 
Kronfeld 1, 80; John Westböhmen 319; 

OdZfVk. 4, 63; Reiser Allgäu 2, 435; Sebillot 


Folk-Lore 3, 49 f. 130—132 244 h 288 f. 330. 
337; Strack Blut 57; ZfVk. 1, 324- 1Z ) 

Eckenlied (ed. Zupitza = Deutsches 
Heldenbuch 5) 174 ff. 13 ) Weinhold Neun¬ 
zahl 31. 14 ) Marzeil Volksleben 32. 15 ) Ebd. 34. 
16 ) Sebillot Folk-Lore 3, 499. 17 ) Ebd. 3, 495. 
18 ) Ebd. 3, 416. 19 ) Marzell Volksleben 16. 

20 ) Ebd. 31. 21 ) Sebillot Folk-Lore 3, 499 f- 

22 ) König Rother (ed. Frings) 3137 ff. 23 ) Se¬ 
billot Folk-Lore 1, 357. 24 ) Ebd. 4, 74. 25 ) M- 
schlesVk. 29, 264. 26 ) Lammert 179; Wein¬ 

hold Ritus 41, 27. 27 j Hovorka u. Kronfeld 
2, 39 7 - 28 ) Beitr. z. Heimatk. d. Neumark 

(Landsberg 1925) 8, 112. 29 ) Sebillot Folk- 

Lore 4, 74. 30 ) Ebd. 3, 289. 

2. In einer zweiten Gruppe tritt ein 
anderer Gedanke in den Vordergrund. 
Nicht der Gegenstand, mit dem man reibt, 
hat Zauberkraft, sondern die Krankheit 


623 


reiben 


624 


ist der Stoff, der durch den magischen 
Akt des R.s vom Körper abgewischt und 
auf den an und für sich neutralen Gegen¬ 
stand übertragen wird (s. absteifen). In 
diesen Fällen gilt vor allen Dingen die 
Sorge der weiteren Behandlung des Gegen¬ 
standes, dem nun das Übel anhaftet. Man 
gräbt 31 ) oder pflöckt 32 ) ihn und damit zu¬ 
gleich die Krankheit ein; man verschenkt 
ihn und zugleich das Übel 33 ); man legt ihn 
auf den Weg; wer ihn mitnimmt, trägt zu¬ 
gleich die Krankheit fort 34 ). An diesen 
Brauch knüpfen sich oft Analogievorstel¬ 
lungen. In demselben Maße, wie der 
Gegenstand, auf den die Krankheit über¬ 
tragen wurde, in der Erde verwest, 

schwindet auch beim Menschen das Lei¬ 
den 35 ). 

31 ) Birlinger Volksth. 1, 484 Nr. 703; Dähn- 
hardt Volkst. 2, 80; Fehrl eZauber u. Segen 21; 
NdZfVk. 7, 34; Sebillot Folk-Lore 3, 415 b 
32 ) Marzeil Volksleben 45. 33 ) S6billot Folk¬ 
lore 3, 243. **) Kondziella Volksepos 166; 

Meier Schwaben 1, 526; Samter Volkskunde 
56; Sebillot Folk-Lore 3, 415 f. 498. 

3S ) Fehrle Zauber u. Segen 21; NdZfVk. 7, 34; 
Sebillot Folk-Lore 3, 416. 

3. Natürlich wird die Wirksamkeit die¬ 
ses Übertragungszaubers durch zahlreiche 
gleichzeitige abergläubische Maßnahmen 
erhöht. Man braucht Beschwörungs¬ 
formeln 36 ), man setzt das Schwinden der 
Krankheit in Parallele oder in Gegensatz 
' zu einem gleichzeitigen Naturvorgang, 
z. B. zum Zu- und Abnehmen des Mon¬ 
des 37 ), man nimmt den Zauberakt zu 
bestimmten Zeiten vor (Totengeläut 38 ), 
Mitternacht 39 ), April«), Freitag 41 )). Der 
Kreis der Krankheiten, die auf diese 
Weise geheilt werden, umfaßt vor allem 
äußerlich sichtbare Leiden; am verbrei¬ 
tetsten ist seine Anwendung zur Ver¬ 
treibung der Warzen 42 ). Daneben gilt 
der Zauber als wirksam gegen Entzün¬ 
dungen 43 ), rheumatische Erkrankun¬ 
gen AA ), Flechten 45 ), Zahnschmerzen 4e ), 

besonders beim Zahnen der kleinen Kin¬ 
der. 

3 *) z - B. Fehrle Zauber u. Segen 21. 52; 
Hovorka u. Kronfeld 2, 397; SAVk. 17, 
63 f. 3 7 ) Fehrle Zauber u. Segen 64; Wolf 
Mond 34 f. 33 ) Dähnhardt Volkst. 2, 80; 
Wettstein Disentis 174 Nr. 33. 30 ) Marzell 

Volksleben 45; Birlinger Volksth . 1, 483; 
Sebillot Folk-Lore 3, 495. 40 ) Sebillot Folk- 


Lore 3, 288 f. 4l ) Ebd. 3, 499 f. «) Birlinger 
Volksth. i, 484; Dähnhardt Volkst. 2, 80; 
Fehrle Zauber u. Segen 21; NdZfVk. 7, 34; 
OdZfVk. 2, 52; SAVk. 17, 63 f.; Sebillot Folk- 
Lore 3, 49 f. 130 ff. 337. 498; Wett¬ 

stein Disentis 174. 43 ) Heyl Tirol 801; Mar¬ 
zell Volksleben 32; MschlesVk. 29, 264; Se¬ 
billot Folk-Lore 3, 499. «*) Fehrle Zauber u. 
Segen 52. 60. 64; Wolf Mond 35. 45 ) Marzell 
Volksleben 45; Sebillot Folk-Lore 3, 416; 
Wolf Mond 34. 48 ) Birlinger Volksth. 1, 483; 
OdZfVk. 4, 63; S6billot Folk-Lore 3, 244 
2 88. 

4. Beide unter 1 und 2 erwähnten For¬ 
men des Heilzaubers sind auf andere 
Bereiche übertragen worden. So sagt 
man im Böhmerwald, daß die menschliche 
Hand Zauberkraft erwirbt, wenn man sie 
i mit einer vor Georgi gepflückten Dotter¬ 
blume reibt 47 ). Wenn sich der Bauer 
vor der Aussaat an einem Wachholder¬ 
busche reibt, dann bleibt das Korn frei 
von Unkraut (Württemberg) 48 ). Ein 
neugekaufter Hund gewöhnt sich schnell 
an das Haus, wenn man seine Pfoten 
am Herde reibt 49 ). Sicheren Schuß er¬ 
langt man, wenn man den Lauf des Ge¬ 
wehres mit Johanniskraut reibt ®°). In 
Schwaben sagt man, ein Mädchen, welches 
sich an einer Braut reibt, heiratet im 
selben Jahre 51 ). In der französischen 

Schweiz (Kanton Freiburg) und in ganz 
Frankreich ist der Glaube verbreitet, daß 
gewisse bemerkenswerte Steine, z. T. von 
phallischer Gestalt, auf die Ehe und die 
eheliche Fruchtbarkeit eine Zauberwirkung 
ausüben. Diese pierres de Mariage werden 
fast nur von weiblichen Personen aufge¬ 
sucht, die sich zu bestimmten Zeiten an 
ihnen r. oder auf ihnen entlanggleiten und 
davon baldige Heirat 52 ), Kindersegen 53 ) 

oder eine leichte Geburt 54 ) erhoffen (s. 
gleiten). 

47 ) Fehrle Zauber u. Segen 21. 48 ) OdZfVk. 

2, 94. 4# ) NdZfVk. 8, 51. so ) RogasFambl. 10, 
78. 5l ) Meier Schwaben 2, 507. 52 ) SAVk. 29, 
27 ff.; Sebillot Folk-Lore 1, 338. 63 ) Sebillot 
Folk-Lore 1, 339; 404; 4, 56 ff. 54 ) Ebd. 4, 74. 

5. Der Gedanke einer unmittelbaren 
Übertragung liegt auch vor in dem alt¬ 
germanischen Brauche, beim Tieropfer den 
Opferstein 55 ) oder den Ort des Dämons 58 ), 
dem das Opfer gilt, mit dem Blut des 
Tieres einzureiben. Hierzu stellt sich die 
französische Sitte, die wunderkräftigen 


625 


Reichtum 


626 


Steine oder Heiligenbilder als Dank für 
geleistete Hilfe zu r. 57 ). Wenn dagegen 
die deutsche Sage berichtet, daß Riesen 
im Zorn aus Steinen Flammen r. 58 ), so 
ist dieser Glaube nur Symbol riesischer 
Kraft. Ob die altgriechische Sitte, daß 
der Mörder sein blutiges Schwert am 
Haupte des Erschlagenen abreibt, auf die 


Anschauung zurückgeht, daß der Täter 
damit seiner Schuld ledig werden will, 
weil nun der Tote glauben müsse, selbst 
die Tat vollbracht zu haben 59 ), dies 
bleibe unentschieden. Unklar bleibt der 
altindische Brauch, bei einem Regen¬ 
zauber ein nach Westen gewandtes schwar¬ 
zes Pferd mit einem schwarzen Tuche zu 
r.«). 

55 ) Ynglingasaga cap. 18; Golther Mytho¬ 
logie 327. 58 ) Körmakssaga (ed. Möbius) cap. 22; 
Golther Mythologie 130. 554. 57 ) Sebillot 

Folk-Lore 4, 169 f. 58 ) Golther Mythologie 
163. 5 *) Samter Volkskunde 176. 60 ) Ebd. 90. 

6 . Selten ist die Anwendung des R.s im 
Schadenzauber. Eine schwedisch-nor¬ 
wegische Sage berichtet, daß die Pest in 
Gestalt eines Knabens ins Land komme, 
der auf einem Reibeisen etwas zerreibt. 
Aber noch rafft die Seuche nicht alle 


Menschen hinweg, weil ja die Späne 
übrig bleiben 61 ). Das Zerreiben ist also 
hier der dem Sterben analoge Vorgang, 
nicht das Mittel zur Verbreitung des 
Krankheitsstoffes. Vor allem aber be¬ 
wirken Hexen durch R. Zauber. Wenn sie 
ein Holz r., so erzeugen sie ein Eichhorn, 
wenn einen Span, dann einen Marder, 
wenn Wolle, dann Schafe usw. 62 ). Die 
Milch einer fremden Kuh kann die Hexe 
abmelken, wenn sie einen Weidenstab in 
einen Baum bohrt und jenen dann so 
reibt, als ob sie ihn melke 63 ). Überhaupt 
erlangt die Hexe über jeden fremden 
Gegenstand Gewalt, den sie mit den 
Händen reibt 64 ). Wenn Hexen ihren 
Leib ganz oder teilweise mit Hexensalbe 
einreiben, dann können sie durch die 
Luft fliegen 65 ) (s. a. Hexe). 

61 ) Grimm Myth. 2, 993 f. 6a ) Ebd. 3, 318. 
63 ) Mackensen Hanseatische Sagen 48; Nds. 

359 - M ) Kurz Beiträge z. Erklärung d. volks- 
tüml. Hexenglaubens i. Schlesien (Diss. Greifs¬ 
wald) 140. * 5 ) Kühnau Sagen Nr. 1358. 1359, 2. 

* 37 °' 2 - 1384- 1435 - 1444 * 1454 - M 55 - 


7. In den meisten soeben angeführten 
Fällen reicht zur Erklärung des Reibe¬ 
zaubers der Gedanke einer magischen 
oder realen Übertragung eines Krankheits¬ 
oder Heilstoffes aus. Daneben aber hat 
schon seit Urzeiten das R. bei der Feuer¬ 
bereitung eine wichtige Rolle gespielt und 
auch zugleich mit dieser kultischen Be¬ 
deutung erlangt. Beweis dafür ist die 
Tatsache, daß es bis in die jüngste Ver¬ 
gangenheit hinein Gebot war, kultische 
Feuer (siehe Notfeuer, Jahresfeuer usw.) 
durch R. zweier Hölzer aneinander zu 
entzünden 66 ). Diese Art der Feuerberei¬ 
tung ist auf der ganzen Welt bekannt, 
bei den Primitiven Amerikas und Afrikas 
ebenso wie bei den Kulturvölkern Euro¬ 
pas, des nahen und des fernen Orients 67 ) ; 
teilweise tragen die beiden Hölzer sogar 
besondere Namen 68 ). Vielleicht sind 
daher auch manche der früher aufgeführ¬ 
ten Bräuche aus dieser Grundlage zu 
verstehen, z. B. das R. des Pferdes beim 
indischen Regenzauber 69 ). 

66 ) Golther Mythologie 570. 577; Grimm 
Myth. 1, 502 ff. 521; Jahn Opfer gebrauche 
28; Schade 1, 654. 659. 67 ) Grimm Myth . 

1, 508 ff. 68 ) Ebd. 69; Samter Volkskunde 90. 

Tiemann. 

Reichtum. Pauper letatur, dives tri- 
statur, quia divitiae avaro tollunt leticiam, 
requiem, sompnum ex sollicitudine l ). 
Die Gefahren des R.s werden vorgestellt, 
der Arme wird als der Glückliche ge¬ 
priesen, weil er frei von Sorge ist. Das 
Volk ist geneigt, den Armen als den mehr 
Rechtschaffenen, den Reichen aber als 
den Harten und Ungerechten anzusehen 
(vgl. KHM. Nr. Sy) 2 ). Gern wird auch der 
Arme als der Klügere genommen, der 
Reiche als der Unbeholfene und Dumme: 
R. mag Torheit wohl leiden 3 ). Wem die 
Zähne weit auseinanderstehen, der wird 
reich; ebenso, wer dicke, struppige Haare 
hat 4 ). Wo aber alle Kritik an den 
Reichen nichts helfen will, da bleibt den 
Armen der Trost: Arm oder reich, der 
Tod macht alles gleich. — Im Märchen 
stuft sich der Besitz ab nach den Ständen: 
Der König ist reich, der gemeine Mann 
ist arm. Aber das Märchen verschmäht 
es nicht, den Armen durch seine Klugheit 
reich werden zu lassen. Also fällt der 


627 


Reif—Reiher 


628 


R. dem Würdigen zu. In der Sage sind Ort für eine neu zu bauende Kirche, über 

die Berg- und Wassergeister reich und den man sich nicht einigen konnte, da¬ 
teilen von ihrem R. mit, wem sie wollen. durch bestimmt wurde, daß der Platz 

Eigentümlich berührt eine Erzählung bei auf dem die Kirche zu stehen kommen 

Klapper: Die Tochter eines Reichen dräut sollte, über Nacht vom Reif frei blieb 8 ). 

dem Leichenräuber in ihrem Grabe und Das ist eine Variation der weitverbreiteten 

reißt ihm die Augen heraus 5 ). Legende, wonach die Kirchenbaustelle von 

1) Klapper Erzählungen 354. 2 ) Bolte- Maria durch Freibleiben von Schnee be- 

Polivka 2, 210 ff. 3 ) Simrock Sprüchwörter stimmt wurde (s. Schnee). 

452. 4 ) Meier Schwaben 2, 510. 5 ) Klapper 

Erzählungen 294, 26 ff. t Boette. 

Reif. Der R. ist ein Feind der Menschen, 
besonders der Bauern, dem er durch 
Schädigung oder Zerstörung der Feld¬ 
früchte hart zusetzen kann. Man setzt 
sich daher gegen ihn zur Wehr durch 
nächtliches Glockenläuten, das sog. R.- 
läuten, ein in Schwaben, Böhmen, auch 
in den Cevennen und sonst weitverbrei¬ 
teter Brauch 1 ). Es ist verwandt mit 
dem Nebelläuten (s. Nebel Sp. 990) und 
ursprünglich im apotropäischen Sinn gegen 
den bösen Naturdämon gerichtet, später 
christlich umgedeutet als Aufforderung 
zum Beten um Bewahrung vor schädlichen Reiher. Von den verschiedenen R.- 
Witterungseinflüssen. Mit dieser für den Arten kommt für das deutsche Sprach- 
R. als kennzeichnend empfundenen Schäd- gebiet wohl nur der Graue Fisch-R. 

lichkeit hängt zusammen, daß der Inhalt (Ardea cinerea L .) x ) in Betracht; aber 

eines Hexenkessels, in dem allerlei Krau- auch dieser nimmt keinen breiten Platz 
ter sieden und der umgestoßen wird, sich ein im Aberglauben. Von naturwissen¬ 
in einen R. verwandelt und als solcher schaftlichem Glauben sei der flan- 

alles, was blüht, zerstört 2 ). Auch den drische erwähnt, daß der R. im wachsen- 

Menschen selbst kann der R. unmittelbar den Mond dicker werde, und umgekehrt 2 ). 

schädigen. Aus der Schweiz stammt eine Alles andere ist außerdeutsch 3 ). In 

Geschichte, nach der das Haus, worin Redensarten werden bestimmte Eigen¬ 
ein todkrankes Mädchen lag, morgens schäften berührt: wegen seines häufigen 

immer mit einem R. umgeben war, und und flüssigen Kotes sagt man: ,,He stinkt 

zwar stärker als die andern Häuser 3 ). as ’n reiger“ (Ostfriesland), ,,schisse 

Mehrere Bauernregeln knüpfen an den wie-n-en reigel“ (Suhr, Kt. Aargau) 4 )- 
R. an, die sich zum Teil mit den an Frost Von einem, der sich sinnlos betrunken 
(s. d.) anschließenden decken. So deutet hat: ,,Hä heet sich gekotz äß enn räger“ 
in der Landshuter Gegend R., der am (Meiderich, Bez. Düsseldorf) 5 ). Ein aus- 

Karfreitag eintritt, auf später zur Ernte- gelassenes Kind wird in Basel ,,Reigel“ 

zeit eintretenden R. hin 4 ). Eine Regel genannt 6 ). 

aus Nordthüringen lautet: ,,Der R. wird Der Ruf des R.s wird als ,,scheit l 
wieder abgewaschen“, d. h. nach ein- scheit“ (schieß) oder ,,schreg, schreg 

tretendem R. wird bald Regen folgen 5 ). (schräge) gedeutet (Mecklenburg) 7 ). 

Etwas verändert in Braunschweig: ,,Es Als Vorzeichen ist der R. in erster 
folgt immer noch einmal Regen auf den Linie Wetterprophet, vielfach schon im 
ersten R.“ 6 ). Auch auf ein fruchtbares Altertum 8 ). Sein hoher Flug oder seine 

Jahr kann R. hindeuten 7 ). Ortsveränderung verkündet Regen 9 )„ 

In Thüringen geht die Sage, daß ein Wind 10 ) und sonstiges Unwetter 11 ). 


Von Personifikationen des R.s findet sich 
im neueren Volksglauben nichts mehr; da¬ 
gegen dachten unsere Vorfahren den R. 
wie Schnee, Wolken usf. personifiziert, und 
zwar als Riesen 9 ). 

*) ZfVk. 7 (1897). 366, da auch weitere Lit.; 
John Westböhmen S. 241. 2 ) ZfVk. 14 (1904),. 
417; Lütolf Sagen 224. 3 ) SAVk. 3, 202 u. 

204. 4 ) Pollinger Landshut 230. 5 ) ZfVk. 9 

(1899), 233; 24 (1914), 60. 6 ) Andree Braun¬ 
schweig 411; s. auch Baumgarten Heimat i, 30. 
7 ) Strackerjan 2, 110. 8 ) Witzschel 

Thüringen 1, 35 Nr. 30. 9 ) Grimm Mythol. 2, 
635; Simrock Mythol. 632; Mannhardt Ger¬ 
man. Mythen 184. Zimmermann. 

Reifen s. Nachtrag. 


629 


rein, Reinheit 


63O 


Bei Homer (II. 10, 274) ist der rechts¬ 
fliegende R. ein gutes Vorzeichen 12 ). 
In Böhmen glaubt man, daß, wenn je¬ 
mand in Gefahr sei, der R. ihn warne 
und von der gefährlichen Stelle abzu¬ 
bringen suche 13 ). Nach Agrippa von 
Nettesheim (1, 248) deutet er auf 
„Schwierigkeiten“. 

Offenbar wird mancherorts der R. als 
dämonisches Tier betrachtet; denn die 
Fischer, obschon er ihnen verhaßt ist, 
scheuen sich, ihn zu schießen 14 ). Die 
Feder eines R.s schützt den Träger 
gegen Unheil 15 ). Nach antikem Glauben 
schützt er sich selbst gegen den bösen 
Blick mit einem Krebs 16 ). 

Als Medizin wird namentlich R.fett 
verwendet. Es ist gut gegen Gicht, 
Taubheit, Augenleiden 17 ), Läh¬ 
mung 18 ), zur Förderung des Stuhl¬ 
gangs 19 ). Pferden werden die Augen 
damit gestärkt 20 ). Nach Plinius ist es 
gegen Schlaflosigkeit gut, einen R.- 
schnabel in Eselshaut zu nähen und vor 
die Stirn zu binden 21 ). 

R.schmalz wird mehrfach als Fisch¬ 
köder erwähnt 22 ). Sich die Waden mit 
R.schmalz zu bestreichen und ins Wasser 
zu stellen, ziehe die Fische an s®). 

J ) Deutsche Namen: Suolahti Vogel¬ 
namen 379. 2 ) Ons Volksleven 11, 62 (nach 

Popp Ricits des Flandres 219). 3 ) Antike: 

Pauly-Wiss. 2. R. 1, 515; Ons Volksleven 
11, 61; Küster Schlange 128; Mittelalter: 
Megenberg 168 (n. Jacques de Vitry, Ambro¬ 
sius); Sizilien: Ons Volksleven 11, 61 (Glycas 
Annalen 1660). 4 ) ZfVk. 2, 84; vgl. DWb. 

8, 659: Keller Erzähl, a. altdt. Handschriften 
564; Starker DurchfaU beim Vieh heißt in 
Hessen-Nassau „Reiher“: Kehrein Nassau 
1, 3 2 7 ; daher ndd. schitreier Bremisches Wörterb. 

3, 466; s. a. Schwld. 6, 744. Er hat nur einen 
Darm (Megenberg 168; Gesner Vogelbuch 
204b), scheidet deshalb die Speise fast unver¬ 
daut aus; den verfolgenden Habicht wehrt er 
mit seinem Kot ab (Megenberg; Rollen - 
hagen Froschmäuseler) und verdirbt damit die 
Bäume (Gesner aaO.). 5 ) ZfVk. 2, 84; vgl. 
das eddische Hävamäl, Str. 13 t.: „Über i 
Gastungen schwebt der Vergessenheit R. ! 
(öminnis hegri), der den Verstand uns stiehlt, 
dieses Vogels Gefieder umfächelte mich, als 
in Gunnlods Grotte ich saß. 14: Trunken ward 

ich.“ 6 ) Schwld. 6, 744 h 7 ) Dähn- 

hardt Natursagen 4, 201. 205. 270. 8 ) Pauly- 
Wissowa 2. R. 1, 1, 515. 9 ) DWb. 8, 659 

n. Hohberg Georg, curiosa (1682); Hopf 


; Tierorakel 173 t.; Bartsch Meckl. 2, 210; 

1 NdlTijdschr. 33, 102. l0 ) Ons Volksleven 11, 61 
(n. Aldrovandus, Oppian); DWb. 8, 659 (n. 
Gesner Vogelbuck ; dieser n. Plinius); Bartsch 
Meckl. 2, 210 f.; Ndl. TijdschrVk. 33, 102. 
n ) DWb. 8, 659 (n. Gesner, Plinius). 

12 ) Grimm Mytk. 2, 946; Hopf Tierorakel 
173 t. 13 ) Grohmann 65. 14 ) Schwld. 6, 

744 (Kt. Zürich). 15 ) Mörike Werke (ed. 
Maync) 2, 306 ( Maler Nölten). 16 ) Pauly- 
Wiss. 2. R. 1, 1, 515 (n. Aelian 1, 35); DWb. 
8, 659 (n. Gesner Vogelb. 205 b ). 17 ) DWb. 

8, 659 f. (Haushaltungslexikon 1728). 18 ) ZfVk. 
8, 172 (Tirol). l9 ) Jühling Tiere 228. 20 ) DWb. 
8, 661 (n. Gesner). 2l ) Pauly-Wiss. aaO. 
(n. Plinius); Gesner Vogelb. 206 recto; DWb. 
8, 660. 22 ) DWb. 8, 660. 661 (s. a. R.fett, -öl, 
-schmalz); Gesner Vogelb. 206 recto; Mangolt 
Fischbuoch 366. 23 ) DWb. 8, 660; Schwld. 6, 
744 - Hoffmann-Krayer. 

rein, Reinheit 1 ). 

1. Die allgemeine Vorstellung. 
Das gemeingermanische Wort r., got. 
hrains , wird von Wulfila 15 mal zur 
Übersetzung des griechischen Wortes 
xaöapoc bzw. xaüapt'Cm gebraucht in der 
Bedeutung frei von Schmutz (so Matth. 
27, 59 )> frei von Krankheiten (so Matth. 
8, 3), frei von Sünde (1. Tim. 1, 5); 
einmal (1. Tim. 2, 9) steht es auch für 
x6(jp.10; (sauber, wohlanständig) und ein¬ 
mal (Luk. 17, 15) steht es, wo die Vor¬ 
lage taibj lautet: er wurde frei von Aus¬ 
satz. Die erste literarisch faßbare Be- 
I deutung ist also wohl „sauber, frei von 
j sinnlich wahrnehmbarem Schmutz“, dann 
tritt, bereits bei Wulfila, die übertragene, 
theologische und moralische Bedeutung 
! in den Vordergrund, im 13. und 14. Jh. 
wird r. auch Beiwort Gottes und der 
Maria, aber auch zum Beiwort mensch¬ 
licher Frauen 2 ). Der Etymologie nach 
bezeichnet das Wort r. das Gesiebte, 
Gesichtete, d. h. das vom Unr.en Ge¬ 
trennte, also die Hervorhebung des R.en 
aus dem Unr.en und Profanen, die gleiche 
Trennung des Heiligen vom Unheiligen, 
die nach der Etymologie auch die Worte 
got. weihs (geweiht) und lat. sanctus 
(heilig) andeuten; s. dazu o. 3, 1660ff. 
Beides, das R.e und das Unr.e, ist von 
Kräften erfüllt, die nützlich oder schäd¬ 
lich wirken können, die man durch 
magisch-religiöse Mittel beeinflussen, von¬ 
einander trennen kann. Diese Trennung 





631 


rein, Reinheit 


632 


rein, Reinheit 


634 


wird durch R.igungshandlungen hervor¬ 
gerufen. Die Entstehung dieses Glaubens 
und das Aufkommen dieser R.igungs¬ 
handlungen ist psychologisch folgender¬ 
maßen zu erklären: Der materielle 
Schmutz und die materielle Unr.heit ist 
das primär Gegebene. Daran knüpfte 
sich der magische Glaube: Die Unr.heit ; 
enthält schädigende Kräfte, ein Glaube, 
der sich weiterentwickelte und noch im 
heutigen Volksglauben vorhanden ist, ; 
wonach im Schmutz, im Kehricht (s. d.) 1 
böse Kräfte vorhanden sind, böse Geister 
hausen. Dieser Glaube an die oren- 

1 

distische oder dämonische Kraft der j 
Unr.heit führte zu dem Streben nach ! 
Entfernung dieserUnr.heit durch rationelle j 
und magische Mittel, also zu R.igungen. I 
R.igungen, auch bloße Waschungen mit j 
Wasser, sind also ursprünglich tran¬ 
szendente Handlungen (s. dazu o. 5, 
792 f.), die sich auf besonders wirksame ■ 
Kräfte beziehen; solche unr.e Kräfte ; 
zu entfernen ist also der ursprüngliche I 
Sinn der R.igungen. Erst sekundär 
werden R.igungen ein profanes Mittel, 
um sich sauber zu halten, erst sekundär 
entwickelt sich das profane R.iichkeits- 
bedürfnis. Und noch später kommt es 
zur Ethisierung: Unr.heit ist Sünde und 
Sünde ist Befleckung. 

Für uns sind r. und unr. polare Be¬ 
griffe, die etwas Gegensätzliches be¬ 
zeichnen, nämlich nützlich und schädlich 
wirkende Kraftsubstanzen. Im Ur- 
germanischen aber gab es ein Wort, das 
eben diese Kraft benannte, gleichgültig, 
ob sie r. oder unr., nützlich oder schäd¬ 
lich wirksam war: *haila, wozu heill 
(besonders wirkungsvolle Kraft) und 
heilagr, heilig gehört. Heilig, d. h. mit 
besonderer Kraft erfüllt war sowohl das, 
was an sich r., als auch das, was unr. 
war; denn in beidem wirkten irgend¬ 
welche Kräfte. Hailag konnte also das 
R.e und Heilige wie auch das Unr.e 
bezeichnen, wenn es nur über besondere 
Kräfte verfügte. Das gleiche ist bei dem 
Wort Tabu (s. d.) der Fall. Durch die 
Christianisierung hat das Wort hailag 
dann seine ursprüngliche Bedeutung ver¬ 
loren und als ,,heilig“ die heutige Be- 



1 


deutung erlangt 3 ). Die Vorstellung aber, 
daß das R.e und Heüige wie auch das 
Un.re wirksam sein kann, letzteres aber 
auch in günstigem Sinn wirken kann, hat 
sich im Volksglauben bis heute erhalten, 
wie etwa der Abort (s. d.) zwar unr. ist, 
aber auch heükräftige Wirkung haben 
kann; s. o. 3, 1663ff. Auch die Men¬ 
struation güt als verunreinigend; aber 
auch hier läßt sich der ursprüngliche 
Glaube an die neutrale Kraft, die dieser 
Zustand hervorruft, noch an Bräuchen 
erkennen, in denen zu einer magischen 
Handlung ausdrücklich eine Menstruieren¬ 
de verlangt wird. So ist also das Heilige 
und R.e ebenso zu scheuen wie das Unr.e, 
weü beides mit einer Kraft erfüllt ist, und 
dieses Erfülltsein mit besonderer Kraft 
und die daraus sich ergebende Forderung 
nach einem besonderen Verhalten des 
Menschen gegenüber diesem R.en und 
Unr.en macht das Gemeinsame aus, 
wodurch das R.e und das Unr.e von 
Anfang an im Glauben miteinander ver¬ 
bunden ist, und diese Kraft ist es, die 
das gegensätzhche Begriffspaar R. und 
Unr. unter einem Oberbegriff, den Begriff 
Tabu, zusammenfaßt: denn das R.e wie 
das Unr.e kann tabu sein. 

2. R.heitsvorschriften. Das ,,Hei¬ 
lige“, d. h. alles, was als erfüllt mit be¬ 
sonderer Kraft güt, was tabu ist, ver¬ 
langt von demjenigen, der mit ihm ver¬ 
kehrt oder ihm naht, eine gewisse Dis¬ 
position und ein bestimmtes Verhalten: 
er muß selbst r. sein, d. h. zunächst frei 
von Schmutz und durch seine R.heit 
herausgehoben aus der Sphäre des Unr.en 
und Profanen. Ist dieser Zustand nicht 
vorhanden, so muß er durch eine Siebung, 
Sichtung und Trennung, die ja zum 
Wesen des R.en gehört, wie schon die 
Etymologie besagt, hervorgerufen werden, 
d. h. durch R.igungshandlungen. So 
kommt es zu R.heitsvorschriften, die von 
zweierlei Art sein können: 

I. Prophylaktische R.heitsvorschriften, 
von den Griechen dyvetst genannt: Sie 
bestimmen das Femhalten von Befleckung 
und Unr.heit, legen dar, daß man sich 
in bestimmten Fällen r. zu halten habe, 
wovon man sich r. zu halten habe, wie¬ 


1 








1 







633 


lange usw. Die hier angegebenen Mittel 
versetzen zugleich positiv in den Zustand 
der R.heit, der für eine magische oder ; 
kultische Handlung vorausgesetzt wird. : 

II. Kathartische Vorschriften, von den ! 
Griechen xadappot genannt: Das sind 
die Vorschriften über R.igungen, die an- 1 
zuwenden sind, wenn eine Verunreinigung • 
bereits stattgefunden hat, die also die 
Mittel zeigen, wodurch man negativ das • 
im Sinne des Kultes oder der Magie 
Unr.e entfernen, auch böse Geister, die : 
bereits vorhanden sind, vertreiben kann. 

Beide Arten der Vorschriften und die 
Vorstellungen von r. und unr. selbst 
haben ursprünglich mit sittlichen Kate- j 
gorien, mit sittlicher R.heit und Sünde ] 
nichts zu tun. Aber in der weiteren i 
Entwicklung können diese Vorstellungen 
auf das Gebiet der Ethik übergehen, so j 
daß etwa Sünde als Unr.heit güt und ; 
das Beladensein mit einem Verbrechen 
eine kultische oder magische Handlung 
hindert. Daher die häufige Forderung, 
daß zu einer solchen Handlung ein Un- 
schuldiger (s. d.) beizuziehen ist, oder i 
das Märchen- und Sagenmotiv, daß zu • 
einer bestimmten Aufgabe eine r.e Jung- | 
frau (s. d.) nötig sei. — Wir betrachten I 
kurz diese beiden Arten der R.heits¬ 
vorschriften und -handlungen: 

I. Prophylaktische Vorschriften und 
Handlungen, durch welche die Abwehr 
drohender oder möglicher Befleckungen 
bezweckt wird, um den Zustand der 
R.heit zu erhalten. Wir unterscheiden ! 
hier: 

A. Verhaltungsmaßregeln oder R.heits- 
askese; Vorschriften über das eigene 
Verhalten, um dadurch der Befleckung 
zu entgehen. Das ist die apotropäisch- 
kathartische Askese, die den Zweck hat, 
die unr.en Kräfte und Mächte unpersön¬ 
licher oder persönlicher Art von sich 
femzuhalten; s. o. 5, 801. Die wichtigsten 
dieser Maßregeln sind folgende: 

1. Das Fasten oder die Nahrungs¬ 
askese, d. h. die Enthaltsamkeit von be¬ 
stimmten Nahrungsmitteln oder Getränken 
zu gewissen Zeiten oder für immer und 
die Einschränkung der Aufnahme von 
Speise und Trank. Danach kann man 


qualitative und quantitative Fastenvor- 
schriften unterscheiden. Der ursprüng¬ 
liche Zweck des Fastens ist wohl gerade 
dieser apotropäisch-kathartische; gewisse 
Speisen wül man, weil von schädigender 
Kraft erfüllt, immer oder bei gewissen 
Anlässen vermeiden. S. Art. Fasten 
und dazu Arbesmann, Das Fasten bei 
den Griechen und Römern. 

2. Die sexuelle Askese, die dauernde 
oder zeitweüige geschlechtliche Enthaltung. 
Auch hier ist der ursprüngliche Zweck 
der apotropäische. Denn Beischlaf ver¬ 
unreinigt und die kultische oder magische 
Handlung verlangt R.heit. Vgl. Art. 
Keuschheit. 

B. Anwendung prophylaktischer Mittel, 
die das Unr.e und böse Einflüsse fem¬ 
halten sollen, wie etwa Amulette (s. d.), 
Talismane (s. d.) und sonstige apotro¬ 
päische Gegenstände und Stoffe, ferner 
auch apotropäische Handlungen und Be¬ 
wegungen. Diese Mittel können auch 
bei bereits eingetretenen Verunreinigungen 
Verwendung finden, also bei den unter 
II genannten kathartischen Vorschriften; 
s. darüber unten. 

II. Kathartische Vorschriften und Hand¬ 
lungen. Hierbei können wir folgende 
Gruppen unterscheiden: 

A. Vorbereitungsreinigungen: Sie wer¬ 
den vorgenommen mit Rücksicht auf eine 
magische oder kultische Handlung, die 
durch die Befleckung etwa behindert 
werden könnte, und dient also der Vor¬ 
bereitung einer solchen Handlung oder 
überhaupt der Ermöglichung des Ver¬ 
kehrs mit besonderen Mächten. 

B. Entsühnungsreinigungen: Allgemeine 
Reinigungen und Entsühnungen als Selbst¬ 
zweck, weil mit der Befleckung ein 
Schaden für den davon Betroffenen ver¬ 
bunden ist. Es kann sich hier um Ent¬ 
sühnungen und Reinigungen von Einzel¬ 
personen und ganzen Gruppen, ja auch 
von ganzen Städten handeln, vgl. Süh¬ 
ne, Sündenbock. 

C. Der Exorzismus im eigentlichen 
Sinn, für den es charakteristisch ist, daß 
er sich gegen persönliche Geister und 
Dämonen richtet; s. o. 2, 1098ff. 

Vorstehendes Schema umfaßt sämt- 


<535 


rein, Reinheit 


Reinheldis—Reise 


638 



liehe R. hei ts Vorschriften und R.heits- 
handlungen, die auf dem Gebiet der 
Religion (des Kultes) und des Volks¬ 
und Aberglaubens (d. h. der magischen 
Handlungen) begegnen; s. dazu Art. 
Kathartik. 

Diese Reinigungshandlungen sind auf 
dem Gebiet der Religion ein Teil des 
Kultes und bilden die o. 5,798 als negative 
oder apotropäisch-kathartische Kulthand¬ 
lungen bezeichnete vierte Gruppe der 
Kulthandlungen. Und wie im allgemeinen 
die Zwecke, Mittel und Formen der 
religiösen Kulthandlungen uns auch auf 
dem Gebiet der magischen Handlungen 
und des Aberglaubens begegnen, so im 
besonderen auch die der Reinigungshand¬ 
lungen. 

3. Subjekt, Objekt und Mittel 
der R.igung. Bei jeder Reinigungs¬ 
handlung und R.heitsVorschrift ist sowohl 
auf dem Gebiet des Kultes wie auf dem 
der magischen Handlung dreierlei zu 
unterscheiden: 

I. Wer zu r.igen ist bzw. sich vor 
Verunreinigungen zu hüten hat. Das ist 
das Subjekt der Reinigung und R.heits- 
vorschrift. Es ist identisch mit dem¬ 
jenigen, dem die Befleckung droht oder 
der bereits befleckt ist, d. h. mit dem 
Objekt der Befleckung. Das können 
einzelne Menschen sein, die sich vor Be¬ 
fleckung zu hüten haben oder solche 
beseitigen müssen wie etwa der Priester, 
der Zauberer, jeder, der eine kultische 
oder magische Handlung ausführen oder 
sich zu besonderen Mächten in Be¬ 
ziehung setzen will. Er muß selbst r. 
sein, aber auch seine Kleidung und alles, 
was zur heiligen oder magischen Hand¬ 
lung dient, muß frei von Befleckung sein. 
Aber auch Örtlichkeiten sind von Be¬ 
fleckungen bedroht und können der 
Reinigung bedürftig sein, heilige Plätze, 
der Ort, wo man eine magische Hand¬ 
lung vornehmen will, aber auch Haus 
und Herd, Hof und Stall. 

II. Von was man sich zu r.igen oder 
vor was man sich zu hüten hat, was man 
abwehren oder vertreiben muß. Das 
ist das Objekt der R.igung oder das 
Subjekt der Befleckung; denn es ist das. 


was verunreinigt und befleckt. Wir 
können folgende Komplexe von Be¬ 
fleckungen feststellen, d. h. also folgende 
Komplexe, von denen sich jemand fem- 
zuhalten hat, der übermächtigen Kräften 
sich nähern will, bzw. von deren Beein¬ 
flussung er sich zu r.igen hat: 

a) Materieller Schmutz, also etwa 
Schmutz, der an Körper und Kleidung 
sich befindet und vor einer kultischen 
oder magischen Handlung abzuwaschen 
ist. Dazu gehören auch bestimmte Stoffe, 
die nach gelegentlichen Vorschriften bei 
magischen Handlungen fernzuhalten sind, 
wie etwa das Eisen (s. o. 2, 724). 

b) Geschlechtliches: Beischlaf, Pollu¬ 
tion, Menstruation, Geburt verunreinigen. 
R.igungen sind nötig und Fristen werden 
festgesetzt, innerhalb deren ein so Be¬ 
fleckter keine heilige oder magische Hand¬ 
lung vornehmen, auch keine Kirche be¬ 
suchen darf. 


c) Krankheiten, die ursprünglich als 
verursacht durch böse Mächte oder Dä¬ 
monen galten. 

d) Der Tod und alles, was mit dem 
Toten zusammenhängt. Berührung einer 
Leiche (s. d.) verunreinigt. Daher duldet 
auch ein Fluß oder das Meer keine Leiche 
in sich, sondern wirft sie aus 4 ). 

e) Gewisse Nahrungsmittel, die immer 
oder bei bestimmten Anlässen zu meiden 
sind. S. Art. Fasten. 

f) Gewisse Menschen, die als unr. 
gelten und vor denen man sich zu hüten 
hat, wie etwa der Abdecker (s. d.) und 
andere, die zur Kategorie der unehrlichen 
Leute gehören. 

g) Menschen, die mit einer moralischen 
Unr.heit behaftet sind, wie etwa der 
Mörder. 

h) Unr.e Tiere, die nicht berührt und 
deren Fleisch nicht gegessen werden darf. 

III. Die Mittel, deren man sich zur 
R.igung oder zur Abwehr der Befleckung 
bedient, und ihre Wirkung auf Subjekt 
und Objekt der R.igung. Es sind dies 
die Mittel, die im Kult und bei magischen 
Handlungen angewandt werden und die 
verschiedenen Zwecken, darunter auch 
dem apotropäisch-kathartischen Zweck, 






• * 



r 

r 


dienen können und die o. 5, 799. 801 f. 
.aufgezählt sind. 

i) Literatur: Wächter Reinheit ; Fehrle 
Keuschheit ; Arbesmann Fasten; Pfister Reli¬ 
gion i2off.; Pauly-Wissowa Suppl. 6 Art. 
Katharsis. 2 ) Gaupp Zur Gesch. des Wortes 
„rein", Diss. 1920. 3 ) S. o. 3, 1655L; Pfister 
OberdZfVk. 6, 1932, 131#- 4 ) Müller Sieben 

bürgen 184; Wolf Beiträge 1, 253. 

Pfister. 

Reinheldis wird nur in dem westfäli¬ 
schen Dorfe Riesenbeck im Bistum 
Münster verehrt. Geboren ist sie auf dem 
Bauernhöfe Knüppenhus in der Ge¬ 
meinde Westerkappeln, Grafsch. Tecklen¬ 
burg. t 1262, auf Betreiben ihres Stief¬ 
vaters von der eigenen Mutter erwürgt; be¬ 
graben in Riesenbeck. Von der Kirche 
ist sie weder heilig noch selig gesprochen. 
Das Volk nennt sie Sünte Rendel; auf 
ihrem Geburtshofe heißt sie aber Knüppen 
Grelle und wird auf Anstiften ihres Bruders 
umgebracht, und die Leute erzählen sich 
ihre eigenen Sagen von ihr 1 ). 

*) Doye Heilige u. Selige der röm. kathol. 
Kirche 2, 242; Jostes St. Reinhild von 
Riesenbeck und St. Reiner von Osnabrück: 
Zeitschr. f. Vaterland. Gesch. u. Altertumskunde 
(Münster) 70 (1912), i.Abt. 191 ff.; Winkel¬ 
mann Sünte Rendel oder St. Reinheldis. Münster 
i. W. 1912; Knörich in: Beiträge z. Gesch. 
Dortmunds und der Grafsch. Mark 31 (1924), 
«99 ff.; Bahlmann Volkssag. a. d. Kreisen 
Tecklenburg u. Iburg 31 ff. Sartori. 

Reinoldus, hl., Patron von Dort¬ 
mund, der Bildhauer, der Kompanie der 
Schwarzhäupter in Riga. Sein Gedächt¬ 
nistag ist der 7. Januar 1 ). Dieser sagen¬ 
hafte Heilige soll eines der vier Haimons- 
kinder gewesen und später als Kloster¬ 
bruder in St. Pantaleon zu Köln von den 
Steinmetzen, die er zu überwachen hatte, 
erschlagen worden sein. Seine Gebeine 
wurden um 1059 durch Erzbischof Anno 
von Köln nach Dortmund übertragen. 
Hier hat er mancherlei Wunder getan 
und die Stadt wiederholt vor ihren Fein¬ 
den beschützt 2 ). Die Reinoldikapelle bei 
Solingen ist an der Stelle erbaut, wo sein 
Hammer niederfiel, den er in Köln in die 
Luft geworfen hatte 3 ). 

x ) Doye Heilige u. Selige d. röm. kathol. 
Kirche 2, 238; Künstle Ikonographie d. 
Heiligen 512. 2 ) J. Hansen D. Reinoldssage 

und ihre Beziehung zu Dortmund : Forschungen 
f. deutsche Geschichte 26 (1886), 104 ff.; 


H. Schauerte R. d. Stadtpatron Dortmunds 
1914; G. Knörich D. heilige R.: Beitr. z. Gesch. 
Dortmunds u. d. Grafsch. Mark 31 (1924), 
77 ff. (der Heilige wird hier auf einen Gott der 
Erde und der Fruchtbarkeit zurückgeführt von 
derselben Art wie der nordische Niörd und die 
Nerthus des Tacitus); Zrwk. 11 (1914), 82 ff.; 
Nork Festkalender 1, 845.; Zaunert Rhein¬ 
landsagen 1, 143 f.; Schmidt Kultübertragungen 
113 A. 2. 3 ) Schell Bergische Sagen 232; 

Beitr. z. Gesch. Dortmunds usw. 31, 93. 


Reinigung s. rein. 

Reis (Oryza sativa). In der warmen 
Zone der Erde (besonders Asiens) ange¬ 
bautes Getreide, dessen Körner auch seit 
langer Zeit bei uns eingeführt sind 1 ). 
Teilweise hat der R. die ältere Hirse (s. d.) 
verdrängt. Wie diese ist er ein Frucht¬ 
barkeitssymbol, so wird ab und zu das 
Brautpaar mit R.körnem bestreut 2 ). 
Zum ersten Mittagessen muß die junge 
Frau R. in irgendeiner Form kochen; wie 
der R. quillt, so wird der Wohlstand des 
Hauses sich mehren 3 ). An Weihnachten 
und Neujahr ißt man in Westböhmen 
R. 4 ), s. auch Hirse. 

x ) Schräder Reallexikon 2 2, 230; Pauly- 
Wissowa 2. R. 1, 1, 517 ff. 2 ) Schef telowitz 
Huhnopfer 1914, 13 t.; vgl. auch Ploß Kind 
1,7. 3 ) Drechsler Schlesien 1,281; 2,214. 

4 ) John Westböhmen 23. 28. Marzeli. 

Reis s. Zweig. 


Reise. Wie an jede außerordentliche 
Begebenheit knüpft sich der Aberglaube 
auch an das Reisen. Das güt vor allem 
für frühere Zeiten, die noch nicht unter 
dem Zeichen des Verkehrs standen. — 
Der Tag der Abreise ist durch be¬ 
stimmte abergläubische Regeln festgelegt. 
Für alle Handlungen, also auch fürs Reisen 
galt der Karfreitag überall als unglück¬ 
bringend x ). Von diesem einen Tag des 
Jahres ist der Glaube auf jeden Freitag 
übergegangen 2 ). Noch heute scheuen sich 
die Seeleute davor, am Freitag abzu¬ 
fahren 3 ). Nicht so allgemein wie der 
Karfreitag werden der Neujahrstag 4 ) und 
der Dreifaltigkeitssonntag 5 ) zum R.an- 
tritt für ungünstig angesehen. Im Gegen¬ 
satz zu diesen Tagen, die für alle Men¬ 
schen dasselbe bedeuten, gilt der Licht¬ 
meßtag 6 ) nur für den Bienenvater als 
unglückbringend: wenn er an diesem 


641 


Reise 


der Freizügigkeit erteilte, um einen R.- 


639 

Tage reist, werden seine Bienen beim 
Schwärmen fortfliegen. — Was die ein¬ 
zelnen Wochentage betrifft, so ist hier der 
Aberglaube reichhaltig, aber in jeder 
Gegend anders. Der Freitag ist, wie ge¬ 
sagt, in den christlichen Ländern am allge¬ 
meinsten zum Unglückstag gestempelt 
worden. Die Muhammedaner halten den 
Montag für den günstigsten Reisetag, 
weil viele bedeutende Männer, unter denen 
auch Muhammed war, an diesem Tage 
ihre R. in das Jenseits angetreten haben 7 ). 

Der glückbringende Tag allein bürgt 
nicht für den glücklichen Verlauf einer 
R. Auch die Gunst der R.götter und 
-geister muß erworben werden. Deshalb 
steht der Tag des R.antritts bei Griechen 
und Römern 8 ), Indern 9 ) und Muham¬ 
medanern 10 ), bei den Deutschen und bei 
wilden Volksstämmen 11 ) unter dem Zei¬ 
chen des Gebets und Opfers. Wenn heute 
der deutsche Fuhrmann mit der Peitsche 
drei Kreuze vor seinem Pferde macht, 
bevor er abfährt 12 ), so soll es dieselbe 
Wirkung haben wie die Gebetsformeln, 
die Cäsar dreimal gemurmelt haben soll, 
ehe er eine R. antrat 13 ). Ein R.opfer an 
den hl. Leonhard, den Schutzheiligen der 
Pferde, bedeutet das Hufeisen, das man 
in Meran an die Kirchtür des Heiligen 
nagelte, wenn man auf die R. ging 14 ). 
Eine vorchristliche. Opferhandlung in 
christlichem Gewände ist auch das Minne¬ 
trinken auf die hl. Gertrud, die Schutz¬ 
patronin der Reisenden, das später auf 
Johannes übertragen wurde 15 ). Der 
feste Glaube an die Hilfe der Heiligen, die 
sich zum Helfen verpflichtet hatten, hat 
in verschiedenen Legenden seinen Nieder¬ 
schlag gefunden 16 ). Die vielen R.gebete 
und -Segen verraten manchmal trotz 
ihres christlichen Aussehens, ebenso wie 
die verstümmelten heutigen Grußformeln, 
eine Herkunft von anderen Segen und Be¬ 
schwörungen 17 ). 

Größeren Einfluß als all dies hat nach 
dem Glauben des Volksmenschen der 
R.zauber auf den Verlauf der R. Er 
hat immer und überall seine Pflege ge¬ 
funden. Man braucht nur an die Puppen 
und Bären zu denken, die in jedem Auto 
als Talisman auf die R.n mitgenommen 


640 

werden. — Der R.zauber kann darin be¬ 
stehen, daß man heilbringende oder ab¬ 
wehrende Gegenstände mit auf die R. 
nimmt: Brot, das vor Heimweh und Be¬ 
zauberung schützt 18 ), Wacholder oder 
Rainfarren oder geweihter Salzstein, die 
unbestimmte zauberische Kräfte be¬ 
sitzen 19 ), Igelfett, das Ungeziefer 20 ), 
Stahl, der den bösen Feind abwehrt 21 ). 
Äpfel und Eier darf man dagegen nicht 
mitnehmen 22 ), wahrscheinlich, weil sie 
schon zu oft unterwegs entzwei gegangen 
sind. Eine andere Art des R.Zaubers be¬ 
deutet es, wenn der Abreisende oder die 
Zurückbleibenden Handlungen vorneh¬ 
men, die in magischer Weise auf den Ver¬ 
lauf der R. ein wirken sollen. Die Zurück¬ 
bleibenden müssen dem Abreisenden 
„nachsehen“ 23 ), d. h. sie öffnen die Tür, 
die er schon hinter sich geschlossen hat, 
und geben ihm das Geleit, damit er wohl- 
! behalten zurückkomme. Dann muß die 
Frau, manchmal noch der Reisende selbst, 
das Brot vom Tisch nehmen und ver¬ 
wahren, sonst wird ihm der Weg sauer 24 ); 
sie darf am selben Tag weder Stube noch 
Bett machen 25 ). Bei den primitiven 
Stämmen darf sie an diesem Tag kein 
Feuer aus dem Hause geben 26 ). Dies 
alles geschieht, damit der Abgereiste 
nicht den Zusammenhang mit der Heimat 
verliere, damit ihn weder Unglück noch 
Tod treffe. Für manche Gegenden gelten 
diese Vorschriften nur so lange wie der 
Reisende sich innerhalb der Dorfgrenze 
befindet 27 ), oder bis erden ersten Halte¬ 
platz erreicht hat. — Der Abreisende selbst 
sollte immer rückwärts aus der Tür gehen, 
um sich vordem bösenFeindzuschützen 28 ). 
Es ist gut, wenn er eine Weile auf der 
Bank vor dem Hause sitzt, bevor er end¬ 
gültig aufbricht 29 ). Manchmal scheint die 
Abr. in angetrunkenem Zustande einen 
glücklichen Verlauf zu sichern 30 ). Die 
bösen Geister gewinnen keine Macht über 
den Reisenden, wenn er mit etwas Bren¬ 
nendem, z. B. einer Pfeife, abfährt 31 ). 
Er darf niemals umkehren, um etwas 
Vergessenes zu holen. Dann geht auch 
seine R. „hinter sich“ 32 ). — Ob es sich 
bei der Pfeilübergabe des langobardischen 
Freilassungsaktes, der auch das Recht 


zauber oder um eine reale oder symbolische 
Wehrhaftmachung handelt, mögen andere 
beurteilen. Der Text bei Paulus Dia- 
konus läßt beide Deutungen zu 33 ). — Ent¬ 
schieden das sicherste Mittel, allen Fähr- 

* 

nissen der R. zu entgehen, gibt eine Hand¬ 
schrift des 16.—17. Jahrhunderts an. Dort 
heißt es 34 ): Man soll auf einer Wegscheide 
an der linken Schuhsohle und an den 
Zehen mit Kreide Zeichen machen und 
sprechen: „Ich gebeutte dir das du mir 
underthenig seyest, und mich füerest 
ohne schaden meines Leibes, das ich möge 
in der Zeit do und do sein möge: Nun 
hebe mich auff über alle Stock und Stau¬ 
den und Felsen“. Wenn man dann unge¬ 
fährdet angelangt ist, muß man die Kreide 
von den Schuhen waschen, dann ist der 
Fuhrmann weg. 

Im Gegensatz zum R.zauber steht der 
Angang 35 ), der ohne das Zutun der Men¬ 
schen eintritt, und den man deshalb gerne 
als Orakel benutzt. Auch andere Zufälle, 
die man nicht als Angang bezeichnen kann, 
geben dem Volksmenschen Stoff genug 
zu Prophezeiungen über den Verlauf der 
angetretenen Reise. Bleibt der Ab¬ 
reisende z. B. mit dem Mantel in der 
Tür hängen, dann kehrt er gesund zu¬ 
rück 36 ). Verschüttet er Wasser, so sollte 
er lieber zu Hause bleiben, denn es 
bringt Unglück 37 ). Im altindischen 
Zauberritual allerdings, das bei der Ab¬ 
reise üblich war, wird das Ausgießen 
von Wasser als eine heilige Handlung 
gefordert 38 ). Unglück bringt es dem 
Reisenden, wenn er unterwegs nach 
seinem Ziel gefragt wird 39 ), oder wenn 
sein Stock hinfällt 40 ). Die Zurück¬ 
bleibenden haben immer die Möglich¬ 
keit, an dem Gedeihen des Lebens¬ 
baumes, den der Abreisende in irgend¬ 
einer Form eingepflanzt hat, sein gutes 
bzw. schlechtes Fortkommen während der 
Reise zu erkennen 41 ). 

Trotz allen Reisezaubers, trotz der 
Opfer und Gebete lauern viele Gefahren, 
besonders in der Stunde der Mitter¬ 
nacht 42 ), auf den Wanderer. Diese 
Reise- und Weggeistersagen, die eine 
geängstigte Phantasie hervorgebracht hat, 

B ä cb 10 Id-S t ä u bli, Aberglaube Vll 


642 

wollen sich in der Grausigkeit der Dar¬ 
stellung schier übertrumpfen 43 ). 

Wenn der Reisende, dem schon seine 
Pferde durch ihr Niesen eine gute An¬ 
kunft prophezeit hatten 44 ), am Ziel 
angelangt war, dann hatte er strenge 
Reinigungsriten auszuführen, ehe er in 
die Gemeinschaft der anderen aufge¬ 
nommen wurde. Nach dem Glauben 
der antiken Völker verlangten die Haus¬ 
götter ein Versöhnungsopfer für jeden, 
der in die Hausgemeinschaft eintrat 45 ). 
Heute haben nur noch die primitiven 
Völker den Zwang der Reinigungsriten 
bei der Rückkehr von der R. Man hängt 
dort die R.kleider eine Zeit lang in die 
Bäume 46 ), schneidet die Haare, die 
während der Reise lang bleiben mußten 47 ), 
wäscht und besprengt sich mit bestimmten 
Flüssigkeiten 48 ) und darf nur bestimmte 
Dinge essen 49 ). 

Man muß auch, wie während der R., 
Keuschheit wahren 50 ) und die ersten 
Nächte in einer abgelegenen Hütte schlafen. 
Dies alles geschieht, damit etwaige böse 
Zauber, die dem Reisenden anhaften 
könnten, von ihm genommen werden, 
und er niemand mit ihnen anstecken 
kann. — Wegen der Bedeutung, die eine 
Reise in früheren Zeiten besaß, und 
wegen der Gefahren, mit denen sie ver¬ 
bunden war, bestanden für die Reisen¬ 
den im Mittelalter Ausnahmerechte: 
Sie durften ihre Nahrung ungestraft 
vom Felde und aus den Gärten nehmen 51 ), 
ebenso das Holz, das sie zum Ausbessern 
eines beschädigten Wagens nötig hatten 52 ). 
Nach der Lex Burgundia hatten die 
Gesandten fremder Völker sogar das 
Recht, unterwegs ein Schwein oder einen 
Hammel von den Bauern zu fordern 53 ). 
Selbstverständlich wurde gefordert, daß 
man dem Reisenden in jeder Weise be¬ 
hilflich sein sollte 54 ). 

Außer den, trotz aller Mühsale, immer¬ 
hin alltäglichen R.n wissen Legenden, 
Sagen und Märchen von wunderbaren 
R.n der Lebenden und der Toten zu be¬ 
richten. Wie um die Helden der Antike 
haben sich auch um die Gestalten des 
Urchristentums Wanderungslegenden ge¬ 
bildet 55 ). Diese führen noch heute in 


Reise 


1 J 

t 






u 

i 

|P“ 

% 


» • 


1 ; 


• 1 

ü 

rt 






21 


643 


Reisesegen—Reiter 


645 


Reiter 


646 


katholischen Ländern ein starkes Eigen¬ 
leben 56 ). — Die R. ins Jenseits spielt 
eine große Rolle im Phantasieleben des 
Volksmenschen jeder Zeit und jedes 
Stammes 57 ). Die Toten versammeln 
sich an bestimmten, auch den Menschen 
bekannten Plätzen im Wald, auf einer 
Wiese, in einer Höhle usw. 58 ). Von dort 
aus begeben sie sich gemeinsam auf ihre 
qualvolle und mühselige Wanderung. 
Auch Lebende gelangen manchmal ins 
Totenreich. Davon berichten nicht nur 
die Sagen von Orpheus, Herakles, Odys¬ 
seus 59 ), sondern die Dichtungen aller 
Völker, so z. B. das Gilgameschepos *°), 
das Kalewalaepos der Finnen 61 ) und 
eine Sage aus Kamtschatka 62 ). In den 
Märchen weisen viele Angaben auf diese 
Vorstellung von R.n Lebender ins Toten¬ 
reich hin. Sie verbergen sich unter 
anderen Namen, wie Himmel, Hölle, 
Gestirne 63 ), wo man Wunderdinge wie 
das Wasser des Lebens sucht. Die Wan¬ 
derungen in diese Welten werden je nach 
dem Charakter des Dichters entweder 
mit vielen Bildern als grauenhaft und 
gefährlich geschildert oder mit wenigen 
Worten abgetan, die das Unheimliche 
nur ahnen lassen 64 ). Die häufige An¬ 
wendung und Ausbeutung dieses Märchen¬ 
motivs zeigt wiederum, welch großes 
Ereignis eine R. für den Menschen ver¬ 
gangener Zeiten war. 

Auf das Prophezeien des R.wetters 
weisen die beiden Sprichworte hin: Wenn 
Pfaffen reisen, so regnet es 65 ) — und: 
Wenn Engel reisen, dann lacht (oder 
weint) der Himmel 66 ). 

x ) John Erzgebirge 193. 2 ) Wander 

Sprichw.-Lexik. 3, 817 Nr. 13; ZfdMyth. 2 
(1854), 101 » Haltrich Siebenb. Sachsen 288; 
Fogel Pennsylvania 216 Nr. 1365; Stern 
Türkei 1, 378. 3 ) Mündl. von d. Nord- u. Ost¬ 
see. 4 ) John Westböhmen 29. 5 ) Meyer Baden 
506. 6 ) Fogel Pennsylvania 216 Nr. 1093. 

7 ) Stern Türkei 1, 377. 378. 8 ) Radermacher 
Beiträge 63. 9 ) Caland Altind. Zauberritual 

3, 7 Nr. 2 (1900), 46. 10 ) Sartori Sitte 2, 49. 
u ) Ebd. ia ) Knoop Hinterpommern 167; 
Drechsler 2, 18; Urquell 1 (1890), 6. 13 ) 

(Keller) Grab d. Abergl. 5,233. 14 ) Meyer Germ. 
Myth. 252. 15 ) Böckel Volkslieder XXXVII; 
Weinhold Frauen 2, 191; Zingerle Johannis¬ 
segen 220; Kondziella Volksepos 152; Zin¬ 
gerle Johannissegen 182. 16 ) Böckel Volks- 


644 

lieder XXXIX, XXXVII (im übrigen s. 
,,Minnetrinken"). 17 ) Wlislocki Sieb. Volksgl. 
112; ZfVk. 5, 421; 1, 308; Grimm Myth. 3, 
499 Nr. 21; Weinhold Frauen 2, 185; Schw- 
Vk. 3, 138; ZfdMyth. 3, 323. 18 ) Laube Teplitz 
67; Rochholz Glaube 2,118. 19 ) Grohmann 
97; Schönwerth Oberpfalz 3, 272; Leoprech- 
ting Lechrain 157. 20 ) Schönwerth Ober- 

Pfalz 3, 272. 21 ) Toeppen Masuren 102. 

22 ) ZföVk. 3 (1897), 20 Nr. 96. 23 ) Liebrecht 
Zur Volksk. 323 Nr. 79. So; Sartori Sitte 
2, 49. 24 ) Köhler Voigtland 429; Panzer 

Beitrag 1, 267; Grimm Myth. 3, 448 Nr. 
442. 25 ) Sartori Sitte 2,51; ZfVk. 2, 264; 

Urquell 4, 94 f. 2«) Sartori Sitte 2, 

51. 27 ) Liebrecht Zur Volksk. 323. 28 ) 

Laube Teplitz 67. 29 ) Urquell 4 (1893), 116 

Nr. 84. 30 ) Toeppen Masuren 102. 31 ) Ebd. 

32 ) Grimm Myth. 3, 435 Nr. 14; Unoth 

1, 186 Nr. 111; Meyer Aberglaube 230; 

ZfVk. 3, 28; Urquell 1 (1890), 66 Nr. 32; 

Spiess Fränkisch-Henneberg 151. 33 ) Gold- 

mann German. Freilassung (1904) 15; Vor¬ 
demfelde Religion 37 ff. 34 ) ZfdMyth. 3,324. 
35 ) S. ,,Angang". 38 ) Müller Isergebirge 35. 
37 ) SchwVk. 3, 74. 38 ) Caland Altind. Zauber- 
ritual 3, 7 Nr. 2 (1900), 63. 39 ) Wolf Beiträge 
1» 252. 40 ) Knoop Hinterpommern 163; 

ZfVk. 3, 131. 4l ) Maack Lübeck 53. 42 ) 

(Keller) Grab d. Abergl. 5, 89. 43 ) S. ,,Weg". 

44 ) Toeppen Masuren 102. 45 ) Samter 

Familienfeste 8 f. 46 ) Frazer 2, 113. 47 ) Ebd. 

1,261; 2, m. 48 ) Ebd. 2, 112 fg. 49 ) Ebd. 
50 ) Ebd. 2,113. 51 ) Grimm RA. 1,553. 

52 ) Ebd. 53 ) Ebd. 54 ) Grimm Weistümer 

2, 321. 55 ) Pfister Reliquienkult 1, 255. 

266. 56 ) Sebillot Folk-Lore 2, 363; 1, 321. 

57 ) S. ,.Totenland". 58 ) Tylor Cultur 2, 44 ff.; 
L 4 73 - 59 ) Rohde D. griechische Roman 268 

Anm. 2. 60 ) Gressmann Gilgamesch 135 f. 

61 ) Schiefner Kalewala (1914) 129 ff. 147 ff. 

62 ) Wolf Beiträge 1, 94. 63 ) Tausend u. eine 

Nacht (Weil) 1,291. 295; 2,197; 3, 28. 103 ff.; 
Kreutzwald Esthn. Märchen 179. 269; Bolte- 
Polivka 1,233; 2,234; 3.38; Köhler Kl. 
Sehr. 1, 52; 1, 445; Gunkel Märchen 65. 51 ff.; 
ZfVk. 22 (1912), 159. 64 ) Sklarek Märchen 

1, 263. 168; Grimm Märchen 1, 81. 247. 

143; 2, 118. 146. 212; 3, 177. 167 usw. s. Siuts 
D. Jenseitsmotiv im deutschen Märchen. 85 ) 
Schultz Alltagsleben 242. 66 ) mündl. 

Schmekel. 

Reisesegen s. Ausfahrtssegen, Se¬ 
gen, Reise. 

Reisighaufen s. Steinhaufen. 

Reiter. Über die germanischen Götter, 
Walküren und Gestalten niederer My¬ 
thologie als R. vgl. die unter Pferd bei¬ 
gebrachten Zeugnisse (Reiten der Zwerge: 
Grimm, Myth. 1,385; 3,134 mit Lit.). 
Noch in später Zeit ist Wodan, unter 
mannigfacher Senkung und Veränderung 


des ursprünglichen mythischen Gehalts, 
bevorzugt: ihm, dem wilden Jäger, 
eignet meist der Schimmel x ), ab und an 
ein rotes Roß, mit dem dann roter Mantel 
und rotes Banner übereinstimmt 2 ). Aber 
er lebt auch fort im Märchen, in zahl¬ 
reichen Sagen, trägt bei zur Bildung des 
Weg- und Wanderspuks, des ruhe¬ 
losen gespenstischen R.s, in der Ge¬ 
stalt des Schimmelr.s. Mannigfach 
gewandelt in Tracht, Erscheinung und 
mit schnaubendem, mit den Hufen 
klapperndem Roß (am liebsten Schimmel), 
den Menschen nicht immer sichtbar. In 
den einfachen Formen des auf dem Weg 
Begegnenden oder Vorübersprengenden 3 ), 
auf der Weide 4 ), im Wald 5 ); gern zu 
bestimmten Zeiten oder Tagen 6 ), an 
verrufenen Orten 7 ). Die Sage geht in 
der Ausmalung der Einzelzüge noch 
weiter, greift zeitlich weit zurück, über¬ 
nimmt Geschichtliches und Lokales aus 
dem 3ojähr. Krieg 8 ) und aus späteren 
harten Kriegsdrangsalen 9 ). — Doch güt 
das ruhelos Umherirren auch als Strafe 
für jede Art von Schandtaten (Raub¬ 
rittertum, Grenzstein versetzen, Kirchen¬ 
raub 10 ), harte Behandlung der Unter¬ 
tanen 11 ), Mord 12 ), Feiertagsentheiligung 
und Gotteslästerung 13 ): um den ehe¬ 
maligen Wohnsitz (bei Burgen oft noch 
Nebenmotiv des Schatzhütens) 14 ), an 
Wüstungen und in Wäldern 15 ), an 
Seen 16 ), seltener auf Friedhöfen 17 ). Die 
schärfste und zugleich grausigste Aus¬ 
prägung solcher Züge ist im R. ohne 
Kopf 18 ) erreicht worden, für die als 
tieferer Grund die Anschauung vom 
Sitz der Seele im Haupt, und wo dieses 
fehlt, vom Umherirren (aber doch in 
etwa an einen Platz früherer Wirksam¬ 
keit gebunden) liegen wird. Bis auf 
Wodan im Zusammenhang mit der wilden 
Jagd möchte Jähns (Roß und Reiter 
1, 316) zurückgehen. Den Kopf trägt 
der Verfluchte, wie häufig ausdrücklich be¬ 
zeugt wird, unterm linken Arm wie einen 
Hut, auch auf dem Rücken herabhängend, 
ganz selten in beiden Händen vor sich. 
Bisweilen erscheint der Kopf wie durch 
das umgelegte Halstuch angebunden (Zu 
vergleichen wäre immerhin die Legende 


1 vom hl. Dionysius und die Auskunft der 
bildenden Kunst, das Haupt wenigstens 
als Attribut dem Unenthaupteten bei¬ 
zugeben, Nachweis z. B. bei Künstle, 
Ikonographie der Heiligen, 1926, S. i8off.), 
vgl. a. kopflos. 

Die Kirche hat Heilige gern als R. 
dargestellt, oder sie zum Kampf gegen 
Unholde, Drachen, gegen die Ungläubigen 
beritten gemacht, so den hl. Georg, 
den hl. Mauritius (als Patron der 
Kriegsleute), den hl. Jakob (d. Ä.) (er 
führte auf weißem Roß die Christen 
gegen die Türken), den hl. Martin (an 
Martinuskapellen als Gelübde werden 
mehrfach Sagen von Reitern, bei gefahr¬ 
vollem Sprung, angelehnt, z. B. Martinus 
von Homburg: Argovia 15 (1884), 33 t. 
vgl. Sepp, Sagen 612 f.), den hl. Wenzel 
(Grohmann, Sagen 93: 1125 im Kampf 
mit den Sachsen verhilft Wenzel auf 
Schimmel, mit Fahne und Rennspieß 
den Böhmen zum Sieg); den Erzengel 
Michael (in dichterischer Verklärung 
durch Scheffels Ekkehard, Kap. 14, in 
der Hunnenschlacht. Oder im Hymnus: 
O magne heros gloriae, Dux Mi¬ 
chael, Protector sis Germaniae). 

Aber vor Rm mit Roß- oder Ziegen¬ 
füßen muß man auf der Hut sein; es 
ist der Teufel, der sich als nächtlicher 
Begleiter beigesellt oder um Herberge 
bittet, doch durch Kreuzschlagen und 
durch die Nähe einer Kapelle vertrieben 
wird 19 ). 

Mit dem eigentlichen Aberglauben 
ist der R. nur wenig verknüpft: als treue 
Eckartsgestalt 20 ), Zukünftiges zu wei¬ 
sen 21 ), Feuersbrunst 22 ), nahenden Krieg 
anzuzeigen 23 ). Günstig ist der Angang 
eines Reitenden 24 ), gegen Warzen hilft 
ein Spruch, dem man zwei auf einem 
Pferd Sitzenden nachruft: Twee up een 
Pärd, nehmt mi mine dree (veer, 
fief...) Waarten mit 25 ). Gegen 
Überbein soll man, sobald ein R. vor¬ 
beireitet, 3mal für sich sprechen: Hinter¬ 
ritt, Vorderritt, Nimm mir mei 
Uber bei mit! Oder man soll rufen, 
sobald man einen R. erblickt: Überb ui, 
Uberbui, Gang mit dem Rittar 
hui 26 ). Aus dem Beginn des 18. Jh. 


647 


Reiter 


Rekrutierung 


650 



sind noch eine Reihe von „R.Stellungen“ 
erhalten (Odenwald, Schwarzwald), die 
durch neuere schlesische Belege gut er¬ 
gänzt werden 27 ). Gegen Sturz vom 
Pferd, zugleich fest gegen Hieb, Stich 
und Schuß macht ein Mansfeldischer 
Taler von Jahr 1612 mit dem Wahlspruch: 
Bei Gott ist Rath und That 28 ). 

Auch die Kunstdichtung hat den Stoff 
vom Gespensterroß, -ritt, oder -reiter 
vielfach behandelt und sich hier auf volkstüm¬ 
liche Überlieferung oder doch Sagenzüge stützen 
können. Ich nenne nur Bürgers ,,Wilder Jäger“, 
„Lenore“, Lit. außer der bei Vogt 11. Koch, 
Gesch. d. dtsch. Lit. 4 2,329 gegebenen: Erich 
Schmidt, Charakteristiken 1, 199 ff.; ZfVk. 
11 (1901), 418 Anm.; Jahns a. a. O. 1,408; 
Erk-Böhme Liederhort 1, 596 f., Isolde 

Kurz ,, Schwarzer Reiter“, Herders „Erlkönigs 
Tochter“ und Goethes „Erlkönig“, Lenaus 
„Vision“, C. F. Meyers „Begegnung“, Mörikes 
„Feuerreiter“, Pfaus „Reiter“, G. Schwabs 
„Reiter und der Bodensee“. 

x ) Grimm Myth. 1, 129:2,777; Grohmann 
Sagen 92. 2 ) Mannhardt Germ. Mythen 124 

(doch Deutung auf Donar; mit weiterer Lite¬ 
ratur). 3 ) Lenggenhager Sagen 16. 56 (auf 
weißem Pferd). 77 (Jägern am Maimorgen be¬ 
gegnend); Meiche Sagen 145 (Beleg aus d. 
J. 1859 von der Fahrpost Dresden-Chemnitz); 
Birlinger Volksth. 1,26 (gepanzert); Reiser 
Allgäu 1, 428; Sepp Sagen 613 (oft auch das 
Pferd ohne den Reiter!); Kühnau Sagen 1,296; 
Vernaleken Mythen 46 (Niederösterreich). 
4 ) Birlinger Volksth. 1, 28; Grimm Myth. 
2, 777 - 5 ) Hofmann Bad. Franken 21 (bei 

Osterburken, nah dem Limes; 7maliges Um¬ 
kreisen während der 7 hl. Nächte); Zimmer. 
Chronik 2 2, 153. ®) Hof mann Bad. Franken 21 
(zwischen Weihnachten und Neujahr); Eisei 
Voigtland 59. 60 (Neujahrsnacht); Kühnau 
Sagen 1, 296 u. 1, 361; Schell B er gische Sagen 
131; Birlinger Volksth. 1,28 (zur Nachtzeit 
oder um Mitternacht). Nach dem Tod eines 
Grafen kommen abends viele Pferde und 
schwarze unbekannte Reiter aufs Schloß, durch¬ 
stöbern es und reiten wieder fort: Zimmer. 
Chronik 2 1, 629. 7 ) An Wallresten, Türmen, 

nah bei ehemaligen heidnischen Opferstätten: 
Birlinger Volksth. 1, 26; Schell Bergische 
Sagen 131. Am Schloßgarten: Kühnau Sagen 
1, 296. Irren über den Schlachtfeldern, in 
deutschen Sagen; auch für Frankreich bezeugt 
(Sebillot Folk-Lore 4, 309). 8 ) Bis in die 

Hunnenkämpfe zurück geht die Sage vom 
Ritter, der tot oder lebend aus dem Kampf 
zurückzukehren versprach: Er reitet heim, 
hoch zu Roß, sein Haupt auf einem weißen 
Teller tragend (Birlinger Volksth. 1, 22 f.); 
Pollinger Landshut 121 f. (zur Spätherbst¬ 
zeit sprengt Reiter in funkelndem Mantel, auf 
Schimmel durch die Stadt Landshut; er soll 
ein Nachzügler aus der Schwedenzeit sein. 


ähnlich auch bei Sepp Sagen 612 f.); Bir¬ 
linger Volksth. 1, 26; Hofmann Bad. Franken 
22 (Schwede kommt zur Wolfgangkapelle bei 
DisteJhausen, führt unter Lästern einen Hieb 
gegen das Muttergottesbild; beim zweiten Hieb 
schlägt er sich selbst den Kopf ab. Er muß als 
Gespenst, den Kopf in beiden Händen tragend 
um die Kapelle reiten). •) Sepp Sagen 613 
(am Lechrain feuriger Reiter: ein Panduren¬ 
offizier); Pollinger Landshut 121 f. (auf Be¬ 
lagerung vom J. 1742 bezogen: der Stadt¬ 
kommandant wurde auf der Flucht am Stadt¬ 
tor erschossen); Eisei Voigtland 61 (Reiter 
ohne Kopf im Napoleonshut). 10 ) Hof mann 
Bad. Franken 20 (Waldraub), vgl. Schmitt 
Hettingen 6; Mo ne Anzeiger 7, 370 (Betrügerei 
des Feldmessers); Kühnau Sagen 1,346; 
Lenggenhager Sagen 16; Stöber Elsaß 
2, 66; Birlinger Volksth. 1, 27; Witzschel 
Thür. 2, 42. u ) Kühnau Sagen 1, 342 (Pech¬ 
schwarz in Teufelsgestalt auf Schimmel; mit 
ihm kleine schwarze Hunde); Grohmann 
Sagen 94; Birlinger Volksth. 1, 27. 12 ) Groh¬ 
mann Sagen 94; Kühnau Sagen 1, 346 (Schwar¬ 
zer Ritter mit blutrotem Schwert). 13 ) Grimm 
Myth. 2, 774 (Jagen am Feiertag). 14 ) z. B. 
Bindewald Sagenbuch 14 ff.; Birlinger Volks¬ 
th. 1, 26. 27; Lenggenhager Sage?i 4. 16; 
Mone Anzeiger 8, 306. 15 ) z. B. Bindewald 

Sagenbuch 14 ff.; Hofmann Bad. Franken 20; 
Schmitt Hettingen 6; Mone Anzeiger 7, 370 
(führt die Leute irr). 16 ) Vgl. Anm. Nr. 13; 
Grohmann Sagen 93 f. (ein weißer Ritter 
auf feurigem Roß hütet See und Schloß, in dem 
Schätze verborgen sind). 17 ) Kühnau Sagen 
1,342 (vgl. Anm. zu 11); jede Nacht vom 
Friedhof herangaloppierend). 18 ) z. B. W'edels 
Hausbuch, um 1600 S. 240. Bartsch Meck¬ 
lenburg 1, 198 f.; Meiche Sagen 17; Eisei Voigt¬ 
land 61 (Ausweichen ist unmöglich; jeder Be¬ 
gegnende muß sterben; am Leichenweg hat 
der Spuk ein Ende: in dieser Fassung hat der 
Reiter einen Pferdefuß), 62; Witzschel 
Thüringen 2,42; Bindewald Sagenbuch 14 ff.; 
ZfVk. 12,71 (Arnstadt (Thüringen)); Sepp- 
Sagen 614 (Erlösung nach 300 Jahren, wenn 
jemand das Roß am Zügel faßt, den Reiter er¬ 
schlägt); Mone Anzeiger 7,37c (verfolgt die 
Leute, die aber über dem Graben sicher sind,, 
auf eine kurze bestimmte Strecke, die an einem 
Markstein endet); BayHfte 10 (1923/24), 

26f. (Meineid; bei Grenzstreitigkeiten); Reiser 
Allgäu 1, 30. 34 (auf best. Strecke beschränkt). 
Birlinger Volksth. 1, 21. 26 (geharnischter 
Reiter sprengt im Lautertal von einer Burg¬ 
ruine zu anderen); ebda 1,29 (bei Tübingen; 
narrt die Leute, indem er nachts Einlaß be¬ 
gehrt, dann aber wieder davonsprengt. Ein¬ 
mal ergriff er knapp vor dem Stadttor einen 
Buben und nahm ihn zu nächtlichem Ritt 
mit); Meier Schwaben 1,315 (begleitet nachts 
zwei Frauen bis vors Tor von Rotenburg); 
Mitt. Oberhess. Geschichtsvereins N. F. 8 
(1899), 236 (bestimmter Weg von der Haupt¬ 
straße bis zum Judenfriedhof von Großen- 


linden; das Pferd erscheint auch ohne Reiter); 
Kühnau Sagen 2,62 (Grafsch. Glatz); 1,337 
(ein Görlitzer Gerber führte wüstes Leben, 
stürzte beim Heimkehren vom Gelage bei einem 
Vorwerk vom Pferd und geht dort um); 1, 339 
(Kr. Reichenbach); 1,346 (auf funkensprühen¬ 
dem Rappen; Grafsch. Glatz); 1, 347 f. (Schwar¬ 
zer Reiter ist ein ehemaliger Graf, der die 
Kirche in die Luft sprengen wollte; Grafsch. 
Glatz); Drechsler 2,156 (Sprottau); Küh¬ 
nau Sagen 1, 348 f. u. 1, 351 f. (böser Amt¬ 
mann); ebd. 1,357 (Mord an der Tochter u. 
ihrem Geliebten; angeschlossen ist das Motiv 
vom Erlöser in der Wiege); ebd. 1, 70 (an der 
Stelle, wo Brüder im Zweikampf gefallen sind, 
wird ein Mädchen vom R. ohne Kopf über¬ 
rascht) (diese Zeugnisse Kühnaus entstammen 
dem nordöstl. Böhmen); Grohmann Sagen 
95 - 96; Grimm Sagen Nr. 309; Grimm Myth. 2, 
776. Vgl. noch die Lit. unter Anm. 10. 
Eine leichte Weiterbildung des R.s ohne 
Kopf liegt darin, ihn (mit oder ohne Kopf) ein 
Pferd ohne Kopf reiten zu lassen, ihm (Eisei 
Voigtland 59) auch einen Hund ohne Kopf bei¬ 
zugeben. Grohmann Sagen 95; Eisei Voigtland 
59 (2 Fassungen); Birlinger Volksth. 1, 25 
(„Hardtr.“ bei Neckarsulm); ebd. 1, 26 (im 
Lautertal). 1# ) Baader Volkssagen 12; Zimmer. 
Chronik 2 4, 184t.— Eingehender Bericht ebd. 1 1, 
628 f. 20 ) Kühnau Sagen 2, 61 f. (Schwarze 
R. auf weißen Pferden halten Wacht und 
lassen nach dem Abendläuten niemanden 
mehr ins Dorf). 21 ) Sepp Sagen 612 (München; 
R. auf Schimmel warnt: wenn das Sündenmaß 
voll ist, überflutet der Walchensee das Land) ; 
Sepp Sagen 614 (R. auf Schimmel verkündet 
Untergang des Dorfes); Meiche Sagen 121 (Sage 
vom Bachr., der allgemein Unheil ankündet). 
22 ) Meiche Sagen 121 (wo vom Roßhuf des- 
Bachr.s Funken stieben, wird bald Feuer aus- 
kommen). 23 ) Sepp Sagen 613 (Ritter und 
Reisige mit glühenden Panzern, funkensprü¬ 
hende Waffen auf Flammenrossen; in der Um¬ 
gebung des Unterbergs). Auch in Frankreich 
(Sebillot Folk-Lore 1, 131). 24 ) Grimm Myth. 

2, 941 (bei den alten Preußen). 942 (dänisch). 

Alle 50 Jahre erscheint ein gespenstischer R. 
einem Mädchen als Glücksr.: Eisei Voigtland 
62. 25 ) Strackerjan 1, 71; Fogel Penn¬ 

sylvania 319. Dazu als Parallele: Zwei Reiter 
auf einem Pferd, Der hintere ist 
meine Warze wert (ZfdMyth. 2, 102). 

26 ) Reiser Allgäu 2, 444. 2T ) 1. Edler Ritter 
wohlgemuth, wir haben getrunken 
Christi Blut, habens getrunken ich 
und ihr: lacht mich an und reit von 
mir fff. 2. In ein Schweißtuch, das auf dem 
Gesicht eines Toten gelegen hat, soll man 
einen Knoten machen, mit dem rechten Auge 
hindurchsehen und sagen: Ihr sollt stehen ..., 
Wenn er gehen soll. .. Ziehet wieder fort. . . 

3. Reuter du sollst nicht reiten, du 
sollst dein Schwert nicht ziehen aus 
der Scheiden, Pulver und Flammen, 
Roß und Mann soll alles still stehen, 


als wie Christus der Herr am Stamm 
des hl. Creuzes still gestanden . . . 

4. Reuter mit deinem Pferd und Gewehr, 
stehe um Gottes Willen und um Jesu 
Christi Willen. Reuter mit deinem 
Pferd und Gewehr stehe mir wie Christus 
der Herr gestanden ist mit seinem 
rosinfarbin Blut . . . Das gebiethe ich 
dir Reuther zu einer Buß, daß du 
scheiden und Gewehr nicht brauchen 
kanst . . . Dies die hauptsächlichsten Formen 
aus einer Quelle um 1700, Odenwald: Ale¬ 
mannia 19 (1892), 135 ff. Von einem Schwarz¬ 
waldbauern berichtet Ettner (1719 Medicin. 
Maulaffe 665 f.): feindliche R. hätten ihm das 
Geld abgenommen; da geht er beiseit, schneidet 
einen Prügel ab, verlangt von den R.n das Geld, 
sonst werde es ihnen übel ergehen: ihre Pferde 
gehen nicht, Pallasch und Pistolen sitzen fest. 
Wie sie sich noch länger weigern, werden sie 
durchgeprügelt, ohne sich wehren zu können. 
Und als der Bauer endlich sein Geld zurück¬ 
erhalten hat, läßt er die Gesellschaft noch zwei 
Stunden lang stehen, bevor sie abreiten können. 
Eine (nicht datierte) schlesische Besprechungs¬ 
und Löseformel (MschlesVk. Heft 6 (1899), 35) 
aus Herzogswaldau: Du Reiter kommest 
daher wohl unter deinem Hut, du be¬ 
sprengest mit Jesu Christi Blut, mit 
den hl. 5 Wunden sind dir dein Rohr, 
Flinte und Pistol gebunden, Säbel, 
Degen und Messer gebannet und ver¬ 
bunden im Namen ... (3 mal zu sprechen). 
Und die Lösung: Reiter, so ich euch hab 
beschworen zu dieser Frist, reitet hin 
in dem Namen Jesu Christ durch Gottes 
Wort und Christi Hort: so reitet ihr 
nun alle fort. 28 ) Huss Aberglaube 18. 

Basler. 


Rekrutierung. Neben den physisch- 
medizinischen Mitteln, die Gestellungs¬ 
pflichtige anwenden, um für untauglich 
zum Militärdienst erklärt zu werden 1 ), 
gibt es viele abergläubische, die bewirken 
sollen, daß man eine gute Nummer zieht 
und sich freilost 2 ). Man soll am Morgen 
während des Betzeitläutens die Füße 
in eiskaltem, laufenden Wasser baden 
und drei Ave Maria beten 3 ), gewisse 
Segen bei sich tragen 4 ), in der Nacht 
Erde von einem frischen Grabe nehmen 
und in die Loserummel werfen 5 ), Zähne 
von einem Totenkopf 6 ), eine Kreuz¬ 
spinne 7 ), ein Stück von einem Grabkreuz 
in der Tasche haben 8 ), in der Nacht 
vorher über drei Markungen laufen 9 ). 
In Weingarten muß der Bursche einen 
Schneller Garn, den ein vierjähriges Mäd¬ 
chen gesponnen hat, um den Leib tragen 10 ). 


651 


Religion 


652 


Wenn er zur Ziehung geht, wirft man 
ihm eine Katze nach n ). In Gilgenburg 
wischt man sich kurz vor der ärztlichen 
Untersuchung das Gesicht mit einem 
Leichentuche ab, dann wird man nicht 
für brauchbar befunden 12 ). Manchem 
steckt die Mutter, ohne daß er es weiß, 
in den rechten Rockärmel eine Erbsen¬ 
schote mit 9 Erbsen oder in den Rock 
drei Stecknadeln, die von drei Schwestern 
erbeten sein müssen, oder näht ihm ein 
Geldstück in den Rockschoß 13 ) oder 
einen Hasenfuß 14 ) oder scheckigen Klee 
in den rechten Ärmel 15 ) oder drei Kreuze 
aus dem Garn, das Erstlingsarbeit eines 
Mädchens ist, unter den Rock oder den 
Hemdärmel der rechten Hand 16 ) oder 
bindet ihm das Chriaselhemd, das er 
als Kind um hatte, um den Hals oder 
steckt ihm ihren Brautring an den Finger 
der Hand, mit der er das Los zieht 17 ). 
In Frankreich wendet man sich an ge¬ 
wisse Quellen und Bäche 18 ) und vor- ! 
geschichtliche Megalithe 19 ), trägt einen 
Donnerkeil bei sich 20 ) oder Teile von 
Schlangen 21 ) oder eine lebende Spinne 22 ). 
Auch kirchliche Gegenstände und Ein¬ 
richtungen müssen herhalten 23 ). 

*) SAVk. 19, 207. 2 ) Wuttke 454 t. (719). 

3 ) SAVk. 19, 207. 4 ) Bartsch Mecklenburg 2, 
349 (1641); HessHmt. 1 (1920), 256. 5 ) Bartsch 
2, 349 (1642). •) Zingerle Tirol 71 (606). 

7 ) Meyer Baden 239. 8 ) Ebd. 238 f. 9 ) Ebd. 238. 
10 ) Birlinger A. Schwaben 1, 398. n ) HmtK. 37 
(1927), 135 ( 4 )* x 39 (Holstein). 12 ) Toppen 
Masuren 42. 13 ) Bartsch 2, 350. Vgl. oben 

2, 880. 14 ) Strackerjan 1, 112 f. 15 ) Birlinger 

A . Schwaben 1, 398. 16 ) Ebd.; vgl. Meyer Baden 
2 39 - 1? ) Schönwerth Oberpfalz 1, 184 f. 

18 ) Sebillot Folk-Lore 2, 237. 238. 376 19 ) Ebd. 

4, 63. 64. 20 ) Ebd. 4, 75. 21 ) Ebd. 3. 285. 22 ) Ebd. 

3, 309. 23 ) Ebd. 4, 149. 153. 154. 

2. Die gemeinsam zur Musterung gehen¬ 
den jungen Leute bilden gleichsam einen 
festen Verband 24 ). Die Mitglieder der 
Burschenschaften in Oberhausen (Bruch¬ 
sal), die sonst beim Tanz einen Büschel 
farbigen Papiers tragen, durften das Jahr 
vor der Aushebung Sträuße tragen 25 ). 
In Geißlingen durchziehen die Rekruten 
zur Fastnachtszeit den Ort und erbetteln 
Sachen, die am Aschermittwoch im Wirts¬ 
hause versteigert werden 26 ). In Ruit 
bei Stuttgart sammeln sie zur Zeit der 


Frühjahrsmusterung Eier 27 ), anderswo 
stehlen sie am Tage der Aushebung 28 ). 
Im Oberelsaß sammeln die bei der Früh¬ 
jahrsmusterung als tauglich Befundenen 
unter Vorantragung eines Maien für das 
Johannisfeuer und genießen dabei be¬ 
sondere Vorrechte 29 ). Im badischen 
Schwarzwald kommen die Burschen auf 
einem Leiterwagen mit einer mächtigen 
Fahne und einer Tanne, die von den 
Mädchen mit Seidenbändern ausgeputzt 
ist, zur Musterung gefahren. Auch hier 
soll die Herrichtung des Johannisfeuers 
ihr Vorrecht sein 30 ). Die Rekruten 
beanspruchen auch am Fastensonntage 
das Recht zum Scheibenschlagen 31 ). Vor 
ihrem Einrücken beichten sie 32 ). Bei 
den Tschuwachen gehen sie dreimal um 
die Ortskirche 33 ). 

24 ) ZfrwVk. ii, 224 (Lippe). 25 ) Meyer 
Baden 238. 2e ) Birlinger Volkst. 2, 56. 27 ) 

Kap ff Festgebräuche 14; vgl. ZfrwVk. 11, 225 
(Lippe). 28 ) Meyer Baden 239. 29 ) Urquell N. F. 
1, 185 f.; Kück u. Sohnrey 2 154 f. 30 ) Meyer 
Baden 239; Kück 11. Sohnrey 155. 31 ) Meyer 
Baden 239. 32 ) Ebd. 522. 33 ) Knuchel 95. 

Sartori. 

Religion. 

1. Themastellung. — 2. Die Begriffe R. und 
Volksglauben. — 3. Objektive und subjektive 
R.; Glaubenserscheinung und Glaubensenergie. 
— 4. Die Glaubensenergie. — 5. Die Merkmale 
der objektiven R. — 6. Die Merkmale des Volks¬ 
glaubens. — 7. Die Entstehung der germanischen 
Glaubensenergie. — 8. Resonanzfähigkeit der 
germanischen Glaubensenergie. — 9. Äußere 
Einflüsse. — 10. Dreifache Unterschiede im 
deutschen Volksglauben. — 11. Die nicht- 

christlichen Elemente des heutigen deutschen 
Volksglaubens. — 12. Die Christianisierung der 
Germanen. — 13. Der Konfliktsstoff in der 
christlichen R. — 14. Die christlichen Elemente 
des heutigen deutschen Volksglaubens. — 
15. Die Auseinandersetzung des deutschen 
Glaubens mit dem Christentum in der Gegen¬ 
wart. 

1. Themastellung. Jeder Aber¬ 
glaube war einmal religiöser Glaube oder 
reicht wenigstens mit seinen letzten 
Wurzeln in religiösen Untergrund zurück. 
Jedes Stück des Volksglaubens, auch 
wenn es heute durchaus dem profanen 
Gebiet angehört, ist dem Mutterschoß 
der R. entsprungen. Die ganze Fülle 
des Brauchtums hat enge Beziehungen 
zum religiösen Kult. Die Erforschung 
des Volksglaubens ist ein Teil der R.s- 


653 


Religion 


654 


Wissenschaft. — Diese Sätze, heute All¬ 
gemeingut der Volkskunde und der R.s- 
wissenschaft, enthalten die Begriffe R., 
Aberglauben und Volksglauben, deren 
Verhältnis zueinander in diesem Artikel 
zu untersuchen ist. Dabei muß natur¬ 
gemäß das Verhältnis des germanisch- 
deutschen Volksglaubens zum Christen¬ 
tum im Mittelpunkt stehen. Auch das 
Verhältnis der R.swissenschaft zur Er¬ 
forschung des Aberglaubens und Volks¬ 
glaubens ist kurz zu beleuchten. Doch 
enthält dieser Art. in seinen notwendig 
nur skizzenhaften Ausführungen mehr 
Forderungen als Erfüllungen, mehr ein 
Programm als eine Darstellung. Er 
beruht zum großen Teil auf der Ein¬ 
führung in die vergleichende R.swissen¬ 
schaft, die ich in meinem Buch ,,Die R. 
der Griechen und Römer' *, 1930 (auch 
als Bd. 229 in Bursians Jahresbericht 
erschienen) gegeben habe, und versucht 
das dort über die R. Gesagte nun auf den 
Volksglauben zu übertragen. 

2. Die Begriffe R. und Volks¬ 
glauben. Um die Begriffe R. und 
Volksglauben vorläufig ungefähr von¬ 
einander abzugrenzen, bedienen wir uns 
beistehender Figur. Hier stellt der 
kleinere Kreis die christliche R., der 
größere Kreis den deutschen Volks¬ 
glauben dar. Nicht alles, was als Dogma 
von der christlichen R. gelehrt wird, 
ist zum Bestandteil des Volksglaubens 
geworden; daher liegt ein Teil des kleineren 
Kreises (punktiert) außerhalb des größeren. 
Das in dem größeren Kreis liegende 
Stück des kleineren Kreises bezeichnet I 
den Teil der christlichen Lehren, die Ein¬ 
gang in den deutschen Volksglauben ge¬ 
wonnen haben; dies ist der eigentlich ! 
religiöse Teil des heutigen deutschen ! 
Volksglaubens. Die darin eingezeichneten 
senkrechten Linien kennzeichnen die ger¬ 
manisch-deutschen Glaubenselemente, die 
in das Christentum auf genommen wurden, 
also christianisierte germanisch-deutsche 
Glaubensbestandteile. Die wagrechten 
Linien bezeichnen die volkstümlich um¬ 
gedeuteten und umgestalteten Teile der 
christlichen Lehren, die weiße Fläche 
des größeren Kreises stellt den nicht¬ 


christlichen deutschen Volksglauben dar, 
der heute nicht mehr dem Gebiet der R. 
angehört. Vgl. dazu u. § 14. 



So bezeichnet also lediglich der kleinere 
Kreis den Bereich der R., während das 
weiße Feld des größeren Kreises den 
nicht religiösen, aber transzendenten (d. h. 
auf besondere Mächte und Kräfte sich 
beziehenden; s. o. 5, 792f.) Volksglauben 
bedeutet, der freilich früher einmal auch 
dem Gebiet der R. angehörte, aber durch 
die zentrifugale Bewegung, die in der 
Entwicklung der R. herrscht (s. o. 5, 
803 f.), allmählich aus dem Bereich der 
R. heraustrat. Noch weiter vom Zentrum 
der R. entfernt haben sich diejenigen 
ehemaligen Glaubenselemente, die zum 
Spiel und zur Belustigung, zur Sitte und 
zur Gewohnheit wurden, überhaupt keine 
transzendente Bedeutung mehr haben, 
also sogar aus dem Kreis des Volks¬ 
glaubens herausgetreten und deshalb 
rechts als schwarzer Auswuchs angedeutet 
sind (s. u. §6). 

Es mag zunächst auffallen, daß hier 
in dieser Weise zwischen religiösem und 
nicht religiösem (profan-transzendentem) 
Volksglauben unterschieden wird, und 
daß als religiöser Volksglaube nur die 
christlichen Elemente des Volksglaubens 
(in der Figur der Teil des kleineren 
Kreises, der im größeren Platz hat) 
gefaßt werden. (Dies gilt freilich nur 
für die Gegenwart, und es ist noch einmal 
zu betonen, daß ehedem auch die heute 
nichtreligiösen Elemente des Volksglauben 



655 


Religion 


Religion 


658 



einmal religiöser Glaube waren). Aber 
wenn man einzelne Beispiele untersucht, 
wird man zu dem gleichen Ergebnis 
kommen. Wenn etwa der katholische 
Priester einen Exorzismus (s. d.) vor¬ 
nimmt, so ist dies eine religiöse, kultische 
Handlung. Wenn dies mit fast denselben 
Zeremonien und Sprüchen ein Wunder¬ 
doktor tut, so wird man darin keine 
religiöse, sondern eine magische Hand¬ 
lung erblicken, d. h. eine transzendente 
Handlung, die dem Bereich des Volks¬ 
glaubens angehört, nicht aber dem der 
R. Aber selbstverständlich ist auch eine 
Weiterentwicklung denkbar, die dahin 
führt, daß allgemein jeder Exorzismus 
aus dem Bereich der R. verwiesen wird 
und nur noch in dem Bereich des Aber¬ 
glaubens eine Rolle spielt, ja daß er 
überhaupt aus dem ganzen Bereich des 
Volksglaubens verschwindet, wenn die 
transzendente Grundlage ihm entzogen 
ist, der Glaube an böse Geister und 
Teufel. S. über die Begriffe R., Glaube 
und Aberglaube, die je nach dem Stand¬ 
punkt des Beurteilers verschieden gefaßt 
werden, o. 1, 1285h; 2, noif.; 3, 351, 
und den Art. Aberglaube. 

Über die quantitative Verteilung der 
einzelnen Elemente soll die beistehende 
Figur nichts aussagen. Doch ist sicher, 
daß die nichtchristlichen Elemente des 
deutschen Volksglaubens gegenüber den 
christlichen immerhin einen großen Um¬ 
fang haben, worüber dieses Handwörter¬ 
buch ja in jeder Beziehung in reicher 
Fülle Auskunft gibt. Bei ganz primitiven 
,,geschichtslosen“ Völkern fallen die Be¬ 
griffe R. und Volksglauben zusammen; 
je reicher sich die geschichtliche Ent¬ 
wicklung gestaltet und je mannigfaltiger 
die Kultur und die von außen kommenden 
Kultureinflüsse werden, um so größer 
wird die Spannung zwischen R. und 
Volksglauben. Und so ist die heutige 
Tatsache des Bestehens eines deutschen 
Volksglaubens, der christliche und nicht¬ 
christliche Elemente, religiöse, profane 
und abergläubische Bestandteile enthält, 
das Ergebnis einer langen, mehr tausend¬ 
jährigen Entwicklung. In dieser Ent¬ 
wicklung ist als treibende Kraft die 


germanisch-deutsche Glaubensenergie (s. 
u. §4), als hemmende Kraft der Konser¬ 
vatismus des Glaubens namhaft zu machen, 
Kräfte, die sich in einer Auseinander¬ 
setzung mit Einflüssen, die von außen 
kamen (s. u. §9), insbesondere mit dem 
Christentum, betätigten, dem selbst 
wieder zentripetale und zentrifugale Kräfte 
innewohnen. 

So enthält der heutige deutsche Volks¬ 
glaube vielerlei verschiedene Elemente 
(s. u. § 11 f.), deren Herkunft nachzu¬ 
weisen Sache einer historischen Forschung 
ist. Er ist aber auch nicht gleichmäßig 
gestaltet bei allen seinen Trägern in der 
Gegenwart, sondern er zeigt auch in 
dieser Beziehung große Mannigfaltigkeit, 
und zwar können nach drei Richtungen 
hin Unterschiede in seinem Bestände 
festgestellt werden: Unterschiede der Ge¬ 
sellschaf tsschicht, des Blutes und des 
Bodens (s. u. § 10). 

3. Objektive und subjektive R.; 
Glaubenserscheinung u. Glaubens¬ 
energie. Die R. tritt uns in dreifacher 
Gestalt entgegen: Als historische Tat¬ 
sache in der Vergangenheit, als etwas 
geschichtlich Gegebenes, ein historisches 
Phänomen; ferner als eine Tatsache der 
Gegenwart, als ein heute noch leben¬ 
diges Kulturphänomen, als eine soziale 
Erscheinung der Gegenwart; und schlie߬ 
lich als eine psychologische Tatsache 
in unserem eigenen Innern, als Tatsache 
der seelischen Erfahrung und des eigenen 
Bewußtseins, als psychische Erscheinung, 
als seelisches Erleben. Das ist die sub¬ 
jektive R. oder Religiosität. 

Die beiden ersten Gestalten der R. 
fassen wir als objektive R. zusammen. 
Alle drei Gestalten der R. werden von 
der empirischen R.sWissenschaft erforscht; 
und zwar teilt sich diese in folgende zwei 
Disziplinen: 

A. Die phänomenologische R.swissen- 
schaft, welche die R. in Vergangenheit 
und Gegenwart als Kulturerscheinung zu 
erforschen hat. 

B. Die R.spsychologie, welche die R. 
als psychische Erscheinung, die subjek¬ 
tive R. untersucht. 

Setzen wir nun hier statt R. jeweils 





,,Volksglauben“ ein, so können wir unter¬ 
scheiden : 

A. Die äußeren Erscheinungsformen des 
Volksglaubens oder den objektiven 
Volksglauben 

1. in der Vergangenheit 

2. in der Gegenwart; 

B. Den subjektiven Volksglauben 
oder die Glaubensenergie, die jene 
Erscheinungsformen hervorbringt, und 
■die zu erforschen Sache der Volkstums¬ 
psychologie ist. Da man bisher noch zu 
wenig diesen Unterschied von Erschei¬ 
nung des Volksglaubens und Glaubens¬ 
energie gemacht hat, ist auch die Er¬ 
forschung der letzteren noch sehr wenig weit 
gediehen, während die Erforschung der 
subjektiven R., die R.spsychologie, bereits 
größere Fortschritte gemacht hat. 

Die deutsche Volkskunde hat nun all¬ 
gemein die Aufgabe, die Kultur des deut¬ 
schen Volkes in Vergangenheit und Gegen¬ 
wart und zugleich auch die seelischen 
Kräfte, die diese Kultur geschaffen und 
getragen haben, zu erforschen. Sie ist 
also historische Volkskunde, Gegenwarts¬ 
volkskunde und psychologische Forschung. 
Ein Teil dieser deutschen Volkskultur be¬ 
steht nun in den Erscheinungsformen des 
deutschen Volksglaubens in Vergangen¬ 
heit und Gegenwart und deren Mutter¬ 
schoß ist die Glaubensenergie. Dabei ist 
aber zu bemerken, daß Volksglaube und 
R. sich nicht decken: manches, was R. 
ist, ist nicht Volksglaube, und vieles 
vom Volksglauben ist nicht R. Ebenso 
wenig wie man den Volksglauben der 
mohamedanischen Araber aus dem Koran 
und arabischen theologischen Schriften 
ablesen kann, kann man den Volks¬ 
glauben der katholischen Oberbayern aus 
der Bibel oder einer katholischen Dogma¬ 
tik kennen lernen, ja nicht einmal über 
die christlichen Elemente ihres Glaubens 
können wir uns hier Auskunft holen; so 
wenig hat die Christianisierung den deut¬ 
schen Glauben durchdrungen. 

Aber trotzdem ist die Erforschung des 
deutschen Volksglaubens R.s wissen schaft; 
denn diese hat ja auch die Aufgabe, dem 
Ausscheiden religiöser Elemente aus dem 
Bereich der R. nachzugehen. Und so 


wird die Erforschung des Volksglaubens 
sich auch die Methode der Vergleichung 
zu eigen machen, die von der R.swissen- 
schaft geübt wird; nicht nur zur Fest¬ 
stellung der sog. Grundformen oder etwa 
dessen, was als indogermanisches Gut an¬ 
zusprechen ist, sondern vor allem auch 
zur Erklärung von Vorstellungen und 
Bräuchen, die sich allein aus der deutschen 
Überlieferung nicht mehr verstehen lassen. 

4. Die Glaubensenergie. Wir sind 
zu diesem Begriff gekommen als dem 
Gegenstück zur subjektiven R. oder der 
Religiosität. Letztere definieren wir als 
transzendentes Leben, das in transzen¬ 
dentem Fühlen, Vorstellen und Wollen 
besteht. Was in dieser Definition „trans¬ 
zendent“ bedeutet, ist o. 5, 792f. gesagt. 
Die subjektive R. ist also das Erleben 
des Göttlichen oder Heiligen, also einer 
jenseits des Subjektes liegenden kraft- 
begabten Wesenheit, die nach dem Glau¬ 
ben des Subjektes existiert, wirken und 
sich offenbaren kann. Eine solche Wesen¬ 
heit kann als „Gott“ (s. o. 6, 547t) 
oder das „Heilige“ (s. o. 3, i655ff.) 
bezeichnet werden. Die subjektive R. 
ist also einmal ein transzendentes Fühlen, 
das Gefühl des Sichwundems, der Furcht, 
des Schreckens und Grauens, aber auch 
der Freude und des Glücks, hervorgerufen 
durch eine geglaubte machtvolle Wesen¬ 
heit. Es schreitet weiter fort zum trans¬ 
zendenten Vorstellen, zum Erkennen des 
Heiligen und Göttlichen, zu „Gottes¬ 
vorstellungen“, die von vierfacher Art 
sein können (s. o. 6, 546f.). Diese Vor¬ 
stellungen finden ihre Ausgestaltung in 
der religiösen Erzählung, d. h. in Berichten 
von den Wirkungen und Offenbarungen 
des Transzendentalen, in Mythen und 
Legenden (s. o. 3, i666f.), sie nehmen 
sichtbare Gestalt an in den Werken der 
bildenden Kunst (s. o. 1, 1282!!.; 3,1668); 
ja auf noch höherer Stufe der Entwick¬ 
lung, wenn die begriffliche Reflexion er¬ 
starkt, entsteht ein System religiöser Vor¬ 
stellungen, ein Göttersystem, ein Dogma, 
eine Theologie. Und schließlich ist die 
subjektive R. ein transzendentes Wollen, 
das nach göttlichen Wirkungen und 
Offenbarungen verlangt und sich in trans- 


659 


Religion 


Religion 


662 


660 


66l 


zendentem Handeln, d.h. im Kult (s. d.), 
kundtut und schließlich einen festgefügten 
Ritus (s. d.) schafft. 

Dieser subjektiven R. entspricht auf 
dem Gebiet des Volkstums die Glaubens¬ 
energie, die ebenfalls ein Fühlen, Vor¬ 
stellen und Wollen ist, das sich an trans¬ 
zendentale Mächte richtet; aber die 
deutsche Glaubensenergie kennt nicht nur 
den Gott des Christentums, sondern noch 
sehr viele andere Mächte, die von ganz 
anderer Herkunft sind, die ebenfalls 
Furcht, Grauen, Freude und Glücksgefühl 
her vorrufen, von denen man ganz be¬ 
stimmte Vorstellungen hat, von denen 
man etwas will, nämlich Wirkungen und 
Offenbarungen, die uns in bildlichen 
Darstellungen, die transzendenter Art 
sind, begegnen, und an die man sich in 
transzendenten Handlungen, d. h. im 
Brauchtum, wendet. Woraus diese, d. 
h. die germanisch-deutsche Glaubens¬ 
energie, entstanden ist, werden wir unten 
(Nr. 7) sehen. ■ 

5. Die Merkmale des Begriffs der 
objektiven R. Was unter der objekti¬ 
ven R. zu verstehen ist, ist o. 1, 1283 t. 
und 3, 1658t. gesagt. Zu diesem Begriff ; 
gehören notwendig drei Merkmale: 

1 

A. Gottesvorstellungen (s. auch o. ! 
6, 545ff. 1294!). Der Begriff „Gott“ 
ist so weit zu fassen, daß er auf alle 
überhaupt möglichen Gottesvorstellungen 
zutrifft, also auch auf Fetische aller Art, ! 
auf Steine, Klötze und Pfähle, die der 
Primitive mit irgend einer wirkenden Kraft 
erfüllt glaubt, auf Tiere und Pflanzen, 
denen ein Kult dargebracht wird, auf 
Menschen, die über besondere Kräfte 
verfügen, auf persönliche Götter und 
Dämonen, auf unpersönliche Kräfte, die 
in irgend einem Objekt wirken. Not- j 
wendig gehört also zum Gottesbegriff der j 
Begriff der Wirkung und Offenbarung; j 
denn ein Gott, der nicht mehr wirkt oder 
sich offenbart, spielt im Leben der R. 
keine Rolle und wird weggeworfen oder : 
beschimpft und mißhandelt (s. o. x, 1291; 

3 > 1676). 

B. Handlungen, die auf jene Kräfte 
einwirken sollen, d. h. der Kult; genauer 


ist darüber in den Art. Kult und Ritus 
gehandelt. 

C. Religiöse Erzählungen: Be¬ 
richte, die von Göttern, Dämonen, gött¬ 
lichen Kräften, Heroen und Heiligen 
handeln und von ihrem Wirken, Handeln 
und ihren Offenbarungen sprechen. Das 
Thema der religiösen Erzählung ist also 
die „Offenbarung“ eines „Gottes“, wobei 
„Gott“ in dem o. 6, 545t. bestimmten 
Sinn zu fassen ist, und „Offenbarung“ 
die Handlung, Wirkung, Tätigkeit, auch 
die Leiden dieser Götter, d. h. besonders 
kraftbegabter Wesen und Mächte per¬ 
sönlicher oder unpersönlicher Art, be¬ 
deutet. Eine Formenlehre der religiösen 
Erzählung ist also zugleich auch eine 
Formenlehre der göttlichen Offenbarung. 
Die religiöse Erzählung ist also derjenige 
Teil der R.s-erscheinungen, in dem sich 
das Verhältnis des Menschen zu „Gott“ 
in Erzählungen und Berichten äußert. 
Unter diesen Begriff fällt also auch etwa 
ein Bericht von irgend einem Fetisch, der 
eine Wirkung getan, von einem Medizin¬ 
mann, der das Wetter beeinflußt hat, 
jede Aretalogie und jeder Epiphanie¬ 
bericht, die Erzählung von göttlichen 
Orakeln, von Wundertaten der Fürsten 
und Häuptlinge, jeder Mythos. 

Ferner gehören nicht notwendig zum 
Begriff der R., sind aber in vielen R.en 
vorhanden: 


D. Die bildliche Darstellung, 
worüber o. Art. Bild gehandelt ist. 

E. Die begriffliche Reflexion 
über die göttlichen Kräfte und heiligen 
Mächte, die in höheren Religionen zu 
einem festen Dogma und zu einer Theo¬ 
logie führt. 


6. Die Merkmale des Begriffs 
Volksglauben. Diese fünf Merkmale 
kommen nun auch dem deutschen Volks¬ 
glauben zu. Aber dabei ist zu beachten, 
daß einiges davon wirklich noch religiö¬ 
ser Glaube ist, anderes profaner trans¬ 
zendenter Volksglaube, wieder anderes 
völlig in das Gebiet des Spiels und der 
Belustigung oder auch der profanen Sitte 
abgeglitten ist, auf jeden Fall keine 
transzendente Bedeutung mehr hat. So 


können wir bei den Gottesvorstellun¬ 
gen, die dem Volksglauben angehören, 
unterscheiden: 

1. Die aus dem Christentum stammen¬ 
den Gottesvorstellungen, die also heute 
noch dem Gebiet der Religion angehören. 
Zum Teil sind sie in volkstümlicher 
Weise umgestaltet worden. Denn der 
Volksglaube geht hier vielfach andere 
Wege, als die offizielle Lehre des 
Christentums vorschreibt; er wendet sich 
als an „Götter“ um Hilfe auch an die 
Heiligen (s. d.), die so im Volksglauben 
häufig die Rolle von polytheistischen 
Gottheiten spielen, und glaubt an die 
helfende Kraft von geweihten Medaillen 
und Reliquienpartikel, die uns also im 
Volksglauben oft als „orendistische Göt¬ 
ter“ entgegentreten. 

2. Vorstellungen von besonders kraft¬ 
begabten persönlichen oder orendistischen 
Mächten und Wesenheiten, wie etwa 
Haus-, Feld- und Waldgeister, Nixen und 
Elfen, und sonstigen guten und bösen 
Geistern, oder auch orendistische Kräfte, 
die in Amuletten und Bildern, im Zauber¬ 
spruch und im geschriebenen Buchstaben 
(Runen), im Maienzweig und in der 
Lebensrute und sonst wirken. Der 
Glaube an solche ist kein religiöser 
Glaube mehr, wohl aber ein transzendenter 
Glaube, insofern er sich an besonders 
wirkungsvolle Kräfte richtet. 

3. Rudimente von ehemaligen Gottes¬ 
vorstellungen, in denen heute überhaupt 
nicht mehr ein wirklicher Glaube an 
solche Mächte zu erkennen ist. Die 
Redensart „Pfui Teufel“! wird von un¬ 
zähligen gebraucht, die an die Existenz 
des Teufels nicht mehr glauben, aber 
diese Redensart ist ein letzter Überrest 
eines früher lebendigen Teufelsglaubens, 
wie auch die an jedem Auto angebrach¬ 
ten Puppen ein Talisman sind, der von 
manchen vielleicht noch gläubig auf¬ 
gehängt wird, von vielen aber lediglich, 
weil es so üblich ist, am Wagen befestigt 
wird. Ein ursprünglich orendistischer 
Fetischglaube, also ein Stück religiöser 
Vorstellung, ist hier lediglich zu einer 
Sitte ganz ohne transzendente Bedeutung 
geworden. 


Ebenso können wir auch bei den trans¬ 
zendenten Handlungen unterscheiden 
zwischen religiösen Kulthandlungen, zu 
denen das ganze christliche Ritual gehört, 
und den profan-transzendenten Handlun¬ 
gen, die als Brauchtum zusammengefaßt 
werden (s. Art. Kult), und schließlich 
Spiel, Sitte und Belustigung, wobei trans¬ 
zendente Kräfte überhaupt nicht mehr in 
Betracht kommen. Als Beispiel sei die 
Verkleidung genannt. In das Gebiet der 
R. gehört es, wenn der Priester seinen 
Talar für eine Kulthandlung anlegt; in 
das Gebiet der profan-transzendenten 
Handlung gehört die Verkleidung des 
„Winters“ und „Sommers“, des „Pfingst- 
butz“ usw.; und schließlich keine trans¬ 
zendente Bedeutung hat die Verkleidung 
auf dem Maskenball. 

Von den transzendenten Erzählungen 
fallen in das Gebiet der R. etwa die neu- 
testamentlichen Berichte, die Heiligen¬ 
legenden; als profane transzendente Er¬ 
zählungen sind aufzufassen Märchen, die 
von Gott berichten, „als er noch auf Erden 
wandelte“, aber auch Märchen, in denen 
Nixen, Elfen und andere Geister eine 
Rolle spielen. 

Bildliche Darstellungen gehören 
dem Gebiet der R. an, insofern sie aus 
der christlichen Überlieferung schöpfen 
und dem religiösen Glauben dienen; von 
profanen transzendenten Bildern ist im 
Art. Bild gesprochen. 

Die begriffliche Reflexion über 
das Göttliche und Heilige gehört als 
Theologie dem Gebiet des Religiösen an, 
als systematische Darstellung der Magie, 
der Astrologie usw., wie sie vor allem im 
Mittelalter als Pseudo-Wissenschaft lehr¬ 
haft zusammengefaßt wurde (s. u. § 11 F), 
dem Gebiet der profanen Metaphysik. 

7. Die Entstehung der germani¬ 
schen Glaubensenergie. Jede Glau¬ 
bensenergie ist rassisch bestimmt und 
gebunden und gehört einem Volk ebenso 
fest an wie seine übrigen geistigen und 
seine körperlichen Merkmale und vererbt 
sich ebenso fort wie diese. Die germanische 
Glaubensenergie büdete sich also zugleich 
mit der Entstehung der Germanen, und 
wenn wir die völkischen Elemente genauer 



663 


Religion 


666 


Religion 


664 


geschaffen, die Ausfluß ihrer Glaubens¬ 


kennen würden, aus denen die Germanen 
entstanden sind, insbesondere auch deren 
R., könnten wir über die germanische 
Glaubensenergie noch besser urteilen, 
ebenso, wenn uns die germanische R. 
genauer bekannt wäre, als dies in der 
Tat der Fall ist. So müssen wir uns zu¬ 
nächst damit begnügen festzustellen, daß 
nach den neueren Forschungen, insbeson¬ 
dere von Hermann Güntert (Der 
Ursprung der Germanen, 1934), das 
heutige deutsche Gebiet in der zweiten j 
Hälfte des dritten Jahrtausends, d. h. 
in der jüngeren Steinzeit, von einer 
nicht indogermanischen Bevölkerung 
bewohnt war, die aber selbst bereits nicht 
mehr einheitlich war, sondern in der sich 
ein Bauemadel über noch ältere Jäger- 
und Fischerstämme gelegt hatte. Hier 
dringen rund um 2000, gegen Ende der 
jüngeren Steinzeit, die ersten indo¬ 
germanischen Stämme aus ihrer öst¬ 
lichen Heimat ein und verschmelzen sich 
mit der eingesessenen Bevölkerung, und 
so entstehen die Germanen, die dann 
in ihrem Gebiet etwa von 1500 ab Träger 
der Bronzezeit sind. Da so die Germanen 
aus einer Blutsmischung nichtindogerma¬ 
nischer und indogermanischer Volksele¬ 
mente entstanden sind, enthält auch ihr 
somatischer wie ihr geistiger Aufbau, 
also auch ihre Glaubensenergie, diese 
beiden Elemente, und ebenso auch ihre 
R. als Erscheinungsform dieser Glaubens¬ 
energie Bestandteile der R. der nicht- 
indogermanischen wie der indogermani¬ 
schen Volksteile. Aber zu diesen beiden 
Elementen kommt noch ein drittes, das 
noch viel ursprünglicher ist. Denn da 
beide Volkselemente der zoologischen 
Gattung Homo sapiens angehörten, so 
besaßen sie eine allgemeinmenschliche 
Glaubensenergie, die in bestimmten reli¬ 
giösen Vorstellungen und Grundformen des 
religiösen Fühlens, Vorstellens, Wollens 
und Handelns sich äußert, so daß wir 
in der germanischen R. neben nicht¬ 
indogermanischen und indogermanischen 
Elementen auch diese Grundformen wie 
ähnlich auch in allen andern R.en vor¬ 
finden. Auf dieser dreifachen Grundlage 
haben dann die Germanen ihre eigene R. 


energie ist. 

8. Resonanzfähigkeit der germa¬ 
nischen Glaubensenergie. Die Glau¬ 
bensenergie ist nicht lediglich eine blinde 
Kraft, sondern sie ist ein Fühlen, Vor¬ 
stellen und Wollen in ganz bestimmter 
Ausprägung. Sie im einzelnen zu charak¬ 
terisieren ist möglich durch eine Unter¬ 
suchung derjenigen germanisch-deutschen 
Persönlichkeiten, vom westgotischen Bi¬ 
schof Ulfila an über den Verfasser des 
Heliand, Meister Eckehart, Luther, Jakob 
Böhme, Hölderlin, Bismarck bis zum Be¬ 
gründer der Deutschen Glaubensbewe¬ 
gung, Wilhelm Hauer, in denen eine 
besonders starke Religiosität in Erschei¬ 
nung tritt, aber auch durch eine Unter¬ 
suchung der germanisch-deutschen kol¬ 
lektiven Volksfrömmigkeit, wie sie sich 
in der germanischen R. und im deutschen 
Volksglauben offenbart. 

Zu dieser germanisch-deutschen Glau¬ 
bensenergie gehört nun auch eine große 
Resonanzfähigkeit gegenüber andern R.en 
und fremden Glaubensformen d. h. eine 
Toleranz und Aufnahmefähigkeit einer¬ 
seits, und andererseits ein Mangel an 
Propagandatätigkeit für den eigenen Glau¬ 
ben. So hat in den germanisch-deutschen 
Volksglauben im Laufe der Zeit vieles 
Fremde Aufnahme gefunden und hier 
liegt eine schwere, bisher kaum beant¬ 
wortete, ja kaum gestellte Frage vor: 
Wenn fremde R.s- und Glaubenserschei¬ 
nungen übernommen wurden, wenn die 
germanische R. als objektive R. sich 
änderte, wenn etwa die Germanen chri¬ 
stianisiert wurden, hat sich dann auch die 
Glaubensenergie gewandelt ? Können wir 
von einer deutsch-christlichen Glaubens¬ 
energie sprechen, so wie es vorher eine 
germanische Glaubensenergie gab? Oder 
ist auch heute noch eine germanisch¬ 
deutsche Glaubensenergie lebendig, bei 
der nur die äußeren Erscheinungsformen 
christlich oder zum Teil wenigstens christ¬ 
lich sind ? Die neuesten Glaubens¬ 
bewegungen in Deutschland (s. u. § 15) 
legen es nahe, die zwei ersten Fragen zu 
verneinen, die letzte zu bejahen. Aber 
dies bedarf im einzelnen noch weiterer 


665 

Forschung. Auf jeden Fall: Wenn auch 
die germanische R. nach der Zeit Karls 
d. Gr. auf dem Boden des heutigen deut¬ 
schen Reichs (im Norden etwas später) 
als R. tot war, so ist nur diese zeitgebun- 
dene Erscheinungsform wie alles Zeit¬ 
gebundene abgestorben; die Glaubens¬ 
energie aber, die diese Form geschaffen 
hatte, ist von so langer Dauer, als ihre 
Träger noch schöpferisch tätig sind, und 
sie wirkte auch in der späteren Zeit noch 
weiter, häufig im Kampf gegen nicht art- 
gemäße Ansprüche und Forderungen des 
Christentums, durch das ganze. Mittel- 
alter hindurch bis zum heutigen Tag, 
wo sie sich stärker denn je machtvoll 
entfaltet. 

9. Äußere Einflüsse. Die germa¬ 
nische Glaubensenergie lebte ebensowenig 
wie ihre Träger im luftleeren Raum, son¬ 
dern entfaltete sich in einer Auseinander¬ 
setzung mit fremden Glaubensenergien 
und fremden Glaubenserscheinungen. Da¬ 
bei mußte es zu Mischungen kommen, zu 
Mischungen der Glaubensenergien selbst 
und zu Mischungen der Glaubensformen 
und Glaubenserscheinungen. Wenn ein 
Volk sich mit einem andern Volk oder 
gar einem Volk, das einer andern Rasse 
angehört, mischt, so wird notwendig 
auch seine Glaubensenergie von der des 
andern Volkes beeinflußt und verändert, 
genau so wie sich seine körperlichen 
Merkmale ändern. Die erste große 
Mischung von Glaubensenergien haben 
wir kennengelernt (o. § 7); sie führte 
zur Büdung der germanischen Glaubens¬ 
energie, wie die gleichzeitige Bluts¬ 
mischung zur Bildung der Germanen 
selbst führte. In der Folgezeit ist es im 
wesentlichen nur noch zu Mischungen von 
Glaubenserscheinungen gekommen, d. h. 
zur Aufnahme fremder R.selemente und 
ganzer R.en, die nahezu noch alle mehr 
oder minder große Spuren im heutigen 
deutschen Volksglauben hinterlassen ha¬ 
ben (s. u. §nf.). Zuerst ist hier der 
Einfluß der Kelten zu nennen, dann etwa 
vom 1. Jh. v. Chr. an der Römer, weiter¬ 
hin der Griechen und der Völker des 
alten Orients, woher auch das Christen¬ 
tum kam, ferner ein erneuter orientali¬ 


scher und antiker Einfluß im Mittelalter 
und in der neueren Zeit. 

Durch diese fremde Einmischung, ins¬ 
besondere unter dem Druck des Christen¬ 
tums, aber auch in geringerem Maße 
durch die zentrifugale Bewegung, die wie 
in jeder R. so auch in der alt germanischen 
herrschte, kam es, daß Bestandteile der 
germanischen R. in immer größerem Um¬ 
fang aus dem Bereich der R. heraustraten 
und als profaner Volksglaube weiter¬ 
lebten, schließlich zum Teil überhaupt 
ihres transzendenten Charakters entklei¬ 
det wurden. So kann man sagen, daß 
der Unterschied zwischen R. und Volks¬ 
glauben im wesentlichen erst mit der 
Christianisierung der Germanen entstand. 
Vor der Christianisierung der Germanen 
bestand eine Volksr., die mit dem Volks¬ 
glauben nahezu identisch war. Die 
Christianisierung brachte eine neue R. 
und drängte alle andern Glaubensele¬ 
mente, soweit sie nicht assimüiert werden 
konnten, aus dem Bereich der R. heraus 
in den Bereich des profanen Volksglau¬ 
bens, der erst hierdurch recht eigentlich 
geschaffen wurde. So kam es auch, daß 
der germanisch-deutsche Volksglaube sich 
nicht so frei entwickeln konnte, wie es 
der eigenen Glaubensenergie entsprochen 
hätte, da diese Entwicklung durch das 
Christentum unterbunden ward. Bei 
einem andern indogermanischen Volk, in 
Indien, ist diese freie Entwicklung nicht 
so früh gehemmt worden und hat dort 
zur höchsten Blüte geführt. 

10. Dreifache Unterschiede im 
deutschen Volksglauben. In der un¬ 
geheuren Mannigfaltigkeit des heutigen 
deutschen Volksglaubens spiegelt sich 
die historische Entwicklung, die ganze 
germanisch-deutsche R.s- und Glaubens¬ 
geschichte samt den äußeren Einflüssen, 
unter denen sie gestanden. So ist der 
heutige deutsche Volksglaube keine Ein¬ 
heit, und zwar läßt sich dies in doppelter 
Beziehung feststellen. Einmal hinsicht¬ 
lich der Herkunft seiner einzelnen Be¬ 
standteile; s. darüber u. Nr. nf. Dann 
auch ist er nicht gleichmäßig gestaltet 
in allen seinen Trägern in der Gegenwart» 
d. h. bei allen Deutschen innerhalb und 



667 


Religion 


Religion 


67O 


außerhalb des deutschen Reiches, sondern 
hier können wir nach drei Richtungen 
hin Unterschiede in seinem Bestand nach- 
weisen: 

A. Unterschiede der Gesellschafts¬ 
schicht. Wie man in der R. eines einzel¬ 
nen Volkes Schichten unterscheiden kann, 
und zwar um so deutlicher, je höher die 
Kultur eines Volkes steht — etwa die 
R. des Dogmas, dann die R. der Höhe, 
d. h. die R. besonders ausgewählter 
Individuen, und schließlich die R. der 
Tiefe, die eigentliche Volksr. — ebenso 
auch beim Volksglauben, der je nach der 
Bevölkerungsschicht und -gruppe ver¬ 
schieden ausgebildet ist. Neben allgemein 
verbreiteten Glaubenselementen finden 
sich Besonderheiten, die nur bestimmten 
Kreisen und Berufen angehören; nennen 
wir etwa die Bauern, Jäger, Bergleute, 
Schiffer, Soldaten, Matrosen, Schauspie¬ 
ler; aber auch die Verbrecher sind mit 
besonderem Glauben und Aberglauben 
vertreten. Neben diesem Kollektiv¬ 
glauben einzelner Volksgruppen steht der 
Glaube besonders begnadeter Individuen, 
der eine einmalige Erscheinung ist, und 
in dem die Glaubensenergie am stärksten 
sich auswirkt. Unter Umständen können 
diese religiösen Genien auch von unge¬ 
heurer Wirkung auf den Volksglauben, 
ja auch auf die Volksr. sein. 

B. Unterschiede des Blutes. Wie 
das gesamte Deutschtum innerhalb und 
außerhalb des Reiches nichts vollkommen 
Einheitliches ist, sondern in Stämme ver¬ 
schiedenen körperlichen und geistigen 
Charakters zerfällt, so ist auch der Volks¬ 
glaube nach Stämmen verschieden, etwa 
der altbayrische Katholizismus verschieden 
vom rheinischen, friesische Volksfeste von 
anderer Art wie fränkische. Mancher 
Glaube und Aberglaube ist auf einzelne 
Stämme beschränkt. 

C. Unterschiede des Bodens. Auch 
landschaftliche Verschiedenheiten lassen 
sich feststellen, die unabhängig von den 
Stämmen sind, wie ja auch die Terri¬ 
torial- und Landesgeschichte durchaus 
nicht mit der Stammesgeschichte zu¬ 
sammenfällt. So wie die Grenzen der 
deutschen Mundarten oft mit den mittel- 


668 

alterlichen und späteren Landesgrenzen 
und nicht mit den Stammesgrenzen gleich¬ 
laufen, so gilt das Gleiche auch für viele 
Feste, Gebräuche und Vorstellungen, die 
über die Stämme hinweg auf bestimmte 
landschaftlich zusammengehörige Gebiete 
beschränkt sind. Dies ist eine Folge der 
politischen Entwicklung. 

11. DienichtchristlichenElemente 
des heutigen deutschen Volksglau¬ 
bens. Will man gegenüber der Mannig¬ 
faltigkeit des heutigen deutschen Volks¬ 
glaubens diesen hinsichtlich der Herkunft 
seiner einzelnen Bestandteüe untersuchen, 
so tut man gut, sich zunächst durch eine 
Betrachtung der deutschen R.s- und 
Glaubensgeschichte die vielen Möglich¬ 
keiten vor Augen zu stellen, durch die 
eine solche Mannigfaltigkeit verursacht 
sein kann. Eine Entscheidung darüber, 
wie die Herkunft einer bestimmten ein¬ 
zelnen Erscheinung des Volksglaubens zu 
erklären ist, ist dann von Fall zu Fall 
durch eine Einzeluntersuchung herbei¬ 
zuführen. Wir zählen diese Möglich¬ 
keiten auf: 

A. Allgemein menschliche Grund¬ 
formen. Solche können wir in transzen¬ 
denten Vorstellungen, Handlungen und 
Erzählungen durch den Vergleich mit 
andern Völkern fest stellen, wodurch wir 
sehen, daß diese Grundformen im Volks¬ 
glauben allenthalben auf der Erde ver¬ 
breitet sind, bei Primitiven wie bei 
Hochkulturvölkern. Zu diesen Grund¬ 
formen gehören etwa die orendistischen 
Vorstellungen, die Handlungen, die mit 
Masken und Verkleidungen, mit Tänzen 
und akustischen Mitteln vorgenommen 
werden, der Glaube, der im Analogie¬ 
zauber und im Gebrauch des Zauber¬ 
spruchs lebt, überhaupt die wesentlichen 
Zwecke und Mittel der kultischen und 
magischen Handlungen. Solche Grund¬ 
formen waren sowohl der vorindogermani¬ 
schen Bevölkerung als auch den ern- 
wandernden Indogermanen eigen, wie wir 
aus den Lehren der Völkerkunde schließen 
können und wie es durch die Bodenfunde 
bestätigt wird, die seit der älteren Stein¬ 
zeit bereits einen orendistischen Toten¬ 
kult und durch die Höhlenbüder in Spa- 


669 

nien und Südfrankreich das Vorhanden¬ 
sein eines Analogiezaubers (s. d.) und 
den Glauben an die Wirkung von Masken¬ 
tänzen bezeugen. Den Gebrauch von 
Amuletten, von orendistischen Zeichen, 
wie des Hakenkreuzes, und von Fetischen 
kennen wir wenigstens aus dem Neolithi¬ 
kum vor der indogermanischen Ein¬ 
wanderung. Nun ist aber zu beachten, 
daß bei höherer Kultur die Fähigkeit, 
in solchen primitiven Grundformen zu 
denken, nicht abstirbt, sondern sich in 
der Volksseele auch zu Zeiten der höch¬ 
sten Kultur erhalten hat. Daher wurden 
im Verlauf der Weiterentwicklung solche 
Grundelemente immer wieder aufs neue 
erzeugt und blieben auch in unserm Volk 
völlig lebendig durch die Jahrtausende 
bis auf den heutigen Tag. 

B. Religiöse Elemente der vor¬ 
indogermanischen Bevölkerung auf 
heutigem deutschen Boden in der j üngeren 
Steinzeit, die wir freüich nur ganz un¬ 
vollkommen aus den Bodenfunden kennen. 

C. Indogermanische Glaubensele¬ 
mente, von denen wir uns noch ein Büd 
in großen Umrissen durch den Vergleich 
der einzelnen indogermanischen Völker 
miteinander machen können. Hier wäre 
etwa noch das Urindogermanische von 
dem erst während der Wanderungsze^t 
Erworbenen zu scheiden. 

D. Die germanische R., die sich 
auf dieser dreifachen Grundlage bildete 
und später durch den Zerfall der Ger¬ 
manen in einzelne Stämme in den Stammes¬ 
religionen weiterentwickelte. Wenn in 
kirchlichen Verordnungen wie in dem aus 
dem 8. Jh. stammenden Indiculus super- 
stitionum (s. d.) heidnische, d. h. nicht- 
christliche germanische Gebräuche und 
Vorstellungen verboten werden, die in 
ihrem Wesen nicht sehr verschieden sind 
von solchen, die auch heute noch aus¬ 
geübt werden, so sehen wir deutlich, 
wieviel sich noch aus der germanischen 
R. im heutigen Volksglauben erhalten 
hat. Aber auch in zahlreichen anderen 
Bräuchen und Festen der Gegenwart, 
ebenso auch in manchen Vorst ellungen 
von elbischen und anderen Geisterwesen, 
von der Wüden Jagd und Frau Holle, 


von Riesen und Zwergen, Werwölfen und 
Gespenstern, von den besonderen Kräften 
einzelner Tiere und Pflanzen, in Zauber¬ 
sprüchen lebt altgermanischer Glaube 
noch weiter, und ebenso ist manche 
christliche Kapelle am Ort eines alt¬ 
germanischen Heiligtums errichtet worden, 
so daß hier eine ununterbrochene Kult¬ 
fortsetzung bis zur Gegenwart andauert. 

E. Einfluß der keltischen R., 
der viele Jahrhunderte währte und den 
Germanen u. a. den Kult der Matronen 
brachte. Auf diesen Einfluß ist wahr¬ 
scheinlich der heute noch bestehende 
Kult der drei Schwestern zu Auw bei 
Trier und der Kult der drei Marien, 
der z. B. im Rheinland, in Tirol, in Ober¬ 
und Niederbayem besteht, zurückzu¬ 
führen; s. o. 5, 1865 f. 

F. Antike und orientalische 
nichtchristliche Einflüsse. Solche 
waren seit dem 1. Jh. v. Chr. vorhanden, 
sind aber auch im Mittelalter und in der 
Zeit des Humanismus wirksam gewesen. 
Hauptsächlich haben sie von oben nach 
unten gewirkt, vielfach zuerst von ge¬ 
lehrten Kreisen aufgenommen und dann 
auch in den Volksglauben eindringend. 
Vor allem auf dem Gebiet der Astrologie 
und Alchemie, der Volksbotanik und 
Volksmedizin, der Mantik und des Zauber¬ 
wesens läßt sich das Nachleben der 
Antike verfolgen bis zu den systematischen 
Zusammenfassungen von Männern wie 
Agrippa von Nettesheim, und manches 
hiervon hat auf diesem Umweg durch 
die Zauberbücher wie das Romanus¬ 
büchlein und die Ägyptischen Geheim¬ 
nisse für Menschen und Vieh, die dem 
Albertus Magnus zugeschrieben wurden, 
und andere Rezeptbücher Eingang in den 
Volksglauben gefunden, und solcheZauber- 
und Traumbücher sind auch heute noch 
im Gebrauch, die manches antike und 
orientalische Gut enthalten. So stammt 
etwa auch der Drudenfuß oder das 
Pentagramm, das heute noch als oren- 
distisches Zeichen, meist übelabwehrend, 
gebraucht wird, aus dem Orient, von wo 
es schon früh zu den Griechen und 
Römern, dann auch ins abendländische 
Mittelalter eindrang. Für die Zeit des 


671 


Religion 


674 


Religion 


Humanismus kann man geradezu von 
einer Wiedergeburt antiker Magie und 
antiken Volksglaubens im Abendland, 
auch in Deutschland sprechen. Schon 
im griechischen Altertum gab es eine 
,,okkulte Wissenschaft“, eine gelehrte 
Systematisierung und mystische Aus¬ 
legung des Volksglaubens, die bald durch 
orientalisches Schrifttum neues Material 
erhielt und dann besonders durch die 
Humanisten als Pseudo wissen schaft be¬ 
arbeitet wurde, ein Sammelbecken, aus 
dem manche Bäche sich auch in den 
deutschen Volksglauben ergossen. Teils 
aus antiken, teils aus orientalischen 
Quellen wurde die Kabbala (s. d.) ge¬ 
speist, die sich im Mittelalter ausbildete, 
dann auf Agrippa von Nettesheim, Para¬ 
celsus und andere einwirkte und den 
Volksglauben besonders im Alphabet-, 
Zahlen- und Namenglauben beeinflußte 
und ihm zahlreiche orientalische und 
unverständliche Dämonennamen lieferte, 
die in den Zaubersprüchen angerufen 
werden. So findet sich der hebräische 
Gottesname Adonai (s. d.) in griechischen 
Zaubersprüchen des Altertums wie in 

deutschen des Mittelalters und der Neu¬ 
zeit. 

12. Die Christianisierung der 
Germanen. Als zweifellos wichtigster 
von außen kommender Einfluß trat an 
die einzelnen germanischen Stämme das 
Christentum heran, bedeutungsvoll seit 
dem 4. Jh., als der Bischof Ulfila den 
Westgoten das Christentum in arianischer 
Form brachte und zugleich die Bibel¬ 
übersetzung gab. Auch in der Folgezeit 
war es die arianische, romfreie Form, 
in der das Christentum zu den Germanen 
kam, bis der um Rom gelegte Ring gegen 
Ende des 5. Jh.s durch den Übertritt 
des Frankenkönigs Chlodwig zum Katholi¬ 
zismus durchbrochen wurde. Die Katholi- 
sierung und Romanisierung ist aber erst 
durch Bonifatius in der ersten Hälfte des 
8. Jh.s besiegelt, die endgültige Christiani¬ 
sierung etwa in der Zeit Karls d. Gr. 
für die auf dem Boden des heutigen 
deutschen Reiches wohnenden Stämme 
äußerlich durchgeführt worden. In diesen 
Jahrhunderten brach die Scheidung zwi- 


672 

sehen R. und nichtreligiösem Volks¬ 
glauben für immer durch. 

Man pflegt gemeinhin die Christiani¬ 
sierung der germanischen Stämme vom 
Standpunkt des Christentums aus zu 
betrachten, für den das Christentum 
zugleich die absolute R. ist. Aber dem¬ 
gegenüber brauche ich es wohl nicht zu 
begründen, wenn hier ein Standpunkt 
eingenommen wird, der sich für den 
nicht theologischen Religionswissenschaft¬ 
ler und den deutschen Volkstumsforscher 
eigentlich von selbst versteht und der 
sich in folgenden zwei Sätzen umschreiben 
läßt: 

1. Die Christianisierung der germani¬ 
schen Stämme und die deutsche R.s- 
und Kirchengeschichte ist vom ger¬ 
manisch-deutschen Standpunkt aus zu 
betrachten. 

2. Die christliche R. ist wie jede andere 
R. eine zeitgebundene Erscheinung, eine 
R., die anzunehmen oder abzulehnen der 
freien Entscheidung eines jeden Volkes, 
gemäß seiner arteigenen Glaubensenergie, 
unterliegt. Dabei ist zu beachten, daß 
eine R. nur solange eine lebendige Macht 
in einem Volke ist, als sie das religiöse 
Bedürfnis eines Volkes erfüllt und seiner 
Glaubensenergie entspricht. 

Aus der Christianisierungsgeschichte der 
Germanen müssen wir noch folgende 
Punkte als für unser Thema besonders 
wichtig kurz hervorheben: 

A. Die germanische R. stand zu Beginn 
der Völkerwanderungszeit schon an sich 
an einem Wendepunkt ihrer Entwick¬ 
lung; die einzelnen Stämme waren zer¬ 
streut und zum Teil aus ihrem Heimat¬ 
boden herausgerissen. Die germanische 
Glaubenskraft mußte neue Formen prägen 
und hätte sie gewiß auch geschahen — 
das stammesverwandte indische Volk 
zeigt uns solches — wenn die ruhige 
Entwicklung nicht durch das Herein¬ 
brechen einer fremden R. gestört worden 
wäre, die nun gegenüber den erschütterten 
Glaubensformen ein leichtes Spiel hatte. 

B. Die Germanen haben vielfach keinen 
prinzipiellen Unterschied zwischen ihren 
Göttern und dem christlichen Gott ge¬ 
macht; es waren Gottheiten von ver¬ 


673 

schiedener Macht und Stärke und sie 
wählten denjenigen, der durch irgend 
eine Tat sich als der mächtigste erwies, 
und sie verwarfen diejenigen, die ver¬ 
sagten. So hören wir des öftern in älteren 
Christianisierungsberichten, daß die Ger¬ 
manen durch ein Wunder, das sich er¬ 
eignete, sich von der Stärke des Christen¬ 
gottes überzeugt hätten oder daß sie die 
Machtlosigkeit ihrer eigenen Götter er¬ 
kannten, weil diese die Vernichtung ihrer 
Heiligtümer nicht rächten. Es ist dies 
eine Erscheinung, die in der R.sgeschichte 
auch sonst bekannt ist: Ein ganz primi¬ 
tives Beispiel liefern noch heutige Natur¬ 
völker, die etwa einen Fetisch wegwerfen, 
wenn er einmal versagt hat, und einen 
neuen sich schaffen, die ihren Zauberer 
töten, wenn ihm eine Zauberhandlung 
mißlingt. 

C. Über andere Qualitäten des christ¬ 
lichen Gottes außer seiner Kraft und 
Macht nachzudenken hatten die Ger¬ 
manen kaum die Möglichkeit, da in den 
meisten Fällen, vor allem was die große 
Masse des Volkes betrifft, die Tauf¬ 
handlung nicht den Abschluß, sondern 
den Anfang der Christianisierung bildete. 
Die Bevölkerung ist vielfach getauft 
worden, als sie von den christlichen 
Lehren noch kaum etwas wußte, und 
erst auf die Taufe folgte mehr oder minder 
intensiv die Belehrung, die sich zum Teil 
auf Dinge erstreckte, für die die Ger¬ 
manen weder Begriff noch Wort hatten 
und die ihnen innerlich fremd bleiben 
mußten. So ist die Christianisierung 
zunächst ganz äußerlich gewesen, und 
die Zurückdrängung des alten Glaubens 
ist erst ganz allmählich erfolgt und nie 
ganz vollständig gelungen. Dazu kam, 
daß die germanischen Stämme auf dem 
heutigen Boden des deutschen Reiches 
noch Jahrhunderte lang von nichtchrist¬ 
lichen Stämmen umgeben waren. So 
haben wir auch immer wieder neue 
Zeugnisse, die davon sprechen, daß in 
christianisierten Gegenden das sog. Heiden¬ 
tum, d. h. Überreste des germanischen 
Glaubens, noch blühte, und immer wieder 
mußte die Kirche gegen solches ein- 
schreiten. Synodalbeschlüsse, Bußbücher 

Bächtold*St Subli, Aberglaube VII 


und die Schriften einzelner Theologen 
etwa seit dem 6. Jh. reden davon. Solche 
Verbote erinnern an ähnliche Erlasse, 
wie sie später in der Aufklärungszeit, im 
18. Jh., vielfach, freilich nicht aus 
Gründen der R., sondern aus Gründen 
eines volksfremden Rationalismus, ge¬ 
geben wurden und in denen etwa der 
Besuch der Kunkel- und Lichtstuben 
verboten wurde als gerade der Stätten, 
in denen das Märchenerzählen, das Singen 
alter Volkslieder und manches alte Brauch¬ 
tum noch blühte, und durch welche alte 
Feste wie das Johannisfeuer abgeschafft 
wurden. 

D. Daß die Germanen trotz aller 
Toleranz oft auch der Verbreitung der 
fremden R. Widerstand entgegensetzten, 
bezeugen die nicht ganz seltenen Ver¬ 
treibungen der Glaubensboten und ihre 
Martyrien. Es ist notwendig, diese 
Martyrien vom germanisch-deutschen 
Standpunkt aus zu betrachten und in 
ihnen in erster Linie den Empörungs¬ 
schrei unserer in ihrer arteigenen Glaubens¬ 
kraft unterdrückten Ahnen zu hören. 
Dabei müssen wir auch mit Bedauern 
feststellen, daß diese Unterdrückung nicht 
selten von Volksgenossen herrührte, die 
ihrer eigenen Art sich entfremdet hatten. 

E. Das Christentum hat sich bei den 
Germanen schließlich nicht durchgesetzt 
in der Form des Urchristentums oder als 
Zusammenfassung der Lehren des Neuen 
Testaments, sondern nach einer vier- 
und mehrhundertjährigen Entwicklung, 
als die Lehre Jesu bereits hellenisiert 
und romanisiert war, als sie systematisiert 
und organisiert' worden war, also als 
eine systematische Lehre mit Kultus 
und hierarchischer Organisation in der 
Form der römisch-katholischen Kirche. 

F. Schließlich ist zu beachten, daß 
gerade einzelne Hauptlehren und charakte¬ 
ristische Eigenschaften des Christentums, 
vor allem auch seiner Ethik, vom ger¬ 
manischen Glauben abgelehnt werden 

mußten; s. u. Nr. 13. 

13. Der Konfliktsstoff in der 
christlichen R. Ich zähle folgende 
Punkte auf, in denen ein Konfliktsstoff 
aufgehäuft lag, der zu Auseinander- 

22 


675 Religion 676 


Setzungen führen mußte; dabei handelt 
es sich hier um die römisch-katholische 
Form. Diese sechs hier aufgezählten 
Merkmale und Eigenschaften des Christen¬ 
tums kommen fast alle auch den beiden 
anderen semitischen großen R.en zu, der 
israelitisch-jüdischen R. und dem Islam. 
Vor allem ist zu betonen, daß lediglich 
diese drei semitischen R.en einen Mono¬ 
theismus (s. d.) lehren, der sich sonst 
nirgends findet. 

A. Die Herkunft des Christentums aus 
dem semitischen Kulturkreis. Hierauf 
beruht die Artfremdheit des Christentums 
gegenüber dem germanisch-deutschen 
Glauben. Zu vollem Bewußtsein ist 
dies erst in neuester Zeit gekommen, 
im Zusammenhang mit der modernen 
Rassenforschung; s. u. Nr. 15. 

B. Alle drei semitischen R.en sind ge¬ 
stiftete R.en und nach ihrer Überlieferung 
R.en, die von Gott selbst ihren Stiftern 
offenbart wurden. Daher haben sie auch 
ein autoritatives Buch, das Alte und 
Neue Testament und den Koran, und ein 
autoritativ gütiges Dogma. Sie sind 
also nicht aus dem Volk heraus gewachsen, 
sondern von oben her verkündet und 
auch in ihrem eigenen Volk erst in vielen 
Kämpfen durchgedrungen. 

C. Alle drei R.en sind monotheistische 
R.en. 

D. Der Universalismus, die Katholizität, 
der Anspruch auf Ausschließlichkeit, in¬ 
folgedessen das Streben nach Mission und , 
eine Intoleranz, die zum mindesten beim 
Christentum und Islam zu Glaubens- | 
kriegen führten und überall an Stelle der 
gewachsenen Volksr.en die geoffenbarte 
R. setzen wollten. Dazu ist speziell noch 
bei der römisch-katholischen Kirche auf 
die streng ausgebildete Hierarchie mit, 
ihrer Spitze, dem Papsttum, hinzuweisen 
und auf ihren Gottesstaatsgedanken mit 
dem Anspruch der Vorherrschaft der 
Kirche über den Staat, der sich mehr 
und mehr im Laufe des Mittelalters 
herausbildete. 

E. Als Vermittler zwischen Gott und 
den Menschen tritt der Priester. Dadurch 
kommt es zu einer Trennung von Klerikern | 


und Laien, wogegen später die deutsche 
Reformation angekämpft hat. 

F. Die Durchdringung des ganzen 
Lebens mit religiösen Ideen; so die Ver¬ 
bindung von R. und Sittlichkeit, die Auf¬ 
stellung einer theonomen, von der ger¬ 
manischen Weltanschauung durchaus ver¬ 
schiedenen Ethik, die mit der germanisch¬ 
deutschen Volks- und Staatsethik in 
Gegensatz kommen mußte; die Ver¬ 
bindung von R. und Wissenschaft, die 
im Orient von jeher bestanden hatte und 
die im abendländischen Mittelalter dahin 
führte, daß die Träger der Wissenschaft 
zugleich Priester waren, die Wissenschaft 
aber nur insoweit betrieben wurde, als 
sie der Förderung der R. und dem Studium 
der religiösen Urkunden, des Alten und 
Neuen Testaments diente. Schließlich die 
völlige Inanspruchnahme von Volksge¬ 
nossen seitens der Kirche im Kloster¬ 
leben. 

Die Auseinandersetzung des germanisch- 
deutschen Glaubens mit diesen Eigen¬ 
schaften und Forderungen des Christen¬ 
tums ist das Hauptthema der germanisch¬ 
deutschen R.s- und Kirchengeschichte 
und ist auch heute noch nicht abge¬ 
schlossen. 

14. Die christlichen Elemente 
des heutigen deutschen Volks¬ 
glaubens. Das Ergebnis dieser Aus¬ 
einandersetzung sehen wir zu einem Teil 
in der Rolle, die das christliche Element 
im heutigen deutschen Volksglauben spielt. 
In der oben gegebenen Figur bedeutet 
der kleinere Kreis die christliche R. 
Durch verschiedenes Schraffieren ist eine 
vierfache Einteilung des Kreises gegeben, 
der die folgenden vier Elemente ent¬ 
sprechen : 

A. Ein Teil des christlichen Dogmas 
wird vom Volksglauben abgelehnt, wie 
die Lehre vom Monotheismus (s. d.), 
oder spielt im Volksglauben keine Rolle, 
höchstens daß im R.sunterricht davon 
Kenntnis genommen wird; in der Figur 
punktiert. (Nebenbei: Über den R.s¬ 
unterricht ließe sich auch vom Stand¬ 
punkt der R.swissenschaft und der Volks¬ 
kunde mancherlei sagen.) 


6 77 


Religion 


678 


B. Ein Teil der christlichen Lehren 
wurde ohne weiteres übernommen; schräge 
Linien in der Figur. 

C. Germanisch - deutsche Glaubens¬ 
elemente, die christianisiert wurden; senk¬ 
rechte Linien in der Figur. Hier handelt 
es sich um Zugeständnisse der Kirche, 
um Anknüpfungen an volkstümliche Vor¬ 
stellungen und Feste, um Aufnahme von 
alten Elementen des Volksglaubens in 
den christlichen Bereich, wie es bereits 
Papst Gregor d. Gr. gegen Ende des 
6. Jh.s den Missionaren der Angelsachsen 
zur Pflicht machte. Hierher gehören 
viele Flurprozessionen; ebenso auch die 
Sitte des Minnetrinkens (s. d.). 

D. Volkstümliche Umbildungen christ¬ 
licher Lehren und Anschauungen; wag¬ 
rechte Linien in der Figur. Hier ist die 
völkische Glaubensenergie die aktiv ge¬ 
staltende Kraft. Es handelt sich hier 
um Glaubenserscheinungen, die ihre 
Wurzeln zwar in einer kirchlichen Lehre 
haben, in denen aber das Volk eine 
eigenmächtige Umbildung vornimmt, weil 
es die offizielle Form des Dogmas nicht 
richtig versteht oder als nicht volks¬ 
gemäß ablehnt und weil das volkstüm¬ 
liche Denken keine dogmatische Ein¬ 
stellung hat. So wird dem Volke der 
Heilige zum Sondergott, der Priester 
zum Magier, Kreuz und Reliquie zum 
Fetisch und Amulett, der Monotheismus 
auf jede Weise unterhöhlt; s. o. 3, 1668ff.; 
6, 549 ff. 

15. Die Auseinandersetzung des 
deutschen Glaubens mit dem 
Christentum in der Gegenwart. 
Noch niemals seit der Reformation war 
die deutsche Glaubensenergie so tätig und 
noch nie wurde mit solcher Leidenschaft 
um neue Glaubensformen gerungen wie 
in der Gegenwart, und auch hier handelt 
es sich im wesentlichen um eine Aus¬ 
einandersetzung des deutschen Glaubens 
mit dem Christentum, um eine neue 
Phase in der Entwicklung, die mit der 
Christianisierung der Germanen begann. 
Diese neue Auseinandersetzung hat ihre 
Wurzeln in der Rassenforschung des 
19. Jh.s, hat durch die Folgen des Welt¬ 


kriegs einen neuen Aufschwung genommen 
und ist seit der Machtergreifung durch 
den Nationalsozialismus in Deutschland 
zu einer der wichtigsten Fragen der 
deutschen geistigenEnt wicklung geworden. 
Wenn auch das Deutsche Reich der 
Herd dieser Bewegung ist, so ist doch 
nicht abzusehen, in welchem Umfang 
auch die übrigen deutschen und ger¬ 
manischen Stämme und Volksteile von 
dieser Glaubensbewegung noch werden 
ergriffen werden. Wir wollen die ver¬ 
schiedenen Strömungen unter dem Namen 
der völkisch-religiösen Bewegung zu¬ 
sammenfassen und wir unterscheiden in 
ihr, die eine ungeheure Mannigfaltigkeit 
in sich birgt, zwei große Gruppen: 

A. Diejenigen Richtungen, die das 
Christentum nicht völlig verwerfen, son¬ 
dern eine Angleichung der christlichen R. 
an die deutsch-völkische Gläubigkeit vor¬ 
nehmen wollen, also eine Reform des 
Christentums vom völkischen Standpunkt 
aus befürworten. Eine Haupt Vertreterin 
dieser Gruppe ist die Deutschkirchliche 
Bewegung oder die Deutschkirche, die 
eine ,,Erneuerung des religiösen Lebens 
und der Kirche durch den deutsch¬ 
heimatlichen Gedanken als wichtigste 
innere Angelegenheit der deutschen Volks¬ 
gemeinschaft“ erstrebt, das Alte Testa¬ 
ment verwirft, da ,,der Weg zum Heiland 
über die Märchen viel reiner zu finden 
und zu gehen sei als über die Erzväter¬ 
geschichten“, und dem Neuen Testament 
dasjenige entnimmt, was als arisch an¬ 
zusprechen sei. — Sehr viel wichtiger 
ist die zweite Gruppe: 

B. Ebenfalls eine große Anzahl von 
Vereinigungen umfassend, ist diese Gruppe 
in der radikalen Verwerfung des Christen¬ 
tums und in der Forderung der Aus¬ 
gestaltung eines arteigenen deutschen 
Glaubens einig. Zu ihr gehören, um nur 
ein paar der Haupterscheinungen zu 
nennen, Arthur Rosenberg und sein 
Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“, 
1. Aufl. 1930, ferner die von dem Tübinger 
Indologen und R.Wissenschaftler Wil¬ 
helm Hauer begründete Deutsche 
Glaubensbewegung und die Gruppe um 
General Ludendorff und seine Frau 

22* 


679 


Religion 


Reliquien 


682 


680 < 58 ! 


Mathilde. Gemeinsam ist allen, diesen 
Gruppen folgendes: 

Das Christentum wird verworfen, ebenso 
natürlich auch die Bücher des Alten und 
Neuen Testaments, und zwar mit der 
Begründung: weil diese R.sform aus dem 
Orient, aus dem semitischen Kulturkreis 
stammend, artfremd dem deutschen 
Glauben ist. Diese Forderung und ihre 
Begründung beruht auf der modernen 
Rassenforschung. Aber diese ist nicht 
von Anfang an radikal ablehnend gegen 
das Christentum gewesen. Noch Chamber- 
lain, dessen Grundlagen des 19. Jh.s 
1899 erschienen sind, suchte im wesent¬ 
lichen das Christentum zu retten. Für 
ihn war ja Jesus kein Jude der Rasse 
nach, und seine Lehre stand nachChamber- 
lain geradezu im Gegensatz zu aller 
semitischen R., und so verwirft Chamber- 
lain lediglich die Form der katholischen 
Kirche, nicht aber die christliche R. 
selbst. Auf diesem Standpunkt stehen 
also etwa auch die vorhin genannten 
Vertreter der sog. Deutschkirche. Eine 
Bekämpfung des gesamten Christentums 
nach rassischen Gesichtspunkten vom 
völkisch-deutschen Standpunkt aus sehen 
wir in starker und ausgeprägter Form 
nach einigen früheren Ansätzen erst nach 
dem Weltkrieg hervortreten. Denn die 
Rassenforschung lehrte nun folgerichtig 
weiter, daß die Rasse nicht nur in körper¬ 
lichen, sondern auch in geistigen Eigen¬ 
schaften sich auspräge und daß jede 
Rasse ihre eigene Kultur und auch ihre 
eigene R. hervorbringe, die nur für sie 
paßt und sich eignet und für andere 
Rassen ein fremdartiges Element ist, das 
als artfremd nicht annehmbar ist. So 
hängt mit dieser Betonung der art¬ 
eigenen R. noch ein Weiteres aufs engste 
zusammen: die Bekämpfung des An¬ 
spruchs einer R. und zumal der christ¬ 
lichen R., die absolute R. zu sein und 
für alle Völker, auch die nichtsemitischen, 
zu gelten, und ferner die weitere Forder¬ 
ung: daß das Christentum der Kritik des 
arteigenen Glaubens eines Volkes unter¬ 
liege. So tritt neben die Rassenforschung 
als Grundlage dieser deutsch-völkischen 
Forderung die Lehre der modernen R.s- 


wissenschaft, daß auch die christliche R. 
wie jede andere R. eine historisch ge¬ 
wordene, keine in Wirklichkeit offenbarte 
R. sei, woraus das Recht der Kritik auch 
gegenüber dieser R. abzuleiten ist, der 
Kritik vom Standpunkt des arteigenen 
Glaubens des deutschen Volkes aus. 
Infolgedessen ist auch der universalistische 
Anspruch des Christentums zu verwerfen 
ebenso wie der Anspruch, allgemein 
gütige Maßstäbe zu liefern, nach denen 
die deutsche Haltung in Sittlichkeit, 
Recht, Staatsauffassung und Wissen¬ 
schaft sich zu richten habe. Als Gegen¬ 
stück folgt daraus: Da der deutsche 
Glaube ebenso wie das deutsche Recht 
und die deutsche Staatsauffassung, die 
Ethik und die deutsche Wissenschaft der 
gleichen Wurzel entsprungen sind, können 
sie sich nicht widersprechen. Auf diesem 
Boden kann es also niemals dazu kommen, 
daß die Gesetze des Staates und die R. 
in Widerspruch miteinander stehen. Da¬ 
mit ist eindeutig der Jahrhunderte lange 
Kampf im Sinne der Worte, die Bismarck 
zu Beginn des Kulturkampfes am 10. 
März 1873 sprach, gegen die Bulle Unam 
Sanctam vom Jahre 1302 entschieden. 
Von der völkischen Glaubensbewegung 
werden gerade auch die o. Nr. 13 ge¬ 
nannten sechs Punkte bekämpft, wobei 
der an erster Stelle erwähnte gerade 
der Ausgangspunkt des Kampfes ist. 

Nebenbei sei noch auf diejenigen roman¬ 
tischen Schwärmer hingewiesen, die die 
altgermanische R. selbst wieder beleben 
wollen, als ob die deutsche Glaubens¬ 
energie nicht reich genug sei, wiederum 
Neues, Art- und Zeitgebundenes zu 
schaffen, und man auf überlebte Formen 
zurückgreifen müsse, die vor zwei Jahr¬ 
tausenden einmal Lebensrecht besaßen. 


Literatur und Einzelbelege finden sich in 
diesem Hdwbch. allenthalben, weitere Aus¬ 
führungen über R. auch in meinem o. Nr. 1 ge¬ 
nannten Buch. Eine kurze Darstellung des 
deutschen Volksglaubens auf dieser religions¬ 
wissenschaftlichen Grundlage habe ich zu geben 
versucht bei Spamer Die deutsche Volkskunde 
I (i 934 ) 89 h. — Uber die Christianisierung der 
Germanen und die Germanisierung des Christen¬ 
tums s. etwa: Hauck Kirchengeschichte Deutsch¬ 
lands; v. Schubert Geschichte der christlichen 
Kirche im Frühmittelalter ; Haller Das Papst¬ 


tum I (1934); dazu Boehmer Das germanische 
Christentum (Theol. Studien u. Krit. 86, 1913); 
H. Rückert Die Christianisierung der Germanen, 
1932; Jul. Richter Germanentum und Christen¬ 
tum (Neue Jahrbb. io, 1934, 97#.); Heussi 
Die Germanisierung des Christentums (Zeitschr. 
f. Theol. u. Kirche 15, 1934). — Speziell zum 
letzten Abschnitt: Hauer Deutsche Gottschau, 
1934 ; M. Ludendorff Erlösung von Jesu 
Christo; Deutscher Gott glaube; Der Seele Wirken 
und Gestalten. Künneth u. Schreiner Die 
Nation vor Gott, 1933. Pfister. 

Reliquien 1 ). Unter R. versteht man 
die Hinterlassenschaft Verstorbener, so¬ 
wohl ihre leiblichen Überreste als auch 
ihr Besitztum. Der Kult, den man 
solchen R. widmet, beruht auf dem 
Glauben, daß gewisse Verstorbene, die 
zu ihren Lebzeiten sich irgendwie aus¬ 
zeichneten, auch nach ihrem Tode noch, 
entweder als Persönlichkeiten oder durch 
eine unpersönliche Kraft, die an das 
gebunden ist, was zu ihren Lebzeiten 
mit ihnen in Verbindung und Berührung 
gekommen war, eben ihre R., noch 
wirken können, und daß der diesen R. 
gewidmete Kult diese Wirksamkeit be¬ 
lebt bzw. als Dank für die Wirksamkeit 
gilt. Dabei kann man einen orendistischen 
und einen animistischen R.glauben unter¬ 
scheiden (o. 6, 1300 t.). Bei ersterem 
denkt man sich die Kraft in den R. 
selbst wirksam; das Orenda erfüllt sie 
mit einem unerschöpflichen Fluidum, 
das wirkend von ihnen ausgeht (s. Oren- 
dismus). Die Reliquie gilt als orendistischer, 
krafterfüllter Gegenstand wie etwa ein 
Amulett (s. d.). Beim animistischen 
R.glauben erwartet man die Wirkung 
von der Person, der die Reliquie angehörte, 
als sie noch am Leben war, und die ein 
persönliches Leben noch nach dem Tode 
führt und noch selbsttätig wirken kann. 
So ist der R.kult in beiden Formen eine 
Erscheinungsform des Totenkults, und 
zwar insbesondere des Heroen- und 
Heiligenkults (s. Heilige). 

Es braucht aber nicht jede Religion, 
die einen Totenkult kennt, auch einen 
R.kult aufzuweisen. In der römischen 
Religion z. B. war wohl ein Toten- und 
Ahnenkult lebendig, nicht aber einHeroen- 
und R.kult, wie ja auch die Heroensage 
bei den Römern fehlt 2 ). R., die einen 


Kult genießen, gehören also einer be¬ 
sonderen Klasse von Verstorbenen an, 
den Heroen und Heiligen. Und wie der 
Heroen- und Heiligenkult so hat auch 
der R.kult drei notwendige Elemente; 
es gehört dazu: 

1. Der Glaube an die persönliche oder 
unpersönliche Kraft, die mit den R. 
irgendwie verbunden ist. 

2. Der Kult, der den R. gewidmet ist. 

3. Die religiöse Erzählung, die von R. 
und ihren Wirkungen berichten. 

Die Anfänge eines R.kultes, und zwar 
eines orendistischen, finden sich bereits 
bei manchen Naturvölkern, bei denen 
vor allem der Glaube an die Kraft und 
die Übertragbarkeit der Kraft von R. 
von Tieren und Menschen lebendig ist. 
So wenn der Dschagga sich einen Flügel¬ 
knochen des Geiers an ein Bein bindet 
und dann glaubt, laufen zu können, ohne 
müde zu werden, wie der Geier ohne 
Ermüdung fliegt, eine Vorstellung, wie 
sie durch unzählige Beispiele zu belegen 
ist (s. etwa o. 1, 376 f.), oder wenn man 
glaubt, mit Hilfe von Haaren, Nägeln, 
Kleidern eines Menschen diesen bezaubern 
zu können, da in diesen Dingen etwas 
von der Kraft des betreffenden Menschen 
steckt (s. o. 1, 394), so finden wir hier 
den gleichen Glauben, der auch dem 
orendistischen R.kult zugrunde liegt. Das 
gleiche ist der Fall, wenn der Kopfjäger 
sich eine Schädelsammlung zulegt, um 
die Kraft dieser Köpfe sich zuzufügen, 
oder wenn man Knochen, Haare (Skalps) 
oder dergl. von Erschlagenen bei sich 
trägt oder wenn man aus Schädeln Trink¬ 
becher verfertigt (s. o. Heiligenschädel). 

Das beste Beispiel eines animistischen 
R.kultes findet sich bei den Griechen 
des Altertums, der, soweit es sich um 
leibliche R. handelte, ein Grabkult war; 
d. h. die R. ruhten im Grab, wurden 
nicht im Reliquiar ausgestellt, waren 
überhaupt nicht sichtbar. Es fehlte 
bei ihnen daher auch die R.teilung, der 
R.handel, R. als Amulett, d. h. alle die 
Ei scheinungen, die für den orendistischen 
R.kult charakteristisch sind. Der Kult, 
der ihnen dargebracht wurde, richtete 
sich in die Erde, wo die Gebeine lagen. 



68 3 


Reliquien 


Remaclus, hl.—Remigius, hl. 


686 


Die Wirksamkeit der Heroen war durchaus 
nicht an die Stätte gebunden, wo ihre R. 
ruhten, sie waren nur an ihren Gräbern 
leichter erreichbar und die Gräber galten 
als Unterpfand für die Hilfe der Heroen. 
Und ferner wirkten nicht die R. direkt, 
sondern die Heroen selbst, die durch den 
R.(= Grab-)kult beeinflußt und herbei¬ 
gelockt wurden. Auch bei den nicht¬ 
leiblichen R., etwa den Waffen und sonsti¬ 
gen Gerätschaften, finden sich in der 
griechischen Religion nur ganz wenige 
orendistische Spuren. 

Auch der christliche R.kult beruht 
auf dem Glauben an die besondere 
Kraft, die in bestimmten Menschen, den 
Heiligen (s. d.), zu ihren Lebzeiten wirk¬ 
sam war und die auch deren Hinterlassen¬ 
schaft noch erfüllt. Wie beim antiken 
R.kult führen auch hier die ältesten 
Spuren an das Grab der Heiligen, d. h. 
in der ältesten christlichen Zeit war der 
R.kult im wesentlichen noch Grabkult 
d. h. animistischer R.kult 3 ). Aber im 
Lauf der Zeit kommt die Ausstellung der 
R. im Reliquiar, die R.teilung und der 
R.handel auf, und zwar ist hierbei ein 
orientalischer Einfluß festzustellen 4 ). So 
wird in der christlichen Überlieferung 
immer mehr die übergewaltige Kraft 
hervorgehoben 5 ), die in den R. der 
Heiligen wohne und von Wundern er¬ 
zählt, die diese R. selbst hervorgerufen 
hätten. Eine besonders wirksame Kraft, 
eine /oc'pic, wird ihnen zugeschrieben, 
die in den ganzen R. wirkt, aber auch 
in jedem Teil, so daß auch kleine Stücke 
dieselben Wunder tun können wie das 
Ganze. So kommt es zum Austausch 
und zum Handel mit R. und auch zur 
Schaffung künstlicher R., die durch 
innige Berührung mit echten hergestellt 
werden (s. o. i, 384. 1290 f.). Daher 
werden auch die R. in möglichste Nähe 
gerückt, wo sie wirken sollen, nicht 
unter die Erde ins Grab, sondern über 
die Erde ins Reliquiar, oft sogar sichtbar 
und berührbar. Besonders vom 4. Jh. 
an kehrt die Betonung der in den R. 
wirkenden pneumatischen (orendistischen) 
Kraft bei den Kirchenschriftstellern immer 
wieder; in letzter Linie ist diese Vorstel- 


684 

lung schon in neutestamentlichen Stellen 
wie Matth. 9, 20 ff., Ap.gesch. 5, 15; 19, 12 
vorhanden. 

Je volkstümlicher der R.kult wurde, 
um so mehr trat die orendistische Auf¬ 
fassung hervor, der die R. als ein Amulett 
und ein Talisman gilt, als ein Gegenstand, 
der mit einer besonderen Kraft erfüllt ist. 
Ja, der Volksglaube bleibt bei den 
offiziellen R. der Kirche nicht stehen, 
sondern schafft sich neue, wobei der 
Glaube sich nicht auf die Heiligen der 
Kirche beschränkt, sondern sich über¬ 
haupt auf Menschen ausdehnt, von deren 
besonderer Kraft man überzeugt ist, sogar 
auf Verbrecher und Hingerichtete, deren 
Blut und andere R. als wundertätig gelten, 
s. o. 3, 1664. So werden die R. im Volks¬ 
glauben zu orendistischen „Göttern“, und 
im R.kult erkennen wir wie im Heiligen¬ 
kult gewissermaßen eine Flucht des Volks¬ 
glaubens vor dem ihm nicht angemessenen, 
aber von der Kirche gepredigten Mono¬ 
theismus (s. d.), also eine Zuneigung zum 
Polytheismus, wie er den Bekennern 
einer jeden monotheistischen Weltreligion 
eigen ist. So hat sich der monotheistische 
Islam einen Heiligen- und R.kult ge¬ 
schaffen, und zwar einen R.kult, der im 
wesentlichen Grabkult ist, ebenso auch 
der atheistische Buddhismus, dessen 
Heilige in den sog. Stupas, hohen ge¬ 
wölbten Steinbauten, ruhen. 

Die volkstümliche Vorstellung von den 
R. in der Gegenwart ist teils orendistisch 
teils animistisch und in vielem vergleichbar 
dem Glauben an heilige Bilder (s. Bild, 
Heiligenbild). Einmal gelten die R. 
selbst als mit Kraft geladen, die wirksam 
ist. Daher werden R.partikel gern als 
Amulett getragen, und der Glaube an 
die wirkende Kraft gilt auch den künst¬ 
lichen, durch Berührung mit echten 
Heiltümem hergestellten R. Staub von 
den Gräbern der Heiligen hilft ebenso wie 
die Tuchlappen, die mit R. in Berührung 
kamen, und wie Wasser, Wein oder Öl, 
in das R. getaucht wurden. Solche 
Flüssigkeiten kann man gegen Krank¬ 
heiten innerlich oder äußerlich gebrau¬ 
chen. Die materialistische Auffassung 
geht gelegentlich so weit, daß man glaubt. 


685 

ein Gegenstand wiege nach seiner Ladung 
mit heiliger R.kraft schwerer als vorher. 
Aber andererseits ist auch der animistische 
R.glauben im Volke vorhanden. Er zeigt 
sich etwa in Gebeten, die in Kirchen vor 
den R. an die Heiligen gerichtet werden. 
Aber auch die Heiligen, deren R. man in 
einer Kapsel — oft von mehreren Heiligen 
in einer Kapsel vereinigt — nach Art 
eines Amuletts bei sich trägt, werden oft 
im Gebet angerufen. Zahllos sind schlie߬ 
lich die Legenden, die man von den 
Wundem berichtet, die durch R. aus¬ 
geübt wurden. 

x ) Literatur: C. A. Bernoulli Die Heiligen 
dev Merowinger, 1900; Stückelberg Gesch. 
der R. in der Schweiz 1 (1902); 2 (1908) (Schr- 
SchwGesfVk. I u. V); Lucius Die Anfänge des 
Heiligenkults in d. christl. Kirche, 1904; Pfister 
Reliquienkult ; weiteres s. u. Heilige. 2 ) Pfister 
2, 593ff. 3 ) Lucius 271 ff.; Pfister 2, 4290. 

4 ) Pfister 2, 607IL 6 ) Ebd. 6ioff. Pfister. 

Remaclus, hl., Missionsbischof in den 
Ardennen, gründete dort die Abteien 
Malmedy und Stablo. Später Bischof 
von Maastricht (Tongern). Gestorben nach 
670. Gedächtnistag: 3. September 4 ). 
Ein Wolf half ihm beim Kirchenbau 2 ). 
Den Satan hinderte er an der Zerstörung 
der Kirche zu Malmedy 3 ). Auch ver¬ 
trieb er den Teufel aus einem Brunnen, 
in dem dieser sich huldigen ließ 4 ). Wenn 
es an seinem Gedächtnistage regnet, so 
sprießen ebenso viele Komhalme aus der 
Erde, als Tropfen auf das Kornfeld 
fallen 5 ). Bei der Quelle Groesbeeck zu 
Spaa hat sein Fuß sich in die Erde ein¬ 
gedrückt. Unfruchtbare Frauen trinken 
9 Tage lang jeden Tag ein Glas Wasser 
aus diesem Brunnen, während sie einen 
Fuß in jene Spur setzen 6 ). R. hat auch 
wie Gangolf (s. d.) eine von ihm gefundene 
Quelle mit seinem Stabe anderswohin 
gebracht 7 ). 

*) Doye Heilige u. Selige d. röm. kathol. 
Kirche 2, 238 t.; Künstle Ikonographie 512 t. 
2 ) Schmitz Eifel 2, 133 t. 3 ) Ebd. 113. 
4 ) Ebd. 114; Zaunert Rheinlandsagen i, 18. 
296. 5 ) Schmitz 2, 114. 6 ) Wolf Niederländ. 
Sagen 227 (143); Rochholz Gaugöttinnen 130; 
ZfVk. 4, 148; Sebillot Folk-Lore i, 366. 406; 
Bull, de Folklore 2, 82. 7 ) Sebillot 2, 192. 

Sartori. 

Remigius, hl., geb. zwischen 437 und 
440 zu Laon, 22 jährig bereits Bischof von 


Reims 1 ), bekehrte König Chlodwig 2 ) 
zum Christentum und taufte ihn Weih¬ 
nachten 496, gilt wie der heilige Martin 
als Apostel der Franken, gest. um 533, 
am 1. Oktober 1049 in die Kirche der 
Benediktinerabtei St. Remy übertragen, 
außer in den Diözesen Köln und Trier 
auch in Schwaben durch Kirchen und 
Kapellen geehrt 3 ). Fest 1. Oktober. 
Attribut Taube mit Ölfläschchen. 

Unter den Einzelzügen und Mirakeln 
seiner Legende 4 ) sind die seiner Geburt, 
der Heilung eines Mädchens in Toulouse, 
der Austreibung der Teufel aus Reims, 
der Beschwörung einer Feuersbrunst in 
dieser Stadt und der himmlischen Sen¬ 
dung des wunderbaren Ölfläschchens bei 
der Taufe Chlodwigs bedeutsam. Vor¬ 
züglich stellt die Legende seine Macht 
über Dämonen 5 ) und sein Wunderwirken 
gegen diese heraus. Mit verschiedenen 
solcher Einzelzüge aus seinem Leben 
hängen eine Reihe Anrufungen seiner 
Fürsprache zusammen. Seine Geburt 
z. B. wird in einer Segensformel für eine 
leichte Entbindung 6 ) erwähnt. Wegen 
schwer erkrankter Kinder wallfahrtete man 
im westlichen Allgäu zum hl. R. nach 
Rohrdorf bei Isny, nahm zwei Kleidchen 
des Kindes mit und ließ sie während der 
Messe unter das Altartuch legen. Das 
eine enthielt ein Geldstück und wurde von 
der Kirche behalten, das andere nebst 
einem Gebetszettel, der das Bild des 
Heiligen zeigte, zurückgegeben. Das 
Kleidchen sowie der Gebetszettel mußten 
neun Tage unter dem Kopf des kranken 
Kindes liegen bleiben und das Gebet 
täglich verrichtet werden 7 ). Man er¬ 
wartete, daß nach dieser Frist sich der 
Zustand des Kindes bessere oder der 
Tod es erlöse. In einem Wettersegen 8 ) 
aus dem 12. Jh. wird der Name des hl. R. 
auf gerufen. Bemerkenswert ist noch das 
Feuermirakel. Eine gewaltige Feuers¬ 
brunst, die in der Stadt Reims ausge- 
brochen war, beschwor der Heilige mittels 
des Kreuzzeichens unter Anrufung des 
Namens Christi mit dem Erfolge, daß 
das Feuer zur Stadt hinaus floh 9 ). 

Sonst scheint der hl. R. samt seinem 
Tage keine stärkeren Beziehungen zum 



68 7 


rennen—Rettich 


Revolution 


Richildis 


69O 



Volksglauben und Volksbrauch erlangt zu 
haben. Was hier oder dort am 1. Oktober 
üblich war oder noch ist und mit seinem 
Namen verbunden wurde, gehört vorzüg¬ 
lich in das Wirtschafts- und Kulturgebiet 
oder ist von dem kurz vorhergehenden 
Michaelstag (29. September) auf den R.tag 
übergegangen. So war früher besonders 
in Köln 10 ) und in den südlichen Nieder¬ 
landen ,,St. Remeisdaach“ oder „Remeis- 
misse“, der 1. Oktober, ein beliebter Frist¬ 
tag für Gefälle, Pachten und Zahlungen 11 ). 
Der ganze Monat Oktober hieß nach 
seinem ersten Tage in Köln auch „Remeis- 
monat“. Im Kreise Herford (Westfalen) 
versammelten sich am 1. Oktober, also 
am R.tag, die Herforder Kapitelsmitglie¬ 
der samt zugehörigen Leuten auf dem alt¬ 
sächsischen Nordhof bei Enger, um das 
Andenken des hier begrabenen Sachsen¬ 
herzogs Wittukind mittels der Wekings-, 
d. i. Wedekindsspende zu feiern 12 ). Man 
denkt dabei an eine Einströmung des 
Michaelstages, der als Totengedächtnis¬ 
tag bekannt ist (s. o. 6, 233 f.). 

0 AA. SS. 1. Okt. I 66, 128; M. G. Auct. IV 
2, 64#.; M. G. SS. rer. Merov. III 250Ü.; 
Potthast Bibliothsca historica medii aevi 2 
(1546); Kurth Clovis II (Tours 1896); Korth 
Die Patrocinicn im Erzbistum Köln 184, mit 
weiteren Quellen- und Schriftangaben. 2 ) Chlod¬ 
wig soll dem hl. R. so viel Land geschenkt 
haben, als er während des Mittagsschlafes des 
Königs umreiten konnte: Grimm Sagen Nr. 422. 

3 ) Birlinger Aus Schwaben I, 369. 4 ) Vgl. \ 

z. B. Von sant Remigien, Legenda Aurea 
(elsässische Fassung), Alemannia 14 (1886), 
I2öff.; Sebastian Brant Leben der Heiligen 
2, 11 (nach Wolf Beiträge 2, 376). 5 ) AA. SS. 

1. Okt. I 128L; Franz Benediktionen 2, 59. 

6 ) Franz a. a. O. 2, 201. 7 ) Birlinger Volksth. 

2, 421. 8 ) Franz Benediktionen 2, 59. 85. 

9 ) Grimm Sagen Nr. 423; Flodoardus 
Historia Rentensis ecclesiae 1, 12; Migne Palr. 
Lat. 135,47. 10 ) Wrede Altkölnischer Sprach¬ 

schatz unter R. 11 ) Vgl. auch Fontaine Luxem¬ 
burg 73. 12) Kochholz Glaube 1, 313; Sartori 
Westfalen 119: Von weither besucht wird das 
im Oktober begangene Ramei(R.)fest in Enger 
mit seinen Schmausereien und Umzügen, ebd. 
142: Wittekindsfest in Enger, jetzt eine Ge¬ 
dächtnisfeier für den alten Sachsenherzog, die 
ursprünglich am 1. Oktober begangen wurde. 

Wrede. 

rennen s. gehen 3, 439h. 

Rentier s. Nachtrag. 

Rentierflechte s. Flechten 2, 1577f. 


Rettich (Raphanus sativus) ist eine 
alte Kulturpflanze 1 ), deren Anbau nörd¬ 
lich der Alpen auf die Römer zurückgeht. 

R.e soll man an Johanni stecken 
(stupfen) 2 ) oder am Kilianstag (8. Juli) 3 ), 
dann schießen sie nicht in den Samen. 
Das letztere ist jedoch der Fall, wenn 
man sie im zunehmenden Mond steckt 4 ). 
R.e (Winter-R.e) müssen an Fronleichnam 
gestupft werden 5 ); es gibt gute Ernte, 
wenn sie während des Schießens an Fron¬ 
leichnam gesteckt werden 6 ). R.e soll 
man im Sternbild der Fische oder des 
Wassermanns stecken, dann werden sie 
saftig 7 ), im Schützen dagegen ,,schießen“ 
sie 8 ), in den Zeichen des Krebses und 
des Steinbockes bekommen sie recht viel 
Wurzeln 9 ), vgl. Möhre. R.e (und Rüben) 
soll man nicht an Dienstagen und Donners¬ 
tagen säen, weil das ,,Wurmtage“ sind 10 ). 
Wenn man R.e steckt, muß man sagen: 
,,So lang as mei Arm, so dick as mei Be“ 
(oder Arsch) n ), vgl. Kohl, Möhre, Rübe. 

Haben die R.e lange Schwänze, dann 
kommt ein kalter Winter 12 ). 


Wenn man die R.e nach unten zu 
schabt, dann stoßen sie nicht auf 13 ). 
Entsprechend heißt es auch, daß die nach 
unten (s. abwärts) zu geschabte Rinde des 
Holunders (s. d.) Abführen (nicht Er¬ 
brechen) bewirke. Zerstoßene R.blätter 
heilen die kranken Euter der Kühe 14 ). R.- 
saft ist ein Mittel gegen Bleichsucht 15 ). R.- 
scheiben bei abnehmendem Mond auf¬ 
gelegt vertreiben die Hühneraugen 16 ). 
Mit R.saft vertreibt man Kröpfe 17 ). 


*) Schräder Reallexikon 684; Pauly-Wis- 
sowa 2. R. 1, 1, 698 ff. 2 ) Drechsler Schlesien 
1, 147; John Erzgebirge 225; Baumgarten 
Aus der Heimat 145 (am Sonnwendtag vor der 
Sonne); Marzell Bayer. Volksbot. 105. 
3 ) Fischer Schwab Wb. 4, 367 (,, Kilian ist der 
Patron der R.e“)* 4 ) Zincke Ökon. Lexikon 2 
(1744), 2406; Marzell Bayer. Volksbot. 107. 
6 ) Alemania 13, 123; Fischer SchwäbWb. 2, 
1787; 6, 866. 6 ) Ebd. 5, 315. 7 ) Marzell Bayer. 
Volksbot. 100; Fogel Pennsylvania 204 (im 
Fisch werden sie lang). 8 ) Fischer SchwäbWb. 
5, 1926. 9 ) Marzell Bayer. Volksbot. 99. 10 ) Ebd. 
106. n ) Fogel Pennsylvania 195. 12 ) Fischer 
SchwäbWb. 5, 314; 6, 858; Marzell Bayer. 
Volksbot. 132. 13 ) Birlinger Aus Schwaben 

r, 414; Marzell Bayer. Volksbot. 160. 14 ) Al¬ 

bertus Magnus. Toledo 20 1, 12 = Wilde Pfalz 
209. 15 ) Romanusbüchlein 61. 16 ) Paulli 


<Quadripart. Botanicum 1667, 450. 17 ) Zahler 

Simmental 51. Marzell. 

Revolution, franz. (s. a. Napoleon). 
Daß ein so gewaltiges Ereignis wie die 
französische R. seinen Niederschlag im 
Volksglauben gefunden hat, ist nicht 
weiter verwunderlich. Sie wurde an¬ 
gezeigt durch schreckliche Katzenschlach¬ 
ten, die kurz vor 1789 in der Bretagne 
stattfanden, in der Normandie durch 
Reiterkämpfc in der Luft (ebenso vor 
der R. von 1830) und das Erscheinen 
des wilden Heeres (1789 und 1792) x ). 
Ein auf die Hexerei sich verstehender 
Priester soll vom Kirchturm herab die 
bevorstehende R. prophezeit haben 2 ). 
Die Greuel der R. sind Gegenstand zahl¬ 
reicher Sagen, in denen die Geister der 
Getöteten eine Rolle spielen (Priester 
ohne Kopf, Geisterprozession u. a.) 3 ). 
Die Schrecknisse waren so groß, daß 
selbst die Geister das Land verließen 4 ). 
Diese Wirkung wird der R. auch im 
deutschen Sprachgebiet zugeschrieben. 
Von manchen Orten der Schweiz wird 
berichtet, daß sie durch die R. von der 
Gespenstcrplage befreit wurden 5 ). 

1 ) Sebillot Folk-Lore 4, 379. 401. 2 ) Ebd. 

4, 253. 3 ) Ebd. 4, 382 ff. 4 ) Ebd. 4, 43. 5 ) Lütolf 
Sagen 27; SAVk. 8, 305. Mengis. 

Rhabarber (Rheum-Arten). Wurzel¬ 
stock einer aus Mittelasien stammenden 
Pflanze, der in Pulverform ein häufig ge¬ 
brauchtes Arzneimittel ist. Offenbar wegen 
der gelben Farbe der Droge wird der 
Rh. gegen Gelbsucht gebraucht, daher 
auch „Gclbsuchtwurzel“ 1 ). Ein Sympa¬ 
thiemittel aus Altenberg (Gerabronn) 
lautet: Nimm eine weiße Rh.wurzel, zer¬ 
stoße sie zu Pulver, fülle damit ein vier¬ 
eckiges, 3 Daumen breites Säcklein von 
Leinwand und hänge es an einem Faden 
dem Patienten um den Hals, daß es die 
Gegend des Magens und unmittelbar die 
Haut berühre 2 ). Eine Pestsage erzählt, 
daß einst im Vogtlande, als die Pest i 
wütete, ein weißer Rabe verkündete: j 

Preßt nur recht Rapunclika 

Sinsten kimmt kä Mensch derva 3 ), 

s. Bibernelle (1, 1223 f.). Unter der ,,Ra~ j 
pundika“ ist wohl die Rhapontikwurzel l 
(österreichischer Rh., Radix Rhei Rha- ! 
pontici) zu verstehen. ■ 


x ) Lammert 249. 2 ) Höhn Volksheilkunde 1, 
129. 3 ) Meiche Sagen 599; Köhler Vogtland 

496. Marzell. 

Rhabdomantie s. Nachtrag. 

Rhadamanthys. Die Gestalt des Rh., 
der für den Bruder des karisch-kretischen 
Minos gilt 1 ), ist in keinen der großen 
griechischen Sagenkreise eingegliedert. 
Die Andeutungen bei Homer (Odyssee 
7, 323 ff.; 4, 563 ff.) lassen eine ältere 
Sage vermuten, nach der Rh. (ähnlich 
wie Menelaos) in die elysischen Gefilde 
entrückt worden ist 2 ). 

Dadurch, daß man das Elysion in den 
Hades einbezog 3 ), fand Rh. dort seine 
Stelle als gerechtester Richter 4 ). Die 
drei Hadesrichter, Minos, Rh. und Aeakos, 
begegnen zuerst bei Platon (Gorgias 
cp. 79 ff.; Apologie 41 A), auch Virgil 
(Aen. 6, 566) macht Rh. zum Richter 
über die Frevler in der Unterwelt. 

Mit dem deutschen Aberglauben ver¬ 
bindet Rh. nichts. 

*) Müllenhoff Altertumsk. 1, 57. 2 ) Rohde 
Psyche 1, 77. 3 ) Ebd. 1, 310; Wundt Mythus 
3, 384. 4 ) Den Namen Rh. deutet Müllenhoff 

mit Zoega als l Pa-ajiev!}rj? — ,.König des 
Westens oder der Unterwelt“ (Müllenhoff 
Altertumsk. 1, 57). Lincke. 

Rheuma s. Nachtrag. 

Richela. Die selige R. führte nach der 
Volkssage im Kloster ein heiliges Leben 
und ist in der Kirche zu Wombrechts 
begraben. Sie wird noch jetzt als Helferin 
in Kinderkrankheiten verehrt. Man 
schiebt Kleidungsstücke des erkrankten 
Kindes in eine Öffnung oberhalb des Ver¬ 
schlusses ihrer Gebeine 1 ). 

*) Reiser Allgäu 1, 382. Sartori. 

Richildis. Eine Volksheilige, Reklusin 
zu Hohenwart bei Schrobenhausen, DiÖz. 
Augsburg, f 1100, begraben im dorti¬ 
gen Benediktinerkloster. Gedächtnistag 
22. September x ). Man sammelt Erde 
aus ihrer Gruft und wirft sie zum Schutz 
gegen Hagel und Blitz auf Äcker und 
Häuser. Viele Wallfahrer kriechen durch 
ein enges Loch bei ihrem Grabe, um von 
Steinleiden befreit zu werden 2 ). Wenn 
dem Kloster Gefahr und Unglück bevor¬ 
stand, hörte man in dem Grabe ein großes 
Poltern, wie wenn Totengebeine gegen¬ 
einander geworfen würden 3 ). 


691 


Richter 


richtig—Richtschwert 


694 


J ) Doye Heilige u. Selige d. röm.-hathol. 
Kirche 2,248. 2 ) Andree Votive 16. 3 ) Schopp- 
ner Sagen 2, 42 (504). Sartori. 

Richter. 

1. Der R. ist als Schlichter zweiseitigen 
Rechtsstreites wie als Rächer einseitiger 
Rechtsverletzung doppelt dem Angriff des 
Aberglaubens ausgesetzt, als Träger wie 
als Gegenstand abergläubischer Meinung 
oder Handlung 1 ). 

l ) Kulturgeschichte Monographien, für die 
ältere Vergangenheit: F. Heinemann Der R. 
u. die Rechtspflege in der dt. Vergangenheit 
(1900), mit vielen Abb.; s. a. H. Fehr Das 
Recht im Bilde (1923), 41 ff.; für die jüngste 
Vergangenheit: M. Beradt Der dt. R. (1930). 

2. Durch den religiösen Ursprung seines 
Amtes, welches einst der Priester, dann der 
der Gottheit nahe Fürst oder Edle als 
älteste Hüter des Rechts verwaltet haben, 
ist des R.s gerichtliche Handlungs¬ 
weise in germ. und ma. Zeit stark sa¬ 
kralen Riten verhaftet 2 ), die aus ehe¬ 
maligem Zauberbrauch schließlich zu ehr¬ 
würdig-unverstandener „abergläubischer' ' 
Sitte verblaßt sind, vgl. Gericht 3, 669 ff., 
Gottesurteil 3,994 ff., Recht §§ 3. 4, 
Strafe. Das stärkste Wahrzeichen richter¬ 
licher Gewalt ist der Stab (s. d.); in den 
Weistümern gebietet der R. damit durch 
Klopfen Stille, hegt er das Gericht, so¬ 
lange er ihn hält; an den Stab wird ihm 
durch Handanlegung gelobt, mit ihm 
stabt er den Eid, darum heißt der R. auch 
Stabhalter 3 ). Der R. muß vor Gericht 
sitzen, das Antlitz gegen Osten ge¬ 
wandt 4 ) und auf einem besonderen 
Stuhle 5 ), sein Aufstehen hindert den 
Fortgang der Verhandlung; sitzend soll 
man vor allem das Urteil finden 6 ). In der 
Haltung des R.s während der Gerichts¬ 
verhandlung wird alter (Hemmungs-) 
Zauber deutlich, wenn ihm ein Verschrän¬ 
ken der Beine vorgeschrieben ist 7 ). Ver¬ 
einzelt ist Nüchternheit des R.s geboten 8 ). 
Es fehlt auch nicht an alten Vorschriften 
der Bekleidung 9 ). Ein Rechtsbrauch der 
Bretagne nötigt den R., während der Ver¬ 
handlung einen Fuß im Wasser zu 
halten 10 ). Dem Schluß der Gerichts¬ 
sitzung ist im MA. der alte (heidnischen 
Opfern entsprungene) Brauch eines Im¬ 
bisses gefolgt, das R.mahl, eine wesent- 


692 

liehe Erscheinung bis in die Neuzeit, oft 
auf Kosten der Gerichtsgemeinde, meist 
aber aus den während der Tagung be¬ 
zogenen Pfändern und Gerichtsbußen be¬ 
stritten 11 ). 

Als der Sieg des röm. Rechts das alt¬ 
deutsche Gerichtsverfahren zerstört hatte, 
verfiel der dt. R. nicht nur mit Inquisition, 
Folter, Aktenformalismus einer grauen¬ 
haften seelischen Verrohung und der Ab¬ 
stumpfung jedes natürlichen Rechtsge¬ 
fühls, sondern auch im Hexenprozeß einer 
kritiklosen Dämonenangst, die diesen 
erhabenen Stand für lange Zeit aufs tiefste 
entwürdigte 12 ) und noch im 18. Jh. füh¬ 
rende Juristen beherrschte 13 ). 

Über den Nachr. vgl. Scharfr., un¬ 
ehrlich. 

2 ) Grimm RA. 1, 378 f.; 2, 331 ff. bes. 359 ff- 
369; H. Brunner Dt. Rechtsgeschichte 2 1, 198 ff. ; 

1 Amira Grundriß 239. 253ff. 267f. 271; Heine- 
j mann a. a. O. 8f.; Hoops Rcallex. 3, 499ff. 
Schräder Reallex. 2, 252f. 3 ) Grimm RA. 
2, 371 ff. 380. 554; s. a. 1, 186f. 4 ) Ebd. 2, 43of.; 
Gold mann Einführung 39. 6 ) Grimm RA. 

2, 374h; s. a. 1, 260. 6 ) Ebd. 2, 405ff. 409h 

7 ) Ebd. 2, 375; vgl. SAVk. 26, 47ff.; s.o. 1, 1013. 

8 ) Grimm RA. 2, 376h 9 ) Ebd. 2, 373f. 

10 ) JbhistVk. i, 319; vgl. Grimm RA. 2, 373. 
u ) Ebd. 2, 507^.; Heinemann 35f.; Bir- 
linger Aus Schwaben 2, 206f.; vgl. die Gabe 
von Wein, Brot u. Äpfeln an den neu gewählten 

R. (Brig, bis 18. Jh.) SAVk. 7, 163f. 12 ) Vgl. 

S. Riezler Geschichte der Hexenprozesse in 

Bayern (1896), i8ff. 152t. 155; Heinemann 
62ff.; H. Fehr Gottesurteil u. Folter in Festgabe 
f. R. Stammler (1926), 231 ff. ; ders. in ZRG., 
germ. 53 (1933). 317b 13 ) Riezler a. a. O. 

272 ff. 279. 

3. Im dt. MA. ist die erhabene Stel¬ 
lung des R.s unbestritten; denn ,,der R. 
sitzt an Gottes Statt“ 14 ). Das Rechts¬ 
sprichwort kündet ausführlich von den 
guten und von den schlechten Eigen¬ 
schaften des R.s 15 ). Als seine schönste 
Pflicht hat der R. das den Armen angetane 
Unrecht zu rächen 16 ). In Frankreich ist, 
ausgehend von der Bretagne, bis in die 
jüngste Zeit ein 1347 heilig gesprochener 
R. Ivo um Hilfe angegangen worden, weil 
er zu Lebzeiten gerecht gewesen; mit aller¬ 
lei zwingenden Riten, wie Hinwerfen eines 
Geldstücks, Drehen eines Rades in der 
Kapelle, war diese Anrufung verknüpft 17 ). 
In Deutschland hat der Ivo-Kult nament¬ 
lich im 15. und 16. Jh. in den juristischen 


693 

Fakultäten der Universitäten eine Rolle 
gespielt 18 ). Der gelehrte R. der Neuzeit 
aber ist dem Volke entfremdet worden 
wie die ganze röm. Rechtsprechung (vgl. 
Recht § 2); stark sind daher seitdem des 
Volkes Spott und Abneigung gegen den R. 
(und den Advokaten!), welche auch in der 
Literatur zumal des 16. Jh.s einen leb¬ 
haften Ausdruck gefunden haben 19 ). Der 
Angang einer Gerichtsperson am Neujahrs¬ 
tag bedeutet natürlich künftiges Ge¬ 
fängnis 20 ). 

Den ungerechten R., welcher falsch 
entschieden oder Unschuldige gerichtet 
hat, läßt die Erbitterung der Volksseele 
schwere Strafe erleiden als ein Gottes- j 
gericht, z. B. durch einen jähen Tod ange- I 
sichts des Hochgerichts 21 ); solche R. ver¬ 
sinken in der Erde, oder es holt sie der 
Teufel, sie wandeln nach ihrem Tode als 
Geister, als Hunde umher; besonders ver¬ 
breitet sind die Sagen von hartherzigen j 
Pflegern, die nach ihrem Tode mit dem 
Kopf unterm Arme gesehen werden 22 ). 
Die Strafe steht gern in Beziehung zu dem 
Fehlurteil, so verschluckt der falsch zuge¬ 
sprochene Boden 12 ungerechte R. bis an 
die Knie 23 ), oder die R. müssen so lange 
mit den Köpfen zweier unschuldig gerich¬ 
teter Männer kegeln, bis sie durch Gottes 
Wort verscheucht werden 24 ). Ungerechte 
R. werden auch zur Strafe in einen Baum 
gebannt 25 ). 

Wie andere Rechtsbräuche haben Amt 
und Namen des R.s sich in den Sitten des 
bäuerlichen Gemeindelebens erhalten, zum 
Teil in festlicher Form wie das R.setzen 
der Steiermark am Dienstag vor Fast¬ 
nacht 26 ). R. heißt auch der Vorsitzende 
des rheinischen Maigerichts der Burschen 
über die Mädchen 27 ). 

14 ) L. Winkler Dt. Recht im Spiegel dt. 
Sprichwörter (1927), 138. 15 ) Winkler a. a. O. 
iöoff.; E. Graf u. M. Dietherr Dt. Rechts¬ 
sprichwörter (1869), 408ff. 16 ) Kudrun, Strophe 
20; vgl. Fehr Das Recht in der Dichtung (1931), 
129. 316. 467. 487. 509. 17 ) E. Jobbe-Duval 

Les idees primitives dans la Bretagne contem- 
poraine (1920), 1 —190 (L’adjuration ä saint 
Yves de Verite); JbhistVk. 1, 316h.; E. v. 
Moeller Der hl. Ivo als Schutzpatron der Ju¬ 
risten u. die Ivo-Brüderschaften, HistorVjschr. 12 
(1909), 321 ff.; Kerler Patronate 1. 280. 283. 
2 95 - 380. 18 ) HistorVjschr. 12, 328ff. 19 ) Hei¬ 
nemann a. a. O. 73ff. 89ff.; sogar in Blutsegen 


(,,Blut stehe still, wie R. u. Schöppen in der 
Höll“), W. §§ 230. 687. 20 ) W. § 288. 21 ) Ba¬ 
varia 1, 312 (Oberbayern). 22 ) Mailly Dt. 
Rechtsaltertümer (1930), 181. 241 (Lit.); s. a. 
Alemannia 6,168 (Vöhringen); Kuoni St. Galler 
Sagen 91; Zingerle Sagen 253; Zaunert 
Hessen-Nassau 324f.; Grässe Preußen 2, 838. 
856 (Hannover). 23 ) Grimm Sagen 90. 84 ) 

Strackerjan 1, 2i4ff. — Lübbing Fries. 
Sagen 152 f. 25 ) Eisei Voigtland 51. 86f. 

26 ) Mailly a. a. O. 103; Heinemann 123t. 

27 ) Urquell 4, 238; s. a. v. Künßberg Rechts¬ 
brauch u. Kinderspiel (1920), 57f. 

Müller-Bergström. 

richtig, Ableitung von recht , hat u. a. 
auch die Bedeutung naturgemäß, natürlich 
angenommen, besonders als Prädikativum 
in der W T endung r. sein. So sagt man z. B. 
eines richtigen (— natürlichen) Todes 
sterben. Verbreitet sind vor allem die Wen¬ 
dungen: es geht nicht mit richtigen (oder 
rechten ) Dingen zu, es ist nicht richtig 
(= es ist nicht geheuer, s. d.); z. B. hier 
ist's nicht richtig (Schiller, Fiesko 4, 3), 
so auch ein Haus in richtigen Stand setzen 
= geheuer machen, von Gespenstern be¬ 
freien (Simpl. 2, 209. Kurz). 

q DWb. 8, 898; Strackerjan 2, 289. 

Mengis. 

Richtfest s. Hausrichte 3, 1565!. 

Richtschwert. Die abergläubischen 
Vorstellungen im Bereiche des R.s be¬ 
wegen sich hauptsächlich in zwei Rich¬ 
tungen. 

1. Das R. nimmt teil an den magischen 
Kräften, welche vom Körper des Hinge¬ 
richteten ausgehen (Finger, Haut, Fett, 
Schamhaare usw.). Begreiflich; denn es 
hat ja den Körper berührt und ist mit Blut 
bespritzt worden. Das R. verlieh daher 
außerordentliche Kräfte, wenn es im 
Kampfe verwendet wurde, und besaß 
heilbringende Wirkungen. Kinder, die 
mit aufrecht gekehrtem Gesicht zur Welt 
kommen, gelten später als der Justiz ver¬ 
fallen und können davor nur gerettet 
werden, wenn der Scharfrichter das Kind 
mit dem Richtschwert blutig ritzt x ). 

2. Das R. gibt von sich aus Zeichen, 
wenn es neue Opfer fordert. Meister Franz, 
der berüchtigte Scharfrichter zu Nürnberg, 
berichtet, daß er den bald erfolgenden Be¬ 
fehl zur Enthauptung eines Gefangenen 
am Zittern seines an der Wand hängenden 
R.s voraus erkannt habe 2 ). 



695 


Richtung—Rind 


696 


In Bremen sollten anno 1539 80 See¬ 
räuber enthauptet werden. Da erklang 
das R. 80 mal und dann noch einmal: 
Der Scharfrichter wurde einige Jahre 
später selbst hingerichtet wegen Zau¬ 
berei 3 ). 

x ) John Westböhmen 285: ZdVfKulturg. 
N. F. 2 (1873), 96; Panzer Beitrag 2, 279. 
2 ) Lammert 97. 3 ) I. G. Kohl Alte u. neue 

Zeit 167 u. 174; SAVk. 4, 337; Keller Der 
Scharfrichter in der deutschen Kulturgeschichte 
(1921), 236. Fehr. 

Richtung s. Himmelsrichtungen. 

riechen, mhd. rauchen, Rauch und Ge¬ 
ruch verbreiten, bei Alemannen und 
Bayern gebraucht man unter Übertragung 
des mit dem Geruchsinn eng verwandten 
Geschmacksinns hierfür „schmecken“ 1 ). 
Jedes Volk empfindet den einem anderen 
Volk als charakteristisch eigenen Geruch 
als stinkend (Völkergeruch) 2 ), weshalb 
die Juden im M.-A. auch als „Stinker" 
bezeichnet wurden (foetor iudaicus) 3 ). 
Auch der j edem einzelnen Menschen eigene 
Geruch wird im Aberglauben ausgewertet: 
Der Verliebte gibt seiner Braut einen Apfel 
zu essen, den er vorher unter der Achsel 
getragen hat, um durch den darauf über¬ 
gegangenen Eigengeruch Gegenliebe her¬ 
vorzurufen 4 ). Durch den Geruch des 
Rauches, der bei der Verbrennung stark¬ 
riechender Pflanzen und Essenzen ent¬ 
steht, sollten Hexen und Teufel mit ihrem 
ansteckenden Krankheitsstoff vertrieben 
werden 5 ). Bei Beschwörungen guter 
Geister wird wohlriechendes Rauch werk, 
bei bösen stinkendes Rauchwerk ange¬ 
wendet 6 ). Starkriechende Hexenkräuter 
werden als Schutzmittel gegen Krank¬ 
heiten aufgehängt 7 ). Kinder soll man 
unter dem ersten Jahre an nichts riechen 
lassen; sonst lernen sie nicht unter¬ 
scheiden, was gut und schlecht riecht 8 ). 

*) ZfVk. 1893, 440. 2 ) Andree Parallelen 

2, 213 ff. 3 ) Ebd. 221 f.; ZfVk. 1893, 444. 4 ) Ebd. 
439 f-; 1914» * 3 - 5 ) ZfVk. 1893,445. 8 ) Kiese- 
wetter Faust 334. 7 ) ZfVk! 1893, 445 - 

8 ) Grimm Mythol. 3, 443 Nr. 277; Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 181 f. Zepf. 

Riemen s. Nachtrag. 

Riese s. Nachtrag. 

Rind. Rinder als Zugtiere. Kühe 
und Rinder sind die ältesten Zugtiere. Bei 


den Alten ist der Ochse als pflügendes 
Tier besonders geehrt. Demeter wird 
auf dem Stier sitzend abgebildet. Die 
Römer durften ihn nicht der Ceres opfern, 
weil er zum Pflügen bestimmt sei 1 ). 
In nordischer Urzeit erhielt eine fahrende 
Frau soviel Pflugland, als 4 Ochsen Tag 
und Nacht beackern konnten 2 ). Das 
Pferd spielt beim germanischen Pflügen 
eine Nebenrolle 3 ). Noch die merowin- 
gischen Könige fuhren mit Rinderge¬ 
spann 4 ). Bei Totenbestattungen wurde 
die Leiche nach Ausweis fränkischer Hei¬ 
ligenlegenden mit Kühen oder Ochsen 
zu Grabe geführt 5 ). Die Gebeine des 
heiligen Gezelinus sollten überführt wer¬ 
den. Das Pferd vermochte sie nicht zu 
ziehen, Vorspann nützte nichts, bis man 
zwei Kühe an den Wagen spannte 6 ). 
Der wendische Kreuzbaum wurde von 
einem Paar, der englische Maypole von 
20—40 Jochen Ochsen gezogen 7 ). Ein 
Paar Zugochsen heißt ein Joch Ochsen 8 ). 
Sie erhalten das Hals- oder Stirn- (Horn-) 
joch, auch Kämpen genannt. Ochsen 
erscheinen dem Bauern zuweilen vor¬ 
nehmer vor dem Leichenwagen, wenn 
das gewöhnliche Zugtier das Pferd ist 9 ). 
Auch ist ein pflügender Ochse im Ber- 
gischen glückverheißend, weil dort das 
Zugtier meist das Pferd ist 10 ). In einigen 
Teilen der Oberpfalz nimmt man Pferde, 
in anderen Ochsen vor den Leichen¬ 
wagen 11 ). In der bayrischen Rhein¬ 
pfalz, im Niederelsaß und in Baden 
geniert sich der Bauer, sich um Ochsen 
herumzuzerren, als Zeichen, daß ihm die 
Ochsen nicht viel bedeuten, daß er lieber 
Pferde mag 12 ). Dagegen ist als Über¬ 
rest der hohen Achtung vor dem kul¬ 
tischen Tier anzusehen, wenn ein Ochsen¬ 
knecht nicht sterben, ein andrer nach 
dem Tode nicht Ruhe finden konnte, 
weil sie die Ochsen zu sehr geschlagen 
hatten 13 ). 

1 ) Ovid Fasti 4, 413, 631 = ZfVk. 14 (1904), 
57. 2 ) Snorra Edda 1, 80 = Meyer Germ. Myth. 
237.416. 3 ) ZfVk. 14 (1904), 6. 4 ) Dazu Grimm 
RA. 1, 364 f. B ) Mannhardt 1, 576; Germ. 
Mythen 51/52. 6 ) ZfrwVk. 1914, 261. 7 ) Mann¬ 
hardt 1, 583. 8 ) Grimm RA. 1, 127; ZfVk. 10 
(1910), 49. 9 ) ZfVk. 6 (1896), 409. 10 ) ZfrwVk. 
1914, 261. u ) Schönwerth Oberpfalz 1, 255 
— Sartori Sitte 1, 195; Mannhardt Germ. 



Mythen 51. 12 ) Meyer Baden 396. 13 ) ZfVk. 10 1 
(1900), 50. 

Das Rind als weisendes Tier. 
Eine Kuh zeigt in der griechischen Sage 
dem Cadmus den Ort, wo er sich ansiedeln 
soll. In einer schwedischen Sage (Wiesei- 
gren 408) zeigen Kühe den Ort an, wo 
eine Kirche gebaut werden soll. Säugende 
Kühe weisen die Stelle für den Kirchen¬ 
bau, ein schwarzer Stier für den Schlo߬ 
bau 14 ). Der Stier erscheint als Todes¬ 
bote 15 ), er entdeckt ein Bergwerk 16 ). 
Ochsen bestimmen den Bauplatz der 
Kirche zu Blexen 17 ). Ochsen zeigen die 
Stelle, wo ein im Wasser daher geschwom¬ 
menes Kreuz aufgerichtet werden soll, 
und ein Ochs ist es, der den Platz für die 
Errichtung des Klosters Ochsenhausen 
erweist 18 ). Ochsen bleiben an einem 
vergrabenen Katharinenbilde stehen 19 ). 
Ein goldener Ochse erscheint einem schla¬ 
fenden Waldarbeiter, trinkt an der Quelle 
und verschwindet in der Erde. Die Ar¬ 
beiter gruben an der Stelle, die später 
das Goldloch hieß 20 ). Dem goldenen 
Ochsen von Goldberg riß man das Horn 
ab, ein bildlicher Ausdruck, der besagen 
will, daß man eine reiche Ader anschlug 21 ). 
Ein roter Ochse hütet einen Schatz 22 ). 
Rote Ochsen fahren den Schatz fort 23 ). 
Ein Ochsengespann zieht die Leiche; wo 
die Tiere stehenbleiben, wird der Tote 
begraben. Die fromme Edelfrau von 
Tübingen betete viel in der Kirche zu 
Gößlingen. Vor ihrem Tode bestimmte 
sie, daß ihre Leiche auf einem Wagen 
von ungewohnten Ochsen gezogen werden 
sollte. Wo sie das dritte Mal halten wür¬ 
den, sollte man sie begraben. Das ge¬ 
schah an der Kirche zu Gößlingen. Das 
Volk glaubte, daß in ihrem Grab reiche 
Schätze verborgen seien 24 ). So wurde 
der Sarg der Stillae von zwei frei gehenden j 
Ochsen bis zu einer Kapelle, der des hei¬ 
ligen Emeran bis zur Kapelle in Feld¬ 
kirchen gezogen 25 ). Die Sterbenden 
ordnen an, daß man an der Stelle, wo 
die Ochsen stehenbleiben, eine Kirche 
oder Kapelle bauen soll 26 ). 

Der Ochse spricht und weissagt. Da¬ 
von berichtet schon Livius 27 ). Unter 
dem Konsulat von Cn. Domitius und 


L. Quintius setzte ein Ochse Rom in 
Schrecken durch die Worte ,,Cave tibi, 
Roma“. Ein Ochse sagt dem Bauern 
den Tod an und zieht den Leichnam. 
Wo er stehenbleibt, begräbt man den 
Verstorbenen 28 ). Ein Stier verkündete 
dem Bauern, der sich versteckt hatte, 
zu Weihnachten um 12 Uhr, daß er ihn 
in drei Tagen ins Loch fahren werde. 
Und so geschah es 29 ). In der Silvester¬ 
nacht sprechen die Tiere weissagend im 
Stall (Ostpr., Voigtl., Baden) 30 ). Die 
Kühe sprechen in der Weihnachtszeit 31 ) 
und weissagen, was im nächsten Jahr 
im Gehöft geschehen wird 32 ). Während 
des Wandlungsläutens in der heiligen 
Nacht sprechen die Tiere im Stall. Doch 
wird der fürwitzige Lauscher zerrissen, 
wenn er nicht bis zum letzten Läuten 
aus dem Stall sich entfernt hat 33 ). 

14 ) Müllenhoff Sagen 112 = ZfVk. 11 (1901), 
409. 15 ) Schwebel Tod u. ewiges Leben 117. 

16 ) Heyl Tirol 643 Nr. 112. 17 ) St racke rj an 2, 
141 Nr. 370. Dazu Vernaleken Alpensagen 
267; Grimm Sagen 247 Nr. 341; Fischer 
Angelsachsen 27; Herzog Schweizersagen 1, 100. 
18 ) Hopf Tierorakel 78 = ZfVk. n (1901), 409; 
Poll in ge r Landshut 74. 19 ) Kühilau Sa gen 3, 
443. 2Ü ) ebenda 3, 732. 21 ) ebenda 3, 734 f. 

22 ) Meiche Sagen 756 Nr. 926. 23 ) ebenda 752 
Nr. 920. 24 ) Birlinger Volksth. 1, 403; Baum¬ 
garten Heimat i, 70 f. 25 ) Panzer Beitrag 1, 
161 u. 220. 26 ) ebenda 1, 224. 226; Meier Schwa¬ 
ben 1, 316; dazu Vernaleken Alpensagen 267. 
318; Lütolf Sagen 331. 316; Mannhardt 
Germ. Mythen 51t.; Grohmann Sagen 244; 
Kuhn Westfalen 1, 266 Nr. 305; Niderberger 
Unterwalden 1, 109. 110; Peter Burgen u. 
Schlösser N. F. 1894, S. 76 = Kühnau Sagen 3. 
474; Schell B er gische Sagen 8 Nr. 10; Heyl 
Tirol 197 Nr. 1. 27 ) Gubernatis Tiere 191. 

28 ) Birlinger Volksth. 1, 414. 29 ) ZfVk. 10 

(1900), 50. 30 )Wuttke 575—77. 31 ) SAVk. 2, 
17. 32 ) Drechsler i, 44. 33 } ZföVk. 23(1917), 
125. 

Rinder als Opfertiere. Das R. als 
Opfertier 34 ). Stier und Ochse waren 
bei den meisten Völkern der alten Welt 
die Opfertiere für die Hauptgottheit 35 ). 
Bei den Germanen war die Kuh der 
Nerthus heilig, der Stier wurde dem 
Freyr geopfert. R. und Stier waren noch 
im 8. Jahrhundert Totenopfer 36 ). Im 
schwedischen Bärgslagen war ehemals der 
juloxar (Julochse) üblich als Schlacht¬ 
tier und Festbrot 37 ). Ochsenbraten ißt 
man am Krönungsfest 38 ). In Ober- 



699 


Rind 


Ring 


702 



steier heißt ein großer Semmelwecken 
Ochs; die Verwandten schenken ihn der 
Wöchnerin 39 ). Der Ochsenumzug zu 
Fastnacht in Luxemburg 40 ), das Um¬ 
führen eines Ochsen beim Metzgersprung 
in München, das Straubinger Metzger¬ 
stechen, die Frankfurter Milzkuchen, der 
Rostocker und Oldenburger Piepochse, 

das Münsterer Ochsenschlachten sind 
% 

Überbleibsel des alten Frühlingsopfers 41 ). 
Dahin gehört auch das Bekränzen eines 
Ochsen zu Ostern in Überlingen 42 ), zu 
Johanni 43 ), zu Pfingsten 44 ), das Schmük- 
ken der besten Kuh 45 ). 

34 ) Quitzmann 239; Meyer Germ. Myth. 
245; Grimm Myth. 1, 40; Höfler Waldkult 19. 
28. 71; Jahn Opfergebräuche 347; Stengel 
Opfer gebrauche 236. 35 ) Höf ler Organotherapie 

86 f.; Mannhardt Germ. Mythen 10; Götter 24; 
Dieterich Kl. Sehr. 258. 262. 494. 500. 505. 
Hepding^ttis 129. 149. 36 ) Meyer Germ. Myth. 
113.115; Höfler Organotherapie 87. 37 ) Hammer¬ 
stadt Fei Iber g 2, i83 = Höfler Weihnachten 15. 
38 ) Sepp Religion 180. 39 ) ZfVk. 8 (1898), 444. 
40 ) Fontaine Luxemburg 27. 41 ) Höfler Fast¬ 
nacht 28; Strackerjan 2, 74 Nr. 314 u. 2, 141 
Nr. 340. 42 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 81 ; 
Mannhardt 1, 396; Jah n Opferfgebräuche 136 
= Meyer Baden 502. 43 ) J ohn Erzgebirge 1, 

206. 44 ) Sartori Sitte 3, 195; dazu Wuttke 

128 §174; ZfVk. 7 (1897), 9 2 : Jahn Opfer¬ 
gebräuche 305. 45 ) Meier Schwaben 397. 402; SA- 
Vk. 2, 149; Hüser Beiträge 1898, 35 = Sartori 
Sitte 3, 195. 

Das Rind in mythischen Vor¬ 
stellungen. Das R. als Wolke 46 ). Be¬ 
deutung des R.s in der indogermanischen 
Mythologie 47 ). Das R. als Totengabe 48 ). 
Riesen raubten gern R.er 49 ). R.er als 
Korndämonen 50 ). Odins R. 51 ). Weisende 
R.er 52 ). Gespenstige R.er 53 ). Das R. 
als Haustier 54 ). Schwarze R.er in alten 
Zeiten als Kaufgeld bei den Bauern 55 ). 
Das R. in der Volksbotanik als R.saug- 
blume usw. 56 ). 

46 ) Laistner Nebelsagen 161; Rochholz 
Naturmythen 217; Simrock Mythologie 204; 
Usener Kl. Sehr. 4, 511; Grimm Myth. 2, 
559 ,' 3 , 190- 47 ) Kuhn Mythol. Stud. 2, 91; 

Mü lienhoff Altertumskunde 4, 755; dazu 

Spieß Prähistorie 157; Frazer 12, 183; 

Wächter Reinheit 89; Schräder Reallex. 689; 
Sebillot Folk-Lore 4, 448; Hoops Reallex. 3, 
503. 48 ) Meyer Germ. Myth. 113. 49 ) Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 170. 50 ) Mannhardt 

Forschungen 378. 51 )v. d. Leyen Sagenbuch 1, 
187. 52 ) Möllenhoff Sagen 112 Nr. 139; 

Quitzmann 240. 53 ) ebenda u. Schönwerth 
Oberpfalz 2,19. 340; 3,191. ^Keller Haustiere 70. 


482; Hopf Tierorakel 20. 30. 32. 33. 76; Carus 
Zoologie 11.35. 181; KraußSf/te«. Brauch 106. 
5S ) Heyl Tirol 790 Nr. 168. 56 ) Marzeil Pflan¬ 
zennamen 226. 

D as R. in der Volksmedizin. 
R.sblut erscheint im Siedezauber 57 ). 
R. fl ei sch wird schon von Celsus zu den 
Haustierfleischarten gerechnet, die die 
stärksten Nahrungsstoffe haben 58 ). Äu¬ 
ßerlich wird es gegen Magenkatarrh auf¬ 
gelegt 59 ), gegen Augenentzündung 60 ), 
Gerstenkorn 61 ), roh auf Warzen und dann 
vergraben 62 ). In den Nacken gebunden, 
zieht es Kopf- und Augenflüsse ab 63 ). 
Beim Fleischer erbettelt, wirkt es gegen 
Zahngeschwulst und Rotlauf 64 ), gestoh¬ 
len gegen Zahnweh 65 ). Bei Krebs soll 
es frisch und noch warm aufgelegt wer¬ 
den 66 ). Gesalzen und gepulvert zu einer 
Salbe, damit die Wunde nicht zuheile 67 ). 
Gedörrt und gepulvert mit Weinessig 
gegen Seuchen 68 ). In Essig und Wein 
gesotten gegen Brennen im Magen 69 ). 
Geräuchert und mit Nußblättern zu Pulver 
gerieben mit warmem Wein bei Frauen¬ 
leiden 70 ). Gegen Würmer im Schaden 
eines R.es 71 )- R.fleisch essen hilft gegen 
Zwerge 72 ). 

R.sgalle: äußerlich gegen den Wurm 
in der Frauen Brust 73 ). Gegen noch nicht 
aufgebrochene Frostschäden (Ostpreu¬ 
ßen) 74 ). Salbe aus R.sgalle mit Urin auf 
Wunden 75 ). Gegen Spulwürmer bei 
Kindern auf den Nabel binden 76 ), oder 
mit Kürbis 77 ). Gegen schlechtes Ge¬ 
hör 78 ), ebenso mit Frauenmilch 79 ). Ge¬ 
gen Würmer in den Ohren 80 ), ebenso 
mit Rosenöl und Wermut 81 ). Bei trä¬ 
nenden Augen 82 ), bei Leberanschwellung 
(Polen) 83 ). 

Die Galle des männlichen Tieres ist 
bis in die neueste Zeit bevorzugt. Sie ist 
seit alters her offizineil 84 ). Plinius er¬ 
wähnt ihren Einfluß auf die Halsdrüsen 85 ) 
und führt sie als Mittel zu Konzeptions¬ 
zweckeil, gegen Geschlechtskrankheiten, 
Afterbeschwerden und Hautleiden an 86 ). 
R.shorn geschabt mit Majoranwasser 
gegen Zungenschlag 87 ), Husten 88 ) und 
gegen Würmer in der mittelalterlichen 
nordischen Volksmedizin 89 ). R.skno- 
chen pulverisiert mit Honig gegen Spul¬ 
würmer (slowenisch) 90 ). Das R. liefert 


701 

3un häufigsten seine Leber als volks¬ 
medizinisches Mittel, da es auch das am 
häufigsten geschlachtete Haustier ist bzw. 
war 91 ). Schon im Papyrus Ebers er¬ 
scheint Kuhleber als Mittel gegen (weib¬ 
liche?) Urinbeschwerden, bei Hippokrates 
als Mittel gegen Hitze in den Augen. 
Plinius empfiehlt sie als Mittel gegen 
Ruhrkolik. R.sleber gegen Durchfall, 
zur Steigerung der Milchsekretion bei 
Frauen; gebraten gegen den Scheidefluß 
bei Celsus und Hippokrates 92 ). In Butter 
zerlassen, Dampf gegen Gelbsucht, da¬ 
nach gegessen 93 ). R.ermark mit allerlei 
andern Teilen gemischt, gegen alte und 
neue Schäden 94 ), gegen Grind 95 ). R.er- 
milch wird als gut gegen Milzkrank¬ 
heiten schon bei Celsus empfohlen 96 ), 
nimmt als Pharmakos Krankheiten an 
sich 97 ), destilliert bei Milzverstopfung und 
unregelmäßigem Monatsfluß 98 ). R.er- 
mist gegen Blattern"). Als Pflaster, 
wenn Ader angeschnitten 10 °) und gegen 
schwere Gebrechen 101 ). Mit R.erschmalz 
soll man, wenn das Pferd nicht stallen 
kann, das „Geschröt“ einreiben 102 ). R.er- 
talg gegen Würmer 103 ) auflegen und um 
Fremdkörper zu entfernen 104 ). 

57 ) Meiche Sagen 487 Nr. 633. 58 ) Höfler 

■Organotherapie 87. 59 ) Jühling Tiere 153. 

80 ) ebenda. 6l ) ebenda 11. Seyfarth Sachsen 297. 

62 ) Jühling Tiere 153. 63 ) Seyfarth Sachsen 
297. 64 ) Jühling Tiere 151. 65 ) Grabinski 

Sagen 41. 66 ) Wuttke 394 §523. 67 ) Jühling 

Tiere 148. 68 ) ZfVk. 8 (1898), 391. 69 ) Jühling 
Tiere 142. 70 ) ebenda 147. 71 ) ZfVk. 8 (1898), 

309. 72 ) Kuhn u. Sch war tz 483; Engelien u. 
Lahn 275. 73 ) Jühling Tiere 148. 74 ) Urquell 
3 (1892), 68. 75 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 

367. 76 ) Höfler Organother. 206. 77 ) Jühling 

Tiere 146 = Höfler Org. 205. 70 ) Jühling 

Tiere 151 = Höfler Org. 205. 7d ) Höfler Org. 
205. 80 ) Jühling Tiere 145 = Höfler Org. 205. 

81 ) Jühling 146 = Höfler 204. 82 ) Jühling 

150 = Höfler 207. 83 ) Hovorkau. Kronfeld 
2, 136. 84 ) Höfler Org. 202. 85 ) ebenda 206. 

8# ) ebenda 202 f. 87 ) Jühling Tiere 150. 
88 ) ebenda 142. 89 ) HöflerOrg. 87. 9C ) Hovorka 
u. Kronfeld 2, 103. 91 ) Höfler Org. 165. 

92 ) ebenda u. 166. 93 ) Hovorka u. Kronfeld 
2, 113. 94 ) Jühling Tiere 151 u. 142; ZfVk. 8 
(1898), 43. 95 ) Jühling Tiere 143. ® 6 ) Höfler 
Org. 264. 97 ) ebenda 265. 98 ) ebenda 265; 

vgl. auch 264; Rindsgalle im Kuhstall„Fogel 
Pennsylvania 173. 830. ") Jühling Tiere 152. 
3(, °) ebenda 148. lcl ) ebenda 147. 1;2 ) ZfVk. 8 
(1898), 44; dazu ZfrwVk. 1918, 185; Höhn 


Geburt 4, 256. lc3 ) Jühling Tiere 146. 1C4 ) Ho¬ 
vorka u. Kronfeld 2, 368. Wirth. 


Ring. Wesentlich ist ihm die Form 
des geschlossenen Kreises; wo R. sprach¬ 
lich Kreis gleichgestellt ist, s. Kreis. Im 
folgenden ist R. allgemein der Reifen; 
sein Material und seine Verwendung ist 
verschieden. Eine besondere Form des 


Reifens ist der Fingerr., weil, abgesehen 
von seiner Sonderbestimmung, auch seine 
stoffliche Beschaffenheit auf Metall ein¬ 
geschränkt wurde. Weiter erscheint die 
Feststellung wichtig, daß die Sonderent¬ 
wicklung des Fingerr.es zum Schmuckr. 
keinen Aberglauben entwickelt hat und 
sich dieser nur an den Verlobungs- bzw. 
Eher, knüpft. Die dem Schmuck zu¬ 
grunde liegende magische Auffassung ist 
für den Schmuck-Fingerr. verloren ge¬ 
gangen, während sie sich bei dem Verlo¬ 
bungs- und Eher., von Rechts- und reli¬ 
giösen Normen überschichtet, erhalten hat. 


Die Menschen, die den Schmuckr. tragen, 
haben nämlich jenes primitiv-magische 
Denken überwunden, und was sie an 
Aberglauben auf weisen, gehört in das 
Gebiet der Edelsteinsymbolik. Schlie߬ 
lich muß beachtet werden, daß der am 
Fingerr. haftende Aberglaube immer 
eine besondere Form des R.aberglau- 
bens im allgemeinen ist. Die PmtWick¬ 
lung führt also vom R. = Reifen zum 
Fingerr. als Verlobungsr. und Eher.; 
auch sprachlich wird allgemein beim 

T? Korrrl an Kon mit* mpKr 


Fingerr.es gedacht. 

Die Geschichte des R.es greift begreif¬ 
licherweise über den germanischen Kultur¬ 
kreis hinaus und zurück in die Antike 
und weiter noch in die orientalischen 
Kulturen. Sie ist somit ein Gegenstand 
der ethnographischen Wissenschaft, denn 
die Frage nach der Auffassung der mensch¬ 
lichen Kleidung und bestimmter Schmuck¬ 
sachen spielt hierbei eine wesentliche 
Rolle 1 ). Durch den Hinweis auf so 
wichtige und zum Teil noch umstrittene 
ethnologische Probleme ergibt sich, daß 
der deutsche R.aberglaube vieles von dem 
der Antike übernommen haben mag und 
daß unter den synkretistischen Anschauun¬ 
gen die einzelnen Elemente schwer ge- 


703 


Ring 


704 


schieden werden können. Es stehen sich 
im wesentlichen bisher drei Auffassungen 
gegenüber: R. Wünsch leitet den Aber¬ 
glauben von der Form her und sieht 
darin eine Gestaltung des Zauberkreises. 
„Es lag nahe, mit dem geheimnisvollen in 
sich selbst zurückkehrenden Rund die¬ 
selbe abergläubische Vorstellung zu ver¬ 
binden wie mit dem Zauberkreis“ 2 ). Dem¬ 
gegenüber steht eine zweite schon in der 
Antike vertretene Auffassung, die von 
Jos. Heckenbach eingehend begründet 
wurde. Der R. ist Bindung und hat 
dieselbe apotropäische Bedeutung wie der 
Faden 3 ); diese allgemein vertretene An¬ 
sicht wird von Ganszyniec abgelehnt 4 ), 
dagegen hat H. Güntert auf Grund be¬ 
deutungsgeschichtlicher Untersuchungen 
die Auffassung von dem Bindecharakter 
des R.es gestützt 5 ). 

Zu dieser Schwierigkeit bezüglich der 
Auffassung des R.es treten noch durch 
Grenzfälle Modifikationen der ursprüng¬ 
lichen Bedeutung: 

1. durch Einfügung 

a) einer Platte mit der Darstellung 
von Bildern und Zeichen von bestimmter 
Bedeutung. Dadurch kann der dem 
Reifen zugrunde liegende Sinn teilweise 
modifiziert oder auch ganz verdrängt 
werden. Z. B. wird auch der Siegelr. 
durch die Platte mit ihren Eingravierungen 
einen bestimmten Aberglauben entwickelt 
haben; im übrigen spielt der Siegelr. im 
Gegensatz zur Antike im deutschen 
Aberglauben keine beachtenswerte Rolle 6 ). 

b) von Edelsteinen. Gerade durch sie 
erfuhr der aus der Form erfließende Aber¬ 
glauben eine weitgehende Modifikation. 
Die Verwendung von Steinen und Gem¬ 
men wurde im MA. aus der Antike über¬ 
nommen und zugleich damit der Glaube 
an ihre Wunderkräfte 7 ) (s. Edelstein). 

2. durch das verwendete Material. Den 
Metallen kommt im Aberglauben eine 
bestimmte Bedeutung zu; oft mag sich 
diese auch, wie bei der Vorschrift, daß 
der R. aus Eisen sein muß, kulturgeschicht¬ 
lich erklären, weil der R. in dieser Ver¬ 
wendung aus einer Epoche stammt, wo 
das Eisen dem Menschen als letzte und 
gewaltigste Errungenschaft zukam. 


3. durch die Art der Erwerbung und 
Herkunft des Materials für den R.: So 
muß es z. B. zusammengebettelt sein. Das 
Betteln spielt eine besondere Rolle im 
Aberglauben (s. betteln). Es muß von 
Sargnägeln stammen. 

4. durch die Herstellung durch be¬ 
stimmte Personen und unter bestimmten 
Umständen und zu gewissen Zeiten. 
Z. B. müssen die R.e von einem Schmied 
in der Karfreitagsnacht nackt geschmiedet 
sein. 

5. durch die besonderen Arten des 
Fingerr.es: so bedeutet der Trau-Eher. 
eine weitere Modifikation. 

Daraus ersieht man, daß der deutsche 
R.aberglaube eine verwirrende Fülle auf¬ 
weist, nicht nur durch die Verdunkelung 
der ursprünglichen dem R. zugrunde lie¬ 
genden Auffassung, sondern auch durch 
die ihm im Laufe seiner bis heute an¬ 
dauernden Entwicklung zugekommenen 
Modifikationen 8 ). 

*) Zur Geschichte des R.es Schräder Reallex. 
2 > 336 ff-; Heyne Kleidung 3495.; Hoops 
Reallex. 3, 47 fr.; Pauly-Wissowa XI, 1, 
833ff.; Lud 22, 33ff.; 23, 32ff. (umfassend, 
wichtig auch f. den deutschen R.); Sitten 
Gebräuche und Narrheiten 2380.; Schwartz 
Studien 490. 497; Hüser Beiträge 2, 24 Nr. 3; 
Amer. Notes and queries IV, 16 (Customs of the 
ring); Kutsch mann R. und Kranz, Berl. 
1896; Li pp er t Christentum 10f. 2 ) Antikes 
Zaubergerät aus Pergamon, Berlin 1905, 
42 t. 3 ) De miditate 69 ff. 4 ) Pauly-Wis- 
sowa a. O.; Lud. a. O. 5 ) Der arische Welt- 
kömg und Heiland, Halle 1923, 71 ff. 1330.; 
Sprache d. Götter n. 6 ) Pauly-Wissowa a. O. 

7 ) Heyne a. O. 194 387 . 351. ' 8 ) Eine deutsche 
zusammenfassende Arbeit ist noch nicht vor¬ 
handen; viel, auch vergleichendes Material bei 
Moritz Busch Deutscher Volksglaube, Leipz. 1877, 
352 ff.; Jones Finger Ring Lore: Historical, 
Legendary, Anecdotal, London. 

Die Einordnung der abergläubischen 
Auffassungen setzt die Entscheidung über 
die Auffassung von der ursprünglichen 
Bedeutung des Reifens voraus. Knüpfen 
sich diese an die Form und ist der R. ein 
materialisierter Zauberkreis (Richard 
Wünsch) oder ist er der ins Metall über¬ 
tragene Faden und stellt eine Bindung 
dar (Heckenbach) ? Diese Auffassungen 
erscheinen m. E. nicht so gegensätzlich 
zu sein als es ausschaut; denn beim 
magischen Kreis ist einmal die Kreis- 


i? 5 
* 

t 


7 05 


Ring 


706 


linie zu beachten und dann der von ihr 
eingeschlossene Raum. Die erstere schei¬ 
det nicht nur einen bestimmten Raum 
von der Umgebung sichtbar ab, sondern 
sie ist auch die Bindung aller außerhalb 
von ihr befindlichen Mächte jeglicher Art 
und dadurch Schutz oder Neutralisierung 
aller Gefährdung des eingeschlossenen 
Raumes. Die beiden Ansichten scheinen 
wohl für die ursprüngliche Bedeutung 
des R.es vereinbar zu sein. Der R. ist 
der sichtbar gemachte Zauberkreis, 
der als Bindung zu dienen hat. Somit 
fiele R. mit Kreis zusammen. Das er¬ 
sieht man, weil der an den metallenen R. 
anknüpfende Aberglauben sich nicht von 
dem des Kreises unterscheidet, aus wel¬ 
chem Material und welcher Art immer 
er gebildet ist. So sieht man das Volk 
in Odenberg, wenn man den Arm zu 
einem R. = Kreis einbiegt und durch¬ 
schaut 9 ). Mit einem Blick durch einen 
R. erkennt man die Liebesuntreue (Aar¬ 
gauisches Lied) 10 ). Die Hexen dürfen 
nicht durch den Eher, schauen, dann be¬ 
halten sie ihre normale Stellung, wenn 
der Priester bei der Messe nach ihnen 
blickt 11 ). Der R. in der eingeschränkten 
Bedeutung als Fingerr. wäre dann der 
in Metall gebildete geschlossene Kreis, 
der, statt im Bedarfsfall immer wieder 
gebildet zu werden, in verkleinerter Form 
vom Menschen ständig getragen wird. 
Daher findet er sich auch als Schmuckr. 
am Gürtel und zeigt so die Entwicklung 
zu einem Amulett mit apotropäischer 
Wirkung. Ferner erscheinen mit dem 
Fingerr. besonders Frauen begabt, 
die als besonders gefährdet gelten und 
daher gesichert werden, und zwar ge¬ 
schieht es wieder in einer besonders ge¬ 
fährlichen Situation, in der Ehe. 

So ist Kreis und Bindung durch ihn 
enge zusammengehörig, und daher kann 
in der einen abergläubischen Anschauung 
einmal der Zauberkreis, in einer anderen 
dagegen die magische Bindung mehr ver¬ 
selbständigt werden. Schließlich ist es 
wichtig zu betonen, daß die übertragene 
Auffassung des R.es ihren Ausgang von 
der Bindung nahm und diese zur Grund¬ 
lage für die R.Symbolik wurde. 

Bächtold - Stäubli, Aberglaube VI1 


A. R. als Bindung im Sinne von Be¬ 
hinderung der vom Menschen zu voll¬ 
ziehenden Handlung. Der Mensch er¬ 
scheint als behindert und gebunden und 
darf keinen R. tragen. Deshalb besteht 
das Verbot des R.tragens bei allen Ge¬ 
legenheiten, wo eine Bindung für den 
Erfolg der Handlung schädlich ist. Be¬ 
sonders im R.glauben der Antike ist 
diese Seite stark ausgebildet 

a) bei gottesdienstlichen Handlungen. 
Im griechischen und römischen Kult er¬ 
fuhr diese Vorschrift eine strenge Be¬ 
achtung 12 ). Sie erfährt eine Umdeutung 
in einer rituellen Vorschrift zur christ¬ 
lichen Taufe: videat episcopus, ne quis 
vir gerat annulum vel mulier ornamentum 
auro confectum (ex Testamento Syrio 
Domini nostri Jesu Christi ed. E. Rah¬ 
manis, Moguntiae 1899, 127) 13 ). Die 
R.ablegung ist gleich der des Gürtels. 

b) der R. darf nicht am digitus medi- 
cinalis getragen werden. Vgl. die Be¬ 
gründung bei Plinius n. h. 33, 24: ne 
vis eius occulta eo vinculo minueretur 14 ). 

c) beim Essen legten ihn die Römer 
und auch Juden ab 15 ). 

d) bei der Entbindung. Alle R.e 
werden abgenommen, auch Ohr.e. Auch 
hier besteht die Beziehung zum Begriff 
lösen; jegliches Band wie Gürtel, Knoten 
der Haare und der Kleidung müssen gelöst 
werden 16 ). Bei den antiken Völkern 
wird die Bindung gelöst, damit ein 
Löse- (Analogie) zauber zur Auswirkung 
kommt. 

e) Den Toten werden gleich den Schla¬ 
fenden die R.e abgezogen. Diese Vor¬ 
schrift besteht bei den antiken Völkern 
(vgl. Plin. n. h. 33, 27) 17 ) und über sie 
hinaus bei den Tiefkulturvölkern 18 ). Es 
geschieht, damit die Seele leichter heraus¬ 
gehen könnte. So wie der R. am Finger 
das Symbol dafür ist, daß der Raum um 
den Menschen nach innen geschlossen ist, 
ebenso beinhaltet er auch eine Bindung 
nach außen. Daher muß er abgelegt 
werden, um der Seele den Austritt zu 
ermöglichen. Die Abnahme jeglicher R.e 
vom Toten findet sich noch sehr häufig, 
z. B. in Tirol 19 ), wenn auch nicht immer 
als eine bewußt abergläubische Anschau- 

23 



707 


Ring 


708 


ung. Umgekehrt wird einer vor der 
Hochzeit verstorbenen Braut von dem 
aus der Fremde zurückgekehrten Bräuti¬ 
gam der Brautr. ins heimlich geöffnete 
Grab mitgegeben (Tiroler Sage) 20 ). Da¬ 
mit soll der Vollzug der Ehe symbolisiert 
werden. Dieselbe Anschauung liegt auch 
der Totenhochzeit zugrunde (s. d.). Aus 
demselben Grund wird der Kindbetterin 
ein R. aus Stahl, der unbesehen verfertigt 
werden muß, an den Finger gesteckt, 
damit sie Ruhe habe und nicht wieder¬ 
kehre 21 ). 

9 ) Grimm Myth. 2, 783 ff.; Ranke Sagen 81. 
r ) Roch holz Sagen 2, 162. n ) Wallonia 6, 83. 
12 ) Heckenbach a. O. 70; Wächter Reinheit 
21; Chantepie Religionsgesch. 2, 286. 441; 
Nilsson Griech. Feste 345. 13 ) Heckenbach 

a. O. in. 14 ) Pa uly-Wissowa a. O.; Hecken¬ 
bach a. O. 15 ) Heckenbach a. O. 86 — ZfVöl- 
kerpsych. 18, 259. 16 ) Samter Geburt 122 = 

ZfVk. 17, 166. 17 ) Heckenbach a. O. 86. 

I8 ) Frazer i, 328. lö ) Zingerle Tirol 49 Nr. 432 
= Samter Geburt 129; ZfrwVk. 1904,29. 2 ) Al¬ 
penburg Tirol 344. 21 ) Höhn Tod 334. 

2. Bindung im Sinne von Behinderung 
und Abwehr alles dessen, was den Men¬ 
schen und sein Tun von außen schädigen 
könnte. 

Der Mensch erscheint als der Bin¬ 
dende, der sich so einen Raum schaffen 
will, innerhalb dessen eine Handlung un- 
geschädigt vor sich gehen soll. Hier 
tritt mehr die Wirkung des Zauberkreises 
in den Vordergrund, und es erfolgt die 
Handlung in einem oder durch einen R. 
Daher ist auch der an den metallenen 
R. anknüpfende Aberglaube nicht ver¬ 
schieden von dem des R.es aus anderem 
Material. 

Das kommt besonders bei der Abwehr 

a) des Schadenzaubers zum Ausdruck. 
Man gibt den Kühen zum Schutz gegen 
den Habicht ihr Fressen in einem R. aus 
Reisig von dreierlei Bäumen 22 ). Man 
melkt die Kühe durch einen R., welchen 
ein Eichenstamm nach Absägung eines 
Astes um die Wunde herum bildet oder 
durch einen R. von Haselzweigen 23 ). Die 
erste Milch einer Kuh muß man zur Er¬ 
höhung des Milchertrages durch ein Pran- 
gerkranzl oder einen Eher, hindurch mel¬ 
ken 24 ). Einmal handelt es sich um die 
Abwehr alles Schädlichen innerhalb des 


R.es und weiters um den Einfluß der zum 
Prangerkranzl gehörigen heilkräftigen und 
geweihten Kräuter. Andererseits brennt 
man einer Hexe die Augen aus, wenn man 
die behexte Milch durch einen Eher, 
laufen läßt und sie unter einer Ver¬ 
wünschungsformel ins Feuer gießt 25 ). 
Im besonderen wird der metallische R. 
und der Eher, verwendet. Gegen Behexung 
wird die erste Milch durch den Brautr. 
gemolken 26 ). Harnen durch den Eher, 
befreit von bösen Einflüssen 27 ) und stei¬ 
gert die männliche Potenz 28 ). 

b) Der R. ist zu einem Amulett der 
Abwehr geworden; dies ist die all¬ 
gemeinste Verwendung; bei den Tief¬ 
kulturvölkern wird er irgendwie auch an 
den Zugtieren befestigt und wird beim 
Menschen bei fortschreitender Kultur und 
Verdunkelung des Ursprunges zum 
Schmuckr.; und auf den Eher, ist diese 
abwehrende Kraft zuletzt übergegangen. 
Daher wird dieser in allen Fällen der 
Abwehr getragen und gerade 

a) bei der Entbindung angelegt. Die 
Frauen stecken sich selbst beim Heran¬ 
nahen der Entbindung ihren Eher, an, 
oder es steckt die Schwiegermutter der 
schwer Gebärenden den ihren an 29 ). 
Diese Auffassung unterscheidet sich von 
der der Antike bei demselben Vorgang. 
Während die letztere die Förderung und 
Sicherung durch die Lösung des Bandes 
bezweckt, versucht die erstere durch Bin¬ 
dung und Abwehr alles dessen, was die 
Entbindung hemmen kann, das Ziel zu 
erreichen. Die Wöchnerin trägt einen 
goldenen R. an einem schwarzen Faden 
durch 40 Tage am Hals 30 ). 

fj) Der R. ist bei verschiedenen Ar¬ 
beiten zu tragen, so beim Flachsbau 31 ). 
Wenn es ein silberner R. sein muß, da¬ 
mit der Flachs weiß wird, so kommt 
noch ein Analogiezauber hinzu. In 
Bayern und Estland trägt der Sämann 
einen goldenen oder silbernen R. und 
hat Schuhe an, dann kann keine Hexerei 
dem Feld schaden 32 ). Säen mit dem Eher, 
schützt gegen den Bilmesschneider 33 ). 
Das Viehfutter wird nahrhaft, wenn das 
Mädchen am Zeigefinger der rechten Hand, 
mit dem sie das Futter einrührt, einen 


709 


Ring 


710 


bleiernen R. trägt. Beim Verlassen des 
Dienstes muß sie ihn im Stall eingraben, 
damit sich das Vieh nicht um sie gräme 34 ). 

7) Der R. wird getragen zur Abwehr 
des bösen Blickes und Neides 35 ). In 
besonders gefährdeter Situation ist die 
Braut. In Indien trägt sie einen R. auf 
der Stirn. Die römische Braut hat einen 
eisernen. Gleich der Braut sind Kinder 
dem bösen Blick besonders ausgesetzt; 
R.e an den Füßen schützen sie, und aus 
demselben Grund trägt der römische 
Triumphator einen eisernen 36 ). Sicherlich 
hat die an den Eher, anknüpfende Sym¬ 
bolik diesen apotropäischen Charakter 
zurücktreten lassen für den Zeitpunkt 
der Eheschließung. Damit soll nicht ge¬ 
sagt sein, daß der Eher, letzten Endes 
auf diese apotropäische Abwehr allein 
zurückgeht. 

Zu der abwehrenden Kraft des R.es 
kann als weitere Steigerung noch die 
Einfügung von Steinen hinzukommen. 
Hierher gehören die antiken Nachrichten, 
daß Griechen, Römer und Etrusker R.e 
mit Steinen hatten, deren Farben und 
Einfassung die Figur eines Auges bildeten. 
Dazu kommen Bilder und die sonstigen 
apotropäischen Bilder und Zeichen, wie 
Basüisken (s. d.) und Skarabäen. Auch 
die Formung des Reifens in Schlangen¬ 
form gehört hierher. Im deutschen Aber¬ 
glauben schützt ein R. mit dem rechten 
Auge eines Wiesels vor dem Beschreien. 
Ein R. aus Erbsilber schützt vor Be¬ 
hexung 37 ). 

6) Der R. wird getragen zur Abwehr 
des Teufels und der Geister. Der Teufel 
oder ein Geist wollen sich nur in ein 
ungebundenes Faß vertragen lassen, d. i. 
in ein Weib ohne R. Um das Eindringen 
zu verhindern, tragen die Weiber R.e 3S ). 
Faß und R.e erscheinen hier als Sexual¬ 
symbole. Klar ist, daß der R. als das 
das Weib umschließende Band aufgefaßt 
wird und alles von außen Kommende 
abwehrt. Es trägt das R.zeichen an der 
Hand. 

e) Der R. wird getragen zur Abwehr 
böser Lüste. Aus den bedrohenden Gei¬ 
stern sind böse Lüste geworden. Dieser 
Umdeutung entspricht es, daß besondere 


R.e erforderlich sind. Die Jesusr.e 
schützen Frauen und Mädchen, die einen 
solchen während des Beischlafes tragen, 
vor dessen Folgen. Sie müssen aus Sarg¬ 
beschlägen gefertigt sein, und das Wort 
Jesus muß eingeritzt sein 39 ). Die Josef sr.e 
schützen junge Eheleute gegen unkeusche 
Anfechtungen 40 ). Die „Fallr.e“ in der 
Zwickauer Gegend werden vor dem Schla¬ 
fengehen angesteckt und lassen die Men¬ 
schen gesund und glücklich sein 41 ). Vgl. 
in Spanien schützt ein Karneolr. vor den 
malos aires (bösen Lüsten, bösen Winden, 
verderblichen Einflüssen) 42 ). 

C) Der R. wird getragen zur Abwehr 
von Krankheiten, bzw. zu ihrer Heilung 43 ). 
Hierzu kann jeglicher R. dienen. Im 
wesentlichen liegt hier der Kreis und 
die Vorstellung des Durchkriechens zu¬ 
grunde. Schneuzt man dreimal durch 
einen Türr., so heilt man den Schnup¬ 
fen 44 ). Im besonderen kommen zum R. 
besondere Grenzfälle hinzu. Er muß 
aus Gold, Silber, Kupfer, meist aber 
aus Eisen sein, braucht aber nicht an 
der Hand allein getragen zu werden, 
sondern auch auf der Brust, am Hals, 
am bloßen Leib. Da an Stelle des R.es 
gegen die Gelbsucht auch ein Dukaten 
am Halse getragen werden kann 45 ), ist 
die gelbe Farbe das Wesentliche für den 
Abwehrzauber und stärker betont als der 
R. Vgl. in Rußland pflegt man den Leuten, 
welche an Konvulsionen leiden, eine Kup¬ 
fermünze in die Hand zu geben, einen 
messingenen R. an den Finger zu stecken 
oder ein Stück Schwefel um den Hals 
zu hängen 46 ). 

Eine eigene Type von R.en spielt eine 
Rolle, die sog. Krampf r.e (s. d.). Gerade 
bei den Krampfr.en treten zur Abwehr 
durch den R. eine Reihe von Grenzfällen 
hinzu, so daß diese oft verdunkelt er¬ 
scheint. Eine besondere Rolle spielt das 
Material und seine Beschaffung (durch 
Bettel), die Herstellung durch eine be¬ 
stimmte Person (Schmied), die Um¬ 
stände (nackt) und die Zeit (Karfreitags¬ 
mittemacht) 47 ). Um einen weiteren 
Grenzfall handelt es sich bei der dem 
Eher, durch den Segen verliehenen Heil¬ 
kraft; er wird gegen die Gichter den 


Ring 


Ring 


714 


7 11 

Kindern auf die Brust gelegt 48 ) (s. Gicht); 
ein goldener mit einer gelbseidenen Schnur 
am Rücken getragen hilft gegen Gelb¬ 
sucht 49 ); er heilt Gerstenkörner, 3 Kreuze 
stillschweigend über sie gemacht 50 ). Ge¬ 
gen Impotenz wurden mehrere R.e ge¬ 
segnet und alle an den rechten oder 
linken R.finger der Gattin gesteckt. Oder 
die Frau schob den Eher, bei der Trauung 
nicht über das erste Fingerglied, oder sie 
ließ ihn zu Boden fallen, wenn ihn der 
Gatte zum erstenmal ihr zeigt 51 ). Die 
beiden letzten Fälle scheinen nicht auf 
der Abwehr zu beruhen, sondern dürften 
m. E. doch sexualsymbolisch zu erklären 
sein. Als Sexualsymbol wäre der zu 
Boden gefallene und gebrochene R. auf¬ 
zufassen. Zur Behebung ihrer Sterilität 
schabt die Frau Gold von ihrem Eher, 
und genießt es (Frohnleiten) 52 ). 

Der R. muß von einem Toten stammen 
und von einem Totengräber gefunden 
sein; trägt man ihn so lange am Finger, 
bis er sich unversehens verliert, so heilt 
er den Rotlauf 53 ). Dabei stellt das 
tägliche Gebet von drei Vaterunser und 
Ave für die armen Seelen eine weitere 
Bedingung dar. Der R. muß aus er¬ 
betteltem Geld stammen; das hilft gegen 
allerlei Krankheiten 54 ). Der R. wird ge¬ 
tragen zur Abwehr sonstiger Gefahren. 
Der junge Mann schützt' sich gegen den 
Kriegsdienst, wenn er den Traur. seiner 
Mutter am Finger trägt (Oberpfalz) 55 ). 

22 ) Bohnenberger 25. 23 ) Strackerjan 1, 
444; Schönbach Berthold v. R. 132. 24 ) Pol- 
Jinger Landshut 155; SAVk. 15, 8; Selig¬ 
mann Blick 2, 231. 25 ) Drechsler 2, 254 = 

Grabinski Sagen 38. 26 ) s. o. Nr. 24 u. ZföVk. 5, 
196. 27 ) Wolf Beiträge 1, 227; (Keller) Grab 
d. Abergl. 4, 86. 28 ) Seyfarth Sachsen 238; 

Staricius 28. 364; Schwebel Tod u. ewiges 
Leben 71 ff. 29 ) Meyer Baden 389; Zingerle 
Tirol 3 = Frazer 3, 314. 3J ) Seligmann 

Blick 2, 9. 230. 231. 31 ) Schönwerth Ober¬ 

pfalz 1, 399; John Westböhmen 40= Sartori 
Sitte 3, 110. 32 ) Seligmann Blick 2, 231; 

Panzer Beiträge 2, 207 = Bavaria 2, 297; 3, 
343 = Frazer i, 137. 33 ) Köierl Der politische 
Bezirk Tachau, Tachau 1890, 165 ff. 34 ) ZfVk. 1, 
187. 35 ) Seligmann Blick 2, 230 ff. 36 ) Ebd. 
37 ) Ebd.; Busch a. O. 358. 38 ) Baumgarten 
Heimat 2, 103; Schönwerth Oberpfalz 3, 74. 
n6ff. 39 ) Seyfarth Sachsen 268; Herzog 
Schweizer sagen 1, 95. 40 ) Birlinger Schwaben 1, 
421; s. oben 4, 773; Depiny Heimatsagen 


712 

243 Nr. 120. 41 ) Seyfarth Sachsen 268; 

John Erzgebirge 112. 42 ) Seligmann Blick 2, 
231. 43 ) Franz Benediktionen 2, 256. 503. 507. 
44 ) Wuttke 325 §482. 45 ) Ebd. 355 §531. 

46 ) Hovorka 11. Kronfeld 2, 219. 47 ) Ebd. 2, 
274; Wuttke 356 §533; Andree-Ey sn 

Volkskundliches 136; Hoffmann-Krayer 147; 
Seyfarth Sachsen 267 ff.; John Erzgebirge in; 
Ders. Von Sachsens an der alten Burgen Grenze 
24; Drechsler 1, 90; 2, 306; Strackerjan 2, 
234 Nr. 497; Köhler Voigtland 419; Bohnen¬ 
berger 21; Wolf Beiträge 2, 224; Grimm 
Myth . 2 1121; Zachariae Kl. Sehr. 351 ff.; 
MschlesVk. 9, 85; ZfrwVk. 1908, 241; ZfVk. 22, 
123; Schultz Alltagsleben 59. 48 ) Meyer 

Baden 40; Wuttke 360 § 542. 49 ) Pol- 

linger Landshut 284; Busch a. O. 358. 
60 ) Bartsch Mecklenburg 1, 108; Busch a. O. 
356. 51 ) Seligmann Blick 2, 230. 52 ) Hovorka 
u. Kronfeld 2, 514. 53 ) Schönwerth Ober¬ 

pfalz 3, 256. 54 ) Grimm Myth. 3, 446 Nr. 352. 
55 ) Wuttke 454 § 719. 

B. R.symbolik. Die ursprüngliche Be¬ 
deutung des R.es als einer Bindung war 
längst verdunkelt im menschlichen Be¬ 
wußtsein, doch wurzelt darin die R.sym¬ 
bolik, als er sich zu einem wichtigen 
Zeichen des Verlöbnisses und der Ehe 
entwickelte 56 ). Diese bezieht sich nur auf 
den Verlobungs- und Eher. Die 
Frage, ob es sich um die Bindung, bzw. 
die Abwehr alles Schädlichen von der 
Braut handelt, — was m. E. eine ziem¬ 
lich begründete Ansicht ist —, oder ob 
er mit dem Brautkauf zusammenhängt 
und der R. das Handgeld darstellt und 
dies Wechseln der R.e eine Rechtssymbolik 
darstellt 57 ) oder mit der Raubehe und so 
der R. ein Symbol der Kette der Frau 
wäre 58 ) — eine allgemein abgelehnte An¬ 
schauung —, wird verschiedentlich be¬ 
antwortet. Eine dritte sieht im Eher, 
zwar richtig eine antike Entlehnung, aber 
in ihm den Siegelring als das Zeichen der 
Beschließerin im römischen Haus, was 
ebenfalls abgelehnt erscheint 59 ). Die 
Entscheidung über diese Fragen greift 
zurück in eine Zeit, wo der R. bei Ver¬ 
lobung und Heirat noch keine Verwendung 
fand. Daher erscheint m. E. für die deutsche 
R.symbolik die schwierige Frage nach 
Herkunft des Ehe- und Verlobungsr.es 
nicht wesentlich. Sein römischer, durch 
das Christentum vermittelter, in west¬ 
gotischen und langobardischen Gesetzen 
und bei Gregor v. Tours (de vit. patr. 


713 

c. 20) erwähnter Ursprung wird allgemein 
anerkannt. Jedenfalls wird auch die 
kirchliche Lehre von der sakramentalen 
Auffassung der Ehe zur Ausgestaltung 
der R.symbolik viel beigetragen haben 60 ). 
Weiters wird durch den Umstand, daß nach 
Auflösung der deutschen Sippenverfassung 
die Erfüllung des Ehe Vertrages nicht mehr 
-durch den Eidschwur der im R.e stehenden 
Sippengenossen bekräftigt wurde, sondern 
durch ein persönliches Treuegelöbnis der 
beiden sich verlobenden Menschen, die 
R.symbolik weitere Züge hinzugefügt 
bekommen haben. Der R. ist zum Symbol 
der erfolgten Verlobung, besonders beim 
Mädchen, geworden, und andererseits wird 
deren Auflösung durch die sofortige Rück¬ 
gabe des R.es symbolisch angezeigt 61 ). 

Auf der symbolischen Bindung be¬ 
ruhen 

x. die Treur.e. So wurden beim hes¬ 
sischen Landvolk vor 30—40 Jahren dicke 
silberne Fingerr.e genannt, die der Bräu¬ 
tigam der Braut bei der Verlobung 
schenkte. Ihre Gegengabe bestand in 
einem Hemd und einem Paar Schuhe 62 ). 
Dieser Treur. wurde nur von der Braut 
getragen und ist somit der nach der 
Auflösung der Sippenverfassung vom 
Bräutigam der Braut zum Treuegelöbnis 
überreichte Traur. Vgl., daß auch in 
Sizilien der Verlobungsr. aus Gold fede 
genannt wird 63 ). 

2. Die Sympathie zwischen Eher, und 
Treue. Der Bestand der Ehe ist an den 
Besitz dieses Symbols gebunden. 

a) Der Verlust und Bruch des R.es 
bedeutet den Tod des anderen Teiles. 
Besonders nachteilig ist das am Hoch¬ 
zeitstag M ); beide Teile sterben bald 65 ); 
es bedeutet die Trennung der Ehe oder 
Unglück in der Ehe 66 ); wer den Ver¬ 
lobungsr. verliert, verliert den oder die 
Verlobte 67 ). Wer den Eher, verliert, muß 
bald sterben 68 ). 

b) Umgekehrt bricht der R., wenn von 
dem einen Teil die Treue gebrochen 
wird 69 ). Dies ist das Motiv für das 
Volkslied: „Sie hat die Treu gebrochen, 
das Ringlein brach entzwei”. 

c) Aus dieser Sympathie von R. und 
Ehe erklären sich weitere Anschauungen, 


in denen wieder Grenzfälle auf treten. Ist 
an den R. der Bestand der Ehe gebunden, 
dann darf er nicht vom Finger gestreift 
werden 70 ). Man darf sich von niemandem 
den R. abstreifen lassen, sondern muß 
es selber tun, sonst streift der andere 
das Glück ab (Thüringen) 71 ). Dadurch 
würde das Glück abgestreift werden 
(s. abstreifen). Vor allem die Braut darf 
den Eher, ihr ganzes Leben nicht mehr 
ablegen. Hader und Unfriede würden 
sonst im Hause einkehren, die Liebe 
des Mannes würde erkalten. Sie 
würde allen Einflüssen des Teufels und 
seines Anhanges ausgesetzt sein 72 ). Eben¬ 
so ist es ein ungünstiges Vorzeichen, 
wenn der R. bei der Trauung zu Boden 
fällt 73 ). Der Edelsteinglaube bringt einen 
weiteren Grenzfall. Bricht der Stein 
heraus, bedeutet dies Minderung des Ehe¬ 
glückes durch Unglück 74 ), besonders, 
wenn es sogleich nach der Trauung ge¬ 
schieht 75 ). 

d) An den R.wechsel bei der Trauung 
knüpft sich weiterer Aberglaube. Die 
Braut soll sich den R. nicht ganz über 
das zweite Fingerglied hinauf streifen las¬ 
sen, sie würde sonst unter die Herrschaft 
des Mannes kommen 76 ). Dasselbe soll 
verhindert dadurch werden, daß die Braut 
beim R.wechsel ihre Hand nur wie ge¬ 
zwungen ausstreckt 77 ) oder ihre Finger 
krümmt 78 ). Hier ist es die aus der 
Bindung entwickelte Vorstellung vom R. 
als der „goldenen Fessel”, und dazu 
kommt das rituelle Sträuben. Vgl. zur 
selben Sympathiewirkung sucht jeder 
Teil beim R.wechsel seine Hand obenauf 
zu bekommen 79 ). 

Der Augenbhck des R.Wechsels ist für 
Schadenzauberei sehr geeignet. Wenn 
der Bräutigam der Braut den R. nur bis 
auf das 2. Fingerglied steckt, muß sie 
ihn schnell auf das 3. schieben; denn die 
Zauberer haben nur in dem kurzen Augen¬ 
blick, wo er auf das 3. Glied des R.fingers 
geschoben wird, die Mittel zu schädigen 
(Umgebung v. Chartres) 80 ). 

e) Der verlorene oder entwendete R. 
wird gefunden, indem ein Sieb in ein 
Bahrtuch gegeben wird. Das Sieb fängt 
an, sich in der Runde zu drehen. Dabei 



715 


Ring 


Ring 


718 



denkt man darüber nach, wo der R. ver¬ 
loren sein oder wer ihn entwendet haben 
könnte. Trifft man das Richtige, steht 
das Sieb augenblicklich fest (Prov. 
Posen) 81 ). 


56 ) Güntert Weltheiland 71. 57 ) Weinhold 
Frauen 1, 310; Ders. Altnord. Leben 243; 

Hoops Reallcx. 3, 47 ff.; Grimm RA. 1, 244 ff. 
596 ff.; Meyer Baden 258; Wundt Völker - 
psych. 9, 399; O. Hartung Die deutschen Altert, 
d. Nib. u. Kudr. 277; Lau ff er Niederdeutsche 
Volksk. 104; J. Piprek Slawische Braut- 
werbungs- und Hochzeitsgebräuche 168 ff.; ZfVk. 
18, 121 ff.; Radermacher Beiträge 184fr. 

58 ) ZfEthn. 10, 208; Piprek a. O. 169; Storfer 
Jungfr. Mutterschaft 65. 105. 59 ) Menzel Symbol 
2, 272. 6 ) Kondziella Volksepos 114 ff.; Kück 
Lüneburger Heide 140; J. Maskell The 
wedding-ring, its history, litterature and the 
superstiton concerning it, London 1868; Cassel 
Die Symbolik des R.es zumal des Traur.es , 
Friedenau s. a.; Grell mann Kleinigkeiten 243fr.; 
Busch a. O. 352 ff.; Falk Ehejfi.; Deonna 
Croyances relig. 237 fr. 61 ) ZfdPh. 42, 140. 
62 ) HessBl. 1910,147; ZfVk. 13, 271; Kron- 
feld Krieg 55; Wolf Beiträge 1, 4 ff. 63 ) Pi- 
tre Usi e costumi 2, 39. 64 ) Kuhn Mürk. 
Sagen 386 Nr. 91; Zingerle Tirol 22 Nr. 
144; Baltische Studien 33 (1883), 118 Nr. 

41; Busch 355; Pollinger Landshut 69, 71; 
NdZVk. io, 145 = 

65 ) Wolf Beiträge 
Mecklenburg 2, 70 


ächtold Hochzeit 1, 175. 

) Bartsch 


212. 


66 


I, 

Nr. 252; Engelien u. 
Lahn 243; Unoth 1, 183 Nr. 57; ZföVk. 2, 286 
Nr. 89. 67 ) Bartsch Mecklenburg 2, 58 Nr. 179. 
68 ) Höhn Tod 313. L. v. H. . Magia di- 
vina 29; NdZVk. 10, 144 = Erk-Böhme 

2, 526 (Nr. 724). 70 ) Dähnhardt Volkst. 

1, 98 Nr. 24. 71 ) Wuttke 405 § 626. 72 ) 

Hartmann Dachau und Bruck 215. 73 ) Pitre 
a. O. 2, 50. 74 ) Leoprechting Lechrain 85. 

75 ) ZfrwVk. 1908, 119. 76 ) Hartmann Dachau 
und Bruck 215; Rtrp. 27, 527; Cormeau 
Terroirs Mauges 317. 77 ) K. Bartsch Ge¬ 

sammelte Vorträge u. Aufsätze (Freib. u. Tüb. 
1883) 391. 78 ) Meyer Baden 258. 79 ) Andree 
Braunschweig 307. 80 ) Seligmann Blick 2, 

230 ff. 81 ) ZfVk. 1, 483 Nr. 8. 


3. Der R. wird weiters zum Symbol der 
gegenseitigen Freundschaft. Der dem 
Freund überreichte R. wird so zu einem 
bloßen Andenken. Eine völlige Ver¬ 
dunkelung des ursprünglichen Sinnes 
einer Bindung bzw. einer Erinnerung an 
diese ist es, wenn der R. entzweigebrochen 
wird. Während der Bruch des R.es das 
Entzweibrechen der Freundschaft und 
der Liebe ist, bedeutet das R.stück die 
Erinnerung an ein bestehendes Band, 
das vorübergehend gebrochen ist, bis zur 


Vereinigung der beiden Teile. So wird 
der R. zum Erkennungszeichen 82 ). Und 
dieses Motiv überdeckt das ursprüngliche 
der Bindung. Hierher gehören die zahl¬ 
reichen Sagen von der R.probe 83 ). Da¬ 
bei tritt an die Stelle des R.es auch das 
Geldstück 84 ). 

82 ) Strackerjan 2, 234 Nr. 497; Waibel u. 
Flamm 2, 1140.; Herzog Schweizersagen 1, 
26 ff.; 2, 166; Lachmann Überlingen 70. 

83 ) Rochholz Sagen 2, 114; Strettlinger 
Chronik 24; Meier Schwaben 2, 332; Birlinger 
Volksth. 1, 226; Köhler Kl. Sehr. 1, 117. 84 ) 

Witzschel Thüringen 1, 7 ff. Nr. 6. 

4. Aus der R.Symbolik erklärt sich 
weiters die Verwendung des R.es 

a) als Flutopfer: Die Anwohner ver¬ 
schiedener Seen ließen alljährlich nach 
einem feierlichen Bittgang einen R. in 
den See versenken, damit er nicht los¬ 
breche und mit seinen Fluten die Stadt 
oder das Land verwüste. Hierin wird 
ein Nachklang einstiger Flutopfer zu er¬ 
kennen sein 85 ) (s. Ebbe und Flut). Vgl. 
Die Vermählung des Dogen von Venedig 
durch Überreichung eines R.es an das 
Meer. 

b) als Votivr.: Eiserne R.e in der 
Form eines Halsr.es erscheinen öfter als 
Votive für bestimmte Heüige, z. B. den 
hl. Leonhard 86 ). Durch Anlegung eines 
solchen fühlt sich der Opfernde dem 
Heiligen verbunden, und zwar als Dank 
für eine bestimmte Zeit oder bis zur Er¬ 
langung eines gewissen Anliegens. Hier¬ 
her gehört die Nachricht des Tacitus 
über die Chatten, Germania c. 31: die 
tapfersten Jünglinge trugen einen eisernen 
R. so lange, bis sie sich durch Er¬ 
legung eines Feindes befreit hatten. Der 
R. erscheint hier im Zusammenhang mit 
Gelöbnissen und Geboten, die der Mann¬ 
barkeit der Jugend vorausgehen 87 ). 

c) als Eidr.: Die Nordländer berührten 
beim Eide einen silbernen R., der auf dem 
Altar des heidnischen Tempels lag. Sie 
verbanden sich damit gleichsam dem Gott 
als Wächter und Schützer des Eides 88 ). 

d) Form für Gebildbrote. Die Gebild- 
brote zeigen zu verschiedenen Zeiten auch 
R.form (s. Gebildbrote). Diese erklärt 
sich nach Höfler als Stellvertretung des 
bronzenen Totenschmuckes in Teig- (Ge¬ 


bäck-) Form; es stellen die sog. Kringel, 
R.e, Brezeln, typische Seelenbrote dar. 
Sie werden deshalb besonders als Neu¬ 
jahrsbrote und Weihnachtsbrote oder auch 
in der Fastenzeit von den Paten ge¬ 
geben 89 ). 

85 ) Sepp Sagen 361 Nr. 95; Bronner Sitt' 
und Art 166. 86 ) Andree Votive 179. 87 ) Panzer 
Beitrag 2, 395; Fchrle Germania 97 ff.; Bron¬ 
ner Sitt 1 und Art 238. 88 ) Hoops Reallex. 1, 523; 
Simrock Mythologie 218; Vordemfelde Re¬ 
ligion 47 ff.; ARw. 15, 445; Globus 13, 329; 
14, 176 ff.; 15, 233 ff.; Busch a. O. 354. 89 ) Höf¬ 
ler Weihnacht 41 ff. = Ostern 10 = Arch. f. 
Anthrop. 1904, 94; Fastenzeit 80; ZföVk 9, 
19b; John Westböhmen 23 = Höfler Weih¬ 
nacht 43; Höhn Geburt 265. 

C. Magische R.e. 

Sie sind mit Zauberkräften begabt (da¬ 
her auch Zauberr.e genannt), die sich 
mannigfach äußern. Welche Vorstellung 
ihnen ursprünglich zugrunde lag, ist 
schwer zu entscheiden. Es wird kaum nur 
eine einzige gewesen sein; schon die viel¬ 
fältigen Wirkungen dieser R.e lassen ver¬ 
muten, daß ihnen auch verschiedene Auf¬ 
fassungen zugrunde lagen. Unter Zu¬ 
grundelegung der Auffassung von der 
Bindung könnte man in dem R. einen 
kraftbegabten Gegenstand besonderer Art 
und Form erkennen. Die Begabung mit 
Kräften ist eine zwiefache, sie wirkt ein¬ 
mal bindend und abwehrend mit Amulett¬ 
charakter, sie kann zweitens aber auch 
umgekehrt aktiv sein. Daher gibt es 
solche R.e mit besonders spezialisierter 
Kraft von gesteigertem Ausmaß; diese 
finden sich nach der Sage im Besitz 
historischer Persönlichkeiten. Ihre ma¬ 
gische Kraftbegabung wird von der 
menschlichen Phantasie zu einer Wunder¬ 
kraft ausgestaltet; so sind diese magischen 
R.e echte Talismane 90 ). Daher spielen 
sie in Märchen und mythenhaltigen Sagen 
eine große Rolle. Nach einer anderen 
Anschauung, die einer eng zusammen¬ 
gehörigen Gruppe von Sagen und Mythen 
zugehört, bildet der R. einen Teil des 
Schatzes; er wird von einem höheren 
Wesen geschmiedet, hat die Kraft, die 
Schätze zu vermehren, macht den Träger 
unsichtbar; er verleiht Kraft, vgl. Balders 
R. Draupnir und den Andvaranautr der 


Brynhild-Sigurdsage 91 ). Eine nahelie¬ 
gende mythologische Deutung wird als 
über den Rahmen hinausgehend hier 
nicht gegeben. Wichtig ist, daß die 
magischen R.e aus den verschieden¬ 
sten Stoffen verfertigt sind, nicht nur 
aus Metall, und dass sich kein Eher, 
unter ihnen findet Sie waren schon 
den Griechen und Römern bekannt, und 
die antike Tradition setzte sich im MA. 
fort, und sie spielten eine große Rolle 
(Salomons R.), vor allem auf dem Gebiet 
der Volksmedizin. Doch waren alle 
Seiten der Wunderkraft dieser R.e schon 
in der Antike ausgebildet (Clem. Alex. 
Strom 1; Luk. navig. 42; Philostrat. vit. 
Apoll. III) "). 

1. Die Wirkung des magischen R.es: 
Als Talisman macht der magische R. 

a) sichtbar und unsichtbar, je nachdem, 
ob der Stein nach der inneren Seite der 
Hand gedreht wird. Die magische Kraft 
scheint im Stein angehäuft, und es ist 
hier der mittelalterliche Edelsteinglaube 
das Maßgebende, nicht aber der R. 93 ). 
Hierher gehört der R. des Gyges 94 ), des 
Alberich; Kaiser Rotbart erhält einen 
vom Priester Johannes; ein solcher be¬ 
findet sich auch unter den 13 Wunder¬ 
dingen von Britannien 95 ). 

b) Er macht hellsehend und gelehrt. 
Mit einem R. aus Lorbeerlaub und anderen 
Dingen kann der Träger Gedanken er¬ 
raten 96 ). Ein R. macht gelehrt, solange 
man ihn in der Hand hält 97 ). Ein Zwerg 
fertigt aus mancherlei Kräutern einen R., 
mit dem vom Träger die geheimsten 
Gedanken der Feinde durchschaut wer¬ 
den 98 ). 

c) Er erregt Liebe 99 ). Durch den R. 
wird Karl d. Gr. an Fastrada, sogar 
über den Tod hinaus gefesselt. Der 
Zauber schwindet erst, als der R. vom 
Bischof in den See geworfen wird 100 ). 

d) Er macht unverletzbar 101 ). Für 
die Erzeugung solcher R.e, die den Sieg 
und die UnVerwundbarkeit im Fechten 
sichern, gab es im MA. eigene merk¬ 
würdige Vorschriften. So ist in den R. 
eine eiserne R.platte einzusetzen mit den 
Worten: O Castial, princeps armorum, 
per Deum Abraham, Isaac et Jakob. 


719 


Ring 


720 


Mit einem solchen R. macht man Zeichen 
vor die Stirn und drückt ihn zugleich; 
dadurch ist der Erfolg und die UnVer¬ 
wundbarkeit verbürgt 102 ). Ferner ge¬ 
hören hierher die Tiroler Pfaffen r.e, 
deren sich die Tiroler Bauemburschen zum 
Raufen bedienen. Einige stammen von 
einem Zauberer; man kann damit den 
stärksten Gegner werfen 103 ). Dasselbe 
erreicht man mit einem R., der aus den 
verlorenen Hufeisen von Teufelsrössern an 
Sonntagen nach Beendigung der Arbeit 
geschmiedet und fertiggestellt wurde 104 ). 
Ebenso verleiht ein Fingerr., aus dem 
Eisen des R.es am Galgen geschmiedet, 
unbezwingbare Stärke 105 ). Laurin steckt 
einen R. an die rechte Hand, der ihm 
die Kraft von 12 Männern gibt. Doch 
ist in den Sagen der Edelstein Kraft 
verleihend 10fi ). 

e) Er wirkt schätz hebend. Gleich dem 
Schlüssel und der Wunderblume öffnet 
er die Schatztür. Der Held soll mit dem 
R. einen auf der Schatztruhe sitzenden 
Hund berühren 107 ). Wer den verlorenen 
R. erblickt, findet an der Stelle schwarzes 
Gold 108 ). Ein solcher von Miming ge¬ 
schmiedeter R. bringt seinem Besitzer 
Reichtum 109 ). 

f) Er verzaubert und entzaubert. Mit 
einem geheimnisvollen R. erfolgt die Ver¬ 
wandlung in ein Tier und die Rückver- 
wandlung in die menschliche Gestalt. 
Über einem verzauberten und gefangenen 
Grafen läßt ein Rabe einen Eher, fallen, 
und er ist im Augenblick zurückver¬ 
wandelt 110 ). Die Berührung oder die 
Übersichwerfung eines R.es verwandelt in 
einen Werwolf 111 ). In diese R.gruppe 
gehört der Schwanr. 112 ). 

g) Erbringt allgemein Glück (s. o.3,898). 
Kann man sagen, daß die magischen R.e 
mit den bisherigen Zauberentfaltungen der 
Vergangenheit angehören, so sind die 
sog. Tiroler Glück r.e noch heutzutage 
Nachfahren jener Zauberr.e. Sie werden 
noch jetzt vielfach getragen, in manchen 
Zeiten sind sie Mode geworden; es sind 
flach durchbrochene R.e; sie wurden schon 
dem Neugeborenen in die Wiege gelegt und 
später als ein Heiligtum gehütet und ge¬ 
tragen wurden. Bei allen Gelegenheiten, 


Taufen, Firmungen, Konfirmierungen, 
Verlobungen, als Fest- und Geburtstags¬ 
geschenk, als Andenken an Freunde 
und Bekannte spielen sie noch heute eine 
große Rolle. Natürlich ist es hier nicht 
mehr die abergläubische Bedeutung, daß 
der R. Glück bringen müsse, sondern die 
symbolische Bedeutung, daß diese „Mit¬ 
bring“ so allgemeine Beliebtheit auch 
außerhalb der Tiroler Landesgrenzen er¬ 
hielten 113 ). 

h) Er ist der Familien-Talisman. 
Als solcher steht er mit dem Familien¬ 
glück in Beziehung. Der Gedanke der 
Bindung ist verdeckt gegenüber dem 
des Talisman und seines für Glück und 
Gedeihen notwendigen Besitzes. Von 
ihm werden Wunderdinge erzählt, sowohl 
über seine Herkunft als über seine Wir¬ 
kung 114 ); es sind immer R.e mit Steinen 
und auf dem Edelsteinglauben beruht ihre 
Zauberkraft; denn eine etwaige Trennung 
des R.es vom Stein bei Erbteilung bringt 
Unglück 115 ). Familienangehörige oder 
Linien, die den R. verloren und so die 
Familie um das Glück gebracht haben, 
werden rechtlich verantwortlich ge¬ 
macht 116 ). 

9 ) Wundt 1, 293; Bolte-Polivka 2, 537. 
Ausdrücklich verwiesen sei auf: HessBl. 30—31, 
106 f.: Der Ring in der Sage, im Märchen, in der 
Novelle, im Drama, im Recht; Festschrift für 
John Meier 84 t.: Künzig Der im Fischbauch 
wiedergefundene Ring in Sage, Legende, Märchen 
und Lied. 91 ) Güntert Weltheiland 71; Schröder 
Germanentum 71; Siecke Götterattribute 248 ff. 

92 ) Pauly-Wissowa a. O.; Heckenbach 
a. O.; Busch a. O. 360; Staricius 92; L. v. H. 
Magia divina 28 ff.; Dieterich Kl. Sehr. 517. 

93 ) Lütjens Zwerg 82 ff.; Witzschel Thü¬ 

ringen 1, 256 Nr. 268. 94 ) Heckenbach a. O. 
97 ff.; Agrippa v. Nettesheim 1, 231; 

Gerhardt Franz. Novelle 93; SAVk. 4, 220 ff.; 
Bachofen Mutterrecht 52. ö5 ) Liebrecht 

Gervashts in; MschlesVk. 21, 35. 96 ) Grimm 

Sagen 57. 74. 97 ) Caesarius v. Heisterbach 

I 53 1 . 98 ) Schell Bcrgische Sagen 454 Nr. 63. 

") Agrippa v. Nettesheim 1, 213 ff.; Abt 
Apuleius 19; Pauls Ring der Fastrada 12. 
1 ' iL ) Busch a. O. 360; Bräuner Curiositaeten 
109; Wolf Beiträge 2, 220. 10i ) Soldan- 

Heppe 1, 40. 59. 177. 102 ) Staricius 42. 

los ) Heyl Tirol 668 Nr. 144. 104 ) Alpenburg 

Tirol 252. 105 ) Baumgarten Heimat 2, 95. 

1C6 ) Lütjens Zwerg 82. 107 ) Schmitz Eifel 2, 
54; Wolf Beiträge 2, 293. 108 ) Kühnau Sagen 
3, 494. 109 ) Wundt Mythus 1, 293. m ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 110. 111 ) Panzer Beitrag 2, 


721 


Ring 


722 


442. 112 ) Mannhardt Germ. Mythen 695; 

Wolf Beiträge 2, 220; Kronfeld Krieg 60 ff. 
113 ) Kronfeld Krieg 62. llfl ) Schwebel Tod 
u. ewiges Leben c. 3 = Kronfeld Krieg 58. 
U6 ) Kronfeld Krieg 60. 116 ) Kühnau Sagen 

2, 174. 

2. Der Besitz von magischen R.en 
kann erreicht werden 

a) durch Magie. Der Mensch sucht 
ihn sich selbst zu fertigen. Die Er¬ 
zeugung erfolgt auf mannigfache Art; 
wesentlich ist immer die Vorschrift der 
Geheimhaltung; dazu kommt die Kon¬ 
stellation der Gestirne für die Zeit der 
Herstellung, die magische Bedeutung der 
Metalle und allenfalls des Steines. 
Die Vorschriften für die Erzeugung be¬ 
rühren bei der gegenwärtigen Natur¬ 
erkenntnis wunderlich, nicht so für das 
Altertum und MA. 117 ). 

b) durch Geschenke eines nicht mensch¬ 
lichen Wesens. Begreiflicher Weise er¬ 
scheint der R. als Talisman unter den 
Geschenken, die die Geister geben; meist 
sind Zwerge die R.spender. Die Be¬ 
dingungen für die R.gewinnung sind 
ebenso schwer erfüllbar wie die bei den 
anderen Geistergeschenken 118 ). Eine 
Kröte, eine Schlange erscheint als R.- 
spenderin 119 ); die Wasserelbe gibt dem 
Sonntagskind einen R. 120 ), und ebenso 
überreicht der Teufel einen beim Teufels¬ 
bund 121 ). Diese Wesen geben sich durch 
das Geschenk des R.es in die Macht 
des Empfängers, der sie auf seinen Wunsch 
zum Erscheinen zwingen kann. Dies wird 
durch Drehen bewirkt. Es setzt dies m. E. 
den R. mit Stein voraus, und dem R. 
liegt die ursprüngliche Bedeutung einer 
Bindung zugrunde, weshalb der Spender 
an den Empfänger gebunden erscheint. 

c) Der Besitz des R.es gereicht zum 
Verderben. Sowie sein Besitz den höchsten 
Schatz und das höchste Glück darstellt, 
so kann er, wenn er dem bisherigen 
Besitzer mit Gewalt entrissen und von 
diesem verflucht wird, dem neuen den 
Untergang bringen 122 ). 

d) Die Auffindung des verlorenen R.es 
bedeutet Wiedergewinnung des verlorenen 
Glückes. Das kann Reichtum, Gesund¬ 
heit, Glück im allgemeinen sein; auch 


die Seligkeit, denn diesen R. verlor die 
hl. Maria 123 ). 

e) Der freiwillig weggeworfene und 
wiedergefundene R. Unter den Kostbar¬ 
keiten, deren Besitz für einen Menschen 
nicht bestimmt ist, steht der R. zu¬ 
vorderst. Den zahlreichen Wandersagen 
bei verschiedenen Völkern liegen zwei 
Motive zugrunde; einmal ist es ein ma¬ 
gischer R., der für seinen Besitzer das 
höchste Glück darstellt, und das zweite 
ist, daß nicht der Mensch im dauernden 
Besitz höchster Güter sein darf, sondern 
nur die Götter, die mit Neid auf den 
Menschen erfüllt werden. Die bekann¬ 
teste Sage dieser Art ist die von Poly- 
krates 124 ). 

117 ) Staricius 193 ff. = Brandenburgia 
1916, 169; Agrippa v. Nettesheim 1, 107 ff. 
213 ff. 118 ) Grimm Sagen 19 Nr. 29. 24. 35; 
MschlesVk. 18, 77; Bolte-Polivka 2, 537. 
11B ) Kuhn u. Schwartz 468; Bolte-Polivka 
2, 537. i2 °) Wolf Beiträge 2,285. 121 ) Vernaieken 
Alpensagen 276. 122 ) Sieck eGötterattribute 2480. 
123 ) Grohmann 264. 124 ) Künzig in Fest¬ 

schrift f. John Meier 84 f.; Köhler Kl. Sehr. 2, 
209 (reiche Literatur); Aly Märchen 45. 90. 
250; Rochholz Gaugöttinnen 106; Grimm 
Sagen 179 Nr. 239; Ranke Sagen 242 ff.; 
Müllenhoff Sagen 134 Nr. 178; Kuhn u. 
Schwartz 303 Nr. 347; Kühnau Sagen 3, 
496; Wolf Beiträge 2, 4590.; Bartsch Meck¬ 
lenburg 1, 311; Liebrecht Gervasius 77 (reiche 
Literatur); Busch a. O. 364; Rtrp. 15, 16 Nr. 8 ; 
Sebillot Folk-Lore 3, 355. 

3. Der R. als Aufenthalt für Geister und 
Dämonen. Aus der Vorstellung von den 
dem R. innewohnenden magischen Kräf¬ 
ten, die aktiv wirkend gedacht werden, 
kann sich die von einem Aufenthalt der 
Geister und Dämonen in ihm entwickeln. 
Den Hexen wurde der Besitz solcher R.e 
zugeschrieben, mit denen sie „ehrliche 
Leute verführen und zu ihren Hexen¬ 
gelüsten gebrauchen könnten“ 125 ). 

D. Sonstiger R.aberglauben. 

Hier handelt es sich nicht um aber¬ 
gläubische Anschauungen, die aus der 
ursprünglichen Natur des R.es erfließen, 
und um die davon sich ableitenden aber¬ 
gläubischen Anschauungen, sondern der 
R. wird wie andere Gegenstände vom 
Menschen verwendet: 

1. zur Zukunftserforschung. Diese über 
den deutschen Aberglauben weit hinaus- 


723 


Ringelblume 


Ringelnatter—Rittersporn 


726 



reichende Verwendung ist eine rohe Form 
und ein Rest der Daktylomantie (s. d.). 
Aber gerade hier treffen wir ihn jetzt 
noch, und zwar in gewissen städtischen 
Schichten. Die bäuerlichen Menschen 
kennen diese Zukunftserforschung nicht, 
und zwar bedient man sich seiner zur Er¬ 
forschung 

a) des Ausganges eines Unternehmens. 
Der R. wird an einem Faden in einen 
Becher gehalten, bis er ohne bewußte 
Einwirkung des Trägers in Schwingungen 
gerät. Daraus wird die Erforschung ab¬ 
geleitet. Während der Frage nach dem 
Ausgang eines Unternehmens klingt der 
R. beim rechten Wort an. Der Faden 
muß ungenetzt und der R. ein Erbr. 
sein 126 ). 

b) der Heiratsaussicht. Es muß ein 
Erbr. oder ein Fingerr. (Symbol der Ehe) 
verwendet werden; statt des Fadens 
nimmt man oft ein Frauenhaar; die Er¬ 
forschung findet am hl. Abend 127 ) statt. 
Sooft der R. am Rande des Bechers an¬ 
schlägt, soviel Jahre wird es noch bis zur 
Hochzeit dauern (allgemein) 128 ). Beim 
zweiten Versuch gibt das Anklingen die zu 
erwartende Kinderzahl an 129 ). Beim 
Wahrsagen bedeutet der R. Verlobung 13 °). 
Ein in einen Brautkuchen eingebackener 
R. bedeutet für das Mädchen, das das 
Stück bekommt, daß es bald Braut 
wird 131 ). 

2. Um zu erfahren, ob ein Verschollener 
noch am Leben ist, bindet man in der 
Christ- oder Neujahrsnacht einen R. an 
einen Faden, welchen man zwischen die 
Finger nimmt; man stellt sich vor den 
Tisch und legt darauf ein Stück Brot 
und ein Häufchen Erde. Neigt sich der 
zwischen den Fingern baumelnde R. nach 
dem Brot, so lebt der Verschwundene; im 
anderen Falle ist er tot 132 ). 

E. R. im Brauchtum. 

R.reiten und -stechen nimmt eine 
Stelle ein in den Spielen, in denen die Dorf¬ 
burschenschaft das Frühlingsfest begeht. 
Der Wettstreit um den Maien hat da¬ 
durch eine besondere Erschwerung er¬ 
halten, daß am Ende des Umzuges mit 
dem Maien durch das Dorf auf einem 
freien Platz aus zwei senkrechten Pfosten 


und darüber einer Querstange eine ziem¬ 
lich hohe und laubgeschmückte ,,Barriere“ 
errichtet war. An dem Querbalken hingen 
zwei große eiserne R.e, die mit Weiden¬ 
ruten derartig umwunden waren, daß in 
ihrer Mitte nur mehr ein kleines Loch 
blieb. Jeder einzelne Reiter sollte nun 
im Galopp vom Sattel aus mit einer 
Gerte, die einem Holzsäbel glich, durch 
einen der R.e hindurchstechen 133 ). 

Hexenr.e sind kreisrunde Plätze im 
Rasen. Sind sie graslos, so wird dies 
der schädlichen Einwirkung zugeschrieben ; 
sind sie üppig, so sieht der Volksglaube 
darin die günstige Einwirkung der Geister. 
Sie gelten als Tanzplätze der Hexen, da¬ 
her der Name 134 ). 

125 ) Hansen Hexenwahn 227. 293; Schvvld. 6. 
1091. 126 ) Prätorius Deliciae pruss. 48; 

Drechsler 2, 242; Tylor Cultur 1, 126; 

Busch a. O. 359. 127 ) John Erzgebirge 152. 

i28) Wuttke 255 §366; SchwVk. 10, 37; 

Veckenstedts Zs. 2, 34 Nr. 1. 129 ) Meyer 

Baden 165. 131 ) Strackerjan 2, 234. 131 ) Höhn 
Hochzeit 1, 5; Busch a. O. 356. 132 ) ZfVk. 8. 

348. 133 ) Mannhardt 1, 62; MdBllVk. 1, 71 ff.; 
Anhalter Anzeiger v. 31. 5. 1925. 134 ) Volk u. 
Rasse 3, 114. Jungwirth. 

Ringelblume (Gold-, Totenblume; Ca¬ 
lendula officinalis). 

1. Botanisches. Korbblütler mit 
wechselständigen, lanzettlichen Blättern 
und großen goldgelben bis orangefarbigen 
Blütenköpfen. Die (inneren) Früchte sind 
ringförmig zusammengerollt. Die R. 
stammt aus Südeuropa, wird aber bei 
uns schon lange in Gärten und besonders 
auch auf Friedhöfen angepflanzt 1 ). In 
Nordthüringen heißt es, die R. gehöre 
nicht in den Garten, sondern auf den 
Friedhof 2 ). 

*) Marzell Kräuterbuch 167 f.; Heilpflanzen 
231—234. 2 ) ZfVk. 10, 213; 13, 390. 

2. Um sich bei Mädchen beliebt zu 
machen, muß man stets die Wurzel der R. 
in einem violettseidenen Tüchlein bei sich 
tragen 3 ). Vielleicht spielt darauf auch 
Bocks 4 ) Bemerkung an: „Etliche Weiber 
treiben Superstition damit / brauchen sie 
zu der bulschafft“. In England 5 ) wird die 
R. zu Liebesorakeln, bei den Südslawen im 
Liebeszauber gebraucht 6 ). 

3 ) Lammert 151 = Hovorka u. Kron- 
feld 2, 170. 4 ) Kreuterbuch 1551, 55V. 6 ) Dyer 

Plants 95. 6 ) Krauß Sitte u. Brauch 165. 


3. Wenn man am Weihnachtsabend 
oder Weihnachtsfeste die Brotkrümelchen 
vom Tisch sammelt und solche im nächsten 
Frühjahr aussät, werden daselbst R.n 
(„Weckbrösela“) aufgehen 7 ). Das glei¬ 
che glaubt man anderwärts vom Mutter¬ 
kraut (6, 702). 

7 ) Oberfranken: Frank. Heimat 2 (1923), 55. 

4. Wegen der gelbroten Blüten wird der 
Tee aus den Blüten der R. gegen Gelb¬ 
sucht 8 ), Rotlauf 9 ), gegen „Feuer“ 
(Schweinerotlauf) 10 ) gebraucht. Auf die 
rötliche Blütenfarbe geht vielleicht auch 
die Anwendung gegen Brandwunden 11 ) 
und blutige Milch der Kühe 12 ). 

8 ) Kummer Volkst. Pflanzennamen usw. aus 

dem Kt. Schaffhausen 1928, 11S. 9 ) Steiermark: 
Bl. f. Heimatkde. Graz 5 (1927), 47. 10 ) Schiller 
Tierbuch 1, 22. n ) D. Kuhländchen 9 (1927), 
108. 12 ) Albertus Magnus. Toledo 20 1, 85; 

Mnböhm Exc. 21, 187. Marzell. 

Ringelnatter s. Schlange. 

Ringfinger s. Finger 2, 1494 ff. 

Rispengras s. Gräser 3, 1114. 

Ritt (Fieber) s. Nachtrag. 

Ritter, 10000 s. Märtyrer 5, 1726. 

Rittersporn (Feld-Rittersporn; Delphi- 
nium consolida). 

1. Botanisches. Der R. hat doppelt 
gefiederte Blätter, deren Abschnitte sehr 
schmal sind. Die Blüten sind dunkelblau, 
besitzen einen spornartigen Fortsatz und 
stehen in lockeren Trauben. Der R. ist 
ein in manchen Gegenden ziemlich ver¬ 
breitetes Ackerunkraut x ). 

l ) Marzell Kräuterbuch 37S. 

2. Im 16. Jh. berichtet Sebastian 
Franck 2 ) aus Franken: „An S. Johanns¬ 
tag machen sy ein simetfeur / Tragen auch 
disen Tag sundere krentz auff / weyss 
nit auss was Aberglauben / von beyfuß 
und eysenkraut 3 ) gemacht / und schier 
ein yeder ein blaw kraut / R. genant / in 
der Hand / welches dardurch in das feur 
sihet / dem tut diss gantz jar kein aug 
wee / wie sy aberglauben / wer vom feur 
zuhauss weg will geen / der würfft diss 
sein kraut in das feur sprechende / es gee 
hinweg vnd werd verbrent mit disem 
kraut all mein vnglück“. Nach Schöpp- 


n e r 4 ) trug das fränkische Landvolk am 
Johannisabend R. in der Hand, hielt 
diesen vor die Augen, wenn man ins Feuer 
sehen wollte und glaubte dann das ganze 
Jahr hindurch von allen Augenkrank¬ 
heiten verschont zu bleiben 5 ). In Böhmen 
sieht man am Johannisabend durch einen 
Kranz des Krautes „Je länger, je lieber“ 
(vielleicht ist hier unter diesem Namen 
Galium aparinezu verstehen, s. Labkraut) 
nach einem Johanniskäferchen; das stärkt 
die Augen und wehrt die Krankheiten 
derselben 6 ). Überhaupt gilt der R. seit 
alters (vielleicht wegen der schönen blauen 
Blüten) als Mittel gegen Augenkrank¬ 
heiten 7 ). „Rittersbiomen (= R.) dry in 
iungfrauwen Wachs gewircket und an den 
hals gehencket und do mit sant Otilien 
ein messe gefrommet oder dry almüsen 
vmb yren namen geben oder dry pater 
noster andechtiglichen gebeth oder disse 
dry gotes dinst alle gethan Syn äugen 
blyben gesunt die wyle der mensch lebet, 
un wan dich duncket dyne äugen brest- 
hafftig werden salt du diß wachs by dir 
halten dry dage mit der obgeschrie¬ 
ben büß. Item disse blomen alle dage 
angesehen denselbigen dag kommet dir 
keyn äugen wethum. und ettlich nemen 
disser blomen eyn buschlin und hencken 
sie vber die dor der stoben oder kammern 


XAll 






blomen hait die lyebe iungfrawe sant 
Otilia sunderlichen in eren gehabt do 
von ynen dan solicher gewalt kommen 
ist" 8 ). Der R. heißt nach der Patronin 
der Augenkranken auch „Ottilienkraut“ 9 ). 
Wie andere Pflanzen, die beim Johannis¬ 
feuer Verwendung, gilt auch der R. als 
blitzabwehrend 10 ). 

2 ) Weltbuch 1534, 5iv; lateinisch in Boemus 
De omnium gentium ritibus 1520, LIX = Sch mel¬ 
ier BayWb. 2, 299. 3 ) s. oben 1, 1004 ff.; 2, 733 f. 
4 ) Sagen 1, 249. 5 ) Vgl. Grimm Myth . 1, 

514 h; Wuttke 80 §93; Bavaria 4, 242; 

Rosegger Steiermark 260; Reinsberg Böhmen 
310. 6 ) Grohmann 98; vgl. auch Marzell 

Heilpflanzen 207. 7 ) Weinkopf Naturge¬ 
schichte 73. 8 ) Ortus Sanitatis, deutsch, Mainz 

1485 cap. 95; vgl. auch Brunfels Kreuterbuch 
19; ZfVk. 24, 16; Birlinger Aus Schwaben 1, 
417. 9 ) Hertz Elsaß 1S9. 1 ) Bohnenberger 
112; Kap ff Festgebräuche 64; Gegend von 
Nördlingen: Oiig.-Mitt. von Schlagbauer 
1926. 




Ritualmord 



3. R. wird in Tartlen (Siebenbürgen) 
gegen Hexen und angezauberte Krank¬ 
heiten empfohlen. Man steckt ihn über 
die Stalltür. Wenn dann die Truden 
kommen, sprechen sie: „Hier sind blaue 
R., hier haben wir unsere Spur verlom“. 
Die Tiere des Stalles werden dann nicht 
geritten und nicht gequält 11 ). Ähnlich 
legt man dort einer Gebärenden R. und 
Hagedorn unter das Bett, um die Truden 
zu vertreiben, die dann mit dem Ausruf 
„Hier ist R. und Hagedorn, hier ist all 
unser Tun verlor’n“ entfliehen 12 ). 

ll ) Halt rieh Siebenb. Sachsen 297. 12 ) Witt- 
stock Siebenbürgen 77. 

4. In der Sympathiemedizin wird 
der R. hin und wieder verwendet. „Wenn 
eine Frau ihren Fluß zu viel hat“ (Me¬ 
trorrhagie), soll sie R. in den Schuh 
tun und etwa drei Tage darauf gehen 13 ). 
In Siebenbürgen legt man überhaupt bei 
Krankheiten R. in die Schuhe 14 ). Offen¬ 
bar wegen des „stechenden“ Spornes ver¬ 
wendet man R. gegen das „Stechen in 
der Brust“ 15 ). Nach einem alten Haus¬ 
buch trinkt man einen Absud von R., der 
an Johanni gesammelt wurde, gegen 
Harnverhaltung 16 ). 

13 ) Zahler Simmental 192. I4 ) Haltrich Sie¬ 
bent?. Sachsen 297. 15 ) MschlesVk. 12, 114. 

16 ) Höhn Volksheilkunde 1, 115. Marzeil, 

Ritualmord. Als R. bezeichnet man 
aus religiösen Gründen erfolgte Morde. 
Im deutschen und überhaupt westeuro-, 
päischen Gebiet schreibt man gemeinhin 
Freimaurern (s. d.) und Juden dergleichen 
zu. Es soll hier nur von letzteren die Rede 
sein. 

Als Anlaß zum Mordverdacht werden 
jüdische Kultgebräuche genannt 1 ), die das 
Geheimnis einer jüd. geheimen Sekte 
seien la ). Als solche nennt Rohling in Hin¬ 
sicht auf Trient (1475!) die Chassiden la ), 
die aber erst dem 19. Jh. angehören. Doch 
scheint der Glaube eher auf die Formel 
„Der Jude ist Christenfeind“ zurück¬ 
zuführen zu sein. Die Kirche hat schon 
früh gegen die Juden geeifeit 2 ). Abge¬ 
sehen von wenigen unsicheren Angaben 
reifte aber erst in den erregten Zeiten der 
Kreuzzüge der Haß zu Taten. Dabei 
scheint es, als ob die Mordbeschuldigung 


sich jeweils als das Ergebnis einer sich 
ständig steigernden Erregung auslöst, — 
so in der Kreuzzugszeit, so in Trient, wo 
wir im 15. Jh. genau feststellen können, 
daß judenfeindliche Volkspredigten der Be¬ 
schuldigung vorangehen, und daß in 
diesen Predigten bereits die Beschuldigung 
auf klingt (s. u.). Vgl. auch die Predigten 
des Giordano da Rivalto 14. Jh. 3 ). In 
neuester Zeit haben antisemitische Kreise 
die Beschuldigungen neu erhoben 4 ), wobei 
sie sich für ihre Behauptung, von früher 
bereits ausgesprochenen Gründen abge¬ 
sehen, auf „talmudische Ritual Vorschrif¬ 
ten“ (Thikunne Sohar 88b), vielmehr also 
einen Kabbala-Text berufen 5 ). 

Als erste Form des R.s wird das Mästen 
und Fressen eines Menschen angeführt 6 ) 
(Im frühen Christentum sollen die Ma- 
trona zu Thessalonika 7 ) und der hl. 
Mantius 8 ), ein Knabe Celsius in Anti¬ 
ochien, Modestius und Amonius zu Alex¬ 
andria, Quiricus zu Tarsus in Cilicia, 
zehn Kinder zu Alexandria 83 ), aus Haß 
gegen die christliche Religion gemordet 
worden sein). Später wird von Kreuzi¬ 
gungen gesprochen (419 zu Imnestar 
zwischen Chalcis und Antiochien 8b ), 1191 
in Braisne 8c ); s. Jude); in Valreas 
wird dann das Schlachten, um das 
Blut zu gewinnen, als Kreuzigungs- 
ersatz betrachtet 22 ). Schließlich spielt 
seit 1889 die Blutentziehung ohne Tö¬ 
tung eine Rolle, nachdem nämlich der 
Fall eines geisteskranken Breslauer jü¬ 
dischen Studenten Bernstein bekannt 
geworden war, der Knaben durch Ritzung 
des Penis Blut entzog 9 ). Es sind das die 
Beschuldigungen von Eisleben (erzählt 
in Posen) 1892 10 ), Prag 1893 n ), Mährisch- 
Trübau 1896 12 ). Man sieht, wie zeitlich 
und örtlich die Anschuldigungen vom 
Breslauer Fall herleiten. 

Ich gebe jetzt eine Zusammenstellung 
der mir bekannten „Fälle“: 

1148 Hl. Wilhelm von Norwich 12a ). 

1171 Blois 13 ). Vgl. Jude. Jedes Jahr 
in Karwoche muß ein Christ geopfert 
werden 14 ). 

1179 Richard von Paris gemordet 15 ). 

1179 Boppard 16 ). 


729 


Ritualmord 


730 


1181 Rodbertus in London gegen 
Ostern 17 ). 

1181 Kind in Prag mit Pfriemen zer¬ 
stochen 18 ). 

Dominico in Saragossa 183 ). 

1198 Nürnberg 19 ). 

Man sieht, daß abgesehen von der sehr 
spät erhobenen Prager Beschuldigung, 
die Sage aus den westlichen Ländern nach 
Deutschland gelangt. 

1202 Lauda im Würzburgischen(?) 20 ). 

1225 wird einem Kind in München an¬ 
geblich Blut abgezapft 20a ); ebenso 1235 ! 
in Erfurt 20b ). 

1235 Fuldaer Knaben bei Hagenau 
geschlachtet 21 ). 

1240 Kindesverschleppung in Norwich; 
das Kind soll nach Beschneidung gekreu¬ 
zigt (!) werden 223 ). 

1247 erklärt Innocenz IV. sich gegen 
die Mordbeschuldigungen (bes. Fulda 22 )). 

1244 St. Paul in London getötet 23 ). 

1244 Glovecester 24 ). 

1247 Valreas (Dep. Vaucluse) 25 ). 

1250 Dominikus de Val in Saragossa 253 ). 

1255 Hl. Hugo zu Lincoln gekreuzigt 25b ). 

1257 London 26 ). 

1260 Heinrich Menger von Weißen¬ 
burg 27 ); nach jüdischen Quellen fällt der 
Todestag 1270 28 ). 

1261 Forchheim; Verlesung für Pforz¬ 
heim! 1267 oder 1271 Pforzheim 29 ). 

1279 e ^ n in London gekreuzigt 29a ), 
in Nordhampton zerstochen 290 ). 

1283 Mainz 30 ). 

1285 (auch 1282. 1286) München 31 ). 

1285 Aventin führt als Marginalie zur 
Münchener Nachricht Regensburg an 32 ). 

1287 Wernher von Wesel 33 ). Diese 
Sage ist bis auf unsere Tage in der Volks¬ 
literatur weitergegeben worden 34 ). 

1288 oder 1287, hl. Rudolf in Bern 35 ). 

1292 Colmar 36 ). 

1292 Constanz. Verlesung für Colmar 36a ). 

1293 Krems in Österreich 37 ). 

1294 Bern 38 ). 

Allgemein 14. Jh. 39 ). 

1302 Remken 40 ). 

I 3°3 Conrad aus Weißensee (Thürin¬ 
gen) 41 ). 

1305 Prag (Kreuzigung?) 42 ). 

1317 Chinon (Tourraine) 43 ). 


1320 Chorknabe in Puy 43a ). 

1321 Junger Geistlicher in Annecy 43b ). 
1329 Savoyen 43 ). 

1332 Ulrich Frei aus Überlingen (der 
„gute Ulrich“) 44 ). 

1338 Ein Adliger aus Franken 44a ). 
1345 Sei. Conrad in München 45 ). 

1347 Karfreitag in Messina ein Kind ge¬ 
kreuzigt 44a ). 

1349 Zürich 46 ). 

1350 Hall in Schwaben 47 ). 

1350 Ein Schüler Johannes inKöln 47a ). 
1380 Hagebach in Schwaben 48 ). 

1392 Zürich 49 ). 

1401 Conrad von Dießenhofen (b. 
Schaffhausen) 50 ). 

1407 ebd. 51 ). 

1407 Krakau 52 ). 

1410 Thüringen 53 ). 

1420 Wien, Enns 54 ). 

1428 Ludwig Etterlin von Brugg in 
Ravensberg 55 ). 

1442 Ursula Pöck in Lienz in Tirol 56 ). 
1445 Ahausen bei Merseburg 57 ). 

1452 Saona 58 ). 

1453 Breslau 59 ). 

1454 Turin 60 ). 

1454 Knabe in Kastilien 61 ). 

1456 Pavia 62 ). 

1460 Krakau 63 ). 

1462 hl. Andreas Oxner von Rinn in 
Tirol aus Haß gegen den christl. Glauben 
ermordet 64 ). 

1462 Endingen 65 ). 

1468 Kreuzigung einer Christin in Se- 
pulveda (Altkastil.) 65a ). 

(1474) 1476 Regensburg (vgl. zu 

i486!) 66 ). 

1475 Sei. Simon von Trient (aus Haß 
gegen den christl. Glauben) 67 ). 

1476 Sechs Kinder in Regensburg 67a ). 
1480 Motta in Friaul 68 ). 

1480 Treviso 69 ). 

1480 Sei. Sebastiano aus Bergamo 69 ). 

1485 Fünfj ähr. Knabe Lorenz zu Ma- 
rostica im Vicentinischen Gau 69a ). 

1486 Regensburg 70 ). 

1490 Innocenz von Guardia 70a ). 

1494 Tyrnau (Ungarn) 71 ). 

1495 Engen in Schwaben 72 ). 

1496 Anschuldigungen in Österreich 73 ). 
1500 Berlin 74 ). 


73i 


Ritualmord 


732 


1503 Langendenzlingen b. Buchen 
(Oberpfalz) 75 ). 

1503 Waldkirch 76 ). 

1503 Krakau 76 ). j 

1504 Frankfurt a. M. 77 ). 

1505 Budweis 78 ). 

1509 Hostienschändung und Kinder¬ 
mord 78a ). 

1509 Kind eines Wagners in Bosingen 
(Ungarn) 78b ). 

1509/1510 Berlin 7Ö ) oder Branden¬ 
burg ®°). 

1509 Verden 80 ). 

1514 Jude Pfefferkorn in Halle 81 ). 

1520 Tymau und Biring (Ungarn) 82 ). 

1525 ..Ein ritueller Mord in Buda¬ 
pest“ 82a ). 

1529 (1509) Pösing (Ungarn) 83 ). 

1540 Michael Pisenwarter aus Sappen¬ 
feld in Heitingen getötet 84 ). ; 

1541 Regensburg 85 ). 

1543 Kripowitz (Kreisewitz) b. Leob- 
schütz O.-S. 86 ). 

1547 Söhnchen eines Schneiders in Rava 
(P ölen) gekreuzigt 86a ). 

1569 Knabe Kozanina aus Petrikau in 
Witow ermordet 87 ). 

1573 Berlin 88 ). 

1574 Mädchen Elisabeth aus Lublin 
in Punie (Lithauen) 89 ). 

1 575 Die Juden töten Michael von Ja¬ 
kobi 89a ). 

1579 Kinderraub in Zglobice 90 ). 

1586 Christenkinder verschwunden 90a ). 

1590 Szydlow 91 ). 

1592 Wilna, Knabe Simon 92 ). 

1595 Gostyn (Posen) "). j 

1597 Szydlow 90 ). 

1598 Knabe Albert Wojciech aus Lu¬ 
blin 93 ). 

1650 Matthias Tillich in Kaaden 94 ). 

1655 Tunguch (Tongern, Niederdeutsch¬ 
land) 95 ). 

1665 gekaufte Frau, Wien 96 ). 

1669 Glatigny bei Metz 97 ). 

1675 Vierjähriges Kind in Mies (Böh¬ 
men) 97a ). 

1682 Berlin, versuchter Kauf eines 
Kindes 98 ). 

1684 Gabriel aus Grodno, in Bialystok 
gemordet 98a ). 

1690 Ciechanow (Polen) "). 


1692 Sulzbach 100 ). 

1705 Viterbo 101 ). 

1753 Dreijähriger Knabe Studzinski in 
Kijew 98a ). 

1764 Orcuta oder Orkul (Ungarn), der 
Knabe Balla 102 ). 

1790 Ungwar (Ungarn) 103 ). 

1791 Tasnad (Siebenbürgen) 104 ). 

1791 Pera 104a ). 

1791 Zwei ,,Blutmorde“: Holleschau 
(Mähren) und Woplawicz (Bez. Lublin) 98a ). 

1803 Zweijähriges Kind aus Buchhof 
bei Nürnberg 1041 ). 

1804 Kindesraub in Gräfenberg bei 
Nürnberg 98a ). 

1810 Aleppo 105 ). 

Anfang 19. Jh. im Bergischen (Amt 
Miselohe) 106 ). 

1812 Korfu 106a ). 

1823 Jemelian Iwanow in Wielicz 
(Gouv. Witebsk) 107 ). 

1824 Fatch-allah-Seyegh in Beyrut 98a ). 

1827 Ossib Petrowicz in Wilna 98a ). 

1827 Warschau 112 ). 

1829 Boleslaw an Weichsel (Galizien) 108 ). 

1829 Entführte Frau Gervalon in Turin, 
die getötet werden soll 98a ). 

1831 Petersburg 112 ). 

1834 Neuenhoven (Düsseldorf) 109 ). 

1834 Ein Greis in Tripolis 104a ). 

1839 Achtjähr. Knabe auf Rhodus 104a ). 

1839 Damaskus 106a ). 

1839 Wolki Galizien 108 ). 

1839 Niedzow, Bochnier Kreis, Ga¬ 
lizien 108 ). 

1840 Kapuzinerpater Thomas und Die¬ 
ner in Damaskus 110 ). 

1842 Königsberg 111 ). 

1483 Korfu u. Rhodus 112 ). 

1844 Tamow 108 ). 

Um 1850 Gegend von Niederempt 113 ). 

1860/73 Enniger b. Ahlen (Westfalen) 114 ). 

1875 Anschlag auf die 16jährige Anna 
Zampa in Zboro (Ungarn) 98a ). 

1877 Theresia und Peter Szaabo in 
Szalaacs (Ungarn) 98a ). 

1879 Blutentziehung bei einem Dienst¬ 
mädchen in Budapest 98a ). 

1879 Sechsjähriges Mädchen in Kutais 
(Kaukasus) 98a ). 

1881 Ein Mädchen Koczis in Kaschau 
(Ungarn) 98a ). 


733 


Ritualmord 


734 


1881 Achtjähriges Mädchen in Stein- ziehen. Aber — und dieses Gefühl ist auch 
amanger 98a ). auf antisemitischer Seite klar vorhanden, 

1881 Lutscha (Galizien) 115 ). Beschuldigungen lehren nichts, solange die 

1881 Evangelio Fornoraki in Alexandria Beweise mangeln. Der Breslauer Kinder- 

(Ägypten) 112 ). mord von 1926 132a ) ergab, so weit ich 

1882 Ester Solymosi (i4jährig) in Tisza- ihn in den Berichten der Polizei verfolgen 

Eszlar (Ungarn) 116 ) und vorher in Hajdu- konnte, nichts, was berechtigte, auf einen 
Nänäs 116a ). R. zu schließen; er wird heut einem ehe- 

1882 u. 1883 Mehrere Fälle in Galata maligen, sexuell belasteten, Studenten zu- 
(Türkei) 98a ). geschrieben, der slavischer Herkunft ist 133 ). 

1884 Onophrius Cybulla in Skurz (Pr. Erst eine wissenschaftlich einwandfreie 

Stargard) 117 ). und quellenkritische Forschung würde es 

1885 Ein junger Kopte in Mit-Kamar gestatten, von mehreren exakt bewiesenen 

{Ägypten) 98a ). Fällen auf weitere in diesem Register ver- 

1888 Max Bernstein entzieht dem zeichnete und ihre Tatsächlichkeit zu 
Knaben Hacke in Breslau Blut 9 ). schließen. Die Untersuchung Graus 158 ) 

1891 Johann Hegemann in Xanten zeigt auf, wie eine solche Untersuchung zu 
a. Rhein 118 ). führen wäre. 

1891 Nagy-Szokol (Tolnaer Komitat, Es mag im Anschluß an dieses erschüt- 
•Ungarn) 119 ). ternde Register nur noch die Frage behan- 

1891 Korfu 12 °). delt werden: zu welchem Zweck verwende- 

1892 Ingrandes (Dep. Vienne) 121 ). ten die Juden das Blut: Da heißt es, sie 

1892 Bacau (Rumänien) 122 ). müssen Christenblut essen 134 ) oder trin- 

1893 Ostrowo (Gouv. Lublin) 123 ). ken 135 ); in ihm baden 136 ); bereiten aus ihm 

1893 Holleschau b. Ung.-Hradisch 124 ). eine Tunke zum Passahfest 137 ); verbacken 

1893 Kolin in Böhmen 125 ). es in der Mazze 138 ), essen das Herz 139 ), ent- 

1894 Berent (Westpreußen) 126 ). sühnen sich durch Christenblut 140 ), opfern 

1898 Skaisgirren (Ostpreußen) 127 ). es Gott 141 ), kommunizieren Karsamstag 

1899 Maria Klima (1898) und Agnes damit 142 ). SiehaltendasBlutfüreinHeil- 

Hruza in Polna in Böhmen 128 ). mittel 143 ) gegen ihren Gestank (s. Ju- 

Unbestimmt im 19. Jh. wird von einem de) 144 ), um den Aussatz 145 ) und unheil- 
R.-Versuch in Sprottau 129 ), im 20. Jh. bare Leiden 146 ) zu kurieren. In Folge 
in Lauterbach Kr. Nimptsch, Schlesien ihres Ausspruches, Christi Blut möge 
(mündl.) erzählt. über sie kommen, leiden beide Geschlechter 

1900 Könitz (Westpreußen) 130 ). an periodischen Blutungen, von denen 

1911 Andrej Juschtschinski in Kiew 131 ). das Christenblut befreit 147 ). Es erleich- 
1919 Eine Flugschrift des Hammer- tert ihren Weibern auch die Geburt 148 ), 

Verlages spricht den Verdacht aus, daß macht Alte wieder jung 149 ) und man 
die vom ,.Weltbund Kinderdank“ ver- bestreicht Sterbende damit 150 ). Die 
mißt gemeldeten Kinder R.en zum Opfer Neugeborenen bringen an der Stirn zwei 
gefallen seien 132 ). Finger mit auf die Welt, die nur mit Blut 

1926 Breslau (Fehse-Kindermord): abgelöst werden können 151 ). Die Be- 
mündlich 132a ). schneidungswunde wird mit Christenblut 

1928 Petrovoselo (Jugoslavien) 133 ). gestillt 151 ). Endlich bedienen sie sich des 

1928 Helmut Daube in Gladbeck Westf. Christenblutes zum Liebeszauber 152 ) und 

(Hußmann-Prozeß) 132,) ). um Seuchen zu erregen 153 ). Jährlich 

1929 Karl Keßler in Manau b. Hof- zu Ostern 154 ) oder alle sieben Jahre 155 ) 

heim (Unterfranken) 132a ) b ). ermorden sie ein Christenkind und ver- 

1932 Martha Kaspar in Paderborn 98a ). teilen das Blut über alle Gemeinden; 
Ein Lustmord in Sittersdorf, wohl in den die Gemeinde, in welcher der Mord zu 
letzten Jahren 132c ). geschehen hat, wird unter ihnen aus- 

Es liegt hier nahe, eine Summe zu gelost 156 ). Es ist nach alledem verstand- 


735 


Ritualmord 


73<> 


lieh, daß ihnen sogar Blut zum Kauf 
angeboten worden ist 157 ). 

Zur Literatur: Erich Bisch off Das Blut 
im jüd. Schrifttum und Brauch; Athanasius 
Fern Jüdische Moral und Blutmysterium (ohne 
jede kritische Genauigkeit, so daß nicht einmal die 
Zitate stimmen); Ljutostanski Ritualmorde 
in Rußland; Ed. Drumont La France juive. 

x ) Strack Blut 197 f.; Birlinger Schwaben 2, 
407 f.; Christian Loge Gibt es jüd. Ritualmorde 
I 934 * 27. 47 f- (Moldavo). la ) Loge 27 f. 9 ff. 
47 ff. (Moldavo). 51 (nach Aug. Rohling Meine 
Antworten an die jüd. Rabbiner 1883 4 , 103). 184. 
2 ) Murawski D. Juden b. d. Kirchenvätern 
1925; Pawlikowski 715 ff. 3 ) M. Güde- 
mann Gesch. d. Erziehungswesens u. d. 
Cultur d. Juden 1884, 2, 260. 4 ) Athanasius 
Fern jüd. Moral u. Blut-Mysterium 1926 5 . 

6 ) Dagegen Georg Caro Sozial- u. Wirtschafts - 
gesch. d. Juden 1908, 1, 411; Strack Blut; 
Wilh. Münz R. und Eid (offener Brief an 
M. d. R. Liebermann von Sonnenberg) 1902. 
*) Josephus 1. 2 contra Apion. = Joh. Jak. 
Schudt jüd. Merkwürdigkeiten 1714, 4, 61 f. 

7 ) AA. SS. Mart. II, 396. 8 ) Ebd. Maji 5, 31 ff. 

8a ) Bulle Beatus Andreas: Loge 42 f. 8b ) Nach 
Sokrates in der Fortsetzung zur Kirchengesch. 
d. Eusebius: Loge 46; Julius Streicher in der 
Wochenzeitung ,,Der Stürmer'* 1934 Sonder¬ 
nummer 1 (zitiert: Streicher). 9 ) Strack 
Blut 102 f.; Streicher. Doch ist schon 1835 
und 1840 davon die Rede: Wegweiser (Görlitz) 
1835, 40; Silesia 1840, 261. 10 ) Strack 156. 

n ) Ebd. 160. 12 ) Ebd. 162. 12a ) Loge 37. 43 
(Bulle Beatus Andreas); Streicher AA. SS.; 
Mart. III 588 ff. 13 ) Wohl Constantin Ritter 
Cholewa v. Pawlikowski hundert Bogen 
aus mehr als 500 alten u. neuen Büchern über 
die Juden neben d. Christen 1839, 674 f.; Strei¬ 
cher. 14 ) Caro 1, 358; AA. SS. Mart. III 591. 
lb ) AA. SS. Martii 3, 591 ff.; Fern 22; Loge 37. 
43 (Bulle Beatus Andreas); Streicher. 
lß ) Otto Stobbe d. Juden in Deutschld. 1866, 

280. 17 ) AA. SS. Martii 3, 589; April. II 505; 
Streicher; zu diesen Nachrichten gehört auch 
die engl. Ballade bei Herder Stimmen d. Völker 
3 Nr. 15 (Hempels Ausgabe 5, 157 ff.). 
18 ) Schudt 4, 153 f. 18a ) Streicher nach 
Bianca Hispania illustrata 3, 657. 19 ) Stobbe 

281. 20 ) Alemannia 10, 5. 20a ) Streicher nach 

Meichelbeck Hist. Bavariae 2, 94. 2ob ) Strei¬ 
cher nach Henri Desportes Lß mystere du sang 
66. 21 ) AA. SS. April. 2, 505; MG. SS. 16, 31; 
Annales Marbacenses (ed.Reincke-Bloch 1908) 
in MG. SS. in us. schol. 98; Caro 1, 410. 305; 
Strack 135 f. 194; Buchberger Kirchl. Hand¬ 
lexikon 2 (1912), 1787!.; Loge 45 nach Fricdr. 
Raumer Gesch. d. Hohenstaufen 5 2 , 352; Strei¬ 
cher; Pawlikowski 181. 679. 22 ) Caro 1, 

305. 422 ;Güdemann2,88; Strack Blut 170 f.; 
Loge 193 ff.; Meyer Aberglaube 196. 23 ) Caro 
2, 16; Fern 22; Streicher; Stobbe 281 f.; 
Montan us Volksfeste 133. 24 ) AA. SS. Martii 
3,591. 25 ) Strack Blut 136 ff. 195. 25a ) Strei¬ 


cher. 25b ) Loge 37; Streicher nach AA. SS. 
Mart. 3, 589. 26 ) Pawlikowski 178; Fern 23; 
Streicher; Meyer Aberglaube 197. 27 ) MG. 

SS. 17, 191; Streicher falsch 1220 nach AA. 
SS. April. 2, 505 u. Murer Helvetia sancta ; Strei¬ 
cher bringt unter 1260 den Fall ein zweites Mal;. 
Fern 23. 28 ) Hertzogs Edelsasser Chronik - 
Strack Blut 139. 29 ) AA. SS. Aprilis 2, 505. 
838; Thomas Cantiprat ensis Bonum uni¬ 
versale de apibus 1605, 304 f. (c. 29) — Grimm 
Sagen Nr. 353; Pawlikowski 181. 187. 677; 
Streicher; Meyer Aberglaube 196 f. 29a ) Strei - 
eher. 29b ) Streicher nach Desportes 67. 
30 ) Caro 2, 195 f.; Strack Blut 139 f.; Fern 23; 
Streicher; Stobbe 282. 31 ) MG. SS. 17, 415; 
7, 187; 9, 810; 10, 10; 13, 57; Aventinus Chro¬ 
nica CCCCLXX; A. Caro 2, 196; Strack 124; 
Schudt 1, 452; 4, 229; Pawlikowski 178. 181. 
679; Streicher nach Räder Bavaria sancta 1, 
315, und noch einmal 1286 nach Murer. Fern 
23. 32 )s. Anm.28. 33 ) MG. SS. 9, 746; 17, 77.214. 
255 - 4 1 5 : 24, 213. 470t.; 25, 711; AA. SS. Aprilis 
2, 697 ff.; Strack 140 f.; Schudt 4, 288; 
Fern 23; Loge37; Streicher; Grässe Preußen 
2, 133 f.; Montanus Volksfeste 133. 34 ) Strack 
140 f. 35 ) Schudt 1, 335; 4, 2i6f; Streicher 
nach Henricus Murer Helvetia sancta 1648, 299f. 
36 ) MG. SS. 17 219; Streicher; AA. SS. April 2, 
504 ff. 36a ) AA. SS. April 2, 505. 37 ) Caro 2, 196; 
MG. SS. 9, 658; Stobbe 283; Fern 23 (zitiert 
den Fall nach MG. SS. 11, 658, wo Benzo, ad 
Heinricum IV. steht, Streicher folgt Fern und 
zitiert MG. SS. 11, 658). 3S ) Stobbe 283; Loge 
37; Streicher nach Desportes. 39 ) Caro 2, 
192.194 f. 40 ) Stobbe283; Fern 23; Streicher. 
41 ) MG. SS. 25, 715 t. 717; SS. in vernacula 
lingua: Dtsch. Chroniken 2, 309; AA. SS. April 2, 
505; Caro 2, 198; Strack 143; Tentzel monatl. 
Unterredungen 1693, 556; Pawlikowski 178; 
Fern 23; Streicher. 42 ) Tentzel monatl. Unter¬ 
redungen 1693, 556; AA. SS. April. 2, 505; Paw¬ 
likowski 178; Streicher; Joh. Dubrawius 
historica Bohcmica 1687, 492 u. Martin Boregk 
Behmische Chronica 1587, i, 258. 43 ) Strack 

Blut 144 f. 43a ) Streicher. 43b ) Streicher. 
44 ) Joh. Vitodur. chronica ed. F. Baethgen 
MG. SS. in nova series 1924, 117; Birlinger 
Aus Schwaben 2, 408; Lachmann Überlingen 
4off. 42; Waibel u. Flamm 25 ff.; Strack 132 
N. 1; Streicher. 44a ) Streicher nach Des¬ 
portes. 45 ) Räder 2, 333; Streicher; Caro 
2, 205; Pawlikowski 178. 679. 46 ) Henricus 

Murer Helvetia sancta 1648, 312 nach Stumpf 
Schweizerchronik 1. VI. c. 8; Bullinger Zürcher 
Chronik 1. 7 c. 20; Schudt 1, 333. 47 ) Ebd. 1, 

359. 47a ) Streicher nach AA. SS. (ohne Band- 
und Seitenzahlen). 48 ) Pawlikowski... 679; 
Streicher nach Martin Crusius Jahrbücher 
aus Schwaben P. III. lib. 5. 49 ) Schudt 1, 333. 
50 ) AA. SS. Aprilis 2, 838; Murer Helvetia sancta 
313; Fern 23; Streicher. 51 ) Fern 23; Strei¬ 
cher; AA. SS. April 2, 838. 52 ) AA. SS. Aprilis 
2, 838; Schles. Provinzialbl. 117 (1843), 382:8.; 
PawlikoAvski 187.679. 53 ) Fern 23; Streich er. 
54 ) Stobbe 192; Pawlikowski 682. 23 ff. 


737 


Ritualmord 


738 



“) Birlinger Schwaben 1, 28 ff; Fern 23; 
Streicher. 56 ) Bulle Beatus Andreas - Loge 
43; Pawlikowski i8gff. 191 f. 57 ) Amira 
Endinger Judenspiel 10. 58 ) Pawlikowski 
683t.; Streicher. 59 ) Kühnau Breslauer 
Sagen 1926, 105; Peuckert Schlesien 44; 

Stobbe 193; Streicher nach Desportes. 
•°) AA. SS. Aprilis 2, 838; Fern 24. 61 ) Ebd.; 

AA. SS. April 2, 838; Pawlikowski 685 f.; 
Fern 23 f.; Streicher. 62 ) Pawlikowski 
682; Fern 24. 63 ) Pawlikowski 679. 64 ) AA. 
SS. Julii 3, 462; Grimm Sagen Nr. 352; zum 
Fortleben im Volk Strack 145 f.; Buch- 
berger Kirchl. Handlexikon 2 (1912), 1787 

f.; Loge 37. 40 ff.; Streicher; Pawlikowski 
188 f.; Zingerle Sagen 1859, 135; Fern 24. 
65 ) Amira Endinger Judenspiel', ZfGORh. 41 
(N. F. 2), 313 ff.; Waibel u. Flamm 2, 307. 
65a ) Streicher. 6ß ) Strack 146 f. nach C. Th. 
Gemeiner Regensburg. Chronik 1821. 3, 532 f. ; 
Schudt 4, 231 f. 67 ) AA. SS. Martii 3, 494 ff.; 
Loge 40t.; Strack I2öff.; Buchberger 
Kirchl. Handlex. 2, 1787 f.; Loge 20 ff. (feuille- 
tonistisch); Streicher; Pawlikowski 184t. 
679. 178 f. — Tentzel monatl. Unterredungen 
1 ^ 93 . 55 i ffd 1694, 122 ff.; Alemannia 26, 93 ff.; 
Fern 24; zur Entstehung der Beschuldigung: 
Acta SS. Sept. VII, 884 ff.; Pawlikowski 
196 t.; darauf bezügliches Spottbild in Frank¬ 
furt a.M.: Meyer Aberglaube 196; Georg 
Liebe D. Judentum 1924, 35; Schudt II, 1, 
256 f.; Aug. Rohling Meine Antworten an d. 
Rabbiner 1883 4 ; Jos. Dekkert Ein Riiual- 
mord 1893; Ders. Vier Tiroler Kinder Opfer 
d. chassid. Fanatismus 1893; Grässe Preußen 
2, 693; Bilderbogen: Liebe 17/20. 67a ) Paw¬ 
likowski 196; Streicher; Bader 3, 174. 

€8 ) AA. SS. Aprilis 2, 838!.; Pawlikowski 
680; Fern 24; Streicher. 69 ) Fern 24. 
69a )Loge43 Bulle (Beatus Andreas); Streicher. 
70 ) Liliencron Hi stör. Volkslieder 3, 316 ff. 
(Losert, Hubmaier 18); Z. f. hist. Theol. 7. 
Heft 3, 39; Kathol. Ztschr. f. Wissensch. u. 
Kunst 1846. 4, 183; Pawlikowski 179. 182; 
Fern 24; Streicher nach Desportes. 
70a ) Bulle Bachus Andreas nach Theophil. Ray- 
nand opera XVIII, bes. De martyrio per pestem 
P. II t. 2 Nr. 7; Loge 43; Streicher. 71 ) AA. 
SS. Aprilis 2, 505. 838!.; Anton Bonfin Re- 
rum Hungaricarum decades (Dec. V. 4) 
1606, 718; Loge 50; Streicher; Schudt 1, 
115 f.; 4, 61; Strack Blut 1330.; Fern 24. 
72 ) Pawlikowski 680. 73 ) Ebd. 31; Tentzel 

Monatl. Unterredgn. 1694, 152 f. nach Valva- 
sor Krain ; Schudt 1, 342. 74 ) Ebd. 680. 

75 ) Ebd. 680; Streicher. 76 ) AA. SS. Aprilis 
2, 839. Den Waldkircher Fall auch Fern 24. 
77 ) Strack 147L 78 ) Stobbe 292; Fern 24; 
Streicher. 78a ) Streicher nach Cluverius 
Epitomehist. 579. 78b ) Streicher nach Ziegler 
u. Kniephausen Schauplatz (nicht Schon¬ 
platz, wie Str. schreibt) 588. 79 ) Fern 24 f. 

nach Richard Mun d. Juden in Berlin 1924, 
31; Streicher. 80 ) Annalen d. Juden 51 ff.; 
Pawlikow T ski 680. 81 ) Ebd. 679; Schudt 



4,245; Horst Zauberbibliothek 2, 512L 

82 ) Fern 25 und Streicher; wohl der Fall 

von 1494. 82a ) Streicher nach Desportes. 

83 ) G. Wolf Hist. Skizzen aus Österreich- 

Ungarn 1883, 296 ff.; Strack Blut 134!. 

84 ) Pawlikowski 179. 182. 679; Fern 25; 

Streicher; Räder 3, 176 f.; AA. SS. Mart. 3, 
589. 85 ) Pawlikowski 680 86 ) R. Küh¬ 

nau Oberschles. Sagen hist. Art 1927, 347 f. 
86a ) AA. SS. Aprilis 2, 839; Streicher. 

87 ) AA. SS. Aprilis 2, 839; Fern 25; Streicher. 

88 ) Pawlikowski 681; Streicher. 89 ) AA. SS. 

Mart. 3, 589; Apr. 2, 839; Pawlikowski 183; 
Fern 25; Streicher. 89a ) Streicher nach 
Desportes. 90 ) AA. SS. Apr. 2, 838!.; 

Pawlikowski 187; Streicher. 90a ) Strei¬ 
cher. 91 ) AA. SS. Apr. 2, 839; Fern 25; 

Pawlikowski 187; Fern 25. ® 2 ) Albert 

Kvialowicz Miscellanca eccl. Lituaniae c. 1; 


Streicher. ß3 ) AA. SS. Apr. 2, 835 ff.; 

Pawlikowski i86f. 179; Tentzel monatl . 
Unterredungen 1693, 103. 557; Schudt 1, 

467f; Streicher. ® 4 ) Tentzel monatl. Unter¬ 
redgn. 1694, 148h. 975 ff.; H. Anshelm v. Zieg¬ 
ler u. Kniephausen Histor. Labyrinth d. Zeit 
1701, 323 ff.; Pawlikowski 179; Fern 25; 
Streicher. 95 ) Tentzel 1693, 553; Fern 
25; Streicher. 96 ) Nach Axteimeyer, 
Naiurlichts 1 V. TheiT, Schu d t 4, 236L; Ziegler 
u. Kniephausen. Tägl. Schaupl. 553; Strei¬ 
cher. ö7 ) Pawlikowski 179 f.; Fern 
25; Streicher. ö7a ) AA. SS.; Streicher. 
") Annalen d. Juden in d. preuß. Staaten 1790, 
102 f. ö8a ) Streicher. ") Tentzel monatl. 
Unterredgn. 1693, 549. 558. 102 f.; 1694, 126 ff. 
10 °) Ebd. 1693, 541 f. 101 ) A. Berliner Gesch. 
d. Juden in Rom 1894. II 2, 73. 102 ) Strack 

Blut 122. 148; Streicher. 1Ü3 )G. Wolf Hist. 
Skizzen aus Österreich-Ungarn 1883, 298. 

1(4 ) Streicher. 104a ) Streicher nach Des¬ 
portes. 104b ) Streicher nach Friedr. Oertel 
Was glauben die Juden ? 1823. 105 ) Fern 25h; 

Streicher. 106 ) Montanus Volksfeste 134. 
106a ) St reiche mach A. Achille Laurent Affaires 
de Syrie. 107 ) Otto Stobbe d. Juden in 
Deutschland 1866, 186; Streicher nach 

Pawlikowski. lc8 ) G. Wolf Hist. Skizzen 
299; Strack 149t. 109 ) Strack Blut 148!.; 

Z. f. hist. Theol. 7. H. 3, 40. uo ) Ebd. 11. 
H. 4, 153 ff.; Meisl in Festschrift zu Dubnows 
70. Geburtstag 1930. 226ff.; Strack 131 ff.; 
Loge 54ff.; Fern 26; Laurent Affaires de Syrie 
konnte ich nicht erlangen. U1 ) Bunzlauer 
Sonntagsblatt 1842, 275. 112 ) Fern 26; Strei¬ 
cher. 113 ) Montanus Volksfeste 134. 114 ) Strack 
Blut 150 f. 115 ) Strack Blut 151; Streicher. 
n6 ) P. Nathan d. Prozeß von Tisza-Eszlar 1S92; 
Strack 151; Loge 67 ff. 196 ff.; Streicher; 
Fern 27 t. 116a ) Loge 68 f. 117 ) Fern 28; 
Streicher. 118 ) Strack 1530.; Loge 18S; 
Streicher; Fern 28; Rud. Kleinpaul 


Menschenopfer u. Ritualmorde. Leipzig s. a. 1 f. 
L19 ) Strack Blut 153. X2ü ) Ebd. 151 ff. m ) Ebd. 
157 f. 122 ) Ebd. 158. 123 ) Ebd. 160 f. 124 ) Ebd. 

. t 125\ T ?UA t rQ f 126\ TTK A t Ao 327\ ‘PHrl t C,o 


Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII. 





739 


Ritus 


Robbe 


742 



128 ) Ebd. 163 ff.; Loge 96. 100 ff.; Strei¬ 
cher; Fern 28 f. Vgl. Bruno Adlers Roman 
Kampf um Polna 1934 - 129 ) Peuckert 

Schlesien 43. 13 °) Strack Blut Vorwort XI; 

Loge 188; Streicher; Fern 29; Hammer 
3 , 330. 131 ) Fern 29; Loge 188; Strei¬ 
cher. 132 ) Ebd. 30 N. 1. 132a ) Streicher. 

Die zuletzt 1934 erhobene Behauptung wurde 
auch damals von der Polizei als falsch erklärt. 
132b ) Loge 188; Streicher. 132c ) Nach 
Basler Nachrichten vom 28. 11. 1934. 133 ) Perl. 
Tagebl. vom 16. 9. 1928. 134 ) Stobbe 289 

N. 1; (Jungverheiratete) Streicher; Pawli- 
kowski 683 f. 135 ) Ebd. 685 f.; Tentzel 
monatl. Unterredgn. 1694, 133; Strackerjan 
Oldenburg 2, 180 Nr. 414; Strack 165. 

13S ) Jahn Hexenwesen 28. 137 ) Ebd. 144t. 

138 ) Mündlich aus Posen und Westpreußen; 
Schudt 1, 468; Pawlikowski 201; Strei¬ 
cher; Tentzel monatl. Unterredgn . 1693, 

556; Rochholz Schweizersagen 1, 23. 
* 39 ) Schudt 4, 61; Strack 165. M0 ) Ebd. 

102 f. 195; Loge 48 nach Moldavo. 141 ) Nach 
Bonf in rer. Hungaricum Decades, Dec. V. 1.4; 
AA. SS. Apr. 2, 501 ff.; Schudt 1, 115L; 

Strack 133; Pawlikowski 180; Tentzel 
monatl. Unterredgn . 1693, 538 t. 556. 142 ) 

Strack 194; Montanus Volksfeste 133; 
Stobbe 288. 289 N. 1; vgl. Meyer Aberglaube 
195. Vgl. Rud. Kleinpaul Menschenopfer u. 
Ritualmorde s. a. 2. 143 ) Strack Blut 97; 

Hahn Griech. u. alban. Märchen 1, 31 ff. 

144 ) Meyer Aberglaube 195; Schudt II. 1, 346. 
468; Stobbe 288; darauf geht wohl der Text im 
Anhang zu Dudulaeus' Schrift vom ewigen 
Juden zurück. 145 ) Rochholz Sagen 1, 23; 
Stobbe 289 N. 1; Montanus Volksfeste 131. 
146 ) Schudt i, 468. 147 ) Th. Cantipratensis 
Bonum universale 1605, 305; Strack 195 t.; 
AA. SS. Apr. 2, 505; Pawlikowski 181; 
Schudt 1, 115b; II. x, 345; Loge 51; s. 
Anm. 123; vgl. Alemannia 7, 161. 148 ) AA. 

SS. Martii 3, 591. 593; Schudt 1, 468; Loge 51; 
Streicher; Pawlikowski 181 Anm. 123. 
149 ) Jahn Hexenwesen 28. Streicher. 15 °) 
Schudt 1, 468; II. 2,328; Loge 48; Streicher. 
151 ) Stobbe 289 N. 1; Loge 48. 50; Strei¬ 
cher; Meyer Aberglaube 195. 152 ) Vgl. Anm. 

123; Schudt 1, 468; Loge 50. 153 ) Stobbe 

288. 154 ) Schudt II. 2, 329 ff.; Loge 51; 

Streicher; Cantiprat ensis 305. 155 ) Meyer 
Aberglaube 195f.; Stobbe 288. 166 ) Cantipra- 
tensis 305; AA. SS. Apr. 2, 505; Pawli¬ 
kowski 180 f.; Tentzel monatl. Unterredgn. 
1693, 556; Amira Endinger Judenspiel 1883, 41. 
157 ) Tentzel monatl. Unterredgn. 1693, 533; 
Schudt 1, 468 f.; 4, 61 f. Peuckert. 


Ritus. Unter R. verstehen wir den 

« 

festbestimmten Brauch im Gebiet der 
Religion und Magie, die geregelte und 
vorgeschriebene Art und Weise, mit der 
eine kultische oder magische Handlung 
vorgenommen wird. Die Etymologie des 


Wortes ist nicht ganz sicher. Wahr¬ 
scheinlich gehört es zum altindischen 
Rta, das im Rigveda eine große Rolle 
spielt und „Recht, Ordnung“ bedeutet. 
Dieses Rta zeigt sich in den stetigen Vor¬ 
gängen in der Natur, aber auch als sitt¬ 
liches Gesetz im Handeln der Menschen, 
ganz besonders auch im Kultus. Rta ist 
nach Oldenberg x ) hier nicht lediglich der 
technisch korrekte Gang der Kultusvoll¬ 
ziehung, sondern es spielt hier die Vor¬ 
stellung mit, „daß im Opfervorgang die 
großen Ordnungen des Weltganzen leben“, 
und „zugleich wird das Opfer auch von 
der moralischen Seite des Rta-Begriffs 
berührt, insofern es im Gegensatz zu den 
Ränken der mit bösen Geistern verbün¬ 
deten Zauberei als Verkörperung des 
Wahren und Rechten dasteht“. Die 
Götter selbst sind die Begründer des Rta. 
Der Inhalt des Rta deckt sich mit den 
Satzungen, den Geboten des Mitra und 
Varuna. 

R. ist also die gesetzmäßige feste Be¬ 
stimmung, nach der eine kultische oder 
magische Handlung vorgenommen werden 
muß, und die Gesamtheit der Riten 
können wir auf dem Gebiet der Religion 
als Kultus, auf dem Gebiet des Volks¬ 
und Aberglaubens als Brauchtum be¬ 
zeichnen. In welchem Verhältnis Kultus 
und Brauchtum, also auch die religiösen 
und die magischen Riten zueinander 
stehen, ist oben im Art. Kult gezeigt. 
Im einzelnen ist noch zu sagen, daß zum 
Wesen des R. seine UnVeränderlichkeit ge¬ 
hört, eine starre Observanz, auf die der 
Handelnde zu achten hat, daß die Kennt¬ 
nis des R. (s. auch oben 3, 361) Sache des 
Priesters bzw. des Brauchers, Zauberers 
usw. ist, der zugleich Hüter der Tradition 
ist. So ist die eigentliche Bedeutung der 
angelsächsischen Bezeichnung für den 
Priester 2 ) aeweweard „Gesetzeshüter“, und 
die Wadschagga 3 ) haben ihre vakara , die 
„Hüter der Tradition“, die Vollzieher des 
R., die achtgeben müssen, daß der R. 
der Überlieferung gemäß ausgeführt 
wird 4 ). Oft wird der R. geheim gehalten 
und erbt sich in der Famüie weiter (s. o. 
2, 869 ff.), entweder mündlich oder schrift¬ 
lich in Ritual- und Brauchbüchem (s. d.). 


Nicht selten wird der R. wie ja auch pro¬ 
fane Gesetze auf eine göttliche Offen¬ 
barung zurückgeführt 5 ), oft auch auf 
irgendwelche Heroen der Religion oder 
Meister der Zauberei wie Hermes, Moses, 
Salomon u. a. 

Die zentrifugale Kraft, die innerhalb 
der Entwicklung der Religion wirkt (s. o. 
5,803 f.), läßt allmählich religiöse Er¬ 
scheinungen aus der Sphäre der Religion 
heraustreten, wodurch sie säkularisiert 
und profaniert werden. So werden viel¬ 
fach auch religiöse Riten allmählich zum 
profanen Brauch und zur Sitte. Hierbei 
sind verschiedene Grade der Profanierung 
möglich d. h. verschiedene Entfernungen 
vom religiösen Zentrum. Da sind es zu¬ 
nächst Volksbräuche, die heutzutage zwar 
keine religiösen Riten mehr sind, die aber 
doch noch mehr oder minder deutlich er¬ 
kennbare magische Bedeutung haben, 
andere wieder, die zu bloßen Volksbe¬ 
lustigungen herabgesunken sind. So zeigt 
etwa die Geschichte des Tanzes, der mimi¬ 
schen Aufführungen, der Maske diesen 
Weg vom religiösen und magischen R. 
zur völligen Profanierung. Und anderer¬ 
seits die zentripetale Bewegung erkennen 
wir in dem Hineindringen profaner welt¬ 
licher Erscheinungen in das Gebiet der 
Religion. Insbesondere wenn zwei Reli¬ 
gionen aufeinanderprallen, wie etwa die 
germanische und die christliche Religion, 
schöpft die zur Herrschaft kommende 
neue Religion aus dem Schatz der im 
Untergrund noch lebendigen Vorstellun¬ 
gen und Bräuche der älteren Religion, ver¬ 
leibt sie sich ein und entzieht sie dadurch 
der Wirkung der zentrifugalen Bewegung 
und schützt sie vor Profanierung. So 
sind manche aus heidnischer Zeit stam¬ 
menden Feste von der christlichen Kirche 
übernommen und mit einem der christ¬ 
lichen Religion angepaßten Geist erfüllt 
worden, oder alte Volksfeste sind mit 
kirchlichen Festen verbunden worden 
und werden gleichzeitig mit diesen ge¬ 
feiert. So übt also die stärkere Religion 
eine zentripetale Wirkung gegenüber dem 
Volksglauben und dem Volksbrauch aus. 
Aber die neue und stärkere Religion ver¬ 
drängt auch viele Riten der älteren und 


bewirkt dadurch ein schnelleres Hinab¬ 
gleiten in den profanen Bereich, verstärkt 
also die zentrifugale Bewegung und stößt 
gewaltsam religiöse Riten und Anschau¬ 
ungen hinaus in das profane Gebiet der 
Sitte, des Brauchtums und des Spiels. 

Was die Strenge der Vorschriften des 
R. betrifft, so kann bald ein Zunehmen, 
bald ein Abnehmen im Lauf der Ent¬ 
wicklung festgestellt werden. Es können 
Riten primitiverer Art, wenn sie einem 
erreichten höheren Kultur- oder Geistes¬ 
zustand nicht mehr angemessen sind, all¬ 
mählich in Wegfall kommen, durch Re¬ 
formationen beseitigt werden oder nur 
rudimentär oder als Volksbrauch weiter¬ 
leben. Und andererseits kann ein Ritual 
an bindender Stärke und Starrheit mehr 
und mehr zunehmen, so daß ein R. aus- 
geübt wird bloß um des R. willen, bis die 
Religion fast zu einem reinen Ritualismus 
wird. Das Gleiche ist auch auf dem Ge¬ 
biet des Brauchtums der Fall, wo wir 
häufig uralte Riten beobachtet finden, 
deren Sinn völlig unverstanden ist, die 
aber doch noch in ihren äußeren Formen 
weiter leben, weil sie eben von je her so 
angewandt wurden. Denn nichts ist auf 
dem Gebiet der Religion und des Volks¬ 
glaubens so konservativ als der R. — S. 
auch Kult, Religion. 

*) Oldenberg Rel. des Veda z 194 ff. 2 )Jente 
Die mythologischen Ausdrücke im altengl. Wort - 
schätz (AnglF. 56, 1921) S. 1 f. 3 ) ARw. 10, 
276 ff. 4 ) Weiteres dazu Pauly-Wissowa 
11, 2130; Pfister Religion 256. 5 ) Pauly- 

Wissowa 11, 2156 f.; Suppl. 4, 340; s. auch o. 
3, 365 f. Pfister. 

Robbe, Seehund (Phoca vitulina). In 
Gesners Fischbuch 1 ) findet sich ver¬ 
schiedener naturwissenschaftlicher und 
medizinischer Glaube über das „Meer¬ 
kalb“, der teilweise auf antike Quellen 
zurückgeht und sich nicht bis in die 
Gegenwart erhalten hat: Der Speck 
heilt den „bösen grind“ oder „raud“ 
(Räude), Gebärmutterkrankheiten 2 ), ver¬ 
treibt „gschwulst und düssel“ (verhärteter 
Tumor), verhindert den Haarausfall. 
Die Asche und das Fett des „Meer¬ 
kalbs“ ist gut gegen das Podagra 2 ), sein 
Fleisch und getrocknetes Blut, in Wein 
getrunken, seine Leber, Lunge, Milz, 

24* 



i . 



Roche—Rochus 



Rochus 



der Magen der Jungen gegen Fallsucht 
Tobsucht, Schwindel, Schlagfluß und 
andere Gehimkrankheiten; der Magen 
insbesondere gegen den „viertägigen rit¬ 
ten“ (Wechselfieber). „Der geruch von 
den gebranten beinen (Knochen) treybt 
die Geburt“, die Galle gegen Augen¬ 
krankheiten, die Haut, als Gürtel ge¬ 
tragen, „ist gut den nieren und hufften“. 
„schuch davon bereitet, vertreybt das 
podagran“ 2 ); seine rechte Flosse („fisch- 
feckten“), unter den Kopf gelegt, bringt 
Schlaf 2 ). 

Die R. ist immun gegen Blitz 3 ) und 
schützt daher auch vor Blitzschlag 4 ). 
Wenn man eine R.nhaut trägt, so sträuben 
sich deren Haare „bei großen Unge- 
wittem“ 6 ). Nach den Geoponica (I 14) 
wird ein Riemen von R.enfell an einem 
Weinstock aufgehängt, um die Reben vor 
Hagel zu schützen. 

Auf der Insel Rügen glaubt man, daß 
der Seehund von ertrunkenen Menschen 
abstamme 6 ). In weiten Gebieten der 
Ostsee wird der Ursprung der Seehunde 
von dem im Roten Meere ertrunkenen 
Kriegsheer des Pharao hergeleitet; die 
älteste Angabe hierüber steht in Eggert 
Olafssons Reisebrief vom Jahre 1772 7 ). 


0 Fischbuch (1563) 103 verso. *) Pauly- 
Wiss. 2. R. i, 1, 949; Lenz Zool. 148 f. 
3 ) Franz Benediktionen 2,38. 4 ) Pauly-Wiss. 
a. a. O.; Lenz Zool . 148 (Kaiser Augustus trug 
ein Wams aus R.nfell gegen den Blitz). 6 ) Ale¬ 
mannia ii, 269 (a. 1632); vgl. Gesner Fischb. 
103 recto. 6 ) FL. 11, 235 - Hastings 1, 525. 
7 ) Loorits Pharaos Heer in der Volksüberliefe¬ 
rung (1935), 3 ff. und passim. 

Hoffmann-Krayer. 


Roche, m. u. f. (jetzt meist erst eres). 
Im Altertum werden Stachel-R.en (try- 
gon pastinaca) und Zitter-R.en (torpedo 
narce) häufig in der Volksmedizin ver¬ 
wendet *), heute — wenigstens im deut¬ 
schen Sprachgebiet — kaum mehr. Ver¬ 
mischtes ohne Quellenangabe findet sich 
in Gesners Fischbuch (fol. 76 verso): 
„Die läbendigen zitterfisch werdend auf¬ 
gelegt, denen so alte hauptwee habend, 
und dem außgefallenen sitz (Mast¬ 
darmvorfall). Item dem prästen des 
miltzes / Ursachet auch ein ringe (leichte) 
gebürt . . . Sein fleisch in essich gefült. 


an die haarechtigen ort gesprengt, macht 
die haar ußfallen. Item an die schmert- 
zen der gleichen (Gelenke) gebunden, 
heilt zü stund. Item solcher fisch gleych 
läbendig in öl gesotten, und das Öl mit 
wenig wachß gemischt ist die allerköst- 
lichest artzney zü dem Podagra. Sein 
gall an die hoden gestrichen vertreybt 
die geilheit. Item die gall mit essich 
angestrichen, an die verwirten aug- 
brauwen macht sy ußfallen“. 


*) Pauly-Wiss. 

503. 


i, 76; Lenz Zoologie 493. 

Hoffmann-Krayer. 


Rochelmoore. Die R., ein gespen¬ 
stisches Mutterschwein (Moore), das mit 
gräßlichem Grunzen (Röcheln) durch die 
Lüfte zieht und die Herden in Verwirrung 
bringt, gehört zum „Gundisheer" (s. Wil¬ 
des Heer) 2 ). 

*) Kohl rusch 45. 385 (= Sepp Sagenschatz 
422), vgl. Rochholz Aargau 1, 93 (R. ver¬ 
weist hier auf Jahn Kanton Bern 328) u. S. 
100 Nr. 89. Ranke. 


Rochus, hl., Bekenner 4 ), geb. um 1295. 
zu Montpellier, stammte von reichen 
Eltern, führte jedoch ein Leben in Ent¬ 
sagung und als Pilger und widmete sich 
der Pflege der Pestkranken, deren er viele 
durch Gebet und Kreuzzeichen geheilt 
haben soll. Selber von der Pest ergriffen, 
lebte er als Einsiedler im Walde bei Sar- 
mato an der Trebia, nach der Legende von 
einem Engel und seinem Hunde 2 ) ge¬ 
pflegt, die beide als seine Attribute er¬ 
scheinen, und wurde schließlich geheilt. 
Er starb 1327 in Montpellier; seine Ge¬ 
beine wurden 1485 nach Venedig in die 
ihm zu Ehren geweihte Kirche San Rocco 
übertragen. Fest 16. August. 

Der hl. R. wurde einer der ersten Schutz¬ 
heiligen gegen die Pest 3 ), besonders seit¬ 
dem 1414 auf dem Konzil zu Konstanz 
seine Verehrung empfohlen worden war. 
Als damals die Pest ausbrach, sollen die 
„Väter“ ihn angerufen haben, wodurch 
die Seuche sofort gebannt worden sei 4 ). 
Infolgedessen wurden ihm zu Ehren seit 
dem 15. Jahrhundert Kapellen errichtet 
und Bruderschaften gegründet, auch Sie- 
chenhäuser 5 ) nach ihm benannt. Eine der 
berühmtesten Kult Stätten des Heiligen 
in Deutschland ist die Kirche auf dem 


R.berg 6 ) bei Bingen. Auch in den Pest¬ 
zeiten des 16. und 17. Jh.s wurde er als 
Schutzpatron viel begehrt und angerufen. 
Noch heute erinnern Feste 7 ) und Pro¬ 
zessionen 8 ) am R.tag an solche Pest¬ 
zeiten und an die mit diesen zusammen¬ 
hängende Verelirung des hl. R. Eine 
Votivmesse 9 ), geschrieben 1468, sowie 
eine besondere Andacht 10 ) zu ihm gegen 
epidemische Krankheiten, die ein lateini¬ 
sches Gebetbuch des 15. Jh.s aus West¬ 
deutschland enthält, sind weitere Be¬ 
weise für seine frühe volkstümliche Ver¬ 
ehrung. Weil sein Name Rochus oder 
Roches wie Rache 11 ) klingt, dieses aber 
Gottes Zorn und im weiteren Sinne von 
Gott zur Strafe verhängte Seuche oder 
Pest bedeutete, wurde er auch in Gebeten 
angerufen, „Gottes Rache“ abzuwenden. 
Zahlreiche R.bilder und -Gemälde 12 ) sind 
in Deutschland, in den Niederlanden, in 
Frankreich und in Italien noch enthalten 
und zeigen ihn meistens mit entblößtem 
Oberschenkel oder Knie, auf dem eine Pest¬ 
beule zu sehen ist. Das Bild des Heiligen 
wurde auch an vielen der sogenannten 
Pestsäulen 13 ) und an Häusern angebracht, 
damit man durch seinen Anblick vor dem 
Übel bewahrt bleibe. Verschont von der 
Pest blieb auch, wer aus einem Becher 
aus Steinbockhom trank, aus einem sog. 
R.becher 14 ). 

Des weiteren wurde der hl. R. zum Für¬ 
sprecher und Helfer gegen Krankheiten 
und Schäden 15 ) der Haut (Ausschläge, 
Geschwüre, Beulen, Abschürfungen) und 
gegen Schmerzen der Beine 16 ) und der 
Knie 17 ). In der Schweiz wallfahrteten 
die, welche infolge Eissen (mhd.-ahd. eiss, 
eisse m. „Eiterbeule, Geschwür“, noch 
jetzt obd. Eiß, Eiße), Blutschwären (Fu¬ 
runkel, Karbunkel) oder ähnlichen Ge¬ 
schwüren litten, in der Regel nachGommis- 
wald, wo sie dem Eissenmannli 18 ) opfer¬ 
ten, einer kleinen Heiligenfigur, die auf 
einem Tischchen am Hochaltar stand 
(steht?) und den hl. R. darstellt. Der 
Heilige zeigt auch hier den rechten Ober¬ 
schenkel entblößt und auf dessen Mitte 
eine große Eiterbeule. Die Bittfahrer 
opferten je nach der Zahl der Eissen oder 
dem Vermögen. Außer Geldstücken 


wurden ebensoviele Halm- oder Stroh¬ 
besen gegeben, eine auf sympathischer 
und homöopathischer Grundlage beru¬ 
hende Gabe. Bemerkenswert ist noch die 
Bezeichnung Waihla- oder Waihle-R. 
(Roches) für einen Menschen voller Weh 
und Leid und für einen Menschen voller 
Hautwunden oder Abschürfungen, dem 
der hl. R. mit dem kleinen Weh(= Waihle) 
oder mit dem „Ochele“ an der Ferse zur 
Seite gestellt wird 19 ). In Oberschwaben 
sagt man z. B.: ,,0 Kerle, bist über da 
Waihle-Roches“. Der R.kult war zuletzt 
so stark geworden, daß andere Pestpatrone, 
z. B. der hl. Sebastian (s. d.), hinter den 
hl. R. zurücktraten, wenn auch gerade 
diese beiden oft vereint erscheinen. 

Aus der Vorstellung von der Schutz¬ 
macht des Heiligen gegen die Pest unter 
den Menschen entwickelte sich die jüngere 
von seiner wirksamen Hilfe gegen Vieh¬ 
krankheiten. Deshalb galt und gilt der 
hl. R. auch als Schützer des Viehes 20 ), 
das häufig Seuchegefahren ausgesetzt ist. 
In Schlesien 21 ) ist der Heilige sogar 
Hauptviehpatron. Deshalb opfern (opfer¬ 
ten ?) die Landleute an seinem Tage Jung¬ 
vieh oder Geflügel, das vorher um den 
Kultort geführt oder getragen wird 
(wurde?). Auch werden „Fürbitten für 
das Gedeihen des Viehes bestellt“. Nicht 
viel weniger wird der hl. R. bei den 
Tschechen 22 ) sowie in Polen als Vieh¬ 
patron verehrt. In Polen 23 ) sollen die 
Bauern am R.tag Feuer auf der Dorf¬ 
straße angezündet und ihr Vieh dreimal 
um dieses getrieben haben, um es vor einer 
Seuche zu bewahren. 

In Schwaben ruft man den hl. R. auch 
für Frauen an, die schwer gebären 24 ), be¬ 
sonders wenn andere Mittel vergebens 
angewandt worden sind. Ebendort, z. B. 
im Oberamt Saulgaul, opfert man in 
R.kapellen gegen Gebärmutterleiden 25 ) 
eiserne Kröten. 

Anscheinend ohne Begründung durch 
das Leben oder die Legende des Heiligen 
verehren in Schlettstadt die Gärtner 28 ) 
den R. als Patron. Häufig wurde der 
hl. R. an seinem Tage besonders aus¬ 
gezeichnet, weil er der Ortspatron war. 
Aus keinem anderen Grunde gab oder 




Rock 



Rock 



gibt man am Rhein, z. B. auf dem R.berg 
bei Bingen, und an einigen Orten der 
Mosel in Luxemburg dem Standbild des 
Heiligen eine reife Traube in die Hand 27 ), 
ähnlich wie man bereits vorher in Wein¬ 
gegenden etwa dem Standbilde der Hei¬ 
ligen Jakob und Anna sowie dem des hl. 
Laurentius eine bereits reif gewordene 
Traube gibt, wenn diese Heiligen Pfarr- 
oder Ortspatrone sind. Auch Arbeits¬ 
verbote am R.tag waren örtlich oder 
landschaftlich begrenzt und zu Ehren des 
Heiligen erlassen, vorzüglich dann, wenn 
dieser Pfarr- oder Kirchenpatron war oder 
sonstwie in einem bestimmten Bereiche 
verehrt wurde. In Schwaben 29 ) durfte 
man am R.tag nicht auf dem Felde 
arbeiten, sonst hagelte es. An diesem 
Tage schirrten die Franzosen 30 ) die Ochsen 
nicht an. 


Ob oder wie stark ein früher so volks¬ 
tümlicher Heiliger wie der hl. R. die Bil¬ 
dung neuer Sagen 28 ) und Volkserzählun¬ 
gen überhaupt angeregt hat, müßte noch 
näher untersucht werden. 


l ) AA. SS. 16. Aug. III 380 ff.; Flahault 
Le culte de St. Roch dans la Flandre maritime 
(Dünkirchen 1904); Bruder Die Verehrung d. 
hl. Rochus, Theol.-prakt. Quartalschr. 61 (1908), 
795 ff.; Korth Die Patrocinien im Erzbistum 
Köln 185; Samson Die Heiligen als Kirchen¬ 
patrone 351 ff.; Hofier Krankheitsnamen 514: 
,,Der Pilger St. R. mit der kranken Ferse(!?), 
der aus der ersten mittelalterlichen Medizin¬ 
schule am Mons pessulanus (Montpellier) kam, 
wo schon seit uralten Zeiten heilkräftige Pest¬ 
kräuter gepflückt wurden“. 2 ) ,,Im 
der Pfarrgemeinde Fernere-sur-Beaulieu 
die tollen Hunde nicht, weil das dort verehrte 
St. R.-bild einen Hund neben sich hat“(!), 
ARw. 16, 616. 3 ) Er soll vor seinem Tode Gott 
angefleht haben, daß alle, die ihn anriefen, von 
der Pest befreit würden: Legenda Aurea 221, 933. 
Das Lübecker Passional 1507 nennt ihn einen 
,,Marschalk der Pestilenzia“; Fontaine Luxem¬ 
burg 110; Schweiz Id. 6, 174; Andree Votive 13; 
Andree-Eysn Volkskundliches 29 f.; ZfVk. 24 
(1914), 142, nach einem älteren Heftchen aus 
Rouen, das die Überschrift ,,Le Medecin des 
Pauvres“ trägt und in Frankreich weit verbreitet 
war; Höhn Volksheilkunde 1, 152. 4 ) Nork 

Festkalender 532. 5 ) Schweizld. 6, 174: St. R. 

Schutzpatron des Siechenhauses bei Uw Stans 
(1496). 6 ) Vgl. folgende Anmerkung. 7 ) Am 
bekanntesten ist das R.fest zu Bingen, von 
Goethe am 16. August 1814 besucht und an¬ 
schaulich beschrieben ( Über Kunst und A Itertum 
I. Band 2. u. 3. Heft, Stuttgart 1817), viel be¬ 


sucht aber auch das R.fest zu Speyer, an dem 
eine Prozession um die R.kapelle zieht: Andree- 
Eysn Volkskundliches 30; Schweizld. 6, 174. 
8 ) SAVk. 2, 126; Schweizld. 6, 174; Fontaine 
Luxemburg 71. 9 ) Franz Die Messe 180 ff.: 

Missa de s. Rocho confessore contra pestem et 
langworem epidimie. 10 )Ebd. 183. 11 )Luthers 
Werke 7, 75 (Braunschweiger Ausgabe, 1892). 
Zehngebotepredigt, 1516. 12 ) Künstle Ikono¬ 
graphie 5141b 13 ) Reinsberg Böhmen 414. 


l4 ) Andree-Eysn Volkskundliches 30. 


15 


> 


Lammert 179 (Schwaben); ZfVk. 8 (1898), 
399 (Bayern); Höfler Krankheitsnamen 514. 
16 ) ZföVk. 4 (1898), 143; St oll Zauber glauben 
92f. 17 ) Samson Die Heiligen als Kirchen¬ 
patrone 353. 18 ) ZföVk. 4 (1898), 143; Schweiz¬ 
ld. 4, 253; Stoll Zauberglauben 92f. 19 ) Buck 
Volksmedizin 18. 25; Birlinger Aus Schwaben 
i, 55 ; 2 » 7 2 ; Hofier Krankheitsnamen 514. 

20 ) Reinsberg Böhmen 414t.; Meyer Baden 
136. 408; Drechsler Haustiere 12; Andree- 
Eysn Volkskundliches 29T; Drechsler 2, 118; 
1, i5of.; Jörger Vals 49. 21 ) Drechsler a. a. O. 
22 ) Reinsberg Böhmen 415. 23 ) Frazer 10, 

282 (Part VII), im Register (12, 444): St. Ro¬ 
chus’s Day, need-fire kindled-on. 24 ) Lammert 
165; nach der Legende trug R. bei seiner Ge¬ 
burt ein Muttermal in Form eines roten Kreuzes 
auf der Brust, das sich immer schöner ent¬ 
wickelte, Andree Votive 13. 25 ) Lammert 

166. 26 ) Elsässische Monatshefte f. Geschichte 
u. Volkskunde 4, 157. 27 ) Fontaine Luxem¬ 

burg 139. 28 ) Einige, freilich kaum eigenartige 
Beispiele: Grimm Sagen 473, nur eine kurze 
Bemerkung; Eisei Voigtland 255 Nr. 640 
(Heilkräftige Rochusquelle); Kühnau Sagen 
3 » 439 (Der hl. R. bestimmt selber den Stand¬ 
ort einer ihm zu gedachten Kapelle). 29 ) Eber- 
hardt Landwirtschaft 201. 30 ) Yermoloff 

Der landwirtschaftliche Volkskalender 365. 

Wrede. 


Rock. Mit dem Worte R. bezeichnet 
man sowohl das männliche, den Ober¬ 
körper bedeckende Kleidungsstück, als 
auch den weiblichen Kittel. Von beiden 
ist ferner noch der Unterrock und der 
Überrock zu unterscheiden. Im Aber¬ 
glauben spielen das ganze Kleidungsstück 
und auch die einzelnen Teile eine Rolle. 
Wichtig ist die Art und Herkunft des 
R.es, seine Farbe und seine Verwendung. 

1. Der R. als männliches Kleidungs¬ 
stück x ), landschaftlich auch Jacke, Joppe 
genannt, erscheint mit bezeichnenden 
Farben bei einzelnen Sagengestalten. 
Einen roten R. hat der Hauskobold, der 
deshalb in Pommern der Rödjackte 
heißt 2 ). Auch andere von seinen Klei¬ 
dungsstücken (s. Hose, Hut) sind von 
roter Farbe und kennzeichnen ihn so als 


Feuergeist 3 ). Vereinzelt tragen auch 
arme Seelen ein rotes Wams 4 ). Einen 
roten R. haben mitunter die Heinzel¬ 
männchen 5 ) und Bergmännlein 6 ), wäh¬ 
rend nach anderen Überlieferungen ein 
geschenktes rotes Röcklein und rotes 
Käppchen die Erdmännlein vertreibt, 
weil sie die rote Farbe nicht leiden 
können 7 ). Manchmal ziehen Personen, 
welche einen Schatz heben wollen, hierzu 
feuerrote R.e an 8 ), andrerseits ist der 
Sagenzug häufig, daß der schatzhütende 
Zwerg oder Geist jenen Schatzgräber 
zum Opfer haben will, der eine rote Jacke, 
Weste u. a. hat 9 ). Einen roten R. und 
ein rotes Käppchen hat der an seinem 
nassen oder tropfenden Rocksaum 10 ) er¬ 
kennbare Wassermann, der auch bloß 
mit allerlei roten Flecken behängt er¬ 
scheint. Doch kommt ihm die rote Farbe 
mehr im slawischen oder ehemals slawi¬ 
schen Gebiet zu 11 ), sonst trägt er meist 
einen grünen R. und grüne Kleidungs¬ 
stücke 12 ). In der Sprachhalbinsel Neu- 
haus-Neubistritz in Südböhmen heißen 
die Wassergeister geradezu Grünmänner 13 ). 
Einen grünen R. tragen nach Jägerart 
auch der Teufel 14 ) und der Nachtjäger 15 ). 
Der letzte erscheint aber auch im grauen 
R. 16 ), den mit Vorliebe die Bergmännlein 
oder Graumännlein tragen 17 ), aber auch 
ruhelose Tote und Geister, die nicht 
selten geradezu den Namen Graurock 
führen 18 ). In einer schlesischen Sage 
wird auch der blaue Seidenrock eines 
geisternden Grafen erwähnt 19 ). Wegen 
seines R.es aus buntem Tuch wurde der 
Rattenfänger von Hameln Bundting 
genannt 20 ). Von den als Reliquien ver¬ 
ehrten Kleidungsstücken ist der hl. R. 
von Trier zu nennen, der 1891 und 1933 
öffentlich ausgestellt war und wunderbare 
Heilungen bewirkt haben soll 21 ). 

Zwerge, welche Getreide stehlen, ver¬ 
treibt man nach einer Sage der Iglauer 
Sprachinsel dadurch, daß man in jede 
der vier Scheunenecken einen Mini¬ 
strantenrock hängt, der gewöhnlich 
von roter Farbe ist 22 ). Den Eingang 
zum Kyffhäuser findet man nur dann 
wieder, wenn man dort die Jacke liegen 
läßt 23 ). In der Oberpfalz trug früher die 


Kindbetterin, so lange sie nicht vor¬ 
gesegnet war, die Jacke des Mannes, 
um von den Hexen nicht erkannt zu 
werden 24 ) (s. Kleid). Im schottischen 
Hochland schützt man die Kinder gegen 
den bösen Blick durch ein Jäckchen, 
dessen Innenseite nach außen ge¬ 
kehrt ist 25 ). Gegen Salamander sichern 
sich die Bewohner von Vivarais, indem 
sie ihre Jacken ausziehen und die Ärmel 
(s. d.) übers Kreuz geben, wozu Segens¬ 
worte gesprochen werden 26 ). Wer einen 
neuen R. anhat, dem zwickt man in die 
Ärmel 27 ) (s. Kleid). Wenn Ohrenklingen 
anzeigt, daß von einem Schlechtes ge¬ 
sprochen wird, so beißt in Oldenburg der 
Mann in den linken R.zipfel, die Frau 
in den linken Schürzenzipfel; dann beißt 
sich der Verleumder auf die Zunge 28 ). 
Neben dem R.zipfel kommt auch den 
Taschen (s. d.) und den Hafteln Be¬ 
deutung zu. In Weststeiermark mußten 
die sogenannten Haftelröcke 72 Hafteln 
haben 29 ). 

Im mittelalterlichen Rechtswesen 
spielte der abnehmbare, gefältelte Teil des 
Leibgewandes (mhd. gere) eine Rolle. 

| Abnehmen und Hinwerfen dieses R.zipfels 
oder R.schoßes war das Sinnbild der 
Auflassung eines Gutes. Bei Forderungen 
mußte der Förderer den Geforderten 
beim R.zipfel ergreifen, ebenso auch der 
Gläubiger den Schuldner, der Richter den 
Verurteilten. Auch bei Eidschwüren 
wurde die Hand auf den Geren gelegt 30 ). 

J ) DWb. 8, 1092 ff.; F. Hottenroth Hand¬ 
buch der deutschen Tracht (Stuttgart o. J.) 976; 
K. Spieß Die deutschen Volkstrachten (ANuG. 
Nr. 342, Leipzig 1911) 13. 45!.; Heckscher 
263 f. 494 t.; Hjalmar Falk Altwestnordische 
Kleiderkunde, Videnskapsselskapets Skrifter II. 
Hist.-filos. Klasse, 1918 Nr. 3 (Kristiania 1919) 
140 ff. 2 ) Jahn Pommern 104 ff. Nr. 125 ff. 
136 f. 154 ff. 3 ) Vgl. Zaunert Natursagen i, 56. 
4 ) Kühnau Sagen 1, 594 Nr. 630. 5 ) Meiche 

Sagen 346 Nr. 449. ®) Grimm Sagen 26 Nr. 37. 
7 ) Zimmerische Chronik hrsg. von K. Barack 2 
(Freiburg u. Tübingen 1881) 4, 132 ff. = Kapff 
Schwaben 42. 8 ) Eisei Voigtland 181 Nr. 482 = 
Quensel Thüringen 245 f. 9 ) Kühnau Sagen 
3, 702 Nr. 2101; A. Altrichter Sagen aus der 
Iglauer Sprachinsel (Iglau 1920) 65 Nr. 80. 

10 ) Vgl. Z au ne rt Natur sagen 1,126; Jungbau er 
Böhmerwald 54. 57. 11 ) Kühnau Sagen 2, 269 ff. 
Nr. 913 ff. 927. 963; 4, 175 (Rote Kleidungs- 
! stücke); Peuckert Schlesien 202. 205. 2i6f.; 


75 i 


Rock 


752 


Zaunert Natursagen 1, 115. 12 ) K ühnau Sagen 
2, 324 ff. Nr. 927 f. 937. 950. 964; 4, 136 (Grün). 
13 ) Jungbauer Böhmerwald 60. 14 ) Ebd. 87; 

Sieber Sachsen 146. 15 ) Sieber Sachsen 165. 

169. 18 ) Kühnau Sagen 2, 458Nr. 1061. 17 }Ebd. 

2, 71 Nr. 738. 18 ) Ebd. 1, 109 Nr. 119; 447 

Nr. 473; 475 Nr. 501; 3, 317 ff. Nr. 1689 ff. 
19 ) Ebd. 1, 133 Nr. 145. 20 ) Grimm Sagen 182 
Nr. 244; Zaunert Westfalen 185. 21 ) Vgl. D. 

von Hanse mann Der Aberglaube in der Medi¬ 
zin 2 (ANuG. Nr. 83, Leipzig 1914) 69 f. 22 ) 
Jungbauer Böhmerwald 45. 23 ) Quensel 

Thüringen 176 f. 24 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 
190 Nr. 6. 25 ) Seligmann Blick 2, 221. 26 ) Se- 
billot Folk-Lore 3, 278. 27 ) Köhler Voigtland 
431. 28 ) Strackerjan 1, 33 Nr. 22 = Wuttke 
287 § 421. 2Ö ) Reiferer Steiermark 88. Vgl. 

dazu das Volkslied von der Joppe, Jungbauer 
Bibliogr. 196 Nr. 1269. 30 ) Grimm RA. 1, 217fr. 
Vgl. Hoops Reallex. 3, 474. 

'2. Der R. als weibliches Kleidungs¬ 
stück 31 ) wird auf bayrisch-österreichi¬ 
schem Gebiet durchwegs Kittel genannt. 
Damit wird aber auch ein Überwurf bei 
Männern, z. B. der Fuhrmannskittel 32 ), 
bezeichnet, wie einen solchen auch Zwerge, 
die deshalb Rotkittelchen heißen 33 ), und 
in der Oberpfalz der Hemann tragen 34 ). 
Von roter Farbe ist auch der R. des 
Ruiweible im schwäbischen Allgäu 35 ), i 
An dem nassen oder tropfenden R.saum 
sind wie der Wassermann auch seine 
Töchter und die Wasserjungfern zu er¬ 
kennen 36 ). Durch verkehrtes Tragen 
des Kittels schützt man sich bei Beffen- 
dorf gegen einen boshaften Flurgeist 37 ). 
In der Mark muß das Vieh beim ersten 
Austrieb über ein Hühnerei und einen 
roten R. gehen 38 ). In Finnland läßt 
man das Saatkorn beim Abmessen durch 
den Saumrand eines R.es, den eine Frau 
bei der Entbindung getragen hat, in 
den Sack fallen 39 ). Ebenda streut man 
vor Beginn der Aussaat eine Handvoll 
Samen durch den R. einer Frau oder ein 
Hemd 40 ) (s. d.). Im Fricktal in der 
Schweiz werden Fieberkranke in einen 
roten Frauenrock gehüllt 41 ). Im süd¬ 
lichen Böhmerwald vertreibt man Warzen, 
indem man damit über die hinteren 
Kittelfalten eines Weibes streicht, das 
aus der Kirche geht. In diese Falten 
steckt man ebenda der Braut eine Nadel, 
damit sie Glück in der Ehe habe 42 ). 
Die Herrschaft in der Ehe erlangt im 
Egerland die Braut, wenn sie ihren R. 


unter das Kissen des Mannes und die 
Hose des Mannes unter ihr Kissen gibt 43 ). 

Wenn sich bei einer weiblichen Person 
der R. hinten aufstülpt, so daß die 
Innenseite sichtbar wird, so bedeutet dies, 
daß ihr ein Witwer nachläuft 44 ). Im Kan¬ 
ton Waadt nennt man einen sich am 
Kleidsaum anhaftenden Ast ,,un veuf“ 45 ). 
Der hinten aufgeschlagene R. bedeutet 
ferner, daß die weibliche Person einen 
Liebhaber hat oder am selben Tage Ver¬ 
druß haben oder Geld bekommen wird, 
das letzte aber nur, wenn sie auf den R. 
spuckt 46 ), endlich im deutschen Südtirol, 
daß der Liebhaber zornig ist 47 ) (s. u.). 

31 ) Vgl. Hottenroth a. a. O. 976; Spieß a. 
a. O. 17 ff. 47; Heckscher 268. 497. 32 ) Heck¬ 
scher 262 ff. 33 ) Sieber Sachsen 156. 34 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 343 = Zaunert Natursagen 
1, 90 f. 35 ) Kapff Schwaben 73f. 36 ) Peuckert 
Schlesien 212 f.; Sieber Sachsen 181; Quensel 
Thüringen 219. 223. 37 ) Kapff Schwaben 71. 

38 ) ZfdMyth. 2 (1854), 302. 39 ) FFC. Nr. 31, Si. 
40 ) Ebd. 121 f. 125. 41 ) ARw. 9, 8 = ZfVk. 23 
(1913), 257. 42 ) Verf. 43 ) Egerl. 20 (1916), 6. 

44 ) Manz Sargans 126; Fogel Pennsylvania 58 
Nr. 173. 45 ) Manz Sargans 126. 48 ) Fogel a. a. 
O. Nr. 174. 47 ) ZfVk. 11 (1901)» 449 - 

3. Ähnlich heißt es im Egerland, wenn 
sich der Unterrock eines Mädchens 
aufstülpt, daß es einen Rausch be¬ 
kommt 48 ), was in Thüringen gesagt wird, 
wenn sich der Zipfel eines R.es überhaupt 
umschlägt 49 ). Verkehrtes Anziehen 
des Unterrockes sichert gegen Behexung 50 ), 
bei den slowenischen Frauen gegen Kopf¬ 
schmerzen 51 ). Kindersegen erhält die 
Braut, welche den Unterrock einer Frau 
mit vielen Kindern trägt 52 ). Vom 
Heimweh bleiben die Weiber verschont, 
welche Salz und Brot (s. d.) in den Un¬ 
terrock nähen 53 ). Um Crailsheim schlägt 
die Magd eine Kuh, welche beim Melken 
nicht still hält, mit ihrem Unterrock auf 
den Rücken und spricht: 

I(ch) hau di(ch) mit meim Unterrock, 

Dann mußt du halte (n) wie e(in) Dogg 54 ). 

In Schlesien behandelt man ein Stück 
Vieh, das infolge Behexung zu zittern 
und zu schwitzen anfängt, indem man die 
Unterhose oder den Unterrock auszieht 
und das Tier so lange damit abreibt, bis 
das Schwitzen aufhört 55 ). Das geschwol¬ 
lene Euter einer Kuh reibt die Melkerin 


1 




Rocken 



mit einem wollenen Unterrock oder mit 
•einem Unterrocksaum ab 56 ). 

Wie in früheren Zeiten, so ist auch 
heute noch in einzelnen Gegenden nicht 
der eigentliche R., sondern der Unterrock 
das gute Stück, zu dessen Schutz der R. 
getragen wird, der kürzer ist, damit man 
den schönen Unterrock sieht und damit j 
prunken kann 57 ). Darauf scheint auch 
die scherzhafte Meinung in Niederöster¬ 
reich sich zu beziehen, wo man von einer 
Frau, welcher der Unterrock „vorgeht“, 
sagt, sie werde einmal Frau Bürger- j 
meisterin im Dorfe sein 58 ). 

48 ) John Westböhmen 251; Egerl. 20 (1916), 6. 
49 } Wuttke 220 § 312. 50 ) Seligmann Blick 2, 
222. 51 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 193. 52 ) Se¬ 
ligmann Blick 2, 223. 63 ) Fogel Pennsylvania 
151 Nr. 709. 54 ) Eberhardt Landwirtschaft 
Nr. 3, 17. 55 ) Drechsler 2, 252. 56 ) Fogel 

Pennsylvania 157 Nr. 740. Vgl. Alemannia ii, 93. 
* 7 ) Vgl. Spieß a. a. O. 18 f. 58 ) Pfalz March¬ 
feld 101. 

4. Der Überrock oder Überzieher, 
vielfach der Landbevölkerung unbekannt, 
ist im Aberglauben nicht vertreten. Um 
den über den Unterrock getragenen 
■eigentlichen R. handelt es sich wohl, 
wenn aus dem böhmischen Riesengebirge 
überliefert wird, daß man einem Kind, 
■dem sich bei festem Stuhlgang der Mast¬ 
darm herauszwängt, diesen mit dem 
Überröckel der verstorbenen Gro߬ 
mutter wieder hineindrücken soll 59 ). 

59 ) Grohmann 112 Nr. 836 = Wuttke 361 
§ 545 - Jungbauer. 

Rocken (s. Spindel). 

1. Der R. gehörte früher zu den wich¬ 
tigsten Hausgeräten und durfte daher 
wie bei den Römern 1 ) keiner bäuerlichen 
Brautausstattung fehlen. Es hat sich 
noch bei uns der Brauch erhalten, daß 
auf dem sog. ,,Brautwagen“ ein R. (oder 
ein Spinnrad, s. d.), bisweilen von gewal¬ 
tiger Größe und mit Früchten u. dgl. 
geschmückt, mitgeführt wird. 

4 ) Marquardt-Mommsen 7, 55. 

2. Wie die Spindel, war auch der R. 
ein Zeichen der deutschen Frau. 
Die Gemahlin Wodans Frija (Frigg), 
das Vorbild der germanischen Hausfrau, 
besaß einen R., im Norden glänzte er als 
Gestirn vom Himmel herab 2 ). Auch 
mit dem Perchtenglauben ist der R. ver¬ 


bunden. Frau Holle oder Perchta zieht 
in den Zwölfnächten durch das Land 
und schaut in die Häuser, ob die Mädchen 
fleißig sind; wenn diese bis zum Drei¬ 
königstage (oder auch bis Fastnacht) 
ihren R. nicht abgesponnen haben, werden 
sie bestraft, und der R. wird verunreinigt; 
in Kärnten besteht der Glaube, daß die 
Spinnerin ein Jahr ,,sitzen bleibt“, wenn 
sie am Faschingdienstag den R. nicht 
abgesponnen hat 3 ). — Auch an be¬ 
stimmten Festtagen, insbesondere aber 
bei den Feiern der R.stube (s. u.) müssen 
die R. abgesponnen sein; sonst werden 
sie vor der Perchta versteckt. In Thü¬ 
ringen stellen dagegen die Bäuerinnen am 
Lichtmeß- und Peterstage einen R. mit 
Flachs auf den Mist, ,,damit der Hahn 
daran spinne“ 4 ). In Schmalkalden wird 
am hl. Abend während des Läutens der 
R. mit Flachs umwickelt, mit einem sei¬ 
denen Band geputzt und in ein Fenster 
gestellt, von dem man in die Richtung 
sehen kann, wo im nächsten Jahr Lein 
gesät werden soll. Dies läßt seinen Wuchs 
geraten 5 ). Zu diesem Zwecke werden in 
Böhmen zu Fasching die R. gewaschen 
und recht hoch auf einen Tisch, Holzstoß 
oder Düngerhaufen (s. o.) gestellt 6 ). 

Am Ende der R.st üben werden in 
manchen Gegenden die R. von den 
Burschen zerbrochen und verbrannt 7 ). 

2 ) Simrock Mythologie 389. 3 ) Waizer 

Culturbilder 183. 4 ) Witzschel Thüringen 

2, 188. 5 ) Heßler Hessen 2, 481. 6 ) John 

Westböhmen 40. 7 ) Kuhn Westfalen 2, 130 Nr. 
391 f.; Sartori Sitte 2, 192 An in. 19 11 nt. 

3. R. st ei ne s. Spillsteine unter Spindel. 

4. R.stube (R.abend, -gang, -licht, 
-reise, Kunkel-, Hoch- oder Spinnstube, 
Heimgarten, Karz oder Lichtkarz, Licht¬ 
abend, Spinnhaus, Vorsitz usw.). 

a) Wesen. R.stuben nennt man eine 
ländliche Gemeinschaft von jungen Leuten 
gleichen Alters (und Geschlechts), die 
sich um eine bestimmte Jahres- oder 
Tageszeit zu gemeinsamer Arbeit und 
Unterhaltung verbindet; so ist oder war 
vielmehr die R.stube Hauswerkstätte 
und Vergnügungsstätte zugleich 8 ). 
In der Regel sind die R.stuben nur für 
Mädchen oder nur für Burschen, aber in 
manchen Gegenden, so in Kärnten 9 ), gibt 


755 


Rocken 


Rocken 


758' 



es gemeinsame R.stuben für Mädchen 
und für Burschen; früher gab es im 
Vogelsberge auch R.stuben für verheira¬ 
tete Männer 10 ). Wenn bei den Zusammen¬ 
künften gesonderter R.stuben zu vor- ; 
gerückter Stunde Burschen und Mädchen 
vereinigt sind, so werden die Burschen 
von den Mädchen bewirtet und umge¬ 
kehrt; in der Regel dürfen die Gäste in 
die Leitung der R.stube nicht dreinreden, 
denn sie bilden sie nicht, ebenso gehören 
ihr auch die Wohnungsinhaber, welche 
die R.stube aufgenommen haben, nicht 
an u ). 

Leider ist dieser alte Gemeinschafts¬ 
brauch beinahe abgekommen. In ziemlich 
ursprünglicher Gestalt scheint er •— wie 
Reuschel 12 ) meint -— im oberen Vo¬ 
gelsberg sich erhalten zu haben. 

8 ) O. Schulte HessBl. 2 (1903), 106 f. 

9 ) Waizer Culturbilder 182; über die „Span¬ 
vesper" in Steiermark s. Rosegger Steiermark 
(Aufl. 1875) 179 ff. 10 ) HessBl. 2, 107. n ) Ebd. 
106. 12 ) Volkskunde 2, 407. Lit. z. „R.stube', 
bei Sartori Sitte 2, 209 unter Literaturnach¬ 
weis h; dann: Barack ZfdRg. 4 (1859), 

36 ff.; Schönwerth Oberpfalz 1, 4190.; ferner 
bei Hoffmann-Krayer Bibliogr. 1917, 27 
Nr. 38; 1918, 26 Nr. 359. 29 Nr. 393; 1919, 
36 Nr. 509 ff.; 1920, 16 Nr. 236. 48 Nr. 7590. 
49 Nr. 767; 1921/1922, 88 Nr. 1322. 

b. Alter. Nach Weinhold 13 ) taucht 
derName „R.stube“ zum ersten Male in ei¬ 
nem Fastnacht spiel des 15. Jahrhunderts 14 ) 
auf. Der Brauch selbst muß viel älter 
sein, seine Wurzel ist im abendlichen 
Spinnen der Hausfrau mit den Diene¬ 
rinnen zu suchen. In den Herren- und 
Fronhöfen des Mittelalters finden sich 
dieselben Verhältnisse im großen 15 ). Wie 
es in den alten R.stuben aussah, zeigt 
„Die gestriegelte Rocken philosophie“ 
( I 7 ° 5 ) 16 ) • In seinem Bienenkorb verspottet 
Fischart die in der R. erhaltenen Volks¬ 
überlieferungen als „rockenstubnerisch 
Evangelium“. 

13 ) Frauen 1, 164. 14 ) Keller Fastnachtspiele 
386, 27. 1S ) Weinhold a. a. O. 16 ) In 5. Aufl. 
erschienen Chemnitz 1759. 

c) Zusammensetzung. Die R.stu¬ 
ben entstehen in der Regel aus den ein¬ 
zelnen Altersklassen der Schule, zuweilen 
kommen aber auch Mädchen oder Bur¬ 
schen verschiedenen Alters zusammen. 
Wer neu eintritt, muß „Einstand“ zahlen 


(in Form einer Bewirtung der anderen). 
Besitz und Ansehen gewähren zumeist 
keinen Vorrang 17 ). In Schwaben dürfen 
nur solche Burschen die R.stuben be¬ 
suchen, die ein Handwerk gelernt haben 
oder als Knechte imstande sind, einen 
Acker zu bestellen oder einen Garben¬ 
wagen zu bedienen. Kommt aber ein 
Bürschlein, das noch zu jung ist, nichts 
gelernt hat, oder sich ungeziemend be¬ 
nimmt, so wird es hinausgewiesen und 
gehänselt 18 ). Unter den Gliedern einer 
R.stube entwickelt sich innige Kamerad¬ 
schaft. Im Vogelsberge besuchen sie mit¬ 
einander Märkte und Kirmessen in den 
benachbarten Orten, sie lassen einen 
Erkrankten nicht allein, sie gehen mit¬ 
einander zum hl. Abendmahl oder auch 
zum neuen Dienstort; früher nahmen sie, 
wenn einer von ihnen starb, auch den 
Hauptanteil an der Beerdigung auf sich,, 
indem sie selbst ihm das Grab schaufelten 
I und seinen Sarg trugen 19 ). 

17 ) HessBl. 2, 107 f. 18 )ZfdKg. 4, 41. 19 ) HessBl.. 
2, 104. 

d) Zeit. Die R.stube beginnt im Spät¬ 
herbst 20 ), sobald die Feldarbeit zu Ende 
ist. Die Blüte der Herbstzeitlose gilt in 
manchen Gegenden als Zeichen des Be¬ 
ginns. Darum heißt diese Blume im Volks¬ 
mund „die Spinnerin“ 21 ), in Steiermark 
nennt man sie die „Spinnblume“ 22 ). 
Die R.stube dauert bis Lichtmeß, Fast¬ 
nacht, Ostern oder gar Pfingsten 23 ). Bei 
den Siebenbürger Sachsen 24 ) schließt sie 
schon am Thomasabend, in Engelrod 
(Vogelsberg) 25 ) dagegen erst zu Pfingsten. 
In den österreichischen Alpenländem 26 ). 
gilt der St. Gertrauden tag als Ende (s. 
Spindel). 

In der „R.stubenzeit“ versammeln sich 
die Teilnehmer der R.stube gleich nach 
Mittag 27 ) oder erst später, wenn zu Nacht 
gegessen und das Vieh gefüttert ist 28 ),, 
und bleiben bis zehn oder gar bis gegen 
Mitternacht beisammen 29 ). Im Vogels¬ 
berg, aber auch anderwärts, ging man 
früher schon am Morgen in die R.stube 
und erst zum Mittagessen wieder heim, 
um am Spätnachmittage wieder hin¬ 
zueilen 30 ). Heute kennt man die Tages- 
R.stube nicht mehr. An Sonn- und Fest¬ 


tagen, stellenweise auch nicht am Freitag 
(„am Freitag Gesponnenes hält nicht“) 
und am Sonnabend wird in der Regel 
keine R.stube abgehalten („Sperr¬ 
nächte") 31 ). O. Schulte 32 ) erklärt die 
Sitte, diese Abende auszunehmen, aus 
der alten Zeitrechnung, die, wie schon 
Tacitus im 11. Kap. seiner „Germania“ 
sagt, von Abend zu Abend geht; doch 
die Ursache dieses Brauches liegt wohl in 
verschiedenen abergläubischen Vorstel¬ 
lungen, vielleicht auch im Umstand, daß 
diese Abende für andere häusliche Ar¬ 


beiten, namentlich für die Hausreinigung 
bestimmt sind 33 ). Wenn sich die Jugend 
auch dann versammelt, so geschieht dies 
bloß zur Unterhaltung. 

Dort, wo die Burschen nicht gleichzeitig 
mit den Mädchen die R.stube aufsuchen, 
versammeln sie sich zuvor auf der Straße 
und gehen erst dann in die Versamm¬ 
lung 34 ). 

20 ) ZfdKg. 4, 40; HessBl. 2, 109 f.; Sartori 
Sitte 2, 190. 21 ) ZfdKg. 4, 40. 22 ) Unger-Khull 
Steir. Wortschatz 527. 23 ) Sartori a. a. O.; 

HessBl. 2, 110. 24 ) Sartori a. a. O. 2, 190 

Anm. 2 unten. 25 ) HessBl. 2, 110. 26 ) Geramb 
Brauchtum 28. 27 ) HessBl. 2, 110; ZfVk. 17 

(1907), 322; Sartori a. a. O. 28 ) ZfdKg. 4,40. 
*•) HessBl. 2, 110; ZfdKg. 4, 51. 30 ) HessBl. 2, 
110; ZfdKg. 4, 40. 31 ) Sartori 2, 192; ZfdKg. 4, 
55 ff. 32 ) HessBl. 2, 109. 33 ) ZfdKg. 4, 56. 

*) Ebd. 41. 


e) Ort. Es gibt R.stuben mit festem 
Heim und Wander-R.stuben, die all¬ 
täglich oder wöchentlich abwechseln. In 
Grafenried (Böhmerwald) 35 ) wurden frü¬ 
her im Spätherbst vier R.stubenhäuser 
bestimmt, in denen man sich nach Al¬ 
ter (ältere und jüngere Mädchen, ältere 
und jüngere Burschen) und Geschlecht 
gesondert zusammenfand, in anderen 
Gegenden Böhmens wechselte man jeden 
dritten Tag das Haus 36 ). — Der Herr des 
Hauses (der Wohnung), in dem (der) 
die R.stube abgehalten wird, heißt 
„Spinn-“, „Lichtherr“ oder „R.stuben- 
vater“ („Spinnfrau“ usw.). Das Haus 
selbst wird „Spinnhaus“ genannt. Als 
Vergütung für die Aufnahme bezahlen 
die Spinnkameraden den R.stuben-Eltem 
das Licht, das an den Spinnabenden 
brennt, und kaufen ihnen gelegentlich 
auch Geschenke 37 ). Der Spinnherr und 


noch mehr die Spinnfrau halten die Ord¬ 
nung in der R.stube aufrecht. In Ver¬ 
fügungen, die stellenweise von Behörden 
für die R.stuben erlassen wurden, ist die 
Abhaltung einer solchen bei einer allein¬ 
stehenden Witwe oder in einem Hause mit 
schulpflichtigen Kindern verboten 38 ). 

Sobald die häuslichen Verrichtungen 
vollendet sind, nehmen die Mädchen 
ihre R. oder Spinnräder und die ent¬ 
sprechende Menge Flachs und eilen in die 
R.stuben. R. und Spinnräder sind dann 
hübsch geschmückt, einen besonderen 
Schmuck bildeten früher die sog. „Rok- 
ken“- oder „Wockenbriefe“ 39 ). In 
Schlesien 40 ) befand sich früher unter 
den Weihnachtsgeschenken für jedes Kind 
auch ein goldener R.brief. 

Die Mädchen trachten pünktlich zu 
erscheinen, um sich einen guten Sitzplatz 
beim Ofen oder in der Nähe der Licht¬ 
quelle — früher fand neben dem noch 
jetzt üblichen öllicht das Kerzen- oder 
Kienspanlicht Verwendung — zu sichern 41 ). 
Wenn die Burschen erscheinen, nimmt 
jeder dann hinter dem Mädchen Platz, 
dem seine Aufmerksamkeit gilt, oder es 
lassen sich Burschen und Männer auf 
Bänken an der Wand nieder, wenn solche 
vorhanden sind 42 ). Im Vogelsberge 43 ) 
hat jedes Mädchen seinen festen Platz; in 
der „doppelten Eck“ (d. h. in der Ecke, 
wo die Bänke Zusammenstößen), ist der 
Ehrenplatz, den die Tochter des Hauses, 
das „Spinnmädchen“, einnimmt. Aber 
in der Regel herrscht Gleichheit und 
keineswegs eine Bevorzugung. 

35 ) John Westböhmen 9; s. auch ZfdKg. 4, 
40; ZfdVk. 17 (1907), 322. 36 ) John ebd. 37. 
37 ) HessBl. 2, iii ; ZfdKg. 4, 41. 38 ) HessBl. 

ebd. 39 ) Sartori Sitte 2, 190 Anm. 4 unt. 
40 ) Drechsler 1, 43. 41 ) John Westböhmen 9.. 
42 ) ZfdKg. 4, 41. 43 ) HessBl. 2, 107, 115. 

f) Arbeit. Das eigentliche Arbeits¬ 
gerät sind Spinnrocken oder Spinnrad und 
Spindel, erst in zweiter Linie steht der 
in der Zeit des Verfalls der R.stube auf¬ 
gekommene Spitzenklöppelsack 44 ). Frü¬ 
her gebrauchte man auch den „Haspel“ 
häufig, ein im wesentlichen aus einem 
großen Rade bestehendes Gerät, um das 
sich der Faden auf wickelt. Mit diesen 
Geräten 45 ) ist mancher Aberglaube ver- 



7 59 


Rocken 


Rockenphilosophie 


762 



bunden (s. d.). Ihre Behandlung erfordert 
große Geschicklichkeit. Im Vogelsberg 46 ) 
spannen die Mädchen früher in ihren 
R.stuben den Werg, die Burschen bei 
sich den Flachs. Hier gilt auch das 
Sprichwort: ,,Der Flachsrockel muß sein, 
daß er kracht, und der Wergrockel, daß 
er lacht“, d. h. der Rockel des Flachses 
muß fest, der des Werges lose sein. Die 
Ungeschickten — besonders die Anfän¬ 
ger —- geben Anlaß zu Scherz und Spott: 
,,Wenn ich tretele, kann ich nit rupfele, 
Wenn ich rupfele, kann ich nit tretele“. 
Die Kunst des Spinnens besteht darin, 
einen möglichst gleichmäßigen und feinen 
Faden herzustellen. Außer Flachs wird 
auch Wolle gesponnen. Fleißige Spin¬ 
nerinnen genießen großes Ansehen und 
werden belohnt 47 ). 

44 ) John Erzgebirge 77; Sartori a. a. O. 2, 
193. 45 ) Ihre Beschreibung bei Schulte HessBl. 
2, ii2f.; Eberhard t Landwirtschaft 10; vor allem 
aber Hoops Reallexikon 4, 205 ff. 46 ) HessBl. 2, 
112 f. 47 ) ZfdKg. 4, 42. 

g) Unterhaltung. Die Hauptbe¬ 
lustigung während des Spinnens, ins¬ 
besondere der Mädchen, ist das Singen. 
Mit Recht hat man daher die R.stube die 
eigentliche Wohnstube des deutschen 
Volksliedes genannt. In Hessen 48 ) singen 
die Mädchen dabei zweistimmig, sind 
auch die Burschen anwesend, so über¬ 
nehmen diese die zweite Stimme. 
Manche der jungen Leute legen sich Lie¬ 
dersammlungen („R.stubenlie der“) 49 ) 
an. — Da eine jede R.stube der Mäd¬ 
chen mit der gleichaltrigen R.stube 
der Burschen vorzugsweise verkehrt, so 
wird zwischen beiden R.stuben viel 
Neckerei betrieben,* was im Vogelsberge 
„uff de Laust' gehn“ heißt 50 ). Man er¬ 
zählt ferner Geschichten, Schnurren und 
Märchen, führt Spiele auf und löst Rätsel. 
Die sog. „R.büchlein“ 51 ) lieferten früher 
hierzu vielfach den Stoff. Bei der Unter¬ 
haltung wechselt Ernstes mit Heiterem 
oder gar Erotischem ab, die Ausgelassen¬ 
heit nimmt oft bedenkliche Formen 
an 52 ). — Die Burschen vergnügen sich 
in ihren R.stuben mit Pfeifenrauchen, 
Plaudern und dort, wo das Spinnen zu¬ 
rückgegangen ist, mit Kartenspiel 53 ). 
Doch die Bezeichnung „Spillestube“ ist 


von mhd. „spille“ (Spindel) abzuleiten. 
In Schlesien 54 ), aber auch anderenorts 55 ), 
bedeutet die Redewendung „zum Lichten“ 
— oder „spillen gehen“ schlechtweg: 
I (nach dem Abendessen) auf Besuch gehen. 
| Neben dem Kartenspiel sind noch an- 
| dere Spiele („R.spiele“) 56 ) beliebt. 

| Auf dem Heimwege werden die Mädchen 
| von ihren Liebsten begleitet, tragen aber 
! ihre Spinngeräte zumeist selbst 57 ). 

48 ) HessBl. 2, 115. 49 ) John Westböhmen 11; 
Ders. Erzgebirge 86; Sartori a. a. O. 2, 191 
Anm. 8. *°) HessBl. 2, 117. 51 ) Meyer Baden 
176; s. auch HessBl. a. a. O. 52 ) Drechsler 1, 
168 ff.; John Erzgeb. 87; Ders. Westböhmen 
9 f.; HessBl. 2, 115 ff.; ZfdKg. 4, 42 ff.; ZfVk. 
17 (1907), 322. 53 ) HessBl. 2, 118. 54 ) Drechsler 

1, 168. 65 ) ZfdKg. 4, 39 f.; zahlreiche Sprich¬ 

wörter des täglichen Lebens, die aus der R.stube 
hervorgegangen sind, führt Wan der im Deut. 
SprichLex. 2, 1709; 3, 1706 t.; 4, 716 u. 723 an. 
56 ) John Westb. 10; ZfdKg. 4, 45 ff. 57 ) HessBl. 

2, 121. 

h) Feste 58 ). Verschiedene Zeiten und 
einzelne Abende begeht man in der 
R.stube festlich, insbesondere: Weih¬ 
nachten, Silvester, Neujahr, Lichtmeß, 
den Matthiastag (24. Februar), Fast¬ 
nacht, Ostern und vor allem das Ende 
der R.stube. Da wird gesungen, getanzt, 
gegessen und getrunken („R.bier“) 59 ) 
bei gegenseitiger Bewirtung und allerlei 
Ulk getrieben. 

58 ) Sartori a. a. O. 2, 192 (Literatur); HessBl. 
2, 121 ff.; John Westböhmen 10. 29. 37 u. 44; 
ZfdKg. 4, 51 ff.; ZfVk. 6 (1896), 18. **) John 
Westb. 10. 

i) Verbote und Verfall 60 ). Die ver¬ 
schiedenen Entartungen der R.stube führ¬ 
ten zu Verboten durch die Obrigkeiten. 
Anderseits vollzog sich ein Verfall auch 
durch die geänderten wirtschaftlichen und 
sozialen Verhältnisse, vor allem durch 
die Entwicklung der Großindustrie. Nur 
hie und da gilt heute noch das alte Bau- 
emsprichwort: 


Selbstgesponnen, selbstgemacht 
Ist die beste Bauerntracht. 


60 ) Birlinger Volksth. 2, 434; John Westb. 
10 f.; Ders. Erzgeb. 87 f.; Sartori a. a. O. 2, 
191; HessBl. 2, 102; ZfVk. 7 (1897), 304 ff.; 
ZfdKg. 4, 61 ff. 

k) Am Schlüsse mag bemerkt werden, 
daß die deutschen Auswanderer, die nach 


dem Osten zogen, die Spinnstube mit 
ihren Bräuchen dahin verpflanzten. Heute 


ist freilich das Spinnen auch hier seltener 
geworden; während des Krieges war es 
wieder mehr aufgelebt, da es an Geweben 
fehlte. Wo die Spinnstube erhalten ist, 
hat sie auch die Erhaltung des alten 
deutschen Liedes gefördert (Vgl. die 
Schriften von Kaindl: Die Deutschen in 
Galizien und der Bukowina, Frankfurt 
1916, S. 109; Bei den deutschen Brüdern 
in Großrumänien, Wien 1924, S. 90. 93 
u. 95; Die Deutschen in Südslawien, 
Wien 1926, S. 17 u. 83 f.; Gesch. d. Stadt 
Czemowitz, Czemowitz 1928, S. 153). 

Kaindl u. Klein. 


Rockenphilosophie. Die mindestens 
seit dem 13. Jh. bestehende Sitte der 
Frauen und Mädchen, sich zu gemein¬ 
samem Spinnen zu versammeln, war die 
Voraussetzung für eine ziemlich umfang- j 
liehe Literatur x ) über das Treiben in ; 
diesen Spinn-, Rocken- oder Kunkel- j 
Stuben, die Sitten und Unsitten, die sich 
hier breit machen, Unterhaltungs- und 
Gesprächsthemata, die beliebt waren. 
Die Idee, eine Sammlung abergläubischer 
Bräuche und Anschauungen als Nieder¬ 
schlag von Spinnstubengesprächen dar- j 
zustellen, ist, wie es scheint, zuerst in 1 
Nordfrankreich oder Belgien entstanden. | 
Hier entstand in der zweiten Hälfte des 
15. Jh. das um 1475 zu Brügge zuerst 
gedruckte Büchlein: Les evangiles des I 
quenouilles 2 ). 

Dieses Werk wurde einige Jahrzehnte 
später ins Niederländische übertragen: 
Die Evangelien von den Spinrocke, ge¬ 
druckt um 1520 zu Antwerpen 3 ). Eine 
englische Übersetzung erschien 1537. 

In Deutschland gehören hierher Der 
alten Weiber Philosophey, zuerst als An¬ 
hang zu Röszlins Cölender mit Unterrich¬ 
tung astronomischer Wirkungen Frankfurt | 
1537 erschienen 4 ), dann wiederum 1547 
und erneut 1571 am Schlüsse der Astrono- 
tnia teutsch in einer Fassung, die bis 1612 
mehrmals gedruckt wurde und 1855 von 
Fr. Pfeiffer 5 ), 1902 von P. Drechsler mit 
erläuterndem Kommentar neu heraus¬ 
gegeben wurde 6 ). Ebenfalls ins Jahr 1537 
scheint der erste Druck der Kunkels- oder 
Spinnstubenevangelia zu gehören, die Fi¬ 
schart wohl gekannt hat 7 ). Das Ver¬ 


hältnis dieser deutschen Fassungen unter¬ 
einander ist noch nicht ganz geklärt: 
sicher ist, daß die Kunkelsevangelta ein 
verdeutschter Auszug aus dem franzö¬ 
sischen Werk sind und daß auch der alten 
Weiber Philosophey mit Ausnahme des 
Satzes 77 genau dem Französischen ent¬ 
spricht 8 ). 

Zeitlich schließt sich dann die Philo- 
sophia Colus oder Phy lose viel der Weiber 
des Joh. Prätorius (s. d.) an, Arnstadt 
1662, wo nach Art des Verfassers das 
Material wesentlich erweitert ist. Eine 
Neuausgabe fehlt noch. 

Auf der alten Weiber Philosophey und — 
in besonders enger Anlehnung — der 
Philosophia Colus beruht die Gestriegelte 
Rockenphilosophie oder Aufrichtige Unter¬ 
suchung der von vielen superklugen Wei¬ 
bern hochgehaltenen Aberglauben des J. G. 
Schmidt 9 ), geb. 1660 zu Reinsfeld bei 
Amstadt, gest. 1722 (als Apotheker?) in 
Zwickau; eine Sammlung von anfangs 
vierhundert Sätzen über den Aberglauben 
Chemnitz 1706, die später um ein fünftes 
und sechstes Hundert vermehrt wurden, 
so, wie es scheint, 1718 zuerst gedruckt. 
Einen Auszug daraus hat J. Grimm im An¬ 
hang seiner Mythologie veröffentlicht 10 ). 

Der reichhaltige Stoff dieser Sammlung 
unterliegt natürlich zum Teil dem Ver¬ 
dacht undeutscher Herkunft, da ja aus 
dem französischen Original vieles von Aus¬ 
gabe zu Ausgabe weiter wandert. Es ist 
indessen zu bedenken, daß es sich fast nur 
um solchen Aberglauben handelt, der 
wirklich international ist. Und wenn 
gerade gelegentlich einiges als fremd weg¬ 
gelassen wird, wächst der Wert des doch 
wohl als nicht fremd empfundenen und 
deshalb beibehaltenen. Was überhaupt 
erst in den späteren deutschen Bearbei¬ 
tungen hinzugefügt wurde, hat Anspruch 
darauf, als einheimisch zu gelten, solange 
nicht das Gegenteil erwiesen ist. 

*) Vgl. Wendeier Archiv für Literatur¬ 
geschichte 7, 332 ff. 2 ) Neue Ausgabe von P. 
Jannet, Paris 1855. 3 ) Neu herausgegeben von 
G. J. Boekenoogen, 's Gravenhage 1910. 
4 ) Drechsler Festschrift des Germanistischen 
Vereins zu Breslau (1902) s. 42. 5 ) ZfdMyth. 3, 
309—317. 6 ) a. a. O. S. 46—84. 7 ) Wendeier 
a. a. O., 346 f. 8 ) Vgl. Bolte ZfVk. 13, 458^ 




7 63 


Rockertweible— Roggen 


764 


Anm. 1. 9 ) Hildebrand Gesammelte Aufsätze , 

u. Vorträge ii5ff. 10 ) Jetzt vierte Ausgabe 3, 

S. 434—450. Helm. 

Rockertweible. Das gespenstische R. 
jagt im Rockertwald (im badischen Murg¬ 
tal) mit mehreren Hunden und erschreckt 
die Wilderer. Es erscheint als schwarz 
gekleidete Edelfrau oder ,,es geht daher 
in ganz zerlumpten und zerfetzten Klei¬ 
dern, trägt ein groß Gebund Schlüssel 
am Leibe und macht oft ein Geräusch, wie 
wenn eine Ölmühle klopft; dies Klopfen 
soll immer ein fruchtbares Jahr anzeigen“. 
Das R. soll eine Gräfin von Eberstein sein, 
die einen Meineid geleistet hat l ). —• Es 
gehört in den Vorstellungskreis von der 
Wilden Jagd und hat (trotz Jacob 
Grimm) 2 ) mit der Roggenmuhme (s. d.) 
nichts zu tun. 

s ) Meier Schwaben 1 124 Nr. 139; Mones 
Anz. 3 (1834), 145. 2 ) Grimm Mythol. 1, 359 

Anm. 1. Ranke. 

Roggen (Korn; Secale cereale). 

1. Botanisches. Der R. erscheint 
bei den Germanen am Ausgang der 
Bronzezeit. Er ist demnach als Getreide¬ 
art jünger als Hirse, Gerste und Weizen. 
Die Stammpflanze des R.s (S. montanum) 
hat ihre Heimat im Mittelmeergebiet, im 
Kaukasus, in Armenien und Zentral¬ 
asien 1 ). Die Bezeichnung Korn (im fol¬ 
genden mit K. gekürzt) gilt meist für den 
R., sie wird aber auch in manchen Gegen¬ 
den für den Dinkel (z. B. im Alemanni¬ 
schen), den Weizen (Siebenbürgen), den 
Hafer (z. B. im Münsterland) gebraucht. 
Die volkskundlichen Quellen lassen nicht 
immer erkennen, um welche Getreideart 
es sich beim Namen „Korn“ handelt. 

x ) Hoops Reallexikon 3, 508 ff.; Schräder 
Reallexikon 2 2, 264 ff. 

2. Weit verbreitet ist die Sage, daß 
die K.ähren früher viel größer gewesen 
wären (bis zum Erdboden gereicht hätten) 
und daß der liebe Gott sie zur Strafe für 
den Übermut der Menschen, die das K. 
verunehrten, die Ähren so klein gemacht 
hätte, wie sie heute seien 2 ). Auch in 
Frankreich 3 ), in Italien und im Sla- 
vischen 4 ) läßt sich die Sage nachweisen. 
Eine andere Sage berichtet, daß der R. 
deswegen rot aufgeht, weil Kain seinen 


Bruder auf einem K.feld erschlug 5 ); in 
Westböhmen war es das Blut des hl. Jo¬ 
hannes, der von den Heiden verfolgt 
wurde und in ein K.feld flüchtete 6 ). 
Wie beim Weizen (s. d.), so sieht man 
auch auf dem R.kom das Angesicht Jesu 7 ). 

2 ) Grimm Märchen 1856, 261; Bolte-Pol iv- 
ka 3, 417—420; Lütolf Sagen 376; Walliser 
Sagen 1 (1907), 250t.; Panzer Beiträge 2, 7; 
Schönwerth Oberpfalz i, 408; Bavaria 1, 306; 
3, 291; Vernaleken Mythen 313; Vonbun 
Sagen 2 163; Peter Österreichisch-Schlesien 2, 
132; Mnböhm Exc. 16, 337; Witzschel Thü¬ 
ringen 2, 34; Knoop Pflanzenwelt n, 59; Aus 
d. Posener Land 3 (1908), Nr. 24. 3 ) Z. B. Se- 
billot Folk-Lore 3, 448. 4 ) Bolte-Pol ivka 

a. a. O. 5 ) Dähnhardt Natursagen 1, 249; 
Meier Schwaben 248; Fischer SchwäbWb. 5, 
385; Märze 11 Bayer. Volksbotanik 233. 6 ) John 
Westböhmen 186. 7 ) Mannhardt Forschungen 

366; Handtmann Märk. Heide 95; Zimmer¬ 
mann in Tschirch-Festschr. 1926, 256 (Baden); 
vgl. auch FFC. 37, 90. 

3. Landwirtschaftliches. Die Aus¬ 
saat des R.s ist gut am Freitag, ferner im 
Herbst am Tage der Kreuzeserhöhung 
(14. Sept.), Lamberti (17. Sept.), Michaeli 
(29. Sept.) 8 ). Gute Zeichen für die Saat 
sind Wassermann, Jungfrau, Schütze, 
Fische; bei der Waage ist es schon un¬ 
sicher, bei den übrigen schlecht 9 ). Wenn 
es am Cyriakustage (16. März) donnert, gibt 
es eine gute K.ernte 10 ); vielleicht hängt der 
Glaube mit den K.opfern am Cyriakustag 
zusammen (s. o. 2, 114). Wenn das K. 
oben zuerst blüht, so wird es teuer u ), 
vgl. Heidekraut (3, 1632). So viel 
Knoten der R.halm hat, so viel Taler wird 
der Sack kosten 12 ). Wenn im R.feld viel 
Ähren hoch über die anderen ragen, so 
sind viel Käufer im R.; der R. wird dann 
teuer 13 ). Drei gleich lange R.ähren 
(womöglich mit gleicher Körnerzahl) 
werden vom ersten Fuder genommen 
und in die Erde gesteckt. Je nachdem die 
Ähren keimen, muß früh oder spät gesät 
werden 14 ). In Gainfarn (Niederöster¬ 
reich) pflücken die Bauern auf verschie¬ 
denen Äckern während des zweiten Läu- 
tens zum Hochamt drei K.ähren ab. 
Die drei Ähren legen sie auf ein Brett ins 
Freie. Diejenige Ähre, die darauf liegen 
bleibt (also vom Wind nicht fortgenommen 
wurde), zeigt an, daß auf dem Acker, von 
dem die Ähre stammt, das beste Samenk. 


765 


Roggen 


766 


gedeiht 15 ). In Ravensberg leuchtet man 
-am Weihnachtsmorgen unter den Tisch 
nach Getreidekörnern und zieht aus dem 
Ergebnis Schlüsse auf den Ausfall der 
nächstjährigen Ernte 16 ). Wenn man in 
•der Neujahrsnacht um 12 Uhr die Asche 
im Ofen sorgfältig umrührt und darin 
•ein R.kom findet, so bedeutet dies ein 
fruchtbares Jahr (Saterland) 17 ). In der 
Christ nacht werden vier Tassen voll R. 
abgemessen und auf den Tisch geschüttet. 
Um 12 Uhr werden sie wieder gemessen, 
ob die Körner mehr oder weniger ge¬ 
worden sind; danach wird der Getreide¬ 
preis in den nächsten Jahren vorher- 
gesagt (Thüringen) 18 ). Im Ellerbachtal 
(Oberfranken) taucht man am hl. Abend 
■einen Finger ins Wasser, betupft mit der 
nassen Spitze an drei Stellen einen eisernen 
Gegenstand und spricht dabei: ,,K., 
Weizen, Gerste“. Bildet sich nun Rost 
^Anspielung auf den „Rost“ des Getreides!) 
an einer oder der anderen Stelle, so mißrät 
die Getreideart, deren Namen man beim 
Befeuchten ausgesprochen hat 19 ). Zahl¬ 
reich sind die abergläubischen Mittel, 
durch die man das K. vor Schädigungen 
zu schützen sucht (vgl. auch Acker 1, 
153 ff.). Um die Saat und später die 
Körner vor gefräßigen Vögeln zu schützen, 
muß man stillschweigend drei Körner 
in den nächsten Busch werfen 20 ). Man 
muß in der Johannisnacht nackt um das 
K.feld gehen und mäht dann auf jeder 
Seite einige Halme ab 21 ), bindet sie 
entsprechend den vier Ecken des Ackers 
zu vier Bündeln zusammen, aus denen 
man dann ein Kreuz bildet. Dies hängt 
man in den Schornstein, wo weder Sonne 
noch Mond hinscheint. Oder man muß 
vor Tagesanbruch in dei Morgendämme¬ 
rung, wenn die Vögel noch schlafen, die 
Koppel umgehen und sagen: 

Waak up! Waak up! 

Gaht na Naber sien Koppel! 

Im Namen des Vaters usw. 

Dabei muß man den Namen der Koppel 
nennen, wohin die Vögel gehen sollen 22 ). 
Gegen die Schnecken (Ackerschnecken) 
geht beim K.säen eine Person dem 
Sämann voraus, bestreut den Rand des 
Ackers mit K. und spricht dabei: 


Schnäckla, Schnäckla, rot, 

Do sä i dir dein Tod 
Und mir mei Brot. 

Dös hilf mir Gottes Voater usw. 

(Unterfranken) 23 ). 

Damit die K.er nicht brandig werden, 
raucht der Sämann während des Säens 
aus seiner Pfeife 24 ). Damit das Getreide 
nicht brandig wird, schüttete man in der 
Gegend des Fichtelberges im 18. Jh. 
einige Garben auf den Boden, breitete sie 
aus und siebte dann Holzasche darauf. 
Das Getreide mußte dann, wenn die 
Sonne im Sternbild der Waage war, aus¬ 
gesät werden 25 ), vgl. auch Weizen. Im 
Frühjahr muß man an den drei ersten 
Freitagen im März den K.häufen um¬ 
rühren, damit die Frucht nicht anläuft, 
d. i. schimmelig wird 26 ). Im Nahetal 
ließ man, wenn der R. eingefahren wurde, 
den ersten Wagen vor dem offenen 
Scheunentor halten. In der Scheune 
standen die Kinder und riefen dem Vater 
zu: „Was bringst du ? “ Dieser antwortete: 
„Brot für mich, meine Kinder und die 
Armen“. Die Kinder antworteten: „Dann 
wünschen wir für die Mäuse oder Ratten 
den Tod“. Oder (wohl wo keine Kinder 
im Hause waren): Wenn der erste Wagen 
Frucht von der neuen Ernte eingefahren 
wurde, hielt er vor dem Scheunentor 
und der Fuhrmann fragte einen in der 
Scheune Stehenden: „Weißt du nicht, 
wie lange noch an Christtag ist?“ Dieser 
antwortete: „Ich weiß es nicht“. Darauf 
sprach der Einfahrende: „Dann sollen 
auch die Mäuse und Ratten nicht wissen, 
wo wir unsere Kornbarn hinmachen“ 27 ). 

8 ) Stracker j an Oldenburg 2, 124. 9 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 203. 10 ) Frankenland 1915, 270. 
n ) Engelien u. Lahn 282; Andree Braun¬ 
schweig 405; Das Land 4 (1896), 332 (Nord¬ 
thüringen); Drechsler Schlesien 2, 198. 

12 ) Engelien u. Lahn 282 = Drechsler 
Schlesien 2, 198. 13 ) Bartsch Mecklenburg 2, 

163. 14 ) Wirth Beiträge 6/7, 14; ähnlich auch 
Nds. 15, 316; Panzer Beitrag 2, 207. 15 ) Vecken- 
stedts Zs. 3, 222. 16 ) Hesemann Ravensberg 

94; vgl. auch Wuttke 237 § 339. 17 ) Stracker- 
jan Oldenburg 1, 106. 18 ) ZfVk. 5, 97. 19 ) Bayer¬ 
land 20 (1909), 575. 20 ) Bartsch Mecklenburg 
2, 162. 21 ) so auch Bartsch Mecklenburg 2, 161. 
22 ) Maack Lübeck 62. 23 ) Marzell Bayer. 

Volksbotan. in. 24 ) Wirth Beiträge 6/7, 19. 
25 ) Pachelbel Beschreibung des Fichteiber ge s 


f 



Roggen 





Roggen 



1716, 159. 2ß ) Eberhardt Landwirtschaft 9. 

27 ) ZfrwVk. 2, 77. 


4. Die Körner des R.s gelten wie die 
anderen Getreide-Arten (s. Gerste, Hafer, 
Weizen) als Fruchtbarkeitssymbole 28 ). 
Körner werden beim Hochzeitszug in die 
Menge geworfen 29 ), der Braut in die 
Haare gesteckt 30 ) oder es werden ihr, 
ohne daß sie es weiß, K.ähren (und 
Geld) in den Schuh gelegt 31 ). Wenn 
in Artern früher ein Brautpaar zur 
Trauung aus dem Haus ging, wurden 
aus einem oberen Fenster Getreidekörner 
auf dasselbe gestreut. So viel K.er in dem 
Brautkranz liegen blieben, so viel Kinder 
sollten in der Ehe kommen 32 ). Dagegen 
läßt man im Nograder Komitat die Braut 
einige Getreidekörner in den Brunnen 
werfen. Wie viel Körner sie hineinwirft, 


so viel Jahre wird sie keine Kinder be¬ 
kommen 33 ). 

28 ) Mannhardt Forschungen 351 ff. 29 ) Sam- 
ter Gehurt 171. 30 ) And ree Braunschweig 307. 
31 ) MVerBöhm. 22 (1884), 125. 32 ) Mansfelder 
Blätter 4 (1890), 156. 33 ) Temesvary Geburts¬ 
hilfe 14. 


5. K.ähren gelten als glückbringend, 
auch apotropäische Eigenschaften werden 
ihnen zugeschrieben. Bevor man ein 
neues Haus bezieht, wird es eingesegnet, 
wobei R.ähren als Weihquast dienen 34 ). 
Im Pinzgau und am Untersberg werden 
als Opfer und zur Abwehr Büschel von 
drei Ähren 35 ) an die Haustür genagelt, 
zuweilen kommen diese Ähren unter das 
Dach, gewöhnlich aber hinter das Kruzifix 
im Herrgottswinkel. Im Frühjahr werden 
diese Ähren in die erste Furche einge¬ 
ackert 36 ). Wer drei K.ähren im Namen 
Gottes usw. über den Spiegel steckt, hat 
das ganze Jahr Glück in der Ernte 37 ). 
Besonders gelten Doppelähren als glück¬ 
bringend 38 ), sie bedeuten eine Zwülings- 
geburt (Frank. Schweiz) 39 ). Auch 
schützen sie vor dem Einschlagen des 
Blitzes 40 ). An das Joch steckt man eine 
Doppelähre; dadurch werden die Ochsen 
kräftiger zum Ziehen. Der Halm darf 
aber nicht abgerissen, sondern muß ab¬ 
gebissen 41 ) werden 42 ). In der Oberpfalz 
dreht man eine im Sommer gefundene 
Doppelähre am Weihnachtsabend drei 
Mai um, dann schlägt im kommenden 


Jahr der Blitz nicht ein 43 ). Andrerseits 
(z. B. in Deutsch-Krone) heißt es, daß 
Doppelähren verbrannt werden müssen 44 ). 
Ein K.halm mit drei Ähren bedeutet Un¬ 
glück 45 ). 

34 ) Hüser Beiträge 2, 24. 35 ) Vgl. auch Mann¬ 
hardt i, 209. 36 ) Andree-Eysn Volkskund¬ 

liches 103. 37 ) Wolf Beiträge 1, 218. 38 ) Mschles- 
Vk. 27. 235; Strackerjan Oldenburg 1, 27. 
3Ö ) Orig.-Mitt. von Brückner 1913. 40 ) ZfVk. 
10, 213 (Nordthüringen); Urquell 3, 41; 

Peuckert SchlesVk. 1928, m. 41 ) Vgl. 
auch Peuckert ebd. 70. 42 ) Schramek 

Böhmerwald 240. 43 ) Die Oberpfalz 6 (1912), 

239. 44 ) Treichel Westpreußen 7, 580. 45 ) Reu- 
bold Beitr. z. Volkskde im BA. Ansbach 1905, 17. 

6 . Eine besonders heilende Kraft haben 
die drei ersten blühenden K.ähren, 
die man im Jahre sieht (s. Frühlings¬ 
blumen). In ihnen ist gewissermaßen die 
nährende Kraft des K.s vereinigt, man 
zieht sie durch den Mund und verschluckt 
die an der blühenden Ähre haftenden 
Staubbeutel. Es ist dies eine Art „com- 
munio“ 46 ); vgl. das Verschlucken von 
drei Palmkätzchen (s. d.). Vor allem gilt 
dies Verschlucken als ein Vorbeugungs¬ 
mittel gegen (kaltes, Wechsel-) Fieber 47 ), 
seltener gegen Halsweh 48 ), Zahnschmer¬ 
zen 49 ), Sodbrennen 50 ), Kolik 51 ), „böse“ 
Mundwinkel 52 ), Rotlauf 53 ), gegen den 
Biß von Schlangen M ) und wütenden 
Hunden 55 ). Manchmal geschieht dies 
Durchziehen der drei K.ähren durch den 
Mund mit den Worten: „Gott behüte 
mich vor Fieber und Gelbsucht“ 56 ) oder 
„Gott walt’s, gelbe Frucht, behüt mich 
vor Fieber und Gelbsucht“ 57 ). Im Ost¬ 
havelland sind es sieben K.ähren, die 
man im Mund abstreift 58 ); ähnlich streift 
man in Kroatien von sieben K.ähren, 
die man zuerst erblickt, die Blätter (es 
wird wohl gemeint sein: Staubblätter) 
ab und gibt sie dem Kind bei Fraisen¬ 
anfällen 59 ). Im Anhaitischen soll der 
Blütenstaub des R.s gut gegen Krämpfe 
sein 60 ). Wenn man die ersten blühenden 
K.ähren abstreift und ißt, hat man das 
ganze Jahr keinen Mangel an Brot 
(Schlesien, Thüringen) 61 ) oder man hat 
überhaupt Glück 62 ). 

46 ) Grimm Myth. 978; Wuttke 100 § 126; 
Zimmer mann in Tschirch-Festschrift 1926, 256. 
47 ) Alte Zeugnisse: Paulli Quadripartitum Bo- 
tanicum 1667, 115; Journal v. u. f. Deutschi. 3 


(1786), 1, 251 = Grimm Myth. 3, 458 (Ans¬ 
bach); (Fischer) Aberglaube 184; Men sing 
Schl. Holst. Wb. 1, 97; aus neuer Zeit: Tettau 
u. Temme 282; Geschichtsbl. f. Stadt u. Land 
Magdeburg 16 (1881), 250; Engelien u. Lahn 
282; Strackerjan Oldenburg 1, 66; ZfVk. 7, 
72 (Ruppin); 10, 213 (Nordthüringen); Trei¬ 
chel Westpreußen 2, 210; Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 163; Jahn Hexenwesen 359; Knoop 
Pflanzenwelt 11, 83; Hinterpommern 162; 

Frischbier PreußWb. 2, 510; ZfrwVk. 1, 199; 
11, 167; Urquell 4, 154 (bergisch); Wolf Bei¬ 
träge 1, 219; Köhler Voigtland 417; John 
Erzgebirge 248; Veckenstedts Zs. 4, 331 (Prov. 
Sachsen); Marzeil Bayer. Volksbotan. 180; 
Jäckel Ober franken 214; Flügel Volksmedizin 
58; Pollinger Landshut 277; Schönwerth 
Oberpfalz 3, 258; Fränk. Heimat 6 (1927), 380 
(Steigerwald); Vernaleken Mythen 313; Hal- 
trich Siebenb. Sachsen 272; Sebillot Folk- 
Lore 3, 490 (Vogesen); Fogel Pennsylvania 
272. 303; Grohmann 91. 152. 165. 48 ) Ver¬ 
naleken Mythen 315; Mnböhm Exc. 20, 70; 
Schönwerth Oberpfalz 3, 262; Strobl Alt- 
bayr . Mittel 1926, 9 f. 49 ) Witzschel Thüringen 
1, 283; Wrede Eifler Volksk. 2 96; Müller 
Isergebirge 36; ebenso auf der Insel Worms in 
Estland: Ruß wurm Eibofolk 2, 226. 50 ) Lett¬ 
land: Hist. Stud. aus d. pharm. Inst. Dorpat 4 
(1894), 187. 51 ) Meyer Baden 423 == Zimmer- 
marin Volksheilkunde 45; Strobl Altbayer. 
Mittel 9 f. 62 ) Vogtland: Orig.-Mitt. v. Thiern 
1910. ß3 ) Schleicher Sonneberg 1858, 149. 

M ) Spieß Obererzgebirge 28. 55 ) Curtze Waldeck 
402. 56 ) Journ. v. u. f. Deutschi. 1788 = 

Grimm Myth. 3, 462 (Osterode am Harz). 
67 ) Becker Pfalz 118, vgl. ZfrwVk. 2, 277. 
“) ZfVk. 7, 72. 6 *) ZföVk. 13, 114. 60 ) Wirth 
Beiträge 6/7, 30. 61 ) Wuttke 408 § 632. 
® 2 ) Mensing SchleswWb. 1, 97. 

7. Auch sonst wird der R. (bzw. das 
Korn) in der Sympathiemedizin gebraucht. 
Die neun ersten Blätter des hervor¬ 
sprießenden Getreides ißt man als Vor¬ 
beugungsmittel gegen Fieber (Saarburger 
Gegend) Am Karfreitag (oder Oster¬ 
sonntag) holt man vor Sonnenaufgang 
und „unbeschrien“ junge R.saat (oder 
anderes Getreide, z. B. Dinkel) und gibt 
sie den Pferden zu fressen, das schützt 
die Tiere vor der Kehlsucht (Druse) 64 ). 
Am Ostersonntag vor Sonnenaufgang 
gehen Frauen und Mädchen den „Säma 
rupfen“, wovon ein Teil dem Vieh gegeben 
wird, daß es gesund und nutzbringend 
bleibe, ein anderer ins Bettstroh gestreut 
wird gegen Ungeziefer (Planer Gegend; 
Schönbach) 65 ). In Schlesien geschah das 
„Soate rupfen“ an Ostern und zwar so, daß 
man sich auf die Erde legen und mit dem 

B ächtold-Stäubli, Aberglaube VII. 


Munde die grüne Saat beißen mußte; dann 
bekam man keine Zahnschmerzen 66 ). Man 
geht vor Sonnenaufgang an ein R.feld, 
das noch nicht in Blüte steht, bestreicht 
die Sommersprossen mit dem Tau und 
spricht: „Das was ich bestreiche, nehme 
ab; das was ich sehe, nehme zu!“ (Neu- 
Ruppin) 67 ). Wenn der R. Knoten be¬ 
kommt, so nimmt man so viel R.knoten 
als man Warzen auf der Hand hat, streicht 
mit ihnen über die Warzen und legt sie 
dann auf den nächsten Kreuzweg. Sind 
die Knoten alle überfahren, so verschwin¬ 
den die Warzen sofort (Zechlin, Kr. Ost- 
Prignitz) 68 ). Durch Bestreichen mit 
einer Ähre bei zunehmendem Mond heilt 
man das „Hillding“ (brandiger Rotlauf) 69 ). 
Gegen Krätze wälzt man sich in der Wal¬ 
purgisnacht nackend in grünem R. (Graf¬ 
schaft Ruppin) 70 ). Wenn bei dem 
Kranken nach dem Frost die Hitze ein- 
tritt, erscheint eine „weise“ Frau mit 
einer Schüssel R. Der Kranke darf aber 
nichts davon wissen, und die Frau kein 
Wort dabei sprechen, sondern nur durch 
stumme Zeichen dem Kranken verständ¬ 
lich machen, was er zu tun habe. Er muß 
beide Hände voll Korn aus der Schüssel 
nehmen und sich dieselben, so gefüllt, 
fest zubinden lassen. So bleibt er, bis die 
Fieberhitze vorübergegangen ist. Die 
Frau bringt nun einen Napf voll Erde, 
bindet dem Kranken die Hände auf und 
bedeutet ihm, das Korn in den Napf zu 
streuen. Sobald es darin aufgegangen 
ist, wird der Napf in ein Gartenloch um¬ 
gestürzt, so daß das aufgesproßte Korn 
nach unten zu liegen kommt. Wenn es so¬ 
dann verfault, verschwindet bei dem 
Kranken auch das Fieber (Kreuzburg) 71 ). 
Ähnlich muß in Holstein und Mecklen¬ 
burg der Fieberkranke eine Handvoll 
R.körner aus einem Gefäß mit R. heraus¬ 
greifen und diese dann am andern Morgen 
in ein Stückchen Land säen 72 ). In 
Steiermark läßt man den Kranken wäh¬ 
rend des Fieberanfalls in beiden Händen 
R.körner halten, die dann vom Fieber¬ 
schweiß durchfeuchtet unter einem Baum, 
der auf einem „Kornraine“ steht, ver¬ 
graben werden 73 ). Um sich gegen 
Rücken weh (bei der Emtearbeit) zu 

25 


771 


Roggenbock—Roh rdomm c 1 


Rohrsperling—Rom 


77 4 



schützen, muß man die erste Ähre küssen 
oder den Rücken hinunterschieben, die 
drei ersten Halme um den Leib binden 
oder mit dem Mund ausreißen 74 ). Der 
Schwangeren wird empfohlen, bei einem 
Schrecken sofort an das Wogen des Korns 
im Winde zu denken 75 ). 

63 ) JbElsLothr. 3, 140. 64 ) Marzeil Bayer. 

Volksbotan. 24; Strobl Altbayr. Mittel 1926, 
19; Reiser Allgäu 2, 117; Eberhardt 

Landwirtschaft 212; vgl. John Westböhmen 65. 
65 ) John Westböhmen 65; MVerBöhm 22 (1884), 
125 66) Peuckert Schles. Vkskde 1928, 70. 

67 ) ZfVk. 8, 59; vgl. auch Mannhardt Germ . 
Mythen 31. 68 ) ZfVk. 8, 200. 69 ) Mensing 

Schlesw. Wb. 1, 97. 70 ) ZfVk. 7, 290. 71 ) Wuttke 
332 § 493 = Drechsler Schlesien 2, 304. 

72 ) Urquell 2, 96; Bartsch Mecklenburg 2, 105; 
vgl. auch Albertus Magnus Toledo 20 4, 52. 

73 ) Fossel Volksmedizin 132. 74 ) Eberhardt 

Landwirtschaft 203. 75 ) Meyer Baden 387. 

8 . Verschiedenes. In Niederbayern 
(Waldhof, B.-A. Pfarrkirchen) zieht man 
am Ostersonntag „Kornsarer“ (= die 
aufgegangene K.saat) aus, läßt sie in 
der Kirche mit Eiern, Brot und Fleisch 
weihen und steckt sie wieder in die Erde 76 ). 
Damit das Brot nicht schimmelig wird, 
gibt man in den Teig einige K.blüten 77 ). 
In einer hessischen Sage entpuppt sich 
eine in den Schraubstock gestellte K.ähre 
am nächsten Morgen als Hexe 78 ). Wenn 
einem Jäger die Flinte behext ist, so 
ladet er R.körner und schießt damit 79 ). 
Ist eine Leiche im Hause, so streut man 
auf den Platz, wo der Sarg stehen soll, 
R.körner, damit das Glück nicht aus dem 
Hause getragen werde (Damme) 80 ). Viel¬ 
leicht handelt es sich hier um ein ur¬ 
sprüngliches Totenopfer. Wenn ein Haus¬ 
bewohner (besonders der Hausherr) ge¬ 
storben ist, wird das Saatkorn im Hause 
verstellt, umgeschaufelt, gerührt usw. 81 ). 
Ein in den Kittelsaum des Kindes (wenn 
es zum ersten Mal in die Schule geht) ein¬ 
genähte K.ähre erleichtert das Lernen 
(Schwaben) 82 ). Hört die Binderin bei 
der Mahd das K. krachen, so denkt der 
Geliebte an sie (Rickenbach) 83 ). Findet 
man im Brot ein ganzes R.korn, so muß 
man es in der Tasche tragen, das bringt 
Glück (Dithmarschen) 84 ). Schneidet 
jemand ein ganzes R.korn im Brot durch, 
so lege man es über die Stubentür; wer 


dann zuerst in die Tür tritt, muß die Per¬ 
son heiraten, die das K. durchschnitten 

9 

hat oder der (bzw. die) Zukünftige trägt 
den Namen der ein tretenden Person 
(Dithmarschen) 85 ). Findet man vor der 
Tür oder in der Stube eine Ähre, so gibt 
es Besuch; eine harte Ähre bedeutet eine 
männliche, eine weiche eine weibliche 
Person 86 ). Erhebt sich im K.feld eine 
weiße Ähre, so stirbt bald jemand im 
Haus des Besitzers (Fränkischer Jura) 87 ). 

76 ) Arch. Vereins ,,Bayr. Heimatschutz“, 
München 1909. 77 ) Paullini Baurenphysik 

1711, 137; Jahn Hexenwesen 359. 78 ) Wolf 

Sagen 59. 79 ) Wuttke 452 § 715. 80 ) Stracker- 
3 an Oldenburg 1, 66. 81 ) Höhn Tod 324. 82 ) Fest- 
schr. d. anthropol. Gesellsch. z. 26. Vers. Cassel 
1895» 64. 83 ) Meyer Baden 165. M ) ZfVk. 20, 
382. 85 ) Urquell 6, 157. 86 ) Men sing Schlesw. 
Wb. 1, 97. 87 ) Orig.-Mitt. von Brückner 1913; 
vgl. auch Marzeil Bayr. Volksbotanik 66. 

Marzeil. 

Roggenbock, -muhme s. Korn- 
dämonen. 

Rohr s. Schilfrohr. 

Rohrdommel, masc. u. fern., letzteres 
jetzt häufiger (Botaneus stellaris), trägt 
verschiedene deutsche Namen x ). Eine 
im Mittelalter bis auf Konrad Gesner be¬ 
zeugte Überlieferung, daß die R. ihren 
Kopf in den Sumpf stecke und ein ochsen¬ 
ähnliches Gebrüll von sich gebe 2 ), ist 
in neuerer Zeit, durch Graf Wodzicki be¬ 
stätigt worden; sonst wird das Brüllen 
während der Paarungszeit gehört 3 ). Ein 
anderer Glaube findet sich bei Albertus: 
daß sich die R. vor dem Jäger tot stelle ; 
sobald sie aber der Jäger fassen wolle, ver¬ 
wunde sie ihn mit ihrem Schnabel 4 ). Sie 
vermag doppelt so große (?) Aale zu 
verschlucken 5 ). 

Als dämonisches Tier erweist sie sich 
dadurch, daß sich der Teufel in sie ver¬ 
wandelt 6 ). 

Ihr Ruf bedeutet ein fruchtbares 
Jahr 7 ), in Oldenburg dagegen Un¬ 
glück 8 ), andernorts Regen 9 ). 

Medizinisch wird ihr Blut 10 ) oder 
Fleisch 11 ) gegen Gicht verwendet. 

Von der R. sagt das Märchen, daß sie, 
wie der Wiedehopf, ursprünglich ein Kuh¬ 
hirte gewesen sei, der seinen Kühen zuge¬ 
rufen habe „bunt herüm!“ 12 ). 


Im Volksbrauch um Pilsen wird ein 
Lärminstrument (Rummelpott), mit dem 
man zwischen Weihnachten und Drei¬ 
königen umzieht, R. genannt 13 ). 

x ) Suolahti Vogelnamen 383 ff.; Vogelbrehm 
64; DWb. 8, 1126; Urquell 5, 55. 2 ) Albertus 
Magn .is De anim. (_d. Stadler) lb. 23, cap. 29; 
Gesner Vogelbuch (1555) 207 verso, 208 verso 
(2 mal). Zwei Stellen: „den Hals sol er in das 
wasscr stossen, und am boden des wassers 
grausam lüyen (brüllen) als ein Stier, also, 
dass man diß auff ein halb meyl, das ist ein 
stund wägs, hören mag, welches dann ein 
anzeigung eines rägens seyn sol“. Vgl. Se- 
billot 3, 187 (n. Villon Oeuvres 225). „Wenn 
er sein stimm außlassen will, streckt er seinen 


langen halß eintweders in das wasser, oder 
stoßt jn in ein port: und das thut er nach dem 
die Sonn undergangen ist, da brület er offt 
ein gantze nacht, daß er ein wenig vor dem 
aufgang der Sonnen aufhört“ (nach mündl. 
Bericht aus Sachsen). 3 ) Vogelbrehm 
65; das Brüllen auch bei Schulenburg Wend. 
Volkssagen 260. 4 ) Albertus Magnus 23, 29. 
*) Gesner 208. 6 ) Grässe Preuß. Sagen 

1, 59 i- 7 ) Gesner 207 verso (Zürichsee). 

Dasselbe will wohl auch der Vers sagen: „Kollert 
die R. zeitig, werden die Schnitter nicht streitig“, 
d. h. die haben sich nicht um die Arbeit zu 
raufen, haben alle genug zu tun. Bartsch 
Mecklenb. 2, 179. 8 ) Strackerjan 2, 167. 

In Frankreich (17. Jh.), wenn sie jemand um¬ 
flattert: Sebillot Folk-Lore 3, 194. ®) S. Anm. 2 
(Gesner); Schulenburg Wend. Volkssagen 260. 
xo ) Albertus M. a. a. O. ll ) Gesner 208 verso. 
”) Grimm KHM. Nr. 173; Singer Schweizer 
Märchen 1, 45; Bolte-Poli vka 3, 285. 
13 ) Reinsberg-Düringsfeld Böhmen nf.; 
Sartori Sitte 3, 7S. Hoffmann-Krayer. 


Rohrsperling (wohl sylvia turdoides 
[Suolahti], acrocephalus arundinaceus 
[Brehm]), auch Drosselrohrsänger; 
doch tragen auch andere Vögel den Namen 
R. 1 ). Der R. soll seine Jungen taufen, 
wenn sie ausgebrütet sind, indem er einen 
kleinen Stein in ihr Nest legt, damit sind 
sie getauft. Man kann das Nest dann 
nicht sehen. Wenn man den Stein aus 
dem Nest erhält, dann ist man unsicht¬ 
bar 2 ). Sein Ruf wird gedeutet als: 
„Karl, Karl, Karl, Karl! Kikik, Kikik! 
Wecker, Wecker, Wecker, Wecker!“ 2 ). 

2 ) Suolahti Vogelnamen 78 f. (sylvia). 108 
(emberiza schoeniclus). 130 (fringilla montana). 
152 (lanius); Vogelbrehm 480 ff. 2 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 179. Hoffmann-Krayer. 

Roland s. Pfahl, Steinhaufen. 


Rom (Römisches). 

1. Am Gründonnerstag, wenn in den 


katholischen Kirchen nach dem Gloria die 


Glocken schweigen, fliegen (reisen) alle 
Glocken zum Papst nach R.; so erzählt 
man den Kindern 4 ); in R. werden die 
Glocken mit Milch und Brötchen gefüttert, 
sie werden neu geweiht, beten und beich¬ 
ten, holen die Ostereier, am Karsamstag 
kehren sie zur gleichen Stunde zurück, 
s. o. 3, 874. 1196. Wer an Kopfweh leidet, 
gibt daher in Teplitz am Karmittwoch ein 
Büschel Haare zu den Glocken, damit 
diese es, wenn sie nach R. fliegen, mit 
fortnehmen 2 ). Wenn am Karsamstag 
die (neu gekräftigten!) Glocken von R. 
wiederkehren, soll man zur Vorbeugung 
von Darmgicht sich so schnell und fest 
wie möglich auf die bloße Erde werfen und 
sich wälzen 3 ). Auch die Wöchnerinnen 
„reisen nach R.“ 4 ); vielleicht besteht 
ein Zusammenhang mit der Benennung 
der Milchstraße als ,,R.straße“, die 
geraden Wegs nach R. führen soll 5 ). R. 
wirkt in all diesem als das Herz der 
Christenheit. S. a. 6, 1329. 


x ) Wrede Rhein. Volkskunde 1 183. 2 256; 
Meyer Baden 100; Sepp Sagen 427; Sartori 
Sitte 3, 139; Ders. Buch v. dt. Glocken 71 f.; 
weitere Lit. s. o. 3,875 A. 51. 2 ) Lehmann 

Sudetendeutsche 142. 3 ) Hovorka u. Kron- 

feld 2, 128 (Untersteiermark). 4 ) Baum¬ 
garten Aus der Heimat 3, 7; Zingerle Tirol 3. 
5 ) Baumgarten a. a. O. 1, 9. 3,7; auch 
Schweiz., Grimm Myth. 3, 106; slov. u. böhm., 
ebd. 1, 296; Grohmann 32 Nr. 176; s. o. 6, 372. 

2. Von dem Anteil alten römischen 


Glaubensgutes an den Quellen des dt. 
Aberglaubens kann hier nicht die Rede 
sein, zumal wohl selten ein ausschließlich 
römischer (d. h. italischer) Zug im Ge¬ 
samterbe der Antike zu bestimmen sein 


wird 6 ); ebensowenig ist eine Betrachtung 
des christlichen, d. h. römisch-katholischen 
Einflusses auf das dt. Glaubensleben unter 


der Flagge „römisch“ statthaft 7 ); s. a. 
Konfession 5, 170 ff.; Römerkerze s. o. 
5, 1245. Zum Einbruch des römischen 
Rechts in das dt. Rechtsleben vgl. Recht 
§ 2, Richter. Hier soll nur auf die Spuren 
der politischen und kulturellen Ver¬ 
gangenheit des Römerreiches in der 
dt. Volksmeinung verwiesen werden 8 ). 

Die unmittelbare Erinnerung an die 
röm. Vergangenheit ist in Deutschland 
vor der gelehrten Erneuerung des 19. Jh.s 


77 5 


Romanusbüchlein—Rose 


Rose 


77 8 



fast gänzlich geschwunden gewesen*), 
nicht ohne eine unbewußte Fortdauer 
röm. Erscheinungen, wie wahrscheinlich 
der west- und südost dt. Kult der drei 
Marien als Fortsetzung des keltoroma- 
nischen Matronenkultes zu deuten ist 10 ). 
So begegnen die Reste röm. Bauten in 
der Sage nicht unter dem richtigen Namen, 
nicht einmal in Trier, sie sind einfach 
Überbleibsel aus der „Heidenzeit“ als 
Heidenkirche, Heidenburg, Heidengrab, 
Heidenstraße usw., gleichviel ob vorkel¬ 
tisch, keltisch, röm. oder nachröm. u ), vgl. 
3,1639ff. Eine röm. Wasserleitung ist Teu¬ 
felswerk 12 ), ein Mithrasheiligtum wird zur 
„Wildfrauenkirche“, ein röm. Grabmal 
zum „Wichtershäuschen“ 13 ). Der Limes 
ist eine „Teufelsmauer“, „Riesenmauer“ 
oder zuletzt ein Werk Karls des 
Großen, er heißt „Pfahl“, auch „Pfahl¬ 
graben“, „Schweinegraben“, „Heidengra¬ 
ben“, „Römergraben“ 14 ). Gerne spukt es 
an solchen heidnischen (röm.) Orten, ohne 
daß die Leute sich in der Regel der röm. 
Bedeutung bewußt wären 15 ). Auch Flur¬ 
namen wie Ziegelacker, Steinacker er¬ 
halten nur versteckt das Andenken an 
die Trümmer röm. Siedlungen 16 ), deut¬ 
licher sprechen bekanntlich viele Orts¬ 
namen. In Tirol erscheinen die Er¬ 
innerungen an die Römer, an von ihnen 
vergrabene Schätze, an ihre Straßen 
echter 17 ). 

Umgekehrt werden auch in neuerer 
Zeit Schanzen vergessener vorgeschicht¬ 
licher oder jüngerer Entstehung von 
halbgelehrter Deutung zu Unrecht den 
Römern zugeschrieben 18 ) (gleich wie 
mancherlei den Schweden). Grotesk ist 
derart die Bezeichnung von Steinsitzen 
aus dem 18. Jh. auf einer Ansichtskarte 
als „Römerfemgericht“ 19 )! Ein gelehrter 
Aberglaube des 19. Jh.s ist das Vorhanden¬ 
sein vieler „Römerstraßen“ auf den amt¬ 
lichen pfälzischen Karten 20 ). Mancher 
„Römerturm“ in Bayern entstammt dem 
MA. 21 ). Sogar ein Steinkreuz wird ge¬ 
legentlich auf die Römerzeit zurück¬ 
geführt 22 ). 

„Der römisch Mathis“ = Rheumatis¬ 
mus 23 ). 

•) Vgl. Stemplinger Aberglaube ; Ders. 


Volksmedizin ; Höfler Weihnacht 49; Rochholz 
Gaugöttinnen ; Wolf Beiträge 1, 107. 7 ) Um¬ 

gekehrt sei erwähnt P. I. Herwegen Germ. 
Rechtssymbolik in der röm. Liturgie. 8 ) Zur 
Orientierung vgl. Helm Religgesch. 1,3420.; 
H. Dragendorff Westdeutschland zur Römer- 
zeit, bes. S. 96 ff. (Religion); F. Koepp Die 
Römer in Deutschland', Ders. Röm.-Germ. For¬ 
schung. 9 ) Meist gelehrte Sagen aus der Römer¬ 
zeit: Rochholz Sagen 1,107t. in; 2,245 t. 
271 f.; Künzig Schwarzwald 264; Meier 
Schwaben 229; Fox Saarland 289; Zaunert 
Rheinland s. u.; ZfrwVk. 3 (1906), 299 (Varus¬ 
schlacht); Nds. 1 (1911) = Teudt Germ. Heilig¬ 
tümer (1931), 122. 210; Mackensen Nds. Sagen 
224 (Caesar als Gründer Lüneburgs!); in Frank¬ 
reich ist die Erinnerung natürlich viel lebhafter, 
vgl. Sebillot Folk-Lore 4,35. 41. 101 f. 109. 
322 ff. 10 ) Helm Religgesch. 1, 410 f.; Andree- 
Eysn Volkskundliches 35 ff.; ZtVk. 2 (1892), 
24 ff.; Becker Pfalz 19 h.; s. o. 5,1865!. 
n ) Zaunert Rheinland 1,6 ff. 116. 133 ff. 
(Köln); 2, 68 ff. (Trier). 78 f. 121 („Eigelstein“ 
Mainz). 258 f.; Hertz Elsaß 169 ff. 12 ) Zaunert 
Rheinland 1,21; Ders. Hessen-Nassau 64. 
13 ) Ders. Rheinland 1, 8. 14 ) Ders. Hessen- 

Nassau 64; Kapff Schwaben 122; F. Ohlen- 
schlager Der Name „Pfahl 1 * als Bezeichnung 
der röm. Grenzlinie in Neue Heidelberger Jahr¬ 
bücher 5, 61 ff.; s. w. oben 6, 1304 f. 15 ) Zau¬ 
nert Rheinland 2,78; Stöber Elsaß 1,80; 
Birlinger Aus Schwaben 1,348; Rochholz 
Sagen 1,107 t. 255 t.; vgl. Limes 6,1305. 

16 ) Z. B. bei Rheinfelden (Baden); Oberelsaß, 
ZfGORh. 70, 1 61 ff.; Becker Pfalz 29 ff. 

17 ) Zingerle Sagen 310. 329. 342. 539. 688; 

Heyl Tirol 205. 270. 18 ) Vgl. Becker Pfalz 

13. 18; auch in Frankreich, Sebillot 4, 104. 

19 ) OdZfVk. 7, 62 (Hainhaus, Odenwald). 

20 ) PfälzMuseum 48 (1931), 151; Becker Pfalz 
31 f. 21 ) DG. 3, 54, 5, 52. 138, 8, 182, 11, 233 f. 
31, 99; vgl. Birlinger Volksth. 1, 86 . 22 ) Kapff 
Schwaben 163; vgl. Lollus oben 6,1325 t. 23 ) 
Zimmermann Volksheilkunde 53. 

Müller-Bergström. 

Romanusbüchlein s. Nachtrag. 
Romanussegen s. Nachtrag. 


Roods (Röds) oder Herodis nennt 
eine Sage im Hannoverschen den wilden 
Jäger (s. d.) x ). Den Namen führt Mann¬ 
hardt auf den Beinamen Wodans Hruodso, 
Hrödso, Hröso, Röso — Ruhmträger zu¬ 
rück 2 ). 

x ) Kuhn Westfalen 1, 1; ZfdMyth. 1, 100; 
danach Ranke Sagen 1 84, 2 122. 2 ) Germ. 

Mythen 286. Lincke. 


Rose (Rosa centifolia u. Verwandte),, 
s. auch Hundsrose, Weinrose, Schlafapfel. 

1. Botanisches. Unsere Garten-R.n 
stammen zum großen Teil aus dem Orient. 


Verschiedene Arten wie die Essig-R. (R. 
gallica) und anscheinend auch die gelbe 
R. (R. lutea) wurden bereits im antiken 
Griechenland und Italien kultiviert. Nach ' 
West- und Nordeuropa kamen die orien¬ 
talischen Garten-R.n erst verhältnismäßig 
spät (z. T. wohl durch die Kreuzfahrer), 
wie ja auch der Name R. aus dem lat. 
rosa stammt. Vielleicht wurden sie auch 
durch die Mönche über die Alpen gebracht. 
Die R.nfunde aus den mitteleuropäischen 
Pfahlbauten stammen von einheimischen 
Wildr.n. Die Zentifolie (R.centifolia) 
soll erst im 16. Jh. nach Deutschland ge¬ 
kommen sein. Über die Geschichte, 
Symbolik usw. der R. gibt es eine aus¬ 
gedehnte Literatur 1 ). 

*) R. v. Fischer-B enzon Altdeutsche Gar¬ 
tenflora 1894, 34—37; Hehn Kulturpflanzen ® 
1894, 243—255; Hegi Illustr. Flora v. Mittel- 
Europa 4, 986—988; Hoops Reallexikon 3, 
530—532; Schräder Reallexikon 2 2, 267—269; 
Tschirch Hb. d. Pharmakognosie 2, 791 f.; 
Th. Wolff Z. Geschichte der R. Gartenflora 60 
(1911), 220—-226; Jak. Esselborn Die R., 
der Blumen Königin. Ursprung, Sagen, Legenden, 
Volksglauben, Poesie usw. Kaiserslautern 1890; 

P. Graffunder Die R. in Sage u. Dichtung 
13 S. Prag 1897; Gubernatis Plantes 2, 
317—234; Charles Joret La Rose dans 
Vantiquite et au moyen äge. Paris 1892; Lemke 
Asphodelos 1 (1914), 36—49; Schleiden 

Die R. Geschichte u. Symbolik. Leipz. 1873; 
Strantz Die Blumen usw. 1875, 1—62; 

Harou De roos in het volksgeloof en volks- 
gebruik. Volksleven 9 (1897), 84 f. 218—221. 

11 (1899), 26—29. 

2. Die R. erscheint oft in Sagen und 
Legenden. Berühmt ist der alte R.n- 
strauch am Dom zu Hildesheim. Uber 
seine Entstehung wird erzählt, daß einst 
Ludwig der Fromme auf der Jagd sein mit 
Reliquien gefülltes Kreuz verlor. Ein 
Diener fand es im Schnee auf einem blü¬ 
henden R.nstrauch. Ludwig der Fromme 
ließ dort der Muttergottes eine Kapelle 
bauen und den R.nstrauch an der Chor¬ 
wand der Kapelle hinaufleiten 2 ). Bei dem 
Hüdesheimer R.nstock handelt es sich bo¬ 
tanisch um R.canina var. lutetiana. Er 
ist übrigens nicht „tausendjährig“, son¬ 
dern höchstens 300 Jahre alt 3 ). Ver¬ 
breitet ist auch die Sage, daß die Dom¬ 
herren oder Mönche als To des Vorzeichen 
auf ihrem Chorstuhl drei Tage vor dem 
Ableben eine weiße R. finden. Sie wird 


z. B. von Hildesheim, Breslau, Lübeck, 
Altenberg (Rheinprovinz) und vom Kloster 
Arnoldstein (Gailtal in Kärnten) erzählt 4 ). 
Auch an die bekannte Sage von den R.n 
der hl. Elisabeth sei hier erinnert 5 ). 
1634 soll in Phna ein dürrer R.nzweig, 
der schon 70 Jahre in der Kirche an der 
Wand gesteckt hatte, während des Gottes¬ 
dienstes zu grünen angefangen und schöne 
weiße R.n getragen haben 6 ). In einem 
elsäßischen Dorf unweit Maria Stein steht 
ein R.nknopf, der nie verblüht; das Jahr 
über ist er geschlossen, aber nur in der 
Christnacht (vgl. den in der Christnacht 
blühenden Apfelbaum 1, 518) entfaltet 
er sich und wirft weithin lichten Schein 
um sich. Er kommt von dem R.nhurste 
her, an dem die hl. Maria die Windeln 
des Jesuskindes trocknete (s. Wein rose). 
Je länger er blüht, umso fruchtbarer wird 
das Jahr 7 ). Im Vintschgau bei Mals steht 
ein R.nstrauch, der aus dem Blute eines 
von einem Wüstling verfolgten Mädchens 
entsproß 8 ). In Zehmitz (Anhalt) ist es 
verboten, R.n in den „Johanniskranz“ 
hineinzuwinden. Da der Heiland mit 
Domen gekrönt worden ist, so wäre es 
unstatthaft, den hl. Johannes mit Dornen 
zu bekrönen 9 ). „R.ngärten“ heißen auch 
Friedhöfe 10 ). Auf das häufige Vorkom¬ 
men der R. im Volkslied sei nur kurz hin¬ 
gewiesen 11 ). 

2 ) Harrys Volkssagen usw. Nieder Sachsens 1 
(1840), 71 f.; Grimm Sagen 340; Meyer Germ. 
Myth. 284; Bank D. tausendjährige R.nstock 
am Dome zu Hildesheim. Natur u. Offenbarung 
40 (1894), 84—94. 3 ) Verhandl. d. botan. Ver. 
der Prov. Brandenburg 23 (1881), II f. 4 ) Har¬ 
rys Volkssagen usw. Nieder Sachsens 1, 73; 

Kühnau Sagen 3, 502; Seifart Sagen usw. aus 
Hildesheim 1860, 30; Grimm Sagen 194; 

Deecke Lübische Sagen 139 ff.; Grässe Preus- 
sen 2, 3. 170; Gräber Kärnten 1914, 421; vgl. 
auch Grabinski Sagen 2 ff.; Schwebel Tod 
u. ewiges Leben 126 f.; Bolte-Pol ivka 3, 460. 
5 ) Bechstein Thüringen 1 (1835), 63. 6 ) Ber- 
ckenmeyer Cur. Antiquarius 1712, 529 = 
Meiche Sagen 652. 7 ) ZfdMyth. 1, 402. 8 ) Al¬ 
penburg Tirol 395. •) ZfVk. 7, 147. 10 ) Jacobs 
R.ngärten im deutschen Lied, Land u. Brauch. 
Neujahrsblätterhrsg. von derhistor. Kommission 
der Prov. Sachsen Nr. 21 (1897), 4 ff. 230.; 
Pfannenschmid Weihwasser 62 ff.; Meyer 
Germ. Myth. 126; Lütolf Sagen 254 ff.; DG. 27 
(1926), 79. 1X ) Erk-Böhme 3, 886 (Register). 

3. Im Orakelwesen werden die R.n 


Rose 


Frau Rose—Rose, Segen wider die 


782 




meist mit dem Tod in Verbindung ge¬ 
bracht. Wenn Kranke von R.n träumen, 
dann sterben sie, ,,denn die R.n fallen 
bald ab“ 12 ). Träume von roten R.n be¬ 
deuten Blut und Unglück 13 ). Rote R.n 
dürfen nicht als Geschenk ins Kranken¬ 
zimmer gebracht werden, sie würden dem 
Kranken den Tod bringen 14 ). Wenn die 
R.n im Herbst (noch einmal) blühen, so 
soll es ein großes Sterben bedeuten 15 ) 
oder es stirbt jemand aus der Familie 16 ). 
Wenn die R.n verblüht sind, werden die 
Schwerkranken sterben 17 ). Das Er¬ 
bleichen der R.n, die rot werden sollten, 
ist ein Todesanzeichen 18 ). Eine im Herbst 
blühende rote R. bedeutet aber auch 
Hochzeit 19 ). Mißbildungen an R.nblüten 
wie Vergrünungen (,,wenn aus einer R.n- 
blüte ein grünes Blatt herauswächst“) 
oder Durchwachsungen (,,R.n“könig im 
Volksmund = „Prolifikation“ des Bota¬ 
nikers) bedeuten, daß im nächsten Jahr 
eine Braut im Hause ist 20 ); in England 
bedeutet jedoch eine solche Vergrünung 
den Tod eines Familienmitgliedes 21 ). 
Eine baldige Verlobung steht bevor, wenn 
drei R.n im Garten an einem Stil 
blühen 22 ). Die Mädchen werfen R.n- 
blätter in den Bach; wenn zwei aufein¬ 
anderzuschwimmen, gibt es Hochzeit 23 ). 
Man mischt weiße und rote R.n unter¬ 
einander, nach diesen greifen die Mäd¬ 
chen mit verbundenen Augen; erwischt 
ein Mädchen dabei eine weiße R., so ist 
es noch unschuldig; wenn eine rote R., 
nicht mehr 24 ). Je länger (bei der Taufe) 
die den Paten überreichten R.nknospen 
frisch bleiben, desto älter wird das Kind 25 ). 
Nach einem ags. Aberglauben reicht man 
der Schwangeren eine Lilie und eine R. 
Nimmt sie die Lilie, wird sie einem Kna¬ 
ben, nimmt sie die R., einem Mädchen das 
Leben schenken 26 ). Unter den „R.n“, 
die auf Weiden wachsen 27 ), sind Gallen- 
büdungen (hervorgerufen durch die Mücke 
Rhabdophaga rosaria) zu verstehen, s. 
Weide. 

1J ) Ryff Traumbuch 1551, 70. 13 ) Wilde 

Pfalz 212. 14 ) Ebd. 15 ) Schreger Hausbüch¬ 

lein 1770, 131; Haupt Lausitz 272; Schweizld. 
6, 1387. 16 ) Pfister Hessen 164; Strackerjan 
Oldenburg 2, 120 = Wuttke 207 § 285. 17 ) An¬ 
halt: ZfVk. 30/32, 150. 18 ) Rothenbach 


Bern 43 Nr. 394. l9 ) Wuttke 207 § 285 = 
ZfVk. 23, 260; Mars ick Liebeszauber 1892, 7. 
20 ) Curtze Waldeck 402; Huntemann Olden¬ 
burg 1913, 78; Wuttke 207 § 285; Wirth 
Beiträge 6/7, 12. 21 ) FL. 20 (1909)» 344 * 22 ) Ost¬ 
holstein: Mensing Schlesw. Wb. 1., 545. 

23 ) Panzer Beitrag 2, 295; Schmidt 

Sitten u. Gehr, in Thüringen 1863, 6; Böhmer¬ 
wald 9 (1907), 187. 24 ) Niederösterreich: Ger¬ 
mania 21 (1876), 412. 25 ) John Erzgebirge 62. 
26 ) Hoops Reallexikon 3, 531. 27 ) z. B. Eisei 

Voigtland 261 Nr. 657. 

4. Die R. im ,,Sympathieglauben“. 
Das Taufwasser 28 ) oder das erste Bad¬ 
wasser des Neugeborenen schüttet man 
unter einen R.nstrauch, dann bekommt 
das Kind schöne rote Backen 29 ). Zu dem 
gleichen Zweck wird auch die Nabel¬ 
schnur unter einem R.Strauch vergraben 30 ). 
Auch das durch einen Aderlaß entzogene 
Blut schüttet man unter einen R.n- 
stock, um rote Backen zu bekommen 31 ). 
Menstruiert das Mädchen das erstemal, 
so muß es mit dem Wasser, mit dem das 
Hemd, das beim Einweichen aber nur mit 
drei Fingern angefaßt werden darf, ge¬ 
waschen worden ist, einen R.nstrauch 
begießen, dann hat sie immer ein schönes 
rotes Gesicht 32 ). Räucherungen mit den 
Blütenblättem der R. sind ein Heilmittel 
bei „Rose“ (Krankheit) 33 ). Die erste R., 
die man im Jahr sieht, soll man essen, 
dann bekommt man die ,,Rose“ nicht 34 ); 
auch die Augen bleiben gesund, wenn 
man sie mit den ersten drei R.nknospen, 
die man im Frühjahr sieht, auswischt. 
Doch darf man die R.nknospen dabei 
nicht abbrechen 35 ), vgl. Frühlings¬ 
blumen (3, 160). Tau von R.n soll 
tränende Augen hell und klar machen 36 ). 
Ein „homoeopathisches“ Mittel ist es, 
wenn man Leichdorne heilt, indem man 
R.ndome dörrt 37 ). Menstruierende dür¬ 
fen eine Monatsr. nicht berühren, da diese 
sonst welken muß 38 ). Auch in verschie¬ 
denen Segen wird die R. genannt, vgl. 
z. B. in einem Blutsegen (aus Pom¬ 
mern) 39 ) (s. Segen wider die Rose): 

Da an jenem Strom, 

Da steht ein R.nbom, 

Der Baum, der blüht so sehr; 

Hör auf und blut nicht mehr. 

* 8 ) Wolf Beiträge 1, 207; Fogel Pennsylvania 
47. • 29 ) Wuttke 110 § 144; Schönwerth 
Oberpfalz 1, 179; John Westböhmen 104; ZföVk. 


14, 119; Drechsler Schlesien 1, 186. 30 ) Boh¬ 
nenberger 1, 107; Alemannia 34 (1906/07), 
272; Höhn Geburt 261; Zimmermann in 
Tschirch-Festschrift 1926, 259; Mar zell Bayer. 
Volksbotan. 62; ebenso in Frankreich: Rtrpop. 
20, 301; Rolland Flore pop. 5, 250. 31 ) Panzer 
Beitrag 1, 257; Lammert 200 (Oberpfalz); 
Ztschr. f. Kulturgesch. 1875, 723 (Erzgebirge). 
32 ) MschlesVk. 4, 56. 33 ) ZföVk. 9, 242 (Böhmer¬ 
wald); ZrwVk. 3, 301 (Lippe). 34 ) Wirth Bei¬ 
träge 6/7, 25. 35 ) Arch. Ver. f. Freunde der Na- 
turg. in Mecklenburg 50 (1896), 197. 36 ) Sey- 
farth Sachsen 252. 37 ) Bohnenberger 110. 

38 ) Urquell 4, 272. 39 ) Jahn Hexenwesen 239. 

5. Verschiedenes. Wenn man von 
einem R.nstock einem Toten R.n mit ins 
Grab gibt, so verdorrt der R.nstock 40 ), 
s. Rosmarin. R.n blühen nicht, wo ein 
Toter liegt 41 ). Wenn man an Johanni 
zwischen 11 und 12 Uhr mittags die ab¬ 
geblühten R.n oder die Blätter abpflückt, 
so blüht der Strauch im Herbst noch 
einmal 42 ). 

40 ) Wolf Beiträge 1, 215 = Wuttke 187 
§ 255. 41 ) Curtze Waldeck 402. 42 ) Alsatia 

1852, 140; Bavaria 4, 380; Wilde Pfalz 212; 
ebenso in Frankreich: Rolland Flore pop. 5, 
250. Marzeil. 

Frau Rose, auch Mutter Rose 4 ), ist 
wohl nichts anderes als eine Tiroler Son¬ 
derentsprechung der Holda oder Perhta 
(s. d.) mit sanften Zügen und guten Eigen¬ 
schaften, mithin das Gegenstück zu der 
unheimlichen Dämonin Stampa, in der 
sich alle schlimmen Eigenschaften und 
Funktionen der Holda-Perhta vereinigen. 
Je nachdem, ob die von der Grundgestalt 
losgelösten Geister das gute oder das 
böse Prinzip verkörpern, tragen sie auch 
gute oder böse Namen. Mütterlich behütet 
Frau R. die schlafenden Kinder vor dem 
Alb oder Trud 2 ). — Die entsprechende 
Gestalt in Niederdeutschland und der 
Priegnitz ist Frau Gode, in der übrigen 
Mark Brandenburg und in Sachsen, auch 
am Rhein erscheint Frau Harke (auch 
Harfe) oder Herke, hier wird Zusammen¬ 
hang mit der ags. Erce angenommen 3 ). 
Schon bedenklicher klingt ,,Werre“ im 
Voigtland 4 ); wir werden sie besser zur 
Stampa (s. d.) stellen. 

x ) E. H. Meyer German. Mythol. 285; Wuttke 
23. 2 ) Meyer a. a. O. 3 ) Kuhn Märk. Sagen 

Einleitg. 7. 4 ) Wuttke a. a. O. Schwarz. 

Rose, Segen wider die 1 ) (oder das 
„heilige Ding“). 


1. Epische Form. Die meisten hier¬ 
her gehörigen epischen Segen sind sicher 
späte Gebilde nach herkömmlichen Mu¬ 
stern. Hauptformen: Jesus (Maria o. a.) 
begegnet der Rose und bannt sie 2 ). 
Jesus (Maria, eine Jungfrau aus England 
o. a.) zieht über Land, hat eine Rose 
(Rosen) in der Hand (vgl. Brandsegen 
§ 1) 3 ). Das Krautsuchen, z. B.: „Pe¬ 
trus und Paulus (o. a. Heüige) giengen 
uet, Kruet to söken, daer wollen se te 
(d. h. de?) Roos verteen, de Kelleroos“ 
usw. 4 ); ist wohl ein Nachklang des Drei¬ 
brüdersegen (s. d.). Weiter können der 
Drei rosen segen 5 ) (vgl. Dreiblumen¬ 
segen) und der Dreifrauensegen (s. d. 
§ 2 mit Anm. 17 und § 3) in verschiedenen 
Formen für die Rose verwendet werden 


(auch ein Gemisch von beiden, Jungfern 
mit Rosen in der Hand 6 ). Endlich sehr 
oft das Streitmotiv, s. d. 


*) Bes. viele Belege aus Mecklenburg ZfVk. 
7, 405 ff. und Bartsch Meckl. 2, 415 ff. 2 ) ZfVk. 
i, 207 Böhmerwald; MschlesVk. H. 4, 67; 
Müllenhoff Sagen 514 Nr. 21 b. 3 ) En¬ 
gelien u. Lahn 254 Nr. 133; ZfVk. 7, 406 ff. 


passim 


) Schindler Aberglaube 182; 


Bartsch Mecklenburg 2, 416 Nr. 1929. 1932; 
Jahn Hexenwesen 105; Temme Pommern 
S. 343. s ) Kuhn Westfalen 2, 202 Nr. 570; 
ZfVk. 17, 451 Braunschweig; Seyfarth Sachsen 
123; Urquell 1 (1890), 186 Rendsburg; Bartsch 
Mecklenburg 2, 418 Nr. 1938; Frischbier 

Hexenspr. 84 Nr. 10. •) ZfVk. 5, 16 Siebenb. 
Bartsch Mecklenburg 2, 415 

ZfVk. 7, 406 Nr. 5; 410 Nr. 22; 

BlpommVk. 1, 47. 


Nr. 1926 f. 
411 Nr. 27 


2. Besprechungen. Das größte In¬ 
teresse bietet hier der beliebte Segen von 
den Glocken (dem Evangelium, der 
Messe), der in vielen Variationen über 
das ganze deutsche Sprachgebiet be¬ 
kannt ist 7 ), auch niederländisch 8 ) (und 
polnisch ? 9 )) (Selten gilt er dem „Rotlauf“, 
Zahnweh o. a. Leiden). Ein Beispiel: 
„Alle Glocken sind geklungen, das Evan¬ 
gelium ist gesungen, die Messe wird ge¬ 
lesen, die kleine Rose soll... genesen“ 10 ). 
Gewöhnlich werden drei heüige Vorgänge 
genannt, die Glocke(n) fast immer an der 
Spitze; die häufigsten Glieder sind Glocke 
und Evang., weniger oft kommen Messe (n), 
Psalmen, Lieder, Epistel vor; die Mes¬ 
sen sind in der ältesten Variante (vgl. 
unten) und niederländisch bezeugt. Das 




783 


Rosenapfel—Rosengarten 


784 


Verbaltempus ist gewöhnlich Präsens, oft 
jedoch Perfect um. Eine epische oder 
dialogische Einleitung kommt nieder¬ 
ländisch, in der frühesten deutschen Va¬ 
riante, J. 1575, und sonst selten 11 ) vor. 
Der Text von 1575 „zur Bährung“ ist 
oben „Koliksegen“ § 2 zitiert: Der böse 
Dämon wird hier damit abgefertigt, daß 
die Messen gelesen sind. — Unser Segen 
will besagen, daß gegen das Übel eine 
kultische Aktion eingeleitet oder voll¬ 
zogen ist, nämlich eine — in der Tat zele¬ 
brierte oder bloß fingierte — Messe (vgl. 
Fiebersegen § 2, Wurmsegen § 4). Spe¬ 
ziell kann an eine Privatmesse für den 
kranken NN gedacht sein, aber eben¬ 
sowohl an die offizielle Messe, in dessen 
„Kanon“ ein Gebet, „Memento, do¬ 
mine“, für Einzelpersonen eingeht. Das 
„Evangelium“ wird in jeder Vormesse 
gelesen. Mit der Glocke ist vielleicht 
ursprünglich an das Läuten bei der Ele¬ 
vation gedacht. Eine protestantische 
Variante schreibt vor: „Unter dem Bet¬ 
läuten unberedt gesprochen“ 12 ). Auf 
protestantischem Boden hat man aber 
oft einen ganzen Gottesdienst im Gedan¬ 
ken (Psalmen, Lieder). Das sehr oft 
hinzugefügte „alle (Glocken, Messen)“ 
wird unursprünglich sein. 

7 ) Grohmann 158 Nr. 1136; Lammert 
221; WürttVjh. 13, 232 Nr. 338; Wuttke 
§ 232; Strackerjan 1, 76; Köhler Voigtland 
407; Seyfarth Sachsen 91 f.; Bartsch Meck¬ 
lenburg 2, 383 Nr. 1801; 2, 419 Nr. 1946!.; 2, 
422 Nr. 1962; ZfVk. 7, 410; 8, 202 Nr. 13 Meck- 
lenbg.; Frischbier Hexenspr. 101; BlpommVk. 
1, 47. 8 ) NdlTVk. 7, 140. 9 ) Toeppen Masuren 
50, vgl. Frischbier Hexenspr. 59. 10 ) Wuttke 
§ 232. 11 ) ZfdA. 21, 211; anders Bartsch 

Mecklenburg 2, 402 Nr. 1875; 2, 419 Nr. 1946a. 
12 ) Württ. Vjh. s. oben Anm. 7. 

An derartige Besprechungen gibt es in 
großer Menge. Sehr viele sind den 
Wund- oder den Br and segen entlehnt 
wegen Ähnlichkeit der Leiden (wund, 
rot, brennend). Ersteres z. B.: „Rose, 
du sollst nicht stechen... nicht brechen 
. . . sollst stille stehn . . .“ 13 ). Letzteres 
z. B.: „Der Himmel ist hoch, der Krebs ist 
roth, die Todtenhand ist kalt, damit stille 
ich die R. u. den Brand“ 14 ) (s. Brand¬ 
segen §3); vgl. auch oben §1. An die 
Feuersegen (§ 4) erinnert die Verwen¬ 


dung des Motivs Christi Blut, z. B.: 
„Rosmarei u. Chr. Blut ist für diese R. 
gut“ 15 ). 

Weiter kommen Vergleiche mit Na¬ 
turerscheinungen vor (vgl. Krankheits¬ 
segen § 2); so in dem frühesten be¬ 
kannten (?) Texte wider die R., 16. Jh.: 
„Der fundt den ich hier findt, das er wider 
verschwindt, wie der wehende windt“ 16 ) 
(auch: wie der Tau, wie der Sproß im 
Zaun). — Durch gedr. Buch recht beliebt 
geworden (aber nicht für diesen Zweck 
gedichtet?) ist die Strophe: „Die Rose 
hat in dieser Welt — uns Gott als Köni¬ 
gin gesandt — und über ihr das Sternenzelt 
— als Krönungsmantel ausgespannt“; 
dann: „Rose, Rose, weiche“ usw. 17 ). 
Viele andere Motive kommen vor, meist 
jedoch vereinzelt. 

13 ) Kuhn Westfalen 2, 202 Nr. 569; vgl. 
Andree Braunschweig 418; Engelien u. 
Lahn 253 f. Nr. 133; Seyfarth Sachsen 
84. 88; Müllenhoff Sagen 514 Nr. 21; 
Bartsch Mecklenburg 2, 419 ff. Nr. 1949 t. 
T 953 f-1 Frischbier Hexenspr. 84 Nr. 11 f.; 
ZfVk. 5, 20 Ostpreußen. 14 ) Kuhn Westfalen 2, 
203 Nr. 574; vgl. Frischbier Hexenspr. 84 
Nr. 8; Grimm Myth. 3, 462 Nr. 794; Engelien 
u. Lahn 253 Nr. 133 f. 16 ) Seyfarth Sachsen 
n8, vgl. 123; Ganzlin Sächs. Zauberformeln 17 
Nr. 17. 16 ) Hälsig Zauberspruch 44; vgl. Kuhn 
Westfalen 2, 202 Nr. 573; Müllenhoff Sagen 
514 Nr. 21; ZfVk. 7 f 408 Nr. 7; 7, 411 Nr. 34 
Mecklenbg. 17 ) 6. u. 7. Buch Mosis 62; ZfVk. 17, 
451 u. öfter. Ohrt. 

Rosenapfel s. Schlafapfel. 

Rosengarten. R. dient zur Bezeich¬ 
nung von Friedhöfen 1 ), auch von ein¬ 
zelnen Teilen derselben 2 ), von Versamm- 
lungs-, Fest- und Gerichtplätzen 3 ), ferner 
in der Sage als Kampfplatz (bei Worms) 
und als Garten des Zwergkönigs Laurin 4 ), 
schließlich kommt er noch häufig als Flur¬ 
name vor 5 ). Manchmal sind es Orte, wo 
römische und prähistorische Funde ge¬ 
macht wurden 6 ). 

Die einen suchen im Namen R. my¬ 
thische Beziehungen. Die R. seien alte 
heidnische Begräbnis- und Kultplätze, 
wo man die Frühlingsspiele abhielt. Sie 
waren mit Domen, Hagrosen be- oder 
umpflanzt (vgl. Grab). In den R.-Epen 
findet man Spiegelung alter Frühlings¬ 
kampfspiele, und die Zwerge deuten auf 
Beziehungen zum Totenreich 7 ). 



Andere suchen eine andere Deutung: 
Atrium und Kreuzgang von Klöstern und 
Kirchen waren oft mit Rosen bepflanzt, 
so daß die Toten, die hier bestattet wur¬ 
den, im Rosengarten lagen 8 ); oder aber 
das römische Fest der „Rosalia“, das 
schon Verbindung mit dem Totenkult 
hatte, wurde in christlicher Zeit übernom¬ 
men, der Totenkult mit Rosenfest wurde 
an Heiligengräbem fortgesetzt und könnte 
so zur Bezeichnung R. für Begräbnis¬ 
plätze geführt haben 9 ). Die Rose und 
ihr Name sind in Deutschland erst um 
800 herum eingeführt worden 10 ); sie 
müßte also eine ältere Bezeichnung für 
die mit Dornen umhegten Begräbnis¬ 
plätze ersetzt haben. 

Von den Orts- und Flurnamen R. muß 
jeder einzelne genau untersucht werden, 
weil sie umgedeutet sein können 11 ). 
Den Namen R. in der Laurinsage glaubt 
Lunzer ohne Zwergsage erklären zu 
können 12 ). Er vermutet, daß der Name 
die Sage erst erzeugt habe. Damit würde 
die Verbindung zwischen Zwergen und 
Totenreich dahinfallen. Bestehen aber 
bleibt die Möglichkeit (die aber in jedem 
Einzelfall zu untersuchen ist), daß bei R. 
ein Zusammenhang zwischen altem Be¬ 
gräbnis-, Kult- und Gerichtsplatz vorliegt. 

*) Kondziella Volksepos 141 f.; SAVk. 22,199; 
Argovia 5, 254; Lü tolf Sagen 254 ff.; E. Fehrle 
Garten , Rose u. Rosengarten. Diss. Heidelberg 1922 
(masch. geschr.) 71; BtrzsudetendVk. 16, 377; 
vgl. Wossidlo Mecklenburg 2, 167. 245. 2 ) Zf- 
östVk. 5, 268 = Kindergrab; Fehrle Garten 71; 
DWb. 8, 1197. 3 ) Schweizld. 2, 437 h.; Ger¬ 

mania 6, 147 t.; 10, 147 t. 4 ) PBB. 50, 161 ff. 
■ 6 ) Beschorner Handbuch Nr. 18990.; Schweiz- 
Id. 2, 437 f.; Strackerjan 2, 121 f.; Ns. 35, 
579. 622. •) Rochholz Glaube 1, 200; Argovia 
5, 254; Germ. 17, 381. 7 ) Uhland Germ. 6, 

321 ff.; Pfannenschmid Weihwasser 62 ff.; 
Argovia 5, 254; Germ. 17, 381; Mannhardt 
Germ. Mythen 4490.; Rochholz DGl. 1, 21; 
Germ. 10, 147 t.; NieddZfVk. 1, 91 f.; S. Singer 
Im Rosengarten Sonntbl. d. Bund (Bern) 1916, S. 
200 ff. 8 ) Fehrle Garten 49f. 9 ) Fehrle a. a. O.; 
WuS. 2, 151 ff.; Pauly-Wissowa 2. Reihe i f 
1, im ff.; Hoops Reallex 3, 532. 10 ) Hoops 
Realiex. 3, 531. 11 ) Ns. 35, 575: aus Kalkrose = 
Stoß von Kalksteinen und Holz; ib. 622: zu 
Roß; in der Schweiz: Rössi = Grube zum Ein¬ 
legen von Hanf, Schwld. 6, 1412; bei Berg¬ 
namen im Alpengebiet kommt ein altes (ger¬ 
manisches ?) Wort *rosa = Eis, Gletscher in 
Frage: Clubführer durch die Bündneralpen, 


5. Berninagruppe. 1932; vgl. Jahrb. d. Schweiz. 
Alpenclub 40, 259. 12 ) PBB. 50, 196 ff. 

Geiger. 

Rosenkäfer s. Goldkäfer 3, 931. 

Rosenkranz entwickelte sich allmäh¬ 
lich seit dem XII. Jh. aus der mittel¬ 
alterlichen Frömmigkeit. Seit Ende des 
XVI. Jh. übt man die heute gebräuch¬ 
liche Form: 5 Vaterunser und 5 mal 10 
Ave Maria, wobei jedesmal eines Geheim¬ 
nisses der Erlösung gedacht wird. Man 
unterscheidet den „freudenreichen“, 
„schmerzhaften“ und „glorreichen“ R. 
Der Name R. stammt aus der Marienle¬ 
gende des XIII. Jh. x ); im Volksmund 
heißt er: Pater, Päter, Nüster usw., eine 
Perle heißt Päterchen. Ähnliche mne¬ 
motechnische Hifsmittel finden sich auch 
in Indien und im Islam 2 ). Als Volks¬ 
andacht erfreut sich das Beten des R. 
großer Beliebtheit. Seit 1573 wird am 
ersten Sonntag im Oktober das Rosen¬ 
kranzfest gefeiert, der Oktober ist der 
Rosenkranzmonat. Die Gebetsschnur 
wird geweiht, sonst können keine Ablässe 
daran gewonnen werden, die Perlen 
müssen aber aus „tauglichem“, d. h. 
haltbarem Material sein 3 ). Auch können 
verschieden hohe Ablässe geweiht wer¬ 
den; „hochgeweihte“ R. sind daher be¬ 
sonders gesucht. Bei Verkauf oder Be¬ 
nützung durch einen andern geht jedoch 
die Weihe verloren. Diese Anschauungen, 
sowie die seit dem Mittelalter verbreiteten 
zahllosen Legenden von der außerordent¬ 
lichen Wunderwirkung des R.es haben diese 
Gebetsschnur zu einem Talisman ersten 
Ranges gemacht. Nicht nur bei reli¬ 
giösen Handlungen wie Beichte, Kom¬ 
munion, Prozessionen, Hochzeit 4 ) ist 
man damit versehen, auch der Tote muß 
damit begraben werden 5 ), er ist eben un¬ 
entbehrliches Requisit 6 ). In seinem Be¬ 
sitz fühlt man sich vor allem Übel ge- 
gefeit 7 ). 

Vorzüglich gebraucht man den R. als 
Apotropaion: Spukgeister verschwin¬ 
den, wenn man einen R. nach ihnen 
wirft 8 ). Braucht man günstiges Wetter 
zum Wäschetrocknen, so hängt man einen 
R. ins Freie 9 ). Schwangere tragen ihn 
bei sich gegen Behexung und zur Er- 


7&7 


Rosenschwamm—Rosm ari n 


Roß—Roßkastanie 


790 



leichterung der Geburt 10 ). Wickel- 
kindem legt man einen in die Windeln oder 
in die Wiege, das schützt vor allem Bösen 
und macht das Kind fromm u ). Auch be¬ 
wahrt der R. vor Alp und Wechselbalg 12 ). 

Selbstverständlich dient er auch als 
Heilmittel. Kranke werden mit einem 


7 mal geweihten R. unter Anwendung ge¬ 
wisser Formeln bestrichen 13 ). Ein R., der 
aus einem Grab stammt, hilft gegen 
Kopfweh 14 ). Schenkt ein Mädchen ihrem 
Geliebten einen R., so bekommen sie ein¬ 
ander immer lieber; denn der R. „bin¬ 
det" 15 ). 

Ein verzauberter Schatz kann ge¬ 
hoben werden, wenn man einen R. darauf 


wirft 16 ), nur muß es unbeschrieen ge¬ 
schehen 17 ). 

x ) Thurston, the Month 1908, 518 f. 2 ) Pfan- 
nenschmid Erntefeste 357; RHR. 21. 3 ) SAVk. 
22,181 f. 4 )Weinhol d Frauen 1, 306. 5 ) Aleman¬ 
nia 17, 100. 6 ) Höhn Tod 321; Meyer Baden 587. 

7 ) Urquell 1897, 94i Stoll Zauberglauben 65 t. 

8 ) Wuttke 484 § 772. 9 ) Pollinger Landshut 

158. 10 ) Weinhold Neunzahl 38; John West¬ 
böhmen 105; Meyer 1. c. 389. u ) John 1. c. 107. 
12 ) Drechsler i, 188. 13 ) Hovorka-Kron- 

feld 2, 114. 14 ) Schönwerth 1. c. 3, 238. 

15 ) ZfVk. 11, 417. 16 ) Schramek Böhmerwald 

143; Herzog Schweizersagen 195; Grohmann 
215; Kühnau Sagen 3, 669. 17 ) Wuttke 412 
§ 640. Schneider. 


Rosenschwamm s. Schlafapfel. 


Rosmarin (Rosmarinus officinalis). 

1. Botanisches. Niedriger Strauch 
mit lederartigen, linealen, am Rande 
eingerollten Blättern und kleinen bla߬ 
blauen Lippenblüten. Der R. stammt 
aus den Mittelmeerländern und wird bei 
uns (anscheinend schon seit den ersten 
nachchristlichen Jahrhunderten) häufig 
in Gärten (im Winter muß er zugedeckt 
werden) oder als Zimmerpflanze in Töpfen 
gezogen 1 ). Er riecht stark aromatisch. 

*) Marzell Kräuterbuch 174 f.; Heilpflanzen 
134—140. 

2. Der R. wird fast überall im deut¬ 
schen Sprachgebiet ähnlich wie Myrte 
und Zitrone im Hochzeitskult verwen¬ 
det 2 ). Schon im Altertum scheint der 
R. im Kult der Aphrodite Verwendung 
gefunden zu haben. Wenn er von den 
Brautleuten getragen wird, so mag das 
ursprünglich eine apotropäische Bedeu¬ 


tung (stark riechende Pflanze; vgl. Dills 
2, 295) gehabt haben 3 ). Die Brautleute 
(manchmal auch der Brautführer oder 
die Hochzeitsgäste) stecken nach der 
Hochzeit den R.zweig in die Erde. Faßt 
dieser Wurzeln, so wird die Ehe glücklich 4 ). 
Vor der Kopulation setzt die Kranzl- 
jungfrau dem Bräutigam ein R.kränzchen 
auf. Beim Umlegen der Stola suchen 
Brautführer und -jungfer dasselbe zu er¬ 
haschen. Wer es erringt, der heiratet 
zuerst, wer verliert, muß zahlen 5 ). Wenn 
sich die Spitzen des R.s, welchen die Trau¬ 
zeugen tragen, während der Trauungs¬ 
feierlichkeiten beugen, so gilt dies 
für dessen Träger als schlechtes Sitten¬ 
zeugnis; als ein noch schlechteres, wenn 
sie verwelken. Wenn die Braut das R.¬ 
kränzchen vom Scheitel des Bräutigams¬ 
nimmt, behält sie die Herrschaft im Hause,, 
wenn er es selbst herunternimmt, dann 
er 6 ). Die Braut steckt dem Bräutigam 
heimlich ein R.zweiglein zwischen Hut 
und Futter, damit er ihr die Treue be¬ 
wahrt (öflingen), in Bernau hat die 
Braut ein R.zweiglein in der rechten 
Schuhspitze und macht mit dieser, wenn 
ihr Mann sie vom Hochzeitsmahl ins 
Haus führt, vor der Haustür drei Kreuze 7 ). 
Wenn während des Zusammengebens 
dem Bräutigam sein R.Sträußchen lierab- 
fällt, so bedeutet das eine unglückliche 
Ehe 8 ). Wenn eine reine Jungfrau die 
Spitze eines R.s heimlich in den Brustlatz 
des Burschen einnäht, so kann er von ihr 
nicht lassen 9 ). Auch in Böhmen 10 ), in 
Frankreich 11 ), besonders aber in Eng¬ 
land 12 ) wird der R. im Liebeszauber be¬ 
nutzt. Übrigens galt der R. auch als 
Abortivmittel 13 ). 

*) Unger Der R. in Dalmatien in: Botan. 
Streifzüge aus d. Gebiet d. Culturgesch. Wien 
(Akad.) 9 (1867); Stein R. im Volkslied u . 
Volksbrauch . In: Thüringer Monatsbl. 26- 
(1918/19), 89—94: Vahldieck Zitrone 

R. in der deutsch. Volkssitte. In: Heimat u. Welt 
4 (1914), 91—96; Dölber Zitrone u. R. 

in Hochzeitsgebräuchen. In: ARw. 21, 238—240. 
3 ) Vgl. auch Meyer Baden 290. 4 ) Niederöster¬ 
reich: Germania 21 (1876), 415; Marzell 

Bayer. Volksbotanik 65; DVköB 11, 167; 

Vonbun Beiträge 130; Wuttke 237 § 338. 
5 ) John Westböhmen 145. 6 ) Niederösterreich: 
Germania 21 (1876), 415. 7 ) Meyer Baden 285. 
8 ) Baumgarten Aus d. Heimat 1869, 95. 


9 ) Posen: Wuttke 364 § 550 = Aigremont 
Pflanzenwelt 1, 144. 10 ) Grohmann 117. 

n ) Rolland Flore pop. 8, 192. 12 ) Dyer Plants 
100. 13 ) Marzell Heilpflanzen 136. 


3. In vielen Gegenden ist der R. (oft zu¬ 
sammen mit der Zitrone) eine „Toten¬ 
pflanze". Er wird in den Sarg gelegt oder 
von den Teilnehmern an der Beerdigung 
in den Händen oder im Mund getragen, 
von den Leichenträgern angeblich des¬ 
halb, daß sie nicht zu sehr vom Leichen¬ 
geruch belästigt werden 14 ). Auch in 
England 15 ), besonders aber in Italien 
(„pianta funebre par eccellenza") 16 ) gilt 
der R. als Totenpflanze. Wenn man von 
einem R.stock ein Zweiglein einem Ver¬ 
storbenen mit ins Grab gibt, so verdorrt 
der Stock, sobald der R. im Grab fault 17 ). 
Wenn der ins zugeschüttete Grab oder in 
den Garten gesteckte R. nicht wächst, 
so bedeutet das einen Todesfall 18 ), über¬ 
haupt sagt das Verdorren des R.s einen 
Todesfall im Hause voraus lö ). Man 
sieht es nicht gern, daß R. für ein Begräb¬ 
nis gepflückt wird, weil sonst der ganze 
Stock verdorrt 20 ). Das Gleiche gilt, 
wenn eine Schwangere einen Zweig ab¬ 
bricht 21 ). Der R. stirbt ab, wenn ihn 
Kranke berühren 22 ) oder wenn der Haus¬ 
vater stirbt 23 ). Beim Tod des Hausvaters 
muß der R. „angeklopft" werden, sonst 
stirbt er ab 24 ). 


14 ) Höhn Tod 340. 1S ) Z. B. FL. 20, 219. 

1# ) Pitrö Usi 3, 251. 17 ) Rockenpbilosophie 4 

(1707), 344 = Sterzinger Aberglaube 172 = 
Grimm Myth . 3, 445; Drechsler Schlesien 2, 
215; Bartsch Mecklenburg 2, 93; Kummer 
Volkstüml. Pflanzennamen usw. aus d. Kt. 
Schaffhausen 1928, 104; Böhmen: Grohmann 
92 = Wuttke 108 § 140. 18 ) Fischer Schwäb- 
Wb. 5, 410; Höhn Tod 340. 19 ) Unoth 180. 

*°) Kuhn Westfalen 2, 49. 21 ) Westfalen: 

JbNdSpr. 3, 146. 22 ) Niederösterreich: Ger¬ 

mania 21 (1876), 414. 23 ) Schweizld. 6, 1445. 
f4 ) JbNdSpr. 3, 150 = Sartori Westfalen 100. 


4. Da der R. immergrün ist, dienen 
seine Zweige auch als „Lebensrute" (s. d.) 
zum „Pfeffern" 25 ). Im Kalbeschen Wer¬ 
der (Altmark) legen die jungen Burschen 
R.stengel auf einen Teller, gießen Brannt¬ 
wein darüber und ziehen dann von 
Haus zu Haus, wo sie den Frauen die 
Füße waschen 28 ). Dieses Fußwaschen ist 
wohl ein Rudiment für das Schlagen mit 
dem R.zweig. Beim Kathreintanz (25. 


Nov.) peitscht ein festlich gekleideter 
Tänzer alle Mädchen mit einem R.stengel 27 ), 
ebenso wird in der Oberpfalz mit einem 
R.zweig „gepfeffert" 28 ). Deutlich ist 
die Fruchtbarkeitssymbolik, wenn im 
Anhaitischen nach dem Tauf schmaus eine 
Schüssel mit Wasser und ein R.zweig 
herumgeht, mit dem der Patenbursche 
sein Mädchen und umgekehrt bestreicht 29 ). 
Ab und zu dient der R. als „Barbara¬ 
zweig" 3 °), s. 1, 908 f. 

25 ) Mannhardt 1, 254. 264!.; Heimatbilder 
aus Oberfranken 3 (1915), 120 f.; vgl. Schul- 
lerus Pflanzen 106. 26 ) Kuhn u. Schwartz 

369, vgl. auch Geschichtsbl. f. Stadt u. Land 
Magdeburg 15 (1S80), 257 f. 27 ) Egerland: 
ZföVk. 14, 105 28 ) Bavaria 2, 262; Mitt. u. Umfr.. 
z. bayer. Vksde 1, Nr. 4, 2; Bauernfeind 
Nordoberpfalz 17. 29 ) Wirth Beiträge 6/7, 12. 
30 ) John Westböhmen 5. 

5. Verschiedenes. An den jungen 
R.stock bindet man etwas Rotes (z. B. 
ein rotes Bändchen), damit er recht ge¬ 
deiht und nicht beschrieen wird 31 ). „In 
der Christ nacht um 12 Uhr sind alle 
Wasser Wein und alle Bäume Rosemarein" 
heißt es im Rheinischen 32 ). Dazu wäre 
der englische Glaube zu vergleichen, 
daß an Weihnachten in der Mitternachts¬ 
stunde der R. blüht 33 ). R. und Lorbeer 
vertragen sich nicht zusammen. Hat 
jemand Freude an R. und auch an Lor¬ 
beer und pflanzt und pflegt beide zu¬ 
sammen, so gedeihen nicht beide, eins 
davon geht zu gründe 34 ). Ein Segen 
gegen die „Rose" (Erysipelas usw.) lautet: 

Rosmarei und Christi Blut 
Ist für diese Rose gut. f t t* 

Es handelt sich hier offenbar um einen 
„etymologischen" Segen (wegen des. 
Gleichklangs) 35 ). 

31 ) Niederösterreich: Germania 21 (1876),. 

415. 32 ) Wolf Beiträge 1, 230. 83 ) FL. 5, 337; 
13,174. M ) Obere Nahe: ZrwVk 2, 210. 3fi ) Sey- 
farth Sachsen 118. Marzell. 

Roß s. Pferd. 

Roßkäfer s. Mistkäfer. 

Roßkastanie (Aesculus hippocasta- 
num). 

1. Botanisches. Die R. wird bei uns 
überall als Zierbaum angepflanzt. Ihre 
Heimat ist das nördliche Griechenland. 
Nach Mitteleuropa kam sie erst in der 
zweiten Hälfte des 16. Jh.s 1 ). Fossel 2 ) 


5 

T 


t 


\ 



Roßpappel—rot 



rot 



vermutet, daß die R. (als Tragezauber) 
ein altes ehrwürdiges Element aus Rang 
und Glauben verdrängt hat. 

*) Marzeil Kräuterbuch 113 t. 2 ) Volksme¬ 
dizin 25. 

2. Die R. wird als Amulett (meist in 
der Hosentasche, selten als Halsband) 
gegen verschiedene Krankheiten mit¬ 
getragen und zwar hauptsächlich gegen 
Rheumatismus 3 ), Gicht 4 ), seltener gegen 
Krampf 5 ), Schlagfluß 6 ), Ausschlag 7 ), 
Rotlauf („Rose“) 8 ), Fieber 9 ), Schwin¬ 
del 10 ), Zahnschmerzen 11 ), Hämorrhoi¬ 
den 12 ). öfter wird vorgeschrieben, daß 
die R.n in ungerader bzw. Dreizahl 13 ) 
mitgetragen werden müssen. Mancherorts 
müssen sie in der rechten 14 ), anderwärts 
wieder in der linken 15 ) Hosentasche ge¬ 
tragen werden. Der Aberglaube ist auch 
in „gebildeten“ Kreisen weit verbreitet. 
„Wenn ich“, schreibt Andree 16 ), „zu 
meinem Freunde Geh. Rat N., der Pro¬ 
fessor an der technischen Hochschule ist, 
sage: ,Zeigen Sie mir Ihre Kastanien', 
dann holt er sie lächelnd aus der Hosen¬ 
tasche und sagt dabei: ,Es schadet ja 
nichts; seit ich sie trage, habe ich nie 
wieder Rheumatismus gehabt 1 “. Auch 
Alfred Krupp in Essen soll bei Lebzeiten 
immer drei K.n in der Tasche getragen 
haben 17 ). Wenn man in der Tasche R.n 
trägt, hat man Glück 18 ), oder man nimmt 
beim Fallen keinen Schaden 19 ), s. Dattel 
(2, 174). Ab und zu wird auch der alko¬ 
holische Auszug der Blüten zum Ein¬ 
reiben bei Gicht und Rheumatismus 
verwendet 20 ). Hat sich diese Anwendung 
aus dem Tragezauber entwickelt oder ist 
das Umgekehrte der Fall? 

3 ) Z. B. Tschirch-Festschrift 1926, 259 (Ba¬ 
den); Marzeil Bayer. Volksbotan. 170; Schmid 
Volksmed. aus d. Kt. Glarus 1924, 61; Fogel 
Pennsylvania 329; Treichel Westpreußen 2, 
192; 9, 247; Wirth Beiträge 6/7, 28; Wilde 
Pfalz 225; auch in anderen Ländern: S6billot 
Folk-Lore 3, 411; JAmFl. 5, 20 (Nordamerika); 
WissMittBosnHerc. 4, 446; ZöVk. 6, 170 (Bos¬ 
nien). 4 ) Z. B. Wuttke 356 § 534; Höhn 
Volksheilkunde 1, 143; Urquell 4, 155 (im Ber- 
gischen); Knorrn Pommern i3i;ZfVk. 7, 171 
(Grafsch. Ruppin); 10, 213 (Nordthüringen), 
5 ) Andrian Altaussee 136; Zingerle Tirol 
1857, 15; Höhn Volksheilkunde 1, 128; auch 
in Nordamerika: Bergen Animal and Plant- 
Lore 99. 6 ) Lammert 225. 7 ) Leithäuser 


Berg. Pflanzennamen 20. 8 ) Fossel Volksme¬ 
dizin 150; MnböhmExc. 20, 71. •) Fossel 

Volksmedizin 127; Bergen Animal and Plant- 
Lore 99. 10 ) Fossel Volksmedizin 88; ZöVk. 33, 
48 (Wien); Rolland Flore pop. 3, 138 (Bel¬ 
gien). u ) Zahler Simmenthal 38 Anm. 4. 
12 ) Drechsler Schlesien 2, 309; auch in anderen 
Ländern: Pitre Med. pop. 1896, 404; S6billot 
Folk-Lore 3, 4ii;Fogel Pennsylvania 275. 13 ) Z. 
B. Wirth Beiträge 6/7, 28; Zahler Simmenthal 
38. 14 ) z. B. Lammert 125 15 ) Jahn Hexenwe¬ 
sen 358. Braunschweig 420. 17 ) ZrhwVk. 10,186. 
18 ) John Erzgebirge 38. lö ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 194. 20 ) Z. B. ZfVk. 7, 171; Schnei¬ 
der Heilmittel u. Heilbr. im Saar gebiet 1924, 
44; Das Kuhländchen 9 (1927), 105. 

3. Wer von R.n träumt, dem widerfährt 
Unglück 21 ). Einem kleinen Kinde soll 
man keine R.nkränze umhängen, sie 
drücken es tot 22 ). 

al ) Wilde Pfalz 215. 22 ) ZöVk. 33,48 (Wiener 
Kinderglaube). Marz eil. 

Roßpappel s. Malve. 

Rost, rostig s. Eisen. 


rot. 


1. Begriff „Rot“; Terminologie. — 2. Psycho¬ 
logische Bedeutung des R.en. — 3. R. als Sonnen-, 
Licht-, Feuersymbol. — 4. R. als Blutsymbol. — 
5. Sympathetik. 


1. Für die primitive, volkstümliche Auf¬ 
fassung ist der Begriff R. viel umfassender 
als in der physiologischen Optik, die ihn 
auf die etwa zinnoberrote Farbe des An¬ 
fangs des Spektrums beschränkt. Für 
den Primitiven ist das, physiologisch be¬ 
trachtet, braune Fell einer „roten“ Kuh, 
eines „roten“ Hundes, das Haar eines 
rothaarigen Menschen ebenso r. wie etwa 
Blut, Sonnenstrahlen oder Gold. Unter 
diesem Gesichtspunkt ist auch der im 
Mittelalter von anderen Fäibemitteln 
(Scharlach, Indigo u. a.) verdrängte Saft 
der Trompeten- (xr^pu?, bucinum, murex) 
und Purpurschnecke (7rop9upa, purpura, 
pelagia), der zur Purpurfärbung benutzt 
wurde, schlechthin als r. zu bezeichnen x ). 

Der indogermanische Ausdruck für die 
r.e Farbe liegt in der Reihe scr. rudhira-, 
röhita-, aw. raoidita-, tochar. B. ratrem, 
griech. epuöpö?, lat. ruber, rufus (rutilus, 
russus), got. raups, ir. ruad, altsl. rüdru, 
lit. raudönas. Es ist der verbreitetste 
Farbenname der indogermanischen Spra¬ 
chen. 

Die Einzelsprachen haben neue Wörter 


für r. aus solchen für „hell“ gebildet. 
So gemeinkelt. *dergo-s, ir. derc „rot“: 
alts. torht, ahd. zoraht „hell“; aw. suyra-, 
npers. sury „rot“: scr. £ukrä- „klar, 
licht, hell“. 

Das russ. krasnyj „rot“ gehört zu altsl. 
krasa „Schönheit“, wie überhaupt r. 
überall die schöne Farbe schlechthin ist 2 ). 

Das Adj. Ttop^üpeoc kennt als Farben¬ 
bezeichnung schon die homerische Sprache, 
während das Subst. Tropcpupoe „Purpur¬ 
farbe“, „purpurfarbige Stoffe“ erst bei 
Aischylos, iropcpupa „Purpurschnecke“ erst 
bei Aristoteles belegt ist. Das griechische 
Wort ist vielleicht semitischen Ursprungs. 
Durch die Milesier, die schon im 7. Jh. 
v. Chr. in Tarent Färbereien anlegten, 
kam mit dem Farbstoff auch die grie¬ 
chische Bezeichnung (nopcpupa) nach Ita¬ 
lien und wurde früh als purpura (Liv. 
Andronicus, Plautus) ins Lateinische über¬ 
nommen, von wo es dann in einige kel¬ 
tische und germanische Sprachen überging, 
z. B. got. paürpura, paürpurops 3 ). 

Für die verschiedenen Nuancen des R. 
hat das Nhd. folgende Bezeichnungen: 
antik-, blaß-, blut-, blutig-, bordeaux-, 
brand-, brennend-, braun-, burgunder-, 
kardinal-, karmoisin-, chrom-, cyclamen-, 
dunkel-, düster-, englisch-, erdbeer (fraise)-, 
fahl-, feuer-, flammend-, fleisch-, fuchs-, 
garibaldi-, glühend-, glut-, granat-, hek¬ 
tisch-, hell-, himbeeren-, hoch-, husten-, 
hyazinth-, karmin-, kirsch-, knall-, ko¬ 
rallen-, krapp-, krebs-, kupfer-, lachs¬ 
farben-, leuchtend-, licht-, maccarat-, 
matt-, mennig-, nelken-, orange-, pä- 
onien-, pfirsich-, postillons-, purpur-, pu- 
ter-, rosa- oder rosen-, rosinen-, rost-, 
rubin-, schäm-, Scharlach-, schreiend-, 
tief-, tulpen-, türkisch-, wein-, wein- 
hefen-, ziegel-, zinnoberrot 4 ). 

*) Eva Wunderlich Die Bedeutung der 
roten Farbe im Kultus der Griechen u. Römer, 
RW. 20 (1925), 2. 2 ) Schräder Reallexikon 2 2, 
269. 3 ) Ebd. 2, 207 f. 4 ) Urquell N. F. 1 (1897), 
248. 

2. In den meisten Fällen, in denen die 
r.e Farbe im Kultus oder im Volksbrauch 
auftritt, läßt sich ihre Verwendung auf 
Magie zurückführen (s. bes. § 4). Indes 
genügt eine solche Erklärung nicht immer. 
Wenn in der Tracht des Kriegers im 


Altertum die r.e Farbe eine große Bedeu¬ 
tung hatte, so scheint man damit eine 
psychische Wirkung beabsichtigt zu haben: 
’ApiatoTsXTjc ös <p7jatv £v xi] AaxeöaipovtW 
iroXiT&ta ypridüat AaxsÖattxovtouc ©otvtxi'Öt 
(r.es Oberkleid oder als Obergewand 
getragenes Tuch, Poll. 4, 19) irpöc touc 
ttoÄejnou?, touto jisv Sti to xffi ypöas 
xöv, touto 8e oti to tou yptujxaToc aijAaTcoSs; 
tt,* tou cujiaTo? pös&coc iÖt'Cet XOtTOKppOVSlV 

(Aristot. fr. 542 Rose = Schol. Aristoph. 
Ach. 320) 5 ). „Nicht ohne Grund nennt 
die moderne Wissenschaft das R. die 
aktivste und energischste Farbe, den 
Kulminationspunkt der Farbenskala. Es 
ist eine in der experimentellen Pyschologie 
anerkannte Tatsache, daß der Einfluß 
der r.en Farbe auf den Beschauer auf¬ 
regend, erwärmend und belebend ist, 
und zwar umso erregender, je mehr in 
der Nuance des Scharlachr.“ 6 ). Diese 
ihnen aus der praktischen Erfahrung 
bekannte psychische Wirkung benutzten 
wahrscheinlich die Alten und benutzen 
heute noch primitive Völker, um den 
Mut der Krieger im Kampf (Nahkampf!) 
aufzureizen 7 ). Ein Überrest dieses 
Brauches ist es vielleicht auch, daß heute 
noch bei fast allen Heeren der Welt Trom¬ 
peten und Signalhörner r. umwickelt sind 8 ). 
In Rom entwickelte sich aus der Tracht 
der Krieger die der höheren Beamten, die 
praetexta, welche schon in der Königszeit 
im Frieden das Ganzpurpurgewand ver¬ 
drängt hatte (Plin. n. h. 9, 36) 9 ). Auf 
diesem praktisch-psychologischen Weg 
wurde R. auch zur Farbe der Revolution. 
Zum Freiheitssymbol wurde es erst im 
Jahre 1792, als der bonnet rouge nach 
Befreiung der Galeerensträflinge durch 
die Jakobiner zum Abzeichen revolutio¬ 
närer Gesinnung gemacht und darauf 
von einem revolutionären Comit£ eine 
r.e Fahne mit einer zum Rachekampf 
aufrufenden Inschrift hergestellt wurde 10 ). 

Folgerichtig ist die r.e Farbe in vielen 
Fällen Ausdruck psychischer Erregung 
besonders bei fröhlichen Anlässen, und 
dieses Moment ist vielleicht die Ursache 
daß sich, unbeschadet des magischen 
(apotropäischen) Ursprungs (s. § 4), die 
r.e Farbe im Hochzeitsbrauch vielfach 


• I - 


795 

bis heute erhalten hat. Wenn nach Si- 
monides (Plut. Thes. 17) Theseus seinem 
Vater verspricht, bei glücklicher Rück¬ 
kehr eine r.e Fahne zu hissen, so ist das 
„ein klassisches Beispiel für den Aus¬ 
druck freudiger Erregung mittels der 
r.en Farbe“ n ). Auch für die Aufnahme 
des R. unter die liturgischen Farben der 
röm.-katholischen Kirche waren u. a. 
psychologische Erwägungen maßgebend: 
„R. mit seinem kräftigen, freudigen Aus¬ 
druck, welches vor anderen Farben das 
Auge beherrschend auf sich zieht, ist 
zugleich die Farbe der siegenden Kraft“ 12 ). 

Die alle anderen Farben übertreffende 
Leuchtkraft des R. machte es nicht nur 
zur Farbe des in der Kaiserzeit im Kaiser¬ 
purpur aufgehenden, weithin sichtbaren 
Feldherrnmantels, sondern auch zu der 
von Fahnen und Bannern aller Art vom 
Altertum bis in die Neuzeit (vgl. z. B. 
die vexilla der röm. Reiterei, das labarum 
Constantins u. a.). So heißt es im Nibe¬ 
lungenlied (Str. 1535): „er bant ouch 
zeime schäfte ein Zeichen, daz was rot“, 
und in Kirchhofs WendUnmuth (16. Jh.): 
„on ein rot marggreflich Feldzeichen“ 
(1, 126) 13 ). 

Nicht nur bei den Völkern des abend¬ 
ländischen Kulturkreises, bei denen man 
das zähe Festhalten der Feldherrn und 
besonders der Kaiser als Ursache an¬ 
nehmen kann, sondern auch bei primi¬ 
tiven Völkern Afrikas gilt die r.e Farbe 
(Purpur) als Zeichen von Ernst, Würde, 
Stolz und königlicher Macht. Diese Wir¬ 
kung war neben der Kostbarkeit des 
Farbstoffes offenbar schon früh der An¬ 
laß, daß Herrscher aller Art das Tragen 
purpurner Gewänder sich vorbehielten 
und über dieses Vorrecht eifersüchtig 
wachten. Noch heute sind die hohen 
Würdenträger der katholischen Kirche 
in Purpur (Kardinäle) und das ihm zu¬ 
nächst liegende Violett (Bischöfe, Prä¬ 
laten) gekleidet 14 ). 

Auch im Kultus versuchten die ver¬ 
schiedensten Völker durch Verwendung 
•des Purpurs eine der Gottheit angemessene 
Pracht zu erzielen. Hierhin gehören die 
Purpurdecken des Jahwetempels (Exod. 
-26, 1.4.31.36), die purpurnen Decken 


/ 


rot 



für die Sitze der Götter in Eleusis (Dei- 
narch. b. Poll. 7, 69), die Purpurkleider 
der Teilnehmer an der Eumenidenpro- 
zession (Aischyl. Eum. 1028 Wilam.), 
das tfiattov Trop^up^öv ^pu-rorotxtXov der 
Dionysosstatue in der ~r t des An- 
tiochos Epiphanes (Athen. 5, 194 ff.), 
die purpurne Tunika des Juppiter Capi- 
tolinus. Auf diesem Weg heftete sich 
schließlich an die Purpurfarbe der Be¬ 
griff des Heiligen und Göttlichen, so daß 
sich z. B. Jojakim, der König von Juda, 
den Vorwurf der Vermessenheit zuzog 
wegen der r.en Bemalung und der in r.em 
Zedernholz ausgeführten Täfelung seines 
Hauses (Jerem. 22, 14) 15 ). 

Eine Kulthandlung war in erster Linie 
auch der römische Triumphzug, bei dem 
die r.e Farbe (ursprünglich als Apotro- 
päum, s. § 4) für die Person des Tri¬ 
umphators besonders eine große Rolle 
spielte. Schon früh aber vergaß wohl 
der prachtliebende Südländer den ma¬ 
gischen Sinn der r.en Siegerkleidung und 
sah in ihr nur noch Ehrung und Sieges¬ 
zeichen. So entwickelte sich schließlich 


das R. zum Abzeichen für Sieger in Kämp¬ 
fen und Agonen aller Art. Vergii läßt einen 
Sieger im Wettrudem mit der Purpur¬ 
binde ausgezeichnet werden (Aen. 5, 
268 f.). R.gekleidete Jungfrauen über¬ 
reichten deutschen Siegern in Pferde¬ 
rennen oder siegreichen Athleten den Eh¬ 
renpreis. Vielleicht gehört auch der r.e 
Doktorhut, mit dem die Examinanden 
nach der Promotion ausgezeichnet wur¬ 
den, in diese Reihe 16 ). 

Schließlich hat nicht zum wenigsten ihr 
rein ästhetischer Reiz zur Verwendung der 
r.en Farbe viel beitragen. In manchen 
Sprachen sind „rot“ und „schön“ iden¬ 
tische Begriffe. Das russische krassnyj 
bedeutet sowohl „rot“ wie „schön“, das 
Arabische bildet von einer gemein¬ 
samen Wurzel adäm = „schön“, ädam = 
„rot“ und adama = „gefallen“ 17 ). Wenn 
Quintilian (inst. or. 11, 1. 31 sagt: Sicut 
vestibus non purpura coccoque fulgenti- 
bus illa aetas (sc. senectus) apta sit, und 
in Georgien ein Segenswunsch lautet: 
„möge Gott dich r. altem lassen“, so 
zeigt das, daß „dieser Schönheitsemp- 



rot 



Endung des primitiven Menschen eine 
Ideeassoziation von Jugend (r.) und 
Schönheit zugrunde“ liegt 18 ). Auch in 
der im Altertum wie in der Neuzeit weit¬ 
verbreiteten Sitte, Körper oder Gesicht 
r. zu bemalen — die Mädchen und Frauen 
■der Hottentotten schminken ihr Gesicht 
t., die meisten Stämme des ägyptischen 
Sudans bemalen sich täglich mit r.er 
Farbe, ja die Ba-Mbala in Südafrika, 
welche diese Prozedur zwei bis drei¬ 
mal täglich wiederholen, heißen daher 
r.es Volk lö ) — wird man ein Schönheits¬ 
mittel zu erblicken haben, dessen Ur¬ 
sprung allerdings in manchen Fällen in 
der Magie zu suchen sein wird 20 ). 

Auch die r.e Kleidung läßt sich viel¬ 
fach mit ästhetischen Bedürfnissen er¬ 
klären. So war z. B. im alten Rom Pur¬ 
pur die von Modenarren und Gecken be¬ 
vorzugte Farbe (luv. 1, 27; Schol. luv. 
4, 188; 12, 39. Quint, inst. or. 8, 4. 25) 21 ). 
In Westfalen war schon im 15. Jh. die r.e 
Farbe für den Kleiderrock der Frauen 
sehr beliebt. Altbekannt ist der r.e 
„Duffert“ der Mindener und Bücke¬ 
burger Frauen 22 ). Im Egerland ist ein 
r.es Abzeichen an der Kleidung Zeichen 
der Jungfräulichkeit. Deshalb hat ein 
Mädchen, das seine Unschuld verloren hat, 
kein Recht auf das r.e Nest, das Zeichen 
der Jungfrauschaft, der Jüngling, der sie 
verführt hat, darf wie der Verheiratete 
kein r.es Band um den Hut tragen 23 ). 
Umgekehrt mußte in Lubenz (Bez. Lu- 
ditz) früher ein Mädchen mit einem un¬ 
ehelichen Kind mit einem r.en Kopftuch 
bekleidet vor der Kirchentür stehen blei¬ 


ben 24 ). Im Saarland war die Kappe der 
verheirateten Frauen mit rosenfarbenen 
oder auch mit weißen Bändern versehen 25 ). 
Strümpfe mit r.en Zwickeln sind sla- 
visch 26 ). 


5 ) Wunderlich Rot 73 ff. 8 ) Ebd. 78 nach 
E. Utitz Grundzüge d. ästhet. Farbenlehre 
(Stuttg. 1908) 18. 7 ) Wunderlich Rot 73 ff. 78; 
ZfVk. 23 (1913), 251. 256. 8 ) Vgl. C. Sachs 

Musik u. Magie, Gartenlaube 41 (1926), 809. 
•) Wunderlich Rot 74. 10 ) Ebd. 78 f.; die 

Ausführungen von Storfer Jung fr. Mutter¬ 
schaft 157 sind undiskutabel. 11 ) Wunderlich 
Rot 79; John Westböhmen 88; Strackerjan 
2, 114; ZfVk. 23 (1913)» 253. 12 ) A. Schott 

Das Meßbuch der hl.Kirche 21 XVII, zitiert bei 


Wunderlich Rot 79 f. 13 ) Wunderlich Rot 
81. 14 ) Ebd. 82; Schurtz Tracht 86 ff.; ZfVk. 
23 (1913), 261. 15 ) Wunderlich Rot 82 ff. 

16 ) Ebd. 84«.; Grimm DWb. s. v. „rot"; 
Wuttke Sachs. Volksk. 2 309 ff. 17 ) Th. Ziehen 
Vorlesungen über Ästhetik 1 (1923), 167 ff., 

zitiert bei Wunderlich Rot 90; ZfVk. 23 (1913), 
253. 18 ) Wunderlich Rot 90. 19 ) ZfVk. 23 

(1913), 253b 20 ) Wunderlich Rot 90 f. 21 ) Ebd. 
91. 22 ) Sartori Westfalen 35. 23 ) Meyer 

Baden 523; Grüner Egerland 43. 24 ) John 

Westböhmen 114. 25 ) Fox Saarland 97. 26 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 21. 

3. a) R. ist das Sinnbild des Lichts 
und des Feuers, des Blitzes und der 
Gestirne 27 ). Die Sonne, deren Licht alle 
Lebensfülle enthält, ist r. Nach dem Rig- 
Veda sind die Flügelrösse der Sonnen- 
und Mondgottheit r. Die Bakairi halten 
die Sonne für einen großen Ball aus r.en 
Federn. Plinius (n. h. 2, 29) erwähnt 
einen r.en, die Sonne ringsumschließenden 
Kreis 28 ). Den Angelsachsen erschien die 
Sonne früh und abends so r., weil sie dort 
nicht weiß, ob sie ihren Lauf vollbringen 
wird, hier aber, weil sie in die Hölle 
schaut. In der Oberpfalz meint man, 
die Sonne, welche den Mond liebe, be¬ 
nutze die Zeit zur Aussöhnung mit 
ihm nicht und mache sich früh blutr. 
vor Zorn auf den Weg; stets sei sie heiß 
vor Liebeszom; wenn sie auf ihrem ein¬ 
samen Weg ihr Unrecht einsehe, weine 
sie blutige Tränen und gehe blutr. un¬ 
ter 29 ). Umgekehrt kann das R. auch 
Symbol der versengenden Sonnenglut 
sein. So opferte man in Rom dem Hunds¬ 
stern, der dem Getreide den sog. Sonnen¬ 
brand schickt, beim augurium canarium 
r.e Hunde (Festus 358, 27 Lindsay). 
Auch dem Osiris als altem Lichtgott 
wurden r.e Opfer dargebracht (vgl. Plut. 
Is. et Osir. 372 A) 30 ). R. ist auch die 
Farbe des Mondes. R. ist in den Veden 
Soma, der Mondgott und Röhini, eine 
Mondgottheit, die Gattin des Röhito, 
auch die übrigen Liehtgottheiten werden 
im Rig-Veda r. genannt. In den Sagen und 
Legenden der alten Mexikaner ist der 
Vollmond „wie ein großer Mühlstein, 
sehr rund und sehr r.“ 31 ). 

Wo Lichtgottheiten verehrt werden, 
trägt nicht nur das Opfer, sondern auch 
der Priester in seiner Kleidung die Farbe 


799 


rot 


rot 


802 


800 



dieser Gottheit zur Schau. In der Be¬ 
schreibung einer persischen Prozession 
zu Ehren des Sonnengottes heißt es bei 
Curtius Rufus 3, 3. 8ff. von den Priestern, 
sie seien puniceis amiculis velati gewesen, 
und nach Xenophon Cyrop. 8, 3.12 zogen 
r. bedeckte Pferde den weißen Sonnen¬ 
wagen 32 ). Einen Überrest derartiger 
Sonnensymbolik birgt vielleicht noch die 
Farbensymbolik der katholischen Kirche: 
„R., die Farbe... des Feuers, versinn¬ 
bildlicht die ... heilige Liebesglut" 33 ). 
Von den Kulten der Naturvölker ist be¬ 
sonders charakteristisch der Marsdienst 
der Harran, bei dem ein r.gekleideter 
Priester dem r.en Planeten einen r.haari- 
gen, r.backigen Mann in einem r.ausge- 
malten und r.ausgeschlagenen Tempel 
opfert 34 ). 

Das Feuer gilt dem primitiven Men- I 
sehen wie das Wasser als belebtes Wesen. 
Weit verbreitet ist der Vergleich mit einem 
von Haus zu Haus fliegenden r.en Hahn; 
daher auch die Redensart „einem den r.en 
Hahn aufs Dach setzen" 35 ). Um die 
Springwurzel zu bekommen, muß man 
unter dem Baum, in dem ein Schwarz¬ 
specht nistet, ein rotes Tuch ausbreiten 
oder ein Feuer anmachen (!); wenn dann 
der Vogel mit der Wurzel im Schnabel 
herbeifliegt und das Tuch sieht, erschrickt 
er und läßt die Wurzel fallen 36 ). Als 
Feuergott wird Loki-Surtr natürlich 
mit r.em Haar gedacht 37 ). 

Rothaarig ist auch der Gewittergott 
Donar. Wenn er in seinen r.ten Bart 
bläst, entsteht der Blitz 38 ). Schlägt man 
den wetterzaubrischen Feuerstein der 
Bäarmagns-Saga an der r.en Ecke, so 
entsteht ein Gewitter 39 ). Daher gelten 
r.farbige Tiere für heilige Tiere des Donar 
und Sinnbilder des Blitzes (Feuers): so 
Rotkehlchen, Rotschwänzchen, Gimpel, 
Stieglitz,verschiedeneSpechtarten,Marien- 

käfer, ferner Katze (Haus- und Wild¬ 
katze — Wetteraas, Donnerkatze), Fuchs 
und Eichhörnchen (Farbe + Schnellig¬ 
keit 40 )). „Aus Reiben des Holzes ent¬ 
springt ein Eichhörnchen, des Spans ein 
Marder". Im Harz sucht man daher beim 
Entzünden des Osterfeuers Eichhörnchen 
zu erhaschen 41 ). 


Daher rührt der Glaube, daß r.e Tiere „ 
Pflanzen und Gegenstände den Blitz an- 
ziehen. Wo ein Rotschwänzchen nistet, 
schlägt das Wetter ein (Ansbach) 42 ). R.- 
blühende Pflanzen wie Klatschmohn, 
Pechnelke, Bachnelkenwurz, Tausend¬ 
güldenkraut 43 ), Kornrade 44 ) ziehen den 
Blitz an. Wer eine Alpenrose während 
eines Gewitters bei sich trägt, wird vom 
Blitz erschlagen 45 ). Wer sich die dem 
Gott heilige Farbe anmaßt, den trifft die 
Strafe. In einem Heubacher Protokoll 
von 1649 erklärt ein Mann, er habe oft in 
der Nacht „das böse Weh" gehabt; die 
Leute behaupteten, das komme daher, 
weil er ein r.es Wams trage 46 ). In 
Ostpreußen glaubt man, die Braut dürfe 
an ihrer Kleidung nichts R.es haben,, 
sonst breche Feuer aus 47 ). Vielleicht ge¬ 
hört hierin auch der Glaube, Eier, 
die am Gründonnerstag gelegt wurden, 
dürften nicht r. gefärbt und nur von 
Männern im Freien am Ostersonntag nach 
der Kirche gegessen werden 48 ). 

Umgekehrt gelten gerade r.e Tiere, 
Pflanzen und Gegenstände als Schutz, 
gegen Wetter und Blitzschlag. Man soll 
kein Rotkehlchennest ausnehmen, sonst 
gibt die Kuh r.e Milch oder das Wetter 
schlägt ins Haus 49 ). Auch Storch, Feuer¬ 
schwalbe und Rotschwänzchen schützen 
das Haus 50 ). Ebenso sieht man es gern, 
wenn eine r.e Katze im Haus ist 61 ). 
Als blitzabwehrend gilt die rosablühende 
Hauswurz, deren Anpflanzung schon das 
Kapitulare Karls d. Großen vom Jahre 
812 empfiehlt. In der Lausitz streut man 
bei Gewitter Tausendgüldenkraut auf 
den Herd, damit der Rauch das Unwetter 
vertreibe 52 ). Wer Oahaggen (r.blühen¬ 
de Pedicularis) bei sich trägt, den trifft 
der Blitz nicht 53 ). 

In Verbindung mit einem Fruchtbar¬ 
keitszauber, wobei das Ei (s. d.) als Sinn¬ 
bild der sich stets verjüngenden Natur 
aufzufassen ist, die r.e Farbe aber zur 
Kraftsteigerung dient M ), tritt das bei 
den georgischen Kaukasiern heute noch, 
früher auch in Deutschland ausschließlich 
r. gefärbte Osterei (Gründonnerstags-, 
Antlaßei) 55 ) im Wetterzaüber auf. In 
Oberbayern gräbt man am Ostertag in den 


Ecken des Feldes Palmkreuzchen und 
Schalen gewisser Eier, in der Mitte des 
Feldes aber ein ganzes, r. bemaltes Hüh¬ 
nerei zum Schutz gegen Hagelschlag und 
Brand ein 56 ). In vielen Orten Nieder¬ 
bayerns und Mittelfrankens legt man in die 
erste Garbe ein r.es Gründonnerstagsei, 
Brot, Salz und geweihte Kräuter (Segen, 
Fruchtbarkeits- und Wetterzauber, Ernte¬ 
opfer?) 57 ). Ein Karfreitags gebrannter 
keilförmiger „Holzzweck", der in den 
Acker geschlagen und neben dem ein r.es 
Ei eingegraben wird, schützen Haus und 
Flur gegen Unwetter 58 ). Denselben Zweck 
erfüllen r.e Korallen, die man in den 
Acker gräbt 59 ). 

Ackert man im Frühling das Feld mit 
r.en Zwillingsochsen, so kann der Hagel 
der Frucht nicht schaden In Josbach 
befestigt man bei der Heuernte einen 
Strauß mit einem r.en Band an den Stamm 
einer alten Eiche oder Birke 61 ). Am Him¬ 
melsfahrtstag werden in Schwaben Kränze 
von weißen und r.en Mausöhrlein über dem 
Vieh aafgehängt, damit der Blitz nicht 
in den Stall schlage 62 ). In Masuren ge¬ 
loben die Mädchen bei Krankheit, Hagel¬ 
schlag und anderer Not, sich der r.en 
Farbe zu enthalten 

b) Die r.e Farbe ist auch ein Attribut 
des wilden Jägers (Wodans). Einem 
Bauern, den ein Graf mit Hilfe des Büt¬ 
tels an den Bettelstab brachte, erschien 
ein Jägersmann: seine Augen blitzten, 
sein Bart war r. 64 ). R. ist bisweilen die 
Kleidung des wilden Jägers 65 ), ein r.er 


oder zwei r.e und ein weißer Hund be¬ 
gleiten ihn 66 ). 

Mit der Einführung und Verbreitung 
des Christentums verschmelzen sich die 
beiden Gestalten des Wodan und des Do¬ 
nar zu der des Teufels, der deshalb auch 
die r.e Farbe erbt. R. ist sein Bart 67 ), 
darum heißt es im Sprichwort: rooden 
baert, duivelsaerd 68 ). Er trägt einen r.en 
Rock 69 ) und eine r.e Mütze 70 ). In Bu- 
dissin bei Bautzen wurde 1602 ein Weib 
hingerichtet, weil sie den Teufel, der sie 
zaubern gelehrt, in Gestalt eines Rot¬ 
kehlchens (!) ans Wasser gebannt hatte 71 ). 
Ein r.er Hahn gilt als Teufelsspuk 72 ). Der 
Klatschmohn heißt bald „Höllenblume" 


Bächtold»Stäubli, Aberglaube VII. 


(bouquet d'enfer), bald „Teufelsblume" 
(bouquet du diable), bald „Höllen¬ 
feuer" (feu d’enfer) 73 ). Mit r.er Tinte 
oder mit Blut (Lebensstoff) schließt man 
Verträge mit dem Teufel ab 74 ). Durch den 
Schreibstoff, der übrigens auch bei Ver¬ 
trägen zwischen Mensch und Mensch ver¬ 
wendet wurde, stellt ein solches Schrift¬ 
stück eine besonders starke Bindung 
dar 75 ). Dieselbe Bedeutung hat wohl 
auch der r.e Faden, den Menschen, die 
sich dem Teufel verschreiben, von diesem 
erhalten, um ihn auf bloßem Leib zu 
tragen 76 ). 

Naturgemäß spielt demnach auch im 
Hexenwahn das R. eine große Rolle. 
R.e oder r. umränderte Augen verraten 
eine Hexe 77 ), ebenso r.e Haare 78 ). Schon 
wenn ein Weib r.e Strümpfe trug, wurde 
es für eine Hexe gehalten 79 ). Verdächtig 
war sicher die Magd, die keine r.e Farbe 
sehen konnte, ohne in Ohnmacht zu fal¬ 
len ®°). Wer sich sträubte, (r.-braunen) 
Koriander zu essen, von dem glaubte 
man, er sei ein Hexenmeister oder eine 
Hexe (Westpreußen) 81 ). R.e Katzen 
galten als Hexentiere 82 ). Eine als Hexe 
bekannte Frau wurde von einem Drachen 
in Gestalt einer flügellosen, r.en Schlange, 
die dem Haus zuflog, besucht 83 ). 

Von hier aus fällt auch Licht auf den 
weitverbreiteten Volksglauben, r.haa- 
rigen (s. Haar) Leuten sei nicht zu 
trauen, denn sie seien falsch und bös: 
Rauds Hauar und Jarhulz wachsn af 
koin goudn Buadn 84 ); unter r.em 
Bart steckt ke gute Art 85 ); Erlenholz 
und r.es Haar ist auf gutem Grunde 
rar 86 ). R. haarige Leute sind von 

Gott gezeichnet, wobei man vielfach auch 
an Judas Ischariot denkt 87 ). Schon im 
„Ruodlieb" (um 1000) heißt es: Non tibi 
sit rufus umquam specialis amicus, und 
in der Chronik des Dietmar von Merse¬ 
burg (517) •' Bolizlavus, Boemicorum 
provisor, cognomento Rufus et impietatis 
auctor immensae. Von Fulco, dem König 
von Jerusalem, schreibt Wilhelm von 
Tyrus (Ende d. 12. Jh.): Erat autem idem 
Fulco vir rufus — fidelis, manifestus et 
contra leges iflius coloris affabilis, be- 
nignus et misericors. Schließlich behaup- 

26 


803 



tet ein Gedicht vom Bunde Gerberts mit 
dem Teufel: Rufus est, tune perfidus 88 ). 
Der Glaube von der moralischen Minder¬ 
wertigkeit der R.haarigen findet sich 
schon im Altertum: Ot 
avctcpspsTai btu tout XeovTot;* ot Trupp ot ofyav 
TT^voup^ot, ava'fEpsrat btt! ras aXtuTtsxac, 
ofe TO yp&JJLOt dpt)»lpOV, O^BtT XtX. (Ps. Ari- 

stot. Physiogn. 67); avaiaytiviov 6 k avopa 

O’JTW yOT} TTB'p'JXBV'U . Tiuppoc TT)V 

ypotav (Script, physiogn. Graeci et Latini 1 
( i8 93 ), 394 Förster); to potaT av!)oc 

oux ctyaUou dv8poc to o/jjxstov d>; ett» 7 tXbi- 
gtov fetp auTtov xd iart {Irjouüdr) 

(Ebd. 1, 74) 89 ). R.e Hunde und r.e Hähne 
gelten als besonders bösartig. Nach deut¬ 
schem Volksglauben steckt in einem r.en 
Schrein eine Hexe °°) „An änn Fuchse is 
kei gut haar“, sagte eine Thüringerin 
beim Anblick eines r.scheckigen Schwei¬ 
nes 91 ). 

Auch für Dämonen, Geister und Ge¬ 
spenster ist die r.e Farbe charakteristisch. 
Die Pestfrau ist r. gekleidet 92 ). Nach 
dem Glauben der Bulgaren im Küsten- 
diler Bezirk sind die Krankheiten Frauen 
mit r.braunem Kopfhaar, die von Dorf 
zu Dorf ziehen und mit ihren Pfeilen nach 
Menschen und Tieren schießen. R.- 
bärtige Leute sind vor den Pfeilen der 
Vilen sicher, denn r.haarigen Menschen 
zeigen sie sich nie 93 ). Etwas R.es am 
Anzug ist ein besonderes Zeichen des 
Wassermanns 94 ). Der Nickelmann hat 
brandr.e Haare 95 ). Nixen locken als r.e 
Tücher die Mädchen ins Wasser 96 ). Bei 
Wohin wurde am 26. 1. 1627 ein „schloh¬ 
weißer Hecht mit r.en Augen und r.en 
Fittichen“ gefangen 97 ). Gespenstische 
schwarze Männer verwandeln sich in r.e 
Hirsche 98 ). Der dräk zeigt sich als r.er 
Streifen am Himmel"). 

Eine besondere Rolle spielt die r.e 
Farbe in Schatzgräbersagen 10 °). 

Eine r.e Kopfbedeckung (Hut, Mütze, 
Kappe) tragen der Tod 101 ), der Ratten¬ 
fänger von Hameln 102 ), Luftelben 103 ), 
Zwerge 104 ), Spukgeister 105 ), Wasser¬ 
geister 106 ), Hausgeister und Heinzel¬ 
männchen 107 ). Andere sind mit r.en 
Bändern geschmückt 108 ), wieder andere 
sind an ihrem r.en Mantel oder Rock 109 ), 


rot 804 

an r.en Hosen 110 ) oder Strümpfen 111 ) 
kenntlich. 

27 ) Seligmann Blick 2, 247 t.; Wunderlich 
Rot 99 f.; ZfVk. 9 {1899), 166 f. 28 ) Wunder¬ 
lich Rot 100. 29 ) Schönwerth Oberpfalz 2. 

53 - 58 f- 30 ) Bachofen Gräber Symbolik 295. 385; 
Wunderlich Rot 98 ff. 31 ) Siecke Götterattri¬ 
bute 126; Wunderlich Rot 100. 32 ) Ebd. 96. 

33 ) Schott Meßbuch der Kirche 21 XVII bei Wun¬ 
derlich Rot 91; vgl. Gihr Meßopfer 254 ff. 

34 ) Wunderlich Rot 97 nach Frazer Golden 

Bough 5, 1, 261 f. 35 ) Grimm Myth. 1, 500; 
Strackerjan 2, 115. 36 ) Kuhn u. Schwartz 
459 Nr. 444; Lütolf Sagen 520 Nr. 480; 
Strackerjan 2, 115. 37 ) Durmayer Reste 

22 f.; Simrock Mythologie 2 (1864) 129. 38 ) 

Friedberg Bußbücher 74; Grimm Myth. 

1, 14 t.; 3, 65; Mannhardt Germ. Mythen 125; 

Schönwerth Oberpfalz 2, 142; Wolf Beiträge 
1, 64. 39 ) Laistner Nebelsagen 295 f., vgl. 44. 
231. 40 ) Lessiak Gicht 149; Meyer Germ. 

Myth. 104. 209; Vonbun Beiträge 116. 41 ) 

Grimm Myth. 3, 318; Jahn Opfer gebrauche 
136; Lessiak Gicht 149. 42 ) Grimm Myth. 3, 
459 - 43 ) Marzeil Bayer. Volksbot. 133. «) Mar- 
zell Kräuterbuch 367 f. 45 ) Ebd. 503. 46 ) Wolf 
Beiträge 1, 64. 47 ) Wuttke 370 § 561. 48 ) John 
Westböhmen 61. 49 ) BIPommVk. 5, 31; Curtze 
Waldeck 407 Nr. 183; Grimm Myth. 3, 456 
Nr. 629; Schmitt Hetlingen 16; Schönwerth 
Oberpfalz 2, 87. 60 ) Schön werth Oberpfalz 2, 
21. bl ) Pollinger Landshut 151. 52 ) Marzeli 
Bayer. Volksbot. 136; Heilpflanzen 131; Kräuter - 
buch 165. 53 ) Zingerle Tirol 109 Nr. 937. 

64 ) Mannhardt 1, 158; Wunderlich Rot i6f. 
5Ö ) ARw. 22 (1923/4). 357 6ß ) Jahn Opfer¬ 
gebräuche 78. 271; Leoprechting Lech¬ 

rain 175; Panzer Beitrag 2, 212. 354; 
Wunderlich Rot 17. 57 ) Jahn Opfergebräuche 
158. 68 ) Meyer Germ. Myth. 214. 5Ö ) Heyl 

Tirol 795. 60 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 131 

Nr. 5. 61 ) Jahn Opfergebräuche 207. 62 ) Meyer 
Germ. Myth. 216. ® 3 ) Wuttke 289 § 424. 

64 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 31. 65 ) ZfVk. 23 
(1913)* 262. 66 ) Meiche Sagen 411; Gredt 

Luxemburg Nr. 292. 67 ) Schön werth Ober¬ 

pfalz 3, 86. 95 f.; Soldan-Heppe 2, 107. 
68 ) Wolf Beiträge 1,64. 69 ) (Fischer) Aberglaube 
2; Harrys Niedersachsen 2, 37; Lewalter- 
Schläger 209 Anm.; Meiche Sagen 778; 
Schönwerth Oberpfalz 3, 49. 70 ) Strackerjan 
2,115. 71 ) Meiche Sagen 493. 72 ) Haas Pomm. 
Sagen 65; Ranke Sagen 266; Strackerjan 

2, 115. 73 ) Schröf 1 Die Ausdrücke für den Mohn 

im Galloromanischen 59. 74 ) Haas Pomm. Sagen 
67; Meiche Sagen 216. 478; Tharsander 2, 
516. 75 ) Wunderlich Rot 69 f. 76 ) Meiche 

Sagen 5*8; Tharsander 449 - 77 ) Curtze 

Waldeck 387 Nr. 95; (Fischer) Aberglaube 117; 
Fox Saarland 277; Grabinski Sagen 38; 
Gredt Luxemburg Nr. 210; Lütolf Sagen 226 
Nr. 159c; Meiche Sagen 490; Schönwerth 
Oberpfalz i, 366; 3, 173; Spieß Obererzgebirge 
29; Tharsander 2, 600. 603. 78 ) Kühnau 


805 


rot 


806 


Brot 14 ff.; Spieß Obererzgebirge 29. 79 ) Zin¬ 

gerle Tirol 60 Nr. 515. 80 ) Tharsander 

з . 7 J 5 - 81 ) Marzeli Kräuterbuch 199. 82 ) Schön¬ 

werth Oberpfalz 1, 360. 83 ) Ebd. 1, 395. M ) Ebd. 
2, 142. 85 ) Zingerle Tirol 27 Nr. 168; vgl. 

Schönwerth Oberpfalz 2, 142. 86 ) Marzeli 

Kräuterbuch 90; vgl. Anhorn Magiologia 227 f.; 
Baumgarten Aus der Heimat 3, 91; Bergen 
Superstitions 34; Durmayer Reste 22 f.; Fogel 
Pennsylvania 83. 104; Fox Saarland 261 f.; 

Grimm DWb. 8, 1296; Kuhn u. Schwartz 
459 Nr. 435; Schönwerth Oberpfalz 3, 246!.; 
1, 146!.; Wolf Beiträge 1, 64; Wunderlich 
Rot 68; Zingerle Tirol 27 Nr. 169; 29^.185. 
Ä7 ) Zingerle Tirol 28 Nr. 170; Wunderlich 
Rot 68. 8S ) Wunderlich Rot 68 nach Wacker¬ 
nagel Kl. Sehr, i, 172 ff. 89 ) Zitiert bei Wun¬ 
derlich Rot 66 f. 90 ) Schönwerth Oberpfalz 
1, 348; ZfVk. 23 (1913). 262. 91 ) ZfVk. 5 (1895), 
98. 92 ) Grimm Myth. 2, 994. 93 ) Krauß 

Relig. Brauch 40. 71. 95. 102. 94 ) Kühnau 

Sagen 2, 288; Meiche Sagen 392. 95 ) Kuhn 

и. Schwartz 174 Nr. 197, 5; vgl. (Fischer) 

Aberglaube 59. 96 ) Meiche Sagen 388; vgl. 

Kuhn u. Schwartz 426 Nr. 239. 97 ) Haas 

Usedom 126f. * 8 ) Meiche Sagen 132. ") Kuhn 
u. Schwartz 420 Nr. 202. 10 °) BIPommVk. 5, 
181; Kuhn u. Schwartz 98 f. Nr. 113; Meiche 
Sagen 510. 692. 734 f. 752. 756; Pollinger 
Landshut 107. 101 ) Schön werth Oberpfalz 3, 7. 
102 ) Harrys Nieder Sachsen 1, 47. 103 ) Meyei 

Germ. Myth. 119. 104 ) Ebd. 127; Praetorius 

Deliciae pruss. 13. 29. 105 ) Kuhn u. Schwartz 
16 Nr. 19; 65 Nr. 68, 2. 106 ) Ebd. 96 f. Nr. 110 f.; 
Meiche Sagen 375. 384; Ranke Sagen 192. 198. 
200. 107 ) Wolf Niederl. Sagen 326. 570 ff.; 

BIPommVk. 5, 98; vgl. noch Drechsler 2, 
180; Kuhn u. Schwartz 251 Nr. 282, 1; 
Schönwei th Oberpfalz 3, 123. 108 ) Jungbauer 
Böhmerwald 193; Meiche Sagen 297. 357; 
Schönwerth Oberpfalz 2, 157; ZföVk. 2, 158; 
Sieber Sachsen 257. 109 ) Grimm Myth. 1, 383; 
Haas Pomm. Sagen 28; Rügen 23. 25; Usedom 
22. 39 ff.; Kuhn u. Schwartz n Nr. 12; 15 f. 
Nr. 17 f.; 46 Nr. 48; 175 Nr. 197,6; 422 Nr. 216; 
Kühnau Sagen 294 f.; Meiche Sagen 346. 380. 
537. 627; Niederhöffer Meckl. Sagen 132 ff.; 
Ranke Sagen 135. 138. 149. 163. 244; Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 35. 209. 304!.; Wolf Hess. 
Sagen 48; Zingerle Tirol 221 Nr. 1766. 110 ) Haas 
Pomm. Sagen 26; Kühnau Sagen 2, 283. 
m ) Hüser Beiträge 2, 34; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 2, 159. 

4. Unter den Seelenträgern, die eine 
primitive Psychologie kennt, nimmt das 
Blut einen hervorragenden Platz ein 
(s. Seele). Daher entschlüpft z. B. die 
Seele als r.e (!) Maus dem Mund des 
Schlafenden 112 ). Daher kommt wohl 
auch die Vorstellung von dem r.en Le¬ 
bensfaden (s. d.), der das Lebensblut dar¬ 
stellt 113 ). „Für den unlogischen Menschen 
liegt es nahe, im erhaltenden Element, im 


Mittel, zugleich die Ursache zu sehen. 
Darum konnte aus dem Krafterhalter 
allmählich der Krafterreger und -mehrer 
werden, darum konnte man schlie߬ 
lich derjenigen Substanz, der man 
Leben und Kraft dankte, auch andere 
Fähigkeiten Zutrauen, in ihr einen Kraft¬ 
träger und Kräfteerreger schlechthin sehen. 
So ist es zu verstehen, daß die Magie 
sich ihrer bediente, sei es um Neues zu 
schaffen, Vorhandenes zu vernichten oder 
Lästiges zu vertreiben“ 114 ). 

Wie naheliegend nun die Ideenver¬ 
bindung von Blut und R. ist, geht schon 
aus der Tatsache hervor, daß primitive 
Sprachen, wie die der Kinipetu-Eskimos, 
den Begriff „Rot“ durch „wie Blut“ um¬ 
schreiben 116 ). Die r.e Farbe, mit der viele 
primitive Völker ihren Körper bemalen, 
ersetzt die ursprünglichere Bemalung mit 
Blut, die sich übrigens vielfach noch bis 
heute erhalten hat 116 ). In der Farbensym¬ 
bolik der katholischen Kirche läßt sich 
noch eine Spur des primitiven Ersatzes von 
Blut durch R. feststellen, wenn es heißt: 
„Als Farbe des Feuers und des Blutes 
versinnbildlicht das R. jene flammende, 
verzehrende Liebesglut..., jene opfer¬ 
willige, siegreiche Liebe, welche das teu¬ 
erste irdische Gut — das Leben — im 
Martertod dahingibt und sterbend tri¬ 
umphiert“. Deshalb ist R. auch die Farbe 
des liturgischen Ornats an den Festen 
der Kreuzauffindung und -erhöhung, den 
Passionsfesten, den Festen der Apostel 
und Märtyrer und am Pfingstfest 117 ). 

Dem primitiven Verstand gilt R. nach 
wie vor für Blut. Der heutige Albanese 
sieht in von Erde r.gefärbten Strömen 
die Mordflecken, wie die alten Griechen 
glaubten, der Fluß, der bei Byblos floß, 
führe in seinen Sommerfluten das r.e 
Blut des Adonis zu Tal. Der r.e Fliegen¬ 
pilz ist das Blut, das die fliehenden Hun¬ 
nen verloren, als sie ihre Füße an den 
hohen Turmdächern verletzt hatten. Der 
Bewohner von Cornwall erkennt an den r. 
bewachsenen Bachkieseln, daß dort ein 
Mord geschehen ist 118 ). An der Stelle, wo 
ein eifersüchtiger Ritter seine Braut er¬ 
stach, wurde ein weißer Rosenstrauch 
gepflanzt, dessen Rosen nachts wie mit 

' 26* 



807 


rot 


rot 


810 


Blut besprengt aussehen 119 ). In der 
Kirchgasse zu Annaberg gibt es einen r.en 
Stein, weil dort ein Schieferdecker beim 
Sprung vom Kirchturm zu Tode 
stürzte 12 °). Der Roggen geht deswegen 
r. auf (die j ungen Roggenpflänzchen sind 
etwas rötlich gefärbt), weil in einem Rog¬ 
genacker Kain seinen Bruder Abel er¬ 
schlug 121 ). Den rötlichen Saft, den die 
Schmetterlinge an Bäumen zurücklas¬ 
sen, hält das Volk für das Blut der vom 
Teufel verfolgten und verwundeten 
Schrätlein 122 ). Der Boden der Schlacht¬ 
felder bleibt jahrhundertelang r. ge¬ 
färbt 123 ). Wo die Geister gestritten hat¬ 
ten, war der Himmel blutr. geworden 124 ). 
Beim Kampf mit dem Wassermann in der 
Spree zeigten sich r.e Striemen, wenn der 
Mensch verlor 125 ). R. war die Gerichts¬ 
fahne, die aufgesteckt wurde, wenn auf 
Todesstrafe angetragen war, r. der Mantel 
des obersten Richters 126 ). Noch im J. 
1802 wurden Verbrecher im r.en Arme¬ 
sünderhemd hingerichtet 127 ). Die 
„schamrothen Seelen“, d. h. die Seelen 
Hingerichteter, zeigen sich mit r.en Strei¬ 
fen um den Hals 128 ) Begnadigte Ver¬ 
brecher mußten stets einen r.en Faden 
um den Hals tragen 129 ). Der wieder¬ 
belebte Geköpfte im ,,Engelhart“ Kon- 
rads von Würzburg (V. 6386) trägt einen 
r.en Faden um den Hals (vgl. Goethe, 
Faust V. 4203) 13 °). In einer Paduaner 
Spukgeschichte in Heines „Götter im 
Exil“ (6, 562) heißt es: „Bei mehreren 
Damen, deren Krause sich verschoben, 
bemerkte der junge Westfale einen breiten, 
blutr.en Streif, der sich rund um den 
Hals zog“; auf seine Frage entblößt seine 
Nachbarin ihren Hals und sagt: „Das 
kommt vom Geköpftwerden“. 

R. ist als Ersatz für Blut Farbe des Le¬ 
bens. R.er Lehm wurde bei der Er¬ 
schaffung des Menschen verwendet 131 ). 
Da Blut und Lebenskraft für primitives 
Denken identische Begriffe sind, vermag 
die Blutfarbe R. auch neue Lebensenergie 
zu wecken. Die Mitglieder der „Roten- 
Medizin-Tanzgesellschaft “ der Winnebago- 
Indianer tranken vor dem Tanz in Wasser 
zerkochte r.e Beeren, um sich magische 
Kräfte zu verschaffen 132 ). Das r.seidene 


808 

Band mit der Aufschrift „Sieben auf 
einen Schlag“ verleiht dem kleinen Schnei¬ 
der Heldenkräfte 133 ). Um den Hofhund 
recht bös zu machen, gibt man ihm die 
Frucht des Hagedorns zu fressen; die 
kleinen Samenkörner, welche die r.en 
Haarwurzeläpfel enthalten, haben diese 
Wirkung 134 ). Vielleicht hängt damit 
auch zusammen, daß Spukgeister mit 
Vorliebe in das „rote Meer“ gebannt 
werden 135 ). Daß Geister ins Meer gebannt 
werden, ist eine bekannte Form der Apo- 
pompe. Das R. wäre dann als kraft¬ 
steigernd aufzufassen. 

Als Heilfarbe ersetzt die r.e Farbe das 
ursprünglich als Heilstoff angewendete 
Blut in der Volksmedizin 136 ). Als 
Mittel gegen das Quartanfieber em¬ 
pfiehlt Plinius (n. h. 21, 166) die erste 
Anemone, die man im Frühling sieht: man 
soll die Blumen in ein r.es Tuch ein- 
schlagen, an schattigem Ort aufbewahren 
und, wenn nötig, dem Kranken aufle- 
gen 137 ). In dem echten Volksglauben auf¬ 
weisenden Heilzauber gegen Impotenz 
bei Petron (131) werden neben dem als 
Waffe gegen die Krankheit verwendeten 
Speichel drei in einen r.en Fetzen (pur- 
pura) eingewickelte Sternchen in An¬ 
wendung gebracht 138 ). Auch im MA. 
spielte die Heilkraft der r.en Farbe eine 
bedeutende Rolle 139 ), ja der Glaube an 
sie ist im Volk bis in die jüngste Zeit le¬ 
bendig geblieben. Als „ein stück vor 
Trockene Schiege“ wird empfohlen 
„Blut zweier r.en Thier an einem Frei¬ 
tag abgethan“ 14 °), wobei offenbar erst 
die Heilfarbe dem ursprünglichen Heil¬ 
stoff die richtige Wirkung verleiht. R.e 
Korallen mit Eichblättern zerstoßen, lege 
man auf das kranke Glied, bis ein Ge¬ 
schwürentsteht 141 ). Frisches Wasser und 
Milch von r.en Ziegen hilft gegen alle 
Gebresten 142 ). Die Ojibwa-Indianer heil¬ 
ten früher alle Krankheiten mit einem 
magischen, r.en Pulver 143 ). In Bengalen 
schwenkt man ein Gemisch von r.en Senf¬ 
samen und Salz um das Haupt des Pa¬ 
tienten und wirft es dann ins Feuer 144 ). 
Altindischer Heilzauber verwendete r.e 
Stierhaare, r.es Stierfell und r.kupferne 
Gefäße 145 ). 


1 809 

Von besonderer Bedeutung ist im Heil¬ 
zauber der r.e Faden (Schnur, Binde). 
Eine r.e Schnur wird in Indien bei ge¬ 
wissen Krankheiten dem Patienten um¬ 
gebunden. Im Talmud verwirft Rabbi 
Bar Zaduq den abergläubischen Brauch, 
einen Faden auf etwas R. gefärbt es zu 
binden 146 ). Pausanias sah ein a^aX^a 
der Athena e^ov Tpaöti.a s^l xoG jJ^pou. 

TsXapLCüvt Trop'foptp xov ji^pov xaTSiXTjujiivov 

(8, 28. 5 f.). InKarpathos legt der Priester 
dem Kranken eine r.e Schnur um den 
Hals, die, am nächsten Morgen an einen 
Baum gebunden, auf diesen die Krankheit 
überträgt. In dem esthnischen Epos 
„Kalewipoeg“ heißt es vom Zauberer: 
„Aus dem Gleis gerückte Glieder renkt 
er ein mit r.em Game“ 147 ). Die Slaven 
umwickeln die durch Hexenzauber er¬ 
krankten Glieder mit einem r.en Faden 148 ). 
In einem alten deutschen Beicht Spiegel 
heißt es: „Hastu dich icht lassen messen 
mit einem r.en Faden?“ 149 ). Einem 
Kind, das abnimmt, bindet man einen r.- 
seidenen Faden um den Hals 15 °). Gegen 
Bräune hilft eine r.e Schnur, mit der eine 
Kreuzotter erwürgt wurde, um den Hals 
des Kranken gehängt 151 ). Bei den penn- 
sylvanischen Deutschen bindet man ein 
r.es Band, das man im Laden holt, ohne 
es zu bezahlen, um einen Fingerhut, in 
dem eine Spinne ist, und hängt das Ganze 
einem an Keuchhusten erkrankten Kind 
um 152 ). In Siebenbürgen wird ein Kopf¬ 
ausschlag der Kinder mit einem r.en 
Baumwollfaden geheilt, den man mit einer 
Nadel an den Türpfosten heftet 153 ). 
Wenn ein Kind einen Kropf zur Welt 
bringt, umwickelt die „God'n“ (Patin) j 
den Hals des Kindes mit einem r. seidenen 
Band (Geisttal) 154 ). Um eine Warze 
macht man eine Schleife von r.em Seiden¬ 
faden und legt diese dann in die Dach¬ 
rinne. Ist sie verfault, ist auch die Warze 
weg 155 ). Gegen Gicht, Gliederschwel¬ 
lungen, Fuß Verrenkungen bindet man 
r.e Bänder (Faden) um das kranke Glied 
(s. abbinden) 156 ). Ein r.er Seidenfaden 
um den Hals gebunden wird zusammen 
mit 7 oder 9 Meisterwurzeln (Imperatoria) 
gegen Augenleiden verwendet (St. Gal¬ 
len) 157 ). Bei Angina wickelt man einen 


r.en Strumpf, den man tagsüber am 
linken Fuß trug, um den Hals (Schwa¬ 
ningen, Freiburg) 158 ). 

Neben dem r.en Faden findet sich auch 
das r.e Tuch. So behandelte man früher 
in manchen Gegenden Frankreichs den 
Alpdruck durch Auflegen r.er Tücher 159 ). 
Gegen Halsschmerzen trägt man ein r.- 
seidenes Tuch um den Hals; wenn es 
eine Frau benutzen will, muß es ihr von 
einem Mann geschenkt sein und umge¬ 
kehrt (Neu-Ruppin) 16 °). Ein Stück 
scharlachr.es Tuch von einem Altar hilft 
gegen Epilepsie (Lausitz) 161 ). Waden¬ 
krampf oder Krampfadern werden geheilt 
durch Umwickeln der Waden mittelst 
eines Stücks scharlachr.en Tuches 162 ). 

Ein weitverbreitetes Mittel, sich von 
Krankheiten zu befreien, ist das Über¬ 
tragen (s. Bannen) auf Tiere, Bäume u. a. 
Gegen Warzen spießt man r.e Schnecken 
an Weißdorn; wenn die Zweige vertrock¬ 
net sind, sind auch die Warzen fort 
(Schwaben) 163 ). Das Neustettiner Zau¬ 
berbuch rät folgendes Mittel gegen Zahn¬ 
weh an: Im Frühling, wenn der Saft in 
die Bäume tritt, löse man an einem jungen 
Hollunder oder Weidenbaum von kaum 
Armsdicke auf der Abendseite oder mit 
nach Morgen gerichtetem Gesicht von 
oben nach unten ein Stück Rinde los, 
welche dann hängen bleiben muß. Mit 
einem Spänchen, das man so aus dem 
Stamm herausschneidet, daß man es 
wieder genau an seine Stelle einsetzen 
kann, steche man in den bösen Zahn, 
daß er blutet. Das blutige Spänchen 
stecke man dann wieder an seinen Ort, 
drücke die abgelöste Rinde wieder dar¬ 
über und verbinde sie oben und unten 
mit einem zusammengedrehten r.en Fa¬ 
den. Wächst die Rinde wieder fest, so 
wird der Zahn nie wieder schmerzen 164 ). 
In einem sonst genau entsprechenden 
Rezept gegen Schwindsucht tritt an die 
Stelle des Bluts der Auswurf des Kranken. 
Das Anwachsen der Rinde zeigt hier 
völlige Genesung an 165 ). Gegen den 
Kopfausschlag der Kinder knüpft man 
ein r.seidenes Band um den Hals des 
Kindes, spricht einen Segen, nimmt dann 


811 


rot 


812 


das Band wieder ab und hängt es an den 
Kesselhaken (Oldenburg) 166 ). 

Wie nicht nur die volkstümliche Heil¬ 
kunde aller Zeiten, sondern auch die an¬ 
tike Schulmedizin sich der Zauberkraft 
der r.en Farbe bediente, so machte auch 
die Agrarwissenschaft des Altertums 
von den magischen Kräften der r.en Farbe 
Gebrauch. Gegen landwirtschaftliche 
Schädlinge empfiehlt Plinius den Rötel: 
sunt arborum pestes et formicae, has 
abigunt rubrica ac pice liquida perunctis 
caudicibus, während anderwärts zu dem¬ 
selben Zweck Blut gesprengt wird (n. h. 
17, 266) 167 ). Ferner heißt es bei Epi- 
phanios Adv. haeres. 1, 18 (Migne Patrol. 
Gr. 4 1 » 2 6 o): 'Ev y®P xtp xatpw, oxs xo 
Haa/ot syevsto ixstas, ctpyy] 8k « 5 x/j Ytvexat 
TOü £7p0; t 072 Tj ITptoT^ la^USptOf, £x JXtX- 

Teu>c XaptßaWjJi iravxsc A tyoTixtoi xaxa a- 
YvcoCftav, xat ypiouat p.kv xa irpoßata, ypiouat 
8e xott xa 8svSpa xax coxot;, xoti xd aXXa, 
<pr^t'Covx2? xat Xs^ovtec, oxt yrp i* xo irap 
iv xatixif] x-fl 7)a£pa xaxscpXsSi itoxe xtjv 
ofxouptevr^v. Tb 8s ay^i xa xou auxaioc xb 
itupwirov aXsSTrjxTqoiov ejxt xr^ xoctauxTj; TtXr,- 

Y*,* xai xoiauxrjc 168 ). Während wir beider 
Vertreibung des Ungeziefers der katharti- 
schen Verwendung des Bluts und der r.en 
Farbe begegnen, ist das R. hier als Apotro- 
päum (s. u.) aufzufassen. Der Talmud 
empfiehlt das Rotfärben der Bäume zum 
Schutz gegen den bösen Blick, wie man 
noch in unserer Zeit in Stockerau (Nieder¬ 
österreich) an dem Stamm der jungen Ros¬ 
marinpflanzen einen r.en Gegenstand 
befestigt, damit die Sträucher nicht 
fasziniert werden können, und damit sie 
gerade wachsen 169 ). In das Gebiet des 
Fruchtbarkeitszaubers aber gehört es, 
wenn am Fastnachtstag an die Obstbäume 
r.e Bänder gebunden werden, damit die 
Bäume künftiges Jahr gut tragen 17 °), 
wenn die letzte Garbe mit r.en Bändern 
geschmückt unter lautem Jubel in die 
Scheune geworfen wird, damit das Wachs¬ 
tum der letzten Ernte für die des neuen 
Jahres erhalten wird 171 ), oder wenn ent¬ 
sprechend diesem vegetabilischen Frucht¬ 
barkei tszaub er der Kuhhirt der Kuh, die 
zuletzt im Jahre ein Kalb wirft, ein 
r.es Band um den Schwanz bindet, damit 


im nächsten Jahr alle Kühe Kälber be¬ 
kommen 172 ). 

Von größter Bedeutung ist die r.e 
Blutfarbe in der eigentlichen Magie, die 
sich eine Beeinflussung des Willens von 
Göttern, Dämonen oder Menschen zum 
Ziel setzt, um einem andern zu schaden, 
selbst einen Vorteil zu erringen oder dro¬ 
hendes Unheil von sich abzuwehren. Des¬ 
halb verwenden primitive Völker häufig 
r.e Gegenstände, wenn es sich darum han¬ 
delt, einen Feind zu töten oder zu ver¬ 
derben. Mexikanische Rachepuppen, d. 
h. künstliche, dem Gegner ähnliche 
Wachsfiguren werden mit r.em Faden 
umwickelt und dann mit Dornen und 
Nadeln durchbohrt. Im singhalesischen 
Pilli-Zauber werden zur Erreichung einer 
Totgeburt und zum Lebendigzaubern des 
tot geborenen Kindes verwendet: r.e 
Betelblätter, r.e Tücher, ein Hahnen¬ 
kamm, R.ameisenöl und ein R.ameisen- 
haufen 173 ). Eine Talmudstelle sagt: 
,,Gott sprach zu Gabriel: Mache auf die 
Stirn der Frommen ein Zeichen mit Tinte, 
damit ihnen die Geister des Verderbens 
nichts antun können, mache dagegen auf 
die Stirn der Frevler ein Zeichen mit 
Blut, damit sich ihrer die Geister des Ver¬ 
derbens bemächtigen“ 174 ). In einer is¬ 
ländischen Erzählung verwandelt eine 
junge Witwe einen Bauernsohn in einen 
Kranich, indem sie dem Schlafenden einen 
r.en Zwirnfaden um den Hals bindet. Der 
Verwandelte wird wieder zum Menschen, 
als zufällig ein wirklicher Kranich den 
Faden zerreißt 175 ). Einem Mädchen 
aus Pirna wurde von ihrem einstigen Ver¬ 
führer aus Rache für ihre Treulosigkeit die 
Pest in einem r.en Tuch (die Pestfrau ist r. 
gekleidet, s. § 3) zugetragen 176 ). Aus 
r.en Federn besteht der Kranz, durch den 
Hexen den Menschen Krankheiten an¬ 
zaubern 177 ). Mit einem r.en Tuch wird 
jemand zu einem Verbrechen bestochen 178 ). 
R.e Tücher gehören zum Zaubergerät der 
Zigeuner 179 ); können sie irgendwo nichts 
erpressen, so hängen sie an den Stall 
einen r.en Lappen, damit die Kühe blaue 
Milch geben oder sterben 180 ). Wenn 
Kühe r.e Milch geben, ist das ebenfalls 
ein Zeichen von Behexung 181 ). Mit Hilfe 


813 


rot 


814 



eines r.en Lappens können die Hexen 
Kühen Milch entziehen: sie halten ihn 
gegen die Wand, klopfen dreimal darauf 
und streichen dann an dem Lappen, wobei 
sie sagen: ,,Ein wenig Milch von dem 
seiner Kuh, ein wenig von dem seiner 
Kuh usw.“, bis sie Milch genug haben 182 ). 
Bindet man einer Ziege ein r.es Tuch an 
einen Fuß, so hinkt sie (Heringhausen) 183 ). 

Der Liebeszauber des Altertums ver¬ 
wendet die r.e Farbe ausgiebig besonders 
in Verbindung mit dem Faden (apotro- 
päisch?). Ältestes Beispiel hierfür sind 
Theokrits Oaouaxcuxpicu (2,2) 184 ). Auch 
in manchen Gegenden Deutschlands be¬ 
dient sich der Liebende r.er Gegenstände, 
um mit ihrer Hilfe Liebe zu erzwingen. 
Im Erzgebirge gehen am zweiten Weih¬ 
nachtsfeiertag die Burschen zu den Jung¬ 
frauen: ,,Frischgrün-Peitschen“, d. h. sie 
schlagen sie mit ausgeschlagenen Birken¬ 
ruten (Lebensrute?), die mit einem r.en 
Band zusammengebunden sind 185 ). Das 
Neustettiner Zauberbuch rät, Eberwurz 
und Baldrian in r.em Wachs bei sich zu 
tragen; dann könne einem ein Frauen¬ 
zimmer nichts abschlagen 186 ). Ostereier, 
von einem Mädchen am Karsamstag 
beim geweihten Feuer im Freithof r. 
gesotten und einem Burschen zugeschickt, 
entzünden in ihm die Liebe (Eggental) 187 ). 
An den Tagen nach Ostern ,,bringen die 
Burschen die Eier ein“, d. h. sie steigen 
zu den Mädchen aufs Kammerfenster und 
holen sich r.e Eier 188 ). 

Auch sonst sucht man durch Verwen¬ 
dung der r.en Farbe seinen eigenen Nutzen 
zu fördern. Um im Spiel zu gewinnen, bin¬ 
det sich der Spieler mit einem r.en Faden 
das Herz einer Fledermaus an den Arm, 
mit dem er auswirft 189 ). In Nordeuropa 
glaubte man, ein Stück r.en Tuches ver¬ 
leihe Glück auf der Jagd 190 ). Um den 
Stein der Unsichtbarkeit zu erlangen, 
erwürgt man einen jungen Raben, hängt 
ihn neben dem Nest auf und bindet dem 
Tier einen langen r.en Faden an den Fuß: 
denn der alte Rabe holt dann den Stein 
und steckt ihn dem toten in den Schna¬ 
bel 191 ). In der Christnacht blühen die 
Farne. Den Samen sammelt man auf 
einem r.en Kelchtuch, das der Priester 


beim Amt in der Christnacht gebraucht 
und das man auf dem Boden ausgebreitet 
hat. Wer solchen Samen besitzt, wird 
steinreich (Oberinntal) 192 ). Beim Butter¬ 
machen spielt ein Stück r.es Tuch eine 
große Rolle: Hexen legen es unter das 
Butterfaß, um möglichst viel Butter zu 
bekommen 193 ), während anderwärts dieser 
r.e Lappen als Schutz gegen das Be- 
schreien gilt 194 ). 

Im Wetter- und Regenzauber werden 
vielfach r.e Gegenstände benutzt, so im 
Altertum gegen Hagel: Panno roseo mola 
cooperitur. item cruentae secures contra 
caelum minaciter levantur (Palladius 
1,35) 195 ). Angehörige primitiver Völker 
beschwören Regen, indem sie das eigene 
Blut zum Fließen bringen und sich mit 
Ocker einreiben. So ritzten sich auch 
nach Könige 1, 18. 28 die Baalsanbeter 
zur Zeit der Dürre die Haut mit Messern 
und Pfriemen 196 ). Nach der Chemnitzer 
Rockenphilosophie mauerten vielfach die 
Maurer einen r.en Haushahn zusammen 
mit einer Metze Gerste oder Hafer und 
einer großen Schüssel Wasser ein. So¬ 
lange der Hahn zu fressen und zu saufen 
hat, bleibt das Wetter gut 197 ). 

Auch als Mittel, Fruchtbarkeit und 
Gedeihen zu fördern und zu sichern, 
findet die r.e Farbe Verwendung (s. auch 
§ 3 a) 198 ). Hierher gehören vor allem auch 
die ursprünglich nur r. gefärbten Oster¬ 
eier, mit denen die Kinder an Ostern von 
Eltern und Paten beschenkt werden 199 ). 
In Schlesien legt man r.blühenden Feld¬ 
quendel unter die Bruthenne, damit es 
kräftige Junge gibt 200 ). 

Wie nahe beieinander die katharti- 
sche und die apotropäische Verwen¬ 
dung der Blutfarbe liegen, hat manches 
der angeführten Beispiele gezeigt. ,,So 
entwickelte sich leicht neben der positiv 
auf Schaffen und Zerstören gerichteten 
Kraft der r.en Farbe eine negative, deren 
einzige Aufgabe im Ablehnen und Vor¬ 
beugen bestand, so daß aus dem Heil- 
und Vertreibungs- ein Schutzmittel 
wurde“ 201 ). So schützt ein r.er Faden, 
ein r.es Tuch gegen Berufen und Be- 
schreien 202 ); ein Kolben von r.em Mais 
in den Kamin gehängt ist gut gegen Be- 




rot 





rot 



hexung, wie man auch r.e Fäden, Schnüre 
und Borten an den Fenstern, Türen, im 
Geschirr der Zugtiere, am Wagen usw. 
befestigt (Sizilien) 203 ). In Niederöster¬ 
reich legt man zu demselben Zweck ein 
Stückchen r.en Stoffs in den Vogelkäfig 204 ). 
Im Felsentempel von Tilok-Sendur (In¬ 
dien) drücken die Pilger ihre vorher in 
ein Gefäß mit r.er Farbe getauchten 
Hände mit den Fingern nach oben ge¬ 
richtet an die Wand des Tempels, um da¬ 
durch Wohlergehen und Gesundheit ihrer 
Kinder zu fördern 205 ) (ursprünglich wohl: 
um böse Dämonen im Erdinnern fest- und 
von ihrer Familie fernzuhalten). Nach 
Philostratus zeichneten die Hindus die 
magischen Charaktere, welche die Drachen 
mit den fürchterlichen Augen fangen 
sollten, auf ein r.es Tuch 206 ). Ein r.es 
Tuch ist auch nötig, um die goldene 
Krone der Unkenkönigin zu erlangen 807 ); 
und wer den vielgerühmten Krötenstein 
bekommen will, muß die Kröte in einen 
r. ausgeschlagenen Käfig setzen 208 ). In 
China schreibt man allgemein dem R. 
die Kraft zu, die bösen Geister fernzu¬ 
halten 209 ). Aus r.em Lichtmeßwachs j 
bildet man in Deutschland hier und dort 
den Drudenfuß (s. d.) 210 ). Im Oberamt 
Heilbronn vertreibt eine hölzerne, men- j 
schenähnliche Figur mit r.em Kopf und ! 
r.er ausgestreckter Zunge die Hexen 211 ). 
Um Schlangen aus einem Haus zu ver- ! 
bannen, braucht man nur einen r.en Haus- j 
hahn zu halten 2l2 ). Die Letten be¬ 
schwören „die heiligen Jungfrauen“ mit 
folgendem Spruch: „Drei Jungfrauen 
kommen zu meinen Händen: die eine 
hat r.e Schuhe, r.e Strümpfe, r.e Brosche, 
r.e Handschuhe, r.es Tuch; die zweite 
hat eine gelbe Decke, gelbe Brosche, 
gelbes Tuch, gelbe Handschuhe, gelbe 
Schuhe, gelbe Schürze; die dritte hat 
eine weiße Decke, eine weiße Brosche, 
ein weißes Tuch, weiße Schuhe, weiße 
Strümpfe. Fort! Fort! Fort von meinen 
Händen!“ 213 ). Auch in Schatzgräber¬ 
sagen spielt ein r.es Tuch eine große 
Rolle 214 ). 

Apotropäischen Zwecken dient beson¬ 
ders das Amulett, welches die r.e Farbe 
in der verschiedenartigsten Weise ver¬ 


wendet. Die einfachste Form ist der r.e 
Faden, den sich Griechen und Römer um 
den Nacken legten (Theokrit. 2,2; Ti- 
bull 1, 5. 15; Verg. Ecl. 8, 73; Ciris 371; 
Ovid Fast. 2,575; Am. 1,8.8; 3,7.79; 
Nemesianus Buc. 4, 62; Persius Sat. 2, 31; 
Petron. 131). Nach dem Talmud band 
man r.e, mit Knoten versehene Schnüre 
um den Hals der Kinder zum Schutz gegen 
Krankheit, Tosefta Sabbat 7 § 1 aber 
wird ausdrücklich als Aberglaube ge¬ 
brandmarkt, wenn „jemand einen Lappen 
um seine Hüfte oder einen r.en Faden um 
seinen Finger knüpft“ 215 ). Das in aller 
Welt bekannte 216 ) Fadenamulett ist auch 
im deutschen Sprachgebiet weit ver¬ 
breitet. In Deutschland und in der 
Schweiz tragen die Kinder gegen den 
bösen Blick ein r.es Band um Hals 
oder Handgelenk, in Schlesien um das 
linke Handgelenk oder den Arm 217 ). 
Einer Bauernfrau, die sehr Bezauberung 
fürchtete, wurde von der vielberühmten 
„klugen“ Windbläsfrau der Rat erteilt, 
sie solle eine Brille tragen, von welcher 
ein r.er Faden herabhänge 218 ). In dä¬ 
nischen Heldenliedern umwickeln Krieger 
ihren Helm mit r.en Fäden, um sich 
fest zu machen 219 ). Neben den r.en 
Faden tritt als Amulett das r.e Tuch 220 ). 
In Schlesien bindet jede hinter je einem 
Mähder stehende Abrafferin ihrem „Mäh¬ 
der“ u.a. ein r.seidenes Tuch an den Hut 
oder ein seidenes Band um den Arm 221 ). 
In Rumänien hängt man an die Mütze der 
Kinder r.e Muscheln oder andere r.e 
Gegenstände. Die Slaven tragen gegen 
den bösen Blick Stücke von r.em Pfeffer, 
bulgarische und bosnische Frauen in ihren 
Haaren ein kleines Horn aus r.em Zeug. 
Die Christen der Herzegowina tragen 
Evangelienverse zusammen mit phan¬ 
tastischen Charakteren in einem Beutel 
aus r.em Leder 222 ). Im Erzgebirge legen 
manche neben das Kind in das Bettchen 
den in ein r.es Tuch eingewickelten Kopf 
einer Maus 223 ). In der Oberpfalz tragen 
manche auf der Brust ein Säckchen, in 
das ein Königspfennig, r.er Schwefel und 
eine sog. Elefantenlaus eingenäht sind 224 ). 
Ein r.er Korallenanhänger an der Uhr¬ 
kette, das „Dirndlbein“, gilt im Chiemgau 


jetzt als Abzeichen der Liebesleute 225 ). 
Die Pestamulette machten starken Ge¬ 
brauch von der r.en Farbe 226 ). Im 
Kloster Maria Loretto zu Salzburg wurden 
noch in allerneust er Zeit Lorettohemdchen 
(„Froasenpfoadl“) hergestellt, die man 
erkrankten Kindern unter das Kopfkissen 
legt. Es sind Miniaturhemdchen, die äl¬ 
teren aus Leinwand, mit r.er Seide um¬ 
wickelt und aufgedrucktem Stempel des 
Klosters, welcher das Lorettokind nebst 
Umschrift zeigt 227 ). Solche aus Zinnober 
hergestellten Aufschriften trugen oft auch 
Amulette des Altertums. Vielleicht gehen 
auf derartige Apotropaea auch die mini- 
ierten Überschriften (Rubriken) der mittel¬ 
alterlichen Digesten zurück, wie auch 
die r.gedruckten Zahlen am Kalender 
apotropäischen Ursprungs zu sein scheinen. 
„Der erste Kalender wurde 1493 gedruckt, 
in einer Zeit blühenden Aberglaubens; 
und in den bald darauf erscheinenden 
Kalendern spielen neben Festen und Mär¬ 
tyrertagen die ‘Kalenderpraktiken* die 
Hauptrolle, d. h. Angaben, an welchen 
Tagen man purgieren, zur Ader lassen, 
Medizin nehmen, baden usw. dürfe ... 
da am Sonntag ein allgemeines Aussetzen 
jeder Tätigkeit geboten war“, galt er für 
einen dies religiosus erster Ordnung, und 
die ihn bezeichnenden Zahlen und Buch¬ 
staben wurden vielleicht ursprünglich r. 
gedruckt zum Schutz gegen die an ihm 
waltenden bösen Mächte 228 ). 

Um Dämonen und böse Geister fern 
zu halten, umzäunt man in manchen Ge¬ 
genden Häuser, Dörfer und Heiligtümer 
mit einem r.en Faden. So wird bei den 
Imeretiern an der Grenze des Hofes ein 
r.er Faden gezogen, welchem die Kraft 
zugeschrieben wird, die Krankheit ab¬ 
zuhalten 229 ). Apotropäisch ist demnach 
auch die Einhegung der athenischen Volks¬ 
versammlung (Aristoph. Ach. 22: io ax° l " 
VtOV <psfrp!>3l TO UElltXKüUEVOV, Vgl. ECC- 
les. 329) 23 °). Einen vom Moos r. gefärbten 
Bach kann ein Geist nicht überschreiten 
(Oberpfalz) 231 ). 

Die bei zahlreichen Primitiven anzu¬ 
treffende Sitte, Wände, Hoftore, Tür¬ 
pfosten r. zu bemalen oder zu verhängen 
oder in der Nähe des Hauseingangs r.e 


Büsche (Neuguinea) anzupflanzen, hat 
dieselbe Aufgabe wie die Umzäunung zu 
erfüllen 232 ). In Deutschland heftet man 
einen Zweig des Vogelbeerbaums (r.e 
Früchte!) an den Stalleingang 233 ), im 
Vogtland malt man r.e Kreuze über die 
Stalltür (allg.) 234 ), in Thüringen hängt 
man r.en Majoran und Taxus (r.e Beeren!) 
am Stalleingang auf 235 ). Überhaupt ist 
diese Art von Viehschutz recht vielseitig. 
Ein r.es Band um den Hals oder Schwanz 
des Tieres gebunden schützt es vor Be¬ 
hexung 236 ). Am Riemenzeug, Geschirr 
und Sattel der Pferde werden kleine 
Stücke r.en Stoffes befestigt 237 ). Der r.e 
Seidelbast, an Mariä Himmelfahrt ge¬ 
weiht und ans Kummet des Pferdes ge¬ 
steckt, schützt das Fuhrwerk vor dem 
Festbannen durch Hexen 238 ). Beim 
ersten Austrieb im Frühling läßt man 
das Vieh über etwas R.es (Faden, Tuch, 
Strumpf, Weiberrock) gehen (s. auch 
Austrieb) 239 ). Ebenso muß man die 
Kühe im Herbst wieder über ein r.es 
Tuch oder einen r.en Rock zurückführen 
(Mecklenb., Brandenb.) 240 ). In West¬ 
falen läßt man das neugeborene Vieh 
über einen r.en Faden gehen 241 ). In Tirol 
verbirgt man ein Stückchen Scharlach¬ 
tuch in einem Stück Brot und gibt es 
den Kühen zum Schutz gegen den Vieh¬ 
schelm zu fressen 242 ). In Ungarn tragen 
Kälber und Ziegen Troddeln von r.er 
Seide an den Ohren, in Süditalien die 
Ochsen mit r.en Quasten geschmückte 
Ringe. Gegen den bösen Blick führt man 
in der Provinz Belluno vom Kopf bis zum 
Schwanz des Tieres einen mit r.er Erde 
und Ahornblättern gefüllten Beutel und 
sagt: „Mal d’occhio in dietro e vacca 
avanti“ 243 ). 

Je mehr der Mensch die Anwesenheit 
von Dämonen fürchten zu müssen und 
sich infolge einer Schwächung seines 
Körpers ihren schädlichen Einwirkungen 
über das gewöhnliche Maß hinaus aus¬ 
gesetzt glaubt, umso mehr nimmt er 
seine Zuflucht zu magischen Mitteln, unter 
denen wieder die r.e Farbe einen hervor¬ 
ragenden Platz einnimmt. So erklären sich 
manche der Bräuche während der Schwan- 
! gerschaft, während und nach der Geburt 


819 


rot 


820 


aus dem Bestreben, Mutter und Kind 
durch das apotropäisch besonders wirk¬ 
same R. zu schützen. Beim Bemerken der 
Schwangerschaft bindet sich die Japa¬ 
nerin über die Brust eine Binde aus r.em 
Krepp und nimmt sie vor der Entbindung 
ab. Die Zigeunerinnen Serbiens und 
Bosniens umgeben, sobald sie sich schwan¬ 
ger fühlen, ihren Leib mit einer Binde 
aus den Schwanzhaaren eines Esels, auf 
die mit r.er Baumwolle ein Stern und das 
erste und letzte Mondviertel gestickt 
sind 244 ). In Serbien und Ungarn tragen 
Schwangere ein r.es Band um den Mittel¬ 
finger 245 ). In Ungarn wird auf die Tür 
oder Schwelle des Hauses, in dem eine 
Wöchnerin liegt, zum Schutz gegen böse 
Geister ein r.es Tuch genagelt. Die Ru¬ 
mänen in der Bukowina binden um ein 
solches Haus ein r.es Band 246 ). Bei den 
Kaffem werden die Frauen kurz nach der 
Niederkunft mit r.em Ton bestrichen, in 
Burma mit Kurkuma, einem r.en Farb¬ 
stoff, eingerieben 247 ). R.eFäden schützen 
die Wöchnerin in Serbien, Rußland, bei 
den Iglauer Deutschen, den galizischen 
Juden, Masuren, in Pommern und Schle¬ 
sien 248 ). In Oberbayern windet man eine 
geweihte r.e Wachskerze um ihr Hand¬ 
gelenk 249 ), oder r.es Kirchenwachs muß 
bei ihr brennen, bis das Kind getauft ist, 
oder der Löffelstiel der Wöchnerin muß 
mit r.en Wachslichtstreifen umwickelt 
sein 250 ). Bei verschiedenen Indianer¬ 
stämmen wird das Kind (oder mindestens 
sein Gesicht) sofort nach der Geburt mit 
Ocker eingerieben 251 ). In Madras bringt 
man auf dem Gesicht der Kinder r.e 
Flecke an, bei den Brahmanen von Bid- 
schapur (Bombay) wird das Kind 10 Tage 
nach der Geburt von seiner Mutter an 
fünf Stellen auf r. gefärbten Reis gesetzt; 
in China malt man am 5. Tag des 5. Mo¬ 
nats nach der Geburt Stirn und Nabel 
des Kindes mit Zinnober oder r.er Schmin¬ 
ke an 252 ). In der Türkei trägt das Neu¬ 
geborene ein Mützchen von r.er Seide 
und ist mit einer r.en Schürze umgeben 253 ). 
Sehr weit verbreitet ist der Brauch, wie 
die Mutter so auch das Kind durch einen 
r.en Faden (Band) zu schützen; er läßt 
sich besonders in den verschiedensten 


Gegenden Deutschlands nachweisen, wird 
aber auch in Ungarn und aus dem alten 
Griechenland (Joh. Chrysost. in ep. ad 
Corinth. 12, 7) bezeugt 254 ). Wenn auf 
dem Hümmling jemand, der seinen Ge¬ 
burtstag feiert, einen r.en Strick um den 
Arm erhält 255 ), so ist das ein Nachklang 
dieses Brauches. Bei den Siebenbürgener 
Sachsen wird das r.e Band auch an das 
Häubchen des Kindes genäht 256 ). Im 
Böhmerwald ersetzen r.e Korallen das 
r.e Band 257 ), anderwärts ein Stück r.en 
Tuchs 258 ). Auch die Wiege des Kindes 
wird durch etwas R.es gegen Zauberei 
geschützt 259 ). Um die Badewanne zieht 
man einen r.en Wollfaden 260 ). Nach dem 
Bad wird das Kind mit einem r.en Tuch 
abgetrocknet oder in r.e Windeln ge¬ 
wickelt, angeblich damit es eine schöne 
r.e Hautfarbe erhalte (s. auch § 5) 261 ). 
Beim Entwöhnen des Kindes dient ein 
langes, rotseidenes Band als Mittel gegen 
Beschreiung 262 ). Beim Gang zur Taufe 
trägt das Kind ein r.es Häubchen (West¬ 
falen, Oberpfalz) oder ist mit einem r.en 
Tuch bedeckt (Böhmen) 263 ). In Thü¬ 
ringen tragen die männlichen Gevattern 
ein r.es Tuch 264 ), in Siebenbürgen die 
„Gode“, welche das Kind trug 265 ). 

Da der Mensch erst mit vollendeter 
Reife in den Vollbesitz seiner Kraft 
kommt, sind Schutzmaßnahmen bis zum 
Eintreten der Reife besonders notwendig. 
So sollte wahrscheinlich im alten Rom die 
toga praetexta, das Kleid der freigebore¬ 
nen Kinder, „mittels der angewebten 
Wolle, deren apotropäische Wirkung durch 
die Färbung gesteigert wird“, die dem 
wehrlosen Kind drohenden Gefahren ab- 
wehren 266 ). Bei den Mannbarkeitsriten 
primitiver Völker (Australien, Neuguinea 
u. a.) findet R.färben der jungen Leute 
statt 267 ). Ob die in manchen Gegenden 
Deutschlands herrschende Sitte, daß die 
Paten ihre Patenkinder bis zum 12. Jahr 
am Ostermontag mit r.en Eiern be¬ 
schenken 268 ), letzten Endes auch zu 
diesen Schutzmaßnahmen gehört, ist 
immerhin erwägenswert. 

Wie bei der Geburt, so ist auch bei der 
Hochzeit die Frau das Ziel der Angriffe 
von Dämonen, die beim Kirchgang und 


821 


rot 


822 


Hochzeitsmahl, bei der Übersiedelung 
ins neue Heim usw. die Braut und ihre 
Umgebung bedrohen. Deshalb spielt 
allgemein die übelabwehrende r.e Farbe 
auch bei den Hochzeitsbräuchen eine 
besondere Rolle 269 ). Im Saterland setzte 
früher, wer freien wollte, einen r.en Lappen 
auf sein Gewand 270 ). Bei den Podluzaken 
in Mähren pflanzt man eine r. angestriche¬ 
ne Stange vor das Haus der Brauteltern 271 ). 
Bei den arabischen Einwohnern Javas 
färben sich die Verlobten kurz vor der 
Hochzeit ihre Nägel, der Bräutigam außer¬ 
dem noch seine Fußsohlen r. 272 ). R.e 
Strümpfe gehören zum Hochzeitsstaat 
der Braut, den der Bräutigam für seine 
Verlobte kaufen muß. Zur zweiten und 
dritten Verkündigung der Brautleute er¬ 
scheint der Bräutigam mit einem Hut, 
der mit r.en Seidenbändern umwunden 
ist 273 ). Bei den Esten wird der Braut 
ein r.er Seidenfaden um den Leib ge¬ 
bunden, und wenn die Trauung vorüber 
ist, muß sie sich so aufblähen, daß der 
Faden zerreißt. Das gilt als sicheres 
Mittel gegen schwere Entbindungen 274 ). 

Ein wesentlicher Teil der römischen 
Hochzeitsfeier war das Verhüllen der 
Braut mit dem flammeum, dem r.en Tuch, 
das auch zur Amtstracht der Flaminica 
gehörte, und der auch in das Zeremonial 
der römisch-kuholischen Kirche über¬ 
gegangen ist 275 ). Einen r.en Braut¬ 
schleier trägt auch die neugriechische, al- 
banesische und armenische Braut, ebenso 
die Braut bei den Tartaren der Krim 276 ). 
An die Stelle des r.en Schleiers tritt viel¬ 
fach ein r.es Band oder Kleidungsstück: 
in der Oberpfalz ist es ein r. und schwarzes 
Halstuch, im Havelland ein r.seidener 
Faden um den Hals, in Westfalen ein an 
der Haube befestigter r.seidener Faden, 
in Baden ein r.seidenes Band im Haar 
oder ein r.er Rock und r.e Strümpfe, in 
Pommern ein breites r.es Band als Schärpe 
am Hochzeitskleid 277 ). In Kreuzburg 
und Gleiwitz (Schles.) bindet sich in 
einigen Familien die Braut ein r.seidenes 
Bändchen um den Hals, in andern darf 
sie nichts R.es an sich tragen, weil sonst 
die zu erwartenden Kinder rothaarig 
würden 278 ). Bei indischen Hochzeiten 


trägt auch der Bräutigam ein r.seidenes 
Kleid 279 ). In Velburg (Oberpfalz) hat 
der Bräutigam um den Hut einen Kranz 
mit flatterndem, hochrotem Band, zu 
Neunburg trägt er es im Knopfloch 280 ). 
Auch im Schmuck des Hochzeitladers 
spielt das r.e Band eine große Rolle 281 ). 
Zum Ladschreiben werden vielfach For¬ 
mulare in R.druck verwendet 282 ). Auch 
bei den Hochzeitsgeschenken findet die 
r.e Farbe Verwendung bei den Mandschus 
und Chinesen, ebenso gut wie in Deutsch¬ 
land. Im Koburgischen erhält das Braut¬ 
paar von den Paten ein mit r.en Bändern 
umwickeltes Kissen 283 ). 

Die beliebte, gewöhnlich als Neckerei 
gedeutete Sitte, den Brautleuten den Weg 
zu versperren, ist zweifellos apotropäi- 
schen Ursprungs. In Indien werden bei 
Hochzeiten blaue und r.e Fäden über den 
Weg gespannt, um böse Geister zu ver¬ 
treiben. Denselben Zweck haben die mit 
r.en Bändern verzierten Stangen, Ketten 
und Stricke, mit denen im Aargau die 
Junggesellen der Gemeinde am Ende des 
Heimatdorfes dem Brautwagen den Weg 
verlegen, bei den Iglauer Deutschen der 
mit einem r.en Tuch behängte und über 
den Weg gespannte Strick, das r.seidene 
Tuch, das man in Thüringen den Braut¬ 
leuten beim Weg zur oder aus der Kirche 
vorhält, oder das r.e Tuch, das die Ma¬ 
laien über den Weg spannen 284 ). 

In Siebenbürgen werden bei der Rück¬ 
kehr von der Kirche im Hochzeitshaus 
die Gäste von vermummten Gestalten 
empfangen, die ihnen r.en Rübensaft zu 
trinken geben 285 ). Im Zillertal muß jeder 
Hochzeitsgast Hochzeitsnesteln aus r.en 
Lederriemchen tragen, damit dem Braut¬ 
bett nichts Böses geschieht und das Braut¬ 
paar Glück hat 286 ). 

Bei der Übersiedelung ins neue Heim 
wird der ganze Hausrat auf einen Wagen 
geladen. Obenauf steht das vollständig 
aufgerichtete Doppelbett in rotweißem 
Überzug und ein Spinnrad mit angelegtem 
Rocken, der mit einem r.en Band um¬ 
wunden ist 287 ). Das Gespann dieses 
„Kammerwagens“ besteht meist aus Pfer¬ 
den, der Knecht muß Junggeselle sein. 
Wagen, Schweif und Mähne der Pferde^ 


823 


rot 


824 


Arm, Hut und Peitsche des Fuhrmanns 
sind mit Kränzen und r.en, fliegenden 
Bändern geschmückt. Hinter dem Wa¬ 
gen geht die Kuh mit r.en Bändern an 
Schwanz und Hörnern 288 ). 

Apotropäischen Charakter hat auch in 
den meisten Fällen die Verbindung von 
R. und Tod 289 ). In Italien, Sizilien, 
Spanien, der Dobrudscha, vereinzelt auch 
in Deutschland, besonders aber in Süd¬ 
rußland fand man in Gräbern aus dem 
jüngeren Paläolithikum und der neolithi- 
schen Periode Skelette, die mit einer 
dünneren oder dickeren Schicht r.en 
Farbstoffs überzogen waren. Auch neben 
dem Toten, unter ihm, auf dem Boden 
und an den Wänden des Grabraums war 
der Farbstoff verstrichen 29 °). Die nord¬ 
amerikanischen Indianer gaben früher 
den Toten oft Gefäße mit r.er Ockerfarbe 
mit in das Grab, die Irokesen gruben ihre 
Toten mehrere Male wieder aus, bemalten 
sie mit r.er Farbe und bekleideten sie mit 
neuen Gewändern 291 ). Noch in dem 
„Tiroler Volksroman“ von C. Spindler 
„Der Vogelhändler von Just“ heißt es 
1,9: „Nach dem Gebrauche des Landes 
hatten die frommen Weiber das blasse 
Gesicht des Toten r. angestrichen.. ,“ 292 ). 
R.e Decken und Gewänder waren im 
Totenritual der Griechen und Römer 
gebräuchlich 293 ). Auch im alten Indien 
war R. die Farbe des Totenkults (Sarg, 
Grab, Leichnam). In Florenz verwendete 
man noch im 15. Jh. r.e Bahrtücher, die 
Totenkapelle wurde r. ausgeschlagen, der 
Tote in einen r.en Mantel gekleidet, die 
Leidtragenden erschienen in einem r.en 
Mantel 294 ). Noch 1867 ließen sich im 
Fricktal (Schweiz) alte Frauen in ihrem 
r.en Rock begraben 295 ). Auf der Stephens¬ 
insel (Torres Straits) wird der Kopf des 
Toten mit r.en Bändern umschnürt 296 ). 
Im Gouvernement Minsk umwickelt man 
den Sarg einige Male mit hochr.en Fäden, 
in der Gegend von Grodno legt man quer 
über die Leiche einen r.en Wollfaden 297 ). 

Auch s Gegenstände des Trauerrituals 
sind r. So die Kleider der Trauernden, 
wenn z. B. in Livigno (Valtellina) bei der 
Beerdigung eines kleinen Kindes der 
padrino, der die Leiche trägt, an seinem 


; Hut ein r.es Band hat und ihm Knaben 
I mit r.en Bändern folgen 298 ). Im Inn- 
viertel erhält jeder, der mit dem Toten 
gegangen ist, beim Eintritt in die Kirche 
(zum Totenamt usw.) ein r.es „Wachs- 
kerzl‘ ‘, das er während des Amtes brennt 299 ). 
j In Oberbayern müssen alle beim Toten¬ 
gang benutzten Kerzen oder Wachsstöcke 
f r. sein 30 °). So trug auch der Priester bei 
| den Festspielen zu Ehren des toten Arat 
ein axpo^tov ... jxssoTtopcjupov (Plut. Arat. 
53), und beim Totenfest für die in der 
Perserschlacht Gefallenen erschien der 
Archon von Platää in blutr.em Gewände 
(Plut. Aristid. 21) 301 ). Auch in Indien, 
Neuseeland, Afrika ist R. Trauerfarbe. 

Zugegeben muß werden, daß die r.e 
Farbe in Fällen wie den Zinnobergüssen 
auf Gräbern als Ablösung der Blutspende, 
des alten Totenopfers, aufzufassen ist. 
Das hat Varro betont: Mulieres in exse- 
quiis ideo solitas ora lacerare, ut sanguine 
ostenso inferis satisfaciant. Quare etiam 
institutum est, ut apud sepulcra et victi- 
mae caedantur. Apud veteres etiam 
homines interficiebantur. Sed quoniam 
sumptuosum erat et crudele victimas vel 
homines interficere, sanguinei coloris 
coepta est vestis mortuis inici (Serv. Aen. 
3,67) 302 ). In den allermeisten Fällen jedoch 
versagt diese Erklärung. Vielmehr ist 
ursprünglich die Angst vor dem den Über¬ 
lebenden verderblichen Walten der Toten 
(lebender Leichnam!) die Veranlassung 
gewesen, daß der primitive Mensch zu der 
übelabwehrenden Zauberfarbe seine Zu¬ 
flucht nahm. Am einleuchtendsten ist 
dieser Gedankengang bei den r.en Schnü¬ 
ren, mit denen man Sarg und Leichnam 
umwickelt, natürlich um dem Toten die 
Bewegungsmöglichkeit zu nehmen. Aber 
„auch das Bemalen der Toten, das 
Ausmalen der Särge und Grabgewölbe, 
das purpurne Tuch werden schwerlich 
etwas anderes gewesen sein als primitive 
Mittel, das, was man fürchtet, dort fest¬ 
zubannen, wo es ist, die r.e Farbe am 
Trauernden nur eine räumliche Ver¬ 
rückung dieser Schutzvorrichtung“ ^. 

Diese Verbindung zwischen R. und Tod 
erklärt auch die böse Bedeutung eines 
Traumes von r.en Dingen. v Ex si 7 ®P tiva 


825 


rot 


826 


xh TTOpcpopoov cojAirafteiav 7rpo? xov 

Oavaxov, sagt Artemidor (oneir. 1, 177) 
zur Begründung der Behauptung, im 
Traum bedeuteten Kränze aus r.en Blu¬ 
men Tod 304 ). Dasselbe glaubt man in In¬ 
dien, und ein siamesisches Traumbuch 
schreibt diese schlimme Vorbedeutung 
einem Traum zu, in dem man sich in r.en 
Kleidern sieht 305 ). In Deutschland glaubt 
man, wenn eine Leiche r.e Backen oder 
Lippen behält, hole der Tote jemand aus 
der Familie oder der Freundschaft 306 ). 
Wenn man in der hl. Nacht um 12 Uhr 
auf dem Friedhof ist, so sieht man alle, 
die im folgenden Jahr sterben, in r.en 
Strümpfen auf der Mauer stehen 307 ). 

In Schwaben dürfen Sterbhemd und 
Strümpfe keine r.en Namenszeichen tra- ; 
gen, weil sonst der Tote nicht verwesen 
kann 308 ). Bei einem Todesfall verhülle j 
man alles Glänzende und alles R.e mit : 
weißen Tüchern (Erzgeb.) 309 ). 

Als apotropäisch ist auch die in der 
Priestertracht verschiedenster Völker 
und Zeiten auf tretende r.e Farbe anzu¬ 
sehen, wenn man bedenkt, daß ursprüng¬ 
lich der Priester kaum etwas anderes war 
als ein Zauberer, der für den gefährlichen 
Verkehr mit übernatürlichen Mächten 
durch magische Mittel geschützt werden 
mußte 310 ). Purpurne Kleider trug der 
Jahwepriester (Exod. 28), eine rote ! 
Binde der Zeuspriester von Pergamon j 
(Perg. Inschr. 40), einen purpurnen xixcuv 
der Priester des Herakles von Tarsos 
(Athen. 5, 215 c), ein Purpurkleid der 
Kybelepriester (Ovid. Fast. 4, 339 f.). 
Auch im römischen Kult war die r.e 
Priestertracht allgemein. Überreste fin¬ 
den sich noch heute im Ritual der röm.- 
katholischen Kirche im hellr.en Cingulum, 
der violetten Cappa u. a. 311 ). Selbst die 
Volkssage hat eine alte Erinnerung be¬ 
wahrt, wenn es in Obwalden heißt: „Die 
Priester waren ehemals r. gekleidet, jetzt 
schwarz, zur Trauer, weil die Christen 
das hl. Land verloren haben“ 312 ). 

Auch das Opfertier, das den Willen 
der Gottheit beeinflussen soll, muß vor 
schädlichen Einwirkungen geschützt wer¬ 
den. Deshalb werden Menschen, die 
geopfert werden sollen, in eine r.e Jacke 


gesteckt 313 ), Opfertiere mit r.en Woll- 
troddeln oder Bändern behängt 314 ). Auch 
dem Sündenbock der Israeliten wurde eine 
r.e Schnur an den Kopf gebunden 315 ). 

Positive (zeugende) Kraft vereinigt 
sich mit der negativen (apotropäischen) 
in den oft r. bemalten phallischen Götter¬ 
bildern. Der antike Priapus, die Pandus 
der Hindus, die phallischen Götzenbilder 
der Kongoneger u. a. fördern die Frucht¬ 
barkeit ebenso, wie sie die Fluren schüt¬ 
zen 316 ). Wenn in Griechenland u. a. das 
Bild des Dionysos von Phigalia in Arka¬ 
dien r. bemalt war und in Rom das Ange¬ 
sicht des Juppiter Capitolinus-alljährlich 
mit Minium gefärbt wurde (Plin. n. h. 
33, 7) 317 ), so haben wir in dieser bei pri¬ 
mitiven Völkern zahlreich vertretenen 318 ) 
Bemalung des Götterbildes einmal das 
Bestreben zu erblicken, die dem Bild 
innewohnende Kraft durch die r.e Farbe 
zu steigern, dann aber auch das Bild selbst 
zu schützen. Für den römischen Jup¬ 
piter können wir das mit Sicherheit aus 
der Pliniusstelle (n. h. 35, 17) schließen: 
Fictilem eum fuisse et ideo miniari so- 
litum. Das tönerne Bild sollte wohl durch 
den Anstrich vor der allmählichen Zer¬ 
störung geschützt werden 319 ). Positive 
und negative Kraft der r.en Farbe ver¬ 
banden sich schließlich auch in den Riten 
der antiken Mysterien und Inkubation 320 ). 

Auf die meist lustrierende oder apo- 
tropäische Verwendung der r.en Farbe 
ist wohl auch ihre ominöse Bedeutung 
im Volksglauben zurückzuführen. Die 
Verbindung des abwehrenden Mittels mit 
den abzuwehrenden Dingen ist ja nahe¬ 
liegend 321 ). Wenn eine schwarze Quaste 
neben einer r.en hängt, gibt es ein Un¬ 
glück (Ambras) 322 ). Kinder, welche bei 
der Geburt einen r.en Flecken am Leib 
haben, werden Nachzehrer 323 ); ein Kind, 
das beim Schreien einen r.en Fleck auf 
der Stirn bekommt, stirbt eines unna¬ 
türlichen Todes 324 ). Todesanzeichen sind 
ein Kranz rotglühender Rosen um das 
Licht oder ein rötlicherer Schein des 
„ewigen Lichts“ 325 ). Blutr.er Himmel, 
besonders am Neujahrs tag, verkündet 
böse Zeiten, Pest, Hunger und Krieg 326 ). 
Dasselbe bedeutet der r.e Schein eines 


827 


rot 


828 


Kometen 327 ), oder wenn das Wasser ! 
eines Brunnens oder Sees sich r. färbt 328 ). 
Wenn die Bauersleute r.e Hüte tragen, 
steht ein großer Krieg 329 ) oder das ! 
Weitende bevor 330 ). Zieht man einem 
noch nicht einjährigen Kind r.e Schuhe 
an, so kann es später kein Blut sehen 331 ). 
Kinder, die r.e Läuse haben, beten nicht 
gern 332 ). Soll ein Viehstall gebaut wer¬ 
den, so legen die Esten vorher Lappen 
und Kräuter: kriechen r.e Ameisen da¬ 
rauf, so ist der Ort untauglich 333 ). Da die 
positive Kraft der r.en Farbe aber auch 
gute Dinge bewirken kann, wird das R. 
in manchen Fällen auch als günstiges 
Zeichen gedeutet. Daß Abendrot gutes 
Wetter anzeigt, ist eine allgemeine 
Ansicht. Das steht auch zu erwarten, 
wenn am Abend die r.e Kuh zuerst vor 
der Herde ins Dorf einzieht 334 ). Brennt 
das Licht abends rosen, so kommt des 
andern Tags Geld oder sonst ein Glück 
(Chemn. Rockenphil.) 335 ). Das Mädchen, 
welches zuerst einen r.en Maiskolben 
findet, heiratet noch in demselben Herbst 
(Ungarn) 33 «). Im Herbst blühende r.e i 
Rosen deuten auf baldige Hochzeit | 
(Deutschl.) 337 ). „So ein fraw fragt: was I 
kinds, dünckt euch, das ich trage ? vnd 
jr geantwortet wirdt: einen schönen sohn, 
wirdt sie alsdann nicht r., so wisse, daß 
es ein tochter ist" 338 ). Hat die erste Per¬ 
son, welche das Kind außer der Mutter 
und der Hebamme sieht, ein r.es Tuch, 
so wird das Kind Glück haben 339 ). Schlägt 
der Kranke nach der letzten Ölung im 
Evangelienbuch eine Seite mit r.gedruck- 
ten Buchstaben auf, so wird er genesen 
(Rumänien in der Bukowina) 310 ). Tragen 
die Ebereschen viele (rote) Früchte, so 
steht eine reiche Getreideernte oder ein 
strenger Winter bevor (Schles.) 341 ). 
Auch der indische und chinesische Volks¬ 
glaube kennt die r.e Farbe als günstiges 
Omen 342 ). 

112 ) Rochholz Gaugöttinnen 175. 113 ) Meiche 
f,^ en 3 ^ 7 * Scheftelowitz Schlingenmotiv 58. 

114 ) Wunderlich Rot 21. 116 ) ZfVk. 23 (1913), 
250; Wunderlich Rot 18. 116 ) ZfVk. 23 (1913), 
250. m ) Gihr Meßopfer 254 ff. «•) Tylor 
Cultur 1, 400. 119 ) Meiche Sagen 108. 12 °) Ebd. 

911. 121 ) Marzeil Bayer. Volksbot. 233. 

) Wunderlich Rot 18. 123 ) Panzer Bei- 


trag 1, 15. 124 ) Meiche Sagen 22. 125 ) Ebd 381. 
126 ) Archiv f. Frankfurts Gesch. u. Kunst 3 
(1844), 114 ff. 127 ) Becker Köln vor 60 Jahren 
(1922) 16. 12 ») Lütolf Sagen 146 f. Nr. So* 

Meiche Sagen 187. Temme Pommern 311. 
°) Bolte-Polivka 3, 19. * 3 *) SAVk. 23, 208. 

) ZfVk. 23 (1913), 259. 133 } Schönwerth 

Oberpfcih 2, 280. 285. 287. 134 ) Ebd ^ 

) Simrock Mythologie 2 488. * 36 ) Wunder¬ 
lich Rot 4 ff., wo zahlreiche Beispiele besonders 
aus der Antike. 137 ) Marzeil Bayer. Volksbot. 
178. 138 ) Weinreich PI eilungswunder 97 ff * 

Wunderlich Rot 5. 1 39 ) ZfVk. 11 (1901), 32b' 

14 °) Juli 1mg Tiere 342. *“) Tharsander 2, 

661. 142 ) Zingerle Tirol 42 Nr. 359. * 43 ) ZfVk. 

*3 ( I ^ I 3 )* 2 59 - 144 ) Seligmann Blick 1, 264. 

) W einreich Heilungswunder 99, 2. 14e ) Schef¬ 
telowitz Schlingenmotiv 32 f. 147 ) Weinreich 
Heilungswunder 97 ff. ii») Krauß Volk¬ 
forschungen 65. 1 49 ) ZfVk. 21 (1911), i 55 ; vgl. 
Zachariae Kl. Sehr. 234. 15 °) Grimm Myth. 
3 » 4bb Ni. 872. ZfrwVk. 1905, 283; vgl. 

Bartsch Mecklenburg 2, 103. 152 ) Fogel Penn¬ 
sylvania 337 Nr. i 794 . iM) Hillner Sieben¬ 
bürgen 50. 154 ) Hovorka-Kronfeld 2, 17. 

1M ) Fr anziska Hager Chiemgau (München 
1927) 237. ««) Hovorka-Kronfeld 2. 274. 

394; Lammert 267; Seyfarth Sachsen 234. 

) Marzeil Heilpflanzen 116; Kräuterbuch 501. 

) Zimmermann Volksheilkunde 28. 159 ) SA¬ 
Vk. 18, 116 bei Wunderlich Rot 6. 16 °) ZfVk 7 
(i 897 )> 172. 161 ) Wuttke 355 § 532 . waj Ba j t . 

stud - 33 (1883), 133. 163) MärzeII Kräuterbuch 
130- 164 ) BIPommVk. 5, 14 f. Nr. 16. 165 ) Ebd. 
106. 166 ) Strackerjan 1.91. 167 ) Wunderlich 
Rot 10 f. 16 «) ZfVk. 3 (1893). 136 f. 168 ) Selig¬ 
mann Blick 2, 248. 251. 170 ) ZföVk. 6 (1900), 

I2r v ) J ohn Erzgebirge 221. 172 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 146. 1 73 ) Wunderlich Rot 14 f., 
wo weitere Beispiele. 1 74 ) Sabbat 55 a, zitiert 
bei Wunderlich Rot 15. * 7 *) Zachariae Kl. 
Sehr. 229. 176 ) Meiche Sagen 805. 177 ) Hanßen 
N Sagen aus Berg u. Mark 42. * 78 ) Stracker¬ 
jan 2, 115. 178 ) Frank. Hmt. 4, 36. 189 ) Wirth 
Beiträge 4/5, 10. m ) Fischer Quatember 263; 
Grab 1 nski Sagen 38; Rothenbach 34 Nr. 276. 

) Gredt Luxemburg Nr. 233. 183 ) Hüser 

Beiträge 2. 28. i« 4 ) Vgl. die fila discolora bei 
Verg- Ecl. 8, 73; Ciris 371; Wunderlich Rot 
12 f. 185 ) Spieß Obererzgebirge 9. 18ß ) BlPomm- 

5 * 73 - 187 ) Zingerle Tirol 149 Nr. 1290; 

vgl. Meyer Baden 117. i»8) Pollinger Lands¬ 
hut 212. 18 9 ) Schramek Böhmerwald 267; 

ZföVk. 2, 157; ZfrwVk. 8, 147; Seligmann 
Blick 2, 251, faßt es als apotropäisches Amulett 
auf. 19 °) Seligmann Blick 2, 252. i # i) Thar¬ 
sander 2, 724 f. 182) Zingerle Tirol 190 f. 

Nr * I 573 - 103 ) Birlinger Volksth. 1, 307; 

Gredt Luxemburg Nr. 181; Wolf Beiträge 1, 
71 f. 227; ZfdMyth. 2 (1854), 303. i« 4 ) Mar- 

tiny Molkerei 5; Seligmann Blick 2. 251; 
ZfrwVk. 1913, 271. i» 5 ) Fehrle Geoponica 15! 

196 ) Frazer Golden Bough 1,1, 256 ff. 262; 3,20; 
7,2, 232t.; Wunderlich Rot 16. 197 ) Jahn 

Opfergebräuche 61. 198 ) Beispiele bei Wunder- 


rot 


830 


829 

lieh Rot 16 f. 199 ) John Westböhmen 60; Pol- 186 ff.; Toppen Masuren 41; Wunderlich 

linger Landshut 209: Schullerus Siebenbürgen Rot 29; Urquell 4 (1893), 2x1; 6 (1896), 23t. 

143; Schultz Alltagsleben 211; Zingerle 249 ) ZfVk. 17 (1907), 37 <>; 2 3 (1913). 257; 

Tirol 149 Nr. 1291. 20 °) Drechsler 2, 214 t.; Samter Geburt 70. 25 °) Höfler Krankheits- 

Marzell Kräuterbuch 256. 201 ) Wunderlich namen 26. 251 ) Globus 70, 3237. 252 ) Selig- 

Rot 21. 202 ) Gaßner Mettersdorf 19: Hillner mann Blick 2, 255. 257. 263 ) Ebd. 2, 253. 

Siebenbürgen 21 Nr. 2, 50. 203 ) Seligmann 254 ) Balt. Stud. 33 (1883), 117; Drechsler 1, 

Blick 2, 252 f. 204 ) Ebd. 2, 250. 205 ) ZfVk. 23 208; 2, 237; Grimm Myth. 3, 466 Nr. 869; 

(1913), 255 f. 20ß ) Seligmann Blick 2, 255. Grohmann 112 Nr. 835; Hmtbl. d. dt. Hmt- 

i°7) Wolf Hess. Sagen 127 Nr. 194. 208 ) Thar- bundes Danzig 5 (1928), 10; Samter Geburt 

sander 3, 256. 209 ) Seligmann Blick 2, 258. 186 ff.; Seligmann Blick 2, 252; Seyfarth 

ai °) Ranke Sagen 11. 2U ) Eber hard t Land- Sachsen 48; Spieß Obererzgebirge 29. 25fi ) 

Wirtschaft 3, 13. 212 ) Burrigel Oeconom. Schatz - Strackerjan 2, 115. 258 ) Haltrich Sieben- 

u. Kunstkammer (Stuttg. t 734) 138. 213 ) ZfVk. bürgen 259; Hillner Siebenbürgen 21 Nr. 2. 

5 (1895), 30. 214 ) Haas Pomm. Sagen 50; IJse- 257 ) Schramek Böhmerwald 180. 258 ) Schultz 

■dom 15 ff.; Meiche Sagen 577. 215 ) Abt Apu- Alltagsleben 198. 208; SAVk. 15 (1911), 12. 

leius 76; Scheftelowitz Schlingenmotiv 45 ff.; 25> ) Grimm Myth. 3, 488 Nr. 32; Laube 

Weinreich Heilungswunder 97 f.; Wunderlich Teplitz 27. 26 °) Boeder Ehsten 52. 261 ) John 

Rot 21 ff.; ZfVk. 3 (1893), 137. 155. 21ß ) Vgl. Westböhmen 104; ZföVk. 14 (1908), 119. 

noch Grohmann 156 Nr. 1127; Krauß Relig. 262 ) John Erzgebirge 52. 65; Seligmann Blick 

Brauch 115; Lessiak Gicht 149; Martiny 2,248L 255; SpieQObererzgebirge36. 263 )Schön- 

Molkerei ix; Seligmann Blick 2, 250 ff.; werth Oberpfalz 1, 267; ZfrwVk. 1907, 115; 

Urquell 4 (1893), 211; ZfdMyth. 2 (1854), 228. Wuttke 387 §591. 264 ) Sartori Sitte u. Brauch 

a17 ) Seligmann Blick 2, 248. 218 ) ZfVk. 11 1, 36. 265 ) Hillner Siebenbürgen 33. 124. 

(1901), 375. 219 ) Köchling de coronarum vi 10. 266 ) Wunderlich Rot 33 f. 267 ) Schmidt 

22 °) Seligmann Blick 2, 254t. 259. 221 ) Drechs- Gottesidee 341 f. 373; Wunderlich Rot 35. 

ler 2, 61. 222 ) Seligmann Blick 2, 253 t. 268 ) Baumgarten Aus der Heimat 3, 29. 

223 ) John Erzgebirge 54. 224 ) Schönwerth 269 ) Fehrle Volksfeste 75; Meyer Baden 321; 

Oberpfalz 3, 256. 225 ) Hager Chiemgau 257 f. Wunderlich Rot 36 ff.; Zachariae Kl. Sehr. 

228 ) Andree-Eysn Volkskundliches 70. 130h 243, 2; ZfVk. 23 (1913), 252. 27 °) Strackerjan 

227 ) Ebd. 134. 228 ) Wunderlich Rot 23 f. 2,115. 2?I ) Seligmann Blick 2, 250. 272 ) ZfVk. 

229 ) Globus 80 (1901), 304; Weinreich Hei - 23 (1913), 252. 273 ) Zingerle Tiro/16 Nr. 113, 2. 

lungswunder 98. 23 °) Wunderlich Rot 27. 274 ) Grimm Myth. 3 , 487 Nr. 3. 275 ) Belege bei 

231 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 215. 232 ) Wun- Wunderlich Rot 37; vgl. Samter Familien - 

derlich Rot 27. 233 ) Martiny Molkerei 5. 11. feste 47 ff.; Weinhold Frauen 1,339. 276 ) Sam- 

* 34 ) Köhler Voigtland 427. 235 ) Seligmann ter Familienfeste 47 ff.; Seligmann Blick 2, 

Blick 2, 251. 23ß ) Fogel Pennsylvania 180 Nr. 252. 254; Wunderlich Rot 37f. 277 ) BlPomm- 
866; Grimm Myth. 3, 475 Nr. 1098; John Vk. 5, 102; Erk-Böhme 197; Kuhn u. 

Erzgebirge 196; Westböhmen 209; Jungbauer Schwartz 433 Nr. 282; Samter Familienfeste 

Böhmerwald 49; Knoop Hinterpommern 171; 51; Seligmann Blick 2, 250; Schönwerth 

Köhler Voigtland 428; Mannhardt Germ. Oberpfalz 1, 84; Weinhold Frauen 1, 339; Zin- 

Mythen 11 f.; Sartori Sitte u. Brauch 2, 127; gerle Tirol 24 Nr. 149. 278 ) Drechsler 1, 257. 

Schramek Böhmerwald 241; Sbbillot Folk - 279 ) Samter Familienfeste 51; Seligmann 2, 

Lore 3, 228; Seligmann Blick 2, 250 ff.; 255 f. 280 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 85 f. 

Spieß Obererzgebirge 29. 33; ZfdMyth. 2 (1854). 281 ) Ebd. 1, 65. 92; Baumgarten Aus der Hei- 

302 f. 237 ) Baumgarten Aus der Heimat 3, mat 3, 53. 282 ) Pollinger Landshut 252. 283 )Wun- 

25, 1; Gröger Kulturdenkmäler aus d. Merse- derlich Rot 40. 284 ) Pollinger Landshut 255; 

burger Land (1927) 50; Haltrich Siebenbürgen Samter Geburt 168 f.; Wunderlich Rot 42; 

278 Nr. 1; Meyer Baden 397 f.; Seligmann ZfVk. 23 (1913)* 259 f.; 35/36 (1925/6), 159. 

Blick 2, 250; ZfVk. 21 (1911), 108. 238 ) Marzell 285 ) Schullerus Siebenbürgen 113. 286 ) Zin- 

Kräuterbuch 460. 239 ) Balt. Stud. 33 (1883), 129; gerle 20 Nr. 122. 28? ) Schmitt Hetlingen 22; 

Bartsch Mecklenburg 2, 141 ff.; Drechsler Schönwerth Oberpfalz 1, 67. 288 ) Ebd. 1, 68. 70. 

2, 109; Grimm Myth. 3, 468 Nr. 927; 475 289 ) Wunderlich Rot 46 ff. 29 °) Prähistor. 

Nr. 1098; HmtK. 37 (1927), 112; Knoop Ztschr. 13/14 (1921/2), 5 f. 291 ) ZfVk. 23 (1913); 

Hinterpommern 172; Martiny Molkerei 5; 254 f. 292 ) ARw. 11 (1908), 157. 293 ) Belege bei 

Seligmann Blick 2, 250. 252; ZfVk. 6 (1896), Wunderlich Rot 47h.; ARw. 9 (1906), 4; 

254. 24 °) Wuttke 440 § 693. 241 ) Seligmann ferner Köchling de coronarum vi 50. 53; 

Blick 2,250. 242 ) Alpenburg Tirol 350; Selig- Pfister Reliquienkult 2, 435, 48; Samter 

mann Blick 2, 250. 243 ) Ebd. 2, 250. 252. 375. Familienfeste 56 f.; Geburt 190 f.; Wächter 

^ 4 ) Ebd. 2, 258 f. 245 ) Wunderlich Rot 29; Reinheit 44. 294 ) Samter Geburt 193 f.; ZfVk. 

Samter Geburt 186 ff. 24ß ) RVV. 12 (1912), 47; 23 (1913). 262. 295 ) Rochholz Glaube 2, 251. 

Samter Geburt 186 ff.; Wunderlich Rot 29; 296 ) Scheftelowitz ScÄ/iwgßwmoffv 26. 297 )ARw. 

ZföVk. 2, 285. 247 ) ZfVk. 23 (1913). 251. 11 (1908), 406 f. 298 ) Wunderlich Rot 52. 

248 ) Drechsler i, 208; Frazer Golden Bough 2M ) Baumgarten Aus der Heimat 3, 117. 

1, 400; Ploß Kind 1, 109; Samter Geburt 30 °) ZfVk. 17 (1907), 368. 370. 30i ) Wunderlich 


831 


rot 


832 


Rot 46. 302 ) Ebd. 55. 303 ) Ebd. 58. 3W ) Röchling 
de coronarum vi 66. 305 ) ZfVk. 23 (1913), 262. 
306 j Brückner Reuß 195; Grimm Myth. 3, 446 
Nr. 368; Spieß Obererzgebirge 21. 307 ) Zingerle 
Tirol 191 Nr. 1576. 308 ) Höhn Tod 7, 320. 

309 ) Spieß Obererzgebirge 38. 310 ) Wunderlich 
Rot 59 ff. 3n ) ZfVk. 23 (1913), 235; Wunder¬ 
lich Rot 60; Schef telowitz Schlingenmotiv 
48 f. 312 ) Lütolf Sagen 555 Nr. 569. 313 ) ARw. 
18 ( I 9 i 5 ). 34h. 314 ) ARw. 14 (1911), 297; Wun¬ 
derlich Rot 61 f. 315 ) ZfVk. 23 {1913), 235. 
316 ) Bachof en Gräber Symbolik 294; Liebrecht 
Zur Volksk. 395 f.; Sartori Sitte u. Brauch 2, 
69; Seligmann Blick 2, 248; ZfVk. 23 (1913), 
2 55. 317 ) Bachofen Gräber Symbolik 293; 
Zachariae Kl. Sehr. 247 f.; ZfVk. 20 (1910), 
143 f. 318 ) ZfVk. 23 (1913), 255 f. 319 ) Wun¬ 
derlich Rot 63. 32 °) Belege ebd. 64 ff. 321 ) Ebd. 
72. 322 ) Zingerle Tirol 34 Nr. 250. 323 ) Wuttke 
481 §766. 334 ) John Erzgebirge 55. 325 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 264; Baumgarten Aus 
der Heimat 3, 103. 326 ) Fox Saarland 290. 308; 
Haltrich Siebenbürgen 284; Strackerjan 2, 
108; Zingerle Tirol 118 Nr. 1048. 327 ) Zin¬ 
gerle Tirol 119 Nr. 1067. 328 ) Fox Saarland 

289; Pfister Hessen 49. 329 ) Pollinger Lands¬ 
hut 170. 33 °) Schönwerth Oberpfalz 3, 329t!. 
331 ) (Fischer) Aberglaube 201; Grimm Myth. 
3, 436 Nr. 40; Köhler Voigtland 423. 332 ) 

Schmitt Hettingen 14; Unoth 185. 333 ) Grimm 
Myth. 3, 491 Nr. 99. 334 ) Dt. Museum 2 (1852), 
584. 335 ) Grimm Myth. 3, 442 Nr. 252. 336 ) Lü¬ 
de ke u. Gragger Ungar. Balladen (1926), 127. 
337 ) ZfVk. 23 (1913), 260 f. 338 ) ZfdMyth. 3, 
314. 339 ) Grohmann 108 Nr. 777. 34 °) ZföVk. 
2, 252. 34i ) Drechsler 2, 218; Marzeil Kräu¬ 
terbuch 95. 342 ) Wunderlich Rot 72; ZfVk. 23 

(1913)» 261. 

5. Die Sympathetik (Homöopathie, 
Analogiezauber) ist diejenige Methode der 
Magie, die Gleiches mit Gleichem ver¬ 
hüten, abwehren oder herbeiführen will. 
Sie findet vor allem Verwendung in der 
Volksmedizin. Bei Blutauswurf u. a. 
verwendete man im Altertum vor allem 
den Blutstein, eine Art r.en Eisenstein 343 ). 
Von ihm sagt noch Tharsander (3, 
271 f.): „Der Blut-Stein, zu lateinisch 
Haematites, hat den Nahmen von der 
Kraft das Blut zu stillen, welches ihm 
zugeschrieben wird. Einige dieser Steine 
sind dunkel-roth, andere purpurfarbig' 
Noch heute wird in Albanien der Blut¬ 
stein bei blutenden Wunden angewen¬ 
det 344 ). Früher wurde eine Menge solcher 
Steine, die fast alle heute noch in Herren¬ 
ringen getragen werden, als Kriegsschutz 
angeboten (Rubin, Spinell, Karneol). So 
soll z. B. der Rubin, ins Fleisch eingesetzt. 


nach Ansicht der Inder vor Verwundung 
schützen 345 ). Auch in manchen Gegen¬ 
den Deutschlands stillt man heute noch 
innere Blutungen, Blutstürze durch Trin¬ 
ken einer Lösung von Blutstein in Essig 
und lauer Milch 346 ). Ein r.es Band um 
den Hals verhütet Nasenbluten 347 ). Er 
wird auch angewendet gegen Rotlauf 348 ). 
Bei Schnittwunden bindet man den 
Herzfinger mit r.em Seidenfaden, daß er 
fast schwillt 349 ). Nimmt ein Kind ab, 
so bindet man ihm einen Faden r.er 
Seide um den Hals und zieht ihn dann 
einer Maus mit einer Nadel durch die 
Haut über das Rückgrat. Dann läßt man 
das Tier laufen. Ist es verdorrt, nimmt 
das Kind wieder zu 35 °). Zur Beschleuni¬ 
gung der Menstruation hingen früher die 
Weiber ein r.es Band am Standbild der 
hl. Venice in der Kirche N.-D. von 
Nogent-le-Rotrou auf 351 ). Gegen Rot¬ 
lauf und Scharlach soll auch ein Stück 
r.en Tuches helfen 352 ). Ein älteres Mittel 
ist: „Bluten der Noßen nim rothen letten 
misch Essig drunter legs auf die Stirn 
und Schlaff ist gut“ 353 ). Zunge oder 
Lunge eines getrockneten Fuchses schützt 
vor Rotlauf 354 ). Vor dieser Krankheit 
ist auch sicher, wer einen Gimpel im 
Haus hält 355 ) oder am Fastnachtsmorgen 
eine geräucherte Blutwurst ißt 356 ). Auch 
Rotrübenblätter sind gut dafür 357 ). Ge¬ 
gen Rotlauf wird auch folgender Segen 
gesprochen: „Ich ging durch einen r.en 
Wald, und in dem r.en Wald, da war 
eine r.e Kirche, da war ein r.er Altar,, 
und auf dem r.en Altar, da lag ein r.es 
Messer. Nimm das r.e Messer und schneide 
r.es Brot! Im Namen usw.“ 358 ). Beim 
Rotlauf der Schweine legt man in Baden 
um die Ränder der r.en Flecken r.e 
Tücher oder bindet sie mit r.em Band 
ab 359 ). Bluthamendem Vieh sucht man 
mit Erdbeerblättern zu helfen oder läßt 
es das Wasser trinken, in dem das Hemd 
einer menstruierenden Frau gewaschen 
wurde (Baden) 36 °). Blutkraut wird im 
Volk eine ganze Reihe von Pflanzen ge¬ 
nannt, teils wegen der r.en Blüte, teils 
wegen ihrer Verwendung als blutstillendes 
Mittel 361 ). „Roth Sandel-Holtz und 
Tormen tillwurtzel“ hat die Signatur des 


i 


Rotbart 

Blutens 362 ). Diese Tormentillwurzel wird 
vom Volk noch heute gegen r.e Ruhr 
benutzt, ebenso bei übermäßiger Men¬ 
struation 363 ). „Wenn eine Jungfer ihre 
Zeit nicht hat, brenn ein Stück Manns¬ 
hemd zu Zunder, misch es mit Tormen¬ 
tillpulver, Hauswurzel und Lilienöl und 
gib es ihr ein“ 364 ). Auch Tee aus den 
r.en Blüten der Taglichtnelke hilft in 
solchem Fall (Baden) 365 ).. Andere r.- 
blühende Pflanzen wie Seidelbast Tau¬ 
sendgüldenkraut u. a. sind wegen ihrer 
adstringierenden Wirkung geschätzt 366 ). 
Erdbeeren werden verwendet gegen 
Bleichsucht, Frostbeulen, Sommerspros¬ 
sen, die „Rose“ und zur Heilung von 
Wunden 367 ). Schädlich dagegen sollen 
sie sein, wenn eine Frau sie während der 
Menstruation 368 ), und allgemein, wenn 
man sie noch nach Jakobi ißt (Baden) 369 ). 

Außer der Volksmedizin verwendet vor 
allem auch die eigentliche Magie solche 
sympathetischen Mittel. Nachgeburt und 
Nabelschnur begräbt man unter einem 
Stock mit r.en Rosen, dann bekommt das 
Kind r.e Backen (Baden, Franken, Würt- j 
temberg) 37 °). Zu demselben Zweck i 
schüttet man das Taufwasser und das j 
erste Badewasser unter einen Rosen¬ 
strauch 371 ). Gibt man einem Säugling 

zuerst statt des Breis von einem gebratenen 

r.en Apfel zu essen, so bekommt es r.e 
Backen (Chemnitzer Rockenphil.) 372 ). 
Wenn man sich zum ersten Mal zur Ader 
läßt, soll man das Blut unter einen Rosen¬ 
stock schütten, dann bekommt man r.e 
Backen (Bayern) 373 ). Rotrübensalat 
macht r.e Backen S74 ). Will man r.e 
Hennen haben, so legt man r.gefärbte 
Eier unter 375 ). 

Aus derselben Gedankenwelt stammt 
der Glaube, eine Schwangere solle nicht 
in den Backofen kriechen (sehen), sonst 
bekomme das Kind r.e Haare 376 ). Eine 
schwangere Frau hatte großes Verlangen 
nach Erdbeeren, da bekam das Kind ein 
Muttermal von rötlicher Farbe 377 ). Eine 
Frau erschrak, als ein mit R.wein ge¬ 
füllter Becher umfiel; sie griff jäh an die 
Wange, und das Kind war sein ganzes 
Leben lang mit einem weinr.en Flecken 
im Gesicht behaftet 378 ). 

B 5 chtol d *S täubli, Aberglaube VII. 


-Rötel 834 

343 ) Belege bei Wunderlich Rot 109 f. 
344 ) Frazer Golden Bough 1, 165. 345 ) Grabins¬ 
ki Neuere Mystik 73. 346 ) Zimmeimann Volks¬ 
heilkunde 87. 347 ) Fogcl Pennsylvania 300 

Nr. 1585. 348 ) Ebd. 367 Nr. 1961; Seyfarth 

Sachsen 178. 349 ) Rochholz Kinderlied 334. 

3&0 ) Grimm Myth. 3, 466 Nr. 872. 351 ) Sebillot 
Folk-Lore 4, 170. 352 ) Alpenburg Tirol 350; 

Schönwerth Ober pj alz 3, 269; ZföVk. 4 (1898), 
217 353) Höhn Volksheilkunde 1, 84. 354 ) Boh¬ 
nenberger Nr. 1, 21; Curtze Waldeck 377 

Nr. 44. 355 ) Zingerle Tirol 77 Nr.666. 356 ) Flü¬ 
gel Volksmedizin 59. 357 ) Fogel Pennsyl¬ 

vania 285 Nr. 1505. 358 ) FränkHmt. 2 (1923)» 
39t.; Flügel Volksmedizin 39; Pollinger Lan^s- 
hut 292; ZfVk. 1 (1891), 207. 359 ) Zimmermann 
Volksheilkunde 109. 3G0 ) Ebd. 101. 361 ) Frisch - 
bier PreußWb. 91. 362 ) Tharsander 3, 493. 

363 ) Marzell Heilpflanzen 67 f.; ZfVk. 35/6 
(1925/6), 173. 364 ) ZföVk. 3 (1897)» 277 

365 ) Zimmermann Volksheilkunde 56. 366 ) Mar¬ 
zell Bayer. Volksbot. 169. 180; Heilpflanzen 
129. 367 ) Ebd. 66; Zimmermann Volksheil¬ 
kunde 86. 368 ) Marzell Heilpflanzen 65. 369 ) 

Zimmermann Volksheilkunde 89. 37 °) Fränk. 

Hmt. 3 (1924), 336; Höhn Geburt 4, 261; 
Zimmermann Volksheilkunde 33. 371 ) Fogel 
Pennsylvania 47Nr.no; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1, 179. 372 ) Grimm Myth. 3, 444 Nr.288. 
373 ) Panzer Beitrag 1, 257. 374 ) Fogel Penn¬ 

sylvania 272 Nr. 1418; Spieß Obererzgebirge 7. 
375 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 347. 376 ) Müller 
Isergebirge 21; Schulenburg 107. 377 ) Pol- 

lingei Landshut 238. 378 ) Fox Saarland 313. 

Mengis. 

Rotbart s. Meerbarbe, 

Rotbuche s. Buche. 

Rötel. In Würzburg trägt man öfters 
Säckchen aus rosenfarbigem, mit rot¬ 
seidener Schnur zugebundenem Seiden¬ 
zeuge, worin kleine Stückchen Rötel 
(zusammen mit gelbem Wachs und eini¬ 
gen Knospen von neuen Birkenbesen) 
sich befinden; sie sollen den Rotlauf ver¬ 
treiben J ) (similia similibus: Rot gegen 
Rot). Im „Hortus sanitatis, auf teutsch 
Ein Garten der gesundheit“ (1485) be¬ 
findet sich ein Holzschnitt, der einen 
Bauern darstellt, der gegrabenen Rötel 
in einem Korbe zum Verkaufe trägt. 
Er soll wohl nicht nur zum Putzpulver 
der Hausfrau, als Farbe, Vergoldungs¬ 
grund, Glättemittel, sondern auch zu 
Heilzwecken dienen. Im Texte wird er 
als bolus armenus oder lutum armenum 
bezeichnet (s. terra sigillata) 2 ). Auch 
Lonicer nennt den Rötelstein armenischen 
Bolus und verzeichnet seine Wirkungen 

27 


835 


rothaarig—Rotkehlchen 


836 


gegen Pestilenz, Blutspeien, Schwind¬ 
sucht, Milz- und Leberleiden u. a. 3 ). 

a ) Lammert 220; Hovorka-Kronfeld 2, 
736. 2 ) Peters Pharmazeutik i, 35; Schade 

1410 Sp. 2 (arm. Bolus); über die Heilkraft 
des Rötels im Altertum s. PI in. n.h. 35 § 33; 
zu der Bedeutung der roten Farbe ira Heil¬ 
zauber s. Weinreich Heilungswunder 17 ff., 
vgl. Ev. Wunderlich in RW. 20, 1 u. ZfEthn. 
4S (iqiq), 1077 (Rötel Farbe des Lebens). 
3 ) Lonicer 56. fOlbrich. 

rothaarig s. Haar 3, 1250h. 

Rotkehlchen, Rotbrüstchen, Röteli 
u. a. (Erithacus s. lusciola rubecula) 1 ). 

1. Natur. Das R. ist sehr neugierig 2 ) 
und läßt sich leicht fangen 3 ). Wie auch 
andere Vögel, kann es Fallsucht haben. 
Es liebt die A m s e 1 und hasst den Kauz 4 ). 
Merkwürdig ist der englische Glaube, 
daß das R. einen Erschlagenen, den es 
findet, mit Laub und Moos bedecke 5 ). 

а ) Vogelbrelim 511; Suolahti Vogelnamen 

39ff.; schlesische Namen: MschlesVkde H. 19 
(1908), 90; österreichische: ZfVk. 12,461. 

2 ) Drechsler Schlesien 2, 228; MSchlesVk. 
H. 19, 90. 3 ) Kühnau Sagen 3, 225f. 4 ) Ges- 
ner Vogelb. 210. 5 ) Nach Swainson British 

Birds 17 f. zuerst Ende des 16. Jh.s belegt. 
Derselbe Glaube soll nach ihm in Deutschland 
und Lothringen nachgewiesen sein, wofür uns 
die Belege fehlen. Erwähnt noch bei Grimm 
Myth. 2, 569 (nach Hone Year Book 64); Wolf 
Beitr. 2, 436; Knortz Vögel 275 f. (mit.-engl. 
Quelle v. 1616). 

2. Dämonisches Tier. Grimm hatte 
vorsichtig die Vermutung ausgesprochen, 
daß das R. wegen seiner Beziehung zum 
Blitz dem rotbärtigen Donar heilig sei. 
Seine Nachfolger stellen das schon als 
Tatsache hin, obschon kein bestimmter 
Nachweis vorliegt 6 ). Auch, daß das R. 
den Blitz anziehe, ist nur unsicher 
belegt 7 ). Häufig dagegen ist der Glaube, 
daß es vor Blitzschlag schütze 8 ) 
und überhaupt Unglück und Krankheit 
abwehre 9 ). Daher werden diejenigen, 
welche R. töten, plagen oder ihr Nest 
ausnehmen, gestraft. Oft belegt ist der 
Glaube, daß deren Kühe rote Milch 
geben 10 ); der Blitz schlägt in ihr Haus 11 ) 
oder es brennt ab 12 ). Der Schädiger 
bekommt die Fallsucht 13 ), Hände¬ 
zittern oder -lähmung 14 ) oder er stirbt 
schwer 15 ). 

б ) Grimm Myth. 2, 569.; Simrock Myth. 
237; Mannhardt Germ. Mythen 13h; 


Wolf Beitr. 1, 65. 101; Strackerjan 2, 163; 
Meyer Myth. 209. 7 ) GrimmMy/A. 1,153 Anm. 
(„aber das nistende R. oder Rotschwänzchen 
scheint den Blitz herbeizulocken“); 2, 569: ,,den 
Blitz zieht das Nest des Rotschwänzchens 
heran“ (ohne Quelle). Freilich von diesem heißt 
es 3 » 459 Nr. 704 bestimmt: „wo ein Rotschwänz¬ 
chen nistet, schlägt das Wetter ein“ (a. d. Ans- 
bachischen); ebenso Meier Schwaben 1, 258. 
8 ) Wuttke 121 § 160; 304 § 448; Knortz 
Vögel 276 (Tirol); Panzer Beitr. 1, 265; Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 13L; Strackerjan 
2, 163; Drechsler Schlesien 2, 228; Pollinger 
Landshut 150; SAVk. 20, 57; Manz Sargans 
87. 9 ) Drechsler Schlesien 2, 228; SAVk. 

20, 57; Manz Sargans 120. 10 ) s. Bd. 6,318 

(Milchhexe § 11); Wuttke 121 § 160 

(Tirol, Schwaben); Grimm Myth. 3, 456 

Nr. 629; DWb. 8, 1310 (Pforzheim); Mann¬ 
hardt Germ. Mythen i3f.; BIPommVk. 5,31; 
Birlinger Volkst. 1, 125; SAVk. 2, 223. 282; 
20, 57; Tobler App. Sprachschatz 281; Steiger 
Altschweiz. Frömmigkeit 1, 185; Kohlrusch 
Sagenb. 341; Lütolf Sagen 334. 520; Rothen¬ 
bach Bern 33 Nr. 276; 37 Nr. 316. 317. 318; 
Zahler Simmental 22; Manz Sargans 120; 
Messikommer 1, 171; Swainson British 
Birds 14. n ) Grimm Myth. 2, 569 (n. Tobler 
App. Sprachsch. 281); BIPommVk. 5, 31; 
Wuttke 121 § 160. 12 ) Rothenbach Bern 

37 Nr. 315. 316. 13 ) Wuttke 121 § 160; 

Knortz Vögel 275L (Tirol). 14 ) MSchlesVk, 
H. 19,90; Wuttke a. a. O.; Knortz a. a. O.; 
Swainson a. a. O. (Suffolk). lö ) Wuttke 
a. a. O. (Böhmen). 

3. Orakeltier. Aus dem Gesagten geht 
hervor, daß das R. Glück ins Haus 
bringt 16 ), insbesondere, wenn das Braut¬ 
paar beim Gang aus der Kirche einem 
R. begegnet 17 ). Wenn das R. um Haus 
oder Stall flattert oder sich hineindrängt, 
sucht es Schutz vor einem kommenden 
Unwetter 18 ). 

16 ) S. a. Wuttke 121 § 160; 205 § 281; 
Grohmann Abergl. 72. 120. 17 ) Hopf Tier¬ 

orakel 36. 133t. (n. Grohmann Abergl. 120). 
18 ) Gesner Vogelb. 210; Hopf Tierorakel 133 
(n. Aldrovandus Ornith.). 

4. Sage. DasR. wollte Christum vom 
Kreuz losmachen oder die Domen aus 
seinem Haupte ziehen und hat sich dabei 
die Brust mit Blut befleckt 19 ). Es ist 
Feuerbringer, wie der Zaunkönig 
(außerdeutsch) 20 ). Vereinzelt ist die 
Amdtsche Erzählung, daß das R. und 
die Kohlmeise einst M ä d c h e n gewesen 
sei n 21 ), und die sächsische Sage von der 
Verwandlung eines Pfarrers in ein 
R. 2 J. In der Oberpfalz findet sich die 
Fabel von dem Fuchs und dem R.: 


837 


Rotlauf, Segen wider—Rotschwänzchen 


838 


Fuchs: „Was tust du, wenn der Wind 
von rechts kommt?“ R. steckt seinen 
Kopf unter den linken Flügel. „Wenn 
von links?“ Unter den rechten. „Von 
vorne?“ Unter die Brust. Da frißt der 
Fuchs das R., weil es ihn nicht sieht 23 ). 
In Schlesien die Sage vom gefangenen 
und nachher verschwundenem R. 24 ). 
Unklar ist die sächsische Sage von der 
Hexe, die „den Teufel in R.s Gestalt 
(Hexe oder Teufel?) ans Wasser gebannt“ 
hatte 2ö ). 

19 ) Drechsler Schlesien 1, 95; vgl. Knortz 
Vögel 275f.; Swainson British Birds i3ff.; 
Sebillot 3, 157. 20 ) Swainson a. a. O. i6f.; 
Dähnhardt Nat. Sagen 3, 94ff. 21 ) Ebd. 

3 » 45 9 - 22 ) Sieber Sächs. Sagen 297L 23 ) Dähn¬ 
hardt a. a. O. 4, 284 (nach Birlinger Nimm 
mich mit 53). 24 ) Peuckert Schles. Sg. 131 f. 
25 ) Meiche Sagen 493 (handschr. v. 1602). 

Ho ff ma nn-Kray er. 

Rotlauf, Segen wider. Der Haupt¬ 
segen wider R. (als Hautausschlag) 
ist dieser, durch gedr. Buch sehr ver¬ 
breitete: „Ich gieng durch einen roten 
Wald, und in dem r. W. da war eine rote 
Kirche, u. in der r. K. da war ein r. Altar 
und (usw.) auf... Brot und bei ... 
Messer; nimm das r. Messer und schneide 
rotes Brot“ 1 ). Also wohl Similia simili- 
bus (Ist das Brot: Christi Leib?). —An¬ 
dere Sprüche gegen „R.“ vereinzelt 2 ) 
(vgl. auch Rose, Segen wider —, § 2). 

*) WürttVjh. 13, 168 Nr. 41; ZfdMyth. 4, 
104; Lammert 221 usw. Vgl. formell Grimm 
Myth. 3, 502 Nr. XXXVIII (6). 2 ) Birlinger 
Schwaben 1, 446; ZfrwVk. 4 (1909), 289; 22, 122 
Nr. 27!.; Alemannia 25, 241 (vgl. Brandsegen 
Anm. 10); Die Heimat 19, 227; ZfVk. 8, 389; 
Bartsch Mecklenburg 2, 436 Nr. 2022. Ohrt. 

Rotschwänzchen. Die Belege lassen 
nicht immer mit Sicherheit erkennen, 
ob es sich um das Haus-R. (Ruticiüa 
tithys; nach Brehm: Phoenicurus ochru- 
rus gibraltarensis) oder das Garten-R. 
(R. phoenicura; Brehm: Ph. ph.) handelt; 
in den meisten Fällen wohl um ersteres. 
Wie das Rotkehlchen (s. d.), so soll auch 
das R. dem Donar heilig sein 1 ) und 
den Blitz anziehen 2 ) oder Feuers¬ 
brunst verursachen 3 ). Im Stalle nistend 
verursacht es den Kühen rote Milch 4 ). 
Anderseits schützt es vor Blitz 5 ) und 
Feuer 6 ); überhaupt bringt es als „Mut¬ 
tergottesvogel“ (Tirol) Glück 7 ). Wer 


sein Nest ausnimmt oder es sonst plagt, 
oder gar tötet, dem schlägt der Blitz 
ins Haus 8 ), oder dieses brennt ab 9 ). 
Sein liebstes Haustier (bes. Kuh) 
stirbt 10 ), seine Kühe geben rote Milch 
(s. a. Rotkehlchen) 11 ), er wird von Epi¬ 
lepsie oder Händezittern befallen (vgl. 
Rotkehlchen) 12 ) oder kommt durch Blitz¬ 
schlag ums Leben 13 ). So viele Junge 
aus dem Nest genommen worden, so 
viele Anverwandte des Frevlers müssen 
sterben 14 ). Orakel. Wenn im Sommer 
um 4 Uhr morgens das R. auf dem First 
(wohl First ende) des Daches hockt, so 
bleibt das Wetter schön, wenn mitten 
auf dem First, gibt’s Regen 15 ). Wenn es 
nur „quetschget“ statt zu singen, wird 
innert 3 Tagen Regen oder Schnee 
kommen 16 ). Singt es auf dem Dache, so 
wird Feuer ausbrechen 17 ), fliegt es ums 
Haus, so stirbt jemand darin 18 ). Brütet 
das R. „unpaar“, so wird eines der Eier 
ein Kuckuck 19 ). Medizinisch wird das 
R.nest gegen Kopfweh verwendet 20 ). 

0 ZfdMyth. 2, 306; Mannhardt Germ. 

Mythen 13; Quitzmann Baiwaren 55; Vonbun 
Beiträge 112; Birlinger Volkst. i, 503; Strak- 
kerjan 2, 163. 2 ) Grimm Myth. 3, 459 Nr. 702 
(Ansbach); Wuttke 304 § 447; Meier Schwaben 

1, 258 Nr. 298, 2; Bohnenberger 1, 22; 
Quitzmann Baiwaren 55 (m. weiterer Lit.); 
Zingerle Tirol 77; John Erzgebirge 27. 
3 ) John Erzgebirge 198. 235. 4 ) Quitzmann 
Baiwaren (n. Leoprechting 81); Meier Schwaben 

2, 513; Kuhn Westfalen 2, 72 (m. Lit.). 5 ) Leo¬ 

prechting Lechrain 81; Strackerjan 2, 163; 
Baumgarten Aus der Heimat 1, 100; Zingerle 
Tirol 78; Heyl Tirol 789. 790; Hörmann 
Tir. Volksleben 457; Wuttke 121 § 160; 304 
§ 448; John Erzgebirge 26. 6 ) Wuttke 400 

§ 617; Quitzmann Baiwaren 55; Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 87; John Erzgebirge 235; 
Ders. Westböhmen 220. 7 ) Baumgarten 

Aus d. Heimat 1, 100; John Oberlohma 164; 
Zingerle Tirol 78. 8 ) Wuttke 121 § 160 

(Schwaben); Wolf Beiträge 1, 232; Bavaria 
4, 2, 328; Germania 36, 383 (Steierm.); Zin¬ 
gerle Tirol 77. ö ) Wuttke 121 § 160; Meyer 
Baden 362; Kuhn Westfalen 2, 60 Nr. 179; 
Grohmann Abergl. 72; Alpenburg Tirol 387; 
Zingerle Tirol 77; Hörmann Tir. Volksl. 458. 
In Steiermark zündet das R. das Haus mit 
einer Herdkohle an: Germania 36, 383. 10 ) 

ZfdMyth. 2, 85 (Westf.); Kuhn Westf. 2, 76; 
Zingerle Tirol 78; Hörmann Tir. Volksl. 458. 
n ) Bohnenberger 1, 22; Meyer Baden 362; 
Reiser Allgäu 2, 437; Zingerle Tirol 77 (auch 
das Wasser im Haus wird rot); Vonbun Bei¬ 
träge 112; Friedli Bärndütsch 7, 443; Tobler 

27* 



Rübe 





Rübezahl—rücken 



App. Sprachschatz 281; Bülach (Kt. Zürich) 
mündlich. 12 ) Zingerle Tirol 77. 13 ) Hör¬ 
mann Tir. Volksl. 458. 14 ) Zingerle Tirol 

77 f- 15 ) Reit er er Ennstalerisch 59 t. 16 ) Schw- 
Id. 6, 1776 (Unterwalden 18. Jh.). 17 ) Drechs¬ 
ler Schlesien 2, 228. 18 ) Zingerle Tirol 78. 

19 ) Ebd. 20 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 161. 

Hoffmann-Krayer. 


Rübe (Brassica rapa). 

1. Botanisches. Unter dem Namen 
R. werden (botanisch) verschiedene Kul¬ 
turpflanzen mit fleischig verdickten Wur¬ 
zeln zusammengefaßt, z. B. die Weiße R. 
(Brassica rapa), die Kohl- oder Steckr. 
(Br. napus rapifera), die Runkelr. (Beta 
vulgaris var. rapacea), die Möhre (s. d.) 
oder gelbe R. (Daucus carota). Aus dem 
volkskundlichen Schrifttum ist nicht 
immer zu ersehen, um welche R. es sich 
handelt, meist kommen wohl die beiden 
ersten Arten in Betracht. Die weiße R. 
wurde in Deutschland schon lange vor 
der Römerzeit angebaut 4 ). 

x ) Hoops Reallexikon 4, 1. 

2. R.n darf man an keinem Mittwoch 
säen, sonst werden sie doppelt, d. h. ge¬ 
spalten 2 ), offenbar wie der Mittwoch die 
Woche in zwei Teile zerlegt. Ebenso 
nicht am 15. Juli, denn da ist „Apostel¬ 
austeilung“ 3 ). Im Zeichen der Fische 
gesteckt, bekommen die R.n keine 
„Beine“ 4 ), in dem der Jungfrau schießen 
sie in den Samen, vgl. Bohne (1, 1471). 
Beim R.nbauen muß man einen großen, 
breit krämpigen Hut auf setzen, damit die 
R.n recht groß werden 5 ). Der R.nsäer 
darf auf die Frage, was er mache, nicht 
antworten „Rüble säen“, sondern er muß 
sagen „Rüben säen“, dann werden die 
R.n recht groß 6 ). Auch werden beim 
R.nsäen Sprüche gesagt, für wen die R.n 
bestimmt seien usw. z. B. in Baden: 
„Ich sai Ruebe, Maidle un Buebe, Wenn 
man aber davon stiehlt, gibs Gott, daß 
mans nit spürt“ 7 ), in der Oberpfalz: 
„Jetza saa i mei Roum füa d' Moidla und 
füa d' Boum“ 8 ), in Unterfranken: „F sä 
Ruba Für Mädli und für Buba, Für arme 
und für reiche Leut, Daß ’s recht viel Ruba 
geit“ 9 ). In Mittelfranken steckt man gegen 
Hasenfraß an die vier Ecken des Feldes je 
ein R.npflänzchen verkehrt (mit der Wur¬ 
zel nach oben) in die Erde und spricht: 


Hos (Hase), die g’hert (gehört) dei(n). 
Die andra g’here mei(n). 

oder: 

Die erste xnei(n). 

Die zweite dei(n). 

Und die dritte wieder mei(n) 10 ). 

In Oberbayem muß man beim R.nsäen 
für sich hinsagen: „Für mich und andere 
Leut“, dann gibt es recht viel R.n. Ein 
rechter Neidkragen hat einmal dabei 
gesagt: „Für mich und mein Weib“, da 
hat er nur zwei R.n geerntet 11 ). Ganz 
ähnliche Bräuche lassen sich schon in der 
Antike nachweisen. Columella 12 ) sagt 
vom Säen der R.n: „servantque adhuc 
antiquorum consuetudinem religiosores 
agricolae, qui, cum ea serunt, precantur, 
utet sibi et vicinis nascantur“. Wenn 
man weiße R.n sät, darf man keinen 
„Wind“ (crepitus ventris) gehen lassen, 
sonst werden die R.n madig 13 ), vgl. Erbse 
(2, 884 Anm. 115). Im Spessart und 
im Odenwald pflegen die Bauern beim 
Hacken der R.näcker die jungen Pflanzen 
mit dem Rücken ihres Gerätes zu be¬ 
rühren, was das Ausschießen der R.n 
verhindern soll 14 ). Die R.nkeimpflanzen 
werden, wenn sie aus dem Boden schlüpfen 
vom Blitz versengt: „Es hät d’ Reibe 
wegblitzt“ 15 ). Man darf nicht in den 
R.näcker gehen, wenn gebacken worden 
ist, weil sonst die R.n kropfig werden 16 )„ 
man denkt offenbar an das im Backofen 
„aufgehende“ Brot. Wenn man im Früh¬ 
jahr die R.npflanzen hackt und häufelt, 
so darf man auf dem Acker kein Brot 
essen, sonst fressen die Raupen alles ab 17 ).. 

2 ) Mar zell Bayr. Volksbot . 106. 3 ) Wengen, 
B. A. Wertingen: Orig.-Mitt. v. Zinsmeister 
1912. 4 ) John Erzgebirge 225. 5 )Marzell 

Bayr. Volksbot. 116; in Frankreich muß* 
zu demselben Zweck der R.nsäer einen dicken 
Kopf haben: Rolland Flore pop. 2, 67. 6 ) 

Meyer Baden 422. 7 ) Meyer Baden 422. 

8 )DG. 13, 183. 9 ) Marzell Bayer. Volksbot. 117. 
10 ) Ebd. in. n ) Ostermünchen, B. A. Aibling: 
Orig.-Mitt. von Kr inner 1909. 12 ) De re rustica 
11, vgl. Plinius Nat. hist. 18, 131. 13 ) Drechs¬ 
ler Schlesien 2, 57. 14 ) Spessart 10 (1924/25),. 

Nr.4,16. 16 ) Kummer Volkst. Pßanzennam. usw. 
aus Schaffhausen 1928, 66; vgl. auch Schweiz Id. 
6, 14. 1# ) Jäckel Oberfranken 199. 17 ) Marzell 
Bayer. Volksbot. 118. 

3. Verschiedenes. Ein Liebesorakel 
findet sich in einem Arzneibuch des 12./13. 
Jh.s: „Wellestü versuochen, welich wip> 


gerne man habe, so nime ruobe unde 
mule si in einem lininen tuoch: umbe 
eine wile vindestü darinne wurme“ 18 ). 
Will ein Mädchen erfahren, ob sie heiratet, 
nimmt sie eine R. und einen Kohlrabi 
und setzt beide zusammen in ein Loch im 
Garten oder Feld, drückt den Lehm um 
die Wurzeln fest und wartet, ob sich 
beide Pflanzen entwickeln werden. Ist 
dies der Fall, wird das Mädchen heiraten; 
verwelkt aber eine Pflanze, so ist das ein 
schlimmes Zeichen 19 ). Wer in seinem 
R.näcker recht viele „Narren“ (aufge¬ 
schossene R.n) hat, bekommt viele Kin¬ 
der 20 ). Wenn eine R.npflanze auf dem 
Feld weiße Blätter bekommt, so steht der 
Tod des Besitzers oder eines Angehörigen 
bevor (z. B. Mittelfranken), s. Bohne 
(1,1472). Wenn es an Jakobi nicht regnet, 
gibt es dicke R.n 21 ). Eine gute Getreide¬ 
ernte erwartet man, wenn die weißen R.n 
recht üppig Samen tragen (vielfach in 
Bayern). Ißt man den Zipfel einer 
weißen Rübe, so pißt man ins Bett 22 ), 
daher werden sie auch „Bettsaicher“ 
genannt 23 ). Der Glaube hat insofern 
eine gewisse rationelle Begründung, als 
die R.n sehr wasserreich sind. Die Kinder 
glauben, daß man vom Essen der (rohen) 
weißen R.n Läuse bekomme 24 ), s. Ampfer 

(1.371)- 

18 ) Sitzb. Wien 42 (1863), 148. 19 ) Melnik 

in Böhmen: Urquell N.F. 1, 269. 20 ) Thierer 

Ortsgesch. v. Gussenstadt 1912, 1, 245. 21 ) Wilde 
Pfalz 144. 22 ) Z. B. Oberbayern: Orig.-Mitt. 

von Pölcher 1909. 23 ) Vgl. auch Schmeller 

BayrWb. 2, 212. 24 ) Wilde Pfalz 144. 

Marzell. 

Rübezahl s. Nachtrag. 

Rubin, Griech. avopa£ = Kohle, lat. 
übersetzt carbunculus, mhd. karbunkel; 
rubinus (ruber rot) nach seiner Farbe 
genannt,^: carbunculus, weil er, in die 
Sonne gelegt, wie eine kleine glühende 
Kohle blitzt und schimmert J ). Im 
Mittelalter glaubte man, wer den Rubin 
mit Züchten bei sich trage, dem könne 
nichts schaden. So bekämpft er das Gift 
und zieht böse Dünste an sich. Übel¬ 
wollen und Teufelswerk verschwinden 
vor seiner Kraft; sein Träger ist gefeit 
gegen die unterirdischen Mächte, die bösen 
Geister und ihre Anfechtungen. Er schützt 


gegen Zauber und unterrichtet seinen 
Träger rechtzeitig von einer ihm drohen¬ 
den Gefahr durch Dunkelwerden 2 ). Zur 
Zeit der Kreuzzüge war er ein bevor¬ 
zugtes Liebespfand; einer der schönsten 
Romane W. Scotts, der „Talisman“, 
handelt von dem Rubin 3 ). Nach Zedier 
wurde er als Anhängsel getragen; man 
glaubte, er bewahre vor Gift, stärke 
das Herz, vertreibe die Schwermut und 
ersetze die verlorenen Kräfte. In Loni- 
cers Kräuterbüchlein heißt es, wer einen 
Rubin bei sich trägt, ist vor bösen Kräu¬ 
tern sicher. Wer seine Augen mit dem 
Rubin wischt, dem werden sie wieder 
klar 4 ). Grimmelshausen sagt: Der Rubin 
nimmt hinweg die Furchtsamkeit und 
macht den Menschen fröhlich und glück¬ 
lich 5 ). 

Als Monatsstein ist der Rubin für die 


bestimmt, die im Juli das Licht der Welt 
erblickten 6 ). Der Rubin wurde vielfach 
mit dem sagenhaften Karfunkel ver¬ 
wechselt oder ihm gleichgesetzt (s. d.). 

1 ) Schräder Realie* r . 2 1, 212; Brück¬ 

mann 28; Schade 727 s. v. rubin u. 1411. 

2 ) Kronfeld Krieg 166; Hovorka-Kronfeld 
1, 106; 2, 884; Schindler Aberglaube 159; 
Seligmann 2, 31; Hellwig Kalender 58. 

3 ) Westermanns Monatshefte 1916, S. 658 f. 

4 ) Zedier s. v. Bd. 32, 1423; Lonicer 57; 

Hellwig a. O. 5 ) Amersbach Grimmels¬ 
hausen 2, 63. 6 ) Hovorka-Kronfeld 1, 106. 

7 ) Brückmann 88 u. 13; Quenstedt 301. 

f Olbrich. 


Rubit, Zauberwort in der Formel: 
X Rubit x Rubet x 4 ) gegen Blutungen 
vgl. Rubdit -j- Rubdit + Rubdit + 2 ) ge¬ 
gen das Reißen. In einem Gebet des Anti¬ 
dot arius animae von Salicetus (Straßburg, 
Grüninger 1493) stehen die Zauber¬ 
worte 3 ): Ruba, Tch, homnogenus (6 yovo- 
Y£v> 5 c?), fobos (epoßos), elyon (s. Eiion), 
Pantheum usw., von denen die zwei 
ersten unser Wort zu bilden scheinen, 
vgl. auch Riscas. Rubries, Riscas melo- 
nes usw. 4 ) gegen teuflische Anläufe. 

*) Seyfarth Sachsen 173; Ohrt Trylleform - 
ler 2, 129; Kronfeld Krieg 212. 2 ) Seyfarth 
a. a. O. 155. 3 ) Thiers 4, 58. 4 ) Heim Incan- 
tamenta 551. J acoby. 

Rücken s. Nachtrag. 

rücken (entrücken, verrücken, weg¬ 
rücken). Gewisse Gegenstände von ihrem 


843 


rücken 


rückwärts—Rudolf us, f rat er 


846 



Platze zu r., ist gelegentlich notwendig. 
Nach dem Tode des Hausvaters rückt 
man alle Tische und Stühle 1 ) (Thü¬ 
ringen, Wetterau), die Blumentöpfe 2 ), 
Fässer im Keller 3 ), das Krautfaß 4 ) 
(Oberpfalz). Am bekanntesten und 
meisten verbreitet ist das R. der Bienen¬ 
stöcke 5 ), besonders wenn der Bienen¬ 
vater stirbt 6 ). Aber man rückt auch, wenn 
andere Hausgenossen sterben, Getreide, 
Mehl, Brot, Obst, Kartoffeln 7 ) (Schwa¬ 
ben), Mehltrog 8 ) (Blaubeuren), Essig¬ 
behälter 9 ), Krautfaß 10 ) u. a. u ); Blumen¬ 
stöcke 12 ), überhaupt sämtliches Haus¬ 
gerät l3 ), natürlich auch Bienenstöcke 14 ) ; 
auch rückt man die Uhr noch heute viel¬ 
fach, wenn der Sarg aus dem Hause 
getragen wird 15 ). 

Bei dieser Form des R.s handelt es 
sich vor allem darum, einen Schutz vor 
der den Körper verlassenden Seele zu 
finden; sie setzt sich sonst an verschie¬ 
denen Gegenständen fest 16 ), Genießbares 
verdirbt dabei 17 ), Pflanzen gehen ein 18 ), 
ebenso Bienen 19 ) u. a. Lebewesen. Ent¬ 
weder bewirkt die rechtzeitig vorgenom¬ 
mene Ortsveränderung, daß die Seele des 
Verstorbenen, die im Hause bleiben will, 
sich nicht mehr zurecht findet oder aber, 
wenn sie sich bereits wo niedergelassen 
hat, wird sie durch die Bewegung des R.s 
verscheucht. Statt des R.s gibt es eben 
auch ein Vertragen 20 ), Verstellen 21 ), Weg¬ 
hängen 22 ) (Vieh, Vogelkäfig), Aufheben 
und Niedersetzen 23 ), mehrmaliges He¬ 
ben 24 ), „Lüpfen“ 25 ), Anstoßen 26 ), An¬ 
klopfen 27 ) u. ä. Vgl. Rütteln, Schüt- 

teln! 

Verwandt damit ist der Glaube, ein 
Weib müsse, ehe es zu Bette gehe, den 
Stuhl r., auf dem es gesessen war, damit 
es der Alp nicht drücke 28 ). 

Man rückt aber auch das Bett von der 
Wand, um einem das Sterben zu erleich¬ 
tern 2Ö ). Zieht das neue Gesinde ein, so 
muß das alte am Kasten r., um im lau¬ 
fenden Jahre nicht aus dem Dienste zu 
kommen 30 ). 

Das Verr. gewisser Gegenstände bringt 
oft Unheil, so das des hölzernen Palla¬ 
diums zu Oberforchheim, wobei das ganze 
Schloß in Flammen aufgeht 31 ); das 


Wochenbett darf nicht verrückt werden, 
sonst hat das Kind im Leben keine 

Ruhe 32 ). Das Grenzsteinverrücken läßt den 

Frevler im Grabe nicht Frieden finden 33 ), 
bis er es gut gemacht hat; er wird zum 
ruhelosen Gespenst 34 ), auch zum Kopf¬ 
losen 35 ), er muß als Toter den Grenz¬ 
stein mit den Zähnen übertragen 36 ), geht 
als Feuermann 37 ) um oder als Irrwisch 38 ). 

Schätze r. von selbst alle sieben 
Jahre nach oben und wieder zurück, 
wenn sie nicht gehoben werden 39 ); ver¬ 
grabenes Geld verrückt sich häufig 40 ), 
ebenso auch ein Bett 41 ). 

Helden sind in Berge entrückt 42 ) (s. 
d.), die Seelen der Kinder werden als Elben 
oder Engel in das Bergesinnei e zur Schar 
der Perchta-Stampa-Holde entrückt 43 ). 
Die Stampa „ruckt“ die Leute 44 ), macht 
sie verrückt 45 ); Viehr. s. d. 


Eine besondere Form des R.s, im Glau¬ 
ben der Menge des „Selbstr.s“, ist das 
Tischr. das heute eine gewaltige Rolle 
im modernen Aberglauben spielt; 
scheint schon im Altertum bekannt ge 
wesen und zum Wahrsagen benützt wor¬ 
den zu sein 46 ); im 19. Jh. wurde es in 
Amerika neuerdings „entdeckt“ 47 ). 

*) Wuttke § 726. 2 ) Wuttke § 726; I Sron- 
ner Sitt u. Art 90 f. 3 ) Hörmann Volksleben 
425- 4 ) Bronner Sitt’ u. Art goi. 5 ) Hörmann 
Volksleben 425; ZföVk. 3, 279 (Oberöst.); 8, 
50 (Böhmen); Grimm Myth. 3, 454 Nr. 576. 

6 ) Andrian Altaussee 118; ZföVk. 8, 50. 

7 ) Reichhardt Geburt, Hochzeit u. Tod (1913) 
131 f. 8 ) Ebd. 9 ) Grimm Mythol. 3, 457 
Nr. 664. 10 ) Bronner Sitt' u.Art 90 f. n ) Höhn 
Tod 323; 12 ) Bronner Sitt ’ u. Art 9of.;Lam- 
mert 115. 13 ) Reichhardt Geburt, Hochz. u. 
Tod 131t.; Lammert 105. 14 ) Bronner Sitt . 
u. Art 90 f; Reiser Allgäu 2, 314; Grimm 
Mythol . 3, 454 Nr. 576. 15 ) Reichhardt a. a. O. 
147; in Oberösterreich noch üblich. 16 ) Reich¬ 
hardt a. a. O. 131 f. i 7 ) Ebd. 18 ) Wuttke 
§ 726; Bronner Sitt’ u. Art 90 f. 19 ) Hörmann 
Volksleben 425; ZföVk. 3, 279; 8, 50; Grimm 

Mythol. 3, 454 Nr. 576. 20 ) Andrian Altaussee 
118; ZföVk. 8, 50. 21 ) Grimm Mythol. 3, 457 
Nr. 664; Lammert 105. 22 ) Andrian Altaus¬ 
see 118; Grimm Mythol. 3, 457 Nr. 664; Lam¬ 
mei t 105. 23 ) John Westböhmen 167. 24 ) ZföVk. 
3 , 279 (Oberöst.). 25 ) Birlinger Volksth. 1, 
400. 26 ) Wrede Eifler Volkskunde 171; John 

Oberlohma 144; ders. Westböhmen 167. 27 > 

John Westböhmen 167; Grimm Mythologie 3. 
458 Nr. 698; vgl. Naumann Grundzüge 88. 

) Grimm Mythol. 3, 438 Nr. 125. 2 ») Reich¬ 
hardt a. a. O. 129. 30 ) Wolf Beiträge 1, 218 


Nr. 200 = Sartori 2,42. 31 ) Rochholz Sagen 1, 
362; vgl. Meiche Sagen 246 Nr. 315. 32 ) Köh¬ 
ler Voigtland 436. 33 ) Gloning Ober Österreich 

57 = Baumgarten Jahr u. s. Tage 16; John 
Westböhmen 179; Andree Braunschweig 273; 
Müllenhoff Sagen 190 Nr. 260; 554 Nr. 609. 
M ) Lauffer Niederd. Volksk. 78. 35 ) Andree 

Braunschweig 272; vgl. ZfdMyth 4, 151. 36 ) An¬ 
drian Altaussee 64. 37 ) Wrede Eifler Volks¬ 

kunde 91. 38 ) Grimm Mythol. 2, 765. 3Ö ) Ebd. 
2, 810; Mannhardt Germ. Mythen 151. 193. 
40 ) Grimm Myth. 3, 288. 41 ) Meiche Sagen 249 
Nr. 320. 42 ) Grimm Myth. 3, 286. 43 ) ZVfVk. 4 
(1894), 454; vgl. Höfler Krankheitsnamen 524. 
44 ) Heyl Tirol 660. 45 ) Höfler Krankheitsnamen 
524. 48 ) Lehmann Aberglaube 377. 47 ) Ebd. 

234 f. Webinger. 

rückwärts (in Segenssprüchen) *). 

1. Ein ganzer Spruch wird von hinten 
nach vorne hergesagt, um so seine nor¬ 
male Wirkung aufzuheben oder in das 
Gegensätzliche zu wenden. So wenn ein 
vorher ausgesprochener Zauber annulliert 
werden, oder wenn ein frommer Spruch 
Böses wirken soll. Ersteres schon z. B. 
Ovid, Metamorph. 14, 301, in späteren 
Zeiten in den vielen, auch in Deutschland 
verbreiteten Sagen von dem unkundigen 
Leser des Zauberbuches 2 ); letzteres, 
wenn das Vaterunser umgekehrt wird 3 ). 

!) Lit. Feilberg ZfVk. 4> 385f.; Hälsig 
Zauber Spruch 1030.; Blau ZfNeutest. Ws. 
9, 207Ö. (jüdisches). 2 ) MschlesVk. H. 7, 45 ff.; 
Ranke Sagen 30h 3 ) Norske Hexefml. Nr. 1339. 
1367. 1451. 

2. Innerhalb eines Spruches wird das 
stufenmäßige Rückgehen eines Übels 
veranschaulicht und vollzogen. So in 
der mehrgliedrigen Verbannung (s. d. 
§ 1) von innen nach außen nach dem 
Schema „Vom Mark ans Bein“ usw. 4 ). 
Weiter wenn ein kurzer Spruch, gewöhn¬ 
lich ein „Zauberwort“, z. B. Abraca- 
dabra, bei wiederholtem Schreiben jedes 
Mal um einen Buchstaben (von hinten 
oder von vorne) vermindert wird. 

Endlich kann durch R.zählen das 
Rückgehen eines Übels, hier besonders 
Hautleiden und Anschwellungen, erzielt 
werden. Das älteste Beispiel wohl bei 
Marcellus um 400 n. Chr.: „Novem glan- 
dulae sorores, octo gl. s.“ usw., zuletzt 
„una fit glandula, nulla fit gl.“ 5 ); dieser 
literarisch bekannte Spruch wird öfters 
als Muster gedient haben. Im 9. Jh.: 
„Septem a tusella [sic]“ usw. 6 ). Um 


900 altenglisch: „Neogone waeran Nod¬ 
ose s sweoster“ usw. 7 ), gegen Drüsen 
u. dgl. Von da an bis um 1700 keine 
Belege? In neuerer Zeit sind derartige 
Sprüche sehr verbreitet; die Anfangszahl 
ist sehr oft 9 wie bei Marcellus, auch 
eine andere heilige Zahl, bes. 7 (77, 72). 
Neben Formen, in denen das Übel als 
eine Sippe (Schwestern, Brüder, Töchter) 
dargestellt wird, stehen andere, die es 
bloß mittelst Zahlen bezeichnen (,,9 
Blattern“) oder die gar einfach rückwärts 
zählen („9—8—7...“). Deutsch z. B.: 
„Der hl. Petrus liegt im Grabe, 9 Würmer 
hat er bei sich, 8 W. hat er ... keinen W. 
hat er bei sich“ 8 ). „Rose, du bist von 
Erde... 7. 6. 5. 4. 3. 2. 1 [sic]“ 9 ). — 
Neuere Belege auch italienisch, franzö¬ 
sisch, englisch, skandinavisch, czechisch, 
südslavisch, neugriech. usw. 10 ). 

4 ) Anderer Art Urquell 2 (1891), 76 slavisch. 
5 ) Marcellus De medicamentis 15, 102. 6 ) 

Heim Incantamenta 557. 7 ) JAmFl. 22, 170. 

8 ) Wuttke § 231 Böhmen. 9 ) Engelien u. 
Lahn 254 Nr. 133z’. Weiter z. B. ZföVk. 9» 218; 
Wuttke § 492 Böhmen; ZfVk. 1, 214. 310 Böh¬ 
merwald; Bartsch Mecklenburg 2, 436 Nr. 2017; 
Frischbier Hexenspr. 64.Nr. 3. 10 ) Pitre Bibbl. 
delle trad. popolari Siciliane 19, 343; RTrp. 1, 
37; ZfVk. 24, 156 Nr. 19; Black Folk Medicine 
122 (nach ZfVk. 4, 385): DanmTryllefml. 
Nr. 546ff. 566ff.; Norske Hexefml. Ni. 97ff.; 
Hyltön-Cavallius Wärend och Wirdarne 
413; Grohmann 181 Nr. 1268; ZfVk. 8, 388. 
876L; Hovorka u. Kronfeld 2, 292; Selig¬ 
mann Blick 1, 377. Ohrt. 

Rudolfus, frater. Der Bruder Rudolf 
war nach Klappers l ) Untersuchung ein 
deutscher, wohl schlesischer Zisterzienser¬ 
mönch, über dessen Leben wir indessen 
nichts weiteres wissen. Wir besitzen 
von ihm, außer Predigten, einen Traktat, 
die Summa de confessionis discretione 
in vier Büchern, vollständig nur in einer 
Breslauer Handschrift des 13. Jahrhun¬ 
derts, eine Leipziger enthält nur Buch 
2—4 unter dem Titel Liber de officio Che - 
rubyn, eine junge Hs. zu Hannover hat 
nur das erste Buch. Abgefaßt ist der 
Traktat zwischen 1235 und 1250. 

Der zweite Teil des Traktates spricht 
im Anschluß an das erste Gebot vom 
Götzendienst und gibt dabei in Kap. 
8—10 eine Aufzählung dahin gehörender 
abergläubischer Anschauungen und Bräuche 


847 


Ruf, Rufen 


Ruhe—Rummeltopf 


85O 


1. de ydolcitria quam faciunt mutier es in 
sortilegiis puerorum : Gebräuche bei Ge¬ 
burt, Taufe, Kinderpflege; 2. de sortilegiis 
puellarum et malarum mutier um Zauber 
von schlechten Weibern: Liebeszauber, 
Schönheitszauber u. dgl.; 3. de sortilegiis 
quae faciunt ut beatae sint : allgemeinen 
Glückszauber. Abgedruckt sind diese 
Kapitel mit kurzem Kommentar zuerst 
von A. Franz 2 ), dann erneut mit Über¬ 
setzung und ausführlichen Erläuterungen 
von Klapper 3 ). 

Das von R. zusammengestellte Ma¬ 
terial ist zum kleineren Teil der theolo¬ 
gischen Literatur, dem Decretum Gratiani 
und anderen, entnommen, weitaus das 
meiste aber beruht, wie schon Franz ge¬ 
sehen hat, auf eigener Beobachtung Ru¬ 
dolfs, nach Klapper ,,der in der Beicht 
abgefragte Schatz des Aberglaubens einer 
Frau aus dem Volke“, wie er in der ersten 
Hälfte des 13. Jh.s lebte. Diese Ursprüng¬ 
lichkeit der Aufzeichnungen macht R.s 
Traktat zu einer der wertvollsten 
Quellenschriften, die wir für dieses Gebiet 
besitzen. 

x ) MschlesVk. 17 (1910)» 19 — 57 - 2 ) Theol. 

Quartalschrift 88 (1906), 411—436. 3 ) Mschles¬ 
Vk. a. a. O. Helm. 

Ruf, rufen. Der unheimliche R. eines 
Unsichtbaren, der etwa aus dem Walde 
oder nachts vor dem Fenster erklingt, 
und im Volksglauben in verschiedener 
Weise gedeutet wird, kann verschiedenen 
Erlebnisarten entstammen: entweder wer¬ 
den irgendwelche natürliche Geräusche 
und Klänge durch den mythisch erregten 
Hörer als sinnvolle Laute aufgefaßt 
(Gehörsillusion), oder es handelt sich 
um reine Halluzination x ). Welche der 
beiden Möglichkeiten im einzelnen Falle 
vorliegt, wird sich nur selten mit Sicher¬ 
heit entscheiden lassen. — Unheimlich 
wird der Ruf vor allem dadurch, daß 
der Hörer ihn auf sich selbst bezieht: 
er glaubt sich beim Namen gerufen oder 
sonst irgendwie „gemeint“ und fragt 
sich, was der R. von ihm will, und wie 
er sich zu verhalten habe. 

Die häufigste Antwort faßt den R. als 
einen „Vorspuk“, eine „Vorgeschichte“, 
und zwar gilt er entweder dem Ange¬ 


848 

rufenen selber: wer sich (dreimal) rufen 
hört, ohne daß jemand da wäre, muß 
sterben (allgemein) 2 ); oder einem An¬ 
gehörigen: hört man nachts seinen Namen 
dreimal rufen, so ist das ein Vorbote eines 
bald in der Familie eintret enden Todes¬ 
falles 3 ). Um den R. unwirksam zu 
machen, wird geraten, man solle nicht 
hinaussehen oder hinausgehen 4 ), jeden¬ 
falls nicht antworten 5 ); denn wer Ant¬ 
wort gibt, muß dem R. folgen 6 ). Aber 
auch durch Nichtantworten kann man 
den Rufenden (Toten) beleidigen, so 
daß er den Gerufenen holt 7 ), und durch 
Antworten kann man den Rufer ver¬ 
treiben 8 ). Gelegentlich heißt es genauer: 
Auf Rufen vorm Fenster nachts soll man 
erst beim drittenmal antworten oder 
hinausgehen, sonst könnte man ver¬ 
unglücken oder sterben oder die Sprache 
verlieren; denn der Rufende kann ein 
böser Geist sein; wenn aber dreimal ge¬ 
rufen wird, so kann man antworten oder 
hinausgehen, weil der Rufende ein reiner 
Geist oder ein Mensch ist 9 ); auch eine 
Hexe ruft nie dreimal 10 ). 

Im übrigen taucht der R. in den ver¬ 
schiedensten Zusammenhängen auf: Die 
Wöchnerin darf auf Rufen vor dem 
Fenster nicht antworten; sonst wird 
ihr das Kind vertauscht 11 ). — Der R. 
des Irrlichts verlockt in den Sumpf 12 ), 
der des Waldgeists in den Wald 13 ). —• 
Ein weißes Weibchen ruft im Wald den 
Mann beim Namen, wirft und foppt 
ihn 14 ). — Dreimaliger Namensanruf 

warnt 15 ). — Im Anfang des Jahres 1846 
rief im Walde bei Karlsruhe die Stimme 
eines Unsichtbaren die Worte: Teuer! 
Feuer! Blut! Gut! Der R. war ein Vor¬ 
zeichen: es gab Mißwachs, Brände, Auf¬ 
ruhr und Krieg, und erst mit dem Frieden 
wieder gute Zeit 16 ). — An einer. Stelle, 
wo später ein Unglück geschah, hörte 
man vorher die Hilferufe, die der Ver¬ 
unglückte dort nachher ausstieß 17 ), usw. 

Zur mythischen Gestalt hat sich der 
R. verdichtet z. B. beim Hemann (Ho- 
mann, Hojemännel) 18 ), bei der Klage 19 ), 
dem Scheidenroper 20 ), dem Ropenkerl 21 ). 
Mehrere weitverbreitete Sagentypen 
scheinen aus dem Erlebnis des Geister¬ 


-849 

rufes herausgewachsen; so der Typus 
vom „Tod des großen Pan“ 22 ) vom „un¬ 
heimlichen Tier“ („sind sie alle da?“ 
oder „Krachöhile, wo bist du?“ 23 ), „Die 
Stunde ist da, aber der Mensch noch 
nicht“ 24 )),der Ruf „Hol über!“ weckt den 
Fährmann in den Sagen von der Zwergen- 
überfahrt 25 ), der Schatzgräber verliert 
den Schatz, wenn er auf den Namens¬ 
anruf antwortet und so das Schweigen 
bricht 26 ), erlösungsbedürftige weiße Frau¬ 
en rufen ihren Erlöser beim Namen 27 ), 
oder rufen um Hilfe 28 ), in den Ruf des 
Wilden Jägers darf man nicht ein¬ 
stimmen 29 ), auch sonst den R. der | 
Geister nicht nachahmen 30 ) u. dgl. 

R.zauber: Wenn man da, wo es nie- 
mand hören kann, dreimal laut den 
Namen der geliebten Person ruft, so 
zwingt man sie dadurch, an den Rufen¬ 
den zu denken (Samland) 31 ). 

1 ) Ranke Volkssagenforschung (Breslau 1935) 
36. 2 ) Wuttke 225 § 320. 3 ) Meyer Baden 

578; Höhn Tod 310; MschlesVk. 21, 145. 

4 ) Höhn Tod 310; vgl. Reiser Allgäu 1, 110; 
Karasek-Strzygowski Nr. 376. 5 ) Oben 3, 
502 Anm. 263 u. 264; MschlesVk. 21, 143; 
Laistner Sphinx 1, 51. 6 ) Höhn a. a. O. 

7 ) Karasek-Strzygowski Nr. 376. 8 ) Ebd. 

Nr. 359 - 9 ) ZföVk. 4, 218 Nr. 579. 10 ) Meier 

Schwaben 1, 189 Nr. 259. n ) Meyer Baden 
43; Schönwerth Oberpfalz 2, 198. 200; Ba¬ 
varia 3, 1, 307; Wittstock Siebenbürgen 73. 
12 ) Eisei Voigtland Nr. 447; Karasek-Strzy¬ 
gowski Nr. 213. 13 ) Ders. Nr. 245. 335. 343; 

vgl. Meier Schwaben 1, 84 Nr. 92. 14 ) Ka- 

rasek-Strzygowski Nr. 241 Anm.; vgl. 
Nr. 615 Anm.; Reiser Allgäu i, no. 15 ) Ka¬ 
rasek-Strzygowski Nr. 616; vgl. Zingerle 
Sagen Nr. 376; Stöber Elsaß 1, 27 Nr. 38 
lö ) Baader Sagen i, 206 (— Künzig Sagen 40) 
17 ) Strackerjan 1, 141. 18 ) Oben 3, 1707 

19 ) Oben 4, 1439t. 20 ) Oben 3, 1157 Anm. 16 
21 ) Strackerjan 1, 270. 22 ) Mannhardt 

1, 9off.; Laistner Sphinx 1, 209f.; 2, 195; 
Taylor Northern Parallels to the dcath of Pan 
-(Washington Univ. Studies X, human, ser. 

1, 1922); Ranke Volkssage 1 (Leipzig 1934 ). 
52ff.; I. M. Boberg Sagnet otn den Store Pans 
Död (Kopenhagen 1934). 23 ) Kuhn Westfalen 
1, 324ff. 24 ) Ranke Sagen 2 199; vgl. Lieb¬ 

recht Gervasius 39. 25 ) K. St j er na Essays on 
Beowulf (1012) 1030. ; oben 2, 1151 f. 26 )Köhler j 
Voigtland 559; Eisei Voigtland Nr. 101. 27 ) Rei - 
ser Allgäu 1,92 f. 347 t. 28 ) Müller Siebenbürgen 
78. 29 ) Laistner Sphinx 2, 225; Plischke 

Sage vom Wilden Heer im deutschen Volke (Diss. 
Leipzig 1914) 72. 30 ) Laistner Sphinx 2, 219h. 

31 ) Frischbier Hexenspruch 161. Ranke. 


Ruhe. Nach dem Volksglauben kann 
man jemandem „die R. nehmen“ oder 
ihm „die Angst antun“ durch eine Art 
von Bezauberung: Mädchen, denen der 
Liebhaber entlaufen ist, suchen den Flüch¬ 
tigen durch den Zauber wieder zu ge¬ 
winnen 1 ). Geht ein Fremdes in die 
Stube, so soll er niedersitzen, daß er den 
Kindern die R. nicht mitnehme 2 ). Der 
Fremde weicht von dem Eintretenden, 
indem er sich niedersetzt. Jeder, der eine 
Wochen- oder Kinderstube betritt, muß 
sich einen Augenblick niedersetzen, da 
er sonst der Wöchnerin oder dem Kinde 
die R. mitnimmt 3 ). Die Sorge wendet 
sich in besonderem Maße dem Kinde oder 
der Mutter zu. Eine leere Wiege soll nie¬ 
mand wiegen, sonst wiegt man dem Kinde 
die R. weg 4 ). Freitags dürfen keine Kin¬ 
der gebadet werden 5 ). Der üble Ein¬ 
fluß, den der Fremde haben könnte, 
wird auch auf andere Weise abgewehrt: 
Wer in eine Wochenstube mit einem Trag¬ 
korbe kommt, muß einen Span vom 
Korbe brechen und in die Wiege stecken 6 ). 
„Verschiedene schwere Vergehen, so 
glaubt der Bauersmann, lassen den Men¬ 
schen, der, ohne daß er gesühnt hat, 
stirbt, im Grabe keine R. finden“ 7 ) 
(Hunsrück). Das ist übrigens ein Glaube, 
der sich überall findet. Auch be¬ 
sonders energische Persönlichkeiten, die 
ins öffentliche Leben eingriffen, läßt die 
Volksanschauung nicht R. finden 8 ). Die 
R. des Todes wird im Volke hoch ge¬ 
schätzt. Man tut alles, um dem Toten die 
R. zu geben 9 ). Solange der Leichnam 
im Hause liegt, muß R. im Haus herr¬ 
schen 10 ). Bei den Russen heißt die 
Osterwoche die schöne, herrliche, große 
R.-Woche n ). 

1 ) Seyfarth Sachsen 62. 2 ) Grimm Myth. 

3, 435 Nr. 15. 3 ) Schultz Alltagsleben 199. 

*) Grimm Myth . 3, 435 Nr. 22. 5 ) Ebenda 3, 
437 Nr. 88. 6 ) Ebenda 3, 434 Nr. 1. 7 ) ZfrwVk. 
1907, 122. 8 ) Bohnenberger S. 7. e ) Grimm 
Myth. 3, 417 Nr. 23. 10 ) Höhn Tod 324. 

ll ) Höfler Ostern ZföVk. 12 Suppl. IV. 

f Boette. 

Ruhr s. Nachtrag. 

Rummeltopf. An vielen Orten nament¬ 
lich in West- und Norddeutschland bis 
nach Jütland ziehen um die Weihnachts- 



851 


Rumpelmette—rund 


Rune—Rupert, Ruprecht 


854 



und Fastenzeit — in Ost friesland auch 
noch in der Karwoche 1 ) — Knaben mit 
einem R. herum 2 ). Es ist ein mit einer 
Ochsen- oder Schweinsblase überspannter 
Topf; in der Blase ist ein aufrecht stehen¬ 
des Rohrstück befestigt, das man mit 
der angefeuchteten Hand auf- und nieder¬ 
gleiten läßt, wodurch ein brummendes 


Geräusch entsteht. Dazu werden Heische¬ 
lieder gesungen 3 ). In Mettmann wandte 
man (1902) den R. beim ,,Austrommeln“ 
an 4 ). Der Brauch gehört zu den mannig¬ 
fachen Mitteln, böse Geister auszutreiben. 

*) Nds. 8, 222; Lüpkes Ostfries. Volksk. 154t. 
2 ) In Ostpreußen Brummtopf, in Ostfriesland 
Hukelpott, im Emslande Huttefutte, im Ber- 
gischen Fuppdöppen, in Steiermark Büllhäfen, 
in Oststeiermark Homißkrug. 3 ) Sartori Sitte 
3, 46. 98. 269; Nds. 6, 94 f.; 7, 108; 18, 257. 298. 
320 f.; 21, 93 ff. 119. 183; NddZfVk. 7 (1929), 
4°tf.; 8, 135h; Wossidlo Mecklb. 4, I 3 iff. 
274g.; Mensing Schlesw. Wbch.4 , i87f.;Hoops 
Sassenart 25f.; Brunner Osidtsche Volksk. 
206; Wrede Rhein. Volksk. 2 247f.; ZfVk. 6 
(1896), 433 (Anhalt); Gera mb Brauchtum 92 
(hier beim „Brecheischrecken“); Feilberg 
Dansk Bondeliv i 3 , 279; Bulletin de folklore 
3 . 171h 4 ) ZfVk. 13 (1903), 226. Sartori. 


Rumpelmette. In den letzten Tagen 
der Karwoche machen an vielen Orten 
an einer bestimmten Stelle des nächtlichen 
Gottesdienstes nach Auslöschung der 
Kerzen die Teilnehmer, namentlich die 
Schüler, mit Klappern und Hämmern, 
Stühlen und Bänken einen wilden Lärm, 
den man als R. (Pumpermette, Dammer- 
mette) bezeichnet x ). Das Getöse soll an¬ 
geblich die Entrüstung über die Tat des 
Judas, den Lärm bei der Gefangen¬ 
nahme Jesu, den Aufruhr der Natur bei 
seinem Tode oder seine Höllenfahrt ver- 
sinnbüdlichen. Doch gehört es wohl eigent¬ 
lich unter die Mittel, die der Verscheu- 
chung böser Geister gelten 2 ). In der 
Eifel machten die Buben ein Gepolter 
am Ostermorgen, wenn der Priester in 
die Kirche trat, und nannten das „Jau- 
desjagen“ 3 ). Im westfälischen Sauer¬ 
lande wird das gleiche Getöse in der Oster¬ 
nacht um 12 Uhr beim ersten Glocken¬ 
läuten der Auferstehung von den Schul¬ 
knaben in der Schule ausgeübt; es heißt 
ebenfalls „den Judas jagen“ 4 ). 

*) Sartori Sitte 3, 139; Reinsberg Fest¬ 
jahr 125; Panzer Beitrag 2, 554t.; SchwVk. 


6 (1916), 31 f.; KblNdSpr. 2, 26 f. 91 (in 
Crailsheim 1480); 3, 67 f. Bei den Juden in 
der Bukowina wird am Purimfeste (einige 
Wochen vor Ostern), so oft beim Vorlesen des 
Buches Esther der Name Haman vorkommt, von 
den Kindern mit Klappern gelärmt: Globus 8o_ 
158. Vgl. auch Mannhardt 1, 283. 2 ) ARw. ii„ 
148. Während bei der Christmette am Kar¬ 
freitag vom Ministranten gerätscht wird, soll 
die Bäuerin ihren Spindeln die Spitzen ab- 
schlagen und den Wicken am Rocken ver¬ 
brennen, damit die Hexe keine Arbeit hat 
(Tandem in Oberbayem): Panzer Beitr. 2, 
554. 3 ) Schmitz Eifel 1, 27. 4 ) Grimme Sauer¬ 
land 2 163. Sartori. 


rund. Aus den abergläubischen Vor¬ 
stellungen, die sich an den Kreis (s. d.) 
knüpfen, ist häufig die Vorschrift ent¬ 
standen, daß bei zauberischen Hand¬ 
lungen rund um einen Gegenstand herum¬ 
gegangen werden müsse. 

1. Der Umgehende erlangt durch den 
Rundgang Gewalt über den Gegenstand. 
So hält in der Lüneburger Heide der 
Brautwagen auf der Fahrt zur Kirche 
bei einer alten Eiche an; die Brautleute 
gehen dreimal stillschweigend rund um 
den Baum, wobei die Braut Wein aus¬ 
gießt 4 ). Dieser Brauch deutet auf einen 
alten Fruchtbarkeitszauber. Sein Zweck 
tritt deutlicher zutage in dem ostfriesi¬ 
schen Glauben, daß der Vater dreimal 
den Kinderbrunnen umschreiten müsse; 
dann steige aus ihm das Kinderschiffchen 
empor, dem er das Neugeborene ent¬ 
nimmt 2 ). Durch ähnliche magische 
Rundgänge kann man die Zukunft er¬ 
forschen 3 ), einen Schatz heben 4 ) oder 
eine Krankheit loswerden 5 ). 

l ) Mackensen Nds. Sagen 230. 2 ) Ebd. 101. 

3 ) Fehrl eZauber u. Segen 38; RogasFambl. 10, 8. 

4 ) Mackensen Nds. Sagen 137. 5 ) Beitr. z. 

Heimatk. d. Neumark (Landsberg 1925) 8, 112. 

2. Der Umgehende schützt durch den 
Rundgang den Gegenstand vor dem 
Zugriff Fremder. Als ein Bauer sein 
Geld in der Scheune vergräbt, läßt er 
den Teufel dreimal rund um die Stelle 
herumfliegen; nun kann keiner den Schatz 
heben 6 ). Man sichert sein Land und 
Gehöft vor Dieben, indem man unter 
Absagen eines Zauberspruches dreimal 
rund um alles herumgeht; ein einge¬ 
drungener Dieb kann dann aus eigener 
Kraft nicht mehr aus dem umschrittenen 


Kreise heraus 7 ). Der alte Sinn des 
Zaubers ist vergessen, wenn in Ost¬ 
preußen als Grund für die Sitte, die 
Schafe vor dem Austriebe dreimal rund 
um ein auf dem Hofe ausgebreitetes 
Handtuch zu treiben, angegeben wird, 
daß dann die Tiere das ganze Jahr fett 
und rund bleiben würden 8 ). 

6 ) Mackensen Hanseatische Sagen 55 f.; 
Nds. 1, 38. 7 ) Fehrle Zauber u. Segen 58. 

8 ) NdZfVk. 8, 50. 

3. Diese magischen Rundgänge übte 
schon das klassische Altertum 9 ). Zu- 
weüen hat sie die Kirche übernommen 
und in ein christliches Gewand gehüllt. 
So trugen die Helgoländer früher ein 
Heiligenbüd rund um ihre Insel, bevor 
sie zum Heringsfang auszogen 10 ). Der 
in einem Feuer verborgene Teufel wird 
vertrieben, dadurch daß der Priester mit 
dem Hochwürdigsten in der Hand dieses 
dreimal umschreitet 11 ), u. a. m. 12 ). 

8 ) Samter Volkskunde 55; Usener Kl. 
Sehr. 4, 255 ff. 10 ) Mackensen Hanseatische 
Sagen 69; Müllenhoff Sagen 136. u ) Küh- 
nau Oberschlesische Sagen Nr. 354. 12 ) Macken¬ 
sen Nds. Sagen 179; ZfdMyth. 1, 89. 

4. Eine besondere Form dieser feier¬ 
lichen Rundgänge sind die Rundtänze; 
sie sind schon aus dem Altertum be¬ 
kannt, und ihr kultischer Charakter liegt 
dort klar zutage 13 ). Im deutschen 
Volksbrauch tritt ihre alte Bedeutung 
zurück. Frazer berichtet von Rund¬ 
tänzen, die im Elsaß 14 ), in der Pfalz 15 ), 
Deutschböhmen 16 ), Flandern 17 ), Nord¬ 
frankreich 18 ) die Maikönigin vor jedem 
Hause unter Absingen eines Verses auf¬ 
führen muß. Einen Rund tanz zur Oster¬ 
zeit führt Sartori aus Holland an lö ). 
Wieweit sich in diesen Fällen alter er¬ 
starrter Glaube mit jungem Brauchtum 
vermengt hat, läßt sich nicht mehr 
entscheiden. 

13 ) Ilias 18, 5980.; Festgabe Harnack z. 
70. Geburtstag 630.; Samter Volkskunde 
45 ff. 14 ) Frazer 2, 74. 15 ) Ebd. 2, 81. 16 ) Ebd. 
2, 87. 1? ) Ebd. 2, 80. 18 ) Ebd. 2, 74. 19 ) Sar¬ 
tori Sitte 3, 163. 

5. Vereinzelt und ohne Parallele in 
Deutschland steht die antike Anschauung, 
daß beim Ei das runde Ende weiblicher, 
das spitze männlicher Natur sei, und daß 
man daher der Glucke längliche und 


spitze Eier unterlegen müsse, wenn man 
Hahnenküken, rundliche aber, wenn man 
Hennenküken haben wolle 20 ). 

20 ) Bachofen Gr aber Symbolik 4 Anm. 1. 

Vgl. Kreis, Rad Abschn. 6, um¬ 
kreisen, umlaufen, umtanzen, um¬ 
tragen. Tiemann. 

Rune s. Segen §§ 13, 14. 

Rupert, Ruprecht, alt Hruodper(a)ht, 
Ruodpert, Ruopreht, Ruopert, jünger 
Robert, hl., erster Bischof von Salzburg, 
von Geburt ein Franke 4 ), nicht Ire, 
angeblich als Bischof von Worms 696 
vom bayerischen Herzog Theodo nach 
Regensburg berufen, gründete auf den 
Ruinen des alten Juvavum das Bistum 
Salzburg 2 ), wirkte dann weiter in Bayern, 
als dessen Apostel er später bezeichnet 
wurde, starb um 715. Fest 27. März. Als 
Attribut trägt er ein Salzfaß in der Hand, 
das auf seine Beziehungen zum Salzberg¬ 
bau hinweisen soll. R. gilt noch heute 
als Patron Bayerns, Kärntens, der Diözese 
Salzburg sowie als Patron des Bergbaues. 

Infolge naiver Verbindung des ersten 
Teiles seines Namens mit rot und Um¬ 
gestaltung dieses in Rotprecht wurde R. 
gegen Rotlauf 3 ) angerufen, galt daher 
auch als sogenannter Plagheiliger. In 
Thüringen und im Harz bildete R. mit 
Valentin, Quirinus und Antonius die 
„vier Botschaften“ 4 ), d. h. er war einer 
der vier Heiligen, die samt den von ihnen 
vertretenen Plagen bei Verwünschungen 
zusammen oder einzeln gerufen wurden. 
In Österreich erscheint das Bild des 
Heiligen im sogenannten Fraisketterl 5 ) 
gegen Fraisen (Krämpfe, Kinderkrämpfe, 
s. Frais). Aus ähnlicher naiver, volks¬ 
mäßiger Verbindung der Form Ruprecht 
mit md. und mnd. rüp, rüpe, Raupe 
schüttelte man in Mecklenburg an seinem 
Tage vor Sonnenaufgang die Obstbäume, 
um sie vor Raupen zu schützen 6 ). Wenn 
in Österreichisch-Schlesien am R.tage 
eine Puppe verbrannt 7 ) wurde, so hat 
dieser Brauch keinerlei Beziehung zu dem 
Heiligen, sondern ist ein Frühlingsbrauch, 
der das Todaustragen um Mittfasten 
betrifft und mit dem Tage des Heiligen 
verknüpft wurde, weil der R.tag vermut¬ 
lich zur Zeit der Verchristlichung des 


855 


Ruß 


856 


Brauches diesem am nächsten lag. 
Mancherlei Sagen 8 ), wie solche vom Ab¬ 
druck seines Fußes in einen Stein sowie 
vom Hammerwurf zur Bestimmung eines 
Bauplatzes für ein R.-Kirchlein, knüpfen 
sich wie an andere Heilige so auch an ihn. 

Durch die Übertragung seines Namens 9 ) 
in der Form Ruprecht auf die Schreck¬ 
gestalt in der Begleitung des heiligen 
Nikolaus (Knecht Ruprecht) und durch 
die Umbildung seines Namens in der 
Form Rüpel und deren Übertragung auf 
rauhbeinige Menschen wurde der Vor¬ 
name allmählich weniger beliebt oder 
aber in der Form Robert 10 ) verliehen, 
auch in Süddeutschland, wo ehedem die 
Form Ruprecht sehr viel verbreitet war. 

u AA. SS. Mart. 3, 699ff •; M. G. SS. 11, 8ff. 
(Vita); Künstle Ikonographie 519. 2 ) Bruder 
Der hl. Rupertus, Bischof von Worms und Salz¬ 
burg, in Wormatia sacra (1925) 70ff. Mit Hin¬ 
weisen auf weitere Literatur. 3 ) Weinhold 
Die altdeutschen Verwünschungsformeln, Sitzb- 
Berl. 1895, 6670.; ARw. 1, 1310.; Höfler 
Botanik 24: St. Ruprechts-Kraut (Geranium 
Robertianum), alt Orvale, entspricht der Herba 
ruberti, Kraut gegen den Erdsturz oder Erd¬ 
fall oder Milzbrand, Rotlauf. 4 ) Siehe Quirinus 
Anm. 3 und 10. 6 ) ZföVk. 13 (1907), 107. 

6 ) Bartsch Mecklenburg 2, 256; Wuttke 

417 § 648. 7 ) Vernaleken Mythen 294. 

8 ) Reiser Allgäu 1, 376; Gräber Kärnten 87. 

9 ) Nied Heilige 97; Meisinger Hinz und 

Kunz 86; Schweizld. 6, 1199. 10 ) Ebd. 6, 70. 

Wrede. 

Ruß. Der Volksglaube an das Sein und 
Wirken der Elemente bezieht sich nicht 
nur auf diese selbst in ihrer reinen, land¬ 
läufigen Gestalt, sondern umfaßt auch 
alle Abwandlungen und Begleitformen. 
Das wird besondeis deutlich beim Feuer 
(s. d.), wo der gesamte Vorgang des Bren¬ 
nens und Verbrennens (s. d.) begriffen 
wird; der Feuerglaube ist nicht beschränkt 
auf Licht und Flamme, er richtet sich 
vielmehr mit fast gleicher Stärke auch auf 
Rauch (s. d.) und Asche (s.d. und Kohle). 
Zu diesen aber gehört wiederum als wei¬ 
teres Erzeugnis des Verbrennungsvor¬ 
ganges der R., dessen Rolle in Glauben 
und Brauch mithin nur aus der Gesamt¬ 
vorstellung von der verzehrenden, reini¬ 
genden, vertreibenden, heilenden und 
heiligen Kraft des Feuers verstanden 
werden kann. 


Daneben allerdings ist offenbar der 
Umstand brauchbildend gewesen, daß der 
R. als bequemes und billiges Schwär¬ 
zungsmittel für Maskierung und Schaber¬ 
nack dienen kann. Diese seine Verwen¬ 
dung unterliegt damit der Deutung von 
Maske (s. d.) und Vermummung (s. d.) 
schlechthin und ist darüber hinaus in 
Beziehung zu setzen zur Überlieferung 
von schwarzen oder geschwärzten Spuk¬ 
gestalten, unter denen gelegentlich auch 
eine „Rueßgampellen“ und ein „Rueß- 
chatz“ erscheinen 1 ). 

1. Bei den großen Jahresfesten tritt 
nicht selten an die Stelle von Vermum¬ 
mungen und Maskierungen das Schwär¬ 
zen der Gesichter mit Kohle und R., 
und zwar nicht nur bei den Feuerveran¬ 
staltungen 2 ), wo die Möglichkeit un¬ 
mittelbar gegeben ist, sondern vor allem 
auch bei den Umzügen. Das gilt ins¬ 
besondere für die Fastnachtszeit, wo u. a. 
am „r.igen“ oder „bromigen“ Freitag, 
am ,.schwarzen“ oder „R.abend“ die 
Hauptträger der Lustbarkeiten selbst 
ber.t umherlaufen und den ihnen Begeg¬ 
nenden das Gesicht schwärzen 3 ). 

Im westböhmischen Plan hatten ver¬ 
mummte R.n - asbläusa“ beim Fa¬ 
schingszug die zur Ungeziefervertilgung 
benutzten Schweinsblasen statt mit Grün¬ 
span mit R. gefüllt 4 ). Beim Schemen¬ 
laufen in Imst war ein ,,R.ler“ tätig, der 
als Kaminfeger zu den Fenstern einstieg 
und den Mädchen das Gesicht schwärzte 5 ). 
Das führt hinüber zu dem Ansehen, das 
der Kaminfeger (s. d.) überhaupt ge¬ 
nießt, besonders zur Silvesterzeit; nicht 
nur sein Angang ist glückbringend, sondern 
vor allem auch der R., den man durch 
Abstreifen auf sich überträgt 6 ). 

*) SchwVk. 11, 10. 2 ) Vgl. Freudenthal 

Feuer 244. 258. 272. 208 (Notfeuer). 3 ) Belege 
bei Sartori Sitte 3, 337; dazu Mannhardt 1, 
543 f. 546. 606; SAVk. 2, 165; 21, 71. 4 ) John 

Westböhmen 42. 5 ) Hör mann Volksleben 13. 

®) Oben 4, 941. 

2. So wird der R. von Herd oder Ofen 
überhaupt ein Abwehrmittel, wie be¬ 
reits im Altertum gegen den bösen Blick 7 ), 
so in Deutschland gegen Hexen und 
Teufel 8 ). Verhexte Milch setzt man unter 
Zusatz von Salz und Ofenr. dem Feuer 


857 Ruß 858 


aus 9 ); drei ,,Schrap“ vom Teekessel in 
den Tränkeimer getan, schützt die Kuh 
nach dem Kalben 10 ), und wenn man die 
Hände vor dem Säen mit R. aus dem Ka¬ 
min oder der Feuermauer reibt, kommen 
keine Erdflöhe, soweit man Samen 
gestreut oder gesteckt hat n ). 

7 ) Seligmann Blick 2, 96. 245. 8 ) Stracker- 
jan 2, 224; Wuttke 132. 281. ®) Leoprech- 
ting Lechrain Neudr. 1, 34; Jahn Pommern 151. 

10 ) ZfVk. 24, 61. n ) Drechsler 2, 56. 

3. Bedeutend vielfältiger ist die Ver¬ 
wendung von R. im Heilzauber aller 
Art 12 ). So bestreicht man z. B. gegen 
Rotlauf den kranken Teil unmittelbar 
mit Ofenr. 13 ). Meistens aber versetzt 
man ihn für solche Zwecke mit anderen 
Stoffen. Wie schon im zweiten Gudrun- 
liede der Edda schwarzer Herdr. einem 
Vergessenheitstranke beigemischt wird 14 ), 
so verwendet ihn die jüngere Volks¬ 
medizin in Heiltrank und -speise. Gegen 
Kolik ,,nimm R. vor dem Ofenloch, das 
glitzert, mach ihn rein, tu denselben in 
ein Gläßel voll guten Branntenwein, und 
dasselbige ausgetrunken“ 15 ). Klein¬ 
kindern, die häufig aufwachen, weinen 
und schreien, gibt man R. im Brei zu 
essen 16 ) oder „Rauchschwärze von einer 
Lichtscheere“, mit öl vermengt, zu trin¬ 
ken 17 ). Für Gichtkranke ist ein Likör 
heilsam, dem R. beigemischt ist, den sie 
im Schornstein dreimal von oben nach 
unten abgekratzt haben 18 ). Kienr. in 
Hefebranntwein hilft gegen Blähungen 
und mit Krautwasser eingenommen, 
„putzt er den Darm gründlich aus und 
ist fast in allen Krankheiten gut“ lö ). 
Bei Viehkrankheiten tut man ihn, der 
während des Ave-Maria-Läutens aus dem 
Schlauche eines Kochofens genommen 
sein muß, mit Salz zusammen und reibt 
damit jedem Stück einmal täglich Zunge 
und Zähne ab 20 ). Haben dagegen die 
Kühe den „stertworm“, so wird ein Brei 
aus Terpentin, Salz und R. in eine in den 
Schwanz geschnittene Kerbe gerieben 21 ), 
und für derartige äußerliche Behandlungen 
finden wir den R. auch als Salbenbestand¬ 
teil erwähnt 22 ). 

12 ) „Beim Brandopfer, das die Gottheits¬ 
speise durch Feuer verbrannte unter Bildung 
von Ruß und Asche, waren selbst die über¬ 


bleibenden Knochenteile, die Brandasche, der 
Opferrauch, der ausfließende Oigansaft aus 
Brandholz und Tierorgan und der Ruß des 
Räucherharzes die Vermittler des göttlichen 
Segens, und als solche wurden sie zu zauber¬ 
haften Heilmitteln“: Höfler Organotherapie 24. 
13 ) Lammert 221 = Wuttke 348; Jäckel 
Oberfranken 226. 14 ) Höfler Organotherapie 24. 
15 ) Alemannia 31, 178. X6 ) Höhn Geburt 276. 

17 ) Krauß Sitte 547. 18 ) Drechsler 2, 308. 

| 19 ) Buck Volksmedizin 37. — Ethnographische 
Parallelen bei Hovorka u. Kronfeld 2, 105 
(Ruthenen). 130 (Rumänen in Südungam). 

| 20 ) ZföVk. 3, 4. 21 ) Heckscher Hannov. Volksk. 
123. 22 ) Lammert 181. 

4. Wie Feuer (s. d. und Pyromantie),. 
Rauch (s. d. und Kapnomantie) und 
Asche (s. d. und Tephramantie), so tritt 
auch der R. in der volkstümlichen Weis¬ 
sagung auf. Allerdings handelt es sich 
dabei— sehen wir von einem Zeugnis Hart- 
liebs 23 ) ab, nach dem der R. in der ge¬ 
heimwissenschaftlichen Mantik bei einer 
Art Spiegelwahrsagung (vgl. Katoptro- 
mantie) Verwendung findet —nahezu aus¬ 
schließlich um eine schlichte Vorzeichen¬ 
deutung. Vereinzelt wird die Auffassung 
überliefert, daß ein häufiges Ansetzen 
kleiner R.funken an der Pfanne während 
des Kochens einen Zank voraussagt 24 ). 
Im übrigen wird ein solcher Vorgang 
nur auf das Wetter bezogen. 

Glüht die Pfann\ 

hält's Wetter an, 

heißt es in Tirol 25 ). „Dat wille Füer 
löppt“, sagt man am Hellweg, wenn der 
R. an Boden und Wand eines vom Feuer 
genommenen Topfes in aufzuckenden 
Lichtern nachglüht; „de Kaut brennt, 
et geätt anner Wier“ 26 ). Und dieses an- 
dereWetter ist fast ausnahmslos schlecht 27 ); 
insbesondere deutet der glühende R. unter 
den Kochgeräten, am Herdring oder an 
der Feuerlochtür 28 ), das an der Pfanne 
hängengebliebene Glütlein 29 ), der bren¬ 
nende „Rost“ am Kaffeekessel 30 ) und 
der „Sott“funken am Grapen 31 ) auf 
Regen, und das Gleiche gilt, wenn der 
„Sott leckt“ 32 ), d. h. der R. im Schorn¬ 
stein oder in Räucherkaten vom Gebälk 
feucht herab tropft 33 ). 

23 ) Hartlieb Kap. 84 (Ulm Hartlieb 51): 
„Mer ist ein tugenlicher list jn der kunst, das 
die maister nemen öl vnd rüß von ainer pfannen 
vnd salben auch ain rains chind . . . die hanndt 
vnd machent das vast gleysent“. Sie lassen 




359 


Russen 


rütteln 


Rüttelweiber 


862 


860 361 


Sonnen- oder Kerzenlicht auf die Hand schei¬ 
nen, ,,das chind darein sehen vnd fragen dann 
das chind, wärnach sy wollen“. 24 ) SAVk. 21, 32. 
25 ) Heyl Tirol 798. 28 ) ZfrwVk. 17, 42; Sartori 
Westfalen 24 f. 27 ) Schmitt Hetlingen 18; 
Mensing Schlesw. Wb. 4, 696; SchwVk. 10, 34. 
28 ) Heck scher Hannov. Volksk. 43. 2# ) Schw¬ 
Vk. 12, 18. 30 ) Pröhle Harz 73. 31 ) Kück 

Lüneburger Heide 193. 32 ) Kock Volks- und 

Landeskunde der Landschaft Schwansen. Heidel- j 
berg 1912. 129. M ) Mensing Schlesw . Wb. 4, 
696. 

5. Der Kamin wird von Heimchen 
befreit, wenn man bei Vollmond den R. 
entfernt 34 ). Fegt man ihn am Karfreitag, 
brennt er nicht aus, bleibt das Haus ein 
Jahr lang vom Feuer verschont 35 ). 

34 ) SAVk. 24, 65. 35 ) ZfVk. i, 180 (Branden¬ 
burg); Baumgarten Jahr u. s. Tage 21. 

Freudenthal. 

Russen. Volkstümliche Bezeich¬ 
nung der blatta germanica, einer bräun¬ 
lich gefärbten Schabenart, die sich als 
Hausungeziefer höchst unangenehm be¬ 
merkbar macht. Den deutschen Namen 
Russen verdanken diese Insekten der 
Meinung, sie seien von Rußland einge¬ 
wandert, während umgekehrt der Russe 
sie als Preußen ( Prussaki ) J ) bezeichnet 
in dem Glauben, Preußen sei ihr Stamm¬ 
land 2 ). Im Rumänischen findet sich rus 
und prus 3 ). Im Gegensatz zu den Rus¬ 
sen heißen die schwärzlich gefärbten 
Küchenschaben Schwaben (siehe un¬ 
ter „Schabe“). 

1 ) Rolland Faune 3, 281. 2 ) Brehm Tier¬ 
leben 3. Aufl. 9, 573. 3 ) Hiecke Tiernamen 141. 

Riegler. 

Rüster s. Ulme. 

Rute s. Zweig. 

Rutenfest. In verschiedenen Orten 
Oberdeutschlands und der Schweiz eine 
Bezeichnung für ein Schulfest, die Mai¬ 
tagsfeier der Jugend, auch Rutenführen, 
Rutengang, Stabenführen, Virgatum- 
gehen genannt. Die Kinder zogen in halb¬ 
militärischem Aufzug mit Trommeln und 
Pfeifen in den Wald, spielten dort und 
kehrten, jedes mit einem Zweig in den 
Händen, in die Stadt zurück. Gewöhn¬ 
lich wird die Entstehung dieser Feste (sie 
sind in dieser Gestalt seit 1426 nachzu¬ 
weisen) an ein geschichtliches Ereignis 
angeknüpft wie das auch hierhergehörende 
Naumburger Kirschenfest. Mitunter sind 


sie in den Sommer oder Herbst verlegt. 
Auch das Gregoriusfest (s. Gregorius) 
wird öfters als Rutenfest bezeichnet 1 ). 

*) Rochholz Kinderlied 490 ff.; Ders. 
Teil 13 f.; Ders. Sagen 1, 84 f. (Brugg); Herzog 
Schweizersagen 2, 43 t. (Brugg); Meier Schwa¬ 
ben 438 b (Ravensburg); Birlinger Volkst. 
2, 270 ff. 458 (Ravensburg); Bayerischer Hei¬ 
matschutz 21 (1925), 45 ff. (Nördlinger Staben¬ 
fest); DG. 11, 212 f.; Reinsberg Festjahr 2 295; 
Bayld. 1 (1890), 31 ff. 41 ff. = HessBl. 6, 154. 

Sartori. 

Rutengänger s. Wünschelrute. 

rütteln. Das R. entspricht in vielen 
Fällen dem Rücken und Schütteln (s. d.), 
insbesondere nach einem Todes¬ 
fall, wenn man verhindern will, daß sich 
die aus dem Körper fahrende Seele im 
Hause festsetze 1 ). Da rüttelt man das 
Weinfaß 2 ), den Essigbehälter 3 ), das Sa¬ 
mengetreide und das Mehl im Kasten 4 ), 
überhaupt „alle Frucht“ 6 ), • Bienen¬ 
stöcke 6 ) und Blumentöpfe 7 ). Sonst 
auch erst, wenn die Leiche aus dem Hause 
getragen wird, und zwar wiederum Fäs¬ 
ser 8 ), Krautbottiche 9 ), Essig 10 ), alles 
[ Genießbare 11 ), Bienenstöcke 12 ), Vogelkä¬ 
fige 13 ), Blumen 14 ). Meist aber rüttelt man 
dann, wenn eine Hauptperson stirbt, 
alles 15 ), so bes. beim Tode des Haus¬ 
vaters 16 ) (Baden, Schwaben, Schweiz) 
z. B. Fässer mit Wein und anderem 17 ), 
beim Tode des Bauern oder der Bäuerin 
alles Bewegliche, das Genießbares ent¬ 
hält 18 ), beim Tode des Meisters den Mehl¬ 
sack und die Saatfrucht 19 ). 

Zur Erklärung ist das unter rücken 
Gebrachte anzuziehen. 

Das Geld in der Tasche soll man un- 
beschrien r., wenn man den Kuckuck zum 
ersten Male hört 2°); die Gebärende wird 
von der Hebamme an den Füßen gerüttelt, 
wenn das Kind „angewachsen ist“, d. h. 
wenn sich der Gebärakt lange hinaus¬ 
zieht 21 ). Liegt hier vielleicht eine rein 
mechanische Voraussetzung zugrunde, so 
verbindet sich mit R. doch offenbare 
Zauberwirkung, wenn die Mädchen in 
der Andreas- und Thomasnacht die Bett¬ 
stätte r., um den künftigen Mann zu 
zwingen, sich zu zeigen 22 ), oder wenn man 
an der zum Nachbarhofe führenden Türe 
rüttelt, um dessen Hühner zum Herüber¬ 


legen der Eier zu nötigen 23 ). Ein Schwarz¬ 
künstler brauchte nur den seinem Pferde 
abgenommenen Zaum zu r., um es wieder 
•erscheinen zu lassen 24 ); rüttelt man einen 
Toten an der großen Zehe, so verliert man 
alle Furcht 25 ) (Schwarzwald). Das R. 
ist auch unter Umständen offenbar von 
Dämonen bewirkt, so deutet es, wenn in 
einer Werkstätte das Werkzeug zu r. 
anfängt, auf baldige Arbeit 26 ); übrigens 
rüttelt auch das Fieber 27 ) (vgl. Schütteln), 
und der gekränkte Berggeist rüttelt den 
Beleidiger nachts unsanft wach 28 ); die 
Rüttelweiber (s. d.) des Riesenge¬ 
birges endlich sind dämonische Wald¬ 
meister 29 ), deren Leben mit dem der 
Bäume verbunden ist. 


l ) Vgl. Mogk Myth. 254. 2 ) SchwVk. 5, 30 
(mit einiger Literatur); Grimm Myth. 3, 467 
Nr. 898; 454 Nr. 576. 3 ) Grimm Myth. 3, 454 

Nr. 576. 4 ) Lammeit 105. 6 ) ZfrwVk. 1, 41 (mit 
Literatur) = Wolf Beiträge 1, 214 Nr. 143. 
*) Grimm Myth 3, 454 Nr. 576. 7 ) Birlinger 
Schwaben i, 396. 8 ) öst.-ung. Monarchie, B. 

•Oberöst.-Salzburg 137; Meyer Volkskunde 
(1898), 269. ö ) Ebenda. 10 ) Ebenda. n ) Mey- 
•er Baden 583. 12 ) Öst.-ung. Monarchie a. a. O. 
13 ) Meyer a. a. O. 14 ) Ebenda. 15 ) Wolf 
Beiträge 1, 214 Nr. 143; vgl. ZfrwVk. 1, 41. 
18 ) Wuttke § 726. 17 ) Wuttke § 726. 18 ) 

Meyer Baden 583. 19 ) Ebenda. 20 ) Grimm 

Myth. 3, 457 Nr. 668; auch sonst allgemein in 
den Alpenländem. 21 ) Fossel Volksmedizin 54. 


22 ) Meyer Volkskunde 252 


23 ) ZföVk. 


Supplem. Band 15, 113 (Slovenen); vgl. Wutt¬ 
ke § 676 (schütteln). 24 ) Grimm Myth. 3, 426. 
25 ) Birlinger Schwaben 1, 396. 26 ) Wuttke 

§ 323. 27 ) Grimm Myth. 2, 966. 28 ) Verna- 
leken Alpensagen 194. 29 ) Grimm Myth. 2, 

775; Mannhardt 1, 74 (mit Literatui) = 
Bert sch Weltanschauung 154; Mogk Myth. 
1035. Webinger. 


Rüttelweiber (Ritteiweiber, -weibel) 
nennt man in Schlesien eine bestimmte 
primitive Dämoninnengruppe, die sonst 
je nach ihrem landschaftlichen Vorkom¬ 
men die verschiedensten Funktionen er¬ 
füllt, die unterschiedlichsten Beziehungen 
zu andern mythologischen Wesen hat 
und endlich auch mannigfache Namen 
trägt 4 ). 

Im Riesengebirge, besonders auf der 
böhmischen Seite, in der Gegend d^s 
Kynast, kennt man sie als landschaft¬ 
liche Entsprechung zu den Holz- und 
Moosleuten in Mitteldeutschland, Fran¬ 


ken und Bayern; daneben gibt es auch 
Holz- und Moosmännlein dort. Im Böh¬ 
merwald und der Oberpfalz erscheinen 
die Holz-, auch Waldfräulein, Wald- 
weiblein. Im Orlagau und sonst im Harz 
die Moos- oder Holzweiblein, um Halle 
die Lohjungfern, in Westfalen die Busch¬ 
weiblein; in der Eifel und in Hessen die 
„wilden Leute“. Schließlich stellt man 
noch die Fenggen oder Fänken, die „se¬ 
ligen Fräulein“ in Tirol hierzu 2 ). 

Die Umgangszeit der R. ist —im Gegen¬ 
satz zu der des Nachtvolks (s. d.) etwa 
— unbegrenzt. Besonders oft sieht man 
sie im Sturm 3 ), da der „Wilde Jäger“ 
(s. d.), der im Riesen- und Isergebirge 
oft als Nachtjäger (s. d.) auf tritt, hinter 
ihnen her ist. Damit ist ihre wich¬ 
tigste Beziehung zur übrigen Mythologie, 
zum „Wilden Jäger“, genannt. Möglicher¬ 
weise gehören die R. zum Gefolge des See¬ 
lenführers, in ihrer Eigenschaft als arme 
Seelen nämlich, als ruhelos umgehende 
Tote. Ebenso könnte man sie auch zum 
Gefolge der Perhta (s. d.) zählen, da diese 
auch in den Funktionen der Führerin des 
Totenheeres auftritt. Mit Perhta gemein¬ 
sam haben die R. die üble Eigenschaft, 
Kinder unter sechs Wochen zu stehlen oder 
wenigstens zu vertauschen 4 ). Man opfert 
ihnen auch wie sonst Holda oder Perhta. 
Erscheinen diese „schlesischen Dryaden“ 5 ) 
also einerseits mit dämonisch-bösen Ei¬ 
genschaften ausgestattet, tanzen sie ge¬ 
legentlich als „Elfen“ im Wirbelwind 
auf der Wiese und zerstreuen den Menschen 
zum Schabernack das Heu 6 ), so kom¬ 
men sie ebenso oft in menschlicher Funk¬ 
tion vor, sie schließen Ehen 7 ), bestellen 
das Haus, lohnen und strafen aber nach 
primitiver Sitte, was man ihnen zufügt. 
Verweigert man ihnen z. B. die Unter¬ 
kunft, so verursachen sie zur Rache 
Sturm 8 ). In Deutsch-Rasselwitz aber 
wohnen sie im Bahndamm, wo die Präge 
durchläuft, sie haben das Gesicht im 
Nacken stehen, tragen also deutlich ge¬ 
spenstischen Charakter 9 ). In anderen 
schlesischen Sagen tauchen sie als kleine 
moosbekleidete Wesen auf, den Unter¬ 
irdischen ähnlich 10 ). Sie haben auch eine 
Möglichkeit, die ewige Flucht, in die sie 


86 3 


Saat—Sack 


864 


der Nachtjäger treibt, zu unterbrechen: 
wenn die R. einen Baumstamm finden, in 
den der Holzhacker beim Fällen drei 
Kreuze ritzte oder wenigstens das Kreuz 
darüber schlug und dann wieder auf alle 
Fälle vor dem Umlegen des Baumes ,,Gott 
walt’s“ sprach, dann sind sie gerettet 11 ). 
,, Walt's Gott“ würde ihnen nichts 
helfen, da der magische Gehalt durch die 
veränderte Wortfolge verlorengeht. Fin¬ 
det sich kein solcher Stamm, dann müssen 
die R. ewig weiter fliehen 12 ). Es kommt 
vor, daß die R. die Holzfäller bitten, 
Bäume auf die beschriebene Weise zu 
fällen. Guter Lohn ist dann gewiß. — 
Die Kategorie des ,,Wilden Jägers“ ist 
bekanntlich vielfach neu aufgefüllt wor¬ 
den. Auch als Nachtjäger ist er gelegent¬ 
lich durch eine geschichtliche Gestalt er¬ 
setzt worden. In den Hussitenkriegen 
wird als Verfolger der R. ein gewisser 
Tschischko genannt, der noch ,,über 
Napoleon“ gewesen sein soll. Durch seine 
Schuld wichen die R. aus dem Lande, 
sie nahmen die gute Zeit mit sich. Die 
Zeit ihrer Wiederkehr aber haben sie 
vorausgesagt: 

Ich komme nicht früher ins Böhmerland, 

bis es nicht ist in Fürstenland 13 ). 

Allerdings weiß man von einem Stein bei 
Han im Wiesental (Isergebirge) zu be¬ 
richten, wo ein Schatz vergraben liegt 
und ein Bauer einst ein R. schaukelnd 
an einem Buchenast sah: eine mittelgroße 
Gestalt mit kurzem Röcklein, Haube und 
kleinem Pelz 14 ). Es sei dahingestellt, ob 


man im Volkslied: ,,Es blies ein Jäger 
wohl in sein Horn . die Sage vom ver¬ 
folgten R. erkennen will 15 ). 

Man kennt wohl mehrere R., doch treten 
sie nicht als Horde auf. 

Rüttelweib (Rüttelweihe ?), Rötelweib 
kommt als Vogelname vor. Der Schwarz¬ 
specht wird so genannt, auch Ränvogel, 
so berichtet die schlesische Sage 16 ). 

Außerhalb der deutschen Mythologie 
könnte man als gejagte und verfolgte 
Wesen Okypete, Podarge und Aello nen¬ 
nen, die vor Zetes und Kalais fliehen 17 ). 

Die R. als schlesische Heimatgeister 
reihen sich — wie viele andere mytholo¬ 
gische Wesen — ohne weiteres in die 
großen Zusammenhänge des Aberglaubens 
ein: als eine bestimmte Gestaltwerdung 
primitiver Denkart. 

l ) Herrmann Dtsch. Mythol. 168 ff. 314;. 
Mannhardt Baumkultus 82; Zaunert Schles. 
Sagen 187 ff. 2 ) Vgl. jeweils in diesem Werk die 
versch. Artikel, bcs. 1, 1714/15 und 4, 277 ff. 
3 ) Drechsler 2, 163. 541. 4 ) Kühnau Sagen 
2, 186. 819. 5 ) Drechsler a. a. O. 6 ) E. FL 

Meyer Mythol. der Germ. 193. 7 ) Drechsler 

a. a. O. 8 ) Müller-Rüdersdorf Nachtjäger 
146. 9 ) Kühnau wie Anm. 4. 10 ) Kühnau 

Sagen 2, 462. u ) Bechstein Sagenbuch 53a 
Nr. 639; Drechsler a. a. O.; Grässe Preuß . 
Sagenbuch 2, 305 Nr. 277; Klapper Schlesische 
Vkde. 224; Kühnau Sagen 2 (1911), 181 ; 
Simrock Mythol. 223; Zaunert Schles. Sag . 

187 ff. 12 ) Grässe wie Anm. 11; Kühnau 
wie Anm. 10. 13 ) Müller-Rüdersdorf Nacht¬ 

jäger 146. 14 ) Ebda. 148. 15 ) Erk-Böhme x„ 
57 Nr. 19 g. 16 ) MSchlesVk. 10, 91. Zaunert 
a. a. O. 17 ) Herrmann a. a. O. 

Schwarz. 


S. 

Saat s. Nachtrag. j auch von ,,Samenzünden“ und meint,. 

Saatleuchten, auf dem Heuberg in daß durch das Feuer die Wintersaat 
Württemberg Bezeichnung für einen am ,,gelockt“ werde 2 ). 

ersten Fastensonntag (Invocavit) geübten Ü Biriinger Volkst. 2, 640.; Meyer Ger- 
Fruchtbarkeitsbrauch. Knaben und Bur- man - Mythol. 216; v. Schröder Arische Reli- 

schen gehen abends nach dem Betläuten har dt* * Ka P ff Fest Z ehr - 13. Mann- 

in den Kornösch hinaus, zünden Fackeln 535 ' 

an und ziehen im Saatfeld auf und ab. Saatreiten s. Osterreiten 6,1353h 

Dieser Fackelgang soll die Saat im c c 0 

7 .. c -131 •, , TT , Sabbat s. Hexe 3,10451t. 

künftigen Sommer vor Blitz und Hagel¬ 
schlag schützen 1 ). Anderswo redet man Sack s. Nachtrag. 


865 


Sackpfeife (Dudelsack) 


866 


Sackpfeife (Dudelsack). Der Um- j 

stand, daß die S. in Deutschland weder 
in der Kunst- noch Volksmusik mehr 
eine Rolle spielt 1 ), bedingt es, daß sie 
heutzutage auch aus dem Volksglauben 
so gut wie ganz geschwunden ist. Emp¬ 
findet man es doch offenbar bereits als 
etwas derart Außergewöhnliches, wenn 
einmal D.pfeifer kommen, daß man glaubt, 
nun gäbe es Krieg 2 ). Die Vorstellung, 
daß die S. beim Hexen tanz und bei 
Hexengelagen gespielt wird 3 ), war natür¬ 
lich vor allem zur Zeit des Hexenwahns in 
Blüte 4 ). Auch die Sagen vom singenden 
und die S. spielenden Bergkobold zu 
Schlackenwalda 5 ), vom Hirten, der bei 
Frankenhausen zu Ehren des bergent¬ 
rückten Kaisers Friedrich den D. bläst 
und dafür mit einem Stück Gold belohnt 
wird 6 ), sowie, in dieser Form, vom Spiel¬ 
mann, der, in die Wolfsgrube gefallen, 
durch seine D.musik sich den Wolf vom 
Leibe hält 7 ), sind längst vergessen. Die j 
aus medizinischem Aberglauben ent¬ 
standene, noch von Wieland aufge¬ 
griffene 8 ) Erzählung von dem Edel¬ 
mann, der bei S.nmusik sein Wasser nicht 
zurückhalten konnte, geht ebenfalls auf 
Quellen verklungener Zeiten zurück 9 ). 

Der eine S. blasende Esel war früher 
ein Symbol für die Narrheit und den Un¬ 
verstand der Menschen 10 ), das sogar auf 
Grabsteinen auf tritt 11 ). 

Völker, in deren Leben die S. noch eine 
wichtige Rolle spielt, umgeben diese viel | 
stärker mit abergläubischen Vorstellungen 
und Erzählungen 12 ). 

x ) Über die Geschichte des Instrumentes s. 
SchwVk. 9 (1919), 38 ff. 74; Curt Sachs Hand¬ 
buch der Musikiristrumentenkunde (1920), 343— 
349; ders. Die Musikinstrumente (Breslau 1923) 

75 f.; ders. Geist und Werden der Musikinstru¬ 
mente (1929) 196fr. Vgl. auch H. Panum 
in Nordisk Kultur 25 ( 1934 )» 68. Ausführ¬ 
licher, aber unkritisch: Wm. H. Grattan 
Flood The Story of the Bagpipe (London- 
New York) 1911. Außerdem: Dirk I. Bafoort 
Eigenartige Musikinstrumente. Berechtigte 
Übersetzung a. d. Holländischen von Felix 
Augustin (= De Muziek Bd. IV, Haag o. J. 
[1932 ?]) S. 41—76. Für Schweden vgl. Hyl- 
ten-Cav. 2, 457 und T. Norlind Svensk Folk¬ 
musik och Folkdans (Sthm. 193 °) 9 2 — 95 : für 
Skandinavien überhaupt die in Nordisk Kultur 
25, 179 unter ‘Säckpipa’ angeführten Stellen. 

Bäcbtold-Stäubii, Aberglaube VII 


Für Rußland Zelenin Kuss. Vkde. 34f. Über 
Wiederbelebungsversuche vgl. Vld. 34, 123; Sing¬ 
gemeinde 7, 119F 2 ) Georg Thierer Orts¬ 

geschichte von Gussenstadt 1 (Stuttgart 1912), 
245. 3 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 185; vgl. 

Karpathenland 1 (1928), 187t.: D.pfeifer muß 
Katzen aufspielen, wird krank und stirbt. 
4 ) Alsatia 1856/7, S. 331 (aus den Malefiz- 
Registern des Städtchens Oberbergheim); Georg 
Rud. Widmann Des bekandten Ertz-Zauberers 
Doktor Joh. Fausts ärgerliches Leben und Ende 
(Nürnberg 2 1726) 485: ,,und wären da [beim 
Hexensabbath] Spielleut / Sackpfeiffer und 
Trummeischläger“. S. ferner die Abbildung 
bei Soldan-Heppe 1 nach S. 514 (Anfang 
17. jh. — Eine Sage vom D. spielenden Teufel, 
dessen Instrument sich später in einen Schinder¬ 
knochen verwandelt s. bei O. Hoffmann und 

H. Kobelt Sagen a. d. Bartschlande (1933) 27 f. 

Nr. 39. 5 ) Tharsander 1, 7, 424 < Edward 
Brown Durch Niederland . . . gethane gante 
sonderbare REJSEN 2 (Nürnberg 1711) 273. 

6 ) Böcke 1 Volkssage 49 nach einer Flugschrift 
von 1537. 7 ) Kuhn Mark. Sagen 132t. Nr. 125. 
8 ) S. DWb.8, 1625. ») S. a. Stege Das Ok¬ 

kulte in der Musik (Münster i. W. 1925) 174 
Anm. i, sowie oben 6, 69 > Anm. 486. 10 ) DWb. 
8, 1625. n ) Nds. 16, 4680. 12 ) Schottland 

und Irland. Die Elfen bedienen sich zu ihrer 
prächtigen Musik der S. (J. G. Campbell 
Superstitions of the Highlands and Islands of 
Scotland , Glasgow 1900, S. 18). Der Weber 
William MacKenzie tanzt ein Jahr lang mit 
dem Hügelvolk und spielt darnach auch viel 
besser die S. (ebd. 65f.). Der Stammvater 
der berühmten S.rfamilie MacCrimmon bricht 
beim Gang zu einem S.rwettstreit auf einem 
Hügel in eine Elfenwohnung durch und erhält 
dort von einem alten Weib eine Melodiepfeife, 
mit der er alle Bewerber schlägt; er nimmt auch 
Unterricht bei den Elfen (ebd. 139F, vgl. auch 
Engel Musical Myths and Facts 1, 196). Ein 
Wechselbalg zeigt sich als glänzender S.nspielcr; 
er kann eine Melodie, die alles zum Tanzen 
zwingt (Engel a.a.O. 2, 33h. < Croften Croker 
Fairy Legends and Traditions of the South of 
Irland, London 1862, 22; das Mandolinen¬ 
orchester 8 (1934) Nr. 3 S. 24; s. dazu auch 
G. Piaschewski Der Wechselbalg (Breslau 
1935) S. 36; vgl. hierzu den Ausspruch bei 
Heywood (Flood a. a. O. S. 104), daß eine 
Lancashire-S. sogar den Teufel behexen 
könne. Maurice Connor, ein glänzender S.r, 
wird von einem Meerweib zur Heirat ver¬ 
lockt; in stillen Nächten kann man am Strande 
die Töne der S. vernehmen (Engel a. a. O. 

I, 205 < Croker a.a.O. 215). Ein die S. 
spielender Engel (schottische Skulptur des 
15. Jh.s) s. Flood a.a.O. 47. — Von geister¬ 
haftem S.spiel wissen auch die Bretonen zu 
erzählen: s. Sebillot Folk-Lore 1, 164. — 
Wenn die Wenden auf der Gabelheide im Mai 
ihren Feldumgang hielten, so war auch ein 
Spielmann mit einer aus einem Hundsfell ver¬ 
fertigten S. oder Pauke dabei, deren Ton, wie 

28 



I 



Saday — Sadebaum 



säen—Safran 



man glaubte, bewirkte, daß Regen und Ge- | 
witter der Saat keinen Schaden brächten ■ 
(Kuhn Mark. Sagen 335). — Schweden mit 
Kolonien. S.r aufspielend beim Elfenreigen: 
Troels-Lund 5 Buch 7 S. 161 Fig. 210 (Initiale 
aus OlausMagnus). Durch das Blasen auf der 
S. halten die Hirten die Schafe zusammen 
(ebd. Buch 8 S. 3 Fig. 2 < Olaus Magnus). I 


Der D. vom Teufel erfunden, um das von ihm 
erschaffene, unruhig umherlaufende Vieh zu¬ 
sammenzuhalten, weshalb viele Leute den D. 
als Blasebalg des Teufels verabscheuen (Dähn- 
hardt Natursagen 1, 189 < Rußwurm Sagen 
aus Hapsal . . Reval 1861, S. 1 55 fi.; vgl. 
auch Rußwurm Eibofolke 2, 117 § 305). Bei 
der Hochzeit erscheint der Wassermann, nimmt 
dem Spielmann den D., bläst darauf mit solcher 
Meisterschaft, daß alles in wilder Lust herum¬ 
tanzt, zwingt dann die Leute mit seinem Spiel 
hinter sich her, so daß alle im Wasser ertrinken 
(Rußwurm Eibofolke 2, 252!.). Besprechung 
des D.s, daß er keinen Ton mehr von sich gibt: 
ebd. 2, 221 § 364, 17. Seemann. 


Saday, einer der zehn Gottesnamen 1 ), 
im Alten Testament T£\ gewöhnlich 
'iE' bx, von den Septuaginta oft viaviox- 
paxiup, Vulg. wenigstens übersetzt: also 
als ,,der Allmächtige, Gewaltige" ge¬ 
deutet. Es wurde auch umschrieben 
eö; (jotööat 2 ), Hieronymus 3 ): Saddai, 
dagegen in den Eigennamen Siuptsaäao 
(Num. 1, 6) und ’Ajiiaaoat (Nu. 1, 12) 
mit einem 8, auch 2 x 8 a£ 4 ). Im Zauber j 
begegnet der Name häufig 5 ). j 

*) Agrippa von Nettesheim 3, 57; Kiese¬ 
wetter Der Occultismus des Altertums 346; 
Zimmermann Bezoar (hd.); Hauck 6, 5. 18. 
731. 752; 13, 627; RGG. 2, 272 f. (Gunkel). 

2 ) Field Origenis Hexaplorum fragmenta (1876) 

2, 14. 776. 3 ) Opp. ed. Erasmus (Froben, j 

Basel 1537). 4 ) Heeg Hermetica. 5 ) Horst 

Zauberbibliothek 2, 132; Thiers 4, 58. 87 

(Sadau); Franz Benediktionen 2, 92; Tylor 
Encyclopedia Brittanica 15, 202. L. v. H. 
Magia divina (1745), 7. Jacoby. 

Sadebaum (Seben-, Sefen-, Segenbaum 
Sefi; Juniperus sabina). 

1. Botanisches. Zu den Nadel¬ 
hölzern gehöriger, mit dem Wacholder 
verwandter Strauch mit dunkelgrünen, 
schuppenförmigen Blättern, die sich dach- 
ziegelig decken. Der ganze Strauch riecht 
unangenehm (Stinkwacholder!). Der 
S. wird bei uns seit langer Zeit in den 
Bauerngärten, besonders im südlichen 
Deutschland angepflanzt J ). Im Volk 
werden die Blätter und Zweigspitzen des 
S.s vielfach als Abortivum verwendet 2 ). 


1 ) Marz eil Kräuterbuch 137 f. 2 ) vgl. auch 
Wuttke 112 § 148; Hovorka u. Kronfeld 
1, 365 f.; Meyer Baden 394. 

2. Wegen des starken Geruches gilt 
der S. als Apotropaeum, s. Dill (2, 95). 
Sein Geruch ist den Hexen ^unaus¬ 
stehlich, man sieht ihn daher häufig 
nächst den Wohnungen und Ställen 
meist in den Zaun verflochten (dadurch 
ist der Zaun vor den Hexen gesichert) 
im ganzen Lechrain'* 3 ). Der S. bannt 
die Hexen im Stall 4 ). Damit ,,böse 
Leute" und auch Gewitter 5 ) keine Ge¬ 
walt haben, werden Büschel von altem 
Eichenlaub mit Ginster und S. hinter 
die Stalltür oder den Kamin gesteckt 6 ). 
Asche von verbrannten „Sevenblättern" 
trägt man gegen Hexen bei sich 7 ). Im 
Saarland tragen abergläubische Leute den 
S. zwischen Schuh und Strumpf auf 
ihren Gängen bei sich 8 ). Die Hexe 
muß vor dem entweichen, der S. in der 
Tabakspfeife hat 9 ). Eine Hs. des 15. Jh.s 
aus dem Schlosse Wolfsthurn bei Sterzing 
(Tirol) bringt folgendes Rezept: „Wiltu 
den teuffei von ainem menschen pringen, 
so nym Seuenpawm (= S.) drew cweigel 
und leg sy in einen hafen und gews 
drey stund daran guten wein in dem 
namen des vaters und des suns und des 
heyligen gaistes und lass sieden daz es 
wol erwalle vnd leg ez dem pesessen 
menschen auf daz haubt, daz ers nit 
wisse, so muß der teufel antwurten vnd 
weichen" 10 ). Eine i. J. 1727 nieder¬ 
geschriebene Besegnung des Archivs Do- 
naueschingen ,,die verlorene Mannheit 
zu bekommen" (Impotenz wird bösem 
Zauber zugeschrieben!) gibt an: „Gang 
du, wan du wilt schlafen gehen in ein 
läufeg wasser und stant darein bis an das 
verlorne glit und nimms wasser und 
spritz über dich auss und das dreimal 
und darnach lass dein harn laufen in 
dein hant und spritz den auch über dich 
aus und sprich: 

Im harn und bluot bin ich geboren 

All Zauberei und hexerei sind an mir per- 

[loren! 

Hans oder wie du heißest schau du, daß 
das wasser auf und nit ab [ ? ] und leg seve- 
balmen (= S.) in die schuo, so wirt dir 
geholffen“ u ). Drei BrÖcklein Brot, drei 


Stücklein Kohle und drei Büschelchen 
zerhackte Gartensefi (— S.) in ein Läpp¬ 
chen gewickelt an einem Kommuniontag 
in die Kirche getragen und hierauf an den 
Leib gehängt sichern vor Hexerei und 
Zauberschaden (Oberaargau und Emmen- 
.tal) 12 ). Um Wespen zu bannen nimm 
drei Schößli Sefi, drei Schößli Ruten 
(= Raute, s. d.), drei Schößli Wurmot 
(__ Wermut), drei Schößli Meisterwurzen. 
Diese Schößli sollen alle gegen die Morgen¬ 
sonne stehen. Nimm dazu drei Brot¬ 
samen aus der Tischtrugge, drei Brisen 
(Staub) hinter der Tür. Das in ein Bünd- 
lein gebunden hinter die Stalltür gehängt 
(Aargau) I3 ). Man beachte, daß es sich 
bei allen hier genannten Pflanzen um 
solche mit starkem Geruch handelt. Mit 
S. wird in der Fränkischen Schweiz in den 
heiligen drei Nächten (Weihnachten, Neu¬ 
jahr, Dreikönig) das Zimmer geräuchert 14 ). 
Auch bei nichtindogermanischen Völkern 
gilt der S. als Apotropaeum. Die Tataren 
räuchern damit böse Geister aus 15 ) und 
desgleichen die Priester der Kalmücken 
die „verunreinigten" Jurten (zeltartige 
Hütten) 16 ). In der deutschen Volks¬ 
medizin wird die „Rose" (Rotlauf) mit 
S. und alten Besen geräuchert (Spicken- 
dorf, Prof. Sachsen) 17 ). 

3 ) Leoprechting Lechrain 97. 4 ) Boh¬ 

nenberger 112; Eberhardt Landwirtschaft 
212; Manz Sargans 52; Marzell Bayer. 
Volksbotanik 24. 199. 201. 5 ) In Frankreich 

wird der am Palmsonntag geweihte S. bei 
einem Gewitter ins Feuer geworfen: Rol¬ 
land Flore pop. 11, 245. 6 ) Gegend von Ra¬ 

statt: Orig.-Mitt. von Dewald 1908. 7 ) Meier 
Schwaben 178. 8 ) Fox Saarl. Vkskde 1927, 306. 
•) Schönwerth Oberpfalz 3, 174. 10 ) ZfVk. 

1,322. u ) Alemannia 2, 137. 12 ) ZfdMyth. 4,176. 
13 ) ebd. 4, 121. 14 ) Marzell Bayer. Volksbotan. 
12. 15 ) Pallas Reise durch verschied. Provinzen 
d. russischen Reiches 177b —-78. 3, 275. 16 ) De- 
mitsch Russ. Volksheilmittel 220. 17 ) Vecken- 

stedts Zs. 4, 328. 

3. Im südlichen Deutschland ist der 
S. ein häufiger Bestandteil des „Palms" 
(s. d.) 18 ). Schon H. Bock 19 ) berichtet 
darüber: „Die Messpfaffen und alte Huren 
(Abortivum, s. unter 1!) genießen des 
Seuenbaumes am besten. Die Pfaffen 
pflegen auff den Palmtag den Seuen- 
baum mit anderen grünen Gewächsen 
zu weihen, geben für, der Donder vnnd 


der Teüffel können nichts schaffen, wo 
solche geweihete Stengel inn Heüsern 
gefunden werden, dardurch würt jr Opffer 
gemehrt vnd der armen Seckel gelert. 
Zudem so haben die alten Hexen und 
Huren acht auff die erste Schössling so 
der Pfaff oder andere von Seuenpalmen 
zu dem Creutz werden, geben für, die- 
selbige schüssling seien gut für hawen 
und stechen, für Zauberei, böss Gespenst 
vnnd treiben darmit vil Abenthewer, 
lassens von newem weihen und Messen 
darüber lesen . . ." 20 ). Der am Palm¬ 
sonntag geweihte S. wird den Kühen 
gegen den „Viehschelm" und sonstigen 
Zauber gegeben 21 ), er dient auch zum 
Hertreiben der ausgebliebenen „Monats¬ 
blume" 22 ). Im Elsaß steckt man den 
am Palmsonntag geweihten S.zweig in 
die Erde; wächst er weiter, so hat man 
den Tod eines Hausinwohners oder sonst 
ein Unglück zu erwarten 23 ). In den 
katholischen Dörfern der Pfalz legt man 
die an Fronleichnam geweihten S.- 
zweige dem Vieh in die Tränke 24 ). 

18 ) Zingerle Tirol 1857, 68; ZfdMyth. i, 
327; SAVk. 1, 158; Birlinger Aus Schwaben 
2, 69. 19 ) Kreuterbuch 1556, 3, 404 V. 20 ) Vgl. 

auch ZfVk. 24, 10. 21 ) Alpenburg Tirol 76. 

396, vgl. auch Schmeller BayrWb. 2, 231. 
22 ) Buck Volksmedizin 40. 23 )JbEls.-Lothr. 8, 
162. 24 ) Wilde Pfalz 218. 

4. Verschiedenes. Zweige des S.s 
dienen ab und zu als „Lebensrute" 25 ). 
In der Tasche getragene Zweigstücke 
helfen gegen Blutschwären (Nieder¬ 
rhein) 26 ). Der S. bringt Unglück; wer 
ihn pflanzt, dem verreckt ein Stück 
Vieh 27 ). Einen S.segen bringt Cod. 
Palat. germ. 214, 4Öd (Heidelberg) 28 ). 

25 ) Heimatbilder aus Oberfranken 3 (1915), 
119. 26 ) Abh. Ver. naturw. Erforsch, d. Nieder¬ 
rheins 2 (1916), 30. 27 ) Follmann Wb. d. 

deutsch-lothring. Mda. 1909, 481. 28 ) Schön- 

bach Berthold v. R. 148. Marzell. 

säen s. Nachtrag. 

Safran (Crocus sativus). 1. Bota¬ 
nisches. Unter S. (als Droge) versteht 
man die getrockneten Narben aus den 
Blüten einer Crocus-Art (C. sativus var. 
autumnalis). Im Altertum und Mittel- 
alter war der S. als Gewürz und als 
Farbstoff sehr beliebt. Die Heimat des 

28* 


«7i 


872 


S.s ist der Orient, sein Anbau ist jetzt in j 
Mitteleuropa fast verschwunden 1 ). 

2. Wegen der gelben Farbe wird der 
S. in der Volksmedizin besonders gegen 
Gelbsucht verwendet. Man ißt einen 
Apfel, in den man S. gesteckt hat 2 ). 
Bösen Hals heilt man durch Auflegen 
von Speck mit S. 3 ). Gegen ,,böse Augen“ 
nimmt man nach einem alten „Brauch¬ 
büchlein“ des Simmentals „Schneeblümli“ 
(wohl der wildwachsende Frühlings-S., 
C. vernus) vor Sonnenaufgang an einem 
Freitag morgen und hänge es dann an 
den Hals 4 ). S. soll nach dem Volks¬ 
glauben sehr gefährlich sein. Wer auf 
einer gioßen S.menge eingeschlafen sei, 
sei nicht wieder auf gewacht 5 ). S. darf 
nur von kleinen Mädchen gepflückt wer¬ 
den, sonst verdirbt er 6 ). 

x ) Pauly-Wissowa 2. R. 1, 2, 1728#.; 

Tschirch Hb. d. Pharm. 2 (1912), 1466—69; 
Schräder Reallex. 2 2, 270t. 2 ) Woeste Mark 

57 Nr. 39 s= Wuttke 355 § 477. 3 ) Drechsler 
Schlesien 2, 311). 4 ) Zahler Simmenthal 58. 

6 ) Mn. nordb. Exc. 28, 197. 6 ) Wuttke 426 

§ 667. Marzeil. 

Saft s. Nachtrag. 

Sage. 

1. Verhältnis zu Märchen u. Geschichte. I 
2. Entstehung der S. 3. Wanderung und Weiter¬ 
bildung. 4. Die Arten der S. 5. Hauptformen 
der S., Erlebnis- und Helden-S. 

Nach Begriff und Sprachgebrauch ist 
Sage eine Erzählung mit einem starken 
Einschlag von sonderbaren und über die 
sinnliche Wirklichkeit hinausweisenden 
Begebenheiten, die jedoch in der Regel 
ihren Geschehensboden und unmittel¬ 
baren Ansatzpunkt in der nahe liegenden 
Lebenswirklichkeit oder in der Geschichte 
haben. Die S. haftet daher mit ihren 
Motiven an bestimmter Örtlichkeit, meist 
in der Nähe ihrer Entstehung, spielt in 
bestimmter Zeit und hat zu Handlungs¬ 
trägern meistens bestimmte Personen, und 
sie verfolgt nicht nur einen unterhalten¬ 
den Zweck, sondern den, zu belehren, 
mahnen, warnen oder zu erklären. Durch 
alles dies unterscheidet sich die S. vom 
Märchen. Freilich ist die Charakteristik 
der S. schwieriger als die des Märchens 
(s. d.). Schon wegen der Mannigfaltigkeit 
der Arten von S. innerhalb desselben 


Volkes bietet die S. ein verwdckelteres 
Problem dar. War man früher durch Be¬ 
achtung einiger Motive dazu geführt 
worden, in der S. offenbare sich am 
klarsten und tiefsten ein Sinnen und 
Sehnen des bestimmten einzelnen Volks, 
so sieht man heute, daß die verschiedenen 
in einer S. zusammenlaufenden Motive gar 
keinen spezifischen Volkscharakter auf¬ 
zeigen müssen und nur zum Teil aus ihm 
hergeleitet werden können. Man hat auch 
zu erwägen, daß viele S.n nicht alt sind; 
heute gilt als Irrtum die Ansicht v. 
Hahn’s 1 ), spätere Geschlechter hätten 
bloß S.nüberlieferungen aus grauer Vor¬ 
zeit übernommen. Sie ist indessen auch 


nicht bloße Darbietung von Kuriosi¬ 
täten, wofür man sie Anfang des 19. Jh. 
hielt; sondern sie zeigt den lebensvollen 
Ausdruck von volkstümlicher Auffassung 
und Meisterung von Geschehnissen und 


Begebnissen überhaupt. 


Das zu erkennen 


war möglich, seit die eigenartige S.n- 
literatur Islands und Norwegens bekannt 


geworden ist und die Brüder Grimm die 


2 Bände Deutsche S.n (1816. 28) her¬ 
ausgegeben haben. Von da an erblühte 
jene Sammler- und Forschertätigkeit in 
bezug auf die S.n, die erlaubte, die unter¬ 
scheidenden Merkmale der S. gegenüber 
dem Märchen ins Auge zu fassen 2 ). 

Ist S. dem. Wortsinn nach zunächst 


(ähnlich wie Märchen) eine auf münd¬ 
lichem Wege weitergeleitete Kunde von 
etwas Vorgefallenem, so ist doch nicht 
jeder Bericht, jede Kunde, auch falls in 
fortgesetzten Überlieferungsstrom ge¬ 
bracht, S., sondern nur dann, wenn die 
Wiedergabe der (geschehenen oder er¬ 
fundenen) Tatsache mittels der volks¬ 


tümlichen Anschauung von unsinnlichen 
und unkontrollierbaren Mächten zu einer 


solchen Deutung übergeleitet wird, die 
eine leichte Anwendung auf ähnliche Si¬ 
tuationen gestattet. Denn eben hiermit 
weist die S. ihren geringen Gehalt an 
lehrhaftem, mahnendem oder warnendem 


Gehalt auf, durch dessen Mitführung sie 
sich innerlich vom Märchen unterscheidet. 


Dies spielt (s. d. § 1) in seinem eigenen 
von der großen Welt unbestürmbaren 
Bereich und ist gegenüber der Ding- und 


¥ 


873 


874 


Menschenwelt so gut wie land- und volk-, 
heimat- und zeitenlos; die S. dagegen 
knüpft gern an bestimmte „historische“ 
Ereignisse an, wenn es auch bei ihnen 
weniger auf genaue historische Um- 
rissenheit als vielmehr auf das Typische, 
nicht auf die Einmaligkeit sondern auf 
die ‘Vorbildlichkeit' ankommt. Ja eine 
rein typologisch aussehende Erzählung 
wie die von den Schildbürgern oder die 
vom Eulenspiegel wird S. dadurch, daß 
irgend etwas von historischem Ansatz 
oder Kern in ihr vorhanden ist, während 
wir sie, so derselbe ihr abgeht, nicht als 
S. ansprechen sondern eher als Fabel 3 ). 

Daher verlangt die S. in höherem 
Grade als das Märchen eine Zustimmung 
zur erzählten Geschehensverkettung; das 
Märchen unter Umständen eine Zustim¬ 
mung zu der es tragenden weltanschau¬ 
lichen Idee, zumal zu dem ethischen Aus¬ 
gang. Zwar sind die Personen der S. 
nicht viel mehr als die des Märchens 
handelnde. Weder Kaiser Rotbart noch 
Karl d. Gr. noch der Rodensteiner noch 
die Jungfrau vom Lurleifels handeln. 
Das Geschehen steht auch hier vor dem 
Handeln. Das geht so weit, daß die histori¬ 
schen Personen, wenn sie in den S.n- 
zusammenhang eingehen, aus dem wirk¬ 
lichen historischen Zusammenhang ihrer 
Taten gelöst, in der Hauptsache das ört¬ 
liche Sein und Geschehen gleichsam de¬ 
korieren 4 ); eine für die Person des 
Kaisers belanglose Burggründung kann 
es sein, die im Mittelpunkt steht (vgl. 
Gründungssagen). Wohl aber stellt die 
S. die Handlung in irgend welche, wenn 
auch noch so lose, Verknüpftheit mit höhe¬ 
ren, guten oder unguten, Kräften, die 
entweder dem Menschen gelegentlich zu 
Gebote stehen oder von außen an ihn her¬ 
antreten. Anders gesagt, die Tendenz zur 
Erzählung geschichtlicher Hergänge als 
solcher gehört nicht wesentlich zur S. 
Die historischen Schlachthörner Karls d. 
Gr. mögen wie ein zeitgeschichtliches 
Kolorit erscheinen, das den Hörnern des 
Elbstieres beigegeben wird, während diese 
letzteren Hörner aus dem Gefüge der 
Wassersymbolik stammen 5 ). Das na¬ 
türliche Volk, das so gern dem Geheimnis¬ 


vollen der Geschehnisse nachsinnt, ent¬ 
rätselt das Wunderbare durch eine eigene 
Symbolik, die es deutend an die Stelle 
des Historischen setzt 6 ). Der Glaube 
gegenüber dem Erzählungsstoff bezieht 
sich folgerecht auf den tiefsten Sinn 
des Wunderbaren darin und dahinter, 
während man den äußeren Begebenheiten 
großenteils nur geringes Interesse ent¬ 
gegenbringt, wenn auch sicherlich nicht 
ein so geringes wie im Märchen. Denn die 
Könige und Prinzessinnen des letzteren 
bleiben am liebsten namen- und zeitlos; 
in der S. ist es jedoch nicht „ein“ König, 
sondern der ganz bestimmte und be¬ 
kannte, der als Held Inhaber überragender 
Kraft ist. Nur ist das in der S. von ihm 
Erzählte nicht historisch, wenn es auch 
einem Charakterzug von ihm entsprechen 
mag. Die Tiere in den Tier-S.n und die 
halbtierischen Wesen finden sich in der 
S. wegen irgend welcher Eigenarten ihres 
Wesens, die eine Kunde aus anderer 
Weltdimension in sich schließen; und 
daß es sich mit den Spuk-, Teufels- und 
Schatz-S.n ähnlich verhält, braucht nicht 
erst nachgewiesen zu werden (s. Präani¬ 
mismus). 

Daraus ergibt sich, daß die S.n trotz 
ihrer Unbekümmertheit um historische 
Genauigkeit ein wichtiges Dokument der 
geistigen Entwicklung des Volks, in dem 
sie entstanden sind, und auch desjenigen, 
von dem sie übernommen sind, darbieten 7 ). 
Für das Studium des Aberglaubens liegt 
die Bedeutung der Volks-S.n natürlich 
eben in jenen hervorstechenden Anschau¬ 
ungen, welche sich in den Vorstellungen 
von übersinnlichen Wesenheiten und Kräf¬ 
ten und Vorgängen und Vorfällen verdich¬ 
tet haben und welche oft in abergläubi¬ 
schen Ideen und Bräuchen haften ge¬ 
blieben sind. Dabei ist jedoch zu be¬ 
achten, daß durchaus nicht alle S.n, die 
sich in deutscher Überlieferung finden, 
ursprünglich aus deutschem Geiste her¬ 
vorgewachsen, sondern nicht wenige erst 
im MA. und noch später aus der Fremde 
eingewandert sind und daß es außerdem 
viele gibt, welche des Volks- und Zeitge¬ 
präges überhaupt entbehren. In diesem 
tritt wiederum eine besondere Ähnlich- 


875 


Sage 


878 



keit zum Märchen zutage, indem in die¬ 
sen S.n die primitiv-schöpferische Phan¬ 
tasie einfache Erlebnisse einer Volks¬ 
schicht gestaltet. Mit Recht sagt daher 
Ranke 8 ): ,,Es ist noch niemandem ge¬ 
lungen und wird bei der Dürftigkeit 
unserer Überlieferungen aus dem deutschen 
Heidentum kaum je gelingen, auch nur eine 
einzige der heutigen Volks-S.n mit Sicher¬ 
heit als zum Erzählungsschatz der noch 
unbekehrten deutschen Stämme gehörig 
zu erweisen“. Von irgend welchem rein 
volkstümlichen Denken und Empfinden 
legt jedoch die S. stets Zeugnis ab. 

l ) v. Hahn Sagwissenschaftliche Studien 42. 
Dagegen Kuhn Mythol. Studien 2 ) Müllenhoff 
Altertumskunde 1, 537; Boeckel Volkssage 
iff. 3 ) Ranke Sagen Xlllf. 4 ) Meyer Germ. 
Myth. lyf. 5 ) Rochholz Sagen 2, 17. 6 ) Lieb¬ 
recht Zur Volksk . 29t. 7 ) Ebd. 8 ) Ranke in 
Meier Deutsche Volkskunde 200 und Sagen 
9 und ZfDkde. 1922, iff. 


2. Unter allen diesen Voraussetzungen 
darf man behaupten, daß die S. ,,das 
Archiv der Urgeschichte eines Volks“ 9 ) 
ist und sohin Untergrund dessen, was als 
Aberglaube erscheint — nicht etwa erst 
später sondern, wie gleich näher beleuch¬ 
tet wird, gleichzeitig mit der Entstehung 
der S., die häufig noch aus dem Fels¬ 
gestein des Aberglaubens gebildet wird. 
Etwas kühner nennt man die S. selber 
„dramatisierten Aberglauben“ 10 ). Folge 
des hiermit bezeichneten Verhältnisses 
ist, wo es sich um älteste S.nüberlieferung 
handelt, daß aus verblaßten, abgeschobe¬ 
nen S.n sich ein Rückstand abergläubi¬ 
scher Vorstellungen erhält. Dies ist 
namentlich bei Lokalsagen der Fall, die in 
der Regel Natur- oder Geister-S.n sind, 
die sich an irgendwelche auffallend ge¬ 
formte Felsen, erratische Blöcke, Schluch¬ 
ten, seltsame Pflanzen oder Steinbildun¬ 
gen, Irrlichter, Nebelmassen, Gewitter¬ 
wolken usw. ingleichen an die lokale Ge¬ 
schichte und deren Erzeugnisse, Ruinen, 
Trümmer u. dgl. anschließen, um das in 
ihnen den menschlichen Sinnen entgegen¬ 
tretende Ungewöhnliche in einem präg¬ 
nanten Zuge zu erfassen. Aus der ‘nach¬ 
barlichen' oder geschäftlichen Berührung 
mit jenen Erscheinungen erwächst, wie die 
Brüder Grimm 11 ) es ausdrücken, eine 


Art inwendiger Verbindung, die sich auf 
die Eigentümlichkeit eines jeden dieser 
Gegenstände gründet und zu gewissen 
Stunden ihre Wunder zu vermehren be¬ 
rechtigt ist. Derartige S.nbildung ist 
durchaus nicht in der Gegenwart erschöpft, 
sondern vollzieht sich andauernd weiter 12 ). 
Naturdeutende S.n sind in höchster 
Mannigfaltigkeit in aller Welt zu finden, 
denn die Natur fordert immer wieder zur 
klärenden Bearbeitung ihrer Prozesse 
auf 13 ). Nicht selten gehen sie aus den 
bereits gefügten Formen des Aberglaubens 
hervor oder benützen eine solche, um den 
Begebnisstoff zur S. zu formen. Manch¬ 
mal sind es ganz einfache Erklärungen 
einer solchen Erscheinung, manchmal 
ätiologische Umdeutungen. Wenn Glüh¬ 
würmer zu wirklichen Lichtern werden, 
mit denen zwergische Wesen spazieren 
gehen, ist ersteres der Fall; letzteres etwa 
in der S. vom Homberg: Wer sein Ohr 
an ihn legte, konnte drinnen die Zwerge 
klopfen und hämmern hören; denn viele 
von ihnen sind vorzügliche Schmiede. 
Die Bauern haben ihnen früher oft einen 
Pflug oder sonst ein Gerät vor ihre Höhle 
gelegt, die sie am nächsten Morgen aus¬ 
gebessert vorfanden. Dafür legten sie 
ihnen ein Geldstück oder einen Pfann¬ 
kuchen hin. Nun hat sie aber mal der 
Hüggelmeier geprellt, indem er weniger 
als verlangt war hinlegte und mit dem 
ausgebesserten Pflug davonraste. Aber 
ein glühendes Eisen schoß hinter ihm 
drein — heißt es hier, und nicht, daß 
seitdem die Zwerge den Menschen nichts 
mehr ausbesserten — was häufiger Schluß 
ist, um den Wandel der Zeiten begreiflich 
zu machen 14 ). Sonst nämlich wird die 
Ätiologie (s. d.) nicht nur auf den An¬ 
fang sondern auch auf das Auf hören einer 
seltsamen Erscheinung bezogen; man 
denke an die vielen Geschichten von ge¬ 
neckten oder getäuschten Zwergen. — 
Oder es soll erklärt werden, wie ein un¬ 
geheurer Steinblock mitten in einem 
Wald oder Feld steht, den kein Mensch 
dorthin gebracht haben kann: dann war 
es ein Riesenwurf. Und es wird weiter ge¬ 
fragt, weshalb der Riese den Wurf tat; 
vielleicht um jemanden zu bestrafen, der 


ihn beleidigt hatte; oder der betreffende j 
Riese wird mit dem Teufel identifiziert, ] 
der an Gott Rache nehmen wollte, indem | 
er die Kirche des Dorfs bewarf; aber ! 

1 

natürlich verfehlt der Teufel das Gottes- j 
haus. . . . Solche Natur-S.n entstehen 
immer neu. Märkische und schlesische 
Schäfer, von Ort zu Ort und von Provinz i 

4 

zu Provinz ziehende Müllerburschen, ! 
Brauer- und Schmiedegesellen haben sich ! 
als Bringer neuer S.n einen Ruf erworben j 
gehabt 15 ). -— Eine Grippenepidemie er- ! 
zeugte durch Ausdeutung eines lange i 
anhaltenden üblen Geruchs eine neue S. j 
vom „Pesträuchlein“ 16 ). Eine andere 
ganz moderne Grippen-S. erzählt, ein 
Bursch machte einen Babautsch (mensch- j 
liehe Figur) und sprach: Das ist jetzt die j 
Grippe, aber wir wollen tanzen, uns soll i 
sie nicht unterkriegen. „Sieben der I 
jungen Leute sollen nun bald gestorben i 
sein, weil sie mit so ernsten Dingen Spott 
getrieben' f 17 ). Ausdeutungen von mensch- i 
ähnlichen Gestalten in Gemäuer wird, ! 
nachdem die alten Deutung in Vergessen¬ 
heit geraten, neuerdings zur S. von einer 
neugierigen und eingemauerten Nonne j 
gestaltet; und zwar, obgleich die geschicht¬ 
liche Unmöglichkeit von vornherein auf j 
der Hand liegt, da an der Stelle nie ein 
Frauenkloster gestanden hatte 18 ). 

In beiden Fällen läßt sich eine das Tat¬ 
sächliche sehr entstellende Phantasie¬ 
tätigkeit bemerken, bisweilen auch krank¬ 
hafte Phantasie. Z. B. der in zahlreichen 
Varianten wiederkehrende Schimmel¬ 
reiter, schon von Uhland für ein Nebel¬ 
wesen gehalten, erscheint einem Mann 
aus Stockach bei Tübingen, der mit 
seinem Sohn vom Markt heimkehrt, als 
kopfloser Reiter (NB. der Nebel macht 
selten die genauere Kopfform möglich in 
seinen Schwaden); die beiden fallen den 
Berg hinunter und können nicht wieder 
herauf kommen, fanden sich aber an 
einem großen Wasser, an dem der Schim¬ 
melreiter auf und ab jagte, bis er darüber 
hinreitend verschwand 19 ). 

Allein diese Betrachtung darf nicht zu 
der Verallgemeinerung verleiten, daß alle 
S.ngestalten, zumal die grotesken, Phan¬ 
tasieerzeugnisse seien, d. h. phantastische 


Umdeutungen von Naturbegebenheiten. 
Gerade der Schimmelreiter vieler S.n 
wird wohl mit Recht von Forschern für 
Umsetzung einer alten mythischen Glau¬ 
bensgestalt in die S.ngestalt gehalten, 
etwa Wotans. Hat doch die gewaltsame 
Ausrottung des alten Glaubensgutes um 
die Wende vom 8. zum 9. Jh. die alte 
Göttermythe genötigt, ihre Zuflucht in 
der S. zu suchen. Eine alte Chronik be¬ 
richtet, Karl der Große habe durch die 
Schreibermönche alle alten S.n und Lieder 
der deutschen Volksstämme sammeln und 
aufschreiben lassen; aber plötzlich sei ein 
gewaltiges Brausen entstanden, das die 
Mauern erzittern machte, und die empor¬ 
lodernde Glut habe die herrlichen S.n- 
schätze in Wotans wildes Heer hinaufge¬ 
schleudert, wobei eine Stimme zu ver¬ 
nehmen war: „Du hast unser Volk er¬ 
schlagen, das freie Geschlecht der Sach¬ 
sen vernichtet, uns aber sollst du ewig 
nicht in deinem J oche bannen! “. Auf Grund 
unsrer Kenntnis von Kaiser Karls Ab¬ 
sicht wird angenommen, daß jene Chronik 
das an den S.n begangene Zerstörungs¬ 
werk Ludwigs des Frommen auf jenen 
überschrieben habe 20 ). Jedenfalls ent¬ 
hält die S. auch in diesen mythischen 
Umbildungen nicht reine Phantasie¬ 
erzeugnisse; wozu vgl. den Artikel My¬ 
thologie, Mythus. — Daß andererseits 
krankhafte Phantasie starke s.nbildende 
Kraft entfaltet hat, darauf hat Ranke 
hingewiesen 21 ). Insbesondere kommen 
hierfür die S.n von Luftentrückungen in 
Betracht, die nach Ranke an Erlebnisse 
auf psychopathischer Grundlage gemah¬ 
nen 22 ). Der typische Verlauf solcher 
S.n aus Süddeutschland, der Schweiz und 
Österreich läßt einen einsam wandernden 
Mann dem tobend heranziehenden wilden 
Heer begegnen, von dem er, weil er sich 
ihm entgegenstemmt, oder ihm zuruft, 
in die Luft entführt wird, so daß er erst 
nach langer Zeit in die Heimat heimkehrt. 
Ein Mann erzählt, auf seinen Anruf hin 
sei er von der furchtbaren Gewalt des 
Wirbelwindes fortgerissen worden. Als 
der Tag gebleicht, sei er zu sich gekommen 
und habe sich mitten in wildem Gebirge 
befunden. Die drei Tage seitdem habe er 



879 


882 



88o 


aller möglichen vorhandenen Anschauungs¬ 


881 Sa e e 

lingssklaven öfters einen Apfel auf den 


zur Heimkehr ins Dorf gebraucht 23 ). 
„Der Knecht lebt noch und ist jetzt 
Hirte in Stützheim“. Die spezifischen 
epileptischen Dämmerzustandsreisen ge¬ 
ben ganz ähnliche Erlebnisse. Daher: 
„Die S.n von der Luftfahrt mit dem 
wilden Heer sind weder Überbleibsel aus 
dem Erzählungsschatz des germanischen 
Heidentums, wie etwa Grimm und vor 
allem Simrock das wollten; der Wunder¬ 
mantel, auf dem Odin seinen Liebling 
Haddingr durch die Luft über Land und 
Meer in die Heimat trägt, die Luftreise 
mit Teufels Hilfe, durch die Heinrich der 
Löwe, Thedel v. Walmoden und andere 
ma. S.nhelden gerade zur rechten Zeit 
zur Gattin zurückkehren, haben mit 
unsrem Motiv direkt nichts zu tun oder 
brauchen wenigstens nicht herangezogen 
zu werden, wenn wir die Entstehung 
unseres Motivs begreifen wollen. Noch 
weniger stammen diese S.n aus jener 
noch viel älteren Periode primitivsten 
Denkens vor aller Göttervorstellung und 
geben etwa in naiver Auffassung am 
Himmel beobachtete Ereignisse wieder, 
wie Wilh. Schwartz undElardH. Meyer das 
vermuteten . . sondern es handelt sich 
hier um rein individuelle Erlebnisse, bei 
deren Apperzeption und Formgebung die 
alten Vorstellungen das Erfassungs- und 
Darstellungsmittel sind 24 ). Auch die 
S.n von Begegnungen mit dem ,,Auf¬ 
hocker“, dem „Huckup“, der nachts dem 
einsamen Wanderer auf die Schulter 
springt und sich tragen läßt, bis der Träger 
atemlos und verängstet unter der Last 
zusammenbricht, wie manch andre S. 
aus solcher Nähe des Spukreichs ist einer 
krankhaft erregten Phantasie zuzuschrei¬ 
ben, die ihr Erzeugnis als Wirklichkeit 
hinstellt 25 ). Die Psychopathologie hat 
auch ihr Wort zu sprechen über die 
schwere Last, die dem Menschen vom 
wilden Jäger aufgebürdet wird und durch 
die er einen Buckel bekommt, von dem 
er — wann eben der psychische Zustand 
sich ändert — befreit wird 26 ). Es ist 
ein ausgesprochener Erlebnischarakter, 
ein Gesichts-, Gehörs- oder Riecherlebnis, 
das der S. in solchen Fällen zugrunde 
liegt. Das Erlebnis wird aber mittels 


und Vorstellungskomplexe angeeignet, da¬ 
her mit Zügen aus einfacher Umgebung, 
aus der nächtsbekannten Geschichte, aus 
der Religion und Magie, aus Mythus und 
Fabelreich ausgestattet; und wenn das 
schon am Anfang der Bildung einer S. 
geschieht, wie viel mehr erst während 
ihres Ganges durch ein Volk, durch Völker 
und durch Zeiten! 

9 ) Köhler Voigtland 444. 10 ) Wehrhan 

Sage 27. n ) Grimm Sagen Vorwort. 12 ) Wehr¬ 
han a. a. O. 27t. 13 ) ZfVk. 16, 394. 14 ) Prestel 
Der unheimliche Grund (1933) 125. 15 ) Kühnau 
Sagen 3, 197. 16 ) SchwVk. 11, 17. 17 ) Ebd. 

18. 18 ) Ebd. 4, 3t. lö ) Meier Schwaben 105. 

20 ) Wehrhan a. a. O. 55t. 21 ) Ranke in 

Meier DtVkde . 208 u. öfters. 22 ) Ranke 
Sage und Erlebnis in BayHfte. 1, 40ff. 23 ) Stö¬ 
ber Der Kochersberg , zitiert bei Ranke BayVkde. 
41. 24 ) Vgl. Ranke Sage Xff. 25 ) Ranke in 
Meier DtVkde. 208t. 2C ) Ranke Sage m. 119. 

Das führt uns zur Frage nach 

3. Wanderung und Weiterbildung der 
S. — Zunächst ist zweifellos eine fort 
und fort weitergeführte Abwandlung der 
Einzelzüge einer und derselben S. beim 
bloßen Weitererzählen festzustellen. Das 
Ergebnis dieses Prozesses kann sein, daß 
sämtliche Einzelzüge variiert werden. Da¬ 
her ist anzunehmen möglich, daß S.n, die 
auf den ersten Blick verschwindende, 
immerhin aber doch einige schwach ge¬ 
meinsame Züge aufweisen, dennoch des¬ 
selben Ursprungs sind und Varianten 
einer Urform der betreffenden Art be¬ 
deuten. Wenn ein historischer Name 
mit dem Kern der S. verbunden ist und 
bleibt, so ist es leicht, die Verwandtschaft 
zu erkennen, ist ihre Leugnung kaum 
durchzuführen; wie z. B. bei den jüdischen, 
arabischen und deutschen Formen der 
Erzählung vom Besuch der Königin von 
Saba bei Salomo 27 ). In anderen Fällen 
rückt das Fehlen solchen gleichen Kerns 
die Wahrscheinlichkeit gemeinsamen Ur¬ 
sprungs in die Ferne und möchte trotz 
strengster Ähnlichkeit in markanten Stri¬ 
chen auf verschiedenen Entstehungsort 
und -modus geschlossen werden. Ein 
Problem dieser Art gibt die Materie des 
„Tell“-typus auf. Es bleibt unverwehrt, 
die aus dem 12. Jh. bekannte persische 
Form, nach der ein König seinem Lieb- 


Kopf legte, um ihn herabzuschießen, 
worauf der Sklave jedesmal die Angst¬ 
neurose bekam, mit der norwegischen 
aus dem 13. Jh. zusammenzunehmen, nach 
welcher König Nidung von Eigil die 
Schußprobe abverlangt, vom Kopf seines 
•dreijährigen Söhnchens einen Apfel ab¬ 
zuschießen; Eigil, der drei Pfeile zu sich 
genommen, antwortet dem König auf 
die Frage nach dem Zweck der beiden 
anderen Pfeile, nachdem er mit dem ersten 
den geforderten Schuß getan (ganz wie 
Teil dem Landvogt), daß diese Pfeile 
dem König für den Fall eines Fehlschusses 
zugedacht waren. Ferner gehört eng 
dazu die dänische Fassung, nach der 
König Harald, der in dem von ihm selber 
provozierten Wettschießen unterlag, dar¬ 
aufhin von seinem Rivalen verlangt, daß 
■er eine Haselnuß vom Haupt seines 
Bruders schieße, was glücklich ausgeführt 
wird. Eine andere Form begegnet in 
England, eine weitere ist die von Puncher 
aus der Heidelberger Gegend, der in bezug 
auf den zweiten Pfeil die Tellantwort 
gibt 28 ). Kommen wir hier auf einen 
altarischen S.nkom oder S.nkreis? Ist 
solcher Untergrund auch vorhanden bei 
dem Variantenkreis der treuen Weiber 
von Weinsberg 29 ) ? Die ohne Schwierig¬ 
keit zu bejahenden Fälle solcher Art 
zeigen eine außerordentliche Wanderfähig¬ 
keit der S.n. Andere hingegen, welche 
die Bejahung jener Frage erschweren oder 
ablehnen möchten, wollen als Beiträge 
zum Elementargedanken (s. d.) gewertet 
werden. Bieten Sprach- und Volksgrenzen 
dem Wandertriebe der S. keinen Halt, 
so muß gleichwohl in jedem einzelnen 
Falle gesondert die Frage aufgeworfen 
werden, ob die betreffende S. mit diesem 
Inhalt und in dieser Fassung nicht doch 
selbständig aufgetreten sein könne. Denn 
was einmal als Erzählungsstoff geboten 
wird, kann auch mehrere Male auf¬ 
scheinen, da ja auch die Anlässe zur 
Bildung eines S.ninhaltes sich wieder¬ 
holen können. Ähnliche Situationen hel¬ 
fen vor allem einer S., die entscheidenden 
Blick ins Volksleben wirft, zur Aufer¬ 
stehung. Indem auch so S.nstoffe wandern 


und sich verändern, entschwinden und 
neu erstehn, werden auch ihre mythischen 
Bestandteile abgewandelt. Aus Göttern 
werden Helden oder umgekehrt aus Heroen 
Götter, aus den drei germanischen Schick¬ 
salsgöttinnen z. B. drei weiße Jungfrauen, 
die unter drei Gesichtspunkten bevor¬ 
stehendes Geschick künden in der ins 
Jahr 1832 verlegten S. von der Be¬ 
gegnung des Försters im Hartwalde bei 
Karlsruhe mit den drei weißen Ge¬ 
stalten 30 ). Ebenso ändern sich die Per¬ 
sonen und die Örtlichkeiten, wenn die 
S. sprungweise in verschiedenen Gegenden 
bekannt wird. Dabei wird sie unter Um¬ 
ständen in allen ihren Teilen neu geprägt, 
wobei das Bewußtsein von ihrem früheren 
Vorhandengewesensein verloren gehen 
kann. In diesem Sinn spricht man auch 
vom periodischen Auftreten der S. 31 ). 

27 ) Wehrhan 33h 28 ) Ebd. 34h 2B ) W. Hoff- 
mann Sage v. d. Weinsberger Weibertreue 1925; 
Ranke Sage 20; Ranke in Meier Dt. Vkde. 
211 ff. 30 ) Mones Anzeiger f. Kunde d. dt. MA. 
1835, 307; Wehrhan 39. 3l ) Steinthal Das 

periodische Auftreten der Sage in ZfVölker- 
psychologie 20, 306ff.; vgl. ZfVk. 27, 2i6ff. 
241 f.; Dieterich Kleine Schriften 285f. 

4. Die Einteilung der verschiedenen 
Arten von S.n ist mittels mehrerer Prin¬ 
zipien versucht worden. Die äußerlichste 
nach Landschaften ist genötigt, dieselbe 

S. oft zu wiederholen, macht jedoch da¬ 
durch die Verbreitung einzelner S.n eben¬ 
so wie den Einfluß der geographischen 
Eigentümlichkeiten bei der Stoffgestaltung 
besonders anschaulich. Dem Bedürfnis 
nach Anschaulichkeit dienen vor allem 
die Sammlungen der S.n nach Land¬ 
schaften und Ländern 32 ). Der Versuch 
einer chronologischen Anordnung und 
Gruppierung stößt naturgemäß auf die 
größten Widerstände, und die Brüder 
Grimm haben sich gegen die chrono¬ 
logische Gruppierung ausgesprochen; zu¬ 
gleich gegen die sachliche 33 ). Sie be¬ 
obachteten, daß eine Einteilung in Zwer¬ 
gen-, Riesen-, ätiologische usw. S.n des¬ 
halb daneben schießen müsse, weil in 
fast jeder S. die verschiedenen dabei als 
Einteilungsgründe benützten Elemente 
verwertet und miteinander verwachsen 
sind. Wehrhan meint dagegen, daß 



88 3 


Sage 


Sage 


886 



doch in jeder die Hinneigung zu einer 
der so entstehenden Gruppeneigentüm¬ 
lichkeiten vorschlage 34 ). Den kritischen 
Einwendungen nach der einen und an¬ 
deren Seite sucht Meie he 35 ) durch fol¬ 
gende Einteilung zu entgehen: Haupt¬ 
teile mythische und geschichtliche S.n 
(denen als 3. Hauptteil die romantische 
oder literarische angereiht wird, die je¬ 
doch für die eigentliche S.nforschung von 
weniger ausschlaggebender Bedeutung ist). 
Die mythischen Sagen teilt Meiche nach 
den darin hervortretenden Geistwesen 
oder, wo solche fehlen, nach Begebnissen 
und dinglichem Gegenstand und erhält 
die 6 Teile: 1. Seelens.n (a) Körper und 
Seele, b) Seelenheer und Geisterkämpfe, 
c) bergentrückte Geister, d) Tiergespen¬ 
ster, e) Gespenster in Menschengestalt, 

f) Spuks.n, Poltergeister, g) Irrwische, 
Feuermänner, Druckgeister, Binsenschnit¬ 
ter. (NB. Man hat zu beachten, daß 
die hier mit aufgeführten Untertitel sich 
aus dem speziellen Forschungsgebiet M.s, 
dem alten Königreich Sachsen, ergeben). 
2. Elbens.n (a) Hausgeister, b) Luft- 
und Erdgeister, c) Wald- und Feld¬ 
geister, d) Wassergeister). 3. Dämonen- 
und Götters.n (a) Tierdämonen, b) Berg¬ 
dämonen, c) Winddämonen, d) Riesen, 
e) Götter). 4. Teufelss.n (a) der Teufel, 
b) Teufelsbündnisse, c) Zaubers.n). 
5. Wunders.n. 6. Schatzs.n (a) Glocken - 
und b) eigentliche Schatzs.n). — Die 
geschichtlichen S.n teilt M. in 1. Landes¬ 
geschichtliche (a) aus der Urzeit, b) aus 
religiösen Bewegungen, c) aus Kriegs¬ 
nöten, d) aus Fehdetagen, e) aus den 
Tagen der Pest). 2. Ortsgeschichte (a) S.n 
von Gründung und Benennung von Orten, 
b) Bergbaus.n, c) Sprungs.n, d) Stein- 
kreuzs.n, e) Baus.n, f) Handwerkss.n, 

g) Spotts.n, h) Verschiedenes). 3. Fa¬ 
miliengeschichte (a) Geschlechter-, Hel¬ 
den- und Schilds.n, b) S.n über einzelne 
Personen). 

Mit diesem Schema könnte vielleicht 
der Versuch Wundts überholt erscheinen, 
der aus der Entwicklungsgeschichte der 
S. drei Stufen herauslesen will, die Orts- 
und Stammess., die Helden- und, aus 
ihr hervorgehend, die Götters. als auf¬ 


steigende Formen; so jedoch, daß die 
niederen Formen nicht aussterben, wenn 
die höheren entstanden sind, in ihrem 
allgemeinen Erzählungsgang aber deut¬ 
lich gegenübertreten, anderseits Orts- und 
Stammess. dauernde Bestandteile auch der 
spätesten S.nbildung bleiben 36 ). In¬ 
dessen wird es gerade eine Aufgabe zu¬ 
künftiger S.nforschung sein, die von 
Wundt betonten Momente zwecks des 
Verständnisses der zeitlichen Aufeinander¬ 


folge der hauptsächlichsten Grundformen 
der S. zur Geltung zu bringen, ihnen 
näher nachzugehen und zu erkennen, 
was daraus folgt, daß der Örtlichkeits¬ 
faktor in der ganz überwiegenden Zahl 
der S.n ein außerordentliches Über¬ 
gewicht besitzt. Wenn man unter diesem 
Eindruck in die lokal bestimmte geistige 
Urzeit des Volks zurückzugehen trachtet, 

| so erscheinen Seelen- und Geisters.n 
(die irgendwie von Tod und Verstorbenen 
handeln, und ätiologische Stammes¬ 
und Ortss.n im Vordergrund. Diese 
beiden Gruppen ließen sich etwa als 
Natur- und Kulturs.n aufteilen, falls 
man gewillt ist, die Gespensters.n ebenso- 
wie die Dämonens.n zu ersteren zu 
rechnen (was aber oft auf erhebliche 
Schwierigkeit stoßen wird). Ganz wird 
man freilich um eine Kreuzung nach 
diesen beiden Gesichtspunkten nicht her¬ 
umkommen, ohne zu andern unliebsamen 
Wiederholungen und unglücklicheren Über¬ 
schneidungen genötigt zu sein 37 ). 

32 ) Hanke in Meier DtVkde. 326fr. ,,Samm¬ 
lungen“ ; Wehrhan a. a. O. 114fr. 33 ) Grimm 
Sagen Xff. 34 ) Wehrhan 106. 35 ) Meiche 

Sagen Inhalt. 38 ) Wundt Mythus u. Rel. 3, 
341 ff. 37 ) Ein weiterer wesentlicher Vorschlag 
einer Einteilung der Sagen ist von K. Plenzat 
Sage und, Sitte , gemacht; vgl. auch Ranke bei 
Meier DtVkde. 196fr. 


5 - Wenn man sich nun einige Haupt¬ 
gestalten an Beispielen verdeutlicht, so 
lassen bereits die S.n der Primitiven 
erkennen, wie leicht, ja wie wesenhaft 
sich mit der Naturs. die Elemente der 
Kulturs. und der Heldens, verbinden. 
Nehmen wir die ganz einfache S. von 
dem Mann, der ein Licht auf der Stange 
trägt und damit den Mond anzündet, der 
seitdem vorhanden ist und allabendlich 


angezündet wird, so sieht man das In¬ 
einandergreifen der genannten Momente 
in solchen einfachen erklärenden S. Das¬ 
selbe ist bei den ätiologischen S.n der 
Fall. Wird ein grotesker Fels oder Baum 
damit erklärt, daß er der Überrest eines 
gewaltigen halbmenschlichen - halbticri- j 
sehen Wesens ist, eines Urfahren eines 
Klans des Stammes, dem der Klan seine 
Existenz und sein Wissen samt seinen 
Fähigkeiten verdankt, so bewegen wir 
uns bei der Apperzeption dieser Vor¬ 
stellungen zwischen Natur- und Kultur- 
sowie zwischen Dämonen-, Helden- und 
Götters. Die Neugestaltung solcher S. 
von einfacherer Art erfuhr ich, als ich 
mich mit einem Arussi-Galla im süd¬ 
lichen Abessinien über die Sitte seines 
und aller Nachbarstämme, nur rohes 
Fleisch zu genießen, unterhielt; er sagte 
mir, das Feuer habe erst sein Großvater 
über die Berge von Süden her geholt; ; 
und seine umstehenden Landsleute schie- i 
nen das zu bestätigen. Natürlich ist der j 
Gebrauch des Feuers dort viel älter. 

Die Ätiologie ist die häufigste Form 
der Orts- und Stammess., welche selber 
die ursprünglichste Weise aller S.n zu 
sein scheint. Man fragt nach dem Wo¬ 
her auffallender Erscheinungen der Um¬ 
gebung, mächtiger Bauten, der steinum¬ 
randeten Gräberstätten, die nicht als 
solche erkannt sind, des singenden Tons 
oder Glockenklingens auf Meeresgrund 
(Untergang von Städten wie Vineta) und 
weiß bisweilen auch etwas über die Ver¬ 
anlassung solchen Geschehens zu sagen. 
Bei bedeutenderen Örtlichkeiten pflegt 
die Idee des Unheimlichen, des Zauber- 
und Spukhaften stärker zu werden. Weiter 
erscheinen als Träger des Unheimlichen 
die Inhaber gewisser Berufe, die aus 
alter Vorstellung her mit Teilen der 
Geisterwelt in besonderer Berührung 
stehn: der Schmied, der Bergmann, der 
Glaser. Der erste hat zu Gegenspielern 
gern Zwerge und Kobolde, die beiden 
anderen den Berggeist, den Rübezahl, der 
Jäger den Waldschrat. Falls aber das 
Unheimliche nicht in dieser Weise person¬ 
haft oder an einen Dämon gebunden ist, 
ist der bestimmte Ort durch es aus¬ 


gezeichnet oder ein dort befindlicher 
einzelner Gegenstand 38 ). Natürlich pflegt 
eine solche Ortss. den lokalen Charakter 
darin zu bewahren, daß sie in der Regel 
auf das begrenzte Gebiet der Umwohner 
des als unheimlich empfundenen, ver¬ 
rufenen Orts beschränkt bleibt. Der 
Inhaber der (guten oder bösen) über¬ 
menschlichen, unheimlichen Kraft ist zu¬ 
nächst streng lokal gebunden, tritt jedoch 
bisweilen in die Weite hinaus. Die den 
fleißigen Zwergen zugehörigen Schmiede 
haben an der leichten Beweglichkeit des 
Zwergengeschlechts teil (vgl. die wan¬ 
dernden, plötzlich an anderem Ort auf¬ 
tauchenden „Venedigers-Zwerge). Der 
,, Schuhmacher“ im Wetterloch oder in 
der Felsenhöhle (nord. Schuhschmied) 39 )_ 
Sohlenhämmernd, war er vielleicht An¬ 
laß zum ,,ewigen“ und wiederkehrenden 
Schuster, der dann die Wolkenschuhe 
über die Erde trägt 40 ). 

Unter den Stammess.n haben die Ab¬ 
stammung s s.n lange Zeit eine besondere 
Rolle gespielt. Diese lassen sich bis in 
die primitivsten Urfahrens.n hinaufver¬ 
folgen; diese letzteren wiederum nehmen 
gern die Gestalt von Wanders.n an. 
Schon da sind es stets irgendwelche Er¬ 
lebnisse, die in die sagenhafte Erzählung 
I gekleidet werden: wir haben es mit der 
Erlebn iss. zu tun. Ein anderes Bei¬ 
spiel einer solchen ist die Pests., eine 
reine Ortss., in der der Pestdämon oder 
-drache die Hauptgestalt ist, während 
der von ihm gepeinigte Mensch ohne 
jegliche Individualbedeutung ist: nicht 
der einzelne Erlebende, der ja nichts 
vom Gewöhnlichen Abweichendes erlebt, 
sondern das Erlebte allein wird durch die 
S. betont. Selbst eine Naturs. wie die 
von der Prinzessin Ilse, die allmorgend¬ 
lich mit dem ersten Sonnenstrahl hervor¬ 
tritt, sich im Flusse zu baden, gehört 
hierher; Erleben und Wunsch mitsammen 
fügen die Erzählung. Hier wie in den 
S.n von der Albin Frene, von Ursula, 
in den Alps.n wird selbst die dämonische 
Gewalt als die ungenannte geheimnis¬ 
volle finstre Macht eingeführt, wie es in 
der Primitivzeit üblich war. Z. B. die 
I Kuh wird im Stall während der Nacht 



88 ; 


Sage 


Sakrileg 


89O 



getötet und wiederbelebt, da sie in er- ; 
mattetem Zustand daliegend angetroffen 
wird; das Pferd ist vom Alp abgehetzt ! 
worden. Was der Mensch an Druck- 
und Erschöpfungszuständen an sich er- : 
fahren hat, das überträgt er hier auf das | 
Vieh. Es ist verständlich, daß man den . 
Alptraum und das Erwachen aus ihm i 
als Sterben und Rückkehr ins Leben ! 
schildert. Drum steht so auch in manchen 
S.n der Mensch selber als der Getötete 
und Wiederbelebte da. Wenn Hexen 
aus dem Mädchen im Walde ihre Speise j 
kochen und das Mädchen nach der i 
Wiederbelebung nicht wieder ganz frisch 
wird, sondern dahinwelkt 41 ), so wird das 
von vielen wohl mit Recht auf ein 
,,Traum“-Erlebnis gedeutet, d. h. auf ein 
unbewußtes Erfahrnis von etwas inner¬ 
lich Strukturiertem, und erinnert an die 
von Primitiven als böse, schwarze Magie 
gedeutete Erfahrung des schnellen Hin- 
siechens, das auf Fett- und Lebenssaft¬ 
entziehung seitens des schwarzzaubernden 
Feindes beruhe 42 ). Die Betontheit dieses 
Moments in der S. beleuchtet das reiche 
Material davon in den Menschenfresser-, 
Blutsauger-, Vampir-, Martens.n. Das 
entgegengesetzte Motiv kommt dagegen 
zur Geltung in den S.n von den Nacht¬ 
weiblein, die spinnend nächtlicherweile 
des Menschen Tageswerk zu Ende führen; 
vom Klabautermann, der auf dem Schiff 
wie die anderen Kobolde im Hause dem 
Menschen Arbeit abnehmen; von den 
kleinen und wilden Leuten, den Moos- 
und Holzleuten, Wichteln und Fanggen, 
Saligen und Wasserleuten usw. Die alle 
sind durch die Völker hin in ähnlichen 
Formen verbreitet. Die von ihnen han¬ 
delnden S.n lassen sich im wesentlichen 

als Erlebniss.n bezeichnen, in denen das 

* 

Übergroße, Gewaltige, Unsinnlich-Un- 
heimliclie von außen in die menschliche 
Sphäre hineintretend erlebt wird, worauf 
dies Erlebnis in seiner Erzählungsform 
anschaulich festgehalten wird 43 ). 

In den Hel den s.n, die später auf¬ 
getreten sind, und deren Ausbildung wir 
besonders in Griechenland, Eran, Indien, 
Babylonien, bei den Kelten, Finnen, Ger¬ 
manen und Russen verfolgen 44 ), wird 


das Gewaltig-Unheimlich-Übergroße als 
innerhalb der menschlichen Wesenssphäre 
vorhanden geschaut und in der Gestalt 
des Helden erblickt und geehrt. Den 
Hintergrund dieser Heldens.n bilden in 
der Regel nationale Kämpfe und Wande¬ 
rungen (vgl. die nordischen Wandersagen), 
Staaten- und Städtegründungen und -Zer¬ 
störungen, die oft hinüberführen und aus- 
laufen in die langen Irrfahrten („Odys¬ 
seen“) des Haupthelden und seiner Ge¬ 
treuen. Der historische Rahmen, der 
durch jenen Ansatzpunkt geliefert wird, 
ist von Anfang durch den auf das Histo¬ 
rische abschwächend wirkenden mythisch¬ 
poetischen Kern gesprengt: der Held wird 
zum Heros gestempelt, und schon seine 
Geburt und Kindheitsentwickelung weisen 
übernatürliche Züge auf. Dadurch ist 
nicht etwa schon eine Richtung auf den 
Kultus der Person hin gezogen. Wohl 
aber will der Hörer der S. im Helden 
und in den Helden zugleich eine Be¬ 
gegnung mit der übersinnlichen Sphäre 
haben. Daß die S. solcher Art einem 
religiösen Bedürfnis entspricht, ist nicht 
zu leugnen; das religiöse Gut tritt dann 
aber schon in jener Form auf, welche 
dem Aberglauben zugerechnet wird; stark 
gezeichnet in den Berserkern, die deshalb 
auch in der Sage, wo sie sich sehen 
lassen, keine Nebenrolle spielen. Doch 
welch eine Verschiedenheit zwischen der 
Odyssee und dem Nibelungenlied, gerade 
in dieser Hinsicht, und dann wieder 
zum Mahabharata! Man darf sagen, 
daß unter diesen drei S.n die deutsche 
am wenigsten Magisches aufweist und 
die Beziehung zur unheimlichen Sphäre 
am schwächsten betont. Allerdings wel¬ 
cher Unterschied wiederum zwischen dem 
Hildebrandlied und Jung Siegfried! Die 
sich ausbildende S.nrichtung hat indessen 

in den nordischen Sagas gewisse Vorläufer. 

38 ) Wundt Mythus u. Rel. 3, 35off. 39 ) Laist- 
ner Nebelsagen 291. 40 ) Ebd. Nr. 342. 41 ) Zin- 
gerle Sagen Nr. 586t; Schneller Wälschtirol 
21 f. 42 ) Beth Rel. u. Magie 154*?. 43 ) Alpen¬ 
burg Mythen 7. 44 ) Brunnhofer Schweiz. 

j Heldensage i. Zushang. m. d. dt. Götter - u. 
Heldensage (1911). 

Umfassende Angaben von Sammlungen der 
deutschen S.n findet man in Karl Wehrhan 
Die Sage (1908) S. 108—162. Hier braucht 


bloß genannt zu werden das grundlegende 
Werk der Brüder Grimm Deutsche Sagen, 
1816 u. 1818, 4. Aufl. 1908; ferner Onno Klopp 
Geschickten, charakteristische Züge und S.n der 
deutschen Volksstämmc 1851; die Sammlungen 
von Ludwig Bechstein Deutsches Sagenbuch 
1853, Romantische Märchen und Sagen 1855, 
Altdeutsche Märchen, Sagen und Legenden 1863, 
Großmutters Märchen- und Sagenschatz 1863. 

K. Beth. 

Säge s. N achtrag. 

sagen s. reden 7, 542 ff. 

Saite. 1. Reißt ohne äußere Veran¬ 
lassung die S. eines Instrumentes, so gibt 
es bald Hochzeit*) oder ist, nach ver¬ 
breiteterem Aberglauben, ein Todesfall 
zu erwarten 2 ) bzw. eingetreten 3 ). 

2. Ist ein Instrument mit S.n aus 
Wolfs- und Schafsdärmen bespannt, so 
läßt es sich nicht rein stimmen, auch 
springen die S.n rasch 4 ); sind die S.n 
aus Schlangen verfertigt und hören 
Schwangere dem Spiele zu, so treibt dies 
die Leibesfrucht ab 5 ). Zauberkundige 
Spielleute vermögen andere Menschen 
unwiderstehlich zum Nachfolgen zu zwin¬ 
gen, falls es ihnen gelingt, deren Haare 
auf ihr Instrument zu spannen 6 ); nach 
den Tönen der Geige, auf die der Teufel 
vier seiner Haare gespannt hat, muß 
jedermann tanzen 7 ). Die Harfe mit 
S.n aus Haaren der Ertränkten verrät 
den Mord 8 ). 

L ) Spieß Fränkisch-Henneberg 152. Dänisch: 
Wenn bei einem Gelage eine S. auf der Geige 
des Spielmanns zerplatzt, so sind entweder 
Brautleute auf dem Tanzboden, oder ein tanzen¬ 
des Paar wird sich alsbald verloben (E. Tang 
Kristensen Gamle folks foczrllinger om det 
jyske Almueliv, Tillcegsbind I (Arhus 1900) 
3. Afd. S. 94 Nr. 576). 2 ) Fr. X. Pritz Über¬ 

bleibsel aus dem hohen Altertum (Linz 1854) 86. 
*) Wuttke 225 § 320; SchwVk. 3, 74 (Guitarre; 
Unglück in der Familie oder im Verwandten¬ 
kreis); Jegerlehner Sagen 2, 176 Nr. 63; 
Hahn Griechische u. alban. Märchen 2 (1864), 
15. 21 f. = E. S. Hartland The Legend of 
Perseus 2 (1895), 11 = ZfVk. 20, 70 Nr. 9 = 
FFC. 107: E 761. 5. 2. — Daß es Regen bedeute 
(s. Joh. Colerus Oeconomia ruralis et domestica, 
Mayntz 1645, I S. 7 Nr. 164) ist eine wohl zu¬ 
treffende Beobachtung. 4 ) Jo. Bapt. Portae 
Magiae Naturalis Libri Viginti (Ffti. 1607) 
Lib. XX cap. VII S. 658; Maennling 273; 
Th arsander 3, 528 (ablehnend im Anschluß 
an ein Experiment von Athan. Kircher). 
*) Porta a. a. O. S. 659. 6 ) Karl Meyer- 

Jelmstorf Heimatkunde des Kr. Ülzen (1931) 
540f. 7 ) Bo11e-Po 1 ivka 2, 30r — von Dit- 


furth 52 ungedruckte Balladen (Stgt. 1874) 
S. 104—115 Nr. 30 (angeblich aus einem alten 
geschriebenen Liederbuch aus Hofheim). 8 ) 
FFC. 49, bes. S. 166—172; Grundtvig Dan- 
marks gamle Folkeviser Nr. 95; Child The 
English and Scottish Pop. Ballads Nr. 10; 
Liestol-Moe Norske Folkeviser 1 (1920), 

Nr. 29; Lowry Charles Wimberly Folklore 
in the English Sc Scottish Ballads (Chicago 1928) 
68 — 72; Feilberg Ordbog 3,603; MoM. 1909, 
S. 37 — 51. — Eine Zauberformel, die Geigens.n 
zum Springen zu bringen ist mitgeteilt bei 
Lappmannen Jon Johanssons Signerier och 
Besvärjelser utg. av Ossian Lindskoug 
(Malmö 1917) S. 56. Seemann. 

Sakrileg deckt sich inhaltlich mit dem 
Begriff des Frevels, vgl. 3, 79. Statt 
dieses deutschen Namens für die Be- 


! leidigung höherer, heiliger Gewalten be- 
| gegnet in der Literatur gern jene gelehrte 
| lateinische Bezeichnung. Unter sacri- 
legium haben die alten Römer an erster 
j Stelle einen Tempelraub, eine Entwendung 
j beweglicher heiliger Sachen aus heiliger 
i Stätte verstanden x ). Die römische 
Kirche hat dieses Wort und seinen Sinn 
beibehalten und allmählich erweitert 2 ), 
wie häufige Definitionen in Bußbüchern, 
j päpstlichen Dekreten und Synodalent¬ 
scheidungen, z. B. des 9. Jh.s 3 ), zeigen, 
so daß S. als ein bedeutungsvoller Be¬ 
griff ins kanonische Recht übergegangen 
ist. Der Volksglaube versteht unter 
S. über den Raub heiliger kirchlicher 
Gegenstände und Gelder 4 ) hinaus zu¬ 
nächst auch die Schändung christlicher 
Heiligtümer wie vor allem im Hostien¬ 
frevel 5 ), in der mutwilligen Beschädigung 
(SchußVerletzung) von Kruzifixen, deren 
I Wunden bluten 6 ), oder von Marien- und 
j Heiligenbildern 7 ). S. ist jede Entweihung 
(Abbruch) von Kirchen 8 ) und Kirch¬ 
höfen 9 ). Sakrilegisch ist weiter der Mi߬ 
brauch kirchlicher Gebräuche als wie das 


feierliche Begräbnis eines geliebten Hun¬ 
des 10 ) oder die Taufe eines Tieres und 
gar einer Puppe, eines Wachsbildes, um 
dieses für einen Zauber zu stärken 11 ). 
Als S.e sind ferner alle Feiertagsentheili¬ 
gungen aufzufassen, die in der Regel 
Erzählungen von göttlichen Strafgerichten 
zugrunde liegen 12 ). Aber auch ein über¬ 
mütiges Leben, das, eben zumeist an 
einem Feiertag gipfelnd, zu Gott Vergessen¬ 
heit und Speisefreveln führt, ist gewiß 



Sakrileg 


Salamander— Salbei 


894 




nicht erst vom christlichen Gefühl als 
sakrilegisch getadelt und gefürchtet wor¬ 
den und durch ein Gottesgericht bedroht, 
vgl. 3, 972 ff. 1068 ff. Solche Frevel¬ 
sagen, wo man sich am Brot vergeht, etwa 
in Schuhen aus Brot tanzt 13 ), aus Käse 
und Butter Stiegen baut 14 ), sind überall 
heimisch, vorzüglich in den Alpen. In 
erweitertem Sinne sakrilegisch sind andere 
ruchlose Taten, die sich an geheiligten 
Wesen und Dingen vergreifen und dem 
Täter Unglück bringen müssen, als wie 
das Zerstören von Schwalbennestern 15 ). 
Ebenso kann freventliche Empörung des 
Kindes gegen Vater oder Mutter zum 
S. gerechnet werden; die Kinderhand, die 
sich frevelnd erhoben, wächst aus dem 
Grabe hervor, ein verbreitetes Motiv 16 ). 
Den Frevler trifft wunderbare, augen¬ 
blickliche oder rasche Strafe an Leben 
oder Gesundheit — er erblindet; das 
Glied, mit dem er gefrevelt hat oder 
welches an einem heiligen Bilde getroffen 
worden ist, stirbt ab — 17 ), er wird in 
Stein verwandelt 18 ) oder wenigstens un¬ 
überwindlich zurückgewiesen oder fest¬ 
gebannt 19 ); nach seinem Tode muß er 
umgehen 20 ), vgl. wilder Jäger. Straf¬ 
wunder hemmen versuchte, von der Gott¬ 
heit nicht gewollte Kultübertragungen im 
Altertum wie in früherer und späterer 
christlicher Zeit (Reliquiendiebstähle) 21 ). 
Auch frevelndes Reden und Verspotten 
kirchlicher Gebräuche ist gefährlich und 
bringt Unheil, besonders für Schwangere 22 ). 

1 ) Pauly-Wissowa 2. R. 1, 2, 16780.: fur¬ 
tum rei sacrae e loco sacro. 2 ) Ebd. i68of. 
3 ) Sacrilegium dicitur sacrarum rerum lesio id 
est direptio videlicet librorum et ecclesie orna- 
mentorum scilicet palliorum, vestimentorum, 
turibulorum, calicis sive omnium ecclesiarum 
substantiarum, Poenitentiale Valicellanum II 
c. 41, Schmitz Bußbücher 374. 445; s. a. 
Corpus Juris Canonici ed. Friedberg (1879) 1, 
8i5ff. (causa 17, qu. 4, bes. c. 3ff. I2ff. 18. 21); 
im erneuten kanon. Recht als technischer Be¬ 
griff ziemlich fallen gelassen, Codex Juris 
Canonici 1917 can. 119. 2320. 2325. 2346; in 
frank. Zeit durch Teeren u. Federn des ge¬ 
schorenen Hauptes bestraft, Brunner Dt. 
Rechtsgeschichte 2 (1928), 788. 4 ) Zingerle 

Sagen 523; Alemannia 3, 268; 4, 243h; Meiche 
Sagen 83. 124. 174; Mackensen Nds. Sagen 186. 
5 ) S. o. 3, 7ff. 33; 4, 4140. 819t.; Heyl Tirol 18; 
Lütolf Sagen 161; Künzig Baden 86; Quen- 
sel Thüringen 297; Kruspe Erfurt 1, 28ff.; 


Lütolf Sagen 347; 
1, 205 f.; Müller 

15. 12 ) Vgl. Sabbat, 


Peuckert Schlesien 133f.; Grässe Preußen 1, 
61 ff.; Niederhöffer Meckl. Sagen 2, 145; 
Mackensen Hanseat. Sagen yoi. ; NdZfVk. 5, 
229f.; 7, i6if. 6 ) S. o. 3, 8. 140.; 5, 6380.; 
Malleus pars 2 qu. 1 c. 16 = WürttVjh. N. F. 
19, 417; Birlinger Volksth. 1, 423fr; Meier 
Schwaben 291 = Kapff Schwaben 115; Künzig 
Schwarzwald 212. 233; Zingerle Sagen 447; 
Jungbauer Böhmerwald 107; Zaunert Hessen- 
Nassau 189; Westfalen 295; ZfrwVk. 1903, 242; 
ZfVk. 16, 177. 7 ) Alemannia 3, 268 (schwed. 

Frevler, ebenso Kühnau Sagen 3, 402. s. a. 
405. 412f.); Birlinger Schwaben 1, 63. 68. 81 f. 
304. 429; Künzig a. a. O. 233; Ivuoni St. 
Galler Sagen 24 f.; Cysat 66; Jungbauer 
a. a. O.; Grässe a. a. O. 1, 474; 2, 668f. 

8 ) Künzig a. a. O. 212 (Taufstein). 234; ders. 
Baden 8; Jungbauer a. a. O. 201I; Kühnau 
a. a. O. 3, 413; Wolf Beiträge 2, 17; Macken¬ 
sen Hanseat. Sagen 71 f.; NdZfVk. 7, 160 f.; 
s. o. 4, 1402; 5, 1780. 9 ) BIPommVk. 7, 99 f.; 
s. o. 3, 93. 10 ) Rochholz Naturmythen 87 f.; 

vgl. Mackensen Nds. Sagen 157 f. n ) Meiche 
Sagen 692; Schönbach Berthold v. R. 27 f.; 
F i e n t Prättigau 139 f.; 

Herzog Schweizer sagen 
Urner Sagen 1, 73; s. o. 3 
Sonntagsheiligung, Mann im Mond (6, 512 f.); 
Grimm Myth. 2, 598 f.; Simrock Mythologie 
24 f.; Kühnau Sagen 2, 491 f. 496 f.; 3, 387 ff. 
408; BIPommVk. 7, 98 ff.; Mackensen Nds. 
Sagen 162 f. 1840.; Zaunert Westfalen 295!.; 
Birlinger Schwaben 1, 73 ff.; Künzig Schwarz¬ 
wald 212; Kruspe Erfurt 2, 16 f. (Franzosen 
entheiligen den Karfreitagabend durch Possen¬ 
spiel im Dom, plötzlich erlöschen alle Lichter); 
NdZfVk. 5, 217. 228 f.; 7, 158 ff.; R. Beitl Dt. 
Volkstum d. Gegenwart 68; SAVk. 27, 
166 f. (Beispiele der jüngsten Vergangenheit). 
13 ) Grimm Sagen Nr. 233. 2350.; Ranke 
Sagen (1923) 237 ff. 243; s. o. Brotfrevel i, 
1583 f. 1597 ff.; Frau Hütt 3, 972 f.; 4» 5451 vgl. 
die Zusammenstellungen in NdZfVk. 5, 220 ff.; 
7, 162 f.; s. a. Zaunert Westfalen 294 f.; Sieber 
Harzland 13 ff.; Lyncker Sagen 179; Künzig 
Schwarzwald 276. 304; Reiser Allgäu 1, 242 = 
Kapff Schwaben 59. 14 ) ZfdMyth. 2, 350t. 

(Tirol); Müller Urner Sagen 80; s. o. 1, 1724 f.; 
4, 1042 b; Milch 6, 252 ff. 15 ) Schramek 
Böhmerwald 244; Heckscher 388 Anm. 289; 
Künzig a. a. O. 214; NdZfVk. 5, 220; s.a. 
Leiche 5, 204. 1093 f.; 6, 190; töten; Neugierde 
1. 1393 ; 6, 1018 f. 16 ) S. o. 3, 1054 f. 1380; 
Mackensen Hanseat. Sagen 72; Grässe Preu¬ 
ßen 2, 431 f. (Stettin); Zaunert Westfalen 330; 
Rheinland 2, 203 b; Müller Urner Sagen 1, 

71 ff.; auch durch Hostienfrevel begründet, 
Künzig Baden 86. 17 ) Z. B. Grässe Preußen 
1, 58. 216 f. 474; 2, 183. 446. 510. 542. 571. 
668 f. 681; Zaunert Westfalen 294 f.; Lyncker 
Sagen 179; Meiche Sagen 124. 174. 199; Sieber 
Sachsen 84. 325; Jungbauer a. a. O. 35. 107; 
Birlinger Volksth. 1,4230.; Schwaben 1,68. 

72 ff. 304; Baader Sagen 49; Künzig Schwarz¬ 
wald 233; Lütolf Sagen 347; Cysat 66; 


Sebillot Folk-Lore 1, 196. 421; 3, 141; 4, 270. 
384. 18 ) Ranke a. a. O.; Kühnau Sagen 3, 

3870.; Niederhöffer Meckl. Sagen 4, 38; 
Mackensen Nds. Sagen 1840.; Meiche Sagen 
124; Bavaria 1, 313; ZfVk. 16, 177 b 181; s. o. 
3, 980 ff.; 4, 1043 f. 19 ) Z. B. Alemannia 3, 
268; Birlinger Schwaben 1, 63. 81 f.; Lütolf 
Sagen 533; Zingerle Sagen 523. 20 ) NdZfVk. 

7, 8 f. 12; Mschles Vk. 3132 (1931), I2if.; 
John Westböhmen 180; Meiche Sagen 83. 174; 
Rochholz Naturmythen 87!.; Lütolf Sagen 
161; Sebillot 1, 168 f. 21 ) Schmidt Kultüberlr. 
104b 22 ) Brückner Reuß 178; Quensel 

Thüringen 297; Kühnau Sagen 3, 399. 403 f. 
412 ff.; Grässe Preußen 2, 542; Niederhöffer 
a. a. O. 4, 38; BIPommVk. 7, 101; Schell 
Bergische Sagen 520; Künzig Baden 86 ff.; 
Bavaria 1, 313!.; Freisauff Salzburg 651; 
s. a. Rankea. a. O. 291; NdZfVk. 5, 229; 7, 163b ; 
vgl. Fluchen 2, 1648 ff.; Gotteslästerung 3,973. 
978 ff. 1066 ff.; 4, 5 f.; 5, 883, Messer 6, 199 f., 
Teufel. Müller-Bergström. 


Salamander s. Molch 6, 455 ff. 

Salat s. Salbich 5, 922 b 

Salbei (Salvia officinalis). 1. Bota¬ 
nisches. Stark duftender Lippenblütler 
mit z. T. verholztem Stengel, filzig be¬ 
haarten, runzeligen Blättern und violetten 
in Scheinquirlen vereinigten Blüten. Der 
aus den westlichen Mittelmeerländern 
stammende Halbstrauch wird schon seit 
langer Zeit in Bauerngärten gezogen. 
Er gehört zu den alten südeuropäischen 
Heilpflanzen, die ihre Verbreitung im 
deutschen Garten hauptsächlich den 
Klöstern bzw. der Mönchsmedizin ver¬ 
danken l ). Bekannt ist der Spruch der 
Mönchsmedizin: „Cur moriatur homo, 
cui salvia crescit in hortis“ ? 2 ). Vgl. auch 
„Wer auf S. baut — den Tod kaum 
schaut“ 3 ) und die Volkssprüche ,,Woar 
a Shaubaischtaudn muess mer in Huat 
anam“ 4 ) oder „Du willscht krank sei(n) 
und hoscht Salb im Goade!“ 5 ). Ebenso 
kennt man in Italien 6 ), Frankreich 6 *) und 
England 7 ) entsprechende Reime. 

Marzeil Kräuterbuch 173 f.; Heilpflanzen 
144 — x 5 °; Tschirch Hb. d. Pharmakognosie 
2 ( T 9 12 ), 1028b; vgl. auch Fr. Paullini 
Sacra herba seu nobilis Salvia etc. Augustae 
Vindelic. 1688, 414t. 2 ) Renzi Collectio 

Salernitana 1 (1852), 469. 3 ) DWb. 8, 1687. 

4 ) Satter Gottscheer Pflanzennamen 18. 5 ) 

Wilde Pfalz 219. 6 ) Pitre Usi 3, 253. 6a ) Rol¬ 
land Flore pop. 8, 181.185. 7 ) Dy er Plants 143. 

2. In der gelehrt-magischen Literatur 
(nach Hermes Trismegistus?) dient der 
S. zauberischen Zwecken. Wird das 


Kraut in den Mist gelegt, so wird daraus 
ein Wurm oder ein Vogel, der einen 
Schwanz wie eine Drossel hat. Wenn 
einer mit dem Blut dieses Tieres berührt 
wird, so verliert er die Sinne auf einen 
Monat oder länger. Wenn man die Asche 
i des Wurmes ins Feuer streut, so ent- 
| stehen Blitz und Donner. Wenn das 
: Pulver in eine Ampel getan und diese 
; entzündet wird, so erscheint das ganze 
| Haus voll von Schlangen 8 ). 

■ 8 ) Albertus Magnus 1508, cap. 12; Mi- 

zaldus Memor. Centur. 1592, 80; Alpenburg 
Tirol 399 (also kein Tiroler Aberglaube!). 

| 3. Im MA. brachte man den S. gern 

mit den Kröten in Verbindung: „die 
kroten ezzent gern salvei, aber man 
scheuht si da von, der nähent rauten 
(s. d.) da pei setzt“, sagt Megenberg 9 ). 
Darauf nimmt auch die Novelle Boc¬ 
caccios 10 ) bezug von Simona und Pas- 
quino, die sich die Zähne mit einem 
S.blatt reiben und davon sterben, 
weil eine Kröte am S. stock saß. 
Hans Sachs 11 ) hat in seiner „Historia, 
wie zwey liebhabende von einem salven- 
blat stürben“ den gleichen Stoff be¬ 
handelt. In Thüringen soll einst ein 
Mädchen anstatt eines Kindes eine hä߬ 
liche Kröte zur Welt gebracht haben, 
nachdem ihr eine Hexe eine S.suppe zu 
essen gegeben 12 ). Poppe 13 ) erklärt 
die Beziehungen zwischen S. und Kröte 
nach der Signaturenlehre: „Wann man 
die Blätter der Salbey wohl betrachtet, 
so sehen dieselben gleichsam abschewlich 
wie eine Kröte fdie Blätter sind runzelig 
wie die Haut der Kröte!], daraus haben 
die Alten wahrgenommen und befunden, 
daß dieses Kraut den Frosch oder die 
Kröten unter der Zunge [Froschge¬ 
schwulst, ranula] stüle und vertreibe“. 
Diese „Erklärung“ dürfte aber wohl eine 
sekundäre sein. 

9 ) Buch der Natur ed. Pfeiffer 421; ebenso 
Albertus Magnus De Vegetabilibus 6, 450; 
Schroeder Apotheke 1134. 10 ) Decamerone 

37. Erz. u ) Werke hrsg. v. Keller u. Goetze 
2, 223ff. 12 ) Paullini Sacra herba seu nobilis 
Salvia etc. 1688, 412. 13 ) Kräuterbuch 1625, 542. 

4. In der alten Sympathiemedizin 
spielt der S. eine große Rolle. Eine Hs. 
des 15. Jh.s aus dem Schloß Wolfsthurn 


895 


Salbei 


Salige 


Salz 


898 



897 


(Tirol) bringt „für das Fieber“ folgendes 
Rezept: „Nym 3 salvaypletter auff ainem 
stengel ains morgens vor der sunnen 
vnd schreyb auff das ain blatt 7 pater f 
pax, auff das ander plat f filius f vita, 
auff das dryt plat schreyb f Spiritus f 
sanctus sit tibi contra febrem remedium 
amen. Das du drey morgen vor der 
sunnen vnd alle male so nym 3 pletter, 
dor noch so sprich funff pater noster 
vnd funff aue maria vnd ain glauben“ 14 ). 
In ähnlicher Form kehrt dies Rezept, 
das offenbar aus dem ,,Evangile des 
Quenouilles“ stammt 15 ), häufig wieder 16 ). 
Um Liebe bei einer Person zu erwecken, 
nimm drei S.blätter und schreib auf das 
erste Adam Eva, auf das andere Jesus 
Maria, auf das dritte deinen und ihren 
Namen. Brenn diese Blätter zu Pulver 
und bringe dies der Person beim Essen 
oder Trinken bei 17 ). „Nimb ein salbinen- 
blatt und stich mit einer ungebrauchten 
nadlen 3 Löcher dadurch und nimb al- 
wegen von deinem haar eins und von 
iren eins und zieg in die drei Löcher, das 
sie nit mögen herauspfahlen, nimb das 
salbinenblat, da die har instekhen, wickhle 
es zuesamen und vermachs in unge¬ 
brauchtes Wachs, darnach gehe zue 
einem Tauffstein und legs darauff und 
sprich: ich tauff dich im Namen Gottes 
Vatters vnd des Sohnes und des hl. 
Geistes. Amen, gang dann in das haus, 
da sie ist und vergrabs undter der thür¬ 
schwöllen, dass sie auss- und eingehet, 
so muoss sie dich lieb haben“ 18 ). Gegen 
das viertägige Fieber gab man dem 
Kranken neun Tage nacheinander S. zu 
essen, dergestalt, daß er am ersten Tag 
neun Blätter und die folgenden immer 
eines weniger nehmen mußte 19 ). Das 
Antidotarium Bruxellense schreibt gegen 
Fußwunden sieben S.blätter vor 20 ), und 
in West-Sussex ißt man gegen Fieber 
sieben Morgen hintereinander sieben S.¬ 
blätter 21 ). Bei ,,Mundfäule“ der Kinder 
hängt man drei S.blätter in den Kamin. 
Wenn diese verdorren, weicht auch die 
Krankheit 21 ). 

14 ) ZfVk. 1, 174. 15 ) Rolland Flore pop. 

8 , 186. 16 ) MschlesVk. 18, 22; Alemannia 

27, 113; SAVk. 7, 50; Ohrt Danmarks Trylle- 


I formier 1917, 212f. 17 ) Jahn Hexenwesen 318. 
18 ) Besegnung aus einem 1727 geschriebenen 
Heft im Archiv Donaueschingen: Alemannia 
2, 131; vgl. auch Scheible Kloster 10 (1856), 

! 177. 19 ) Zincke Oecon. Lexik. 1744, 2, 2499; 

1 das Rezept stammt aus der ,,Maison rustique“ 

| des 16. Jh.s: Rolland Flore pop . 8, 186; es 
ist auch in England bekannt: Dy er Plant s 293. 

20 ) Theodor. Priscianus ed. Rose 1894, 392. 

21 ) Black Folk-Mcdic. 1883, 122. 21 ) Manz 

Sargans 77. 

5. Wenn man den ,,Salvenstock“ am 
Karfreitag vor Sonnenaufgang beschneidet 
dann gerät er recht gut 22 ). In Ober¬ 
franken dienen die S.stengel hin und 
wieder als,,Lebensrute“ zum ,,Fitzein“ 23 ).. 
Wirft man einen S.stengel in den Bach, so 
trocknet dieser aus. Auch bedienen sich 
die Diebe des S. zum Öffnen der Schlösser 
(Quelle?) 24 ). 

22 ) Birlinger Volksth. 1, 472 = Fischer 
SchwäbWb. 5, 545; Reiser Allgäu 2, 116; 
Walther Schwab. Vk. 1929, *44 - 23 ) Heimat¬ 
bilder aus Oberfranken 3 (1915), 121 4 (19*6), 
17. 24 ) Montanus Volksfeste 147. 

6. Ab und zu erscheint auch der bei 
uns überall wildwachsende Wiesen-S. 
(S. pratensis) 25 ) im Aberglauben. In 
einer hessischen Sage bekennen die beiden 
„Wildeweibchen“ (Holzleute) beim Roden¬ 
stein: „Wenn die Bauern wüßten, zu was 
die wilden weißen Haiden (s. Heidekraut) 
und wilden weißen Selben (der sonst 
blaue Wiesen-S. blüht selten auch weiß, 
s. Wegwarte) gut sind, dann könnten sie 
mit silbernen Karsten hacken“. Als 
einmal ein „Wildweibchen“ von den 
Bauern gefangen wurde, rief ihm das 
andere zu: „Sag alles, sag alles, nur nicht 
wozu die wilden weißen Haiden und die 
wüden weißen Selben gut sind!“ 26 ). 
Ganz entsprechend ruft in einer fran¬ 
zösischen Sage eine „Fee“ ihrer ge¬ 
fangenen Genossin zu: „Verrate nicht 
das Geheimnis des S., denn wenn die 
Reichen es wüßten würden sie die Armen 
den Hungertod sterben lassen“ 27 ). In 
Oberbayern pflückt man am Ulrichstag 
(4. Juli; Mäusepatron) mittags 12 Uhr 
den Wiesen-S., damit kann man Mäuse 
vertreiben 28 ). 

25 ) Marzeil Kräuterbuch 274. 26 ) Wolf 

Sagen Nr. 82. 87 = Ranke Sagen 2 181. 27 ) Se- 
billot Folk-Lore 3, 481 = Rolland Flore pop. 
8, 185. 28 ) Marzeil Bayr. Volksbotanik 47. 

Marzeil.. 


Salige s. Nachtrag. 

Salm s. Lachs 5, 884 f. 

Salomon s. Nachtrag. 

Salomonssiegel s. Weißwurz. 

Salpeter wurde im MA. vielfach 
verwendet 4 ). Eine magische Verwen¬ 
dung des S.s als Volksheilmittel ist 
aus dem Erzgebirge belegt. Dort 
trägt man gegen Zahnschmerzen ein 
Säckchen, in dem S., Kampfer und 
Schwefel liegen, acht Tage lang auf der 
Brust und wirft es dann über den Rücken 
in einen Bach 2 ) (vgl. wegschwemmen). 
Die Alchemisten stellten aus vermoderten 
Leichnamen und menschlichen Gebeinen 
S. her, und viele schwuren darauf, daß 
dieser die Seele des Steins der Weisen 
enthalten müsse 3 ). Die hauptsächlichste 
Verwendung fand der S. zur Bereitung 
des Schießpulvers, das eine völlige Um¬ 
wandlung im Kriegführen herbeiführte. 
Daß jetzt jeder Bube mit der von einer 
unheimlichen, rätselhaften Kraft aus dem 
Büchsenrohr getriebenen Kugel den 
tapfersten Kriegsmann aus der Ferne 
niederstrecken konnte, mußte bei aber¬ 
gläubischen Leuten zu der Meinung 
führen, daß der Teufel dem ruchlosen 
Erfinder zur Verwendung des S.s geraten 
habe, daß das Schießpulver eine Teufels¬ 
gabe sei 4 ), gegen die man sich nur 
durch Amulette und Schußsegen schützen 
könne 5 ). 

*) Lonicer 53; Hellwig Kalender 63. 
2 ) Wuttke 336 § 501 — Seyfarth 223; 

Spieß Obererzgebirge 27. 3 ) Peters Pharma¬ 

zeutik 1, 277. 4 ) eb. 2. 149 f. 6 ) MschlesVk. 4 
(1897), 88 ff. f Olbrich. 

Salz. 

Das Salz im Kultus. Alle Kräfte, 
welche das Volk dem S.e beimißt, gehen 
letzten Endes auf seine Verwendung im 
Kultus zurück. Bereits die Griechen 
und Römer bedienten sich des „heiligen“ 
Meerwassers oder, wenn dieses fehlte, 
gesalzten Wassers zu Weihungen und 
Entsühnungen, des Salzes zu abwehrenden 
Opfern. S. und S.wasser schrieben sie 
nicht nur eine erhaltende, sondern auch 
eine reinigende Kraft zu. Auch die 
Orientalen und Juden benutzten das S. 
zu Reinigungsopfern 1 ). Das Christen- 

Bächtold - Stäubli, Aberglaube VII 


tum fand diesen Brauch vor, benutzte 
ihn bei der Aufnahme der Katechumenen, 
später bei der Taufe der Kinder und 
verlieh ihm unter Anlehnung an neu- 
testamentliche Stellen eine christliche 
Deutung. Die sog. Gelasianische Weihe¬ 
formel lautet: „Wir bitten dich, Herr, 
daß diese Kreatur des S.es im Namen 
der Dreieinigkeit heüsam gemacht werde 
zur Vertreibung des (bösen) Feindes . . ., 
daß es allen Empfangenden werde ein 
vollendetes Heilmittel“. ' Ähnlich lautet 
die Benediktionsformel in den Apostoli¬ 
schen Konstitutionen und bei der heutigen 
sonntäglichen Wasserweihe, bei der durch 
einen exorzistischen Ritus unter Bei¬ 
mischung von S. dem Weihwasser alle 
natürlich-dämonischen Einflüsse entzogen 
werden und es zum Übermittler gött¬ 
licher Segenskraft gemacht wird. Die 
große Masse der Gläubigen sah in der 
Taufe und dem Besprengen mit Weih¬ 
wasser nicht nur eine symbolische, sondern 
magische Handlung. Nach christlichem 
Aberglauben meinte man, geweihtes S.¬ 
wasser könne Befleckte reinigen. Un¬ 
fruchtbare fruchtbar machen, Hab und 
Gut vervielfältigen usw. 2 ). Auch den 
Germanen war die reinigende, heilige 
Kraft des S.es nicht unbekannt. Zwar 
ist der Kampf germanischer Völker¬ 
schaften um die S.quellen vor allem wegen 
der Unentbehrlichkeit des S.es geführt 
worden, auch ist die Einwirkung eddischer 
Darstellungen und Vorstellungen sehr 
fraglich. Wenn aber Tacitus als Glauben 
der Germanen erwähnt, die S.quellen 
seien dem Himmel nahe und nirgends 
würden die Bitten der Sterblichen (von 
den Göttern) aus größerer Nähe gehört, 
wenn er als weiteren germanischen Glau¬ 
ben von der fortwährenden Erzeugung des 
S.es berichtet, es sei aus entgegen¬ 
gesetzten Elementen, Feuer und Wasser, 
indulgentia numinis (durch Allvaters 
Gnade?) zusammengewachsen, so schim¬ 
mert hier doch der Glaube an das S. als 
himmelentsprungene, göttliche und darum 
heilige Gabe durch 3 ). So führen Fäden 
von orientalisch-antiken Gebräuchen, viel¬ 
leicht auch germanischen Anschauungen, 

’ über das Christentum zu dem heutigen 

29 



899 


Salz 


Salz 


902 



Aberglauben. Unendlich vielseitig und i 
tiefgreifend sind die Beziehungen des S.es I 
für das Menschenleben; der Glaube an j 
seine Heiligkeit und Kraft durchzieht j 
alle Lebensgebiete. j 

So wurde z. B. das S. ein antidämoni- j 
sches Mittel während der Fastenzeit und ! 
damit ein Heilmittel gegen angezauberte j 
Krankheiten. Hierher gehört auch das | 
Bestreuen der Fastenbrezeln mit S., was 
noch heute in katholischen Gegenden, 
namentlich in Oberbayern, üblich ist 4 ). 
Der Glaube an die Heiligkeit der S.quellen 
spiegelt sich noch in Sagen wieder von 
Geistern, die in ihnen wohnen und die, 
wenn sie ihren Unwillen betätigen, feier¬ 
lich versöhnt werden müssen 5 ). Auch 
der Aberglaube, daß Mißbrauch (Um- ! 
schütten) des S.es Unheil nach sich zieht ! 
(s. u.), geht auf die Heiligkeit des S.es 
zurück. 

1 ) ZfVk. 15 (1905b I 4 I f -; Liebrecht Zur 
Volksk. 316 f.; Pauly-Wissowa 2. R. 1, 2, 
2093 b; Höfler Fastengebäcke 81; Stemp- 
linger Aberglaube 76; ARw. 8 (1905) Beiheft 
32 f.; vgl. dazu Samter Geburt 158 ff. u. 161; 
Schleiden Das Salz, seine Geschichte usw. 
(1875), 74; Tylor Cultur 2, 441 u. 443t.; 
Herzog-Hauck RE. 17, 406; V. Hahn Das 
Salz (1873) 10 ff. 25 f. 2 ) Pfannenschmid 
Weihwasser (1870), 531; Fr. Heiler Katholi- | 
zismus (1923) 169 f. 233. 383; Franz Bene¬ 
diktionen 1, 91 ff. 166 u. 2, 179; Malleus 
Maleffcarum (Luga. 1669) 3, 2, 37 f- ; Stemp- 
linger Volksmedizin 52; Aberglaube 76; ARw. 
a. O. 35 f.; Meyer Aberglaube 189; Zedier 33, 
1303 f. ; Samter Geburt 155 f. 3 ) ZfVk. 15, 
140; Simrock Myth. 19. 177. 326; Tac. 

ann. 13 c. 57; Rochholz Sagen 2, 167; Schöpp- 
ner Sagen 1, 261 Nr. 267. 4 ) Höfler Ostern 

10; Ostergebäcke 18 f.; Grimm Myth. 3, 436 
Nr. 44; Höfler Hochzeit 22; vgl. Bronner 
Sitt’ u. Art 353 u. Meier Schwaben 388 Nr. 48; 
Jahn Opfer gebrauche 145. 5 ) Meyer Baden 

96; ZfVk. 15, 140. 

Je weiter die Zivilisation gedieh, um 
so unentbehrlicher wurde der tägliche 
Genuß des S.s. In ihm, das das Tote 
vor Zersetzung bewahrte, wohnte das 
Prinzip das Lebens. Ein so bedeutsames 
und wohltätig empfundenes Erzeugnis 
mußte der Vorzeit als heilig gelten und 
wunderbare Heilkräfte besitzen 6 ). In 
einem Grimmschen Märchen (Nr. 179) 
spiegelt sich die große Wertschätzung des 
Salzes wieder; bei der Probe, welche von 


den drei Töchtern den Vater am liebsten 
habe, sagt die jüngste: „Die beste Speise 
schmeckt mir nicht ohne Salz, darum 
habe ich den Vater so lieb wie Salz“. 
Die Unentbehrlichkeit des Salzes, die 
besonders in Zeiten, wo es teuer war, 
hervortrat, bot den Ausgangspunkt für 
das in den deutschen Volksbüchern lustig 
behandelte „Salzsäen“ der Schildbürger 7 ). 

6 ) Hahn a. O. 6 . 10 f. 7 ) Schwab u. Klee 
Die deutschen Volksbücher (Leipzig 1909) ,,Dic 
Schildbürger“ S. 188 ff.; Jahn Pommern 515 
Nr. 642 (Die Zanower); Jegerlehner Ober¬ 
wallis 228 Nr. 159 (Die Lötscher). — Zu 
der Unentbehrlichkeit des S.s vgl. den Anfang 
von M. Jokais Erzählung ,,Der eßbare Edel¬ 
stein“. — Sagen von S.quellen, die von Tieren 
entdeckt wurden, bei Eckart Südhannover 211; 
Stöber Elsaß 90 Nr. 72; Sagen von S.werken 
Pröhle Harz 8 Nr. 9. 

S. als Abwehrmittel gegen Scha¬ 
denzauber. Unter den Mineralien wird 
allenthalben das Salz als Schutzmittel 
gegen böse Mächte genannt und mannig¬ 
faltig gegen sie verwendet 8 ). Mit S. 
schützt man sich gegen Teufel und 
Hexen 9 ). Diesen ist das S. so verhaßt, 
daß bei den teuflischen Gelagen und 
in der Hexenküche das würzende S. 
fehlt 10 ). Wie überhaupt kein Geist, 
so ist auch der gespenstische Nacht¬ 
jäger nicht im Besitz von S.; er muß 
das herabgeworfene Stück Pferdefleisch 
zurücknehmen und kann auch sonst keine 
Rache an dem vorwitzigen Spötter nehmen, 
wenn man S., vor allem geweihtes, zu 
dem (herabgeworfenen) Fleische von ihm 
fordert; denn alles S. ist ihm zuwider 
und schreckt ihn ab n ). Auch die Zwerge 
verschwinden, wenn man S. zu ihrem 
Kuchen fordert; ebenso ist das Essen 
der Nixen ungesalzen 12 ). In Bayern, 
Ostpreußen und Estland muß man immer 
S. (und Brot) bei sich tragen, um Hexen 
und Hexerei abzuwenden 13 ). In der 
Pfalz glaubt man, das in den Quatember¬ 
tagen kirchlich geweihte S. schütze alles, 
worin nur einige Körnchen gestreut sind, 
vor Behexung 14 ). In Böhmen und Süd¬ 
deutschland schützt man sich gegen bösen 
Blick und Behexung, wenn man S. (und 
Brot) in die Kleider steckt 15 ). Das in 
ganz Süddeutschland am Vorabende von 
Epiphanias oder am Dreikönigtage ge¬ 


weihte S., ebenso der aus ihm hergestellte 
S.stein gelten als Mittel gegen jede Be¬ 
zauberung 16 ). Um sich vor Hexen zu 
schützen, streut man in Schlesien S.- 
körner, durch deren Zählen sie gehemmt 
werden 17 ). Häufig werden, wie wir 
schon sahen, S. und Brot im Aberglauben 
zusammen genannt. „Wer verhüten will, 
daß er nicht bezaubert werde, henget 
S. und Brod an den Hals, ihm und den 
Seinigen stätigs zu tragen", sagt Joh. 
Prätorius 18 ). Im Hexenhammer wird 
das am Palmsonntage geweihte S. den 
Richtern empfohlen, um dem Einfluß der 
Hexen zu entgehen; den verhörten Hexen 
wurde Weihwasser eingegossen, um die 
vom Teufel ihnen eingegebene Verstockt¬ 
heit zu brechen 19 ). In Oldenburg streut 
man verdächtigen Leuten kreuzweis S. 
in den Weg, dann muß die Hexe um 
dieses herumgehen 20 ). In Schlesien wirft 
man dem Fremden, dem man nicht 
traut, und dem Bettler, der, ohne Gabe 
fortgeschickt, eine Verwünschung aus¬ 
spricht, eine Handvoll S. nach; dann 
kann man nicht behext werden, man 
schützt sich dadurch auch vor Läusen, 
die einem von solchen Personen angehext 
werden könnten; als Hexen verdächtigen 
Personen, die unter einem Vorwände den 
Stall betreten, warfen die Frauen eine 
Hand voll S. in die Augen, dann schadet 
die Hexerei dem Viehe nicht 2l ). In Ost¬ 
friesland und Hessen wirft man S. ins 
Feuer, wenn verdächtige Leute im Hause 
gewesen sind. Der Verlobte, der Zauberei 
vermutet, läßt ohne Wissen seiner Zu¬ 
künftigen in die Sohlen ihrer Schuhe 
etwas S. legen (Normandie) 22 ). Mehr 
auf die reinigende, als auf die abwehrende 
Kraft des S.es geht wohl der im Kreise 
Disentis (Schweiz) herrschende Aber¬ 
glaube zurück, daß man armen Seelen 
eine Wohltat erweist, wenn man S. ins 
Feuer wirft 23 ). Der in der Oberpfalz 
vereinzelt auftretende Aberglaube, daß 
man sich gegen Hunde schützt, wenn 
man S. (und Brot) bei sich trägt, beruht 
auf dem allgemeinen Glauben an die alle 
Schädigungen abwehrende Kraft des 
S.es 24 ). Auf dieser das Böse verscheuchen¬ 
den, heiligen Kraft beruht wohl auch der 


Glaube, daß man den Hecketaler nur 
wieder los werden kann, wenn man ihn 
in S. steckt und eine behexte Büchse 
wieder gut schießt, wenn man S. auf den 
Lauf streut 25 ). Beim Besuche eines im 
Todeskampfe liegenden Menschen soll 
man eine Handvoll S. ins Feuer werfen, 

damit der Böse die Seele nicht davon 
führt 26 ). 

Die schützende und segenspendende 
Kraft des S.es begleitet den Menschen 
auf seinem Lebenswege. Neugeborenen 
Kindern legt man S. auf die Zunge, 
damit sie nicht behext werden (Olden¬ 
burg) 27 ), oder man hängt ihnen als 
Schutz gegen bösen Zauber einen Beutel 
mit S. (und Brot) um den Hals (Vieri.) 28 ). 
Verbreiteter ist die Sitte, die neugeborenen 
Kinder in S.wasser zu baden, um ein 
Beschreien oder Verhexen unwirksam zu 
machen 29 ). Wird das Kind zur Taufe 
getragen, so steckt man S. (und Brot) 
in seine Windeln, damit die Hexen keine 
Gewalt darüber haben 30 ) — ein Brauch, 
der als Aberglaube gerügt wurde 31 ) —, 
oder man steckt als Schutz gegen Hexen 
in jeden Zipfel des Tragkissens drei mit 
S. bestreute Brotstückchen 32 ). Nach 
katholischem Ritus wird dem Kinde das 
„symbolische S. der Weisheit" in den 
Mund gelegt; Luther behielt diesen Brauch 
bei 33 ). Arme Mütter legten im Mittel- 
alter neben ihr ausgesetztes Kind S., 
entweder zum Zeichen, daß es noch nicht 
getauft sei, oder als symbolischer Wunsch 
der Lebenserhaltung oder als Schutz 
gegen böse Dämonen 34 ). Wenn ein 
Mädchen ausgeht, streut die Mutter S. 
hinter ihm her, damit es sich nicht ver¬ 
liebt (Böhm.) 35 ). In Baden näht die 
Mutter der Tochter, die nach auswärts 
in den Dienst geht, S. (und Brot) in den 
Rocksaum 36 ). Am Hochzeitstage trägt 
das Brautpaar S. in der Tasche als Schutz 
gegen Behexung und böse Menschen, die 
ihm etwas antun könnten 37 ), auch steckt 
man der Braut heimlich S. in die Schuhe 38 ) 
oder näht dem Bräutigam S. (und Brot) 
in den Rockschoß 39 ). In Oberbayern 
streut die Braut oder der Bauer etwas 
geweihtes S. in alle Speisen beim Fest¬ 
mahle, um Gäste und Haus vor allem 

29* 





Unheil zu bewahren 40 ). In einigen 
Orten legt man Gebärenden ein S.brot 
unters Kopfkissen 41 ). In Baden streut 
man geweihtes S. in die Suppe der 
Wöchnerin 42 ). Geht die Wöchnerin zur 
Aussegnung, so legt man dort etwas S. 
in die Schuhe, damit ihr nichts Böses 
zustößt 43 ). Das S. begleitet den Menschen 
auch im Tode. So war es an einigen 
Orten Schlesiens früher Sitte, dem Toten 
S. (als Schutzmittel ?) in den Sarg 
mitzugeben 44 ). Dasselbe war altchrist¬ 
licher Ritus bei den Westgoten 45 ). Im 
Voigtlande, Thüringen und in der Lausitz 
machte man in der Sterbestube drei 
Häufchen S., fegte damit die Stube aus 
und warf den Kehricht auf den Gottes¬ 
acker oder aufs Feld, damit ,,der Tote i 
nicht wiederkehre' f 46 ). In katholischen 
Gegenden wird gesalzenes Weihwasser 
auf die Gräber gesprengt, um den armen 
Seelen ein Labsal im Fegefeuer zu geben 47 ). 
Im Aargau und in Baden reibt, wer die 
Leiche angekleidet hat, sich alsbald die 
Hände mit S. ab (S. als reinigendes, 
entsühnendes Mittel) 48 ). 

S. schützt auch das Wohnhaus gegen 
böse Mächte. Unter den Dingen, die der 
bergische Landmann in die zur Grund¬ 
mauer des Hauses aufgeworfenen Gruben 
streut, darf vor allem S. nicht fehlen als 

Abwehrmittel 49 ). Weit verbreitete Sitte 

ist es, in ein neues Haus zuerst S. zu 
bringen 50 ). Jungen Eheleuten wird 
beim Einzug in die neue Wohnung S. 
gereicht 51 ). In Schlesien darf auf dem 
Brautfuder S. (und Brot) nicht fehlen, 
sonst gelangt das junge Paar nicht zum 
Wohlstände 52 ). Auch auf dem west¬ 
fälischen Brautwagen muß sich stets die 
S.meste befinden 53 ). 

Wie Mensch und Haus so schützt das 
S. auch Vieh und Stall vor Behexung 
und Krankheit 54 ). Vor dem ersten Aus¬ 
treiben des Viehes streut man in Mecklen- 
burg, Franken, Thüringen, Oldenburg, 
Baden, Pommern, S. (kreuzweise) auf den 
Rücken der Tiere; dasselbe tut man in 
Thüringen, bevor man die Kuh zum 
ersten Male melkt 55 ). In Ostpreußen 
und Ostfriesland läßt man das Vieh beim 
ersten Austreiben über S. (und Eisen) 


gehen 56 ). Im Böhmerwald gibt man 
Kälbern, die zum erstenmal ausgetrieben 
werden, geweihtes S. ins Maul 57 ). In 
Leteln wurde früher den Kühen beim 
ersten Austreiben ein mit S. gefülltes 
Säckchen um die Hörner gebunden 58 ). 
In gleicher Weise schützt man das neu 
erworbene Tier. In Mecklenburg muß es 
über drei Kreuze von S. auf der Schwelle 
schreiten 59 ); in Franken streut man 
der gekauften Kuh S. auf 60 ); im Kanton 
Neuchätel gibt man jedem neuerworbenen 
Tiere eine Handvoll S. und reibt damit 
seinen Rücken 61 ). Im Sarganserland 
wird bei Stallwechsel dem Vieh ein Ge¬ 
misch mit geweihtem S. eingegeben, um 
es vor etwaigen bösen Einflüssen des 
neuen Stalles zu schützen 62 ). In Baruth 
treibt man, bevor ein neues Tier hinein¬ 
gebracht wird, die anderen Tiere auf den 
Hof und bestreut den Weg bis zur Stall¬ 
tür und die Lagerstätten und Ecken des 
Stalles mit S. 63 ). Die Hexen treiben 
besonders in den Zwölfnächten ihr Wesen. 
Deshalb streut am heiligen Abend der 
preußische Bauer S. in Stall und Krippen 64 ) 
— läßt man an ihm in Schlesien das Vieh 
S. lecken 65 ) — bekommen im Erz¬ 
gebirge an jedem der drei heiligen Abende 
Pferde und Kühe S. 66 ) — streut man im 
Harz am Abend vor Neujahr den Kühen 
S. zwischen die Hörner 67 ) — gibt am 
Abend des 5. Januar die Stallmagd im 
Böhmerwald dem Vieh geweihtes S. in 
Fressen und Trinkwasser — und reicht 
der württembergische Bauer dem Vieh 
an den Lostagen das Christkindel, d. h. 
gesalzenes Brot 68 ). Auch am 1. Mai oder 
am Abend vor dem 1. Mai bekam das 
Vieh S. ins Geleck oder in eine Handvoll 
Hafer 69 ). S. schützt die Kuh in der 
gefährlichen Zeit vor und nach dem 
Kalben 70 ). Allen neugeborenen Füllen* 
Kälbern usw. wird in Oldenburg etwas 
S. auf die Zunge gelegt 71 ). Dem neu¬ 
geborenen Kalbe gibt man in Schlesien 
und Ostfriesland S. ins Maul 72 ), in 
Baden, Schlesien, Oldenburg, Braun¬ 
schweig wird es auch mit geweihtem S. 
bestreut 73 ). Wenn eine Kuh krank ist, 
gilt sie für behext. Man wirft ihr deshalb 
unter Zaubersprüchen über den Rücken 


S. 74 ). Geweihtes S. wird vielfach kranken 
Tieren ins Geleck oder in den Trank 
gegeben 75 ). Rindvieh gedeiht gut, wenn 
man am Georgsabend mit blanker Sichel 
geschnittenes und mit geweihtem S. be¬ 
streutes Gras ihm zu fressen gibt 
(Bayern) 7e ). In Schlesien gibt man 
jungen Haushunden am Christabend drei 
Bissen Brot mit S. bestreut zu fressen, 
damit sie gute Wächter werden 77 ). Beim 
Buttem wirft man in der Oberpfalz und 
Schweiz geweihtes S., in Franken drei 
Krumen Brot mit S. ins Faß 78 ). Muß 
man zum Melken über die Straße gehen, 
so soll man, um die „bösen Leute“ abzu- 
halten, immer etwas S. in den Melkkübel 
streuen 79 ). 

Im ehemaligen Herzogtum Berg warf 
man früher einige S.körner in die Milch, 
damit sie nicht behext werden könnte; 
ebenso in Lessenig ins Butterfaß, wenn 
die Milch nicht buttern wollte. In der 
Lüneburger Heide wirft man stillschwei¬ 
gend S. ins Feuer, wenn die Milch über¬ 
kocht, wodurch die Kühe ihre Milch ver¬ 
lieren könnten 80 ). Allgemein verbreitet 
ist der Glaube, in von einem anderen 
geholte, aus dem Hause kommende, ge¬ 
kaufte, verkaufte Milch vorher etwas S. 
zu tun; sonst würden die Kühe behext 
und gäben keine Milch mehr (Ostpreußen, 
Thüringen, Hessen, Schwaben, Mähren, 
Voigtland, Schlesien, Brandenburg, Fran¬ 
ken, Siebenbürgen) 81 ). In Schlesien 
schützt man den Brotteig vor Behexung, 
indem man beim Kneten das S. kreuz¬ 
weise darüber streut 82 ). Eine weitere 
Folgerung des Glaubens an die segnende 
und schützende Kraft des S.es ist, daß 
es zum Gedeihen des Getreides in Be¬ 
ziehung gebracht wird. So bindet man 
in Ostpreußen in jeden Zipfel des Sätuches 
S., um dem Getreide Wachstum zu 
sichern 83 ). Bei Rottenburg legt man in 
den Rumpf der Sensen S., damit sie 
besser schneiden M ). Im Oberamt Weins¬ 
berg bestreut man die Garben mit S. 
und Asche, um Mäuse (Hexen?) fem- 
zuhalten 85 ). In Bayern besprengt man 
die erste eingebrachte Garbe mit S. 
und geweihtem Wasser 86 ). In Blau¬ 
beuren benutzt man schwarzes S., um 


die Ameisen von den Obstbäumen zu 
vertreiben 87 ). In der Eifel schüttet man 
in einen neugegrabenen Brunnen S.; 
dasselbe tut man in der Gegend von 
Mettmann bei Elberfeld 88 ). In Schlesien 
darf die Frau während ihrer Wochen nur 
dann an den Brunnen treten, wenn sie 
vorher eine Handvoll S. hineinwarf; denn 
sonst würde dieser unrein werden 89 ). 


8 ) Grimm Myth. 2, 923 u. 3, 440 Nr. 182; 
Bohnenberger 23; Kohlrusch Sagen 412 f.; 
Samter Geburt 157 f. •) Wuttke 281 § 411; 
Grimm Myth. 3, 459 Nr. 713 u. 454 Nr. 570; 
440 Nr. 182; Strackerjan 2, 117 Nr. 344; 
vgl. Heyl Tirol 107 Nr. 72; Lohmeyer Saar¬ 
brücken (1924), 114; Rochholz Sagen 2, 167 
Nr. 391; Liebrecht Gervasius 221 Nr. 31 
(franz. Aberglaube). 10 ) Strackerjan 1,433; 
Meyer Baden 372; Grimm Myth. 2, 876; 
Sagen 47 Nr. 67; Alemannia 17 (1889), 284; 
Hüser Beiträge 2, 14; Bräuner Curiositäten 
44; ZfVk. 7 (1897), 192 u. 245; Horst Dämono - 
vnagie 2, 212; Malleus Maleficarum 2, 2, 215. 
u ) Kühnau Sagen 2, 500 Nr. 1123 u. 501 
Nr. 1124; Kuhn Westfalen 2, 10 Nr. 17; Bech- 
stein Thüringen 2, 89 u. 120; Pröhle Harz 
126, 4; Drechsler 2, 205; Kuhn u. Schwartz 
182 Nr. 4; Langer Ostböhmen 60 Nr. 46; 
Schönwerth Oberpfalz 2, 156; Knoop Posen 
76 Nr. 116; Gander Niederlausitz 12 Nr. 36; 
I ahn Pommern 10 Nr. 9; Grässe Jägerbrevier 

2, 129 (131 f.). 12 ) Kühnau a. O. 2, 76 f. 

Nr. 743; Meiche Sagen 363 Nr. 479; Grässe 
Sachsen 289 Nr. 398; vgl. Pröhle Unter harz 
49 Nr. 127. 13 ) Wuttke 129 § 175; Selig¬ 

mann 2, 34; vgl. Spieß Fr. Henneberg 151. 
14 ) Seligmann 2, 33; Wuttke 95 § 118. 
1Ä ) Wuttke 282 § 413 u. 414. l8 ) Ebd. 69 § 79 u. 
142 § 196; vgl. Rochholz Sagen 2, 167 Nr. 391. 
17 ) Drechsler 2, 250. 18 ) Blockes-Berges- 

Verrichtung (1668) 116; vgl. Grimm Myth. 

3, 440 Nr. 182; Panzer Beitrag 1, 263. 18 ) Selig¬ 

mann 2, 332; Schindler Aberglauben 295. 
20 ) Wuttke 258 § 376. 21 ) Drechsler 2, 251 
Nr. 629 u. 2, 267 Nr. 654; Philo Schlesien 
(1885), 46; Kühnau Sagen 3, 41 Nr. 1397.' 
ähnlich Müllenhoff Sagen 214 Nr. 290. 
22 ) Seligmann 2, 34 u. 35; Heßler Hessen 
2, 386; vgl. Fogel Penns. Germ. 138 f. a3 ) Wett¬ 
stein Disentis 174 Nr. 41, ebenso Heyl Tirol 
780 Nr. 99. 24 ) Wuttke 306 § 450. 25 ) Kuhn 
u. Schwartz 470 Nr. 24; Simrock Germ. 
Myth. (1878), 461; Drechsler 3, 227 f. 

Nr. 1587. 2Q ) ZfdMyth. 2 (1854), 419* 27 ) Strak- 
kerjan 2, 202 Nr. 448 u. 118 Nr. 344; vgl. 
ZdVfVk. 3 (1893), 264; Fox Saarland 472 
Anm. 334. 28 ) Finder Vierlande 2, 13. 29 ) lohn 
Erzgebirge 50; Seyfarth Sachsen 48 u. 263; 
Höhn Geburt 260; ARw. 17, 368 f.; Selig¬ 
mann 2, 34; Samter Geburt 152; Wuttke 
381 § 580; Kondziella Volksepos 87; vgl. 

Ploß Kind 1, 227 ff. 30 ) Wolf Beiträge 1, 206; 
Seligmann a. O.; Höhn a. O. 269; Wuttke 


907 


Salz 


908 


387 § 591; Samter 153. 31 ) Birlinger Volkst. 
2, 447. 32 ) Höhn a. O. 262. 33 ) Franz Bene¬ 
diktionen 1, 221 f.; Fabricius Deposition 8, 66; 
Lammert 142; Klingner Luther 114. 

34 ) Grimm Myth. 2, 877 u. RA. 457; Zedier 
33 . I 3 ° 4 ) Schleiden 78; Stemplinger Aber¬ 
glaube 76; Rochholz Kinderlied 280; Hovorka- 
Kronfeld 1, 373; Mannhardt Germ. Myth. 
318 3 ; Du Cange Gloss. s. v. (anno 1408). 

35 ) Grohmann 211. 36 ) Meyer Baden 373; 

vgl. Fogel Penns. Germ. 153 Nr. 720. 37 ) Bir¬ 
linger Aus Schwaben 1, 415; John Erzgebirge 
94; Köhler Voigtland 234; Kuhnu. Schwartz 
434 Nr. 283; Engelien und Lahn 244 Nr. 73; 
S am ter 151; Höhn Hochzeit 1, 15. 38 ) Reiser 
Allgäu 2, 284 Nr. 37; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1, 76; Kück Lüneb. Heide 139; vgl. 
Samter 150 4 (Normandie). 39 ) Schlesien all¬ 
gemein. 40 ) Lammert 156; Wuttke 374 
§ 567; vgl. Haupt Lausitz 2, 151 Nr. 252 
(Wenden). 41 ) Höhn Geburt 260. 42 ) Meyer 

a. O. 390. 43 ) Meyer 393; vgl. Ploß Kind 1, 

229. 44 ) Drechsler 1, 297. 4Ö ) Samter 154 2 ; 
Stemplinger Volksmedizin 52. 46 ) Grimm 

Myth. 3, 464 Nr. 846; Samter 32 u. 155; 
Witzschel Thüringen 2, 262 Nr. 87; Wuttke 
4 6 5 § 737 ; vgl. Drechsler 1, 305. 47 ) Kühnau 
Sagen 1, 24. 48 ) Samter 152; Wuttke 463 

§ 73 3 - 49 ) Montanus Volksfeste 18; ZfVk. 15 
(1905). M 5 * 50 ) Grimm Myth. 3, 477 Nr. 1142 
u. 442 Nr. 238; Frauenzimmerlexikon 1688; 
Meyer Baden 381; Wrede Rhein . Volksk. 
691; Curtze Waldeck 375 Nr 28; Köhler 
Voigtland 429; John Westböhmen 245; Witz¬ 
schel a. O. 2, 233 Nr. 66; ZfVk. 24 (1914), 
55; vgl. Knortz Streifzüge 120; Schleiden 
71; Samter 154 6 ; Mannhardt Forschungen 
357 u. 362 (derselbe Brauch bei anderen Völ¬ 
kern). 51 ) Strackerjan 2, 117 Nr. 344 u. 196 
Nr. 441. 52 ) Drechsler 2, 13 Nr. 366. Nr. 358 
u. 1, 241; vgl. Grimm Myth. 3, 477 Nr. 1142. 
63 ) Knortz a. O. 121. 54 ) Grimm Myth. 3, 

460 Nr. 753; Wuttke 435 § 682; Bartsch 
Mecklenburg 2, 142. 144. 146; Drechsler 1, 30 
Nr. 22; Alpenburg Tirol 411; vgl. Krauß 
Volkglauben 68; Volkforschung 39. 55 ) Selig¬ 

mann 2, 34; Strackerjan 1, 433 Nr. 231; 
Witzschel Thüringen 2, 280 Nr. 44; Bartsch 
a. O. 2, 142 Nr. 628 m; Meyer Baden 401, 
vgl. 137; Jahn Hexenwesen 12; vgl. Lieb¬ 
recht ZVolksk. 320 Nr. 57 (Norwegen). 56 ) Selig¬ 
mann 2, 38; Wuttke 440 § 693; vgl. Halt- 
rich Siebenbürgen 277 Nr. 6. 57 ) Schramek 

Böhmerwald 238. 58 ) ZfrwVk. 3 {1906), 203. 

59 ) Bartsch a. O. 2, 144 Nr. 639. 60 ) Wuttke 
438 § 690. 61 ) Seligmann 2, 34; vgl. De Nore 
Mythes et coutumes 270 (Normandie). 62 ) Manz 
Sargans 92. 63 ) ZfVk. 1 (1891), 187. 64 ) Frisch¬ 
bier Hexenspr. 12. 65 ) Drechsler 1, 36; 

vgl. 2, 110 Nr. 483. 66 ) John Erzgebirge 162; 
vgl. John Oberlohma 155. 67 ) Seligman 

2, 34 »' vgl. Grimm Myth. 3, 460 Nr. 753 
(Osterode). 68 ) Schramek Böhmerwald 126; 
Kap ff Festgebräuche 9; Laube Teplitz 38; 
vgl. Liebrecht ZVolksk. 320^.56. 69 ) Schön¬ 


werth Oberpfalz 1, 314 Nr. 3; ZfVk. 12 (1902), 
425. 70 ) Wuttke 442 § 696 f.; John West¬ 

böhmen 31; Meyer Baden 401 u. 494; Selig¬ 
mann 2, 34; Drechsler 2, 101; ZfrwVk. 3 
(1906), 204; Eberhardt Landwirtschaft 16; 
Fox Saarland 381. 71 ) Strackerjan a. O. 

1, 433 Nr. 232; Wuttke 283 § 415; 436 § 684. 
72 ) Wuttke 443 § 698; Samter Geburt 152; 
Drechsler a. O. 2, 101. 73 ) Wuttke eb.; 

Meyer a. O. 401; Drechsler a. O. 2, 101; 
Andree Braunschweig 401; Strackerjan 
a. O. Nr. 231; Samter a. O.; vgl. Wuttke 
2 ^3 § 415 u. Pollinger Landshut 155; Kuhn 
Märk. Sagen 383 Nr. 52; Bartsch a. O. 2, 146 
Nr. 657. 74 ) ZrwVk. 1 (1904), 216; Stracker¬ 
jan a.O.Nr.231; Al penburg Tirol 411. 75 ) John 
Westböhmen 31; Manz Sargans 116; Alemannia 
24, 152; Eberhardt Landwirtschaft 19; vgl. 
Franz Benediktionen 2, 138. 76 ) Wuttke 439 § 
692. ”) Drechsler 2, 96 Nr. 465. 78 ) Wuttke 
448 § 707; vgl. Meier Schwaben 1, 177; Selig¬ 
mann 2, 38 oben. 79 ) Meier eb ; Selig¬ 
mann 2, 34. 89 ) zfVk. I5 ( I9 o 5 ), 141; Wrede 
Rhein. Volksk. 135; Eifel 93; Grimm Myth. 
3, 461 Nr. 760; Kück 242; vgl. Eberhardt 
Landwirtschaft 18; vgl. Liebrecht Gervasius 
220 Nr. 24 (franz. Abergl.). 8 i) Wuttke 447 
§ 405; Seligmann 2, 34; Schell Berg. Sagen 
264 Nr. 19; Hüser Beiträge 2, 14; Sartori 
2» 144; Bartsch a. O. 2, 137 Nr. 604; Enge¬ 
lien u. Lahn 1, 273; Drechsler a. O. 2, 253; 
Heßler Hessen 2, 453; Frischbier Hexenspr. 
15; Lemke Ostpreußen 1, 82; Meyer Baden 
403; John Westböhmen 203; Curtze Waldeck 
391 Nr. 107; Höhn Geburt 263; Witzschel 
Thüringen 2, 265 Nr. 19; 269 Nr. 39 u. 280 
Nr. 49; Meier Schwaben 177 Nr. 15; vgl. 
Iüebrecht Zur Volksk. 316 Nr. 43 (Norwegen); 
Seligmann 2, 35 (Normandie); Toppen 
Masuren (1867), 101. 82 ) Drechsler 2, 205 

Nr. 578; vgl. Wuttke 402 § 620. 83 ) Wuttke 
4 T 9 § 651. 84 ) Eberhardt Landwirtschaft 8 

Nr. 3. 85 ) eb.; vgl. Liebrecht Gervasius 228 

Nr. 115 (franz. Abergl.). 86 ) Wuttke 423 §661; 
Leoprechting Lechrain 193; vgl. Gese- 
mann Regenzauber 472. 87 ) Eberhardt a. O. 

12. 88 ) Schmitz Eifel 1, 97; ZfVk. 15, 141; 
89 ) Drechsler 1, 205 (vgl. Grimm Myth. 
3, 444 Nr. 308). Eine gute Zusammenstellung 
gleicher Bräuche bei andern Völkern bei 
Seligmann 1, 278 u. 2, 33—38. 

Sal sacerdotale 90 ). Eine besondere 
Betrachtung erfordert das kirchlich ge¬ 
weihte S. Die S.weihe findet in Ober¬ 
bayern und Schwaben am Dreikönigs¬ 
tage, in Baden am Agathen-, Neujahrs¬ 
oder Dreifaltigkeitstage, in Oberöster¬ 
reich am 26. Dezember, im Böhmerwald 
am 5 * Januar, in der Schweiz teils am 
Dreikönigstage, teils am Dreifaltigkeits¬ 
feste, teils am Agathentage, am Antonius- 
und Sebastianstage statt 91 ). In Schlesien 


909 


Salz 


910 


und Baden benützt man das geweihte 
S. als Mittel, um Wetter und Sturm zu 
vertreiben und Feuer zu löschen. Man 
wirft auch eine Handvoll geweihtes S. 
aus dem Fenster gegen das Gewitter 92 ). 
Im Sarganserland, Allgäu und im Böhmer¬ 
wald gibt man dem Vieh vor dem ersten 
Austrieb auf die Weide oder vor der 
Alpfahrt geweihtes Dreikönigss. zu 
fressen 93 ). In Oberösterreich wirft man 
sofort nach der Heimkehr von der S.- 
weihe etwas S. in Brunnen und Quellen 94 ). 
Im Alpengebiet schüttet man das ge¬ 
weihte S. in eine mit Tauf- (Chrysam-, 
geweihtem) Wasser gefüllte Schüssel; der 
nach der Verdunstung des S.es am 
Grunde nach und nach sich bildende 
,,S.stein“ wird, ebenso wie die früher 
käufliche ,,S.scheibe“, an einem Stricke 
aufgehängt und beim Gebrauch abge¬ 
brockt. Wenn man jeden Abend ein 
Stückchen davon ißt, glaubt man vor 
Hexen, Alpdruck und jähem Tode be¬ 
wahrt zu sein. Verreist ein Glied der 
Familie, so schabt es etwas von der S.- 
scheibe in die Stiefel oder auf ein Stück¬ 
chen Brot und glaubt, dadurch vor Un¬ 
glück auf der Reise sicher zu sein. Man 
gebraucht das geweihte S. auch bei 
Krankheiten der Menschen und des Viehes, 
auch als Vorbeugungsmittel und Nach¬ 
kur 95 ). In Annaberg werden am Drei¬ 
königstage die den S.scheiben ähnlichen 
„Fässelscheiben“ gebacken; sie wurden 
früher in Fässern auf der ,, Scheiben- 
straße“ befördert und haben davon den 
Namen 96 ). 

Die kirchliche Weihe des S.es führte 
wohl vor allem zu der Warnung, es nicht 
unnütz zu zerstreuen, damit zu spielen 
und es mit den Füßen zu zertreten, denn 
das ist Sünde und zieht Strafe nach sich. 
Unbrauchbares S. muß man ins Feuer 
werfen 97 ). Allgemein ist der Aberglaube, 
daß S.verschütten Ärger und Verdruß, 
Zank und Streit nach sich zieht 98 ). Auch 
Luther war er wohlbekannt"). Am 
Hochzeitstage verschüttetes S. gibt eine 
unfriedliche Ehe; wird häufig S. im 
Zimmer verschüttet, so sagt man, die 
Hausleute leben nicht friedlich 10 °). Gro¬ 
ßes Unglück bedeutet diese Ungeschick¬ 


lichkeit am Silvesterabend; geschieht es 
am heiligen Abend, so kommt eine Trauer¬ 
kunde ins Haus 101 ). Wer aus Versehen 
S. verschüttet, verschüttet sein künftiges 
Glück. , Jedes Körnchen kostet eine 
Träne“ 102 ). Soviel Körnchen S. man 
zerstreut, soviel Sünden tut man 103 ); am 
jüngsten Tage wird man sie suchen 
müssen, bis die Augen bluten 104 ) — einen 
Tag (sieben Tage), ein Jahr (sieben 
Jahre) muß der Frevler für jedes ver¬ 
schüttete Körnchen S. vor der Himmels¬ 
tür stehen 105 ) — für jedes verschüttete 
S.korn einen Tag in der Hölle sitzen 106 ) 
usw. Aber es gibt auch Mittel und Wege, 
sich vor diesen schlimmen Folgen zu 
bewahren: man wirft das verschüttete 
S. alsbald hinter sich 107 ) — ins Feuer 108 ) 
— zum Fenster hinaus 109 ) u. a. m. S. 
darf nicht verborgt werden. Ausgeliehenes 
S. bringt Streit ins Haus 110 ). Der Segen 
des Hauses schwindet, wenn am Montag 
S. verborgt oder verschenkt wird, ohne 
Gegengabe zu erhalten 111 ). 

90 ) Franz Benediktionen 1, 227 ff.; Hoff- 
mann-Krayer 124. 148. 162. 91 ) Meyer 

Baden 494; Birlinger Volkst. 1, 200 u. 2, 16; 
Andree-Eysn 113h; Meier Schwaben 472 
Nr. 233; Rochholz Sagen 2, 169 Nr. 391 Anm.; 
Leoprechting Lechrain 157; Schramek 
Böhmerwald 126 u. 241; Manz Sargans 49 4 ; 
Sepp Religion 47 ff.; Hovorka-Kronfeld 
1, 187 s. v. Glocke; ZfVk. 10 (1900), 93. 

92 ) Meyer a. O. 363. 366. 494; Fehrle Bad. 
Vk. 27; Drechsler 2, 140; vgl. Grimm Myth. 
3, 491 Nr. 100 (Esten) u. Jahn Opfergebräuche 
58 h 93 ) Manz a. O.; Schramek a. O. 241; 
Reiser Allgäu 2, 374; vgl. Meyer a. O. 417. 
94 ) Andree-Ey sn a. O.; vgl. Schmitz Eifel 
1, 97; Birlinger Schwaben 2, 82. 9o ) Hovorka- 
Kronfeld 1, 373; Birlinger a. O. 2, 92 u. 

1, 420; Meier Schwaben 472 Nr. 233; Wuttke 
407 § 629; 142 § 196; Reiser Allgäu 2, 24; 
Leoprechting a. O. 221 f.; Rochholz Sagen 

2, 167 Nr. 391; Meyer a. O. 494; Kapff Fest¬ 

gebräuche 9; Bronner Sitt’ u. Art 64; Bauern¬ 
feind Nordoberpfalz 19 f.; Spieß Fränkisch- 
Henneberg 151; vgl. Seligmann 2, 332; 

Franz Benediktionen 2, 129 h; Fontaine 

Luxemburg 78 f. 96 ) Laus. Mtsschr. 1793, 155; 
Schmeller 2, 357. 97 ) Wuttke 312 § 459; 

Strackerjan 2, 117 Nr. 344; 1, 49 Nr. 401; 
Al penburg Tirol 411. 98 ) Wuttke 211 §293; 
Sartori 2, 31; Grimm Myth. 3, 452 Nr. 535 
n. 436 Nr. 69; Frauenzimmerlexikon 1689; 
Knortz a. O. 118; Peter Ost.-Schlesien 2, 256; 
Drechsler 2, 12 u. 2, 194; Wrede Rhein. 
Vk. 119; Alemannia 33 (1905)* 3 °°i Reiser 
Allgäu 2, 448 Nr. 245; Birlinger Volkst. 1, 





498; Meier Schwaben 505 Nr. 375; Pollinger 
Landshut 167; Witzschel Thüringen 2, 277 
Nr. 20; Rosegger Steiermark 63; Andree 
Braunschweig 290; Bartsch Mecklenburg 2, 
* 37 ; Kehrein Waldeck 253 Nr. 29; Laube 
Teplitz 53; John Erzgebirge 35 u. Westböhmen 
250; Schramek Böhmerwald 255; Köhler 
Voigtland 395; Egerl. 4 (1900), 33; Dähnhardt 
Fo/Äsf. i, 99 Nr. 30 f.; Keller Grab d. Abergl. 
2, 237f.; Haltrich Siebenbürgen 299; Toppen 
Masuren 90; Fogel Penns. Germ. 363 u. a. 
Vgl. Schulenburg Wend. Volkst. 124; Lieb¬ 
recht Gervasius 222 Nr. 43 (Frankreich); 
Wolf Beiträge 1, 239 (Normandie); ZfVk. 15 
(1905), 147 (Dänemark); 17 (1907), 453; Lieb¬ 
recht Zur Volksk. 331 Nr. 161b (Norwegen). 
M ) Klingner Luther 130. 10 °) Drechsler 

2, 205; Urquell 3 (1892), 40 u. 4 (1893), 74; 
Hovorka-Kronfeld 2, 177. 101 ) John Erz¬ 
gebirge 29 u. 156. 102 ) SchwVk. 3, 74; Hör¬ 

mann Tirol. Volksl. 55; Dähnhardt Volkst. 
1, 99 ; ZdVfVk. 17 (1907), 453; John a. O. 29; 
Urquell 1 (1890), 47. 103 ) Engelien und Lahn 
282 Nr. 269. 104 ) Drechsler 2, 205; Peter 

Schlesien 2, 257. 105 ) Strackerjan a. O. 1, 49; 
Bartsch a. O. 2, 137 Nr. 605 a; ZfVk. 24 (1914), 
57 - 106 ) Bartsch a. O. Nr. 605 b. 107 ) Unoth 
184; ZfdMyth. 2 (1854), 102; Spieß Fr. Henne¬ 
berg 152; Laube Teplitz 53. *<>«) John Erz¬ 

gebirge a. O. 109) Köhler Voigtland 431; Fin¬ 
der Vierlande 2, 222. 110 ) SchwVk. 3, 74. 

m ) John Erzgebirge 36. 

S. im Orakelzauber. Will man fest- 
steilen, ob ein Schwerkranker wieder 
hergestellt wird oder nicht, so nimmt man 
in Mecklenburg S. in die Hand und betritt 
damit stillschweigend das Krankenzim¬ 
mer; wird das Salz feucht, so stirbt der 
Kranke, bleibt es trocken, so wird er 
genesen U2 ). In Brandenburg, Mecklen¬ 
burg» Thüringen, Schlesien, Hessen, Voigt¬ 
land und im Erzgebirge wird in der 
Neujahrsnacht für jedes Familienmitglied 
ein Fingerhut voll S. auf den Tisch ge¬ 
schüttet; wessen S. am nächsten Morgen 
verleckt ist, der stirbt im nächsten Jahre; 
derselbe Aberglaube wird auch aus der 
Schweiz berichtet; ein ähnlicher findet 
sich im Harz als Brauch am Andreas¬ 
abend, in Friesland in der Walpurgis¬ 
nacht 113 ). Am Thomastage oder Christ¬ 
abend stellt man in Schlesien drei Teller 
mit Salz, Sand und Grünem auf und 
greift mit verbundenen Augen danach; 
S. zeigt dabei Reichtum an 114 ). Ein 
Fingerhut voll S. kommt auch in dem von 
St oll mitgeteilten Zauberbrauch vor, den 
ein Mädchen am Weihnachtsabend aus¬ 


übt, um seinen Zukünftigen zu erblik- 
ken. Auf Sylt setzen die Mädchen in 
der Walpurgisnacht mit einem Fingerhute 
drei S.häufchen auf den Fußboden. Ist 
am Morgen einer umgefallen, bekommt 
sie einen Mann, wenn zwei, verliert sie 
ihren Kranz, wenn alle drei, muß sie 
sterben U5 ). Im Sarganserland trägt man 
in der heiligen Nacht während des Gottes¬ 
dienstes neun Sorten S. bei sich; dann 
sieht man alle, die im nächsten Jahre 
sterben werden 116 ). Im Erzgebirge stellt 
man am Christabend auf jede Tischecke 
ein Häufchen S. in einem Gefäße; am 
folgenden Morgen wird das S. nachge¬ 
messen, je nachdem es reichlicher oder 
weniger geworden, bedeutet es ein schlech¬ 
tes oder gutes Vierteljahr, wird das 
Getreide teurer oder billiger 117 ). Anders¬ 
wo stellt man am selben Abend oder 
Silvester zwölf Schälchen oder Zwiebel-, 
Eier- oder Äpfelschalen mit S. auf; das 
wievielte Schälchen sich als besonders 
feucht erweist, der so vielte Monat wird 
reich an Niederschlägen sein 118 ). In 
Schlesien heißt es; will eine ledige Frau 
einen Witwer gern heiraten, so muß sie 
sich auf die S.meste setzen — oder ein 
Mädchen bekommt einen Witwer, wenn 
sie sich auf eine S.meste setzt; wenn 
Dienstboten bei der neuen Herrschaft die 
S.meste gefüllt finden, werden sie an dem 
Orte lange verweilen 119 ). Wer zu viel 
S. ißt, ist verliebt 12 °). Ein Mädchen, das 
zu salzen vergißt, ist fromm 121 ). Allge¬ 
mein schließt man aus versalzenen Speisen 
auf eine verliebte Köchin 122 ). 

Will ein Kind einen Vogel fangen, so 
gibt man ihm scherzhaft den Rat, ihm 
S. auf den Schwanz zu streuen; dann 
ließe er sich fangen 123 ). Dem entspricht 
der Bauernglaube in der Steiermark, die 
Wilderer gäben dem Wilde geweihtes 
Steins., um es leichter zu bekommen 124 ). 
Vielleicht ist dies eine wunderliche Vor¬ 
stellung von den S. leckst eilen, die der 
Jäger für sein Wild anlegt. Mannhardt 
bringt aber damit die Vorstellung zu¬ 
sammen, daß S. die Macht der Geister 
bricht, die in Gestalt von Wild und 
Vögeln zu erscheinen pflegen, und zieht 
zum Beweis eine Sage heran, wo eine 


913 


Salz 


914 


überraschte Hexe, über die S. geworfen 
wird, nicht mehr aufstehen kann. Andere 
bringen es damit zusammen, daß der 
wilde Jäger kein S. vertragen kann 125 ). 
Etwas Ähnliches findet sich bei Luther 
erwähnt: abergläubische Leute streuten 
S. auf warmes Weizenmehl, wenn sie 
etwas verloren hatten, und glaubten, damit 
die verlorene Sache wiederzufinden 126 ). 
Auch hier kann Mehl und S. Mittel gegen 
Hexen sein; sagt man doch noch heute, 
wenn man etwas nicht finden kann, das 
ist rein wie verhext 127 ). 

112 ) Bartsch Mecklenburg 2, 123 Nr. 489; 
Schindler Aberglauben 174; vgl. Liebrecht 
Gervasius 223 Nr. 45 (franz. Aberglaube). 
113 ) Bartsch 2, 237 Nr. 1228; Engelien und 
Lahn 240 Nr. 53; Pfister Hessen 162; Drechs¬ 
ler 1. 28 Nr. 18; Witzschel Thüringen 2, 176 
Nr. 42; ZfrwVk. 1910, 151; Heßler Hessen 
2, 92; Wrede Rhein. Vk. 126; Wolf Beiträge 
1, 123; Wuttke 231 § 33 °; Grimm Myth. 3, 
475 Nr. 1081; Frauenzimmerlexikon 1687; 
Knortz Streifzüge 124. 114 ) Wuttke 233 § 333; 
vgl. aber Dähnhardt Volkst. 1, 184. x15 ) StoII 
Zauberglauben 108 f.; Steiner Mineralreich 72. 
llß ) Manz Sargans 144. 117 ) Wuttke 231 § 329. 
* 18 ) Jahn Opfer gebrauche 276 1 ; Vernaleken 
Mythen 355; Reiser Allgäu 2, 22; Witzschel 
Thüringen 2, 180 Nr. 70; Drechsler 1, 46 
Nr. 46; Peter Oster. Schlesien 261; ZföVk. 4 
(1898), 147; SAVk. 24 (1922), 66; Bronner 
Sitt’ u. Art 16; Kehrein Nassau 2, 252 Nr. 16; 
Birlinger Volkst. 1, 469 Nr. 3; Langer Ost¬ 
böhmen 256; Hovorka-Kronfeld 1, 459; 

Meier Schwaben 469 Nr. 226; Baumgarten 
Das Jahr (1860) 10; Kap ff Festgebräuche 5. 
lx9 ) Drechsler 2, 205 Nr. 578; 2, 20 Nr. 379; 
1, 226 Nr. 254. 120 ) Drechsler 2, 205. 

121 ) Bartsch 2, 56 Nr. 161. I22 ) Wuttke 223 

§ 317; Knortz a. O.; Drechsler 2, 205; 
Bartsch 2, 137 Nr. 607; Strackerjan 2, 117 
Nr. 344; 1, 38; 2, 224 Nr. 474 usw. 123 ) Drechs¬ 
ler 2, 205. 124 ) ZdVfVk. 5 (1895), 412; Reite- 
rer Ennstalerisch 5 u. 412. 12J ) Mannhardt 

Germ. Myth. 317; Schleiden 77; ZfdMyth. 1 
(1853), 202 f.; Möllenhoff Sagen 564 Nr. 571. 
126 ) Klingner Luther 130; ZdVfVk. 14 (1904), 
353. 127 ) Grimm Myth. 3, 443 Nr. 256; Philo 
Schlesien (1885), 37. Eine zwar unvollständige, 
aber gute Zusammenstellung des mit dem Salz 
verbundenen Aberglaubens in Melusine 7 

(1894/5). 176—182. 

S. in der Volksheilkunde. Im 
Altertum wurde das S. in der Heilkunde 
vielfach verwendet; man schrieb den S.en 
eine zusammenziehende, reinigende, zer¬ 
teilende, besänftigende und verdünnende 
Kraft zu 128 ). Im Mittelalter kommt es 
schon früh als Heilmittel gegen faules 


Fleisch, Jucken, Aussatz, Geschwüre u. a. 
vor 129 ). Aus der Volksheilkunde sind 
für den Aberglauben besonders folgende 
Bräuche kennzeichnend: in Mecklenburg 
vergräbt man die Krankheit mit Hilfe 
des S.es in die Erde, indem man S. in 
das Loch unter einem ausgehobenen 
Rasenstücke wirft, darauf harnt und den 
Rasendeckel wieder zuklappt. Dies muß, 
ohne ein Wort dabei zu sprechen, drei 
Tage nacheinander wiederholt werden 13 °). 
In Ostpreußen, Mecklenburg, in West¬ 
falen, Steiermark, der Wetterau, dem 
Harz u. a. wird Fieber weggeschwemmt: 
man streut Salz (Salz und Brot) rück¬ 
lings in ein fließendes Wasser, betet dazu 
drei Vaterunser oder spricht: ,,Ich säe 
diesen Samen in Gottes Namen. So dieser 
Samen wird aufgehn, werd ich mein 
Fieber wiedersehn“ 131 ). In Schlesien sät 
man bei Zahnschmerzen S. vor Sonnen¬ 
aufgang bei abnehmenden Monde auf 
einen Kreuzweg und spricht: ,,Ich säe 
usw. . . . werden meine Zahnschmerzen 
wieder angehen. Im Namen des Vater, 
des Sohnes und des heiligen Geistes 
usw.“ 132 ). Bei Bielefeld wird S. bei Rose 
und Augenkrankheiten unter Hersagen 
eines Segens über den Kopf des Kranken 
geworfen; im Kreise Halle läßt man unter 
Her sagen bestimmter Formeln S. ins 
Wasser fallen und bestreicht damit ent¬ 
zündete Augen 133 ). In Litauen bindet 
man als Schutz gegen Ansteckung S. in 
einen Zipfel des Hemdes oder, in ein 
Tuch gebunden, um den Hals 134 ). Zum 
Schutze gegen Impotenz soll man Salz 
in die Tasche stecken 135 ). Weitere An- 
i Wendung des Salzes in der Volksheil¬ 
kunde: Waschungen mit Salzwasser bei 
Fieberhitze kleiner Kinder 136 ) — Schutz 
vor Fieber, wenn man an Fastentagen 
nüchtern S.brezeln ißt (Schwaben) 137 ). — 
Hilfe des geweihten S.es bei Furunkeln 
(Oberbayern) 138 ) — bei Kopfschmerzen 
| Baden der Füße in S.wasser oder Streuen 
einer Handvoll S. in die Schuhe 139 ) — 
bei ausbleibender Menstruation ein Fu߬ 
bad, in das drei Pfund S. geschüttet 
sind 14 °) — Befeuchten von Wunden mit 
S.wasser 141 ). Bei Schlucken soll man ein 
Messer ins S. stecken 142 ). Die Verwendung 


915 


salzig 



0l6 


von heiß aufgelegten S.sacken u. a. wird 
auch von Ärzten bei bestimmten Krank¬ 
heiten empfohlen 143 ). 

128 ) Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, 2090t.; 
Hovorka-Kronfeld 1, 371 f. 129 ) Pfeiffer 
Zwei deutsche Arzneibücher 48; Peters Pharma¬ 
zeutik i, 204 u. 2, 157; Lonicer 53; Zedier 33, 
1305 fE. 1380 f. 13 °) Seligmann 1, 278., 

131) Frischbier Hexenspr. 52 f.; Fossel Volks¬ 
medizin 131; Hovorka-Kronfeld 1, 146 u. 
141; Seyfarth Sachsen 224; Wuttke 335 
§ 4991 Bartsch Mecklenburg 2, 106; ZfdMyth. 

1 ( i8 53 ). 199; vgl. Engelien u. Lahn 259 f.; 
Grimm Myth. 3, 441 Nr. 196; Heßler 
Hessen 2, 172; vgl. Hesemann Ravensberg 112. 

132 ) Drechsler 2, 301; MschlesVk. 3 (1896), 47; 

vgl. Drechsler 2, 313. 133 ) ZfrwVk. 1908, 

95 > vgl. Franz Benediktionen 2, 493. 
134 ) Frischbier a. O. 32. 135 ) Seligmann 2, 

38, vgl. 36. 136 ) Romanusb. 49. 137 ) Wuttke 

75 § 87 u. 353 § 528; vgl. Grimm Myth. 3, 436 
Nr. 44. 138 ) ZdVfVk. 14 (1904), 274. 139 ) Zfrw¬ 
Vk. 1 (1904), 91. 140 ) Seyfarth 257 u. 263. 

141 ) Lammert 209; Hovorka-Kronfeld 2, 
366. 142 ) Seyfarth 263. 143 ) ZfrwVk. 1 (1904), 
94 » Höhn Volksheilkunde 1, 140 t.; Lammert 
255; Hovorka-Kronfeld i, 373. 

S. als Sinnbild der Ergebenheit 
und Treue. S. und Brot mit jemandem 
essen heißt, die wichtigsten Bestandteile 
der Nahrung, das tägliche Leben gastlich 
mit ihm teilen und damit die festeste, 
trauliche Verbindung mit ihm aufnehmen. 
So wurden Brot und Salz und wohl auch 
Salz allein der Prüfstein der Freundschaft 
und Treue.Denn das S.war nicht nur seit den 
ältesten Zeiten das notwendigste Lebens¬ 
bedürfnis der Menschheit, sondern galt 
auch, da es, selbst unvergänglich, vor Fäul¬ 
nis und Verwesung schützte, als Sinnbild 
der Ewigkeit und Beständigkeit 144 ). In 
der heiligen Schrift heißt ein unverbrüch¬ 
liches, immer bestehendes Bündnis ein 
S.bündnis (Mos. 4,18,19; Chron. 2,13, 5). 
Im Altertum überhaupt war bei Bünd¬ 
nissen und Freundschaftsstiftungen der 
Gebrauch des Salzes von symbolischer 
Bedeutung; bei Schließung feierlicher 
Bündnisse wurde als Symbol ihrer Un¬ 
auflöslichkeit eine Schüssel mit S. hin¬ 
gestellt, von dem jeder der sich Verbün¬ 
denden einige Körner aß 145 ). In Rußland 
war es bis in die neueste Zeit Sitte, einem 
Fürsten u. a. bei feierlichen Anlässen S. 
und Brot als Zeichen der Ergebenheit dar¬ 
zureichen 146 ). Dem gleichen Brauche be¬ 


gegnen wir auch in Deutschland. So 
war das Fuder Salz, das die Stadt Magde¬ 
burg nach gütlicher Beilegung der Fehde 
1379 Johannes II. von Biberstein jährlich 
zu stellen versprach, kein gewöhnlicher 
Tribut, sondern zugleich wohl symbolische 
Bürgschaft des fortwährenden Friedens- 
Vertrages 147 ). Als 1803 die münsterschen 
Ämter Vechta, Cloppenburg, Friesoythe 
von Oldenburg in Besitz genommen 
wurden, überreichten die Magistrate der 
drei Städte den Regierungsbevollmäch¬ 
tigten beim Empfange S. und Brot 148 ). 
Noch 1902 wurden dem dänischen Prinzen 
Christian bei seiner Ankunft in Aarhus 
in Jütland S. und Brot gereicht, wovon 
der Prinz und seine Familie aßen, ehe sie 
ihre Fahrt in den Schloßhof fortsetzten 149 ). 
Auch die Halloren boten nach altväter¬ 
licher Sitte an jedem Neujahrstage dem 
deutschen Kaiser S. und Brot an 15 °); 
sie wurden auch Hindenburg überreicht. 
— Vielleicht gehört hierher auch das 
schon im Altertum bekannte Sprichwort, 
daß man einen Menschen nicht kenne, 
wenn man nicht einen Scheffel S. mit 
ihm gegessen 151 ). In der Lüneburger 
Heide heißt es: das etwaige Heimweh der 
jungen Frau verschwindet, wenn sie erst 
im neuen Hause ,,en Spint Sult“ verzehrt 
hat 152 ). In der Gegend von Lunden 
näht man gegen Heimweh heimlich S. 
(und Brot) ins Zeug 153 ). 

144 ) Schleiden Salz 71 f.; Hahn a. O. 8 ff. 
145 ) Lammert 156; Pauly-Wissowa 2. R. 2, 
1, 2089 u. 2092; ARw. 8 (1905), Beiheft 33; 
Zedier 33, 1305. 146 ) Beckmann Historia 

orbis terrarum (Frankf./M. 1680) 675; Schlei¬ 
den a. O. 71; ZdVfVk. 15 (1905), 147 t. 

147 ) Haupt Lausitz 2, 150t. Nr. 252. 

148 ) Strackerjan 2. ii7Nr. 344. 149 ) ZdVfVk. 
15 (1905h 145 - 15 °) ebd. 151 ) ARw. ebd. 152 ) Kück 
182. 153 ) ZfVk. 23 (1913), 283 Nr. 38. 

f Olbrich. 

salzig. Nach einem seltsamen Aber¬ 
glauben merken die Mütter, daß ihr 
(ungetauftes) Kind beschrien ist, daran, 
daß sie, wenn sie seine Stirn belecken, 
einen s.en Geschmack empfinden 4 ). 
Krankheiten, die von s.em Schweiß be¬ 
gleitet sind, sollen vom bösen Blick her¬ 
rühren; das beschriene Kind kann keine 
Ruhe finden, wird immer kränker und 
stirbt bald 2 ). Um den bösen Zauber zu 


r 


917 


Sambucus—Samstag 


918 


bannen, soll die Mutter dreimal die Stirn 
des Kindes ablecken und dann rück¬ 
wärts ausspucken und Gebete verrichten 3 ). 
Die Rockenphilosophie gibt die Erklärung 
dieses Aberglaubens: auch gesunde Kinder 
schwitzen an der nicht bedeckten Stirn, 
bei kranken, die gewöhnlich nicht gebadet 
werden, bricht durch die innere Hitze 
der s.e Schweiß um so mehr aus 4 ). 

x ) Wuttke 382 §581; Grimm Myth. 3. 434 
Nr. 2; Lemke Ostpreußen 1, 112; Frischbier 
Hexenspr. 8; Schönwerth Oberpfalz 1, 186 
Nr. 9; Finder Vierlande 2, 13; Seyfarth 

Sachsen 48 u. 241; John Erzgebirge 52; Selig¬ 
mann 1, 254. 2 ) John a. O.; Rochholz 

Kinderlied 280; Urquell 4 (1893), 273. 3 ) John 
Westböhmen 108; Fossel Volksmedizin 64 f. 
4 ) Seligmann a. O.; Rockenphilos. 1, c. 2, 
S. 14 f. t Olbrich. 

Sambucus s. Holunder 4, 261 ff. 

Samen s. Nachtrag. 

Sammelgang s. Bettelumzüge 1, 
1190 f. 

Samson. 

1. Eine riesenhafte Gestalt mit Lanze 
und Eselskinnbacken, die an gewissen 
Tagen im Frühling oder Mittsommer in 
großer Prozession herumgetragen oder 
-gefahren wird, an Fronleichnam 1 ), am 
Sonntag, der dem St. Oswaldtag (5. 
August) zunächst liegt 2 ), im August 3 ). 
Geramb denkt an eine Art von Tod- 
austragen, das sich mit einem Überrest 
aus der „Fronleichnamsprang“ verbunden 
habe 4 ). In Isle de France wurde ein 
solcher Riese im Mittsommerfeuer ver¬ 
brannt 5 ). Mannhardt sieht darin eine 
Tötung des Vegetationsgeistes 6 ). 

Vernaleken Alpensagen 101 f. (im Lun¬ 
gau); Geramb Brauchtum 49 (Bozen) = Zin- 
gerle Tirol 162. 2 ) Geramb 72 t. 3 ) Frazer 
11, 36 (Ath im Hennegau, schon Mitte des 15. Jh., 
zuletzt 1869). Andere solche Umzüge mit 
Riesenbildern, die verschiedene Namen tragen, 
zu Fastnacht oder Mittsommer: Frazer 11,330.; 
Mannhardt 1, 523 Anm. 1; Reinsberg Fest¬ 
jahr 290 ff.; Beitl Deutsches Volkstum 217. 
Als Riese erscheint ein Ritter S. auch in den 
ersten Kapiteln der Thidreksage: Thule 22, 
69 ff. 4 ) Geramb 73. B ) Liebrecht Gerva¬ 
sius 212 f.; Frazer 11, 38. 6 ) Mannhardt 

1, 523 f. In Dünkirchen fuhr dem Riesen (Papa 
Reuß) u. a. ein Wagen vorauf mit einer Anzahl 
grün gekleideter Männer, die Wasser auf die 
Leute spritzten: Frazer 11, 34 f. 


2. In Frankreich ist der Name des 
,,h. S.“ oft mit großen Steinen ver¬ 
bunden. Er hat sie geworfen 7 ) oder zu 
Dolmen herangeschleppt 8 ), Rheumatis¬ 
muskranke reiben sich daran oder legen 
sich darauf 9 ), Menhirs sind nach S. 
benannt 10 ). 

7 ) Söbillot Folk-Lore 4, 113. 8 ) Ebd. 4, 22. 
23. e ) Ebd. 1, 339. 400; 4, 158; Knuchel Um¬ 
wandlung 56. 10 ) Sebillot 1, 418. 421; 4, 57. 

Sartori. 

Samstag. 

1. Allgemeines (Name). 2. Marien-, Höllen- 
und Seelentag. 3. Glücks- und Unglückstag. 
4. Arbeitsverbot. 5. Geburt, Hochzeit, Tod. 
6. Vieh- und Feldwirtschaft. 7. Volksmedizin 
und Sonstiges. 

1. Für den S. haben wir auf deutschem 
Gebiet drei verschiedene Bezeichnungen. 
Der alte Saturntag {dies Saturni) hat 
sich, wie bei den Engländern als saturday , 
so auch bei den Holländern und Nieder¬ 
deutschen als Zaturdag {Z ater dag) und 
Saterdag x ) (in Westfalen Saterstag oder 
Saiterstag) 2 ) erhalten. Die Herleitung 
dieses Namens von einer germanischen 
Gottheit Satar oder Sater 3 ) ist abzu¬ 
weisen. Im südlichen Deutschland und 
in der Schriftsprache ist der Name Sab¬ 
batstag = Samstag (ahd. sambastac , 
mhd. samezlac, samztac) gebräuchlich ge¬ 
worden, der, wenngleich auch andere Ab¬ 
leitungen namhaft gemacht werden 4 ), 
doch ohne Zweifel wie die romanischen 
Bezeichnungen (franz. samedi , ital. sa- 
bato) 5 ), auf das jüdische Sabbat zurück¬ 
geht 6 ). Im mittleren und nördlichen 
Deutschland bürgerte sich im Hinblick 
auf den festlichen Sonntag der Ausdruck 
Sonnabend {sunnün äband statt sunnün 
dages äband) ein 7 ), welcher die lange üb¬ 
liche Zeitrechnung nach Nächten (s. 
Nacht) erkennen läßt 8 ), nach der der 
Vorabend zum folgenden Tage gezählt 
wurde. Bei den Dänen (löverdag) und 
Schweden (lördag) hat sich das altnor¬ 
dische laugerdagr erhalten, das Bade¬ 
oder Waschtag bedeutet 9 ). Als Badetag 
ist der S. seit je üblich gewesen 10 ). 

Bestimmte Namen führen nur wenige 
S.e im Jahre, so der Kars. (s. d.), der 
schmalzige S. in Schwaben 11 ) (S. vor 
der Fastnacht), ebenso auch in Nieder- 



919 


Samstag 


Samstag 


922 


920 



Österreich genannt, wo der S. vor Ostern 
Judass. heißt 12 ). In manchen Gegenden 
finden, angeblich auf Grund von Ge¬ 
lübden, an bestimmten S.en des Jahres 
Wallfahrten statt 13 ). Dies ist auch der 
Fall an den drei goldenen S.en, den 
drei S.en nach Michaelis 14 ). Eine aus¬ 
drückliche Beziehung auf den hl. Michael 
(s. d.) findet sich in einer Handschrift 
aus Steiermark aus 1820 15 ), wo es heißt, 
daß man in der ersten goldenen S.nacht 
beten soll: ,,0 allerseligste Jungfräuliche 
Mutter Gottes Maria, du bist zwar würdig, 
daß man dich täglich verehre und sich 
deiner mächtigen Fürbitte empfehle, ich 
verlange aber dich sonderbar anheut, als 
in der ersten goldenen S.nacht kindlich 
zu verehren und zwar mit und durch den 
großen Himmelsfürsten, den hl. Erzengel 
Michael, nach dessen Fest diese hl. drei 
goldene S.nacht ihren Anfang nimmt 
usw.“. Über den Ursprung dieser haupt¬ 
sächlich der Jungfrau Maria geweihten 
drei S.e berichtet eine Tiroler Sage 16 ). 
Danach hätte Kaiser Ferdinand III. lange 
den Wunsch gehegt, der seligsten Jung¬ 
frau irgend eine besondere Verehrung zu 
erweisen. In einem nächtlichen Gesichte 
sei ihm dann vorgekommen, daß derjenige, 
der die Makellose an den drei nach 
Michaeli folgenden S.en durch Empfang 
der hl. Sakramente und wahre Lebens¬ 
besserung verehren werde, ihres mütter¬ 
lichen Schutzes im Leben und Sterben 
versichert sein könne. Auf dies soll die 
Feier der goldenen S.e vom Kaiser an¬ 
gefangen und allmählich verbreitet worden 
sein. In den Alpenländern ist es seit dem 
17. Jh. üblich, daß die von der Alm heim¬ 
gekehrten Senninnen an diesen Tagen 
Wallfahrtsorte aufsuchen 17 ). In vielen 

Pfarreien des Passauer Gebietes werden 
an diesen Tagen Votivmessen zu Ehren 
der Mutter Gottes gelesen 18 ). In Aigen 
am Inn dagegen wurde nach einem Be- ; 
rieht aus 1825 Kirche des hl. Leonhard 
an den goldenen S.en von Tausenden von 
Wallfahrern besucht 19 ). 

Als Familienname kommt das Wort 
Sonnabend selten vor, S. scheinbar über¬ 
haupt nicht 20 ). In Niederösterreich 
nennt man einen langweiligen Menschen, 


der alles auf den S. verschiebt, „Sämsta- 
mäntr und sagt daher auch statt müßig 
umhergehen „sämstamänteln“ 21 ). Eine 
Personifikation des S.s als Frau S. er¬ 
scheint in einem magyarischen Segen 
gegen Impotenz 22 ) (s. Wochentage). Aus 
Saterdag erklärt eine Sage Oldenburgs 
volksetymologisch den Namen der Land¬ 
schaft Saterland 23 ). 

Müllenhoff AUertumsk. 4 (1920), 648; 
Albers Das Jahr 8. 2 ) Hoops Reallex. 4, 558. 

3 ) Pfannenschmid Erntefeste 441 f. 610. 

4 ) DWb. 8 (1893), 1755; Albers Das Jahr 7f. 

5 ) Vgl. W. Meyer-Lübke Die Namen der 

Wochentage im Romanischen in ZfWortf. 1 
(1900), 192t. 6 ) Rochholz Glaube 2, 55; 

Schräder Reall. 965; Hoops Reall. 4, 558; 
Müllenhoff AUertumsk. 4 (1920), 648; Schön¬ 
bach Berthold v. R. 14. 7 ) Müllenhoff Alter- 
tumsk. 4 (1920), 648. Zur pars pro toto in der 
Zeitrechnung vgl. Martin P. Nilsson Primitive 
Time-Reckoning (Lund 1920) 358 f. 8 ) Vgl. 
Pfannenschmid Erntefeste 612. •) Albers 

Das Jahr 8. 10 ) Pfannenschmid Erntefeste 

6iof.; auch bei den Esten, vgl. Boeder Ehsten 
I02f. A1 ) Meier Schwaben 2, 377; Birlinger 

Volksth. 2, 23. 12 ) Pfalz Marchfeld 120. 

13 ) ZfrwVk. 1905, 145. 14 ) Geramb Brauch¬ 

tum 8r. 84; Pfalz Marchfeld 120. Wohl irr¬ 


tümlich die S.e im Advent bei Leoprechting 
Lechrain 153. Vgl. Sepp Sagen 135 Nr. 41; 
DG. 10,71. 15 ) ZfVk. 15 (1905), 98. 16 )Zin- 
gerle Tirol 172 = Pfannenschmid Ernte¬ 
feste 440. 17 ) Andree-Eysn Volkskundliches 

198. 18 ) Pfannenschmid Erntefeste 440. 

19 ) Panzer Beitrag 2, 24. 20 ) A. Heintze 

Die deutschen Familiennamen 5 (1922) 300 (Tag). 
21 ) Pfalz Marchfeld 121. 22 ) Wlislocki Ma¬ 
gyaren 137t. 23 ) Strackerjan 2, 361. 

2. Im Volksglauben gilt der S. als ein 
heiliger Tag, an dem wenigstens teil¬ 
weise Arbeitsruhe geboten ist. Dies 
weist zunächst auf seine ursprüngliche 
Stellung als jüdischer Sabbat zurück. 
Jesus beachtete diesen wenig, nahm aber 
nicht offen Stellung gegen ihn, weshalb 
auch die erste, nur aus Juden bestehende 
Christengemeinde, wie an anderen hl. 
Bräuchen, so auch am Sabbat festhielt. 
Bald aber sah man ein, daß auch hier eine 


scharfe Scheidung notwendig sei, und 
man setzte die gottesdienstlichen Ver¬ 
sammlungen auf den ersten Tag nach dem 
Sabbat an, wahrscheinlich auch deswegen, 
weil dies der Tag der Auferstehung des 
Herrn war 24 ). Trotzdem sich so der Sonn¬ 
tag (s. d.) im Laufe der Jahrhunderte als 
Tag des Herrn fest eingebürgert hatte, 


gab es immer wieder Leute, welche unter 
dem Hinweis darauf, daß Gott den 7. Tag 
als Sabbat eingesetzt habe und die Feier 
des Sonntags daher unberechtigt sei, die 
Feier des S.s als Fest- und Ruhetag ver¬ 
langten 25 ). Dies führte zur Sekten¬ 
bildung der Sabbatarier 26 ). Die 
S.feier war aber auch in der Kirche nie 
ganz verschwunden, und diese gab dem 
Tag eine besondere Weihe, indem sie 
ihn zum Marien tag machte. 

Nach Anregungen, die schon im 8. und 
9. Jh. von verschiedenen Männern, so 
auch vom hl. Bonifazius, gegeben wurden, 
begann man im 11. Jh. in Rom jeden S. 
als ein der hl. Maria geweihtes Fest (sab- 
batum Mariae) zu bestimmen, als die 
Pforte, die zum Sonntage führt, welcher 
das ewige Leben bezeichnet. Man ent¬ 
hielt sich an diesem Tage des Fleisch¬ 
essens. Die Feier des Sabbatum Mariae 
besteht in einer zu Ehren der Jungfrau 
Maria am Abend zu haltenden Messe 
und äußert sich auch in den am Vorabend 
des Sonntags üblichen Vigilien und 
Vespern 27 ), ferner in frommen Stiftungen. 
So hat in Grottkau der Brauer als Be¬ 
sitzer der an Stelle eines früheren Klosters 
errichteten Brauerei alljährlich vor dem 
Dreikönigtage für eine Stiftung zu zahlen, 
nach der jeden S. um 2 Uhr ein Salve 
regina in der Pfarrkirche gesungen werden 
muß. Als einmal die Zahlung versäumt 
wurde, entstand nächtlicher Spuk im 
Hause 28 ). 

Auf deutschem Boden nahm die Jung¬ 
frau Maria Wesenszüge der Göttin 
Frija (Freya) an. Dieser war ursprüng¬ 
lich wohl der Freitag (s. d.) geweiht, 
doch wurde mit der Zeit, in der man den 
S. als Marientag zu feiern begann, manche 
Uberheferung auf den S. verlegt 29 ), zu¬ 
gleich aber auch mit an die Gestalt der 
Holda oder Holle geknüpften Über¬ 
lieferungen verbunden. Der S. wurde 
so zu einem Hollentag, zum Frau 
Hollenabend 30 ). Frau Holle bestraft die, 
welche ihren Tag oder Abend durch Ar¬ 
beit entheiligen, vor allem ist das Spinnen 
(s. u.) 31 ) verboten, namentlich in der 
Zeit der Zwölfnächte 31 ). Daß zuweilen 
der S. als Tag der wilden Jagd genannt 


wird 32 ), weist auch auf Holle, das weib¬ 
liche Gegenstück des wilden Jägers 33 ), 
hin. An sie erinnert die Schatzjungfrau 
einer Schweizer Sage, welche jeden S. 
vor der Höhle ihre Haare kämmt 34 ) (s. 
kämmen). Am klarsten aber wird die 
Beziehung zwischen der heidnischen 
Wolkengöttin und der Jungfrau Maria 
in dem Sonnenscheinmotiv. 

Im Harz sagte man noch um die Mitte 
des 19. Jh.s: Regnet es auch die ganze 
i Woche hindurch, so ist doch zum Freitag 
! oder S. Sonnenschein zu erwarten; denn 
Frau Holle müsse zum Sonntag ihren 
Schleier wieder trocken haben 35 ). Der¬ 
selbe Glaube ist, auf Maria bezüglich, 
heute weit verbreitet. Am S. muß die 
Sonne scheinen, wenigstens einmal mit¬ 
tags drei Minuten lang 36 ) oder auf einige 
Augenblicke 37 ), weil einst Maria ihre 
Wäsche oder die des Christkindes am S. 
getrocknet hat 38 ), weil sie ihren Schleier 
bleicht 39 ) oder trocknet 40 ), weil sie des 
Christkindes Windeln oder ihr Hemd 
trocknen muß 41 ) oder damit der Saum 
ihres Kleides trocken wird, den ihr die 
armen Seelen am Freitag, an dem sie 
stets durch das Fegefeuer schreitet, mit 
ihren Tränen benetzt haben 42 ), oder auch 
überhaupt nur zu Ehren der Muttergottes 
überhaupt 43 ). 

Daß es am S. f wenn auch nur kurze 
Zeit, schön und sonnig sein müsse, sprechen 
auch Volksreime aus, so in Mecklen¬ 
burg 44 ): 

Dor is kein Saterdag so dick, 

Dat dei Sünn’ nicht deit 'n Blick. 

Und in der Eifel 45 ) und in Baden 46 ): 

Es ist kein Samstag so trüb. 

Die Sonn' scheint der Mutter Gottes zu lieb. 

Es gibt auch scherzhafte Begründungen. 
Am S. scheint die Sonne, damit der Pastor 
den Kragen (die große Halskrause) trock¬ 
nen kann 47 ), damit der arme Kantor und 
die armen Waisen ihre Hemden trocknen 
können 48 ) oder allgemein, damit der 
arme Mann sein Hemd trocknen kann 49 ). 
Der S. gilt daher auch als der beste Tag 
zum Wäschetrocknen 50 ). 

Nur an drei S.en des Jahres regnet 
es 51 ). Dies sind die dunklen S.e, an 
welchen die Muttergottes den ganzen 



923 


Samstag 


924 


Tag gebetet hat 52 ). Aber auch fünf Tage, 
manchmal nur ein S. im Jahre gelten als 
Regentage, so in Schlesien der vor dem 
Feste der schmerzhaften Muttergottes 53 ). 

Auch nach französischem Volksglauben 
scheint am S. die Sonne, damit die Jung¬ 
frau Maria das Hemd tiocknen kann, 
welches der kleine Jesus am Sonntag an¬ 
zieht, oder ihrer eigenen Wäsche wegen 54 ). 
Auf Sardinien und in Venetien findet sich 
die allgemeine Redensart ,,Kein S. ohne 
Sonne, keine Frau ohne Liebe 44 55 ). 

Das Volk sucht zu begründen, warum 
der S. der hl. Maria geweiht ist, der daher 
auch die in der S.nacht sterbenden Kinder 
gehören 56 ). Nach den einen ist sie am 
S. geboren 57 ), nach andern hat sie an 
■diesem Tage jedesmal vom frühen Morgen 
bis Sonnenuntergang gebetet 58 ). 

Endlich ist der S. auch der Tag, an 
welchem die armen Seelen aus dem 
Fegefeuer kommen und den Sonntag 
(s. d.) über bis zum Montag von ihrer 
Pein erlöst sind 59 ). Da sie bei ihrer Rück¬ 
kehr in die Häuser unter der Türangel 
zu sitzen pflegen, darf man am S. die Tür 
nicht heftig zuschlagen; sonst klemmt 
man sie ein 60 ). 

Daraus erklärt sich der Brauch der 
Seelenspeisung am S. 61 ), der auch in 
Rußland üblich ist 62 ). Im Zillertal wird 
am S. abends nach dem Krapfenbacken 
ein Stück Butter auf den Dreifuß gelegt, 
damit sich die armen Seelen damit ihre 
Brandwunden schmieren können 63 ). Am 
S. werden in der Oberpfalz die Gräber 
mit Weihwasser besprengt 64 ). Im Hin¬ 
blick auf die armen Seelen geschieht es 
wohl auch, wenn in Siebenbürgen am S. 
regelmäßig milde Gaben an die Armen, 
Waisen- und Bettelkinder verteilt wer¬ 
den 6S ). Auch die vom Wassermann in 
Töpfen gehaltenen Kinderseelen dürfen 
am S. zwischen 12 und 1 Uhr mittags 
heraus und miteinander spielen 66 ). 

Wie bei diesem Seelenglauben, so ist 
ebenfalls mehr der Gedanke an den folgen¬ 
den heiligen Sonntag die Ursache für den 
Brauch gewesen, am S. abends die Eggen 
auf dem Felde mit den Spitzen nach innen 
aufzurichten, damit sich der Ewige Jude 
•darauf ausruhen könne 67 ). Nach süd¬ 


slawischem Volksglauben feiert sogar 
die Pest (Kuma) denS. als heiligen Tag 68 ), 
und die Vampire bleiben in der Nacht 
von S. auf Sonntag in den Gräbern 69 ). 
Doch wird in Kukus mit dem Namen 
Sobotnina (S.snacht) die Nacht vom 
Freitag auf S. bezeichnet, welche die 
Brautleute nicht im Eltemhause zu¬ 
bringen dürfen 70 ). Der Russe feiert den 
S. in seiner Art und drückt dies durch 
die Redensart aus: „Den S. feiert man 
dreifach, mit Bliny (eine Art Pfannkuchen) 
backen, in das Bad gehen und das Weib¬ 
chen begatten 44 71 ). 

Auf den S. als Marientag nehmen auch 
besondere S.gebete Bezug, die am Abend 
zu beten sind. Sie sind verwandt mit 
einem Gebet für den Abend des Donners¬ 
tages (s. d.) und Freitaggebeten (s. d.). 
Wer diese Gebete an den angeführ¬ 
ten Tagen dreimal spricht, wird in einer 
besonderen Weise belohnt. Im Böhmer¬ 
wald war früher das folgende S.gebet 
üblich: 

Heut is die liab Samstagnacht, 

Unsa liabe Frau in Ruhabett schläft; 

Schläft ruahi und süaß. 

Hant drei Engala keraa und häb’n s’ begrüaßt. 
Hab nt g'sägt, sie sull afsteh(n) 

Und sullt mit eah(n) geh(n). 

Mit eahran trauernden Herz’n 
Und ihr’n brennenden Schmerz’n; 

Mit Bluat übarunna, 

Mit Bluat übagossn, 

Gänz vakema und dastoss’n 
Wia nie 

Js g'we’n die allerseligste Jungfrau Marie. 
Wer dös Gebet ulli Sämstäg dreimäl spricht 
Und nia vagißt, 

Dem wird uns’re liabe Frau kema 
Drei Täg vor sein’ End' 

Und sei(n) Seel’ nehma 
Auf ihrene Händ 
Jn Himmel eini. 

Amen 71 a ). 

24 ) H. Meinhold Sabbat u. Sonntag (Leipzig 
1909, Nr. 45 von „Wissenschaft u. Bildung") 
53 ff- 25 ) Ebd. 89 ff. 26 ) Vgl. Meyer Konv.-Lex. 
17 (1907), 358. 27 ) Pfannenschmid Ernte¬ 

feste 441. 28 ) Kühnau Sagen 1, 117. 29 ) Meyer 
Germ. Myth. 291 f. 30 ) Saupe Indiculus 24. 
3I ) Vgl. Grimm Myth. 1, 224. 32 ) Schön¬ 

werth Oberpfalz 2, 149; Vernaleken Alpen¬ 
sagen 87; Rochholz Glaube 2, 56. 33 ) Meyer 
Germ. Myth. 281. 3 «) Lütolf Sagen 504. 

35 ) Pröhle Unterharz 198 = Mannhardt Germ. 
Mythen 260. Bavaria 2 (1863), 242. 37 ) 

Zingerle Tirol 123; ZfVk. 4 (1894), 82 (Mittel¬ 
schlesien). 38 ) Bartsch Mecklenburg 2, 218. 


925 


Samstag 


926 


Bei den Magyaren dasselbe, vgl. Wlislocki 
Magyaren 165 — ZfVk. 4 (1894), 309. 3a ) John 
Erzgebirge 250. 40 ) Drechsler 2, 188. 41 ) Kuhn 
u. Schwartz 458 Nr. 431a; Meier Schwaben 
1, 237 Nr. 3; Lütolf Sagen 560 Nr. 591, vgl. 
386 Nr. 371; Reiser Allgäu 2, 429; Meyer 
Baden 513; Wuttke 62 § 72; ZfVk. 9 (1899), 
229 (Nordthüringen). 42 ) Bolte-Polivka 

з, 457 Anm. 43 ) ZfdMyth. 2 (1854), 101; 

Reinsberg Wetter 39; Wrede Rhein. Volksk. 
•93; Schmitt Hetlingen 12. 44 ) Bartsch 

Mecklenburg 2, 218. Vgl. Strackerjan 2, 28 
Nr. 288. 45 ) Reinsberg Wetter 39. 48 ) Meyer 
Baden 513. 47 ) Bartsch Mecklenburg 2, 218; 

Andree Braunschweig 412; vgl. Kuhn u. 
Schwartz 458 Nr. 431 a. 48 ) Haltrich Siebenb. 
Sachsen 244, 299. 49 ) Reinsberg Wetter 39. 

*°) Bartsch Mecklenburg 2, 218. 5l ) Meyer 

Baden 513; ZfVk. 2 (1892), 191 (Tirol); 4 (1894), 
82 (Mittelschlesien). An zwei S.en: Baum¬ 
garten Jahr u. s. Tage 31 u. Aus der Heimat 

1, 57. 52 ) Reiser Allgäu 1, 362. 53 ) Drechsler 

2, 188. 64 ) Sebillot Folk-Lore 1, 48. Vgl. j 

ZfVk. 17 (1907), 453. 55 ) Reinsberg Wetter 39. 

56 ) Pfalz Marchfeld 34. 57 ) Lütolf Sagen 560 

Nr. 591; ZfVk. 2 (1892), 191; 3 (1893). 53 (Tirol). 
Vgl. Saupe Indiculus 24. 58 ) Reiser Allgäu 

1, 362. — Zur Marienverehrung am S. vgl. noch 
Baumgarten Jahru.s. Tage 32; Quitzmann 
m; Knoop Schatzsagen 28 Nr. 55; ZföVk. 3 
(1897), 8; ZfVk. 8 (1898), 447 (Steiermark). 
S9 ) Grimm Myth. 3, 417 Nr. 25. 60 ) Schön¬ 

werth Oberpfalz 1, 287 Nr. 14 = Wuttke 472 
§752. 61 ) Baumgarten Jahru.s. Tage 9 Anm.; 
Pollinger Landshut 224. 82 ) Stern Rußland 

1, 73 f- 63 ) Zingerle Tirol 124 Nr. 1124 = 

Meyer Germ. Myth. 73. 64 ) Schönwerth 

Oberpfalz 1, 281 f. ® 5 ) Haltrich Siebenb. 
Sachsen 244. fl6 ) Ranke Sagen 2 198. 67 ) Kuhn 

и. Schwartz 451 Nr. 387; Rochholz Glaube 

2, 55 * 88 ) Stern Türkei 1, 380. 69 ) Ebd. 1, 367. 

30 ) Krauß Sitte u. Brauch 453. 71 ) Stern 

Rußland 1, 436. 71a ) Waldheimat (Budweis 1926) 
12, 182. Vgl. MschlesVk. 18 (1916), 41 ff. 

3. Als Marientag, dann als Vortag 
ries Sonntags und dort, wo man den 
Montag als ersten Wochentag zählt, auch 
als gerader Wochentag 72 ) ist der S. 
ein Glückstag 73 ). Er gehört mit seinem 
Abend schon zum Sonntag 74 ) und hat 
damit auch für diesen und die folgende 
Woche Vorbedeutung. Will im Voigt¬ 
land ein Mädchen am Sonntag viele 
Tänzer haben, so muß es am S. zuerst den 
Boden der Holzgefäße scheuern 75 ). Wenn 
am S. abends das jüngste Kind im Bette 
niest, so folgt eine glückliche Woche 76 ). 
Wenn der Schmied am S. Feierabend 
macht, so schlägt er noch dreimal mit 
riem Hammer auf den Amboß; dadurch 


wird der Teufel für die kommende Woche 
angeschmiedet 77 ). Nur in der Oberpfalz 
wird der S. als Schlußtag der Woche be¬ 
tont, wenn man sagt, daß dieser dem 
alten Herrn gehört, der Sonntag (Tag der 
Auferstehung) und Montag, der dem hl. 
Geist geweiht ist, dem jungen 78 ). Die 
Berolzheimer sagen, wenn am S. um 
2 Uhr Feierabend geläutet wird: „’s 
Wuchcherle is gschtarbe 44 79 ). 

Andrerseits erscheint der S., wie schon 
früh mit dem Saturnstag der Sabbat 
(s. d.) so ), als Unglückstag, besonders 
dann, wenn der Gedanke an den im 
Grabe ruhenden Heiland im Vordergrund 
steht. Dies spricht z. B. ein altes S.gebet 
aus Schwaben 81 ) aus: 

Heut ist die heilige Samstag Nacht, 

Wo unser Herrgott auf dem Grab saß. 

Er schrie: O ach! und o Weh! 

Wie tun meine heiligen fünf Wunden so weh! 
Die falschen Juden hand gschlaga und gstoßa. 
Die kleinen wie die großa. 

An dem Tage, an welchem der Herr tot 
im Grabe liegt, müssen die bösen Geister 
besondere Macht haben und frei schalten 
können. Daher ist der S. kein geheurer 
Tag 82 ), ein Teufelstag 83 ) und Hexentag, 
an dem die Hexen ihren Sabbat (s. d.) 
feiern 84 ). Daher übt man auch an diesem 
Tage Gegenzauber gegen Behexung der 
Kühe aus 85 ) oder man kann bösen Zauber 
erzeugen. Wenn man, wie die Akten 
eines Schweizer Hexenprozesses aus 1587 
überliefern, Steinregen hervorrufen 
wollte, mußte man eine Locke von einem 
Haar, das an einem S. nach der Vesper 
gestrählt worden war, mit einem Stocke 
in einem Topfe herumrühren 86 ). Nach 
romanischem Volksglauben haben die 
Hexen keine Macht über einen, wenn 
man das Wort S. auf eine gewisse Art 
und in einem bestimmten Augenblick 
ausspricht 87 ). In Frankreich gilt die 
Nacht vom Freitag auf S. und auch die 
vom S. auf Sonntag als Geisternacht 88 ), 
und ein junger Mann verwandelt sich 
jeden S. in einen Werwolf 89 ). 

Dort wo die Bezeichnung Sonnabend 
üblich ist, erhält der S. dieses Namens 
wegen die Bedeutung eines Unglücks¬ 
tages. Er ist, wie der Mittwoch (s. d.). 


927 


Samstag 


930 


Samstag 



929 


kein Tag 90 ). In einigen Orten Anhalts 
unterläßt man am S. die erste Aussaat, 
weil der Tag Abend, nicht Tag heiße 91 ). 
In Mecklenburg dürfen am Mittwoch und 
Sonnabend keine besonderen Angelegen¬ 
heiten vorgenommen werden, weil sie 
nicht für volle Tage gehalten werden 92 ). 

72 ) Vgl. Meyer Baden 135. 73 ) Drechsler 

2, 188; Wrede Rhein. Volksk. 93. 74 ) Schön¬ 

werth Oberpfalz 1, 418. 75 ) Wuttke 363 § 547. 

76 ) Ebd. 208 § 287; Rochholz Glaube 2, 56. 

77 ) Rochholz Glaube 2, 58; Wuttke 281 § 412 ; 

vgl. Heyl Tirol 766 Nr. 73. 78 ) Bavaria 2 

(1863), 242 =5 Wuttke 61 § 72 — Stemp- 

linger Aberglaube 115. 79 ) Meyer Baden 513. 

80 ) Boll Offenbarung Joh. 134 Anm. 81 ) Bir- 
linger Aus Schwaben 2, 203. 82 ) Lachmann 

Überlingen 53. 83 ) Schönwerth Oberpfalz 

3, 47. Auch in Frankreich bevorzugt der Teufel 

den S., vgl. Sebillot Folk-Lore 1, 397 - 

84 ) ZfdMyth. 1, 299; Leoprechting Lechrain 
17, 152 f.; SAVk. 25, 287 f.; W T uttke 158 § 215. 
Vgl. H. Ch. Lea Geschichte der Inquisition im 
Mittelalter (Bonn 1913) 3, 550 ff. u. Fuhr¬ 
mann De conventu sagarum ad sua sabbata 
(Wittenberg 1667). 85 ) Seligmann Blick 

1, 357 f. (Tirol). 86 ) Lütolf Sagen 224. 87 ) Se¬ 
ligmann Blick 2, 374 f.; vgl. 2,354. 88 ) Se¬ 
billot Folk-Lore 1, 145. 274; 2, 424. 89 ) Ebd. 

2, 437. 80 ) Jahn Pommern 352 Nr. 445. 

91 ) ZfVk. 7 (1897), 148. 92 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 216. 

4. Die Heilighaltung des S.es durch 
Arbeitsruhe 93 ) beginnt gewöhnlich erst 
mit dem Nachmittag 94 ), mit dem Feier¬ 
abendläuten 95 ) (s. Feierabend) oder dem 
Abend 96 ), selbst, ein deutlicher Beweis, 
daß die Beziehung zum folgenden Sonn¬ 
tag vorherrscht. Im Saterlande heißt 
der letzte Teil des Tages der heilige 
Abend, und spätestens eine Stunde vor 
Sonnenuntergang werden die Arbeiten 
eingestellt 97 ). Nach einer Kärntner 
Sage 98 ) verkündete einem einsam leben¬ 
den Bauern, der die fernen Kirchenglocken 
nicht hören konnte, an jedem S. um 
2 Uhr nachmittags der Himmel durch ein 
wunderbares Läuten den Beginn der 
Feierzeit. Ansonst ist wohl heute über¬ 
all, wie früher schon der Vormittag, der 
ganze S. ein schwerer Arbeitstag für 
das weibliche Geschlecht. Deswegen 
gingen im Egerland die Mütter mit Mäd¬ 
chen am S. nicht zur Einsegnung, weil 
man glaubte, daß dann die Mädchen in 
der Arbeit saumselig und in der Hauswirt¬ 
schaft nicht fertig werden, was sich be- 


’ sonders am S. als wichtigsten Arbeits- 
j tag zeigen mußte 99 ), 
i Allgemein verbreitet ist der Glaube, 
daß man am S. keine neue Arbeit be¬ 
ginnen soll 100 ). Man wird das ganze 
! Jahr 101 ) oder überhaupt nicht fertig 
I damit oder sie gerät nicht 102 ). 

Arbeit am S. bringt Unglück 103 ) 

! oder wird von höheren Mächten bestraft,. 

I wie jede Entweihung des Feierabends 
I (s. d.j. So soll z. B. nach einem Schweizer 
i Bericht aus 1560 ein Mann, der am S. 
abends fischte, von einem Gespenst ent¬ 
führt worden und längere Zeit krank 
gelegen sein 104 ). Den nach dem Abend¬ 
läuten am S. pflügenden Bauer schreckt 
! oder tötet ein plötzlich auftauchendes 
; und von ihm eingespanntes schwarzes 
■ Pferd 105 ). Die christliche Legende feiert 
in der Sage von der hl. Notburga die 
i Heiligung des Marientages 106 ). Andrer- 
i seits darf sich nach einer norddeutschen 

1 

Sage der, welcher mit dem Teufel einen 
Pakt eingegangen ist, nur am S. ra¬ 
sieren 107 ). 

! Im besondern gilt das Arbeitsverbot 
| am S. für das Spinnen. An diesem Tage 

! darf am Abend oder nach Sonnenunter- 

| 

gang nicht gesponnen werden lü8 ); zum 
Lichten gehen nur die Bettpisser 109 ). 
Was man am S. abends spinnt, wird in 
der Nacht wieder verdorben und weg¬ 
genommen no ) oder von den Mäusen zer¬ 
nagt 111 ). Wenn man zu dieser Zeit oder am 
Sonntag Wolle „afwinnt“, so bekom¬ 
men die Schafe, von denen die Wolle ist, 
die Drehkrankheit (sei wardn narrsch) 112 ). 
Spinnarbeit an diesem Abend wird be¬ 
straft, indem ein ungeheurer nackter 
oder blutiger Arm am Fenster erscheint 113 ) 
oder ,,Berta met der blauerigen Hand" 
kommt und diese durch das Fenster 
streckt 114 ) oder sich die Tür öffnet und 
eine Stimme ruft: 

i 

Säterdag to late spönnen 

Nümmer nich in himmel kommen U5 ). 

I Es heißt auch, daß beim Spinnen oder 
Haspeln am S. Abend oder Sonntag der 
Teufel hinter einem steht 116 ) oder daß 
dann die Hexe kommt oder der Teufel 
und den Flachs beschmutzt 117 ). Einem 
Mädchen erscheint der verstorbene Gro߬ 


vater und droht, ihm den Hals umzu¬ 
drehen, wenn es nicht binnen einer Stunde 
mit dem Rocken fertig werde und dann 
Feierabend mache 118 ). Nach einer Sage 
aus Sunderwitt 119 ) spannen zwei alte 
Frauen auch am S. Die eine starb und 
erschien am nächsten S. abends der an¬ 
deren, die noch eifrig spann, und zeigte 
ihr ihre glühende Hand und sprach: 

Seer du, hvad jeg i Helvede vandt, 

Fordi jeg an Löverdag Aften spandt! 

(Sieh, was ich in der Hölle gewann, 

Weil ich am Samstagabend spann!) 

Wer an diesem Abend spinnt, findet auch 
sonst nach dem Tode keine Ruhe 120 ). 
Sogar zur Mondfrau kann die Spinnerin 
am S. werden 121 ) (s. Mond). Auch bei 
den Tschechen gilt das Spinn verbot 
an diesem der Muttergottes geweihten 
Tage. Man sagt: „Was am S. gesponnen 
wird, das stiehlt der Weber“ 122 ). Der 
magyarische Volksglaube begründet das 
Spinnverbot damit, daß man an einem 
S. den Strick geflochten hat, mit dem 
Jesus an die steinerne Säule gebunden 
wurde. Daher habe die Muttergottes 
jeden verflucht, der am S. spinnt 123 ). 
Wer dies tut, dem werfen die Hexen 
Spindeln durch den Rauchfang in die 
Stube hinein 124 ). 

Der Rocken muß überhaupt am S. 
abgesponnen sein. Sonst kommt Frau 
Holle hinein und zerzaust ihn 125 ), oder 
er wird von der „ölen Hakschen“ (s. 
Harke, Frau) verunreinigt 126 ). Oder es 
spinnen sonst die Hexen 127 ) oder der 
Teufel haspelt am Sonntag 128 ) oder es 
wird kein gutes Garn und cs bleicht 
nicht 129 ). Diese Überlieferungen waren 
wohl auch geeignet, den Fleiß der Spinne¬ 
rinnen anzuregen. In Butjadingen (Olden¬ 
burg) war es früher Brauch, daß jene 
Mädchen, welche in der Woche die ge¬ 
hörige Stückzahl nicht gesponnen hatten, 
am S. nach 4 Uhr nachm, vom Gro߬ 
knecht mit dem Mistkarren auf den Mist¬ 
haufen geführt wurden 130 ). 

Auch beim Klöppeln herrscht ähn¬ 
licher Glaube. Im Erzgebirge schneidet 
man am S. abends die Klöppelspitzen ab 
oder nimmt den Brief herunter, weil 
sonst „e fauler Maa“ darauf sitzt 131 ). 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII 


Was ein altes Weib am S. näht, galt 
noch zu Beginn des 18. Jh.s als nicht 
dauerhaft 132 ). Frauen dürfen überhaupt 
am S. abends bei den galizischen Juden 
nicht nähen, weil sonst die Toten 
kommen könnten, damit man ihnen die 
„Tachrichiii ‘ (Totengewänder) flicke 133 ). 
Nach magyarischem Volksglauben darf 
man am S. kein Kleidungsstück zuschnei¬ 
den, weil die Person stirbt, der man das 
Kleid bereitet, es sei denn, daß man das 
Kleid bis Mitternacht ganz fertig ge¬ 
macht hat 134 ). Nach tschechischem 
Volksglauben darf das Leichengewand 
nicht am S. gesponnen und am Sonntag 
gemangelt sein; sonst hat der Tote keine 
Ruhe 135 ). Am S. wurde, wie man früher 
glaubte, bloß das Nothemd (s. d.) ge¬ 
sponnen 136 ). 

ö3 ) Vgl. Baumgarten Aus der Heimat 3, 149 
u. bes. W. Treutlein Das Arbeitsverbot im 
deutschen Volksglauben. Bühl (Baden) 1932. 

94 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 31; Verna- 
leken Alpensagen 185; Eckart Südhannover. 
Sagen 199 f.; Reiser Allgäu 2, 358 {. = Sar« 
tori Sitte u. Brauch 2,70; Herzog Schweizer¬ 
sagen 1, 69; Halt rieh Siebenb. Sachsen 288. 

95 ) Grimm Sagen 154 Nr. 202; Bartsch Meck¬ 

lenburg 2, 218; SAVk. 2i (1917). 82 - 96 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 2,347; Baader NSagen 16; 
Waibel u. Flamm 2, 210, 331; SAVk. 2, 278. 
97 ) Strackerjan 2, 27 Nr. 288. 98 ) Gräber 

Kärnten 336t. Dasselbe: Baumgarten Jahr 
u.s.Tage 31. ") Gr ü ne r Egerland 39. 100 )Wolf 
Beiträge 1,217; Wuttke 62 § 72; Drechsler 
2, 188; Fogel Pennsylvania 261 Nr. 1361. 
101 ) SAVk. 12 (1908), 214 (Schaffh.). 102 ) Ebd. 
7, 134. 103 ) Wuttke 62 § 72. 104 ) Lütolf 

Sagen 504. 105 ) Kuhn u. Schwartz 57 f. Nr. 61; 
Kuhn Westfalen 1,344 Nr. 381. 106 ) Panzer 

Beitrag 2, 11 f. 48. 107 ) Müllenhoff Sagen 

(1921) 201 Nr. 302. 108 ) Wuttke 62 § 72; 402 

§ 619; Baumgarten Jahr u. s. Tage 31; Sar- 
tori Sitte u. Brauch 2, 192; Kuhn u. Schwartz 
445 Nr. 356; 447 Nr. 370; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1,417 Nr. 2; 2,59 Nr. 4; Meyer Baden 
513; John Westböhmen 9,261;. Lachmann 
Überlingen 53; Haltrich Siebenb. Sachsen 289; 
ZfVk. 9 (1899), 308. 310 (Norddeutschland); 
Schulenburg Wend. Volksthum 147; Ger¬ 
hardt Franz. Novelle 118 (16. Jahrh.). 109 ) En¬ 
gelien u. Lahn 282; Drechsler 2, 188. 

110 ) Meier Schwaben 2, 492. m ) Drechsler 
2, 188; Kuhn u. Schwartz 445 Nr. 356 (Sonst 
nesteln de müs in). 112 ) Bartsch Mecklenburg 
2, 218; Wuttke 437 § 687. 113 ) Kuhn West¬ 

falen 1, 60 f. Nr. 47 f. 114 ) Ebd. 2,4 Nr. 7. 
115 ) Ebd. 1, 99 Nr. 99. 116 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 218. 117 ) ZfVk. 9 (1899). 310 (Nord¬ 

deutschland). u8 ) Reiser Allgäu 1, 362. 

3 o 






Samstag 




Samstag 



119 ) Müllenhoff Sagen (1921) 175 t. Nr. 260. 

120 ) Grimm Myth. 3, 458 Nr. 680. 121 ) Roch- 

holz Glaube 2, 57. 122 ) Grohmann 147. 

123 ) Wlislocki Magyaren 164 f. = ZfVk. 4 
(1894), 309. 124 )ZfVk. 4, 308. m ) Kuhn West¬ 
falen 2, 3 f. Nr. 2; Wolf Beiträge 1, 217; Wuttke 
26 § 25. 126 ) Andree Braunschweig 327. 

127 ) Panzer Beitrag 2, 299, 554. m ) Wuttke 
62 § 72. 129 ) Schönbach Berthold v. R. 151; 

Grimm Myth. 3,438 Nr. 130; Meyer Aber¬ 
glaube 209; Birlinger Schwaben 1, 414; Witz- 
schel Thüringen 2, 277 Nr. 19; Sartori Sitte 
u. Brauch 2, 45. 13 °) Strackerjan 2, 27 

Nr. 288. 131 ) John Erzgebirge 37. 132 ) Maenn- 
ling 224 = Schultz Alltagsleben 241. 

133 ) Urquell 4 (1893) ,118. 134 ) ZfVk. 4 (1894), 

308. 135 ) Wuttke 461 § 731. 136 ) Grimm 

Myth. 2, 920. 

5. Nach älterem Glauben sind S.s- 
kin der trag, faul, langsam und zu allem 
ungeschickt 137 ). An einem der letzten 
Wochentage geborene Menschen heiraten 
entweder spät oder gar nicht 138 ). Im 
Erzgebirge heißt es von S.skindem, daß 
sie im späteren Leben wenig auf Sauber¬ 
keit halten 139 ); bei den pennsylvanischen 
Deutschen, daß sie viel arbeiten müssen 140 ); 
in Ostpreußen, daß sie zur Heuchelei und 
Lüsternheit neigen 141 ); in Franken da¬ 
gegen, daß sie mehr sehen und hören als 
andere Leute 142 ). Bei den Bulgaren 
gelten sie als geistersichtig 143 ) und als 
Glückskinder 144 ). Als solche betrach¬ 
teten auch die Juden die Sabbatkinder, 
die eine zwei- bis dreifache Seele emp¬ 
fangen und gelehrt werden 145 ). Dagegen 
meinen die Spaniolen, daß solche Kinder 
auch an einem S. sterben, weil durch sie 
infolge der nach einer Woche vorzu¬ 
nehmenden Beschneidung der Sabbat 
entweiht wird. Doch glauben auch sie, 
daß die am Sabbat Geborenen Glücks¬ 
kinder sind und jeder an diesem Tage 
geborene Knabe ein Heiliger werde 146 ). 
Wie hier, bezieht sich mehr auf den Sonn¬ 
tag (s. Sonntagskind) der Glaube der 
Magyaren, daß der am S. um Mitternacht 
Geborene im Leben unverhofft zu großem 
Reichtum gelangt 147 ). 

Der S. ist ein günstiger Tag für den 
Kirchgang der Wöchnerin bei Mäd¬ 
chen im Egerland 148 ), ein ungünstiger in 
Oberösterreich und Schwaben 149 ). Eine 
Taufe am S. ist bei den Nordfriesen 
selten 150 ). Bei Entwöhnung der 


Kinder wird im Egerland der S. bevor¬ 
zugt 151 ). 

Wohl in ganz Süddeutschland ist der 
S. neben dem Dienstag und Donnerstag 
der beliebteste Tag zum Fenstergang 152 ); 
auch in Norrland fallen die Kommnächte 
meistens in die Nacht von S. auf Sonn¬ 


tag 153 ). Im Saterlande galt ehemals der 
S. für den besten Hochzeitstag 154 ); 
sonst wird er selten hiezu gewählt 155 ). 
Erst in neuerer Zeit kommt er neben den 


alten Hochzeitstagen, dem Dienstag (s. d.) 
und Donnerstag (s. d.), mehr in Be¬ 
tracht 156 ), besonders in Städten und bei 
Fabrikarbeitern, weil dann auch der 
Sonntag in das Fest einbezogen werden 
kann, ohne daß ein weiterer Arbeitstag 
versäumt wird 157 ). In Schlesien sieht 
dies die Kirche nicht gern, weil sich die 
Feier gewöhnlich in den Sonntagmorgen 
hinein ausdehnt 158 ). Auch bei den 
Slawen 159 ) und Romanen 160 ) erscheint 
der S. zuweilen als Hochzeitstag. 

Mit einer Übertragung von Aberglauben 
des Sonntags (s. d.) hat man es bei der 
Ansicht zu tun, daß bald wieder ein 
Todesfall eintritt, wenn am S. der Kirch¬ 
hof geöffnet ist 161 ). 


Schultz Alltags- 

221 i. 
Penn- 


§ ?-• 


137 ) Maennling 168 = 
leben 241. 138 ) Meyer Aberglaube 

139 ) John Erzgebirge 50. l4 °) Fogel 

sylvania 33 Nr. 16 f. 141 ) Wuttke 62 
142 ) Ebd.; vgl. Hillner Siebenbürgen 26 Nr. 3; 
Gassner Mettersdorf 14. 143 ) Frazer 3,89; 

10, 285. 144 ) Stern Türkei 1, 375. 145 ) Maenn¬ 
ling 168. 14e ) Stern Türkei i, 37b. 

147 ) Wlislocki Volksglaube u. religiöser Brauch 
der Magyaren 67 = ZfVk. 4 (1894), 309. 148 ) John 
Westbohmen 261. 149 ) Baumgarten Aus der 

Heimat 3, 27; Birlinger Aus Schwaben 1, 390. 
15 °) Jensen Nordfries. Inseln 227. 151 ) Grüner 
Egerland 40. 152 ) Meyer Baden 174. 191; 
John Westböhmen 261. 153 ) Heckscher 354. 

154 ) Strackerjan 2, 27. 155 ) Hesemann 

Ravensberg 71; ZfVk. 19 (1909), 440 (Mans- 
felder Seekreis). 156 ) Sartori Westfalen 86; 
John Westböhmen 132. 157 ) Höhn Hochzeit 

Nr. 6, 3 (I); Meyer Baden 280; Sartori Sitte 
u. Brauch 1,61. 158 ) Drechsler 1, 235. 

159 ) Tetzner Slawen 432. 16 °) Rev. Tradition- 
nisme fran£. et ötranger (Paris) 1906, 73; 
Atradpop. (Palermo e Torino) 1 (1881), 430; 
19 (1900), 180; Lares (Roma) 4, 58 (Apulien). 
m ) Höhn Tod Nr. 7, 345. 


6 . In der Vieh- und Feldwirtschaft 


ist der S. im allgemeinen ungünstig. Zu¬ 
weilen darf der erste Viehaustrieb nicht 


am S. geschehen 162 ); in Oldenburg darf 
am S. überhaupt kein Vieh ausgetrieben 
werden, weil sonst das Sterben hinein¬ 
kommt 163 ). In Seidelsdorf in Württem¬ 
berg wurde der S. als ein Halbfeiertag 
eingeführt, um eine Seuche zu beschwören. 
Denn vorher erschrak das Vieh jedesmal, 
wenn es am Abtritt eines bestimmten 
Hauses vorüberkam, wurde krank und 
verendete 164 ). In einigen Orten Nord¬ 
deutschlands wurden früher am S. keine 
Pferde angeschirrt 165 ). Damit die Milch 
der Kühe nicht versiegt, gibt man zu¬ 
weilen die am S. gemolkene Milch den 
Armen 166 ). Die pennsylvanischen Deut¬ 
schen beachten den S. auch bei der 
Schweinezucht 167 ). In Mecklenburg wird 
das Federvieh am Mittwoch oder S. aus¬ 
getrieben; es wird dann von den Krähen 
nicht gesehen, denn dies sind keine 
Tage 168 ). Wird in Schlesien an einem 
S. an einem Taubenhaus gebaut, so bleibt 
keine Taube mehr. An diesem Tage soll 
man auch den Söller nicht von dem 
Taubenmiste säubern 169 ). Am S. soll 
kein Mist aus den Ställen getragen 17 °) 
und kein Dünger geführt werden 171 ). Im 
letzten Falle kann deswegen eine Vieh¬ 
seuche entstehen 172 ). Im Oberamt 
Öhringen haben die Bauern nach mehreren 
Hageljahren, die sie als Strafe ansahen, 
das Gelübde getan, am S. das Dungführen 
zu unterlassen, um den Sonntag besser 
heiligen zu können 173 ). 

Am S. soll man nicht säen 174 ), weil 
„der Tag (Sonnabend) Abend, nicht Tag 
heiße' *, wie man in einigen Orten An- ] 
halts sagt 175 ). Doch fing man gerade am S. 
in Klein Paschleben (Anhalt) mit dem Säen 
an, ,,damit keine Mäuse ins Getreide 
kämen“ 176 ). Und auch sonst ist der S. 
ein beliebter Säetag 177 ), neben dem 
Mittwoch besonders für Erbsen 178 ), weil 
vor allem dann, wenn vor Sonnenaufgang 
(s. d.) oder nach Sonnenuntergang (s. d.) 
gesät wird, die Vögel den Erbsenbeeten 
fern bleiben 179 ). Auch für die Leinsaat 
sind diese zwei Tage am besten 18 °). End¬ 
lich wird der Erntebeginn gern auf 
den S. verlegt 181 ), weil dann die Mäuse 
nicht ins Korn kommen 182 ) oder weil an 
diesem Tage, der sich durch sonniges 


Wetter auszeichnet (s. o.), die Ernte 
trocken eingebracht und der Ertrag 
größer wird 183 ). Beginnt man am Mon¬ 
tag (s. d.), der ein Unglückstag ist, mit 
der Mahd, so mäht man doch schon am 
S. vorher einen kleinen Ackerstreifen, 
damit man sich einreden kann, die Emte- 
arbeit habe am S. .begonnen 184 ). 

Am Dienstag, Donnerstag und S. soll 
man nicht in die Kohlpflanzungen 
gehen, sonst kommen die Graswürmer an 
den Kohl (Emmenthal) 185 ). Am S. soll 
kein Obst von den Bäumen getan werden 
(Württemberg) 186 ); soll man nach dem 
Vesperläuten die Matten nicht wässern, 
sonst muß man es nach dem Tode auch 
tun (Süddeutschland) 187 ). In Ungarn 
durfte man noch vor etwa 50 Jahren in 
einer Ortschaft in den Weinbergen nichts 
arbeiten 188 ). 

162) Wuttke 440 § 693; Sartori Sitte u. 
Brauch 2, 149. lfl3 ) Strackerjan 2, 27 Nr. 288; 
2, 140 Nr. 340 = Wuttke 435 § 684. l84 ) Eber¬ 
hard t Landwirtschaft 1. 185 ) Kuhn u. Sch wart z 
447 Nr. 370. lÄÄ ) Seligmann Blick 2, 129. 
167 ) Fogel Pennsylvania 164 Nr. 778; 175 

Nr. 840. 168 ) Bartsch Mecklenburg 2, 143 — 

Meyer Germ. Myth. 254 (Hinweis auf Zingerle 
Tirol 121 unrichtig). 1#J ) Drechsler 2,94. 
17 °) Kuhn u. Schwartz 447 Nr. 370. i7i ) 
Drechsler 2, 188; Sartori Sitte u. Brauch 
2, 59 - 172 ) Meier Schwaben 2, 493 = Wuttke 

418 § 650; Müllenhoff Sagen 240 Nr. 328; 
Hovorka u. Kronfeld 2, 316 f.; FFC. Nr. 30, 
52. 173 ) Eberhardt Landwirtschaft 1. 174 ) 

Wuttke 418 § 651; Drechsler 2, 188; Eber¬ 
hardt Landwirtschaft 2. 175 ) ZfVk. 7 (1897), 148. 
176 ) Ebd. 177 ) Bartsch Mecklenburg 2, 216; 
John Erzgebirge 219; Drechsler 2,188. 
178 ) Kuhn u. Schwartz 446 Nr. 361 ; Kuhn 
Westfalen 2, 95 Nr. 302; Sartori Westfalen 115; 
ZfrwVk. 1909, 184; Kück Lüneburger Heide 
74; Wuttke 418 § 651. 179 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 164; Wuttke 420 § 655. 18 °) Drechsler 
2, 188; ZfrwVk. 1909, 190; 1910, 35 f. 

1S1 ) John Erzgebirge 221 — Sartori Sitte u. 
Brauch 2, 73. 182 ) Drechsler 2, 188; Mitteil. 

Anhalt. Gesch. 14, 16. 183 ) ZfVk. 7 (1897), 152 
(Anhalt). 184 ) Strackerjan 2, 24 Nr. 283; 
Wrede Rhein. Volkskunde 93. 185 ) SAVk. 15 

(1911), 1. 186 ) Eberhardt Landwirtschaft 12. 

187 ) Wuttke 62 § 72. 188 ) ZfVk. 4 (1894), 309. 

7. Auch im sonstigen Aberglauben 
zeigt sich die schwankende Stellung des 
S.s, der bald günstig, bald ungünstig ist. 
Am S. soll kein Dienstantritt er¬ 
folgen 189 ), denn „S.s goht de Fulen 
tau“ 190 ). Ein am S. eintretendes Mäd- 

30* 


935 


Samtband — Sand 


Sand 


938 



chen zerbricht viel Geschirr 191 ). Andrer¬ 
seits soll man, vom Standpunkt des 
Dienstboten aus, gerade am S. den 
Dienst antreten, weil einem dann das 
Jahr kurz erscheint 192 ). Im Erzgebirge 
zieht das Gesinde meist am Dienstag, 
aber auch am S. und Donnerstag ein 193 ); 
im Egerland heißt es, daß am S. die 
fleißigen Dienstboten einziehen 194 ). 

Der S. ist günstig zum Beginn eines 
Hausbaues 195 ) und wird für das Richt¬ 
fest gern gewählt 196 ), wohl in Rücksicht 
auf das Wochenende und den folgenden 
Sonntag. Dagegen soll man am S. in 
ein neues Haus oder eine neue Wohnung 
nicht einziehen 197 ); nur im Erzgebirge 
bevorzugt man hiebei auch den S. 198 ). 
Endlich soll man am S. keine Reise 
antreten und auch keine neuen Klei¬ 
der kaufen oder zuschneiden 199 ). 

Volksmedizin. Der S. war noch 
vor 70 Jahren im Böhmerwald der 
Aderlaßtag 200 ). Wenn es am S. nach 
dem Feierabendläuten regnet, so ver¬ 
treibt man im Allgäu Warzen, indem 
man sie mit dem Schaume einreibt, der 
sich unter der Dachtraufe bildet 201 ). In 
Wilfertsweder (Schwaben) schneidet man 
sich alle Montag und S. die Nägel ab; 
dann ist man frei von Kopfweh und 
nimmt alle Zähne mit ins Grab 202 ). Wer 
am S. erkrankt, stirbt nicht (Tirol) 203 ). 
Im Erzgebirge dagegen stirbt gerade 
dieser 204 ). In Mecklenburg vermeidet 
man bei Besprechung von Kopfweh 205 ) 
und bei Madenkrankheit der Tiere 206 ) 
den Mittwoch und Sonnabend, weil dies 
keine Tage sind. Bei den Bulgaren 
opfert man am S. den Krankheits- 
geistem 207 ), im bosnischen Save¬ 
lande beginnt eine Kur gegen Epilepsie 
damit, daß man durch 80 Tage jeden 
Montag und S. fastet und jeden Freitag 
heiligt 208 ). Nach magyarischem 
Glauben bleibt von Krankheit ver¬ 
schont, wer am S. reine Leibwäsche an¬ 
zieht, besonders wenn er vorher das 
Kreuz macht; denn dann fleht für ihn 
die liebe Jungfrau kniefällig zu ihrem 
hl. Sohn 209 ). Von einem Augenübel kann 
man befreit werden, wenn man am S. 
reine Leibwäsche anzieht und von einer 


Hebamme das nicht zugeknöpfte Hemd 
am Halse und Handgelenk mit einem 
roten Faden zu binden läßt 210 ). Der S. 
ist aber auch gefährlich. Wenn Weiber 
am S. ein Fußbad nehmen, bekommen 
sie übermäßige menses 211 ). 

Ein Traum in der Nacht von S. auf 


Sonntag geht in Erfüllung 212 ). Wenn 
man am S. niest, kommt am Sonntag 
Glück 213 ). Am S. soll man zu Ehren 
der Muttergottes nicht pfeifen und 
kein Obst essen 214 ). Wie der S., so 
ist auch der Sonntag 215 ). Bloße litera¬ 
rische Überlieferung ist endlich, was es 
bedeuten soll, wenn man den ersten 
Donner im Jahre an einem S. hört. 
Diese Überlieferung geht über Beda auf 
Johannes Laurentius Lydus zurück 216 ). 
Mit einem Schlagring, den man aus 
dem gefundenen Hufeisen eines Teufels¬ 
rosses, in das böse alte Häuserinnen von 
Geistlichen nach dem Tode verwandelt 
werden, an einem S., wenn alle Arbeit 
getan ist und die Feierstunde begonnen 
hat, geschmiedet hat, kann man beim 
Raufen die stärksten Gegner über¬ 
winden 217 ). 


iB9) Wuttke 62 § 72; 403 § 623; Drechsler 
2, 188; Fogel Pennsylvania 154 Nr. 724. 
19 °) Sartori Sitte u. Brauch 2, 39 f. 191 ) Köhler 
Voigtland 358; John Westböhmen 261. 192 ) 

Wuttke 403 § 623; Sartori Sitte u. Brauch 
2,39 (Masuren). ,93 ) John Erzgebirge 29. 
194 ) John Westböhmen 261. 195 ) Fogel Penn¬ 
sylvania 247 Nr. 1278. 19€ ) Sartori Sitte u. 

Brauch 2,6. 197 ) Drechsler 2, 188; Wuttke 

396 § 608 (Böhmen); Fogel Pennsylvania 150 
Nr. 705. lö8 ) John Erzgebirge 28. 103. 199 ) Zin- 
gerle Tirol 124; Wuttke 62 § 72; 407 § 629; 
Drechsler 2, 188. 20 °) J. Blau Georg Leopold 


Weisel (BdböVk. 17, 1926) 32. 


201 


) Reiser 


Allgäu 2, 444. 202 ) Birlinger Aus Schwaben 

1, 390 - 203 ) Heyl Tirol 766 Nr. 74. 204 ) John 

Erzgebirge 111. Vgl. Jühling Tiere 282. 
205 ) Bartsch Mecklenburg 2, 425. 206 ) Ebd. 

2, 153 - Vgl. Zahler Simmenthal 46. 207 ) Krauß 

Relig. Brauch 40. 208 ) Stern Türkei 1, 181. 

2 °9) wiislocki Magyaren 164 = ZfVk. 4 (1894), 
309. 21 °) ZfVk. 4, 308. 211 ) Wiislocki Ma¬ 

gyaren 169. 212 ) SAVk. 8, 271. 213 ) Zingerle 
Tirol 123. 2 i 4 ) Ebd. 215 ) Ebd. 124. 
bach Berthold v. P. 150. 217 ) 

Tirol 251 f. 

Samtband s. 1, 863 ff. 


216 ) Schön- 
Alpenburg 
Jungbauer. 


Sand. ,,Der S.mann kommt” sagt die 
Mutter zu dem müden Kinde, d. h. es 
ist Zeit, schlafen zu gehen; das Kind 


reibt sich die Augen, als wäre S. hinein- 
gekommen, weil bei eintretender Müdig¬ 
keit die Augen trocken werden und in 
den Augenrändern sich kleine trockne 
Körperchen bilden, die fürs Gefühl kleinen 
S.körnchen gleichen. Diese Erscheinung 
wurde für die Kinderwelt dem S.manne 
zugeschrieben, einem freundlichen Geiste 1 ), 
den leider E. T. A. Hoffmann im ersten 
seiner phantastischen ,,Nachtstücke” ins 
Entsetzliche verzerrt hat. Will man 
jemandem sein geistiges Erkennen so 
blenden, daß er das Richtige nicht er¬ 
kennt, das Vorgeführte für besser hält, 
als es ist, so ,,streut man ihm S. in die 
Augen”. Gespenster streuen wirklich 
S. in die Augen; so wirft ein schatz¬ 
hütender Geist allen, die näher heran¬ 
kommen, S. in die Augen. Wenn Hexen 
Menschen am Leibe schaden wollen, so 
werfen sie ,,blauen” S. auf dieselben 
(Oberpf.) 2 ). Einem Steinsprenger, dem 
die Erdmännlein helfen, und der sie 
seinen Freunden zeigen will, wirft der 
letzte vorüberkommende Zwerg (zur 
Strafe?) S. in die Augen 3 ). Die von 
Geistlichen gebannten bösen Geister 
(Wiedergänger, Mörder, Meineidige) ver¬ 
langen oft, am Ziele ihrer Verbannung 
angekommen, eine Aufgabe, nach deren 
Lösung sie frei sein sollen. Eine der 
gewöhnlich gestellten Aufgaben ist, S.- 
körner zu zählen 4 ). Einem hessischen 
Bauern, der verarmt ist, verspricht der 
Teufel zu dienen, wenn er stets Arbeit 
für ihn habe, sonst sei er ihm verfallen. 
Der Teufel bringt jede Arbeit schnell 
fertig, dem angsterfüllten Bauern fällt 
nichts mehr ein; da rät ihm seine Frau, 
dem Teufel die Aufgabe zu stellen, aus 
einem S.haufen ein Seil zu drehen, das 
noch den Kindeskindern hält, und der 
Teufel muß wütend abziehen 5 ). Ähn¬ 
liche S.strickaufgaben kommen bei Joh. 
Pauli, Hans Sachs u. a. vor und finden 
sich auf Island und auch im Orient 6 ). 
In einer niederländischen Sage wird eine 
Mahr ,,gezeichnet” und unschädlich ge¬ 
macht, indem man eine Handvoll trocke¬ 
nen S. in die Luft und in jedes Eckchen 
des Zimmers wirft 7 ). Andererseits wird 
erzählt, daß sich eine Hexe nackend im 


S.e badete, wie ein Huhn 8 ). Birlinger 
berichtet, daß ein Handwerksbursche 
vor Zeiten Gewitter machte, indem er an 
einen Bach trat, S. herausholte und 
diesen rückwärts ins Wasser warf; als¬ 
bald zogen Wolken auf, und es kam ein 
entsetzliches Hagelwetter 9 ). 

Der S. spielt auch in der Volksheil¬ 
kunde eine gewisse Rolle. Besonders 
magisch wirksam ist der S. vom Kirch¬ 
hof spf ade oder von den Schuhen, in 
denen man zum hl. Abendmahl gegangen 
ist, gegen Behexung und Krankheit 10 ). 
Gegen Warzen hilft Waschen der damit 
behafteten Stellen mit S. aus der offenen 
Gruft eines Toten vom anderen Ge- 
schlechte; doch muß es stillschweigend 
geschehen und der S. wieder im Namen 
Gottes in die Gruft geworfen werden 
(Wusterhausen) 11 ). S., von den Zweigen 
einer alten Rottanne an der Erde rein 
gefegt, läßt, dreimal auf die Warzen 
gestreut, sie verschwinden 12 ). Reiner, 
weißer S., auch Scheuers., löffelweise mit 
Wasser eingenommen, gilt als Mittel 
gegen das kalte Fieber 13 ). Treibs. aus 
Flüssen, mit reinem Brunnenwasser ein¬ 
genommen, soll gegen Magenschmerzen 
helfen 14 ). Allgemein empfiehlt man, 
geschwollene Glieder in heißen S. zu 
baden. Rachitische Kinder bettet man 
in heißen S. ein. Dies entspricht den 
heutigen, oft günstig wirkenden S.- 
bädern 15 ). — In Ostpreußen wird der 
Herde, wenn sie beim ersten Austriebe 
im Frühjahr den Hof verlassen hat, 
S. vom Kirchhofe entgegengeworfen, da¬ 
mit das Vieh nicht einander stößt; auch 
bewirft der Hirt das Vieh mit S. von 
Maulwurfshügeln, dann wird es blitz¬ 
blank wie der Maulwurf selbst 16 ). 

S. auf die Füße streuen verzögert die 
Hochzeit 17 ); fällt einem Mädchen beim 
S.schütten S. auf die Füße, so bleibt 
es ledig (Oldenburg) 18 ). Beim Teller¬ 
greifen (vgl. Salz) bedeutet der ergrif¬ 
fene S. den Tod 19 ). Wenn man von 
weißem S.e träumt, so gibts in der 
Familie eine Leiche (Mittenwalde) 20 ). Es 
bringt Unglück, wenn beim S.streuen 
in der Stube S. auf einen Gegenstand 
I geworfen wird (Schleswig-Holstein) 21 ). 



939 


Sardonyx- Sarg 


942 


Sandmann—Saphir 


J ) Strackerjan 1, 517 Nr. 260; Drechsler 
1, 217 Nr. 246; Mülhause 267. 2 ) Stracker¬ 
jan 1, 210 Nr. 173 f.; Schönwerth Oberpfalz 
3 . i 7 6 - 3 ) Rochholz Sagen 1, 287 Nr. 202. 

4 ) Strackerjan 1, 253 Nr. 183 u. 2, 117 Nr. 344; 

Jegerlehner Oberwallis 300 Nr. 7. -_ Vgl. 

Seligmann 2, 39 (Neapel) und Rochholz 
Naturmythen 13 (Island). 8 ) Wolf Hess. Sagen 
( I ^ 53 ) 88 Nr. 130; vgl. Jahn Pommern 321 
Nr. 402 letzte Zeilen u. 555 Nr. 693. 6 ) ZdVfVk. 
17 (1907), 462; Zachariä Kl. Sehr. 399; ZdVf¬ 
Vk. 7 (1897), 449 ; Urquell 4 (1898), 9; Bolte- 
Polivka 2, 513; Jegerlehner Oberwallis 293 
Nr. 3 u. Register s. v. Aufgabe; Maurer Island. 
Volkssagen 160 f. 7 ) Wolf Niederl. Sagen 
342 f. Nr. 249. 8 ) Grimm Myth. 2, 911. ») Bir- 
linger Volkst. 1, 330 Nr. 3553. 10) Wuttke 

144 § 198. ll ) ZdVfVk. 8 (1898), 200. 12) Ebd 

_*> Ur queil 2 (1891), 97; ZfrwVk. 1 (1904), 199. 

) ZfrwVk. ebd. 95. 15 ) Lamm er t 247; Ho- 

vorka-Kronfeld 2, 689 u. 696. 656. 76. 
j 38 - Vgl. Most Encyklopädie 22, s. v. Arenatio. 
16 ) Lemke Ostpreußen 1, 81 f. «) Stracker¬ 
jan 2, 117 Nr. 344. 18 ) Wuttke 222 § 317. 

) Ebd * 2 33 § 333 ; Bartsch Mecklenburg 

2, 237 Nr. 1231. 20) Engelien und Lahn 284h 
Nr. 288. 21 ) ZfVk. 20 (1910), 384 Nr. 68. 

t Olbrich. 

Sandmann. Der S. gehört zur Gruppe 
„Kinderschreck“ (s. d.), ist aber durch¬ 
weg freundlicher, selten ernstlich schrek- 
kender Natur. Wenn der S. dem schläfrig 
werdenden Kinde Sand in die Augen streut, 
ists Zeit zu Bett zu gehn (vorwiegend nord¬ 
deutsch) x ). Wollen die Kinder abends 
nicht zu Bett, so droht man ihnen mit 
dem S., der wirft den Kindern Sand in 
die Augen, setzt sich auch auf die Lider, 
bis sie zu fallen, oder beißt solange in die 
Augen, bis sie sich schließen 2 ). — In 
Bayern spielt neben dem S. auch das 
„Pechmannei“ eine ähnliche Rolle: es 
verklebt die Augen der Kinder mit sei¬ 
nem Pech 3 ) (s. o. Sp. 937). 

l ) Grimm DWb. 8, 1769 t.; vgl. auch z. B. 
Drechsler 1,217; Urquell 4.233; Wossidlo 
Mecklenburg 3, 39; Strackerjan i, 517 Nr. 260; 
Schulen bürg Wend. Volkstum 43 Anm.; 
W. Grimm Kl. Sehr. 1, 401. Vgl. Humper- 
dmcks Oper „Hänsel u. Gretel“. 2 ) Mülhause 
267 x . 3) schmeller Wb. i 2 , 379; Grimm 
DWb. 7, 1520. Ranke. 

Sandstein, Mühlstein. Von der medi¬ 
zinischen Anwendung des ,,groben S.s“ 
berichtet Schwenckfelt: Ein ausgezeich¬ 
netes Heilmittel gegen Nasenbluten ist 
d^r in die Nase aufgenommene Dampf 


940 

! eines heißgemachten und in schärfsten 
Essig abgelöschten lapis molaris 1 ). 

l ) catalogus 1, 392. f Olbrich. 

Sanguinaria s. Hirtentäschchen 4 
139 - 

Sanikel (Bruchkraut, Heil aller Schäden; 
Sanicula europaea). 

1. Botanisches. Doldenblütler mit 
handförmig geteilten Blättern und kleinen 
rötlichweißen Blüten. Der S. wächst in 
Wäldern vor allem in gebirgigen Gegen¬ 
den J ). Manchmal heißen auch andere 
Gewächse besonders gewisse Alpenpflanzen 
S., so die Zahnwurz (Dentaria ennea- 

phyllos) und die Aurikel (Primula auri- 
cula). 

] ) Mar zell Kräuterbuch 456. 

2. Der S. galt in früheren Zeiten als 
ein vorzüglich Wundkraut. „S. heilt das 
Fleisch im Topfe zusammen“ heißt es be¬ 
sonders in Böhmen und Schlesien 2 ).. 
Daß die Kraft mancher Wundkräuter 
so groß sei, daß Fleischstücke im Topfe 
zusammenwüchsen, hieß es schon im 
Altertum 3 ). „S. ist so kräftig, daß 
einem der Brustkasten anwachsen kann“ 4 ). 
„Wegbreit (Plantago), Schännikel und 
Ahrenpris (Veronica) — Dat makt de 
Düwel de Buern wies“, soll ein Arzt 
geklagt haben, weil sich die Bauern mit 
diesen Kräutern selbst heilten 5 ). Wenn 
ein Kind einen Bruch hat, so gibt man 
ihm schwarze und weiße S.Wurzel im 
abnehmenden Mond 6 ). Vor den „Pfixen“ 
(Krätze?) sucht man sich zu schützen, 
indem man S.wurz bei sich trägt 7 ). In 
Oberbayern wird der S. von Raufhelden 
in der Tasche getragen 8 ). S. am Himmel¬ 
fahrtstag gesucht, ist gut für krankes 
Vieh (Westfalen) 9 ). 

2 ) Das Kuhländchen 9 (1927), 138; Die Graf¬ 
schaft Glatz 5 (1910), 147; MnböhmExc. 14. 
167; SAVk. 7, 50. 3 ) so bei Apollonius: 

Keller Kerum natur. scriptor. Graeci minores 
I ^ 77 » 48; Oribasius De simplicibus 1533, 1, 48. 

4 ) Drechsler Schlesien 2, 210; vgl. auch John 
Westböhmen 231. 8 ) Wagenfeld Münsterland 

2 3 J : v gl- auch Rolland Flore pop. 6, 197. 

6 ) Lammert 120. 7 ) Zimmermann Volksheil¬ 
kunde 79. 8 ) Höfler Volksmedizin 103. ®) Kuhn 
Westfalen 2, 159 = Wuttke 109 §138. 

Marzell. 

Saphir. Griech. orotircpsipoc; lat. sapphi- 
rus aus sem. sappir. Ein Name für den 


941 

heute so genannten Edelstein ist aus dem 
Altertum nicht überliefert, denn die Alten 
verstanden unter dem Saphir nicht den 
heute so genannten Edelstein, sondern 
den Lasurstein x ). Im Mittelalter wurden 
dem S. wunderbare Kräfte gegen alle 
Krankheiten der Seele und des Leibes 
zugeschrieben. So sagt Konrad von 
Megenberg: er besitzt die Kraft, bei 
seinem Träger friedfertige Gesinnung zu 
erzeugen und ihn gegen Untreue, Haß 
und Erschrecken zu sichern; Seligmann 
berichtet, daß man den S. in Ringen 
und Halsbändern gegen Beschreiung und 
Neid trug. Eine Klosterhandschrift aus 
dem 15. Jh. sagt, der weißgewölkte S. 
überwinde Haß, Untreue und Neid, 
mache das Herz fröhlich, verscheuche das 
aus Traurigkeit entstandene Weh, mache 
kühn und überwinden. Die hl. Hilde¬ 
gard gibt eine Anweisung, wie man den 
S. bei Besessenheit mit Erfolg anwenden 
könne 2 ). Wer ihn trägt, muß sich, sagt 
Megenberg, der Keuschheit befleißigen; 
Zedier fügt hinzu, der S. zerspringe oder 
bekomme wenigstens Flecken, wenn sein 
Träger sich fleischlich vermische. Wegen 
seiner Eigenschaft, keusch und züchtig 
zu erhalten, trugen ihn die Geistlichen 
im Mittelalter als Schmuck und Talis¬ 
man 3 ). Ais magisch wirkend galt der 
S. bei mancherlei Krankheiten. Nach 
Megenberg erhielt er Leib und Glieder 
in dem natürlichen Ernährungszustände, 
beruhigte die innere Hitze, wirkte schwei߬ 
widrig, heüte Geschwüre, vertrieb die 
Gesichtsrose und zerteilte Nieren- und 
Augenschmerzen, heilte die Krankheiten 
der Zunge, zerteüte Geschwülste und 
vertrieb den Gesichtskrebs (Lupus). Zed¬ 
ier kennt außerdem die Wirkung des S.s 
gegen die Pestblattern, wenn man mit 
dem Stein einen Kreis um sie zieht. Zu 
Gesners Zeiten strichen manche Arzte 
um die Karbunkel mit einem S.stein, 
der zur besseren Handhabung in einen 
bleiernen Handgriff eingelassen war. Zed¬ 
ier kennt auch die Wirkungen des Steins 
bei Entzündungen der Augen, Blattern 
und Masern und berichtet, daß die Che¬ 
miker aus ihm Tinkturen gegen Pest und 
Gift, auch Salze gegen obgenannte Krank¬ 


heiten herstellten 4 ). In den genannten 
Quellen heißt es auch, der S. mache die 
Augen klar, wenn man sie mit ihm 
reibt 5 ). Die mittelalterlichen Alchimisten 
schrieben dem S. einen Teil der Kräfte 
zu, die sie beim ,,Stein der Weisen“ vor¬ 
aussetzten 6 ). — Der S. ist Monatsstein 
für die im September Geborenen, nach 
anderen für den Mai oder April. Er galt 
als Sinnbild der Beständigkeit und Treue 7 ). 


*) Brückmann 304; Schräder Realiex* 
1, 212; Pauly-Wissowa 2. R. 1,2356; Berg¬ 
mann 444. 2 ) Megenberg Buch d. Natur 39 2 : 
Seligmann 2, 31; Alemannia 26 (1898), 203t.; 
Franz Benediktionen 2, 566. 3 ) Megenberg 

a. O. 393; Zedier s. v. 34, 34; Westermanns 
Monatshefte 119. Bd. (1916), 659. 4 ) Megen¬ 

berg a. O. 392; Zedier a. O.; Gesner d. f. I. 35 
(mit Abbildung); Hellwig Kalender 55; vgl. 
Schade 1413 Sp. 2; Agrippa v. N. 1, 114: 
Tiede Gotteserkenntnis 135 h 5 ) Vgl. auch 
Hovorka-Kronfeld 1, 106 u. Hellwig a. O. 
«) Tiede a. O. 7 ) Vgl. Monatssteine; Hovorka- 
Kronfeld 1, 106 u. 2, 884 u. Th. Körner Die 
Monatssteine Str. 4. t Olbrich. 

Sardonyx. Eine Varietät des Kar¬ 


neol-(Sarder) und einer weißen Onyx¬ 
lage. Wie sehr der S. von den Alten 
geschätzt wurde, beweist die bekannte 
Erzählung vom Ringe des Polykrates, 
in den nach Plinius ein S. gefaßt war. 


Der S. galt als Schutz gegen Verzaube¬ 


rung und gab auch den Furchtsamsten 
Mut*). Es wurde ihm auch die Kraft 
zugeschrieben, vor Unkeuschheit und 
Hoffahrt zu bewahren 2 ). Von seinen 
Heilwirkungen berichtet Zedier, gestoßen 
und eingenommen, stillt er das Bluten 
und den Durchfall 3 ). Lonicer erwähnt 
seine Anwendung gegen Nagelgeschwüre 4 ) 


(ovug = Nagel, similia similibus). 

Der S. gehört zu den zwölf Monats¬ 
steinen; wenn die im August Geborenen 
ein glückliches Eheleben führen wollen, 
sollen sie einen S. tragen 5 ). 

l ) Brückmann 213; Kluge Handb. d. Edel¬ 
steinkunde 390 f.; Seligmann 2, 31; Hovorka- 
Kronfeld 1, 106; Schade 1420 h 2 ) Schade 
1422; Lonicer 58. 3 ) Zedier 34,91. 4 ) Lo¬ 

nicer a. O. 5 ) Hovorka-Kronfeld a. O.; 
vgl. Megenberg, Buch d. Natur, 395 : s. 
Monatssteine. t Olbrich. 


Sarg. 1. Der S. aus Stein oder Holz 
kommt schon in vorgeschichtlicher Zeit vor 
und wurde wohl, wie Grabkammer und 



943 


Sarg 


Sarg 


946 



Hausurne, als Wohnung des Toten oder 
seiner Seele betrachtet. Er diente ihm also 
zum Schutz, sollte aber zugleich auch 
ihn festhalten und die Lebenden vor der 
unerwünschten Wiederkehr schützen 1 ). 
Neben dem Schutz der Leiche durch lose 
Bretter kommen seit der Steinzeit 
Baumsärge vor, ausgehöhlte Eichen¬ 
stämme, der Länge nach gespalten; in 
die eine Hälfte wurde die Leiche gelegt, 
die andere diente als Deckel. Man glaubt 
in diesem, dem Einbaum gleichen Toten¬ 
baum, der auch als nauffus (= navis?) 
bezeichnet wird, einen Hinweis auf Schiff¬ 
bestattung und Totenreise sehen zu 
dürfen. Das mag wohl für einen Teil der 
Fälle stimmen 2 ). Solche Särge kommen 
bis in neueste Zeit in Rußland vor 3 ). 

x ) ERE. 2,18; 4, 425 f.; Hoops Realie* r. 4, 
83; Helm Religgesch. 1, 143 ff. 2 ) Hoops 
Reallex. 1, 183 f.; 4, 83. 337 f.; Schräder Real- 
lex. 2 2, 280 ff. (nimmt eher rohe Nachahmung 
des Steins.s an). Boot als S.: FFC. 41,97!.; 
ARw. 7, 507; 14, 360; ZfEthn. 17, 47. 3 ) Globus 
59 , 236; Zelenin Russ. Volksk. 323; vgl. Globus 
59,168; 89, 368; ZfEthn. 30, 353 f.; 43,205; 
Koch Animismus 94. 

2. Es ist aber fraglich, ob in alter Zeit 
alle Leichen in solchen Särgen beigesetzt 
wurden, denn noch bis heute hat sich an 
einzelnen Orten in Europa die Bestattung 
ohne Sarg erhalten 4 ). In Würtemberg 
deutet man dies aus dem Glauben, daß 
man so eine leichtere Auferstehung 
habe 5 ). Die Leiche wurde aber auf eine 
andere Art geschützt: in Flandern wickelte 
man sie in Stroh 6 ), die Ostjuden kleiden 
das Grab mit einem Bretterverschlag 
aus 7 ). Vielleicht diente auch eine Art 
Totenbrett zu diesem Zweck (lignum 
insuper positum, Leg. Bajuv.) 8 ), ein Über¬ 
rest des Brauches wäre die Sitte, das Ge¬ 
sicht der Leiche mit einem Brettchen zu 
bedecken 9 ). Kinderleichen wurden in 
der Bretagne (18. Jh.) in Baumrinde ge¬ 
wickelt 10 ); an andern Orten wird ein 
Kind in der Wiege begraben 11 ). 

Der Tote wurde früher auch bloß auf 
einem Brett (s. Totenbrett) zu Grabe 
getragen, und dort ließ man ihn in Bayern 
vom Brett hinuntergleiten, daher soll 
das Sterben auch Brettlrutschen heißen 12 ). 
Es kam auch vor, daß man einen Ge- 


meindes. besaß, worin die Leichen zum 
Grabe getragen wurden; dort nahm man 
sie dann heraus und legte sie ins Grab 
(Dode-usleere, Baden) 13 ). 

4 ) ZföVk. 6,63; frühere Zeiten: LeBraz 
Legende 1,253; N. Arch. f. sächs. Gesch. 28 
(1907), 1 ff.; Eidgenöss. Abschiede VII, 2, 
1227; Friedli Bärndütsch (Grindelwald) 625; 
Argovia 3, 140; FFC. 41, 97. 156 ff.; Höhn 
Tod 320. 5 ) Ebd. 345. «) BF. 2, 338. 

7 ) Südd. Monatshefte 1916 (Febr.), 798. 

8 ) Meyer Baden 598 ff. 9 ) Urquell 2, 102; Lam- 

mert 104. 10 ) LeBraz Legende 1, 252 Anm.; 

vgl. Sartori Stitte u. Br. 1, 150. 11 ) SchwVk. 

8, 22 f. (Bern 17. Jh.). 44; FFC. 41, 28; 61, 17; 
Globus 59, 83. 12 ) MschlesVk. 6. Heft 37; E. H. 
Meyer D. Volksk . 273 f.; Höhn Tod 345; 
Schweizld. 2, 351; Diener Oberglatt 155. 13 ) J. 
Meier Kulturhistor. a. d. Kelleramt 137; Nider- 
berger Unterwalden 3, 178; Pupikofer Gesch. 
d. Thurg . 2 2, 524; Bulletin du Glossaire 14, 22; 
Höhn Tod 332 f. 345; Bavaria 1,412; Meyer 
Baden 590; Lammert 104; vgl. ARw. 24, 306. 

3. Die Namen des S.s deuten dadurch, 
daß manche Entlehnungen aus dem La¬ 
teinischen Vorkommen, darauf hin, daß 
durch die christliche Kirche auf die Sitte 
eingewirkt wurde. S. wird als Entlehnung 
aus lat. sarcophagus angesehen (ahd. 
sarh); daneben kamen die Entlehnungen 
mhd. arke, ags. eist, altn. llkkista, ahd. 
sark-scrini 14 ) vor. In Süddeutschland 
ist daneben noch das alte deutsche Wort 
Totenbaum in Gebrauch 15 ). Daneben 
heißt er aber im Schwäbischen und 
Siebenbürgischen auch Bahre, eine Be¬ 
deutungsverschiebung, die etwa zweifel¬ 
haft erscheinen läßt ob Sarg oder Trag¬ 
bahre gemeint seien 16 ). Andere Aus¬ 
drücke sind Totentruhe, früher Trog 17 ), 
augsburg. Hobel, Kobel 18 ), nordd. Hues- 
holt, Dodkiste 19 ), in Braunschweig Ruste- 
käste 20 ). 

14 ) Kluge Eiym. Wb. s. v. Sarg; Schräder 
Reallex 2 2, 280; vgl. K. Gernand Die Bezeich¬ 
nung des S.s im Galloroman. (Gießen. Beitr. z. 
Rom. Phil. H. 21. 1928). 15 ) Schweizld. 4, 1248; 
Birlinger Aus Schwaben 2, 313; Meyer Baden 
590; Höhn Tod 332. 16 ) Höhn Tod 332; 

Fischer Schwab. Wb. 1, 638 f.; Birlinger Aus 
Schwaben 2, 311 f. ; Schulierus Siebenb. Wb. 

1 f 394 - 17 ) Höhn Tod 332. 18 ) Birlinger 

Aus Schwaben 2, 312. 19 ) ZfVk. 3, 269. 20 ) An- 
dree Braunschweig 315; Brunner Ostd. Volksk. 
192. 

4. Auf Föhr kamen früher Steins.e 
vor 21 ). Sonst sind sie immer aus Holz 
und je nach Vermögen verziert 22 ). In 


Belgien soll früher auch der Teigtrog be¬ 
nutzt worden sein 23 ). Fast immer ist 
er mit einem Deckel versehen, selten mehr 
werden die Leichen im offenen S. ge¬ 
tragen 24 ), oder speziell Kinder 25 ). Häu¬ 
figer werden verschiedene Farben ver¬ 
wendet: für Erwachsene und Verheiratete 
braun oder schwarz, für Ledige und Kin¬ 
der weiß 26 ), blau 27 ), grün 28 ), gelb 29 ) 
oder rot 30 ). Auch Wöchnerinnen er¬ 
halten weiße oder blaue S.e 31 ). In 
Amerika ist man dazu übergegangen, 
die S.e möglichst schön farbig herzu¬ 
stellen 32 ). 

Das Holz zum S. oder der fertige S. 
wird zum Voraus verfertigt oder bereit¬ 
gehalten 33 ); in Rußland glaubte man, 
sich dadurch ein langes Leben zu sichern, 
man schüttete Korn in den S. und ver¬ 
teilte es an Bettler 34 ). 

Auf dem Deckel wird oft ein Fensterchen 
angebracht, damit man den Toten noch 
ansehen könne 35 ). In Rußland und Ru¬ 
mänien geschieht es aber, damit der Tote 
sehen könne, was vorgehe 36 ). Vom 1792 
verstorbenen Herzog Ferdinand v. Braun¬ 
schweig erzählt man, er habe sich, aus 
Besorgnis lebendig begraben zu werden, 
einen S. machen lassen, worin ein Fenster 
mit einer Luftröhre war 37 ). 

21 ) J ensen Nordfries. Inseln 339: vgl* Globus 
89, 384. 22 ) Schramek Böhmerwald 227; Meyer 
Baden 601. 23 ) Volkskunde 11, 153 i. 24 ) Zin- 
gerle Tirol 50; MschlesVk. 6.Heft, 37 (Bayern); 
Bavaria 1, 412; Höhn Tod 332 f.; ARw. 24, 305 
{Griechen). 25 ) Osenbrüggen W ander Studien 
4, 24; Rtrp. 15, 616. 26 ) Graubünden, Wallis, 

Unterwalden, Aargau schriftl.; Drechsler 
Schlesien 1,296; Roch holz Glaube 1,139; 
SAVk. 6,49; Wirth Beitrage 2/3,56; Sartori 
Westfalen 102; Höhn Tod 332; Wrede RheinVk. 
137; Schüller Progr. v. Schäßb. 1863, 54 f-; 
ZfEthn. 31,293; ZföVk. 4,268; John West¬ 
böhmen 174 f.; ZrwVk. 5, 250. 259 f.; Caminada 
Friedhöfe 163; Hoffmann Ortenau 65; Meyer 
Baden 590; Strackerjan 2, 218. 27 ) Grau¬ 

bünden, Wallis, Aargau schriftl.; vgl. SAVk. 
20, 156 f.; Laube Teplitz 32; Brunner Ostd. 
Volksk . 198. 28 ) Franziska Hager Chiemgau 
{1927), 292. 29 ) Wirth Beiträge 2/3, 56; Sar¬ 
tori Westfalen 102; Seefried-Gulgowski 
221; Schulenburg Wend. Volksth. 114. 
3 °) Sartori Westfalen 102; vgl. ZfVk. 23,262. 
51 ) Höhn Tod 332; ZföVk. 4,268. 32 ) Basl. 

Nachr. 11. Okt. 1927. 33 ) Troels-Lund 14, 

113; Feilberg Dansk Bondeliv 2, 102; Kück 
Lüneburg 261; Jensen Nordfries. Inseln 339: 


Andree Braunschweig 315; ZrwVk. 4, 274. 
34 ) Zelenin RussVk. 323. 35 ) G. Keller 

D. grüne Heinrich 3, Kap. 7; Niderberger 
Unterwalden 3,162; Rochholz Sagen 2,133; 
vgl. Fensterurnen: Oldenb. Jb.d.Ver.f. Altertkde. 

u. Landesgesch. 31 (1927), 2 3 * ö* 36 ) FFC - 
41, 165; 61, 16; Flachs Rumänen 54. 37 ) Krü- 

nitz Encyclop. 73 * 33 ° L 

5. Das S.kissen wird meist mit Hobel¬ 
spänen gefüllt, bei den Juden mit Erde, 
womöglich aus dem hl. Land 38 ), oder 
man nimmt Rosenblätter 39 ) oderOrangen- 
und Lorbeerblätter 40 ); ein Federpolster 
darf man nicht nehmen, sonst entsteht 
im nächsten Jahr große Dürre 41 ). In 
der Naht dürfen keine Knoten sein, 
besonders bei einer verehelichten Person, 
sonst kann der hinterbliebene Teil nicht 
wieder heiraten 42 ). Die Nadel, womit 
das Kissen genäht worden, wird zer¬ 
brochen und ins Kissen gesteckt 43 ). In 
Württemberg wird ans Kopfende manch¬ 
mal ein Neues Testament gelegt 44 ). Es 
dürfen keine eisernen Nägel am S. sein, 
sonst mehren sie durch Brennen die 
Leiden des Toten im Fegfeuer 45 ). Im 
Norden legte man im 17. Jh. Hopfen ins 
Kissen oder in den S. 46 ); bei den Ost- 
jaken wischt ein altes Weib den S. mit 
einem Eichhomschwanz ab und bläst 
dabei jedesmal in die Türe hinein, damit 
der Tote nicht wiederkehre 47 ). 

Christlicher Brauch ist, den S. mit Weih¬ 
wasser zu besprengen, ihn mit geweihten 
Kräutern auszuräuchern oder geweihtes 
Wachs hineinzutropfen 48 ). Oder man 
verbrennt darin, bevor die Leiche hinein¬ 
gelegt wird, eine Handvoll Hobelspäne 49 ). 

38 ) Höhn Tod 332. 39 ) Gassner Mettersdorf 
86. 40 ) FL. 14, 83 (Malta). 4l ) DHmt. 4* *5 2 ; 
Rogasener Fam bl. 5 (1901), 3. 42 ) Urquell 4, 52 
(Siebenb.); John Westböhmen 171. 43 ) Grau¬ 

bünden mündl. 44 ) Höhn Tod 33 2 * 45 ) Rehm 
Volksfeste 113. 46 ) Troels-Lund 14,120. 

47 ) FFC. 41, 122 f. 48 ) ZrwVk. 6, 225; Meyer 
Baden 590; SchwVk. 8,37; ZföVk. 7, 226 f.; 
Brand Pop. Ant. 2,306; BF. 2,341; vgl. 
Fontaine Luxemburg 153; Schramek Böhmer¬ 
wald 228. 49 ) SchwVk. 17, 30. 

6 . Wie bei andern Begräbnisgebühren, 
gilt auch hier die Vorschrift, man dürfe 
dem Schreiner bei der Bezahlung des S. 
nichts abhandeln, man dürfe es nicht 
schuldig bleiben, sonst habe der Tote 
keine Ruhe 50 ). In Meiderich war es 
früher Nachbarpflicht, den S. zu be- 



947 


94 & 


Sarg 


zahlen 51 ). Am Attersee zimmerten die 
vier nächsten Nachbarn den S. 52 ). 

Das S.machen wird (wie z. B. das Gr,ab- 
machen) als gefährlich empfunden; bei 
den Ostjaken und in Indien nehmen drum 
alle Männer oder Dorfeinwohner daran 
teil 53 ). In Schweden ritzte der Schreiner, 
wenn er die Arbeit begann, ein Kreuz 
über die Tür der Werkstatt, damit der 
Tote nicht hinein komme 54 ); bei den 
Huzulen werden den Männern nach Voll¬ 
endung der Arbeit die Hände gewaschen, 
und jeder erhält ein Licht, ein Handtuch 
und ein Brot 55 ). In Dänemark gehört 
der Schreiner zu den nächsten Gästen 56 ). 
In Württemberg soll der Schreiner, wenn 
er einen S. macht, nicht zugleich Bienen¬ 
kästen machen 57 ). Bei den Russen wird 
die Axt, die benutzt worden ist, mit in 
den S. gelegt 58 ). 

Vereinzelt ist der Glaube, ein S. aus 
Weißtannenholz faule nicht 59 ). Der S. 
darf nicht zu groß sein, sonst folgt wieder 
ein Todesfall in der Familie 90 ), oder der 
Tote gehört nicht hinein, d. h. er ist 
scheintot 61 ). 

Um den Kindern die Furcht vor dem 
Toten zu nehmen, läßt man sie mit dem 
rechten Fuß in den S. treten 62 ), oder 
man setzt sich zum gleichen Zweck auf 
den S. 63 ). Wer sich aus Scherz in einen 
S. legt, stirbt bald 64 ). Wenn ein Ver¬ 
wandter des Toten mit dem S.deckel an¬ 
gestoßen wird, muß er bald sterben 65 ). 
Ein Schwerkranker stirbt nicht, wenn 
man schon einen S. für ihn hat machen 
lassen 66 ). 

Mehrfach wird in sagenhaften Berichten 
(wie z. B. von Attila und anderen Kö¬ 
nigen) von drei- oder gar siebenfachen 
S.en (aus Gold, Silber und anderem Me¬ 
tall) erzählt 6? ). Dieses sorgfältige Ein¬ 
schließen, das mit dem Einhüllen von 
Häuptlingen verglichen werden kann, 
sollte wohl den mächtigen Toten fest- 
halten 68 ). Puppens.e, die in einem alten 
Haus gefunden wurden, werden als Bau¬ 
opfer erklärt 69 ). 

60 ) Germania 29, 89; MschlesVk. 8 Heft 15, 79; 
11, 73; Grimm Myth. 3, 455; Witzschel Thü¬ 
ringen 2, 258. 61 ) Dirksen Meiderich 51; vgl. 
Birlinger Aus Schwaben 2, 326. 62 ) Baum¬ 

garten Aus d. Heimat 3, 115; vgl. Höhn Tod 


33 2 - 53 ) FFC. 41, 98; ZfEthn. 16, 364. fi4 ) Ro- 

s£n Död och begravning 5. 55 ) Globus 69,91. 

56 ) Feilberg Dansk Bondeliv 2, 116. 57 ) Höhn 
Tod 332; vgl. Lammert 105. 88 )Zelenin 
RussVolksk. 321. 5Ö ) SAVk. 21, 204; vgl. FFC. 
41, 98 (junges Holz f. junge Leute). ®°) Flachs 
Rumänen 54; Rosen Död och begravning 5 
(auch nicht zu kurz); vgl. Höhn Tod 333. 
61 ) Bern schrifti. 62 ) John Erzgebirge 126. 
63 ) Wuttke 317 § 7470. ® 4 ) Grohmann Aber¬ 
glaube 220. 65 ) MschlesVk. 8 Heft 15, 74. 

68 ) Wirth Beiträge 2/3, 51. ® 7 ) Jordanes 

Gotengesch. c. 49; Waibel u. Flamm i, 102 f.; 
2, 266 f.; Kuhn Mark. Sagen 110 Nr. 107;. 
229 Nr. 209; Eisei Voigtland 184; Schell Berg~ 
Sagen 319 Nr. 55; Zaunert Rheinlandsagen 
i, 4. 9; WestdZfVk. 31 (1934), 21 ff. 68 ) ERE. 
4, 425. ® 9 ) NdZfVk. 9, 191 fl. 

7. Der S. wird auf verschiedene Alt 
geschmückt. Er wird mit einem Tuche,, 
meist Bahrtuch genannt, von schwarzer 
oder weißer Farbe, manchmal mit einem 
Kreuz geschmückt, zugedeckt 70 ). In 
Tirol erhält es der Totengräber als Ge¬ 
schenk 71 ). In Graubünden war es mit 
roten Bändern geschmückt 72 ). Ein 
weißes Tuch wird besonders einer ver¬ 
storbenen Wöchnerin über den S. gelegt 73 )„ 
ebenso Ledigen und Kindern 74 ), diese er¬ 
halten in Steiermark auch ein buntbe¬ 
maltes „Uberthan“ 75 ). 

Manchmal wird auf den S. ein weißes 
oder buntes Kreuz gemalt oder be¬ 
festigt 76 ), auf Föhr bei Wöchnerinnen 77 ). 
In Österreich wird ein Buch oder die 
Statue des Kirchenpatrons auf dem S. 
mitgetragen 78 ). 

Der verbreitetste Schmuck sind heut¬ 
zutage die Kränze, die von den Ver¬ 
wandten und Bekannten geschenkt, auf 
den S. gelegt und an den Wagen gehängt 
und nachher ins Grab geworfen oder 
darauf gelegt werden. Der Brauch wird 
aus der Antike übernommen worden sein. 
Bei Griechen und Römern war es Sitte, 
die Leiche mit Kränzen zu schmücken 79 ). 
Die christliche Kirche war gegen diesen 
heidnischen Brauch, konnte ihn aber 
nicht ausrotten und deutete ihn um als 
,,Krone des Lebens“ oder „Krone der 
Jungfräulichkeit“. So wurde zunächst 
wohl der Leichnam auf der Bahre, dann 
auch der S. mit Kränzen geschmückt; 
die Totenkrone (s. d.), die doch eigentlich 
aufs Haupt der Leiche gehörte, wird auf 


949 


Sarg 


95a 


den geschlossenen S. gestellt. Heutzutage 
werden Kränze und Kronen wohl immer 
als Schmuck oder Auszeichnung emp¬ 
funden, obschon manchmal in Bestand¬ 
teilen (Pflanzen) und Farbe noch etwas 
Apotropäisches enthalten zu sein scheint. 

Bis in neuere Zeit war es an manchen 
Orten noch nicht Brauch, den Verheira¬ 
teten Kränze zu geben 80 ). Wo es aber 
Brauch ist, nimmt man (neben künst¬ 
lichen Blumen) oft immergrüne Pflanzen 
(Buchs, Efeu, Eibe, Rosmarin) 81 ), auch 
Raute wurde auf den S. gelegt 82 ). 

öfters wurde und wird noch der Blumen¬ 
schmuck auf die Ledigen eingeschränkt 
oder sie erhalten eine besondere Art 
Kränze oder Kronen. Als Schmuck der 
unschuldigen Kinder und der Jungfrauen 
ließ die Kirche wohl den Kranz bestehen, 
weil sich die Sitte umdeuten ließ 
(„Schmuck der Unschuld, Krone der 
Jungfräulichkeit“) 83 ). Wenn aber alle 
Ledigen, auch Jünglinge, die Auszeich¬ 
nung erhalten, so sehe ich darin doch 
eine Andeutung, daß wir es hiebei im 
Grunde mit einer Klasse der zu früh Ver¬ 
storbenen zu tun haben, die schon im 
vorchristlichen Glauben ihre Sonder¬ 
stellung hatte. 

So werden manchmal nur die S.e 
Lediger mit Kränzen geschmückt 84 ). Oft 
sind es Guirlanden, die von den ledigen 
Mädchen verfertigt werden; meist legt 
man sie aufs Grab. Sie werden aus Buchs 
oder Moos hergestellt und mit weißen, 
blauen oder roten Papierrosen ge¬ 
schmückt 85 ). Im Engadin hatte man bis 
in neuere Zeit künstliche, aus weißen, 
blauen und roten Federchen hergestellte 
Sträuße, mit Filigranverzierungen und 
Spiegelchen, die man auf die S.e Lediger j 
steckte 86 ). Sie sind wohl eine Abart der 
eigentlichen Totenkronen (s. d.), die 
früher oft in kostbarer Ausführung, auf 
die S.e von Kindern und Ledigen gesetzt 
wurden. In Gussenstadt (Württ.) und 
Belgien werden bei Ledigen an den vier 
Ecken des S.tuches Taschentücher an¬ 
genäht, die dann die Träger erhalten (vgl. 
Leichenzug) 87 ). 

Mit den Totenkränzen ist verschiedener 
Aberglaube verbunden: wer an solchen 


riecht, verliert den Geruch (vgl. Grab¬ 
blumen) 88 ). Zu Totenkränzen müssen 
Blumenstöcke gänzlich verbraucht wer¬ 
den, da diese sonst welken 89 ). Werden 
Kränze nachträglich ins Haus oder aufs 
Grab gebracht, so stirbt bald jemand 
aus der Familie 90 ). Wer den letzten 
Kranz bringt, stirbt als nächster 91 ). Fällt 
ein Blatt oder eine Blüte von den Kränzen, 
so müssen sie sorgfältig aufgehoben und 
mit ins Grab gegeben werden, sonst folgt 
bald ein neuer Todesfall in der Familie 92 ). 
Dem Toten müssen alle Blumenspenden 
mitgegeben werden; denn er holt die, die 
im Hause liegen bleiben 93 ). Kränze mit 
dem Namen eines Angehörigen soll man 
nicht auf den S. legen, da der Tote den 
Spender nach sich zieht 94 ). In Frank¬ 
reich glaubt man aus dem raschen Welken 
der Blumen schließen zu können, daß die 
Seele verdammt sei 95 ). 

„Totenkränze“ nennt man kranzartig 
zusammengeballte Federn im Kissen; sie 
gelten als Todesvorzeichen für einen 
Kranken 96 ). 

70 ) Wirth Beiträge 2/3, 57; Höhn Tod 338; 
ZföVk. 7, 227; Kück Lüneburg 255. 257; 
Bartsch Mecklenburg 2, 96; Hoops Sassenart 
120; RTrp. 18, 459; BF. 2, 353; Brand Pop. 
Ant. 2, 284. 71 ) Hörmann Volksleben 428. 

72 ) Rochholz Glaube 1, 138. 73 ) Kuhn West¬ 
falen 2, 49t.; Montanus Volksfeste 91; Strak- 
kerjan 2, 218; Mannhardt 1, 577. 74 ) Hör¬ 
mann Volksleben 428; Brand Pop. Ant. 2, 284; 
Erk-Böhme 3, 1060 (blau); Schmitz Eifel 

1, 66. 75 ) ZföVk. 4, 294. 7 ®) Niderberger 

Unterwalden 3, 173; Feilberg Dansk Bondeliv 

2, 118; Jensen Nordfries . Inseln 340; Mül¬ 

hause 79 (rot oder blau). 77 ) ZfVk. 19, 276. 
78 ) Hmtg. 3, 151 f. 79 ) Köchling De corona- 
rum vi 52 fl. 94 t; Klein Der Kranz bei d. alten 
Griechen. Progr. hum. Gymn. Günzburg 1912, 
42 ff.; vgl. Eit rem Opferritus 64 ff. 80 ) SAVk. 
23, 183; Graubünden schrifti.; SAVk. 18, 169; 
vgl. Höhn Tod 339 (Juden); Brunner Ostd. 
Volksk. 192. 81 ) Bodemeyer Rechtsaltert. 187; 
Baumgarten Aus d. Heimat 1, 146; Höhn 
Tod 338; Unoth 1, 137t.; ZrwVk. 6, 137; 
ZfVk. 12, 196; Schweiz.Id. 4, 1248; vgl. 

Wächter Reinheit 44; FL. 14, 180; Sdbillot 
Folk-Lore 3, 405t.; Brand Pop. Ant. 2, 251 ff. 

82 ) H. Christ Z. Gesch. d. alten Bauerngartens 
1916, 26L (vgl. J. P. Hebel, Kannitverstan). 

83 ) Menzel Symbolik 1, 140I 510; SchwVk. 

11, 18. 84 ) Bühler Davos 1, 376; Caminada 

Friedhöfe 59; Thurgau mündl.; SAVk. 23, 183; 
Fischer Oststeirisches 48t.; vgl. Höhn Tod 338. 
85 ) Diener Ober glatt 155L; Schweiz Id. 3, 840; 


95i 


Sargholz 


Sarglegung 


954 



2 , 35 °f-I SAVk. 18, 169; SchwVk. 17, 52; Bux- 
torf-Falkeisen Basler. Stadt- u. Landgesch. 
2, 123; Caminada Friedhöfe 58; Wallis, Grau¬ 
bünden, Aargau, Thurgau schriftl.; Höhn 
Tod 332. 338; Birlinger Aus Schwaben 2, 323; 
Globus 59, 381; Meyer Baden 590; BdböVk. 
4, 61; Fontaine Luxemburg 153; Hörmann 
Volksleben 428; Bodemeyer Rechtsaltert. 187; 
Pitre Usi 2, 223; Brand Pop. Ant. 2, 302ff.; 
Sebillot Folk-Lore 3, 405. 8e ) SAVk. 18, 169; 
mündl. Mitt. 87 ) Höhn Tod 339; BF. 2, 353; 
vgl. Brand Pop. Ant . 2, 305; ZföVk. 6 , 232 
(bunte Tücher). 88 ) Grimm Myth. 3, 445 = 
Rockenphilosophie 612. 89 ) Pfister Hessen 

167; vgl. ZföVk. 3, 185; Most Sympathie 28; 
Schüller Progr. v. Schässb. 1863, 64. 90 ) 

Wirth Beiträge 2/3, 51; MsächsVk. 7, in; vgl. 
HmtK. 40, 87. 91 ) Wirth a. a. O. 92 ) ZrwVk. 
4, 279; Höhn Tod 345. ö3 ) ZfVk. 13, 390; 

Peuckert Schlesien 233; vgl. Wien.ZfVk. 
34, 68. 94 ) HmtK. 40, 87. 9S ) Sebillot Folk- 
Lore 3, 518. 9 ®) Lammert 101. Geiger. 

Sargholz enthält als Totenfetisch (s. d.) 
Zauberkraft, die zum Guten oder Bösen 
dienen kann. 

1. Sargspäne die sich beim Sarg¬ 
machen ergeben, sollen dem Toten mit 
in den Sarg gegeben werden, sonst findet 
er keine Ruhe 1 ). Man soll sie nicht ver¬ 
brennen 2 ), sonst kommen Pest und 
Seuchen 3 ), oder der Tote bekäme Blasen 
im Gesicht 4 ). Man soll sie in eine Felsen¬ 
kluft werfen 5 ). In Schlesien hängte man 
sie (oder andere Hobelspäne) am Weg 
an einen Strauch, als Zeichen, daß in der 
Nähe jemand gestorben sei 6 ). Wenn 
man sich „verhoben** hat, soll man Sarg¬ 
späne mit Schnaps genießen 7 ); oder man 
soll Hühneraugen damit bestreichen 8 ). 
Man hält Sperlinge ab, wenn man sie in 
den Acker steckt oder ihn damit be- 
räuchert 9 ). 

*) ZrwVk. 2, 195; John Westböhmen 176; 
Rosen Död och begravning 5; Feilberg Dansk 
Bondeliv 2, 134; Zelenin Russ. Volksk. 323. 

2 ) Wehren Laupen (1840) 147; FFC. 41, 98. 

3 ) Krauss Relig. Brauch 135. 4 ) FFC. 61, 22. 

ß ) Urquell 4, 116. 6 ) MschlesVk/ 6. Heft, 34; 

9. Heft, 25; Drechsler 1, 307L 7 ) Urquell 

3 * r 49 - 8 ) Lammert 219. 9 ) Urquell 3, 149; 
Wuttke 417 § 649. 

2. Ebenso wird S., meist angefaultes, 
das aus einem Grab stammt, speziell aus 
einem Wöchnerinnengrab 10 ), gebraucht als 
Heilmittel: Aus der L. Vis. XI. 2, 2 stammt 
als Verbot: „si quis mortui sarcofacum 
abstulerit dum sibi vult habere reme- 


dium“ n ), und ähnliches nennt im 14. Jh. 
Frater Rudolf 12 ). Man braucht es als 
Mittel gegen Schwindsucht und Hexerei 13 ). 
Ins Kraut gesteckt, bewahrt es vor Raupen 
und Hasen 14 ), im Hause aufbewahrt, ver¬ 
treibt es Ungeziefer 15 ). In den Tauben¬ 
schlag gelegt, hält es die Tauben darin 16 ). 
In einem Vogelbauer, aus solchem Holz 
verfertigt, werden die Vögel leicht zahm 17 ). 
In Steiermark macht man mit S. am 
Karsamstag auf dem Friedhof ein Feuer, 
wovon jeder Hausvater auf seinen Herd 
zu bekommen sucht 18 ). 

l0 ) SAVk. 15, 178; G roh mann Aberglaube 
142. 11 ) Vordemfelde 159. 12 ) Theolog. 

Quartalschr. 88, 426. 13 ) Wirth Beiträge 2/3, 

59; Graubünden mündl.; Vernaleken Alpen¬ 
sagen 413; Fossel Volksmedizin 91; vgl. Wlis- 
locki Magyaren 47; Bern sehr. 18. Jh. in einer 
Roßarznei. 14 ) Montanus Volksfeste 114; 
Grimm Myth. 3, 440 = Rockenphilosophie 

269; John Erzgebirge 220; Panzer Beitrag 
1, 263. 15 ) Manz Sargans 95; vgl. FFC. 30, 44. 
16 ) Wirth Beiträge 2/3, 59; Vernaleken 

Alpensagen 419; Drechsler Schlesien 2, 94; 
Grohmann Aberglaube 142. 17 ) Drechsler 

Schlesien 2, 239. 18 ) Rosegger Steiermark 69. 

3. Besonders S., das ein Astloch (s. d.) 
hat, kann zu Zauber benutzt werden: 
Sieht man durch das Loch, so kann man 
Hexen oder um Mitternacht auf einem 
Kreuzweg den Teufel sehen 19 ). In der 
Thomasnacht um 12 Uhr sieht man auf 
dem Friedhof durch ein solches Astloch 
die Toten des künftigen Jahres 20 ). Ge¬ 
treidesamen soll man durch ein solches 
Astloch laufen lassen vor der Aussaat, 
um Sperlinge vom Getreide abzuhalten 21 ). 
Guckt man durch das Loch, so sieht man 
an einem Pferde, das man kaufen will, 
alle Fehler 22 ), sieht man einen Jäger 
dadurch an, so trifft er nichts 23 ), sieht 
man auf ein Brautpaar am Altar, so wird 
es eine unglückliche Ehe 24 ). Steckt man 
das Gewehr durch das Loch, so trifft man 
einen Werwolf 25 ). 

19 ) Müllenhoff Sagen 214 Nr. 290; Fran- 
z isci Kärnten 81; Urquell 3, 200; Schön- 
wert h Oberpfalz 3, 174; SAVk. 25, 134 (v. S. 
eines ungetauften Kindes); Lütolf Sagen 233; 
Sooder Rohrbach 112. 20 ) Vernaleken 

Mythen 341; Alpensagen 341. 406; vgl. Wuttke 
248 § 359 : Tetzner Slaven 385; ARw. 17, 130. 
21 ) Krünitz Encyclop. 74, 466. 22 ) Enge¬ 
lien u. Lahn 275. 23 ) Wuttke 265 § 388. 

24 ) Ebd. 25 ) Jecklin Volkstümliches 444; 
Vernaleken Alpensagen 120. Geiger. 


Sarglegung. Mit der S. wird meist 
möglichst lange gewartet, bis am Abend 
oder am Morgen vor dem Begräbnis 1 ); 
der Deckel wird erst ganz zuletzt drauf 
gelegt, bis die Verwandten den Toten 
nochmals gesehen haben 2 ). Seltener 
heißt es, daß die S. möglichst bald er¬ 
folgen soll 3 ). In Schlesien wird bis zur 
Einbettung in den eigentlichen Sarg die 
Leiche in einen Wechselsarg gelegt, in 
eine entlegene Kammer gestellt und eine 
schwere Axt auf den Deckel gelegt, damit 
der Böse dem Verstorbenen nichts an¬ 
habe 4 ). Meist besorgt der Schreiner die 
S., oder es helfen die Leichenfrau, Nach¬ 
barn, Wächter, Patenkinder 5 ). An¬ 
gehörige dürfen nicht helfen 6 ). Eine 
Schwangere darf beim Schließen des 
Sarges nicht dabei sein, sonst stirbt ihr 
Kind 7 ). 

Wenn der Tote in den Sarg gelegt, oder 
wenn dieser verschlossen wird, beten die 
Anwesenden, besprengen den Toten mit 
Weihwasser, oder es wird ihm ein Licht 
in die Hände gegeben 8 ). In Norddeutsch¬ 
land und Skandinavien findet ein eigent¬ 
liches S.sfest mit Bewirtung der Ge¬ 
ladenen statt 9 ). Die S. ist etwas Ge¬ 
fährliches 10 ), sie verunreinigt, darum muß 
der Schreiner, der sie besorgt hat, nach¬ 
her die Hände mit Wasser und Salz 
waschen 11 ). 

Die Leiche soll man recht weich legen 12 ). 
Wenn sie auf dem platten Leibe liegt 
(d. h. wohl auf dem Bauche), so sterben 
die nächsten Verwandten 13 ). Liegt die 
Leiche im Sarg auf der rechten Seite, so 
stirbt jemand männlichen Geschlechts aus 
der Familie, wenn auf der linken, jemand 
weiblichen Geschlechts 14 ). In Hel- 
singör wurde in der Pestzeit 1636 die 
Leiche eines unschuldigen Mädchens auf 
die linke Seite gelegt, damit die Seuche 
aufhöre 15 ). 

Das Schließen des Sargs ist be¬ 
sonders wichtig: das Zunageln soll mit 
einem Schlage 16 ) oder auf dreimal ge¬ 
schehen 17 ); zuerst wird das Fußende, 
dann das Kopfende zugenagelt 18 ). Ist 
der Tote ein alter Mann, so kann der Sarg 
sofort zugenagelt werden, bei Ledigen 
wartet man damit bis zum ersten Glocken¬ 


zeichen des Begräbnisläutens 19 ). Wenn 
ein Nagel beim Einschlagen sich biegt und 
die Spitze zum Brett heraussieht, folgt 
bald jemand 20 ), dasselbe geschieht, wenn 
der Sarg dumpf tönt 21 ). 

Bei den Juden in Württemberg werden 
die Nägel in vorher ausgebohrte Löcher 
gesteckt und nachher wieder heraus¬ 
gezogen 22 ), dasselbe wird aus Irland be¬ 
richtet; es soll der Seele erleichtern in 
den Himmel zu kommen 23 ). Den Sarg 
eines neugeborenen Kindes soll man nicht 
vernageln, sonst bekommt die Mutter 
keine Kinder mehr (Irland) 24 ). Eiserne 
Nägel, überhaupt Eisen darf nicht am 
Sarg sein 25 ), er wird gefügt, nicht ge¬ 
nagelt 26 ). Man muß Holznägel, speziell 
aus Ebereschenholz dazu nehmen, dann 
bleibt der Tote ruhig im Grabe 27 ). 

Auch andere Mittel sollen wohl den 
Toten in den Sarg bannen: in Dänemark 
zeichnete der Küster auf den Sargdeckel 
Namen und Alter des Toten, darunter ein 
Stundenglas und Totenkopf, Forke und 
Spaten 28 ). Manchmal werden auch 
brennende Lichter auf den Sarg gestellt 29 ). 


Wird der Sarg nicht ordentlich ver~ 
nagelt, so muß der Tote fortwährend auf 
die Erde zurückkehren (Posen) 30 ). Drum 
werden die Särge böser Toter mit sieben 
Schlössern oder mit Eisenstangen ver¬ 
schlossen 31 ). Gibt der Witwer der toten 
Frau einen festen Sarg, so kann er bald 
wieder heiraten (Irland) 32 ). In Rußland 
wird der Sarg mit hochroten Fäden um¬ 
wickelt 33 ), bei den Tschuwaschen werden 
zwei Stangen quer über dem Sarge be¬ 
festigt **). 


x ) HessBl. 6, 102; Egerl. 9 , 3 °; Höhn Tod 
335; ZrwVk. 5, 256; ZfVk. 3, 269; Wallis, Unter¬ 
walden schriftl.; Bern schriftl.: weil die Leiche 
schöner bleibe. 2 ) Reiser Allgäu 2, 296L; 
Meyer Baden 591; ZrwVk. 4, 282; Höhn Tod 
333 - 3 ) Bern schriftl.; vgl. Jensen Nordfries. 
Inseln 339. 4 ) Drechsler 1, 292. 5 ) ZAlpV. 

54, 14; Thurgau, Graubünden, Luzern, Bern 
schriftl.; Sartori Sitte u. Brauch 1, 135; Reiser 
Allgäu 2, 296t.; ZfVk. 19, 2 73 ; Kück Lüneburg 
262; Heimat (Kiel) 33, 210. 6 ) Höhn Tod 332. 
7 ) Wittstock Siebenbürgen 72. 8 ) Rosen Död 
och begravning 8; Niderberger Unterwalden 
3, 162; SchwVk. 8, 37f.; Höhn Tod 333; Fon¬ 
taine Luxemburg 153; Baumgarten Aus d. 
Heimat 3, 112; Meyer Baden 590; Globus 
69, 197; ZföVk. 7, 227; 6, 232. 9 ) Urquell 



955 


Sargnagel 


Satan— Sauerdorn 


958 



10 ) Frazer 3, 53. n ) Neue Zürch. Ztg. 
Nr. 341; Graubünden, Bern schriftl. 


1, 10; Troels-Lund 14, 126; Jensen Nord¬ 
fries. Inseln 337f.; vgl. Caminada Friedhöfe 
177. 

1917 

12 ) Keller Grab. d. Aber gl. 3, 56; Basler Nach¬ 
richten 13. V. 1929: Bauer befiehlt im Testa¬ 
ment, den Sarg recht weich auszupolstern 
(Schwaben). 13 ) Lammert 106; vgl. Birger 
Mörner Tinara 113. 14 ) Lammert 106; 

Ke 11 er Grab d. Abergl. 1, 82t. 15 ) Troels-Lund 
14,121. M ) Praetorius Philos. 219. 17 ) Höhn 
Tod 333. 18 ) Wirth Beiträge 2/3, 59. 19 ) Grau¬ 
bünden mündl. 20 ) Grimm Myth. 3, 477; 
Witz sch el Thüringen 2, 255. 21 ) HessBl. 

15, 129 = Grimm Myth. 3, 452. 22 ) Höhn 

Tod 346. 23 ) Le Braz Legende 1, 249; Crooke 
Northern India 222. 24 ) Le Braz a. a. O. 25 ) 

MschlesVk. Heft 15, 79; Zelenin Russ. Volksk. 
322. 28 ) Rosön Död och begravning 5. 27 ) FFC. 
41, 98; Feilberg Dansk Bondeliv 2,133; Rosön 
Dödsrike 203. 28 ) Feilberg Dansk Bondeliv 

2, 114. 29 ) Strackerjan 1, 32; Baumgarten 

Aus d. Heimat 3, 113. 3 °) MschlesVk. Heft 

15» 79 - 3l ) Müllenhoff Sagen 53 Nr. 58; 

Seefried-Gulgowski 226. 32 ) Le Braz Le¬ 

gende 1, 249. a3 ) ARw. ii f 406f. 34 ) Casträn 
Vorlesungen 120; vgl. ferner: FFC. 41, 98; 
Melusine 10, 64. Geiger. 


Sargnagel. Wie das Sargholz so dienen 
Sargnägel oder andere Eisenteile (Henkel) 
als Totenfetisch, indem man sie, auch 
verarbeitet als Kreuze oder Ringe, bei 
sich trägt x ). Häufig werden sie im Heil - 
zauber zu sog. Gicht- oder Krampf¬ 
ringen verarbeitet. Die Nägel müssen 
vom Schmied um Mitternacht auf dem 
Friedhof geholt werden, und er muß sie 
nackt in der Karfreitagsnacht schmieden 2 ). 
Das Tragen solcher Ringe schützt gegen 
Gicht und Krampf 3 ), Epilepsie 4 ), Veits¬ 
tanz 5 ), Rheumatismen 6 ) und andere 
Leiden 7 ). 

Bei Zahnschmerzen soll man mit einem 
S. im kranken Zahn stochern bis es 
blutet 8 ), dann den Nagel in die Erde 
scharren e ) oder in einen Baum schlagen 10 ), 
oder ihn im Keller gegen Sonnenaufgang 
in einen Balken einschlagen unter Her¬ 
sagen eines Spruchs 11 ), dann vergeht 
das Zahnweh, aber man verliert binnen 
kurzem alle Zähne 12 ). Man heilt damit 
auch Warzen 13 ), offene Wunden 14 ), 
Ohrenschmerzen 15 ), Rheumatismen 16 ). 
Man legt sie in Branntwein, um damit 
Trinker zu kurieren 17 ). Rost von einem 
S. nimmt man gegen Wechselfieber ein 18 ). 

Wie gegen Krankheiten, so schützt der 


I S. auch gegen andere schädliche Einflüsse 
und dient zu Abwehrzauber. Die 
Schweine schützt man gegen Behexung, 
indem man eine Sargschraube in den 
Futtertrog schraubt 19 ); Sargnägel im 
Stall schützen das Vieh vor Krank¬ 
heiten 20 ). Bei einer Viehseuche mußte 
man zwei toten Tieren einen S. ins Herz 
stoßen, damit das Übel aufhöre 21 ). Um 
Mäuse zu vertreiben, sollte man an vier 
Ecken des Zimmers ein Loch bohren, 
Quecksilber hineinlegen und einen S. 
dazuschlagen 22 ). Wenn es nicht buttem 
will, stecke man einen S. unter das Butter- 
faß (gegen Hexen) 23). Tauben hält man 
im Schlag, indem man einen S. hinein¬ 
legt oder -schlägt 24 ). Schlüssel und Ringe 
aus S. halten den Teufel und Gespenster 
ab 25 ). Um Bier wohlschmeckend zu 
machen, soll man einen S. ins Faß legen 26 ). 

Bei den Finnen werden Pflug und 
Samengefäß durch einen S. geschützt 27 ). 

' Wie alle Totenfetische kann der S. auch 
zu Schaden zauber benutzt werden; 
der S. ist gefährlich, darum darf man 
einen solchen, wenn man ihn beim Grab¬ 
machen findet, nicht mit bloßen Händen 
sondern nur mit einem Tuch anfassen 28 ). 
Nimmt man von einem Menschen ein 
Stück Kleid und nagelt es mit einem S., 
unter Angabe der Zeit, wann der Mensch 
sterben solle, in des Teufels Namen an 
einen Galgen, so wird der Betreffende 
sterben 29 ). Legt man drei Nägel vom 
Kopfbrett eines Sarges unter die Tür¬ 
schwelle, so bringt das dem Hausherrn 
die Abzehrung 30 ). Schlägt man einen S. 
in eine Bank, so bekommt der zuerst 
drauf Sitzende die Krankheit des Toten, 
von dessen Sarg der Nagel stammt 31 ). 
Steckt man einen S. einige Mal in die Fu߬ 
spur eines Menschen, so verwelkt er all¬ 
mählich 32 ). Dieses Mittel benutzt man 
besonders, um Diebe zu bannen. Man 
schlägt einen S. in seine Fußspur 33 ), oder 
man geht vor Sonnenaufgang zu einem 
Birnbaum, hält drei Sargnägel (oder Huf- 
nägel) gegen Sonnenaufgang und sagt 
dazu einen Spruch (indem man sie wohl 
in den Baum schlägt, was nicht immer 
gesagt wird) 34 ). Auch gegen Tiere wird 
es verwendet: S. in die Fährte des Wildes 


.gesteckt, halten es im Revier 35 ), in die 
Hufspur eines Pferdes gesteckt, macht 
er es lahm 36 ). Schlägt man einen S. über 
<lie Eingangstür des Stalles, in die Krippe 
oder den Trog, so magern die Tie r e ab 
und krepieren 37 ). Sogar einen Baum 
kann man verdorren machen, indem man 
'einen S. hineinschlägt 38 ). 

*) Strackerjan 2, 219: ZrwVk. 10, 296t.; 
Seligmann 2, 14; Meyer Baden 571. 2 ) Die¬ 
ner Hunsrück 93; Wirth Beiträge 2/3, 59; 
Andree-Eysn Volkskundl. 136; MsächsVk. 

3, 121; ZrwVk. 2, 281; Wuttke 135 § 186. 

*) Wuttke 356 § 534; Seyfarth Sachsen 291; 
Unoth 1, 186; Höhn Volksheilkunde 1, 143; 
Schweizld. 6, 1072; Volkskunde 11, 44; Black 
Folk-Medicine 175. 4 ) MschlesVk. 9. Heft, 85. 

• 5 ) Lammert 273; ZfVk. 4, 83. •) ZrwVk. 

.5, 271; MsächsVk. 2, 24; Unoth 1, 186. 7 ) Wirth 
Beiträge 2/3, 59; MsächsVk. 3, 121; Drechsler 
Schlesien 2, 299; John Erzgebirge m. 8 ) John 
Westböhmen 249; Wuttke 352 § 527; Bartsch 
Mecklenburg 2, 123; Meyer Baden 570; Boh- 
nenberger Nr. 1, 26; HessBl. 6, 103; Schön¬ 
werth 3, 245; Schulenburg 235; Zimmer- 
mann Volksheilkunde 41; Germania 29, 88; 
Vernaleken Alpensagen 419; Schmitt Hetlin¬ 
gen 16; Fogel Pennsylvania 312 Nr. 1658. 
*) Lammert 235L 10 ) Drechsler Schlesien 

2, 299; vgl. Most Sympathie 125 (gegen Bruch). 
ll ) ZföVk. 15» 175. 12 ) Gr oh mann Aberglaube 
169. 13 ) Fogel Pennsylvania 319 Nr. 1694. 

l4 ) Strackerjan 1, 90. 1S ) ZfVk. 8, 287. 

18 ) Fogel Pennsylvania 328 Nr. 1751. 17 ) 

Meyer Baden 570; Zimmermann Volksheil¬ 
kunde 62. 18 ) Becker Pfalz 135. l9 ) Stracker¬ 
jan 1, 434; Seligmann 2, 14. 20 ) Wuttke 286 
§ 420; Wirth Beiträge 2/3, 59; Krünitz En- 
cyclop. 73, 777. 2l ) Reiser Allgäu 1, 145. 

2a ) Lütolf Sagen 283f. (1583). 23 ) Bartsch 

Mecklenburg 2, 355; ZrwVk. 10, 270. 24 ) Ho- 

vorka-Kronfeld 1, 375. 25 ) Wuttke 135h 

§ 186. 2Ä ) Drechsler Schlesien 2, 239; vgl. 

Krauss Sagen u. Märchen 385 Nr. 112. 27 ) FFC. 
3 °» 72; 31, 70. 28 ) Witz sc hei Thüringen 2, 254. 
89 ) Lammert 102. 30 ) Fossel Volksmedizin 

103; ähnlich: Schönwerth Oberpfalz 3, 200; 
vgl. Krau ss Relig. Brauch 137. 31 ) Fossel 

Volksmedizin 10. 3a ) Schulenburg 235; ZfVk. 

4, 42. 33 ) Fogel Pennsylvania 377 Nr. 2026; 

Schönwerth 3, 213; vgl. Baumgarten Aus 
d. Heimat 2,82. 34 ) Strack Blut 51; Diete¬ 

rich Kl. Sehr. 197; Baumgarten Aus d. Hei¬ 
mat 2, 88; Kuhn Westfalen 2, 194; SAVk. 
2, 265L; 15, 185; Schönwerth 3, 213; Alber¬ 
tus Magnus 3, 52. 85 ) Wuttke 135 § 186; 453 
§ 715. 38 ) Bartsch Mecklenburg 2, 155; Krü¬ 
nitz Encyclop. 73, 777; Mo^t Sympathie 28; 
Staricius Heldenschatz 339b; So oder Rohr¬ 
bach 33. 37 ) Schulenburg 236; Drechsler 

Schlesien 2, 107; Wuttke 135 § 186; 267 § 392. 
**) Wuttke 265 § 388. Geiger. 

Satan s. Teufel (Nachtrag). 


Sator s. Nachtrag. 

Saturn s. Planeten. 

Satyrion s. Knabenkräuter,^ i555ff. 

Sau s. Schwein. 

sauber s. rein. 

Sauerampfer s. Ampfer 1, 371. 

Sauerdorn (Berberitze, Erbseldom,Essig- 
dorn. Saurach; Berberis vulgaris). 

1. Botanisches. Dorniger Strauch 
mit eiförmigen, am Rande gezähnten 
Blättern. Die gelben Blüten hängen in 
Trauben herab. Die Früchte sind rote, 
länglich-eiförmige Beeren. Der S. wächst 
nicht selten in Hecken, in Gebüschen, an 
Feldrainen (wo er als Überträger des 
Getreiderostes nicht geduldet werden 
soll) J ). 

D Marzeil Kräuterbuch 127 f. 

2. Der S. wird in der Sympathie¬ 
medizin gebraucht. Damit die Kinder 
schmerzlos zahnen, näht man die Blüten 
in ein leinenes, dann in ein rotes Säckchen. 
Dieses hängt man dem zahnenden Kind 
um den Hals und zwar alle vier Wochen 
ein neues unbeschrien, am nämlichen 
Datum des Monats und zur nämlichen 
Stunde. Das Anhängsel darf niemals vom 
Halse genommen werden. Das alte 
Säckchen wird unberufen verbrannt und 
dazu werden drei Vaterunser gebetet 2 ). 
Die dornigen Triebe müssen in der Kar¬ 
freitagnacht zwischen 11 und 12 Uhr 
geschnitten werden, und zwar muß bei 
jedem Schnitt die heüigste Dreifaltigkeit 
angerufen werden. Wer stets einen 
solchen Zweig bei sich trägt, wird nie 
im Leben von Domen gestochen noch 
weniger kann ihm ein Dom im Fleisch 
haften bleiben. Wo ferner ein solcher 
Zweig unter Anrufung der drei höchsten 
Namen irgendwo im Haus oder im Stall 
eingesteckt wird, kann nie ein böser 
Zauber wirken 3 ). Wegen des gelben 
Splintes (und wohl auch wegen der gelben 
Blüten) dient der Strauch als Gelbsucht- 
mittel. Man trinkt den Rindenabsud 4 ), 
den Kühen hängt man bei „Gelbsucht“ 
das Holz um 5 ). Im Elsaß wendet man 
„Erbseleholz“ gegen Flechten an; ist es 
verdorrt, so verdorren auch die Flechten 6 ). 
Gegen Zahnschmerzen vergräbt man die 



959 


Sauerklee—Sauerteig 


960 


961 


it 


abgeschnittenen Finger- und Zehennägel 
unter einem S. 7 ). Die Früchte des S.s 
in der Johannisnacht gesammelt heilen 
die Tobsucht 8 ). 

2 ) Lammert 126. 3 ) Stoll Zauberglaube 54. 
4 ) Manz Sargans 79; Wilde Pfalz 219; FL. 20, 
72 (Durham). 5 ) Marzell Bayer. Volksbotanik 
155. 6 ) Martin u. Lienhart Elsäss. Wb. 1, 

331. 7 ) Drechsler Schlesien 2, 300. 8 ) Reite- 
rer Ennstalerisch 23. 

3. Sind die S.früchte dick und kurz, 
so kommt ein strenger, aber kurzer 
Winter, sind sie lang und dünn, so steht 
ein langer, aber milder Winter bevor 9 ). 

9 ) Marzell Bayer. Volksbotanik 132; Fischer 
Schwab. Wb. 5, 1556; Barbisch Vandans 1922, 
322. 

4. Am Vorabend vor Walpurgis steckt 
man S.zweige auf den Misthaufen 10 ), 
wie dies auch mit den Zweigen anderer 
Domsträucher geschieht, s. Dorn (2, 257). 
Aus dem Holze des S.s war die Dornen¬ 
krone Christi gemacht 11 ). 

10 ) Schramek Böhmerwald 151. n ) ZöVk. 

7 , 155 - Marzell. 

Sauerklee (Hasenbrot, -klee, Kuckucks¬ 
brot; Oxalis acetosella). Niedrige Pflanze 
mit dreizähligen, kleeähnlichen Blättern 
und weißen, rötlich geaderten Blüten. 
Der S. ist an feuchten, schattigen Wald¬ 
stellen häufig anzutreffen 1 ). Kuckucks¬ 
brot, -klee heißt er deswegen, weil er 
blüht, wenn der Kuckuck ruft; auch 
sonst werden ja Frühlingspflanzen nach 
dem Kuckuck benannt 2 ). Sobald der 
Kuckuck im Frühjahr ruft, glauben die 
Kinder, daß jetzt der S. vorhanden und 
auch für sie genießbar sei 3 ). Das Fieber 
bekommt man nicht, wenn man d’e drei 
ersten „Kuckucksblätter“ verzehrt, die 
man findet 4 ), vgl. Frühlingsblumen (3, 
160). Wenn der S. reichlich blüht, gibt 
es ein nasses Jahr 5 ); wenig Blüten be¬ 
deuten das Gegenteil 6 ). 

*) Marzell Kräuterbuch 452 f. 2 ) Marzell 
Pflanzennamen 161 f. 3 ) ZrwVk. 12, 185. 

4 ) Arch. schlesw. holst. Ges. f. Gesch. 3. F. 7 
(1869), 383. 6 ) Hagen Preußens Pflanzen 1818, 
1, 35 l 6 ) ZfrwVk. 6, 140. Marzell. 

Sauerkraut (Brassica oleracea var. capi¬ 
tata). S. (Sauerkohl) ist das infolge 
einer Gärung sauer gewordene Wei߬ 
kraut. S. darf man nicht im Zeichen der 
Fische einmachen 1 ) f vermutlich weil es 


sonst „wäßrig“ würde; es soll vielmehr 
dazu die Zeit des „alten Lichtes“ benutzt 
werden 2 ). An Fastnacht ißt man S. 3 ), 
dann bleibt man frei von Flöhen (Ober- 
plalz) 4 ). In Gossensaß gibt man das an 
Fastnacht übrig gebliebene S. den Hennen, 
dann hat der Hahn den Sieg, wenn er 
mit anderen Hähnen kämpft 5 ). Saure 
Speisen, mancherorten auch das S., am 
hl. Abend gegessen, lassen den Esser im 
kommenden Jahr sterben, andere wieder 
essen drei Tage vor dem hl. Abend an 
jedem Abend S., damit kein hartes Jahr 
komme 6 ). Pferde und Kühe bekommen 
an jedem der drei hl. Abende Brotschnitte 
mit S. 7 ). Einem Dienstboten darf man 
nicht gleich am ersten Tag seines Einzugs 

S. zu essen geben, sonst fällt ihm jede 
Arbeit schwer 8 ). Beim Tode des Haus¬ 
herrn muß das S. gerührt werden, sonst 
geht es zugrunde 9 ). In der Volksmedizin 
findet das S. vielfach Verwendung. Die 
S.brühe ist ein Präservativ gegen ver¬ 
schiedene Krankheiten. Gegen Nasen¬ 
bluten hält man ungekochtes S. in der 
Hand, bis es warm wird 10 ), vgl. Korn¬ 
blume. S. hilft gegen „Lungenfäul“ 11 )„ 
gegen Kopfweh ißt man rohes S., und 
zwar morgens nüchtern 12 ), vgl. auch 
Kohl. Mädchen trinken nicht, wenn sie 
S. gegessen haben. Sie fürchten sonst 
außerehelich schwanger zu werden 13 ). 

1 ) Fogel Pennsylva?iia 187 Nr. 904. 2 ) Zrw¬ 
Vk 6, 184. 3 ) Kuhn u. Schwartz 371 Nr. 8. 

4 ) Wuttke 315 § 466. 5 ) ZfVk. 4, 110 = Sar- 
tori Sitte u. Brauch 3, 113. 6 ) John Erzgebirge 
1 54 ^ vgl. auch ZfVk. 4, 319. 7 ) Ebd. 162. 

8 ) Grimm Myth. 3, 465 Nr. 862 = Meyer 
Aberglaube 222. 9 ) Hartmann Dachau u . 

Bruck 228. 10 ) Lammert 41. 197. n ) Schra¬ 
mek Böhmerwald 281. 12 ) Höhn Volksheil¬ 
kunde 1, 122. 13 ) And ree Braunschweig 403. 

Marzell- 

Sauermilch s. Molke 6, 460 ff. 

Sauerteig 1 ). 

1. Vegetationsdämonen und Hexen 
gieren nach dem S., machen den Brotteig 
ergiebig oder schaden dem S. durch 
Schadenzauber: In einer ungarischen Ur¬ 
kunde heißt es, daß die Hexen das Mehl 
verderben und . . „fermentum alterius 
massam farinaceam ita corumperere 
attentasse, ut nulli panes inde pinsi 


Sauerteig 



potuerint“ 2 ). Wenn nach thüringischem 
Aberglauben das wüde Heer durch ein 
Haus zieht und eines aus dem Gefolge 
den Finger in das zum Säuern des Brotes 
dienende Säuerwasser taucht, geht das 
Brot im Hause nie aus 3 ). 

x ) Über Technik und Art Hahn in ZfVk. 20, 
240; Staub Brot 22 ff.; Ebert Reallex. Index; 
Schräder Reallex. s. v. Teig; Zedier s. v.Teig; 
Künitz s. v. Vgl. die Hypothese von O. Benn- 
dotf im Eranos Vindobonensis 375; ZföVk. 
Lappl. 4, 27. 2 ) Wlislocki Magyaren 115; 

nach Ivolyi Magyar Mythologia 1854, 434. 

3 ) C. L. Wucke Werra 2 (1864), 158; W. 17; 
Kühnau Brot 25; Zaunert Natursagen 1,20. 

2. Gegen den Schadenzauber durch 
bösen Blick oder sonst eine Behexung 
wendet man allerlei Vorsichtsmaßregeln 
an: In Neukirchen in der Oberpfalz 
darf beim Brotbacken, wenn das „Dampf!“ 
gemacht wird, die Stubentür nicht ge¬ 
öffnet werden und niemand darf hin- 
und hergehen, damit dem Teige nichts 
ankönne; in den S. wird Weihwasser 
gespritzt 4 ). Beim Einsäuern muß man 
dreimal mit der flachen Hand auf den 
S. schlagen, so daß es der Ofen hört 
und dabei sprechen: Backofen riecht 
Dich 5 ) (vgl. backen § 4/5). Beim Säuern 
darf kein Wasser verschüttet werden, 
sonst geht das Brot auseinander 6 ). Wie 
auf den Teig, so macht man auch auf 
den S. eine oder mehrere Kreuze 7 ). 
Wenn man Märzschnee als „Sürwater“ 
verwendet, verhindert das nach dem j 
Glauben in Rendsburg in Holstein das 
Schimmeln des Brotes 8 ). In Österreich 
darf man in der ersten Woche vor Ostern 
nicht den S. über Nacht stehen lassen, 
sonst kommt der Theodor, und das Brot 
mißrät 9 ). In Rumänien darf nur der beim 
Kuchenbacken den Kuchen ansehen, der 
den S. hinzugefügt hat; der Blick eines 
jeden anderen würde den Teig am Auf- 
gehen verhindern 10 ). 

4 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 406, 15. 5 ) W. 
620. 6 ) W. 620. 7 ) Curtze Waldeck 391 

Nr. 106; BlpommVk. 3, 149; 4, 72 ff.; Heimat 
2, 98 ff.; Fox Saarl. Vk. 399. 8 ) Mensing Wb. 

1, 207. 9 ) ZföVk. 1897, 181 Nr. 247. 10 ) Selig¬ 
mann Blick 1, 236. 

3. S. als Opfergabe: In Serbien gibt 
man den Toten mit in den Sarg ein 
Töpfchen mit Wasser, ein Töpfchen voll 

Bichlo Id - StäubH, Aberglaube VII 


j öl und Wein und dazu ein Laibchen S. 
aus Weizenmehl 11 ). 

n ) Krauß Rel. Brauch 149; Sartori Toten¬ 
speisung 12. 

4. Der S. güt bei manchen Völkern als 
kultisch-unrein mit verschiedener Be¬ 
gründung: Der Flamen Dialis durfte kein 
gesäuertes Brot essen 12 ); Plutarch be¬ 
gründet das 13 ): f) Cupj 7^7 OV£V <pftopa?. Er 
durfte farina fermentata nicht berühren 14 ). 

I Auch die Juden durften am Fest der 
ungesäuerten Brote kein Brot essen, das 
mit S. angesetzt war 15 ). Auch für das 
iudicium offae wird gelegentlich bestimmt, 
daß das Brot absque fermento sein soll 16 ). 
A. Jacoby vermutet hier eine Beziehung 
zum Abendmahl, für das vom 9. Jh. ab 

ungesäuertes Brot vorgeschrieben war 17 ). 

12 ) Frazer 2, 13 mit Lit.; Friedrich Sym¬ 
bolik 694; ZföVk.Suppl.4,27. 13 ) Plutarch^Mfl^s/. 
Rom. 109. 14 ) ARw. 8 Beiheft 29. 16 ) ARw. 13, 
559 ff.; Kloster 7, 60 A.; über die ungesäuerten 
Brote im christlichen Kult: Gihr Meßopfer 
456 ff. 16 ) MG. leg. sectio 5 (formulae) 631, 40. 
17 ) ARw. 13, 559; Migne Patr. 107, 317 (Rha¬ 
banus Maurus). 

5. S. zusammen mit Apotropaia ver- 
| wendet: Zum Schutze des Viehs gräbt 
j man in Nadech am St. Georgstag in die 

Schwelle des Stalles ein Loch, in das 
man Salz, Knoblauch 18 ) und S. legt; 
dann verschließt man das Loch mit 
einem Dornstrauch; wenn trotzdem ein 
1 Tier beschrien wird, salbt man es mit 
dieser Mischung 19 ). 

18 ) Krauß Rel. Brauch 125 ff. i9 ) Selig¬ 
mann 1. c. 2, 98 ff. 

6. Augurien mit S.: Wird am kroati¬ 
schen Küstenland in einem Hause der 
S. wurmig, so wird noch in demselben 
Jahre jemand aus dem Hause sterben 20 ) 
(vgl. die Teigaugurien). Berührt man 
die Stirne eines Verstorbenen mit der 
Zunge und empfindet dabei einen säuer¬ 
lichen Geschmack, so glaubt man, der 
Teufel habe die Seele geholt und an 
seiner Krankheit seien die Hexen schuld 21 ). 

20 ) ZfVk. 2, 185. 21 ) Höhn Tod 325. 

7. Wie Essig, Mehl, Wein usw. muß 
auch der S. bei Eintreten des Todes des 
Hausherrn gerückt werden (OA. Gera- 
bronn, Mergentheim), damit er die Kraft 
nicht verliere 22 ). 

22 ) Ebd. 323. 


31 


963 


säugen—Schabe 


Schabe 


966 


8 . S. in der Volksheilkunde: Die Ma¬ 
gyaren legen auf Bauchgeschwülste S., 
der mit zerhackten Traubenblättem ver¬ 
mischt ist 23 ). Als Abtreibungsmittel 
trinken die deutschen Frauen und Ru¬ 
mäninnen im früheren Südungarn S. in 
Essig 24 ). Ir» der Gegend von Insterburg 
muß man, um eine zarte Gesichtsfarbe 
zu bekommen, zur Nacht dicke Milch 
oder S. zwischen zwei Lappen ein¬ 
geschlagen auflegen 25 ). Vgl. Teig. 

23 ) Hovorka-Kronfeld 2, 396. 24 ) 11 c. 1, 

171. 25 ) Urquell i, 137 Nr. 23; 3, 70. Eckstein. 

säugen s. Wöchnerin. 

Saumockel s. Korndämonen 5, 249h. 

Schabe. 

1. Etymologie. Unter Sch. versteht 
man entweder die Kleidersch. (s. Motte 
59 1 ) oder die Küchensch., den 
Kakerlak (blatta orientalis). Die Be¬ 
kanntschaft mit der Küchensch. ist ver¬ 
hältnismäßig jung. Dieses Insekt wurde 
wahrscheinlich erst im 16. Jh. in Deutsch¬ 
land eingeschleppt 1 ). Die Übertragung 
des Wortes „Sch.“ auf die blatta orientalis 
hat darin seinen Grund, daß dieses Insekt 
nachts alles Genießbare beschabt und 
benagt. Ebenso wird dän. mol für Kleider¬ 
und Küchensch. gebraucht 2 ). Aus „Sch.“ 
wurde volksetymologisch Schwabe, 
Schwabenkäfer 3 ). Vgl. rum. svab 4 ). 
Auch sonst werden diese Insekten gerne 
nach ihrer vermeintlichen Herkunft be¬ 
nannt. Zur Zeit Dantes nannte man sie 
in Siena fiorentini , in Florenz siennesi 5 ). 
In Rovigno heißen sie sciavi „Slaven“ 6 ), 
in Sassari cadalani „Katalanen“ 7 ) (Von 
diesen wurde ein Teil Sardiniens koloni¬ 
siert 5 )). Im Trentino heißt die Küchensch. 
russischer Käfer: sbovo ( balao ) russo 8 ). 
Analog heißt in Ostdeutschland eine 
bräunlich gefärbte Art (blatta germanica) 
Russen 9 ) (s. d.). In Norddeutsch¬ 
land heißen sie Dänen 10 ) (Benennung 
nach dem jeweüigen Nachbar). 

Auf die exotische Herkunft des Tieres 
deutet der Name Kakerlak (gackerlak, 
kakelak, kakeleker 11 ), ndl. kakker- 
lak), der mit dem Insekt aus Süd¬ 
amerika nach Deutschland kam und im 
Ndd. schon im 16. Jh. als Schimpfwort 
gebraucht erscheint 12 ). In französischen 


964 

Mundarten hat sich kakerlak mit cancre 
„Krebs“ vermischt: cankerla (La Rochel- 
le) 13 ). 

Auch span, cucaracha scheint eine 
Kontamination von kakerlak und cuca 
„Kornwurm“ zu sein. Auf dieses cuca¬ 
racha geht engl, cockroach zurück, aus 
dem dann roach als selbständiges Wort 
abgesondert wurde {roach ist auch ein 
Fischname: Rotauge). Als Lehnwort 
aus dem Spanischen erweist sich gen. 
cucuäcia 14 ). 

Andere Namen des Insekts beziehen 
sich auf sein Vorkommen in Backstuben 
und Mühlen und seine Vorliebe für 
Brot. Es heißt Bäcker(in): neuprov. 
panatiero (Gard) 15 ), hierher auch: bete 
des boulangers 16 ), mittelfr. grillon des 
fourniers „Bäckergrille“ 17 ), ecrevisse de 
boulanger „Bäckerkrebs“ (Argot) 17 ); 
Müller: franz. meunier (M.-et-L.) 18 ), ital. 
mulinaro (Potenza) 19 ); hierher auch: 
miller's black beeile „Müllers schwarzer 
Käfer“ 20 ); Brotfresser: franz. mange- 
pain 21 ), bete ä pain (Reims) 22 ), ital. 
mangia-fane (Roma) 23 ). Die häufigste 
Bezeichnung im Franz, ist cafard, das 
Sainean 24 ) sehr gut zu neuprov. cafi 
„Abfälle“ stellt, von denen sich die 
Küchensch. tatsächlich nährt. 

Vielfach begegnen Benennungen 

a) nach der schwarzen Färbung: engl, 
dial. black clock , bl. bob, bl. worm , bl. dor, 
bl. jack 2i ). Hierher auch parson „Pfar¬ 
rer“ 25 ); franz. noirot 26 ), bete noire 27 ), 
morete (Marne) 28 ); ital.: bao nigher 

{bao = Käfer, Bergamo) 29 ), woretula 
(Friaul) 

b) nach dem widerlichen Geruch: 
franz. bete puante „stinkendes Tier“ 31 ), 
sard. pretta-pudiga „schwarz und stin¬ 
kend“ 32 ); 

c) nach der raschen Fortbewegung: 
curicurente (Roma) 33 ), füsci-füsci (Po¬ 
tenza) 33 ), füi-füi (Trapani) 33 ). Kurzweg 
„Käfer“ heißt die Küchensch. im Bergi- 
schen: bewerte 34 ), im Ital.: scarabö 35 ) 
(Pirano), im Neuprov.: escaravä 36 ), beide 
zu lat. scarabaeus 37 ). Hierher auch: 
gottschee. hauschkawer 38 ), holl, spek- 
kever 39 ). Auf Verwechslung mit dem 
Heimchen (Hausgrille) beruhen: franz. 


965 

cricri 40 ), crinchon noir „schwarze Grille“ 
(Saint-Pol) 41 ). Siehe auch weiter oben. 

*) Weigand-Hirt DWb. 1, 964. 2 ) Hein¬ 
zerling Wirbellose Tiere 16. 3 ) Leit- 

haeuser Volkskundl. 1/2, 30. 4 ) Hiecke Tier¬ 
namen 141. 5 ) A. France Le puits de St. Claire 
93 1 . 6 ) Garbini Antroponimie 1386. 7 ) Ebd.; 
Meyer-Lübke REWb. Nr. 1758; Jaberg- 
Jud AIS. Nr. 472. 8 ) Garbini op. cit. 

1386. 9 ) Müllenhoff Natur S. 5 § 7. 10 ) Rol¬ 
land Faune 3, 286. X1 ) Nemnich 1, 620 f.; 

DWb. 9, 2145. 12 ) Weigand-Hirt a. a. O. 

l3 ) Rolland a. a. O. 14 ) Garbini op. cit. 1391. 
1S ) Rolland op. cit. 3, 285. 16 ) op. cit. 3, 286. 
17 ) op. cit. 13, 86. 18 ) Ebd. 19 ) Garbini op. 

cit. 1302. 20 ) Heinzerling op. cit. 16. 21 ) Rol¬ 
land op. cit. 13, 86. 22 ) op. cit. 3, 285. 23 ) Gar¬ 
bini op. cit. 1283. 24 ) Etym. franQ. i, 208 3 . 

25 ) Rolland op. cit. 3, 286. 26 ) Ebd. 27 ) op. 

cit. 1387. 28 ) Ebd. 29 ) Garbini op. cit. 1387. 
30 ) Ebd. 31 ) Rolland op. cit. 3, 285. 32 ) Gar¬ 
bini op. cit. 1388. 33 ) op. cit. 1387. 34 ) Leit- 
baeuser Volkskundl. 1/2, 30. 35 ) Garbini 

op. cit. 1383. 36 ) Rolland op. cit. 13, 86. 

• 37 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 7658. 38 ) Sat¬ 
ter Gottscheer Tiernamen 7. 39 ) Heinzerling 

op. cit. 16. 40 ) Rolland op. cit. 13, 81. 41 ) Ebd. 

2. Dämonismus. Als Teufelstier 
{schwarze Färbung!) erscheint die Küchen¬ 
sch. in Bergamo, wo sie bao del diäol 
„Teufelskäfer“ oder cävre del diäol „Teu- 
ielsziege“ heißt 42 ). Hierzu stellt sich 
franz. diave (Malmedy) 43 ). In enger Ver¬ 
bindung mit dem Teufel steht die Hexe, 
■daher in der Cöte d’or sortiere**). Vgl. 
in Bologna nona „Großmutter“, vecia 
„Alte“ 45 ). Aus deutschem Sprachgebiet 
liegen vorderhand keine Analogien vor. 
Immerhin erscheint das Insekt als Hexen¬ 
tier in folgendem Aberglauben: Soviel 
Schwaben man in das Feuer wirft, soviel¬ 
mal 9 Schwaben fallen einem demnächst 
in den Suppen topf 46 ). 

42 ) Garbini op. cit. 3191. 43 ) Rolland op. 
cit. 13, 87. 44 ) op. cit. 3, 286. 45 ) Garbini op. 
cit. 236. 46 ) Rosegger Steiermark 64. 

3. Krankheitsdämon. Der weit ver¬ 
breiteten Vorstellung, daß durch das 
Vorhandensein imaginärer Insekten im 
Gehirn des Menschen geistige Störungen 
verursacht werden 47 ), verdankt im Franz, 
das Wort cafard = Küchensch. seine durch 
die Soldatensprache mächtig geförderte 
Verbreitung im Sinne von Spleen, Trüb¬ 
sinn u. dgl. {coup de c. t c. noir , c. vert) 48 ). 
Als Synonyma werden gebraucht im 
Franz, hanneton „Maikäfer“ (s. d.), im 


Deutschen Käfer (s. d.). — Wenn 

sich in den Sommermonaten in den Stuben 
die weißen Käfer sehen lassen, d. i. 
Küchensch.n, die die braune Haut abge- 
gestreift haben, befürchtet man „Risl“ 
(Oberöst.) 49 ). 

47 ) Riegler Tier 244. 48 ) Sainean Lan- 

gage parisien 142. 49 ) Baumgarten Aus 

der Heimat 1, 113. 

4. Schutzgeist. Vielfach hat die 
Küchensch. die Rolle des Heimchens 
übernommen, mit dem sie von einem 
oberflächlichen Betrachter verwechselt 
werden kann. Wie das Heimchen er¬ 
scheint sie als Schutzgeist des Hauses 
(Rußland, Frankreich). Der polnische wie 
der russische Bauer hegen das Insekt 
mit Pietät 50 ), denn seine Anwesenheit im 
Hause gilt als Glückszeichen, im Gegen¬ 
teil bedeutet es Unglück, wenn die Kü¬ 
chensch. das Haus verläßt 51 ). Ja der 
russische Bauer nimmt bei einem Woh¬ 
nungswechsel sogar diese Insekten mit, 
soweit sie sich einfangen lassen 52 ). In 
der Provence (Gard) bringt die Tötung 
einer Küchensch. Unglück 53 ). In Eng¬ 
land (Lancashire) erfolgt ein Donner¬ 
schlag, wenn man auf das Insekt tritt, 
daher sein Name thunderclock „Donner¬ 
käfer“ 54 ). 

50 ) Drechsler 2, 222; Rolland Faune 3, 286. 
51 ) op. cit. 3, 287. 52 ) Ebd. 53 ) Sebillot Folk- 
Lore 3, 307. Rolland op. cit. 3, 286. 

5. Abwehr. Dort, wo man obige opti¬ 
mistische Auf fassung von den Küchensch.n 
nicht hat, sucht man sich durch verschie¬ 
dene abergläubische Mittel ihrer zu ent¬ 
ledigen. In Schwaben (und Pennsyl- 
vanien) kehrt man am Karfreitag die 
Stuben in der entgegengesetzten Rich¬ 
tung als man sonst gewöhnt ist, z.B.rück¬ 
wärts statt vorwärts 55 ). In Oberösterreich 
geht man im Frühjahr, wenn zum ersten 
Male gemäht wird, mit der Sense ins 
Zimmer, wo Küchensch.n (Schwaben und 
Russen) sind, und wetzt die Sense unter 
Hersagung einer Beschwörungsformel. 
Fort wetzend geht man auf die Wiese und 
das Ungeziefer verläuft sich von selbst 56 ). 
In Schlesien packt man eine Küchensch. 
in einen Korb und trägt ihn in ein anderes 
Haus, in das die übrigen nachfolgen 57 ), 
oder man gibt einem Toten in einer 

31* 


9 6 7 


schaben—Schachtelhalm 


Schachtmännchen 


Schadenzauber 


970 


Schachtel einige Küchensch.n. mit 58 ) oder 
man stiehlt schließlich einen Hemmschuh 
und legt ihn auf den Ofen 59 ). In der 
Bukowina räuchert man das Haus mit 
gefundenem Leder aus 60 ). 

55 ) Birlinger Volksth. 2, 78; Fogel Pennsyl¬ 
vania 251 Nr. 1300. 56 ) Baumgarten Heimat 

2, 99. 57 ) Drechsler 2, 3. 58 ) Grimm Myth. 

3, 455 Nr. 608; Schönwerth Oberpfalz 3, 283; 

Grohmann 189 (Böhmen). 59 ) Grimm Myth. 
3, 448 Nr. 430. 60 ) Hovorka u. Kronfeld 

U 375 - 

6. Volksmedizin. Trotz ihres ekel¬ 
haften Geruches werden die Küchensch.n 
in der Volksmedizin verwendet. Gegen 
Epilepsie werden sie zerstoßen einge¬ 
geben 61 ). Gegen Würmer erhalten Kin¬ 
der sie abgekocht 62 ), bei Fraisen in die 
Milch geworfen 63 ). In Bayern gelten sie 
als harntreibendes Mittel 64 ). 

61 ) Jühling Tiere 96. 62 ) Ebd. 63 ) Ebd. 

64 ) Hovorka u. Kronfeld 1, 375. 

Riegler. 

schaben s. 1, 125 ff. 

Schabziegerklee (Siebengezeit; Trigo- 
nella caerulea, Melilotus caeruleus). 

1. Botanisches. Schmetterlingsblüt¬ 
ler mit dreizähligen Blättern und hell¬ 
blauen, in Köpfchen vereinigten Blüten. 
Der Sch. riecht stark aromatisch, ab und 
zu wird diese aus Süd Osteuropa stam¬ 
mende Pflanze als Brot- oder Käse¬ 
gewürz angebaut 1 ). 

*) Mar zell Kräuterbuch 205; Festschr. zum 
70. Geburtstage Aschersons. Leipz. 1904, 168 
bis 181; J. Nevinny Trigonelia caerulea. Eine 
pharmakogn. Studie. In: Ber. d. naturw.- 
med. Ver. Innsbruck 29 (1906), in—192. 

2. Der Name ,,Siebengezeit“ kommt 
daher, weil dieser Klee, so lange er im 
Feld steht, im Tag „siebenmal seinen Ge- j 
ruch hat und so offt auch widerumb 
verleürt“ 2 ). Offenbar wegen des starken 
Geruches gilt der Sch. als hexen vertrei¬ 
bend: „die Weiber henckens über die 
Tisch in die kammern über ire better für 
böss gespenst und gifft“ 3 ). Der Wetter¬ 
auer Pfarrer C. Rosbach 4 ) reimt dar¬ 
über: 

Also mit diesem Kräutlein viel 

Groß Narren werk und Gaukelspiel 

Sie treiben für deß Teuffels Gespenst 

Und brauchen dazu viel Sententz 

Der Aberglaub wechst so mit Macht 

Wo man Gotts Wort nit hat in acht. 

Die alten Weiber henckens auff 



Und haben denn groß achtung drauff 
Wie sichs siebenmal behend t 
Im Tag da in der Stuben wendt. 

In Thüringen (um Greiz) werden getrock¬ 
nete Kränze von fruchtendem Sch. über 
dem inneren Eingang der Wohnstuben auf¬ 
gehängt; sie verhindern, daß irgend ein 
böser Mensch das Zimmer betritt, schützen 
gegen Hexerei und bringen Glück ins 
Haus 5 ). Als glückbringendes Mittel wird 
die getrocknete Pflanze zusammen mit 
Tausendgüldenkraut (s. d.) in die Spar¬ 
büchsen gelegt, damit das Geld nicht aus¬ 
geht 6 ). Als „Neidkraut“ wird der Sch. 
dem Vieh unter das Futter gestreut,, 
wenn es nicht fressen will 7 ). Vielleicht 
hat die Verwendung des Sch.s als Brot¬ 
gewürz z. T. seinen Grund in den apo- 
tropäischen Eigenschaften der Pflanze, s. 
Kümmel. In der Lausitz wird der Auf¬ 
guß als Waschmittel bei (durch Zauberei 
verursachten) „Schreck“ gebraucht 8 ). 

2 ) Bock Kreutterbuch 1539, 2, x v.; vgl. auch 
Praetorius Saturnalia 1663, 82; ZfVk. 3, 449; 
Ascherson-Graebner Synopsis der Flora v. 
Mitteleuropa VI, 2 (1906/10), 380. 3 ) Bock 

a. a. O., ebenso Schröder Apotheke 1693, 1042. 
4 ) Paradeiß gär tlein 1588, 135. 3 ) Irmischia 3 

(1883), 27, ähnlich Köhler Voigtland 416. 

6 ) Oberfranken: Mitt. Von Hoffmann 1908. 

7 ) Mar zell Bayer. Volksbotanik 204. 8 ) Asche r- 

son-Gräbner a. a. O. Marzeil. 

Schachtelhalm (Zinnkraut; Equisetum 
arvense). 

1. Blütenlose Pflanze mit tief im Boden 
kriechendem Wurzelstock, als Unkraut auf 

t • # 

Ackern verhaßt 1 ). Mehr scherzhaft ist 
es wohl gemeint, wenn es manchmal 
heißt, unten an den Wurzeln hingen Gold¬ 
stücke, man müsse daher die Pflanze ganz 
aus dem Boden ziehen 2 ). Es ist dies 
eine Aneiferung, das Unkraut völlig aus¬ 
zugraben, da es sonst immer wieder er¬ 
scheint. 

x ) Marz eil Kräuterbuch 3S6. 2 ) Andree 

Braunschweig 403; Fett weis Verz. volkst. 
Pflanzennamen vom Niederrhein 1916, 3; Hmbl. 
d. Rot. Erde 2 (1920), 38. 

2. Mit dem Absud wäscht man sich die 
Haare, um deren Ausfall zu verhindern 3 ). 
Es dürfte dies ein „homoeopathisches“ 
Mittel sein, da die sterilen Wedel des 
Sch.s einem Haarschopf gleichen, vgl.. 
Klette. 

3 ) Das Kuhländchen 10 (1928), 42. 


969 

3. Burschen in der Gegend des Isteiner 
Klotzes (Baden) suchen die Gunst eines 
Mädchens dadurch zu erreichen, daß sie 
es Tee vom Riesen-Sch. (E. maximum) 
trinken lassen. Hier ist jedenfalls die 
Gestalt der fruchtbaren Sprosse, die 
einem membrum virile gleicht (vgl. die 
alte Bezeichnung „Pfaffenpint“ = penis 
sacerdotis für den Sch.), maßgebend 4 ). 

4 ) Tschirch-Festschr. 1926, 255. Marzeil. 

Schachtmännchen s. Berggeister. 

Schädel s. Kopf. 

Schadenzauber. Es kommt aus primi¬ 
tiven Geisteslagen her, daß die Menschen 
das ihnen zustoßende Übel, einen Un¬ 
glücksfall, eine Erkrankung oder das Ab¬ 
handenkommen eines Besitzstückes auf 
das Handeln unsichtbarer übelwollender 
Mächte, böser Geister zurückführen oder 
auf einen von menschlichen Neidern und 
Feinden ausgeführten Bosheitszauber, mag 
dieser letztere nun gleichfalls durch Hilfe 
böser Dämonen (s. d.) oder aus eigenstem 
magischem Kraftbesitz des Zaubernden 
geübt werden. An dieser Geisteslage ist 
Grundsätzlich-Unbeträchtliches geändert, 
wo der Glaube an schädigenden Zauber 
innerhalb höherer Kultur auftritt. Auch 
daß man einen Gott oder Götter als Helfer 
für Erreichung einer bösen Absicht wider 
einen Mitmenschen angeht und daß mittels 
eines Fluches (s. d.) Ungemach von den 
Göttern gesendet wird (vgl. das Geschick 
des Alkibiades) l ), wiederholt sich im 
Volke mit christlicher Religion. Bei ge¬ 
schärftem moralischem Sinn spricht man 
dann noch besonders von Menschen, die 
Böses rein aus Lust zum Bösen anstiften, 
weil sie mit dem Teufel im Bunde sind 2 ) 
(s. Bilmesschnitter); ja die davon über¬ 
haupt nicht mehr los können, sondern 
fortgesetzt Schaden machen müssen, und 
sollten sie damit gegen sich selbst oder 
gegen ihr Eigentum sich richten 3 ). Daher 
berührt sich S. engstens mit Hexentum (s. 
Hexe), ist er auch ein Hauptanliegender 
Hexen und wird die Absicht solches S.s 
auch darin erblickt, das von ihm be¬ 
troffene Individuum von Gott loszureißen 
und dem Teufel zu eigen zu geben 4 ). 

Diejenigen S., welche Krankheit her- 


vorrufen, werden als Leidwerchen zu¬ 
sammengefaßt 5 ). Frauen sind geleid- 
wercht, wenn die Geburtswehen plötzlich 
aussetzen und die Geburt nicht vonstatten 
gehen will. Eine alte Frau, die sich durch 
zeitliches und ungestümes Schicken um 
Brot verdächtig gemacht, hat die Bäckers¬ 
frau so bezaubert aus Rache, weil der 
Bäckermeister mit einer Brotschuld nicht 
länger warten wollte 6 ). Kinder, welche 
Nächte lang schreien, sind geleidwercht. 
Man stellt dies dadurch fest, daß, nachdem 
Urin der Eltern in versiegeltem Fläschchen 
in versiegeltem Schrank aufbewahrt ist, 
am vierten oder fünften Morgen jemand 
kommt und um Gottes und der Heiligen 
willen etwas leihen oder einen Gefallen 
erwiesen haben will. Eine 84 jährige Frau 
braucht da nur um etwas Milch zu bitten, 
so ist sie als Hexe entlarvt 7 ). S. bewirkt, 
daß Kinder nicht gedeihen, ja verdorren 8 ). 
Durch solchen Zauber schwindet auch die 
Butter auf unerklärliche Weise, wogegen 
kirchliche Benediktionen helfen 9 ). — 
Böser Zauber kann einen Menschen, an 
dem Rache genommen werden soll, in ein 
Tier verwandeln. Ein solcher Zauberer, 
der andere aus Bosheit in Tiere verwan¬ 
delt, kann selber verschiedener Tiere Ge¬ 
stalt annehmen und so seine Macht stärker 
betätigen. Bei den alten Orientalen und 
Griechen waren es meist die Götter, 
welche Menschen in Tiere verwandelten 
(oder Kirke die Gefährten des Odysseus), 
und die nordischen Götter können Men¬ 
schen oder sch selber in Tiere verwandeln 
(s. Verwandlung) und dadurch alles mög¬ 
liche Unheil heraufbringen (Odin, Loki) 10 ). 
Auch Brot dient zum S. Wenn jemand 
eine Brotrinde heimlich in die Federbetten 
eingenäht erhält, hat dies Unglück oder 
langsam zehrende Krankheit zur Folge 
(Mittelschlesien) n ). Eheleute werden 
durch S. zu Zanksucht gegeneinander ge¬ 
reizt und verlieren die Fähigkeit zum ehe¬ 
lichen Akt 12 ). Man übt solchen Zauber 
durch Rückwärtsgehen (wie es Hexen 
gern tun) und Umwandeln gegen den 
Lauf der Sonne 13 ). Aber auch die ein¬ 
fache Art der Verfluchung gehört hierher 
(s. Fluch), zumal wenn sie mit magischem 
Ritus verbunden wird: Einschneiden des 


97i 


Schadenzaubersprüche 


Schaf 


974 


Fluchs gegen den Mörder in die Baum¬ 
rinde 14 ). In ein Buch gelegte Verwün¬ 
schung wider den Entwender schädigt 
den Dieb oder macht die Entwendung 
unmöglich 15 ). 

Besonders glaubt man an die Wirksam¬ 
keit solchen S.s auf das Vieh. In der 
Schweiz weiß man, daß jemand, der Hagel¬ 
unwetter Voraussagen kann, auch seinen 
Feinden Schaden anzaubem kann 16 ) und 
ebenso den Ziegen und Kühen 17 ). Vieh 
wird z. B. behext durch dreimaliges Her¬ 
umgehen ums Tier von Sonnenaufgang 
an mit einem Salznapf 18 ). Eine bestimmte 
Pflanze, die man in ein Häuschen legt, in 
dem Käse bereitet wird, hindert die 
Milch am Gerinnen 19 ). Wie man von 
Bauern erzählt, die einander die Kühe 
töten können, ohne irgend etwas machen 
zu müssen 20 ), so kennt Verf. einen nieder¬ 
österreichischen Bauern, der weiß, daß 
der Besitzer des Nachbarhofes durch 
Femwirkung eine seiner Kühe mit einem 
Katarrh behaftet, einer anderen die Milch 
genommen hat. — Gegen jede Form des 
S.s gibt es bestimmten Schutzzauber (s. 
d.) oder Gegenzauber (s. d.). 

x ) Stemplinger Aberglaube 65; O. Gruppe 
Griech. Mythologie u. Religgesch 3 883, vgl. 
Panzer Beitrag passim. 2 ) Köhler Voigtland 
420. 3 ) Wuttke 260 § 380. 4 ) ebd. § 379; 

Drechsler Schlesien 2, 256. 5 ) Stoll Zauber - 
glauben 52. •) Ebd. 115. 7 ) Ebd. 112. 8 ) Ebd. 
113 t. •) Ebd. 116. 10 ) Wundt Mythus 3, 158. 
195 ff. n ) Drechsler Schlesien 2, 15 f. 12 ) Ebd. 
3, 259 ff. 13 ) Knuchel Umwandlung 39 f. 
14 ) Meyer Religgesch. 137. 16 ) Sartori 2, 19. 
1C ) SAVk. 3, 115. 17 ) Drechsler Haustiere 17 f. 
18 ) ZfVk. 24, 159. 19 ) SAVk 14, 293. 20 ) Ebd. 
2, 17- K. Beth. 

Schadenzaubersprüche. 

1. Einleitendes. Die Grenze zwischen 
Heilsamem und Schädlichem in den Zau¬ 
ber- und Segenssprüchen — die schon in 
dem römischen Zwölftafelgesetze berück¬ 
sichtigt war x ) — war nicht immer leicht 
zu ziehen. Den Feind oder gar den Dieb 
und den Zauberer zu fluchen ist Förde¬ 
rung der eigenen, gerechten Sache. Auf 
christlichem Boden beschwören zwar bös¬ 
artige Sprüche in der Regel in Teufels 
Namen, mitunter aber in Gottes oder in 
beider 2 ). 

Die aus der Erde gegrabenen Nach- 


972 

lasse der Antike spenden uns eine 
Menge von Fluchsprüchen, auf Tafeln 
geschrieben, vom 4. vorchristl. Jh. 
an vorrätig, in denen der Gegner im 
Prozeß, der Rival im Wettrennen usw. 
„gebunden", verzaubert wird und sein 
Leben oft den unterirdischen Gottheiten 
übergeben 3 ). — Aber auch in anderen 
Zaubersprüchen der Antike kommt ge¬ 
legentlich ein, jedenfalls bedingter, Scha¬ 
denwille zum Ausdruck, so in dem Liebes- 
zwang (s. Liebessegen § 1) und in den 
Drohungen gegen die Götter selbst, falls 
sie dem Magier nicht beistehen; auch die 
altnordische Magie weist solche Züge 
auf 4 ). Mit dem ethisch-religiösen Dualis¬ 
mus der christlichen Kirche trat hier im 
volkstümlichen Bewußtsein eine, wenn 
auch nicht ganz scharfe so doch klarere 
Sonderung ein zwischen „Segen" einerseits 
und bösen Sprüchen andererseits. 

l ) Plinius Nat. hist. lib. 28 § 17. *) Grimm 
Myth. 3, 502 Nr. XXXVIII; ZfdMyth. 3, 321, 
s. Art. Liebessegen § 1 mit Anm. 3. 3 ) Wünsch 
Defixionum tabellae Atticae 1897 (Inscr. Graecae, 
ed. Academ. reg. Boniss. vol. III pars III); 
Wünsch Sethianische Verfluchungstafeln aus 
Rom, 1898; RhMus. 55, 62 ff. 232 ff. 4 ) Egils 
Saga cap. 60; Fornaldar sögur 3, 202 ff. 

2. Deutsche Sprüche. Aus dem 
Mittelalter ist sehr wenig derartiges über¬ 
liefert. Zu nennen wäre ein lateinischer 
Spruch, 14. Jh., „Ut aliquis febricitet": 
man schlägt drei Nägel in eine „Aspe" 
(das deutsche Wort ist in Geheimschrift 
als Ispm gegeben) mit dem Wunsche, 
daß so lange sie da sitzen, soll NN wie 
der Baum zittern 5 ). S. auch unten a und 
b. Aus neuerer Zeit, z. T. aus den Hexen¬ 
prozessen seit dem 16. Jh., liegen einige 
deutsche kurze, volkstümliche Sprüche 
vor, die sich gewöhnlich auf begleitende 
Riten beziehen; z. T. gehören sie jedoch 
wohl mehr der Hexensage als der Praxis 
an (vgl. Abschwörung). 

a) Schaden an Menschen. Beispiele: 
„Wolauf elb und elbin ... du sollst zu 
dem und dem, du sollst seine beine 
necken . . . sein fleisch schmecken . . . 
sein blut trinken und in die erde sinken, 
in aller teufel namen" (Quedlinburger 
Akten) 6 ). „So soll in aller Teufel Na¬ 
men der Müller vergehen wie die [gleich- 


973 

zeitig gegossene] Milch auf den heißen 
steinen" (Akten Stadt Schleswig, die 
Worte dänisch hergesagt ?) 7 ). Recht ver¬ 
breitet ist der Spruch: „Ich NN thu dich 
anhauchen, drei Blutstropfen thu ich 
dir entziehen, den ersten aus deinem Her¬ 
zen, den anderen aus deiner Leber, den 
dritten aus deiner Lebenskraft, damit 
nehme ich dir deine Stärke und Mann¬ 
schaft" (Manneskraft) 8 ). Dieser Spruch, 
noch im 20. Jh. gebraucht 9 ), erinnert 
formell sehr an einen alt norwegischen 
(J. 1325), der Impotenz bewirkte: ,,.. . 
einer beiße dich in den Rücken, ein anderer 
b. d. in die Brust, ein dritter wende über 
dich Haß(?) und Neid" 10 ); beide sind 
Dreiheitssprüche (s. Segen § 5) nach 
Art z. B. der Marcellussprüche und 
des ersten Merseburgerspruches. 

b) Aneignung fremden Gutes. Be¬ 
zeichnend für die Ärmlichkeit der hier 
tätigen Schadenzauberinnen (während 
Rachesprüche unter Gruppe a noch 
z. B. im 17. Jh. von adeligen Personen 
benützt wurden) ist, daß die für die 
Hexe selbst ersehnte Ausbeute ihrer 
bösen Künste sich fast immer auf Milch 
und andere Naturalien beschränkt. Riten 
zum Melken fremder Kühe oder zum 
Buttem fremder Milch sind bisweilen von 
Worten begleitet (vgl. 1, 1729ff.). Beim 
Melken heißt es z. B.: „Hole (d. i. Hölle, 
Ofenecke ?) ich melcke dich ins teuffels na¬ 
men, gib mir so uiel alsz trofen an der kuhe 
seindt" u ) (hessischer Prozeß J. 1596). Eine 
Strophe, mit Parodie derselben, ist um 1400 
überliefert 12 ). — Beim Buttern (mehr 
sagenhaft): „Von jedem Haus a Bröckl ar- 
basgroß (erbsengroß), na werd (dann wird) 
der Butter wie mein Kopf so groß" 13 ). — 
Ähnliche Melk- und Buttersprüche fran¬ 
zösisch, englisch, skandinavisch 14 ). — 
Vereinzelte deutsche Sprüche, 16. Jh., 
bezwecken Eiergewinn 15 ) oder Aneignung 
der Ackerfruchtbarkeit des Gegners 16 ). 

S. weiter Abschwörung, Teufelsbeschwö¬ 
rung, Teufelspakt. 

5 ) ZfdA. 13, 214. 6 ) Grimm Myth. s. Anm. 2. 
7 ) Müllenhoff Sagen 518 Nr. 35. 8 ) Kuhn 

Westfalen 2, 191 Nr. 542; ZföVk. 2, 154; Württ- 
Vjh. 13, 198 Nr. 188 (Albertus Magnus); Sey- 
farth Sachsen 44, vgl. den Liebessegen SAVk. 
6 , 65 (1407). ®) Tägliche Rundschau 19. 


2. 1911. 10 ) Norske Hexefml. Nr. 238, vgl. 

Ohrt Trylleord 92 f. 11 ) ZfdMyth. 2, 73. 

12 ) Mone Anzeiger 5, 452 f. (HessBl. 12, 189), 
vgl. Grimm Myth. 3, 417 Nr. 30 (15. Jh.). 

13 ) DG. 15, 208, vgl. Urquell 1892, 324. 14 ) Sebil- 

lot Folk-Lore 3, 84; Henderson Notes on the 
Folk-Lore of Northern Counties 163; County 
Folk-Lore 3, 128 (J. 1624); Danmarks Tryllefml. 
Nr. 982 fi.; Meddelanden frän Nordiska Museet 
1897 S. 48. 16 ) ZfVk. 15, 181, Braunschweig. 

16 ) Z. des Harzvereins 35, 423 (bei Hälsig 
Zauber Spruch 58). Ohrt. 

Schaf. 

1. Als eines der am frühesten gezähmten 
Tiere x ) von sehr hohem Kulturwert ist 
seine Bedeutung für den Aberglauben, 
die vorwiegend freundliche Seiten zeigt, 
erklärlich. Bei den Germanen gab es 
zeitweüig Sch.-Opfer 2 ), vor allem Früh¬ 
jahrsbittopfer (s. Widder 1), Ernte- und 
wahrscheinlich Totenopfer 3 ). Als Ernte¬ 
opfer überlebsel findet es sich 1802 noch in 
Thüringen 4 ), am Ritten bei Bozen wurde 
früher nach der Ernte ein Sch. geschlach¬ 
tet 5 ), heute noch findet in Markgröningen 
(Württ.) am 24. August ein Wettlauf der 
Mädchen um ein Sch., barfuß über ein 
Stoppelfeld, statt 6 ). Die Gegenwart 
kennt noch Gebildbrote 7 ) in Gestalt 
eines Sch.es, Stellvertreter des ehemaligen 
Opfertieres und Opferspeise. Es ist Sym¬ 
bol der Wachstumskraft, als solches 
wohl entstanden aus der Auffassung der 
Wolken als Sch.e und Lämmer 8 ). Ge¬ 
wisse weiße Wolken nennen wir heute 
noch Sch.e 9 ), Frau Holle treibt sie aus 
(Brand.) 10 ). Als Wolkentier scheint es 
auch in gewissem Zusammenhang mit der 
wilden Jagd 11 ) zu stehen, worauf die 
verschiedenen gespenstigen Sch.e, die als 
„Dorftiere" umgehen, hindeuten. Mann¬ 
hardt sieht in ihnen Seelentiere (Kinder¬ 
seelen, die bei Frau Göde, Hrösa, Holda 
weilen) 12 ). — An ein altes Opfer erinnert 
noch der im ehern, österr.-Schlesien vor¬ 
handene Glaube der Bauern, daß ein 
Knochen des nach dem Pfingstritt ge¬ 
bratenen und gemeinsam verzehrten 
Sch.es, den sie am nächsten Tage vor 
Sonnenaufgang ins Feld stecken, den 
Saaten Gedeihen bringt 13 ). Weiter 
erinnern an ehemalige Opfer noch die Ver¬ 
wendung des dreikantigen Schlüssel¬ 
beines zum Liebeszauber 14 ), das ehe- 


975 


Schaf 


976 


dem zur Weissagung gedient haben ! 
mußte 15 ) wie das Sprungbein (talus, 
astragalus), das sich auf deutschem Boden 
nurmehr im Kinderspiel findet 16 ), und 
der Glaube, daß man das Zungenbein 1 
des Sch.es nicht zerbrechen darf, ! 

9 i 

wenn man ein Kind erwartet, da dieses j 
sonst stottern würde 17 ). 

x ) Es ist seit der neolithischen Zeit bezeugt \ 
(Keller Antike Tierwelt r, 309) und war in der j 
Bronzezeit häufig Grabbeigabe. Auf dem ! 
Lohensteine fanden sich 26% aller Opfergebeine 1 
als dem Sch. u. d. Ziege zugehörig (Höfler ! 
Organotherapie 88 f. = Korrespondenz-Bl. f. j 


bei den Schotten und Südslaven ebenso ver¬ 
breitet wie bei den Beduinen und Mongolen 
Inner-Asiens (ZdVfVk. 10,332; 19,434; 23,149; 
Grimm Myth. 2, 932; 3,322; Höf ler Organoth. 
31), so daß die Annahme der Entstehung dieser 
Art Weissagen bei den Mongolen wohl abzu¬ 
lehnen ist. Vgl. noch: Liebrecht Zur Volksk. 

499 f- 

2. Die Sch.e sind verschiedenen schäd¬ 
lichen Einflüssen unterworfen 18 ), wogegen 
man die für den Haushalt wertvollen 
Tiere zu schützen versucht. Hat man 
Sch.e gekauft und eingetrieben, so mache 
man mit einem grauen Feldstein drei 


Anthropologie 13 [1882], 18). Es war im Alter- i 
tum das bequemste und gewöhnlichste Opfer- ' 
tier, ist vielfach bezeugt bei Babyloniern, Phö¬ 
niziern (als Reinigungs- oder Friedensopfer), 
bes. bei den Griechen, die vor allem den Gott- 1 
heiten d. Unterwelt bes. schwarze Sch.e opferten | 
und an ihrer Stelle ungeschorene schwarze 1 
Sch.sfelle oder auch nur einen Faden aus schwär- j 
zer Wolle als Totenopfer darbrachten (Höfler i 
a. a. O. 31. 88); dann bei den Römern zu allen ‘ 
Gelegenheiten (Keller a. a. O. 325). 2 ) Höfler j 
Weihnacht 15. 3 ) Bei den Inselschweden wurde 
ein Sch. bei Begräbnissen geopfert (Mannhardt , 
Germ. Mythen 51), in Litauen wird noch immer ! 
beim Tode eines Familienmitgliedes ein Schaf 
geschlachtet (Wuttke 291 § 425 = Hintz 
Altpreußen 101). Auch bei den Dinka findet 
sich das Sch.-Opfer beim Begräbnis (ZdVfVk. 
J 7 > 376). — Bei den Schweden und Dänen 
fand es sich auch als Bauopfer (Höfler a. a. O. 

89 = Müllenhoff Altertumsk. 4, 257); in einer 
deutschen Sage ist ein schwarzes Sch. Teufels¬ 
opfer (Grimm Myth. 2, 843), in einer anderen, 
vogtländ., Opfer für den Lindwurm (Eisei 
Vogtland 156 Nr. 426). 4 ) Höfler Organoth. 

89 = Müllenhoff Altertumsk. 4, 527. 5 ) Heyl 
Tirol 760 Nr. 49. 6 ) Sartori 3, 243 = Meier 
Schwaben 437. 7 ) Reuterskiöld Speise¬ 
sakramente 109. 8 ) Mannhardt Germ. Mythen 
448; ders. Götter 89. 9 ) Strackerjan Olden¬ 
burg 2, 142 Nr. 372. 10 ) Wuttke 25 § 23. 

X1 ) Meyer Germ. Mythol. 240. l2 ) Mannhardt 
German.Mythen 490. — Ein Zwerg in einer Schwei¬ 
zer Sage heißt selbst Lämmli (Ebd. Anm. 1). 

13 ) Mannhardt 1, 400; ders. Forschungen 188; 
Höfler Organotherapie 89 — Vernaleken 306 
(28); Sartori 3, 216 Anm. in. 14 ) Weinhold 
Neunzahl 18. 15 ) Vgl. Grimm Myth. 2, 932. 

16 ) ZdVfVk. 10 (1900), 352. —• Es wurde seit 
den ältesten Zeiten als Würfel verwendet in 
der antiken Welt sowohl wie in Mittel- und 
Nordeuropa als auch in Innerasien und dient 
heute noch auf Island Wahrsagezwecken 
(Ebd.). 17 ) Ebd. — Im alten Norden war es 

Talisman gegen Ohren schmerzen, bei den 
belgischen Fischern schützt es gegen Meeres¬ 
gefahren (Höfler a. a. O. 89). —- Die Weis¬ 
sagung aus Sch.sknochen: Schulterblatt, 
Schlüsselbein und Sprungbein ist auf Island, 


Kreuze auf die offen stehende Tür, daß 
sie es sehen können (Bielefeld 1790) 19 ). 
In Lüneburg erhalten sie auf Weih¬ 
nachten besonders gutes und reichliches 
Futter, sogar ganze Korngarben. Einmal 
hat man das unterlassen, und da hat dann 
der ,,lütje öle“, der Teufel, das Vieh ge¬ 
füttert 20 ). Man soll sie nicht zählen 21 ) 
und nicht am Sonntag entwöhnen (Penn- 
sylvanien) 22 ). Scheren muß man sie 
bei abnehmenden Mond, damit keine 
Motten in die Wolle kommen (Meckl.) 23 ) 
oder im Zeichen der Wage (Pennsylv.) 24 ). 
Vor dem Scheren läßt man es zuerst die 
Schere belecken und nach der Schur 
fortgehen mit den Worten: „Geh nackt 
weg und komm’ zottig wieder'' 25 ). Da¬ 
mit die Wölfe sie nicht nehmen, nimmt 
man eine Wolfsleber, Zunge, die Gurgel, 
einen Natterbalg und Grundwurzel, dörrt 
alles, zerstößt es und gibt es den Sch.en 
am Karfreitag vor Sonnenaufgang auf 
Steinsalz; so wird der Wolf kein Sch. zer¬ 
reißen; ob ers schon nimmt, es kommt ohn* 
allen Schaden wieder (Schles.) 26 ). Man darf 
sie nicht Lawendel fressen lassen, da es 
für sie tötlich ist. Nur durch vieles Wasser¬ 
trinken entgehen sie dem Tode (Tir.) 27 ). 
Mit vielerlei Mitteln suchte man sie bes. 
gegen Krankheiten zu schützen 28 ). 
Durchs Notfeuer wurden sie nicht ge¬ 
trieben (wohl wegen ihrer Furcht und 
Dummheit, die sie inmitten der Flammen 
verbrennen ließen), sie erhielten aber von 
der Asche ihren Teil ins Futter gemengt 29 ). 
Im ehern, österr.-Schlesien legte der Hirt 
vor dem ersten Austrieb im neuen Jahre 
Peitsche und Stab in Form eines Kreuzes 
auf die Erde und ließ die Sch.e darüber- 


977 


Schaf 


978 


gehen, damit sie gegen Krankheit und 
Unfälle geschützt wären 29a ). Um die 
Drehkrankheit von ihnen abzuhalten, 
darf man nicht um den Tisch gehen 
{Württ .) 30 ), auch nicht am Samstag 
{Westf.) 31 ) oder an Maria Lichtmeß 
{Ostpr.) 32 ) spinnen. War die Krankheit 
bereits ausgebrochen, so hieb man einem 
Sch. den Kopf ab, besonders wenn man die 
Krankheit den „Unterirdischen“ zu¬ 
schrieb, die man dadurch zu besänftigen 
suchte 33 ), und hängte ihn über der Stall¬ 
tür 34 ) auf oder im Kamin (Wald.) 35 ), 
oder man tötete das zuletzt drehkrank 
gewordene Sch., indem man ihm mit einem 
Schlage den Kopf abtrennte und den 
Körper unter der Giebelseite des Hauses, 
unter strengstem Stillschweigen, ein¬ 
grub 36 ). Auch vergrub man ein lebendes 
Sch. unter der Stalltür (Oberpf.) 37 ). Man 
gab den kranken Tieren auch Milch von 
ihren gesunden Kameraden mit Wasser 
verdünnt zu trinken 38 ). In manchen 
Gegenden aber beseitigte oder schlachtete 
man sie nicht, weil die Schäfer glaubten, 
daß an ihrer Stelle doch andere erkranken 
müßten (Meckl. 39 ), Schles. 40 )). Ist unter 
der Herde Schorf ausgebrochen, so braucht 
der Schäfer nur etwas von diesem Schorf 
zu einer Leiche in den Sarg legen und be¬ 
graben lassen, damit die Herde geheilt 
wird. Doch darf nicht das kleinste 
Flöckchen Wolle mit in den Sarg kommen, 
sonst geht die ganze Herde zugrunde 
(Lauenb.) 41 ). Hat ein Sch. einen Fuß 
gebrochen, so umbindet und schient man 
das dem gebrochenen Fuße entspre¬ 
chende Bein eines Stuhles; es darf sich 
aber niemand darauf setzen, bis das Tier 
geheilt ist (Bay.) 42 ). Auch ließ man 
kranke Sch.e durch ein gespaltene junge 
Eiche kriechen 43 ) (s. durchkriechen 2, 
480 65 ). Damit die Sch.e nur Mutterlämmer 
zur Welt bringen, soll man dem Widder 
den rechten Testikel entweder fortnehmen 
oder verbinden, wenn er zu den Sch.en 
gelassen wird 44 ). Sollen die Sch.e lammen 
und sie werden noch auf die Weide ge¬ 
trieben, so wirft man die Heu- und Stroh¬ 
halme, die sie beim Austreiben etwa mit 
aus dem Stalle zerren, wieder in den¬ 
selben zurück; dann lammen sie nicht 


außerhalb des Stalles (Meckl.) 45 ); und 
da der Donner bei alleinstehenden Sch.en 
Fehlwurf bewirkt, sammelt man sie bei¬ 
einander unter ein Dach 46 ) (S. Lamm 

1. 5, Widder 3). 

18 ) In Kleinasien glaubt man, daß sie bes. 
unter dem bösen Blick zu leiden haben, in der 
Romagna geben sie keine Milch infolge der 
Jettatura. Andererseits tragen in Persien die 
Kinder ein Sch.sauge gegen den bösen Blick 
(Seligmann Blick 1, 216; 2, 164). 19 ) Grimm 
Mythol. 3. 463 Nr. 816. 20 ) Höfler Weihnacht 
12 = ZdVfVk. 6 (1896), 369. 2l ) (Keller) Grab 
des Aberglaubens 2, 202 ff. 23 ) Fogel Pennsyl¬ 
vania 175 Nr. 843. 23 ) Bartsch Mecklenburg 

2, 109. 24 ) Fogel a. a. O. 245 Nr. 1268. 25 ) Lieb¬ 

recht Zur Volksk. 320. 26 ) Drechsler Schlesien 
2, 117. 27 ) Heyl Tirol 794 Nr. 200. Muß nicht 
Abergl. sein, sondern kann auf Beobachtung 
beruhen. 28 ) In Rom besteckte man zur Ab¬ 
wehr von Krankheit bei den Palilien am 
21. April den Sch.stall mit einem grünen be¬ 
laubten Zweig [Lebensrute] (Mannhardt i, 
295 ). 29 ) Jahn Opfergebr. 32 f. 29a ) Peter 

österr.-Schlesien 2, 251. 30 ) Schmitt Het- 

tingen 18. 3X ) Wuttke 62 §72; 437 § 686 = 
Kuhn Westfalen 2,95 Nr. 298. 32 ) Wuttke 
a. a. O. Auch bei den Wenden hielt man die 
Drehkrankheit für das Werk überirdischer 
Mächte und duldete nicht, daß zwischen Weih¬ 
nachten und Neujahr gesponnen wurde, damit 
die Sch.e verschont blieben (Schulenburg 
Wend. Volkst. 134). 33 ) Liebrecht a. a. O. 

324. 34 ) ZdVfVk. 10 (1900), 209. 35 ) Jahn 

Opfergebr. 331 = Wuttke 437 § 687; Höfler 
Organoth. 90 = Wuttke a. a. O. 36 ) Jahn 
a. a . o. — Die Esten nageln zur Abwehr der 
Seuche einen Sch.skopf an die Tür der Hürde 
(Sepp Religion 270!.), in Schottland wurde 
am Old May-Day ein Sch. zur Abwehr von 
Übel von den Herden lebendig verbrannt 
(Frazer 10, 306 f.). 37 ) Schönwerth Ober¬ 

pfalz 1, 341. 38 ) ZdVfVk. 8 (1898), 44. 39 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 154. 40 ) Drechsler Schlesien 

2, 116 f. 41 ) Wuttke 186 § 255. 42 ) Ebd. 436 
§ 686 = Panzer Beitr. 2, 302. 43 ) Grimm 

Mythol. 3,468 Nr. 923- 44 ) ZdVfVk. 13 (1903), 

272. 45 ) Bartsch a. a. O. 2, 153 f. 46 ) Megen- 
berg Buch der Natur 27. 

3. Das Sch. ist Orakeltier und zu¬ 
kunftkündend. a) Im Angangglauben 
überwiegt seine Glücksbedeutung 47 ), die 
ohne Zweifel auf seinen Beziehungen zu 
den Lichtwolken (Schäfchen, Lämmer¬ 
wolken) 48 ) (s. Sch.wolke), aber auch auf 
seinem hohen Kulturwert beruht 49 ). Das 
Begegnen besonders einer Herde gilt ohne 
weiteres als gutes Vorzeichen 50 ) (Bad. 51 ), 
Old. 52 ), Schwz. 53 ), Westf. 54 )) für die 
Reise und Besuch. Wenn eine Dame beim 
Ausgehen zuerst Sch.e sieht, so bedeutet 


979 


Schaf 


Schaf 


982 


dies, daß sie bei den Herren beliebt ist 
(Schles.) 55 ). Selten hält man es für unheil¬ 
kündend, meist wenn man auf ein Sch. 
stößt 56 ) (Erzgeb.) 57 ). Ein in der Sil¬ 
vesternacht über den Weg laufendes Sch. 
bringt Tod in die Familie (Erzgeb.) 58 ). 
Vielfach achtet man darauf, ob die Herde 
rechts (s. d.) oder links (s. d.) vorbei¬ 
kommt. Welches von beiden das Glück¬ 
lichere ist, darüber sind die Ansichten 
verschieden. Meist gilt links für glück¬ 
verheißend nach dem Spruch: „Sch.e zur 
Linken, Wird Freude dir winken; Sch.e 
zur Rechten, Da gibt es zu fechten“ u. 
ähnl. Fassungen (Bay. 59 ), Erzg. 60 ), 
Hess. 61 ), ob. Nahetal 62 ), öst. 63 ), Schles. 64 ), 
Schwz. 65 ), Vogtl., Umg. v. Weimar 66 ), 
Böhm 66a )). Das Entgegengesetzte 67 ) gilt 
weniger häufig (Braunschw. 68 ), Lau- 
enb. 69 ), Old. 70 ), Schles.) 71 ). 

b) Sch.e künden auch den Tod an, 
denn sie können „quad sehen“, d. h. sind 
geistersichtig (Ostfriesl.) 72 ). Wenn ein 
Sch. drei schwarze Lämmer gebiert, so 
muß jemand im Hause des Eigentümers 
sterben (Old.) 73 ). Als Vorzeichen einer 
baldigen Pestilenz wurde es ehedem 
im Emmental angesehen, wenn junge 
Sch.e vor der Zeit läufig wurden 74 ). 
Stoßen sie einander, so kommt Krieg 
oder Streit (Meckl.) 75 ) oder anderes 
Wetter (Dithm.) 76 ), springen sie auf 
der Weide viel und lebhaft, kommt 
Wind 77 ) (Meckl.) 78 ). Nehmen sie, wie 
von einem panischen Schrecken ergriffen, 
Reißaus, dann ist die ,,Paßjungfrau“ in 
der Nähe (Rogasen-Umg.) 79 ). — Der 
Traum von Sch.en bedeutet Unglück 
(Meckl.) 80 ). 

c) Eine nicht unwichtige Rolle spielt 
das Sch. im Heiratsorakel. Um zu 
erfahren, ob es im kommenden Jahre 
heiraten werde, geht (oder reitet) das 
Mädchen (auf einem Besen) in der 
Christnacht (Schwz.) 81 ) oder Mat¬ 
thiasmitternacht (Hess.) 82 ) zum Sch.- 
Stall und klopft dreimal an; je nachdem 
ein Widder, ein altes oder junges Schaf 
oder ein Lamm blockt, bekommt sie einen 
reichen, alten oder jungen Mann, oder 
ihr wird ein bitteres Schicksal (ledig 
bleiben oder ein außereheliches Kind) zu 


98a 

Teil. Ähnlich dem Sch. st allhorchen ist 
das Schafegreifen, das in der Christ- oder 
Silvesternacht oder zur Zeit der Lösl- 
nächte geübt wird; Kommt dem im 
finsteren Stall umhertappenden Mädchen 
auf den ersten Griff ein Widder in die 
Hände, so hofft sie, einen Mann im kom¬ 
menden Fasching zu erhalten, greift sie 
ein Sch., so bleibt sie noch ledig 83 ) 
(Ennstal, Gastein 84 ) Samland 85 ), 

Schles. 86 ), Belg. 87 )). Über Weissagung 
aus den Knochen des Sch.es s. o. 1. S, 
Hammel 2. 

47 ) Grimm Myth. 2, 944; Wuttke 128 § 174. 
48 ) Wuttke 201 § 272 = Mannhardt Germ. 
Myth. 173. 245. 397. 4Ö ) ZrhwVk. 1914, 

261. 50 ) Wuttke 201 § 272; Grimm Myth. 

3, 466 Nr. 882; Strackerjan Oldenburg 2, 142. 
51 ) Meyer Baden 515. 52 ) Strackerjan 

a. a. O. 53 ) Unoth 1, 186 Nr. 115. 54 ) Kuhn 
Westfalen 2, 59. 55 ) Drechsler Schlesien 2, 

117. 56 ) ZdVfVk. 11 (1901), 277. 57 ) John Erz - 
gebirge 75. 233. 58 ) Ebd. 233. 59 ) Pollinger 

Landshut 167. 60 ) John a. a. O. 61 ) Hess- 

Arch. 9, 88 . 62 ) ZrhwVk. 1905, 207. 63 ) Zfö- 

Vk. 13 (1907), 34. M ) Drechsler a. a. O. 65 > 
SAfVk. 7, 134. 66 ) Köhler Voigtland 387. 

66a ) MVerfGeschBö. 6 (1868), 208 (Saazer 

Kreis); Laube Teplitz 50. 67 ) Grimm Myth. 

2, 944; ZdVfVk. 4 (1894), 83; 10 (1900), 209. 
® 8 ) Andree Braunschweig 401. 6Ö ) Wuttke 201 
§ 272. 70 ) Ebd. = Strackerjan a. a. O. 1, 23. 

71 ) Urquell 3 (1892), 108; Peter Österr.-Schle¬ 
sien 2, 256.— Vgl. noch: Agrippa v. Nettes¬ 
heim 1, 254; Meier Schwaben Nr. 342; Leop- 
rechting Lechrain 88; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 3, 274; ZdVfVk. 25 (1915). 23; Dähn- 
hardt Volkstüml. 2, 88 Nr. 362; Kuhn Märk . 
Sagen 387 Nr. 96; Kuhn u. Schwartz 465 
Nr. 468. — Nach magyar. Glauben ist Angang, 
der Sch.e glückbringend, bes. f. Kranke u. 
Hochzeiten (Wlislocki Magyar. Volksgl. 74). 

72 ) Grimm Myth. 3, 476 Nr. m. 73 ) Wuttke- 

a. a. O. = Strackerjan a. a. O. 1, 23. 
74 ) SchwVk. 1, 19 = SAfVk. 6, 58. 75 ) Wuttke 
a. a. O. 76 ) ZdVfVk. 24 (1914), 61. 77 ) Ebd. <y 
(1899), 235. 78 ) Bartsch Mecklenburg 2, 

213. — Weiden die Sch. hastig, so ist nach 
magyar. Glauben Sturm u. Ungewitter zu 
erwarten (Wlislocki a.a. O.). 79 ) Rogasener 
Familienblatt 6 (1902), 27. 80 ) Bartsch a. a.O. 
2. 314. — Bei Magyaren bedeutet er Geld 
(Wislocki a. a. O.). 81 ) SAfVk. 8, 270; 12, 
43 (Literatur). 82 ) Wuttke 238 § 341 
— Mühlhause 62. 83 ) Wuttke 236 § 337. 

84 )Reiterer Ennstalerisch 99; GrimmM ytho - 
logie 3, 469 Nr. 952. 85 ) Hovorka- Kronfeld 
2, 173; Frischbier Hexenprozesse 163. 

84 ) Drechler Schlesien 1, 11. 87 ) Wolf Beitr. 
i, 122. 

4. In der Volksmedizin finden das 


981 

Sch. und seine Teile vielfach Verwen¬ 
dung "). Erkältung vergeht, wenn man 
dreimal ein Sch. in seinen Schuh hinein¬ 
riechen läßt (Braunschw.) 89 ). Wer den 
Nachtnebel hat, welche Krankheit man 
sich zuzieht, wenn man in die unter¬ 
gehende Sonne oder in den Vollmond 
sieht, der soll durch ein Sieb auf Sch.e 
schauen, wenn der Schäfer dieselben früh 
aus dem Sch.-Stalle treibt (tsch. Bö.) "). 
Dem Blute wird ganz außerordentliche 
Wirkung bei Fallsucht nachgesagt 9l ). 
„Verrufene“ Kinder müssen drei Tropfen 
Blut aus dem linken Ohre eines schwarzen 
Sch.es einnehmen (Preuß., Litt.) 92 ). 
Bei Schlag- oder Quetschwunden hilft 
ein frisch ausgezogenes aufgelegtes Sch.- 
Fell, das man einen Tag und eine Nacht 
liegen lassen muß e3 ). Die heilsame Wir¬ 
kung des Felles zeigt sich auch darin, 
daß man gegen böse Träume darauf 
schläft 94 ). — Sch.fett (Unschlitt) legt 
man auf gegen „riihe der neglen“ ö5 ), mit 
pulverisierter Hauswurz und Butter galt 
es als Mittel gegen den Kropf 96 ) (Tir.) 97 ), 
mit Rauten und Mehl gegen Geschwulst 98 ), 
mit Honig als heilsames Pflaster gegen 
geschwollene und offene Beine 99 ). Auch 
ist es gut gegen Druckschäden 10 °). — 
Die Galle heilt Krebs (Bö.) 101 ) (das 
„harte Geschwür“) und hilft gegen 
Epilepsie 102 ) und Hornhauttrübungen 1023 ). 
— Das Gehirn ist mit Honig ge¬ 
trunken ein vorzügliches Mittel gegen 
Zahnbeschwerden kleiner Kinder 103 ) und 
ein gutes Schlafmittel in bösen Krank¬ 
heiten 104 ). — Gegen das „Schwinden“ 
der Glieder (Schwindsucht) half ein Destil¬ 
lat aus zwei Lebern von schwarzen Käl¬ 
bern und drei Köpfen von schwarzen 
Sch.en 105 ). „So eyn gebärend weyb 
auffgeblasen ist (d. h. wenn sich die 
Gebärmutter mit Luft füllt: Peritonitis 
gravidae s. puerperae) sol man jr ein . . . 
Schaffläber in heißer äschen gäben, biss 
auff vier tage vnnd alten weyn ze trin- 
cken“ 106 ). Die Lunge wird aufgelegt 
gegen Fieberhitze 107 ) (bei Tobsucht) und 
auf schwer heilende Wunden 108 ). — Sehr 
häufig findet sich Sch.-Kot (Mist,-Lor¬ 
beeren) (Old.) 109 ) zur Heilung von Brand¬ 
wunden (Bö., Schles., Tir.) I10 ), Druck¬ 


schwellungen m ), Gelbsucht 112 ), Krebs¬ 
geschwüren 113 ) und Geschwüren an den 
Brüsten, der Frauen 114 ); er vertreibt, 
bei Frauen auf die Brüste (bei Tieren auf 
das Euter) gelegt, doch so, daß die 
Brustwarzen frei bleiben(P), die Milch, 
ohne daß böse Folgen entstehen 115 ). Saft 
aus Sch.-Lorbeeren gilt für schwei߬ 
treibend 116 ) und als Abführmittel für 
Kinder (Oberpf.) 117 ), ein an schwarzen 
Blattern Erkrankter wurde dadurch, daß 
man ihn bis zum Halse in Sch.lorbeeren 
eingrub, gesund 118 ). Auch helfen sie 
gegen die Pest 119 ). — Wenn man einen 
gewissen Sch.knochen stets bei sich trägt, 
soll man keine Gliedsucht bekommen 
(Schwz.) 12 °). Ein Kind, das an Mast¬ 
darmvorfall leidet, setze man mit dem 
nackten Gesäß auf ein neues gewärmtes 
eichenes Brett, welches mit Sch.mark dick 
bestrichen ist 121 ). — (Schuß-)Wunden 
heilt man durch Auflegen von weißer 
Sch.wolle nebst Baumwolle und Schwe¬ 
fel 122 ); ungewaschene Wolle wird gegen 
Gicht, Gliedersucht, Rheumatismus und 
Kartarrhe verwendet 123 ). Das ist nicht 
ganz Aberglaube, da dem in der Wolle 
enthaltenem wasserhaltigen Wollfett (La¬ 
nolin), das schon beim Waschen der Wolle 
gewonnen wird, dem sog. „Wollschweiß“, 
den bereits die Griechen benützten und 
Oesypus nannten, ein Teil der Heil¬ 
wirkung zugeschrieben werden muß 124 ) 
(s. Hammel 3, Lamm 6, Widder 4). 

88 ) Wuttke 128 § 174 = ZdVfVk. 8, 45 f. 
89 ) Andree Braunschweig 421. 90 ) Wuttke 

35 ° § 524 = Grohmann 174 = Casopis 1854,. 
S. 534. 91 ) Jühling Tiere 154; Hovorka u. 

Kronfeld 2, 210. 92 ) Jühling a. a. O. 158; 
Hovorka u. Kronfeld 1,80. — In Bosnien 
trinkt man das Herzblut eines Hammels gegen 
Fieber (Höf ler Organotherapie 246). 93 ) Jüh¬ 
ling a. a. O. 154. 94 ) Mannhardt Germ. 

Mythen 103. — In Spanien (Pampeluna) be¬ 
festigen die Frauen den Kindern auf den 
Schultern Hautstücke von einem Sch. gegen 
das Beschreien (Seligmann Blick 2, 121). 
95 ) J üh ling a. a. O. 96 ) Ebd. 157. 97 ) ZdVfVk. 
8(1898), 44. 98 ) J ühlin g a. a. O. 158. 99 ) Ebd. 
157. 10 °) Ebd. 155. 101 ) Hovorka u. Kron¬ 

feld 2, 402; Urban Heilkunde Westböhmens 
74; Schmidt Mieser Kräuterbuch 60. 102 ) H ö f- 
ler Organoth. 208 = Jühling a. a. O. 158.— 
Die Verwendung der Galle, des Gehirns, der 
Leber, Lunge und teilw. der Wolle des Sch.s 
ist ohne Zweifel aus der antiken Medizin 


983 


Schaf 


984 


(Hippokrates, bes. Plinius u. a.) übernommen. 
Vgl. Höfler Organotherapie 89. 91. 170 ff. 

207 ff. 273 f. (s. Lamm, Widder). 102a ) Höfler 
Volksmedizin 163. 103 ) Höfler a. a. O. 

go = Jühling 154. 104 ) Höfler a. a. O. — In 
Irland geschätzt gegen Ruhr (Höfler a. a. O. 
91)- 105 ) Höfler Organoth. 90. 106 ) Jühling 

а. a. O. 254 f. 107 ) Höfler a. a. O. 274 — Jüh¬ 

ling a. a. O. 46. 155 f.; Hovorka u. Kron- 
feld 2, 234. 108 ) Jühling Tiere 156. 109 ) Strak- 
kerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 372. uo ) Jühling 
Tiere 157; ZdVfVk. 8, 44; ZföVk. 4 {1898), 218; 
Urban a. a. O. 75; Drechsler 2, 291. 
in ) Jühling a. a. O. 155. 112 ) Ebd. 113 ) Ebd. 
I 55 - i 57 - 1U ) Ebd. 155. 156. 157. 115 ) Ebd. 

156; Zahler Simmenthal 82. 116 ) Jühling 

a. a. O. 158. 117 ) Ebd. 158 = Schönwerth 

Oberpfalz 3, 270; vgl. Fogel Pennsylvania 271 
Nr. 1412. 118 ) Jühling Tiere 158. 119 ) Schultz 
Alltagsleben 242. 12 °) SAfVk. 21 (1917), 40. 

121 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 139. 122 ) Jüh¬ 
ling a. a. O. 155. 123 ) Hovorka u. Kronfeld 
2, 278. 124 ) Jühling a. a. O. 158. —■ Die Wolle 
(vom Kopfe des Sch.s) vertritt im Opferritus 
des Altertums den ganzen Kopf; im Volks¬ 
medizin. Brauche vertreibt sie das Fieber (die 
Fieberdämonen) (Höfler Organotherapie 89). 

5. Von sonstigem Aberglauben 
wäre zu erwähnen, daß die Sch.e be¬ 
sonders fett werden, wenn sie des nach¬ 
mittags trübes Wasser trinken 125 ); daß 
sie, wenn bei Nordwind befruchtet, männ¬ 
liche Junge, bei Südwind dagegen weib¬ 
liche werfen; daß die Lämmer weiß, 
schwarz oder scheckig werden, je nach¬ 
dem die Adern unter der Zunge des Sch.es 
weiß, schwarz oder rot sind 126 ), und daß 
man nicht die (eingeschnittene Eigen¬ 
tums-) Marke an den Ohren der Sch.skÖpfe 

essen soll, weil man davon ein Sch.dieb 
wird 127 ). 

125 ) Megenberg Buch der Natur 127. 
126 ) Ebd. 128. 127 ) ZdVfVk. 8 (1898), 157. 

б. Sagen von gespenstigen Sch.en 

sind in der volkstümlichen Überlieferung 
nur in einzelnen deutschen Gegenden j 
zahlreicher, so in der Schweiz, im Vogt¬ 
land, in Sachsen, Schwaben und in 
Oldenburg, wo der Glaube herrscht, daß 
der Teufel als Sch.bock 128 ) erscheint. 
Bald sind sie schwarz (Schwz. 129 ), f 

Vogtl. 130 )), bald weiß (Sachs., Vogtl.) 131 ) 
und grau 132 ), manchmal ohne Kopf 

(Old.) 133 ) oder sechsfüßig (Vogtl.) 134 ), 

bald erscheinen sie allein (Schwz. 135 ), ! 

Vogtl., Thür. 136 )), bald in ganzen Herden 
(Schwa. 137 ), Bö., Schles. 138 )), manchmal 


; von einem umgehenden Schäfer geführt 
; (Vgtl. 139 ), Schwa. 137 ), Schwz.), fallen die 
Leute an, springen ihnen auf den Rücken 
usw. Besonders oft haben die sog. „Dorf- 
■ tiere" (s. d.) die Gestalt von (grauen) 

; Sch.en 140 ), in ihrer Gestalt gehen auch 
! verwünschte Seelen um (Oberpf. 141 ), Ka- 
schubei 142 ), Berg. Gebiet 143 )). Als 
weißes (Vogtl., Sachs. 144 )) oder drei- 
! beiniges Sch. (Oberpf.) 145 ) erscheint die 
Unheil oder Tod verkündende Winsel- 
! oder Klagemutter (s. d). Manchmal 
i werden auch Menschen durch Hexenwerk 
j 111 Sch.e verwandelt (Mähren) 146 ). Daß 
i das Sch. nicht so häufig als Gespenster- 
I tier vorkommt, ist jedenfalls auf den 
Einfluß des Christentums zurückzuführen 
(Osterlamm!). Eine Bestätigung dafür 
bietet der Glaube der Kaschuben, nach 
dem der Teufel die Gestalt des Sch.es 
nicht annehmen kann 142 ), ferner die 
Schweizer Sage, die erzählt, daß ein 
Sch., das man taufte, sich in ein Un¬ 
getüm verwandelte 147 ). Eine Sage er¬ 
zählt, warum das Sch. den Schwanz 
niederhängen läßt 148 ), von den goldenen 
Sch.en der Heimchen erzählt man im 
Vogtland 149 ). Sch.skot ist ein verwunsche¬ 
ner Schatz (Old.) 150 ) (s. Hammel 4, 
Lamm 3. 8, Widder 5). 

128 ) Strackerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 372. 
129 ) SchwVk. 5, 23 f. 130 ) Eisei Voigtland 124 
Nr. 320 1 . 13 i) Wuttke 53 § 59 == Köhler 

Voigtland 525; Meiche Sagenbuch 30 Nr. 46. 
132 ) Mannhardt Germ. Mythen 490. Auch 
in dän. Sagen (ebd.). 1 33 ) Strackerjan a. a. O. 

1, 295. 134 ) Eisei a. a. 0 .124 Nr. 320 2 . 135 ) Roch- 
holz Naturmythen 90 Nr. 22. 136 ) Eisei a. a. O. 
Anm. 1; Köhler Voigtland 526. l37 ) Birlinger 
Volkst. i, 16 f.; Variante bei Meier Schwaben 
95 - 138 ) Kühnau Sagen 1, 377. 139 ) Eisei 

a. a. O. 76 Nr. 192. 140 ) Mannhardt a. a. O. 

141 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 144. 142 ) See- 

fried-Gulgowski Kaschübei 181. 143 ) Schell 
Bergische Sagen 162 Nr. 57. 144 ) Eisei a. a. O. 
I2 4 Nr. 319 (Anm. 3 u. 4); Meiche a. a. O. 

47 ^ r - 38. 49 Nr. 42. 145 ) Schönwerth a. a. O. 

L 268. Auch die Sch.e der dänischen Sagen 
sind Todesvorzeichen und zeigen den Zusammen¬ 
hang der deutschen Dorftiere mit Folgegeistern 
(Mannhardt Germ. Mythen 490). 146 ) Ver- 

naleken Mythen 150. — Nach engl. Volksgl. 
verwandeln sich Hexen selbst in schwarze 
Sch.e; schießt man auf sie mit einem silbernen 
Sixpennystück, so müssen sie ihre wahre Ge¬ 
stalt annehmen (Frazer 10, 316). 147 ) Kohl¬ 
rusch Sagen 205; Kuoni St. Galler Sagen 


985 


Schaf bock -- Schäfflertanz 


986 


171 f. 1«) ZdVfVk. 16 (1906), 371. — Diese 
Christi. Sage findet sich auch in Westirland, 
Rumänien, auf einigen griech. Inseln des östl. 
Mittelmeeres, in Kleinasien und bei den 
Ägyptern (Ebd. Literatur). 149 ) Eisei a. a. O. 
101 Nr. 260. 150 ) Strackerjan Oldenburg 2, 
142 Nr. 372. 

Vgl. noch Hammel, Lamm, Widder. 

Herold. 

Schafbock (Gebäck) s. 3, 321 ff. 

Schäfer s. Nachtrag. 

Schäferlauf, -Sprung. Wettläufe der an | 
manchen Orten zunftmäßig vereinigten 1 ) 
Schafhirten (der Meistersöhne und -töch- 
ter) fanden im Sommer und Herbst 
statt 2 ), in Urach am St. Annentage (26. 
Juli) 3 ), in Bretten am Lorenztage (10. 
August) 4 ), in Wildberg am 22. Sep¬ 
tember 5 ). In Markgröningen ist alle 
zwei Jahre zu Bartholomäi Sch. Mädchen 
und Burschen laufen da barfuß über ein 
Stoppelfeld. Der Preis ist gewöhnlich 
für die Burschen ein Hammel, für die 
Mädchen ein Schaf 6 ). Die Sch.e ge¬ 
hören zu den Erntefestlichkeiten. Sie 
sind wohl darin begründet, daß mit 
vollendeter Ernte die Weide auf den 
Stoppelfeldern frei wird 7 ). Mannhardt 
sieht in dem Brauche einen Wettlauf 
nach dem „entweichenden Getreide¬ 
tier“ 8 ). S. Schäfertanz. 

l ) Sartori Sitte 2, 147. 2 ) ZfVk. 3, 11 f. 

3 ) Meier Schwaben 2, 434 f. 4 ) Meyer Baden ! 
189; Birlinger A. Schwaben 2, 210 f. 5 ) Ebd. 

2, 212 f. 6 ) Meier Schwaben 2, 437; Reins¬ 
berg Festjahr 300 ff. Eine Schilderung aus 
neuester Zeit: Kölnische Zeitung v. 3. Sept. 
1930. 7 ) ZfVk. 3, 12. 8 ) Mannhardt 1, 39 &f.; 
Ders. Forschungen 170 f. 174. Sartori. 

Schäfertanz. j 

1. Nach dem Schäferlaufe (s. d.) halten 
die Schäfer in Markgröningen einen Tanz 
ab x ). In Stadt Ilm fand bis zum Jahre 
1800 ein mehrtägiges Fest für die Schäfer 
der Umgegend um Margaretentag (13. 
Juli) statt. Sie tanzten um einen Fichten¬ 
baum, nachdem sie dem Amtmann einen 
Widder mit vergoldeten Hörnern über- | 
reicht hatten. Voraus ging ein von dem 
ältesten Schäfer geführter Tanz in selt¬ 
samen Schlangen Windungen. Dieser wurde 
am Schlüsse des Festes noch einmal 
wiederholt, und die Tänzer hieben die 
Fichte und die sonstigen Maien zu¬ 
sammen. Einer sprang hinzu und brach 


den geschmückten Wipfel ab. Nach 
diesem wurde dann um die Wette ge¬ 
laufen 2 ). In Rotenburg a. T. hielten 
die Schäfer von ganz Franken am Dienstag 
nach Bartholomäi einen Tanz um den 
Brunnen auf dem Markte, während eine 
mitgebrachte Gans enthauptet wurde 3 ). 
Auch in Gera war zu Bartholomäi ein 
Sch. mit einem geputzten Hammel 4 ). 

1 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 211 f.; Ders. 
Volkst. 2, 280 f. 2 ) Witzschel Thüringen 2, 
318 ff.; Kück u. Sohnrey 210 f. 3 ) Schöpp- 
ner Sagen 2, 356. 4 ) Köhler Voigtland 217 f. 

2. Als Sch. werden auch gewisse Volks¬ 
tänze bezeichnet, die bei Hochzeiten und 
sonstigen Festlichkeiten, mit lebhafter 
Handlung verbunden, zur Aufführung 
kommen. So wird die Schafschur panto¬ 
mimisch dargestellt 5 ). Ein Mädchen 
(Schaf) wird an die Burschen (Böcke) 
verkauft 6 ). In Dassel wird Ostern auf 
dem Ziegenanger ein Schäferreigen ge¬ 
tanzt, über dessen Herkunft man eine 
Sage erzählt 7 ). Verbreiteter ist eine 
mit Gesang verbundene Handlung zwi¬ 
schen Edelmann, Schäfer und Hund 8 ). 

6 ) HessBl. 26 (1927). 73 - 6 ) Seefried - Gul- 
gowski 113 f. 7 ) Kuhn Westfalen 2, 148 t. 
8 ) Hüser Beiträge 2,37 f.; Nds. 6,186 f. (Celle); 
n, 184 (Mecklenburg); Stahl Niederdeutsche 
Volkstänze 31. Sartori. 

Schäfflertanz. Alle 7 Jahre in der 
Woche nach Fastnacht und in der hast¬ 
nacht selbst wird in München von den 
Küfern der Sch. aufgeführt, nachweislich 
seit 1463. Die Teilnehmer, die eine 
besondere Kleidung tragen, drehen unter 
einem hüpfenden Tanze, allerlei Gänge 
und Lauben bildend, mit Buchs und 
Bändern gezierte Reifen. Ein Spa߬ 
macher ist dabei, der scheinbar von 
einem ausgestopften alten Weibe (Gredl) 
in einer Bütte auf dem Rücken getragen 
wird ü. Der Brauch wird mit einer Pest 
und der Tötung eines Lindwurms zu¬ 
sammengebracht 2 ). Vielleicht geht er 
auf alte Frühlingskulte zurück, die sich 
mit Zunftbräuchen verbunden haben 3 ). 
Solche Büttnertänze finden auch an 
vielen anderen Orten statt 4 ). S. Küfer. 

i) Panzer Beitrag 1, 230 lf.; Sepp Religion 
85 ff.; Reinsberg Festjahr 69 Fehrle 
Volksfeste 45 f.; Bayerischer Heimatschutz 19 
(1921), 20 ff. Vgl. Liebrecht Gervasius 193- 



98 7 


Schaf garbe 


Schaf läuse—Schalensteine 


990 


210 f. Über die Melodie: ZfVk. 12 (1902), 104. 
215. 2) Panzer 1, 232. 359. 3) Fehrle Volks¬ 

feste 46; Bayerischer Heimatschutz 19, 20. 
4 ) Sepp Religion 87f.; Wirth Anhalt 216; 
Meschke Schwerttanz 19; MitteldBlfVk. 7 
( I 93 2 )» ii- In Ostpreußen führen die Mädchen 
-zu Fastnacht Bügeltänze zum Gedeihen des 
Flachses auf; Lemke Ostpreußen 1, 8 ff.; vgl. 
Sartori Sitte 3, m A. 87. Bügeltänzer in 
Westfalen: ZfrwVk. 3, 217. Sartori. 

Schafgarbe (Achillea millefolium). 

1. Botanisches. Korbblütler mit 
kleinen, in einer Trugdolde stehenden 
Blütenköpfchen und doppelt-fiederteiligen 
Blättern. Die Strahlenblüten sind meist 
weiß, manchmal auch rötlich (s. unter 3). 
Die Sch. ist bei uns überall auf Wiesen, 
an Rainen, Wegrändern usw. häufig. In 
der Volksmedizin wird sie vielfach gegen 
Magenschmerzen, Blutungen, Frauen¬ 
krankheiten verwendet x ). 

*) Marzeil Kräuterhuch 247 f.; Heilpflanzen 

2 °5 212; Tschirch Handb. der Pharma¬ 

kognosie 2 (1912), 994 f. 

2. Der Sch. werden wohl wegen ihrer 
(vermeintlichen) großen Heilkraft auch 
sonst besondere Wirkungen zugeschiieben. 
Mancherorts, z. B. im Allgäu 2 ), ist sie 
ein Bestandteil des an Maria Himmel¬ 
fahrt geweihten Krautbüschels („d'San- 
ge“), daher auch „Zangeblume“, „-kraut“ 
(s. Kräuterweihe). In der Pfalz hängt 
man in den protestantischen Gegenden 
statt des Wurzwischs ein Bündel Sch. 
an Stall und Scheuer zur Abwehr der 
Blitzgefahr 3 ). In der Oberpfalz 4 ), ferner 
in der Gironde 5 ) schützt sie vor bösem 
Zauber. Bei den Slowenen verleiht die Sch. 
Zauberkräfte 6 ). Nach einem alten „Zauber¬ 
buch“ („Von Landgrafen zu Hessen“) 
kann man durch das „Sanct Margarethen¬ 
kraut“ (= Sch.) gutes Glück zum Spielen 
haben: „Nim Sanct Margarethenkraut, 
da findet man es, 8 Tage vor und 8 Tage 
nach Margarethen. In der Wurzel 
deßelbigen Krautes findet man rothe 
Würmer, nim derselben 3 Stück, und 
trage sie bei dir auf der rechten Seiten, 
in einen säubern Tüchlein, in einen 
Beutel, so hast du Glück und ist solches 
Probat. Dieses Kraut muß in zunehmen¬ 
den Mond gegraben — wo dann die 
rothen Würmer gefunden werden“ 7 ). 
Vielleicht handelt es sich hier um die 


988 

Larven einer Gailmücke (Rhopalomyia 
millefolii), die am Wurzelhals der Sch. 
eiförmige Anschwellungen hervorbringt 8 ), 
vgl. auch Knäuel (4,1566). Die Angabe, daß 
die Sch. besonders an jenen Stellen wachse, 
wo man am Weihnachtstage das Tisch¬ 
tuch ausschüttet 9 ), beruht wohl auf 
einer Verwechslung mit dem verwandten 
Mutterkraut (6, 702). 

2 ) Reiser Allgäu 2, 156. 3 ) Becker Pfalz 

33°- 4 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 220. 5 ) Sebil- 
lot Folk-Lore 3, 483, vgl. Rolland Flore pop. 
7, 46. 6 ) ZföVk. 4, 152. 7 ) Egerl. 3, 22 = John 
Westböhmen 227. 314. ») Roß Pflanzengallen 

1911. 8b. •) Perger Pflanzensagen 133. 

3. In der sympathetischen Me¬ 
dizin wird die Sch. oft genannt. Sie 
hilft gegen fast alle Krankheiten, nur 
muß sie zwischen n und 1 Uhr gesammelt 
werden 10 ). Als hochgeschätzte Heil¬ 
pflanze darf sie auch in der Gründonners¬ 
tagsuppe nicht fehlen n ). In früheren 
Zeiten hing man (z. B. in Thüringen) 
Sch.nkränze in den Häusern als Pest¬ 
schutz auf 12 ). Gegen Fieber bricht man 
im Saargebiet neun Sprossen der Sch. 
ab, zerschneidet sie und gibt sie dem 
Fiebernden in einem Löffel voll Suppe zu 
trinken, am 2. Tag verfährt man genau 
so mit acht Sprossen usw. Am 9. Tag 
soll dann das Fieber vergangen sein 13 ). 
Wenn die Sch. hin und wieder (z. B. in 
Bayern) gegen Rückenschmerzen und 
Kreuzweh verwendet wird, so beruht 
dies vielleicht darauf, daß die Blätter 
der Sch. entfernte Ähnlichkeit mit dem 
Rückgrat haben, vgl. auch den öster¬ 
reichischen Volksnamen „Herrgotts 
Ruckenkraut“ 14 ). Ist einem Stück Vieh 
ins Auge geschlagen oder gestoßen, so 
daß man fürchten muß, es könne das 
Auge verlieren, so wendet man dieses 
Unglück durch folgenden Zauberspruch 
ab: „Es gingen drei Brüder frisch aus. 
Es begegnete ihnen der liebe Herr Jesus 
Christ und fragt sie: Was suchet ihr? 
Wir suchen das Kraut, das vor allem 
Schaden gut ist. Gehet hin auf den 
Mosisberg, nehmet das öl von den Blumen 
der Wollen- [Wollkraut, Verbascum ?] und 
Sch.n, drückt darauf und drein, daß 
nichts beschwört noch begehrt [— eiter- 
gärig wird, vgl. Höfler, Krankheitsnamen 


989 

177], daß es keinen Eiter mehr giebt. 
Im Namen usw.“. Diese Besprechung 
wird dreimal hintereinander vor Sonnen¬ 
aufgang wiederholt (Neudorf bei Grau- 
■denz) 15 ). Gegen Wechselfieber legt man 
einen kleinen Beutel mit Sch. auf die 
Herzgrube und die Füße 16 ). Dem 
Glauben an die schlafmachende Wirkung 
der Sch., von dem auch die hl. Hilde¬ 
gard 17 ) spricht, liegen vielleicht anti¬ 
dämonische Anschauungen zugrunde. In 
der deutschen Volksmedizin ist dieser 
Glaube nicht nachzuweisen 18 ). Im 
Bayerisch-Österreichischen heißt es viel¬ 
fach, daß die weißblühende Sch. für die 
Weiber, die rotblühende dagegen (s. 
unter 1) für die Männer gehöre 19 ), im 
Böhmerwald glaubt man jedoch das 
Umgekehrte 20 ). In Tirol dient der Tee 
von den roten Blüten bei Ausbleiben 
der Menstruation, der von den weißen 
Blüten gegen Magenbeschwerden 21 ). In 
manchen Gegenden stecken die Kinder 
die Fiederblättchen der Sch. in die Nase, 
um „künstlich“ Nasenbluten hervorzu¬ 
rufen. In England dient dieses Nasen¬ 
bluten als Liebesorakel 22 ). 

10 ) D. Kuhländchen 10 (1928), 10. n ) Drechs¬ 
ler Schlesien 2, 209. ia ) Wolff Scrut. amul. 
-medic. 368, vgl. Montanus Volksfeste 144; 
Schönwerth Oberpfalz 3, 20. 13 ) Schneider 
Heilmittel u. Heilbräuche im Saar gebiet 1924, 
31. 14 ) Mar zell Heilpflanzen 209 f. l5 ) Frisch¬ 
bier Hexenspruch 34. 16 ) Wirth Beiträge 

6/7, 28. 17 ) Causae et curae. Ed. Kaiser 1903, 

184. 18 ) Marzeil Heilpflanzen 211 f. 19 ) Mar- 
zell Bayer. Volksbotanik 156. 20 ) DbotMon. 

17 {1899), 75. 21 ) Tiroler Heimatbl. 3 (1925), 
H. 8/9, 24. 22) Marzell Schafgarbe- Nasen- 

bluten-Liebesorakcl in: ZfVk. 30/32, 69—-71; 
im Samtal läßt ein Kranz aus „Gochal“ (= Sch.) 
in der Johannisnacht den „Zukünftigen'* im 
Traume sehen: Hör mann Volksleben 115. 

4. Von den alpinen Sch.n wird be¬ 
sonders im Volk die weiße Sch. (A. 
Clavenae) geschätzt, die als „Abraute“, 
„Hobrat“ (s. auch Eberreis 2, 527) die 
bösen Geister vertreiben soll 23 ). Auf 
dem Ötscher (Niederösterreich) ist sie 
ein Bestandteil der täglichen „Maul¬ 
gabe“ des Viehes 24 ). In Kärnten zählt 
sie zu den an Maria Himmelfahrt (15. Aug.) 
geweihten Kräutern 25 ). Das gleiche gilt im 
Suldental von der verwandten Moschus- 
Sch. (A.moschata) 26 ). S. auch Sumpfgarbe. 


23 ) Unger u. Khull Steir. Wortschatz 8. 
24 ) Höfer u. Kronfeld Volksnam. d. nieder- 
österr. Pflanzen 1889, 63. 25 ) Dalla Torre 

Alpen fl. im Wissensschatze d. deutsch. Alpen¬ 
bewohner 1905, 12. 2< ) Andree-Eysn Volks¬ 
kundliches 102. Marzell. 

Schafläuse (Schafzecken) werden 
gegen Epilepsie (Braunschw.) x ) und, 
dem Kranken ohne sein Wissen gewöhn¬ 
lich in gekochten Zwetschken gegeben, 
gegen Gelbsucht verwendet (Lippe) 2 ); 
drei Stück auf die drei Essenszeiten in 
je einem Stückchen Brot gegessen helfen 
gegen Leberkrankheit (Württ.) 3 ). — 

Wenn sich die Sch.zecke in den Nacken 
einbeißt, wächst der Hanf hoch; je tiefer, 
desto niedriger wächst er 4 ). — Von ge¬ 
wissen, dem Ricinus (Schaflaus, gern. 
Zecke, Holzbock) ähnlichen Käfern wird 
Erde aufgeworfen, die man 3 Tage lang 
auf Kropf und gichtkranke Teile legte; 
man blieb dann ein ganzes Jahr vom 
Übel verschont 5 ). In Würzburg wiederum 
gab man 7—9 Würmchen aus der Schaf- 
kunze (Larve der Rosengallwespe: rho- 
dites rosae) in Rotwein unter gewissen 
Sprüchen gegen Fallsucht 6 ). 

*) Andree Braunschweig 423. a ) ZrhwVk. 
1907, 230. 3 ) Höhn Volksheilkunde 1, 106. 

4 ) Urquell 4 (1893), 89. 5 ) Hovorka u. Kron¬ 
feld 2, 14. ®) Ebd. 2, 215; Lammert 273. 

Herold. 

Schaflorbeeren s. Hammel 3, Schaf 4. 

Schafwolke s. Wolke. 

Schalensteine , Näpfchensteine. Seit 
geraumer Zeit haben die Archäologen ge¬ 
wissen Steindenkmälem ihre Aufmerk¬ 
samkeit zugewandt, die nach der Form 
der auf ihnen vorkommenden Zeich¬ 
nungen und Vertiefungen Sch.- oder 
Näpfchensteine genannt werden. In Schles¬ 
wig-Holstein vergleicht der Volksmund 
diese Vertiefungen mit einem Uhrglas; 
in Dänemark nennt man die Steine nach 
den Vertiefungen in einem Festgebäck 
aebleskivestene (Aepfelscheibensteine). 
Die Sch. sind verbreitet durch ganz 
Europa und sind auch in Asien und 
Nordamerika nachgewiesen. Zahlreich 
finden sie sich in Nord- und Westeuropa 
in den von Germanen in der Urzeit be¬ 
wohnten Gebieten. Die roh eingegrabenen 
Zeichnungen kommen nicht nur auf 


991 


Schall—Schallmei 


992 


freiliegenden einzelnen Steinen (errati¬ 
schen Blöcken), sondern auch auf an¬ 
stehenden Felsen vor. Auf skandinavi¬ 
schen Felsen sind mit den Schälchen 
figürliche Darstellungen untermischt. 
Wenn auch manche dieser Vertiefungen 
natürlichen Ursachen ihre Entstehung 
verdanken mögen, z. B. dem Wasser, das 
die weichen Teile auswusch, so weisen 
doch in den meisten Fällen bestimmte 
Merkmale, verbindende Linien, unter¬ 
mischte andere Zeichen darauf hin, daß 
eine künstliche Bearbeitung vorliegt. Ihre 
Bedeutung ist trotz mannigfacher Deu¬ 
tungsversuche noch nicht sicher bestimmt, 
doch wird man, solange keine bessere 
Erklärung sich findet, an einer religiösen 
Bedeutung der Näpfchensteine festhalten 
müssen, zumal oft das Radzeichen, das 
Sinnbild des Sonnenkultus der Germanen, 
mit den Näpfchen vermengt ist x ). Wo, 
wie in Schleswig, die Näpfchensteine in 
prähistorischen Grabhügeln oder als Grab¬ 
decksteine Vorkommen, ist wohl, wie 
Mestorf nachzuweisen versuchte, ihre Be¬ 
ziehung auf den Totenkultus (Opfermahl 
bei den Begräbnisfeiern) kaum anzu¬ 
zweifeln 2 ). Der Volksaberglaube ver¬ 
bindet mit den Näpfchensteinen mythi¬ 
sche Vorstellungen, die sich in volks¬ 
tümlichen Benennungen widerspiegeln. 
So heißen sie in Schweden elfstenar 
(Elfensteine), elfquarnar (Elfenmühlen), 
und man glaubt, daß unter ihnen Elben 
wohnten und sich der Grübchen be¬ 
dienten, um ihr Mehl darin auszumahlen. 
Noch heutigen Tages wird in Schweden 
auf den Elbensteinen geopfert, indem 
man die Schälchen mit Fett salbt und 
irgendeine kleine Gabe (Nadel, Münze, 
Bändchen, Blumen) hineinlegt. Man tut 
das, um sich vor der Rache der unter 
den Steinen hausenden sehr empfind¬ 
lichen ,,Kleinen“ zu schützen, aber auch 
um bei Krankheiten (hauptsächlich Fieber, 
Hautkrankheiten) Heilung von ihnen zu 
erbitten. An Orten, wo kein Sch. in der 
Nähe bekannt ist, schleift man an den 
Mauern von Kirchen kleine Höhlungen 
aus; in den so ausgegrabenen Näpfchen 
an der Marienkirche in Greifswald fanden 
sich Spuren, daß Fett in sie gerieben 


wurde; das Fieber wurde in sie von 
Kranken ,.hineingepustet“. Die Näpfchen 
an einer Kapelle in Kanton Wallis werden 
immer tiefer hineingeschliffen, weil das 
herausgeriebene Ziegelmehl Kranken als 
Medizin gereicht wird 3 ). Von dem 
Näpfchenstein bei Göhren, dem sog. 
Buskahm (slav. Gottesstein), geht die 
Sage, die Seejungfern hielten auf ihm in 
der Johannisnacht Reigentänze ab; wenn 
heute eine Hochzeit gefeiert wird, be¬ 
geben sich alle Hochzeitsgäste zu dem 
Steine und führen auf seiner Platte einen 
Reigentanz auf. Nach dem Näpfchen¬ 
stein zwischen Schönebeck und Trampke 
sollen Riesen vom Sivalinsberge her Kegel 
geschoben haben 4 ) (wahrscheinlich ein 
Erklärungsversuch, wie die runden Ver¬ 
tiefungen in dem Steine entstanden sind). 
Einer der gewaltigsten und schönsten 
Sch. ist der von St. Luc, in dem sich 
360 kreisrunde Löcher befinden. Der 
Volksmund sagt, Feen hätten ihn aus 
Rache nachts auf St. Luc herabrollen 
wollen, sie hätten aber nicht vermocht 
ihn von der Stelle zu bringen, sie hackten 
ihre Absätze mit solcher Kraft hinein, 
daß die Abdrücke zurückblieben, und 
stemmten ihre Hüften so an, daß die 
Spuren davon an dem Steine haften 
blieben 5 ). 

*) Helm Religgesch. 1, 231 u. 173 f.; Hoops 
Reallex. 4, 90; Mestorf in MittanthrVer. Schles¬ 
wig-Holstein (1888) 7, 23. — Ältere Literatur 
bei Zedier 23, 1407 s. v. Näpfchenstein. 

2 ) Mestorf a. O. 7. 27 (25); 3, 24; 8, 16- 

(Zfschlesholst.lauenbGesch. 14, 339 — 344). 

3 ) eb. 7, 23t.; Rtitimeyer Urethnographie 
368 ff. *) Jahn Pommern 168 Nr. 213; Haas- 
Rügen 71 u. Mönchgut (Progr. Stettin 1905), 

*3 u - I 3 3 - 5 ) Jegerlehner Unterwallis 181 

Nr. 22 (vgl. Oberwallis 307 zu Nr. 22). 

Abbildungen bei Helm a. O.; Mestorf 3, 18 
u - 7 * 25 f. Olbrich f. 

Schall s. Glocke. 

Schalmei. Die griechischen auXot (lat.:: 
tibiae) waren, wie genaue Untersuchungen 
erhaltener Exemplare und der Aussagen 
antiker Autoren ergaben *), Doppelrohr- 
blatt-Instrumente 2 ); die auch heute noch 
übliche Gleichsetzung mit „Flöten“ ist 
daher irreführend 3 ). Es wurden diese 
antiken S.en vielfach zu religiösen Hand¬ 
lungen herangezogen, so vor allem beim 


i 


993 


Schalmei 



Dionysos- 4 ), Kybele- 5 ) und Korybanten¬ 
kult 6 ) zwecks Herbeiführung ekstatischer 
Zustände; sie erklangen auch bei Opfer¬ 
handlungen 7 ) und Begräbnisfeiern 8 ), wo 
sie mit ihrem scharfen, durchdringenden 
Ton offenbar apotropäischen Zwecken 
dienten 9 ). Auch anderweitige bezaubernde 
Wirkung schrieb die Antike der S.musik 
zu; diesbezügliche Anekdoten und Er¬ 
zählungen wurden bis in die Neuzeit 
herein von Autor zu Autor überliefert 10 ). 
Die Instrumente selbst fanden freilich 
mit dem Ausgang der Antike den Weg 
nicht zu den Nachfolgestaaten, sondern 
hielten sich nur in Ostrom, und so bezog 
auch Deutschland die S. erst im Hoch¬ 
mittelalter als ein fremdes Kulturgut, das 
letzten Endes aus Arabien stammte. Es 
bedurfte allerdings noch vieler Ver¬ 
besserungen, bis aus dem mittelalter- ; 
liehen Instrumente unsere heutige klang- | 
schöne Oboenfamilie entstand 11 ). Ver¬ 
gessen sei aber nicht, daß daneben heu¬ 
tigen Tages noch die Knaben zur Maien¬ 
zeit auf eine recht urtümliche Weise sich 
„Schulmeien“ anfertigen, auf denen sich 
zwar keine Melodie blasen, aber tüchtig 
lärmen läßt 12 ). 

Eine abergläubische Verwendung findet 
die S. bei uns gerade in ihrer Eigenschaft 
als Lärminstrument: wenn es gilt, am 
Walpurgisabend die Hexen auszutreiben, 
so werden zu diesem Zwecke S.en aus 
dicken Weidenstämmchen hergestellt, um 
damit vor den verdächtigen Häusern zu 
blasen 13 ), oder es mischt sich das S.tuten 
in den übrigen Spektakel, den man am 
30. April zum „Hexenauspatschen“ ver¬ 
anstaltet 14 ). 

Doch glaubt man auch, daß den Hexen 
bei ihren Gelagen von S.bläsern auf¬ 
gespielt werde 15 ); fehlt doch hinsichtlich 
dieses Aberglaubens kaum irgend ein ge¬ 
bräuchliches Instrument. Einst fliegen 
Hirten mit zum Brocken und fallen mit 
ihren S.en in die dort spielende wunder¬ 
schöne Musik ein. Der Teufel reicht ihnen 
aber eine andere S., auf der sich ganz 
prächtig spielen läßt, so daß die Hexen 
stubenhoch springen. Die Hirten bitten 
sich das Instrument aus, müssen aber 
am nächsten Morgen sehen, daß es eine 

Bächtold-Stäubli , Aberglaube VII 


alte Katze war und das Mundstück deren 
Schwanz, den sie kurz und klein gekaut 
hatten 16 ). Auch Gockelius berichtet 17 ), 
daß die Spielleute beim Hexentanze „an¬ 
statt der Schalmeyen und Sackpfeiffen 
einem schäbigen Hund oder Katzen 
salv. ven. in den Hindern blasen“. S.spiel 
kann auch Hexen anlocken; das erfuhr 
ein Schäfer, auf dessen Spiel vier Hasen 
aus dem Walde kamen, um darnach, bei 
den Pfoten sich fassend, eine „Turichte“ 
zu tanzen 18 ). Schäfer, die bezecht mit 
ihren S.en und Sackpfeifen am Hörselberg 
vorbeizogen, wurden gezwungen, 13 Tage 
lang im Berge aufzuspielen; sie musizieren 
hernach nie wieder und enden ihr Leben 
unter stetem Seufzen und Trauern 19 ). 

Ganz vereinzelt ist ein Bericht von 
reigenden Zwergen, denen mit S.en auf- 
gespielt wird 20 ). Ein Beinergerippe, auf 
einer S. zum nächtlichen Totentanz auf¬ 
spielend, ist auf einem Holzschnitt Wohl- 
gemuths dargestellt 21 ). 

x ) Grundlegende Abhandlung von A. Ho* 
ward The attlos or tibia, Harvard studies in 
dass, philology IV (Boston 1893). 2 ) Curt 

Sachs Die Musikinstrumente (Breslau 1923) 71; 
ders. Geist und Werden der Musikinstrumente 
(Berlin 1929) 153f.; Pauly-Wissowa 2, 2416t.; 
vgl. Encyclop. Italiana 5 (1930), 360; E. Clos- 
son Une nouvelle Serie de hautbois egyptiens 
antiques = Studien d. Mus.gesch., Festschr. f. 
Guido Adler (Wien 1930) S. 17—25. S. a. G. 
Kinsky Geschichte der Musik in Bildern 
(Leipzig 1929) 17/1. 3 ) Curt Sachs Real-Le x. 

der Musikinstrumente (Berlin 1913) 23a. 4 ) Pau¬ 
ly-Wissowa 11, 2, 2153; H. M. Fitzgibbon 
The Story of the Flute 2 (London [1929]) 10; 
J. Quasten Mttsik u. Gesang in den Kulten der 
heidn. Antike u. christl. Frühzeit (193°) 5 lf -: 
Kinsky a. a. O. 19/1. Darstellungen von Dio¬ 
nysos zeigen diesen oft begleitet von S. spielen¬ 
den Satyrn oder Mänaden: Usener Sinthflut 
112. 116. 118; Roscher Lex. 2, 2, 2264. 226of.; 

4, 454. 456. 466. 474f. 489. 515; Plinius hist, 
not. lib. 35 cap. 10 (Ausgabe von Sillig 5, 247 
§306 nennt einen Satyr mit tibia als Gemälde 
des Protogenes). 5 ) Roscher Lex. 1,1, 1037; 2, 
1, 1656. 1665. 1668; das Instrument ist für den 
Dienst der Göttin erfunden*, s. ebd. 2, 1, 1658. 

5. ferner Quasten a. a. O. 52—55. 168. 6 ) Pau¬ 
ly-Wissowa 11, 2, 1442L — Wenn die Über¬ 
reizung zum Korybantismus führte, dessen 
Hauptsymptom darin bestand, daß die Be¬ 
sessenen den Klang von S.en zu hören glaubten 
und alsdann wie wahnsinnig wild zu tanzen 
begannen, galt als bestes Heilmittel, nach ho¬ 
möopathischer Methode ihnen auf der S. vor¬ 
zublasen: Abert Lehre vom Ethos (Leipzig 

32a 


995 


Schaltjahr 


996 


1899) 62. ’) Wi ssowa Religion (1902) 352; 

ARw. 7, 272; Pauly-Wissowa 11, 2, 2153; 
Quasten a. a. O. 6—13. 16. 2iff. 26ff. 158; 
bei Libationen: ebd. 34; Kinsky a. a. O. 

9/1 u. 2; 18/4. 8 ) Quasteng. 196 -203. 222f.; 

Abert Lehre vom Ethos 62. Vgl. Isidor von 
Sevilla Etyrnol. lib. 3 cap. 21,4 (= MSL. 82, 
166). — In China, Annam und Tonkin ist die 
Oboe ausschließlich Trauerinstrument, s. C. 
Sachs Die Musikinstrumente Indiens und 
Indonesiens (Berlin 1915) 157. 9 ) Wächter 

Reinheit 12; Stengel Opfergebräuche 18 
Anm. 5; Samter Geburt 12; Quasten a. 
a. O. 37g. 10) Einiges sei angeführt. Die 

halesische Quelle fängt bei S.blasen zu 
tanzen an: Solinus Polyhistor (Basileae 1543) 
S. 27 cap. 11; Henr. Corn. Agrippa La Philo¬ 
sophie occulte (De la Haye 1727) livre 11 chap. 24 
S- 3 ° 9 ; Tharsander Schauplatz 3, 129; vgl. 
auch Gesta Romanorum hrsg. v. Oesterley 
(1872) 507 cap. 150 mit Anm. S. 737; weitere 
Belege s. o. unter Pfeife Anm. 168. — Inseln in 
einem lydischen See tanzen nach dem Schall 
einer ,,Flöte“: Tharsander Schauplatz 3, 130 
(unter Bezugnahme auf Varro); vgl. Plinius 
hist. nat. lib. 2 cap. 45 (Ausgabe von Sillig 
1. 188 § 209): Agrippa a. a. O. — Von Tieren, 
die durch den S.klang bezaubert werden, weiß 
natürlich vor allem Aelian zu erzählen. So hält 
sich der Aulet Pythocharis durch Spielen auf 
seinem Instrument die Wölfe vom Leibe: 
AiXtavo'j rrept Ctotuv lotox^xo; ßtßfci* 1? (Basileae 
1750) curante Abrahamo Gronovio lib. 11 
cap. 28 S. 641; Jo. Bapt. Portae Magiae nat. 
hbri viginti (Ffti. 1607) lib. 15 cap. 4 S. 531. — 
Den Stachelrochen fängt man, indem man ihn 
durch S.spiel an die Oberfläche lockt: Aelian 
lib. 17 cap. 18 (S. 937 ); Porta a. a. O. S. 532; 
s. ferner oben unter Pfeife Anm. 166. — Auch 
Hirsche und Eber lockt man durch S.spiel 
aus ihren Verstecken und zwingt sie, zu folgen, 
wobei sie in die aufgestellten Netze gehen: 
Aelian lib. 12 cap. 46 (S. 717L); Porta a. a. O. 
S- 532; vgl. ferner oben 6 , 682 Anm. 417. — 
Uber die Wirkung auf Stuten s. Aelian lib. 12 
cap. 44 (S. 713t.); Porta a. a. O. S. 532 und 
oben 6, 682 Anm. 432. n ) Curt Sachs Hand¬ 
buch der Musikinstrumentenkunde (Leipzig 1920) 
3 I 3“3i6. — Vgl. auch Nordisk Kultur 25 
( I 934 )f 67. 12 ) Bayerland 23, 72; SAVk. 7, 145. 

— Nach einer Sage aus Rügen (Haas Rüg. 
Sagen 5 45f.) bestraft ein sächsischer Fürst einen 
Hirtenknaben, der einen jungen Baum seines 
Waldes zwecks Verfertigung einer S. abgeschält 
hatte [nach altdeutschem Recht] damit, daß 
er ihm den Leib aufschneidet, das Ende des 
Gedärms um einen [wohl: den beschädigten] 
Baum bindet und nun den Knaben um den 
Baum jagt, also ,,ausdärmt“. Der Fürst wird 
späterhin zum Wode (< Arndt Märchen und 
Jugenderinnerungen 1,401 ff. ( 2 33 6);Heckscher 
187. 13 ) Bavaria 3 a, 302 (Oberfranken); vgl. 
Laube Teplitz 40. 14 ) Bayerland 23, 725. 

15 ) Georg Rudolf Widmann Des bekandten 
Ertz-Zauberers Doktor Joh. Fausts ärgerliches 


Leben u. Ende (Nürnberg 2 1726) 484. 16 ) Pröh- 
le Harz 40 Nr. 60; ders. Unterharz n8f. Nr. 
311. Vgl. Luck Alpensagen 64f. (Hirtenpfeife 
= Katzenschwanz). 17 ) Tractatus Polyhisto - 
ricus Magico-Medicus Curiosus (Fft. und Leip¬ 
zig 1699) 12. 18 ) Kuhn u. Schwartz 90L 

Nr. 101; s. dazu die Anm. S. 480. 1 9 ) Bech- 
stein Thüringen 1, 124L 20) Haas Rügen - 

sehe Sagen 5 (Stettin 1920) 27L Nr. 51. 2 *) Ab¬ 

druck bei Lüers Payr. Stammeskunde (Jena 
C I 933 ]) x 74 - Seemann. 

Schaltjahr. Das Sch. 1 ) ist im Volks¬ 
glauben, wie alles vom Normalen und 
Geregelten Abweichende, unglückbrin¬ 
gend. Es bringt viel Unglück 2 ) und 
auch viele Gewitter 3 ). Wichtige Unter¬ 
nehmungen gedeihen in einem Sch. nicht 4 ). 
Wer in einem Sch. oder während der Zeit 
der Zwölften heiratet, hat in der Ehe 
kein Glück 5 ). Auch was man in einem 
Sch. baut oder anpflanzt, gerät nicht 6 ). 
Nach französischem Glauben tragen die 
in einem Sch. gepfropften Apfelbäume 
nur alle vier Jahre Früchte 7 ). Darauf 
bezieht sich, wenn es in einer öster¬ 
reichischen Schrift aus 1682 heißt, „daß 
man in den Schalt-Jahren kein junges 

Vieh abnehmen oder einigen Baum peltzen 
solle“ 8 ). 

In einem Sch. ist manches verkehrt 
gegenüber den gewöhnlichen Jahren. So 
sind die Bohnen mit dem verkehrten 
Ende in den Hülsen angewachsen 9 ). 
In einem Sch. muß am Neujahrstage der 
Glückwünschende ein Geschenk machen 10 ), 

und während man sonst einem andern 
das neue Jahr „abzugewinnen“, d. h. 
mit den Glückwünschen zuvorzukommen 
sucht, läßt man im Sch. anderen den 
Vortritt 11 ). Im Zusammenhang mit der 
bevorzugten Stellung des Weibes im 
Frühling (s. Frühlingsfeste) und besonders 
im Februar (s. Weibermonat) steht das 
in einem Sch. geltende Vorrecht der 
Weiber 12 ). In Luxemburg haben dann 
die Mädchen das Recht, die Männer zu 
freien 13 ). Auf der Ile dTs und in Eng¬ 
land gilt dasselbe, und die Mädchen 
können jeden Mann, der ihnen gefällt, 
um die Ehe fragen. Die Galanterie ver¬ 
bietet es jedem, nein zu sagen; man 
kann sich aber durch ein Geschenk 
wieder loskaufen 14 ). Im Jahre 1924 
haben die Besitzer großer Hotels in 


1 


Scham, Schamgefühl 


998 


997 


London diesen alten Brauch am 29. 
Februar in etwas geänderter Form wieder 
zu erneuern versucht 15 ). 

Dieser Brauch ist an den Schalttag 
selbst geheftet. Schalttage galten schon 
bei den alten Mexikanern als Unglücks¬ 
tage (s. d.), an denen man nichts arbeiten 
durfte. Und wer zu dieser Zeit geboren 
wurde, galt als Unglückskind 16 ). Nach 
deutschem Glauben sehen die am 29. 
Februar Geborenen Geister und müssen 
sie oft tragen 17 ). Diesen Tag hält das 
Volk für den eigentlichen Schalttag, 
während der gregorianische Kalender den 

24. Februar, wie dies auch schon bei 
den Römern üblich war, als Schalttag 
einsetzt und die Reihe der Heiligen¬ 
namen zwischen dem 1.—23. und dem 

25. —28. Februar durch diesen einge¬ 
schobenen Tag trennt 18 ). Und da der 
24. Februar sonst der Matthiastag ist 
(in einem Sch.e aber der 25.), so verband 
das Volk auch die Begriffe Matthiastag 
und Schalttag in der Weise, daß es sagt, 
Matthias sei an Judas Stelle als Apostel 
eingeschaltet worden 19 ). Nach einer 
Tiroler Sage sonnt sich alle 100 Jahre 
am 29. Februar ein Schatz 20 ). Ähnlich 
zeigt sich auch nur im Frühling eines 
Sch.es die weiße Frau einem kleinen 
Mädchen in der verfallenen Barbara¬ 
kirche bei Langensteinbach 21 ). 

Da unser Kalender die Einschaltung 
eines ganzen Monats nicht kennt, fehlt 
auch der Begriff Schaltmonat in diesem 
Sinne. Mit diesem Wort, das im Chinesi¬ 
schen als Personenname vorkommt 22 ), 
bezeichnet man den Februar als den 
Monat, in welchem schon bei den Römern, 
zu der Zeit, als der Februar mit dem 
Jahresanfang am 1. März der letzte 
Monat des Jahres war, der Schalttag 
eingeschoben wurde. Als eine Schalt- 
periode zum Ausgleich zwischen dem 
Mondjahr von 354 Tagen und dem 
Sonnenjahr von 366 Tagen hat man 
allgemein die Zeit der Zwölften, an die 
sich so viel Aberglaube geheftet hat, an¬ 
gesehen 23 ), wogegen in neuerer Zeit 
wahrscheinlich gemacht wurde, daß hier 
ein germanisches Abbild des christlichen 
Dodekahemeron vorliegt 24 ) (s. Zwölften). 


J ) Vgl. M. P. Nilsson Primitive Time-Recko- 
ning (Lund 1920) 240 ff. 2 ) Urquell 1 (1890),65; 
ZfVk. 20 (1910), 384 (Süderstapel in Stapel¬ 
holm). 3 ) Urquell 6 (1896), 16. 4 ) Wolf Bei¬ 
träge 1, 216; Wuttke 87 § 105. b ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 59. 6 ) Grimm Myih. 3, 442 

Nr. 247 = Meyer Aberglaube 231. 7 ) Sebillot 
Folk-Lore 3, 373. 8 ) H. v. Hohberg Georgica 

curiosa d. t. Bericht von dem adelichen Land- 
und Feldleben (Nürnberg 1682) 1, 192 f. — 
ZfVk. 23 (1913), 61. 9 ) Strackerjan 2, 101; 
123 Nr. 356 = Wuttke 87 § 105. 10 ) Zfrw- 

Vk. 1907, 12 = Sartori Sitte u. Brauch 

з, 56. n ) Strackerjan 2, 42. 12 ) Becker 

Frauenrechtliches 26. 13 ) Fontaine Luxemburg 
32, 145. 14 ) Bächtold Hochzeit 1, 63. Vgl. 

H. A. Rose Customary restraints on celibacy 
(FL. 30, 61 ff.). 15 ) Le Mondain (Genf), 22. März 
1924. 16 ) Frazer 6, 28 Anm. 3; 9, 339 ff.; 

K. Weule Leitfaden der Völkerkunde (Leipzig 

и. Wien 1912) 45. 17 ) Wolf Beiträge 1, 238; 

Wuttke 87 § 105; 316 § 469. 18 ) Pauly- 

Wissowa 3, 1, 503. 19 ) Leoprechting Lech¬ 

rain 160. 20 ) Heyl Tirol 264 Nr. 79. 21 ) Mone 
Anzeiger 5. 321 = Grimm Myth. 2, 805 — 
Mannhardt Germ. Mythen 470 t. 22 ) ZfVk. 2 
(1892) 321. 23 ) Frazer 9, 325 ff., 34 2 

24 ) Schräder Realiex. 392. Jungbauer. 

Scham, Schamgefühl. „Über das Sch. 
bei den verschiedenen Völkern ist zu 
allen Zeiten viel geschrieben. . . . Einige 
Ethnographen versuchten gar ihr Glück 
mit einer Einteilung der Völker in scham¬ 
hafte und schamlose“ 4 ). Kinder wurden 
bei älteren Kulturvölkern nicht be¬ 
kleidet 2 ), kleine Kinder laufen, auch bei 
uns, ohne Scheu nackt umher, bis sie 
auf das Schickliche und Unschickliche 
hingewiesen werden. Bei den Wilden 
wird die Bekleidung angelegt zur Zeit der 
beginnenden Pubertät 3 ). Diese Anfänge 
der Kleidung deuten die einen Forscher 
als ein Zeichen des sich regenden und 
allgemein menschlichen Sch.s 4 ), die an¬ 
deren erklären, daß es ein solches nicht 
gebe, daß bei der Bekleidung von Hüften, 
Hals und Scheitel des Menschen lediglich 
der Wunsch des Schmuckes 5 ) oder der 
Auszeichnung vor anderen bestimmend 
sei 6 ), daß höchstens in kälterer Gegend 
das berechtigte Verlangen, sich gegen 
die Witterung zu schützen, zur Be¬ 
deckung des Körpers gezwungen habe 7 ). 
Während die einen Forscher den Scham¬ 
reflex, das Erröten des Weibes, als den 
Rest vom Zorn des Urweibes gegen den 
es packenden Mann erklären 8 ), so wollen 



999 


Scham— Scharbe 


1000 


andere, wie Visscher und Schmitz, ein 
ursprüngliches, allgemeines Sch.gefühl 
moralischer oder ästhetischer Art kon¬ 
statieren. Man weist einmal auf die 
Schamlosigkeit mancher Negertänze hin 9 ) 
und redet anderseits von einer scheuen 
Sittsamkeit, die den Weibern der Wilden 
eigen sein soll und auch dem Manne 
nicht fehle 10 ). Um den Gegensatz auf 
die Spitze zu treiben, werden Perversitäten 
des Sch.gefühls angeführt. „Die Araberin 
zeigt Busen, Bein und Fuß, aber nicht 
das Hinterhaupt“ u ). Das Gesicht zu 
zeigen, gilt den mohammedanischen 
Frauen meist für frevelhaft 12 ). Als 
Grund wird angegeben die Furcht vor 
dem Zauber, vor dem bösen Blick 13 ), 
man weist daneben auf praktische Gründe 
hin, da in der Wüste Staub und Hitze 
zum Verhüllen des Gesichtes zwingen. 
Sicher erscheint, daß bei wilden und 
zivilisierten Völkerschaften die Eifersucht 
des Mannes viel darauf hingewirkt hat, 
der Frau eine vollständigere Verhüllung, 
als sie für den Mann nötig erschien, 
zu gebieten 14 ). Unter den Wilden trägt 
die Frau eher eine Hülle oder Kleidung 
als die Mädchen. Es soll angezeigt 
werden, daß sie fortan nur einem gehört. 

Der Begriff des Sch.gefühls soll ein 
merkwürdiger, undefinierbarer sein, weil 
ihn jedes Volk anders deute 1S ). Kant 
löst von seinem Standpunkt aus die 
Frage, indem er von den beiden mächtig¬ 
sten Trieben ausgeht, die das Leben der 
Menschen beherrschen, und den Wider¬ 
streit zwischen den natürlichen Begeh¬ 
rungen und der moralischen Bestimmung 
des Menschen zeigt: das natürliche Ver¬ 
hältnis von Mann und Weib fällt unter 
den Begriff des Naturtriebes, er wider¬ 
streitet dem Begriff der menschlichen 
Würde 16 ). Der homo noumenon schämt 
sich seiner tierischen Empfindungen. — 
In dem Verhältnis beider Geschlechter 
hat das Weib das zartere Gefühl, es fühlt 
seine Schwäche, die Scheu, und Sitt¬ 
samkeit gibt ihm den Schutz. Wenn 
sich daher die Frauen der Perser und 
Spartaner vor ihren fliehenden Männern 
entblößten, so sollten diese wohl durch 
die schimpfliche Gebärde erinnert werden. 


daß sie die Pflicht hatten, für das Weib 
gegen den Feind zu streiten 17 ). 

*) Urquell 2 (1891), 180. 2) L i p p e r t Kultur- 
gesch. 1, 443. 3 ) Schmitz Tracht S. 44. 4 ) Vis¬ 
scher Naturvölker 1, 121 —124. 5 ) Ebd. 120 1 . 

| e ) Schmitz Tracht S. 34. 7 ) Ebd. S. 4. 8 ) ARw. 
21.179. 9 ) Schmitz Tracht S. 9. 10 ) Visscher 
Naturvölker 1, 122. n ) Schmitz Tracht S. 51t. 
12 ) Ebd. S. 50 f. 13 ) Stern Türkei 2, 161 u. 407. 
14 ) Schmitz Tracht S. 17. 1S ) Stern Türkei 

2, 163. 1«) Kant Smtl. Wke (Ha. 1838) 5, 254. 
17 ) Seligmann 2, 204. f Boette. 

Scham s. Geschlechtsteile. 

Schämeler s. 5, 1766. 

Schande. Der Begriff ist bekannt, das 
Wort viel im Volke gebraucht. Luther 
wendet das Wort oft an in der Bedeutung 
von entehren, entheiligen. Eine große 
Schandtat ist, wenn sich nahe Bluts¬ 
verwandte miteinander vergehen (3. Mose 
21, 7). So versteht auch das Volk meist 
unter Sch., an der Ehre Schaden leiden. — 
Ehrliche Mädchen erhalten die Ehrung 
durch den Maibaum, unehrliche, d. h. 
solche, die ihre Ehre verloren, oder in der 
Liebe wankelmütig waren oder sich Haß 
und Verachtung zugezogen hatten 1 ), er¬ 
halten den Schandmai. Ein Sch.nzeichen 
ist es, wenn vor die Tür eines Burschen 
und seines Mädchens der Abfall von 
Gemüse gestreut wird 2 ), oder Häckerling 
von der Wohnung des einen bis zum 
Hause des anderen 3 ). In Grömbach 
wird der Sch.nkloß durch den Ort gejagt 
und gewaltig dazu geknallt 4 ). 

*) Mannhardt (1875) 163 ff. 2) Sartori 
Sitte u. Brauch 3. 175; Wrede RheinVk. 263; 
Sartori Westfalen 163. 3 ) ZdVfVk. 10 (1900), 
43. 4 ) Sartori Sitte 3, 19. f Boette.’ 

Scharbe, f. und m. (Phalacrocorax), 
eine Vogelfamilie zu der auch der Kor¬ 
moran (Ph. carbo) gehört 1 ). Nach alt¬ 
überliefertem Glauben verdaut die Sch. 
ihre Speise nicht 2 ), weil sie keinen 
Magen hat 3 ). Anderseits sagt Gesner 
in seinem „Vogelbuch“ (1582) fol. 47 
verso: „Etliche kürsiner bereitend sein 
haut, damit die als ein Brusttuch auff 
den magen gelegt werde, als ob sy ein 
krafft zu töuwen (verdauen) in jren 
habe: dan man sagt, daß dieser vogel ein 
gantz starcken vnd woltöuwenden 
magen habe. Darumb man gmeinlich 



von einem frässigen menschen sagt, er 

habe ein Sch.nmagen“. 

x ) Vogelbrehm (1927) 54ff-; Suolahti 
Vogelnamen 3930. 2 ) ,,daz er [pellicanus] nieht 
■des neferdeuue, des er ferslindet; nieht mer 
danne hier in disen seuuen diu scarba", Notker 
zu Psalm 101 V. 7. 3 ) Traugermundslied Str. 4: 
„der sch. ist äne magen": MSD. 1, 193 und 
dazu 2, 307. Iioffmann-Krayer. 

Scharbockskraut (Feigwarzenkraut; Ra- 
nunculus ficaria, Ficaria verna). 

1. Zu den Hahnenfußgewächsen ge¬ 
hörige Frühlingspflanze mit nierenförmigen 
Blättern und gelben glänzenden Blüten 1 ). 
In den Blattachseln entstehen weiße, 
weizenkomähnliche Brutknospen, die 
später zu Boden fallen, bei Regengüssen, 
dann in großen Mengen zusammen¬ 
geschwemmt werden und vielleicht Anlaß 
zu den Sagen vom Getreideregen gegeben 
haben 2 ), vgl. auch den alten Namen 
„Erdgerste“ für das Sch. In der Pfalz 
spricht man von einem „Mannarege“ 3 ). 
Im Kanton St. Gallen gaben diese Brut¬ 
knöllchen gegen Ende der 40er Jahre 
des vorigen Jahrhunderts Veranlassung 
zur Sage vom Kartoffelregen 4 ). „Ge¬ 
treideregen“ soll in Schlesien gefallen 
sein in der Nacht vom 25. zum 26. Juni 
1571 5 ) und am 18. August 1606 um 
Görlitz, im Jahre 1857 in Dittmannsdorf 
bei Neiße 6 ). In letzterem Falle sammelte 
das Volk die Körner und buk von ihnen 
Brot, das etwas bitterlich schmeckte. 
Professor (der Botanik) Goeppert in 
Breslau soll die eingesandten Proben 
untersucht und als Knöllchen des Sch.s 
festgestellt haben. 

x ) Marzell Kräuterbuch 466. 2 ) Pieper 

Volksbotanik 14. 3 ) Wilde Pfalz 57. 4 ) Wart¬ 
mann St. Gallen 64. 5 ) Kühnau Sagen 3, 451 f.; 
•ebenso 1571 in Zittau: MnböhmExc. 3, n6f. 

*) Kühnau a. a. O. 3, 455. 

2. Daß man das Sch. gegen Feig¬ 
warzen 7 ) und Hämorrhoiden 8 ) ver¬ 
wendete, geht auf die „Signaturenlehre“ 
zurück: Die Wurzelknollen des Sch.s 
haben Ähnlichkeit mit Feigwarzen oder 
Hämorrhoidalknoten. 

7 ) Höfler Krankheitsnamen 126. 8 ) Dodo- 

naeus Pemptades 1616, 49; Hermant et Boo- 
mans La medecine popul. 1928, 25. Marzell. ; 

Scharfrichter s. Nachtrag. 

Scharlach s. Nachtrag. 


Schatten s. Nachtrag. 

Schatz. Einleitung. Der Glaube an 
unterirdische Schätze und an magische 
Mittel, in ihren Besitz zu gelangen, spielt 
im Aberglauben des Volkes eine große 
Rolle. Zufällige Funde und die Hoffnung, 
durch Finden einesS.es schnell und mühe¬ 
los reich zu werden, belebten den S.aber- 
glauben immer von neuem. 

1. Schätze und S.orte. Die Schätze, 
die das Volk im Innern der Erde ver¬ 
mutet, sind verschiedener Größe und Ge¬ 
stalt. Nach dem Glauben des Volkes 
liegen Geldkessel- und -töpfe vergraben 
in allen Stellen in und außer dem Hause x ). 
Wo das Gras üppiger wächst 2 ), kein 
Schnee liegen bleibt 3 ), des Morgens kein 
Tau liegt 4 ), wo eine Sternschnuppe hin¬ 
fällt 5 ), der Regenbogen die Erde be¬ 
rührt 6 ), liegt ein S. vergraben. Gewaltige 
Schätze unbekannter Herkunft ruhen in 
den S.kammern der Berge 7 ). Sie sind 
aufgestapelt in großen Fässern und 
Truhen 8 ). Unermeßlich, unerschöpflich 
sind die Vorräte 9 ), eine eiserne Tür ver¬ 
sperrt den Eingang zur S.höhle 10 ). Solche 
S.berge gibt es in großer Anzahl. Auch 
die Berge, in denen Zwerge hausen 11 ), die 
weiße Frau ein- und ausgeht 12 ), in denen 
die Bergentrückten wohnen 13 ), wo der 
Kaiser und das schlafende Heer ihre Ruhe¬ 
stätte haben 14 ), haben gewaltige Schätze 
in ihrem Innern. Krönt den S.berg eine 
Burgruine, ein verfallnes Schloß, werden 
die Schätze als versunkene, verwunschene, 
verzauberte Burgreichtümer gedeutet 15 ). 
Mitunter gibt die Volksphantasie den 
Schätzen eine bestimmte Gestalt. So 
sucht man im Norden Deutschlands die 
goldene Wiege 16 ), im Süden ein goldenes 
Kegelspiel 17 ), ein Spinnrad 18 ), einen 
goldenen Pflug 19 ). Goldene Enten und 
Gänse sitzen auf goldenen Eiern 20 ), eine 
Gluckhenne hütet goldene Küken 21 ). 

2 ) Kühnau Sagen 3, XLVI f. 2 ) Scham¬ 
bach-Müller Sagen 108 ff. 3 ) Birlinger 
Volkssagen 1, 100. 4 ) Praetorius Weltbeschrei¬ 
bung 307. 422. 5 ) Grohmann 32. 6 ) Ebd. 

41. 7 ) Kühnau Sagen 3, XLVff.; 3, 646. 

8 ) Vernaieken Mythen 131. 9 ) Kühnau 

Sagen 3, 643. 10 ) Kuhn Westfalen 64 Nr. 51; 

Sepp Religion 15. 11 ) Meiche Sagen 339 

Nr. 438; 316 Nr. 418. 12 ) ZfdMyth. 1 

(1:853)» 193 : Gräber Kärnten 112; Kuhn 



1003 


Schatz 


Schatz 


1006 


1004 


1005 


Sagen 10 Nr. 14; Panzer Beitr. 2, 133. 13 ) Heyl 
Tirol 384 Nr. 63; SAVk. 25, 289 u. 299; 
Kühnau Sagen 3, 649; Meiche Sagen 38 
Nr. 34; 742 Nr. 914. l4 ) Gräber Kärnten 

96—106; Kühnau Sagen 3, 670. 15 ) Ebd. 

3 » 585. 18 ) Bartsch Mecklenburg i, 263; 

Lau ff er Niederd. Volksk. 89; Tettau-Temme 
2 35 - 17 ) Heyl Tirol 504 Nr. 69; Vonbun 

Sagen 123. 18 ) Schell Sagen 9 Nr. 23; 

354 Nr. 911. l9 ) Panzer Beitr. 1, 295. 

20 ) Witzschel Thüringen 242; Meiche Sagen 
863 Nr. 1075; Sommer Sagen 63; Knoop 
Schatzsagen 29. 21 ) Heyl Tirol 514 Nr. 80; 

Panzer Beitr. i, 315. 

2. Eigenschaften der Schätze. In 
den Besitz vergrabener Geldschätze zu 
gelangen, wird dadurch erschwert, daß 
sie die Fähigkeit besitzen, ihren Standort 
wie ihre Gestalt zu verändern. So heißt 
es: die Schätze rücken fort 22 ), sie wach- 
sen 23 ), sie fallen und steigen 24 ). Nur 
alle sieben 25 ), alle hundert 26 ) Jahre 
kommen sie an die Oberfläche der Erde, 
wo sie sich als blaue Flämmchen 27 ), als 
„Schatzfeuer' 1 anzeigen. Das Volk sagt: 
ein S. sonnt sich 28 ), er blüht 29 ), er 
brennt 30 ), spielt 31 ); es buttert Gold 32 ). 
Er blüht auch in bestimmter Gestalt als 
Lilie 33 ), als Kugel 34 ). Das Blühen der 
Schätze geschieht meist nachts 35 ). Und 
nur zu bestimmten Zeiten, die für die 
Hebung günstig sind. Oft wird ein S. 
gar nicht als solcher erkannt; denn er 
erscheint in Gestalt eines wertlosen Gegen¬ 
standes, so als glühende Kohlenstück¬ 
chen 36 ), Laub 37 ), Knochen 38 ), Kutter 39 ), 
Strohhalme 40 ), Haselnüsse 41 ), Flachs- 
knotten 42 ), Nägel 43 ) und ähnliches. Man 
hebt die Dinge auf, wirft sie aber als j 
wertlos weg. Ein zufällig an der Kleidung | 
hängengebliebenes Stück oder das in die | 
Tabakspfeife gelegte Stück glühender j 
Kohle erweist sich zu Haus als pures Gold. | 
Diese Täuschungen der Geister zu er¬ 
kennen, empfiehlt der große Paracelsus 
die Feuerprobe 44 ). 

22 ) Meiche Sagen 714 Nr. 884; Birlinger 
Aus Schwaben 1, 267. 23 ) Heyl Tirol 630 

Nr. 96; ZföVk 4 (1898), 226. 24 ) Meier Schwaben 
1, 151; Kühnau Sagen 3, 684. 2S ) Eckart 

Südhannov. Sagen 73; Bindewald Oberhessen 
1; Meier Schwaben 2, 505; Birlinger Volkst. 

1, 81. 2 ®) Meier Schwaben 1, 151; John West¬ 
böhmen 528; Heyl Tirol 264 Nr. 79; Meiche 
Sagen 715 Nr. 886. 27 ) Kühnau Sagen 3, 690; 
Bartsch Mecklenburg 1, 245; Müller Sieben - ! 
bürgen 89. 28 ) Reiser Allgäu i, 249, 255. 1 


29 ) Panzer Beitr. 1, 284. 30 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 1, 245; Meiche Sagen 715 Nr. 886. 
31 ) Meiche Sagen 733 Nr. 905. 32 ) Sepp 

Religion 237. 33 ) Heyl Tirol 162 Nr. 68. 

34 ) Heyl Tirol 633 Nr. 99. 35 ) Heyl 

Tirol 461 Nr. 20. 38 ) Knoop Schatzsagen 5; 

Lohmeyer Saarbrücken 323; Eisei Voigtland 
46 Nr. 102; Reiser Allgäu 1, 246; Bindewald 
Oberhessen 201. 37 ) Vonbun Sagen 122; Heyl 
Tirol 385 Nr. 64. 38 ) Bechstein Thüringen 

2, 436. 39 ) Meiche Sagen 697 Nr. 863. 40 ) Mei¬ 
che Sagen 702 Nr. 869. 41 ) Heyl Tirol 635 

Nr. 99. 42 ) Grimm Sagen 141 Nr. 10. 43 ) SAVk. 
25 S. 58. 44 ) Paracelsus De occulta philo - 

Sophia 52. 

3. S.hüter. Die unter der Erde ruhen¬ 
den Schätze sind selten unbewacht. 
Irgend ein böser oder guter Geist wacht 
über dem S. und verhindert bzw. er¬ 
möglicht die Hebung. Am häufigsten 
begegnet der Teufel als S.hüter 45 ). Alles, 
was drei Fuß unter der Erde liegt, gehört 
dem Teufel 46 ). Er vermag sogar, Schätze 
durch die Luft zu tragen 47 ). Am jüngsten 
Tage fallen ihm alle bis dahin noch nicht 
gehobenen Schätze als Besitz zu 48 ). Beim 
Vergraben werden ihm Geldschätze zur 
Obhut übergeben 49 ). Er sucht daher, 
die Hebung nach Möglichkeit zu ver¬ 
eiteln. Er erscheint an der S.stelle in 
schreckenerregendem Aufzug, so mit 
einem Menschen- und einem Pferdefuß, 
bekleidet mit wassergrüner Hose und 
rotem Kleide 50 ), auf einem Faß reitend 51 ), 
mit einem Galgen 52 ) oder einem glühen¬ 
den Wagenrade 53 ), in Gestalt eines Tieres, 
(eines Bären 54 ), Hahnes 55 ) oder Hundes) 56 ), 
Tiere treten auch selbständig als S.hüter 
auf. Ein schwarzer Hund sitzt am S.- 
feuer 57 ), Schlangen 58 ), Kröten 59 ) und 
Frösche 60 ) erscheinen am S.ort. In den 
Alpen hüten große Würmer, sogenannte 
Lindwürmer Schätze 61 ). Als S.hüter be¬ 
gegnen uns auch arme Seelen 62 ) und 
Graumännlein 63 ). Sie haben zu Lebzeiten 
auf Unrechte Weise Geld erworben und 
vergraben. Deshalb müssen sie solange 
am S.e büßen, bis derselbe gehoben ist. 
Ihre Erlösung hängt von der glücklichen 
Hebung des S.es ab 64 ). Sie suchen deshalb 
die Hebung zu fördern. Sie beschenken 
die Menschen 65 ), winken sie herbei 66 ), 
zeigen ihnen die S.stelle 67 ) und fordern 
zur Hebung auf 68 ). Die Bewohner des 
S.berges stehen mit den Schätzen in loser 


Beziehung. Der weißen Frau kommt es 
auf ihre Erlösung an. Dem glücklichen 
Erlöser schenkt sie die Schätze als Be¬ 
lohnung 69 ). Die Zwerge spielten als Hüter 
und Besitzer der Bergschätze im Mittel- 
alter eine größere Rolle als im heutigen 
V olksglauben 70 ). 

4S ) Kühnau Sagen 3, 166; Knoop Schatz¬ 
sagen 8; Müilenhoff Sagen 271 Nr. 312; 
Strackerjan 1, 323; Birlinger Aus Schwaben 
1, 456; Eisei Voigtland 11 Nr. 21; Müller 
Siebenbürg. 99. 48 ) ZfdMyth. 1 (1853), 243. 

47 ) Strackerjan 2, 220 Nr. 464. 48 ) Renner 
5100. 49 ) SAVk. 25, 288; Knoop Hinterpomm. 
74; Müilenhoff Sagen 41 — 43; Praetorius 
Weltbeschr. 178; Theoph. Albinus 486. 
*°) Pröhle Unterharz 61. 51 ) Kühnau Sagen 

3, 595. 52 ) Kühnau Sagen 3, 561. 53 ) Bartsch 
Mecklenburg 1, 252. 54 ) Tettau-Temme 141. 
<5S ) Knoop Schatzsagen 26. 68 ) Eckart Süd¬ 
hannov. Sagen 177; Panzer Beitr. 2, 67. 

* 7 ) Kühnau Sagen 3, 604; Knoop Hinterpomm. 
73; Schell Sagen 12 Nr. 31; Kuhn Westfalen 
11 Nr. 14; SAVk. 25, 235; Birlinger Volkst. 
1, 84; Eisei Voigtland 135 Nr. 359; Stracker¬ 
jan 1, 323. 58 ) Herzog Schweizersagen 2, 17; 

Meiche Sagen 277 Nr. 357; Grohmann 214; 
Panzer Beitr. 1, 37; Schell Bergische Sagen 
258 Nr. 689. 59 ) Ebd. 172 Nr. 703; 153 

Nr. 446; Eisei Voigtland 154 Nr. 419; Meiche 
Sagen 277 Nr. 357; Vonbun Sagen 129; Heyl 
Tirol 264 Nr. 79. 60 ) Knoop Schatzsagen 14. 

€1 ) Herzog Schweizersagen 2, 17; Heyl Tirol 
156 Nr. 56; 413 Nr. 98; Alpenburg 

Tirol 377. 62 ) Heyl Tirol 637 Nr. 102; ZföVk. 
4 (1898), 225. ® 3 ) Meiche Sagen 169 Nr. 238; 
Meier Schwaben 1, 284; Eisei Voigtland 173 
Nr. 468; Bechstein Thüringen 2, 145; Küh¬ 
nau Sagen 1, 209; Strackerjan 1, 205. 

Tettau-Temme 189; Meier Schwaben 1, 401; 
Kühnau Sagen 1, XXI. 66 ) Eisei Voigtland 
48 Nr. 107; Meiche Sagen 684 Nr. 847; Panzer 
Beitr. 2, 134. ® 7 ) Meiche Sagen 147 Nr. 179; 

Eisei Voigtland 45 Nr. 101; Schell Berg. 
Sagen 214 Nr. 592; Kuhn und Schwartz 
Sagen 178. ® 8 ) Bartsch Mecklenburg 1, 294; 

Eisei Voigtland 46 Nr. 102. 69 ) Engelien- 

Lahn 1,36; Grimm Sagen 17 Nr. 13; Bech¬ 
stein Thüringen 2, 93; Heyl Tirol 692 Nr. 13; 
’ 70 ) Für d. Mittelalter s. Lütjens Zwerg 88. 
100. Für d. Neuzeit: Kühnau Sagen 3, 695; 
Meiche Sagen 337 Nr. 438; 316 Nr. 418. 
Vgl. ferner Mogk Festschrift 536 ff. 

4. S.gräber. Einen S. finden, ist 
Glückssache. Nur Sonntagskinder finden 
die S.stelle 71 ). Oft ist der S. für einen 
bestimmten Menschen mit bestimmtem 
Alter 72 ) und bestimmten Eigenschaften 73 ) 
Vorbehalten. Nur diese Menschen können 
ihn mit Erfolg heben. Gegen die bösen 

S.geister haben besondere Gewalt reine 74 ), 


sündenlose 75 ) Menschen. Unschuldige 
Kinder 76 ) oder Jungfrauen 77 ) können 
Schätze heben. Mitunter genügt es, solche 
Personen zum S.graben mitzubringen 78 ). 
Eine besondere Gewalt über die Geister¬ 
welt haben Geistliche. Sie werden mit 
Vorliebe zum S.heben herangezogen 79 ). 
Franziskaner 80 ) und Jesuiten 81 ) gelten als 
gute S.gräber. Es werden sogar Pro¬ 
zessionen an die S.stelie unternommen 82 ). 
Meist mißlingt die S.hebung, weil einer 
der Gräber ein Gebot Übertritt oder des 
rechten S.grabens unkundig ist. Kundige 
S.heber werden weit hergeholt und gut 
bezahlt 83 ). Zigeuner, Bettler, Studenten 
und fahrende Schüler 84 ), aber auch Sol¬ 
daten, Türken, Armenier, Spanier und 
Zauberer 85 ) galten als erfahrene S.gräber. 

71 ) Lohmeyer Saarbrücken 146; Meiche 
Sagen 710 Nr. 881; Schramek Böhmerwald 
256; Heyl Tirol 384 Nr. 62; Müller Sieben¬ 
bürgen 89. 72 ) Kühnau Sagen 3, 583; Meiche 
Sagen 754 Nr. 924. 73 ) Eisei Voigtland 182 

Nr. 485; Meiche Sagen 691 Nr. 855; Bir¬ 
linger Schwaben 1, 266. 74 ) Kühnau Sagen 

3, 606; Herzog Schweizersagen 2, 17. 75 ) Mei¬ 
che Sagen 249 Nr. 919; Kühnau Sagen 3, 572. 
7 ®) Bechstein Thüringen 2, 93; Heyl Tirol 
510 Nr. 76; Kühnau Sagen 3, 612. 77 ) Kühnau 
Sagen 3, 569; Meiche Sagen 173 Nr. 235; 
718 Nr. 890. 78 ) Leoprechting Lechrain 

43. 79 ) Birlinger Volkst. 1, 90. 83. 80 ) Bir¬ 
linger Schwaben 1, 343. 81 ) ZföVk. 4 (1898), 

226. 229. 82 ) Knoop Schatzsagen 8. 

83 ) Wuttke 411 § 639. 84 ) Amersbach 

Grimmelshausen 1, 28; Müilenhoff Sagen 220 
Nr. 323; Birlinger Volkst. 1, 84. 85 ) Prae¬ 

torius Wellbeschreib, s. Index: Schatzheber. 

5. Zeiten der Hebung. Der gute 
S.gräber muß vor allem die Zeiten kennen, 
die für die Hebung günstig sind. Für das 
S.graben werden folgende Nächte bevor¬ 
zugt: Christnacht 86 ), Johanni 87 ), Sil¬ 
vester 88 ), Bartholomäus 89 ), Thomas 90 ), 
Laurentius 91 ). In diesen Nächten sind 
die Geldschätze unbewacht. Am Kar¬ 
freitag 92 ) und Palmsonntag 93 ), während 
in der Kirche die Passion gesungen wird, 
tun sich die Berge auf und zeigen die 
Schätze. Die arme Mutter, die ihr Kind 
im S.berg vergessen hat, eilt zur Öffnung, 
um es im Berg wiederzufinden. Die für 
den S.sucher günstigen Zeiten sind sogar 
in besonderen Kalendern zusammen¬ 
gestellt 94 ). 

8 ®) Kühnau Sagen 3, 565; 3, 605; 


1007 


Schatz 


1008 


Meiche Sagen 707 Nr. 876; 741 Nr. 913. 

87 ) ZdVfVk. 3 (1893), 133; Wettstein Disentis 
173; Gräber Kärnten 103. 88 ) Meiche Sagen 

703 Nr. 871. 89 ) Heyl Tirol 99 Nr. 61; ZdVfVk. 

3 ( J ^ 93 )» 173 - ö0 ) Pollinger Landshut 106. 

91 ) Wettstein Disentis 173. 92 ) Meier 

Schwaben 388; Birlinger Volkst. 1,471; SAVk. 
25, 61; Drechsler 1, 86; Meiche Sagen 697 
Nr. 862. 93 ) ZföVk. 1904, 143; Kühnau 

Sagen 3, 668; Schramek Böhmerwald 143. 
9i ) DG. 15, 31. 

6. S.mittel. Der kundige S.gräber 
sucht die S.stelle mit Hilfe der Wünschel¬ 
rute 95 ). In einem Grund- oder Erdspiegel 
sieht er die verborgenen Schätze 96 ). Wer 
durch das Johannesfeuer gesprungen ist, 
erblickt Schätze 97 ). Diese Fähigkeit er¬ 
langt man auch, wenn man das Christo- 
phel-Gebet betet 98 ). Glückskinder er¬ 
fahren die S.stelle im Traum. Ähnlich 
auch in der weit verbreiteten Sage vom 
Traum vom S. auf der Brücke 99 ). Der ; 
Besucher im S.berg hat den Eingang ge- j 
funden mit Hilfe der an den Hut ge¬ 
steckten Blume (Schlüsselblume, Spring- 
auf). Ihre Bedeutung erkennt er erst, 
wenn er schon wieder im Freien ist 
und die Blume im S.berg gelassen hat 
(„Vergiß das Beste nicht“, „Vergiß mein 
nicht“) 10 °). 

#5 ) Kühnau Sagen 3, 706; Knoop Hinter - 
Pommern 63; Wrede Eifel 100; ZfwVk. 1906, 
290; Strackerjan 2, 220; Köhler Voigt¬ 
land 433; Meiche Sagen 155 Nr. 206; Bir¬ 
linger Schwaben 1, 261 — 62; Herzog Schweizer¬ 
sagen 2, 17; ZföVk. 4 (1898), 114. °«) Ranke 

Volkssagen 245; Leoprechting Lechrain 130; 
Praetorius Weltbeschreibung 493. 9? ) Wuttke 
80 § 93. 98 ) BayrHefte 6, 185; Schell B er gische 
Sagen 696 Nr. 771. ") Grimm Kl. Sehr. 3, 419; 
Eisei Voigtland 470; Meiche Sagen 682 
Nr. 840; SAVk. 25, 57; Hüser Beitr. 2, 20. 
I0 °) Baader Volkssagen 81; Hocker Volksglaube 
234; Bindewald Sagen 3; Müllenhoff Sagen 
221 Nr. 325; Witzschel Thüringen iyz. 
127. 

7. S.hebung. a) Opfer. Um leichter 
in den Besitz des S.es zu kommen, bringt 
man dem S.geist, meist dem Teufel selbst, 
ein Opfer. Man bietet ihm eine Gegen¬ 
gabe und sucht, ihn günstig zu stimmen. 

So werden Tiere als S.opfer dargebracht; 
Bock 101 ), Hahn 102 ), Katze 103 ), Schlange 104 ), 
Hund 105 ), Pferd 106 ) werden geopfert. Die 
Tiere müssen ein bestimmtes Aussehen 
haben, ganz schwarz, ohne ein weißes 
Härchen 107 ), seltener ganz weiß 108 ) sein. 


Die Tiere werden an der S.stelle ge¬ 
schlachtet, ihr Blut muß über den S.. 
tropfen, oder sie werden gekocht 109 ). 
Mitunter werden sogar Menschenopfer ge¬ 
fordert 110 ). Eine reine Jungfrau 111 ), die 
| eigene Tochter 112 ), die eigenen Söhne 113 ). 

I Die Opfer müssen weißhaarig sein 114 ). 

! Manchmal genügt es auch, solche Perso- 
J nen zum S.graben mitzubringen 115 ). 

b) Beschwörung. Oft nimmt die 
! S.hebung die Form einer Geister- bzw. 
Teufelsbeschwörung 116 ) an. Der S.geist 
wird zitiert, der Teufel wird gezwungen,, 
den S. herauszugeben. Der S.gräber wird 
zum Zauberer. Es bedarf auch magischer 
Kreise und Zeichnungen 117 ). Die nötigen 
Zauberwörter und Formeln 118 ) stehen in 
dem Christopheibuch 119 ) (s. d.). Zur 
Hebung bringe der S.gräber Zauberbücher 
mit 120 ). Fausts Höllenzwang 121 ), das 
6. und 7. Buch Moses 122 ), das Evangelien¬ 
buch 123 ), die Bibel 124 ), das Gertruden¬ 
büchlein 125 ) (s. d.) vergesse man nicht. 
Bestimmte Gebetsübungen sind erforder- 
| lieh 126 ). Daß der S.gräber gegen die bösen 
S.geister gefeit sei, soll er geweihte Lich¬ 
ter 127 ), Weihwasser 128 ) oder sogar die 
j Hostie mit Monstianz 129 ) bei sich haben. 

| c) Bannung. Eine andere Art der 
| S.hebung ist das Bannen. Sieht jemand 
! zufällig ein S.feuer, so muß er etwas 
| Geweihtes 130 ), z. B. einen Rosenkranz 131 ), 
ein Gebetbuch 132 ) oder einen eisernen 
Gegenstand 133 ), z. B. Taschenmesser 134 ),. 
Hacke 135 ), Löffel 136 ) oder ein getra¬ 
genes Kleidungsstück 137 ), z. B. Tuch 138 ), 

! Schuh 139 ) in das Feuer werfen. Tut er 
dies, so ist der S. gebannt, d. h. er kann 
Gestalt und Ort nicht verändern. 

d) Besuch im S.berg. Die Schätze 
des Berges findet der S.sucher in der 
S.kammer. Er kann sich von den Schätzen 
nehmen, darf jedoch sich nicht zu lange 
in der Höhle aufhalten. Denn das Tor 
der S.kammer schlägt nach bestimmter 
Zeit zu. Ist der S.gräber noch nicht im 
Freien, bleibt er für ein oder sieben Jahr 
im Berg eingeschlossen 140 ). Meist ist die 
Gewinnung der Bergschätze an die Er¬ 
lösung eines Geistes geknüpft. Die 
Schloßjungfrau oder das Burgfräulein 
erscheint in verschiedener Gestalt, als 


1009 


Schatz 


1010* 


Drache 141 ), Schlange 142 ), Kröte 143 ). Der 
Erlöser hat den Schlüssel zu den S.truhen 
dem Tier zu entreißen. Gelingt ihm dies, 
so ist der Geist erlöst. Die Bergschätze 
fallen dem Erlöser als Belohnung zu 144 ) 
(über andere Erlösungsbedingungen s. 
„Erlösung“). 

Bei der S.hebung hat unbedingtes 
Schweigen zu herrschen 145 ). Selbst 
Lachen und Niesen kann die Hebung ver¬ 
eiteln 146 ). Erst wenn der S. unter der 
Dachtraufe ist, darf man sprechen 147 ). 
Der nach Haus eilende S.gräber darf sich 
auch nicht umwenden 148 ). Bricht der 
S.gräber ein Gebot, ist die Hebung mi߬ 
glückt . 

101 ) Müllenhoff Sagen 271 Nr. 328; Schell 
Bergische Sagen 152 Nr. 445; Eisei Voigtland 
11 Nr. 21; Meiche Sagen 734 Nr. 906; Binde¬ 
wald Oberhessen 138. 102 ) Eckart Südhannov. 
Sagen 178; Schambach-Müller 108; Kuhn 
Sagen 100 Nr. 102; Haupt Lausitz 221, 258; 
Kuh n und Schwartz ii. l04 ) Meiche Sagen 
734 Nr. 906. 105 ) Haupt Lausitz 221 Nr. 258. 

106 ) Eckart Südhannov. Sagen 171. 107 ) Müllen¬ 
hoff Sagen 41 Nr. 44; Schambach u. Müller 
108. 108 ) Eckart Südhannov. Sagen 178; 
Schambach u. Müller 108; Müllenhoff 
Sagen 41 Nr. 43. 109 ) Mannhardt Aberglaube 
7. 82. uo ) Eisei Voigtland 178 Nr. 477. 
m ) Meiche Sagen 893. 112 ) Meiche Sagen 

705 Nr. 874. U3 ) Meiche Sagen 281 Nr. 364; 

709 Nr. 880. 114 ) Meiche Sagen 705 

Nr. 874; 706 Nr. 875. 115 ) Meiche Sagen 

706 Nr. 875. llft ) Gauß Schatzgräber im Basel¬ 

land Meyer Aberglaube 290; Panzer Beitr. 2, 
279; Birlinger Aus Schwaben 1, 270. 117 ) Prae¬ 
torius Weltbeschr. 494; Schell Bergische Sagen 
221 Nr. 607; Meiche Sagen 695 Nr. 860. 
UB ) Meiche Sagen 687 Nr. 851; 686 

Nr. 850; Kühnau Sagen 3, 570; 3, 725. 
u9 ) Schell Bergische Sagen 293 Nr. 768. 
uo ) ZföVk. 4 (1898), 225. 121 ) Kühnau Sagen 
3, 706; Meiche Sagen 526 Nr. 672. 122 ) Meier 
Schwaben 1, 35; Birlinger Volksth. 1, 83 ff. 
lts ) Kühnau Sagen 3, 668. l24 ) Meiche Sagen 
695 Nr. 860. 12S ) ZföVk. 4 (1898), 228; Knoop 
Schatzsagen 8. m ) Birlinger Aus Schwaben 
1, 456; Alemannia 17 (1889), 239; Bir¬ 
linger Volkst. 1, 83 ff.; SchwVk. 2, 58. 

X17 ) Schell Bergische Sagen 266. 293; Prae¬ 
torius Weltbeschr. 107. 169. 128 ) Knoop 

Schatzsagen 20; SchwVk. 2, 58. 129 ) Hof¬ 
mann Bad. Franken 27. 130 ) Kühnau 

Sagen 3, 579; Drechsler Schlesien 1, 86 ff. 
m ) Kühnau Sagen 3, 668; 3, 711; Korth 
Jülich 123; Birlinger Schwaben 1, 260; 

Heyl Tirol 515 Nr. 82. 132 ) ZfVk. 4 (1894), 393. 
1SS ) Eisei Voigtland 172 Nr. 466; ZdVfVk. 2 
(1892), 79. 134 ) Drechsler 1,86 ff.; Müllen¬ 
hoff Sagen 373 Nr. 545; Schell Bergische Sagen 

Bächtold «Stäubli, Aberglaube VII. 


172 Nr. 504. 135 ) Grimm Sagen 6 Nr. 3; 
Meiche Sagen 403 Nr. 328. 138 ) Kühnau 
Sagen 3, 691. 137 ) ZdVfVk. 7 (1897), 125; 

Witzschel Thüringen 289; Grimm Myth . 
1, 591. 138 ) Kühnau Sagen 3, 716; Bartsch 
Mecklenburg 1, 246; Pröhle Unterharz 96 

Nr. 229; ZföVk. 10 (1904), 143; Wuttke 412 
§ 640. 139 ) Knoop Schatzsagen 4; Plenzat 

Ostpreuß. 76; Schell Bergische Sagen 172 
Nr. 504. 14 °) Meiche Sagen 742 Nr. 914. 

141 ) Heyl Tirol 261 Nr. 76. l42 ) Kuhn u. 

Schwartz 121; Panzer Beitr. 1, 146; Heyl 
Tirol 510 Nr. 76. l43 ) SAVk. 25, 289; Baader 
Volkssagen 75; Rochholz Sagen 2, 6. 144 ) Heyl 
Tirol 692 Nr. 13; Hüser Beitr. 2, 11; Schell 
Bergische Sagen 420 Nr. 1072. 145 ) Kühnau 

Sagen 3, 725; Bartsch Mecklenburg 1, 252; 
Wrede Eifel 100. 148 ) Ranke Volkssagen 243. 


147 ) Vonbun Sagen 


130- 


148 ) Grohmann 


215; Haupt Lausitz 221 Nr. 258; Kuhn 


Westfalen 235 Nr. 270; Meiche Sagen 316 


Nr. 418. 


8. Vorgänge bei der S.hebung. Nun 
versucht der Teufel oder ein anderer S.¬ 
geist die Gräber bei ihrer Arbeit zu stören. 
Der Teufel erscheint selbst an der S.stelle 
oder läßt furchterregende Gestalten auf- 
ziehen, einen Reiter ohne Kopf 149 ), einen 
grünen Reiter auf einem Ziegenbock 150 ). 
Die Schatzgräber erhalten Ohrfeigen 151 ), 
ein Unwetter bricht los’ 52 ). Sie sehen 
über sich einen riesigen Mühlstein an 
einem dünnen Faden hängen, den ein. 
großer Mann durchzuschneiden droht 153 ). 
Männer errichten einen Galgen und drohen 
einen der Gräber („den mit der roten 
Kappe“) aufzuhängen 154 ). Bald wirft 
es mit Steinen, von denen doch keiner 
trifft 155 ). Oft versucht der Teufel, die 
Hebung zu vereiteln, indem er die Gräber 
in verschiedener Gestalt anredet, um sie 
zum Bruch des Schweigens zu veran¬ 
lassen 156 ). Eine Kutsche fährt vorbei, ein 
nachjagender Reiter fragt, ob die Kutsche 
schon vorbei sei 157 ). Ein lahmes, lang¬ 
sames Gefährt folgt einem sehr schnellen 
und fragt, ob es dieses noch einholen 
könne 158 ). Sehr häufig sind spaßige Auf¬ 
züge, die die Gräber zum Lachen reizen, 
so eine Kutsche von Gänsen oder weißen 
Mäusen gezogen, mit Heu oder Federn 
beladen 159 ). Aber auch noch andere Auf¬ 
züge sollen dem Gräber eine spöttische 
Bemerkung entlocken 160 ). Der Teufel 
gaukelt vor: die Mühle 161 ), das Dorf 162 ), 
der Wald 163 ) stehe in Flammen. Eilen 

32b 





IOII 


Schatz 


1012 


Schatz 


1014 


1013 


•die Gräber zu Hilfe, so sehen sie, daß 
alles Täuschung war 164 ). 

Bei der Größe und Menge der Gefahren 
ist es also nicht verwunderlich, daß so 
wenige S.hebungen gelingen. Irgendein 
Gebot wird meistens übertreten. Der S. 
plumpst in die Tiefe. Aber selbst ge¬ 
lungene S.hebungen bringen kein Glück. 
Wer einen S. hebt, muß bald oder in 
einem Jahr sterben. Dieses zu verhindern, 
scharre man das Loch, das man gegraben 
hat, gut zu 165 ). 

l49 ) Eisei Voigtland 60 Nr. 132; Hof mann 
Bad. Franken 28. 15 °) Kühnau Sagen 3, 725. 
151 ) Meie he Sagen 752 Nr. 920; 754 

Nr. 924. 132 ) Reiser Allgäu 1, 251; Kühnau 
Sagen 3, 585. 153 ) Schell Bergische Sagen 
296 Nr. 771; Witzschel Thüringen i, 122; 
Birlinger Volkst. 1, 84 ff.; Heyl Tirol 637 
Nr. 103. 154 ) Panzer Beitr. 1, 183; Ranke 

Volkssagen 243. 155 ) Müller Siebenbürgen 91; 

Meie he Sagen 153 Nr. 206. 156 ) Eisei Voigt¬ 

land 178 Nr. 476; Witzschel Thüringen, 216; 
Meiche Sagen 229 Nr. 290. 157 ) Meie he 

Sagen 738 Nr. 907; Ranke Volkssagen 1, 243. 
158 ) St racker j an 1, 325; 2, 262; Kühnau 

Sagen 3, 707; Plenzat Ostpreußen 76; Eckart 
Südhannov. Sagen 12. 159 ) Knoop Schatzsagen 
9. Ähnlich Müllenhoff Sagen 108 Nr. 134; 
Schambach-Müller 110 Nr. 139; Stracker- 
jan Oldenburg 1, 325; Knoop Hinterpommern 
142. 160 ) Knoop Hinterpommern 44; Müllen¬ 
hoff Sagen 108 Nr. 134; 381 Nr. 578; 

Schambach u. Müller 110 Nr. 139. 161 ) Rei¬ 
ser Allgäu 1, 250; Ranke Volkssagen 243. 
162 ) Meiche Sagen 753 Nr. 922; Reiser Allgäu 
1,65. 163 ) Pollinger Landshut 106. 1#4 ) Müller 
Siebenbürgen 90; Wuttke 412 § 641; Pfister 
Hessen 96; Grohmann 214. 165 ) Wuttke 

413 § 641. 

9. Der S.glaube bei anderen Völ¬ 
kern. Der S.aberglaube ist nicht auf 
Deutschland beschränkt. S.gräber sind 
an der Arbeit im nordischen Island wie 
am Mittelmeer, in der Bretagne und in 
Rußland, ja sogar im fernen Indien. Den 
nordischen Völkern ist gemeinsam die 
Vorstellung des S.feuers 166 ). Dort kennt 
man die Spukerscheinungen beim Graben 
(die spaßige Fuhren, das brennende 
Dorf) 167 ). Auf Island und in England 
(bes. im Keltischen) finden wir die Vor¬ 
stellung vom büßenden S.geist 168 ). In 
England kennt man auch das S.opfer 169 ). 
In der Bretagne und in Rußland säen die 
Bauern Famsamen, wo sie einen S. ver¬ 
muten 170 ). Der S.glaube in Estland zeigt 


! dieselben Formen wie der deutsche 171 ). 

Das Volk, bei dem S.gräberei am meisten 
; geübt worden ist, sind die Magyaren. 
Dort betrieb man es als Handwerk 172 ). 
Den südlichen Völkern ist das S.opfer 
; gemeinsam 173 ). Aus Serbien ist der Fall 
einer Selbstopferung bekannt 174 ). In 
Sizilien sollen noch im Jahre 1894 44 Kin¬ 
der getötet worden sein, mit deren Blut 
man Schätze heben wollte 175 ). Das S.- 
opfer ist verbreitet von Arabien 176 ) bis 
hinüber nach Indien 177 ). Der Drache 
(s. d.) ist S.hüter bei vielen Völkern. Der 
Teufel ist S.hüter in den südeuropäischen 
Ländern 178 ) und in Rußland 179 ). Die 
Vorstellung vom büßenden S.geist kennen 
auch die südlichen Völker 180 ). Die stärkste 
Ausprägung hat dieser Glaube in Indien 
gefunden 181 ). Wer einen S. vergräbt und 
stirbt, muß ihn nach dem Tode in Ge¬ 
stalt einer Schlange hüten 182 ). 

186 ) Folklore 6 (1895), 288. 297; Thorpe 
Mythology 2, 263; Henderson Notes 320; 
Sikes Goblins 387; Folklore 1901, 75. 167 ) Thor¬ 
pe Mythology 2, 119. 264; Folklore 1914, 
342. 168 ) Maurer Volkssagen 70 — 72; Hender¬ 
son Notes 321; Leather Folklore 33; Sikes 
Goblins 151. 169 ) Henderson Notes 248; 

Folklore 1904, 337. 340. 17 °) Frazer 

11, 287 ff. 171 ) Eisen Mythologie 74 — 79. 
172 ) Wlislocki Magyaren 82 ff. 173 ) Folklore 
1899, 182; 1930, 29; 1900, 331; 1923, 381. 
l74 ) Strack Blut 76. 175 ) Groß Handbuch 425. 
176 ) Folklore 1899, 236. 177 ) Crooke Folklore 

217; Campbell Notes 264; Folklore 1909, 211. 
178 ) Folklore 1913, 363. 179 ) Ralston Folktales 
23. 180 ) Bush Folklore 270. m ) Crooke 

Folklore 217. 182 ) Enthoven Notes 1, 119 und 
140; ebd. 2, 75 u. 59. 

10. Ursprung und Geschichte des 
S.glaubens. Bei der Mannigfaltigkeit 
und Verbreitung der einzelnen Vor¬ 
stellungen ist die Frage nach dem Ur¬ 
sprung nicht leicht zu beantworten. Die 
letzten Wurzeln des S.aberglaubens liegen 
jedoch sicher nicht im Mythischen 183 ), 
vielmehr ist bei der Entstehung der 
Totenglaube bestimmend gewesen 184 ). 

Der präanimistisch denkende Mensch 
sieht im Toten den Menschen mit den 
Bedürfnissen und Rechten eines Leben¬ 
den. Er gibt ihm Speise und Trank, aber 
auch sein Eigentum in das Grab mit. 
Tut er dies nicht, holt es sich der Tote. 
Aus der Sitte der Grabbeigabe entwickelte 


sich der Brauch der Grabausstattung. 
Man gibt dem Toten Schätze für das Jen¬ 
seits mit, die nicht zu seinem Eigentum 
gehörten. Prunkvolle Grabausstattung 
ist für das Germanische durch Prähistorie 
und Literatur belegt. Das Hügelgrab war 
also der Ort kostbarer Schätze und reizte 
früh zur Beraubung. In den Hügelraub¬ 
geschichten des Nordens wird erzählt, 
wie der Tote sein Eigentum verteidigt. 
Es kommt immer zu einem erbitterten 
Kampf, in dem der dämonische Tote auch 
als Tier (Drache) auftreten kann (Beo¬ 
wulf, Gullthorissaga). Ungewöhnliche 
Naturerscheinungen begleiten den Kampf. 
So können wir die Grabraubgeschichten 
die ältesten S.sagen nennen. 

Für die Vorstellung vom Totenreiche 
war das Einzelgrab Vorbild. Die Schätze 
wurden dem Toten mitgegeben oder auf 
dem Scheiterhaufen verbrannt, damit 
sie der Tote ins Jenseits mitnehme und 
dort geziemend auftreten könne. So 
bildete sich die Vorstellung von Schätzen 
in der Unterwelt, wie sie uns aus Er¬ 
zählungen von Besuchern im Jenseits 
bekannt sind (Saxo Grammaticus, Wil¬ 
helm von Malmesbury). In unseren 
Sagen von Bergschätzen entdecken wir 
auch die typischen Totenreichmotive: 
Bewohner des S.berges, der schwarze 
Hund am Eingang, die auf die Fersen 
fallende Tür, die den Berg öffnende 
Schlüsselblume. Der S.berg ist also in 
seinem Ursprung der Berg der Toten. 

Ursprünglich hieß es, der Tote sei Herr 
der in das Grab mitgegebenen Schätze. 
Später kam dazu die Vorstellung, man 
könne nach Walhall mitnehmen, was man 
zu Lebzeiten vergraben hat (Ynglinga- 
saga). Der Tote ist mithin nicht nur Be¬ 
sitzer und Hüter des Grabs.es, vielmehr 
auch aller von ihm vergrabenen Schätze. 
So wurde der Tote der Hüter der unter¬ 
irdischen Schätze. 

Die typischen Erscheinungsformen des 
Toten sind Hund, Schlange, Wurm, Kröte, 
Pferd. Diese Tiere sind auch tatsächlich 
die bekanntesten S.hüter. Als in christ¬ 
licher Zeit das Mitgeben ins Grab, wie 
das Vergraben des Totenteils zu Leb¬ 
zeiten in Verruf geriet, galt das Ver¬ 


graben von Schätzen als Sünde. Wer es 
getan hat, muß das Unrecht wieder gut¬ 
machen. Der Tote als S.wächter wird 
dann gedeutet als büßende arme Seele, 
die auf die Erlösung wartet. So wurde 
aus dem bösen S.wächter der gute S.geist 
und nicht umgekehrt. Auch die Vor¬ 
stellung des S.feuers hat im Totenglauben 
ihre Parallele: das Hügelfeuer. Es heißt 
im Nordischen: Wo ein großes Feuer 
brennt, ist ein Hügelgrab. Dort ist auch 
ein Ort großer Schätze. Diese Vorstellung 
verband sich auf der einen Seite mit 
christlicher Höllenvorstellung, auf der 
andern lebt sie isoliert vom Totenglauben 
im S.feuer weiter. Eine Belebung fand 
diese Vorstellung durch den Irrlicht¬ 
glauben. Noch heute wird das S.feuer 
öfters als Irrlicht des S.geistes angesehen. 
Naturwissenschaftlich gesehen rühren alle 
diese Erscheinungen von phosphoreszieren¬ 
dem Holz oder brennender Sumpfluft 
her (s. oben Irrlicht). Auch das S.opfer 
ist als Totenopfer zu deuten. Der S.¬ 
gräber, der Hügelräuber bietet dem S.¬ 
geist, dem Toten, eine Gegengabe, einen 
Ersatz für den S. Was hat der ,,fressende 
Tote“ lieber als ein Tier oder einen Men¬ 
schen? Auch die Schreckerschei¬ 
nungen sind zu einem Teil Totener¬ 
scheinungen. Sie lassen noch heut die 
typischen Erscheinungsformen des reiten¬ 
den oder fahrenden Toten erkennen. 
Wir finden dieselben Züge wie auch das 
Motiv vom nachhinkenden Gefährt in den 
Sagen vom Geisterheer wieder. 

Im ausgehenden Mittelalter bildete 
sich die Vorstellung, man könne durch 
Verschreibung an den Teufel Geld er¬ 
halten. Nun wird plötzlich der Teufel 
zum Besitzer und Hüter großer Schätze. 
Der dämonische Tote wird als Teufel auf¬ 
gefaßt. Das S.opfer gilt jetzt dem Teufel. 
S.feuer und Schreckerscheinungen sind 
Machwerk des Bösen. Neue Züge kommen 
aus dem Teufelsglauben in den S.glauben. 
Das Suchen nach Schätzen mit bestimm¬ 
ten Zaubermitteln scheint im Mittel- 
alter noch unbekannt gewesen zu sein. 
Unter dem Einfluß der Magie bildeten 
sich die meisten Mittel. Man lernt, dem 
Teufel durch Beschwörung Geld abzu- 




1 


Schauder, Schauer—schauen 


I0l6 


IOI 7 


Schauerfeier — schaukeln 


IOl8 


IOI5 

trotzen. Mit Zirkel und Zeichnungen 
zitiert man den S.geist. Die Zaubermittel 
werden jetzt die Mittel des S.gräbers. 
Durch Fasten, Gebet, Enthaltsamkeit 
und Schweigen bereitet sich der S.gräber 
vor wie der Zauberer. Die Wünschelrute, 
das erprobte Mittel des Wassersuchers, 
wird zum Werkzeug des S.gräbers. 

Das S.graben beschränkte sich im 
nordischen Altertum ausschließlich auf 
die Hügelgräber. Auch die deutschen 
Hügelgräber zeigen Spuren früherer Be¬ 
raubung. Im Mittelalter sind die Belege 
für S.gräberei selten. Im 16. Jh. besonders 
im 30jährigen Krieg ist viel Geld ver¬ 
graben und gesucht worden. Die zu¬ 
nehmende Zivilisation läßt diesen Glauben 
aussterben, obgleich das zufällige Finden 
alter Geldschätze noch heut keine Selten¬ 
heit ist. 

183 ) Schwartz Ursprung 64; Laistner 
Nebelsagen 233; Meyer German. Myth. 89; 
ZdVfVk. 4 (1894), 73. 420; ZfdMyth. 3, 368 
bringen mythologische Lösungsversuche. L. 
Winter gibt in Die deutsche Schatzsage Köln 
1925 eine Zusammenstellung ohne Lösung. 
184 ) Entwicklung und Belege s. Hirsehberg 
Schatzglaube und Totenglaube. Hirschberg. 

Schauder, Schauer. ,,Wann einem ein 
Schauder durchs Haar geht, das bedeutet, 
daß ein böser Geist in der Nähe ist oder 
vorüberzieht“ x ). Dieser Satz macht 
deutlich, daß die Empfindung des Sch.s, 
stärker des Schauders, bei dem Manne 
des Volkes religiös bestimmt ist. Zwar 
ist das Wort vom Sch. oder Schauder 
im Volke weniger gebraucht. Unter Sch. 
versteht man gewöhnlich den Platzregen. 
Für die Empfindung ist das Wort Grauen 
das gebräuchliche. Und allerdings ist 
die Empfindung reichlich über diese 
schlichten wahrheitliebenden Menschen 
ausgegossen. Sie machen daraus kein 
Hehl: Ein ,,gesetzter Mann“ kann als 
Jäger auf dem Anstand sitzen an schönem 
Abend. Plötzlich bewegen sich in seiner 
Nähe die Bäume von einem starken 
Winde. Weiter hinaus bleibt der Wald 
still wie zuvor. Ihn kommt das Grauen 
an, er geht heim 2 ). Dieses unerklärÜche 
Erlebnis wird im Volke vielfach berichtet. 
Daß einer, ,,der was kann“, ferne Dinge 
beobachtet, ist nichts seltenes, aber die 


Gabe erfüllt regelmäßig die naiven Men¬ 
schen mit Grauen 3 ). Dagegen ist in 
einer dritten, mir bekannt gewordenen 
Geschichte von einem in der Dämmerung 
vorübergehenden gespenstigen Jäger das 
Erlebnis so eigentümlich geartet, daß 
die Geschichte vereinzelt bleibt und keine 
rechte Parallele zu ihr in den Büchern 
der Volkskunde zu finden ist. Der Er¬ 
zähler glaubte an sein Erlebnis. Es stellt 
eine seltsame Massenpsychose vor 4 ). 

Natürlich stellt sich der Schauder, das 
Grauen an unheimlichen Orten, an alten 
Richtstätten, in der Nähe von Fried¬ 
höfen ein. Die Toten haben die Macht 
über den Lebenden. Es geschieht aber 
auch, daß die Menschen, die einem Sch. 
nachgegeben haben, zu anderer Zeit ihre 
eigene Empfindung verspotten. Die aber 
die Geister oder den Teufel beschwören, 
ohne in der Kunst sicher zu sein, ver¬ 
fallen immer dem Sch. bis zur lähmenden 
Furcht 5 ). 

Die schaudernden Menschen haben das 
Gefühl, einer unerklärlichen, unsichtbaren 
Macht gegenüber zu stehen, wider die 
sie nichts vermögen. Das Gefühl ver¬ 
nichtet sie, wenn die Macht unheimlich 
ist (Erlkönig), es erhebt aber wieder den 
Menschen, wenn er zu derselben Macht 
ein Vertrauen haben darf, wie Elias zu 
dem Herrn, der ihm am Horeb im stillen, 
sanften Sausen naht 6 ). Da wird das 
Schaudern zu einem heüigen Sch., die 
Furcht wandelt sich zur Ehrfurcht ein 
Gefühl, das die englische Sprache mit 
awe bezeichnet. 

2 ) Wolf Beiträge 1, 25 f. 2 ) Werner Aus e. 
vergessenen Ecke 3, 170. 3 ) Boette Relig. 

Volkskunde S. 92. 4 ) Werner Aus e. vergessenen 
Ecke 3, 130. 5 ) Meiche Sagen S. 525. 672 ff. 

8 ) Kön. cp. 19 und Jes. cp. 6. t Boette. 

schauen. Das meiste unter Zusehen. 
Im eigentlichen Sinne wird man sch. 
sagen — terminologisch ist der Ausdruck 
nicht fest —, wenn bei gewissen zauberi¬ 
schen Handlungen der Blick plötzlich 
für unsichtbare Dinge (Teufel- und Geister¬ 
sehen) hell wird, etwa in der Art wie 
Goethe Faust Ostspaziergang: Sie Heß 
mich zwar in S. Andreas Nacht (s. d.) 
den künftigen Liebsten leiblich sehen. — 
Mir zeigte sie ihn im Kristall. . . Es ist 


in vielen Fällen ein Hindurchsehen, meist 
durch eine Öffnung, einen Ring, Ärmel, 
Finger oder ähnl. Praktisch gesehen 
dürfte das den einfachen Grund haben, 
das Blickfeld zu isolieren. Vom Stand¬ 
punkt des Abergläubischen aus bedeutet 
es ein Bannen des Blickes in der Art, 
wie Kreis oder Ring (s. d.) wirken. So 
zeigt der Pfarrer die Teufel auf dem 
Tanzboden, indem er durch seinen Ärmel 
wie durch ein Rohr sch. läßt x ). Ein 
verhältnismäßig alter Beleg: Sch. durch 
den Armring 2 ). 

1 ) Rochholz Sagen 2, 162. 2 ) Grimm Myth. 
2, 783. Aly. 

Schauerfeier s. Hagel, Hagelzauber 

Sp. 1314«. 

schaukeln. 

1. Das Sch. auf einer besonders her¬ 
gerichteten Schaukel ist in manchen 
Gegenden zu bestimmten Zeiten als 
magischer Ritus üblich x ). Ihm wird 
eine heilsame Wirkung zugeschrie¬ 
ben 2 ). In Imeretien schützt es vor Kopf- 
und Seitenschmerzen 3 ). In Bosnien, 
Herzegowina und Altserbien bleibt, wer 
sich am Lazarussamstag schaukelt, das 
ganze Jahr gesund 4 ). Bei den Balkan- 
völkem schaukelte man Hunde (immer 
an einem Montag), um sie vor Wahn¬ 
sinn zu schützen. Ein treibender Baum 
stirbt rasch ab, wenn eine solche Schaukel 
an ihm befestigt wird, und das ganze 
Dorf, das sie benutzt, wird von Unglück 
heimgesucht 5 ). Auch zur Beförderung 
der Ekstase dient das Sch. 6 ). Es wirkt 
in räumliche und zeitliche Ferne auf 
Pflanzen und Wild und fördert den 
Wuchs des Grases und des Reises 7 ). 
Die Letten glauben, je höher sie zwischen 
Ostern und Johanni sch., um so höher 
werde ihr Flachs wachsen 8 ). In Sam- 
land riefen die Burschen, wenn sie zu 
Fastnacht die Mädchen schaukelten: 
„Hoch Vaters Gerstel“, und diese: „Hoch 
Mutters Flachs!“ 9 ). Auch zur Sonne 
hat das rituelle Sch. Beziehung. Durch 
die Bewegung soll ihr Gang sympathetisch 
beeinflußt werden 10 ). Bei den Esten 
sch. sich die Mädchen die ganze Johannis¬ 
nacht hindurch bei den brennenden Holz¬ 
stößen 11 ). In Mitteldeutschland ist die 


Kirmesschaukel noch weit verbreitet 12 ). 
Der Bauer macht sie für seine Kinder, 
und zwar nur am Kirmessonntage, der 
überall in den Herbst fällt. Sie diente 
in Burghausen am Bienitz zum Hafer- 
ausdreschen. Ein Haferfeld, aufgegangen 
aus solch einem „Kirmesdrusch“, blieb 
von Hagelwetter verschont 13 ). In den 
erwähnten Fällen handelt es sich um die 
Hängeschaukel. Aber auch die Dreh- 
schaukel wird ähnlich verwandt 14 ). In 
Westfalen wird zu Ostern für die Kinder 
auf dem Düngerfall eine Drehschaukel, 
die sog. „Froitmiähr“ (= freche, zähe 
Mähre) aufgebaut 15 ). Zu vergleichen 
ist der zu Pfingsten hergestellte „blin' 
Hingst“ in Mecklenburg 16 ). 

Wenn ein Kind sich aussch. läßt, so 
stirbt innerhalb eines Jahres ein Glied 
der Familie 17 ). 

*) Frazer4, 277Ü.; 7,107; ZfrwVk. 23 (1926), 
47 ff. 2 ) Ebd. 23, 50. 3 ) Globus 80, 305. 4 ) A- 
Rw. 9, 452. 5 ) ZfVk. 9, 61 ff. 8 ) ZfrwVk. 23, 51. 
7 ) Ebd. 52 f.; Zelenin Russische Volkskunde 
352 f. 354. 8 ) Schroeder Arische Religion 

2, 345. Vgl. oben 3, 1436. 9 ) Schnippei 

Volksk. v. Ost- u. Westpreußen i, 100. 10 ) Zfrw¬ 
Vk. 23, 53 ff.; MitteldBlfVk. 3 (1928), 50. 52 ff. 
Nach Wilke ist die Beziehung zum Monde ur¬ 
sprünglicher: Ebd. 54. 11 ) ZfrwVk. 23, 54. 

12 ) MitteldBlfVk. 3, 49. 1 3 ) Ebd. 157. 14 ) Zfrw¬ 
Vk. 23, 56. 15 ) Ebd. 43 ff. 16 ) Nds. 6, 272. 

17 ) John Erzgebirge 115. 

2. Vom 14. bis ins 19. Jh. hat sich 
der Brauch gehalten, bei der Christfeier 
in der Kirche das Christkindchen zu 
wiegen 18 ). Als man das im Preetzer 
Kloster einmal abschaffen wollte, ertönte 
doch die Orgel zur bestimmten Zeit 19 ). 
In Altheim ist von Weihnachten bis 
Lichtmeß eine kleine Wiege in der Pfarr¬ 
kirche aufgestellt, in der eine Puppe als 
Christkindlein von den Kindern ge¬ 
schaukelt wird. Sie schlafen dann 
besser 2°). 

18 ) Tille Weihnacht 59 f. 62; Vogt Weih¬ 
nachtsspiele 144. 19 ) Müllenhoff Sagen 169 f. 

20 ) Pollinger Landshut 199. 

3. In einigen Kirchen werden Wiegen 
aufbewahrt, die von Frauen, die Nach¬ 
kommenschaft wünschen, geschaukelt 
werden müssen 21 ). Eine leere Wiege 
aber soll man nicht sch. Sonst nimmt 
man dem Kinde die Ruhe 22 ), oder es 
stirbt 23 ), wird krank 24 ), kriegt Leib- 



ioi9 


Schaum—Schaumkraut 


1020 


schmerzen oder Krämpfe 25 ), weint viel 26 ), 
wächst an 27 ), wird ein Dieb 28 ). Bei den 
Golden gilt es als große Sünde, die leere 
Wiege zu sch. Nur der Geist allein hat 
das Recht dazu, während man das Kind 
begräbt 29 ). Auch wenn zwei Personen 
zugleich ein Kind wiegen, hat dieses 
keine Ruhe oder stirbt 30 ). 

Wenn das Kind während der Taufe 
geschüttelt oder geschaukelt wird, so 
wird es ein Kleiderzerreißer 31 ). Man 
soll auch nicht in zweckloser Angewohn¬ 
heit mit den Füßen sch., sonst 
schaukelt man den Teufel oder läutet 

ihn aus 32 ) oder schaukelt seine Mutter 
ins Grab 33 ). 

21 ) Andree-Eysn Volkskundliches 57; Kriss 
Volkskundliches ol. altbayr. Gnaden Stätten IJJ. 
2Z ) Liebrecht Zur Volksk. 361 f.; Bartsch 
Mecklenburg 2, 33; Strackerjan 1, 49; ZfVk. 
L 189 ( 3 i); 27, 149; John Erzgebirge 55; John 
Westböhmen 107; Zingerle Tirol 4 (26). 

23 ) Vernaleken Mythen 353 (75); Reiser 
Allgäu 2, 232; Meyer Baden 44; Bohnen¬ 
berger 19; Schüller Progr. v. Schäßburg 
1863, 24 (20); Zingerle Tirol 4 (24); Volks¬ 
kunde 25 (1914). 132 f. 24 ) Birlinger Volkst. 
L 495 (8)» Ders. A. Schwaben 1, 393; Meyer 
Baden 44; Strackerjan 1, 49; Urquell 6, 173 
(Pommern, Rügen); Zingerle Tirol 4 (25); 
Strauß Bulgaren 385. 23 ) Nds. 22, 154 (Ammer¬ 
land). 26 ) Strauß Bulgaren 298. 27 ) Wolf 

Beitr. 1, 208 (43: Hessen). 28) Urquell 6, 175 
(Pommern). 29 ) Globus 74, 270. 30 ) Wolf 

Beitr. i, 208 (47: Hessen); Panzer Beitrag 
L 236 (116); Schüller Progr, von Schäßburg 
1863, 24 (20). 31 ) Engelien u. Lahn 1, 246 

(89); Toppen Masuren 82. 32 ) Urquell3 (1892), 
39 (Schlesien). Oben 3, 232. 33 ) Wuttke 308 
(452); ZfVk. 40 (1931), 282. 

4. In Besprechungsformeln werden 
Augenkrankheiten „geschaukelt“ = 
fortgestoßen (mhd. schoc, schocke = 
sch., Schaukel; vgl.franz choc = Stoß 34 )). 

34 ) Kuhn Westfalen 1, 206 f. (588); Hofier 
Krankheitsnamen 558, 

5. Naturgeister sch. sich: die indi¬ 
schen Gandharven und Apsarasen auf 
silbernen und goldenen Sch. an „laub- 
umlockten“ Bäumen 35 ), die russischen 
Rusalky auf Birkenkränzen, die man 
ihnen im Walde angebracht hat 36 ). 

3j ) Oldenberg Relig. d. Veda 248. 250. 252; 
Meyer Indogerm. Mythen 1, 89. 36 ) Zelenin 

Russische Volksk. 368. 369. 393; Grohmann 
Sagen 136. Sartori. 

Schaum. Wie das Waschen in fließen¬ 
dem Wasser (s. Fluß) oder Regenwasser 


i ( s * d-) güt auch das Waschen im Sch. 

dieses Wassers als heilkräftig. Es 
! hilft gegen Warzen 1 ), Sommerflecken 2 ), 
| Kopfweh 3 ). Von seiner Zauberkraft 
wird in der Rockenphilosophie (6 Kap. 3) 

; berichtet: „Einer hatte heimlich Vieh 
an einem heimlichen Orte bekommen; da 
er solches nicht los werden konnte, 
fragte er einen Mühlknecht um Rat. 
Dieser riet ihm, er sollte sehen, daß er 
Sch. aus einem fließenden Wasser kriegen 
könnte, und damit sollte er sich schmieren". 
Der Sch. eines gewissen Sees in Frankreich 
erzeugt, in Teiche oder Flüsse gegossen, 
alle Arten von Fischen 4 ). Schädlich 
wirkt der Sch. der Flut für den Hund, 
der davon trinkt: er wird toll 5 ). Zeigt 
sich auf dem Meerwasser Sch., sagt 
man in hrankreich, die Fee Amigna 
koche 6 ). — S. a. Milch. 

M SAVk. 25, 280; Manz Sargans 59. 61; 
Meyer Baden 548 (am Karfreitag); Sebillot 
Eolk-Lore 2, 380. 2 ) SAVk. 12 (1908), 151 

(Baselland); Stoll Zauberglaube 80. 3 ) Sey- 

farth Sachsen 237. 4 ) Sebillot a. a. O. 2, 456. 
5 ) Ebd. 2, 20. «) Ebd. 2, 16. Hünnerkopf. 

Schaumkraut (Wiesen-Sch.; Cardamine 
pratensis). 

1. Botanisches. Kreuzblütler mit 
unpaarig gefiederten Blättern und lila¬ 
farbigen (oder weißen), traubig an¬ 
geordneten Blüten. Das Sch. ist auf 
feuchten Wiesen überall häufig 1 ). 

1 ) Marz eil Kräuterbuch 251. 

2. Wenn im Frühjahr viel Sch. auf den 
Wiesen wächst, kommt später (im Herbst) 
eine Überschwemmung 2 ). Wenn es viel 
„Hungerblumen“ (Sch.) auf den Wiesen 
gibt, so gibts später wenig Heu 3 ), vgl. 
Hungerblümchen. Das Sch. zieht den 
Blitz an, man darf es daher nicht ab¬ 
reißen und ins Haus bringen 4 ), es heißt 
deswegen auch Wetterblume (Aalen), 
Gewitterblume (Unterfranken), Donner¬ 
blume (Nassau), Dundermaie (Schweiz), 
s. Gewitterblumen (3, 833). 

2 ) Wörnitztal: Orig.-Mitt. v. Herrlinger 1907; 
Schulenburg 268 = Brandenburg 112; Kro¬ 
aten von Themerau in Niederösterreich (hier ist 
nur von „weißfarbigen Blümchen" die Rede): 
ZföVk. 7, 237; Mar zell Bayer. Volksbot. 126. 

4 ) Fischer SchwäbWb. 6, 739; Marzell 

Bayer. Volksbot. 134; dagegen soll es in der 
Pfalz den Blitz abwehren (?): Wilde Pfalz 274. 





3. Wenn man das Sch. abreißt, dann 
pißt man ins Bett (Kinderglaube) 5 ), 
vgl. auch Hirtentäschchen, Löwenzahn. 
Der Glaube spielt wohl auf die (ver¬ 
meintlichen) harntreibenden Wirkungen 
des Sch.s an, wie er auch in den Volks¬ 
namen Bettsächer (Schweiz), -brunzer 
(bayer. Schwaben), Harnsamen, Grieß- 
blümel [Harngrieß] (Böhmerwald) zum 
Ausdruck kommt. Das Sch. wird mit 
anderen Frühlingspflanzen am Himmel¬ 
fahrtstag gesammelt, getrocknet und sorg¬ 
fältig auf bewahrt. Wenn im Laufe des 
Jahres ein Stück Vieh erkrankt, so wird 
ihm von diesen Kräutern ein Trank 
eingegeben 6 ). 

3 ) Oberbayern: Orig.-Mitt. v. Dietmeier 1907. 
•) Hessler Hessen 2, 220. Marzell. 

Schauspieler s. Nachtrag. 

Schauteufel (Schodüvel). Schwarz¬ 
vermummte Gestalten mit Hörnern und 
roten Zungen, die in niederdeutschen 
Städten des Mittelalters zu Weihnachten 
und Fastnacht herumliefen und die Leute 
neckten und ohrfeigten (Schodüvel lopen). 
Solche Vermummungen galten vielen als 
frevelhaft und konnten böse Folgen 
haben x ). 

l ) Seifart Sagen a. Hildesheim 2, 7 ff. 150 ff.; 
Schambach u. Müller 156 t. 356; Heck¬ 
scher 425; ZfrwVk. 3, 216 f.; KblNdSpr. 12 
(1887), 14; 13, 59. 73 ; 14 . 10.67t.; Schiller 
u. Lübben Mittelniederdeutsches Wbch. 4, 108ff. 
(Herleitung zweifelhaft; viell. von schuwen — 
scheuchen ?). Sartori. 

Scheere s. Nachtrag. 

scheeren s. Haar. 

Scheibenschlagen. 

1. Ein verbreiteter Frühlingsbrauch in 
Süddeutschland und in der Schweiz x ). 
Man läßt Holzscheiben anfertigen, etwa 
acht Zoll im Durchmesser, in der Mitte 
mit einem Loch, macht sie im Feuer 
glühend und wirft sie mit einer Rute 
oder von einem Brett aus, das man durch 
einen Schlag emporschnellt, mit mäch¬ 
tigem Schwünge in die Luft 2 ). Die 
Scheiben sind rund, viereckig, sechseckig 
oder am Rande ausgezackt 3 ). Doch 
kann auch jeder brennbare Gegenstand 
als „Scheibe“ verwandt werden, selbst 
Kartoffeln 4 ). Diese Scheiben werden 


angezündet und geworfen am Fastnachts¬ 
feuer, vor allem am Sonntag Invocavit 
(s. Funkensonntag) 5 ), an Laetare 6 ), 
am Osterfeuer 7 ), am Sonntag nach 
Ostern 8 ), am Mittsommerfeuer 9 ), am 
Abend vor Ulrichstag (4. Juli) 10 ). Das 
älteste Beispiel ist vom 21. März 1090 
überliefert, wo das Kloster Lorsch durch 
eine solche Wurfscheibe in Brand 
geriet 11 ). In nichtgermanischen Ländern 
scheint das Sch. nicht vorzukommen 12 ). 

2 ) Reuschel Volkskunde 2, 50; Fehrle 

Volksfeste 36; ZfVk. 3, 349 ff- 359 ; 4, 196. Der 
„ Scheibensonntag'‘ in der Eifel (Schmitz 
Eifel i, 24; Fontaine Luxemburg 61) ist wohl 
eine unrichtige Verhochdeutschung von Scheef- 
(Schöf-, Schoof-, zu Schaube = Strohbund) 
Sonndig: Wrede Eifeier Volksk. 210. 2 ) Meier 
Schwaben 380 f.; Reiser Allgäu 2, 96 f.; Panzer 
Beitr. 1, 211; Hörmann Volksleben 31h; 

Kapff Festgebräuche 13. 3 ) SAVk. 11, 247; 

Reiser Allgäu 2, 96. 97; Panzer 2, 538; 
Wolf Beitr. 1, 73. 4 ) Panzer 2, 241. 5 ) Sar¬ 
tori Sitte 3, 167 f.; ZfVk. 3, 350 ff.; 4, 195 i. 
6 ) Meyer Baden 211. 7 ) Sartori 3, 150 Anm. 
13; ZfVk. 3, 352; Wolf Beitr. 1, 73; Panzer 
Beitr. 2, 529. 8 ) Meier Schwaben 382 (23); 

Birlinger Volkst. 2, 105 f. 109. 9 ) ZfdMyth. 

3, 31; Franzisci Kärnten 77 L; Grimm 

Mythol. 3, 177; Wolf Beitr. 1, 73; Sartori 3, 
228 Anm. 31. 10 ) ZfVk. 5, 420. u ) Ebd. 3, 349. 
12 ) Ebd. 4, 196. 

2. Jede der abgeschleuderten Scheiben 
wird mit einem Spruche einer bestimmten 
Person als Ehrung gewidmet, vor allem 
der Geliebten 13 ). Je höher sie fliegt, 
desto ehrenvoller für die Person, der sie 
gilt 14 ), desto größer die Liebe des 
Werfenden 15 ). Die Mädchen zeigen 
sich durch Kuchen und Ostereier erkennt¬ 
lich, auch sammeln die Burschen bei den 
Geehrten Gaben ein 16 ). Doch werden 
auch Scheiben zum Unglimpf und zur 
Beschämung anderer geschlagen, nament¬ 
lich unbeliebter Mädchen 17 ). Hier und 
da werden beim Wurfe alle heimlichen 
Liebschaften ausgerufen 18 ) und Ver¬ 
gehen gerügt, die den ordentlichen Ge¬ 
richten entgangen sind 19 ). In Schelingen 
(Kaiserstuhl) schleudert man die bren¬ 
nende Scheibe über des Feindes Haus 20 ). 
Die erste Scheibe gilt oft der h. Drei¬ 
faltigkeit 21 ). In Naunders (Tirol) 
trieb dagegen mal einer dem Teufel 
eine Scheibe, die einen unabsehbaren 
Bogen machte 22 ). Aus der Bahn der 




1023 


Scheide— Scheinhandlung 


1024 


Scheibe, ihren Wendungen, der Höhe 
und Schönheit ihres Bogens kann man 
Schlüsse auf das Glück des Werfenden 
wie auch des mit dem Wurfe Geehrten 

ziehen 23 ). Auch Wünsche für die Frucht¬ 
barkeit des Jahres werden beim Wurfe 
ausgesprochen 24 ). Brandreste der Schei- 
I man in den Flachsacker 25 ). 

In der Schweiz lebt noch der Glaube, 
daß das Fastnachtsfeuer als „Heiden¬ 
feuer“ keine Entzündungsgefahr in sich 
berge und daß eine an der alten Fast¬ 
nacht geschlagene Scheibe nicht imstande 
sei, etwas in Brand zu setzen 26 ). Man 
erzählt sich aber auch unheimliche Ge¬ 
schichten vom Sch., das Dämonen 
zwingt sich zu zeigen 27 ). Über Mitter¬ 
nacht wagte man das Sch. nicht aus¬ 
zudehnen aus Furcht vor dem Bösen 28 ). 

Das Sch. ist wie das Fastnachtsfeuer 
überhaupt nicht ohne christlich-religiöse 
Beeinflussung geblieben 29 ). Ursprüng¬ 
lich mag es wohl einen Zauber darstellen, 
der auf den Gang der Sonne einwirken 
soll 30 ). Doch liegt auch die Absicht der 
Vertreibung von Hexen und bösen Geistern 
nicht fern 31 ). Manchmal wird auch 
während des Sch.s geschossen 32 ). 

13 ) Meyer Baden 215; Panzer Beitr. 2, 539; 
zfVk - 3 , 362 fk; Sartori 3, 107! **) Meyer 

Baden 213. **) Birlinger Volkst. 2, 61. 

*> Sartori 3, 108 Anm. 74; ZfVk. 9, 350; 

Reiser Allgäu 2, 100 f. 17 ) Panzer Beitr. 

2, 240 t. 341; Franzisci Kärnten 78; Meyer 
Baden 215; Hörmann Volksleben 33. 121; 
ZfV k. 3, 365. 18 ) Mannhardt 1, 456; ZfVk. 3! 
365- 19 ) Panzer 1, 210; Reiser 2, 98; ZfVk! 

3 » 365» 20 ) Meyer Baden 216. 21 ) Panzer 2, 539■ 
Meyer Baden 215; ZfVk. 3, 363 f. 22) Panzer 
2 39 ^ ZfVk. 3, 360. 23 ) Jahn Opfergebr. 91; 

Panzer 2, 539 h; ZfdMyth. 3, 31; ZfVk. 3! 
366 ff. 24 ) j ahn opfergebr. 90; Zingerle 
lirol 140 (1225); Hoffmann-Krayer 136. 

) Jahn Opfergebr. 92. 26) jyjanz Sargans 38. 

') Alpenburg Tirol 356h; Zingerle Tirol 
140; ZfVk. 3, 360. 361 f. 28 ) Hörmann Volks¬ 
leben 34; Zingerle Tirol 140f.; Hmtl. 13 (1926), 

- 3 - B# ) ZfVk. 3, 360. 30 ) Helm Religgesch. 1, 
176. 186 f.- Frazer 10, 334. si) ZfVk 3 36i . 

vÜf Zer IO ' 345 - 32 ) ^ e * er Schwaben 2, 382; 

ZfVk. 4, 196. 

3. Ein weitverbreitetes Spiel ist auch 
das Werfen (Rollen, Tröndeln, Tru(n)seln, 
im Elsaß und in der Schweiz Humussen) 
nicht brennender Holzscheiben auf 
dem Erdboden 33 ). 


33 ) Rochholz Kinderlied 452 h; Kück u 
Sohnrey 288 f.; Sartori Westfalen 156. 

s. a. Rad. 

. Sartori _ 

Scheide s. Grenze. 

Scheidegänger s. Grenze. 

Scheidung s. Ehe. 

I Scheinhandlung (= Sh., Schein = S.). 
Sh.en begegnen in verwandter Gestalt, 
doch mit verschiedener Absicht im älteren 
Rechtsleben wie im altertümlichen Volks¬ 
brauch, welchen beiden Bezirken auch 
in dieser Hinsicht eine gleiche Gebärden¬ 
sprache eigentümlich ist. 

1. Recht. Das alte deutsche Recht 
ist gleich dem englischen und dem nor¬ 
dischen Rechte stets bestrebt gewesen, 
die einmal gebildeten Rechtsformen zu 
erhalten, auch wo sie haben ergänzt, 
durchbrochen oder neu gestaltet werden 
müssen. Eine bewußt oder unbewußt 
sinnlos gewordene Rechtshandlung 
hat daher oft als Sh. oder S.leistung 
fortgelebt ! ). Als solche Sh.en, unbeholfene 
Rechtsmittel also, weder Aberglaube noch 
Aberrecht, kennen alte Rechtssitten den 
S.preis der Verlobungsgabe des 
Bräutigams, der ursprünglich an den 
Gewalthaber der Braut zum Abkauf der 
Munt gezahlt wurde 2 ), das spätere Hand¬ 
geld, Ringgeld oder Arrha, vgl. 4, 1138 ff. 

Neben solchem unbewußt verblaßten 
Rechtsbrauch 3 ) stehen Sh.en, welche 
bewußt die (überholte) Form täu¬ 
schend wahren, statt ein Aus¬ 
nahmerecht zu schaffen, als wie 
| die S.trauung mit dem unmittelbar 
vor der Hochzeit gestorbenen Manne, 
um der Frau die durch das Beilager be¬ 
dingte ehegüterrechtliche Stellung der 
Witwe zu verschaffen 4 ); der S.lohn als 
unbeträchtliche Gegenleistung für eine 
Schenkung, um nicht den germanischen 
Grundsatz der Entgeltlichkeit aller recht¬ 
lich belangreichen Verträge zu durch¬ 
brechen 5 ); der S.prozeß, auch S.zwei- 
kampf, gegen einen Toten, um auch bei 
der Durchführung der Straflosigkeit der 
Tötung eines friedlosen Verbrechers auf 
handhafter Tat nicht zu einer Ausnahme 
greifen zu müssen 6 ). Daher wurden im 
Rechtsleben des deutschen Mittelalters 


1025 


Scheinhandlung 


1026 


* 


S.wergeld und S.buße (Schattenbuße) 
«um regelmäßig geübten, umständlichen 
Mittel, um in gewissen Fällen Bußlosigkeit 
auszudrücken, so einerseits, durch die 
Tat begründet, bei der Tötung oder Ver¬ 
letzung eines nächtlichen Heimsuchers, 
Einbrechers oder Lauschers, Ehebrechers, 
Ächters 7 ), andrerseits, durch die Person 
begründet und ironisch her ab würdigend, 
eines Rechtlosen, z. B. eines Spielmanns, 
Gauklers, Bettlers, Landstreichers, auch 
eines unehelich Geborenen und später 
eines Henkers 8 ). Auch wenn im 15. und 
16. Jh. eine Todesstrafe aus Gnade ge¬ 
mildert werden sollte, schritt man zur 
S.s träfe als wie einer Hinrichtung des 
Schattens des Verurteilten oder einer 
gespielten Verstümmelung 9 ). Ähnlich er¬ 
scheint, wo eine inhaltlose Berechtigung 
dargestellt werden soll, besonders in der 
Bildersprache der bäuerlichen Weistümer, 
ein S.recht, das oft als Verspottung 
des rechtlos Gewordenen wirkt, wenn 
etwa einem Grundherrn als Nutzungs¬ 
recht an einem Walde nur ein Reis oder 
einen Kranz um den Hut zu brechen 
gestattet wird 10 ). 

Die alte rechtliche Sh., welche ein 
von den vorgetäuschten Formen ab¬ 
weichendes Recht gestalten will, ist durch¬ 
aus zu unterscheiden von der verwandten 
symbolischen Rechtshandlung, die 
einen geistigen Vorgang versinnbildli¬ 
chend zu unterstreichen sucht 11 ), erst 
recht natürlich von dem betrügerischen, 
heimlichen S.geschäft 12 ). 

A) Vgl. O. Peterka Das offene zum Scheine 
Handeln im dt. Rechte des MA. 1911. 2 ) Ebd. 
yü. (langobard. u. salisch); Kondziella Volks¬ 
epos 115; ZRG. germ. 47 (1927), 203; zum 
Problem des S.raubs der Braut u. der S. kämp¬ 
fe auf der Hochzeit vgl. ZfvglRw. 5, 338; 12, 
129fr; Bächtold Hochzeit 1, 197h; s. o. 1, 1526. 
2, 571 f. 4, 157 k 955 k 3 ) Vgl. auch die zum 
S.begräbnis abgeschwächte Totenfolge des 
nord. Blutsbruders (Egilssaga einhendar c. 6; 
Gislasaga c. 14.), ZfvglRw. 34, 49 ®* 53 *k 
4 ) Peterka 11 (spätfränk.); Sh.en sind in ge¬ 
wissem Sinne alle Rechtsgeschäfte mit Toten, 
s. °- 7 » 554 ; zur Totenhochzeit, bes. vorgeschichtl. 
u. slaw., vgl. O. Schräder Totenhochzeit i 9 ° 4 - 
*) Peterka i2f. (nord., langobard.); zum 
S.pfand bei Vertragsabschlüssen (Kauf u. Ver¬ 
kauf) vgl. ebd. 13fr.; Schröder Lehrbuch d. dt. 
Rechtsgeschickte* 322k 331; ZRG. 13 (1878), 
220; s. o. 4, 11380. •) Peterka 32h. (dt. u. 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII. 


nord.); ma. S.prozeß bei der Eigentumsüber¬ 
tragung, ebd. 2ifk; Schröder Rechtsgeschichte 
6 310. 7 ) Ebd. 37fr (auch nord.); O. Gierke 
Der Humor im dt. Recht (1871) § 12 S. 33ff.; 
Grimm RA. 2, 253k; Schröder Rechts¬ 
geschichte 6 505; E. Goldmann Ruoda (1923) 
10; R. His Strafrecht d. dt. MA. 1, 66k 205. 
280. 288k 4i8;Wilutzky Recht 3, 35; JbhistVk. 
1, ii3fk; ZRG. 45 (1925), 487; Liebrecht 
Zur Volksk. 33; Zachariae Kl. Sehr. 168ff. 
8 ) Amira Grundriß 146. 246: Peterka .420.; 
Grimm RA. 2, 2510. 346. 348; ZRG. 29 
(1908), 334ff.; ZfVk. 17, 461. 9 ) Grimm 

RA. 2, 252; Lieb recht a. a. O. 424. 10 ) Peterka 
18; Gierke a. a. O. § 11 S. 3off. 37ff.: Bei¬ 
spiele der S.erfüllung erloschener Verbindlich¬ 
keiten. n ) Peterka 47k; vgl. Recht § 3. 
12 ) Man denke auch an den S.eid, abgeleiteten 
Eid, Eidtäuschung, s. o. 2, 668ff.; 6, 122. 

2. Sitte. Der Absicht der symbo¬ 
lischen Rechtshandlung kommt die ma¬ 
gische Sh. nahe, der Analogie-Hand¬ 
lungszauber 13 ). Über diese Ähnlich¬ 
keitszauber hinaus gibt es magische Sh.en, 
wo wie bei jenen S.vorgänge an die Stelle 
wirklicher Vorgänge treten, doch nicht 
um eine gleiche oder symbolisch über¬ 
tragene Wirkung zu erzielen, sondern um 
eine allgemeine zauberische Segnung aus¬ 
zulösen. Hierher gehören die S.opfer 
der Fruchtbarkeitszauber als wie die 
S.tötung (S.hinrichtung) des Maikönigs, 
des Pfingstl 14 ), während die S.kämpfe 
zwischen Sommer und Winter 15 ) oder 
die S.hochzeit eines mythischen Braut¬ 
paars im Mai 16 ) als bestimmte agraxische 
Analogiehandlungszauber erscheinen. Ei¬ 
nen andern, ebenfalls segnenden Sinn 
enthält die S.hochzeit der Begräbnis¬ 
bräuche verstorbener Lediger 17 ). Bei 
der Aufnahme des jungen Menschen in 
den Männerbund stellt die S.tötung eine 
Verwandlung dar 18 ). 

Der S.verkauf eines kranken oder 

/ 

schlecht gedeihenden Haustiers an einen 
Nachbar (auch die Frau oder ein Kind), 
also ein vorgetäuschter Besitz Wechsel, übt 
eine magische Stärkung auf das ver¬ 
handelte Tier aus 19 ). Wiener Kinder¬ 
glaube berichtet von „den Polnischen“, 
daß sie dementsprechend auch ein tod¬ 
krankes Kind zum S. verkaufen, weil dann 
der Todesengel sich nicht auskenne 20 ). 
Hier ist offenbar eine Dämonentäu- 
s c h u n g beabsichtigt. Die gleiche Zauber¬ 
wirkung bezwecken auch manche irre- 


33 


1027 


Scheinkampf — Schellkraut 


1028 


führenden Hochzeitsgebräuche wie 
Kleiderlisten, Brautunterschiebungen, S.- 
eheschließungen und S.gefechte am Hof 
des Hochzeitshalters 21 ), lauter Sh.en, die 

den gleichen Sinn haben wie die afri¬ 
kanischen S.gräber und S.leichen, welche 

ebenfalls gefährliche Dämonen ablenken 
sollen 22 ). 

13 ) S. o. 1, 385t. 39iff. u. Adoption 1, 194t., 
Scheingeburt, durchkriechen 2, 503 k 14 ) Frazer 
4 » 214h.; s. o. 2, 856h; 5, 1512. 1524. 1536; 
6, 168; vgl. die nord. S.opferung Wikars durch 
Starkad zur Erlangung eines günstigen Fahr¬ 
winds, Gautrekssaga c. 7, Palaestra n, Ein¬ 
leitung S. 100 f. «) S. d. und 4, 122 ff. 953 ff. ; 
vgl. Mannhardt r, 548«.; Sartori Sitte u. 
Brauch 3, 120C 124. 165. 179. 191. 202. 234t.; 
Becker Pfalz 304ff.; O. Höfler Kult . Geheim¬ 
bünde d. Germanen (1934) r 54 Ü- 16 ) Vgl. 

5 > I 524f., aber auch auf der pfälz. Kerwe 
Becker Pfalz 332. ») S. o. 5, ioo8f.; vgl.' 

Leichenwache 5, mof. «) Vgl. Initiation 
4» 688. 854 f.; die S.tötung beim Schwerttanz, 
Naumann Gemeinschaftskultur 134 u. Weiser 
Jünglingsweihen 84; S.aufhängungen als Ini¬ 
tiationsritus, Weiser a. a. O. 79f. «) Drechs¬ 
ler 2, 118; Urquell 4, 116; Toppen Masuren 
98 = Sartori Sitte 2, 143; Seligmann Blick 

U 336,' offenbar nicht dt., sondern slaw. Ur¬ 
sprungs. 20) WZfVk. ^ ?5 . s Q ^ ij8i 

) Samter Geburt 98h. 106; ZfvglRw. 21 
(1908), 2 6 7 ff. {Die S.ehe in europ. Hochzeits- 
brauchen); 31 (1914), 321g. 34 of. ; Naumann 
Grundzüge 84; HessBl. 27, i 54 f.; s. o. 4, i 7 of. 
1512 und Anm. 2 dieses Artikels. «) Frazer 
fi. Müller-Bergström. 

Scheinkampf s. Nachtrag. 

scheintot. Die Furcht, scheintot be¬ 
graben zu werden, ist heute bei manchen 
Leuten noch groß, und es werden etwa 
einmal Fälle erzählt, wo die Gefahr im 
letzten Augenblick noch abgewendet wer¬ 
den konnte. Der Gedanke hat auch einen 
Dichter wie Gottfried Keller beschäftigt 

und zu seinem Gedicht „Lebendig be¬ 
graben“ angeregt. 

Auch im Volksglauben taucht der 
Scheintote auf. Man erzählte sich Ge¬ 
schichten von S.en, die man mit zerfleisch¬ 
ten Gesichtem und Händen gefunden l ), 
oder von einer Wöchnerin, die man noch 
lebend ausgegraben, die noch ein paar 

Jahre gelebt, aber weiße Haare gehabt 
habe 2 ). 

Man glaubt, wenn ein S.er wieder auf¬ 
lebe, müsse er doch bald sterben 3 ). Man 
soll einen beerdigten S.en nicht wieder 


ausgraben, da, soweit er schauen möchte, 
die Felder unfruchtbar würden 4 ). Wieder¬ 
kehrende S.e lachen nicht mehr 5 ). Man 
verlobte sie irgend einem Heiligen 6 ), man 
habe sie nochmals getauft 7 ). Man glaubte, 
eine Verstorbene sei nur s„ als beim 

Leichenzug die Pferde nicht mehr vor¬ 
wärts wollten 8 ).. 

Weit verbreitet ist die S.e in Sagen. 
Meist ist es eine Frau, die mit Kleinodien 
begraben wird. Als der Totengräbei aber 
diese rauben will, erwacht sie und kehrt 
zurück 9 ), oder es ist das romantischere 
Motiv von der scheintoten Braut 10 ). 

)Krünitz Encycl. 73, 157 ff. 2 ) Graubünden 
“‘-/gl. Höh “ Tod 356. 5 ) Urquell 1, 9. 

) Zfo\ k. 3, 216. 5 ) ZrwVk 23 13-» 13c 

!> YT 6 , 1 , 1 2 ' 90 f - ? ) Krünitz Encycl. 73, 181.' 

) Schell Berg. Sagen 45. 9 ) L le brecht ZVk 

H h'' Z -PT 2 °; ? 53 2I ’ 282; 3°/32, 127 ff.; 

Hohn 356 f.; Gering Isl. Aev. 2, 171; 
Kr umtz Encycl. 73, 159; Müller Uri 1, 17 • 
Keller Grab 4 . 143 f. u») Liebrecht a. a. O.j 
ZfVk 20, 353 ff.; Krünitz Encycl 73, 707. 

Scheitorakel s. Holzscheitorakel 4 
2 79 

Schelle s. Glocke. 

Schellenmoritz s. Mauritius 6, 31. 

Schellfisch (Gadus aeglefinus). 

i* ^ er Hecht (s. d.), so hat nach 
der niederrheinischen und vlämischen 
Volksmeinung der Sch. die Leidens¬ 
werkzeuge Christi im Kopf 1 ). 

* j Beitr. 2, 458 (N.-Rhein); Dähn- 

hardt NS. 2, 297. 

2. In Vlamland, Holland und Deutsch¬ 
land werden Legenden erzählt, nach 
denen der Name Sch. („Schelmfisch* 1r ) 
und gewisse Eigenheiten am Körper von 
dem schwierigen Fang oder dem Anfassen 
durch Petrus hergeleitet werden 2 ). 

*) Ebd * ff.; ZfdMyth. 2, 315; Wolf 
Beitr. 1, 139. 140; 2, 461; Kuhn u. Schwartz 

302. 505 (mit weiterer Lit.); Grässe Preußen 
2, 1008. ' 

3 - Ir der isländischen Volksmedizin 
wird die Galle gegen das Ohrsausen ver¬ 
wendet 3 ), die Leber gegen verschiedene 
Krankheiten 4 ). 

r u H ^ fler 0 r g an °therapie 227 (H. sagt fälsch¬ 
lich „Ohrwurm”). *) Ebd. 190. 

Hoff mann- Krayer. 

Schellkraut (Goldwurz, Warzenkraut; 
Chelidonium maius). 


IO29 


Schellkraut 


1030 


1. Botanisches. Die Blätter des 
Sch.s sind gefiedert (die oberen fieder- 
spaltig), auf der Unterseite sind sie blau¬ 
grün. Die Blüten besitzen vier goldgelbe 
Blütenblätter. Die ganze Pflanze enthält 
einen gelblichroten, etwas ätzenden Milch¬ 
saft, der vom Volk gern zum Betupfen 
der Warzen benutzt wird. Das Sch. ist 
an Mauern, an Zäunen, in Hecken, auf 
Schutt usw. überall häufig 1 ). In der 
volkskundlichen Literatur und in alten 
Schriften wird das Sch. manchmal mit 
dem Türkenbund (s. d.), der ebenfalls 
,,Goldwurz“ heißt, verwechselt. 

*) Marz eil Kräuterbuch 343 h; Heilpflanzen 
55 — 61; Hovorka u. Kronfeld i, 385 f.; 
Archivum Romanicum 7 (1923), 275 — 287 

(die romanischen Volksnamen und verschie¬ 
denes Volkskundliches.) 

2. Das Sch. war in früheren Zeiten als 
Heilkraut hochgeschätzt. Ob das yeXiSo- 
vtov der Alten 2 ) wirklich unsere Art war, 
ist zweifelhaft, jedenfalls aber hielten es 
die mittelalterlichen Ärzte dafür. Die 
hohe Wertschätzung der Pflanze geht 
schon daraus hervor, daß man „cheli¬ 
donium“ („Schwalbenkraut“, weil es mit 
der Ankunft der Schwalben erblüht und 
bei deren Wegzug verwelkt, nach Theo- 
phrast und Plinius; vgl. auch unten) als 
„coeli donum“ (= Himmelsgeschenk) 
deutete 3 ). Wegen der gelben Blüten 
und vor allem wegen des gelben Milch¬ 
saftes gilt das Sch. seit den ältesten Zeiten 
als Mittel gegen Gelbsucht 4 ), so schon 
bei Dioskurides und bei (Pseudo-)Apu- 
leius: „ad auriginem Herbam celidoniam 
tritam ex aqua bibat, miraberis“ 5 ). In 
der Sympathiemedizin der neueren Zeit 
heißt es oft, man müsse gegen Gelbsucht 
die Blätter des Sch.s in die Schuhe legen 
und darauf gehen 6 ), auch in der Tasche 
wird es getragen 7 ). In der Gegend von 
Tuttlingen schüttet man an 3 Freitagen 
vor Sonnenaufgang den Urin des Gelb¬ 
süchtigen an das Sch. und spricht: 

Schöllkraut, ich tränke dich, 

Gelbsucht, ich senke dich in den Boden 8 ). 

In Niederbayern werden 9, 7, 5, 3 Sch.- 
wurzeln und ebenso viele Wachsbröck- 
chen von einem zu Lichtmeß geweihten 
Wachsstöckel in einen Fleck eingenäht, 
-der rückwärts zwischen den Schulter¬ 


blättern auf den bloßen Körper gehängt 
wird. Täglich sind so viele Vaterunser 
zu beten als Wurzeln eingenäht sind. 
Nach 9 Tagen wird dann das Päckchen 
rückwärts ins Wasser geworfen 9 ). Übri¬ 
gens kann die Wirkung des Sch.s bei 
Gelbsucht z. T. physiologisch begründet 
werden 10 ). Ebenso beruht es wohl auf 
der Signaturenlehre, wenn man in der 
Pfalz den Kühen, die rote Milch geben, 
Sch. verabreicht 11 ) und wenn es gegen 
den „Rotlauf“ gebraucht wird 12 ). Auch 
als Warzenmittel (s. unter 1) wird es 
nicht selten auf abergläubische Weise 
gebraucht 13 ). Das Sch. muß zu diesem 
Zweck bei abnehmendem Mond 14 ), am 
besten am Freitag 15 ), auf einem Kirch¬ 
hof 16 ) gepflückt werden. Man betupft 
die Warzen mit dem Sch.safte während 
einer Beerdigung 17 ), auch darf man die 
Warzen nach dem Betupfen nicht an¬ 
schauen 18 ). Warzenähnliche Aufschwel¬ 
lungen (Stengelknoten?) des „Warzen¬ 
krautes“ (Sch.) finden in der Weise Ver¬ 
wendung, daß jene, in einer der Zahl der 
Warzen entsprechenden Menge, im „Wei- 
chiband“ (die Hose nach oben abschlie¬ 
ßender gurtähnlicher Saum) eingenäht 
getragen werden 19 ). Eine Hs. des 15. Jh.s 
bringt als Rezept gegen den „Frörer“ 
(= kaltes Fieber) 2°): Nim schelkrautt und 
legs in die schuch zu früe for der sunnen 
drei dag nacheinander und drit in dreien 
tag auf kain loß ertreich mit kein Fuß. 
Es hilft 21 ). Dieses Fiebermittel ist auch 
jetzt noch bekannt 22 ). Schon in der An¬ 
tike wurde das ^eXiooviov gegen Augen- 
krankheiten angewendet 23 ). Dioskuri¬ 
des 24 ) und Plinius 25 ) berichten, daß die 
alten Schwalben („Schwalbenkraut“, vgl. 
auch oben!) ihre erblindeten Jungen da¬ 
mit heilten 26 ). „Wenn den jungen swal- 
ben die aügel we tuont, so pringt in die 
muoter ain kraut haizt celidonia, daz ist 
schellkraut, wann daz ist guot zuo den 
äugen“ 27 ). Besonders wandte man das 
Sch. gegen das „Fell“ in den Augen 
(pterygium) an 28 ). Gegen trübe Augen 
steckt man Sch.wurzel mit einer Kletten¬ 
wurzel in ein Säckchen und hängt es 
sich um den Hals 29 ), oder legt Sch.blätter 
in die Schuhe 30 ). Ferner sollte die am 

33* 


I 


1031 

Hals getragene Sch.Wurzel ein Mittel gegen 
Pest sein 31 ). Das Zittern der Hände 
wird beseitigt, wenn man diese in einem 
Absud des Sch.s badet 32 ). Nach einer 
Aufzeichnung des 18. Jh.s aus dem Ziller¬ 
tal muß das Sch. als „Schwindwurz“ 
nackt gegraben werden. Es darf nicht 
mit bloßer Hand angerührt werden. Zu¬ 
sammen mit dem „Schwindholz“ (s. Esche 
2, iooi Anm. 52) und Kirchhof erde (s. d.) 
wird es in einen ledernen Beutel getan, 
der dem schwindsüchtigen Menschen oder 
Vieh umgehangen wird 33 ). Ein altes 
handschriftliches Arzneibuch läßt die 
„Schwindwurz“ an einem Freitag im 
Neumond vor Sonnenaufgang graben. 
Wer das Schwinden hat, muß 7 oder 
9 Wurzeln an einem Freitag, wenn man 
„Schiede läuth“ (11 Uhr vorm.), um¬ 
hängen 34 ). Das Sch. soll gegen Schlangen¬ 
bißgut sein 35 ). Sch. gestoßen mit Schweine¬ 
fett und Honig zu einer Salbe vermengt 
auf ein Pflaster geschmiert und über den 
Kropf gelegt, vertreibt ihn 36 ). „Für die 
Ruhr des Viehes“ muß man Sch. an einem 
Freitag vor Sonnenaufgang graben 37 ). 
Eine „Sympathiekur“ gegen verschie¬ 
dene Krankheiten (z. B. Gicht) besteht 
darin, daß man zu einer ungeraden Stunde 
drei Sch.pflanzen mit der Wurzel aus¬ 
gräbt und in ein Bündelchen schnürt. 
Dies wird um den Hals gehängt und dann 
gewartet, bis die drei Pflanzen vertrocknet 
sind 38 ). Wird der Kranke, dem man 
„Schielkraut“ (= Sch.?) unters Haupt¬ 
kissen legt, heiter gestimmt, so genest 
er 39 ), vgl. Eisenkraut (2, 738), Türken¬ 
bund. Wenn man Sch. unter dem linken 
Fuß trägt, wird man beim Wandern 
nicht müde 40 ), ein Glaube, der sonst 
vom Beifuß (1, 1007) gilt. Eine alt¬ 
englische Beschwörung des Sch.s („celan- 
dine“) gegen Hämorrhoiden hat stark 
christlichen Einschlag 41 ). Die Beziehung 
zu den Hämorrhoiden ist wohl in dem 
rötlichgelben Milchsaft des Sch.s zu 
sehen. Wegen dieses Milchsaftes wurde 
das Sch. auch gebraucht, um den Kühen 
die „verlorene Milch“ wieder zu bringen 42 ). 
Der Cod. Sangall. 44 (9. Jh.) gibt Sch. 
in Wein, „si mulieri lac defugit“ 43 ). 
Vielleicht wirkt hier auch der Glaube 


1032 

an apotropäische Eigenschaften des Sch.es 
(das Versiegen der Milch ist ein Werk 
der Hexen!) mit. Sch.blumen sind ein 
Bestandteil eines „Balsams gegen alle 
Zauberei“ 44 ). Auch bei den Letten 
spielt das Sch. als Mittel gegen Hexen 
im Haus eine große Rolle und wird 
deshalb auch „Hexenkraut“ genannt 45 ). 
In Italien ist das Sch. eine Zauber¬ 
pflanze 46 ). 

2 ) Theophrast Hist, plant. 7, 15, 1; Dios- 
kurides Mat. med. 2, 180; Plinius Nat. hist. 
25, ^9- 3 ) Vgl. Gubernatis Plantes 2, 64. 

4 ) Vgl. auch Frazer 1, 79 ff. 5 ) Corpus 
Medic. Lat. 4 (1927), 134. 6 ) z. B. Lammert 
249; Martin u. Lienhart Elsäss . Wb. 1, 532; 
Manz Sargans 81; Ulrich Volksbotanik 14; 
MnböhmExc. 20, 130; Wart mann St. Gallen 
21; Zimmermann Volksheilkunde 46. 

7 ) Tschirch-Festschrift 1926, 258. 8 ) Höhn 

Volksheilkunde i, 108. 9 ) Marz eil Bayer. 
Volksbot. 169. 10 ) Netolitzky Die Volksheil¬ 

mittel gegen Wassersucht und ihre Deutung. SA. 
aus Pharm. Monatshefte. Wien 1921, 13. 11 ) Wil¬ 
de Pfalz 225; bei den Letten gegen das Blut¬ 
harnen der Kühe: Histor. Studien aus d. phar- 
makol. Inst. d. Univ. Dorpat 4 (1894), 241. 
12 ) Mar zell Bayer. Volksbotan. 155. 13 } Vgl. 

auch Frankenland 1915, 239. 14 ) Tirol: Zs. 

D.-ö. Alpenver. 17 (1886), 225. 15 ) ZfrwVk. 3 

(1906). 231. 16 ) ZfdMyth. 4, 115. 17 ) Marzell 
Bayer. Volksbot. 152. 18 ) Andrian Altaussee 

137. 19 ) Manz Sargans 60. 20 ) Höfler Krank¬ 
heit snamen 169. 21 ) Birlinger Aus Schwaben 

1, 462. 22 ) Marzell Bayer. Volksbot. 165; 

Schneider Heilmittel u. Heilbräuche im Saar¬ 
gebiet 1924 31. 23 ) z. B. auch bei (Pseudo-) Apu- 
leius: Corp. Med. Lat. 4 (1927), 133. 24 ) Mat. 

med. 2, 180. 25 ) Nat. hist. 25, 89. 26 ) Vgl. 

auch Grimm Myth. 3, 193. 27 ) Megenberg 

Buch der Natur, ed. Pfeiffer 200. 28 ) Pfeiffer 

Arzneibücher 145; Thesaurus pauperum 1576, 
25 v. 29 ) Schullerus Pflanzen 385; vgl. auch 
Rhiner Waldstätten 11; auch bei Pferden an¬ 
gewendet: Zahler Simmenthal 189. 30 ) SAVk. 
12, 152. 31 ) Schroeder Apotheke 1693, 928; 

Brauner Thesaurus Sanitatis 1728, 3, 315; vgl. 
ZfrwVk. 11, 169 (Solingen). 32 ) MittnböhmExc. 
20, 132. 33 ) Schrank u. Moll Naturhist. 

Briefe 2 (1785), 363. 34 ) Höhn Volksheilkunde 
I, 95 - 35 ) um Jena: Verh. Bot. Ver. Prov. 

Brandenburg 64 (1922), 62. 36 ) MnböhmExc. 

20, 132; der Glaube geht offenbar auf Plinius 
Nat. hist. 26, 24 zurück. 37 ) Zahler Simmen¬ 
thal 189. 38 ) Ma.r zell Heilpflanzen 60. 39 )Roch- 
holz Glaube 1, 213. 40 ) SAVk. 19, 218. 

41 ) Cockayne Leechdoms 3, 39; Payne Engl. 
Med. in the Anglo-Saxon times 1904, n6f. 

42 ) Paullini Baurenphysik 1711, 135; (Pachel- 
bel) Beschreibung des Fichtelberges 1716, 155; 
Wilde Pfalz 225 (zusammen mit Gundermann, 
s. d.). 43 ) Jörimann Rezeptarien 19. 44 ) Selig- 


1033 

mann Blick 2, 103, vgl. auch ebd. 1, 39b. 
45 ) Hist. Stud. aus d. pharmak. Inst. Univ. 
Dorpat 4 (1894), 174. 46 ) ATradpop. 4, 171. 

3. Der Glaube, daß derjenige, der ein 
Maulwurfsherz und Sch. bei sich trägt, 
jeden Feind überwindet 47 ), ist kein 
deutscher; er entstammt wohl der ge¬ 
lehrt-magischen Literatur 48 ). Das „Nagel¬ 
kraut“ (wohl fälschlich als Sch. gedeutet; 
s. Habichtskraut 3, 1296) gräbt man am 
Karfreitag vor Sonnenaufgang. Die 
Wurzel eröffnet dem Träger die Orte, 
wo Schätze verborgen sind 49 ). Viel¬ 
leicht denkt man bei der gelben Blüten¬ 
farbe an das Gold (vgl. auch den Namen 
„Goldwurz“ für das Sch.). 

47 ) Grimm Myth. 3, 232; Sterzinger Aber¬ 
glaube 177; Alpenburg Tirol 399; ZfVk. 8, 41; 
Wirth Beiträge 4/5, 31. 4S ) Albertus Magnus 
1508, cap. 4; vgl. auch Mizaldus Memorab. 
Cent. 1592, 63. 4Ö ) John Westböhmen 227. 

Marzell. 

Schelmwurz s. Nieswurz. 

scheiten, schimpfen. 

1. Während der Fluch (s. d.) dem 
Wunsche und der Absicht entspringt, auf 
einen andern durch Vermittlung über¬ 
menschlicher Wesen oder durch magische 
Kraft Wirkung Unheil herbeizulenken, 
wirkt das bloße S. unter Anwendung be¬ 
leidigender Worte und grober Drohungen 
mehr in rein menschlicher Weise auf einen 
Gegner ein und zwingt ihn zum Nach¬ 
geben oder zum Weichen. Es gehört 
also zu den mancherlei Lärmmitteln, mit 
denen auch feindliche Geister einge¬ 
schüchtert und unschädlich gemacht 
werden können. Freilich gehen S. und 
Fluchen nicht nur im Ausdruck, sondern 
auch in der Absicht oft ineinander 
über 1 ). 

Auf den Nikobaren schimpft man die 
bösen Geister aus den Wohnungen her¬ 
aus 2 ). Während bei den Chams in Kam- 
bodja und Annam der Tote verbrannt 
wird, erfüllt ein Mann das Sterbehaus 
mit Flüchen und bittet dann den Geist, 
nicht wiederzukommen und die Familie 
zu plagen 3 ). Die Russen wehren dem 
Waldgeist durch unanständiges Fluchen 
„mit Nennung der Mutter“ 4 ). Wenn bei 
den Batak auf Sumatra eine Familie den 
einzigen Sohn verliert, so sucht die 


1034 

Mutter manchmal durch Vermittlung 
des Verstorbenen einen neuen zu erhalten. 
Zu Ehren des Geistes wird ein Fest ab¬ 
gehalten, wobei ein Knabe den Ver¬ 
storbenen darstellen muß. Die Mutter 
überhäuft ihn bald mit Schmeicheleien, 
bald mit gräulichen Schimpfworten und 
Flüchen, bis die übrigen Familienmit¬ 
glieder sich ins Mittel legen und sie an 
ferneren Schmähungen hindern 5 ). Die 
Ägypter drohten bei ihren magischen 
Verrichtungen der Gottheit, falls sie 
nicht zur Hilfe kommen wollte 6 ). Christ¬ 
liche Märtyrer wurden im Gebete an¬ 
gefahren, barsch zur Rede gestellt und 
bedroht 7 ). Maßlos grob behandelt der 
heutige Italiener in der Erregung und 
Wut seine Heiligen. Manche reißen ihre 
Kopfbedeckung herunter und rufen eine 
Menge von Heiligennamen in den Hut 
hinein mit allen möglichen vom Ärger 
eingegebenen Titeln. Sind endlich die 
Ströme der Verwünschungen erschöpft, 
so werfen sie den Hut zu Boden und zer¬ 
treten ihn in hellem Zorn 8 ). 

Nach deutschem Glauben kann alles 
„Ungerade“, Kobolde, Gespenster, 
Holzfräulein u. dgl. das Fluchen nicht 
vertragen, sondern flieht davor 9 ). Feuer¬ 
männer und Irrlichter werden durch 
Fluchen verscheucht 10 ). Die vom wilden 
J äger herabgeschleuderte Pferdekeule 
wird durch kräftiges Fluchen und Sch. 
vertrieben 11 ). Netze, die am Turme der 
im See untergegangenen Kirche hängen 
bleiben, lösen sich erst wieder, wenn die 
Fischer zu fluchen anfangen 12 ). Die 
Windsbraut soll man sch., dann weicht 
sie 13 ). Ebenso drohende Gewitter¬ 
wolken 14 ). Krankheitsdämonen 
werden gescholten und bedroht 15 ). Die 
hl. Adelheid soll durch Sch. kranke Non¬ 
nen geheilt haben 16 ). Ein alter Engel¬ 
städter Bürgermeister betrieb bei Zahn¬ 
weh das Fluchen als eine Art Sympa¬ 
thie 17 ). Auch für den christlichen Exor¬ 
zismus ist das Sch. des Dämons charak¬ 
teristisch 18 ). Die Irländer geben am 
Maimorgen Butter nur einem Kranken 
und dann mit einem Fluche 19 ). Wenn 
die Kinder am Totensonntag den Tod 
ins Wasser geworfen hatten, eilten sie, 


Schellkraut 


Schelmwurz—schelten, schimpfen 


10 35 


schelten, schimpfen 


IO36 


ohne sich umzusehen, davon. Das zu¬ 
letzt bleibende wurde verspottet und mit 
unflätigen Schimpfliedem nach Hause 
begleitet 20 ). Die ihm anhaftende Ge¬ 
fahr wollten die übrigen sich dadurch 
vom Leibe halten. Wenn auf den He¬ 
briden die Person, deren böser Blick 
den Kühen die Milch genommen hat, 
öffentlich ausgescholten wird, so kehrt die 
Milch wieder zurück 21 ). Bei der Ernte 
(namentlich beim Schnitt der letzten 
Garbe) und beim Rapsdreschen werden 
vorübergehende Fremde mit Schmä¬ 
hungen überhäuft 22 ); es soll dadurch 
wohl alles Böse dem gewonnenen Ertrage 
femgehalten werden. Und wenn der¬ 
jenige, der den letzten Drischelschlag 
getan hat, dem Nachbarn den von ihm 
erwischten „Komgeist“ in Gestalt eines 
Strohbündels, einer Puppe oder dgl. unter 
Schmähversen auf die Tenne wirft 23 ), 

so darf man darin wohl einen ähnlichen 
Sinn vermuten. 

D Eine umfangreiche Sammlung von Schimpf¬ 
wörtern beginnt: Urquell 2, 110 und wird in den 
folgenden Bänden fortgesetzt. Uber das Schelten 
im Rechtsbrauch: Grimm RA . 3 612 f. Schelt¬ 
worte: ebd. 643 ff. 2 ) Frobenius Weltan¬ 
schauung d. Naturvölker 74. 3 ) Frazer 1, 280. 

4 ) Zelenin Russische Volksk. 388. 5 ) Andree 
Parallelen 2, 134. 6 ) Wiedemann Relig. d. 

alten Ägypter 148. Vgl. ARw. u, 13 f. 7 ) Lu¬ 
cius Heiligenkult 286 f. 8 ) ZfVk. 10, 338. 
9 ) Meier Schwaben 83 (90). 275 (309); Schül¬ 
ler Progr. v. Schäßburg 1865, 65; Birlinger 
Volkst. 1, 302 f.; Mannhardt 1, 81. 103; 
Kuhn Westfalen 1, 17 (21); Eisei Voigtland 
23; Alpenburg Alpensagen 312; Rochholz 
Sagen 1, 54; Schöppner Sagen 3, 340; Jahn 
Pommern 259. 372; NddZfVk. 6 (1928), 230; 
oben 2, 1642 f. 1643 f. 10) Schambach u. 
Müller 215; Müllenhoff Sagen 186; Pröhle 
Unterharz 103; Jahn Pommern 395 f.; Kuhn 
u. Schwartz 84 t. 143; Schmitz Eifel 2, 51; 
Rochholz Sagen 2, 85; Wlislocki Magyaren 
124. Eingeborene Matrosen auf Malakka 
stießen Scheltworte gegen das St. Elmsfeuer 
aus: Sebillot Legendes de la mer 2, 106. 

11 ) Püschke D. Sage vom Wilden Heere 75. 

12 ) Knoop Posen 45 (12). 1 3 ) Birlinger 

Volkst. 1, 192; Meyer German. Mythol. 138. 
14 ) Polling er Landshut 98; Trede Heidentum 
4 > 37 J f-; Schell Bergische Sagen 520 (50). 
Chapman sah, wie Bamangwato-Frauen, die 
ein Maisfeld abernteten, bei einem Gewitter 
mit erhobenen Hauen scheltend ,,Morimo, Mo- 
rimo!“ gen Himmel schrieen, weil sie von 
Morimo in der Arbeit gestört wurden: Schnei¬ 
der Relig. d. afrikan. Naturvölker 71. Beduinen 


drohen nach jedem Donnerschlag mit der 
Faust: Jacob Altarabisches Beduinenleben 5. 
Dagegen sucht man in einigen Gegenden Indiens 
bei Dürre durch allerlei boshafte Mittel andere 
Leute zu ärgern und glaubt, daß durch ihr 
S. Regen herbeigeführt werde: Frazer 1, 278 
15 ) ZfVk. 5 (1895), 21. 1«) Oben 1, 170. 1 7 ) Hess- 
Bl. 10, 118. 18 ) Franz Benediktionen 2, 54. 

539 f- 19 ) Lady Wilde Ancient eures etc. of 
Ireland 53. 20 ) Drechsler 1, 70. 21) Selig¬ 
mann Blick 1, 332. 22 ) Mannhardt For¬ 

schungen 44; Sartori Sitte 2, 78; Strackerjan 
2» 131» Pfannenschmid Erntefeste 403; 

Wossidlo Erntebräuche 56 Anm. 34. 23 ) Sar¬ 
tori 2, 102. Bei den Hos in Nordindien herrscht 
während des Erntefestes, das zugleich der 
Austreibung der bösen Geister dient, große 
Ausgelassenheit. Kinder sch. ihre Eltern in 

groben Ausdrücken und umgekehrt usw.: 
Frazer 9, 137. 

2. Ein anderer Gesichtspunkt veran¬ 
laßt, daß durch Sch. und Fluchen ein 
Gegenstand als verächtlich und keiner 
Beachtung wert hingestellt und dadurch 
der Aufmerksamkeit schlimmer Mächte 
entzogen wird. Hier wird also der Ge¬ 
fährdete und Bedrohte das Opfer der 
Beschimpfungen, aber zu seinem Heil. 
Verbreitet ist der Brauch, Kindern 
häßliche, herabsetzende Namen zu geben, 
um den Dämonen den Geschmack an 
ihnen zu verderben 24 ). Balkan Völker 
suchen ihre Kinder durch solche Namen 
vor Krankheiten zu sichern 25 ). In 
Sinzlow (Pommern) darf man ein kleines 
Kind (auch junges Vieh) durchaus nicht 
„Ding“ nennen, lieber kann man „Dreck“ 
sagen 26 ). Bei Griechen wird der männ¬ 
liche Neugeborene, so lange er noch nicht 
getauft ist, Drakos genannt 27 ). Übrigens 
läßt sich im einzelnen Falle nicht immer 
mit Sicherheit angeben, ob für das 
Sch. der eine oder der andere Grund ma߬ 
gebend ist. Nach Theophrast soll man 
beim Säen des Kümmels fluchen und 
lästern 28 ). Um böse Mächte zu vertrei¬ 
ben ? Oder um die Saat als wertlos hin¬ 
zustellen? Nach Plinius betet man, daß 
der Kümmel nicht auf gehe. Derselbe 
erzählt auch, daß das Basilienkraut (oci- 
mum) unter Flüchen und Schmähworten 
gesäet werden müsse 29 ). Auch die Raute 
soll unter Verwünschungen am besten 
wachsen 30 ). In Unterfranken ist der 
Glaube verbreitet, daß man beim Zwie¬ 
belsäen ärgerlich und zornig sein müsse. 


1037 


schelten, schimpfen 


1038 


und man ruft daher diesen Zorn beim 
Pflanzen absichtlich hervor. Marz eil er¬ 
klärt diesen Glauben durch den Hin¬ 
weis, daß Zwiebeln und Petersilie (von 
deren Aussaat ähnliches gilt) scharfe und 
hitzige Pflanzen seien, die sympathetisch 
beeinflußt würden, wenn ein scharfer, 
hitziger Mensch sie säe 31 ). Aber auch 
beim Leinsäen soll geflucht werden, dann 
„wird“ der Lein, und wenn im Egerlande 
die Bäuerin an ihrem Flachsfelde vorbei¬ 
geht, so schimpft sie oder spuckt hinein, das 
hilft für einen guten Flachsbau 32 ). So 
muß bei Ruhla vor dem Säen des Flachses 
der Mann sich mit seiner Frau absicht¬ 
lich ernstlich veruneinigen 33 ). Verächt- 
lichungmachung und dadurch Ablenkung 
des Neides, des bösen Blickes und ähn¬ 
licher Gefahren ist auch für gewisse 
Hochzeitsbräuche maßgebend. In 
Steiermark ist vor der Hochzeit überall 
spottendes, beißendes, boshaftes Gerede 
über die Brautleute üblich, und jeder 
weiß etwas Nachteiliges von ihnen zu 
erzählen 34 ). Im oberen Patznaun wurde 
die Braut bei der Kranzabnahme hin- 
und hergezerrt und mit allerlei Sch.namen 
belegt 35 ). Werden Bräute am Hochzeits¬ 
tage gescholten, so werden sie schöne 
Frauen, sagt man in Thüringen 36 ). 
Wenn — wie in Westfalen 37 ) — beim 
Abladen des Brautwagens scharfe Kritik 
der Zuschauer Brauch ist, so ist auch 
darin wohl eigentlich ein Mittel zur Ab¬ 
wehr des „bösen Blickes“ zu sehen. In 
Behar (Indien) werden die Leute, die 
einen Hochzeitszug zum Hause der Braut 
begleiten, von den weiblichen Verwandten 
der Braut oft derb gesch. in dem Glauben, 
das trage zum Glück der Neuvermählten 
bei 38 ). 

Wie die römischen Soldaten ihren 
triumphierenden Feldherrn auf seiner 
Fahrt zum Kapitol mit Spottliedern 
begleiteten 39 ), so soll man dem zur Jagd 
ausziehenden Weidmann — auch Fliegern, 
Touristen, Prüflingen und Schauspielern 40 ) 
— „Hals- und Beinbruch“ an wünschen 41 ), 
und in Werroschen glauben die Fischer, 
daß sie nie besseres Glück haben, als 
wenn andere Leute ihnen nachfluchen. 
Sie ärgern daher die andern und reizen 


sie zu Ausbrüchen der Wut 42 ). Wenn 
bei den Huzulen ein Viehbesitzer oder 
Hirt sich bewußt ist, daß er den bösen 
Blick habe, so erteilt er einem seiner 
Hausgenossen den Auftrag, ihn ins¬ 
geheim „Teufel“ oder „Räuber“ zu sch., 
wenn er sich dem Vieh nähere; das soll 
die Wirkung des bösen Blickes auf¬ 


heben 43 ). 

24 ) Crooke Northern India 187!.; Bastian 
Die Völker d. östl. Asien 3, 219 (Siam); War¬ 
neck Relig. der Batak 20; Globus 87 (1905), 
176L (Evhe-Neger in Togo); Scheftelowitz 
Altpalästinensischer Bauernglaube 117. 25 ) Zf¬ 
Vk. 8, 2 4 6f. 26 ) Urquell 6, 181. 27 ) Hahn 

Griech. u. albanes. Märchen 1, 39 Anm. 2. 
28 ) Theophrast. Hist, plant. 7, 3, 3; Nilsson 
Griech. Feste 431 A. 1. 29 ) Plin. Hist. nat. 

19, 36; BayHfte. 1 (1914), 200; Frazer 1, 281 
(nach ihm sollen die bittern Worte den bittern 
Geschmack und damit die Heilkraft verstärken). 
Vgl. oben 2, 1642. 30 ) Grimm Mythol. 2, 1027; 
3 . 368 

böhmen 196. 33 ) Meyer Deutsche Volkskunde 

227. Vgl. Sudetendeutsche Zeitschr. f. Volks- 


31 ) BayHfte. 1,201. 32 ) John West¬ 


kunde 4 (1931), 91. 34 ) Rosegger Steiermark 

132. 167. 35 ) Zingerle Tirol 21 (133)- Viel¬ 

leicht ist das hier Ersatz für den tätlichen 


Kampf um die Braut. 36 ) Witzschel Thü¬ 
ringen 243 (89). 37 ) Sartori Westfalen 89; 

ZfrwVk. 17 (1920), 44t. 38 ) Frazer 1, 279. 

Andere Beispiele aus Indien für das glück¬ 
bringende Sch.: Frazer 1, 279f. 39 ) Roscher 
Mythol. Lex. 2, 1, 727. An der afrikanischen 
Westküste muß der Häuptling, der sich seine 
Würde durch Geschenke erkauft, vorher 


Schmähungen erdulden: Bastian D. deutsche 
Expedition an der Loangoküste 2, 14, vgl. 59. 
40 ) WZfVk. 33 (1928), 16. 4l ) Sartori Sitte 

2, 164; Frazer i, 280L 42 ) Boeder Ehsten gof. 
43 ) Globus 69, 386. 


3. Das Fluchen und Sch. wird unter 
gewissen Umständen ausdrücklich ver¬ 
boten 44 ). Wenn man Mäusen flucht, 
so vermehren sie sich 45 ). Wer in der 
Nähe des Bienenstandes flucht, wird 
gestochen 46 ). Daß Fluchen den Teufel 
herbeilockt, ist nicht verwunderlich 47 ). 
Er nährt sich geradezu von den Flüchen 
und Scheltworten der Menschen und 
magert ab, w r enn diese eingestellt wer¬ 
den 48 ). Dem Fluch- und Sch.verbot kann 
auch die Meinung zugrunde liegen, daß 
der Lärm die unliebsamen Mächte auf¬ 
rege und herbeirufe. Daher soll man in 
einem Bergwerk weder pfeifen noch flu¬ 
chen 49 ). Wenn der Nachtjäger kommt, 
soll man nicht sch., sonst werden die 


1039 


Schemenlaufen— Scheune 


Scheune 


1042 


1040 1041 


Pferde ausgespannt 50 ). Nicht selten ist 
der Glaube, daß Irrlichter und Feuer¬ 
männer durch Necken, Sch. und Fluchen 
angelockt werden 51 ). Oft ist es für ein 
Unternehmen verhängnisvoll, wenn es 
in irgend einer Weise , ,beschrieen“ wird. 
Bei vielen Gelegenheiten darf aus diesem 
Grunde nicht gesprochen und gelacht 
und auch nicht gescholten und geflucht 
werden. An einen Fischplatz auf Island 
knüpfte sich der Glaube, die Fischerei 
sei weniger ergiebig, wenn Streitigkeiten 
vorkämen 52 ). Soll ein junger Baum gedei¬ 
hen,darf man beimPflanzen nicht fluchen 53 ). 

Wenn etwas überläuft, soll man da¬ 
rüber nicht sch., denn das gebührt dem 
Feuer (Böhmen) 54 ). Wenn ein Wechsel¬ 
balg infolge geeigneter Mittel wieder ab¬ 
geholt ist, muß man die alte Frau, die 
ihn zurückgenommen hat, in Ruhe ihres 
Weges gehen lassen und ja nicht sch., 
sonst behält man den Wechselbalg auf 
dem Halse 55 ). Wenn im Hause viel ge¬ 
schimpft wird, ist dort kein Wohlstand. 
Wenn die Mutter schimpft und läßt dabei 
ein Häferl fallen, bedeutets Unglück 56 ). 

44 ) Oben 2, 1642t. 1648t. 45 ) Panzer Beitr. 

1, 265 (142). 46 ) Messikommer 1, 190; Eber¬ 
hardt Landwirtschaft 21. 47 ) Schönwerth 

Oberpfalz 3, 126t.; Ranke Sagen 260f.; NddZf- 
Vk. 6 (1928), 231. 48 ) Manier Isländ. Volkssag. 
122. 49 ) Sartori 2, 167 A. 6; Wlislocki Ma¬ 
gyaren 38. 50 ) Schulenburg 133. 51 ) Alpen¬ 
burg Tirol 135t.; Schulenburg 110; Eisei 
Voigtland 165; Panzer Beitr. 1, 257 (19); 
Schönwerth Oberpfalz 2, 99; Rochholz Sagen 

2, 79. S. dagegen Anm. 10. 52 ) Thule 6, 48t. 

(Gesch. von d. Leuten aus dem Lachswassertal 
cap. 14). Der Geist, den die Eingeborenen des 
nördlichen Teiles der Gazellehalbinsel (Neu- 
Pommern) in ihren Fischapparat zaubern, da¬ 
mit er ihnen Fische anlocke, muß sehr zart 
behandelt und oft gepriesen und angerufen 
werden, damit er nicht ungnädig werde. Wenn 
aber Fremde vorbeifahren, so beschimpfen sie 
den Geist mit höhnischen Worten, so daß er 
erzürnt fortgeht: Anthropos 8 (1913), 340. 
M ) ZfVk. 24, 193. 54 ) Wuttke 294 (430). 

55 ) Haupt Lausitz 1, 69. 56 ) WZfVk. 38 (1928), 
140. 

4. Der Donner erscheint im Volks¬ 
munde öfters als ein Ausdruck des Un¬ 
willens der Gottheit. Man sagt zu un¬ 
artigen Kindern: ,,Hörst du, wie der 
Herrgott zankt, greint, sch.?“ 57 ). Auch 
das Feuer sch. und schilt 58 ). 


57 ) Meier Schwaben 259; Vernaleken My¬ 
then 316; WZfVk. 32 (1927), 86. 58 ) Oben 

2, 1398. 

5. Wer nüchtern dreimal niest, hat an 
dem nämlichen Tage ein Geschenk oder 
Schelte zu erwarten 59 ). 

59 ) Drechsler 2, 195. Sartori. 

Schemenlaufen heißt in Tirol der zu 
Fastnacht, namentlich am ,,unsinnigen 
Donnerstag“ und am Faschingsdienstag 
vollzogene Umlauf maskierter (ahd. scema, 
mhd. sceme = Schatten, Maske 1 )), im 
Gesicht geschwärzter, mit Kuhschellen 
behängter Burschen, die die Begegnenden 
begießen und mit Aschensäcken ins Ge¬ 
sicht schlagen 2 ). Der Brauch gehört 
zu den Mitteln, die der Fruchtbarkeit 
feindlichen Dämonen zu verscheuchen 
und dadurch das Gedeihen von Acker 
und Menschen zu fördern. In Nürnberg 
hießen die Läufer Schemen, Schembarte, 
Schönbarte 3 ). Das Schönbartlaufen 
war ursprünglich ein Aufzug und Tanz 
der Metzger und wurde 1458 durch Teil¬ 
nahme von Patriziersöhnen zu einem 
Fest der oberen Stände 4 ). In Bautzen 
hielten am Donnerstag vor Fastnacht 
die Frauen Semperlaufen, kamen in 
die Häuser der Bürger, trieben Possen 
und sammelten Würste, Fleisch, Geld 
und andere Gaben 5 ). S. Maske (5, 
1765ff.), Semper, Zimbertstag. 

4 ) Grimm Mythol. 2, 873. Anm. 2; 3, 307; 
Güntert Kalypso 120. Nach Meuli im SAVk. 
28 (1927), 29 A. 1 ist Schatten = Totenseele. 
Vgl. oben 5, 1756fr. 1811 und Höfler Kul¬ 
tische Geheimbünde d. Germanen 1, bes. 68 ff. 
2 ) Zingerle Tirol 136 (1198); Hörmann 

Volksleben 12 f. 13 f.; Alpenburg Tirol 49. 
266; K. Eichhorn D. Imster Schemcnlaufen. 
Imst 1914: NddZfVk. 7 (1929), 146 f. 3 ) Mann¬ 
hardt 1, 545; Panzer Beitrag 2, 246 ff. (der 
Brauch wurde 1539 eingestellt); Sepp Religion 
104 ff. 4 ) Mannhardt 1, 334 (es kommen 
später auch ein wilder Mann und eine wilde 
Frau darin vor); ZfVk. 19 (1909), 247t.; 

T. Brüggemann Über die Schembartläufer von 
Nürnberg. Habilitationsschrift der technischen 
Hochschule in Aachen. 1918; Bayer. Heimat¬ 
schutz 29 (1933)» 43 f- 5 ) Haupt Lausitz 
2, 59; Meie he Sagen 963 f. Sartori. 

schenken s. Geschenk 3, 716 ff. 

Scherben s. zerbrechen. 

scheuem s. kehren 4, 2111 ff. 

Scheune. Das Wort bedeutet ursprüng¬ 
lich ein Schutzdach und geht auf die 


Wurzel *(s) keü = ,»bedecken“ zurück. 
Vgl. anord. skaunn = „Schild“ und 
skür = „Schale“; sowie lit. skürä 
= Leder und Rinde, ahd. seugina, mhd. 
schiune = Scheune, Scheuer, Kornspei¬ 
cher J ). Trotz ihrer verschiedenen Namen 
und Formen ist die Sch. ihrem Wesen 
nach das schützende Behältnis geblieben, 
in dem die Feldfrucht geborgen wird. 
Die meisten abergläubischen Vorstellun¬ 
gen und Bräuche, die sich mit der Sch. 
verbinden, schließen daher Schutz- oder 
Segnungs-, Abwehr- oder Vegetations¬ 
riten in sich. 

Ais ausgesprochener Abwehrritus gibt 
sich die verbreitete Gepflogenheit zu er¬ 
kennen, am Scheunentor tote Tierkörper 
zu befestigen. In der Oberpfalz wird ein 
Geier mit ausgespannten Flügeln an das 
Sch.ntor genagelt, damit der Blitz nicht 
«inschlage 2 ). Dasselbe ist in ganz Ober¬ 
steiermark der Fall 3 ). Im Gebiet von 
Landshut wird zum selben Zwecke eine 
tote Fledermaus mit ausgespannten Flü¬ 
geln angenagelt 4 ). Eulen und Fleder¬ 
mäuse, in derselben Weise befestigt, 
schützen dort und in der bayrischen 
Rheinpfalz das Getreide vor allerlei Un¬ 
heil 5 ). Noch um 1900 sah man am 
Niederrhein im Kreis Mors Eulen und 
Bussarde ans Sch.ntor genagelt als zau¬ 
berische Abwehr gegen Blitz und Feuer¬ 
gefahr 6 ). Die Sitte ist durch Deutsche 
auch nach Amerika verpflanzt worden, 
wo in Pennsylvania Raben, Eulen oder 
Weihe in gleicher Art an die Sch.ntore 
geheftet werden 7 ). Dort heißt es auch: 
„Wammer en scheier üf der Himmelfaer- 
dekdak üfschlakt (d. h. wann man am 
Himmelfahrtstag das Scheunentor auf¬ 
schlagt), schlaktes giwitter nei 8 ). In der 
Oberpfalz hat sich auch eine Sonder¬ 
form dieses Abwehrbrauches entwickelt; 
•dort schreibt der Bauer am St. Nica- 
siustage vor Sonnenaufgang den Namen 
Nicasius an das Sch.tor, um das Getreide 
vor Mausefraß zu schützen 9 ). 

Abwehrriten sind es auch, wenn man 
beim Einbringen des Getreides drei Garben 
mit den Ähren auf den Boden stellt, um 
das Korn gegen Mäusefraß zu schützen 11 ) 
oder in den 4 Winkeln der Sch. etliche 


Garben kreuzweise übereinander legt,,,da¬ 
mit der Drache oder die Drut nichts da¬ 
von holen“ können 12 ). 

Dagegen ist es als Vegetationsritus an¬ 
zusehen, wenn man an dasselbe Sch.ntor 
die letzte Garbe befestigt. Das geschieht 
in Siebenbürgen (Kreis Schäßburg) eben¬ 
so wie im Odenwald und in Hessen, wo 
der mit bunten Bändern gezierte Ernte¬ 
kranz, der mit dem letzten Fuder heim¬ 
gebracht wird, an das Sch.ntor genagelt 
wird 13 ). Ähnliche Bräuche sind auch 
in Frankreich bekannt; in Nivernais 
wird das bouquet de la poilee (ein Eichen¬ 
zweig mit Bändern, Ähren, Blumen und 
einer Flasche Wein) bei der letzten Ernte¬ 
fuhre von der Haustochter über dem Tor 
der Sch. aufgehängt 14 ). Dabei wird das 
Sch.ntor da und dort auch durch den 
Sch.ngiebel ersetzt. Auch auf diesen 
pflanzt man den Erntemai oder — wo 
dieser unbekannt ist — die letzte Garbe 15 ). 
In dieselbe Gruppe von Fruchtbarkeits¬ 
kulten gehört es auch, wenn im Bay¬ 
rischen das Laub- und Reisergestell des 
„Wasservogels“ oder dessen hölzerner 
Schnabel auf den Sch.nfirst befestigt 
wird, wobei man auch die Vorstellung 
der Blitz- und Feuerabwehr damit ver¬ 
bindet 16 ). 

Die ursprüngliche Idee aller dieser 
Sitten war aber wohl, wie schon W. Mann¬ 
hardt richtig erkannte, „der Wunsch, 
daß das Numen der Vegetation auch über 
der Weiterfortpflanzung der in der Sch. 
geborgenen Nährfrucht segnend wachen 
und walten möge“ 17 ). Daß diese Deutung 
richtig ist, geht auch daraus hervor, daß 
gewisse Verkörperungen des Vegetations¬ 
geistes geradezu als Sch.ngeist bezeichnet 
werden. In Mitteldeutschland ließ man 
bei der Ernte gegendweise die letzten 
Halme auf dem Felde stehen, band sie 
aber mit Ähren zusammen, füllte den 
unteren Zwischenraum mit Blumen, Ähren 
oder Steinen, worauf sämtliche Ernte¬ 
arbeiter darübersprangen oder mit den 
Füßen anstießen oder rundherumtanzten. 
Man nannte dieses Kornbündel „Scheune“, 
den Brauch selbst „Sch.bauen“, „über 
die Sch. springen“ u. dgl. Der Sinn des 
Brauches, der in Peru im 16. Jh. eine 






1043 


Scheune 


Schicksal 


IO46 


1044 I0 45 


Parallele besaß, ist der, daß dem Korn¬ 
dämon über den Winter ein Scheunchen 
gebaut wird 18 ). Etwas Ähnliches ist 
auch in Frankreich üblich: Pour expulser 
en Poitou les charangons (Kornwurm) 
d un grenier, il faut y mettre une poignee 
de chebe verte 19 ). Im Kreise Glatz 
hieß ein nach dem Ausdreschen Vor¬ 
gesetzter Napfkuchen, dessen Form sehr 
an eine gebundene Garbe erinnerte, 
,,S cheunbaba . Dieser Kuchen wurde 
auch als Weihnachtsgebäck verwendet 20 ). 
In Westpreußen heißt der, welcher den 
letzten Drischelschlag tut, Baba , ebenso 
sagt man dort und in Polen von der letzten 
Garbe: „da sitzt die Baba drin“ 21 ). In 
Vorchdorf in Oberösterreich heißt der 
Drescher, der den letzten Schlag tut, 
Stadl- oder Scheunpudl ; in der Ober¬ 
lausitz muß er die Sckciinbetze (Sch.- 
Hündin), d. i. ein mit Obst und Getreide 


In mehreren Orten des Regierungsbezirkes 
Stralsund ruft der Drescher seinem neu¬ 
gierigen Kinde zu: „Warte, der Scheun- 
kater wird dich kriegen“. Hier zeigen sich 

deutliche Zusammenhänge mit dem kat- 
zengestaltigen Korngeist, wie denn auch 
um Lyon die letzte Garbe le chat heißt 22 ). 

Vielleicht hängt es — wenigstens teil¬ 
weise — mit derartigen Vorstellungen 
zusammen, daß die Sch. als Aufenthalts¬ 
ort verschiedener dämonischer W T esen gilt. 
Auf der kurischen Nehrung kennt man 
den Kauks , einen spannlangen Kobold, 
der aus einem Wind- oder Teufelsei aus¬ 
schlüpft, das von einem alten, sieben Jahre 
im selben Haus gepflegten Hahn gelegt 
wird. Dieser Kauks fördert die Vorräte 
in der Sch. Wenn er sieben Getreide¬ 
körner in die Sch. bringt, so ergeben 
diese sieben Scheffel voll Körner 23 ). Im 
Erzgebirge diente die Sch. in der Christ¬ 
nacht als Tanzplatz für umherziehende 
Geister, die dafür die Güte der Vorräte 
mehrten 24 ). Im Schwarzwald erzählt 
eine Sage von einem armen Mann, der 
in einer Sch. übernachtete. Um Mitter¬ 
nacht wurde er durch eine wunderschöne 
Musik und lustiges Gelärm geweckt. Er 
sah die Sch. erleuchtet und eine Menge 


Frauen und Männer drin versammelt 25 ). 
Auch nach kroatischem Volksglauben 
treiben die Hexen in Sommernächten in 
Sch.n ihr Wesen 26 ). Im Baselland er. 
zählt eine Sage von einer alten Schloßsch- 
zu Waldenburg. In dieser erschien häufig 
ein Mann aus der Burgruine mit einer 
goldenen Uhrkette angetan, der sich den 
Dreschern zeigte und alsbald lautlos ver¬ 
schwand 27 ). Mehrere Sagen berichten 
auch vom Zug der wilden Jagd mitten 
durch eine Sch. 28 ). Möglicherweise spielt 
dabei in einem oder anderem Falle die 
Erinnerung an einstige Flurumritte mit, 
die wie der ,,Kuchenritt" der Luzerner 
oder wie schwäbische oder oberpfälzische 
Umritte durch Höfe und Sch.n hindurch¬ 
zogen 29 ). Auch die Blumen und Zweige, 
über die eine Prozession mit dem Aller¬ 


zusammenhängen. Auf Sylt und Amrum 
muß die Sch.ntenne in der Richtung 
des Sonnenlaufes gefegt werden, sonst 
stehlen die Unterirdischen das Korn 31 ). 
Im Alemannischen mußte das Sch.fegen 
zu Fasten geschehen, ein Brauch, der 
von den Deutschen auch nach Amerika 
gebracht wurde 32 ). Um Balingen und 
im angrenzenden Hohenzollern kehrt 
man am Vorabend des heiligen Abends 
die Sch.ntenne sauber. Diejenigen Ge¬ 
treidearten, die am nächsten Morgen von 
der Obertenne heruntergefallen sind, ge¬ 
deihen im kommenden Jahr am besten 33 ). 

Ähnlich auch im Erzgebirge und anderen 
Gegenden 34 ). 

Im Osten ist die Sch. (ebenso wie die 
Badestube und Riege) auch der Ort für 
kultische Feste. Bei den Litauern wird 
das Voressen des Flachsbrechfestes in 
der Sch. abgehalten, und zu Fastnacht 
wird in der Sch. geschaukelt 35 ). 

*) Falk u. Torp 2, 1040; Weigand DlVb. 
2, 700; Schräder Reallex. 2, 444^. 2) Bavaria 
2, 299. 3 ) Eigene Beobachtung. 4 ) Pollinger 
Landshut 162. 5 ) Ebd. 154 u. Bavaria 3, 342. 6 ) 
Wrede Rhein. Volkskunde 66. 7 ) Fogel Penn¬ 
sylvania 382 Nr. 2056. 8 ) Ebd. 256 Nr. 1331. 

9 ) Bavaria 2, 300. «) Bavaria 2, 300. 


12 ) Ebd. 2, 299 u. 3b, 935. 13 ) Mannhardt 
1, 216. 14 ) Ebd. 1, 205. 15 ) Ebd. 1, 216. 
16 ) Panzer Beitrag 2, 87. 129; Bavaria 1, 375ff- 
1003; Mannhardt 1, 357. 17 ) Mannhardt 

1, 216. 18 ) Mannhardt Forschungen 347. 

19 ) Sebillot Folk-Lore 3, 473 u. 4, 456. 

20 ) Mannhardt Forschungen 334 t. 21 ) Ebd. 

106. 22 ) Mannhardt 2, 173. 23 ) Negelein 

im Clobus 82, 239. 24 ) John Erzgebirge 151. 

25 ) Waibel und Flamm 2, 49f. 26 ) Krauß 
Volkforschung 44. 27 ) Lenggenhager Sagen 

i47ff. 28 ) Rochholz Xaturmythen 24. 29 ) Grimm 
Grenzaltertümer (1845) 135; derselbe Weis- 
tümer 3, 710. 717. 30 ) Sebillot Folk-Lore 3, 

42 u. 4, 456. 31 ) Müllenhoff Sagen 314 Nr. 3 
(alte Ausgabe Nr. CD XXV). 32 ) Fogel Penn¬ 
sylvania 255 Nr. 1323. 33 ) Kap ff Festgebräuche 
S. 6. 34 ) John Erzgebirge 151; Eberhardt 

Landwirtschaft S. 1. 35 ) Tetzner im Globus 

73, 318. v. Geramb. 

Schicksal. 

1. S.sgewalt und Leben. 2. S. u. Ordnung. 
3. Einstellung zum S. 4. Der S.sgedanke im 
alten Griechenland u. Orient, 5. bei Indern u. 
Eraniern, 6. bei den Germanen. 

1. Von S. sprechen wir, wenn die Her¬ 
gänge in der Geschichte oder im Einzel¬ 
leben der Zielmäßigkeit zu entbehren oder 
weder mit menschlicher noch mit über¬ 
menschlicher Absicht in ursächlicher Ver¬ 
bindung zu stehen scheinen. Wo die Zu¬ 
sammenhänge des Geschehens uns fremd¬ 
artig und rätselvoll anmuten, weil sie 
augenscheinlich nicht Verwirklichungen 
von Absichtlichkeit und ihr Sinn uns ver¬ 
schlossen, eine Sinnhaftigkeit nicht auf¬ 
findbar ist, da erblicken wir in solchen 
dunklen Verkettungen S. Man wird so¬ 
nach Hegels Definition nicht ganz zu¬ 
treffend finden, nach der unter dem Ge¬ 
sichtspunkt des absoluten Geistes mit S. 
die List der Vernunft gemeint werden soll, 
welche den Menschen betrügt (die Inder 
sagten Maya), indem sie ihn trotz dysteleo¬ 
logischen Scheines als Mittel zur Verwirk¬ 
lichung ihrer Ziele gebraucht, die, dem 
empirischen Geist verhüllt, in der abso¬ 
luten Vernunft vorhanden sind. Das ist 
der Versuch, die Idee des S.s mit der 
göttlichen Weltleitung in Einklang zu 
bringen; die Welt wird als Erscheinung 
des göttlichen Logos verstanden. Allein 
hiermit würde der Begriff des S.s selber 
preisgegeben werden. Diesem ist gerade 
eigentümlich, daß sein Geschehen nicht 
als Erzeugnis des Logos begreiflich wird. 


gefüllter Topf, dem Nachbarn, der noch 
nicht fertig ist, auf die Tenne werfen. 


Heiligsten schritt, streut man nachher ir 
Frankreich in die Sch., weil dadurch di< 
Nagetiere vertrieben werden 30 ). 

Endlich gibt es noch Vorschriften ri 
tueller Art, die mit dem Wesen der Sch 


Dieser Versuch spekulativer Philosophie 
ist dem einfachen Geschichtsverständnis 
unzugänglich. Dieses kann den Wider¬ 
spruch nicht verwinden, an dem der S.s- 
begriff entsteht, den Widerspruch zwischen 
dem häufigen tatsächlichen Geschehen und 
jenem, welches die einfache menschliche 
Vernunft für angemessen oder ersprießlich 
erachtet. Die Spannung zwischen all¬ 
gemeinem Geschehen und völkischen Be¬ 
langen oder diejenige zwischen persön¬ 
lichen Widerfahrnissen und persönlichen 
Bestrebungen erzeugt, wenn sie eine ge¬ 
wisse Höhe erreicht, den Gedanken des 
S.s. In solcher Spannung wird die tra¬ 
gische Paradoxie empfunden, die man 
deshalb, weil sie auf einer logisch nicht 
zulänglichen, ihrer Herkunft nach nicht 
bekannten Schickung beruht, S. nennt. 
Dazu kommt, daß der besinnliche Mensch 
in sich selber einen unlogischen Rest, ein 
Geheimnis, vor dem er still steht, findet 
und fragt, ob zwischen jenen beiden un¬ 
logischen Momenten, dem unenträtsel- 
baren Geheimnis des Geschehens und dem 
Geheimnis seines persönlichen Seins eine 
Verbindung vorhanden sei. Das Dasein 
einer solchen Verbindung drängt sich ihm 
auf, weil er durch die ihn betreffenden 
Vorgänge fort und fort in seiner Existenz 
erschüttert wird. Er merkt, daß er durch 
jene Spannung in seinen Zielen beein¬ 
trächtigt, in seiner Existenz bedroht, 
bisweilen, wenn auch selten, auf ungeahnte 
Weise gefördert wird. Das S. ist ein Be¬ 
griff, der sich einstellt, indem der Mensch 
seine Existenz als Problem faßt und sich 
genötigt sieht, seine Widerfahrnisse als 
Äußerungen einer rätselhaften, nicht wie 
der Mensch urteilenden und bestimmenden 
(blinden) Kraft anzusehen, welche ent¬ 
weder an ihm vorbeigeht oder ihn be¬ 
drückt oder zerstört oder erhebt. 

S. ist hiernach die Gewalt, die das 
Individuum wie auch das Gemeinwesen 
im Augenblick, jetzt und wieder, bindet; 
die bewirkt, wie sein Lauf beginnt und 
weitergeht; die alle anderen je auf andere 
Weise bindet und die Gesamtheit in¬ 
gleichen; so jedoch, daß man so viele S.e 
wie Menschen annehmen möchte: dies 
der Ansatz der individuellen S.sgeister, 





1047 


Schicksal 


Schicksal 


1050 


persönlichen Schutzgeister u. ä„ der Idee 
des in einer der Person zugeordneten 
Pflanze (oder einem Gegenstände) vor¬ 
handenen S.s (s. Orendismus; Märchen, 
Bd. 5, Sp. 1600. i625ff.). S. läßt sich 
auch als das Prinzip des am Einzelnen 
sich vollziehenden und an der Gesamt¬ 
heit vollstreckten Geschehens bezeich¬ 
nen; es ist dies Geschehensprinzip, sofern 
wir uns ihm, bewußt oder unbewußt, 
unterordnen. Denn eben mit solcher 
Unterordnung anerkennen wir das S.- 
hafte in jener Gewalt; geben wir zu, daß 
wir keinen Einfluß darauf nehmen können; 
postulieren wir eine Geschehens-Deter¬ 
mination und nicht etwas Personhaftes; 
nicht göttliche Wesen, mit denen es immer 
irgendwelche Wechselwirkung gibt, son¬ 
dern etwas Unpersönliches, von dem 
wir uns in bloßer bestimmungsmäßiger 
Abhängigkeit wissen. Das ist im allge¬ 
meinen der psychische Weg des Menschen 
zum Gedanken des S.s. 

2. Mit der Einschaltung des Gedankens 
S. ist der Gedanke Gott ausgeschaltet. 
Wer neben seinem Gottesglauben einen 
S.sglauben besitzt, muß einen Trennungs¬ 
strich zwischen den beiden Mächten ziehen 
und entweder die eine oder die andere als 
Urheber eines Ereignisses ansehen. Das 
S. wird eingeschaltet, wenn man sich 
weder auf Gott noch auf sich selbst ver¬ 
lassen kann, wenn das Ich keinen festen 
Stützpunkt mehr hat, weder in sich selber 
noch in Gott. Es entbehrt aber der inneren 
Kräftigkeit, welche das Vertrauen auf 
Gott in sich trägt. Daher ist die Wen¬ 
dung ins dumpfe Gebiet des ,,blinden“ 
oder „launischen“ S.s nicht so einfach, 
weil weniger ermutigend, wie die Trau 
auf die Sonne oder die eigene Kraft, die 
bei den Nordgermanen in der Sagazeit 
heimisch war. Ihr geht ein Verzicht oder 
Verlust voraus, die Nichtwahrnehmung 
der Ordnung im Geschehen x ). Damit be¬ 
mächtigt sich des Menschen etwas wie 
Verzweiflung an der Macht der Ordnung, 
und er postuliert an der Stelle der früher 
gemeinten Ordnung eine neue Form der¬ 
selben: die Notwendigkeit, weshalb 
bei den Griechen das S. auch Ananke, bei 
den Römern (dira) Necessitas hieß. Im 



1049 


| Begriff dieser Notwendigkeit hegt, daß 
i unverständliche und unwendbare Härte 
! doch mit einer Art von ordnungsmäßigem 
Zusammenhang gepaart ist, daß also das 
Geschehen nicht bloßes Chaos sei, viel¬ 
mehr gegen das Chaos anrenne und ihm 
eine Ordnung entgegensetze. Allein diese 
i Ordnung ist nicht eine solche, der sich der 
I Mensch einfügen kann, denn sie ist un- 
i durchdringlich; ja sie steht so durchaus 
neben der menschlichen Ordnung, daß 
diese von ihr nicht bejaht wird. Das aber 
bedeutet, daß der Mensch selber im S.s¬ 
glauben die zentrale Stelle einbüßt, die er in 
seiner gewöhnlichen Weltbetrachtung ein¬ 
nimmt. Er läßt im S.sglauben den Ge¬ 
danken zu, daß es etwas Wichtigeres als 
ihn zu geben scheine. Der sinnlose Zufall, 
der wahllos erhebt und vernichtet, und der 
keine ethischen Unterschiede macht, zer¬ 
bricht auch die anthropozentrische Auf¬ 
fassung des Spießbürgertums 2 ). 

Dieser Umstand ist es, der dem S. seine 
sehr große Bedeutung im Aberglauben 
gibt. Der Mensch begnügt sich weder da¬ 
mit, daß das S. in jedem Falle unab¬ 
änderlich sein soll, noch damit, daß es ihn 
im Verhältnis zu anderen Weltbestand¬ 
teilen zurücksetzt oder gar ignoriert. Er 
wagt und hofft wider das S. In seiner 
Preisgegebenheit sucht er nach Mitteln, 
das über ihn Bestimmte wendbar zu 
machen. Der Aberglaube tritt hierbei 
theoretisch und praktisch in Funktion; 
theoretisch, sofern es sich um Ermittelung 
und Feststellung dessen, was durchs S. 
bestimmt ist, handelt; praktisch, sofern 
gegen die begrifflich im S. steckende un¬ 
abänderliche Notwendigkeit mit den Mit¬ 
teln der Magie Sturm gelaufen wird. 

*) Berdiajew Das Schicksal des Menschen 
in unserer Zeit 15. 2 ) G. Fricke Gefühl und 

Schicksal bei H. Kleist 55 ff. 

3. Ob das S. zum Gegenstand des Aber¬ 
glaubens gemacht wird, hängt davon ab, 
wie sich der Mensch zu der ihn bedrän¬ 
genden oder begünstigenden schicksal¬ 
haften Art des Geschehens verhält. Man 
bewertet das S. verschieden, indem man, 
je nach der von ihm gemachten Erfah¬ 
rung, ihm einen Augenblicks- oder Zufalls¬ 
charakter oder beharrliche Tendenz, hier 


wieder ob mit allmählicher Wirkung oder 
stoßweißen Vorfällen zuerkennt. Man 
kann 1) den „Schlägen“ des S.s mit völli¬ 
ger Ergebung in dessen Gewalt und Un¬ 
abwendbarkeit begegnen und auf diese 
Weise dem Fatalismus (s. d.) huldigen; 
das bedeutet die besinnungslose Kapitula¬ 
tion vor der Allgewalt des S.s. Solche Er¬ 
gebung kann (aber muß nicht) selber ma¬ 
gischer Aberglaube sein. 2) Man kann — 
wenn auch nur unter Umständen und 
namentlich gegenüber dem S. anderer 
Personen — unter bedingungsloser Aner¬ 
kennung der Unabwendbarkeit mit Hu¬ 
mor Stellung nehmen; da wird das S. nicht 
als letzte höchste Instanz ernst genom¬ 
men; ob eingestanden oder nicht, muß 
hier neben dem humoristisch betrachteten 
S. eine andere Instanz für das Welt¬ 
geschehen zugelassen sein. 3) Man kann 
durch direkte Einflußnahme auf den 
Gang der Dinge die Vorstellung von der 
Unentrinnbarkeit brechen und Verhal- 
,tungsweisen (zumeist magische) vorneh¬ 
men, welche gegenwirken. 4) Man kann 
durch moralische Anstrengung die feste 
Tendenz des S. zu meistern suchen. Mit 
Worten wie „In deiner Brust sind deines 
S.s Sterne 3 )“ und „Dein S. ruht in deiner 
Brust“ 4 ) deutet Schiller an, daß der ethi¬ 
sche Idealismus den Fatalismus über¬ 
windet. Beachtenswert ist Goethes ernst¬ 
hafte Kombination: „Kannst dem S. 
widerstehen, aber manchmal gibt es 
Schläge; wilTs nicht aus dem Wege gehen, 
ei so geh du aus dem Wege“ 5 ). 5) Der 
religiöse Fürsehungsglaube setzt 
dem S.sglauben die Überzeugung auf Got¬ 
tes höchste Zielsetzung in aller Welt¬ 
regierung entgegen. Unter diesen Ein¬ 
stellungen zu den Fügungen des S.s ent¬ 
halten die Ergebung und magische Gegen¬ 
wirkung (1 und 4) die meisten abergläu¬ 
bischen Antriebe. 

8 ) Schiller Piccolomini 2 , 6. 4 ) Ders. Jung¬ 
frau v. Orleans 3, 4. 5 ) Goethe Memento. 

4. In seiner Entwicklung kann der S.s- 
glaube ein mehr religiöses und ein mehr 
profanes Aussehen erhalten. Da er seiner 
Grundrichtung nach der Teleologie der 
Welt entgegengesetzt ist, die Religiosität 
sich jedoch diesen Einspruch nicht gut¬ 


willig gefallen läßt, so ist er fort und fort 
zur Auseinandersetzung mit dem reli¬ 
giösen Glauben genötigt. Dessen unge¬ 
achtet nimmt gerade er auf der Stufe des 
Polytheismus die Partei des entschie¬ 
deneren Glaubens an die hohe Weltlei¬ 
tung. Wo immer innerhalb polytheisti¬ 
scher Denkweise der Begriff des S.s deut¬ 
lich aufscheint, wird er, auch wenn die 
Unterscheidung von drei Moiren, Parzen 
oder Nornen herausgebildet ist, zum 
Gegenmoment gegen die Vielheit der mit 
einander konkurrierenden übernatürlichen 
Gewalten und gegen die Zerrissenheit der 
Weltleitung. Dort bedeutet das S. die 
Besinnung auf die Einheit des Göttlichen. 
Der griechischen Moira wird ein zwie¬ 
faches Geschäft zugewiesen: 1) sie ist die 
dem Individuum von Geburt an zur Seite 
stehende Macht, weshalb sie häufig mit 
der Geburtsgöttin Eileithyia (als ihrer 
Schwester) 6 ) zusammengenannt wird, 
welch letztere auch „ihre Fäden spinnt“ 7 ), 
ebenso wie bei Plato Ananke (Notwendig¬ 
keit) mit der Spindel gedacht ist wie die 
drei Spinnerinnen (Klothes) oder Moiren, 
in die die Moira gespalten wird. 2) Die 
Moira, namentlich im Singular, ist die 
weltordnende Macht, die das Verhältnis 
der Teile des Kosmos und die Geschicke 
der menschlichen Verbände regelt. Zu 
keiner Zeit aber scheint das Verhältnis zu 
den Göttern klar abgesteckt gewesen zu 
sein. Im allgemeinen sind die Götter der 
Moira untergeordnet, womit festgehalten 
wird, daß hier die einheitliche Spitze der 
Götterwelt zu erblicken ist. Homer: 
„Den Tod können selbst Götter von einem 
geliebten Mann nicht abwenden, wenn 
einmal die verderbliche Moira Hand an 
ihn gelegt“ 8 ). Drum lenkt die Theorie 
ein und macht die Götter zu Vollstreckern 
des S.sbeschlusses. Athene ist es, die den 
Tag des S.s gegen Hektor heraufführt 9 ). 
Die Phäaken dürfen zwar den Odysseus 
sicher in seine Heimat geleiten, dort aber 
„wird er leiden müssen, was die Bestim¬ 
mung und die furchtbaren Spinnerinnen 
beim Eintritt in die Welt ihm gesponnen 
haben, als die Mutter ihn gebar“ 10 ). 
Doch wird die Moira gelegentlich mit dem 
obersten Gott zu einer festen Zweiheit 











I 05 i 


Schicksal 


Schicksal 


1054 


verbunden; vgl. auch die Trias „Zeus, 
Moira und die dunkelwandelnde Erinys“; 
und die Zusammengehörigkeit kann so 
eng werden, daß es eins ist, ob das S. oder 
der „Ratschluß des Zeus“ ausgeführt 
wird. Anderseits ist nicht selten das S. 
den Göttern untergeordnet n ). „Zeus 
selber vermag nichts zu gewähren, zu 
schaffen ohne dich, Ananke“ 12 ). 

Nach und nach indessen trat das S. 
geradezu an die Stelle der menschenähn¬ 
lichen Götter, auch da, wo Eine Gottheit 
verehrt wird oder ausgewählt zu werden 
im Begriff ist. Der Mono-Pan-Theismus 
der Stoiker, der die Welt durch Eine gött¬ 
lich-geistige Kraft, die Weltseele oder das 
Pneuma oder den Logos wie durch eine 
Fürsehung regiert sein ließ, führte diese 
Auffassung bis zur deterministischen 
Spitze des Weltgeschehens durch: in der 
Heimarmene fallen Physis und Ethos zu¬ 
sammen und unterliegen demselben Ge¬ 
setz. Doch findet die Stoa die Anknüpfung 
an den religiösen Volksglauben durch den 
Gedanken, daß die ganze Welt in allen 
ihren Teilen von göttlichen Kräften und 
Wirkungen erfüllt ist und daß alle welt¬ 
lichen Vorgänge in der Allharmonie zu¬ 
sammenklingen 13 ). Hierbei wird ins 
griechische Denken die astrologische S.s- 
vorstellung des älteren Orients aufgenom¬ 
men, die in der Erfassung der Korrespon¬ 
denz zwischen Makro- und Mikrokosmos, 
zwischen den Dingen und Vorgängen 
„oben und unten“ ihre Wurzeln hat und 
in den Gedanken ausläuft, daß das S. in 
den Sternen, die dabei als beseelte Wesen, 
willenhaft waltende Mächte gelten, zu¬ 
hause ist. Buch und Tafeln des S.s sind 
oben im Himmel d. h. in den Gestirnen 
geschrieben 14 ). Wird auf diesem Boden 
das Kompromiß zwischen Gottes- und 
S.sglauben geschlossen, so bleibt auch 
hier die Spannung, die in der Frage zum 
Ausdruck gelangt, wessen Macht die 
größere sei. Einerseits besteht Neigung, 
das S. als unpersönliche, nicht ver¬ 
menschlichte Macht über alles Göttliche 
zu setzen, anderseits entsteht die Neigung, 
gerade das willenbegabte göttliche Wesen 
zum Lenker des S.s zu machen. So ent¬ 
steht z. B. die Vorstellung, daß Marduk 


1052 1053 


als der höchste Gott in Babylon auf S.s- 
beschluß hin den Kampf wider die chao¬ 
tische Tiamat aufzunehmen hat 15 ). Daß 
auch auf dem Boden des Monotheismus 
der reine Fatalismus sich ausbreiten kann, 
dafür legt die Entwicklung des Islam 
Zeugnis ab. Der Türke ist ins Kismet, 
d. h. das zuerteilte Los, ganz ergeben (s. 
Fatalismus 16 )), der Araber nimmt das 
Unglück mit „Mektub!“ („Es stand ge¬ 
schrieben“) entgegen. Und wie hier 
ist der Ursinn des römischen Fatum 
(„Spruch“) der Gedanke, daß irgendwie 
ein Wille geäußert, „ausgesprochen“ ist: 
wobei ein göttliches Subjekt als sprechend 
oder schreibend mitgedacht ist, während 
bei den Römern der spezifisch unper¬ 
sönliche S.sgedanke vermißt wird 17 ). 

6 ) Pindar Siegeslieder j, 1. 7 ) Pausanias 
Reisen 8, 21. 8 ) Homer Ilias 3, 236. ») Ebd. 
8, 613. 10 ) Homer Odyssee 7, 195 ff- n ) Beth 
Rehggesch. 48. 12 ) Euripid es Alkestis 970 f. 

13 ) Wendland Die hellenistisch-römische Kul¬ 
tur 3. Aufl. mf. 14 ) Jeremias Das Alte 
Testament im Licht des alten Orients 3. Aufl. 
61. 160. 166 f. 15 ) Ebd. xof. 16 ) Ebd. 321. 
17 ) Wissowa Religion 213. 

5. Die geschichtlich bedeutendste Aus¬ 
gestaltung hat der S.sglaube unter der 
Aegide der Astrologie erlangt. Die 
Juden erfuhren deren Einschlag so stark, 
daß ihr Wort für S. Mazal ist, was Ge¬ 
stirn heißt; ein aus der Tragik des jüdi¬ 
schen Volkes geborenes Sprichwort lautet: 
„Juden haben kein Mazal“ 18 ) (kein 
gutes Gestirn). Nach dem gott-frommen 
Siegesliede der Debora haben „die Sterne 
wider Sisera gekämpft“ 19 ). Es ist die 
zuvorerwähnte Vorstellung von der Kor¬ 
respondenz der oberen und unteren Welt, 
welche zunächst in der Anschauung von 
der Parallelität der Gestimbewegung mit 
den menschlichen Erlebnissen hervorge¬ 
brochen ist. Wir beobachten einen Rhyth¬ 
mus des Geschehens auf der Erde und er¬ 
kennen einen Rhythmus des Werdens, 
des Auf- und Abbaues im Menschen, und 
es wäre seltsam, wenn diese Rhythmen 
nichts mit einander zu schaffen hätten. 
So entsteht die Erwägung, daß der Mensch 
mit seinem Geschick und, da ja doch dies 
vielfach von seinem Verhalten abhängig 
ist, daß er mit seinem Verhalten in den 


kosmischen Rhythmus hineingeflochten 
ist; entweder so, daß nur ein Parallelis¬ 
mus beider vorhanden ist, oder so, daß 
der kosmische Rhythmus Verursacher 
des irdisch-menschlichen ist 20 ). Herme¬ 
tische Weisheit (s. Hermes Trismegistos) 
weiß davon, daß das Sein in seiner Ganz¬ 
heit kausalmechanisch aus dem Ursein 
gewirkt ist. Moderne Astrologie liest, 
soweit sie besonnen vorgeht, nicht das 
Einzelschicksal aus den Sternen, sondern 
erblickt in dem Gang des universalen 
Sternenmeers den ewigen Rhythmus, der 
alles und drum auch das Leben des Ein¬ 
zelnen umfaßt. Sie weiß, daß das Selbst 
des Menschen, wenn es wahrhaft frei ist, 
nicht nur dem Zwang des äußerlichen 
Geschehens gehorcht, sondern auch dem 
Gesetze seiner eigenen innersten Struktur. 
Diese aber findet der Astrolog wieder als 
die Entsprechung des oberen Sphären¬ 
ganges; seine Lehre geht aber auch dazu 
über, Mittel für die Gestaltung des indi¬ 
viduellen, sozialen und politischen S.s aus¬ 
findig zu machen. Hiervon ist schon in 
alten indischen Schriften die Rede, nach 
denen sich S.serforscher (daivacintakas) 
am Hofe des Königs befanden 21 ). Da¬ 
neben sieht man sich ratlos gegenüber der 
Determination. „Von des S.s Macht ver¬ 
anlaßt beschimpft der eine den andern“ 22 ). 
„Der Knoten des S.s ist nicht auflösbar“ 
usw. Das Rita, der gleichmäßige Kreis¬ 
lauf der Weltordnung, steht in ähnlichem 
Verhältnis zu den Göttern wie die Moira 23 ). 
Daß der Mond leuchtet, daß die Sterne 
ihre Straße ziehn, ist Rita und ist Varu- 
nas Gebot. In Indien wie Persien tritt all¬ 
mählich die Zeit in den Rang der S.s- 
macht, wozu bei den Griechen ganz ähn¬ 
liche Ansätze vorhanden sind. Die Zeit 
schafft alle Dinge und rafft sie wieder hin¬ 
weg 24 ). Bei den Persern (Eraniern) wird 
Vor allem wie bei den Griechen die Zeit 
über den höchsten Gott gestellt. „Die 
Zeit ist stärker als die zwei Schöpfungen, 
als die Schöpfung des Ormuzd und die 
des Ahriman“ 25 ). Dann wird die „frei- 
•chaltende Zeit“ als die höchste S.sgott- 
heit verehrt 26 ), als der „von selbst exi¬ 
stierende Zarvan“ 27 ) (mittelpersische 
Schriften, Firdusi, Manichäismus 28 )). 


6. Unter den germanischen Stämmen 
war der Gedanke des S.s beliebt. Nach 
Art der personifizierten S.sidee finden sich 
bei den Germanen unter mancherlei 
Namen weibliche Wesen, die der einzelnen 
Menschen Heil oder Unheil „erspähen“, 
„künden“, aber auch „spinnen“ und da¬ 
nach knüpfen oder abschneiden (Zu den 
drei Nornen s. Bd. 6, 1121 ff.). Gleich 
hier muß ein Wort zu B. Kum¬ 
mers Hypothese gesagt werden, daß der 
S.sglaube den Germanen überhaupt fremd 
und, wo er sich finde, später Import 
sei 29 ). Sein Hauptargument, daß der 
tätige Mensch nicht fatalistisch sein könne, 
daher keine S. kenne, daß der Glaube an 
den Fulltrüi, den „Freund Gott“, zur 
vollständigen Eigenbestimmung befähige, 
ist rationalistisch-unpsychologisch; es setzt 
künstlich harmonisierte Seelen voraus. 
Vielmehr ist das S. für den Germanen oft 
genug die Instanz, an der er seine Erd¬ 
mäßigkeit inne wird und vor der er sich, 
wie häufig der antike Grieche, mit seinen 
Göttern identisch, will sagen, in gleicher 
Situation fühlt 30 ). Der Prometheische 
Trotz, der jeden seichten Optimismus 
ausfegt, ist das heilsame Element in die¬ 
sem S.sglauben („Hat denn nicht mich zum 
Manne geschmiedet, die allmächtige Zeit 
und das ewige S., meine Herren und 
deine?“) 31 ). Die Nornen drehen dem 
eben geborenen Helgi nächtlicher Weile 
die S.sfäden und spannen sein goldenes 
Lebensseil am Himmel aus. Der Glaube 
an ein unerschütterlich bestimmtes S., 
durch das jedes Einzelne geregelt ist, 
gehört zum Zentrum germanischer Le¬ 
bensauffassung. Dabei wird das Ethische 
ausdrücklich einbegriffen: „Jeder muß 
das tun, was ihm bestimmt ist“. „Das 
wird geschehen müssen, was vorgezeichnet 
ist“. „Dem Wort der Urd widerspricht 
niemand, wenn es auch widerwärtig be¬ 
stimmt ist“ 32 ). — Wenn nun eine der 
Nornen das Werk der anderen bisweilen 
zu vernichten droht 33 ), so liegt da der 
Versuch vor, innerhalb des S.s selbst die 
Möglichkeit der Wendbarkeit und Ent- 
rinnbarkeit sicher zu stellen. So versucht 
der Germane S. und individuelles Lebens¬ 
problem miteinander in Einklang zu 


1055 


Schicksalstage—schielen 


IO56 


bringen. Der Versuch gelingt durch die 
Spaltung der S. wirkenden göttlichen 
Kraft in co- und contra-ordinierte persön¬ 
liche Repräsentanten. Eben hiermit wird 
aber auch der Übergang zur ethischen Be¬ 
wältigung gefunden, das durch das S. auf 
gar mancherlei Weise auf gegeben wird. 
Durch die Aufspaltung der einheitlichen 
Tendenz des S.s aber eröffnet sich die Tür, 
durch welche der Mensch mit seiner ethi¬ 
schen Haltung dem S.sspruch entgegen¬ 
tritt. Selbst dem ,,Unabwendbaren“ 
wird aufrecht entgegen gegangen, und da 
kann es sein, daß der Mutige nicht er¬ 
liegt, sondern obsiegt 34 ). 

Das S. zu erfahren ist besonderes An¬ 
liegen des Gottes Odin. Er selbst führt 
seinen Pflegesohn Starkad auf die ein¬ 
same Insel, wo der Rat der 12 Götter 
tagt und Tor als der unholde, Odin als der 
holde Geist das Ergehen des heranwach- 
senden Knaben festsetzen. Es ist der 

I 

Gedanke völliger Determination, die als 
Urlegung, Ursetzung (orlog) bezeichnet 
wird, der zufolge sich das Geschehen nach 
,,Not“ (naudr) vollzieht. Wie mächtig 
dieser Gedanke dem Germanen vor dem 
der Erschaffung stand, geht daraus her¬ 
vor, daß man in der Christianisierungs¬ 
epoche den christlichen Gott nicht den 
Erschaffer, sondern Mcotod nannte, d. h., 
genau wie das S., die ,,zumessende“ 
Macht 35 ). 

18 ) Jeremias a. a. O. 422. 19 ) A. T. Buch 

Richter 5, 20. 20 ) Jeremias Religgesch. 25 ff. 

51. 149. 21 ) Negelein Weltgesch. des Aber¬ 

glaubens 1, 210 ff. 220 ff. 22 ) Scheftelowitz 
Die Zeit als Schicksalsgottheit 7. 23 ) Beth Re¬ 
liggesch. 49. 24 ) Scheftelowitz 15. 25 ) Ebd. 

44. 26 ) 47. 2 7 ) 48. 28 ) 56. 29 ) Kummer 

Midgards Untergang 164 ff. 30 ) Kurt Leese 
Rasse, Religion, Ethos 83. 31 ) Goethe Pro¬ 
metheus. 32 ) K. Maurer Die Bekehrung des 
norwegischen Stammes 2, 162 ff. 33 ) Beth Re¬ 
liggesch. 50. 34 ) Leese a. a. O. 81. 35 ) Leese 

85; H. Böhmer Das germanische Christentum 
(Theol. Studien u. Kritiken 1913) 202 ff.; vgl. 
bes. H. Naumann Germanischer Schicksals 
glaube 1934. K. Beth. 

Schicksalstage. Dieser im Volke selbst 
nicht gebräuchliche Ausdruck ist eine 
Zusammenfassung der Begriffe Glücks¬ 
tage (s. d.) und Unglückstage (s. d.), 
also der Tage, an welchen das Schicksal 
in gutem oder bösem Sinne in das Men¬ 


schenleben eingreift, an welchen aber 
auch der Mensch selbst auf sein Geschick 
Einfluß nehmen kann, indem er dem 
Unglück auszuweichen und das Glück 
an sich zu ketten sucht 1 ) (s. Tage- 
wählerei). Auch die Lostage (s. d.) 
gehören hierher, die nicht allein das 
I zukünftige Wetter vorausbestimmen 
lassen, sondern dem Menschen auch ge¬ 
statten, Glück und Unglück kommender 
Tage zu erforschen. Sie sind heilige, 
zaubervolle Tage (oder Nächte). Und so 
findet sich zuweilen das Wort Sch. in 
diesem Sinne verwendet, wenn es etwa 
heißt, daß an den Sch.n verborgene 
Schätze „blühen“ und dem Glücklichen 
zufallen, der sie zu heben versteht 2 ). 
Umgekehrt kann es auch geradezu Un¬ 
glückstage bedeuten 3 ). 

Man spricht nicht allein von Sch.n,. 
sondern auch von Schicksalszeiten 
des Jahres. Sie sind selbst dann, wo sie 
sie sich scheinbar an christliche Feste, 
wie Weihnachten und Ostern, anschließen, 
augenscheinlich aus heidnischen Auf¬ 
fassungen und Festen entsprungen. Dabei 
darf nicht der Unterschied des alten und 
neuen Kalenders übersehen werden, indem 
in verschiedenen Gegenden Deutschlands 
bei Zeiten derselben Bedeutung oft ein 
Unterschied von 10 bis 12 Tagen besteht. 
So hat der 12. Mai als der frühere I. Mai 
noch immer einige Bedeutung behalten 4 ). 
Es scheint, daß der Glaube an Sch. 
unter den sog. Gebildeten, auch der 
Gegenwart, stärker ausgeprägt ist als im 
Volke 5 ). 

1 ) Wuttke 56 §63. 2 ) Drechsler 2, 44. 

3 ) Zahler Simmenthal 25. 4 ) Wuttke 62 § 73. 
5 ) Vgl. ebd. 487 § 777. Jungbauer. 

schielen. Wer schielt, der ist ein 
Neidhammel und des bösen Blickes ver¬ 
dächtig J ). In Mecklenburg darf er beim 
Buttern nicht zugegen sein, sonst be¬ 
kommt man keine Butter 2 ). Schielen 
ist auch ein Charakteristikum eines 
Menschen, der das zweite Gesicht hat 3 ). 
Wenn in England (Cambridgeshire) ein 
Schielender jemanden anblickt, so wird 
dieser den ganzen Tag Unglück haben, 
denn der Schielende kann durch einen 
hindurchsehen und seine Gedanken 


1057 


Schierling—schießen, Schuß 


IO58 


lesen 4 ). Auf der Halbinsel Maläka 
glaubt man, daß der Schielende ein 
größeres Gesichtsfeld hat als der Normal¬ 
sehende 5 ) (s. Auge). 

1 ) Seligmann Zauberkraft 235. 375; Selig¬ 
mann Blick 2, 284. 2 ) Bartsch Mecklenburg 

2, 136. 3 ) Seligmann Zauberkraft 235 Anm. 

4 ) Ebd. 235. 5 ) Ebd. 236. -j* Seligmann. 

Schierling (Conium maculatum). 

1. Botanisches. Doldenblütler mit 
hohlem, am Grunde gewöhnlich rot- 
geflecktem Stengel und dunkelgrünen, 
glänzenden, dreifach gefiederten Blättern. 
Der Sch. ist stark giftig und riecht un¬ 
angenehm mäuseartig. Er wächst hier 
und da an Zäunen und Mauern. An 
Ufern von Bächen und am Rand von 
Sümpfen wächst der Wasserschierling 
(Cicuta virosa), der einen hohlen und 
durch Querwände gekammerten Wurzel¬ 
stock besitzt 4 ). Wegen seiner Giftigkeit 
spielte der Sch. schon im Altertum eine 
große Rolle 2 ). 

*) Marzell Kräuterbuch 322 f. 391. 2 ) Mar- 
zell Heilpflanzen 96—99; Tschirch Hb. d. 
Pharmakognosie 3 (1923), 219 ff.; Lewin Gifte 
in der Weltgeschichte 1920, 65 — 72; Schräder 
Reallex. 2 2, 294 f.; Hertz Abhandlungen 246 ff. 

2. Der Sch. ist eine Hexenpflanze 
wie schon die dritte Hexe in Shake¬ 
speares „Macbeth“ (IV, 1) spricht von 
„root of hemlock (Sch.) digg’d i' the 
dark“ als Bestandteil der Hexenbrühe. 
In einem mecklenburgischen Hexenprozeß 
aus dem Jahre 1609 bezeichnet die An¬ 
geklagte ein Pflaster von „Wedenduncks- 
Wurzeln“ (niederd. Wödendunk — Sch.) 
und unbenutztem Wachs als Heilmittel 
gegen die durch einen Zauberguß bewirkte 
Lähmung 3 ). Hexen können durch das 
Walburgisfeuer vertrieben werden. Es 
werden an einem Donnerstag um Mitter¬ 
nacht von Kienspänen, Sch., Spring¬ 
wurzel, Rosmarin, Schlehdomreisem Bün¬ 
del gemacht, diese werden am 1. Mai 
angezündet und verbrannt, jedoch von 
solchen Menschenhänden, die sich vorerst 
durch die Gnaden der Kirche von allen 

9 

Sünden gereinigt haben 4 ). 

3 ) Schiller Tierbuch 1, 32. 4 ) Alpenburg 

Tirol 260; ob wirklich volkstümlich? 

3. Gegen Fallsucht grabe in der 
Johannisnacht zwischen 11 und 12 Uhr 
unbeschrien und stillschweigend eine Sch.- 

Bächtold*Stäubl i, Aberglaube VII. 


Wurzel aus und lasse sie das Kind solange 
an einem Faden um den Hals tragen, 
bis sich der Schaden verliert 5 ). In der 
modernen Homoeopathie wird übrigens 
der Wasserschierling mit Vorliebe gegen 
Fallsucht (Epilepsie) angewendet 8 ). 

5 ) Bartsch Mecklenburg 2, 290 = Arch. d. 
Ver. f. Freunde d. Naturgesch. in Mecklenburg 
50 (1896), 209; Fossel Volksmedizin 92. 8 ) Fel- 
lenberg-Ziegler Kleine homoeopath. Arznei¬ 
mittellehre ö 1919, 106. Marzell. 

schießen, Schuß. Aus Arabien, Persien 
und von den meisten Völkern idg. Her¬ 
kunft wissen wir von Weitschüssen, die 
mythischen Helden zugewiesen werden. 
Aber auch im engeren Bereich der ger¬ 
manischen Mythen, Sagen und Märchen 
ist die Gestalt des femtreffenden Meister¬ 
schützen wohlbekannt. Sie hat in der 
Wielandsage typische Ausgestaltung und 
in deren weiten Verzweigungen reichen 
Niederschlag durch die Jahrhunderte ge¬ 
funden 4 ). 

*) Jiriczek Deutsche Heldensagen 1 (1898), 
S. 1 —54; Symons im Grundriß der Germa¬ 
nischen Philologie 2. Aufl. 3 (1900), 722 bis 731. 

So hat gerade die Vorstellung von 
dem durch geheimnisvolle Kräfte er¬ 
langten Zauberschuß überall gewirkt und 
ist im Aberglauben bis heut lebendig 
geblieben. 

Zauberschützen erwähnt für Deutsch¬ 
land der Hexenhammer (1489); sie sch. 
am Karfreitag beim Zelebrieren der Messe 
drei- bis viermal nach dem Bild des 
Gekreuzigten wie nach der Scheibe und 
haben die Macht, täglich drei bis vier 
Menschen mit einem Treffschuß zu töten; 
auch ohne die Opfer zu sehen, gelingt 
der Schuß. 

Auch der Schuß ins Ebenbild 
gehört zu dieser Gattung des Zauber¬ 
schusses 2 ). 

Ins Gebiet soldatischen Aberglaubens 
weisen Berichte von Zauberschützen, die 
Hut, Säbel, Sattelknopf, den rechten 
Steigbügel usw. absch. 3 ). 

2 ) In Anlehnung an antike Belege tritt 
die Erzählung Gesta Romanorum (Österley 
1872 Kap. 102 u. Liter. S. 727) auf: Eines 
römischen Ritters Frau will den Buhler ehe¬ 
lichen, wenn er den Gatten ungesehen beseitigt. 
Während des Bades sieht der Ritter im Zauber- 
Spiegel, daß sein in Wachs geformtes Bild an die 
Wand geheftet ist; er erkennt die Gefahr und 

34 


1059 


schießen, Schuß 


IOÖO 


wie der Ehebrecher darnach schießen will, 
duckt er sich dreimal ins Wasser; der Pfeil kehrt 
zum Schützen zurück und tötet ihn. Roch* 
holz in Argovia 17 (1886), 77 ff. (mit weiteren 
Belegen bis ins 19. Jh.). 3 ) Hofmann Bad. 

Franken 31; Strackerjan 1, 281; Meiche 
Sagen 556. 

Wie bei Gewehr, Kugel wendet sich 
besonders der Jägeraberglaube dem 
Sch. und Schuß zu; zunächst ein¬ 
fachere Formen: den ersten Schuß aus 
neuem Gewehr in die Luft zu feuern 4 ); 
ein keusches Mädchen über das Gewehr 
springen zu lassen 5 ); am Katharinen- 
und Markustag nicht zu sch. 6 ), weil 
sonst das ganze Jahr hindurch kein 
Jagdglück beschert ist und die Gewehre 
verderben. 

Wenn aber der abergläubische Brauch 
zu den geheimnisvollen Kräften aus 
Tier- und Pflanzenreich greift, so kann 
man darin bewußte Schußhilfe sehen. 
Einen von einer Jungfrau am Sonntag 
gesponnenen Faden durch das Blut eines 
Wiedehopf ziehen und um den rechten 
Arm binden, gibt Treffschuß 7 ). Und 
beim Zielsch. trifft immer das Schwarze, 
wer am Goldenen Sonntag die rechte 
Hand mit einem Strick, daran ein Dieb 
am Galgen gehangen, umwindet 8 ). Ver¬ 
hexte Tiere sind mit Brot, das man 
in die Flinte steckt, besser zu treffen 9 ); 
in gleicher Weise kann ein beherzter 
Jäger ein Gespenst niederstrecken 10 ). 
Sichertreffende Kugeln erlangt man durch 
Weizenkörner, die beim Gießen ins Blei 
gegeben werden 11 ). Auch Johannis¬ 
kraut ist Schießzauber 12 ). Wer Brot 
ins Gewehr lädt, schützt die Waffe vor 
dem Gebanntwerden 13 ). Vor allem 
hilft „Gesegnetes“ gegen Hexen, die 
meist als Hasen, in den Alpen als Gemsen, 
den Jäger verspotten. Wer aber Oster¬ 
kohlen vom Osterfeuer, am Karfreitag 
auf dem Friedhof angezündet, im Flinten¬ 
kolben mit sich führt, der erlegt die 
Hasenfrau und tötet damit die Hexe 14 ). 
Ebenso erfolgreich gegen Hexen, Zauberer, ; 
ist der Schuß, wenn in den Gewehrlauf 
ein Zettel (wohl mit Charakteren be¬ 
schrieben) eingeschoben wird 15 ); oder 
der Schuß mit Erbsilber, meist in 
Knopf form 16 ). Überhaupt kann man mit 


Erbsilber alles treffen, was mit Zauberei 
„festgemacht“ ist, so ein Gewehr, das 
nicht trifft, in Ordnung bringen, auch 
Krankheiten, Zahnweh, heilen 17 ). Ein 
Kreuzknopf hat auch die Macht, gegen 
ein Gespenst zu helfen 18 ). Ein geweihter 
Marienzwanziger trifft einen verhexten 
Reiter, daß er tot aus der Luft herab¬ 
stürzt 19 ). Endlich tötet eine um Mitter¬ 
nacht hergestellte gläserne Kugel, über 
die der Zauber gesprochen wurde, selbst 
den in einen Hirsch verwandelten alten 
Jäger, der Freikugeln gießen konnte und 
„fest“ war 20 ), oder sie trifft die Wetter¬ 
hexe 2l ). Eine weitere Schußhilfe ist 
Staub, der unter der Türschwelle mit 
dem Flintenlauf hervorgeholt wurde und 
mit Speichel zu einem Brei vermischt 
auf die Flinte gestrichen wird 22 ). 

Zu bleibendem Jagdglück glaubt der 
Jäger der immer treffenden Kugel zu 
bedürfen; je mehr er dem ‘Besegnen' 
verfällt, desto schwerer verwickelt er 
sich in die Netze, die ihm der Böse ge¬ 
stellt hat. Gegen seine 23 ) oder die in 
bestimmter Frist zu stellende Seele eines 
anderen wird er selbst gegen Schuß 
gefeit 24 ) und erkauft sich den Frei¬ 
schuß 25 ). Wir verbinden gemeinhin 
mit dem Wort Freischütz (3, iff.) 
die Vorstellung, daß ein Jäger mit Hilfe 
der unterirdischen Mächte Kugeln (3. 7. 
63) gieße und dazu zauberkräftige Kräuter 
und Teile von Tieren, denen besondere 
magische Kräfte zugeschrieben werden, 
verwende. Die Kugeln treffen nach dem 
Willen des Jägers ihr Ziel, aber die letzte 
oder drei letzten lenkt der Teufel. Dazu 
hat neben mehr oder minder bleibenden 
Dichtungen und Romanen Karl Maria 
v. Webers Oper ‘Freischütz' mit ihrem 
romantischen Stimmungsgehalt reich¬ 
lichen Anlaß gegeben. In Wahrheit 
aber hat, wer überhaupt mit schwerem 
Zauberbrauch und Verfehlung gegen das 
Allerheiligste zur Erlangung bleibenden 
Jagdglücks umging und seine Seele daran 
gab, den „Freischuß“ erlangt. Er kann 
sich unsichtbar machen, er trifft alles 
Wild, auch wenn er es nicht sieht oder 
sogar in entgegengesetzter Richtung 
schießt. Nach seinem Tod geht er meist 


1061 


schießen, Schuß 


I 0 Ö 2 


um, in Jagdkleidung; da und dort gelingt 
es, ihn zu bannen. 

Aber den frommen Jäger, der bei der 
Heimkehr vom Anstand vom Teufel in 
die Irre geführt wird, kann ein Flinten¬ 
schuß wieder auf den rechten Weg 
bringen 26 ). 

Den leichteren Formen des Jäger¬ 
aberglaubens gehört die Schußstellung, 
den Schuß verkeilen u. ä. an, auch 
Wildsegen finden sich mehrfach: Daß 
kein anderer ein Wild sch. kann: Sprich 
dessen Namen, z. B. Jakob Wohlgemuth, 
schieß, was du willst, doch schieß nur 
Haar und Federn und was du den armen 
Leuten gibst 27 ). 

4 ) Fogel Pennsylvania 365 (mit einer 
Parallele aus Heidelberg). 5 ) Strackerjan 
I, 97 t. (Münsterland). 6 ) Boeder Esthen 
91. 7 ) Alemannia 2 (1875), 130 (Beleg aus d. J. 
1727, Bonndorf [BaarJ). Wachtelgalle: 
Baumgarten Aus d. Heimat 1,103. 8 ) Schultz 
Alltagsleben 240 h (Beleg aus Amaranthes 
Frauenzimmer-Le xicon 1715). 9 ) Wettstein 

Disentis 175; ZfrwVk. 1 (1904)» 236. 10 ) Schell 
Bergische Sagen 76. — Wer eine Hostie in seinen 
Leib einheilen läßt, kann wunderbare Schützen¬ 
künste ausüben: Alpenburg Tirol 359 (Beleg 
aus dem Bregenzerwald, Ende 18. Jh.s). 
il ) Kronfeld Krieg 118 (ohne nähere Angaben). 
u ) Kuhn Mark. Sagen 387. 13 ) Meier Schwa¬ 
ben 1, 250; Wettstein Disentis 175. 14 ) Herzog 
Schweizer sagen 2, 71; Eisei Voigtland 140. 
11 ) SAVk. 17 (1913), 83 f. ie ) Müllenhoff 
Sagemzgi.’, Strackerjan 2, 355; ARw. 4(1901), 
275 (Schweden, Norwegen); Meiche Sagen 544; 
ZfrwVk. 1 (1904), 236. 17 ) Müllenhoff Sagen 

229 f. 18 ) Strackerjan 1, 314. 19 ) Kühnau 
Sagen 2, 630. 20 ) Witzschel Thüringen 2, 67. 
•*) John Westböhmen 199. 22 ) Grohmann 208. 
Äl ) Um, wenn man auf die Jagd geht, stets sein 
Ziel zu treffen, muß man sagen: komm teufel 
und halte mir das thier, ich gebe dir meine Seele 
dafür. Oder man muß das Abendmahlsbrot 
wieder aus dem Munde nehmen und es dann in 
die Büchse laden; Kuhn u. Schwartz Nordd. 
Sagen 429. 24 ) Die Kugel fliegt zum Schützen 

lurück und tötet diesen; im Jägeraberglauben: 
Schell Bergische Sagen 307: Ein Graf will den 
verhaßten Jäger mit einer Blutkugel töten. 
Aber der Jager kennt die Venetische Kunst, 
•f hängt seinen Hut an einen Baum, stellt sich 
beiseite. Mit lautem Knall trifft die Kugel den 
Hut. Der Jäger schickt sie sofort dem Grafen 
nach, der tot umsinkt. Ähnlich von zwei För¬ 
stern: Ranke Volkssagen 34 f., von einem ver- 
lauberten Hasen: ZfrwVk. 3 (1906), 87. — Heyl 
Tirol 785 berichtet von einem allgemeinen 
Glauben in Tirol, daß das Wiesel verzaubert sei; 
Wer auf ein Wiesel schieße, den treffe die zurück- 
prallende Kugel. Im Soldatenaberglauben: 


ZfrwVk. 2 (1905), 311 (Vorkommnis im Zau¬ 
berer- und Hexendorf Nattenheim in der Ei¬ 
fel). 25 ) Zimmerische Chronik 2. Aufl. 1, 450 ff.: 
. . . wann ainer in der carwochen die vier passion 
here und uf ainem bain stände, dieweil die ge¬ 
lesen werden, und nachgends mit ainem bogen . . . 
drei schütz in ain crucifix thue, so künde er 
hernach mit solchem pfeil kain schütz mer feien, 
sonder treff, was er begere oder darnach er ab¬ 
ziele ... Es folgt nun die Geschichte vom ver¬ 
hängnisvollen Schuß in Stetten: der Pfeil bleibt 
im Kruzifix haften (wiederholt z. B. von Bir- 
linger A us Schwaben 1, 79 mit einem gleichen 
Beleg aus England). Beleg aus dem Ende des 
16. Jh.s von einem Freischützen im Dienst der 
Stadt Basel: SAVk. 18 (1914), 52. — Vgl. noch 
Thomas Ebendorfer von Haselbach (1387 bis 
1464, Niederösterr.): . . . similiter, qui in die 
Parasceves tres ictus de balista ad ymaginem 
crucifixi jaciunt, ut bene post sagittent ad 
metam . . . (ZfVk. 12 [1902], 13 f.). — Frank 
System der medicin. Polizei 1788. IV 564. — 
Oder: Drei Schüsse, die der Schütze auf einem 
Tuch knieend, gegen Sonne, Mond und Gott 
abgibt, machen ihn zum Freischützen: Drei 
Blutstropfen fallen dann vom Himmel; Hof- 
mann Bad. Franken 26 (mit weiterer Lit.). — 
Oder: Man darf bei der Kommunion die Oblate 
nicht verschlucken, sondern muß sie unbemerkt 
in die Tasche stecken. Im Wald wird die Oblate 
von einem alten Freischützen an einen Baum 
genagelt. Wie der J ägerbursche darnach schießen 
will, sieht er Christus am Baum stehen; nach 
einigem Zögern drückt er ab und durchbohrt 
die Oblate, die ganz blutig wird (Hildesheim): 
Ranke Volkssagen 32 ff.; ähnlich: Meiche 
Sächs. Sagenbuch 583h; Veckenstedt Wend. 
Sagen 30öS.; Strackerjan 1, 98. 281 f. — 
Ranke ( Volkssagen 32 ff.) gibt eine mecklen- 
burg. Sage wieder, nach der ein Jägerbursche 
3 Probeschüsse tun soll, während der alte Jäger 
auf einem Rehbock, Hirsch und Wildschwein 
vorbeireitet. Obwohl der Alte sich als schu߬ 
fest ausgibt, schießt der Junge nicht und hat 
es damit verpaßt, Freischütze zu werden. Aber 
der Alte verschwindet: der Teufel hat ihn ge¬ 
holt, weil er ihm keine Seele verschaffte (vgl. 
Literaturnachweis 24: wenn der Jäger schu߬ 
fest war, mußte die Kugel auf den Schützen 
zurückfahren und den Jungen töten, der damit 
dem Bösen als Preis für des alten Jägers weiteres 
Freischützenleben zugefallen wäre). 

Köhler Kl. Sehr. 3, 200 f. (über Grässe 
Quelle des Freischütz 1875. — Mit Angabe der 
älteren Literatur). — John Volkstümliches im 
Freischütz in: ZföVk. 11 (1905), 165 ff. Es gibt 
keine Freischützsage. Reiner Volks- und 
Jägeraberglaube, der im einzelnen nachweisbar 
ist, hat im besonderen Fall eines Gerichtsver¬ 
fahrens im Jahr 1710 zu Taus (Westböhmen) 
aktenmäßig Niederschlag gefunden und ist als 
Geschichte in Form eines Gerichtsfalles 1730 
zuerst veröffentlicht worden. Darauf beruht 
Apel und Launs * Gespensterbuch’ 1810, das den 
Freischütz als ‘Volkssage' bringt und in leichter 

34* 








1063 


schießen, Schuß 


IO64 


Ausschmückung Nebenumstände (Liebes¬ 
geschichte, Probeschuß) jenem ersten reinen 
Tatsachenbericht v. J. 1731 hinzufügt. Auf 
dieser Fassung des 4 Gespensterbuches' beruht 
Joh. Friedr. Kinds Dichtung und Karl Maria 
v. Webers Vertonung (1. Aufführung 1821 zu 
Berlin). — Hasselberg Der Freischütz . . . 1921 
(mit Abdruck der beiden 'Quellenstücke' von 
1730 u. 1810). 

Weitere Nachweise zum Freischützstoff in 
der schönen Literatur bei Krüger Deutsches 
Literatur-Lexikon 1914, uou. Kosch Deutsches 
Literatur-Lexikon 1 (1927), 501. 

Zahlreiche Jägersagen von Schützen, die 
immer treffen, bei Grässe Jägerbremer 1857, 
Jägerhörnlein 1861 (= Jägerbrevier Teil 2), 
Jägerbrevier 2 1869, Teil 2 Hubertusbrüder 1875. 
2fl ) Stöber Elsaß 1, 20. 27 ) Geistl. Schild 166. 

Kuhn Westfalen 2, 196; Birlinger Aus Schwa¬ 
ben 1, 457 bringt diesen Spruch als Eingang 
eines längeren Segens. 

Vom Zauberschuß, der zum ,,freien 
Schuß“ führte, fand sich leicht der 
Weg zum Frevelschuß gegen Kruzifix, 
Bild oder Statue der Heiligen aus Trotz 
gegen Gott und seine Fügungen. 

Ein Jäger kommt nach mühseliger, 
erfolgloser Jagd zu einem Kruzifix und 
verfehlt auch dort ein Reh; voll Wut 
legt er auf den Gekreuzigten an, schießt, 
aber das Bild bleibt unversehrt; beim 
zweiten Schuß — seiner letzten Kugel — 
stürzt er tot zu Boden und muß nun 
bis zum Jüngsten Gericht umgehen 28 ). 
Das gleiche Motiv begegnet in Sagen 
früherer Kriege. Ein Schwede beschoß 
im 30jährigen Krieg ein Muttergottes¬ 
bild; er sinkt, mit dem letzten Schuß 
aus seinem Gewehr, tot zu Boden 29 ). 
Der Rache des Toten verfällt, wer ihre 
Ruhe stört 30 ). 

In unsere Zeit (1905) führt der Bericht 
vom Schuß gegen Gott, den Himmel, 
den ein Gutsbesitzer bei Deutsch-Eylau 
aus Ärger, wegen des vielen Regens die 
Frucht nicht einfahren zu können, ab¬ 
gegeben hat. Sofort kommt ein Gewitter 
auf, ein Blitz versteinert den Frevler 31 ). 

28 ) Schell Bergische Sagen 414. — Vgl. 
den Schuß Punkers von Horbach (im Hexen¬ 
hammer): Argovia 17 (1886), 80 ff. 2 ») 

Kühnau Sagen 3, 412. Ähnlich für die 
schlesische Lausitz ebd. 3, 402, für Breslau 

3 . 334 - — Zu vgl. ist: ein Soldat schießt 
einem Rittersteinbild die Nase ab, ihm wird im 
Krieg ebenfalls die Nase weggeschossen: Hof- 
mann Bad. Franken 40. 30 ) Ein Feldhüter 

schießt nachts aus reiner Bosheit in den Fried¬ 


hof. Da packt ihn ein Toter und zerdrückt 
ihn an der Friedhofmauer: Heyl Tirol 472. 
31 ) Belege für diese bemerkenswerte Sagen¬ 
bildung, die rasche Einbeziehung verwandter 
Nebenumstände und Weiterführung des Ge¬ 
dankens eines göttlichen Strafgerichts: ZfVk. 
16 (1906), 1770. 429. und 23 (1913), 188 f.; 
Ranke Sagen 231 f. 285. — Ähnliche Fassung 
von einem Wirt in Frankfurt a. M., dem ein 
Unwetter die letzte Hoffnung zerstört und der 
in seiner Verzweiflung in den Himmel schießt. 
ZfVk. 23 (1913)* 3°3 (mü weiterem Nachweis). 
Drei^ Schüsse gegen Sonne, Mond und Gott, 
um 'Freischütz' zu werden: Hof mann Bad. 
Franken 26 und Ranke Sagen 33; Schell 
Bergische Sagen 28. — Vgl. Roch holz Teil 31. 
— Den Schuß nach dem Himmel als Regen¬ 
zauber führt Meiche Sagen 64 an. Fernzuhalten 
ist davon Schießen nach Sonne und Mond, das 
auf mythische Urgründe zurückgeht und wozu 
altindische Anklänge vorliegen (ZfdPhil. 1 

[1869], 94 f.; vgl. Losch Balder 156 t.; Meyer 
German. Mythologie 246). 

Das Sch. zu bestimmten Zeiten 
des Jahres, die für die Landwirt¬ 
schaft bedeutsam und nach dem Witte¬ 
rungsverlauf entscheidend sind, steht in 
seinen Grundursachen dem Feuer, dem 
Lärmen, Schreien, Glockenläuten, Peit¬ 
schenknallen nah: das Sch. wirkt sogar 
besser, da es Lärm und Feuer ist! Aber 
Erwachsene, sogar der Hofbauer, oder 
der erste Knecht üben es aus. Im eigent¬ 
lichen Sinn gilt es, schädigende Mächte, 
feindlich gesinnte Dämonen von Haus 
und Hof, Menschen und Vieh, von Acker 
und Flur fernzuhalten oder zu vertreiben, 
und gutes Gedeihen, reiche Ernte zu 
erzielen. An den Grenzen des Besitztums, 
auch kreuzweise, über das Haus, an der 
Dungstätte, über den Brunnen als an 
lebenswichtigen Plätzen schießt der länd¬ 
liche Bewohner, dem der alte Brauch 
noch irgend lebendigen Inhalts ist. Dem 
Städter ist nur die Freude am Sch. in 
der Neujahrsnacht verblieben; die Jugend 
hat es übernommen. Und in gleicher 
Weise begleitet sinnvoller Brauch des 
Sch.s Geburt, Taufe und Hochzeit auf 

dem Land. 

• • 

Uber das gesamte deutsche Siedlungs¬ 
gebiet (auch weithin über Europa und 
Asien: Krauß Sitte u. Brauch 56. 391; 
Wlislocki Magyaren 150; Seligmann 
2, 274) ist der Brauch belegt, den wir 
nach dem Ablauf des Jahrs verfolgen. 


schießen, Schuß 


1066 


I 

r 


IO65 

Am hl. Abend wird über die Felder 
geschossen, auch über oder in die Obst¬ 
bäume 32 ); auf Straßen, aus Wohnungen; 
als besonders günstige Stunde wird — 
wenn überhaupt — die Zeit vor, während 
und nach der Mette angegeben 33 ); man 
„schießt das Christkindl an“ 34 ). In 
Mecklenburg wird über oder in die 

Brunnen geschossen 35 ). 

In der Silvesternacht und am Neu¬ 
jahrstag wird — im ganzen nördlichen 
Europa — eifrig geschossen, auf dem 
Land über Felder und Fluren, in die 
Obstbäume, in den Städten auf den 
Straßen 36 ); mehrfach als „das alte Jahr 
aussch., das neue Jahr ansch.“ bezeichnet, 
und den Mädchen oder Ortsgenossen, die 
man ehren will, zugebracht. Als Dank 
folgt meist eine Bewirtung 37 ). Burschen 
und Mädchen pflegen am Neujahrstag 
einander vor allem Gebäck zu schenken, 
wohinter tieferer magischer Sinn liegt 38 ). 
Aber die Sitte, das Neujahr anzusch., 
scheint in einigen Gegenden nachzu¬ 
lassen 39 ). Bartsch meidet von Mecklen¬ 
burg: „Silvesterabend wird fleißig ge¬ 
schossen, denn der Knall und das Feuer 
verscheucht die bösen Geister. Wer das 
Ding aber richtig versteht, schießt nur 
siebenmal, nämlich dreimal in den Brun¬ 
nen, und einmal auf jeder Ecke des 
Hauses. Was darüber ist, das ist von 
Übel“ 40 ). 

Am Ostersonntag, beim Sonnen¬ 
aufgang, schießt man über die Felder, 
so fast überall im Voigtland, Erzgebirge 
und Böhmen 41 ). In Böhmen, Schlesien 
und unter den Wenden ist es Sitte, 
noch in der Osternacht zu sch. 42 ): auch 
hier, um feindliche Dämonen zu ver¬ 
treiben und von den grünenden Saaten 
fernzuhalten. Geweihte Kugeln werden 
auch am Ostertag an den vier Ecken 
der Felder gegen Hexen abgeschossen 43 ). 
Doch ist die Gefahr, die den Äckern 
droht, in der Blüte- und Reifezeit des 
Korns am größten: die Hexen jagen in 
den Gewittern einher. Gegen sie hilft, 
besonders in den „Hexenzeiten“, jede Art 
Lärm, Glockenläuten und wieder starkes 
Sch., besonders am Walpurgisabend (1. 
Mai) 44 ) und in der Johannisnacht (24. 


Juni) 45 ). — Pfingstsch. ist bis 1880 
in der Oberpfalz im Gebrauch gewesen 46 ). 
— Der Fronleichnamstag ist in katho¬ 
lischen Landen der Tag allgemeiner Flur- 
und Wetterprozessionen (einige von vielen 
Nachweisen bei Sartori Sitte u. Brauch 
3» 219). 

32 ) Drechsler 1, 15 f. 21. 30; 2, 58. 250; 
John Westböhmen 20; Jahn Opfergebräuche 
214 f.; Birlinger Volksth. 2, 8; Bronner 

Sitt’ u. Art 11; Hörmann Volksleben 232; 
Andree-Eysn Volkskundliches 160. Beleg aus 
Gossensaß: ZfVk. 8 (1898), 250. — Fogel 

Pennsylvania 209 (allgem.: man müßte in 
einen unfruchtbaren Baum hineinschießen; vgl. 
Wuttke 426). 33 ) John Westböhmen 20; 

Pollinger Landshut 196; Bronner Sitt ' u. 
Art 11. 34 ) John Westböhmen 20; Drechsler 1, 
21; Pollinger Landshut 196; Bronner Sitt’ u. 
Art 11. 35 ) Bartsch Mecklenburg 2, 226. 244 
(vgl. Literaturnachweis 40). 36 ) Sartori Sitte 3, 
68 f. u. Anm. (mit Literaturangaben). Weitere 
Nachweise: In Köln seit 1697 bezeugt: Wrede 
Rhein. Volkskunde 169.; S t racker j an 2, 
30; Kuhn und Schwartz 376 (gegen Hexen!); 
Kuhn Mark. Sagen 378; Bartsch Mecklenburg 
2 232; Drechsler 1, 15 f. 49; Meyer Baden 
201; Alemannia 27 (1899), 241 („Schießnacht“ 
in Mückenloch b. Neckargemünd); Kapff Fest¬ 
gebräuche 7; Stäuber Zürich 2, 128. — Allgem.: 
Wuttke 65. Belege für das übrige nördl. Eu¬ 
ropa und aus Italien: ARw. 4 (1901), 170 ff. 
274 ff.; Sartori Sitte 3, 69 (Die Kaschuben 
schießen nach der Stelle, wo Kornfelder liegen, 
um volle Ähren zu bekommen); Fogel Penn¬ 
sylvania 208. 37 ) Bartsch Mecklenburg 2, 232; 
John Erzgebirge 182. In Württemberg werden 
die „Anschießer“ am Neujahrstag von den 
Mädchen zu einem Glas Most oder „Schußwein“ 
oder zu einer größeren Mahlzeit eingeladen: 
Kapff Festgebräuche 7. Ansprache und Sprüch¬ 
lein im obern Nahetal: ZfVk. 12 (1902), 418f. — 
Schmitz Eifel 1, 5; Bronner Sitt’ u. Art 53; 
Reiser Allgäu 2, 28; Meyer Baden 201; 
Alemannia 27 (1899), 241; Wrede Rhein. 

Volkskde 169. Für Minden i. Westf.: ZfrwVk. 
1907, 10 f. (wo auch weitere lokale Lit.); Sar¬ 
tori Westfalen 139. Weitere Lit. bei Sartori 
Sitte 3, 68. 38 ) z. B. einen gebackenen Ring 

im fränkischen Unterland: Kapff Festgebräuche 
7. Eine Bretzel: Meyer Baden 201. 39 ) Meyer 
Baden 201 (Gegend um Kehl). Westfalen: 
ZfrwVk. 1907, 10. 

Schon 1674 wurde in Bayern durch kurfürstl. 
Befehl das Sch. in den hl. Zeiten (Thomas-, 
Christ- u. Neujahrstag, hl. Dreikönig) unter¬ 
sagt; 1717 wurde das Verbot des „Sch.s und 
Plenkelns aus den Häusern in den hl. Nächten“ 
erneuert: Bronner Sitt’ u. Art 350. — In Elg 
bei Zürich wurde das Neujahrssch. auf Antra 
von Pfarrer und Gerichtsherrn 1722 abgeschabt: 
Stäuber Zürich 2, 128. Verbot für das Hoch¬ 
stift Speyer durch landesherrliche Verordnung 


bO fcO 



1067 


schießen, Schuß 


1068 


m Hessen-Cassel 1767: Frank System der medi- 
cm. Policei IV (1788), u 9 f. ; für die hohenlohen- 
schen Lande 1787 bei 5 fl. Strafe: Journal von 
u. für Deutschland 1788 1,354; für Universität 
Marburg 1790, bei 10 Th. Strafe: Journal von 
u. für Deutschland 1790 1, 63. Früher wurde 
im Zürcher Oberland während der Fastnacht 
mehr geschossen; hier war Sch. eine Freude 
vor allem der Buben: Messikommer alter 
Zeit. 1, 139 f-; Sartori Sitte 3, 99. 40 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 232. Die Siebenzahl der Schüsse 
ist lediglich Verstärkung des Abwehrzaubers. 
Parallelen zur bes. Beachtung des Brunnens 
bei Sartori Sitte 3, 70. «) John Erzgebirge 

194i Reinsberg Böhmen 139; John West¬ 
böhmen 65; Köhler Voigtland 173. 42 ) Laube 
Teplitz 39; Drechsler 1,96; Schulenburg 
Wend. Volksthum 142. 43 ) Wuttke § 646 

44 ) Allgem.: Wuttke 76. 185. 281; Kuhn u. 
Sch wart z Sagen 376; Köhler Voigtland 427 
(gegen den Bilmschnitter: kreuzweises Schießen 
über die Felder: ebd. 373); Drechsler 1, 136; 
John W estbohmen 71 (wer den Sch. von weitem 
hört, soll sagen: Schieß meine Hexe a mit). 72 
(über den Düngerhaufen). 265; John Erzgebirge 
197 f- (mit der Stelle über den Walpurgisglauben 
aus der ,,Chemnitzer Rockenphilosophie“); 
Schramek Böhmerwald 251. 45 ) Zeugnis aus 

Norwegen bei Liebrecht Zwr Volksk. 319 u. 
ARw. 4 (1901), 278. Für Deutschland sind 
andere Abwehrmittel überliefert: Sartori Sitte 
3, 222, Baumgarten Jahr u. s. Tage 28. — 
Hierher auch das Sch. beim Springen über das 
Sonnwendfeuer: Schramek Böhmerwald 158. 

46 ) Unangesprochen und nüchtern vor Sonnen¬ 
aufgang gegen den Bilmes dreimal über die 
Acker sch. oder während des Umgangs um die 
Acker: Bronner SitV u. Art 171; Schönwerth 
Oberpfalz 1,435 kennt 2 Fassungen. Hier ist 
kreuzweises Sch. mit an Ostern geweihter 
Kugel Bedingung. Köhler Voigtland 373. 

Nur mehr Ausdruck froher Stimmung, 
heiteren Lebensgefühls und daher dem 
Aberglauben fern ist das Sch. während 
der Weinlese, das für Württemberg, 
Baden, Elsaß und das Rheinland reich¬ 
lich bezeugt ist. Gleiches gilt wohl auch 
vom Sch. beim Dienst boten Wechsel: in 
Westfalen schießt am Tag des Dienst¬ 
austritts (Tag vor Weihnachten) und 
Dienstantritts (Tag vor Neujahr) die 
Herrschaft; anderwärts, besonders in 
Schwaben, entläßt man nur die beliebten 

Dienstboten mit Schuß und Peitschen¬ 
knall 47 ). 

47 ) Kuhn Westfalen 2, 117; vgl. Sartori Sitte 
2, 40 (mit weiterer Lit.). 

Auch das Sch. bei Geburt, Taufe, 
Verlobung und noch mehr bei Hoch¬ 
zeit hat zum Grund die uralte Abwehr 


schädigender Dämonen, besonders der 
Hexen, und ist, eine nicht mehr ver¬ 
standene Zauberhandlung, zum freudigen 
Ausdruck der Ehrung geworden. 

I Geburt: Im westfälischen Münsterland 
zeigen drei Schüsse, nah am Geburts¬ 
haus abgegeben, die Geburt eines Knaben, 
zwei die eines Mädchens an 48 ); ähnlich 
im Etschtal in Tirol 49 ). 

Taufe: Während des Gangs zur Kirche 
und nach der Taufhandlung auf dem 
Heimweg 50 ), mitunter beschränkt auf den 
Erstgeborenen 51 ), wird (gewöhnlich von 
den Nachbarn) geschossen, wofür der 
Vater des Täuflings oder der Pate meist 
Bier (in den Weinländern natürlich Wein) 
spendet 52 ). Das Sch. 'zu Ehren des Va¬ 
ters während des Taufzuges zeigt aber ein 
Vergessen des ursprünglichen Zweckes 
des Schusses; ebenso, wenn man bei der 

Taufe unehelich Geborener 'zum Spott' 54 ) 
schießt. 

Die Hochzeit gibt willkommenen An¬ 
laß zu vielfältigem Sch.: beim Gang zur 
Kirche und ins Hochzeitshaus; auch 
schon während des Tages, aber besonders 
mit einbrechender Nacht. In Westfalen 
beim Aufträgen des Hauptgerichts. Meist 
sch. die Jugendfreunde des jungen Paares, 
aber auch jüngere Burschen dürfen teil¬ 
nehmen 55 ). Die Erinnerung an das 
Sch. als Dämonenabwehr scheint überall 
geschwunden; es ist lediglich Ausdruck 
der Freude und Zustimmung der Nach¬ 
barn oder der Dorfgemeinde bei der 
Gründung des neuen Hauswesens. 

48 ) Sartori Westfalen 77; ders. Sitte 1, 
26. — Sch. zur Erleichterung der Geburt 
bei den Serben, Armeniern; über dem Leib 
der Kreißenden wird ein Sch. abgegeben: 
Stern Türkei 2, 295. 299* 49 ) Sartori Sitte 
U 2 5 (1. 30: Kirgisenbrauch). 50 ) Frank Sy¬ 
stem der medicin. Policei IV (1788), 112 (allge¬ 
mein üblich); Meyer Baden 26. 29; Schmitt 
Hetlingen 21; Pollinger Landshut 241 („die 
Kindtaufe wird angeschossen“); Schönwerth 
Oberpfalz 1, 167 (nicht überall). 51 ) Meyer 
Baden 26; Höhn Geburt 270; Schönwerth 
Oberpfalz 1, 167 (3 Schüsse bei Knaben, 2 bei 
Mädchen); Reiser Allgäu 2, 225. 52 ) Höhn 
Geburt 270; Reiser Allgäu 2, 225. «) und 

54 ) HöhnC^ 270. 55 ) Frank 1788 System 

der me di cm. Policei IV 119 f.; Lit.: SAVk. 11 
(1907), 267 Anm. 3; ARw. 4 (1901), 170 ff. 

274 ff.; Meyer Volkskunde 177; Meyer Baden 
2 93 - 32 i; Schmitt Hetlingen 21; John Erz¬ 


IO69 


schießen, Schuß 


1070 


gebirge 95; Wrede Rhein. Volksk . 128 f.; Sar¬ 
tori Westfalen 90. 94 (in Westfalen, in der Eifel, 
Thüringen u. Hessen wird auch die Verlobung 
durch Schüsse begrüßt: Sartori Sitte 1,57.58. 
Der Hochzeitlader kündigt sich durch einige 
Schüsse an: Sartori Sitte 1,63; man schießt 
in Westfalen auch schon einige Tage vor der 
der Hochzeit: Sartori Westfalen 86. 88. 89). — 
Bei den Sorben-Wenden ist das Sch. während 
des Wegs in die Kirche nicht mehr üblich: 
Tetzner Slaven 317. — Im Jahr 1767 wurde 
in einer Hessen-Casselschen Verordnung das 
Sch. bei Hochzeiten verboten: Frank System 
der medicin. Policei IV (1788) n 9 f.; 1785 im 
öttingischen Gebiet, beim Einholen der Braut: 
Journal von u. für Deutschland 1785 1, 533; 
1787 für Schleiden (Eifel): Wrede Rhein. 
Volksk. S. 220 Anm. 261. Auch in den übrigen 
deutschen Landen geht der Brauch gerade in¬ 
folge der scharfen obrigkeitlichen Verordnungen 
zurück. — Sch. am Polterabend: Sartori 
Sitte 1, 71 (Oberpfalz, Schwaben, Allgäu, Lüne¬ 
burger Heide). 

Doch auch im Alltagsleben schädigen 
feindliche Mächte den Menschen, sein 
Hab und Gut, seine Arbeit: dem Bauern 
sind — nach allgemeinem Glauben und 
in zahlreichen Sagen — Gewitter be¬ 
sonders gefährlich, die die Hexen zu¬ 
sammentreiben. Wenn man mit geweihten 
Dingen oder einer geweihten Kugel bei 
Glockengeläute beim ersten Segen mit 
der Monstranz, in die Wetterwolke schießt, 
so stürzt die Hexe — nackt — tot herab, 
und das Gewitter verzieht sich rasch, ohne 
Schaden zu tun 56 ). Bösartig sind die 
Hexen weiter beim Buttern; sie ver¬ 
ursachen, daß ,,es nicht buttert“: hier 
hilft kreuzweiser Schuß durch (in) das 
Butterfaß und Verschließen der Löcher 
mit Zapfen 57 ), dreikreuziges Messer ins 
Faß stoßen 58 ), viereckiger [!] Klee 
oder Erbschlüssel unter das Faß 59 ), 
auch glühendes Eisen 60 ). 

Von Schüssen auf Geister 61 ), 
Geisterlichter 62 ), den ewigen Jä¬ 
ger 63 ), die Habergeiß 64 ) und ins 
Teufelsloch 65 ) wissen die Sagen zu 
erzählen, oft mit wechselndem Ausgang, 
daß der Arm des Schützen erlahmt, die 
Kugel zurückprallt und zu seinen Füßen 
niederfällt, daß nur Weihwasser vor dem 
verfolgenden Gespenst rettet usf. Nur 
eine geweihte Kugel kann ein Ge¬ 
spenst töten. 

56 ) In Baden, Oberpfalz, Tirol, Bayern, 
Böhmen, Schlesien, Westfalen (,,de Hexe 


blank makeri')', vgl. Weinhold Ritus 14; 
Schramek Böhmerwald 251 (bei Gewittern 
wurde früher geschossen); Drechsler 1,136; 
Kuhn Westfalen 2, 31; Ranke Volkssagen 22 
(Beleg aus Baden); Mones Anzeiger 4, 309; 
Heyl Tirol 546 (Teufel und der feindliche 
Nachbar werden aus der Wetterwolke herab¬ 
geschossen); John Westböhmen 199 (der Pfarrer 
selbst schießt, da Wettersegen und Wetter¬ 
läuten nichts nützt, eine gläserne geweihte Kugel 
in die Wetterwolke. Die Hexe kommt herab 
und soll verbrannt werden, entkommt aber an 
einem losen Zwirnsfaden — den sie sich erbittet — 
in die Höhe und verschwindet). Bei Gröbming 
(Dachsteingebiet) glaubt man, nur dann die 
Wetterhexen aus der Luft sch. zu können, wenn 
man ihren Namen während des Sch.s errät. 
Darum schießt man mit der Böllerladung einen 
ganzen Kalender in die Luft, denn der Name 
der Hexe muß ja auch im Kalender stehen 
ZfVk. 5 (1895), 409. Mit einem von Zi¬ 

geunern stammenden Gewehr fällt bei jedem 
Sch. auf einen Baum ein Vogel herab, bei jedem 
Sch. auf eine Hecke liegt ein Hase darin: 
Schönwerth Oberpfalz 3, 162. 67 ) Vonbun 

Beiträge 82 f.; Manz Sargans 113 (,,schoß man 
früher . . .“); ZfrwVk. 10 (1913), 268. 270 
(Rheinland, Siegkreis); John Westböhmen 204. 
— Belege zum Sch. in oder über das Butterfaß 
und über den Bräubottich für Schweden, Nor¬ 
wegen: ARw. 4 (1901), 278. 58 ) Chemnitzer 

Rockenphilosophie (Grimm MythA 3, 437 )- 
59 ) u. 60 ) John Westböhmen 204. 61 ) Meiche 

Sagen 84 (Mann ohne Kopf). 62 ) Heyl Tirol 
143; Witzschel Thüringen 1, 255 f. 63 ) Schell 
Bergische Sagen 274. 64 ) Heyl Tirol 494. 

65 ) Ebd. 421. 

Sch. im volksmedizinischen Aber¬ 
glauben. Über dem Kranken oder dem 
erkrankten Glied wird ein Gewehr ab¬ 
geschossen, um das Unheil oder den 
Krankheitsdämon zu vertreiben 66 ); be¬ 
sonders gebraucht wird dies Mittel gegen 
den schwarzen Umlauf am Finger 67 ); 
bei den Masuren gegen Gesichtsrose 68 ). 
In der Szegeder Gegend dienen Holz¬ 
pfropfen aus den Prozessionsmörsern gegen 
Zahnschmerzen 69 ). Früher war Sch. 
gegen Seuchen gebräuchlich 70 ). — Hier¬ 
her mag noch der Aberglaube gestellt 
werden, gegen Raupenfraß an drei Frei¬ 
tagen vor Sonnenaufgang mit Schie߬ 
pulver zu sch. und den Rauch über das 
Kohlfeld ziehen zu lassen 71 ). 

68 ) Allgem.: Liebrecht Zur Volksk. 319 
(gültig bei Krankheiten von Menschen und 
Tieren; im letzteren Fall schießt man 
über den Viehstall). Belege für Schweden u. 
Norwegen in ARw. 4 (1901), 275. — Gewehr 
durch das Fenster absch. Stand des 


Schießpulver—Schildkröte 


1072 


IO7I 

Schützen am Kopfende des Bettes des Kranken: 
Schulenburg Wend. Volksthum 99. 67 ) Frisch¬ 
bier Hexenspr. 62; Drechsler 2, 317; Ho- 
vorka u. Kronfeld 2, 402. w ) Urquell 3 
(1892), 71. 6# ) ZfVk. 4 (1894), 402. 70 ) Luzerner 
„Ordnung zur zyt der pestilentz“ 1594. S. 37: 
morgens und abends sollen einige Kanonen¬ 
schüsse, aber nur als Pulverladung, über die 
Stadt hingeschossen werden (Roch holz Natur - 
mythen 14). 7l ) Engelien und Lahn 273. 

Zu den zahlreichen Kriegsprophe¬ 
zeiungen gehört auch starkes Sch, in der 

Luft, das wie Kanonenschüsse weithin 
dröhnt 72 ). 

72 ) Das sog. „Sch. von Beifort“, auch das 
„Rothenburger Geschütz“ in einigen Schweizer 
Gegenden: SchwVk. 2, 70. 94; vgl. das Rot- 
hornsch.: Lütolf Sagen 93; Müller Sieben¬ 
bürgen 71; Schramek Böhmerwald 118 (hört 
man am hl. Abend auf dem Kreuzweg sch., so 
ist das ein Zeichen baldigen Krieges). Basler. 

Schießpulver s. 7, 382 f. 

Schiff, Schiffer s. Nachtrag. 

Schiffshalter (Echeneis), besonders der 

Schildfisch (E. remora L.) t haben 

ihren Namen daher, daß sie sich zuweilen 

an Schiffen festsetzen 4 ). Die Beschreibung 

bei Konrad von Megenberg 2 ) stammt 

von antiken und mittelalterlichen Schrift¬ 
stellern 3 ). 

*) Brehm 3, 480. 2 ) Buch der Natur 251. 

) Plinius (32, 1, 1) s. bei Lenz Zoologie 518; 
Oppianus De piscalione 1, v. 212: ib. 501 

Hoffmann-Krayer. 

Schiffsnamen. Verbreitet ist die feier¬ 
liche „Taufe“ des Schiffes, bei der das 
Zerschellen einer Flasche am Bug nicht 
fehlen darf. Unglückliche Namen werden 
vermieden. In der englischen Marine 
ist der Glaube verbreitet, ein Schiff, das 

seinen Namen wechsle, habe niemals 
Glück 1 ). 

x ) Sartori Sitte 2, 161; Rtradpop. 8, 464. 

^ Aly. 

Schild s. Nachtrag. 

Schild, geistlicher s. 3, 566 f. 
Schildkröte. 

1. Biologisches. Nach Megenberg 
ist die lebendige Sch. ohne Gift, nach 
dem Tode aber wird sie giftig. Er beruft 
sich auf Ambrosius, der sagt, daß man 
sofort vergiftet wird, wenn man mit 
bloßen Füßen auf die Nieren einer toten 
Sch. tritt. Auch der Genuß der Eier 
sei schädlich 4 ). Die Zählebigkeit des 


Tieres veranlaßte den in der Antike 
(bei Aristoteles, Apollonius, Tertullian) 
verbreiteten Glauben, daß man den 
Sch.n sogar das Herz herausnehmen 
könne, ohne daß sie sterben 2 ). Aus 
dieser Zählebigkeit erklärt sich die Ver¬ 
wendung zu talismanischen Objekten, 
deren Benützung gesundes und langes 
Leben sichern sollte 3 ). Es ist heute 
festgestellt, daß die Sch. vermöge ihrer 
rotgelben Öltröpfchen in der Netzhaut 
imstande ist, im Nebel und in trübem 
Wasser ziemlich weit zu sehen. Die 
volksmedizinische Verwendung der Sch. 
bei Augenleiden ist wohl darin begründet. 
Im Altertum glaubte man, daß die Sch. 
ebenso wie die Strauße durch das An¬ 
blicken der Eier ihre Jungen am Aus¬ 
schlüpfen verhindern 4 ) und daß sie ihre 
Schlangenbisse selbst mit Origanum (Ma¬ 
joran) heÜen; auch der Adler verwendet 
die Sch. als Heilmittel 5 ). 

*) Megenberg Buch der Natur 240. 2 ) Hof¬ 

ier Organotherapie 139. 3 ) Keller Antike Tier¬ 
welt 2, 252. 4 ) Seligmann Blick 1, 133. 

5 ) Höfler Organotherapie 138. 

2. Religiöse Bedeutung. Die 
Seesch. spielte eine Rolle in den griechi¬ 
schen auf das weibliche Geschlechtsleben 
bezüglichen Festen 6 ). Sie erscheint als 
Attribut der syrischen Astarte-Aphrodite 
Urania, der Göttin der gesitteten ehe¬ 
lichen Liebe 7 ). Auf der Tür eines grie¬ 
chischen Hochzeitsgemachs ist eine Sch. 
abgebildet, die entweder als Apotropäon 
für die Weiblichkeit oder als Symbol der 
körperlichen Keuschheit oder der ge¬ 
schlechtlichen Reinheit aufzufassen ist 8 ). 

Die Sch. erscheint ferner als Attribut des 
Seelenführers und Hirtengotts, Hermes- 
Mercur sowie Apollos — die Leier wird 
aus ihrer Schale verfertigt. Auf zwei 
karthagischen Skarabäen Sardiniens wird 
dargestellt, wie die der Astarte heilige 
Sch. geopfert wird 9 ). Für ihre Ver¬ 
ehrung spricht auch der Umstand, daß 
man in Mizia in Siebenbürgen die Opfer¬ 
gaben in ihren durch einen Deckel zu 
öffnenden Leib weihte, wie auf Kos in 
den Schlund einer Schlange 10 ). Nicht 
selten begegnet sie als antike Grab¬ 
beigabe, bisweilen aus Ton hergestellt 11 ). 



Auf dem Boden der am mittleren Dnjepr 
aufgedeckten Wohngruben fand Chwojko 
regelmäßig ein Paar Sch.nschalen. Da 
dies immer nur auf das Vorhandensein 
eines solchen Tieres hinweist, denkt er 
an religiöse Bedeutung desselben 12 ). Der 
Sch. schreibt man apotropäische und 
Gesundheit fördernde Kräfte zu. Sie 
hilft gegen Zauber 13 ) und bösen Blick 14 ), 
vielleicht, weil ihre Augen weit in die 
Feme strahlen 15 ), deshalb trägt man gern 
Amulette aus ihren Schalen sowie kleine 
Sch.n aus Bronze, Edelsteinen und Bern¬ 
stein 16 ). Um den Hagel fernzuhalten, 
wurde sie bei den Griechen lebendig 
vergraben, so daß sie auf den Rücken zu 
liegen kam 17 ), auch gegen Ungeziefer 
schützte sie 18 ). In Ostpreußen pflegt 
man in dem Kübel, in welchem der Trank 
für die Schweine gesammelt wird, eine 
Sch. zu halten, damit die Schweine fett 
werden 19 ). 

Wegen ihrer vielfachen Verwendung in 
der Heilkunst erscheint sie auf einem 
geschnittenen Stein geradezu als Zeichen 
Äskulaps 20 ). Sch.ngalle ist seit alter 
Zeit ein beliebtes Mittel bei Augen-, 
Ohren-, Mund- und Halsleiden, Epi¬ 
lepsie 21 ), frische Leber reinigt die Gebär¬ 
mutter 22 ) ebenso wie ihr Gehirn 23 ). 
Schon Plinius (XXXII) empfiehlt Sch.n- 
fleisch als Mittel gegen Vergiftungen, 
Kropf, Skorpionenstich und Epilepsie, 
das Blut gegen Augenleiden, Schlangen¬ 
bisse, Ausschläge, Fallsucht, Zahnweh, 
Ohrenfluß, Kopfweh, Kropf usw. 24 ). Hip- 
pokrates erwähnt als Konzeption befördern¬ 
des Mittel eine Scheideneingießung aus 
Milch, Granatapfelsaft und einer ver¬ 
brannten Sch.nrute. Die Bedeutung der 
Sch. als eines gynäkologischen Heil¬ 
mittels ersehen wir auch daraus, daß es 
noch im 17. bis 18. Jh. in Bayern Sitte 
war, bei Wochenbettsmahlzeiten Napf¬ 
kuchen in Sch.nform zu essen 25 ). — 
Vergleichsweise sei erwähnt, daß heute 
noch die Sch. besonders bei den Serben 
wegen ihrer Heilkräfte geschätzt wird: 
„Wieviel Sechsecke sie hat, soviel Arz¬ 
neien enthält sie“ 26 ). Ihr Blut trinkt 
man gegen Keuchhusten 27 ) und Herz¬ 
klopfen 28 ). Auf serbischen Teppichen 


(bes. denen von Pirot) ist die stilisierte 
Sch. kornjaca, das häufigste Ornament, 
sie soll wohl Gesundheit und langes 
Leben verbürgen. 

6 ) Nilsson Griech. Feste 379. 7 ) Keller 

Antike Tierwelt 2, 250; Höfler Organotherapie 
137. 8 ) Höfler 138, Fig. 39 [aus Diction- 

naire des antiquites grecques et :omaines 3, 
2, 1424, Fig. 4691] und Fig. 40 [im genannten 
Dictionnaire 3, 2, 1649, Fig. 4862]. ®) Furt- 
wängler Antike Gemmen I Taf. XV Fig. 59 
u. 60 ; Höfler Organotherapie 137. 10 ) Höfler 
139. u ) Fehrle Geoponica 21 f. 12 ) Schrä¬ 
der Sprachvergleichung 150. 13 ) Homerische 
Hymnen III 37. 14 ) Höfler Organotherapie 

139; Seligmann Blick 2, 130, hierzu Fig. 120. 
15 ) Keller Antike Tierwelt 2, 252. 16 ) Höfler 
138; Seligmann 2, 130. l7 ) Fehrle 

Geoponica 10 f. 18 ) Fehrle 21, wo weitere 
Literatur. 19 ) Toppen Masuren 99; Bartsch 
Mecklenburg 2, 157; Drechsler 2, 118. 

20 ) Höfler 138. 21 ) Höfler 222. 22 ) Höf¬ 
ler 186. 23 ) Höfler 139. 24 ) Höfler 139. 

25 ) Höfler 139. 26 ) Hovorka-Kronfeld 1, 

153. 27 ) Zbornik za narodni zivot 1, 105 — 

Umgebung von Bar-Antivari. 28 ) Zs. Karadzic 
4, 125 — um Aleksinac. 

3. Die Entstehung der Sch. sucht 
folgende ätiologische Sage zu erklären: 
Eine Mutter ging zu ihrer verheirateten 
Tochter zu Gaste. Kaum hat die Tochter 
durch das Fenster ihre Mutter kommen 
gesehen, deckte sie eine gebratene Henne, 
von welcher sie mit ihrem Manne eben 
gegessen hatte, rasch mit einem anderen 
Teller zu und versteckte sie vor der Mutter, 
um ihr nichts davon geben zu müssen. 
Die Mutter kam, saß eine Weile da und 
ging ohne alle Bewirtung fort. Sofort 
holte die Tochter den Braten, um ihn zu 
Ende zu essen. Als sie aber den oberen 
Teller abheben wollte, war er an den 
Braten angewachsen. Im Augenblicke 
verwandelten sich auch die beiden Teller 
samt der Henne in eine — Sch. So ist 
die Sch. entstanden 29 ). In ähnlicher 
Weise denken sich die Serbokroaten die 
Sch. aus einer gebratenen Henne ent¬ 
standen, die ein geiziger Bauer vor dem 
eintretenden Gevatter zwischen Teller 
und Kuchen verborgen hat 30 ). Diese 
Sage, die in mehreren serbokroatischen 
Varianten begegnet, geht nach R. Köh¬ 
ler 31 ) zurück auf Thomas Cantimpre 
Bonum universale de apibus [XIII. Jh., 
Normandie]: Der Gansbraten, den der 



1075 


Schilf—schinden 


Schinder— Schirm 


IO78 


undankbare Sohn vor dem Vater zwischen 
zwei Tellern versteckt hat, wird zu einer 
Sch., die ersterem ins Gesicht springt und 
dort anwächst 32 ). In einem Gedichte 
Bruder Werners bei MSH. III 16 Nr. 26 
trägt eine Sch. einen Affen über einen 
See, verlangt aber mitten auf dem See das 
Herz des Affen. Letzterer rettet sich in der 
Nähe des Ufers durch einen Sprung ans 
Land 33 ). In einer schlesischen Sage er¬ 
scheint die Sch. als fliegendes Ungetüm, 
das fürstlich Lichtensteinsche Wappen 
wird daraus gedeutet 34 ). 

Zum Schluß sei erwähnt, daß sich die 
Seelen Ertrunkener in Sch. verwandeln 
und daß sich auch auf altägyptischen 
Gräbern schildkrötenköpfige Totengenien 
fanden 35 ). 

29 ) Urquell 3 (1892), 17. 30 ) Vuk Ka¬ 

radzic Rjecnik s. v. kornjaca. 31 ) Ar¬ 
chiv f. slav. Phil. III 215. 32 ) Maretic im 

Zbornik za narodni zivot VII Agram 1902, 
S. 226—229. 33 ) Liebrecht Zur Volksk. 122, 

Parallele zu Benfey Panischat antra 1, 420. 
34 ) Kühnau Sagen 1, 556. M ) Höf ler ib. 139. 

Schneeweis. 

Schilf (Phragmites communis). 

I. Grasart mit 3 bis 4 m hohen Stengeln, 
breiten Blättern und in Rispen stehenden 
Ährchen 1 ). Cato 2 ) gibt eine Kur an, 
um verrenkte Knochen unter Hersagung 
eines Zauberspruches mit Hilfe eines 
„harundo“ wieder einzurenken 3 ). An 
den Blättern des Sch.s bemerkt man zwei 
bis drei Eindrücke, die durch den Druck 
der die jüngeren Blätter umgebenden 
älteren Scheiden in der Knospenlage ver¬ 
ursacht werden 4 ). Nach einer besonders 
im Niederdeutschen weit verbreiteten 
Legende rühren diese Eindrücke daher, 
daß Jesus am Kreuz, als ihm die Kriegs¬ 
knechte auf einem Rohrstengel den 
Schwamm mit Essig reichten, in das 
Blatt hineinbiß 5 ). Nach einer anderen 
Version biß Christus hinein, als er in 
seiner Leidensnacht über den Bach Kidron 
ging 6 ); nach einer dritten hielt er sich 
mit den Zähnen an einem Sch.rohr fest, 
als sein Boot am Untergehen war 7 ). Auch 
Petrus 8 ) oder der Teufel 9 ) werden als 
Verursacher der Bißspuren angegeben. 
Nach einer Sage aus Friaul sprießt aus 
dem Wocheinersee alle hundert Jahre 


1076 

einmal für die Zeit von zwei Stunden 
ein Sch.rohr auf, das die Kraft besitzt 
jede Krankheit zu heilen 10 ). Durch die 
Samenfäden des Sch.s (wohl Typha) er¬ 
blindet man X1 ). 

*) Marz eil Kräuterhuch 431 f. 2 ) De agri- 
cultura 160; Plinius Nat.hist . 17, 267. 3 ) Vgl. 
auch Frazer Balder 1913, 2, 177; Pauly- 
Wissowa 10, 2, 1538 f. 4 ) Ascherson u. 
Graebner Synopsis der mitteleurop. Flora 2 
(1898/1902), 332. 5 ) Handtmann Mark. 

Heide 83; Wossidlo Volkst. aus Mecklenburg 
1885, 28, auch bei den Wenden Schulenburg 
268 = Ders. Wend. Volkst. 162 und Ungarn 
Sklarek Ungar. Volksmär ch. 1901, 285. 

®) Bartsch Mecklenburg 1, 524. 7 ) Wossidlo 
a.a. O. 8 ) Handtmann a.a. O. 82. e ) Wossidlo 
a. a. O.; Dähnhardt Natursagen 2, 232 (Prov. 
Groningen); Ascherson u. Graebner a. a. O. 
(Schweden). 10 ) Mailly Sagen aus Friaul 1922,. 
25. n ) Urquell 6, 133. 

2. Am Tag Abdon soll man das Sch. 
aus den Teichen schneiden, dann kommt 
es nicht mehr 12 ), s. Abdontag (1, 21). 

12 ) Rockenphilosophie 1707, 2, 265. Marzeil. 

Schimmel s. Pferd 6, 1598 ff. 

Schimmelreiter s. Nachtrag. 

schimpfen s. schelten. 

Schindel s. Nachtrag. 

schinden. Es scheint eine besondere 
Lust der Geister und Dämonen zu sein, 
Menschen zu sch. 1 ); dazu gibt auch die 
Sage deutliche Belege; ein fluchender 
Hirte wird vom ,,Geiggle“ geschindet 2 ), 
ähnlich ein Wildschütze, der über einen 
aus einer Hütte heraussehenden Bocks¬ 
kopf spöttelt 3 ), ferner der Prahlhans auf 
der Schindwiese 4 ); der Wassermann schin¬ 
det einen Buben 5 ), der mit Steinen in sein 
Element wirft, u. ä. noch öfter 6 ); der 
Teufel schindet Leichen 7 ), der Drache 
eine Frau 8 ), Unterirdische sch. in den 
See hinabgelassenes Vieh 9 ). Besonders 
aber zu Leben gekommene Puppen sch., 
so die Unze der Sennen 10 ), der Kunizen 11 ) 
oder ein zu Leben erwachter Strohmann 12 ). 
Dabei kommt vielfach die abgezogene 
Haut auf das Dach 13 ). Hexenmeister 
gaben Anleitung, Vieh lebendig zu sch. 14 ). 
Übermütige sch. verschiedentlich in der 
Sage Vieh 15 ), stets aber büßen diese 
Tierquäler hart 16 ); Bocksch. wird be¬ 
sonders erwähnt 17 ). 

Das Sch. war sonst als Strafe im 


IO77 

Rechtsbrauche üblich 18 ) und kam wohl 
als Absch. von Hautstreifen ehedem auf 
dem Wege zur Richtstätte zuweilen vor 19 ); 
wer am Pfingstmontag zu spät austrieb,hieß 
Froschschinder und mußte einen Frosch 
sch. 2°) (Schönwerth). Übrigens wollte 
man sonst mit dem Sch. beim Frosch 
(s. d.) bezwecken, daß er schreie, da man 
so Regen zu erwirken hoffte 21 ). 

Bäume zu sch. galt allzeit als Frevel 22 ), 
und selbst Spanholz ließ man zu gewissen 
Zeiten ungeschunden, damit man das 
Jahr über das Vieh nicht schinde 23 ). 

l ) Quitzmann Baiwaren 180; Höfler 
Krankheitsnamen 569. 2 ) Heyl Tirol 611 
Nr. 76. 3 ) Ebd. 18 Nr. 15. 4 ) Ebd. 282 
Nr. 99. 5 ) Ebd. 159 Nr. 62. 6 ) Zfd- 
Myth. .2, 354 f. 7 ) Seefried-Gulgowski 

Kaschüben 174. 194 f. 8 ) Meie he Sagen 305 
Nr. 396. d ) Heyl Tirol 400 Nr. 86. 10 ) Ebd. 

611 Nr. 75. n ) Ebd. 76 Nr. 39. 12 ) Vernaleken 
Alpensagen 203. 13 ) Heyl Tirol 18 Nr. 15; 76 
Nr. 39; 611 Nr. 75; 76; 282 Nr. 99. ,4 ) Reiser 
Allgäu 1, 218. I5 ) Heyl Tirol 95 Nr. 57; 498 
Nr. 64; 242 Nr. 53; 588 Nr. 49; 653 Nr. 123; 
Umlauft Georg, stat. Handb. d. öst.-ung. 
Mon. 96 (Gasteinertal); Mannhardt 2, 171. 
Vgl. noch Rochholz Naturmythen 81 ff. 
16 ) Ebd. ,7 ) Kuoni St. Galler Sagen 90; vgl. 
Mannhardt 2, 171. 18 ) Grimm Rechtsalter¬ 
tümer 2, 291. 19 ) John Westböhmen 354. 

20 ) John Westböhmen 221. 21 ) Mannhardt 

355 f* 22 ) Mannhardt 1, 26 f. 75 f. 23 ) Grimm 
Mythologie 3, 418 Nr. 45. Webinger. 

Schinder s. Abdecker 1, 19 ff. 

Schinken. 

1. Das wilde Heer schenkt einen Pferde- 
sch. x ). Der alte Schippenbach und die 
wilde Jagd reichen dem Bauern eine 
Ochsenkeule 2 ). Besonders der wilde 
Jäger in Schleswig-Holstein schenkt 
Pferdesch. 3 ). 

*) Künzig Sagen 22. 51, vgl. 53. 2 ) Schwartz 
Sagen der Mark Brandenburg 129, 781. 3 )Müllen- 
hoff-Mensing Sagen Nr. 565. 570. 571. 

2. Der Sch. wird auch als Osterspeise 
geweiht 4 ). In der Rheingegend legt man 
während der Lesung der Passion an den 
4 Tagen der Karwoche Sch. auf oder unter 
die Altäre in dem Glauben, daß dieses 
Fleisch gegen Unglück und Dämonen 
schütze und daß Kreuze, die man aus den 
Sch.knochen mache, Menschen und Felder 
gegen Gewitter schütze 5 ) (vgl. Speck). 

4 ) Franz Benediktionen 1, 583. 602 ü. 5 ) Ebd. 
2, 43 1 v gl- Kloster 9, 1043. Eckstein. 


Schirm. 

1. Von einer verhältnismäßig so jungen 
Erfindung, wie es der Regen sch. ist, 
wird man kaum erwarten, daß sie im 
Aberglauben eine große Rolle spiele. 
Dennoch gibt es eine hierher gehörige 
abergläubische Vorstellung, die in über¬ 
einstimmender Form auf einem sehr 
großen Gebiete, wenn auch nur ziemlich 
sporadisch, verbreitet ist: die Vorstellung 
nämlich, daß das Aufspannen eines 
Regensch.s im Zimmer Unglück bringe; 
so im sächsischen Erzgebirge 1 ), in der 
Schweiz 2 ), bei den galizischen Juden 3 ), 
in Frankreich 4 ), in England 5 ) und be¬ 
sonders in Nordamerika — sowohl bei 
den pennsylvanischen Deutschen 6 ) als 
überhaupt bei den Amerikanern, beson¬ 
ders in den Weststaaten der Union (und 
auch bei den amerikanischen Negern) 7 ). 
Welcher Art das drohende Unglück ist, 
wird manchmal nicht genauer angegeben; 
die aus Frankreich und Amerika 8 ) be¬ 
richtete Meinung, daß der im Zimmer 
aufgespannte Regensch. der betreffenden 
Person unter Umständen den Tod bringen 
könne, scheint recht selten zu sein; in 
der Regel heißt es bloß, daß er Zank 
und Streit, und zwar besonders Fa¬ 
milienzwist verursach e (Erzgebirge, 
Schweiz, Amerika); im Zusammenhang 
mit dem letzteren Punkte (Ehezwist!) 
steht es, daß der Schweizer Aberglaube 
besonders vor dem Trocknen eines Regen¬ 
sch.s über einem Bett 9 ), der amerika¬ 
nische vor dem Hinlegen eines Regen¬ 
sch.s auf ein solches 10 ) warnt, und daß 
die Wudu von Louisiana durch letzt¬ 
genanntes Mittel Zank und Streit im 
Hause her vorrufen 11 ). 

*) John Erzgebirge 35. 2 ) SchwVk. 9, 36; 

10, 35 * 3 ) Urquell 5 (1894), 81. 4 ) SchwVk. 9, 

11. 5 ) SchwVk. 9, 36. 6 ) Fogel Pennsylvania 

104 Nr. 436. 7 ) Knortz Streifzüge 1, 190; 

Amerik. Aberglaube 39. 8 ) Knortz Amerik. 

Aberglaube 39 (In Amerika glaubt man, daß 
der die Regel Übertretende sich entweder nicht 
verheirate oder bald sterbe; eine Trauung hin¬ 
gegen unter einem auf gespannten Regenschirm 
bringe Glück). 9 ) SchwVk. io, 35. 10 ) Knortz 
Amerik. Aberglaube 39. 11 ) Knortz Streifzüge 

1, 190. 

2. In die deutsche Gespenster- und 
Dämonen weit hat sich der Regensch. 


i°; 9 


schlachten 


1080 


1081 


schlachten 


1082 


nur in ein paar vereinzelten Ausnahme¬ 
fällen verirrt. Ein meineidiger Schultheiß 
der Stadt Baden in der Schweiz muß 
nach seinem Tode einen Schimmel reiten, 
wobei er einen weißen Regensch. offen 
durch die Luft umschwingt und seinem 
Rosse „Hüscht umme" zuschreit 12 ). Das 
dämonische Brätweible bei Hinterreute 
läßt sich bisweilen mit einem großen 
Sch. und sonst „eigenartigem Verzug” 
sehen 13 ). 

12 ) Rochholz Sagen 2, 119 Nr. 345. 13 ) Rei¬ 
ser Allgäu 1, n8 Nr. 112. 

3. Es gibt ferner eine Legende von 
einem frommen, aber einfältigen Menschen 
(z. B. einem alten Mütterchen), der zum 
Erstaunen des Pfarrers in aller Unschuld 
seinen Regensch. in die Luft hängt, wo 
er auch richtig hängen bleibt 14 ). Diese 
Legende ist recht alt 15 ), doch wird in 
älteren Fassungen statt eines Regensch.s 
ein Mantel erwähnt. 

14 ) ZfdMyth. 2 (1854), 347 Nr. 39; Heyl 

Tirol 14 Nr. 6. 15 ) Sie gehört zum Typus der 
Geschichte Joh. Pauli Schimpf u. Ernst Nr. 
332; vgl. auch ZfVk. 30/32, 171; Jegerlehner 
Oberwallis 301 zu 1, 95 Nr. 19. 

4. Höchst merkwürdig ist die aus dem 
Vogtland belegte Sitte, einem Toten 
bisweilen einen Regensch. und Gummi¬ 
schuhe mitzugeben 16 ). 

I6 ) Köhler Voigtland 441. 

5 - In den bisher zitierten Texten ist 
entweder ausdrücklich von einem Regen¬ 
sch. die Rede, oder es ist doch unter dem 
allgemeinen Ausdruck „Sch.” am ehesten 
ein Regensch. zu verstehen. Im Gegen¬ 
satz dazu wird der Sonnensch. in 
unseren Quellen fast niemals erwähnt; 
es gibt da nur eine nicht ganz klare 
Notiz aus Niederösterreich (man weiß 
nicht recht, ob es sich um eine scherzhafte 
Redensart, um einen wirklichen Aber¬ 
glauben oder gar um eine Sitte handelt): 
„Geht eine erwachsene Person an einem 
Sonntage mit einem roten Sonnensch. 
über Feld, so sagt man, daß sie bald 
heiraten wird (Straßertal)” 17 ). — Daß 
der Sonnensch. (der ja um Jahrtausende 
älter ist als der Regensch.) im Orient und 
in Afrika die Rolle eines Kultgegen¬ 
stands und insbesondere eines wichtigen 
Würdeabzeichens gespielt hat und 


noch heute spielt 18 ), hat für uns hier, 
wo wir es mit dem deutschen Aberglauben 

zu tun haben, natürlich kein Interesse. 

17 ) Landsteiner Niederösterreich 55. l8 ) Glo¬ 
bus 27 (1875), 71 — 73 = Andree Parallelen 
1, 250—258; Intern. Arch. f. Ethnogr. 16 (1904), 
3 ° — 37 » Pauly-Wissowa s. v. Schirm; 
Frazer 7, 1, 20 1 . 31; ZfVk. 23, 160. 

Anderson. 

schlachten. 

1. Unter s. wird hier verstanden die 
Tötung und Zerlegung von Vieh im 
Haushalt nach einem gewissen gere¬ 
gelten und herkömmlichen Verfahren. 
In den germanischen Ländern wurde 
der Oktober und öfter noch der No¬ 
vember als Schlachtmonat bezeich¬ 
net 4 ). Da war das wirtschaftliche Jahr 
zu Ende, und mit dem Überfluß des 
Viehes wurde, wenn auch allmählich, auf¬ 
geräumt. Das gab Gelegenheit zu großen 
Schmausereien über einen längeren Zeit¬ 
raum hin 2 ). Namentlich Martini ist 
Schlachtzeit 3 ), aber auch Weihnachten 
und Fastnacht 4 ). Im Altenburgischen 
geraten die Rindszungen, die „in der 
Fasten” geräuchert werden, am besten 5 ). 
Für den Eichsfelder ist Thomastag 
(21. Dezbr.) Schweineschlacht tag (Swine- 
thommes) 6 ). Man schlachtet nicht vor 
dem Gallustage (16. Oktober), nach dem 
sich erst das Pökelfleisch halten soll 7 ). 
In Mecklenburg darf man auch am Gallus¬ 
tage selbst und das ganze Jahr hindurch 
an solchem Tage, an dem Gallus gewesen 
ist, kein Schwein s., sonst wird der Speck 
gelb oder „gallig”, oder das Fleisch 
nimmt kein Salz an 8 ). Auch am Grün¬ 
donnerstage soll man nicht schlachten 9 ) ; 
man verhindert dadurch Regen 10 ). In 
Lippe schlachtet man nicht gern an einem 
Freitag u ), in Baden wählt man Dienstag 
oder Donnerstag oder auch Donnerstag 
oder Samstag 12 ). Der Insel-Este schlach¬ 
tet kein Tier bei Nordwind, weil das 
Fleisch dann nicht weich wird 13 ). In der 
Hoch-Bretagne schlachtet man die 
Schweine bei Ebbe (der Speck soll dann 
besser sein), in der Nieder-Bretagne die 
Eber bei Flut, die Sauen bei Ebbe, 
anderswo schlachtet man überhaupt bei 
Flut 14 ). So auch in Norwegen, dann 
rinnt das Blut besser 15 ). Man soll 


Lichtes” 
eintritt 
Fleisch, 


Schweine nur bei abnehmendem Monde 
s. 16 ), sonst wachsen Maden darin 17 ). 
Doch wird auch eben so oft der zuneh¬ 
mende Mond empfohlen, weil dann das 
Fleisch beim Kochen recht auf läuft und 
ergiebiger wird 18 ). In Fürstenberg 
(Westf.) benutzt man die Zeit des „alten 

(vom Vollmond bis zum Wieder- 
des • ersten Mondviertels) 19 ). 
das bei Neumond geschlachtet 
wird, verdirbt schnell 20 ). In Heeren b. 
Camen (Westf.) schlachtet man nicht bei 
Vollmond, weil sich das Fleisch nicht 
halten soll 21 ). Anderswo wieder gilt das 
Fleisch von Tieren, die bei Vollmond 
geschlachtet werden, für besser als das 
von solchen, die man bei abnehmendem 
Monde schlägt 22 ). Aber Gänse muß 
man bei Vollmond s., bei abnehmendem 
würden sie mager werden 23 ). 

4 ) Weinhold Monatnamen 51 ff.; Pfannen- 
schmid Erntefeste 217 f.; Bilfinger D. ger - 
man. Julfest 33; 19. Jahresber. d. histor. Ver. 
f. d. Grafsch. Ravensberg (Bielefeld 1915) 31 f. 
In Westfalen sagt man: gut s. ist nur in einem 
Monat, der mit r endet: Woeste Wörterb. d. 
westfäl. Mundart 238 (wo freilich steht: an¬ 
fängt). 2 ) Jahn Opfergebr. 252; Grimm Mythol. 
1» 42,* Lippert Christentum 587h; Meyer 
Mythol. d. Germanen 324; Wuttke Sachs. 
Volksk. 299. 313. 3 ) Tille Weihnacht 6 f. 24; 

Sartori Sitte 3, 266; Kuhn Westfalen 2, 98; 
ARw. 19 (1918), 99- 4 ) Wrede Eifeier Volks- 

kde 2 . 185. Bei den Magyaren darf und soll man 
das Schweineschlachten in der Christwoche 
verrichten: "SNMsloclzi Magyaren 27. 5 ) Mittel- 
dBlfVk. 6 (1931), 13. •) Kück u. Sohnrey 2 

207. 7 ) Ebd. 8 ) Bartsch Mecklenburg 2, 220. 
•) Wuttke 74 (86). 30 ) Ebd. 303 (446). n ) Zfrw- 
Vk. 4, 302. 12 ) Meyer Baden 334. Schlachttage 
in Norwegen: Nils Lid Norske slakteskikkar 
(Kristiania 1924) 1, 56 h 13 ) Zeitschr. f. Völker¬ 
psychologie 17, 360; vgl. N. Lid 61 ff. 14 ) Se* 
billot Legendes de la mer 1, 133. 15 ) Nils Lid 
39 f. 16 ) Bartsch 2, 199 (947). 17 ) ZfrwVk. 6, 
195 f.; Knoop Hinterpommern 172 (156); 

Alemannia 25, 51 (Siegelau); Holschbach 
Volksk. d. Kr. Altenkirchen 140; Wolf D. Mond 
im deutschen Volksglauben 28. 18 ) Pollinger 

Landshut 157; Meyer Baden 334 (damit der 
Speck nicht auslaufe); Strackerjan 1, 126; 
ZfrwVk. 2, 208; 4, 302; 12, 247. Vgl. Nils Lid 
1, 30 ff. 19 ) ZfrwVk. 6, 184. 20 ) Andree Braun¬ 
schweig 413. 21 ) mündl. 22 ) Fischer D. Buch 
vom Aberglauben 91 = MitteldBlfVk. 6 (1931), 
13 Anm. 1. 23 ) Strackerjan 1, 126; ZfdMyth. 
1. 


2. Das Eins, eines Rindes oder Schwei¬ 
nes ist ein h äu s 1 i c h e s F e s t, ursprünglich 


eine Opferhandlung 24 ). Im Altenburgi¬ 
schen wurde beim Zerlegen eines Ochsen 
oder Rindes von jeder Seite ein „Stück¬ 
lein” Fleisch abgeschnitten und —- wohl 
als Opfer — weggeworfen 25 ). So oft die 
Esten etwas s., wäre es auch nur ein 
Huhn, legen sie ein Stück davon hinter 
den Viehstall zum Opfer 26 ). Ähnlich bei 
den Litauern im 17. Jahrhundert 27 ). In 
Holstein wurde das Tier geschmückt 28 ). 

Die Kinder haben schulfrei 29 ). Nach¬ 
barn und Verwandte helfen und schmausen 
mit 30 ). Oder sie wünschen wenigstens 
„Glück zum Toten”, schätzen das Ge¬ 
wicht des Tieres ab, werden mit Geträn¬ 
ken bewirtet und vergnügen sich mit 
Kartenspiel 31 ). In Braunschweig trinkt 
das ganze Haus vor dem Abstechen 
des Schweines (am Martinstage) mit dem 
Schlachter Warmbier 32 ), und in Olden¬ 
burg gibt es abends, wenn der Schlachter 
die Kuh auseinandergehauen hat, für ihn 
und die Nachbarn „satt Bier” 33 ). In 
Norwegen wird der Schlachttrunk un¬ 
mittelbar nach dem Töten des Schweines 
vor dem Brühen aufgetragen 34 ). 

Der Metzger (s. d.) ist der Held des Ta¬ 
ges und sitzt oben am Tisch 35 ). Sein Be¬ 
rufsname hat sich erst spät entwickelt; das 

S. ist lange Zeit hindurch Aufgabe des 
Hausherrn geblieben 36 ). Oft besorgt 
es auch jetzt noch der Nachbar 37 ). 
Freunden und Nachbarn, auch dem Pfar¬ 
rer und dem Lehrer wird ihr Anteü ins 
Haus geschickt 38 ). Im Allgäu bekommt 
der Pfarrer von jedem Stück, das im 
Jahre geschlachtet wird, die Nieren 39 ). 
Der Schwanz des Schweines gebührt (in 
Holstein) dem Hauswirt 40 ). Den Kin¬ 
dern macht es Freude, wenn sie ihn 
irgend jemand unbemerkt anstecken kön¬ 
nen 41 ). Faule Dienstboten kriegen „die 
Alte” (die Geschlechtsteile des Rindes) 42 ). 
Einem Bettnässer soll man die vulva 
des Schweines braten und zu essen ge¬ 
ben 43 ). Beim Ganses, erhält die Jugend 
die knorpelige Luftröhre 44 ). Wer an 
seinem Namenstage nicht „traktiert” hat, 
dem wird, wenn geschlachtet wird, der 
Peserek (Schweinsblase ?) auf den Rücken 
gehängt 45 ). Im Altenburgischen waren 
bei den Fleischern Benennungen vielleicht 


1083 


schlachten 


IO84 


abergläubischen Charakters für gewisse 
Fleischstücke üblich (z. B. Drudenstück, 
Hexe, Maus u. a.) 46 ). 

In Mecklenburg steckte, wenn das 
Schwein auf der Leiter hing, die Gro߬ 
mutter wohl in die Seiten Tüten mit 
Rosinen, die die Kinder suchen mußten 47 ). 
Arme und fremde Kinder kommen und 
betteln mit einem Liede um ihren An¬ 
teil 48 ), führen auch Tänze dabei auf 49 ). 
In einigen Gegenden Siebenbürgens wird 
nach dem Schweines, eine Art Totentanz 
aufgeführt, während unter dem Fenster 
Knaben mit Bratspießen so lange Lärm 
machen, bis man ihnen eine Wurst zum 
Fenster hinauswirft 50 ). Auch die Mit¬ 
glieder der Spinnstube stellen sich ein 51 ). 
Im Brandenburgischen werden sie stellen¬ 
weise mit Wasser begossen 52 ). Gewöhn¬ 
lich sind die Heischenden vermummt; sie 
scheinen sich dadurch als geisterhafte 
Wesen kennzeichnen zu wollen. Im 
Württembergischen dringen sie (beim 
Fastnachtss.) schreiend ins Haus ein, 
holen sich von der Metzelsuppe, was 
ihnen gefällt, ohne ein Wort zu reden, 
nur ,,hintersche schwätzend“ und ent¬ 
fernen sich wieder 53 ). Überhaupt spielt 
das Stehlen beim Schlachtfest eine 
Rolle. In Essen-Borbeck suchte man ein 
„Ferkespöttken“ zu entwenden 54 ). Im 
Kr. Altenkirchen muß man, wenn das 
Schwein auf der Leiter hängt, auf der 
Hut sein, daß nicht Schwanz und Ohren 
gestohlen werden 5ö ). Wer in Kappel 
beim Sauwadelstehlen ertappt wird, der 
wird in einen Saustall gesperrt 56 ). Im 
württembergischen OA. Neuenburg durf¬ 
ten die jungen Leute bis vor kurzem an 
Fastnacht, dem Hauptmetzeltag des Win¬ 
ters, versuchen, einen Schweinskopf von 
der Metzelsuppe wegzustehlen und unbe¬ 
merkt wieder an seinen Platz zu bringen. 
Wem dies gelang, der bekam Fleisch und 
eine Schüssel voll Kraut von der Metzei¬ 
suppe 57 ). Im Unterengadin suchen die 
Burschen, wenn in einem Hause, wo ein 
junges Mädchen wohnt, geschlachtet wird, 
den Ochsen oder die Würste zu stehlen. 
Wo ein junger Bursche wohnt, tun es die 
Mädchen. Der Ochse muß ausgelöst 
werden. Der Ertrag wird gemeinsam ver- 


schmaust 58 ). — Kinder und Dumme 
werden mit Narrenaufträgen gefoppt 59 ). 

24 ) Pauly-Wissowa n, 2, 2171 f.; Reuter- 
skiöld Speisesakr. 2 f.; oben 2, 1023. 1025; 
vgl. die Schilderungen der Odyssee 3, 421 ff.; 
12, 353 ff.; 14, 418 ff. Bei Semiten: Robertson 
Smith Relig. d. Semiten übers, v. Stübe, 177. 
179. 217 f. 227. 25 ) MitteldBlfVk. 6 (1931), 13. 
26 ) Grimm Mythol. 3, 491 (97). 27 ) Tetzner 

Slaven 78 f. 28 ) Schütze Holst. Idiotikon 3, 
181. 182; Nds. 35 {1930), 152 (Hamburg) 

29 ) Kück u. Sohnrey 2 207; SAVk. 19, 82. 
83 f.; ZfVk. 14, 428 h 30 ) Kück u. Sohnrey 2 
207 f.; SAVk. 19, 82; Wrede Rhein. Volksk. 2 
219; Köhler Voigtland 259; ZfrwVk. 15 (1918), 
20; 16, 49. Auch bei Arabern und Zulus: 
R. Smith 216. 31 ) J ostes Westfäl. Trachten¬ 

huch 51; Nds. 35 (1930), 208 f. (Swiensköst in 
den Vierlanden). 32 ) And ree Braunschweig 
368. 33 ) Strackerjan 1, 201. 34 ) Nils Lid 

67. 35 ) Kück u. Sohnrey 2 208; Wrede Eifeier 
Volkskde . 2 186. 36 ) Schräder Reallex. 292 

= 29. Jahresber. d. histor. Ver. f. d. Grafsch. 
Ravensberg (Bielefeld 1915), 32 f. So in Hol¬ 
stein: Schütze Holstein. Idiotikon 3, 182. 
In Norwegen muß der Besitzer bei einigen 
Verrichtungen gegenwärtig sein, er muß z. B. 
selbst die Kuh losmachen: Lid Norske Slak- 
teskikkar 68. Bei den Juden darf das Schächten 
nur von Leuten ausgeübt werden, die sich 
diesem Geschäfte zeitlebens widmen. Der 
Schächter (Schochet) ist eher Priester als 
Metzger: Globus 89 (1906), 26. Besonders 
feierliche Schlachtungen werden mitunter von 
Knaben vollzogen: HessBl. 27, 69. 72 (Russen); 
Smith Relig. d. Semiten 321 Anm. 716. — Der 
Schlachter als Hochzeitskoch und Tanzordner: 
ZfVk. 8, 433 (Braunschweig). 37 ) Holschbach 
Volksk. d. Kreises Altenkirchen 124. 38 ) Sartori 
Sitte 2, 155 f.; Ders. Westfalen 108; SAVk. 
24 (1922), 68. Uber die Verteilung bestimmter 
Teile des Schlachttieres an bestimmte Per¬ 
sonen: Ztschr. f. Völkerpsychol. 18, 140 ff. Auch 
der Verstorbenen wird gedacht: Sartori 
Totenspeisung 48. Geschlachtetes Vieh als 
Zins: Grimm RA. 377. 39 ) Birlinger Volkst. 
2, 440 (400). 40 ) Pröhle Harzsagen 249. 

41 ) Nds. 27, 596 (Amt Calenberg). 42 ) Panzer 
Beitr. 2, 218 i. In Westfalen wird der Penis 
vom Schwein zum Schmieren der Säge oder 
als Meisenfutter verwandt: 29. Jahresber. 
d. histor. Ver. für d. Grafsch. Ravensberg 
(Bielefeld 1915), 63. 43 ) Witzschel Thüringen 
2, 286(116). 44 ) Oben 3, 292. 45 ) ZfrwVk. 11 

(1914), 229. Peserek ist vielmehr = Penis. 
48 ) MitteldBlfVk. 6 (1931), 12 f. 47 ) Wossidlo 
in „Mecklenburg“ 3, 237. 48 ) Sartori 2, 156. 
157. 49 ) Kapff Festgebräuche 12. 50 ) Wlis- 

locki Magyaren 30. 51 ) Sartori 2, 157; ZfVk. 
27 (1917), 55 ff.; Wirth Anhalt 194t. 52 ) Kück 
u. Sohnrey 2 208. 53 ) Kapff Festgebr. 12; vgl. 
SchwVk. 18, 22 (47f.). M ) ZfrwVk. 16, 50. 
55 ) Holschbach 124. 56 ) Birlinger Volkst. 2, 
440 (401). 57 ) Kapff 12. 58 ) SAVk. 19 (1915), 




schlachten 


1086 



•1085 

32 f. 83 f.; vgl. 20, 263; SchwVk. 11, 21; 18, 47 f. 
*•) Sartori 2, 156; HessBl. 18, nof. 

3. Vor dem S. kann es wohl Vorkom¬ 
men, daß sich der Metzger bei dem Tiere 
gewissermaßen entschuldigt 60 ). In Schwe¬ 
den sagt er: ,,Dies geschieht um der 
Nahrung willen, nicht aus Haß“ 61 ). Oft 
wird der tötende Stich erst gemacht, 
nachdem der Schlachter ein Kreuz über 
das Tier geschlagen oder den Namen des 
Heilandes ausgesprochen hat 62 ). Man 
deckt auch vor dem Todesschlage dem 
Tiere die Augen zu 63 ), damit es nicht 
durch seinen Blick schade. Umgekehrt, 
wenn jemand mit dem bösen Blick ein 
Tier beim S. ansieht, wird es nur schwer 
sterben (Schweden) 64 ). Darum ist es 
in Schweden Brauch, Fremde sowie 
menstruierende und schwangere Frauen 
davon fernzuhalten 65 ). Beim S. für 
ihre Hochzeit durfte die Braut nicht 
helfen, sonst hatte sie keinen Segen in 
ihrer Wirtschaft 66 ). Überall herrscht 
der Glaube, daß man das Tier beim S. 
nicht bedauern dürfe, weil es sonst nicht 
absterben könne 67 ) oder wenig Blut gäbe 
und sein Fleisch den Menschen schädlich 
sei 68 ), oder weil man sonst selbst schwer 
sterben müsse 69 ). Wenn der Mann ein 
Schwein schlachtet und die Frau darüber 
Trauer empfindet, so läuft das Schwein 
weg 70 ). Hört man irgendwo ein Schwein 
beim S. schreien, und man sperrt sogleich 
eine schwarze Katze unter eine Frucht¬ 
reuter, so soll das Schwein nicht ver¬ 
enden können (Niederösterreich) 71 ). Be¬ 
hextem Vieh, das der Metzger nicht zu 
töten vermag, haut man in Tirol zuerst 
einen Fuß ab oder wenigstens hinein, 
wodurch die Hexe selbst verwundet 
wird 72 ). Oder der Metzger muß dreimal 
vorher im Stalle mit dem Messer in den 
Schweinemist stechen 73 ) oder (bei den 
Insel-Esten) das Messer durch Feuer 
und dann dreimal unter der linken Fu߬ 
sohle durchziehen 74 ). Der Selcher, der 
ein Schwein schlecht trifft, wird krank 75 ). 
Beim Schweines, hat man gern, wenn die 
Krähen herbeikommen, denn das be¬ 
deutet Glück 76 ). Fällt ein Rind beim S. 
auf die linke Seite, so fällt es auf die 
teure Seite 77 ), und der Schlachter hat 


Unglück; man wendet es daher auf die 
rechte Seite 78 ). Wer eine schwarze Kuh 
und einen schwarzen Ochsen einschlachtet, 
hat einen Todesfall in seinem Hause zu 
erwarten 79 ). Das erste Kalb darf man 
nicht im Haushalte s., sondern muß es 
an den Fleischer verkaufen 80 ). Beim 
Eins, darf man keinen wunden Finger 
haben, sonst verdirbt das Fleisch 81 ). 

60 ) DG. 15 (1914)» I 55 - Vgl. Nils Lid 78 ff. 
61 ) ARw. 28 (1930), 168. Der Fleischer gilt 
als Feind des Viehes und darf darum den Vieh¬ 
stall nicht betreten; das zu verkaufende Tier 
wird ihm im Hofe vorgeführt: MschlesVk. 27, 
230. In griechischen Kulten wurde er als 
Mörder betrachtet: Mannhardt Forschungen 
69!.; Robertson Smith Relig. d. Semiten 
279. 62 ) ARw. 28, 167. So wendet der Araber 
die Basmala an: Smith 321. 63 ) SAVk. 19, 83. 
64 ) Seligmann Blick 1, 210; ZfVk. 11, 318. 
Vgl. auch Nils Lid 82 ff. 65 ) ARw. 28, 167. 
66 ) MitteldBlfVk. 4 (1929), i6r. Vgl. Schu¬ 
lenburg Wend. Volkst. 119. Aber in Burow 
bei Lübz mußte am Vorabend der Hochzeit 
die Braut ihre Befähigung, der Hauswirtschaft 
vorzustehen, dadurch beweisen, daß sie in 
Gegenwart der Gäste das „Inster“ der zur 
Hochzeit geschlachteten Kuh regelrecht ausein¬ 
andertrennte: Wossidlos Bericht ind. Zeitschr. 
d. Heimatbundes Mecklenburg 1927, 3. Ä7 )Meier 
Schwaben 2, 509; Panzer Beitr. 1, 263; ZfVk. 
11, 220; Rosegger Steiermark 63 (man macht 
die Hand des Metzgers unsicher); SAVk. 7, 141; 
Urquell 3, 108; Köhler Voigtland 427; John 
Erzgeb. 227; Strackerjan 1, 51; Engelien 
u. Lahn 271; Bartsch Mecklenburg 2, 147 
(663); Sartori Sitte 2, 156, Anm. 6; Ztschr. 
f. Völkerpsychol. 17, 359; Nils Lid 70 ff.; 
Sebillot Folk-Lore 3, 89; oben 1, 967 f. 

68 ) Pröhle Harzsagen 149. 69 ) Urquell 1, 8; 

6, 191 (Ditmarschen). 70 ) Knoop in: Beitr. 
z. Volkskunde d. Provinz Posen 1 (Rogasen 
1905), 48 (419). 71 ) Urquell 6, 219. 72 ) Zin- 

gerle Tirol 67 (574. 575); vgl. Ztschr. f. Völker- 
psych. 17, 358. 73 ) Schulenburg Wend. 

Volkst. 114. 74 ) Ztschr. f. Völkerpsychol. 17, 

359. Vgl. Wirth Anhalt 193. Über den 
Schutz des Messers vor Bezauberung: Lid 
85 ff. Soll ein Stück Vieh koscher ge¬ 
schlachtet sein, so darf das zum Halsschnitt 
verwandte Messer nach dem Gebrauch keine 
Scharte auf weisen; sonst ist das Fleisch unrein: 
29. Jahresber. d. Historischen Ver. für d. 
Grfsch. Ravensberg (Bielefeld 1915), 37- 

75 ) WZfVk. 34 (1929), 29. 76 ) SAVk. 24, 65. 

77 ) Drechsler 2,108. 78 ) John Erzgebirge 227. 
79 ) Grimm Mythol. 3, 467 (887: Westfalen), 

vgl. 2, 951. 80 ) Sartori 2, 138. 81 ) ZfVk. 24, 
57 ( 37 * Stapelholm). 

4. Manche schneiden dem geschlach¬ 
teten Schweine die Saugwarzen ab und 
werfen sie in den Stall zurück; so viele 





1087 


Schlachtenbaum— Schlafapfel 


Schlaf ap fei 


1090 


Ferkel gibt es dann das nächste Jahr 82 ). 
Oder: dann schlagen die Schweine nicht 
aus der Art (Kujavien), die übrigen 
Schweine und besonders die Ferkel werden 
ein gutes Aussehen erhalten (Kr. Schro- 
da) 83 ). Man trägt auch die Schüssel, 
in der das Blut aufgefangen wurde, in 
den Stall und legt sie dort, den Boden 
nach oben gekehrt, hin, damit andere 
Schweine nicht nachsterben 84 ). In Fini- 
stere nimmt man eine Handvoll Borsten 
vom Rücken des geschlachteten Schweines 
und wirft sie in den bisherigen Stall, das 
bringt seinem Nachfolger Glück 85 ). Die 
Empfindung, die zu diesem Verfahren 
Anlaß gibt, ist dieselbe, die auch vor¬ 
schreibt dem Acker ein paar Halme zu 
lassen 86 ), den Obstbaum nicht aller 
seiner Früchte zu berauben 87 ). Es muß 
etwas übrig bleiben, in dem sich die 
Fruchtbarkeitskraft halten kann 88 ). In 
Bevers gab es zu Mittag am Schlachttage 
stets die geräucherte Zunge des Rindes 
der vorjährigen Metzgerei 89 ). Soll auch 
das irgend einen Zusammenhang her- 
stellen ? 

82 ) Sartori Sitte 2, 156 Anm. 7; ARw. 

28 (1930), 168 (Schweden). 83 ) Knoop 

Beiträge z. Volkskunde d. Provinz Posen 1 
(Rogasen 1905), 48 (418). 84 ) Ebd. 48 (417). 

8fi ) Sebillot Folk-Lore 3, 112. 86 ) Sartori 

2, 56. 82 ff. 87 ) Ebd. 2, 121. 88 ) Im Bergischen 
nennt man das: ,,Der ät mot dropen bliven", 
d. h. die Art, das, was das Wesen des Baumes 
darstellt, muß droben bleiben: Schoneweg 
D. Leinengewerbe in der Graf sch. Ravensberg 26. 
89 ) SAVk. 19, 83. Die vorjährige Mettwurst 
darf beim Frühstück vor dem Schlachten nicht 
fehlen: Nds. 38, 24. 

5. Während des Wurstkochens darf man 
nicht reden, sonst kocht die Wurst aus 90 ). 
Man verriegelt die Tür, damit kein Frem¬ 
der ins Haus kommt, sonst platzt sie 91 ). 
Mit dem Stroh, auf dem beim S. die ge¬ 
kochte Wurst gelegen hat, umwickelt man 
die Obst bäume, damit sie gut tragen 92 ). 
In Münchingen verbrannte man beim 
Sieden des Brühwassers einen alten Besen, 
um Hexen zu verscheuchen 93 ). S. 
Fleisch, Metzger. 

*°) Knoop Hinterpommern 172 (157). 

9l ) Engelien u. Lahn 1, 273 (209). 92 ) Hoops 
Sassenart 28; Sartori 2, 119 Anm. 12. 

83 ) Meyer Baden 334. Sartori. 

Schlachtenbaum s. Nachtrag. 


1088 1089 


Schlaf, schlafen s. Nachtrag. 

Schlafapfel (Rosenapfel, -schwamm, 
Schlafkunz, -rose; Fungus cynosbati). 

1. Moosartige rundliche Auswüchse an 
den Zweigen der Hundsrose (s.d.), hervor¬ 
gebracht durch den Stich der gemeinen 
Rosengallwespe (Rhodites rosae). Die 
Galle (s. 3, 269ff.) besitzt im Inneren 
mehrere Kammern, die von je einer 
Larve (,,Würmchen") bewohnt werden. 
Im Eisacktal sollen übrigens auch die 
Hagebutten (s. Hundsrose) als „Sch." 
bezeichnet werden 1 ). 

x ) ZfdMyth. 1, 327. Ausführliches über die 
Geschichte und Aberglauben der Rosengalle bei 
Bohner Geschichte der Cecidologie 1 (1933) 
388 ff. 


2. Weitverbreitet ist der Glaube, daß 
der unter das Kopfkissen gelegte Sch. 
Schlaf bewirke 2 ). Wenn man den 
Sch. unters Kissen legt, erwacht man 
am andern Morgen zur rechten Zeit 3 ); 
wer auf einem „Siebenschläfer" (= Sch.) 
ruht, kann nur sieben Stunden schlafen 4 ). 
Der Schläfer wacht erst auf, wenn der 
Sch. weggenommen wird 5 ). Der Sch. 
unter dem Kissen schafft angenehme 
Träume 6 ). Der Sch. verliert seine 
Wirkung, wenn er über Wasser getragen 
worden ist 7 ), er muß unter dem Gebet¬ 
läuten, unbeschrien und nicht mit der 
bloßen Hand gepflückt werden 8 ), er muß 
zufällig gefunden sein 9 ). Offenbar hängt 
der Glaube an die schlafmachenden 
Wirkungen des Sch.s zusammen mit dem 
an den „Schlafdom", s. darüber unter 
„Dornröschen" (2, 358ff.). Der das 
menschliche Heim schützende Dorn¬ 
strauch — der Sch. ist wohl pars pro 
toto — wird zum Symbol des Schlafes 10 ). 
Auch die zauber wehr ende Kraft des Dorn¬ 


strauches (s. 2, 357) hat mitgewirkt: 
die bösen Dämonen stören den Schlaf. 
So wird der Sch. ganz allgemein als 
Schutzmittel in die Kissen eingenäht 11 ). 
Der Sch., bei sich getragen, bringt im 
Dep. Loiret Glück 12 ). Als „Barbara- 
kisselchen" (Barbara als Patronin gegen 
Blitzgefahr, s. 1, 908) schützen die Sch. 
aus dem Weihbüschel gegen den Blitz 13 ). 

2 ) z. B. DG. 21, 46; ZfdMyth. 1, 327; Wolf 
Beiträge 1, 234; Rochholz Kinderlied 333; 
Wuttke 110 § 144; Köhler Voigtland 416; 


I John Erzgebirge 55; SAVk. 23, 188; Mülhause 
12 f.; Drechsler Schlesien 2, 216; Marzeil 
Bayer. Volksbot. 164!.; Alpenburg Tirol 
360; Höhn Volksheilkunde 1, 136. 3 ) Meier 

Schwaben 1, 249. 4 ) ZfrwVk. 10, 58. 5 ) Schwld. 
1, 383. °) Lammert 94. 7 ) Spieß Fränkisch - 
Henneberg 153; Drechsler Schlesien 2, 216. 
*) Aufkirchen am Hesselberg in Mittelfranken: 
Orig.-Mitt. von Gebert 1909. 9 ) John West' 

böhmen 107. 10 ) Höfler Botanik 87. u ) Ploß- 
Renz Kind 3 1 (1911), 112. 12 ) Rolland 

Flore pop. 5. 246. 13 ) Taubergrund: Alemannia 
1914, 183. 

3. Die Sch. landen schon in der antiken 
Volksmedizin Verwendung. Marcellus 
Empiricus 14 ) gibt als Heilmittel „ad 
profluvium et incontinentiam ventris: 
spongeam quae in pruno silvestri vel in 
spina aut in rosa silvestri nascitur, 
colliges et supra vatilum [Pfanne, Hafen] 
tostabis et diligenter teres atque in 
calicem mittes ac desuper ovuip incoctum 
defundes et bene permiscebis, deinde super 
vatilum candentem defundes et coques 
ac laboranti cyliaco [xotktaxöc, unter¬ 
leibskrank] quasi ovum tortum mandu- 
candum dabis". Rein abergläubisch ist 
das Mittel wohl nicht, da die im Sch. 
enthaltene Gerbsäure adstringierend wirkt. 
Nach homoeopathischem Grundsätze gal¬ 
ten die in den Sch .n befindlichen ,,Würmer' * 
(s. unter 1) und dann die Sch. selbst als 
Mittel gegen Eingeweidewürmer 15 ). Die 
zwischen den zwei Frauentagen gesammel¬ 
ten Sch. werden den Pferden zum Ab¬ 
treiben der Würmer gegeben und zwar 
die rotbraunen Sch. den Hengsten, die 
bleichen den Stuten 16 ). Gegen den 
„schlafenden Wurm" (= panaritium) 17 ) 
wird der Sch. auf dem Leib getragen 18 ). 
„Vorn hoen siechtagen (= Epilepsie) 19 ) 
nim von einem vngeschnetten — (?) 
das blutt oß dem herczen, von einem 
vngeschnetten geis bogk auch das blutt 
oß dem herczen, schlaffapfel, das sintt 
die ruchen knoten, die an rosen streuchen, 
aber hagen dom wagsen, die polfer klein 
vnnd reibe sie wole, vnnd gescht [Gischt] 
von einem fliesenden waser, das vermisch 
alles wolle dorcheinander, das gep dem 
krangken zu dringken dorch ein totten 
bein, den man dorch ein mans bein, 
dem wibe dorch ein wiber bein" 20 ). 
In Würzburg gab man dem Epileptischen 

Bächtold*Stäubli, Aberglaube VII 


7—9 „Würmchen" aus dem Sch. in 
Rotwein und unter gewissen Sprüchen 21 ). 
Als „Auswuchs" der Hundsrose hilft der 
Sch. gegen den Kropf („Auswuchs" am 
Körper) 22 ). Drei Hand voll „Kropf- 
äpfel" (= Sch.) werden in einen neuen 
irdenen Topf getan. Bei Neulicht schöpft 
man aus einem von Osten nach Westen flie¬ 
ßenden Wasser drei Liter mit den Worten: 
„Im Namen des Vaters, des Sohnes und 
des hl. Geistes". Mit diesem Wasser 
füllt man einen ungebrauchten irdenen 
Topf und kittet mit Lehm den Deckel 
darauf, der mit drei kleinen Löchern 
versehen sein muß, damit der Dampf 
entweichen kann. Genau drei Stunden 
vor Eintritt des Vollmondes wird dann 
der Topf über das Feuer gesetzt, nachdem 
man noch vorher für 60 Pfennige Kropf¬ 
schwamm (spongia) dazugetan hat. Ist 
nun die Masse der Kropfäpfel einge¬ 
trocknet, so wird diese bei Eintritt des 
Vollmondes in einen Liter Weihwasser 
geschüttet. Von diesem Wasser trinkt 
der Patient morgens und abends je ein 
Gläschen voll, doch muß er beim Hinab¬ 
schlucken fest an seinen Kropf drücken. 
Das Mittel darf nur bei abnehmendem 
Mond angewendet werden 23 ). Zu be¬ 
denken ist noch, daß auch der echte 
Schwamm (spongia), dem der Sch. 
(„Rosen schwamm") äußerlich etwas 
gleicht, gegen Kropf angewendet wird. 
Hier ist jedoch die Anwendung wegen 
des Jodgehaltes der Meeresschwämme 
eine rationelle. Auf dem Ofen gedörrte 
Sch. ins Ohr gesteckt oder gekaut oder 
in der Tabakspfeife geraucht sind ein 
Mittel gegen Zahnweh 24 ), ebenso das 
Pulver aus den Insekten, die sich in den 
Sch.n verfingen 25 ). In Frankreich 26 ) 
und in England 27 ) wird der Sch. als 
Amulett gegen Zahnweh in der Tasche 
getragen (vgl. Roßkastanie). In Mittel¬ 
franken schützt der in der Tasche ge¬ 
tragene oder auf den Hut gesteckte Sch. 
vor dem „Wundgehen" (intertrigo) 28 ), 
vgl. Wacholder. 

14 ) ed. Heimreich 27, 119, vgl. 27, 

108. 15 ) Tabernämontanus Kräuterbuch 

1731, 1497; Brauner Thesaurus Sanitatis 
1728, 3, 429; Camerarius Hortus medicus etc. 
1588, 146. 16 ) Zincke Oecon. Lexik. 1744, 

35 


Schlaf dorn—Schlag, schlagen 


Schlag, schlagen 


1094 


IO9I 

2, 2586, vgl. Wuttke 436 § 686. 17 ) Höfler 

Krankheitsnamen 832. 18 ) Schweizld. 1, 383. 

19 ) Höfler a. a. O. 726. 20 ) Jühling Tiere 

178. 21 ) Lammert 273. 22 ) Tabernaemon- 

tanus a. a. O. 23 ) anscheinend aus einem 
,,Sympathiebuch“: Marzell Bayer. Volks¬ 
botanik 158. 24 ) Urquell 2, 129 = Drechsler 
Schlesien 1, 213; 2, 300. 25 ) Zimmer mann 

Volksheilkunde 42. 26 ) Sebillot Folk-Lore 

3, 411; Rolland Flore pop. 5, 246. 27 ) FL. 13, 
173. 28 ) Orig.-Mitt. von Pfabel 1921. 

4. In Böhmen pflücken Verliebte den 
Sch. („spänek“) insgeheim mit bedeckten 
(s. unter „bloß“ 1, 1430) Händen ab 
(hauptsächlich im Frühjahr vor Sonnen¬ 
aufgang) und legen ihn sich gegenseitig 
heimlich ins Bett, damit sie gut schliefen, 
angenehm träumten und eines dem andern 
treu bliebe 29 ). In England wurde der 
Sch. von den Mädchen auf der Brust 
getragen, damit ihnen der Liebhaber 
treu bleibe 30 ). Findet man einen Sch. 
im Frühjahr, so hat man Günstiges zu 
erwarten, erscheinen sie im Herbst, so 
verkünden sie Unglück. Pflückt man sie 
aber ab und wirft sie rücklings über das 
Dach, so wird das Unheil in Segen ver¬ 
wandelt 31 ). Findet man im Sch. ein 
„Würmchen“ (s. unter 1), so wird der 
Sommer kühl, ist es aber ein ,,Mückchen“, 
so wird der Sommef\varm 32 ), vgl. Galle 
(3, 270). 

28 ) Grohmann 100 = Marsick Liebeszauber 
1893, j 5 - 30 ) Friend Flowers (1883), 288. 

31 ) D. Böhmerwald 9 (1907), 187. 32 ) Marzell 
Bayer. Volksbot. 311. 

Marzell. 

Schlafdorn s. Dornröschen (2, 358 f.), 
Schlafapfel. 

schlafende Helden s. bergenent¬ 
rückt 1, 1063 f. 

Schlafkraut s. Tollkirsche. 

Schlafmohn s. Mohn 6, 450 ff. 

Schlafrose s. Schlafapfel. 

Schlag, schlagen. 

1. Der S. als Ausdrucksbewegung und 
Trennungsbrauch. — 2. In rechtlichen Be¬ 

ziehungen. — 3. Im Leben des Kindes. — 

4. Im Hochzeits- und Totenbrauche. — 5. In 
der häuslichen Arbeit. — 6. Übergang zu etwas 
Neuem. Hänselbrauch. Einführung in eine 
neue Würde. Mannbarkeitsbrauch. — 7. Im 
Heilzauber. — 8. Im Garten- und Ackerbau. — 
9. Der S. mit der Lebensrute im Jahresfest¬ 
brauche. — 10. Vertreibung von Geistern. — 
11. Zauber und Entzauberung durch den S. 
Der zweite Zauberschlag. — 12. Der S. im 


IO92 

Fernzauber. — 13. S.Werkzeug aus bestimmten 
Stoffen. — 14. Einzelnes. 

1. Der S. ist zunächst eine Aus¬ 
drucksbewegung, durch die der Mensch 
Gefühle der Lust wie der Unlust zu einer 
Art von Entladung bringt. Er schlägt 
sich an die Stirn, wenn ihm ein plötz¬ 
licher Einfall kommt, vor den Mund, 
wenn ihm ein unbedachtes Wort ent¬ 
fahren ist. Homerische Götter und Hel¬ 
den s.en sich in heftigem Unwillen die 
Schenkel x ), und mancher heutige Mensch 
tut dasselbe vor ausgelassener Heiter¬ 
keit 2 ). Durch den S. drückt der Mensch 
unter Umständen auch eine gewisse er¬ 
löste Befriedigung über den Abschluß 
einer Tätigkeit aus. So kann man den 
S. bei vielen Gelegenheiten unter die 
Trennungsbräuche rechnen 3 ). Es 
wird mit ihm gleichsam ein stoffloser 
Strich unter eine Handlung oder einen 
Zustand gemacht. Wenn ein solcher S. 
infolge öfterer Wiederholung bei gleichen 
Anlässen zum Brauche wird, pflegt ihm 
eine — meist abergläubische — Begrün¬ 
dung gegeben zu werden. Er muß doch 
zu irgendetwas „gut“ sein. 

Wenn Kinder sich nach längerem 
Spiele oder Zusammensein von einander 
trennen, so sucht wohl eines dem andern 
zum Abschied einen leichten S. auf 
Schulter oder Rücken zu versetzen und 
dabei zu rufen: „Du hast den Letzten“. 
Namentlich geschieht das abends, wenn 
es ins Bett gehen heißt 4 ). Daß dieser S. 
Befürchtungen hervorrufen kann, zeigt 
möglicherweise der Umstand, daß gelegent¬ 
lich magische Abwehrmaßregeln dagegen 
ergriffen werden 5 ). Doch kommt auch 
der Zuruf: „Der Letzte macht fett!“ 
vor 6 ). In Niederntudorf (Kr. Büren, 
Westf.) liefen am Vorabend vor Licht¬ 
meß, wenn es acht ges.en hatte, in wildem 
Durcheinander alle Hausbewohner der 
eine zum andern und riefen sich gegen¬ 
seitig freudig auf die Schulter s.end: 
„den Lesden vermanen“ zu. Darauf 
gings ins Nachbarhaus zu gleichem Ver¬ 
fahren (an diesem Abend wird zum 
erstenmal wieder geläutet, bis dahin 
schweigt das „Beiern“) 7 ). 

Dem Kleinen, das zu Bett gebracht 


1093 

werden soll, gibt die Mutter einen Klaps 
vor den Hintern 8 ). Beim ersten Aus¬ 
triebe des Viehes nach langer Winter¬ 
haft wird es mit einem S. entlassen 9 ). 
Nach Schmiedebrauch tut der letzte, 
der am Feierabend die Werkstätte ver¬ 
läßt, mit dem Hammer einen kalten S. — 
oder drei — auf den Ambos 10 ). Zunächst 
ist das wohl ein bloßes Schlußmachen. 
Aber als Grund wird — wenigstens in 
bestimmten Bezirken 11 ) — angegeben, 
daß durch diesen S. die Kette, mit der 
der Teufel angeschmiedet sei, wieder fest¬ 
gemacht werde. Anderswo mag die Ab¬ 
sicht, böse Kobolde zu verscheuchen, 
zugrunde liegen 12 ). — Wenn man mit 
» einem Stock in der Luft vorwärts und 
rückwärts schlägt, so daß es pfeift, so 
kann das zunächst ein Ausdruck über¬ 
schüssiger Lebenskraft sein, aber in Nor¬ 
wegen sagt man, daß dadurch die Wolfs¬ 
zähne geschärft würden 13 ). Sagen berich¬ 
ten von der Vertreibung von Fischen durch 
einen Klaps, der einem einzelnen Ver¬ 
treter verabreicht wird, eine Art von 
Trennungszauber, der auf die ganze Art 
ausgedehnt wird 14 ). Mit dem Hillebille- 
s.en bei Hausbau und Hausrichtung ver¬ 
bindet sich die Absicht, böse Geister zu 
vertreiben 15 ). Und so entgeht kaum 
eine dieser in Gestalt des S.s vollzogenen 
* Ausdrucksbewegungen der schließlichen 
Ausdeutung als magisches Mittel zu 
irgend einem Zwecke. Dieser Zwecke 
sind hauptsächlich drei: 1. Trennen und 
Überleiten, 2. Scheuchen, Abwehr und 
Austreibung, 3. Vermittlung von Leben, 
Fruchtbarkeit und Glück. In zahlreichen 
Fällen ist freilich die Unterscheidung 
zwischen den verschiedenen Ursachen 
und Zwecken des brauchmäßigen S.s 
nicht mit Sicherheit anzugeben. Es wird 
also im folgenden versucht werden, die 
Bräuche und Anschauungen nach den 
verschiedenen Gelegenheitenzuordnen. 
Bemerkt sei noch, daß der Brauch manch¬ 
mal einen einzigen S. verlangt, manch¬ 
mal ein längeres oder kürzeres Prügeln. 
Ein wesentlicher Unterschied in der Ab¬ 
sicht scheint aber im allgemeinen nicht 
zu bestehen. 

2 ) II. 12, 162; 15, 113. 397 usw. 2 ) Aus Wut 


sowohl wie im Übermaße des Wohlbefindens 
bearbeitet der Gorilla mit beiden Fäusten die 
gewaltige Brust: Brehm Tierleben 3 1, 66. 68. 
69. 3 ) v. Gennep Rites de passage 248t. 

4 ) Progr. d. Gymnas. zu Heiligenstadt 1864, 16; 
Meyer Baden 51; ZfrwVk. 3, 84; Nds. 16, 220. 
258. 277. 295. 333; SchwVk. 7, 94L; 8, 19. 21 f.; 
MschlesVk. 31/32 (1931), 288; BadHmt. 15 
(1928), 252; Lütolf Sagen 118 (hier rief der 
Schlagende: „Nachtzigge, dass d' Katz bi d’r 
ligge“). Ganz ähnlich ist der „letzte Schubser" 
bei den Kindern der Wadschagga: Globus 95, 
287. 5 ) Nds. 21, 299. 6 ) MschlesVk. 31/32, 368. 
7 ) Nds. 19, 169. Auch beim Beginn des täglichen 
Abendläutens (Allerheiligen, Martini) wie beim 
Schlüsse (Lichtmeß) wird der Brauch geübt: 
Nds. 8, 193; ZfrwVk. 27 (1930), 86; Blätter zur 
näheren Kunde Westfalens (Meschede) 9 (1871), 
11. 8 ) ZfrwVk. 11, 295. 9 ) Sartori Sitte 2, 151; 
3, 181 f.; ZfrwVk. 13, 266; Reiser Allgäu 2, 375; 
Haltrich Siebenb. Sachsen 276 (2). Im Gouv. 
Wladimir schlagen am Tage des ersten Aus¬ 
triebs die Hauswirtinnen die Kühe mit ihren 
Hauben; dann, heißt es, kehren die Kühe heim 
und bringen Nachkommenschaft: Z eien in 
Russische Volksk. 60. 10 ) Sartori 2, 166; 

SchwVk. 14 (1924), 9f.; Zingerle Sagen 290 
(516); Alpen bürg Tirol 252; Heyl Tirol 766 
(„damit ist die Wochenarbeit zu Ende"); 
Olrik Ragnarök, übertr. v. Ranisch, 148. 175. 
igof. 194t. 196. 205. 2o6f. 207. 208. 234 — 241. 
290. 443; ARw. 20, 112. Der Geist eines Er¬ 
hängten gebietet Schmieden auf diese Weise 
Feierabend: Pröhle Deutsche Sag. 109; Wolf 
Niederländ. Sag. 408 (330). ll ) Oben 1, 359; 
3, 1375. 12 ) Olrik 240L 13 ) Liebrecht Zur 

Volksk. 332 (175). 14 ) Sartori 2, 162 Anm. 18. 
Im Pinega-Kreise (Gouv. Archangelsk) s.en die 
Fischer die ihnen zu klein erscheinenden Fische 
und werfen sie wieder in den Fluß: Zelenin 78. 
15 ) Sartori 2, 4 Anm. 10. 8 Anm. 16. 

2. Man legt mit einem S.e, d. h. mit 
Kraft und Nachdruck, seine Hand auf 
den in Anspruch genommenen Gegen¬ 
stand. Der langobardische Spielmann, 
dem König Karl Land und Leute schenkt, 
soweit sein Horn zu hören ist, gibt jedem 
Begegnenden eine Ohrfeige mit den Wor¬ 
ten: „Du bist mein eigen“ 16 ). In Assing- 
hausen geht der Hirt, wenn er die Schafe 
eingepfercht hat, dreimal um die Hürden 
und schlägt dabei mit seinem Hammer 
auf die Pfähle. So glaubt er seine Herde 
sichergestellt zu haben 17 ). Damit die 
Kuh trächtig bleibt, muß man, wenn man 
mit ihr vom Farren kommt, ihr drei 
Schläge auf den Rücken geben 18 ). Auch 
hier darf man wohl an eine Art von Be¬ 
sitzergreifung und -Sicherung denken. 
Häufig kommt der S. (Prügel, Ohrfeigen) 

35* 




1095 


Schlag, schlagen 


Schlag, schlagen 


IO98 



bei der Festlegung der Grenze und beim 
Grenzbegang zur Anwendung 19 ). Als 
Aneignungsritus finden wir ihn bei der 
Grundsteinlegung und dem Bau eines 
Hauses 20 ). Hier und da tut noch der 
Bauherr den ersten S. auf den Stein oder 
schlägt den ersten Nagel ein, anderswo 
setzt er den Schlußstein oder den letzten 
Nagel 21 ). Für den S. im Handel und 
Verkehr kommt nicht bloß das Trennen¬ 
de, Scheidende im Übergang zum Aus¬ 
druck, sondern auch das Bekräftigende, 
Entscheidende in der Aneignung. Der 
Zuschlag mit dem Hammer bei Verstei¬ 
gerungen gehört hierher 22 ). Den voll¬ 
zogenen Handel bekräftigen beide Par¬ 
teien durch Handschlag 23 ). Nach Ab¬ 
schluß eines Vertrages muß oft ein 
Dritter „durchschlagen" 24 ). Dasselbe 
geschieht beim Abschluß einer Wette, 
wobei stellenweise der S. von unten auf 
erfolgen muß, weil man „es" sonst in 
den Erdboden hereinschlägt 25 ). Wenn 
ein Kalb verkauft wird, gibt man der 
Kuh einen S. auf den Rücken und spricht: 
„Hier haste einen S., daß du dich nicht 
länger grämst als einen Tag * 4 26 ). Bei den 
Kroaten von Muraköz schlägt man die 
zum Verkauf getriebene Kuh mit der 
Schaufel, mit der man das Brot in den 
Backofen zu schieben pflegt, auf die 
Hüfte, damit die Kuh dem Käufer breit¬ 
hüftig erscheine 27 ). In Reichenbach 
schlägt man die Kuh, die zum Verkauf 
geführt wird, mit einem Zweige, an den 
sich ein Bienenschwarm gesetzt hatte; 
es stellen sich dann viele Käufer ein 28 ). 

16 ) Grimm RA. 76; Chron. Novaliciense 
3, 10. 17 ) Hüser Beiträge 2, 28 (27). 18 ) Eber¬ 
hardt Landwirtschaft 16; Sebillot Folk-Lore 
3, 80. l9 ) Künssberg Rechtsbrauch u. Kinder¬ 
spiel 15ff. 20f.; NddZfVk. 7, 48ff.; Urquell 
3 , I28f. (Ungarn); Sartori Sitte 2, i84ff.; 
Ders. Westfalen 2 134. 20 ) Oben 3, 1372; ZfEthn. 
30, 48. 21 ) Sartori 2, 4. 22 ) Ebd. 2, 182; oben 

3, 1371. 23 ) Oben 3, I40iff. 24 ) Drechsler 

2, 24; Globus 66, 275 (Rutenen und Huzulen). 
Beim Abschluß der Werbung: Piprek Sla¬ 
wische Brautwerbungs- und Hochzeitsgebräuche 

4. 4f. 26. 27. Wenn bei den Wanyamwesi die 
für einen Mord festgesetzte Strafsumme be¬ 
zahlt ist, wird ein Ochse in der Mitte durch¬ 
schnitten, um durch diese symbolische Hand¬ 
lung anzuzeigen, daß nunmehr die Verhand¬ 
lungen ebenfalls „abgeschnitten“, d. h. beendet 
det sind: Stuhlmann Mit Emin Pascha ins 


Herz von Afrika 92. 25 ) Reuter Läuschen u. 

Riemeis 3 180. 26 ) Drechsler 2, 102. 27 ) Eth- 
nolog. Mitt. a. Ungarn 4, 174. 28 ) Drechsler 
2, 108; Köhler Voigtland 412; vgl. 434. 

3. Bei den Kirgisen schlägt, wenn die 
Wehen zu lange dauern, der Vater mit 
seiner Reitpeitsche an die Zeltwände r 
damit die Teufel abgehalten werden. 
Auch die Wöchnerin selbst wird aus¬ 
gepeitscht 29 ). In Griechenland schlägt 
der Mann der Kreissenden ihr mit den 
Quasten seines Gürtels auf die Schulter 30 ). 
Nach altrömischem Brauch gingen bei 
der Geburt drei Männer um das Haus, 
schlugen die Schwelle zuerst mit einem 
Beil, dann mit einer Mörserkeule und 
fegten sie endlich mit einem Besen 31 ). 
Die Hindus rufen bei schwierigen Ge¬ 
burtsfällen einen Magier zur Hilfe, der 
den Unterleib der Kreissenden mit einem 
Stecken bearbeitet, um den Teufel aus 
ihr auszutreiben 32 ). In der Muraköz 
muß die Hebamme, wenn sie zum ersten¬ 
mal das Zimmer betritt, die Gebärende 
mit ihrem Kopftuche und ihrem Rosen¬ 
kränze dreimal s.en, damit die Geburt 
schnell von statten gehe und das Wochen¬ 
bett fieberfrei sei 33 ). An vielen andern 
Orten dagegen prügelt zur Beschleunigung 
der Entbindung die Gebärende ihren 
Mann; unterläßt sie das, so geht die 
Geburt nur langsam vorwärts S4 ). Wenn 
das Kind zur Welt gekommen ist, unter¬ 
läßt es in Iglau (Mähren) die Mutter 
nicht, mit der Handfläche seinen Rücken 
zu s.en, damit aus ihm ein fester, gegen 
die Schicksalsschläge abgehärteter Bauer 
werde 35 ). In Königswalde gibt ihm die 
Hebamme einen S. auf den Hintern, 
damit die Lebensgeister geweckt werden, 
anderswo, damit es zeitig sprechen ler¬ 
ne 36 ). Im Badischen wird es von der 
Hebamme geschüttelt, um es zum Schrei¬ 
en zu bringen, und wenn das nicht hilft, 
so gibt sie ihm einen Klaps auf den Hin¬ 
tern 37 ). In Langenfeld bei Salzungen 
besteht der Glaube, daß, wenn eine Wöch¬ 
nerin vor dem Kirchgänge das Haus ver¬ 
läßt und einem Bräutigam oder jungen 
Ehemann begegnet, diesem die Frau oder 
das Kind bei der Niederkunft stirbt. 
Diese haben daher auch das Recht, die 
Sünderin mit Peitschenhieben nach Hause 


zu treiben 38 ). Kommt das Kind nach 
der Taufe wieder in die Wohnstube 
zurück, so müssen es die Paten mit der 
Windel dreimal ins Gesicht s.en, wenn 
es keine Sommersprossen bekommen 
soll 39 ). Da und dort wird mit Flegeln an 
ein Scheunentor, in dessen Nähe der Tauf- 
zug vorbeikommt, geklopft oder auf Bret¬ 
ter, die auf den Boden gelegt werden, 
gedroschen 40 ). Bei der Entwöhnung 
wird das Kind ein paarmal von der Mutter 
mit dem Rollholz aufs Gesäß ges.en 41 ). 
Damit die Kinder leicht Zähne bekom¬ 
men, legen manche Mütter sie auf die 
Stubenschwelle und s.en ihnen mit der 
flachen Hand dreimal auf den Hintern 
(Ostpreußen) 42 ). Wer den ersten Zahn 
des Kindes sieht, gebe ihm auf der Stelle 
eine Ohrfeige, so zahnt es hernach leicht 
(Land ob der Enns) 43 ). Auch versetzen 
Eltern dem Kinde, wenn es aus Unacht¬ 
samkeit oder Übereile hinfällt, einen S., 
damit es sich in Zukunft mehr in acht 
nehme 44 ). Weint ein Kind zu oft, so 
schlägt man es bei den galizischen Juden 
sanft mit einer Rute und wirft diese auf 
einen fremden Wagen, damit er das 
„Gwein" fortführe, oder man wirft die 
Rute in ein fließendes Wasser 45 ). Über¬ 
gangsbrauch und Übelabwehr vereinigen 
sich wieder am Geburtstage 46 ). An 
seinem ersten Geburtstage muß ein Kind 
Schläge kriegen, dann wird es recht 
fromm 47 ), und unter den Schulkindern 
in Schlaupitz ist es Sitte, daß jedes an 
seinem Geburtstage von den Kameraden 
eine tüchtige Tracht Prügel erhält, „da¬ 
mit das Fleisch im Grabe besser faule" 48 ). 
Wenn in Tiefenbach das Kind zum ersten¬ 
mal zur Schule geht, soll man es mit 
Wintergrün auf den Kopf s.en und dazu 
sprechen: „Gehe zu und lerne was" 49 ). 
Dadurch soll wohl der Kopf recht frisch 
und hell gemacht werden. In Ostfries¬ 
land wurde bei der Aufnahme in die 
Schule und bei der Entlassung, auch vor 
und nach den Ferien, den Kindern ein 
kleiner S. auf die Schulter versetzt 50 ), 
und in Brilon schlugen die Knaben am 
Tage des Schulschlusses (Michaelistag) 
mit hölzernen Hämmern wild auf die 
Bänke los 51 ). Im übrigen begleitet ja 


der S. als Erziehungsmittel das kind¬ 
liche Lebensalter auf Schritt und Tritt, 
und vielleicht ist auch dieses Mittel von 
der Absicht beeinflußt worden, die Bos- 
heits- und Dummheitsgeister aus dem 
Körper herauszuj agen 52 ). In Eberstall¬ 
zell (Oberösterreich) darf man Kinder 
nur mit Birkenruten s.en 53 ). Freilich 
findet sich oft auch das ausdrückliche 
Verbot Kinder, bevor sie ein Jahr alt 
sind, überhaupt zu s.en 54 ). Man fürchtet 
wohl die Entwicklung zu hemmen und 
zurückzutreiben. Über das Verbot mit 
gewissen Stoffen oder unter bestimmten 
Umständen zu s.en s. unten 13. In Schle¬ 
sien soll man ein Kind nicht auf den Mund 
s.en, sonst lernt es nicht sprechen 55 ), 
in Baden nicht, wenn es am Boden liegt 56 ). 

Beim Erscheinen der ersten Blutung 
schlägt die Mutter das Mädchen auf beide 
Wangen, damit sein Gesicht stets so rot 
sei wie nach dem S.e 57 ). 

29 ) Globus 69, 228. 30 ) Mannhardt 1, 

302. 3l ) Samter Geburt 30; Roscher 

Mythol. Lex. 2, 1, 197; Knuchel Umwandlung 
lof. 32 ) Samter 47. 33 ) Temesväry Volks¬ 

bräuche in der Geburtshilfe Ungarns 49. 34 ) Ebd. 
Bei den Ureinwohnern von Celebes s.en die 
Nachbarn den Vater, wenn er nach der Geburt 
des Kindes vom Baden kommt: Clemen D. 
Anwendung der Psychoanalyse auf Mythologie 
u. Religionsgeschichte 85. Reichliche Prügel 
für Männer und Knaben nach der Geburt 
eines Häuptlingssohnes bei den Abiponen: 
Klemm Allg. Kulturgesch. 2, 123 f. (nach Do- 
britzhoffer). 35 ) ZfVk. 6, 252. 36 ) John Erzgeb. 
49. 37 ) Meyer Baden 15, vgl. 17. 38 ) Witz- 
schel Thüringen 2, 245t; vgl. Geburt 

25. 39 ) Witzschel 2, 246 (19). Bei einer 

„Taufe“ der Dajaken in Südost-Borneo nahm 
ein Mann das etwa ein Jahr alte Knäblein und 
stieg mit ihm ins Wasser. Unter Gesang schlugen 
nun die Zauberer mit Zweigen um sich herum, 
brannten sie an und schwangen sie um den 
Kopf des Täuflings, um alle Unglücksfälle, 
welche ihn in Zukunft treffen könnten, zu ent¬ 
fernen: Globus 72, 272. 40 ) Höhn Geburt 270. 
4l ) Temesväry 118. 42 ) Urquell 1, 134 (12). 

43 ) Grimm Mythol. 3, 460 (751). 44 ) Urquell 

N. F. 2, 29. 45 ) Urquell 4, 170 (139)- 46 ) Sar¬ 
tori 1, 46 Anm. 2. 47 ) Engelien u. Lahn 

1, 247 (104). 48 ) Drechsler 1, 218. 49 ) Schön- 
w^erth Oberpfalz 1, 183. 50 ) Lüpkes Ostfries. 

Volksk . 99. 51 ) Sartori Westfalen S3. 52 ) 

Kunze Birkenbesen 23h (Internat. Archiv f. 
Ethnographie 13); ARw. 11, 150. 53 ) Baum¬ 

garten Jahr 4 Anm. 5. 54 ) Rochholz Kinder¬ 
lied 320; Höhn Geburt 277; Drechsler i, 211. 
5S ) Drechsler 1, 211. 56 ) Meyer Baden 51. 


1099 


Schlag, schlagen 


Schlag, schlagen 


1102 


57 ) Temesvary 2. Bei denUaupe(Südamerika) 
wird das junge Mädchen beim Eintritt der 
Pubertätszeit im oberen Teil der Hütte zurück¬ 
gehalten und erhält von jedem Freunde und 
Familienmitgliede viermal in vierundzwanzig 
Stunden Hiebe mit schmiegsamen Ranken auf 
den nackten Leib. Bei den Macusindianern in 
Britisch Guayana muß sich das Mädchen auf 
einen Stuhl oder Stein stellen und wird von der 
Mutter mit dünnen Ruten gepeitscht: ZfEthn. 
41 (190g), 679t. In Neukalifornien wird es in 
die Erde gegraben und diese mit Ruten ge¬ 
schlagen: Mannhardt 1, 303. 

4. Auch im Hochzeitsbrauche findet 
der S. mannigfache Verwendung vom ein¬ 
fachen Backenstreiche bis zu allgemeinen 
Prügeleien und Kämpfen der Hochzeits¬ 
gesellschaft 58 ). Der S. kann auch hier 
als Übergangs- (Trennungs- oder An¬ 
gliederungsbrauch ), als Fruchtbarkeits¬ 
zauber und zur Vertreibung schädlicher 
Mächte dienen. Im Totenbrauche 
kommt er häufiger bei außereuropäischen 
Völkern vor 59 ), doch auch vereinzelt in 
Deutschland. So gibt man in Schlesien 
einem Gehängten, nachdem man ihn 
abgeschnitten hat, eine Ohrfeige, um 
ihn zu erlösen 60 ), oder bevor man ihn 
abschneidet, sonst dreht er einem den 
Hals um oder beunruhigt einen 61 ). Wenn 
in Oldenburg ein Jude stirbt, wird er, 
so heißt es, bei der Beerdigung mit dem 
Gesicht gegen den Erdboden durch alle 
Räume des Hauses getragen und dabei 
fortwährend gegeißelt, wobei gesprochen 
wird: „Guck hierhin, guck dahin, guck 
nimmer nicht wieder“ 62 ). In Krumbach 
wurde früher nach einem Todesfälle an 
alle vier Hausecken mit einer Axt oder 
einem Prügel ges.en 63 ). Ein Absolutions¬ 
ritus des 16. Jh.s aus Chur und Konstanz 
schreibt vor, daß ein Exkommunizierter 
nach seinem Tode noch losgesprochen wer¬ 
den könne, wenn sein Leichnam ausge¬ 
graben und gepeitscht werde; sei die 
Ausgrabung nicht statthaft, so peitsche 
man die Erde, in der er liegt 64 ). Kinder, 
die sich an ihren Eltern tätlich vergreifen, 
müssen, ehe sie sterben können, erst mit 
Wermut ges.en werden 65 ). Der Geist 
des Sohnes verlangt von seiner Mutter, 
daß sie ihn mit einem Ginsterzweige hart 
s.e, weil sie ihn bei Lebzeiten zu sehr 
geliebt und nie geschlagen habe. Sie 


1100 IIOI 


muß immer stärker s.en, bis er schließlich 
erlöst ist 66 ). Auch an die Sagen von der 
aus dem Grabe wachsenden Hand, die 
wieder zurückgeschlagen werden muß, 
ist zu erinnern 67 ). Manchmal hat der 

S. sich zu einem bloßen Streicheln des 
Toten 68 ) oder Anrühren des Sarges 69 ) 
abgeschwächt. Weit verbreitet ist der 
Brauch, daß die Hinterbliebenen ihrer 
Trauer über den Verlust eines Angehörigen 
durch Selbstverstümmelungen und Selbst¬ 
peinigungen Ausdruck geben, zu denen 
auch der S. gehört 70 ). Bei den Griechen 
bedeutet xoTtxecj&ctt, bei den Römern 
plangere geradezu trauern. Bei den Juden 
s.en sich die Trauernden auf die Schen¬ 
kel 71 ). In Frankreich wurden im 17. Jh. 
bei Hinrichtungen mitgenommene Kinder 
mit Ruten gestrichen, damit sie vor dem 
größeren Unglück behütet würden. Auch 
in Meinersen (Hannover) wurden bei der 
Hinrichtung eines Vatermörders einige 
von den zuschauenden Bauernsöhnen 
durchgeprügelt 72 ). In Kujavien muß 
man beim Tode des Besitzers jede seiner 
Kühe s.en und sagen: „Der Besitzer ist 
gestorben“ 73 ). Die Letten brechen auf 
dem Heimwege von der Bestattung grüne 
Zweige ab und s.en mit diesen die im 
Hause Verbliebenen 74 ). 

M ) ZfrwVk. 22 (1925), 63ff.; Mannhardt 
1* 299ff- 59 ) Scherke Über d. Verhalten d. 
Primitiven zum Tode 31 f. 164; Frazer 9, 2öoff. 
Auf Neuseeland wird der Körper eines ver¬ 
storbenen Häuptlings nach dem ersten Tage 
mit eigens dazu gesammeltem frischem Flachs 
geschlagen, um das über ihm schwebende Übel 
abzuwehren; darauf ist der Geist des Toten in 
die höheren Reiche übergegangen: Klemm 

AUg. Kulturgesch. 4, 325. Bei einer Leichen¬ 
feier in Nitilu (Liberia) begannen vor der Be¬ 
stattung zwei mit schwarzen Teufelsmasken 
verhüllte Gestalten einen wilden Tanz um die 
Leiche und schlugen dabei mit schwarzen Ruten 
auf diese ein. Es waren die beiden Zauber¬ 
doktoren, die die Aufgabe hatten, den Toten 
von bösen Geistern zu befreien: Globus 96, 249. 
In China ist das S.en der Leiche ein Mittel gegen 
Wiedergängerei: Wilhelm Chinesische Volks¬ 
märchen 202f. (67); Stenz Beiträge z. Volks¬ 
kunde Süd-Schantungs 70. ®®) TJrguell 4» 193. 

61 ) Drechsler 1, 312. 62 ) Strackerjan 

1, 451 f. 63 ) Meyer Baden 584. 64 ) Nider- 

berger Unterwalden 3, 97. Nach kaukasischer 

es der größte Schimpf, den man 
einem Toten antun kann, wenn man sein Grab 
durch S.en schändet: Dirr Kaukasische Märchen 


88. «*) Curtze Waldeck 246. 66 ) LeBraz 

La Ugende de la niort 3 2, ioof. 67 )Deecke 
Lübische Sagen Nr. 153; Kuhn u. Schwartz 
45; Bartsch Mecklenburg 1, 459. 460; ZfVk. 10 
(1900), 125 (Ingolstadt in Bayern); Knoop 
Posen 130. 68 ) SAVk. 24, 43 (damit einem der 
Verstorbene nicht im Schlafe erscheine). 69 ) 
Bartsch 2, 96 (333). 70 ) Samter Geburt 177; 
Scherke 115; Globus 87, 400; Frazer 9, 260h. 
71 ) Cal and D. altindischen Toten- u. Bestat¬ 
tungsgebräuche 24. 114. 138. 139. Bei den Kaf- 
fitscho geißeln sich beim Tode von nahen Ver¬ 
wandten die Männer mit Dornenzweigen, ebenso 


!• n 7 # j _ 


1 1 _ r 










kessen ergreifen im Augenblicke, wo einer stirbt, 
die Männer ihre Reitpeitschen und Stöcke und 
schlagen unbarmherzig auf ihre Glieder: Klemm 
Allg. Kultur ge sch. 4, 37. Allgemeine Geißelung 
mehrere Monate nach einem Todesfälle bei den 
Arawaken von Britisch Guayana: Koch Zum 
Animismus d. südamerikan. Indianer 73 f. 
(Internat. Archiv f. Ethnographie, Supplem. zu 
Bd. 13). Namentlich die hinterlassene Witwe 
ist das Opfer solcher S.e: Ebd. 70; Tylor 
Cultur 1, 447; Bastian D. deutsche Expedition 
an d. Loango-Küste 1, 167. 72 ) v. Künssberg 

Rechtsbrauch u. Kinderspiel 20. 73 ) Rogasaner 

Familienblatt 4, 35 (13). Auch in Loango 
müssen Schafe, Ziegen, Schweine, Hühner und 
Enten im gleichen Falle leicht geschlagen und 
hin- und hergetrieben werden: Pechuel- 
Loesche Volkskunde von Loango 324. Vgl. 
ZrwVk. 1, 36ff. 74 ) Globus 82, 368; vgl. 371 
Anm. 19. 


5. Bei gewissen Verrichtungen in der 
häuslichen Arbeit spielt der S. eine 
Rolle. Wird das Garn auf den Webstuhl 
gebracht, so muß die Person, welche den 
„Reetkamm“ hält, wenn das Garn auf 
den sog. Garnbaum gewunden ist, so¬ 
gleich den Reetkamm auflösen und mit 
beiden Teilen desselben jeder Person, die 
beim Aufbringen des Gams beteiligt war, 
einen S. geben; doch muß der Doppels, 
in Form eines Kreuzes fallen und dabei 
gesprochen werden: „E Kriez ok e 
Schlag — Oen veertie Dag af“. Das Garn 
wird dann schnell abgewebt 75 ). Im Sater- 
lande wird die Bierhefe, ehe man sie 


in die Maische legt, mit einem belaubten 
Eichenzweig gestrichen 76 ). Die Bulgaren 
im Novoselver Bezirk backen in der Morgen¬ 
dämmerung des Ignatiustages Brot und 
s.en den Teig mit dem Hanfhechel 77 ). 
Will das Buttern nicht geraten, so 
peitsche man das Butterfaß mit einer 
Weidenrute, die aber nicht mit dem 
Messer geschnitten werden darf 78 ). 

7ß ) Frischbier Hexenspr. 126. 76 ) Strak- 





kerjan 1, 126. Vgl. Sartori Sitte 2, 32 Anm. 42. 
77 ) Strauss Bulgaren 352. 78 ) Grimm My- 


j7. «; 






_ o \ 








6. Manches gehört in das Gebiet der 
Hänselbräuche. In der Pflege Reichen¬ 
fels geben solche, die zum erstenmal 
Bier schenken, etwas zum besten. 
Dabei muß jeder Gast auf den Ofen 
steigen und wird dabei tüchtig ge¬ 
peitscht 79 ). Hat jemand ein neues 
Kleidungsstück zum erstenmal an, 
so wird er mit der Hand ges.en ®°). Man 
nennt das „die neue Naht ausklopfen“ 81 ) 
oder „den Schneider herausklopfen“ 82 ) 
und ruft dabei: „Das Neue muß man 
klopfen, das Alte muß man stopfen“; 
dadurch bekommt das Kleid längere 
Dauer 83 ). In Ostpreußen ruft der Schla¬ 
gende: „Neuschlag! Neuschlag! morgen 
zu Stück“ (entzwei) 84 ). Wird eine 
neue Speise zum erstenmal gegessen, 
so versetzen sich die Tischnachbam einen 
leichten Schlag 85 ). In Wien kriegt man, 
wenn man zum erstenmal Obst oder Ge¬ 
müse ißt, einen S. und wird beim Ohr 
gezupft 86 ). Wenn in Münster i. W. die 
Hausfrau den Neujahrskuchen an die 
Familienmitglieder verteilte, schlug sie 
jedem mit geballter Faust auf die Brust 87 ). 
In Niederehe erhielten die Kinder einige 
Zeit nach Johannis den „Jesusknüpps“, 
d. i. einen leichten S. mit einem Stock 
auf die Stirne und durften von nun an 
von den wilden Stachelbeeren essen. 
Eine Beräucherung der Stachelbeer¬ 
hecken mit den brennenden Johannis- 
sträuchern ging voraus 88 ). Man kann 
diese Schläge als bloße Übergangsbräuche 
betrachten, aber der Gedanke an die 
Abwehr schädlicher Mächte scheint doch 
hineinzugreifen. 

Wichtiger sind die Veranlassungen, die 
den Menschen in einen neuen Stand, 
eine neue Würde einführen, wodurch 
ihm besondere Rechte erteilt und be¬ 
stimmte Pflichten auferlegt werden 89 ). 
So kennzeichnet der S. die Aufnahme 
des Knaben in die Gemeinschaft der 
Jünglinge und Männer und in die Geheim¬ 
bünde der Naturvölker, und was damit 
zusammenhängt 90 ). Oft wird als Grund 
der Schläge eine Tapferkeitsprobe in der 


H03 


Schlag, schlagen 


1104 


Ertragung von Schmerzen oder die Ge¬ 
wöhnung daran angegeben oder auch die 
Stärkung der Zeugungskraft oder all¬ 
gemeine Kräftigung 91 ). 

Der Junggesellenklasse (Burschen¬ 
schaft) entspricht im mittelalterlichen 
Handwerk die Gesellenschaft. So ist 
auch das Gesellenmachen oft mit dem 
S. verbunden. Der aufzunehmende Lehr¬ 
ling wird verprügelt, mit Ruten ges.en, 
erhält eine Ohrfeige 92 ) (s. d.). Auf der Baar 
wird der Lehrbube durch den Förster 
mit Überreichung des Hirschfängers wehr¬ 
haft gemacht, wobei er eine Maulschelle 
erhält 93 ). In Lamme (Braunschweig) 
mußten sich die Enken beim Hänseln 
auf den Schlachtetisch legen, der Kopf 
wurde niedergehalten, und sie kriegten 
die „Britze Bratze". In Bahrstedt schlug 
man sie beim Sprung vom Stuhle, auf 
den sie sich hatten setzen müssen, mit 
der Schaufel vor das Gesäß; in Flechtorf 
schlug man nur mit dem Dreschflegel 
das Bierfaß, über das sie gezogen waren 94 ). 
In München schlägt am Faschingsmontag 
der Altgesell dem freizusprechenden Metz¬ 
gerburschen während des Spruches mit 
der flachen Hand immer zwischen die 
Schultern 95 ). Solche Hänselbräuche 
kamen namentlich auch bei den Proben 
der Lehrlinge in den hansischen Fakto¬ 
reien des Nordens zu barbarischer Wir¬ 
kung 96 ). Sie sind auch bei Offizieren 
und in Schulen üblich gewesen 97 ) und 
noch immer nicht ausgestorben. 

Wenn bei der indischen Königsweihe 
die Priester den eben gesalbten König 
s.en, so ist es, meint Oldenberg wohl mit 
Recht, doch wohl nur ein hineingelegter 
Sinn, wenn sie dabei sagen: „Ich führe 
dich darüber hinweg, ges.en zu werden". 
Richtiger wird die Bedeutung des Brau¬ 
ches in einer andern zugehörigen Wen¬ 
dung ausgedrückt sein: „Wir s.n das 
Übel von dir hinweg" 98 ). Bei der Huldi¬ 
gung für einen neuen Herzog in Kärnten 
gibt der „Herzogbauer" dem Fürsten 
einen leichten Backenstreich 99 ). So 
mußte denn auch der Schützenkönig in 
Warburg das sog. Pritschen an sich vor¬ 
nehmen lassen 10 °). 

Einen deutlichen Trennungsbrauch fin¬ 


den wir in Sent (Unterengadin). Hier 
machen am ,,Vorstehertag" (dem dritten 
Sonntag im Februar), wenn die Vereidi¬ 
gung der neuen Vorsteherschaft statt¬ 
findet, die Knaben einen mächtigen 
Schneemann. Sein Kopf soll womöglich 
einige Ähnlichkeit mit dem alten Vor¬ 
steher haben. Kaum hat dieser seine 
Rede beendet, so gibt einer der Knaben 
dem Schneemann eine herzhafte Ohr¬ 
feige, so daß der Kopf auf den Platz rollt, 
alle brechen in lauten Jubel aus und rufen: 

,.Nieder mit dem Alten!" 101 ). 

79 ) Witzschel Thüringen 2, 287 (125). 

80 ) John Westböhmen 250. 8l ) Picks Monats- 
sehr. f. d. Gesch. Westdeutschlands 4 (1878), 

382, vgl. 540. 82 ) ZfrwVk. 3, 84; HessBl. 4, 8. 

83 ) Grimm Mythol. 3, 468 (922). 8 «) Lemke 
Ostpreußen 2, 290; Schnippei Ost - u. West¬ 
preußen 96. In Lindlar (Bez. Köln) wird ein 
Mädchen, das zum erstenmal mit einem neuen 
Kleide erscheint, von den Freundinnen in den 
Arm gekniffen, was man „Nökneff" nennt. In 
Würzburg sagt man ,,einem den Schneider aus- 
zwicken": Blätter z. bayerischen Volkskunde 10 
( i 925), 16. In Schlesien klopft man den Träger 
eines neuen Gewandes auf die Schulter oder 
zieht ihn am Ohr: Drechsler 2, 10; letzteres 
auch in Böhmen und im Voigtlande: Zeitschr. 
f. Völkerpsychol. 18, 18. 85 ) Ebd.; SchwVk. 15 
(1925), 27 (14); Globus 73, 316 (Litauer). 
8S ) WZfVk. 33 (1928), 20; s. ferner Sartori 
2. 32.3h; HessBl. 28 (1929). 227. 87 ) Nds. 

* 3 : 133 . 88 ) Schmitz Eifel 1, 42. 89 ) Bei den 
Römern erhielt der Sklave bei der Freilassung 
einen Backenstreich (Eit rem Opferritus u. 
Voropfer 50 Anm. 2) oder wurde mit einer Rute 
berührt (Liv. 2, 5, 9). Ähnliches Verfahren mit 
entsprechender Formel im Heilzauber bei den 
Abchasen: Globus 66, 54. Zu vergleichen ist 
die Schilderung des Flavius Josephus (Gesch. 
d. jüdischen Krieges 4, 10) von seiner Frei¬ 
lassung aus längerer Kriegsgefangenschaft durch 
Vespasian; sie erfolgt durch Zerhauen seiner 
Ketten. 90 ) Gennep Rites de Passage ii2f. 
11 6. 154; Schürtz Altersklassen 98. 371 ff. 376. 

383. Besonders berühmt ist die Geißelung der 

Epheben im alten Sparta: ARw. 9, 407ff.; 
r 4 > 643 ff.; Nilsson Griech. Feste 190 ff.; 

Schwenn Menschenopfer bei d . Griechen u. 
Römern 93«. ®i) Wenn nach Beendigung der 

Knabenweihe bei den Magwamba und Ba-Pedi 
(Bantus) der Knabe seine Schwester, Mutter 
und Großmutter wieder sieht, so muß er jeder 
einen Hieb versetzen (Zeller D. Knabenweihen 
29), denn er ist jetzt ein Mann geworden und 
von den Frauen seiner Verwandtschaft ge¬ 
schieden. Daß diese Schläge ein Zeichen seien, 
daß die erotische Neigung zu ihnen in den 
Knaben verdrängt sei (Zeller 153), ist nicht 
wahrscheinlich. — In einigen Gegenden Un¬ 



garns werden am Aschermittwoch die erwach¬ 
senen Knaben zu Burschen geweiht, indem 
jeder von ihnen sechs Stockhiebe erhält, worauf 
eine Flasche mit Wein in die Erde vergraben 
wird. Das nennt man „Begräbnis des Brüllen¬ 
den": Wlislocki Magyaren 86. 92 ) Oben 
3, 1427t. 1429. 93 ) Meyer Baden 448, vgl. 449. 
**) ZfVk. 11, 332. 333. 95 ) Panzer Beitr. 

1, 229. 96 ) Hansische Geschichtsblätter 1877, 

93 f. 96; Rochholz Kinderlied 534L ö7 ) Ders. 
a. a. O.; ARw. 10,159. 98 ) Oldenberg Veda 

491; vgl. Schroeder Arische Religion 2, 301. 
99 ) Grimm RA. 3 253. 10 °) Bericht über d. 

Gymnasium Petrinum zu Brilon 1893, 8. 

101 ) SAVk. 19, 72 f. (der Schneemann soll eigent¬ 
lich Symbol des Winters sein). 

7. Im Heilzauber hat der S. zur Folge, 
daß die bösen Mächte, die von dem Kran¬ 
ken Besitz ergriffen haben, aus ihm her¬ 
ausgejagt werden 102 ). Oft ist an Stelle 
des S.es das Bestreichen getreten. Die 
hl. Adelheid verleiht unrein singenden 
Nonnen durch einen S. eine helle, reine 
Stimme 103 ). Gegen Gliederlähmung wird 
in Südungarn das gelähmte Glied mit 
Birkenreisern, die einige Tage lang in 
Salzwasser gelegen haben, gepeitscht, 
wobei beide beteiligten Personen den 
Spruch hersagen: 

Wer drinnen ist, der komm heraus, 

Drei gute Urmen rufen ihn, 

Drei gute Urmen treiben ihn 

In den grünen, großen Wald. 

Das hervorquellende Blut wird in einem 
Säckchen im Walde in ein Baumloch ge¬ 
steckt 104 ). Bei Hans Sachs 105 ) wird dem 
Bauern der Husten vom Apotheker her¬ 
ausgeprügelt. Namentlich Epileptiker, 
Besessene und Behexte werden auf diese 
Weise behandelt 106 ). Die Angelsachsen 
trieben den Teufel mit Peitschen vom 
Fell der Meerschweinchen aus Wahn¬ 
sinnigen heraus 107 ). In seinem Schwank 
„Der pawer mit dem zopff" (v. 145 ff.) 
läßt Hans Sachs den angeblich besessenen 
Bauern vom Pfaffen mit Ruten ges. w r erden, 
um den Teufel aus ihm herauszujagen 108 ). 
In Irland tut dies der Hexendoktor mit 
einem kräftigen Schwarzdornstock 109 ), 
in Thüringen mit einem Haselstock 110 ). 
Eine Frau, die mit ihrem verrückten 
Mann ins Kloster ging, um ihn von den 
Kapuzinern heilen zu lassen, erhielt zur 
Antwort: man wisse ihr kein besseres 
Mittel anzugeben, als sie solle dem Mann 
alle Tage eine tüchtige Tracht Prügel 


geben lassen m ). Einem Knaben in 
Palästina, der epileptische Anfälle hatte 
und den Geist in sich aufsteigen fühlte, 
versetzte der Schech einen so schweren 
S. auf die Schulter, daß eine Wunde ent¬ 
stand, durch die der Geist ausfuhr 112 ). 
Zu den Krankheitsgeistern sind auch die 
elbischen Wesen zu rechnen, die im sog. 
Wechselbalg 113 ) und in der Gestalt 
der Mahr 114 ) sich in dem Menschen fest¬ 
setzen und ebenfalls aus ihm herausge¬ 
prügelt werden müssen. Auch vom Alb 
geplagte Tiere werden ges.en 115 ), wie 
überhaupt das Vieh durch einen S. vor 
Krankheiten bewahrt oder von ihnen 
geheilt wird 116 ), auch behexte Kühe, die 
Blut statt Milch geben 117 ). Ebenso werden 
stößigen und ungebärdigen Tieren die 
Nücken ausgetrieben 118 ). Vielfach wird 
das Vieh an bestimmten Tagen, nament¬ 
lich im Frühling, mit Ruten gepeitscht 
oder doch berührt, um gegen Unglück 
gesichert zu sein 119 ). Die Esten s.en 
ihre Hühner, wenn sie nicht legen wollen 
mit einem alten Besen 120 ). In Mecklen¬ 
burg glaubt man, ein Huhn lege fleißiger, 
wenn man es mit Nesseln gepeitscht 
habe 121 ), und in Tiefenbach s.en die 
Weiber am Fastnachtsdienstag die Hen¬ 
nen auf den Schw r anz, damit sie in diesem 
Jahre viele Eier legen 122 ). 

102 ) Kunze Birkenbesen 19F 23; Eitrem 
Opferritus 378. 482; SAVk. 28 (1928), 840.; 
Eisen-Erkes Estnische Mythol. 17. 103 ) Oben 

1, 170. i04 ) Wlislocki Volksgl. d. Zigeuner 170. 

Das Blut ist hier als Krankheitsträger gedacht. 
Ein lappländischer Magier kann einem andern 
keinen Schaden zu fügen, wenn dieser ihn so 
lange schlägt, bis er blutet, denn der Verlust 
seines Blutes ist der Verlust seiner magischen 
Kraft: Seligmann Blick 2, 218. 105 ) Sämtl. 

Fabeln und Schwänke herausg. von E. Goetze 

- 1, 529 V'. 81 ff. 106 ) Mannhardt Aberglaube 54h 
57f. 66ff.; Seligmann 1, 299. 300. Auch im 
kirchlichen Exorcismus: Franz Benediktionen 

2, 572. i07 ) Progr. des Realgymnas. zu Mei¬ 

ningen 1891, 37. 10S ) Sämtl. Fabeln usw. 1, 483 f. 
109 ) Lady Wilde Ancicnt eures etc. of Ireland 

| 35, vgl. 51. 110 ) Knuchel Umwandlung 62 

1U ) SAVk. 21 (1917), 48. Ähnliches in Italien: 
ARw. 11, 147. 112 ) Curtiss Ursemit. Religion 
173. 113 ) ARw. 6, I 5 iff.; Kunze Birkenbesen 

22f.; Meyer Baden 44; Vernaleken Mythen 
248; Schulenburg Wend. Volkstum 109; 
Toppen Masuren 21; Lemke Ostpreußen 1, 63; 
Hellwig Verbrechen u. Aberglaube 40f.; Se- 
billot Folk-Lore 1, 441. 442; 2, 115. ll4 ) Töp- 


H07 


Schlag, schlagen 


IIOS 


pen Masuren 30. 115 ) Eisen-Erkes Estnische 
Mythol. 59. 61. 116 ) Curtze Waldeck 393 (116); 
Bartsch Mecklenburg 2, 144 (641); John 

Erzgebirge 227; Kunze Birkenbesen 22. 117 ) 

Kühnau Sagen 3, 222; oben 3, 1433. n») 

Drechsler 2, io6f.; Bartsch 2, 149 (672). 148 
(670). n9 ) ZfVk. 1 (1891), 181; Bartsch 

2, 258 (1348); Reiser Allgäu 2, 116; Frazer 
9 , 266f. Vgl. Mannhardt 1, 269!!; Jahn 
Opfergebräuche 297fr.; Schroeder Arische Relig. 
2, 297 f-; Sartori 3, 182. Über den dabei be¬ 
nutzten Ebereschenzweig: ZfVk. 22, 182t. 

Über den Birkenzweig: ARw. 2, 30ff. 120 ) 
Boeder Ehsten 123. 121 ) Bartsch 2, 159 

( 738 ). 122 ) Sch önwerth Oberpfalz 1, 349. 

8. In Garten und Feld werden die 
Pflanzen zu bestimmten Zeiten durch 
Schläge in ihrem Gedeihen gefördert. 
Wenn Christabend der Galten im bloßen 
Hemd mit einem Flegel gedroschen wird, 
wächst im folgenden Jahr das Gras gut 123 ). 
Im Böhmerwalde gehen am Johannis¬ 
tage Weibspersonen, bloß mit einem 
Hemde angetan, in die Krautfelder, um 
das Kraut zu schrecken. Sie s.en mit 
einer Rute auf einige Krautpflanzen 
los und bewirken dadurch, daß die üb¬ 
rigen, in Schrecken gesetzt, ordentlich 
und rasch wachsen und auch schön wer¬ 
den 124 ). Die Obstbäume schlägt 
man 12S ) namentlich zu Weihnachten und 
Neujahr 12 «), zu Fastnacht 127 ) und am 
Karfreitag 128 ). Besonders die Nußbäume 
sind diesem Verfahren ausgesetzt 129 ). 
Auch in den Bräuchen des Ackerbaues 
und der Ernte fehlt der S. nicht. Wenn 
im Schaumburgischen zuerst wieder ge¬ 
pflügt ist, peitschen die Knechte die 
Mägde unter dem Rufe: „Teuf, ek will 
dek de Fleie utklappen" 13 °). In Deutsch¬ 
land und Rußland wird die letzte Garbe 
ges.en, damit im nächsten Jahre die dem 
Gedeihen der Feldfrucht schädlichen Tiere 
vernichtet seien 131 ). In Grüneberg muß 
der mit dem Komschnitt zuerst Fertige 
die Begegnenden s. 132 ). In Luxemburg 
wird allen Mädchen, die bei der Wein¬ 
lese eine Traube übersehen hatten, mit 
einem Bläuel auf den Hintern „die 
Pritsche gegeben" 133 ). Beim letzten 
Dreschers, fand ähnlich dem Hillebilles. 
beim Hausbau taktmäßiges S.en und 
und Klappern statt 131 ). 

123 ) Grimm Mythol. 3, 473 (1041). Schra- 
mek Böhmerwald 235; vgl. ZfrwVk. 2, 295; 


Kunze Birkenbesen 17. 39. 125) Mannhardt 

2 75 fr 126 ) Sartori Sitte 3, 35. 69. 127 ) Ebd. 
3, u6. 128 ) Ebd. 3, i 45 . 129 ) Ebd. 2, 118 Anm. 
ii» ZfrwVk. 14, 50 f.; Mannhardt 1, 276. 277' 
KblNdSpr. 18, 80. 13 °) Lyncker Sagen 257. 
Mannhardt 1, 303 vergleicht damit die Sitte 
der Salivas (Südamerika), vor Beginn der 
Feldarbeit die jungen Leute auszupeitschen, um 
ihnen die Faulheit auszutreiben. 131 ) Mann- 
hardt Forschungen 146. 316; Sartori 2, 89 
Anm. 18. Vertreiben des Rostes, der Raupen 
usw. durch S.: Rantasalo Ackerbau 4, 49. 

2 ) Engelien u. Lahn 235. 133 ) Fontaine 

Luxemburg 140. 134 ) Sartori 2, 100; ZfrwVk 
17» 3 b. 

9. Durch das ganze Jahr hindurch, 
meist an christliche Festtage angeschlos¬ 
sen, ziehen sich Bräuche, die der von 
Mannhardt so ausführlich behandelte 
„Schlag mit der Lebensrute“ kenn¬ 
zeichnet 135 ). Menschen, Tiere (s. oben 7) 
und Pflanzen (s. oben 8) werden gepeitscht. 
Die Bezeichnungen dafür sind mannig¬ 
faltig: aufhauen, dengeln (= hämmern), 
fitzein, frischgrünstreichen, fudeln (fut- 
teln, fuen), kindein, pfeffern (s. d.), 
schmackostern (s. d.), stäupen (stiepen, 
stupen), quicken (quitzen). Beide Ge¬ 
schlechter s.en sich gegenseitig, namentlich 
an die Hände und Füße (Waden, Knö¬ 
chel), an alle Glieder von oben herab 136 ), 
an Hinterteil und Geschlechtsteile 137 )! 
Der Zweck dieser Schläge ist teils Ver¬ 
treibung des Bösen und Lebensfeindlichen, 
teils Übertragung und Erweckung von 
Gesundheit, Lebens- und Wachstums¬ 
kraft 138 ). Für das erstere ist der S. für 
sich allein zweckerfüllend, für das zweite 
kommt auch der Stoff des S.Werkzeuges 
in Betracht: Weidenzweige mit jun¬ 
gen Trieben (Palmkätzchen), Birken¬ 
reiser, Flieder-, Kirschbaum-, Linden¬ 
zweige, die auch in Winter schon künst¬ 
lich zum Treiben gebracht werden, Ros¬ 
marin, Blumensträuße, Nesseln, grüne 
Tannen- und Stechpalmzweige. Die 
Gerte ist oft mit Bändern und Eiern 
geschmückt 139 ), auch mit Wickelkindern, 
schnäbelnden Täubchen und dgl. 140 ). Sie 
darf nicht mit bloßer Hand angefaßt 
werden 141 ). „Die Weide schlägt, nicht 
ich“, rufen die Russen I42 ). Die Ge¬ 
schlagenen müssen ein Geschenk geben 
und bestätigen dadurch den Empfang 
eines ihnen nützlichen Vorteils 143 ). 


% 


Schlag, schlagen 


IIIO 


1109 


• :t* 




*4. - 

ft 


T 

1 





n 


In der Adventszeit dienen die „Klopf¬ 
nächte“ (s. d.) diesem Brauche 144 ). Dann 
kommt der Nikolaus mit seiner Rute 
und die wilde Schar der „Klose“, die 
alle Begegnenden in lärmender Aus¬ 
gelassenheit peitschen 145 ). Zu Weih¬ 
nachten erscheinen Pelznickel und Ruh- 
klase und s.en die Kinder 146 ), und diese 
wieder auf ihren Sammelgängen Haus¬ 
bewohner und Begegnende, womöglich 
mit etwas Grünem 147 ). Zu Neujahr 
setzt sich das fort 148 ), auch noch am 
Lichtmeßtage 149 ). Den Höhepunkt 
erreicht dieses Treiben in der Fast¬ 
nachtzeit 150 ) und dann zu Ostern 151 ). 
Aber auch noch am Mai tag und zu 
Pfingsten müssen Blumen und frisches 
Grün den Frühlings- und Sommersegen 
auf diese Weise den Menschen über¬ 
mitteln 352 ). Am Johannistage schlägt 
man sich an einigen Orten gegenseitig 
mit Nesseln, die in Urin getaucht sind 153 ), 
bis dann am Martinstage wieder der 
Pelzmärte in Erscheinung tritt 154 ). Aber 
noch am Katharinentage (25. Nov.) 
werden im westlichen Böhmen die Mäd¬ 
chen mit einem Rosmarinstengel ge¬ 
peitscht 155 ). 

135 ) Mannhardt 1, 251 ff.; ders. Forschungen 
H3Ü. Vgl. ferner NddZfVk. 7 (1929). 150 Ü-J 
Schröder Arische Religion 2, 293 h.; Frazer 
9, 262 ff.; Nilsson Griechische Feste 191 ff. Im 
klassischen Altertum wurden solche der weib¬ 
lichen Fruchtbarkeit nützliche Schläge an be¬ 
stimmten Festen vollzogen. So in Alea in 
Arkadien am Feste der Skiereia (Nilsson 
299 f.), am Feste der Bona Dea in Rom (Fehrle 
Keuschheit 129; Mann hardt Forschungen 115h.), 
bei Demeterfesten (Mannhardt Forsch. 120), 
an den kaprotinischen Nonen (ebd. 121 f.; 
Frazer 9, 258 f.) und, was am bekanntesten 
ist, an den Luperkalien: Mannhardt For¬ 
schungen 81 ff., vgl. 154 t.; ARw. 13, 495 t.: 
Eitrem Opferritus u. Voropfer 52. 136 ) Mann¬ 
hardt 1, 262. 137 ) Ebd. 1, 255 f. 281; Andree 
Braunschweig 236; Hoops Sassenart 37. Mann¬ 
hardt will daraus den Ausdruck fudeln, fuen 
(fud = vulva) erklären. Manche sehen in diesem 
Schlage eine abgeschwächte Form des Ge¬ 
schlechtsaktes; Zweig und Stock seien Ersatz 
für den Phallus. Schläge auf das männliche 
Glied: Mannhardt Forsch. 128. 133. 138. 146; 
Nilsson Griech. Feste 112 f.; um die erstorbene 
erotische Lust zu beleben: Mannhardt Forsch. 
147 Anm.; Frazer 9, 272 f.; Gennep Rites 
de passage 248. 138 ) Mannhardt 1, 252. 253. 

263. 280; ders. Forschungen 149 f. 139 ) Mann¬ 
hardt t. 270 . 140 1 Ebd. 1. 2S4. 141 1 Ebd. 1, 279. 


1 42 ) Ebd. 1, 257. 143 ) Ebd. 1, 253. 281. 144 ) Sar¬ 
tori 3, 12. 145 ) Ebd. 3, 18. 146 ) Ebd. 3, 47 - 

147 ) Ebd. 3, 46. 52. 53. 148 ) Ebd. 3, 61. 149 ) Ebd. 
3, 86; vgl. 2, 112. 15 °) Ebd. 3, 100. 101 f. 132. 

151 ) Ebd. 3, 136. 139. 154 f.; s. schmackostern. 

152 ) Ebd. 3, 182 f. 201 f. 207 Anm. 52. 153 )1 Mann¬ 

hardt Germ. Mythen 102. 154 ) Sartori 3, 269. 
Anm. 26. 155 ) Ebd. 3, 274. 

10. An manche dieser festlichen Zeiten 
und Tage heftet sich noch der besondere 
Brauch, daß an ihnen die jungen Leute 
ein (oft genau eingeübtes und geregeltes) 
Knallen mit ihren Peitschen ver¬ 
anstalten 156 ). Mit diesen Schlägen (zu¬ 
gleich durch den damit verursachten 
Lärm) sollen die in der Luft sich auf¬ 
haltenden bösen Geister verscheucht 
werden. Oft geschieht das auch durch 
Lufthiebe mit Stöcken 157 ). So ging 
in Oberösterreich der Bauer in der Nacht 
vor Karfreitag und am Georgitage hauend, 
peitschenknallend und schießend seinen 
Grund ab, um „abzujagen“ und schlug 
mit Stecken und Geißeln an Tor und 
Waschbank, an Zaun und Baum 158 ). 
Erinnert sei an die Geißelung des Hel- 
lesponts auf Befehl des Xerxes 159 ). 

156 ) Oben 3, 471; Sartori 3, Reg. unter 
„Peitschenknallen". 157 ) Frazer 9. 109. m. 
115. 122. 131. 152. 156. 234. 158 ) Baumgarten 
Jahr 2i. 23. 159 ) Herod. 7, 35; ARw. 11, 145 ff. 

11. Andererseits verursachen Götter 
und Geister durch einen S. Tod und 
Krankheit 160 ). Ein S.anfall (s. Nach¬ 
trag) ist eine „Herrgottsohrfeige“ 161 ). 
Überhaupt wird durch den S. mancherlei 
Zauber vollzogen. Mit ihren Besen 

die Bäche s.end verursachen die Hexen 

* 

Sturm und Hagel 162 ). Wenn auf den 
kanarischen Inseln der Regen ausblieb, 
pflegten die Priesterinnen die See mit 
Ruten zu s.en angeblich um den Wasser¬ 
geist für seinen Geiz zu strafen 163 ). Um 
Wind zu bewirken, prügelte man in der 
alten französischen Marine die Schiffs¬ 
jungen 164 ). Bei Quiberon schlägt man 
zu gleichem Zweck mit einem Hammer 
in eines der Näpfchen eines Dolmen 165 ). 
Die Finnen machten Wind, indem sie 
mit einer Rute oder Peitsche auf die 
Erde schlugen 166 ). Ein Rutens. des 
Nickers teilt das Wasser 167 ). In der 
Odyssee 168 ) verzaubert Poseidon das 
Schiff der Phäaken durch einen S. mit 



IIII 


Schlag, schlagen 


1112 


der flachen Hand. So ist ja die Ver¬ 
wandlung in eine andere Gestalt ver¬ 
mittels eines S.es mit oder ohne Zauber¬ 
stab in den Sagen und Märchen der Völker 
häufig, und ebenso wird die zauberhafte 
Verwandlung durch einen S. wieder rück¬ 
gängig gemacht 169 ). Der zweite Zau¬ 
bers. hebt oft den ersten auf 170 ). 
Kann man einem Wolf mit einem Strumpf 
oder Stock über den Rücken s.en, so ver¬ 
renkt sich das Rückgrat und der Wolf 
kann nicht von der Stelle; schlägt man 
aber noch einmal, so renkt jener sich 
wieder ein 171 ). Ein dreimaliger S. mit 
dem Zauberstab an die linke Backe 
nimmt das Gedächtnis, an die rechte 
Backe stellt es wieder her 172 ). Wenn 
man von jemand, den man für einen 
Zauberer oder für eine Hexe hielt, einen 
S. auf die Schulter oder an den Kopf 
mit der linken Hand erhielt, so mußte 
man mit derselben Hand und auf die¬ 
selbe Stelle ihn zurückgeben, sonst starb 
man langsam dahin 173 ). Man hat das 
Recht, dem Teufel drei Schläge zu geben. 
Danach muß man immer wieder von 
vorn zu zählen anfangen. Anderwärts 
sagt man, daß es stets zwei oder eine 
ungerade Zahl von Schlägen sein müsse 174 ). 
Einen Gespensterhund schlägt einer im¬ 
mer: „eins, zwei, eins, zwei". Der Hund 
will noch einen mehr, aber der Mann 
sagt: „Mehr kommt dem Teufel nicht 
zu" 175 ). Ein Bauer schlägt einen Geist. 
„Da hast du einen!" sagt er bei jedem 
S.e. Hätte er die Schläge gezählt, so hätte 
es Macht über ihn gehabt 176 ). 

160 ) ARw. 2, 130 ff. So schon bei Homer 
II. 16, 791. 816. 849. Geister versetzen Ohrfeigen, 
s. Geisterohrfeige: Seifart Sagen a. Hildesheim 
2, 32; Haas Rügensche Sagen 38. 40. 123. Na¬ 
mentlich Irrlichter:Eisei Voigtland 163; Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 100; Haas 121; Groh- 
mann Sagen 208; Meier Schwaben 270 t.; 
Schell Bergische Sag. 167; Roch holz Natur - 
mythen 177; MschlesVk. H. 15, m. m) Wrede 
Rhein. Volksk. 71; ZfrwVk. 5, 131. M) Grimm 
Mythol. 2, 897; Sebillot Folk-Lore 2, 229, 
438- 163 ) Frazer 1, 301. Indianer am 

Orinoko schlagen bei Dürre Frösche mit Ruten: 
ebd. 1, 292. Auf Java schlagen sich, wenn man 
Regen haben will, zwei Männer einander mit 
Ruten, bis das Blut herunterfließt. Das fließende 
Blut stellt den Regen dar: ebd. 1, 257 f. *6 4 ) Se¬ 
billot Folk-Lore 1, 103. 165 ) Ebd. 1, 407. 

166 ) Rantasalo Ackerbau 1, 27. 29 (soll eine 


Nachahmung der vom Winde verursachten 
Luftströmung sein). Sonst begleiten Schläge 
auf die Erde oft eine Verfluchung: Heiler 
Das Gebet 103; Trede Heidentum 3, 230. 231; 
ARw. 22, 46; \\ eeks Dreißig Jahre am Kongo 
deutsch v. Zech 227. 228. *«) Kuhn u. Schwartz 
93 (104). 1 «) 13, 164. *») Laistner Sphinx 

1, 322 f.; Stroebe Nordische Volksmärchen 
1, 6 f., 2, 35 f.; Maurer Island. Volkssagen 161 ; 
Grohmann Sagen 223; Grimm Mythol. 2, 917t ■ 
Märchen Nr. 96 (,,De drei Vügelkens"); ZfVk. 
1, 427; Hess Bl. 28 (1929), 122 f. Dagegen 
wird eine gespenstische Katze größer, als sie 
einen heftigen Schlag erhält: Schell Berg. 
Sagen 26 (21). In Vigaun (Oberkrain) darf man 
eine Katze zwar schlagen, muß aber den 
Schlag nach rückwärts führen, sonst türmt 
sich die Katze zu ungeheurer Höhe auf: Ver¬ 
na leken Mythen 27 Anm. — Die Knochen 
eines geschlachteten Ochsen werden mit Ruten 
gepeitscht und das Tier dadurch wieder lebendig 
gemacht: Mannhardt Germ. Mythen 39; ARw. 
L 2Ö 5 (libysche Wüste). Jungmachende Prügel 
kommen öfters im Märchen vor: Panzer Beitr. 

9 i f.,‘ Mannhardt German. Mythen 117L 
17 °) Zur Erklärung: SAVk. 27, 213 ff. 1™) Lieb- 
recht Zwr Volkskunde 333 f. (wo mehr). 

* u> ^ Rw ' 2 ' I3 °- 1?3) ZfdM y th - L 240 f. (Mosel). 
Ähnlich: Alpenburg Tirol 258, vgl. 252. 314; 

Grohmann 200 (1408). 174 ) Strackerjan 

L 3 21 »' vgl. ZfVk. 3, 385. 175 ) Strackerjan 

1, 321, vgl. 322; Bartsch r, 186; Zaunert 

Westfäl. Sagen 262. Bartsch r, 185 f. 

12. Gegen feindliche Wesen, nament¬ 
lich Hexen, wird oft ein Fernzauber 
angewandt 177 ). Man kann einen Feind 
treffen, wenn man auf ein Kleidungsstück 
schlägt 178 ) und dabei seinen Namen 
nennt 179 ) oder an ihn denkt 180 ). Ein 
Mörder wird auf weite Entfernung durch 
Hammerschläge auf den Sargdeckel des 
Ermordeten zitiert 181 ). Ein Kutscher 
schlägt seine Pferde und veranlaßt da¬ 
durch, daß ein Dieb das Gestohlene zu¬ 
rückbringt; die Pferde fühlen gar 
nichts 182 ). Milch und Butter werden 
mit Ruten ges.en, wenn man glaubt, 
daß sie der Verhexung anheimgefallen 
sind. Oft erscheint dann die Hexe, weil 
sie sich getroffen fühlt 183 ). Auch wenn 
der bezauberte Mensch leicht ges.en wird, 
fühlt das der Schädiger und muß er¬ 
scheinen 184 ). Wenn man die Exkremente 
der behexten Kuh in einen Sack tut und 
diesen prügelt, so wird die Hexe zers.en 185 ). 
Man steckt einen auf dem Rücken des 
verhexten Viehes gefundenen Strohhalm 
in einen Sack und zerdrischt diesen, dann 


1 


1113 


Schlag, Schlaganfall—Schlange 


1114 


schreit die Hexe 186 ). Von der Hexe ge¬ 
liehenes Salz wird gepeitscht, und die 
Schläge treffen jene 187 ). Wenn ein Wagen 
nicht vorwärts will, so muß man in die 
Speichen s.n, das fühlt dann die zaubernde 
Person 188 ). Wenn man etwas von der 
Erde, auf die ein Dieb getreten hat, in 
einen Beutel füllt und täglich zweimal 
mit einem Stocke so lange darauf schlägt, 
bis Feuer kommt, so muß der Dieb die 
gestohlene Sache zurückbringen, wenn 
er nicht sterben will 189 ). Ist einer mit 
Ungeziefer behext, so wickle er drei Stück 
in ein Papier und schlage mit einem Ham¬ 
mer darauf. Die Hexe empfindet jeden S. 
und wird kommen, um etwas zu leihen 190 ). 
Auch wenn man Staub und Dreck aus den 
vier Ecken des Hauses oder Stalles in 
einen Sack tut und diesen mit Stecken 
schlägt, empfängt die Hexe alle Schlä¬ 
ge m ). 

177 ) Oben 2, 1343; 6, 961. 178 ) SAVk. 2,269 h; 
x8, 40; Manz Sargans 108f.; Reiser Allgäu 2, 

er Schwaben!, 245!. ;Landsteiner JVze- 
derösterreich 54 Anm.2; Schönwerth Oberpfalz 
3, 201 f.; ZfVk. 11, 15 f.; ZfrwVk. 14, 62; 
Henssen Neue Sagen a. Berg u. Mark, 
71; Kuhn Westfalen 2, 192 (543); Fehrle 
Zauber u. Segen 650.; Wuttke 270 (398); 
Frazer 1, 206 f. 179 ) Birlinger Volkst. 1,467; 
Seyfarth Sachsen 60 f. 18 °) Oldenberg Veda 
433.509. 181 ) Müllenhoff Sagen 201. 182 )Haas 
Rügensche Sagen 3 28. 183 ) Grimm Mythol. 

2, 897; Kühnau Sagen 3, 99b; John West¬ 

böhmen 204 h; Kunze Birkenbesen 22; ZfVk. 
xi, 9; Seligmann Blick 1, 285. 314. 315; 
Grohmann 139 (1016); Wuttke 445 (700. 
701). 446 (704). 448 (706). 184 ) Grohmann 

201; ZfdMyth. 3, 342 (Tirol). 185 ) Kühnau 
Sagen 3, 25; ZfdMyth. 1, 200; Strackerjan 
1, 96. 186 ) Grimm Mythol. 3, 456 (646: Pforz¬ 
heim). 187 ) Baader Sagen 93 (104). I88 ) Meyer 
Baden 558; Drechsler 2, 251. 189 ) Grimm 

Mythol. 3, 466 (876: Westfalen). l9 °) Ebd. 

3, 458 (692: im Ansbachischen). 191 ) Seyfarth 
Sachsen 61. 

13. Bei all diesen Zauberhandlungen 
wird oft vorgeschrieben, daß die dabei 
benutzte Rute von einer bestimmten 
Pflanze (Hasel, Dom, Weide usw.) oder 
an einem bestimmten Tage (Gründonners¬ 
tag, Karfreitag, Johannistag usw.) ge¬ 
schnitten sein muß 192 ). Andererseits 
wird auch oft das S.en mit Ruten von 
bestimmter Herkunft untersagt. Wen 
man mit einem Stecken vom Pimpernu߬ 
baum schlägt, der wild schwach 193 ). Mit 


einem geschälten Stocke schlage man we¬ 
der Vieh noch Menschen, denn was damit 
ges.en wird, muß verdorren 194 ). Über¬ 
haupt macht der S. mit einem Besen oder 
dürren Holze den Geschlagenen mager 
und dürr und läßt ihn vertrocknen 195 ). 
Wen man mit dem Aberrück vom Rocken 
schlägt, der kriegt ein Aberbein 196 ). Die 
Esten halten es für schädlich, mit einer 
Spindel ges.en oder berührt zu werden. 
Geschieht das einer Schwangeren, so be¬ 
kommt das Kind schielende Augen 197 ). 
Der Aargauer Volksglaube sagt: ein Kind, 
das man mit dem Zweig der Hasel züch¬ 
tigt, verkrüppelt 198 ), öfters wird auch 
untersagt, das Kind mit einer Weidengerte 
zu s.en, sonst wächst es nicht mehr oder 
bekommt die Zehrung 199 ). Das Vieh 
darf man nicht mit einer brennenden 
Rute s.en, sonst vergeht es bald darauf 200 ); 
auch nicht mit einer gedrehten Rute 201 ). 
Auf Island nicht mit einem Ebereschen¬ 
zweig 202 ). Es ist auch nicht gut, ein 
Tier mit einer Rute zu s.en, mit der man 


ein Kind gezüchtigt hat 203 ). 

192 ) S. namentlich oben 7 (Heilzauber) und 9 
(S. mit der Lebensrute). 103 ) Grohmann 101 
(703). l94 ) Grimm Mythol. 3, 448 (416). 

195 ) Drechsler 2, 236; Kuhn Westfalen 2, 189; 
John Westböhmen 109; Bartsch Mecklenburg 
2, 144 (644); Urquell 4, 159 (Wotjaken); 

Boeder Ehsten 129; Grohmann 112 (829); 
Kunze Birkenbesen 24. 42 f.; Frazer 9, 264 f.; 
oben 1, 1142. 196 ) Grimm Mythol. 3, 448 (434). 
l9? ) Boeder Ehsten 129. l98 ) Rochholz 

Kinderlied 522. l99 ) Wolf Beitr. 1, 208; Panzer 
Beitr. 1, 266 (56); Meyer Baden 51. 200 ) Groh¬ 
mann 138 (1004). 201 ) ARw. 2, 38. 202 ) ZfVk. 
22, 183. 203 ) Grimm Mythol. 3, 446 ( 377 ). 

14. Einzelnes: Wenn jemand einen 
andern sehr ges.en hat, so spucke er sich 
sogleich auf die flache Hand, daß diesem 
der S. nicht schade 204 ). Wen man Sil¬ 
vester um 12 Uhr tadelt oder schlägt, 
der bleibt davon das ganze Jahr ver¬ 
schont 205 ). 

204 ) Grohmann 227 (1617). 205 ) ZfVk. 

4, 317 (Ungarn). 

S. Kämpfe, Ohrfeige, Pfeffern, 
schmackostern. Sartori. 


Schlag, Schlaganfall s. Nachtrag. 
Schlammbeisser s. Wetterfisch. 


Schlange. 

1. Natur. 2. Dämonisches Tier. 3. Kult¬ 
reste. 4. Orakel und Vorbedeutung. 5. Zauber. 
6. Medizin. 7. Sage. 8. Darstellung. 


Schlange 


1116 


III5 

Es kann sich an diesem Orte nicht darum 
handeln, den vielgestaltigen und s. z. s. 
über die ganze Erde verbreiteten S.nglau- 
ben auch nur summarisch zusammen¬ 
fassend oder gar entwicklungsgeschichtlich 
darzustellen. Wir müssen uns hier auf den 
S.nglauben des deutschen Sprachgebiets 
beschränken, freilich mit Ausblicken auf 
die andern germanischen Völker und Bei¬ 
ziehung außergermanischer Parallelen. Im 
übrigen müssen wir auf die allgemeine 
Literatur verweisen x ). 

0 Vgl. auch die Literatur unter Kult A. 206. 
Zeitl. geordnet: Conr. Gesner Schlangenbuch 
(deutsch). Zürich 1589; H. Lutz(en) Ophio- 
graphia Physico-Chymico-Medica, Augsburg 
1670; J. B. Deane The worship of the serpent, 
London 1830; 2™1 edition: 1833; A. de Ches- 
nel Dictionnaire des superstitions. Paris 1856: 
s. v. couleuvre, serpent, vipere; A. de Guber- 
natis Die Tiere in der idg. Mythologie, Leipz. 
1874: S. 637 ff.; Pauly-Wissowa 1, 77 
(1894); 2. R. 2f 1, 494 ff. (1921); Feil¬ 

berg Drager, lindorme, slanger i jolkets tro, 
in: ,,Naturen og Mennesket“, 1894, 164—196 
(nicht eingesehen); C. F. Oldham The sun 
and the serpent, London 1905; E. Roh de 
Psyche 4 (1907) Register; Encyclopoedia of Re¬ 
ligion and Ethics (ERE), ed. by Hastings. 
Edinburgh 1908 sq. Vol. 13, 538 sq. (Index); 
besonders 1, 5250.; n, 399 0 .; O. Keller Die 
antike Tierwelt, Leipz. 1909, Register; E. Kü¬ 
ster Die S. in der griech. Kunst u. Religion, Gie¬ 
ßen 1913; M. O. Howey The encircled serpent, 
London o. J. (1925?); M. Wellmann Die 
O-jatxct des Bolos Demokritos (Abh. BerlAk. 
1928) S. 18 ff. 24; O. Stoll Suggestion u. Hy¬ 
pnotismus (Leipz. 1904) 214 f.; J. Th. Storaker 
Naturrigerne i den norske folketro. Oslo 1928 
{mit vergl. Lit.). 

1. Natur. Seit Urzeiten ist die S. 
wegen ihrer auffallenden körperlichen 
und psychischen Eigenschaften Gegen¬ 
stand abergläubischer Vorstellungen ge¬ 
wesen. Ihre Körperform, ihre rasche 
Fortbewegung ohne Gliedmaßen, ihr ver¬ 
giftender Biß und insbesondere ihre 
Faszinierungsgabe, die kleine Tiere nicht 
nur zu bannen, sondern sogar zu töten 
vermag, erklären das zur Genüge. 

Uber ihr Wesen haben sich infolge¬ 
dessen die abenteuerlichstenAnschauungen 
gebildet, die sich zum Teil schon im frühen 
Altertum finden. Von der Klugheit der 
S. und ihrer Fähigkeit zu reden, spricht 
bereits die Genesis (3,1), und noch im 
Neuen Testament rät Jesus seinen Jün¬ 


gern, klug zu sein, wie die S.n (Matth. 
10, 16). Diese Vorstellung ist ganz all¬ 
gemein und geht aus zahlreichen Be¬ 
legen der folgenden Kapitel hervor 2 ). 

Zunächst einige Anschauungen des 
Volks über das Wesen der S., ihre 
Namen u. Arten. In den meisten 
Gegenden des deutschen Sprachgebietes 
unterscheidet das Volk keine S.n-Arten; 
ja sogar die Blindschleiche (s. Bd. 1, 
1396) und der Aal (Bd. 1,1) werden viel¬ 
fach als S. betrachtet. Einzig im deut¬ 
schen Norden lassen sich Unterschei¬ 
dungen nach weisen. So bezeichnet man 
in Mecklenburg u. einzelnen Gegenden 
Niedersachsens (Stade) u. Schlesw.-Hol- 
steins, wo aber snaak auch Gattungsname, 
(Mensing Schlesw . Wb. 4, 610) mit 
Schnake (Snake) die Ringelnatter 
(Tropidonotus natrix), mit Adder (Aller, 
Arrer) die Kreuzotter (Pelias berus). 
In Oldenburg (Ammerland) unterscheidet 
man: die schwarzgraue Schnake (,,un¬ 
giftig“; wohl die Ringelnatter), die bunte 
Adder („giftig“), die Kreuzschlange 
(„tödlich“, die Kreuzotter). Auch Pom¬ 
mern kennt die Kreuzotter als giftig 3 ). 
Die Bezeichnung „S.“ läßt sich nicht 
näher lokalisieren, da sie die allgemeine 
ist und immer mehr an Boden gewinnt. 
Daneben Natter (Oberpfalz, Böhmen, 
Tirol [Nader], Österr. Schlesien, Schweiz 
[vereinzelt]), Otter (Sachsen, Schlesien 
[neben Adder], Lechrain, Franken, 
Württemberg, n.-ö. Böhmen, Ostschweiz 

[meist Otere]), Adder od. Atter (Meck¬ 
lenburg, Oldenburg, Bayern, Schlesien), 
Schnake, Snake (Niedersachsen, Meck¬ 
lenburg), Unke, Onke (Rheinland, Berg, 
Eifel, Westfalen, Unterfranken [= Ringel¬ 
natter] Westerwald, Thüringen); in älterer 
Zeit ausgedehnter: Wasserschlange 
(alte Zoologie = Ringelnatter), Wasser- 
natere (Schweiz: Aargau). 

Weiteres über S.n-Namen s. Grimm 
Myth. 2, 570 f. (Eigennamen sind an- 
ord. Ofnir u. Sväfnir; über Niöhoggr s. 
Sagen A. 777). 

Jede S. ist im allgemeinen für das Volk 
giftig und muß daher getötet werden. 
Ausnahmen bilden nur die Haus-S.n (s. 


1117 


Schlange 


1118 


Kult) und andere dämonische S.n, deren 
Tötung Unglück bringt oder geahndet 
wird. Mancherorts (z. B. Schweiz) glaubt 
man, daß die giftigen S.n den Menschen 
angreifen (mündl.). 

Auf reinem Aberglauben beruht die 
Vorstellung folgender S.n-Arten: 

a) Die geflügelte S. s. Drache (s. 
Bd. 2, 364), der oft mit der „Kron-S.“ 
(s. u. g) verwechselt wird 4 ). 

b) Der Has(s)elwurm (in Hannover 
auch Hatworm) 5 ). Über ihn gehen die 
Vorstellungen auseinander. Drachen- 

i artigen Charakter hat er in der schles. 
Lausitz: Katzenkopf, grün-gelb gefärbt; 
frißt Menschen auf 6 ); ähnlich Pommern 7 ): 
, feuersprühend, raubt Menschen und Vieh, 

: wirft sich heulend ins Meer 8 ) (vgl. Sees.). 
Nach der Tiroler Überlieferung hat er 
die Größe eines Wickelkindes und die 
Farben des Regenbogens 9 ). In Rollen- 
hagens „Froschmeuseler“ wird ein heim¬ 
tückischer Mensch mit einem Hasel¬ 
wurm verglichen: „der H. schlich daher, 
als wenns ein großer Meerahl wer“ 10 ). 

Mancherorts ist er identisch mit dem 
(weißen) S.nkönig, der Kronschlange (s. 
u. g) 11 ), oder mit der Blindschleiche 12 ). 

Nach einem alten Bericht ist der Hasel¬ 
wurm aus dem Ei eines männlichen 
Haselhuhns entstanden (vgl.A.46) 13 ). 

Er hält sich an der Wurzel eines Hasel- 
strauches auf, an dem eine Mistel 
wächst (s. u. A. 36. 147) 14 ) und nährt 
sich von Haselblättern 15 ). Er kann 
mit einer Haselrute getötet werden 
(s. u. Zauber A. 293. 378; Sage A. 673. 
707—7 11 ). Wie die Kron-S. besitzt er 
zahlreiche magische Eigenschaften: 
er macht reich, helisehend, unverwundbar, 
verleiht die Fähigkeit, sich unsichtbar zu 
machen, die Tier- und Pflanzensprache 
zu verstehen, durch verschlossene Türen 
zu gehen und schützt vor bösen Geistern 16 ) 
(s. u. Zauber A. 261. 286 ff.). Unzuver¬ 
lässig scheint, was Wlislocki, Volksglaube 
65 von der „Haselschlange“ sagt 17 ). 

c) Der Mur bl (wohl Metathese aus 
Wurtnl), eine sagenhafte S. im Wurm¬ 
bachtale (Tirol) von kurzer, dicker Form, 
„wie ein Wickelkind“ 18 ). 

d) Der Stollenwurm, eine kurze, 


dicke S. mit einem Katzenkopf (zuweilen 
Krone; s. o. Anm. 6. 11) u. raupenartigen 
Füßen 19 ). 

e) Der Berg-, Birgstutze, eine S. 
mit Füßen 20 ). 

f) Der Tatzelwurm, S. mit 4 Füßen 21 ). 
Von S.n mit Füßen wird überhaupt 
hie u. da berichtet; noch im April 1935 
(Nr. 16) bildet die „Berliner Illustr. 
Ztg.“ ein tatzel- oder stollenwurmartiges 
Tier ab, das in der Nähe von Meiringen 
photographiert worden sein soll [!] (s. a. 
National-Zeitung, Basel, 17. April, Morgen- 
bl. 22 )). Ursprünglich, vor ihrer Verfluchung, 
soll die S. Füße gehabt haben (s. A. 55) 23 ). 

g) Viel häufiger ist die Vorstellung ge¬ 
krönter S.n, über die zahlreiche Sagen 
berichten (s. Sage A. 627 ff.). Nach dem 
böhmischen Volksglauben wächst der 
Haus-S. (s. Kult) eine goldene Krone, 
nachdem sie 10 Jahre in dem Haus ge¬ 
weilt hat. Diese Krone entsteht aus 
Blumen, welche die S. während dieser 
10 Jahre frißt. Die Blumen verwandeln 
sich in dem Leibe der S. zu Gold. Jeden 
Morgen vor Sonnenaufgang kommt die 
S. hervor u. wartet so lange, bis die 
Sonne einen kleinen Fleck bescheint. 
Auf diesen Fleck legt die S. die ange¬ 
fangene Krone u. arbeitet so lange daran, 
bis die Sonne vollends aufgegangen ist. 
Sobald diese aber mit ihren Strahlen die 
ganze Erde beleuchtet, schlüpft sie wieder 
in ihr Loch, weü sie das Sonnenlicht nicht 
vertragen kann 24 ). Man hat versucht, 
die Krone natürlich zu erklären: als die 
chromgelbe Zeichnung auf dem Kopfe 
der männlichen Ringelnatter (bei der 
weiblichen weiß) 25 ). Bei der weit ver¬ 
breiteten Vorstellung gekrönter Tiere 
überhaupt ist das unnötig. Zu erwähnen 
ist jedoch, daß Zähne aus Kuh-, Käl¬ 
ber- oder Schweinekinnbacken im 
Volke oft als S.n-Kronen gelten und als 
glückbringend angesehen oder gegen Gift 
verwendet werden 26 ). Auch „Kronen“ 
aus vergoldetem Lehm werden ver¬ 
kauft 27 ). Seltener spricht man von 
zwei gebogenen Haken, welche eine 
elfenbeinerne Krone halten 28 ). Im 
Bergischen glaubt man, daß die Forellen 
vor dem Glanz der S.n-Krone er bl in- 



Schlange 


1119 


den 29 ). Manchmal ist die Krone auch 
diamanten 30 ), oder es wird von einem 
Karfunkel gesprochen, der als Auge des 
S.n-Königs angesehen wird 31 ). Dieser 
S.n-Stein ist nicht zu verwechseln mit 
dem unten erwähnten S.n-Stein (s. 

A. 80 ff.). 

Im Glauben der Samländer (Ost¬ 
preußen) hat der S.nkönig 12 Köpfe 
und auf jedem eine Krone 32 ). Von 
seiner Größe wird berichtet (vgl. A. 74) 33 ). 
Flintenkugeln prallen an ihm ab 34 ). 
Seine Farbe ist meist weiß (s. Orakel 
A. 231; Sage A. 730), aber auch schwarz 
und weiß gesprenkelt 35 ). Ihre Wohnung 
haben die Schlangenkönige unter Hasel- 
stauden (s. A. 14. 147) 36 ) oder unter 
einem großen Stein 37 ). Um sie sind 
ganze Scharen von S.n versammelt, mit 
denen sie Tagungen abhalten 38 ). Nach 
elsäß. Glauben können gekrönte S.n 
singen (s. A. 141) 39 ). 

h) Alt scheint die Vorstellung von 
Schieß-S.n (s. Sagen A. 740), die im¬ 
stande sind, weite Sprünge zu machen. 
„Jaculus haizt ain schozslang. diu 
fleugt, sam Isidorus [Etym. 1 . XII. C. 
IV, 29] spricht; von der spricht Lucanus 
[Pharsalia IX, 7x9]: die snellen schie- 
zerinne, wann si springent auf die paem 
[Bäume], und so in ain tier begegent, 
so werfent si sich auf ez also sneli als 
ain geschoz... und toetent daz tier“ 40 ). 
Auch sonst ist dieser Glaube im Alter¬ 
tum schon bezeugt 41 ). Nach Adelung 
(Wörterb. 4, 65) ist die Schieß-S. „eine 
Art ausländischer S.n, welche wie ein 
Pfeil auf ihren Raub zu schießen pflegt“. 

Das DWb. (9, 51) zitiert Campe, 
Stieler, Frisch. Vereinzelt auch in neuerer 
Zeit erwähnt 42 ), Springworm 43 ). Vgl. 
auch A. 65. 

i) Ähnlich die Reif-S. der Pennsyl¬ 
vania-Deutschen u. Schweden (hjulorm). 
Sie bildet einen Reif, indem sie in den 
Schwanz beißt. Auch sie kann springen. 
Was sie antrifft, tötet sie 44 ). 

k) Uber die sagenhafte See-S. s. d. 

Entstehung der S.: a) Aus dem 
Gründonnerstagsei einer schwarzen 
Henne 45 ) oder aus einem Hahnei 
(Frankr.) 46 ) (vgl. Basilisk Bd. 1, 935). 


b) aus Natterwurz (Echium vulg.) 
(s. Zauber A. 295. 392). Man mischt 

I das Kraut nebst der blauen Blüte mit 
vierblättrigem Klee und vergräbt beides. 
Nach 7 Wochen werden daraus grüne 
Würmer oder S.n, die jedoch noch nicht 
leben. Diese genommen, gedörrt, ge¬ 
pulvert u. in eine Ampel geworfen, machen, 

daß man überall S.n sieht (s. Zauber 
A. 272) 47 ). 

c) aus Weiden 48 ). 

d) aus Mist? Die bergische Sage läßt 
es im Unklaren, ob die S.n nur aus dem 
Mist kriechen, wo sie ihre Wohnstätte 
haben, oder ob sie darin entstanden 
sind 49 ); im englischen Aberglauben aus 
Schlamm 50 ). 

e) aus Pferde- oder Menschen¬ 
haaren (Frankreich) 51 ); in einem ver- 
verkorkten Fläschchen mit Wasser 
(Basel, mündl. ca. 1880). 

f) aus dem Rückenmark des Men¬ 
schen: „man spricht auch, daz auz des 
menschen mark slangen werden und 
allermaist aus des ruks dorn“ 52 ). Der 
Aberglaube ist schon antik 53 ). 

Urgestalt. Bis die S. von Gott ver¬ 
flucht wurde, konnte sie sprechen und 
ging aufrecht auf dem Schwänze; dann 
mußte sie auf dem Bauche kriechen (vgl. 
1. Mose 3, 14) 54 ). Nach anderer Über¬ 
lieferung hatte sie Beine, deren Stümpfe 
jetzt noch unter der Haut sichtbar seien 
(s. A. 23) 55 ). 

Begattung u. Gebären. Im Mittel- 
alter wurde geglaubt, daß das Weibchen 
durch das Maul befruchtet werde und 
bei der Begattung dem Männchen den 
Kopf abbeiße 56 ), und daß die Jungen 
den Leib der Mutter gewaltsam durch¬ 
brechen 57 ). Beides findet sich schon 
im Altertum. 

Nach älterem Aberglauben begatten 
sich die S.n mit den Aalen (s. Bd. 1, 1) 58 ) 
und Muränen 59 ). Überhaupt werden 
Aal und S. zuweilen verwechselt 60 ). Die 
Begattung mit Enten ist aus dem 
mecklenburgischen 61 ), mit einer Henne 
aus dem französischen Aberglauben be¬ 
zeugt 62 ). 

Im Norden glaubt man, daß sich die 
S. zum Gebären an einen Baum hänge 


1121 


Schlange 


1122 


und die Jungen fallen lasse, da sie sonst 
von diesen totgebissen werde 63 ). 

Unklar ist der Vers in Ben Jonsons 
Prolog zu „The Devil is an Aß“: 

Or, tül we speak, must all run in, to one, 
Like the young adders to the old one's mouth 64 ). 

Eigenschaften (s. a. Zauber). Über 
die Klugheit der S.n s. Natur A. 2: 
„Die rothen und Schuß-Attern sind sehr 
giftig, gehen durch Eisen wie eine 
Kugel und halten sich gern in den Filzen 
(Moor) auf“ (s. o. h) 65 ). 

Weiße S.n durchfahren den Men¬ 
schen wie ein Pfeil 66 ). 

Auftreten. Bis Mariä Geburt (8.Sept.) 
sind die Nattern sichtbar; dann ver¬ 
schwinden sie in ihren Löchern 67 ). 

In Ungarn gilt: S.en, die sich bis zum 
Laurentiustage (10. Aug.) nicht für den 
Winter verkriechen können, gehen zu¬ 
grunde 68 ). 

Alter und Tod. Eine alte Über¬ 
lieferung sagt, daß die S. unsterblich 
sei, weil sie sich durch Abstreifen der 
Haut immer wieder verjünge 69 ) (vgl. 
Zauber A. 288). 

Anderseits heißt es, daß keine S. älter 
* werde als 10 Jahre; dann fahre sie in 
die Hölle 70 ). Sie stirbt aber nicht, vor 
Sonnenuntergang 71 ). In Norwegen 
jedoch wird geglaubt, daß eine S., die 
mit einem scharfen Instrument (Beil, 
Sense) getötet worden, nach Sonnen¬ 
untergang wieder lebend werde 72 ). 

Nach Agrippa von Nettesheim (2, 18) 
stirbt sie, wenn einmal durchstochen; 
zweimal durchstochen genist sie wieder. 
„Ambrosius spricht, daz ains nüchtam 
menschen spaichel die slangen ertoet“ 73 ) 
(s. Zauber A. 408; Medizin A. 597). 

Manchen nordischen Aberglauben über 
das Töten der S. und seine Folgen s. bei 
Storaker Natur 232 f. 230 f.; über die 
findige Weise, mit der sich die S. an 
dem zu rächen versteht, der sie ange¬ 
griffen vgl. A. 167; Sagen A. 747. 

Körperliches. Über besonders große 
S.n berichten zahlreiche Sagen schon im 
Altertum (vgl. A. 33) 74 ). Die S.n be¬ 
sitzen nur 3 Zähne, deren Biß aber 
unheilbar ist 75 ). 

Es soll S.n geben, die auf der Seite 

Bäcbtol d-Stäubli, Aberglaube Vll 


9 Augen haben. Der pommersche Volks¬ 
mund nennt sie „Edder“ und sagt: Wird 
jemand von einer solchen S. gebissen, 
so fallen ihm 9 Löcher (s. A.100 112) ein; 
jedes Jahr heilt ein Loch zu, und wenn 
das neunte heil ist, muß der Mensch 
sterben (Wusseken, Pommern) 76 ). Viel¬ 
leicht ist das eine Verwechslung mit dem 
Neunauge (Petromyzon). Nur antik 
(Aelian) scheint die Meinung, daß die S. 
ihr Herz in der Kehle habe 77 ). 

S.n mit Ringzeichnung um den 
Hals 78 ) werden von keinem Hunde 
angegriffen 79 ). 

Alt und weitverbreitet ist die Vor¬ 
stellung von dem heil- und zauberkräftigen 
S.nstein, dessen Herkunft aber ganz 
verschieden gedacht wird (s. a. oben 
A. 30. 31) 80 ). Er ist entweder ein Edel¬ 
stein im Kopf der S. 81 ), oder er wird 
von der S. ausgespien 82 ), oder von 
vielen S.n zusammen (vgl. Sagen A. 681) 
gemacht und bei ihnen gefunden (auch 
„S.n-Ei“) (A. 86; Zauber A. 303) 83 ). Zu¬ 
weilen ist der zauberkräftige Stein in 
der Krone 84 ). Ein anderer S.nstein, 
wohl ein pharmazeutisches Präparat, 
ist früher medizinal verwertet worden. 
Adelung definiert ihn in seinem Wörter¬ 
buch (4, 118): „ein kleiner schwarzer 
Stein mit einem schmutzig weißen Fleck 
auf beiden Seiten, von welchem man irrig 
glaubt, daß er in S.n gefunden werde 
und das Gift an sich ziehe“. Etwas anders 
die „Schatz-Kammer der Kaufmann¬ 
schaft“ (Leipzig, Heinsius, 1741, II, 1287): 
„ein platter, ganz runder Stein, 
der so breit ist als ein Liard in Frankreich, 
jedoch bisweilen auch oval, dick in der 
Mitten und am Rande dünne, zart und 
von Farbe schwarz. Viele Geschicht¬ 
schreiber merken an, daß dieser sich in 
dem Kopfe einer S.nart befinde . . . 
Im Deutschen heißt sie Br illens. 
Allein die heutigen Scribenten wollen 
lieber glauben, daß dieser Stein (ein) 
Gemenge sei von allerhand wider den 
Gift dienlichen Materien: Solches werde 
von den Indianern zubereitet, und 
daraus dergleichen Küchlein zugerichtet, 
wie wir zu sehen kriegen. Dem sei wie 
ihm wolle, der Stein ist in gar viel Ländern 

36 


1123 


Schlange 


1125 


Schlange 


1126 


hochgeachtet” (Folgt die Verwendung 85 )). 
Daneben galt der Serpentin (s. Zauber 
A. 260; Medizin A. 555 ff.) als S.nstein 
oder -ei (s. Anm. 83). Die Ähnlichkeit 
seiner Farbe mit der S.nhaut mag zu 
dieser Vorstellung und auch zu dem 
Namen: Serpentin von lat. serpens, griech. 
Ophites (zu ophis „S.”) geführt haben 86 ). 
„Donnersteine” wurden zuweilen „S.n- 
steine” genannt 87 ). Auch andere Amu¬ 
lette und Talismane aus Stein, Glas, 
Fossilien usw. werden als S.nsteine, 
-äugen oder -eier bezeichnet 88 ). In Eng¬ 
land sind „adderstones” Steine, die durch 
„Natterstich” ausgehöhlt sind; sie sind 
zauberkräftig 89 ). Über den Edelstein, 
den die S. als Dank spendet, s. u. Sagen 
A. 638—640. 

Sehr verbreitet ist die Meinung, daß 
die S. steche, und zwar mit der Zunge 
(s. A. 137) 90 ). „Noch immer glauben 
Leute, daß die giftigen S.n mit der Zunge 
stechen”, sagt J. P. Hebel 91 ). In Mecklen¬ 
burg wird der ,,Stich” der Kreuzotter 
(Adder) mit ihrem „Angel” für tödlich 
angesehen; auch die Ringelnatter (Snak) 
vermag zu stechen, aber nur in die Ferse 
(vgl. 1. Mose 3, 15). Dieser „Stich” ist un¬ 
gefährlich 92 ). Auch andere Länder kennen 
diese Meinung 93 ). In Norwegen wird die 
Zunge „ormenäl” (S.nnadel) oder „eiter¬ 
pinne” (Giftspitze), der S.nbiß „ormestyng” 
(S.enstich) genannt 94 ). Das Gift kommt 
durch einen Kanal im Rücken („eiter- 
pipa”). Auch in England 95 ) kommt der 
Glaube an die Giftigkeit der Zunge vor. 
Diese volkstümliche Vorstellung hat wohl 
auch deutsche Bibelübersetzer veranlaßt, 
von der stechenden S. zu sprechen (1. Mose 
3, 15; Prediger 10, 8 [Vulgata: „morde- 
bit”]; Jesus Sirach 21, 2), obschon die 
Verba im hebr. Grundtext anders lauten. 
Vgl. über den S.n„stich” auch die S.n- 
segen. Von dem Stechen mit dem 
Schwänze spricht eine mittelalterliche 
Erzählung 96 ). ; 

Gift und Biß. Mancherorts wird 
jede S., auch die Natter, als giftig (s. u. 
A. 107) angesehen 97 ), sogar die Blind¬ 
schleiche (s. 1, 1396). Das Gift ist bei 
heißem Wetter und bei Tage schärfer, 
als bei kühlem und bei Nacht 98 ). Die S.n 


1124 

ziehen nach steiermärkischem Glauben 
ihr Gift aus der Sonne "), nach schles- 
wigischem aus der Erde und spritzen es 
mit ihrer Zunge dem Menschen in die 
Haut, daher zeigen sich nach dem „Stich” 
zwei Löcher 100 ) (vgl. A. 76,112),oder haben 
es nur zu bestimmten Zeiten (vor 
Mariä Verkünd. 25. März) 101 ). 

Von dem Hauch der Gifts, allein 
bilden sich auf der Rinde einer vorge¬ 
haltenen Gerte Blasen, und ein Schwert 
wird durch die Berührung mit der Zunge 
zerfressen 102 ). Der Glaube, daß die 
großen S.n ihr Gift in der Lebert 
die kleinen im Eingeweide haben, schein, 
antik 103 ). Über die giftige Zunge s. o. 
A. 90. Zuweilen herrscht die Meinung, 
daß das Gift der S.n von giftigen 
Kräutern stamme, die sie verzehren 104 ). 
Deshalb glaubt man auch, daß die Hauss. 
(s. Kult) alles Gift im Hause an sich 
ziehe 105 ). Nach Caesarius soll eine S. 
das Gift aus einer Wunde gesogen 
haben 106 ). Über die Giftigkeit der ver¬ 
schiedenen S.n herrschen zuweilen un¬ 
richtige Ansichten: 

Stickt di 'n Adder (Kreuzotter), 
steist noch mal Vatter (!); 
stickt di’u Snaak (Ringelnatter), 
kriggs 'n witt Laak (Leichentuch) (!); 
stickt di 'n Sünndrang (Blindschleiche), 
gaht de Klocken klingklang. 

(ebd. Variante) 

Bitt di 'n Snaak (Ringelnatter) 

is ken Raad (Hilfe) (!) 

bitt di 'n Aller (Kreuzotter) 

steist noch mal Valler (Vater) 

stickt di 'n Sünndrang (Blindschleiche) 

gaht de Klocken Klingklang «»). 

Schon mittelalterlich ist der Glaube, 
daß die S. vor dem Bade ihr Gift auf 
einen Stein ausspeie, manchmal mit 
der Beifügung, daß sie sich den Kopf 
an dem Stein zerschlage, wenn sie das 
Gift nicht mehr finden könne 108 ). In 
Böhmen gilt der Glaube, daß sich die S. 
am Stephanstage (26. Dez.) bade und 
ihr Gift ins Wasser spritze 109 ). Wird 
die S. vom „Donner“ getroffen, so ver¬ 
liert sie ihr Gift no ). Ist der Mensch 
gebissen, so steigt das Gift empor; 
damit das nicht geschehe, hänge man 
ihn an den Füßen auf 111 ). Es gibt eine 
Sorte S.n, die immer 9 Löcher beißen 


V 

• * 


\ müssen (vgl. A. 76. 100) 112 ). Wer von 
* der „Dursts.” (situla) gebissen wird, 
verfällt in eine feurige Hitze und ver¬ 
brennt in sich selbst U3 ). Diese Meinung 
ist wohl auf die Antike beschränkt, wie 
eine ganze Reihe von andern, die Megen- 
berg erwähnt 114 ). Lebend dagegen ist 
der Glaube, daß S.n, die auf einer Wiese 
getötet wurden, das Gras so vergif¬ 
teten, daß im nächsten Sommer alle 
Kühe starben, die davon fraßen 115 ). 
Pflanzen sterben ab (Frankr.) 116 ). Ge¬ 
bissene Menschen können das Gift sogar 
durch ihren Atem auf andere übertragen 
(ebd.) 117 ). Bei den Pennsylvaniadeutschen 
heißt es, daß die Horns, am Schwanz 
ein Horn habe. Was immer sie damit 
sticht, stirbt ab, und wäre es ein Baum 118 ). 

Wiederum aus der Antike schöpft 
Megenberg den Glauben, daß die „Natter“ 

. mit ihrem Gift das Wasser verderbe 119 ), 
und daß die S., die einen Menschen mit 
ihrem Biß getötet habe, selbst sterben 
müsse 12 °). Wenn die S. gebissen hat, 
muß sie in's Wasser schlüpfen, sonst 
Stirbt sie, die Erde nimmt sie nicht mehr 
auf 121 ); nach älterem Glauben kann sie 
nur noch auf faulen Bäumen wohnen 122 ). 
Vereinzelt steht die Überlieferung von 
Schmerikon (Kt. St. Gallen), daß die 
giftige Zunge der Ringelnatter (Tropi- 
donotus natrix), einer Verleumderin in 
das Getränk geworfen, deren Zunge so 
auf sch wellen lasse, daß sie nicht mehr 
sprechen und essen könne (s. a. Zauber 

A. 357 ) 123 )- 

Wohl aus dem Norden kommt der 
Glaube, daß die S. nicht durch Wolle 
beißen könne; daher schützen wollene 
Strümpfe vor S.nbiß 124 ). In Schweden 
gilt der für immun gegen S.nbiß, der 
einmal von einem Hund gebissen worden 
ist, aber nicht umgekehrt; auch Donners¬ 
tags-, Sonntags-, Weihnachts¬ 
und -Stiefkinder sind sicher vor S.n¬ 
biß 125 ). Uber die Scheu der S. vor 
nackten Menschen s. u. Zauber A. 422, 
über das Unschädlichmachen des Bisses 
dadurch, daß man vor der S. fließendes 
Wasser erreicht: ebenda A. 421 und 
Sage A. 658. Megenberg (284) berichtet 
von der „Tirus”-S., daß sie, neben Chri¬ 


stus am Kreuz hängend, dessen Blut 
getrunken habe; seither sei ihr Fleisch 
heilsam gegen jedes Gift (s. Theriak, 
Medizin A. 433), nur nicht gegen das der 
S. selbst. Andere Mittel gegen S.en- 
biß s. u. Zauber A. 409 ff.; Volks¬ 
medizin A. 570 ff. 

Verbreitet und alt 126 ) ist die Meinung, 
daß die S. Milch trinke, Kühen und sogar 
Frauen Milch aussauge (s. u. A. 155, 
Kult A. 207. 212 u. Sagen A. 617 ff. 712. 
769). Grundsätzliches über das Milch¬ 
trinken der S.n überhaupt und das 
Saugen im besonderen s. Olbrich in den 
MschlesVk. Heft n (1904), 67 ff. 127 ). 
Beides ist naturwissenschaftlich abzu¬ 
lehnen. Literatur s. ferner u. Sage A. 617. 
712, wo auch über schlangensäugende 
Frauen. Hieher vielleicht der Aber¬ 
glaube, daß die Ottern demjenigen nach¬ 
ziehen, der mit einem Butterbrot in 
den Wald geht 128 ). 

Nur antik ist der Glaube, daß die S. 
den Wein liebe 129 ). 

Die Ansicht, daß sich die S. von Staub 
oder Erde nähre (nur mündlich bezeugt) 
ist biblischen Ursprungs (Gen. 3, 14; 
Micha 7, 17; Jes. 65, 25). 

Daß der S.n blick faszinierend wirkt, 
ist eine längst bekannte Tatsache (vgl. 
Auge Bd. 1, 684; Basilisk i, 936) 130 ), 
er kann sogar töten 131 ). Anderseits 
herrscht die Meinung, daß die S. sehr 
schwache Augen habe 132 ) und zur 
Kräftigung Fenchel esse 133 ). 

Von dem Kopf sagt Megenberg, daß 
die S. ihn berge, indem sie den ganzen 
Leib darum winde und so den Feind 
angreife (!). Wenn sie nämlich den Kopf 
beschirme, so bleibe sie lebendig, wenn 
auch der übrige Teil des Körpers zugrunde 
gehe 134 ). 

Bei der Beschwörung stecke sie ein 
Ohr in die Erde und bedecke das andere 
mit dem Schwanz, um den Zauberspruch 
nicht zu hören (nach Psalm 58, 5) 135 ). 

Auch der Glaube, daß die S. taub sei, 
scheint vorzukommen 136 ). 

Die S.nzunge gilt als giftig (s. o. A. 90. 
123) 137) Zähne fossiler Haifische und 
andere fossile Gebilde werden als S.n- 
zungen bezeichnet (s. Bd. 2, 1716 ff.; 

36* 



1127 Schlange II28 


3, 877 ff.) 138 ). Im römischen Altertum 
galt die Zunge als dreispaltig 139 ). 

Sobald die S. in Gefahr ist, pfeift sie; 
dann kommen ihr andere S.n zu Hilfe 140 ) 
(s. u. Sage A. 651 ff.). Auch sonst ist das 
Pfeifen oder sogar Singen bezeugt (s. 
A. 39; Zauber A. 298) 141 ). Gegen Schlag 
schützt sie sich mit ihrem Schwanz 142 ). 

Daß sie Quellen bewacht, ist eine 
alte Vorstellung 143 ). 

Ebenso das Verhältnis der S. zu ge¬ 
wissen Bäumen. Besonders scheut sie 
die durch Eschenlaub (s. a. A. 151) oder 
Esche (s. Bd. 2, 999) 144 ). Man kann 
sie mit einem Eschenzweig bannen oder 
töten (s. u. Zauber A. 384). Man bringt 
damit auch die nordische Sage von der S. 
NiÖhoggr zusammen, die die Wurzel der 
Esche Yggdrasil benagt (s.Sage A.777) 145 ). 
Der Saft der Esche ist gut gegen S.nbiß 
(s. u. Zauber A. 386, Volksmedizin A. 588 a). 
In Devonshire bannt man mit dem Zweig 
der Esche die S.n und nimmt ihnen ihr 
Gift 146 ) (s. a. u. Zauber A. 387). 

Auch zur Hasel sind Beziehungen da. 
Einerseits vertraute, indem die S. gern 
an der Wurzel dieses Strauchs weilt 
(s. o. A. 14. 36) 147 ); anderseits feindliche, 
indem die S. mit einer Haselrute getötet 
werden kann (s. u. Zauber A. 293. 378 ff.; 
Sagen A. 680. 707. 708). 

Über die Birken (s. Zauber A. 388) 
gehen die Meinungen auseinander: ent¬ 
weder nisten die S.n gern unter Birken 148 ), 
oder man vermag sie mit einem Birken¬ 
zweig zu töten 149 ). Zu der Eiche lassen 
sich im späteren Abendland keine Be¬ 
ziehungen mehr finden 150 ). Nicht ganz 
klar ist, was Plinius von den Brombeer¬ 
stauden sagt (24, 73): „adversantur ser- 
pentium sceleratissimis: haemorrhoidi 
(Blutschlänge) et presteri („Durstschlan¬ 
ge“)“ (s. o. A. 113). Von dem Kraut „Ser¬ 
pentine“ (Allermann sh ami sch ?) wird 
im Kt. Wallis (Schweiz) dasselbe gesagt, 
wie vom Eschenlaub (s. 144: Plinius; 
Panzer), daß die S. eher in's Feuer 
gehe, als über dieses Kraut krieche 151 ). 

Häufig herrscht die Vorstellung, daß 
S.n, meist durch den Mund, in den 
Leib des Menschen kriechen oder 
hineingezaubert werden können (s. Me¬ 


dizin, Schluß; Sagen A. 762. 763) 152 ), 
oder auch, daß S.neier unvermerkt im 
Moorwasser getrunken werden und dann 
im Leibe ausschlüpfen 153 ). Über das 
Gebären von S.n s. Orakel A. 246. 
Da, wo es sich um Frauen handelt, werden 
in den meisten Fällen Wollustträume 
die Ursache zu diesem Glauben bilden 154 ) 
(s. u. Sagen 762. 763; phallisch: s. Däm. 
A. 200). Dr. med. J. Reichborn-Kjen- 

nerud: Oy men i nordisk folkemedisin 
(Norges Apotekerforenings Tidsskrift 
1924; S.-A. S. 7) teilt jedoch mit, daß 
1921 in dem Leib eines Mädchens durch 
Röntgenbestrahlung im Reichsspital zu 
Oslo eine Viper festgestellt wurde, die 
während des Schlafs durch den Mund 
in den Magen geschlüpft war. Wieder 
herausgelockt wird die S. durch Milch 
(s. o. A. 127 und Sagen Anfang; ferner 
hier Bd. 6, 322 Anm. 339) 15ä ). Ein 
anderes Mittel ist Stickwurz (Bryonia 
dioica) 156 ); in Rezeptbüchem wird noch 
eine Reihe weiterer Mittel genannt 157 ). 
In einem Falle kriecht die S. wieder aus 
dem Mund, als sich das Mädchen an die 
gleiche Stelle im Walde legt, wo die S. 
hineingekrochen 158 ). 

Verhältnis zu andern Tieren. 
Ihr Todfeind ist das Wiesel (s. Zauber 
A. 390) 159 ), ein Glaube, der sich aus dem 
Altertum vereinzelt bis in die neuere Zeit 
gerettet hat; ebenso das Schwein 160 ), 
in Frankreich die Kröte und die Gril¬ 
le 161 ), in der Antike der Ichneumon 162 ) 
und der Ibis 163 ). Über ihre Feindschaft 
mit dem Adler s. d. Bd. 1, 181 Anm. 106 
und Küster Schlange 127 ff.; Anhorn 
Magiol . 928 (auch Storch); über Niö- 
höggr und Adler s. Grimm Myth. 2, 664L 
Bei den Juden (Agada) gilt der Hirsch 
als Feind (s. Zauber A. 397; Medizin 
A. 439. 588) 164 ). Nach Plinius verbrennt 
der Hauch des Hirsches die S. 165 ). Natur¬ 
geschichtlich berechtigt ist vielleicht der 
Glaube, daß, wo Eidechsen sind, sich 
auch S.n befinden (vgl. überdies: Sagen 
A. 761) 166 ). 

Vereinzelter naturwissenschaft¬ 
licher Glaube. Verletzt man eine S., 
ohne sie töten zu können, so rächt sie 
sich nach 3, 7, 10 oder 15 Jahren (Nor¬ 


1129 


Schlange 


1130 


wegen) (vgl. hinter A. 73; Sagen A. 
747) 167 ). Wenn man S.neier ins Feuer 
wirft, wird die Mutter durch den Geruch 
angezogen 168 ). Wohlgerüche vermeidet 
sie 169 ); ebenso Tabakrauch (Buko¬ 
wina) 170 ). Der Glaube, daß den S.n Augen 
und Schwanz wieder nachwachsen, ist ' 
antik 171 ). Im Tirol glaubt man, daß die 
schlangenförmigen Linien auf dem Kirsch¬ 
baumlaub von kleinen S.n herrühre, die 
auf die Kirschbäume herunterregnen 172 ). 
Wirft man eine Ringelnatter in einen 
Ameisenhaufen, so schreit sie, daß man 
taub wird 173 ). Nach schleswig-holstei¬ 
nischem Glauben dagegen wohnt die S.n- 
königin in einem Ameisenhaufen und wird 
von den Ameisen beschützt und genährt 174 ). 

2 ) S. a. Riegler Tier 203; Hopf Tierorakel 
182 ff.; Dähnhardt Nat. Sagen 1, 92. Über 
die 5 Weisheiten der S. bei Hugo von Lan¬ 
genstein Martina 15, 84 ff.; s. Köhler Kl. 
Sehr. 2, 133. 136. 3 ) Bartsch Meckl. 2, 484; 

ZfdMyth. 2, 294 Anm.; Strackerjan 2, 172; 
ZfVk. 9, 212; Mensing Schlesw.-Wb. 1, 44; 4, 
524; Shakespeare braucht snake, serpent, adder, 
worm unterschiedslos: Phipson Animal-Lore 
of Shakespeare’s time 372. 4 ) Grimm Myth. 

2, 573 ff.; vgl. Len z Zoologie 433 (n. Herodot); 
Seligmann Blick 1,218; S ebillot Folk-Lore 258 
(bekommen nach 7 Jahren Flügel); Abel Vor¬ 
weltliche Tiere 15. 21 ff.; Haupt Lausitz 1, 75; 
Sieber Sachs. Sg. 193 (Ottern kommen ge¬ 
flogen). 6 ) ZfdMyth. 2, 295. — Dänisch: Has¬ 
linger Grundtvig Gamle danske minder 2, 113; 
nach DWb. IV, 2, 534. 6 ) Haupt Lausitz 1, 75. 

7 ) Haas Greifswald 50 (Eilh. Lu bin Pomeraniae 
descriptio „magnos serpentes, quos Germani 
Haselwurme vocamus“). 8 ) Jahn Pommern 171. 

®) Zingerle Sagen 184. 10 ) DWb. IV, 2, 534. 

ll ) ZfVk. 11, 12; Sepp Sagen 615; ZfdMyth. 3, 

30 f. (Kärnten); Hauffen Gottschee 102; Lexer 
Kämt. Wb. 260 (fehlt bei Gräber Kärnten ); 
Alpenburg Tirol 218. 303. 12 ) ZfdMyth. 2, 295 
(Northeim, Hannover); Baumgarten Aus d. 
Heimat 1, 120; vgl. Bd. 1, 1396 (Blindschleiche). 
x3 ) ZfVk. 28, 49 (nach EntzeltDß re metallica 
1551, 244). l4 ) Hovorka-Kronfeld 1, 200; 

Wuttke §58; Anhorn Magiologia 930; ZfVk. 
11, 12; Alpenburg Tirol 378; Sepp Sagen 615; 
Mackensen Name u. Mythos 45 f. (Anlehnung 
an „Hasel“ sekundär); Folklore 32, 265. 15 ) 

Zingerle Sagen 185; Alpenburg Tirol 378; j 
Wuttke §58. 16 )Kronfeld ATWtfg 98; Wuttke j 
§58; Alpenburg Tirol 302 ff. 378; Zingerle 
Sagen 183 f. 17 ) ZfVk. 2, 210 (Rezension von 
Pischel). l8 ) Alpenburg Tirol 379- 19 ) Grimm 
Myth. 571; Panzer Beitr. i, 345 (nach Wyss 
Reise 422); Rochholz Sagen 2, 7; Naturmythen 
188; Fient Prättigau 241; Kohlrusch Sagenb. 
47ff.; Alpenburg Tirol 379; Vernaleken 
Alpens. 264; ausführlich, mit weiterer Lit.: 


SchwVk. 15 (1925), 19ff.; Laistner Sphinx 1,90. 
20 ) Panzer Beitr. 1, 345; Baumgarten Aus d. 
Heimat 1, 120; Andrian Altaussee 143. 21 ) 

ZdöAlpenV. 1887, 208 ff. 22 )Künzig Schwarz¬ 
wald 80; Kuoni St. Galler S. 191 f.; Fient 
Prättigau 241; Krauß Sitte u. Br. 511 (S. ver¬ 
birgt ihre Füße); Sebillot Folk-Lore 3, 259; 
Hovorka-Kronf. 1, 383. 23 ) Gorion Sagen 
d. Juden 1, 88; Sebillot Folk-Lore 3, 255. 259; 
24 ) Vernaleken Alpens. 258 t. 25 ) Lippert 
Christentum 496; Bay. Hefte 1, 119; Elsaßl. 14, 
34. 26 ) Adelung Wörterb. 4, 118; Schatzkammer 
der Kaufmannschaft (Leipzig, Heinsius, 1742) 
4, 127; Elsaßl. 14, 34. Außer der bei den Kron- 
schlangensagen (s. u. A. 627) verzeichneten 
Literatur vergl. noch über gekrönte S.en: 
Strackerjan 2, 172; Schell Bergische Sg. 498; 
Bartsch Meckl. 1, 273; 2, 485 (alle S.en be¬ 
kommen zuletzt eine Krone u. heißen dann 


S.en-König); Kühnau Sagen 2, 373; Drechs¬ 
ler 2, 183 (Ottern-Königin); MSchlesVk. 9 
(1902), 25; Vonbun Sagen 2 173 (a); Rochholz 
Nat. Mythen 159 (mit Schlüssel zu Schatz¬ 
truhen); Lenggenhager Sagen 49; Schra- 
mek Böhmerw. 245. 27 ) Andrian Altaussee 141. 
28 ) Kühnau Sagen 2, 362. Uber S.en-Hörner 
s. ZfVk. 15, 393 f. (Griechen); HansenZaMfe^- 
wahn 252 (Papst Johann XXII. Hansen verweist 
auf eine Arbeit über S.en-Hörner u. -Zungen in der 
Röm. Quartalschr. 12 (1898), 162 ff.); Megen- 
berg 266. 29 ) Schell Berg. Sg. 299. ö0 ) Stracker¬ 
jan 2, 172. 31 ) Grimm Myth. 3, 198; Stöber 
Eis. Sg. 1, 1; Sebillot Folk-Lore 1, 242; 2, 207. 
443 f.; SAVk. 25, 191 f. 32 ) Reusch Samland 2 
42. M ) Birlinger Volkst. 2, 102; Stracker¬ 
jan 2, 172. 34 ) ebd. 35 ) Eisei Voigtl. 151 Nr. 
412. 36 ) Leoprechting 98. 37 ) Sieber Sachs. 
Sg- 193 - 38 ) Meie he Sagen 397. 398 (an Johan¬ 
nis); Meier Schwaben 1, 255; Fogel Pennsyl¬ 
vania 249 Nr. 1292 (am Piustag); Lemke 
Ostpreußen, 96; Schulenburg Wend. Volkst. 
48; Grohmann 79; Sagen 218. 220; Rochholz 
Sagen 2, 7 (Schlangen-Ting bei den Lappen); 
Boeder Ehsten 85 (Marcustag 25. Apr.); 
Reichborn Ormen 29; Storaker Natur 239. 
39 ) Stöber Eis. Sagen 2,66 (s. a. A. 141). 40 ) 

Megenberg 273 t. 41 ) Pauly-Wissowa 2. R. 
2, 1, 522 axovTta;); Lenz Zool. 452. 462 (n. 
Plinius 8, 23, 35; Lucanus, Phars. lat. Jaculus). 
42 ) Reusch Samland 43 (Schieß-S.en, Leib¬ 
wächter des S.-en-Königs); Gredt Luxemb. 
Sg. 277 (tragen Kronen, springen auf Bäume 
durch die Luft, aus ihrem Rachen Feuerstrahl, 


Vögel fliegen hinein); Amersbach Lichtgeister 
25. Vgl. Riegler in WS. 8, 105 f. (frz. 
gicle). 43 ) Mensing Schlesw. Wb. 1, 45. 44 ) 

Fogel Pennsylv. 219; Folkminnen och Folk- 
tankar 6, 46; Ordbok över Svenska Spraket 
Bd. 11 (1931), H 1003. 45 ) Birlinger Volks - 

türnl. 1, 123. 46 ) Sebillot Folk-Lore 3, 269. 47 ) 
Alpenburg Tirol 398. 48 ) Wuttke 146 (Ost¬ 
preußen). 235 (im Segen). 49 ) Schell Berg. Sg. 
53. 50 ) Shakespeare Ant. u. Cleop. 2,7. Sl ) 

Sebillot Folkl. 3, 257. 52 ) Ovid Metam. XV, 
389; Plut. Cleom. 39; Aelian Hist. anim. 1,51; 



Schlange 


1132 


II3I 


Megenberg 261, 23 ff.; Vincentius Bellov. 
Spec. Nat. 1 . XX, c. IV. 53 ) Lenz Zoologie 453 
(n. Plinius 10, 56, 86); Pauly-Wissowa 1,77. 
£4 ) ZföVk. 4, 216; Dähnhardt Nat. Sag. 1, 
116. 207. 216 ff. 223; 2, 264. Sprechend ebd. 
1, 219 ff. 63 ) Mensing Schlesw. Wb. 4, 524. 
“) Arch. n. Spr. 55, 285; Physiologus in 
Fundgruben ed. Hoffmann i, 21. 28; Herod. 
3, 109; Aelian h. anim. 1, 24; Plinius NH. 10, 
169; Isidor Etym. 1 . XII, c. IV, 11; Hugo v. 
Trimberg Renner V. 10 1230.; Megenberg 
285; Sebillot Folkl. 3, 256!.; Reichborn- 
Kjennerud Ormen S. 41 Anm. 197 spricht 
nur von dem Tod der männlichen S. nach der 
Befruchtung; vgl. Bibi. trad. pop. esp. 1, 226. 
57 ) Herod. 3, 109; Aristoteles Hist. An. 

5, 34; Aelian h. anim. 1, 24; Pliniu s NH. 10, 
170; Isidor Etym. 1 . XII, c. IV, 10; Renner 
V. 10127; Physiologus, Hoffmann Fund¬ 
gruben 1, 21. 28; Megenberg 2 85; Sebillot 
Folk-Lore 3, 256 f. Noch heute in Hannover: 
Heckscher Hann. 1, 325; Plinius N.H. 32, 
14; Megenberg 266. 68 ) Für Frankreich (Men¬ 
ton) s. Sebillot Folk-Lore 3, 258. 59 ) ebd. (Ille- 
et-Vilaine). 60 ) Bakker Volksgeneeskunde 202. 
61 ) Bartsch Mechl. 2, 182. 62 ) S ebillot a. a. O. 
63 ) Reichborn-Kjennerud Ormen 41 Anm. 
197; Storaker Natur 226. 64 ) Phipson Ani- 
mal-Lore 314. ® 5 ) Leoprechting Lechrain 77. 
e6 ) Fient Prättigau 240. 67 ) Drechsler 2, 182; 
Grohmann 82. 68 ) ZfVk. 4, 405. 69 ) Frazer 

Old Testament 1, 50. 66 ff.; Hovorka-Kron- 
feld 1, 381; Höfler Organother. 144; Arch. f. 
neu. Spr. 55,283t. (Antike); Physiologus (Hoff- 
manns Fundgruben 1, 29); vgl. Abeghian 
Armenien 81. 70 ) Vernaleken Alpensagen 259. 
71 ) Strackerjan 2, 172; BIPomVk. 8, 93; 
Roch holz Naturmythen 196; Fogel Pennsyl¬ 
vania 220 Nr. 1111; ZföVk 4, 216 (Bukovina); 
Hempler Psychol. 99; Landstad Fra Tele - 
marken (Oslo) 1927,82; Storaker Natur 232; 
Notes & Queries 13. Ser. Bd. 1, 172. 218. 299. 
4 I 5 * 45b. 478; Bd. 2, 180. 72 ) Reichborn- 

Kjennerud Ormen 12. 73 ) Megenberg 261; 

Anhorn Magiol. 928; Lenz Zool . 468 (n. 
Aelian 2, 24). 74 ) Lenz Zool. 442. 450. 464. 465. 
472 . 473 - 75 ) Megenberg 285. 7 «) BIPomVk. 

8 > 6 7 - 93 * 77 ) Arch. neu. Spr. 55, 284; Megen¬ 
berg 260. 78 ) Storaker Natur 240. 79 ) Heyl 
Tirol 246. 80 ) Allgemeines: Howey Encircled 

Serpent 356 ff. 81 ) Grimm Myih. 2, 1020; 3,198; 
dazu Liebrecht Gervasius 172 (m. indischen 
Parallelen); Megenberg 262; Arch. neu. Spr. 
55 » 284; Hovorka-Kronfeld 1, 383; Luck | 
Alpensagen 43; Henne Volkssage 117 (n. Gerle 
Hist. Bildersaal 2, 123); Folklore 32, 265 ff. 
(Wales); Amersbach Lichtgeister 27; Wlislocki 
Magyaren 83; Grohmann Sagen 219. 222. 
82 ) SAVk. 26, 79 (jiddisch). 83 ) Meier Schwaben 
L 255; Grohmann Sagen 220 f. (auf dem 
Kopfe des S.enkönigs durch Geifer der übrigen 
S.en erzeugt. Genaue Beschreibung des Steins); 
Seligmann Heil- u. Schutz 223 f.; Amers¬ 
bach Lichtgeister 26 (S.enei, durch S.enknäuel 
gemacht); Reichborn-KjennerudOm^w 29 


(Norden, Großbritannien, keltischen Ursprungs; 
vgl. Plinius N.H. 29, 52: „S.enei"), zitiert 
in Anm. 200: Pannier Lapidaires franp.; Fra- 
zer 1, 15; Reichborn-Kjennerud, Bustein 
in Maal og Minne 1921, iff.; Storaker Natur 
i 239; Folklore 32, 262h.; Sebillot Folk-Lore 2, 
443L; Llano Roza Folkl. Astur. 133. Borneo: 
Hovorka-Kronfeld 1, 65. **) Häuften 

Gottschee 97 (mit weiterer Lit.). 85 ) s. a. Selig- 
mann Heil u. Schutz 226. 86 ) Seligmann 

Böser Blick 2, 28; Heil u. Schutz 224. 282; 
Seyfarth Sachsen 260 f. 87 ) Heinsius Schatz¬ 
kammer d. Kaufmannschaft 1, 902. 88 ) Selig- 
mann Heil u. Schutz 223 ff. zählt davon eine 
ganze Reihe aus verschiedenen Weltteilen auf; 
Lit. 287, Anm. 27. Als S.enauge, -eier bezeich¬ 
net Adelung Wörterb. 4, 117 versteinerte Zähne 
des brasilianischen Seefisches le Grondeur oder 
anderer, auch Echiniten. Aubert et Bour- 
rilly Objets et rites talismaniques en Provence 
(Valence 1907) 11 erwähnen einen eiförmigen 
jad als „S.enei", der medizinal und magisch 
verwendet wird. 89 ) Grimm Myth. 1, 537. 

90 ) Hiob 20, 16: „Die Zunge der Natter wird 
ihn töten". Höfler Organotherapie 145; vgl. 
Megenberg 275; MSchlesVk. H. 5 (1898), 44; 
Bartsch Meckl. 2, 452; Storaker Natur 226. 

91 ) Werke 1834 Bd. 8,96. 92 ) Bartsch Meckl. 

2, 484 h 93 ) Phipson Animal Lore 315 (mit 
älterer Lit.); Black FMed. 51 Note fl Sebillot 

3, 272. 94 ) Reichborn-Kjennerud 10; 

Aasen Norsk Ordbog 558. 95 ) Hazlitt Faiths 2, 
553 - ö6 ) Klapper Erzählungen 380 Z. 38. 

87 ) Reichborn-Kjennerud 10; Sebillot 3, 
273. 98 ) Megenberg 260. ") Germania 36, 

384 (Steierm.). 10 °) Mensing Schlesw. Wb. 4, 
524. l01 ) Reichborn-Kjennerud 26. l02 ) 

Megenberg 275. 303 ) ebd. 260. 104 ) Grimm 

Myth . 3, 198; Wuttke § 153; Wossidlo 
Meckl. 2, 348; Strackerjan 2, 172. 173; 
vgl. Grohmann 51. 81. 105 ) Baumgarten 

Aus d. Heimat 1, 117. 106 ) Wolf Beitr. 2, 444. 

107 ) Mensing Schlesw. Wb. 1, 45; 4, 611. Eine 
sinnwidrige Vermengung s. HmtK. 18, 126. 

108 ) Birlinger Volkstüml. 2, 102; Fient Prät¬ 

tigau 241; Rochholz Sagen 2, 6 (Var.: Sage 
von dem geraubten Gift und Tod der S.); R. 
führt S. 7 auch den Physiologus an (vgl. 
Hoffmann Fundgruben 1, 21. 29); Herzog 
Schweizer sagen 2, 82; Lau eher t Physiologus 15; 
Liebrecht Gervasius 65 (aus der Hist. Orient. 
des Jacobus de Vitriaco, nicht,, J. a Voragine", 
1,89); Megenberg 260 f.; Arch. neu. Spr. 55, 
284; Anhorn Magiologia 942. 109 ) Grohmann 
82. ll °) Heyl Tirol 797. 1U ) Megenberg 275. 
n2 ) Lemke Ostpreußen 95. 113 ) Megenberg 

281.267, der sich auf Jacobus (de Vitriaco)und 
Solinus beruft. Letzterer (27, 31) sagt nur 
kurz: „dipsas (gr. 0162;) siti interficit". Aelian 
(Hist. Anim. 6, 51): „Die von ihr Gebissenen 
bekommen einen brennenden Durst und ein 
heißes Verlangen zu trinken, und sie trinken 
ohne abzusetzen und zerplatzen ganz schnell 
(vgl. auch Galenus Theriac. ad Pison. c. 8. 
Tom. XIV, p. 234; Nicander Theriac. 3340.); 


U33 


Schlange 


1134 



Lenz Zool. 461 (Lucanus Pharsalia). 469 
(Aelian). u4 ) Emoroi (Haemorrhois) 272: Ge¬ 
bissener schwitzt Blut (nach Isidor; vgl.Solinus 
27, 32); Schelmschlange, Pester 276: Gebissener 
schwillt an, n. Jacobus u. Solinus (S. 27, 32 hat 
aber prester); Aspe (aspis) 262: Gebissener fällt 
in Todesschlaf (n. Lucan; vgl. Plinius NH. 29,4, 
18); Ipnapis 272: ebenso (n. Solinus ,,hyp- 
nale" 27, 31). 115 ) Strackerjan 2, 173. 116 ) Se¬ 
billot 3, 272. U7 ) Ebd. ll8 ) Fogel Pennsyl¬ 
vania 239. 119 ) Megenberg 275 (Lucanus, 

Isidor). I2 °) Ebd. 260 (Plinius). 121 ) Lemke 
Ostpreußen 1, 95; Dähnhardt Natursagen 4, 269 
(Ungarn). l22 ) Anhorn Magiol. 928. l23 ) Stoll 
Zauberglaube 77 f. 124 ) ZfVk. 9, 212; 11, 318; 
BlpomVk. 7, 164 (Pommern). In Dänemark: 
der „Bläseorm" Anm. S. 13 vermag sein Gift 
durch 7 Kirchenmauern zu blasen, nicht aber 
durch gestrickte Strümpfe; Kamp Danske 
Folkeminder 218; Feilberg Ordbog over Jyske 
Almuesmal 1, 95 (nach Skattegraveren 3, 16). 

125 ) Reichborn-Kjennerud Ormen 10 f. 

126 ) Schon Solinus sagt von der Boa (2, 33): 

„Captat primo greges bubulos et quae pluri- 
mo lacte rigua bos est, eius se uberibus innectit, 
suctuque continuo... extuberatur...Über¬ 
nommen von Megenberg 265. 127 ) Milch 

trinkend (s.a. Sagen A. 617); Bolte-Polfv- 
ka 2, 459 ff.; Hastings EHE. 11,410h; Ver¬ 
naleken Alpensagen 257; Hauffen Gottschee 
102; Kuhmelkend s. noch: Bartsch 2, 182; 
Alem. 25, 35; Hazlitt Faiths 2, 540a; Hein¬ 
sius Schatzkammer d. Kaufmannschaft 4, 126; 
MSchlesVk. H. 5 (1898), 42; Gesner Fischb. 
202; Bayr. Hefte 1, 120 A. 2; SAVk 13, 164; 
14, 230 (Cysat); Lütolf Sagen 324; Mensing 
Schlesw. Wb. 4, 525; Heckscher Germ. Kul¬ 
turkreis 94; Frauenmilch (s. a. Sage); 
Meyer Abergl. 81; BIPomVk. 8, 67; Grimm 
Myth. 3, 198 (Lukian); La Pie (Forli) 9, 244; 
Folklore Italiano 3, 442 f.; Biblioteca trad. 
esp. 1, 226. Im südl. Marokko glaubt man, 
daß die S.n oft in der Nacht zu den 
Frauen kommen, die ihre Kinder säugen, 
sich an die Brüste der Ammen legen und den 
Säuglingen das Ende ihres Schwanzes in den 
Mund stecken. Solche Kinder erkennt man 
später an bläulichen Lippen: Stern Türkei 1, 
433 128) Köhler Voigtl. 427. 129 ) Aristoteles 

An. Hist. 8, 4; Plinius 10, 198; 22, 106, nach 
ihm Megenberg 260; Lenz Zool. 435; 
Anhorn Magiol. 933. 13 °) Seligmann Blick 

1, 132. l31 ) Sebillot 3, 268. 132 ) Plinius N. H. 
8, 87 (hebetes oculos); Isidor Et. 1 . XII, 
C. IV, 44; Megenberg 261, 34 (nach Rabanus). 
333 ) Ebd. 262 (nach Alexander v. Tralles); 
Grimmelshausen Simplizissimus 2, 12. 

134 ) Buch d. Natur 261 (n. Isidor u. Plinius); 
Köhler Kl. Sehr. 2, 133. 136 (vgl. A. 142); 
Anhorn Magiol. 941. 135 ) Riegler Tier 197; 
Franz Benediktionen 2, 171 (n. Augustin); 
Megenberg 262 (n. Jacobus de Vitriaco); 
Anhorn Magiol. 930 f. 938. 942; Phipson 
Animal-Lore of Shakespeare's Time 334 (Quelle 
von 1602). In einem englischen S.en-Segen: 


Udal Dorsetshire Folk-Lore (Hertford 1922) 220. 
136 ) Riegler Tier 197; Phipson ebda. 137 )Schon 
biblisch: Hiob20,16; Ps. 140,4. 138 ) DWb.9, 475; 
Reichborn-Kjennerud Ormen 28 (auch prä¬ 
historische Pfeilspitzen). 139 ) Lenz Zool. 441 
(Virgil). 14 °) Strackerjan 2, 172; Hauffen 
Gottschee 97; ZföVk. 4, 216; Birlinger Volkst. 
1, 102. Weitere Lit. s. u. Sagen A. 651 ff. 672. 
141 ) Höhn Tod 308. 142 ) Physiologus 

| (Hoffmann’s Fundgruben 1, 29). Vgl. Me¬ 
genberg 261. 143 ) Küster 156; Rieh. Schrö¬ 
der Aberglaube 108; Sebillot 2, 206 f.; 

3, 298. 144 ) Plinius N.H. 16, 13: „Die Kraft 
der Esche ist so groß, daß die S. die Schatten 
derselben nicht berührt. Aus der Erfahrung 
bemerken wir, daß, wenn man mit Eschenlaub 
Feuer und eine S. (zusammen) in einem Kreis 
einschließt, die S. eher in das Feuer, als in das 
Eschenlaub entflieht". Darüber auch Lenz 
Zool. 455; Panzer Beitr. 1, 252 (n. „Arcani- 
täten... wider Zauberer..1715 S. 68, wo die 
Antipathie dadurch erklärt wird, „daß der 
Eschbaum unter dem Einfluß der Sonne u. des 
Jupiters stehet, die S. hingegen dem Saturne 
und Mercur unterworfen ist, deren Ausflusse 
(so!) von der Sonne Strahlen überwältigt 
werden"); Henne Volkssage 91; Meyer Myth. 
84; Wlislocki Sieb. Volksgl. 181; Notes and 
Queries (1859) 88; Zingerle Sitten 103 Nr. 
881; Cysat: Wo Geißen weident old (oder) 
Eschböum sind / alls der Schlangen vnd 
Wurmen Find, / Dieselben da nit blyben thuond 
(SAVk. 14, 203). 145 ) Panzer a. a. O. 351; 

Grimm Myth. 3, 237. 146 ) Henne am Rhyn 
Volkssage 91. 147 ) Leoprechting Lechrain 

77; Heyl Tirol. 247. In FL. 32, 268 A. 5 wird 
eine Quelle des 17. Jhs. erwähnt, nach der die 
S., welche auf einer Haselrute brütet, einen 
blauen Steinring macht, in dem sich das Bild 
einer gelben S. zeigt. l48 ) Cysat: „Die Würm 
(S.en) wonent gern under den Wurzen der Bir- 
chen, davon sy, die Birchen, vast den ganzen 
Winter das Loub behaltent; ist ein Gemerk- 
zeichen eines Wurmnestes darunter": SAVk. 
14, 203. 149 ) Schönwerth Oberpf. 3, 266. 

15 °) S.en sterben, wenn man Eichenblätter auf 
sie wirft. Geoponica XIII, 8, 5 (nach Bolos 
Democr.); XV, 1, 115; Delrio Disquis. (1679) 
25 (dort auch die Notiz, daß die Viper durch 
Schilf- od. Buchenruten starr gemacht 
werden könne). 151 ) SAVk. 14, 293. l52 ) Hier¬ 
über besonders: Jacoby in ObdZfVk. 6, 13 ff. 
(mit weiterer Literatur); Eesti Kirjandus 20, 
298 ff. (dto.); Reichborn-Kjennerud Or¬ 
men 5 (ebenso); Wuttke 153; BargheerFiw- 
geweide 418; Strackerjan 2, 172 f.; Groh¬ 
mann Abergl. 79 f.; Seligmann Blick 1, 203; 
And ree Votive 156 (eiserne Votiv-S. für Be¬ 
freiung von S. im Leib); SAVk. 21, 218 f. (Pul¬ 
ver gegen Schlänglein, das von Hexe in den 
Leib gezaubert. Dieses wird erbrochen und 
trotz Hemmungszauber verbrannt. Vgl. Se¬ 
billot Folk-Lore 3, 276. Nur Schlafenden 
durch den Mund in den Leib; S. macht die 
Menschen zu diesem Zweck schläfrig: Stora- 


“35 


Schlange 


1136 


ker Natur 227. Im J. 1867 wurde eine schwedi¬ 
sche Frau von einer S. befreit. Ebd. 153 )Strak- 
kerjan 2, 174; Hempler Psychol. 87. 154 ) F. 
Riklin Wünschetfüllung und Symbolik im 
Märchen. Leipz. u. Wien 1909; Hovorka- 
Kronfeld 2, 621; HessBIVk. 10, 129. 213; 
Stern Türkei i, 435 f. Nach Artemidor Onei- 
rocr. IV 67 wird eine Frau, die träumt, sie gehe 
mit einer Riesen-S. schwanger, einen großen 
Redner gebären. 155 ) Meier Schwaben 1, 205; 
Andrian Altaussee 137; SchwVk. 3, 73; 
Strackerjan 2, 174; BIPomVk. 8, 93; SAVk. 
18, 29; Andree Votive 156. Sebillot 3, 276. 

156 ) SAVk. 27, 88 (15. Jh., Graubünden). 

157 ) Alemannia 25, 35; 26, 2640.; Reichborn- 

Kjennerud 8f. (u. a. Dampf von neugebacke¬ 
nem Brot). l58 ) Eisei Voigtl. 152f. 159 ) Schon im 
Altertum: Pauly-Wiss. 2. Reihe 2, 1, 504; 
Lenz Zool. 438: Adler, Wiesel, Schwein; 
Panzer Beitrag 2, 370 (Aristoteles). 373; 

ferner Liebrecht Gervasius 113; Baumgarten 
Aus d. Heimat 1, 120. 16 °) Panzer Beitr. 2, 370 
(Aristoteles); s. a. Anm. 159, Schweine können 
S.en fressen: Lenz Zool. 455 (n. PI in. 11, 53 
115); Leoprechting Lechrain 11; Storaker 
Natur 227 A. 1. 161 ) Sebillot 3, 263 (in Lüttich 
dagegen Freundschaft mit ihr). 182 ) Panzer 
37 ° (nach Antigonus v. Karystos). 163 ) Well- 
mann Bolos Demokritus. Abh. Berl. Ak. 
1928 Nr. 7, 19. 164 ) Jahrb. f. jüd. Vk. 1, 

299. 165 ) Lenz Zool. 455 (Plin. 11, 53, 

115). 186 ) Lemke Ostpreußen 1, 95. 16? ) Lie¬ 
brecht Z. Volksk. 326. 168 ) Renward Cysat 
27. I69 ) Megenberg 261 (nach Ambrosius ?). 

l7 °) ZföVk. 4, 216. 171 ) Megenberg 260 (nach 
Aristoteles Anim. Hist. 2, 17 [508b 6 ff.]). 

172 ) Zingerle Sagen 372; Heyl Tirol 246. 

173 ) Mensing Schlesw. Wb. 4, 611; Henne 
Volkssage 107. 174 ) Men sing Schlesw. Wb. 4, 

524- 

2. Dämonisches Tier. Zu allen 
Zeiten und bei allen Völkern haben die 
besondem Eigenschaften der S. (ihr 
Kriechen, ihr Gift, ihr faszinierender 
Blick u. a.) Anlaß gegeben, in der S. ein 
dämonisches Wesen zu sehen (vgl. 4. Mose 
21, 4 ff.; Jes. 30, 6; 34, 15), das Gegen¬ 
stand der Furcht und Verehrung wurde. 
Es ist hier nicht der Ort, über die Ent¬ 
stehung und die Formen des S.ndämo- 
nismus, des S.nkults (s. u. Kult) und 
der S.nsymbolik überhaupt zu sprechen; 
die Literatur ist sehr reich 175 ). Wir haben 
hier nur die Frage aufzuwerfen: inwie¬ 
weit zeigt sich der Glaube an den dämo¬ 
nischen Charakter der S. im deutschen 
Aberglauben ? Und dafür finden sich 
Zeugnisse sozusagen in jedem der folgen¬ 
den Kapitel, wie auch die altnordische 
Sage schon personifizierte S.ndämo- 


nen kennt 176 ), ähnlich wie die alt¬ 
griechische 177 ). 

Vor allem gilt sie, vielfach in Er¬ 
innerung an die Paradiess. (1. Mose 3, 
14 ff.), als Prinzip des Bösen, insbe¬ 
sondere des Verführers 178 ). Diese S. 
wird in Darstellungen des Sündenfalls 
oft mit einem Frauenkopf abgebildet 
(s. Darstellung § 8), wobei die Frau als 
Verführerin gedacht ist 179 ). Durch die 
Begattung der S. mit Eva, wird ver¬ 
derbenbringendes Gift in die Menschheit 
gebracht 18 °). Nach der Oberpfälzer Über¬ 
lieferung wird der Antichrist von einer 
S. mit einer alten Jüdin erzeugt 181 ). 
Die S. ist das Tier des Teufels 182 ); sie 
ist vom Teufel besessen 183 ), ja, der Teufel 
selbst tritt in Gestalt einer S. (s. Sagen 
A. 752, vgl. 748. 749) auf 184 ). Hexen 
und andere bösdämonischen Wesen haben 
S.n als Attribut oder verwandeln sich 
in S.n (vgl. Sagen A. 682) 185 ). Auch der 
Alpdruck nimmt S.ngestalt an 186 ). Daher 
wohl die Meinung, daß dem die Sünden 
vergeben werden, der eine S. tötet 187 ). 
S.n bringen Verderben u. Tod (s. Sa¬ 
gen A. 757 ff.). Hierher vielleicht die 
Todesstrafe des Einnähens in einen 
Sack mit einer S. 187 a ). 

Anderseits aber ist die S.auch die tierische 
Verkörperung des Spiritus familiaris. 
Verstorbener oder der menschlichen 
Seele überhaupt 188 ); daher kann die 
Seele auch den Körper lebender Menschen 
in Gestalt einer S. zeitweise verlassen 189 ) 
(vgl. u. Kult A. 211—217). Sie ist das 
Symbol des Todes 190 ) und auch Wächter 
des Totenreichs 191 ). Daher wird sie 
zuweilen auf Gräbern abgebildet (s. 
Darstellung) 192 ). 

Spuren von Blitzsymbolik sind auf 
deutschem Sprachgebiet kaum vor¬ 
handen 193 ). Wuttke (§§ 29. 153) deutet 
allerdings die S., welche die weiße Frau 
in der wilden Jagd begleitet, als Blitz, 
wohl in Anlehnung an Schwartz; doch 
ohne weitere Stütze. Poetisch spricht 
man etwa von Blitzs.n oder vom Her¬ 
niederschlängeln des Blitzes. Auch mögen 
die schlangenförmigen Spuren an blitz¬ 
getroffenen Bäumen zu einer Verknüpfung 
der beiden Begriffe geführt haben 194 ). 


1137 


Schlange 


1138 


fV 

iV 


’-T 


Die Spuren des Regensymbols sind 
ebenfalls unsicher (vgl. Orakel A. 247 
bis 249 195 ); Zauber A. 282). Grandios 
hat Jerem. Gotthelf („Wassemot im 
Emmental“) den sich von den Höhen 
herunterstürzenden Fluß mit einer 
riesigen S. verglichen 196 ). Als Wasser¬ 
dämon ist sie im Altertum nachgewiesen 
(vgl. Sees.) 197 ), ebenso als Fruchtbar¬ 
ke itsprinzip (s. Kult A. 207; Orakel A. 


246; Zauber A. 271; Medizin A. 495. 508. 


549) 198 ). In Altpreußen baten die Frauen 
die verehrten S.n, sie möchten den 


Männern Kraft geben, damit sie von ihnen 
schwanger würden 199 ). Der phallische 
Charakter der S. (vgl. Natur A. 152—154; 
Sagen A. 762. 763) ist überhaupt alt und 
verbreitet 20 °), wie auch die geschlecht¬ 
lichen Beziehungen der S. zur Frau 201 ). 

Bis in die Neuzeit hat sich dagegen die 


alte Vorstellung von der Heilkraft der 
S. erhalten (s. u. Volksmedizin; Sagen 
A. 744) 202 ). Sie bringen aber auch sonst 
Glück (s. Kult A. 211; Zauber, Sagen), 
wer sie tötet, zieht Unglück an (s. Kult 
A. 212). Die Hungersnot von 1817 wird 
auf S.ntötung zurückgeführt 203 ). 

Im Prättigau (Kt. Graubünden) ist 
das Wort „Schlange“ Tabu; man be¬ 
zeichnet sie nur mit „Sch“ 204 ). 

Uber den zwiespältigen Charakter der 
S. (böser und guter Dämon) vgl. 
Jahrb. f. jüd. Vk. 1, 299 ff. und unter 
Kult. In Athen beschützt sie den Tempel 


der Athene 205 ). 


175 ) Hastings ERE. 11, 399—423» speziell 
4C>7 a ; Schräder Reallex. 1 31 (Ahnenkultus); 
Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 5oSff. (m. weit. Lit.); 
Küster Die S. 56 ff.; ARw. 12, 221 ff. (Grabes¬ 
spende u. Totenkult); W. Schwartz Die 
altgriech. S.engottheiten 2. Aufl. 1897; Ders. 
Heidentum 112; Henne Volkssage 112; Cle- 
men Reste 63 f.; Wissowa Religion 2 176 f. 
u. a.; Bachofen Gräbersymbolik 152; Germa¬ 
nen: Grimm Myth. 2, 570ff.; Hoops Reallex. 4, 
132; Hastings 11, 419. 176 ) Fäfnir, schatzhü¬ 
tend: Fäfnismpl. (Grimm Myth. 308. 573. 817); 
Ofnir u. Sväfnir, S.ennamen und Odins Bei¬ 
namen (ebd. 570); Midgardsormr, die welt¬ 
umfassende Meer-S. (Golther Germ. Myth. 
178). Im Suttungsmythus verwandelt sich 
Odin in eine S. (Meyer Myth. 152. 183); 
Hoops Reallex. 4, 132. Über die Verbindung 
der Götter in S.engestalt mit Frauen s. Küster 
152. 177 ) In Frankreich (Languedoc) wird die 

S. mit dem Decknamen longo bezeichnet. Sebil¬ 



lot 3, 268. 178 ) Küster 94; Hopf Tierorakel 
187 f.; ARw. 30, 331; Pauly-Wissowa 2. R. 2, 
1, 509; Hastings ERE. 11, 403 (Kanaan, 
Hebräer). 403a (Babylonien). 402b (Ägypten); 
Seligmann Blick 1, 128 (Dschinnen); RGG. 1 
5, 299 (ebenso); Hekate u. Isis: Elworthy 
Evil Eye 132. 3iiff.; Bugge Götter- u. Helden¬ 
sagen 480 ff.; MSchlesVk. H. 5 (1898), 44; 
Cleraen Reste 63 f. (m. weit.Lit.); Reichborn- 
Kjennerud Ormen 4. 179 ) Singer Schweizer¬ 

märchen 2, 56 (zitiert Schmerber Die S. des 
Paradieses, Straßburg 1905, und Abh. z. Germ. 
Phil., Festschr. f. Heinzei 407, Anm. 5). l8 °) 

Fest sehr. f. Heinzei ebda.; Ha stings ERE. n, 
4io a ; Jewish Encyclopaedia s. v. Fall; Krauß 
Rel. Brauch d. Südsl. 53. Ein frevelhafter 
Knabe erbricht Vipern beim Sprechen: Sebillot 
3, 297. 181 ) Schönwerth 3, 338. 182 ) Stracker- 
jan 2, 172; Anhorn Magiol. 923; Sebillot 3, 
255. 266. 279; Am Rücken des Verführers 
kriechen S.en u. Kröten empor (Münster v. 
Straßburg u. Basel); Otte Kunstarchäologie 
1, 501; Elsaßland 14, 37; NdZVk. 11, 196. — 
An der ,,Frau Welt“: s. Walther v. d. Vogel¬ 
weide 101, 11; dazu Ausg. v. Wilmanns-Michels 
(1924) 2, 353 (mit weiterer Lit.). — Die S. ist 
vom Teufel erschaffen: Dähnhardt NS. 1, 
165 (Bretagne); Storaker Natur 226 (d.Teufels 
Gürtel). 183 ) Luther Tischreden s. Dähn¬ 
hardt Natursagen 1, 156 Anm. 1. 184 ) Grimm 
Myth. 2, 833; 3, 295; ZfVk. 7, 246 (erscheint 
einer Hexe als S.); Grässe Preuß. Sag. 1, 591; 
Klingner Luther 25; Anhorn Magiologia 494; 
Schröder Abergl. (1886) 106 ff.; MacCulloch 
Faith 61. — Vgl. Ofifb. Joh. 12, 9; 20, 2; dazu 
Strack u. Billerbeck Kommentar z. NT. 
3, 814; Jahrb. f. jüd. Vk. 1, 302; Lucifer u. 
seine Gesellen werden S.en: Dähnhardt 
Natursagen 1, 49 (Mähren). 185 ) Kühnau 
Sagen 3, 63 (Hexe als S.); MSchlesVk. H. 5, 
44 f.; Bartsch Mecklenburg 2, 7. 14 (Hexe als 
S.); Hexenhammer 2, 264. Vgl. Abeghian 
Armen. Volksgl. 29. 30. 103; MacCulloch 

Faith 48 (2 Stellen); Heyl Tirol 282 (böser 
Geist hat Mantel aus S.enhäuten); Wuttke 
§ 47 (Kobold). 186 ) Laistner Sphinx 1, 90 f.; 
187 ) Storaker Natur 230. l8?a ) Grimm RA. 2, 
279 ff. 1S8 ) Hastings ERE. 11, 405. 419; RGG. 1 
5, 299; Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, 514 ff.; 
Schräder Sprachvergl. u. Urgesch. 429; ZfVk. 
25, 24; ARw. 12,221; 16,354; Küster 62 ff. 
100 ff.; Roscher Lex. 3, 3223 (S. schwebt 
über dem geschleiften Hektor); Frazer 
5, 82 ff.; Hartland Primitive Paternity 

1, 168; Meyer Myth. 63 f.; R. M. Meyer 

Rel.-Gesch. 76; Wuttke § 60 (m. Lit.); 

Schwebel Tod u. ewiges Leben 7; Grimm Sagen 
Nr. 433; Myth. 3, 247; Ranke Volkssagen 
270; MSchlesVk. H. 5 (1898), 40; Rohlfs 
Sprache u. Kultur (1928) 24. RevTradpop. 17, 
320 (neugriech.). 189 ) Grimm Sagen 2, Nr. 433; 
ObdZfVk. 6 , 16 A. 1; Sooder Rohrbach 91 f. 
190 ) Reichborn-Kjennerud Ormen 4. 31 
Anm. 7 (anord. S.enname Näinn, anorw. när 
„Toter“). 191 ) Singer Schweizer Märchen 2, 



1139 Schlange 1140 


81 (m. Lit.); Küster Schlange 85 fF.; Pauly- 
Wissowa 2. R. 2, 1, 509; chthonische 

Gottheit: ARw. 30 (1933), 331. 192 ) Caminada 
Friedhöfe 49t. Grab schützend: Jahrb. f. 
jüd. Vk. 1, 299. 193 ) s. Bd. 1, 1400; P. Sarasin 
Helios u. Keraunos 61. 166; Schwartz Studien 
68. 74; Ders. Idg. Volksglaube 8 f. 22. 92 t. 
131 1 . 227; Laistner Nebelsagen 74; Mann¬ 
hardt Götter 102; Grohmann Sagen 215; 
Hempler Psychol. 35. 59. l94 ) Laistner ebd. 
195 ) Mannhardt German. Mythen 82; Gese- 
mann Regenzauber 79. So (n. Wundt Völkersps. 
3, 441 ff.); Natterköpfe am Zaum des ,,Wasser- 
vogel" (einer reitenden Pfingstgestalt) ebd. 80 
(n. Panzer Beitr. 2, 86); Grohmann Abergl. 
52; Regenstreifen: S.en: Abeghian Armenien 
82. 196 ) SAVk. 27, 136; vgl. Rothenbach 5; 

Herzog Schweizer sagen 2, 84 t. 197 ) Küster 
Schlange 1530.; Hastings ERE. 11, 408a; 
ARw. 30 (1933)» 331 (babyl. u. sumer. Religion). 
198 ) ARw. 14, 566 (Erichthonios); 30, 331 f.; 
Bachofen Gräbersymbolik 154 f. 361; Küster 
137 ff.; HessBll. 10, 213. 199 ) Grässe Preuß. 

Sag. 2, 528 (n. Hartknoch Alt- u. Neupreußen 
171). 20 °) Küster 149 ff.; Hastings ERE.11, 
4° 6 (3); Hepding Attis 191; Eisler Welten¬ 
mantel 1, 123; Howey Encircled Serpent 126 ff.; 
Stern Türkei 2, 140. 201 ) Weinreich Antike 

Heilungswunder 93 f.; HessBl. 10, 213; 
Wissowa Religion 176; Frazer 5, 81 f.; 
Reichborn-Kjennerud 22 t.; Speiser Phal¬ 
lus u. Feuer in d. Mythol. Australiens Verhandl. 
d. Naturf.-Ges. Basel 38, 219 ff.; Liebrecht 
Z. Volkskde 240. 250; Urquell 4, 199; Crawley 
Mystic Rose 1, 231. 232. 233; 2, 17. 133. 202 ) 

Küster 133 ff.; Hovorka-Kronfeld 1,380; 
Hastings ERE. 11, 4o6 b ; RGG. *5,299; Grimm 
Myth. 2,572; 3, 198; Reichborn-Kjennerud 
Ormen 16 ff. Vgl. die Sage von dem Tote er¬ 
weckenden Kraut, das die S. bringt (Glaucos u. 
Polyidos) Bolte-Polivka 1, 128; Grimm 
Myth. 3, 350; Reichborn-Kjennerud Ormen 
20. — S. am Heilquell liegend: Grimm Myth. 
2, 985. — In Algerien wird bei Unfruchtbarkeit 
den S.en ein Speiseopfer dargebracht: RTradpop. 
27, 26S f. 203 ) Rochholz Naturmythen 196. 
2M ) Fient Prättigau 241. 20S ) Lenz Zool. 433 
(n. Herodot). 

3. Kult. Über Ursprung, Verbreitung 
u. Formen des S.nkults können wir hier 
nicht sprechen, da sich auf deutschem 
Boden nur letzte Spuren erhalten haben. 
Für die eigentliche S. nverehrung 
verweisen wir auf die reiche Literatur 206 ). 
Von europäischen Völkern hatten die 
Altpreußen, Letten und Litauer 
einen ausgesprochenen S.nkult, indem 
sie sich nicht nur Hauss.n hielten, sondern 
auch Tempels.n, die von den Priestern 
mit Milch (s. Natur A. 126. 127. 155; 
Sagen A. 617 ff.) genährt wurden und 


vom Volke Opfer empfingen. In Alt¬ 
preußen beteten die Frauen zu ihnen um 
Kindersegen (s. Dämon A. 198) 207 ). Bei 
den Germanen ist der S.nkult nicht mit 
Sicherheit bezeugt 208 ), wenn wir nicht 
den Bericht aus der Vita Sancti Barbati 
(7. Jh.), nach welchem die Langobarden ein 
S.nbild verehrt hätten, als altererbten S.n¬ 
kult deuten wollen. Jahn sieht darin eine 
Hausschlangenverehrung 209 ) (s. a. A. 215). 

Eine kindliche Form von S.nopfer 
findet sich in Meura (Thüringen), wo die 
Kinder, ehe sie zum Beerenlesen in den 
Wald gehen, sprechen: 

Atter, Atter, beiß mich nich, 

Ech breng der o viel Beäre mit! 

und bei der Heimkehr einige Beeren als 
Dankopfer auf einen Stein legen 210 ). 

Weit verbreitet ist dagegen der Glaube 
an die glückbringende Hauss., der jeden¬ 
falls vielfach auf die Vorstellung zurück¬ 
geht, daß die Seelen Verstorbener in 
ihr Gestalt angenommen haben (s. Dä¬ 
mon A. 188) oder daß sie der Genius des 
Hauses sei 211 ). Auch auf deutschem 
Boden findet sich die Überlieferung zahl¬ 
reich. Die Hauss., die oft unter der 
Schwelle nistet, wird nicht nur geschont, 
sondern auch gepflegt (s. Zauber A. 264), 
namentlich mit Speise und Milch ge¬ 
füttert (vgl. Natur A. 127. 155; Dämon 
A. 203; Sagen A. 619. 769). Dann bringt 
sie Glück und Wohlstand und wehrt Un¬ 
glück, Krankheit, Blitzschlag usw. ab 
(Orakel A. 221). Wer sie tötet, bewirkt 
Todesfall in der Familie oder zieht Un¬ 
glück auf sie herab (vgl. Dämon) 212 ). 
Zuweilen, besonders in Schlesien und im 
Spreewald, ist es ein S.npaar, Männchen 
u. Weibchen, das in Beziehung gesetzt 
wird zu Hausvater und Hausmutter. 
Wenn eines dieser letztem stirbt, zeigt sich 
die betr. S. und folgt ihm im Tode nach 213 ) 
(umgekehrt s. Orakel A. 243). 

Ähnliches gilt in Skandinavien. Der 
Hausgeist (husrä, gärdsrä) erscheint in 

o 

Angermanland oft als S. 214 ). Auch in 
Norwegen (buormen, husormen) glaubt 
man an die Glückswirkung der Hauss., 
die noch zu Olaus Magnus' Zeiten als 
Gott verehrt wurde 215 ). Die weiße S. 
(hvitorm) ist in Schweden eine Art 



Spiritus familiaris und wird mit ehr¬ 
fürchtiger Scheu gepflegt 216 ). Nach 
Norlind wird sie in einer Büchse auf be¬ 
wahrt 217 ). Umgekehrt suchen sich die 
Pennsylvaniadeutschen die Hauss.n vom 
Leibe zu halten, indem sie alte Tisch¬ 
tücher verbrennen (s. Zauber A. 399) 218 ). 
Der Glaube an die glückbringende Hauss. 
ist aber weit über das germanische Sprach¬ 
gebiet hinaus verbreitet 219 ). 

Allgemeines: 206 ) J. B. Deane The Worship 
of the Serpent throughout the World. London 1833; 
J. Fergusson Tree and Serpent Worship. 
London 1868; C. S. Wake Serpent Worship. 
London 1888; C. F. Oldham The sun and the 
serpent. A contribution to the history of ser- 
pent-worship. London 1905; Hastings ERE. 
11, 399 ff. (mit reicher Lit.); Schurtz Urge¬ 
schichte der Kultur 581; Kelten: ERE. 11, 404. 
Klassisches Altertum: J. Chr. Koch Disser- 
tatio de cultu serpentum apud antiquos (in Thes. 
Diss. ed J. Chr. Martini, Tom. II, P. 1 1765, 
95) Lips. 1717; J. Mähly Die S. im Mythus 
und Kultus der klass. Völker. Basel 1867; 
E. Küster Die S. in d. griech. Kunst u. Religion 
(Gießen 1913) 56 ff.; ARw. 10, 201 ff.; Pauly- 
Wissowa 2. R. 2, 1, 508 ff.; ERE. 11, 404; 
Samter Familienfeste 85 f. (Speiseopfer an 
S.en); Wissowa Relig. 185; Hopf Tierorakel 
186; ARw. 30, 332 (im Dionysoskult; trat an 
Stelle des Phallus; zit. Gruppe Griech. Myth. 
92 f.); Agrarkulte Eleusis u. Thesmophorien 
zit.Nilsson Griech.Feste 320; Tempelhütende 
S. in Athen, mit Honigkuchen gefüttert: 
Lenz Zool. 433 (n. Herodot 8, 41). Kreta: 
ERE. 11, 402; Ophiten ERE. n, 404; Wetzer 
u. Welte Kirchenlex . 2 9, 5260.; Howey 
Encircled Serpent 2240.; Lippert Christentum 
232 ff. Makedonien: Globus 73, 6511. In¬ 
dien: ERE. 11, 411 ff.; S. C. Mitra Indian 
ophiolairy and the snake-worship of the negroes 
of the West-Indies. Journ. Anthrop. Soc. 
(Bombay) 11 (1911), 186 ff.; Crooke Northern 
India 135. 261 ff. 267 f. 269; Mitt. Anthr. 
Ges. in Wien NF. VIII; Hovorka-Kronfeld 
1, 383 (n. Haberlandt); ZfVk. 15, 81; Winter¬ 
nitz Das S.en-Opfer des Mahabharata. In: 
Kulturgeschichtliches a. d. Tierwelt (Prag 1905) 
68 ff.; Howey Encircled Serpent p. 42 — 70. 
Armenien: Abeghian Armenien 74 ff. (Opfer 
an S.en in Höhlen u. a.: Hähne, Weihrauch). 
Hebräer u. Kanaaniter (vgl. Zauber A. 258): 
ERE. 11, 403 t.; Smith Rel. der Semiten 91. 
100; Guthe Bibelwörierb. 586; Howey En¬ 
circled Serpent 78 ff. Ägypten u. Islam: 
ERE. 11, 402 f. 404; Amelineau Du role 
des serpents dans les croyances religieuses 
de VEgypte, in Rev. Hist. Rel. 51, 335 ff.; 
52, 1 ff. (s. ARw. 9, 484!.); H. E. E. Hoyes 
Serpent worship and Islam in Egypt in: Moslem 
World 1918, 278—81; Howey The Encircled 
Serpent p. 17 ff. (The Serpent Gods of Egypt). 


Algerien: Bull. Soc. de Geogr. d'Oran. Mars 
1911. Die Jessidis küssen das gemalte Bild 
einer S.: Mercure de France Nr. 826 (1932), 
S. 113. Babylonien: ERE. 11, 403. China, 
Japan: ERE. 11, 402; Howey Encircled Ser¬ 
pent 253 ff.; Australien, Polynesien, Me¬ 
lanesien, Indonesien ERE. 11, 400 f.; An- 
thropos 1, 183; Howey Encircled Serpent 

274 ff.; Afrika: ebd.; W. D. Hambly Ser¬ 
pent worship in Afrika, in: Field Mus. Publ. 
XXI, Nr. 1 (1931); Int. Arch. f. Ethn. 17, 91 ff.; 
Howey Encircled Serpent 2360.; Amerika: 
ERE. 11, 401 f.; Howey Encircled Serpent 
280 ff. Pueblo-Indianer ZfVk. 23, 253. Slaven: 
ERE. 11,422. 207 ) ERE. ii, 420 ff.; Globus 
73 , 65 ff.; Grimm Myth. 2, 572 t.; Folklore 
12, 293 ff.; Hopf Tierorakel 187; E. Schmidt 
Volkskunde 26 (nach Enea Silvio Europa ); 
Jungfer Alt-Litauen 105; Tetzner Slaven 91; 
Grässe Preuß. Sagen 2, 528. 208 ) Hoops 

Reallex. 4, 132; Grimm Myth. 2, 570; ERE. 
11, 419. 209 ) Gleiche Literatur; Jahn Opfer¬ 

gebräuche 292 f. 21 °) Witzschel Thüringen 
2, 296 (n. Sigismund Landeskunde 1, 92). 211 ) 
Lippert Christentum 492 f. (m. weiterer Lit.); 
ERE. ii, 419 (Germ.). 420 (Litauer usw.); 
MSchlesVk. H. 5, 41; ZfVk. 3, 37; 15, 125 
(Rez. von Politis MeXeTai); Bolte-Polfvka 
2, 459; ZfVk. 23, 388 (Deutschland, Böhmen, 
Schweiz, Zigeuner); 25, 24 (Deutschland, 

Antike, Frankreich, Italien); ARw. 30, 332 
(Griechenland, Ägypten). Klass. Altertum: 
Küster Schlange 145 h; Pauly-Wiss. 1, 77; 
Rohde Psyche 5 1, 254 A. 2; Schräder Spracli- 
vergl. 2, 429 h.; Wissowa Religion 2 176; 

PI in. NH. 29, 4, 22 (am Ehebett: Glück); 
Gell. noct. att. VI, 1, 3; Livius 26, 19, 7 (S. 
naht der Hausfrau als Genius). 2l2 ) Bolte- 
Polivka 2, 459; Anhorn Magiol. 924; Jahn 
Opfergebräuche 293 f. (mit reicher Lit.); Grimm 
Myth. 2, 571 f.; 3, 197 f. 439 (Rockenphilos.); 
Wuttke § 57. 153; Hopf Tierorakel 185; 
Simrock Myth. 457; Barb. Renz Die heilige 
S. auf unserem heimatlichen Boden in: Bay. 
Heimatschutz 28 (1932), 44 ff.; Hovorka- 

Kronfeld 2, 746; Rochholz Glaube 1, 145 f.; 
2, m; Ders. Naturmythen 193 ff. 195 h; Ba- 
varia 2, 2, 788; Lammert 37 (auf der Tür¬ 
schwelle kein Holz spalten). 99 (wer eine Haus¬ 
otter beschädigt oder nur sieht, muß sterben, 
Bayreuth); Strackerjan 2, 173 f.; Birlinger 
Aus Schwaben 1, 107 (in Häusern u. Ställen); 
Ders. Volkst. 1, 496; Meier Schwaben 1, 204 f.; 
Höhn Tod 308; Wlislocki Sieb. Volksgl. 
182; dort auch der Glaube, daß die S. ihre 
Krone auf ein weißes Tuch ablege, das man 
zur Hälfte auf den Milchteller gelegt. Haupt 
Lausitz 1, 75 f. (2 Haus-S.en, lassen sich nur 
sehen, wenn der Hausvater oder die Hausmutter 
stirbt; dann stirbt die betr. S. auch); Engelien 
u. Lahn 1, 79 f.; Grässe Preuß. Sagen 2, 528 
(bei den Altpreußen: S.en vom Priester hervor¬ 
gelockt, Speiseopfer für sie. Wenn sie es nicht 
annahmen, bedeutete es Unglück; Enge¬ 
lien u. Lahn 79!. (ebenso); Drechsler 


H43 


Schlange 


1144 


Schlesien 2, 181 f. (Sch.en-Paar, Hausbewohner 
werden nicht gebissen. Wer sie tötet, muß 
sterben); MSchlesVk. H. 19 (1908), 14 (Speise¬ 
opfer; ziehen mit in ein anderes Haus); Küh- 
nau Sagen 2, 41 f. (S. auf Steintreppe vor dem 
Haus, mit Milch genährt); MSchlesVk. H. 5 
(1898), 41 ff.; Eisei Voigtland 149; Köhler 
Voigtland 496 (mit Milch genährt; wer sie 
reizt, wird vom Otternkönig gestraft); Bech- 
stein Thür. Sagenb. 2, 90; Leoprechting 
Lechrain 77; Vernaleken Alpensagen 237; 
Heyl Tirol 157; Hovorka-Kronfeld 1, 382 
(Tirol: wer sie tötet, stirbt); Fossel Steier¬ 
mark 138 (halten Seuchen ab); Germania 36, 
384 (bringt Glück, Steiermark); Baumgarten 
Aus d. Heimat 1, 117 (ziehen Gift an, Ober- 
Österr.); Fischer Ostsleier. Bauernleben 2 116; 
Schramek Böhmerwald 245; Grohmann 
81; Grohmann Sagen 221; Haltrich Sieben¬ 
bürg. Sachsen 310 (Milchopfer; bewahrt vor 
Feuer u. Unglück; wenn getötet, stirbt der 
ganze Hof. N.-Österr.); Wittstock Sieben¬ 
bürgen 63; Tetzner Slaven 22 (Altpreußen); 
Greb Zips 47 (wohnt unter der Schwelle; man 
darf nicht auf der Schwelle stehen, kein Holz 
hacken, kein Essen über die Schwelle reichen). 
2lü ) Haupt Lausitz 1, 75; Drechsler Schlesien 
2, 181; MittSchlesVk. H. 19 (1908), 14; Wolf 
Beitr. 2, 444; Grässe Preuß. Sagen 2, 396 f.; 
Gorion Sagen d. Juden 1, 89: wäre die S. 
nicht verflucht worden, so wären 2 S.en in 
jedem Hause, die Kostbarkeiten bringen. 
Über 2 S.en, an die das Leben des Königs u. 
der Königin gebunden ist, s. Bolte-Polivka 
4 * 139 . 2l4 ) FoF. 20 (1933). 106. 21S ) Bolte- 
Polivka 2,459.460; Reichborn-Kjennerud 
Ormen 21.f. (zit. Olaus Magnus III, Kap. 1: 
im J. 1555 galt in abgelegenen Höfen Norwegens 
und Wärmlands die S. als eine das Haus be¬ 
schirmende Gottheit). Die Haus-S. bringt 
auch nach dem heutigen Glauben Gesundheit 
und Glück. Man sieht sie gern im Stall, wo sie 
Hexerei fernhält. Das hat dazu geführt, eine S. 
oder wenigstens eine S.en-Haut unter die 
Schwelle zu legen (erwähnt auch Plinius 
N.H. 29,67). 216 ) ZfVk. 25, 225. 226; Fata¬ 
buren 1908, 112. 2l7 ) T. Nor lind Svenska 

allmogens lif (Stockh. 1912) 640. 218 ) Fogel 

Pennsylvania 219. 2l9 ) Bolte-Polivka 2, 

459 f- Wenden: Wolf Beitr. 2, 444 (zwei 
S.en); Wuttke Sachs. Volkskunde 353. Böh¬ 


Crooke Northern India 276 f.; Frazer OT. 
3, 218. Armenien: Abeghian Armenien 74 ff. 
Esten: Boeder Ehsten 39. Ägypten: Stern 
Türkei 1, 434 (in Kairo gibt es ganze Quartiere, 
die ihre Schutz-S. haben). Cypern: Ohne- 
falsch-Richter Cypern 262 (vertilgen Un¬ 
geziefer). 219 ) Naturvölker: Hovorka- 
Kronfeld 1, 383 (n. Schurtz Urgesch. d. 
Kultur). Uber die Juden s. o. A. 213. 

4. Orakel und Vorzeichen. Dank 
ihrer Eigenschaften galt die S. von jeher 
als klug und mit besonderem Wissen be¬ 
gabt (s. Natur, Dämon, Zauber). Daher 
wird sie schon im alten Orient und klassi¬ 
schen Altertum als mantisches Tier be¬ 
trachtet 220 ). Gemäß ihrer Doppelnatur 
als Symbol der Weisheit und des Bösen 
bringt oder verkündet sie sowohl Glück 
als Unglück. Glück und Heil bedeuten 
vor allem die Hauss.n (s. d. in Kult 
A. 212), besonders wenn sie sich zeigen 221 ) 
oder die dargebotenen Opfer anneh¬ 
men 222 ); schon wenn sich eine S. dem 
Hause nähert (Norwegen) 223 ). Sieht ein 
Sonntagskind eine weiße Natter, so hat 
es ein großes Glück zu erwarten 224 ); 
dasselbe gilt für ihre Begegnung über¬ 
haupt 225 ), namentlich wenn sie von rechts 
kommt 226 ), oder, in Norwegen, das Träu¬ 
men von ihr 227 ). Ebenda bedeutet S.n- 
begegnung Glück auf einer bevorstehenden 
Reise 228 ). 

Wenn man die erste S., die einem im 
Frühjahr begegnet, töten kann, hat man 
Glück zu erwarten 229 ). Reichtum 
bringen und bedeuten vor allem die 
Krons.n (s. Natur g, Sage A. 634. 
689 ff.) 230 ); auch das Finden einer weißen 
S. 231 ). Das Verkünden von Fruchtbar¬ 
keit wissen wir jedoch nur aus dem 
griechischen Altertum nachzuweisen 232 ) 
(vgl. Dämon A. 198; Kult A. 207). 


men: Grohmann Sagen 221; Ders. Abergl. 
78. 79. 81. 230; Wuttke 51. 115; Rochholz 
Glaube 1, 146t.; Bolte-Polivka 2, 460. — 
Slovaken ebd. Polen: Urquell 3, 288; 
Bolte-Polivka 2, 460. Rußland: Hovorka- 
Kronfeld 1, 325. Bulgarien: ZfVk. 2, 180 
(zweiköpfig); Bolte-Polivka 2, 459. Süd¬ 
slaven, Montenegro, Albanien, Kl. Wa¬ 
lachei: Stern Türkei 1, 434 t. Serben: 
Bolte-Polivka 2, 459. Slovenen: ebd. 
460; Bukowina: ZföstVk. 18, 118. Frank¬ 
reich: Sebillot 3, 264. Italien: Rohlfs 
Sprache und Kultur 24. Rätoromanen: 
Decurtins Rät. Chrestom. 4, 1019. Indien: 


Häufiger aber bedeutet sie Unglück: 
wenn sie als Hauss. (s. Kult A. 212) die 
! gebotenen Speisen nicht annimmt 233 ) 
oder sich irgendwie auffällig zeigt 234 ). 
Das Gleiche wurde von einer S. gesagt, 
die durchs Fenster ins Haus fiel 235 ). Auch 
ihr An gang ist unheilverkündend 236 ), 
besonders wenn sie als schwarze S. er¬ 
scheint 237 ), ferner vor einer Reise 238 ). 
Das Erscheinen einer feurigen S. ist 
ein böses Vorzeichen 239 ). All dieser 


1145 


1146 



Glaube ist nicht auf das deutsche Gebiet 
beschränkt 24 °). Das Unglück wird oft 
noch eigens bezeichnet: Hungersnot, 
Krankheit, Erdbeben, Hauseinsturz 
(Aelian) 241 ), Feuersbrunst 242 ); nament¬ 
lich aber Tod. Von der Hauss. (s. Kult 
A. 213) ist uns das öfters bezeugt 243 ); 
aber auch der Traum von einer S. be¬ 
deutet Tod 244 ). Vgl. ferner unten die Sagen 
von dem todbringenden Raub der S.n- 
Krone (Sagen A. 669 ff.). Seltener ist 
die begegnende S. Eheverkündigerin 245 ) 
oder Geburtdeuterin (vgl. Dämon 
A. 198. 199) 246 ), häufiger Wetter¬ 

prophetin. Regen (s. Dämon A. 195; 
Zauber A. 282) kommt, wenn die Haus¬ 
otter einen pech- oder wacholderartigen 
Geruch von sich gibt 247 ). Wenn viele 
Nattern sich sonnen, dann wird es 
„grob“ 248 ). Wenn sich in Oberflachs 
(Kt. Aargau) die große S. bei der Wiß- 
maidli-Tanne zeigt, so gibt es ein Ge¬ 
witter 249 ). Im Tirol zeigt eine grüne S. Ha¬ 
gel an 250 ); dagegen tritt eine trockene 
Zeit ein, wenn die S. einen quakenden 
Ton hören läßt (Dithmarschen) 251 ). 
Wer von S.n träumt, kommt in Gesell¬ 
schaft (ebd.) 252 ), oder erlebt Streit 253 ). 
„Ain slang und ain schütz, die mit ain- 
ander vehtent, macht vrid“ 254 ). Wenn 
eine Otter im Hause erscheint, solange 
jemand krank ist, so glaubt man, der 
Kranke habe etwas Schweres begangen 
(OA. Crailsheim) 255 ). Nichtdeutsch ist 
der Aberglaube, daß Träume von S.n 
böse Absichten oder Schaden von 
Menschen (Poitou, Vendee) oder Ver¬ 
leumdung (Aosta) bedeuten, eine ruhende 
S. Unruhe (Vogesen), eine zusammen¬ 
gerollte Gefängnis 256 ). Ein im Schlafe 
von einer S. umwundener Knabe wird 


geuner: Urquell 6, 2 (langes Leben); SAVk. 
14, 270 (Geschenke). — Südafrika: ZfVk. 
23, *53 (nach Zs. f. Ethn. 6, 43); Samoa: 
ebd. 388 (n. Turner Samoa 1884, 44). 226 ) 

Hopf Tierorakel 190 (wo?). 226a ) Mensing 

Schlesw. Wb. 4, 524. 227 ) Reichborn-Kjen¬ 

nerud 21 (Norwegen). 228 ) Landstad Era 
Telemarken (Oslo 1927) 82. 229 ) Mensing 

Schlesw. Wb. 4, 524; Sebillot 3, 267 (Poitou). 
23 °) Hopf Tierorakel 191. Talmudisch im 3. Jh. 
n. Chr.: Wenn eine S. auf das Bett gefallen ist 
und man spricht: ,,Er ist arm, in Zukunft wird 
er reich werden“. ZfVk. 3, 37; 23, 388; wer 
im Traum eine S. sieht, wird nach jüdischem 
Volksglauben reich. Ebd. — Traum von 
Nattern oder Vipern bedeutet Geld: Arte- 
midor Oneirocrit. (deutsch) 122. 274. 231 ) 

Reusch Samland 5. 232 ) Pauly-Wiss. 2. 

R. 2, 1, 508 (Aelian Hist. An. 6, 16); 

ERE. 11, 406a. 233 ) Grässe Preuß. Sagen 2, 

528. 234 ) Kühnau Sagen 2, 42. 44. 235 ) (Kel¬ 
ler) Grab des Abergl. 1, 13. 236 ) ZrwVk. 11, 264 
(bergisch); Haas Greifswald 49 (die Berg-S. 
im Bauerberg). 237 ) Liebrecht Zur Volksk. 
328 (Norwegen); Fogel Pennsalvynia 112. 
238 ) Anhorn Magiologia 145. 239 ) Stracker- 

jan 2, 172. 24 °) Frankreich: S6billot 3, 

265 f. (Angang unheilvoll für Schwangere). — 
Klass. Altertum: ZfVk. 25, 24; 3, 37 f.; 
Pauly-Wiss. 1, 77; Hopf Tierorakel 189. 
Indien: Hopf Tierorakel 189; ZfVk. 23, 388. 
Talmud: ebd. 387. Babylon: ebd. 388. Be¬ 
duinen: ebd. Burma: ebd. Zigeuner: ebd. 
Verschiedene Völker: ebd.; Hopf Tier¬ 
orakel 190 f. 241 ) Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 
508 (Aelian 6, 16; 11, 19); Artemidor Oneiro¬ 
crit. (deutsch) 122. 242 ) Drechsler Schlesien 2, 
182; MittSchlesVk. Heft 19, 14; vgl. Groh¬ 
mann Abergl. 23 (feuriger Drache). 243 ) 
Meyer Germ. Myth. 64; Rochholz Glaube 1, 
141; Grimm Myth. 2, 572; 3, 439; Peter 
Österr.-Schlesien 2, 33; Kühnau Sagen 2, 44; 
MittSchlesVk. Heft 19, 14; Haupt Lausitz 1, 
75 f.; John Erzgebirge 114; Eisei Voigtland 
*53 (wer goldene S. sieht, muß sterben); Leo¬ 
prechting Lechrain 77. 231 (wenn die Haus¬ 
atter klappert); Höhn Tod 308 (wenn sie 
pfeift oder singt); John Westböhmen 162 (wenn 
sie sich zeigt oder „schlägt“). Norwegen: 
Liebrecht Zur Volkskunde 326 (wenn sie 
über die Landstraße kriecht, kommt auf dieser 


berühmt 257 ). 


bald eine Leiche). Böhmen: Wuttke § 57. 
Südslaven: Stern Türkei 1, 434 f. (Haus-S.); 


22 °) Hopf Tierorakel 182 ff.; Küster Schlan¬ 
ge 121 ff.; Wissowa Religion 2 176; Hovorka- 
Kronfeld 1, 380; ERE. 11, 406k 221 ) Kühnau 
Sagen 2, 43; ZfVk. 23, 388 (Talmud). 222 ) Gräs¬ 
se Preuß. Sagen 2, 528. Zeigt sich eine S. 
unter dem Opferaltar, so verkündet sie Sieg: 
Lenz Zool. 445 (n. ValeriusMaximus). 223 )Lieb- 
recht Zur Volkskunde 328. 224 ) Alpenburg 

Tirol 95; Mensing Schlesw. Wb. 4, 524 (S.en- 
königin). 225 ) Reusch Samland 42; Meyer 
Baden 515; ZfVk. 25, 24 (Altertum, deutsch, 
französ., ital.); 11, 277. 278 (15. Jh.). Zi- 


ZfVk. 2, 180 (wenn einer im Weingarten eine 
S. ausgräbt. Kroatien). Römer: Wissowa 
Religion 2 176 (Tod der Haus-S. zeigt Tod des 
Hausherrn an; vgl. Kult A. 211); Schwarz 
Menschen u. Tiere im Abergl. 45. Babylonien: 
ZfVk. 23, 388 (wenn eine S. sich vor einem 
Menschen aufbäumt, wird dieser ermordet 
werden; nach Jastrow Relig. d. Babyl. u. Assyr. 
2, 781). 244 ) MSchlesVk. H. 5, 43; Mensing 

Schlesw. Wb. 4, 524. 245 ) Heyl Tirol 785; 

Talmudisch: wenn eine S. aufs Bett gefallen, 
heiratet die Jungfrau einen reichen Mann 


ii 47 


Schlange 


1148 


ZfVk. 3, 37. 248 ) Ein Mann sieht drei (so!) 

Kreuzottern zusammengewunden und deutet 
das, daß seine Frau Zwillinge (so!) gebären 
werde. Veckenst. Ztschr. 3, 395 (poln. Posen). 
Begegnet eine Schwangere einer S., so wird das 
als unglückbringend angesehen (s. A. 240). Se- 
billot 3, 265 f.: „Wenn eine S. einer Schwange¬ 
ren entgegenkommt, so mißgebieret sie; be¬ 
gegnet sie ihr aber, wenn sie im Gebären ist, 
so beförderts die Geburt”. Jühling Tiere 
163 (n. Albertus Magnus Von den Geheim¬ 
nissen der Weiber 1755, 219). Die Gemahlin 
des Johannes, Fürsten von Epirus, träumt, 
daß sie eine S. gebäre, welche ganz Epirus 
bedeckte und den Kopf gegen die Türkei 
streckte. Bedeutet einen Helden, welcher die 
Türkei besiegen werde. Anhorn Magiologia 
23. Talmudisch 3. Jh. n. Chr.: Wenn eine S. 
auf das Bett gefallen ist, spricht man: ,,Sie 
ist schwanger, sie gebirt einen Knaben”. ZfVk. 
3, 37 - 247 ) MSchlesVk. H. 19, 14; Drechsler 
Schlesien 2, 182; ZfVk. 4, 82 (Mittelschlesien); 
Kühnau Sagen 2, 44; Anhorn Magiol. 924. 

248 ) Baumgarten Aus d. Heimat 1, 120. 

249 ) Rochholz Schweizer sagen 2, 5. 25 °) Heyl 

Tirol 789. 251 ) ZfVk. 24, 60. 252 ) Ebd. 20, 384. 
253 ) Mensing Schlesw. Wb. 4, 524; Fogel 
Pemsylvania 78. 254 ) Megenberg 470, 8 (nach 
dem Büchlein des Juden Tethel). 255 ) Höhn 
Tod 308. 256 ) Sebillot 3, 267; Anderes: Kü¬ 
ster Schlange 132. 257 ) ZfVk. 23, 388 (nach 

Cicero De divin. II cap. 31 § 66 f.); vgl. Weite¬ 
res bei Küster Schlange 132; Artemidor 
Oneirocrit . 122 

5. Zauber, Magie. Die magischen 
Anschauungen und Handlungen lassen 
sich in zwei Hauptgruppen teilen: I. Zau¬ 
ber der von den S.n ausgeht, II. Zauber, 
der an den S.n ausgeübt wird. 

I. S. ist Subjekt des Zaubers. 
Die dämonischen Eigenschaften (s. Natur, 
Dämon) der S.n haben schon im Altertum 
zu der Meinung geführt, daß sie ein 
zauberkräftiges Tier sei, das entweder 
von sich aus magische Handlungen aus¬ 
führt oder vom Menschen zu solchen be¬ 
nutzt wird 253 ). Daher auch die zahl¬ 
reichen Amulette (s. Darstellung) mit 
S.ndarstellungen u. S.npartikeln 259 ), oder 
aus Serpentin, der ja als S.nstein gilt 
(s. Natur A. 86; Medizin A. 555 ff.) 2Ö °). 
So verleiht die S. dem Menschen be¬ 
sondere Eigenschaften, Kräfte u. Schutz 
(s. a. unten die einzelnen Teile der S.). 
Wer in den Besitz eines Haselwurms (s. 
Natur A. 7) gelangt, dem bleiben alle bö¬ 
sen Geister fern, er kann sich unsicht¬ 
bar (vgl. A. 285. 311. 319. 348. 352; Sagen 
A. 631) u. unverwundbar (vgl. A. 299. 


304. 324. 338. 362) machen, er geht mit 
seiner Hilfe durch verschlossene Türen 
(vgl. A. 319. 362; Natur A. 16) 261 ) und fin¬ 
det Schätze (s. Sagen A. 689) 262 ). Ähn¬ 
liches gilt für Schweden 263 ). Daß die 
S. Glück bringt, ist schon bei ihrem An¬ 
gang (s. Orakel A. 221 und Kult A. 212) 
gezeigt worden. Wenn man eine S. mit 
ins Bett nimmt hat man viel Glück 
(Brandenburg) 264 ) (vgl. noch A. 285 
326 und Dämon). Wer eine Viper an 
einem Stock in den Rauch hält, der 
kann die Zukunft Voraussagen (vgl. 
Orakel) 265 ). Überhaupt verleiht sie 
Wissen 266 ) (s. u. A. 283. 309), auch Er¬ 
folg vor Gericht 267 ) (s. a. A. 303. 325). 
Zahlreiche Eigenschaften besitzt nach 
einem älteren deutschen Arzneibuch, das 
Pulver, das am 1. August aus einer 
verbrannten Natter hergestellt ist: es 
dient gegen Kopfwunden, gegen 
Feinde, macht die Menschen fügsam, 
enthüllt Geheimnisse, macht beliebt, 
das Gesinde treu 268 ). Auch nach einer 
sächsischen Sage wurde mit S.npulver 
allerlei Zauber getrieben 269 ). Para¬ 
celsus besaß einen Haselwurm, der alle 
Heilkräuter kannte und Schätze er¬ 
kennen ließ 27 °) (s. A. 284). In Norwegen 
u. Schweden gilt der auf Plinius (NH. 30, 
129) zurückgehende Glaube, daß einer, 
der eine S. und einen Frosch oder 
Vogel voneinander getrennt hat, die 
Kraft gewinne, einer Frau in Kinds- 
nÖten die Geburt zu erleichtern (s. A. 
291; Medizin A. 495. 508. 549) 271 ). In 
Tirol: wenn man die S.n, die aus Natter¬ 
wurz (Echium vulg.) entstanden sind, 
in einer Ampel verbrennt, so sieht man 
überall S.n (s. Natur A. 47) 272 ). 

Auch auf Tiere wirkt der S.nzauber. 
In das Fressen für die jungen Gänse 
mischt man das Pulver von einer ge¬ 
trockneten, vor dem Georgitage getöteten 
S.,dann fressen sie kein unreines Insekt 273 ). 
Bienen, die mit dem Staub einer S.n- 
spur bestreut werden, müssen in den 
Stock zurückkehren 274 ). In Polen ge¬ 
deihen die Kühe, wenn man eine vor 
dem Adalbertstage gefangene S. hinter 
dem Ofen hält 275 ). Besonders oft wird 
die S. im Schießzauber verwendet 


1149 Schlange H 5 O 


(s. A. 301. 302. 308. 321 f. 354. 361). 
Schießt man einmal eine S., bes. Kreuz¬ 
otter, aus dem Gewehr, so treffen alle 
Schüsse 276 ). Hat ein Gewehr Tötung 
und Brand verloren, so schieße man 
seine gewöhnliche Ladung auf eine Kreuz¬ 
otter, dann bekommen die Schüsse 
Wirkung 277 ). Nach altem Egerländer 
Glauben kann man bewirken, ,,daß die 
Schrot beym Schüssen vor dem Flinten¬ 
lauf niederfallen“, wenn man frühmorgens 
im Tau eine S. fängt, ,,doch nicht mit 
bloßer Hand“, und mit ihr den Flinten¬ 
lauf bestreicht 273 ). Außerdeutsch ist 
der Fischzauber: Man nagelt eine 
lebende S. durch die Augen an die Wand, 
schindet sie und wirft sie an die Stelle, 
wo man fischt; das gibt einen reichlichen 
Fang (Finnby kapell) 279 ), oder man 
läßt eine Stecknadel solange in einer S. 
stecken, bis diese tot ist, und macht 
daraus einen Angelhaken (Smäland) 28 °). 
Mit einem Stock, mit dem man vor 
Georgi eine S. totgeschlagen hat, wird 
man jeden im Kampf überwinden 281 ). 
Im Kalewala (12, 31 ff.) wird ein Kampf¬ 
hemd in der „Jauche“ schwarzer S.n 
gewaschen. Regen (s. Dämon A. 195; 
Orakel A. 247) bewirkt man, indem man 
eine S. mit dem Kopf nach unten auf¬ 
hängt (Böhmen) 282 ). 

Eine besondere Form des Zaubers ist 
das Essen von S.nfleisch. Es ver¬ 
leiht reiches Wissen (s. A. 266. 309) 283 ), 
Kenntnis der Heilkräuter (s. A. 270) 2Ö4 ), 
bringt Glück, schützt vor Verwun¬ 
dung (s. A. 261), macht unsichtbar 
(s. A. 261. 311. 319. 348. 352), öffnet alle 
Schlösser (vgl. A. 261. 319) 285 ), macht 
reich (s. Orakel A. 230) 286 ). In Dals- 
land (Schweden) glaubt man, daß einer 
weissagen könne, wenn er von dem 
Fleischabsud einer weißen S. gegessen 
habe 287 ). Über die verjüngende Kraft 
des S.nfleisches berichten antike und 
mittelalterliche Schriftsteller (vgl. Me¬ 
dizin A. 434. 546) 288 ). Namentlich aber 
verleiht es die Fähigkeit, die Sprache 
der Tiere (s. A. 309. 332), insbesondere 
der Vögel, zu verstehen. Als Sigurd 
den Drachen Fafnir getötet hatte, briet 
er sein Herz an einem Spieß. An dem 


aufschäumenden Blut verbrannte er sich 
den Finger und führte ihn zum Mund; 
alsbald verstand er die Sprache der ihn 
warnenden Meisen 289 ). Dasselbe gilt 
vom Fleisch einer S., besonders einer 
weißen 29 °) (vgl. auch Aal Bd. 1, 4; dazu 
MSchlesVk. H. 8, 3). In Norwegen soll 
der Genuß vom Fleisch der weißen S. 
die Geburt erleichtern (s. A. 271) 291 ). 

Die S. ist das Tier der Hexen. Mit ihr 
üben sie Zauber aus (s. o. Dämon A. 185). 
Einen Menschen kann man mit folgendem 
Segen „beschwören“ (?): „Ich zerteile 
eine S., ich nehme das Haupt und den 
Schwanz, so teilen wir uns die S. ganz, 
im Namen fff“ 292 )* Nach dem ober¬ 
österreichischen Glauben kann man seinen 
Feind in der Ferne mit einer Haselrute 
(s. Natur A. 147; Zauber A. 378; Sagen 
A. 680. 707. 708) verprügeln, mit der 
man eine Natter, die einen Frosch im 
Bauch hat, erschlagen hat 293 ). Mehrfach 
belegt ist der Geburtshemm- oder 
Abtreibungszauber bei Mensch und 
Vieh mit Hilfe einer S. 294 ). Vgl. die 
Fruchtabtreibung mit Natterwurz (s. Na¬ 
tur A. 47) 295 ). In Polen können Liebes¬ 
paare mit Hilfe einer S. getrennt wer¬ 
den 296 ). In Norwegen darf eine Schwan¬ 
gere keine S. sehen, sonst bekommt das 
Kind ein „S.nauge“ (Hystagmus) oder 
eine „S.nhaut“ (Ichthyosis) 297 ). Die S.n 
vermögen sogar durch ihren Blick oder ihr 
„Pfeifen“ (vgl. Natur A. 141) Menschen 
zu töten 298 ). Ihr Biß tötet sogar Unver¬ 
wundbare 299 ). 

Auch gegen Behexung finden die 
S.n Verwendung 300 ). 

Ähnlich wie die ganze S. werden auch 
ihre einzelnen Teile im Zauber ver¬ 
wendet. 

Augen (s. a. Kopf): „Andere 
Schützen, die nach der Scheiben oder 
Ziel schießen (vgl. Zauber A. 276. 308. 
321. 322. 354), verwahren die ausge- 
stoßne S.naugen unter den Körnlein 
(Korn, Absehen) vomen am Rohr“ 301 ). 

Blut: „Die Wildschützen legens in 
ihr Bürstrohr (Jagdflintenrohr) und tun 
ein wenig gedürrt S.nblut in die Kugel¬ 
form, da sie Kugel gießen“ (s. A. 339) 302 ). 

Das S.n ei (s. Natur A. 83. 86; Medizin 


Schlange 


1152 


II 5 I 

A * 457 ) gilt in Südfrankreich als zauber- (s. A. 311. 352) zu machen und kann 
kräftig; man kann damit Prozesse (s. alle Schlösser öffnen (s. A. 261; Natur 

A. 267. 325) gewinnen (auch in Böhmen) A. 16) 319 ). Degenklingen werden in 

und Schätze entdecken 303 ). Duellen wirksam, wenn man den Griff 

Fett (s. Med. A. 458) verleiht Stärke mit einer S.nhaut umwindet 320 ); ebenso 
und Unverwundbarkeit (s.A.261) 304 ); Gewehre (s. A. 276. 301. 308), wenn 
mit seiner Hilfe kann man alles sehen 305 ). man mit ihr den bloßen Arm umwickelt 321 ). 
Wer sich mit S.nfett die Hände schmiert. Durch eine abgestreifte S.nhaut werden 
kann lebendige S.n ohne Schaden fangen Erbsen gesät; die daraus entstehenden 
(Böhmen) 306 ); dem Körper verleiht es Erbsen werden in den Kugelguß gegeben. 

Geschmeidigkeit 307 ); in der franzö- Mit diesen Kugeln trifft man alles 322 ), 

sischen Schweiz wird es zum Treff- Mit einer S.nhaut kann man sich hieb¬ 
zauber (s. A. 276. 301) verwendet 308 ), und stichfest machen (s. A. 261. 285. 

Geifer (s. Med. A. 498): Nach Saxo 362) 323 ) und Feinde erschrecken 324 ), 

verleiht der in die Speise tropfende Geifer In Böhmen dient sie, im Neumond ge¬ 
wissen, Verstehen der Tiersprache wonnen und pulverisiert, zu sehr ver- 
(s. o. A. 266. 289. 332) und Sieg im schiedenen Zwecken: 

Krieg (s. A. 347. 360) 309 ). 1. Wenn Jemanden eine Schlange 

Gift: „Waffen, die nach der Glut sticht, so streue von diesem Staube auf 
etlich mal in S.ngift abgeleschet werden, die Wunde, und am dritten Tag wird 
haben eine große Stärk und Härte“ 310 ). er geheilt sein. 

„Haar“ (?): „So nyme wydehopffen 2. Streue dir diesen Staub in die 

blutt und har von eyner s.n, man ziehe die Haare, und so lange du ihn darin haben 
har durchs blutt, behald's bey dir, so bist wirst, brauchst du keinen Widersacher 
du unsichtbar“ 3U ) (vgl. A. 262. 285. zu fürchten, denn du wirst jeden leicht 
319. 352). überwinden. 

Haut (s. Med. A. 500 ff.): Wird als Amu- 3. Wenn du dich mit Wasser, in welches 
lett gegen allerlei Unheil auf der Brust etwas von diesem Pulver gestreut ist, 
getragen 312 ). Pulverisiert in Wasser zwischen den Augen wäschst, so 
zwischen die Augen gestrichen (Böhmen) kann dir Niemand schaden, z. B. dich 
oder ganz in die Tasche eingenäht (Fer- behexen, beschreien usw. 
rara), wehrt sie Hexerei ab 313 ). Ebenso 4. Wirst du vor Gericht gerufen, so 
ein Stab, mit S.nhaut überzogen (Un- streue dir davon in die Schuhe oder 
gam) 314 ). Sie dient ferner gegen die Stiefel, und es wird Jedem scheinen, als 
Verhexung des Bieres (s. Bd. 1, 1264), ob du am besten sprächest (s. A. 267. 303). 
und auch die Schnapsbrenner bewahren 5. Wenn du einem Schlafenden etwas 
sie in den Brennereien (Polen) 315 ). Korn von diesem Staube in die Hände streust, 
wird vor Ungeziefer und Wild bewahrt, so bekennt er dir alle seine Geheim- 
das vor der Aussaat durch eine S.nhaut nisse. 

geschüttet worden ist 316 ); auch im Alter- 6. Willst du einen treuen Knecht 
tum fördert sie das Pflanzenwachs- haben, so streue ihm davon in die Kleider, 
tum 317 ). „Einer S. Haut, im zunehmen- und er wird treu sein, 
den Monde zu Pulver gestoßen, hat man- 7. Trage dieses Pulver immer bei dir, 
nigfaltige kräfte: so eyner zweyffelt an und du wirst überall geachtet und 
ettlichen zukünfftigen zufeilen oder deinen Feinden zum Schrecken 
Sachen, welcher gestaldt sich die möchten sein 325 ). 

begeben, so streue er dis pulfer auf sein In Ungarn: Zieht man die Haut einer 
heubt, und das heubt mit einem tuch vor dem Georgstage gefangenen S. auf 
umbwunden, und sich schlaffen gelegt, einen Stab, so kann man damit selbst 
so würd er im schlaffe sehen, wie es Eisen zerbrechen; wer aber diese Haut, 
sich begeben werde“ 318 ). Mittelst einer um seinen Hals gewickelt, bei sich trägt, 
S.nhaut vermag man sich unsichtbar der wird glücklich 326 ). In Spanien 


H 53 


Schlange 


1154 


bringt sie Glück im Spiel 327 ); in Sa- die Sprache der Gänse (vgl. A. 289, 

voyen in der Lotterie 328 ). In Biel s. Bd. 3, 294) 342 ). In Finnland wird 

(Schweiz) gilt dagegen das Berühren gegen Wanzen ein S.nkopf in die Wand 

einer S.nhaut für unheilbringend 329 ). verpflöckt 343 ). Mit S.nköpfen wird aber 

Unter die Schwelle gelegt, bewirkt sie auch Hexerei getrieben 344 ). In Nor- 

Unfruchtbarkeit (s. A. 294) bei Mensch wegen würd das Vieh böse, wenn es einen 

und Tier 330 ), oder Haß und Feind- S.nkopf frißt 345 ) (S.nkopf gegen S.n 

Schaft 331 ). s. A. 394). 

Herz (s. Med. A. 529 ff.): Über die Krone: verleiht Reichtum (s. Orakel 
Wirkung des siedenden Herzblutes von A.230; Sagen A. 634 ff.) 346 ), Sieg (s. 

dem Drachen Fafnir s. o. A. 289. 309. A. 309. 360) 347 ), Unsichtbarkeit (s. 

Auch bei den alten Arabern herrschte A. 261. 285. 311. 319. 352) 348 ) und 

der Glaube, daß man durch den Genuß Zauberkraft 349 ). 

von S.nherz und -leber die Tier sprache Leber: s. Medizin. Im Hexenzauber 350 ), 

verstehen könne 332 ). Über einen Fall Schwanz (s. a. Medizin) gegen Vieh- 

von Hellsehen nach dem Genuß eines behexung 351 ). Stein (s. Natur A. 80 ff.; 

S.nherzens berichtet Reichborn S. 27 Medizin) macht unsichtbar (siehe 

(vgl. A. 287). Im Norden wird es auch A. 348) 352 ). 

zum Liebeszauber (s. A. 364) ver- Wirbel: Rosenkränze aus S.nwirbeln 
wendet 333 ), in der französischen Schweiz sind zauberkräftig. Auch die aus den 

zum Zauber überhaupt 334 ). Anderwärts Früchten der Coix lacrimae gefertigten 

gegen Hexerei 335 ). Rosenkränze heißen „Natterbeten“ 353 ). 

Horn: „Von S.nhörnern und S.n- Zähne im Kugelzauber (s. A. 276) 
zungen, vornehmlich im 14. Jh.“ handelt (französ. Schweiz) 354 ). 
ein Aufsatz von Pogatscher in der Röm. Zunge (s. A. 338): Die S.nzunge (s. a. 
Quartalschr. 12 (1898), 162 ff. Das Horn Medizin), als vermeintlicher Sitz des 

(vgl. Natur A. 118) soll zur Erkenntnis Giftes und der verführerischen Über¬ 
giftiger Speisen dienen 336 ). Die redung (s. Natur A. 34), findet natur- 

Knochen dienen nach Plinius (NH. 30, gemäß auch im Zauber ihre Verwen- 

122) zum Herausziehen von Geschossen. duijg 355 ). Im Saterland trug man in 

Kopf: Stärke, Reichtum, Glück einem Westenknopf eine Natterzunge, 

erlangt man, Übel wehrt man ab, das schützte gegen Unheil 356 ). Beim 

wenn man ein „Otterköpfchen“ (Cypraea- Mondwechsel dem Tiere ausgerissen und 

Muschel, die als S.nkopf gilt) bei sich einem Verleumder in die Speise gegeben, 

trägt (s. Muschel Bd. 6, 632 f.) 337 ). j läßt sie dem Verleumder die Zunge 
„Für Hauen und Stächen“ (s. j ansclrwellen (s. Natur A. 123) 357 ). Ein 
A. 261): „von einer S. den Kopf oder die Natternzünglein in das Wetzsteinfaß ge- 

Zungen (s.d.) nähmen an einem Suntag legt bewirkt, daß die Sense gut schnei- 

vor Sonnenaufgang. Sie muß aber noch det 358 ); freilich: wer sich an einer solchen 

lebendig sein, du mußt die Zungen neh- Sense schneidet, dessen Wunde heilt nie 

men und zu Bulfer machen. Nims unter mehr 359 ). Wer 9 S.nzungen bei sich 

den lingen Arm“ 338 ). In einen S.nkopf, trägt, hat Erfolg beim Raufen (s. 

d. h. in die ausgestochenen Augen (s.d.) A. 309) 360 ). Waffen werden treffsicher 

und den Rachen, werden Erbsen gelegt, j (s. A. 276) gemacht 361 ), sich selbst macht 
und der Kopf in feuchter Erde vergraben. I man „fest“ gegen Hauen und Stechen 
Die wachsenden Erbsen werden im Kugel- j (s. A. 261), unsichtbar und fähig alle 
guß verwendet, um die Kugel treffsicher Schlösser zu öffnen (s.o. A. 261. 319) 362 ). 

zu machen (s. A. 302) 339 ). Ein S.n- In Böhmen glaubt man, daß sie Stärke 

köpf bringt Glück im Spiel 340 ), ist verleihe, die Feinde schrecke und schaffe, 

auch gut gegen Zauber und Hexerei | daß man jeden in der Rede überwinde 363 ), 
(s. A. 337) 341 ). Wer Erbsen ißt, die aus i m Norden übt man Liebeszauber (s. 

einem S.nkopf gewachsen sind, versteht A. 333) aus, indem man eine S.nzunge in 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII 


37 


1155 Schlange 115Ö 


die Kleider näht 364 ). Verbreitet ist der 
Glaube, daß eine S.nzunge, in die Peit¬ 
schenschnur geflochten, den Zugtieren 
die Last erleichtere, die Reitpferde hurtig 
mache und sie vor dem Schaden eines 
kalten Trunkes oder des Übersaufens 
bewahre 365 ). Um die Kühe ,,bissen“ 
(pissen) zu machen, stecke man eine 
Natter-Angel (Zunge) in das Ende eines 
Hirtenstocks und stoße ihn in die Erde 366 ). 
In Polen hängt man eine S.nzunge gegen 
Behexung in den Stall 367 ). 

II. S. ist Objekt des Zaubers. 

Das Bannen, Beschwören der S.n 
ist alt und weitverbreitet 368 ). Seit Ein¬ 
führung des Christentums wird es meist 
durch kirchlich sanktionierte Mittel aus¬ 
geübt (s. a. S.nsegen). In Krautergers- 
heim (Elsaß) gilt St. Aper als schlangen¬ 
bannender Heiliger 369 ). Hier sei auch 
eine, obschon außerdeutsche, S.npro- 
zession des hl. Dominikus erwähnt, 
die alljährlich anfangs Mai in dem kleinen 
Abruzzendorfe Cocullo veranstaltet wird 
und darin besteht, daß die Statue des 
Heiligen, behängt mit lebenden ungif¬ 
tigen S.n, durch das Dorf getragen wird, 
um die Gegend vor giftigen S.n zu 
schützen 37 °). Im Attental (Baden) werden 
die S.n durch Bau einer ,,S.nkapelle“ 
gebannt (vgl. A. 375) 371 ). Oft aber sind 
es auch ungeistliche Personen, die den 
Bann ausüben (s. Sagen A. 727 ff.) 372 ). 
Im Elsaß werden die S.n an Petri Stuhlf., 
an Pfingsten oder am Schellentag (2. Don¬ 
nerstag im Februar) durch Lärm ver¬ 
trieben. Dabei in Hindisheim der Spruch: 

Krötte un Schlange üs em Hof, 

Krötte un Schlange üs em Hüs. 

Alli erüs. 

Ein anderer Spruch in Laubach (s. S.n- 
segen) 373 ). In Böhmen fängt man eine S., 
und macht ihr drei Kreuze, je eins auf 
Kopf, Rücken und Schwanz. Wenn diese 
S. zu den anderen kommt, wandern alle 
aus der Gegend 374 ). Im hintern Attental 
(b. Freiburg i. Br.) betet der Bauer zu 
Mariä Lichtmeß (2. Febr.) mit seinen 
Leuten in der S.nkapelle (vgl. A. 371) 
drei Rosenkränze, und nach der Heim¬ 
kehr wird dreimal eine Kette um das 
Haus gezogen, um die S.n fernzuhalten 375 ). ; 


Über S.namulette s. Zauber (A. 259). 
Wirksam ist das Glockengeläute 376 ), 
besonders wenn eine S. in den Guß 
hineingeworfen worden ist 377 ). 

Von Pflanzen ist es namentlich die 
Hasel (s. o. A. 293; Sagen A. 680. 707. 
708) 378 ). Die (naturerklärende) Legende 
erzählt, daß ein Haselstrauch die hl. Maria 
gegen eine aufspringende S. schützte, als 
sie im Walde Erdbeeren für das Jesus¬ 
kind pflückte. Zum Dank habe die 
Jungfrau dem Strauche die Kraft ver¬ 
liehen, vor S.n zu schützen (s. Sage 
A. 709) 379 ). Wenn man einer Kreuzotter 
ein Haselnußblatt hinwirft, verfolgt sie 
einen nicht 38 °). S.n können mit Hasel¬ 
ruten in einen Kreis gebannt und ge¬ 
tötet werden 381 ) oder sie werden 
steif 382 ) (s. Natur, Zauber, Sagen a. a.O.). 
Nach Bernardino da Siena wird eine ge¬ 
gabelte Haselrute gegen den S.nbiß ver¬ 
wendet 383 ). Auch die Esche (Fraxinus) 
ist der S. Feind (s. Natur A. 144 ff.; 
Med. A. 588 a). Mit einem Eschenzweig 
kann sie getötet werden 384 ). Die Wiege 
des S.en-Erlösers ist aus Eschenholz 385 ), 
Eschensaft ist gut gegen S.nbiß 386 ). In 
Devonshire bannt man mit dem Zweig 
der Esche die S.n und nimmt ihnen ihr 
Gift (s. Natur A. 146). Man befestigt 
Eschenzweige am Halse des Viehes, um 
es vor Bissen zu sichern 387 ). Über die 
S. Nfdhoggr und die Weltesche Yggdra- 
sill s. Sagen A. 777. Ähnlich die Birke 
(s. Natur A. 148 f.) 388 ). In einem Halber- 
stadter Hs.-Fragm. des 14. Jh.s wird 
der schon antike Glaube erwähnt, daß 
man S.n in einen Ring von Betonie 
(s. A. 427c) bannen könne 389 ). Seltener 
die Raute (s. d.). Wiesel (s. Natur 
A. 159) bekämpfen die giftigen S.n mit¬ 
telst der Raute (vgl. Med. A. 588), 
welche sie im Mund verbergen 39 °). Gegen 
S.nbiß wird Raute eingenommen 391 ). 
Natterwurz (s. Natur A. 47) vertreibt 
S.n im Haus (Graubünden, 15. Jh.) 392 ). 
Auch der Farn ist ihnen feindlich 393 ). 

Um S.n zu vertreiben, halte man sich 
einen roten Hahn oder trage einen 
S.nkopf (s. o. A. 337 ff.) bei sich 394 ). 
Vor den milchsaugenden S.n schützt 
sich das Volk durch einen weißen 


> 


1157 


Schlange 


1158 


% Hahn 395 ), vor S.n überhaupt, indem 
man einer Hauss. ein Kreuz auf den 
Kopf macht 396 ). Daß die S. mit dem 
Hirsch feind ist, zeigte schon das Kap. 
Natur (A. 164 f.). Durch den Geruch 
1 i des Hirschhorns werden nach jüdischem 

* und römischen Glauben S.n gebannt 397 ) 
(vgl. Medizin A. 439. 588); in Rom auch 
durch Ziege nhufe 398 ) (vgl .Medizin A. 604). 
Über den Adler als S.nfeind s. d. (Bd. 1, 
181. 183 Anm. 106). 

Die Pennsylvania-Deutschen verbrennen 
. alte Schuhe und Tischtücher (s. Kult 

** i x 

A. 218), um die S.n zu vertreiben 3 "). Die 
V Kroaten gießen Rübensuppe um den 
Hausgrund 400 ), in Ungarn vertreibt sie 
■ schon das Schlüsselrasseln der Haus¬ 
frau 401 ). Über weitere Abwehrmittel 
des Altertums und des Mittelalters s. 
Franz Bened. 2,173; Pradel Gebete 120 f. 

Wer S.n vor dem Georgstag erblickt, 
vor dem fliehen sie stets (Böhmen) 402 ). 

1. Segen zur Beschwörung und gegen den 
Biß der S.n s. Schlangensegen. 
S.n werden auch dadurch vertrieben, 
daß man eine verbrennt 403 ) oder sonst 
tötet 404 ). Man muß sie aber töten, bevor 
sie einen sieht 405 ). Eine S. zu töten 

• bringt Glück (s. a. Sagen A. 635. 675) 406 ). 
Man kann sie durch Menschenharn töten 
(Val de Bagnes, Kt. Wallis) 407 ), nament¬ 
lich aber durch Speichel (s. Natur A. 73; 
Medizin A. 597) 408 ). 

Zauberische Mittel gegen den S.n¬ 
biß (s. Natur A. 124 ff.) gibt es in großer 
Zahl, und es ist nicht immer leicht eine 
Grenze zu ziehen zwischen Zauber- und 
Volksmedizin (s. d. A. 570 ff.). Verschie¬ 
denes aus dem Altertum u. Mittelalter 
führt Franz [Bened.) an 409 ). 

In Pommern wird der Biß mit einem 
Rasenstück bestrichen, das wieder ein¬ 
gesetzt wird 410 ), oder mit einem Woll- 
faden umwunden 411 ), in Mecklenburg 
oberhalb und unterhalb der Wunde ein 

1 

seidenes Band, welches eine Braut an 
ihrer Krone gehabt hat, umgewickelt 412 ). 
In Norwegen dagegen läßt man prophy¬ 
laktisch eine S. in ein seidenes Hals¬ 
tuch beißen, dann schadet ihr Biß nicht 
mehr 413 ). In der Kaschubei wird das 
gebissene Glied mit einem Brautgürtel 



abgebunden 414 ). In der Oberpfalz wird 
eine vor Walpurgis gefangene S. pul¬ 
verisiert und dieses Pulver auf die 
Wunde gelegt oder eingenommen 415 ), bei 
den Pennsylvania-Deutschen ist es eine 
Kröte, die, aufgelegt, das Gift aus der 
Wunde zieht 416 ). Im Erzgebirge hilft 
das Einnehmen eines Gänseeies (s. 
Med. A. 408 und Bd. 3, 296) 417 ). Gegen 
S.nbiß ist man geschützt, wenn man an 
Karfreitag oder Christabend die Schuhe 
putzt (Westf., Neumark) 418 ), sich am hl. 
Abend oder zu Ostern die Füße wäscht 
(Erzgeb.) 419 ); dagegen darf der Gebissene 
nicht in ein Haus gebracht werden, wo 
ein Feuer brennt (Meckl.) 420 ). Ver¬ 
breiteter ist die Meinung, daß der Ge¬ 
bissene, wenn er vor der S. an oder über 
das nächste Wasser gelangen könne, 
gerettet sei, andernfalls sterben müsse 
(vgl. Natur 32; Sagen A. 658) 421 ). 
Nackte Menschen werden nach älterem 
Glauben von S.n geflohen 422 ), auch 
Schlafende verschont 423 ). Ebenso 
Sonntags-, Donnerstags- u. Weihnachts¬ 
kinder 424 ). Merkwürdig ist der Pfälzer 
Aberglaube, über den eine Zeitung des 
18. Jh.s berichtet: ,,Die Frauenspersonen 
verstecken diese Nacht (Fastnacht) ihre 
Spinnräder, umwinden ihre Rocken 
und glauben, daß sie dieses Jahr weniger 
S.n sähen“ 425 ). Verwandt bei den Esten: 
„Am Matthiastage (24. Febr.) lassen 
sie keine Spindel im Hause sehen, 
sondern verstecken solche mit Fleiß, und 
wollen dadurch verhüten, daß ihnen die 
S.n Schaden zufügen sollen“ 426 ). Wer 
an Fronfasten grasen ging, über den 
kamen giftige S.n 427 ). 

Vereinzelte S.nmagie: Salbei, 
in eine Lampe geschüttet, läßt das Haus 
voll S.n erscheinen (Tirol) 427 a ). ,,Daß 
eine Kammer voller Schlangen zu 
sein scheint. Schlage eine Schlangen 
zu todt, thu sie in einen neuen Topf mit 
einem Wachs über das Feuer, koche sie 
biss sie eindorret, darnach mit demselben 
Wachs mache eine Kerze oder Licht, 
und zu Nacht zünde es in einer Kammer 
an, so scheinet sie voller Schlangen“ 427 b ). 
,,Daß sich die S.n untereinander zerbeißen: 
nimm Betonien (s. A. 389), mach um 

37* 



H 59 


Schlange 


1160 


die S.n einen Ring; ehe sie aus demselben 
kriechen, eher zerbeißen sie einander 
selber“ (Berner Rezeptbuch) 427 c ). 

Sonstiger Aberglaube: Wenn man 
Farnkraut bei sich trägt, so wird man 
von S.n verfolgt 427 0 ). Wenn man zum 
erstenmal eine S. gesehen hat, darf man 
es nicht erzählen; sonst sieht man in 
diesem Jahre keine mehr; d. h. wohl: 
das Glücksorakel (s. Orakel A. 221) ist 
wirkungslos geworden (Norwegen) 427e ). 
Uber die Verwandlung in ein anderes 
Geschlecht bei Beobachtung sich kopu¬ 
lierender S.n s. Am. Joum. Philol. 49, 
267—275 (,,Teiresias and the snakes“). 

258 ) Verschiedenes bei Küster Schlange 
112 ff. Anm.; Gressmann Der Zauberstab 
des Mose und die eherne Schlange ZfVk. 23, 18 ft. 
259 ) Vermischtes: Howey Encircled Serpent 
197 ff. Antike: Pauly-Wiss.i, 77; 2. R. 2, 1, 
518; Reichborn-Kjennerud Ormen 28 (Wir¬ 
belsäule der S.; verweist auf Plinius NH. 29, 


mann 80. 282 ) Ebd., 52 (334). So. 283 ) Zin- 

gerle Sagen 184; Rochholz Naturmythen 
197 f.; ERE. 11, 419; Reichborn-Kj. 20; 
Storaker Natur 241 f. 284 ) Alemannia 2, 132 
(aus der Baar); Bugge Heldensage 126; Germa¬ 
nia 11, 395. 398. 400. 285 ) Leoprechting 

Lechrain 77; Glück auch in Frankreich: Se- 
billot 3, 285. 286 ) Bechstein Thür. Sagenb. 

1, 221; Alpenburg Tirol 378. 287 ) Hembygden 
(Göteborg) 1927, 70. 288 ) Notes & Queries Vol. 
152, 386. 442; Phipson Animal Lore of Shake¬ 
speare’s Time 315 (n. Boorde Dyetary 1542, 
vom jüdischen Volksglauben); Sebillot 3, 294. 
S. verjüngt sich selbst (vgl. Natur A. 69. 
125): Delrio Disquis. (1679) 225. 289 ) Das 

Lied von Fafnir (Fäfnismol): Übers, v. Hugo 
Gering S. 207, der den isländischen Glauben 
erwähnt, daß ein Rabenherz oder eine Stein¬ 
falkenzunge dieselbe Wirkung habe; Panzer 
Beitr. 1, 350 f. 290 ) Grimm KHM. Nr. 17, dazu 
Bolte-Polivka 1, 131 ff. (mit reicher Litera¬ 
tur); Aarne FFC. Nr. 15; Panzer Sigfrid 
101 f.; Kuhn u. Schwartz 154; Grimm 
Sagen Nr. 132 (Seeburger See); Rochholz 
Nat. Mythen 197 f.; Henne Volkssage 113; 
Liebrecht Gervasius 155 Anm.; Alemannia 2, 


67); Seligmann Blick 2, 130; Grimm Myth. 132 (a. d. Baar); ZfVk. 11, 12 (Tirol); Sepp 

2, 982 (Zauber mit S.en - Partikeln, n. Hincmar Altbayr. Sagen 615 f.; Leoprechting Lechrain 

v. Reims [9. Jh.] 1,654); Büd oder Kopf einer 77; Peuckert Sckles. Sagen 238; Drechsler 

S. als Abwehr des Übels: Reichborn-Kj. 22. 2, 182 (Gänsesprache); Peter Österr. Schlesien 

S.en-Armbänder: Hovorka-Kronfeld 1, 2, 32 (ebenso); Kühnau Sagen 2, 389 (ebenso); 

381. 26 °) Seyfarth Sachsen 260 f. 261 ) Krön- Grohmann Aberglaube 202 (ebenso); s. a. 

feld Krieg 98. 262 ) Alpenburg Tirol 378; Gans: 3, 294 u. Eckart Südhann. Sagenb. 

Zingerle Sagen 184. Vor dem heil. Adalbert- uöf.; Hovorka-Kronfeld 1, 383. Frank¬ 
tage fange man eine Schlange, darauf lege reich: Sebillot 3, 293 t.; Antike Parallelen: 

man sie am Feste in ein Gefäß voll Milch, Reichborn-Kj. 21. 38 Anm. 120; Storaker 


und dann brate man sie lebendig in einem 
neuen Topfe; wer die gebratene Schlange ver¬ 
zehrt und die Milch austrinkt, der erblickt 
alle Schätze der Welt und wird deren Herr (Po¬ 
len). Urquell 3, 239. 263 ) ZfVk. 25, 226 

(allwissend, reich, unsichtbar). 264 ) Wuttke 
153. 265 ) Agrippa v. Nettesheim 1, 232; 

Alpenburg Tirol 303. 266 ) Reichborn-Kj. 

20. 267 ) ebd. 38 A. 110. 268 ) Jühling Tiere 

269. 269 ) Meiche Sagen 511. 27 °) Zingerle 

Sagen 183. 184; Alpenburg Tirol 302 f. 378 
(Kräuter- und Blumensprache verstehen); Sepp 
Altbair. Sagen 615 f.; vgl. Rochholz Naturm. 
197 f.; Grohmann 230. 271 ) Liebrecht 

Z. Volkskunde 333; Reichborn-Kjennerud 
23 u. Anm. 139 (mit weiterer Lit.; in Schweden 
genau wie Plinius); Storaker Natur 229; 
Agrippa v. Nettesheim 1, 232. 272 ) Alpen¬ 
burg Tirol 398. 273 ) Grohmann Aberglaube 

141 Nr. 1029. 274 ) Agrippa v. Nettesheim 

1, 215 f. 275 ) Urquell 3, 238. 276 ) MSchlesVk. 

H. 15, iii ; Wlislocki Sieb. Volksgl. 181; BlPom- 
Vk. 8, 94; Doebel Jäger-Practica 3 (1745), 117 
(auf eine Eiche schießen; vgl. Natur A. 150); 
Müllenhoff Sagen 229 f. (wenn ein Gew’ehr 
behext ist); Liebrecht Z. Volkskunde 332 
(Norwegen). 277 )ZfVk. 8, 173 (Tirol). 278 ) John 
Westböhmen 324. 279 ) Hembygden 6 (1915), 

84, 19. 28 °) Fataburen 1906, 240. 281 ) Groh- 


Natur 241 f.; Pauly-Wiss. 1, 77; 2. R. 2. 1, 
508 (Meiampus, Kassandra u. a.); Lenz Zool. 
459 (Plin. NH. 29, 4, 22); W. R. Halliday 
Greek Divination (London 1913) p- 77- 83. 88; 
Tawney-Penzer The Ocean of Story (London 
1924 fr) 2, 108; AmJournPhilol. 49, 267 f.; 
Bolte-Polivka 1, 133. Alt-Arabien: Stern 
Türkei 1, 433 (ohne Quelle). Orient : 
Höfler Organotherapie 223. 2äl ) Storaker 
Natur 242. 292 ) ZfdMyth. 2, 117. 293 ) Baum¬ 
garten Aus der Heimat 2, 90. 294 ) Hexen¬ 

hammer 2, 76 f. (S. unter Schwelle, Abtrei¬ 
bungen); Montanus Volksfeste 179 (wohl nach 
dem Hexenhammer). — Plinius NH. 30, 128: 
,,Viperam mulier praegnans si transcenderit, 
abortum faciet". 295 ) Alpenburg Tirol 398. 
296 ) Urquell 3, 239. 297 ) Reichborn-Kj. 14 ff. 
298 ) Wolf Beitr. 2, 445; ZfVk. 3, 175 (Tirol). 
2 ") Berthold Unverwundbarkeit 64. 30 °) s. o. 

A. 258 ff.; Urquell 3, 238 (Polen). 301 ) Birlin- 
ger Aus Schwaben 1, 108. 302 ) Ebd. 303 ) Henne 
Volkssage 117; Aubert et Bourrilly Objets 
talismaniques (1907) p. 11; Grohmann Sagen 
220. 304 ) Grässe Preuß. Sagen 2, 894; Kron- 
feld Krieg 192. 305 ) Storaker Natur 241. 

306 ) Grohmann Abergl. 81. 307 )Ebd. 308 )SAVk. 
19, 228. 309 ) ERE. 11, 419b. 3l °) Birlinger 

Aus Schwaben 1, 109 f. 311 ) Zeit sehr. f. d. Myth. 
3, 332 (Arzneibuch Anf. 17. Jh.). 312 ) Luck 


Schlange 


IIÖ2 


X16l 

Alpensagen 43; Reichborn-Kj. 28; Aubert 
et Bourrilly Objets talismaniques (1907) p. 11. 
- 313 ) Grohmann 81; Seligmann Blick 2, 131; 
Sebillot 3, 285. 314 ) Wlislocki Magyaren 90. 
- 315 ) Urquell 3, 238. 3l6 ) Birlinger Aus Schwa¬ 
ben 1, 110. 3l7 ) Pauly-Wiss. 1, 77; 2. R. 2, 1, 
506 (Pallad. IV, 10, 3; XII, 7, 4). 3l8 ) Zeitschr. 
f. d. Myth. 3, 332 (Arzneibuch Anf. 17. Jh.). 

In Frankreich (Gironde) verschafft sie den 
Rekruten eine glückliche Losnummer, Sebillot 
3, 285. 319 ) Alpenburg Tirol 368; vgl. Aubrey 
Remaines 53 f. 181. 32 °) Birlinger Aus Schwa¬ 
ben 1. 109. 321 ) Ebd. 110. 322 ) Baumgarten 

A. d. Heimat 2, 94 (Ob.-Österr.). 323 ) Staricius 
Heldenschatz (1679) 91; vgl. Schröder Aber¬ 
glaube (1886) 107. 324 ) Jühling Tiere 159; Bir¬ 
linger Aus Schwaben 1, 110. 325 ) Grohmann 
81. 328 ) ZfVk. 4, 400. 327 ) Llano Roza Folkl. 
Astur. 143; Kopfhaut e. S. in Stock: auf dem 
Jahrmarkt Glück (Polen) Urquell 3, 238. 
328 ) v. Gennep Religions 3, 261. 329 ) SchwVkde. 
10, 36. 33 °) Hexenhammer 2, 76. 219. 331 ) 

Ebd. 2, 218. 332 ) Stern Türkei 1, 433; Hopf 
Tierorakel 183 (s.o. A. 290); SAVk. 14, 293. 
333 ) Reichborn-Kj. 23 u. Anm. 141. 142. 
Die S. im Liebeszauber: bei Properz III, 6, 28; 
Urquell 3, 239 (Polen). 334 ) SAVk. 14, 293. 
335 ) Höfler Organother. 2, 62 (n. Schröder 
1683); Seligmann Blick 2, 131 (s. o. A. 325). 
338 ) Hansen Zauberwahn 252. 337 ) Wuttke 

116 § 153; 306 § 451; 309 § 455 (Süd-Dtschl.); 
S.enkopf in der Tasche verschafft Glück im 
Spiel: Henne Volkssage 119 f- (dazu eine 
Sage aus dem Solothurnischen); ZfVk. 4, 83 
(Mittelschlesien); Rochholz Naturmythen 201 
(Tirol). S.enkopf gegen Hexe: Krauss Sl. 
Volkforsch. 66. 338 ) SAVk. 7, 51. 339 ) Bir¬ 

linger Aus Schwaben 1, 108 (nach Lutzen 
1670); Kronfeld Krieg 112T; John West¬ 
böhmen 329; SAVk. 7, 52; SchwVkde. 12, 49 
(französ. Schweiz). 34 °) Herzog Schwei zersägen 
2, 83. 341 ) Reichborn-Kj. 26. 342 ) Groh¬ 
mann Abergl. 202. 343 ) Hembygden 6 (1915), 

84 Nr. 19. 344 ) Hexenhammer 2, 219. 345 ) 

Reichborn-Kj. 23. 346 ) Hauffen Gottschee 

97; Wlislocki Sieb. Volksgl. 181. Zum Geld 
gelegt, bewirkt die Krone, daß das Geld nicht 
abnimmt. Andrian Altaussee 141; Ho¬ 
vorka-Kronfeld 1, 268 (rum. Ungarn). 

347 ) Reu sch Samland 42. 43 (die Sage vom 
Alten Fritz u. s. Dragoner). 348 ) Schmeller 
Bair. Wb. 1, 1373; Andrian Altaussee 141 
(weißes Kelchtuch hinlegen). 349 ) Grohmann 
Abergl. 79; Urquell 3, 239 (Polen). 35 °) 
Jahn Pommern 13. 351 ) Arch. f. Kultg. 10, 

112 (1521). 352 ) Lütolf Sagen 326 (Cysat). j 

353 ) Andree-Eysn Vkdl. 142. 354 ) SAVk. 19, 

227. 355^ Pogatscher Von S.enhörnern u. 

S.enzungen. Röm. Quartalschr. 12 (1898), 
162 ff. Im 16. Jh. schenkte man sich im Norden 
Otternzungen. Troels-Lund Dagligt Liv 
i Norden 14, 18. 356 ) Strackerjan 1, 68; 

2, 172; vgl. Reichborn-Kj. 28 (im MA. gegen 
Verhexung); in Frankreich Glück: Sebillot 

3, 285. 357 ) St oll Zauberglaube 42. 358 ) Ebd. 


194; Manz Sargans 145 (m. Lit.); Luck 

Alpensagen 43. (Schweiz); Germania 36, 384 
(Steierm.). 359 ) Stoll ebd. 38 °) Leoprechting 
Lechrain 77 f.; Wuttke 116 §153 (Lahr). 

381 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 108 f.; Kron¬ 
feld Krieg mf.; John Westböhmen 327 f.; 
ZfVk. 8, 173 (Tirol). 382 ) Alemannia 2, 132 
(Baar); SAVk. 7, 51 (Fest); Alpenburg Tirol 
377 ff.; Bartsch Meckl. 2, 349 (in Schuh). 
363 ) Grohmann Abergl. 81. 384 ) Reichborn- 

Kj. 23 u. Anm. 141. 365 ) Grimm Myth. 2, 

573 : 3 » 44 ° Nr. 174 (n. d. Chemnitzer Rocken¬ 
philos.); BIPomVk. 8, 94; Staricius Helden¬ 
schatz (1679) 354 f. Panzer Beitrag 2, 206; 
Leoprechting Lechrain 78; Birlinger Aus 
Schwaben 1, 109; Witzschel Thüringen 2, 
277; ZfVk. 8, 173 (Tirol); Wirth Anhalt 273; 
SAVk. 6, 57 (Berner Arzneibuch); Andree 
Braunschweig 426 (über dem Pferd anbringen). 
366 ) Bartsch Mecklenburg 2, 149. 367 ) Urquell 3, 
238. 388 ) Sepp Religion 299 (Altertum, christ¬ 
lich, durch Götter, Helden, Heilige); Howey 
Encircled Serpent 187 ff.; Anhorn Magiologia 
(1674) 923 — 945 (ausführlich); Beispiele von 
S.enbeschwörern 932 f. 934 (Salzburg); Delrio 
Disquis. (1679) 126 f.; Kohlrusch Sagenb. 
48; Jegerlehner Sagen 2, 24. 275; Lütolf 
Sagen 243; Fient Prättigau 240; Schulen¬ 
burg Wend. Vt. 49; MSchlesVk. H. 5 (1898), 
47; Rochholz Naturm. 202; Franz Bene¬ 
diktionen 2, 171 ff. (christl. Beschwörungen 

seit dem 9. Jh.); Franz Nicolaus Jawor 
186; ZfVk. 8, 342 (St. Patrick); Storaker 
Natur 237 f. 389 ) Elsaßland 14, 36. 37 °) S. die 
Abbildung, nach Photographie, in der ,,Zürcher 
Illustrierten" vom 3. Juni I 93 2 - I n Nino 
Usi abbruzesi konnte ich den Brauch nicht 
finden. 371 ) Meyer Baden 79. 495 f. 372 ) Reich¬ 
born-Kj. 11 (für Skandinavien), wo auch 
S.ensegen, ohne Texte, erwähnt werden; Meyer 
Germ. Myth. 98; Meyer Baden 80 (Bayern, 
Westfalen); Panzer Beitr. 2, 272 (1611); Jahn 
Pommern 22 f. (mit Pfeife S.en zusammen¬ 
geschart). 373 ) Elsaßland 14, 38. 374 ) Groh¬ 
mann Abergl. 79. 375 ) Meyer Baden 

80. 495; Knuchel Umwandlung 85. 378 ) ZfVk. 
7, 362 (zit. Kuhn Mark. Sagen 169); Jahn 
Pommern 217; Grässe Preußen 1, 99 f. (s. a. 
2, 454); Otte Glockenkunde 173 f. Anm. 4); 
Meyer Germ. Myth. 99; Temme Altmark 115. 

377 ) Temme ebd.; Kuhn ebd.; Sepp Altbay. 
Sagensch. 313; Lippert Christentum 494. 

378 ) Sloet Dieren 335 (zit. Menzel Odin 115; 

Kuhn Herabkunft 201. 229); Bartsch Meckl. 
2, 452; Eisei Voigtl. 153; Dähnhardt NS. 
2, 44. 379 ) Dähnhardt Natursagen 2, 44; 
ZfVk. 11, 7 (zit. Vonbun Volkssagen a. 

Vorarlberg 7 [2. Aufl. 177!.; Ders. Beiträge 
127]); BüchliSagtfw a.Graubünden 2 Sgi. 

38e ) BayerHefte 1, 108. 381 ) ZfVk. 11, 7 (zit. 

W. Hertz Die Sage vom Giftmädchen S. 17 
Anm.); SAVk. 6, 54; BayerHefte 1, 108; 
Rochholz Naturmythen 196; Kuhn Herab¬ 
kunft 220; Büchli Sagen a. Graubünden 2 
(1935), 89 f.; Meiche Sagen 636; ZfdMyth. 2, 


Schlange 


1163 


II64 


295 (Göttingen); Zingerle Tirol 104 Nr. 887; 
Cers. Sitten 63; Baumgarten Aus d. Heimat 1, 
136. 382 ) Elsaßland 14, 37. 383 ) ZfVk. 22, 126 = 
Zachariae Kl. Sehr. 354; einjährige Hasel: 
Amersbach Grimmelshausen 2, 56. 384 ) Panzer 
Beitrag 251 f.; Kuhn Herabkunft 220; Henne 
Sage 91. 385 ) Wucke Werra 2. 386 ) Black 

Folk-Medecine 196. 387 ) Henne Volkssage 91. 

388 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 266. 389 ) ZfdPh. 
32, 165; nach Macer Floridus De virtutum 
herbarum u. dieser nach Plinius NH. 25, 101; 
Schönbach Berth. v. Regensb. 41. 39 °) Alpen- 
bürg Tirol 383. 391 ) Jörimann Rezeptarien 

157 (dort wird S. 125 aus einem Bamberger 
Rezeptarium auch die „Coniza" genannt. — 
Vgl. auch Arnald von Villanova Breviarium 
1 . III, c. 19, opp. p. 1357. 392 ) SAVk. 27, 88; 

Ho vorka-Kronfeld 1, 325 (n. Dioskurides); 
s. a. A. 408. 393 ) Kuhn Herabkunft 222. 394 ) 

6. u. 7. Buch Mosis 59; Jahn Pommern 177; 
BIPomVk. 8, 93. 395 ) Vernaleken Alpensagen 
264. 39€ ) Grohmann 79. 397 ) Jb. f. jüd. Vkde. 
1, 299; Lenz Zool. 473 (nach Palladius De re 
rust. 1,35,11). 398 ) Lenz ebd. 399 ) Fogel Penn- 
sylv. Germans 220. 4 °°) Sartori 3, 116 (n. Ethn. 

Mitt. a. Ungarn 4, 172). 401 ) ZfVk. 4, 396. 402 ) 
Grohmann 82. 403 ) Fogel Pennsylv. Germans. 
2 i 9 - — Im Johannisfeuer: Sebillot 3, 280. 
Über eine rituelle Verbrennung von S.en, mit 
Prozession, in Luchon (Pyrenäen) s. Mann¬ 
hardt 1, 515 f. 404 ) SAVk. 14, 293 (Val de 
Bagnes, KI. Wallis). 405 ) RTradpop. 27, 474. 
406 ) Sebillot 3, 279 (gelingt es nicht: Unglück); 
zuerst im Frühling: Urquell 3, 238 (Polen); 
Feinde bezwingen: Notes & Queries (1859) 
S. 90. 407 ) SAVk. 14, 293. 408 ) Megenberg 261 
(Ambrosius, nach Aristoteles, s. Lenz Zoologie 
437); Sebillot 3, 265; Hovorka-Krönfeid 1, 
325: Natternkopf (Echium) ins Maul gespien 
(vgl. Anm. 392). 409 ) Benediktionen 2, 173 

(Cato De agric. c. 102; Columella De re rust. 
1 . VI, c. 1; Megenberg 249: Krebse. 273: S.en- 
leber. 317: Kastanie. 322: Saft des Feigen¬ 
baums; u. weitere Quellen). Indien: ERE. 11, 
417a. 41 °) Jahn Pommern 154 Nr. 475. 411 ) 

BIPomVk. 8, 94. 412 ) Bartsch Mecklenburg 

2 > 453 f- 4l3 ) Land stad Fra Telemarken (1927) 
83. 414 ) Hempler Psychol. 31. 415 ) Schön¬ 

werth Oberpfalz 3, 266; in Böhmen eine, 
pulverisierte S.enhaut: Grohmann 81; in 
Brasilien das Schwänzende einer S.; Hovorka- 
Kronfeld 2, 383. 416 ) Fogel Pennsylv. Germ . 
291. 417 ) Wuttke 74 § 85. 418 ) Ebd. § 87; 

Kuhn Westf. Sagen 2, 134; Aigremont Fuß- 
erotik 6 1. 4iy ) John Erzgebirge 112; Witzschel 
Thüringen 2, 198. 42 °) Bartsch Meckl. 2, 453. — 
Weiterer Aberglauben: Frankreich: Wenn 
man im Frühjahr den ersten Schmetterling 
tötet, ist man das ganze Jahr gegen S.enbiß 
geschützt, ebenso wenn man am Petrustag 
(wohl Petri Stuhlf., 22. Febr.) nichts Spitzes 
in die Hand nimmt. Sebillot 3, 266. Wir¬ 
kungslos ist das S.engift zwischen den Marien¬ 
tagen (M. Himmelf. u. M. Geb.). Ebd. 3, 276. 
Franz. Schweiz: Gegen S.enbiß wird die 


m 


Wunde mit einem Geldstück umfahren; 
SAVk. 12, 109; Knuchel Umivandlung 70. 
421 ) Grimm Myth. 1, 487 A. 4 (n. Lenz S.en- 
kunde 208); Drechsler Schlesien 2, 291; 

Grabinski Sagen 43; Rogasener Familienbl. 
1, 44; Bartsch Mecklenburg 2, 452 f. (Füße- 
waschen); Vernaleken Mythen 313; ZfVk. 8, 
173 (W r asser trinken: Tirol); Grohmann 
Abergl. 80; BIPomVk. 8, 93; ZföVk. 4, 216 
(Rumänen, Bukowina); Reichborn-Kj. 11 
(zitiert Feilberg Dansk Bondeliv 1, 322, un¬ 
auffindbar); Storaker Natur 227; Sebillot 3, 
275. 422 ) Carus Zoologie 334 (bei Epiphanius 

umgekehrt); Sebillot 3, 269 (MA.); Physio- 
logus, in Hoffmanns Fundgruben 1,29; Lau- 
chert Physiologus 15; Megenberg 261; Arch. 
f. neu. Spr. 55, 284 (Kreßner). 423 ) Megen¬ 
berg 281. 424 ) Storaker Natur 136 t. 232 

(darum darf man auch keine schlafende S. 
töten). 425 ) Becker Pfälzer Vkde. 141; Schra- 
mek Böhmerwald 135; vgl. Schönwerth Ober- 
pfalz 1, 417. 426 ) Boeder Ehsten 77. 427 )Leh- 
mann Sudeten 147. 427a ) Alpenburg Tirol 399. 
427 b) SAVk. 6. 54. 427 c) Ebd. 57. 42? d) Grimm 

Myth. 2, 1013 (ohne Ortsangabe); Perger 
Pflanzensagen 215 (n. Grimm). 427 Q Liebrecht 
Zur Volkskunde 332. 

6. In der Volksmedizin wird die S. 
begreiflicherweise sehr häufig verwendet, 
und nicht immer ist die Grenze gegen 
den Zauber scharf zu ziehen. Der Glaube 
an die heilbringende S. wird wesentlich 
gestützt durch die Erzählung 4. Mose 21, 
9, wonach derjenige, der die eherne S. 
anblickte, vom S.nbiß geheilt wurde (s. 
ZauberA. 409 ff. u. unten A. 570 ff.). Aber 
auch sonst ist die magisch-medizinische 
Verwendung der S.n schon seit frühen 
Zeiten nachgewiesen 428 ). Zuweilen sind 
sie das Symbol bestimmter Krank¬ 
heiten 429 ). Daß die Hauss.n neben 
anderem Übel auch Krankheiten ab- 
wehren, ist oben gezeigt worden (Kult 
A. 212). Dank ihrer Klugheit kennt die S. 
das heilende Lebenskraut (s. Sage 
A. 744) 430 ). S.n waren noch bis ins 
18. Th. ein medizinischer Handels¬ 


A. 744 ) 430 ); 
18. Jh. ein 

artikel 431 ). 

satz von D. 


artikel 431 ). Einem (undatierten) Auf¬ 
satz von D. Mathiex in der Pariser 
„Liberte“ ist zu entnehmen, daß eine 
der Madame de Sevigne bekannte Dame 
durch Vipembouillon von schwerer Krank¬ 
heit geheilt worden sei (vgl. auch Sloet 
Di er 67 t 329 t.). Als die Königin Anne 
d’Autriche 1663 von einem heftigen 
Fieber ergriffen wurde, verordneten ihr 
die Ärzte einen ,,Schlangentee“, von dem 


1165 


Schlange 


II66 


r * ♦ 

f, 

fi 

; I 


sie mit „einer bewunderungswürdigen 
Schnelligkeit“ genas. Im 17. Jh. war 
die Verwendung von Schlangen für Arznei¬ 
mittel so groß, daß die Tiere zu Tausenden 
immer in Bündeln von zwölf zusammen, 
nach Paris gebracht wurden. Als im 
Jahre 1820 die französische Akademie 
der Wissenschaften von dem Ministerium 
des Innern angefragt wurde, ob die Ein¬ 
führung giftiger S.n verboten werden 
sollte, forderte ein Mitglied dieser ge¬ 
lehrten Körperschaft, daß eine Aus¬ 
nahme bei den Vipern gemacht würde, 
die „einen wichtigen und nützlichen 
Handelszweig darstellten“ (vgl. auch 
Sebillot 3, 288). 

Marshall führt folgendes an: Die 
Kreuzottern werden noch vielfach zu 
medizinischen Zwecken benutzt, nament¬ 
lich ist die in bergigen, trocknen, sandigen 
Gegenden lebende wegen ihrer vermeint¬ 
lichen großem Heilkraft sehr bevorzugt. 
Die „allerbesten“ waren die schwarzen, 
welche eine häufige Varietät gerade an 
feuchten Stellen bilden 432 ). 

S.nbestandteile enthielt auch ursprüng¬ 
lich der Theriak 433 ). Der Genuß von 
S.n fleisch verjüngt (A.546 und Zauber 
A. 288) 434 ).„Wider den aussatz. Nim 
eine S. vnnd schneidt ihr den kopff vnnd 
den schwantz abe, fünf finger lang auff 
allen beiden Seiten vnnd nim die einge- 
weidt herauß vnnd thue darzu schmer 
vnnd dasselbe fleisch vnnd seudt in 
wasser vnnd mache darauß einen tranck 
vnnd thue darzu Zucker“ 435 ). Gegen 
Zahnweh 436 ) und Bauchwassersucht 
(wo?) 437 ) wird eine S. angebunden. 
Für die besonderen Krankheiten s. das 
folgende und die einzelnen Teile der 
S. 438 ). Selbst Hirsche (s. Natur A. 
164 t.; Zauber A. 397; unten A. 588) 
fressen nach einem alten Glauben S.n 
zur Heilung 439 ). 

Oft wird die S. getrocknet oder ver¬ 
brannt, pulverisiert, und das Pulver 
bzw. die Asche zu Heilzwecken ver¬ 
wendet (s. auch Fleisch der S.: A. 
476 h.) 44 °). Gegen Augenkrankheiten 441 ), 
Aussatz: S.nasche in Wein 442 ); gegen 
Bräune wird eine S. mit einem roten 
Faden erwürgt u. dieser dem Kranken 


der 


ver¬ 


um den Hals gewickelt 443 ). Geschwüre 
werden mit dem Pulver bestreut 444 ), 
gegen Gicht (Plinius?) 445 ), Hautkrank¬ 
heiten (Plinius, Hippokrates u. a.) 446 ), 
Krebs 447 ), Kropf (Plinius) 448 ), Ohr¬ 
krankheit (id.) 449 ), giftige Wunden 45 °), 
Zahnweh 451 ). Gegen Magenkrank¬ 
heiten werden Votivs.n dargebracht 452 ). 
Auch in der Tiermedizin findet das 
S.npulver Anwendung 453 ). 

Einzelne Teile der S.: Auge: Auf 
leidende Augen band man das rechte 
Auge einer S., die man aber leben 
ließ 454 ), im Altertum gegen Schnupfen 455 ). 

Blut: Gegen Blutspucken wird ein 
in Vipernblut getauchter Faden (s. a. 
A. 564) um den Hals gelegt 456 ). 

Ei (s. a. Natur A. 83). Gegen Epi¬ 
lepsie gebe man dem Kranken einen 
Kuchen aus S.neiern zu essen (Böh¬ 
men) 457 ). 

Fett (s. Zauber A. 304) 458 ): 
Gegen Asthma 459 ), Augenkrank¬ 
heiten 46 °), Darmsucht 461 ), Epilep¬ 
sie 462 ), Gebärmutterkrankheiten 463 ), 
Gelenkentzündung 464 ), Rheumatis¬ 
mus 465 ), Harn- 466 ), Herz- 467 ), Ohren¬ 
leiden 468 ), Schmerzen 469 ), Schwind¬ 
sucht 470 ), Veitstanz 471 ), Verren¬ 
kung 472 ), Wunden 473 ). Aus Böhmen 
ist der merkwürdige Glaube bezeugt, 
daß ein Mensch, der sich mit S.nfett 
ein schmiere, sich bewegen könne, wie 
er wolle, ja sich sogar wie ein Rad zu- 
sammenrollen (Schlangenmensch!) 474 ). 
Fett in der Pferdemedizin s. DWb. 9, 
458; gegen „Feuer“ der Schweine 475 ). 

Fleisch (s. o. A. 431 ff.), bzw. ein Ab¬ 
sud davon oder Spiritus, schon in der 
antiken Medizin 476 ). Das Fleisch der 
weißen S. (s. Natur A. 35; Zauber A. 
287) (hvidorm) heilt nach norwegischem 
Glauben alle Krankheiten 477 ). Be¬ 
stimmte Krankheiten: Augenleiden 478 ), 
Aussatz 479 ), Drüsen (Kropf) 48 °), 
Epilepsie 481 ), Menstrualblutvergif- 
tung 482 ), Nervenleiden 483 ) Schwind¬ 
sucht 484 ), Syphilis (Frankr.) 485 ), 
Trunksucht 486 ), Zahnweh (Norw.) 487 ). 
Nach anderer Meinung macht es kräf¬ 
tig 488 ). Auch für China ist S.nfleisch als 
medizinisches Mittel gegen verschiedene 



1167 


Schlange 


Il68 


Krankheiten bezeugt 489 ). In der Tier¬ 
medizin für Schweden u. Böhmen 490 ). 
Nicht selten berichten Volkserzählungen 
von Vergiftungen durch S.nfleisch (s. 
Sagen A. 764) 491 ). 

Galle 492 ): gegen Augenleiden (an¬ 
tik) 493 ), Epilepsie 494 ), Geburt beför¬ 
dernd 495 ) (s. Zauber A. 271. 291; hier 
A. 508. 549); auch gegen Hundebiß 496 ). 

Gedärme: gegen Epilepsie (Bos¬ 
nien) 497 ). 

Geifer (s. Zauber A. 309), in ein 
Speisegericht gemischt, wirkt heilkräf¬ 
tig (Saxo III, 123; V, 193) 498 ). 

Gift der S. (Natur A. 97 ff.) ist gut 
gegen Epilepsie, Schwindsucht und 
eiternde Wunden 499 ). 

Vielfach ist die Verwendung der Haut, 
besonders der von der S. selbst abgestreif¬ 
ten (s. Zauber A. 312) 50 °), gegen Augen¬ 
leiden 501 ), Blutung 502 ), Darmkrank¬ 
heiten 503 ), zieht Dornen aus (s. A. 
526) 504 ), gegen Erkältung 505 ), Fie¬ 
ber 506 ), Fußschmerz 507 ). Alt ist schon 
der noch heute geltende Glaube, daß 
eine S.nhaut, auf eine Gebärende gelegt 
oder um den Leib gewunden, die Geburt 
erleichtere, ja sogar Abortus herbei¬ 
führe (s. oben A. 495) 508 ). Ferner ist sie 
gut gegen Gelbsucht 509 ), Geschwül¬ 
ste, wenn zwischen den Marientagen 
gewonnen 510 ), gegen Gicht (s. Rheu¬ 
ma), Haarausfall (Norden) 511 ), Keuch¬ 
husten 512 ), Kopfweh (England, Spa¬ 
nien) 513 ), als Strumpfband gegen 
Krämpfe 514 ), Kramp f adern 515 ),Läuse- 
sucht (Plinius) 516 ), allzu starke Men¬ 
struation 517 ), Ohrenleiden 518 ), Rheu¬ 
ma u. Gicht 519 ), Rose u. Rotlauf 520 ), 
Rückenweh 521 ), Ruhr 522 ), Wunden 523 ), 
Zahnbeschwerden 524 ), Zehenschmer¬ 
zen 525 ). Aus Frankreich ist sie als Mittel 
gegen Nachtwandel, Halsweh, Furunkel, 
Wunden, zum Ausziehen eines Doms 
(s. A. 504) u. zum Abtreiben der Frauen¬ 
milch bezeugt 526 ), aus der Antike als 
Tiermedizin 527 ); in Baden gegen Un¬ 
fruchtbarkeit des Viehs 528 ). Das Herz (s. 
Zauber A. 332 ff.) gegen Epilepsie 529 ), 
Fieber 530 ), Hautleiden 531 ), Ruhr 532 ), 

Z a h nbeschwerden 533 ). Die Knochen, 
bzw. Wirbel (s. a. Zauber A. 353) der 


S.n werden, besonders in bayrisch-öster¬ 
reichischen Gebieten, oft von Kindern 
an der ,,Fraisenkette' f gegen die Kon¬ 
vulsionen getragen 534 ); auch werden 
sie zusammen mit dem Blute eines 
schwarzen Hahns in Taufwasser oder 
Dreikönigswasser gekocht und getrun¬ 
ken 535 ). Natternbeine, am bloßen Leibe 
getragen, helfen gegen das ,,Kalte Gift“ 
(Arthritis frigida) 536 ). Bei den Rumänen 
in der Bukowina gilt der Glaube, daß, wer 
auf S.nknochen trete, einen geschwollenen 
Fuß bekomme 537 ). 

Kopf (s. a. Zauber). Nach Höfler, Org. 
145 ist S.nkopf auch die Bezeichnung der 
ägyptisch-j üdisch-griechischen Propheten 
für ßÖc'Xtat = Commiphora africana (zit. 
Dieterich Papyrus magica 816 u. Be- 
rendes Dioscurides 83), ein Salben- u. 
Räucherungsmittel gegen S.nbiß (s. 11. 
A. 570) und Sehnen- oder Nerven¬ 
knoten u. Totgeburten (?). Ohne Be¬ 
zeichnung einer bestimmten Krankheit 
als Heilmittel erwähnt in ZfVk. 3, 381 
(Tirol); für verschiedene Krankheiten 
(Fieber, Flüsse, Melancholie, Pest, Kopf¬ 
schmerzen) bei Birlinger Aus Schwaben 
1, 107 f. Gegen Augenleiden 538 ). ,,Vor 
den Aussatz nim einen S.nschwantz 
und Kopf, abgehawen und gederret, zu 
vom die Haut abgezogen, eine Stunde 
in Salz geleget, darnach zu Pulver ge¬ 
macht, das auf Brot zu sich genommen'' 539 ). 
Gegen Fieber (s. o.) * 540 ), Gicht 541 ), 
Halsbeschwerden 542 ), Läuse, Nerven¬ 
knoten 543 ), Schwindsucht bzw. Muskel¬ 
schwund 544 ), Zahnbeschweren 545 ). Pul¬ 
verisiert und mit Hanfsamen vermischt 
getrunken wirkt er verjüngend (vgl. A. 
434; Zauber A. 288) 546 ). 

Die Leber (s. Zauber A. 350; unten A. 
582) war noch im 18. Jh. offizinell 547 ). 
Gegen Epilepsie („schwere Not“) 54S ), 
Geburt fördernd (s. A.495. 508) 549 ),gegen 
Hautleiden 550 ), Ruhr 551 ). 

Der Schwanz (s. Zauber A. 351) ist 
ein Mittel gegen Aussatz (s. Kopf A. 
539 ) 552 ) und Krampf 553 ). Die Rassel 
vom Schwanz der Klapperschlange wird 
in Pennsylvania für das Zahnen u. 
gegen Keuchhusten verwendet 554 ). 

Über den Stein im Kopf der S. s. 


Schlange 


1170 


IIÖO 


Natur A. 81 ff.; Sagen A. 628 ff.; über 
andere „S.nsteine'' (Serpentin usw.): Na¬ 
tur A. 86; Zauber A. 260. Vgl. weiter: 
Reichb. 29; Schatzkammer der Kauff- 
mannschaft 2 (1741), 1287; Verwendung 
u. Wirkung ebd. 1288; Seyfarth Sachsen 
260 (Kindern um den Hals gegen Krank- 
beit u. Behexung); Pires de Lima 
Pedras de Cobra in: Lusa 3, 70 f. 
Hierzu eine briefliche Auskunft von 
Prof. Dr. J. A. Häfliger in Basel: ,,Der 
Lapis Serpentis oder magneticus oder 
Magnes venenorum, der Giftmagnet, soll 
von S.n aus Ostindien stammen; schwarze 
Farbe, linsenförmig, beidseitig mit gelb¬ 
lichem Fleck gezeichnet. Ob diese 
Steine natürlich oder künstlich sind, ist 
zweifelhaft". S.nsteine werden ange¬ 
wendet: Gegen Gift 555 ), Pest 556 ), 

Wassersucht 557 ). 

S.nzähne (s. Zauber A. 354) sind gut 
gegen Fieber 558 ) und für das Zahnen 
(Plinius 30, 136) 559 ); auch die Ruthenen 
streuen das Pulver eines zerstoßenen 
S.n- oder Hundezahns auf den schmer¬ 
zenden Zahn 560 ). 

Die Zunge ist seltener ein medizinisches 
als ein magisches Mittel (s. Zauber 
A. 355 ff.) 561 )* Wunden wird sie zur 
Heilung aufgelegt 562 ). Nicht zu ver¬ 
wechseln ist damit die Pflanze „Natter-, 
Otter-, Schlangen-Zunge“, Ophioglossum 
vulgatum (s. 6, 981) und fossile Gebilde 
dieses Namens (s. 2, 1716 ff.; 3, 877 ff.). 
Immerhin wird schon in der Homilia 
de sacrilegiis § 15 die S.nzunge als Heil¬ 
mittel erwähnt: „quicunque ad fri- 

gaturas (kaltes Fieber). linguam 

serpentis ad collum hominis suspen- 
dit“ 563 ). Indirekt wirkt die S. als 
Heilmittel, wenn man einem an 
der Bräune Erkrankten einen roten 
Faden um den Hals hängt, mit dem 
eine Kreuzotter erwürgt worden ist (s. a. 
A. 456) 564 ). Ein an Schwindsucht 
leidender Knecht in Mecklenburg, der 
aus einem Fäßchen getrunken hatte, 
in dem eine S. ertrunken war, wurde von 
der Krankheit geheilt 565 ). 

Die Slowenen haben folgendes Vor¬ 
beugungsmittel gegen Zahnweh: Zahn¬ 
schmerzen bekommt man nie wieder. 


wenn man im Frühjahr eine lebende S. 
derart auf einen Stock zieht, daß die 
Haut gerade paßt; man läßt sie darauf 
trocknen, und dann raucht man dieses 
Holz in einer Pfeife wie Tabak 566 ). 

Die Braten von verschiedenen S.n 
gelten als schweißtreibend und urin¬ 
treibend. Wer diese Speise scheut, der 
kann Hühner oder Gänse mit feinge¬ 
schnittenem S.nfleisch füttern und als¬ 
dann diese schmackhafteren Tiere ver¬ 
zehren (n. Marshall) 567 ). 

Wieder den krebs. Fähe eine 
schlangen vnnd tödte sie, dieselbe aber 
bescharre in den mist vnnd laß sie solang 
da liegen, biß würmlein darauß werden, 
darnach nim dieselbe vnnd derre sie 
vnnd mache darauß ein salben 568 ). 

In England trinken Frauen, welche 
ihre Schönheit bewahren wollen, Wein, 
der über lebende Nattern gegossen worden 
ist 569 ). 

Besonders behandelt seien die Mittel 
gegen den S.nbiß (s. Zauber A. 
409 ff.) 570 ). Vor allem ist es die S. selbst 
und ihre Teile, die zur Heilung ihres 
Bisses gebraucht wird. Man ißt ihr 
Fleisch 571 ). 

In der Gegend von Bodenbach (Böh¬ 
men) töten die Leute die giftigen S.n, 
die sie in den Wäldern finden und hängen 
sie auf den Zweigen der Bäume auf. Wird 
jemand von einer S. gebissen, so legt er 
ein Stück von einer solchen getöteten 
Schlange auf die Wunde und erwartet 
davon sichere Heilung 572 ). 

Die Asche einer verbrannten S. wird 
auf die Wunde gestreut 573 ). 

Von einzelnen Teilen der S. gelten 
als Heilmittel gegen Biß: das Blut 574 ), 
Eingeweide 575 ), Fett 576 ), die Galle 577 ), 
Haut 578 ), das Herz 579 ), der Kopf 580 ), 
die Krone 581 ), die Leber (s. a. Galle) 582 ). 
Auch die sog. S.nsteine (s. Natur A. 80ff.; 
Zauber A. 352) 583 ) ziehen das Gift aus 
der Wunde 584 ); vgl. auch das „S.nei“ 585 ) 
(s. A. 457; Natur A. 83, 86; Zauber 
A. 307). Als Amulett wird Achat ge¬ 
tragen 586 ), feuchte Erde auf die Wunde 
gelegt 587 ). Von Heilkräutern und 
-pflanzen sind zu nennen: Agrimonia 
(Odermennig) mit Hirschhorn (vgl. 



Schlange 


1172 


II 7 I 


Zauber A. 397) und Raute (s. Zauber 
A. 390 f.) in „Aqua pisilis“ 588 ),ein Dekokt 
von Eschenblättern (s. Natur A. 144; 
Zauber A. 270.3S4 ff.; Sagen A.777) 588a ), 
Sonchus oleraceus (Hasenkohl, Gänse¬ 
distel), Ocymum (Basilienkraut), Klee, 
Teucrium (Bergpolei) 589 ), Knoblauch 
und Zwiebel 590 ), die Blätter der weißen 
Lilie 591 ), Blüten von Kornähren 592 ), 
Zweige der Silberpappel 593 ), S.n- 
kraut 594 ), Brom beerblätter 595 ), Jo¬ 
hanni sbeerblätter in Urin und Essig 
gekocht 596 ). Auch gegen S.nbiß, wie 
gegen die S. überhaupt, ist menschlicher 
Speichel wirksam (s. Natur A. 73; 
Zauber A. 408) 597 ), ebenso Tabak und 
Terpentin 598 ). Von Tieren nament¬ 
lich die Kröte (s. Zauber A. 416) 599 ); 
ferner die noch warmen Eingeweide eines 
Huhns (Worcestershire) 60 °), in England 
eine Taube 601 ), Schweinefett 602 ). Im 
Altertum Schweinemist 603 ), Schabsei 
von einem Ziegenhorn (vgl. Zauber 
A. 398) 604 ). Ebenda wurde Skor- 
pionenfleisch gegen den Biß der Sterns, 
angewendet 605 ), in Altaussee Skorpion- 
öl 606 ), in Kärnten Wespennester 607 ), 
im Erzgebirge ein Gründonnerstags¬ 
gänseei (s. Zauber A. 417) 608 ), oder die 
Wunde wurde in fließendes Wasser ge¬ 
halten 609 ). In Böhmen ißt man am 
Gründonnerstag Honigbrot 610 ), oder 
man trinkt Wasser, das am Agathentag 
geweiht wurde 611 ), oder man trägt pro¬ 
phylaktischweiße Kiesel in der Tasche 612 ). 
In Ostpreußen wird das gebissene Glied 
in ein Erdloch gesteckt, das mit Butter¬ 
milch gefüllt ist 613 ). In Norwegen wird 
ein viereckiges Rasenstück, das mit 
Urin getränkt ist, auf die Wunde ge¬ 
halten 614 ). Ebenda schneidet man das 
Fleisch der Bißwunde aus und wirft es 
weg. Die Elster, die es frißt, stirbt da¬ 
von 615 ). Salz schützt das Vieh vor 
S.nbiß 616 ). 

Zahlreiche Mittel gegen die S.n im 
menschlichen Leibe (Natur A. 152ff.) 

zählt Alemannia 26, 264 ff. auf. 

428 ) Hastings ERE. 11, 406 b (allg.). 416b 
(Indien). 421 b (Litauen); Frazer OT. 2, 47. 
50; Guthe Bibelwb. 586; (Litauen) Küster 
Schlange 1330.; Wissowa Religion 217. 308; 
Pauly-Wiss. 1, 78; ARw. 10, 201 ff. (Askle- 


pieion); eine reichhaltige Monographie : J. R e i c h- 
born-Kj ennerudOrwews i nordiskfolkemedisin y 
belyst ved den klassiske oldtidsmedisin. (Spct- 
tryk av Norges Apotekerforenings Tidskrifts 
farmac.-videnskab. del) Kristiania 1924 
(Reichb.); Grimm Myth. 2, 527; 3, 198; 
Black Folk-Medicine 155 f.; Peters Aus 
Pharmazeut. Vorzeit 2,32 h.; Schatzkammerder 
K auß mannschajt. Leipzig 1742: 3, 474 f.(Natter); 

4, 126 ff. (Schlange). 429 ) J. C. Hasseil 
The serpent as a symbol in mental disease, in 
Proc. Ass. Isthmian Canal Zone (Mount Hope) 

9 39 ff-; Symbol der Gürtelrose: Black 

Folk-Medicine 10. 43 °) Jungbauer Volksmed. 
M 3 - 431 ) Schatzkammer a. a. O.; G. H. Zin¬ 
kens Oecon. Lex. 6 (1800)2, 816. 432 ) Jüli- 

ling Tiere 163. 433 ) Lenz Zool. 458 (n. Plin. 

NH. 29, 70); Bakker Volksgeneeskunde 542 (nach 
Paulus v. Aegina, 7. Jh. n. Chr.); spätere 
Zusammensetzung des Theriak: Hovorka- 
Kronfeld 1,413.Ausführlich GesnerSchlangen¬ 
buch (1589) S. LV ff.: Von der Viper gemacht 
(nach Galenus). Genaue Beschreibung der 
Zubereitung und Wirkungen. 434 ) Agrippa 
v. Nettesheim 1, 105; ähnlich Dioskundes 
und heute noch in Südtirol: Hovorka-Kron- 
feld 1, 381. 435 ) Jühling Tiere 159 f. 436 ) Ebd. 
163. 437 ) Wuttke 487. 438 ) Außerdeutsches: 

Hals: Black Folk Medicine 58 (Engl.); Kopf¬ 
weh: Hovorka-Kronfeld 2. 883 (Indien); 
Epilepsie: Reichb. 23 (Norw.); Höfler 
Organotherapie 144 (Bosnien); Rücken weh: 
Reichb. 24 (Norw.); Syphilis: Sebillot 
3, 288. 439 ) Hrabanus Maurus: Migne 

CXI, 204 (n. Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 505 17 ). 
44 °) Land stad Fra Telemarken (1927) 83 
(Asche). Beräucherung des Kranken mit dem 

5. npulver: Urquell 2, 238 (Polen). 441 ) Se¬ 
billot Folk-Lore 3, 289. 442 ) Jühling Tiere 

160. 164; Megenberg 285. 443 ) Albertus 

Magnus 4, 47, 165. 444 ) Hovorka-Kron¬ 

feld 2, 402 (Aussee); ZfVk. 8, 173 (Tirol). 
445 ) Hovorka-Kronfeld 2, 270. 448 ) Reichb. 
26. 447 ) Jühling Tiere 162 (n. Fossel 156); 

Heyl Tirol 788 . 448 ) Hovorka-Kronf. 2, 14; 
9 mal an den Hals gestrichen: Notes & Oueries 
( i 8 59 ) 36- 449 ) Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 506. 

45 °) Jühling 160. 163 (n. Schönwerth); ZfVk. 
8, 173; SAVk. 15, 178. 451 ) Gesner S.enb. 

1589. 9 b ; Jühling Tiere 163. 452 ) Andree 

Votive 156. 453 ) Grohmann 141 (Gänse). 

230 (Kühe). 454 ) Jühling Tiere 163; ange¬ 
hängt: Agrippa v. Nettesheim 1, 126. 
455 ) Plinius 29, 131. 456 ) Wuttke 153; 

Bavaria 4, 1, 223; Jühling 162; Lammert 
198; Fogel Pennsylvania 273. 457 ) Groh¬ 
mann 176; Jühling Tiere 162. 458 ) Vor 

I 5 ° Jahren in Ostpreußen noch offizineil. Ur¬ 
quell 3, 69. Vgl. auch Schatzkammer der Kaufj- 
mannschaft 4 (1742), 128; Reichb. 27 (tw. n. 
Plinius ); DWb. 9, 469; heilt alles: Storaker 
Natur 242. 459 ) Jühling 162 (n. Fossel 104). 
,eo ) Megenberg 285; Drechsler 2, 296(poln.); 
Urquell 3, 15 (Ostpreußen). 86 (dto); Jühling 
158 f. 160. 162 (n. Fossel 94); Hovorka- 


I 


1173 


Schlange 


1174 


® Kronfeld 2, 798 (Slovaken). 461 ) Jühling 
W' 161. 462 ) Jühling 161; Fossel Steierm. 74; 

p s Hovorka-Kr. 2, 678 (Ramsau). 463 ) Jüh- 
L:. ling 159. — Für Empfängnis: Hippo- 

J. kratiker Ibpt arosptov 8, 433, s. Pauly-Wiss. 
2. R. 2, 1, 506. 464 ) Höhn Volksheilkunde 

1, 142. 465 ) Hempler Psychol. 58; Sebillot 

j J Folk-Lore 3, 288. 466 ) Hovorka-Kr. 2, 145. 

f 487 ) Zahler Krankheit 81. 468 ) Jühling 161 

(n. Fossel 96). 469 ) Bartsch Meckl. 2, 101. 

47 °) Jühling 160. 161.162 (n. Fossel 105.106); 
■X Zahler Krankh. 81; Hovorka-Kr. 1, 324 f.; 
j 2,44. 471 ) Jühling 161. 472 ) Lammert 213. 

473 ) SAVk. 8, 152. 474 ) Grohmann 81. 

475 ) Bartsch Meckl. 2, 182. 478 ) Pauly-Wiss. 

2. R. 2, i, 506; Plinius 29, 69. 70 aus einem, 
Salomo zu geschriebenen Buche; s. Wellmann 

' Abh. Berl. Ak. 1928 Nr. 7, S. 13, n. Ana- 
stasius Sinaiticus [640—700] Quaestiones 
41 (Migne Patr. Graeca 89, 598 D). 477 ) Sto¬ 
raker Natur 242. 478 ) Pauly-Wiss. 1, 78. 

47fl ) Jühling 159. 480 ) Höfler Organotherapie 

■ 143 (nach Celsus V, 28, 7); Pauly-Wiss. 1, 78. 

481 ) Hempler Psychol. 58 (Kreuzotterspiritus). 
488 ) Bakker Volksgeneeskunde 542. 483 ) Jüh- 

,* ling 161. 484 ) Fogel Pennsylv. 273; Bartsch 

Meckl. 2, 182. 485 ) Sebillot Folk-Lore 3, 288. 

486 ) Bartsch Meckl. 2, 182. 487 ) Reichb. 26. 

488 ) DWb. 9, 458. 489 ) Höfler Organotherapie 

• 143. 490 ) Reichb. 26; Grohmann Abergl. 230. 

491 ) Liebrecht Z. Volkskunde 214. 492 ) Höfler 
Org. 223 (Varia). 493 ) Ebd. (a. Rom, China). 
494 ) Hovorka-Kr. 2, 215; Höfler Organoth. 
189. 223. 495 ) Höfler Org. 189 f. 496 ) Ebd. 

223 (Marco Polo). 497 ) Ebd. 189. 498 ) Grimm 
Myth. 3, 344; Stern Türkei 1, 433 (ebenfalls 
n. Saxo). 4 ") Reichb. 23. 28 u. Anm. 194. 
50 °) Schatzkammer d. Kaufm. 2, 347; ohne 
Indikation: Hovorka-Kr. 1, 382; Verna- 

leken Alpensagen 237. 501 ) Megenberg 285; 

Hovorka-Kr. 1, 381. 502 ) Jühling 159. 160; 
RevTrpop. 26, 258 (Lüttich). 503 ) Aubrey 
; Remaines 38. 224. 504 ) Ebd.; Notes & Queries 

(1859) 168. 505 ) Hovorka-Kr. 2, 20 (Plinius). 

808 ) Wuttke 354. 530; Weinhold Neunzahl 
46; Jühling 162 (nach Grohmann, Buck); 
Hovorka-Kr. 2, 359 (Wundfieber, Bayern); 
Sebillot 3, 289 (Kindbettfieber). 607 ) Ger¬ 
mania 36, 384 (Steierm.). 508 ) Aus dem Orient: 
Wellmann in Abh. Berl. Akad. 1928, Nr. 7, 
S. 17; auch Plinius 30, 129. — W T eiter: 

Reichb. 27 (Norw. u. klass. Alt.). 41 A. 180: 
auch den Kühen das Kalben erleichternd; 
Pauly-Wiss. 1, 78; 2. R. 2, 1, 506; Jühling 
158 (n. Gesner). 160 (n. Dörler u. Fossel). 
163 (n. Kräuterman); Zimmermann Volks¬ 
heilkunde 57; Meyer Baden 388 (Österr.); 
Engelien a. Lahn 265; ZfVk. 8, 173 (Tirol); 
Alemannia 3, 172; SAVk. 2, 262 (Abortus, 
Zürich); Lammert 169 (Nachgeburt beför¬ 
dernd) Staricius Heldenschatz (1679) 519; 
Schatzkammer d. Kaufm. 2, 347; DWb. 9, 463: 
gegen vorzeitige Geburt. 509 ) Schatzkammer 
d. Kaufm. 4, 128. 51 °) Baumgarten A. d. 

Heimat 1, 120, vgl. Reichb. 28: gegen Abszesse. 


I 5U ) Höfler Organoth. 143; Reichb. 28 (Dä- 
nem.); in Polen zur Beförderung des Haar¬ 
wuchses: Urquell 3, 238. 512 ) Fogel Pennsyl¬ 
vania 338. 513 ) Aubrey Remaines 38 A. 1; 

Notes & Queries (1859) S. 51,5; Llano Roza 
Folkl. Asturia.no 133. 514 ) Stoll Zauber glaube 

46 (Kt. St. Gallen). Ein Exemplar befindet 
sich im Museum für Völkerkunde zu Basel, 
Nr. VI 6125; Reichb. 28 (Dänem.). 515 ) Pauly- 
Wiss. 2. R. 2, 1, 506. 51S ) Hovorka-Kr. 2, 753; 
Pauly-Wiss. 1, 78. 517 ) Jühling 159. 

6I8 ) Hovorka-Kr. 1, 381; 2, 811 (Bayern); 
Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 506 (Dioscurides). 
519 ) Stracker jan 2, 172; das Museum f. Völker¬ 
kunde in Basel besitzt eine Kreuzotterhaut aus 
Oldenburg, die gegen Gicht gebraucht wurde 
(Nr. VI, 11 667); Hovorka-Kr. 1, 325 

(Bayern); 2, 278 (Tirol); auch in China: 
Black Folk Medecine 156. ß2 °) Hovorka-Kr. 
2, 741. 521 ) Reichb. 27. 522 ) Pauly-Wiss. 

2. R. 2, 1, 506; Hovorka-Kr. 2, 301 (Plinius). 
823 ) Lammert 202; Buck Volksmed. 52 (pul¬ 
verisiert gegen Wundfieber); Jühling 159. 
160. 162; DWb. 9, 463; Buck Volksmed. 
52; Sebillot 3, 288; Urquell 3, 238 (gg. Beulen: 
Polen). 524 ) Hovorka-Kr. 1, 381, 2, 828; 
Fogel Pennsylv. 312. 313; Pauly-Wiss. 2. R. 
2,1, 506; Megenberg 285; SAVk. 15, 241 (franz. 

I Schweiz). 525 ) J ühling 158. 159. 528 ) Sebillot 
1 3, 289. 527 ) Cato De re rust. 73, 102; Plinius 
NH. 30, 148; Höfler Organoth. 143. 528 ) Meyer 
Baden 401. 529 ) Fogel Pennsylv. 275; Reichb. 
27 (Irrsinn). 63 °) Hovorka-Kr. 2, 322 

(Quelle?); Höfler Organoth. 262 (Plinius). 
531 ) Ebd. 188. 532 ) Ebd. 189, 262. 533 ) Ebd. 262 
(n. Plinius); Jühling 163. 534 ) Schmeller 

Bayr. Wb. 1, 617; ZfVk. 5, 412; ZföVk. 13, 100; 
Jühling 160 (n. Fossel 72); Andree-Eysn 
Volkskundl. 141. 142 (auch die aus den Früchten 
der Coix lacrimae gefertigten Rosenkränze 
heißen ,,Natterbeten' 4 ). 535 ) Jühling 161 
(gegen Nerven" ; F o s s e 1 73: gegen Fraisen). 
536 ) Baumgarten A. d. Heimat 1, 120. 537 ) Zfö¬ 
Vk. 4, 216. 538 ) Pauly-Wissowa 1, 78 (Trief¬ 
augen). 539 ) Jühling 160. 54 °) Hovorka- 

\ Kr. 2, 322; Jühling Tiere 162; Wuttke 353; 
DWb. 9, 462; Grohmann Abergl. 166 (mit 
einer Silbermünze abgeschnitten). 541 ) Höfler 
Organoth. 145; Hovorka-Kr. 2, 270. 542 ) Jüh¬ 
ling 163. 543 ) Höfler Organotherapie 145 

(Plinius). 544 ) Reiser Allgäu 2, 158. 439 (einer 
Kuh um den Hals). 54S ) Höfler Organoth. 145 
! (Plinius); Reichb. 26 (Norwegen). S46 ) 6. u. 
7. Buch Mosis 98. 547 ) Höfler Organoth. 188. 

548 ) Ebd. 189. 223 f. 549 ) Ebd. 189. 224. 55 °) Ebd. 
188. 551 ) Ebd. 189. 262; Jühling 164. 552 ) Jüh¬ 
ling 160. 553 ) Höhn Volksheilkunde 1, 129 f. 

554 ) Fogel Pennsylv. 313 Nr. 1664; 336 Nr. 1782. 

555 ) Lütolf Sagen 326 (Cysat). 556 ) Ebd. 

' 557 ) Ebd.; BIPomVk. 8, 94. 558 ) Agrippa 

v. Nettesheim 1, 126; Jühling 163. 559 ) Pau¬ 
ly-Wiss. 2. R. 2, 1, 506. 56 °) Hovorka-Kr. 

! 2, 838. 561 ) Reichb. 28; ZfVk. 3, 381 (Tirol); 
; für Wunden: Jühling 164. 562 ) Jühling 164. 

563 ) Saupe Indiculus super stitionum 14. 



”75 


Schlange 


I I 7 Ö 


564 ) ZfVk. 8, 172 (Tirol); Hovorka-Kr. 2, 
697 f.; Lammert 141; Jühling 162 belegt 
den Glauben auch aus Mecklenburg. Uber diese 
„Vipernschnur“ gegen „Halsschwindsucht“ s. a. 
Hovorka-Kr. 2, 63. 565 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 182. 568 ) Hovorka-Kr. 2, 825. 

567 ) Jühling 164. 568 ) Ebd. 159. 569 ) Ho¬ 
vorka-Kr. 2, 883. 57 °) Hastings ERE. 11, 

406b; Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 500 £E.; Sebil- 
lot 3, 275 ff. ß71 ) ERE. 11, 406b. ß72 ) Groh- 
mann 80; ähnl. Black Folk Medecine 51; 
Bakker Volksgeneeskunde 542. ß73 ) Reichb. 

26; Storaker Natur 235. 574 ) Ebd.; Sebillot 
3 » 275. 57ß ) Megenberg 285; Lenz Zool. 459 

(n. Plinius). 678 ) ERE. 11, 406b; Jungbauer 
Volksmed . 84; Jühling 163 (n. Kräutermann); 
Bakker Volksgeneeskunde 542; Storaker Na¬ 
tur 235. 577 ) Hofier Organoth. 223. 224. 

fi78 ) Reichb. 28 (Cato, Plinius); ZföVk. 8, 186 
(Kärnten); auch bei den Rumänen in der Buko¬ 
wina; ebd. 4, 216; Bakker Volksgeneeskunde 
541 (Milch, in der eine S.nhaut gekocht); 
De Cock Volksgeneeskunde 283. 579 ) Höfler 

Organoth. 262. 68 °) Ebd. 144. 145 (Plinius); 

Lenz Zool. 458 (ebenso); Jühling 163; 
Pauly-Wiss. 1, 78; Reichb. 26 (Schweden, 
Plinius 29, 69); BIPomVk. 8,94; Sebillot 
3, 275. 580 *) Wuttke 57 (Böhmen). 581 ) Reichb. 
27; Höf ler Organoth .1 88 (Plinius, Megen¬ 
berg 281); Pauly-Wiss. 1, 78; Sebillot 3, 275. 
582 ) DWb. 9, 470. 583 ) Hauffen Gottschee io2f.; 
Llano Roza Folkl. Asturiano (1922) 133. 
584 ) Eiförmiger Jade: Aubert et Bourrilly 
Objets et rites talismaniques en Provence (Va- 
lence 1907) p. 11. ß8ß ) Alpenburg Tirol 
411. 586 ) Bartsch Mecklenburg 2, 453. 587 ) Jö- 
rimann Rezeptarien 134; Wuttke 133; 
Black Folk Medecine 200. 588 ) Wlislocki 

Siebenb . Volksgl. 181; Lenz Zool. 455 (PIin. 
16, 13, 24). ß89 ) Hovorka-Kr. 1, 382 f. (Dal¬ 
matien). 59 °) Fogel Pennsylvania 220 
Nr. 1110. ß91 ) DWb. 9, 456 (n. Lonicer). 

6ü2 ) Wuttke 126 (Erzg., Böhmen). 593 ) Ebd. 
146 (Böhmen). ß94 ) Joh. v. Muralt Lustgarte 
( I 7 I 5) 2 93 n ennt die lat. Namen: Scorzonera 
hispanica seu angustifolia prima; Lonicer 
Kräuterbuch (Neudr. d. Ausg. v. 1679) 562: 
Scorzonera u. Viperina. Im Schwld. 3, 910 be¬ 
zeichnet S.nkraut 6 andere Pflanzen, von denen 
Aspidium filix mas von den S.n vermieden 
wird (Tabernaemontanus). 595 ) De Cock 
Volksgeneeskunde 283(franz. Segen). 596 ) Ebd. 129 
(16. Jh.). 597 ) Schröder Apotheke 5 (1718), 32. 
* 98 ) 6. u. 7. Buch Mosis 16. ß ") Urquell 3, 72 
(Litauen). 60 °) Black Folk-Medecine 158. 
® 01 ) Aubrey Remaines 224. 602 ) De Cock 

Volksgeneeskunde 283. 603 ) Lenz Zool. 439 

(Cato de re rust.). 8M ) Black 162. 605 ) Megen¬ 
berg 280 (n. Plinius). 606 )Andrian Altaussee 
137 - 607 ) ZföVk.8, 186. «° 8 ) Wuttke §85. §450. 
609 ) Schramek Böhmerwald 245; vgl. Bartsch 
Meckl. 2, 455 Nr. 2088a. 61 °) Grohmann 81. 

® n ) Ebd. 82. 8l2 ) Jungbauer Volksmed. 51 

(n. Bächtold Soldatenbrauch 28). 6l3 ) Lemke 
Ostpreußen 95; Hempler Psychol. 59 (der 


Gebissene wird sogar bis an den Hals in die 
Erde eingegraben); Storaker Natur 234. 
flu ) Ebd. 615 ) Ebd. 616 ) Hempler Psychol. 50. 

7. Sagen. Lit.: C. Olbrich, Dt. S.n- 
sagen MSchlesVk. H. 5 (1898), 39 ff. 
Der Glaube, daß S.n die Milch lieben 
und daher aus Schüsseln trinken oder 
aus Kuheutern saugen (s. Natur A. 127. 
155) hat auch zu Sagen geführt. Von 
eutersaugenden S.n wird verschiedent¬ 
lich berichtet (s. A. 769). Falls die S. 
getötet wird, siecht die Kuh 617 ). Auch 
schlafenden Frauen saugen sie an der 
Brust 618 ) (vgl. A. 712). Das Ernähren 
der Hausschlange (s. Kult) mit 
Milch kommt massenhaft vor 619 ). Ver¬ 
breitet ist der Sagenzug von dem Kinde, 
mit dem die (oft gekrönte) S. Milch 
trinkt, und das die S. ermahnt, nicht nur 
Milch, sondern auch Brocken zu neh¬ 
men 62 °), selten umgekehrt: nicht Brocken, 
sondern Milch 621 ), oder: nicht zu viel 
Milch 622 ), oder: nicht übergreifen 623 ). 
Meist gedeiht das Kind dabei; seltener 
ist die Abmagerung 624 ). Für die Milch¬ 
spende zeigt sich die S. erkenntlich 
(s. o. Kult, s. u. Kronschlange) 625 ). Wird 
die S. getötet,so stirbt auch das Kind 626 ). 

Noch ausgedehnter sind die Sagen 
von den Krons.n, S.nkönigen oder 
-königinnen (Natur g), die oft auch 
Hauss.n sind (s. Kult u. die vorige Sa¬ 
ge) 627 ). Ihre Krone (bzw. der in oder 
auf dem Kopfe befindliche Stein; s. Natur 
A. 81 ff.; Medizin A. 584) ist zauber¬ 
kräftig; man kann sie am Johannistage 
um die Mittagsstunde erlangen 628 ); sie 
bringt Glück (s. Kult A. 211 f.; Orakel 
A. 221), Gedeihen 629 ), Kindersegen 630 ) 
(s. a. Dämon A. 198), verleiht sogar 
Unsichtbarkeit (s. Zauber A. 261) 631 ) 
und Unsterblichkeit (vgl. Natur 
A. 69) 632 ). Wünsche gehen in Erfül¬ 
lung, wenn man gleichzeitig mit einer 
Sternschnuppe die S.nkönigin sieht (!) 633 ). 
Besonders aber verschafft die Krone 
Reichtum (vgl.a. A. 679; Orakel A. 230; 
Zauber A. 346) 634 ). Seltener ist der Zug, 
daß durch die Tötung der milchtrinken¬ 
den Krons. (s. Zauber A. 406) 635 ) oder 
durch Herunterschlagen der Krone 636 ) 
die gewonnene Krone Reichtum bringe. 


1177 


Schlange 


II78 


Nach einem bergischen Volkslied erringt 
der Besitzer der Krone eine schöne 
Braut 637 ). Als Belohnung für die 
Milchspende schenkt die S. ihre Krone 
entweder dem Kinde oder der Magd 638 ), 
letzterer manchmal als Hochzeitsgabe 639 ), 
seltener einem Manne 640 ) (s. a. A. 645). 
Vor dem Baden oder Trinken legt die 
S. ihre Krone ab 641 ). Wer sie (bzw. 
ihr Karfunkelauge oder das abgelegte 
Schlüsselchen) findet, wird reich (s. 
A. 679; Orakel A. 230) 642 ), ja sogar Kö¬ 
nig 643 ). Man kann sie auch durch einen 
Rosenkranz erlangen, auf den die S. ihre 
Krone legt 644 ). Zuweilen schenkt sie 
die abgelegte Krone (s. A. 638 ff.) 645 ). 
Typisch ist das Ablegen auf ein weißes, 
rotes (meist seidenes) oder goldenes 
Tuch, das mit Absicht des Räubers 
hingelegt worden (s. a. u. die Raub¬ 
sagen). Hiezu die Variante: Gänse¬ 
hirtinnen breiten ihre schön gewaschenen 
Schürzen aus. Der S.nkönig legt 
aber seine Krone auf die schlichte Schürze 
eines armen Mädchens 646 ). Die Bedingung 
des Gewinns ist oft sittliche Reinheit 647 ). 
Seltener legt sie die Krone auf einen 
Stein 648 ). N ach einer schwäbischen 
Sage muß man einen schweren Stein 
auf die Krone legen, dann zerschellt die 
S. daran 649 ). Andere Wirkungen des 
Kronenverlusts sind meist außer¬ 
deutsch 650 ). — Wenn sich der Kronen¬ 
räuber vor der Kronens. und ihren herbei¬ 
gepfiffenen Helferinnen (s. Natur A. 140) 
hinter Türen flüchten kann, ist er 
gerettet; die S. kommt um (s. A. 672) 651 ). 
Manchmal schützt auch ein Baum den 
Räuber (vgl. A. 667) 652 ). Nach einer 
Sage gelingt der Raub einem Mädchen, 
das aber von dem Schrei der S. taub 
wird 653 ). Oder die Krone wird im Kampf 
mit der S. errungen 654 ). Zuweilen aber 
nur, indem der Fliehende etwas von 
sich zurückwirft, auf das sich die 
verfolgenden S.n stürzen (vgl. A. 666) 655 ); 
oder es gelingt ihm, mit dem Pferd über 
eine Mauer zu springen 656 ), oder über 
ein Wasser (vgl. A. 668) 657 ). Ein Mittel, 
das sonst gegen das Gift des S.nbisses 
angewendet wird (s. Zauber A. 421), ist 
das Zuerst trinken des Wassers. Hier ist 


der Kronenräuber gerettet, wenn er das 
Wasser vor der S. trinken kann, andern¬ 
falls verloren 658 ). Der Fliehende muß 
im Zickzack laufen 659 ). Andere Sagen¬ 
züge sind vereinzelt: Man muß der Krons. 
über 9 Feldraine nachlaufen 660 ), über 
sämtliche Ortsfelder und Wiesen lau¬ 
fen 661 ), ein Wagenrad (vgl. A. 674) vor¬ 
beirennen lassen, dem die S. nacheilt 662 ). 
Der Räuber des Diamants der geflügelten 
S. flüchtet sich in ein Faß, das außen 
mit Nägeln bespickt ist. Wie die S. es 
umschlingt, wird sie getötet 663 ). Wohl 
unvolkstümlich ist die Sage von dem 
„Kronschlänglein“ (Erk-Böhme 1, 34, 
Nr. 13 a), wo der Held der badenden S.n- 
jungfrau ihr Krönlein raubt und diese 
menschliche Gestalt annimmt und seine 
Frau wird 664 ). 

öfter aber mißlingt der Raub der 
Krone. Nach einer Sage aus Poln. Ober¬ 
schlesien kann sich der Räuber in sein 
Haus retten; aber die S.n dringen durch 
den Schornstein herein und nötigen ihn, 
die Krone herauszugeben. Sie lassen 
ihm aber viel Geld zurück 665 ). Manchmal 
wird die Krone auf der Flucht weg¬ 
geworfen (vgl. A. 65s) 666 ). Ein Flur¬ 
schütz hätte die Krone behalten können, 
wenn ein Nußbaum (s. o. A. 652) in 
der Nähe gewesen wäre, der ihn vor den 
S.en geschützt hätte; so aber muß er die 
Krone wegwerfen, wird jedoch geister¬ 
sichtig 667 ). Auch den rettenden Bach 
(s. o. A. 657) kann er nicht mehr er¬ 
reichen 668 ). In den meisten Fällen aber 
wird der Räuber von der S. oder ihren 
Helferinnen getötet (vgl. Orakel A. 244). 
Einige Sagen berichten das ohne nähere 
Begleitumstände 669 ); nach andern wird 
er vor der Grenze des S.enbereichs ein- 
geholt 670 ), oder sogar noch in seinem 
eigenen Hause, wo er sich in einem 
Schrank eingeschlossen hat, durch den 
Gifthauch der S.n getötet 671 ). Einmal 
wird auch berichtet, der Räuber habe 
die verfolgende S., die er durch Weg¬ 
werfen der Jacke und Stiefel habe auf¬ 
halten wollen, bei seinem Hofe ver¬ 
wundet, worauf die durch einen Pfiff 
(s. Natur A. 140 f.) herbeigeeilten S.n 
ihn getötet hätten (s. A. 651) 672 ). Ziem- 


H79 


Schlange 


1180 


lieh verbreitet ist der Zug, daß der in denen die S. (oft Schlüssel tragend) 

Räuber glücklich in sein Heim entrinnt, Schätze hütet oder Schätze weist 

aber durch eine S., die sich im Schweif (s. a. Drache). Die Vorstellungen einer 
seines Pferdes festgebissen hatte, ge- chthonischen Gottheit und einer ver- 

tötet wird 673 ). Vereinzelt steht der wandelten Schloßjungfrau (s. d. Er- 

Zug, daß einer ein Wagenrad in den lösungssagen) gehen hier durcheinander 689 ). 

S.nhaufen geworfen hat und nachher Der in eine S. verwandelte (und in 
von einer S., die sich im Nabenloch ver- dieser Gestalt schatzhütende) Mensch 

borgen gehalten, getötet worden ist 674 ). kann erlöst werden. In weitaus den 

Wer eine Krons. tötet, wird von ihren meisten Fällen ist es eine Jungfrau, die 

Helferinnen ebenfalls getötet 675 ). Eine sich oft zuerst in menschlicher Gestalt 

Sage erzählt, daß es einem Knaben ge- zeigt und dann in tierischer (S. oder 

lungen sei, einer roten S. die Goldkrone sonstiges abstoßendes Tier) durch drei 

mit einem Stein abzuwerfen; diese Küsse oder anderer Handlungen zu er- 

sei aber in den Stadtgraben gefallen und lösen ist. Vorherrschend ist das Miß- 

nicht mehr gefunden worden. Sein Arm lingen der Erlösung wegen Abscheu 690 ), 

sei ihm lahm geblieben 676 ). Unwesent- Oft ist der kommende Erlöser derjenige, 

lieh ist der Zug, daß die S. ihre Krone der in der Wiege liegen wird, die aus 

von den Menschen nur bewundern läßt 677 ). einem Baum gefertigt ist, welcher aus 

Viele glückbringende S.n weilen auf einem Fruchtkern aufgewachsen ist, den 

einem Hof. Als der S.nkönig erschos- ein vorbeifliegender Vogel fallen gelassen 

sen wird, ziehen sie weg, und der Hof hat (Erlöser in der Wiege) 691 ). 

zerfällt 678 ). In einem andern Falle ver- Die Vorgeschichte der Verwandlung, die 

schafft die Krone des erschlagenen S.n- Person des Erlösers und die Bedingungen 

königs Reichtum (s. o. A. 642) 679 ). Das der Erlösung variieren. Zuweilen wird 

Krönlein der mit einer Haselgerte (s. ganz allgemein von der Möglichkeit 

A. 707. 708; Natur A. 147; Zauber A. 293. einer Erlösung gesprochen, ohne daß 

378) getöteten S.nkönigin geht bei ihrem eine Handlung erzählt würde 692 ); auch 

Luftsprung verloren 680 ). Erlösungsbedingungen werden nicht 

Von der Gewinnung eines S.n st eins immer genannt; die Erlösung wird ein- 

aus einem zusammengeballten Haufen fach durch Furcht vereitelt 693 ). Meist 

von S.n berichtet eine Sage aus Schwä- aber sind Aufgaben zu erfüllen. Am 

bisch-Hall (s. Natur A. 83) 681 ). häufigsten ist das Küssen (oft dreimalig) 

S.nverwandlung. Dieses Motiv ist der S. oder anderer abstoßender Tiere 694 ). 
in der Mythologie verschiedener Völker Gewöhnlich schreckt der Erlöser vor dem 
nachweisbar 682 ) (vgl. Dämon A. 185) Kuß zurück 695 ), oder er versagt beim 
und erscheint auch in der deutschen Sage dritten Kuß 696 ). Bisweilen sind es 
häufig (s. a.: schatzhütend, Erlösung) 683 ), drei verschiedene Gestalten, die geküßt 
In den meisten Fällen ist es eine Jung- werden müssen 697 ), 
fr au (oft „■weiße Frau“), die in dieser Oder der Erlöser wird abgeschreckt 
Gestalt ein Vergehen abbüßen muß oder durch die seinen Leib oder Hals (oft 
durch Bosheit verzaubert worden ist 
(s. a. Erlösung A. 690) 684 ). Im Venus¬ 
berg sind es 3 Jungfrauen, die jeden 
Sonntag als S.n erscheinen 685 ). Ferner 
sei an die weiblichen Dämonengestalten 
(Meerfrauen u. ä.) erinnert, die halb 
Mensch, halb S. sind 686 ). Aber auch 
Männer werden für ihre Untaten in S.n 
verwandelt 687 ). Umgekehrt können S.n 
in Drachen verwandelt werden 688 ). Ver¬ 
breitet und alt sind Sagen und Mythen, 


dreimal) umwindende S. 698 ) oder durch 
Haar, das in S.n verwandelt wird 699 ). 
Schon das bloße Berühren 700 ), Strei¬ 
cheln 701 ), auf die Stirn klopfen 702 ) der 
S. wird verweigert. Verbreitet ist die 
Aufgabe, der S. den (oft glühenden) 
Schlüssel, der zum Schatze führt, aus 
dem Maule zu nehmen 703 ), oft mit dem 
eigenen Mund 704 ). Bei der erlösenden 
Handlung darf man sich nicht stören 
oder beirren lassen, auch nicht spre- 


1181 


Schlange 


Il 82 


kV 


chen 705 ). Untiere und Hemmungen 
müssen mutig überwunden werden 706 ). 
Das kann mit Hilfe einer Haselgerte 
(s. A. 680) geschehen 707 ), wie ja über¬ 
haupt die Hasel (auch die Esche und 
Birke; s. Natur A. 144. 147 f. 149!; 
Zauber A. 293) wirksam ist gegen S.n 708 ). 
Die Legende sagt, daß ein Haselstrauch 
die Mutter Gottes vor einer S. geschützt 
habe, und deshalb habe sie ihm die Kraft 
verliehen, die Menschen vor S.n zu 
schützen (s. A. 728; Zauber A. 379) 709 ). 
Kann die S. getötet werden, so ist der 
Verwunschene erlöst 71 °). Vereinzelt 
scheint, daß an der Stelle, wo eine Kreuz¬ 
otter getötet worden, anderntags ein 
großer Mann mit S.nkopf steht 7U ). 

Vereinzelte Erlösungsmotive: 
Eine weiße Frau trinkt als S. drei Züge 
an einer Frauenbrust (s.NaturA. 126L); 
als beim dritten Zug die Frau aufschreit, 
kommt die Erlösung nicht zustande (vgl. 
o. A. 618) 712 ). Heinrich auf dem Hesel¬ 
berge befreit eine S.njungfrau, indem er 
sie dreimal „Serpentina“ nennt 713 ). 
Eine andere kann dadurch befreit werden, 
daß man die von S.n und anderen Tieren 
bewachten Schatzkisten furchtlos 
öffnet 714 ). Eine Jungfrau, halb Mensch, 
halb neunköpfige S., bestellt ihren 
Erlöser in die Kirche, was dieser ver¬ 
säumt. Dadurch wird die Erlösung zu¬ 
nichte gemacht 715 ). 

Ein Fischer fängt eine schöne S. in 
seinem Netz und erlöst sie so 716 ). Eigen¬ 
artig die Ermahnung der S. an eine Frau, 
die eine Schlüsselblume gepflückt 
hatte; wenn sie bis morgen Mittag ge¬ 
wartet hätte, so wären die Schätze ihr 
gewesen 717 ). Ein Prinz wird erlöst, 
indem die dritte von drei Schwestern 
7 mal ruft: ,,Schlauch dich 


Wurm“ 718 ). In einem Falle tötet die 
S. den Erlöser 719 ). Nicht selten wird 
die Krons. (s. o. A. 627) mit dem Er¬ 
lösungsmotiv verknüpft. Wer die 
Krone gewinnt, erlöst die Verwunschene 
und wird reich 720 ), dagegen bleibt der 
als Otternkönig verwunschene Prinz noch 
lange verzaubert, weü ihm die Krone 
geraubt worden 721 ). Eine Krons., mit 


Schlüssel im Maul, verschwindet weinend, 
weil ein Mann sie töten wollte 722 ). 

Hier mag auch das Märchenmotiv 
vom S.nbräutigam, der dann zu einem 
schönen Jüngling sich verwandelt, ange¬ 
reiht sein 723 ) und umgekehrt die S.n- 
braut 724 ). Das Erlösungsmotiv ist 
nicht genannt in der Siebenbürger Sage 
von dem verwunschenen Schloß, in dem 
ein Weib auftritt, das zur Hälfte jung und 
frisch, zur Hälfte welk und verdorrt ist, 
und eine S. sich als eine der Schreck¬ 
erscheinungen zeigt 725 ). 

S.nbannsagen (s. Zauber A. 368 ff.) 
sind ebenfalls häufig. Das Bannen konnte 
durch Geistliche 726 ) oder Weltliche 727 ) 
(Fahrender Schüler, ,,Fremder“, „Zau¬ 
berer“) geschehen. Nach einer Vorarl¬ 
berger Legende vertreibt Maria S.n mit 
einer Haselrute (vgl. A. 709) 728 ). Oft 
werden die S.n mit Erfolg in ein Feuer 
gezaubert 729 ); aber viel häufiger ist 
die Tötung des Beschwörers durch 
die am Schluß herbeigeeilte weiße (sel¬ 
tener rote) S., S.nkönigin oder S.nkönig; 
vorwiegend in Südbayem, Tirol, Vorarl¬ 
berg, Ober-Österreich und der Schweiz (s. 
Natur A. 35; Orakel A. 231) 73 °); zu¬ 
weilen ist es eine Grube, in die die S.n 
gebannt werden; auch dabei kommt der 
Beschwörer meist um 731 ); nach einzelnen 
Sagen geht die weiße S. mit zu¬ 
grunde 732 ). Von diesen Normen ab¬ 
weichend sind folgende Züge: der Be¬ 
schwörer, der den S.n die Kronen weg¬ 
zaubern konnte, wird in dem Zauberkreis 
von einer roten S. getötet, oder er ent¬ 
flieht auf einem Pferd den weißen S.n 733 ). 
Er hat die Rückwärts-Bannformel ver¬ 
gessen 734 ) oder beim Pfeifen einen Fehler 
gemacht 735 ), und die allzu zahlreich 
herbeigebannten S.n zerreißen ihn. In 
Sachsen gilt der befremdliche Glaube, 
daß der Beschwörer hätte sterben müssen, 
wenn der Otternkönig nicht mit er¬ 
schienen wäre 736 ). 

Über Kämpfe mit S.n s. Drache (Bd. 
2, 371 ff.). Kampf einer S. mit einem 
Löwen s. Grimm Myth. 2, 571 (Wolf¬ 
dietrich), mit Adler s. Bd. 1, 1S1; 
andere tierische Feinde s. Natur A. 159 ff. 

Vereinzelt stehende Sagen. In 





Schlange 


II83 


1184 


einem Würzburger Gasthaus spukt alle 
7 Jahre ein böser Geist in Gestalt einer 
großen S. 737 ); ebenso in dem Burghof 
des Schlosses Rotteln (Baden) 738 ). Im 
Kt. Wallis erscheint ein feuriges Tier, 
halb S., halb Vogel (geflügelte S., Drache ? 
s. d.) 739 ). „Schießs.n“ (s. Natur h) 
ziehen nach einer Luxemburger Sage 
einen Wagen durch die Luft 74 °). In der 
Wiege liegt statt des Kindes eine Ringel¬ 
natter 741 ). Manche Sagen haben Bezug 
auf Geld u. Gold (s. o. schatzhütend, 
Erlösung; Reichtum: Zauber A. 286) 742 ). 
Einzelne Züge zeigen Dankbarkeit und 
Freigebigkeit (s. o. milchtrinkende 
u. Krons.) 743 ), ihre heilenden, ja sogar 
Tote belebenden Kräfte tun sich auch 
in der Sage kund (s. Dämon A. 202, 
Volksmedizin A. 430) 744 ). Unter dem Stuhl 
eines kranken Kindes fand man eine 
sterbende S.; das Kind aber ward ge¬ 
sund 745 ). Ein Mann fällt in eine S.n- 
grube, nährt sich jahrelang vom Lecken 
an der S.krone der Königin 746 ). Sehr 
oft tritt sie aber auch strafend und 
rächend auf (s. Natur hinter A. 73 und 
A. 167) 747 ). 

Die naturwissenschaftlichen Sa¬ 
gen (Entstehung s. Natur A. 45 ff. u. 
dgl.) über die S. sind wohl alle außer¬ 
deutsch. So ihre Entstehung aus dem 
Speichel des Teufels (Estland) 748 ), 
aus seinen Gesellen (Mähren) 749 ), die 
Erklärung der Beinlosigkeit (vgl. 
Natur A. 23. 55), weil eine S. die Mutter 
Gottes erschreckt hatte 75 °), die Er¬ 
klärung des flachen Kopfs der Vipern: 
weil sie damit ein Loch in der Arche 
Noah verstopften 751 ). 

Die S. als Teufelstier (s. Dämon 
A. 178—184) kommt auch in Sagen vor. 
In S.ngestalt verwehrt der Teufel das 
Fällen der Teufelsbuche 752 ). Als große, 
schwarze S. badet sich der Teufel in 
einem Teich, genannt „Teufelsbad“ 753 ). 
Sennen, die das Beten vergessen haben, 
werden von einer riesigen S. bedroht 754 ). 
Das neugeborene Kind eines Trinkers, 
der es in seinem Rausche „Teufel“ ge¬ 
nannt hat, wird in eine S. verwandelt 755 ). 

«f * 

Ähnlich die Urner Sage, nach der ein 
Mann zu seiner schwangeren Frau sagt: 


„der Tyfel hesch byn-der“, worauf sie 
eine S. gebirt 756 ). Als Teufelstier bringt 
sie Verderben und Tod (s. a. Dämon). 
Der hochangeschwollene Hornbach oder 
die Emme kommt als grüne S. herunter¬ 
gestürzt, auf deren Kopf ein grünes 
Männchen sitzt 757 ). Aus der hoch¬ 
gehenden Reuß steigt eine riesige S. und 
verschlingt die am Ufer weidenden Rin¬ 
der 758 ). Selbst Menschen frißt sie auf 759 ). 
Ein schlafender Zimmergesell wird durch 
seinen Kameraden vor einer S., die auf 
jenen vom Baume herabschießen will, 
gerettet, indem er ihm ein Beil auf die 
Brust legt, an dem die S. zerschellt 760 ). 
Ein Anderer wird durch eine Eidechse 
gerettet (vgl. Natur A. 166) 761 ). 

Vereinzeltes: Über das Ver¬ 

schlucken von S.n durch Menschen 
(s. Natur A. 152. 153) gibt es eine Reihe 
von Sagen 762 ). Caesarius v. Heisterbach be¬ 
richtet von einer schwangeren Frau in Flan¬ 
dern, die eine S. verschluckt habe. Als das 
Kind zur Welt kam, habe es die S. um den 
Hals gehabt. Diese konnte nur mittelst 
eines Schwertes, das auf das Kind gelegt 
wurde, abgelöst werden 763 ). Die Ver¬ 
giftung mit S.nfleisch wird in einem 
Volksliede dargestellt (vgl. Med. A. 
491) 764 ). Umgekehrt die Würzung der 
Speise durch eine S. 765 ). Verwandlung; 
des Brotes der hartherzigen Bäuerin in 
S.n u. Kröten 766 ). Eine mißhandelte 
Zigeunerin flucht S.n in ein Schloß 767 ). 
Eine große S. wird in Gestalt eines 
Baumstamms verbrannt 768 ). Eine S., 
die die gemolkene Milch von drei Kühen 
ausgesoffen hat, zerplatzt (s. o. A. 
617) 769 ), eine andere, die ungelöschten Kalk 
gefressen, zerplatzt beim Löschen des 
Durstes 770 ). In einer Graubündner 
Sage erinnert eine S. einen treulosen 
Geliebten an sein Eheversprechen 771 ). 
Anderseits wird nach einer alten Fabel eine 
S., die ihrem Befreier versprochen hatte, 
ihn zu verschonen, und das Versprechen 
nicht halten wollte, durch List wieder 
gefangen 772 ). Eine böhmische Legende 
sagt, daß die Gifts, mit den ge¬ 
fallenen Engeln vom Himmel gefallen 
sei 772a ). 

Endlich sei die schöne Sage von Karl 


Schlange 


Il86 


II85 

dem Großen erwähnt, der vor seiner 
Residenz in Zürich eine Glocke für Bitt¬ 
steller hatte aufstellen lassen, die von 
einer S. benützt wird, um von dem Kaiser 
Recht zu erlangen gegen eine Kröte, die 
sich in ihr Nest gesetzt hatte. Die Kröte 
wurde verbrannt, und als Dank ließ die 
S. einen kostbaren Edelstein in den 
Becher des Kaiser fallen 773 ). 

Über Parcelsus und seinen Diener, 
der das Geheimnis des S.nzaubers er¬ 
lauscht s. Zauber A. 270. Nach einer 
historischen Überlieferung erscheint eine 
S. den bereits versöhnten Königen von 
Frankreich u. England und bewirkt 
dadurch erneut die Schlacht zwischen 
den beiden Heeren 774 ). Erdumschlingend 
ist die Midgards, (midgardsormr) der 
Edda 775 ), deren Rolle beim Weltunter¬ 
gang sich aber im deutschen Aberglauben 
kaum wiederspiegelt 776 ); eher der des 
Nfdhpggr 777 ), der die Weltesche be¬ 
nagt (vgl. Natur A. 145). Seeschlange 
s.d. 

• _ 

€l7 ) Jegerlehner Sagen 2, 300 (Literatur); 
Kohl rusch Sagen 48 (Stollenwurm); Walliser 
Sagen 1, 150; SAVk 13, 164; Uetz Währ- 
schafts 67; Jenzer Heimatkunde v. Schwärzen- 
burg (Bern 1869) 176 fl.; Luck Alpensagen 44; 
Heyl Tirol 158. 247 t.; Schramek Böhmer¬ 
wald 245; Schell Bergische Sagen 374; Haas 
Rügensche Sagen 87; Jensen Nordfries. Inseln 
176fr. Vgl. Sebillot Folk-Lore 3,274; Hovorka- 
Kronfeld 1, 383. 6l8 ) Wolf Beitr. 2, 442 

(nach Bechstein Thüringen 1 764); Sebillot 
Folk-Lore 3, 274; Llano Roza Folkl. astur. 134; 
Schlangensäugende Frauen an mittelalterli¬ 
chen Kapitalen (Soest, Arles, Pamplona, 
Husby) und Plastiken als Symbol der Luxuria 
oder Mutter Erde s. NdZfVk. 11, 192 t. 206. 
211 (Abb. 12), vgl. A. 712. ® 19 ) Vgl. 

die nachfolgenden Sagen: Bolte-Polivka 2, 
459 ff-; ferner Wuttke § 57; Meyer Germ. 
Myth. 73; Kühnau Sagen 2, 41 f.; Drechsler 
2, 182; Köhler Voigtl. 496; Heyl Tirol 157; 
Rochholz Glaube 2, 112; Wuttke Sachs. 
Volksk. 353 (wendisch); Boeder Ehsten 39. 
62 °) Literatur bei Bolte-Polivka 2, 459 ff.; 
Jegerlehner Sagen 2, 328; Henne Volkssage 
117; außerdem: Baden: Meyer Baden 78 f.; 
Baader Sagen 94; Hoffmann 91; 

Schmitt Hetlingen 10; Bayern: Sepp Sagen 
615; Bayr. Hefte 6 (1919), 164; Reiser Allgäu 
1, 269 t.; Berg: Schell Berg. Sagen 332 (Vari¬ 
ante: die S. verschwindet, als das Kind ihr 
mit d. Löffel auf d. Kopf schlägt); Branden¬ 
burg: Engelien u. Lahn 79 f.; Mecklen¬ 
burg: Bartsch 1, 277 (S. getötet, d. Kind 
siecht hin); Sachsen: Sieber Sachs. Sagen 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII 


194 t.; Schlesien: MSchlesVk. 11 (1909), 

97; Kühnau Sagen 2, 39. 43 (S. getötet, Kind 
stirbt). 352 (S. = Wassermann; vertrieben; 
Kind ertrinkt); Württemberg: Meier Schwa¬ 
ben 1, 204 (2 Versionen). 206; Vorarlberg: 
Vonbun Sagen 2 176 f. (Krone vom Kopf ge¬ 
schlagen; S. kommt nicht mehr; Glück schwin¬ 
det aus dem Haus). Schw r eiz: Caminada 
Friedhöfe 50 f.; Jegerlehner Sagen 2, 268; 
SAVk. 8, 303; So oder Rohrbach 91 (S. kommt 
als Hausgeist vom Ofen — Herd.); Rochholz 
Glaube 2, 112. 621 ) Vernaleken Mythen 137; 

Kuoni St. Galler Sagen 24. 622 ) Haas Grimmen 
28. 623 ) Schell Berg. Sagen 297. ® 24 ) Scham¬ 
bach u. Müller 186; Engelien u. Lahn 79 f. 
625 ) Verwandelt Scherben zu Silbermünzen: 
Meier Schwaben 1, 28. 626 ) Mensing Schlesw. 
Wb. 4, 525; Lemke Ostpreußen 1, 96. 627 ) All¬ 
gemeines über den S.en-könig s. o. Natur. 
Ferner: Böckel Volkssage 90; Grimm Myth. 
2, 572; Krone: 3, 198; Bolte-Polivka 2, 463; 
HmtK. 30, 45. 628 ) John Westböhmen 87. 

629 ) Liebrecht Gervasius m; Henne Volks¬ 
sage 2 115 h.; Haas Rügensche Sagen 163; 

Müllenhoff Sagen 355; Rochholz Schweizer¬ 
sagen 2, 6; SAVk. 8, 302; Fient Prättigau 
240 f. 63 °) Heyl Tirol 94 f.; Vernaleken 
Alpens. 248. 831 ) Schmeller Bayr. Wb. 1, 1373. 
* 32 ) Müllenhoff Sagen 355; Mensing Schlesw. 
Wb. 4, 524. 633 ) MSchlesVk. H. 5 (1898), 43. 
e34 ) Hovorka-Kronf. 1, 324; Niederhöffer 
Meckl. Sg. 4, 43; Sieber Sächs. Sagen 194; 
Kohlrusch Sage?i 6; Vernaleken Alpens. 
237 f. 242; Gräber Kärnten 154. 157; Germania 
36, 384 (Steierm.). S. auch namentlich die 
Kronerwerbungssagen (u. A. 647 ff.). 636 ) Meier 
Schwaben 1, 205; Heyl Tirol 494. 636 ) Bir- 

linger Volkst. 1, 102. 637 ) Erk-Böhme 1, 34. 
638 ) Vonbun Sagen 2 176; Reiser Allgäu 1, 
270; Gräber Kärnten 153 f., ähnl. 157 Nr. 
201 (dem Kinde); Baader Sagen 7; Woeste 
Mark 50; Heyl Tirol 377 (der Magd). 639 ) 
Haupt Lausitz 1, 78; Eisei Voigtl. 153; 
Knoop Schatzsagen 41; Meier Schwaben 1, 205; 
Grimm Sagen 16 f.; Myth.2, 572; Reiser Allgäu 
1, 270; Waibel u. Flamm 1, 302; Sieber 
Sächs.Sagen 195; Sepp Bayr. S. 614!.; Verna- 
leken Alpensagen 247 (17z 3 ; ähnl. b); Heyl Tirol 
377; Vonbun Beitr. 117; Vonbun Sagen 2 175; 
Herzog Schweizer sagen 2, 81 f.; Niderberger 
Unterwalden 2,89 (—Lütolf 324); Rochholz 
Naturmythen 193 f. 64 °) Vernaleken Alpen¬ 
sagen 248; Heyl Tirol 94 f. (bringt einem kinder¬ 
losen Manne Kindersegen). 641 ) Literatur hier¬ 
über: Bolte-Polivka 2, 463; Jegerlehner 
Sagen 2, 328 (vgl. A. 305); ZfVk. 25, 120. 
Weiteres: Hovorka-Kronfeld i, 382 (auf 
Stein); ZfdMyth. 1, 191 f. (Trier); Eisei Voigtl. 
150 (auf Tuch, zum Essen des hingelegten 
Käses); Meier Schwaben 1, 207 f.; Birlinger 
Volkst. 2, 103; MSchlesVk. H. 3, 68 (auf 
Purpurtuch); Kühnau Sagen 2, 369 (auf 

weißes Tuch); Drechsler 2, 182 (an Peter u. 
Paul, 29. Juni; vgl. Grohmann 79); Verna¬ 
leken Alpens. 259 (auf rotseidenes Tuch); 

33 


II87 Schlange Il88 


Roch holz Schweizersagen 2, 6; SAVk 25, 
191 (Berner Jura). Vgl. Sebillot Folk-Lore i, 
242; 2, 206 (Goldring); SAVk 25, 191 (franz. 
Schweiz). 642 ) Sepp Sagen 614; Hessler Hessen- 
Nass. 224; Heyl Tirol 649; Kühnau Sagen 
2, 371 (Schlüssel); Stöber Eis. Sagen (Kar¬ 
funkel). 643 ) Grohmann 79. G44 ) Heyl Tirol 
686. 645 ) Bartsch Meckl. 1,278 (armes Mäd¬ 

chen); Eckart Südhann. S. 145 (Holzhacker). 
646 ) Niederhöf fer Meckl. Sg. 4,130 h 647 )Bayr- 
Hefte 6, 164; Hessler Hess. Nass. 152 (Er¬ 
lösung der Unkenkönigin durch reinen Jüng¬ 
ling); Me ich e Sagen 398 (Reinheit); Wucke 
Werra 16; Haupt Lausitz 1, 78 (Kuchen auf 
weißem Tuch); Drechsler 2, 182 f. (weißes 
Altartuch); Laube Teplitz 51 ( 2 54) (rotes 
Tuch); Baumgarten Aus d. Heimat 1, 117 
(das weiße Tuch muß e. Mädchen von 7 Jahren 
gesponnen u. ein Knabe von 7 Jahren gewebt 
haben); Fischer Osisteir. 114 ( 2 116); John 
Westböhmen 87; Grohmann 79 (Gewinn 
schützt vor S.en). 648 ) Stöber Eis. S. 1, 57. 
649 ) Meier Schwaben 1, 207; Gredt Luxemb. 
Sagen 277. 65 °) S. wird blind SAVk. 25, 191. 

6ül ) Kühnau Sagen 2, 378 (im Zickzack fliehen); 
Panzer Beitr. 1, 183; 2, 17 f. (eiserne Tür); 
Meier Schwaben 1, 206; Birlinger Vt. 1, 103; 
Elsaßland 14, 34; Jegerlehner Sagen 2, 268 f. 
(eigens errichtetes Häuschen); Schmitz Eifel 
2, 38 (Einsiedlerklause); Baumgarten Aus 
d. Heimat 1, 118 (9 Türen); Vonbun Sagen 2 174 
(7 Türen). 652 ) Meier Schwaben 1, 207 (Räuber 
unentdeckt); Kühnau Sagen 2, 376 (S. müht 
sich vergeblich ab). Vgl. u. Anm. 667. 653 ) Mül- 
lenhoff Sagen 355 (Nr. 474) (Krone auf Schür¬ 
ze). 654 ) Kühnau Sagen 2, 364 f.; Sieber 
Sächs. Sagen 194. ® 55 ) Kühnau Sagen 2, 39 f. 
(Mantel u. Pferd). 376 (Mantel); Baum¬ 
garten Aus d. Heimat 1, 118 (Tuch; Patronen¬ 
tasche). Vgl. a. Anm. 657. 656 ) Haupt Lausitz 
1, 75 (Zusatz: später fängt ein Fischer die 
kronenlose S. u. will sie töten; auf der Flucht 
wirft er seine Jacke zurück). 657 ) Eisei Voigtl. 
i5o(Mantelsack zurückwerfen). 152; Bechstein 
Thüringen 2, 189; Kühnau Sagen 2, 375 f. 
Vgl. u. Anm. 668. 658 ) DGaue 14, 263. ® 59 ) 

Baumgarten A. d. Heimat 1, 120; Kühnau 
Sagen 2, 378; Meier Sagen 206. 6 ®°) Schra¬ 
me k Böhmerwald 245. 601 ) ZföVk. 13, 135 

(Nordböhmen). 662 ) Herzog Schweizersagen 

1, 240. ® 63 ) Alemannia 25, 35 (als der Mann das 
Rad später wieder holte, biß ihn die darin 
verborgene S. zu Tode). 664 ) Bolte-Polivka 3, 
407 A. 1. 665 ) Kühnau Sagen 2, 374. 660 ) Von¬ 
bun Sagen 2 174 f.; Strackerjan 2, 173; Ku* 
oni St. Galler Sagen 50; Herzog Schweizersagen 

2, 13. 667 ) Zaunert Rheinland 2, 242. ® 68 ) Glo¬ 
nin g Oberösterr. Sagen 49. 689 ) Kühnau 

Sagen 2, 370. 379 f.; Schell Berg. Sagen 298; 
Schambach u. Müller 185L (goldenesTuch); 
Gräber Kärnten 154 f. ® 70 ) Kühnau Sagen 
2, 367; Haupt Lausitz 79. 671 ) Strackerjan 
2, 173. 072 ) Grässe Preuß. Sagen 2, 726 — 

Hessler Hessen-Nassau 243. ® 73 ) Köhler 

Voigtland 495; Meiche Sagen 395; Sieber 1 


Sächs. Sagen 193 f.; Bartsch Mecklenb. 1, 278. 
279; Niederhöffer Meckl. Sg. 4, 130; Verna- 
leken Alpens. 243; Hauffen Gottschee 98; 
Reu sch Samland 42 erzählt die Geschichte 
von Friedrich dem Großen, der einen Dra¬ 
goner auf die Suche nach einer S.enkrone ge¬ 
schickt habe. 674 ) Andrian Altaussee 141. 
675 ) Schramek Böhmerwald 176; lückenhaft 
scheint eine schlesische Sage, wo von einer 
Wirkung nicht berichtet wird: Kühnau Sagen 
2, 380. Nach Aubrey Remaines 224 verfolgt 
das Männchen bzw. Weibchen der getöteten S. 
den Töter bis an seine Zimmertür, wird aber 
ebenfalls getötet (Dorsetshire). ® 76 ) Grässe 
Preußen 2, 894. 677 ) Bartsch Meckl. 1, 278. 

® 78 ) Hoffmann Ortenau 91. 679 ) Bartsch 

Meckl. 1, 280. 68 °) Luck Alpens. 44. 681 ) Meier 
Schwaben 1, 255. 682 ) Küster 151 f.; Mann¬ 

hardt WFK 2, 66; Güntert Kalypso 105. 109; 
JbfjüdVk. 1, 302; Bolte-Polivka 2, 235. 
270; 4, 209; Sebillot Folk-Lore 3, 289 ff. 
® 83 ) MSchlesVk H. 5 (1898), 44 ff. ® 84 ) ZfVk. 
25, 120 A. 1; Wolf Beitr. 2, 215; Amersbach 
Lichtgeister 28; Liebrecht Z. Volksk. 375 f.; 
Kühnau Sagen 1, 273. 280; Bavaria 2, 2, 799; 
Grässe Preuß. Sagen 1, 531 (e. Mönch). 538; 
Sieber Sächs. Sagen 296; Grimm Sagen 17 
(Nr. 25); Zingerle Sagen 325; Gräber Kärnten 
148; Vernaleken Mythen 124; Luck Alpen¬ 
sagen 44 f.; Kuoni St. Galler S. 50; Gloning 
Oberöstr. Sg. 50 (Vorsage zu einer Kronenraub¬ 
sage); McCulloch Faith 195. ® 85 ) Tobler 

Schweiz. Volkslieder 1, 102; dazu R. Köhler in 
AfdA. 11, 78; MSchlesVk. H. 5 (1898), 44 
Anm. 3. ® 8 ®) Grimm Myth. 2, 810; Quitz- 

mann Baiwaren 170 f. (nach Schönwerth 
Oberpfalz 2, 192). 687 ) Künzig Schwarzwald 

76. 688 ) Landstad Fra Telemarken (1927) 

82 f.; Storaker Natur 239. ® 89 ) Grimm Myth. 
2, 817; Wuttke § 57; Kuhn Westf. S. 346 
(Grundsätzliches über Schlüsseljungfrauen); 
Küster 93. 120; Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 517; 
Grimm Sagen Nr. 433 (weisend); Henne 
Volkssage 115 (weisend); Panzer Beitr. 1, 
2. 36; Meier Schwaben 209; Schöppner 

Sagenb. 1, 455; 3, 155; Birlinger Volkst. 1, 
103; Hebel Pfälz. Sagen 11; Grässe Preuß. 
Sagen 2, 636; Schambach und Müller 185 f.; 
Zaunert Rheinland 1, 278 t.; Kühnau Sagen 
2, 43 (weisend); Grohmann Sagen 222. 223; 
Zingerle Tirol 298. 301. 323 324. 325. 326 
(weisend); Alpenburg Tirol 330. 331; Frei¬ 
sauf f Salzburg 563; Müller Siebenbürgen 84 
(n. Miles Chronik v. 1551); Rochholz Schwei¬ 
zersagen 2, 4 (weisend); ders. Naturmythen 197; 
ders. Glaube 1, 187; Jegerlehner Sagen 2, 
236; Müller Uri 1, 277; SAVk. 20, 426 f.; 
Kuoni St. Galler S. 50; Stäuber Abergl. 62; 
Gredt Luxemb. Sagen 244. 580. 584. — Vgl. 
Sebillot Folk-Lore 3, 297 (Frankreich); ZfVk. 

1, 168 (Island). 6a0 ) Vor allem Emma Frank 
Der Schlangenkuß. Leipzig 1928; Laistner 
Sphinx 1, 94; Lippert Christentum 496; 

Amersbach Lichtgeister 23 (erwähnt S.en- 
Jungfrau Elidia: Lanzelet 7881. 7907. 7990; 


1 


1189 


Schlange 


1190 


vgl. Grimm Myth. 2, 810). ® 91 ) Ranke Der 

Erlöser in der Wiege. München 1911; Henne 
Volkssage 118; Häuffen Gottschee 99. 692 ) Heß- 
Ier Hess. Nass. 152 (verbunden mit Kronen¬ 
sage); Gräber Kärnten 145 f. (Erlöser in der 
Wiege); Schmitz Eifel 2, 38 (Nonne als S. 
mit Schlüssel im Maul auf Geldkiste). ® 93 ) 
Bartsch Meckl. 1, 271 (S. mit vielen kleinen 
S.en schrecken d. Schäfer ab); Vonbun Beitr. 
27 (Zöpfe der Jungfrau sind S.en); Stöber 
Eis. Sag. 2, 118 (schatzhütende S. neben der 
Jungfrau schreckt ab). ® 94 ) Emma Frank 
Der Schlangenkuß. Leipz. 1928; Bolte-Po- 
Mvka 2, 37 A. 2. 236 (nord. Quellen). 271; 4, 
170. 685 ) Schambach u.Müller 104; Baader 
Sagen 200, 2. Sage (Zauberblume); Grässe 
Preuß. Sagen 1, 591; Haas Pomm. Sagen 103 
{2 Edelfräulein als S.en); Gräber Kärnten 
159 (Erlöser in der Wiege). ® 96 ) Grimm Myth. 
2, 809 unten; Grimm Sagen Nr. 13 (nach 
Prätorius Weltbeschreibung 661 ff. u. and. 
Quellen); Bindewald Sagenbuch 64; Heßler 
Hess. Nass. 134 (beim 2. Kuß, Zauberblume); 
Meiche Sagenbuch 572; Rochholz Schweizer¬ 
sagen 1, 250 ff. (nach Stumpf Schweizer - 

chronik u. a. Quellen); Singer Schweizer 
Märchen 2, 60 ff. (rätoromanisch, 1. Kuß: 

Kopf, 2. Kuß: Leib, 3. Kuß: Beine in Menschen 
verwandelt. Erlösung gelingt); Müller Uri 1, 
277 (Erlösung nicht genannt). 697 ) Baader 
Sagen 198; Neugesammelte S. 75 (Frosch, S., 
Drache); Stöber Eis. Sg. 2, 173; Hebel 
Pfälz. Sg. 119 (S., Kröte, Jungfrau); Wucke 
Werra 1 (S., Drache, Jungfrau). 698 ) Alpen- 
burg Tirol 193; Heyl Tirol 632; Zingerle 
Märchen a. Süddeulschl. 385 f. (Kronschlange); 
Zingerle Sagen 315 (um den Hals). 316 (2 S.en 
um den Hals). 158 (3 Jungfrauen; am nackten 
Körper empor); Herrlein Spessart 336 (Erlöser 
in der Wiege); Heyl Tirol 511. 6 ") Vonbun 
Beitr. 27. 70 °) Gräber Kärnten 151 f. 701 ) Cami- 
nada Friedhöfe 50 f. (n. Decurtins Rät. Chrest. 
2, 145). 702 ) ZfVk. 7, 446 (Schlesien). 703 ) Küh¬ 
nau Sagen 1, 245 f. 250. 257; Andrian Altaus¬ 
see 140; Hauffen Gottschee 99; Gräber 
Kärnten 149 (Erlösung gelingt). 150 (dto.). 151 
(mißlingt); Friedli Bärndütsch 7, 487; Luck 
Alpensagen 45 (Trauring). 704 ) Zaunert Rhein¬ 
land 1, 302; Knoop H. Pommern 32; Gredt 
Luxemb. 9 (Nr. 1 u. 2). 218. 222 (3 mal). 282 
(Ring st. Schlüssel). 579; Schmitz Eifel 2, 
37 (2 Nonnen); Hessel Mosel 118 (dto.); 
Gräber Kärnten 147 f. 152. 159 (Erlöser in d. 
Wiege). 705 ) Baader Sagen 246 (Erlösung 
gelingt, Schatz gewonnen); Freisauff Salzb. 
S. 575 (mißlingt). 70 ®) Heßler Hessen 259 
{mit Rute feur. Hund erschlagen. Erlöser in d. 
Wiege). 707 ) Zingerle Sagen 319 (3 Türen 
werden durch die Haselrute geöffnet, Löwen, 
Eber, Wölfe, S.en unschädlich gemacht, Wasser¬ 
fluten durchschritten; beim Drachen versagt 
der Erlöser); Hauffen Gottschee 99. 101. 

708 ) Kühnau Sagen 1, 267 (gköpfige S., Birke); 
Alpenburg Tirol 392 (Hasel); Zingerle 
Sagen 320 (Hasel). 709 ) Vonbun Sagen 2 (1889) 


178; ders. Beitr. 127. 71 °) Kühnau Sagen 

1, 256 (vereitelt). 286 f. (dto.). 284. 287 (ge¬ 

lingt); Heyl Tirol 496; Müller Uri 1, 277 
(Kröte, S. [nicht die verwandelte Jungfrau], 
Drache erschlagen; endgültige Erlösung durch 
Messe). 711 ) Hempler Psychologie 35. 7ia ) 
Bindewald Sagenb. 63. 7l3 ) Panzer Beitr. 1, 
140. 714 ) Baader Sagen 211 (Erlöser in d. 

Wiege). 715 ) Kühnau Sagen 1, 269 (dto.). 
716 ) Zingerle Sagen 147. 7l7 ) Bindewald 

Sagenb. 208. 7l8 ) Zingerle Sagen 322. 7l9 ) Grä¬ 
ber Kärnten 152 f. (Erlöserinder Wiege); Bolte- 
Polivka 2, 420; 4, 140. 72 °) Vonbun Sagen 2 
173 (b)» Schell Berg. Sg. 298; Kühnau Sagen 

2, 367 f. (S.en-Königin unerlöst). 721 ) Ebd. 2, 

377. 722 ) Bechstein Rhön 158. 723 ) Bolte- 

Polivka 1, 4 A. 1; 2, 251 f.; Müllenhoff 
Sagen 383; Sudetendt. Ztschr. 4, 247 ff. 

724 ) Wolf Dt. Hausmärchen 2650.; Laistner 
Sphinx 1, 99 ff. 725 ) Müller Siebenbürgen 43. 
726 ) Kohlrusch Sagen 158 f.; Genoud Le¬ 
gendes frib. 230 f.; Vernaleken Alpens. 252 f.; 
Jegerlehner Sagen 2, 269; Herzog Schweizer¬ 
sagen 1, 114; 2, 192; Kuoni St. Galler S. 4; 
Heyl Tirol 29 (Kapuziner von der weißen S. 
durchbohrt s. u.). 650 (weiße, schwarze, grüne 
S.); Schell Berg. Sg. 303 (durch Messelesen 
S.en vom Friedhof vertrieben); Birlinger Volkst. 
1, 104 f. (Drachenart. S.). 727 ) Veckenstedts 
Zs. 2, 186 (Hinterpommern); Vernaleken 

Alpens. 250 f.; Waibel u. Flamm 1, 234; 
Kohlrusch Sagen 237 f.; Lütolf Sagen 243; 
Jegerlehner Sagen 2, 267 (die gefürchteten 
3 weißen S.en erscheinen nicht, s. u., daher 
bleibt der Beschwörer am Leben); Heyl Tirol 
29 (Frage: „Lieber Schatten oder Würmer“? 
Seitdem keine Sonne mehr im Tal). 728 ) Von¬ 
bun Sagen 2 177 f. 729 ) Grimm Myth. 3, 197; 
in Indien nötigt das S.en-Opfer die S.en, sich 
ins Feuer zu stürzen; Meier Schwaben i, 208 f.; 
ZfVk. 8, 325 (aus Dux); Storaker Natur 237 f. 
73 °) Einige Lit. in Jegerlehner Sagen 2, 310; 
Henne Volkssage 113L; weiter: Reiser All¬ 
gäu 1, 213 f.; Andree-Eysn Volkskunde 216; 
Baumgarten A. d. Heimat 1, 119 f.; Vonbun 
Sagen 2 179 f.; Vernaleken Alpens. 251; 

ZfdMyth. 2, 348 (Tirol); ZfVk. 4, 122 (ib.); 
Alpenburg Tirol 218; Zingerle Sagen 180 f. 
182; Heyl Tirol 378; Gräber Kärnten 155 f. 
157 {.; Hauffen Gottschee 99; Baumgarten 
A. d. Heimat 1, 119 (S.königin; rote S.); J eger- 
lehner Sagen 2, 24; Jecklin Volkstüml. 3, 87 
(3 weiße S.en erdrosseln den Beschwörer). 
Nordisches: Lundqvist Halländsk folkiro om 
den vita ormen, Halländsk bygdekultur 176 — 
190. 731 ) Grimm Sagen Nr. 247 (nach Wier 

De praestigiis daemonum 1583, 160; Anhorn 
Magiol. 934 f. eine alte u. ungeheure S. tötet 
den Beschwörer); Hexenhammer 2, 241 f.; 

MSchlesVk. 10, 97 f.; Freisauff Salzburg 

251 ff. 732 ) ZfdMyth. 1, 239 (Tirol); 

Zingerle Sagen 182; Alpenburg Tirol 273 f.; 
Heyl Tirol 156. 377; Kuoni St. Gail. Sag. 122 f. 
733 ) Jungbauer Böhmerw. 110. 734 ) Eisei 

Voigtl. 151 (412). 735 ) Kühnau Sagen 2, 372. 

38 * 





Schlange 


1192 


II9I 


’ 3S ) Meiche Sagen 575. 737 ) ZfdMyth. 3, 63. 

738 ) Baader Neuges. Sagen 9; Künzig Schwarz¬ 
wald 79. 739 ) Jegerlehner Sagen 2, 32. 74 °) 

Gredt Luxemb. Sg. 226. 741 ) Meiche Sagen 

535 * 742 ) Reichtumspendende S. (s. o. Kron-S.): 
Bolte-Polivka 2, 461; S.en werden zu Gold: 
Müllenhoff Sagen 355 (Nr. 476); zeigt Erz¬ 
gänge: Alpenburg Tirol 95; weilt in einer 
Schatzhöhle: Meier Schwaben 1, 32; S.en liegen 
auf Geld: Reu sch Samland 74; Mädchen 
nachts in S.en-Gestalt, besitzt großen Schatz: 
Gräber Kärnten 150 f.; die Scherben, aus 
denen die Kron-S. Milch getrunken, werden zu 
Silbermünzen: Meier Schwaben 1, 28. S. 
wandelt Sand zu Geld: Baader Sagen 155; 
S.en an der Stelle, wo Kohlen zu Gold verwan¬ 
delt worden: Freisauff Salzb. Sg. 87; graues 
Männchen wirft Faß mit Kohlen unter die S.en; 
die Kohlen werden im Schuh einer Frau zu 
Gold: Eisei Voigtl. 152. Abgeschnittenes 
Gras verwandelt sich in S.en und diese in Gold: 
Grässe Preußen 1, 466. 743 ) S. tötet einen Bären, 
um ein Kind zu schützen: Wolf Beitr. 2, 442 
(n. Bechstein Dt. Sagenbuch ). Zwei Nat¬ 
tern bringen einem kinderlosen Mann ein weißes 
und ein rotes Krönlein und damit Kinder¬ 
segen: Alpenburg Tirol 388; S. verleiht 
Wunschring: Köhler Kl. Schriften 1, 366. 
440 (vergleichend); spendet Edelstein: Schell 
Berg. Sg. 297; vergiftet die Milch der Räuber, 
die einen Mann gefangen halten: W T aibel u. 
klamm 2, 168. 744 ) Sie saugt eine schwärende 
Wunde aus: Caesarius v. Heist. 2, 264; 
heilt einen Menschen, in den sie während des 
Schlafes hineinkriecht (s. Natur): Stracker- 
3 an 2, 173; belebt mit Heilkraut einen Toten 
(Polyidos u. Glaukos): Grimm Märchen Nr. 16; 
dazu Bolte-Polivka 1, 126 ff. 128; 4, 114; 
Meier Märchen S. 55. 745 ) Mensing Schlesw. 

Wb. 4, 525. 746 ) Hauffen Gottschee 98. 747 ) 

S. ringelt sich einem undankbaren Sohn, einer 
gottlosen Bäuerin, einer hochmütigen Frau 
um den Hals: Bolte-Polivka 3, 167 (nach 
Caesarius v. Heisterb. 6, c. 22); Verna- 
leken Alpensagen 249; Heyl Tirol 158; oder 
sie legen sich auf den kranken Leib des un¬ 
geratenen Sohnes: Tettau u. Temme 144; 
saugen einem wollüstigen Schloßherrn das 
Blut aus: Wolf Niederländ. Sg. 668; Fluchende 
erschrecken sie: Bartsch Meckl. 1, 280; 
bringen Unglück über einen eigennützigen 
Untervogt: Rochholz Naturmythen 197; kom¬ 
men in großen Mengen in die W’ohnung eines 
Wucherers, eines Geizigen: Grässe Preußen 2, 
84; Kiihnau Sagen 3, 175 f.; Zingerle Sagen 
180; S. spritzt Gift in den Speisetopf dessen, 
der ihre Jungen versteckt hat: Meyer Aber gl. 
81 (nach Joh. v. Winterthur Chronik 133); 
da, wo die S.en getötet worden, stirbt das Vieh 
(weil die S.en das Gift [ s. Natur] aus den 
Kräutern gezogen): Strackerjan 2, 173. 

748 ) Dähnhardt Natursagen 2, 281. 749 ) ZföVk. 
5, 63. 76 °) Dähnhardt N.-S. 2, 264. 751 ) 

Sebillot 3, 255; Parallelen bei Dähnhardt 
Natursagen 1, 276 ff. 732 ) Jungbauer Böhmerw, 


34. 753 ) Grässe Preußen 2, 959. 754 ) Jeger¬ 
lehner Sagen 2, 269. 755 ) Ebd. 2, 278. 756 ) 

Müller Uri 2, 168. 757 ) Vernaleken Alpens. 

78 f. 79 f.; vgl. Jerem. Gotthelf Wassernot. 
758 ) Rochholz Schweizersagen 2, 3; Herzog 
Schweizer sagen 1, 241 f. 759 ) Aus dem Nonnen¬ 
loch (Siebenbürgen) stürzt sich eine S. auf die 
unten Vorbeigehenden: Müller Siebenbürgen 
128. Ein Freimaurer wird von einer S. erdrosselt: 
Kühnau Sagen 3, 255. 76 °) Baader Sagen 310. 
761 ) Vonbun Sagen 2, 183; ZföVk. 4, 235; 
Urquell 5, 113 (Westpreußen); vgl. Sebillot 
Folk-Lore 3, 263; ZföVk. 4, 216 (Bukowina). 
Weiteres s. Eidechse Bd. 2, 681 — 83. 762 ) 

ObdZfVk. 6, 13 ff.; Bolte-Polivka 3, 84. 
Einem mit offenem Mund schlafenden Mädchen 
kriecht eine S. in den Leib; sie wird durch Milch 
wieder herausgelockt, aber das Mädchen siecht 
zu Tode. Jahn Pommern 138. Verwandtes: 
Eisei Voigtl. 152; Meier Schwaben 1, 205; 
SchwVkde 3, 73. Ein Kranker wird gesund, 
nachdem ihm eine S. in den Leib und wieder 
herausgekrochen war. Strackerjan 2, 173; 
durch Milch herausgelockt: ebd. 174. Eine Frau, 
die aus einem S.enbrunnen Wasser getrunken, 
gebirt 62 S.en. Birlinger Volkst. 1, 253. Vgl. 
Hembygden 7, 53. 763 ) Dialogus miraculorutn 

2, 264. 265; dazu Wolf Beitr. 2, 443. Die S. 
wird durch ein Milchbad wieder losgebracht. 
Baader Sagen 94; vgl. Grimm Myth. 2, 
572; 3 » 198; MSchlesVk. H. 5, 42. 764 ) Erk- 

Böhme Liederhort 1, 190a ff. 76S ) Gräber 
Kärnten 156 f. 158 t. 768 ) Baader Sagen 51. 
767 ) Meiche Sagenb. 581. 768 ) Jungbauer 

Böhmerw. 23. 769 ) Kühnau Sagen 2, 398. 77 °) 
Müller Siebenb. 128. 771 ) Flugi Volks-Sagen 

42 ff.; Vonbun Beitr. 117; Henne Volkssage 
118 f. 772 ) Köhler Kl. Sehr. 1, 412. 581; Burk¬ 
hard Waldis Esopus ed. Kurz Anm. zu IV, 
Nr. 99. 772a ) Grohmann Abergl. 79. 773 ) 

Nach Heinrich Brennwalds Chronik in SAVk. 17, 
200 f. u. bei Kohlrusch Sagen 301 ff.; s. a. 
Klapper Erzählungen 366; Gesta Romanorum 
Nr. 105; ausführliche Quellenangaben s. Kaiser¬ 
chronik hg. v. Maßmann 3, 997—1002. Vgl. 
Rochholz Naturm. 198. 200. 774 ) Anhorn 

Magiol. 925 t. (zit. Camerarius Medit. hist.). 
Auf Kornhaufen in Ungarn 927. 77G ) s. na¬ 
mentlich Howey Encircled Serpent 399 — 406; 
Hoops Reallex. 3, 221; Grimm Myth. 2, 663; 3, 
236; Golther Myth. 178. 776 ) Olrik Ragnarök 
54 — 5 6 - S.en, namentlich aber Drachen und 
Weitende in dänischen, färöischen, Österreich, 
(nur Drachen!), persischen, indischen Sagen 
ebd. 97—102. 326. Dazu der ungarische Volks¬ 
glaube, daß die Welt untergehe an dem Tage, 
w r o eine weiße S. aus dem Blocksberge in Ofen 
hervorkriechen wird: Grohmann Sagen 60. 
777 ) Bugge Göttersagen 480 ff. 

8 . Über die Darstellung der S. auf 
Felsen, Denkmälern, Bauten oder be¬ 
weglichen Gegenständen besitzen wir 
keine umfassenden Arbeiten. Das Fol- 


V 


A * 


Ti 


IV 


tv 

I-' 


1 t 

.A 

* . 


• • 


fr 

■*, t 


1 1 





1193 


Schlange 


1194 


gende bietet nur eine ganz dürftige, ge¬ 
legentlich aufgezeichnete Auswahl. Ei¬ 
niges verdanke ich Herrn Prof. K. Prei- 
sendanz in Karlsruhe u. Herrn Oskar 
von Zaborsky in Berlin. 

Allgemeines: Göttersymbol s. bei 
Ebert Reallex. 4, 2, 438; 11, 264 ff. 
Weiteres bei Eiworthy Evü Eye 122; 
Seligmann Blick 2, 130 f.; F. X. 

Kraus Realencyklopädie d. christl. Altert. 

2, 733 f* 

Orient u. Ägypten: ZfVk. 23, 21 ff.; 
Howey Encircled Serpent 17 (ägypt. 
Götter); Pietschmann Gesch. der 
Phönizier (1889) S. 224—227; Greß- 
mann Bilder zum AT 2 . 149 Nr. 5 I 4 » 
7- oder 9 köpfiger S.nbaum Naga, Abb. 
bei Wirth Urschrift der Menschheit. 

Antike: Daremberg et Saglio 2, 
1, 403 ff. ( draco)\ Pauly-Wiss. 2. R. 2, 
1, 520 f.; Küster Die S. in d. griech. 
Kunst u. Rel. 3 fl- 20 ff.; Jac. Herold 
Heydten-Weldt (Basel 1551): Horapollon- 
bilder mit S.n: Nr. 3. 26. 28. 30. 

In und an Gräbern (vgl. Dämon 
A. 192): Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 514 h; 
Bachofen Gräber Symbolik passim (s. 
Register); Küster 66 ff. 75; ARw. 12, 
221 ff. (auch auf Dipylonvasen); auf 
den Kultdenkmälern der „thrakischen 

Reiter“: ARw. 15, 154* l6 °- 

Säule mit drei S.nköpfen, Hippodrom, 
Konstantinopel: Gazette des Beaux-Arts, 
Apr. 1930. 

Über Haustüren (Pompei); Küster 
114 Anm. 

Auf Panzer: Küster 49; Athene: 
Roscher Lex. 1, 694. 696. 702 (zu den 
Darstellungen der Athene mit S. s. 
Petersen Burgtempel der Athene 45). 

Auf Schild: Daremberg et Saglio 
1, 1249. 1252; Küster 49. 50. Aigis 
der Athene: Küster 116 f. 

Auf Helm: Küster 49; Lenz Zool. 
456; vgl. die Ptolemäer-Kamee in Wien 

u. Erman Ägypten S. 97. 

An Stab (caduceus des Hermes): 
Howey Encircled Serpent 71 ff.; Preller- 
Robert Griech. Myth.* 417 f.; ZfVk. 
23, 21 ff.; Grimm Myth. 3, 197. 

Auf Cameo: Bachofen Gräbersym¬ 
bolik 138 f. (S. u. Ei, s. a. 419). S. u. 


Asklepios: Küster 133 ff.; Roscher 
Lex. 1, 632 ff.; Howey Encircled Serpent 
89 ff. S. u. Athena Hygieia: Küster 
117. 

Votiv- S.: Päonie auf d. Kopf: Roscher 
Lex. 3, 1246 (Paian); SchwVkde. 22, 115. 

Auf Amuletten u. ä. (s. o. Allge¬ 
meines und Zauber A. 259) auf magi¬ 
schem Nagel: Daremberg et Saglio 
1, 1241. 

Als Schmuck: sehr häufig; besonders 
Armbänder, s. z. B. Hovorka-Kron- 
feld 1, 381 (Pompei). Fibeln: Ebert 
Reallex. 3, 296. 302. 

Germanische Völker. Nordische 
Bronzezeit: Reichborn-Kj ennerud 
21 unten. Felsen: Der „Snakenstein“ 
bei Donnern (Hannover): ZfdMyth. 2, 
294. Kapitell: Geflügelte S. im Kampf 
mit einem Wolf (?), Petridom in Bre¬ 
men; s. Germanien 1933» 361. Mutter 
Erde mit S.: NdZVk. xi, 206 ff. Römi¬ 
sche Darstellung in Deutschland: ebd. 221. 
Gräber: Meyer Germ. Myth. 59; Ca- 
minada Bündner Friedhöfe 49. Tore: 
Zwei symmetrische S.n: Friedhofstor 
Damsdorf, Ostpommem (Kaschubei). 

An Häusern: Wuttke SächsVk. 429. 
In Kaufläden u. ä.: Wiener Zs. 35, 1 ff. 
Auf Schwert u. Helm: Grimm 

Myth. 2, 573. 

Auf mittelalt. Evangelienmanuskript 
(Schweden): Aubrey Remaines 38. 

Amulett: Andree-Eysn Volkst. 71 
(Tau-Amulett, Eherne S., Mose). 

Auf und an Gegenständen: Rüti- 
meyer Urethnographie 147 (Kürbis¬ 
flaschen). 

Auf Rasiermesser (Grabbeigabe der 
jüng. Bronzezeit aus Jylland: Museum 
in Kopenhagen Nr. B 4548; zwei ge¬ 
krönte Schlangenköpfe am Griff eines 
Milchlöffels aus dem Lötschental 
(Wallis): Germ. Museum in Nürnberg; 
am Griff eines Schulzenstabes aus 
Ostpommern, in d. Ausstellung „Deut¬ 
sches Volk, deutsche Arbeit", Berlin 1934* 
Schaft eines Kienspanhalters von 
den Halligen: Germ. Mus. Nürnberg. 
Geschlängelter Hirtenstab: Portheim- 
Mus. Heidelberg; Gemälde von Schon- 
gauer „Anbetung des Kindes“ im Kais. 



Friedr.-Museum, Berlin. Vgl.die „Ziegen- 2. Doppelköpfige S. Howey En- 

hainer", Wanderstöcke der Handwerks- circled Serpent S. 317. 318; Seligmann 

burschen. Heil- und Schutzmittel 159 (Eiserner Ring, 

Wohl nicht germanisch, eher gallisch, Kalkutta). 

ist die Darstellung des Gottes Cer- 3. S. mit Menschenkopf (vgl. Dä- 
nunnos auf dem Silberkessel von Gunde- mon A. 179). J. K. Bonneil The Ser- 
strup. Der Gott hält mit der linken pent with a Human Head in Art and 
Hand eine Schlange. Mystery Play. Am. Journ. of Archaeo- 

Andere Völker. Zuweilen an Gegen- logy 21 (1917), 255 ff.; Hovorka-Kron- 
ständen, so z. B. am Hals der Gusla feld 1, 381 (Münze von Abonoteichos). 
(slavische Laute) s. Spieß Bauernkunst Sehr häufig wird die Paradies-S. mit 
57 und im Museum für Völkerkunde, weiblichem Kopf dargestellt. Eine be- 
Basel. Ebenda um den Griff eines sondere Auffassung auf dem Sünden¬ 
hölzernen Löffels (Zigeuner) u. als fallbild des Hugo van der Goes in Wien: 
Griff eines Eisenmessers (unbekannter die S. als Weib mit je zwei Armen, 
Herkunft). Als Wagengeschirrauf- derartigen Beinen u. langem, glattem 
satz s. ZfVk. 43, 180 (Abb. 3, 1 Neapel); Schwanz. — Über die Paradies-S. aus¬ 
sehrhäufig als Fingerring. führlich: H. Schmerber Die S. des 

Spezielle Formen der S.n-Dar- Paradieses, in: Kulturgeschichtliches aus 
Stellung: der Tierwelt. Prag 1905, S. 37 ff. 

1. Sich in den Schwanz beißende 4. Uraeus-S. (Hierogramm: Scheibe, 
S. (Symbol der Ewigkeit): Howey Flügel, S.); Howey Encircled Serpent 
Enctrcled Serpent (S. 4: Persischer Gott 1 ff.; Erman Ägypten 94. 98. 253 (am 
Azon; S. 109: Christus-Medaille, von S. Hause). 360. 371. 

eingefaßt, S. 133 • au f der Crux ansata, 5. S. und Baum. Howey Encircled 
ankh, Roscher Lexikon 4, 1474! Tre- Serpent 108 ff. S. noch Drache (Bd. 
centa Emblemata (Augsb. 1716). Prei- 2, 364 ff.). 

sendanz Die S. der Ewigkeit. Garten- Hofimann-Krayer. 

laube 1933, 669 t. Schlangcn-Segen L ) heißen streng ge- 

Länderumfassend: Midgard-S. (s. nommen Sprüche, die Schlangen bän- 
Sagen A. 775 )- digen oder vom Stechen abhalten wollen; 

Auf Grabsteinen (s. o.): Grabplatte aber die, in neuerer Zeit gewöhnlicheren, 
Herders in der Weimarer Hofkirche. Sprüche gegen die Folgen eines Schlangen- 
Grabstein in Wiesbaden (vgl. Goethe bisses (eigentlich Wundsegen) sind öfters 

Briefe 24, 92, 16). ähnlichen Inhalts und von jenen kaum 

Amulette: Kopp Palaeogr. crit. IV, scharf zu trennen. 

ZfVk. 43, 185 h Abb. 3, 2 (Neapel). 1. Antike und spätlateinische 
Gegenstände: Auf einem Leb- Sprüche. Im Aberglauben der südlichen 
kuchenmodel aus St. Gallen, im Länder spielen Schlangensprüche natür- 
Museum für Völkerkunde, Basel, sind lieh eine große Rohe. Aus dem Altertum 
drei konzentrische schwanzbeißende S.n liefert uns besonders Ägypten Beiträge, 
dargestellt. Um eine Uhr im Rathaus zu altägyptische und später griechische, z. T. 
Heilbronn. Zwei Tür klopf er in der Rue mythischen Inhalts 2 ). Der christlichen 
du Pont S.-Marcel in Metz. Oberer Rand Kirche (wie schon innerhalb der ägypti- 
eines phönikischen Gefäßes, im sehen Religion) war die Schlange ein 
staatl. Museum, Berlin (Preisendanz Symbol des Bösen, und das Bibelwort 

a. a. O. 670). 1. Mosis 3,14 h wurde beliebtes Motiv 

Handschriften: Süddeutsche Mini- der Sch.segen. Lateinische (nicht-rezi- 
atur aus dem Kloster Reichenau (Preisen- pierte) Beschwörungen liegen seit unge- 
danz Gartenlaube 1933, 670). Über dieses fähr 900 vor 3 ); z. T. enthalten sie Zauber- 
Symbol s. n. Cumont in Festschr. f. Worte, oft auch das Schriftwort Psalm 90 
Benndorf 291—295; Etudes syr. 60 f. I (deutsch 91), 13 (später auch deutsch 


1197 


Schlangen-Segen 


1198 


und französisch verwertet) 4 ), weiter die 
Anrede „Sta, sicut stetit aqua Jordanis“ 
(bei der Taufe Jesu), vgl. Jordansegen § 3. 

1 ) Literatur Franz Benediktionen 2, 
171 ff.; Schönbach Analecta Graeciensia 36 ff.; 
ZfVk. 21, 389. 2 ) Hälsig Zauberspruch 13 f.; 

Erman Die ägyptische Religion 2 115. 168; 

Leemans Papyri Graeci 2, 101 f. 3 ) Stein¬ 


meyer 392 u. MSD. 2, 48 (beide (?) 10. Jh.); I 
ZfdA. 13, 216 (14. Jh.); Germania 32, 452 j 
(15. Jh. Schönbach HSG. Nr. 1093 u. 
seine Analecta Graeciensia Nr. 17 um 1600); 
Wierus De praestigiis daemonum 534 (16. Jh.). 

4 ) Meyer Baden 81; RTrp. 19, 491. 

2. Deutsche Segen, episch, durch¬ 
wegs in später Überlieferung und großen¬ 
teils recht unklarer Form. Zwei Haupt¬ 
typen; der eine erzählt vom Stich der 
Schlange, der andere nicht. In beiden 
spielt so gut wie Christus auch Maria eine 
Rolle, entsprechend der kirchlichen, früh 
bezeugten 5 ) Auslegung von 1. Mosis 3, 15 
als Maria so gut wie Christus geltend. 

a) „Die Schlange sticht, Christus 
spricht, Christus hat gesprochen: Diese 
Schlange hat nicht giftig gestochen'* 6 ). 
Oder z. B.: „Die Schlange stach, die Otter 
biß, Mutter Maria schwur, daß alles böse 
Gift hinausfuhr“ 7 ). Auch mehr kirch¬ 
lich: „Schlange, du erster Sündenfall, 
Christus dir den Stachel nahm, Maria 
dir den Kopf zertrat, daß du mußt hegen 
wie ein Stab“ 8 ). Diese Gruppe wirkt 
natürlich vorwiegend als Heil- nicht als 
Abwehr segen. — Viele derartige, z. T. 
anschaulichere Segen skandinavisch 9 ). In 
französischem Segen wird Petrus ge¬ 
stochen, Christus erteilt ihm Rat 10 ). 

b) Der Heilige meistert die Schlange. 
Der epische Teil weiß von keinem Biß, 
dennoch wird auch diese Gruppe gewöhn¬ 
lich „gegen [vollzogenen] Schlangenbiß“ 
verwendet. Hauptmotive: Christus (Maria, 
Adam, „Ich“ o. a.) findet Schlangen und 
schlägt sie mit einem Stabe oder pustet 
(auf den Eiter?), oder sie verschwinden 
von selbst; z. B.: „Christus und Petrus, 
die beiden gingen über Land, was fanden 
sie da ? Addern und Schlangen und Utzen. 
Und was taten sie da? Pußen“ n ). 
Skandinavisch ist das verwandte Motiv, 
Maria bindet die Schlange mit ihrem 
(Karfreitags-) Bande, sehr beliebt 32 ). — 
Petrus und der Wurm: „Christus und 


Petrus gingen wohl über die Heid', da 
kam eine Schlange von ihrer Weid'. Da 
sprach Christus zu Petrus: Was ist das 
für ein Wurm ? Es ist eine Schlange voller 
Gift und Zorn. So bald Petrus dies errät, 
so bald der Schlange ihr Gift vergeht“ 13 ) 
(vgl. die antike Vorstellung von der Macht, 
die die Kenntnis des (geheimen) Namens 
verleiht). 

c) Endlich unklare Segen über Spiel 
der Otter und der Schlange (vgl. zum 
Anfang „Streitmotiv“ § 4), z. B.: „Die 
Otter und die Schlang', die spielen beid' 
im Sand, die Ott beißt,die Schlange sticht, 
Gott den Vater vergesse nicht“ 14 ). Der 
Schluß auch: „Die Otter sich versah, daß 


sie unsern Herrn Jesum stach“ o. ä. 15 ) 
(Texte, in deutscher Sprache publiziert 16 ), 
über den Ursprung der Sch. [von Gott, 


Teufel oder Weide] haben polnisches 


Original). 


*) Vgl. Harnack Lehrbuch der Dogmenge¬ 
schichte 2 1,507; Lehner Die Marienverehrung in 
den ersten Jkk. 263. 8 ) ZfVk. 5, 18 Siebenbürgen. 
7 ) Frischbier Hexenspr. 89. 8 ) Ebenda. — 

Weiter ZfVk. 1, 196 Brandenbg.; 7,172 Nr. XXI 
Mecklenbg.; Bartsch Mecklenburg 2, 454 t. 
Nr. 2085 —87. 2091; BIPommVk. 7, 150 f.; 

Frischbier Hexenspr. 87 f. Nr. 1 — 4. 9 ) Dan- 
marks Tryllefml. Nr. 462 ff. (vom 15. Jh. an); 
Norske Hexefml. Nr. 112 f. 127; Meddelanden 
fran Nordiska Museet 1897, 22 f. l0 ) Sebillot 
Folk-Lore 3, 277. n ) Strackerjan 1, 77. 
Vgl. Lammert 217; Urquell 1 (1890), 18 Dith¬ 
marschen; Bartsch Mecklenburg 2, 453 f. 

Nr. 2081 — 84; 2, 455 Nr. 2089. l2 ) Ohrt Da 

signed Krist 53 ff. mit Belegen. 13 ) BIPommVk. 
7, 152, vgl. ZfEthn. 31, 465. 14 ) Frischbier 

Hexenspr. 88 Nr. 6. Vgl. Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 454 f. Nr. 2088 a; 2, 457 Nr. 2101; 
Jahn Hexenwesen 113. l5 ) BIPommVk. 7, 

150 f. l6 ) Frischbier Hexenspr. 88 ff. Nr. 5. 8. 
10; Wuttke § 235. 


3. Deutsche Besprechungen (un¬ 
episch) — nicht häufig — bannen die 
Schlange zum Totliegen oder Versinken. 
Im 15. Jh.: „Lig lig lang, du teyfelische 
schlang, du tewfels aygne, lig nw für 
tode“ 17 ). In östlichen Gebieten sind vor¬ 
beugende Segen am Gründonnerstag und 
(mit Hinweis auf Christi Leiden) am 
Karfreitag üblich (gewesen), z. B.: „Heute 
ist Gründonnerstag, Schlangen und Ottern 
vor mir erschrag’n, Wenn sie mich werden 
sehn, solln sie drei Meilen vor mir in die 


Erd hineinkriechen“ 18 ). — Der Eiter 


1199 


Schlangenstein 


1200 




soll so lauter und rein werden ,,als unser 
lieben frawen gspint (Milch), die sie gab 
Jesus Christus ihrem lieben kint“ (16. 

Jh.) 19 ). 

l7 ) Schönbach Analecta Graeciensia Nr. 14. 
18 ) ZfVk. 2i f 389 Nr. 1 Mähren; vgl. Drechsler 
1, 81. 88 (John Erzgebirge 112). 19 ) Mone 

Anzeiger 3, 281 Nr. 13. Anders BIPommVk. 
1 , I 5 i- Ohrt. 

Schlangenstein (s. a. Spalte 1119. 
1122). Nach einem im Altertum und 
Mittelalter verbreiteten Aberglauben 
trägt die Schlange im Kopfe einen 
Stein, oder sie erzeugt ihn durch 
ihren Atem 1 ). Aus Böhmen wird be¬ 
richtet, daß die Schlangen sich zu einer 
bestimmten Zeit und Stunde versammeln, 
einen Kreis bilden und solange zischen, 
bis eine klebrige Masse entsteht, die dann 
zu einem festen Stein verhärtet. Er hat 
die Gestalt einer Eichel, ist durchsichtig, 
hat die Farbe eines dunklen Smaragds, 
ist unten flach und hat dort, wo er ange¬ 
wachsen ist, drei Löcher 2 ). Gesners Ab¬ 
bildung des Sch.- oder ,,großen Krotten¬ 
steins“ (serpentium lapis, Ophites) ent¬ 
spricht teilweise dieser Beschreibung 3 ). 
Der Sch. wirkt, ebenso wie der Stein der 
angeblich giftigen Kröte, nach dem Grund¬ 
satz ,,similia similibus curantur“, vor 
allem gegen Gift. Vergiftete Geschwüre, 
Geschwülste, Entzündungen heilen so¬ 
fort, wenn man sie mit dem Sch. berührt; 
auf giftige Bisse gelegt, zieht er (selbst 
anschwellend) das Gift heraus. Er be¬ 
wahrt auch vor Pestilenz, Verzauberung 
und Faszination 4 ). Der Sch. wurde 
hochgeschätzt. Crusius in seiner schwä¬ 
bischen Chronik berichtet, wie ein ange¬ 
sehener Mann auf dem Lande bei Schwä- 
bisch-Hall einen Sch. gewann und seine 
Nachkommen gemäß seinem Testament 
ihn als heiliges Erbe bewahrten und nur 
gegen eine größere Summe als Unterpfand 
nach außerhalb verliehen 5 ). Ebenso 
vererbt sich der Gottscheer Sch.. noch 
heute von Mutter auf Tochter und wird 
sehr wert gehalten 6 ). 

Eine märchenhafte Vorstellung, die 
auf alte mythische Gedankenkreise zurück¬ 
geht, verbindet Schlange und Edelstein 
als fast untrennbare Begriffe. In den 
Frauennamen Otlind, Bouglint (Schatz¬ 


schlange, Armspangenschlange) spiegelt 
sich diese Anschauung wieder 7 ), ebenso 
in dem Brauche, Ringe und Geschmeide 
in Schlangenform zu bilden 8 ). Rochhoiz 
erzählt, daß man in reformierten Land¬ 
schaften oft behauptet, wenn jemand 
mit Ringen und Edelsteinen begraben 
werde, lege sich eine Schlange auf sein 
Herz und bewache sie. Ein Liebesstein 
ist der Edelstein, den nach der bekannten 
Sage die dankbare Schlange Karl dem 
Großen brachte und den dieser seiner 
Gemahlin schenkte. Dieser Stein hatte 
die geheime Kraft, daß er den Kaiser 
beständig zu seinem Gemahl, nach ihrem 
Tode zu ihrem Leichnam, dann zu dem 
Höfling, der ihn entwendete, und schlie߬ 
lich zu der Quelle, in die dieser ihn un¬ 
willig warf, hinzog. An dieser Stelle 
gründete der Kaiser seinen nachherigen 
Lieblingsaufenthalt Aachen 9 ). Grimmels¬ 
hausen erwähnt ,,Caroli Magni und seiner 
Konkubine Fastrada“ Ring im Galgen¬ 
männlein unter den Zaubersteinen 10 ). 

Als Sch. kam nach Europa auch ein 
runder, weißer, schwarzgefleckter, ziem¬ 
lich schwerer Stein. Er wurde angeblich 
in dem Haupte der Cobra del Capello 
(Brillenschlange) gefunden, in Wirklich¬ 
keit aber von geschäftstüchtigen India¬ 
nern und Jesuiten in Bengalien u. a. 
hergestellt. Auf eine Stelle gelegt, in die 
eine Schlange gebissen hatte, fiel er angeb¬ 
lich nicht eher ab, als bis er alles Gift 
,,magnetisch“ in sich gesogen hatte 11 ). 
Die Benutzung eines solchen Sch. wurde 
1870 in Schlesien festgestellt bei einer 
ministeriellen Nachforschung nach Ge¬ 
heimmitteln gegen den Biß toller Hunde 12 ). 

Vgl. Drachenstein, Krötenstein, Ser¬ 
pentin, Karfunkelstein. 

*) Seligmann 2, 28; Liebrecht Gervasius 
no unten. 2 ) Grohmann Sagen 220 f.; vgl. 
Schwartz Studien 70 1 u. Sebillot Folk-Lore 
2, 443; Häuften Gottschee 98 (Märchen 1. u. 2). 
3 ) Gesner d. f. I. 161. 4 ) Seligmann aaO.; 

Zedier 16, 739 s. v. lapis anguium; Meier 
Schwaben 256 oben; Hauffen 102 f.; vgl. 
Frazer 1, 165 (Griechen). 5 ) Crusius Schwäb. 
Chronik 2, 383 = Meier aaO. 255 Nr. 284. 
6 ) Hauffen aaO. 7 ) Grimm Myth. 3, 198; 
Liebrecht Gervasius 172; vgl. Schulenburg 
Volkstum 172. 8 ) Grimm Myth. 2, 817; 

Wuttke 51 § 57; Wuttke Sächs. Vk. 549. 


IC 


i 


r 

U 


* 

/ 


* 

V 


p 

I 

I 


1201 Schlangenzunge — Schlehe 1202 


9 ) Rochhoiz aaO. 198 u. 200 Nr. 8; Grimm 
Sagen Nr. 459 mit Anm.; Klapper Erzählungen 
134 Nr. 33. l0 ) Amersbach Grimmelshausen 

2, 64. 11 ) Zedier 16, 750 s. v. lapis serpentis; 

Bergmann 467. 12 ) Rübezahl 9, 325 u. 562. 

Zu dem Sch. als Siegstein (Grimm Myth. 
2, 1020) s. s. v. Siegstein; Schlangenzungen 

s. s. v. Fossilien § 7 — Schlangeneistein 

s. s. v. Echenit. f Olbrich. 

Schlangenzunge s. Glossopetren, 
Fossilien. 

Schlapphut s. Breithut. 

Schlaraffenland s. Nachtrag. 

Schlehe (Schlehdorn, Schwarzdorn; 
Prunus spinosa). 

1. Botanisches. Dornstrauch mit 
eiförmigen, am Rande gesägten Blättern 
und weißen, bereits im Aprü erscheinenden 
Blüten. Die Früchte schmecken herb, 
sind etwa kugelig und blau bereift. Der 
Tee von Sch.nblüten wird im Volk als 
abführendes und blutreinigendes Mittel 
gebraucht J ). Sch.nfunde wurden in den 
neolithischen Pfahlbauten gemacht, die 
Sch.n waren offenbar wie viele andere 
„Wildfrüchte“ in vorgeschichtlichen 
Zeiten ein wichtiges Nahrungsmittel 2 ). 
Mit Recht nennt Höfler 3 ) die Sch. einen 
„echt germanischen“ Strauch. 

*) Marzeil Kräuterbuch 131 f. 2 ) Marzell 
Heilpflanzen 69 ff. 3 ) Botanik 31. 

2. Nach einer schwäbischen Legende 
war aus dem Sch.dorn die Dornenkrone 
Christi gemacht, daher schlägt auch der 
Blitz nicht in den Strauch und man ist 
bei einem Gewitter unter ihm sicher 4 ), 
vgl. Hasel. In Posen heißt es, daß der 
Sch.dorn vom Kreuzdorn (s. d.) vor den 
anderen Bäumen verdächtigt wurde, die 
Zweige für die Dornenkrone Christi her¬ 
gegeben zu haben. Da erbarmte sich 
Gott des Sch.doms, und zum Zeichen 
der Unschuld des Strauches überschüttete 
er ihn in einer Nacht plötzlich mit Tau¬ 
senden weißer Blüten 5 ). Eine böse Frau 
aus Schlaupitz bei Reichenbach an der 
Elbe wird in einen Sch.dorn verbannt 6 ). 
Ein Waldweiblein verfluchte die Sch.n 
auf der Burg Breitenstein 7 ). Aus einer 
Leiche wächst ein Sch.dorn s ). Unter 
einem Sch.dorn ist ein Schatz vergraben 9 ). 
Die Sch. („Schwarzdorn“) hat eine Anti¬ 
pathie gegen den Weißdorn (s. d.) 10 ). 


Als „Lebensrute“ dient in Auerbach 
(Oberpfalz) die Sch. 11 ) Sch.nzweige sind 
auch ein Bestandteil der „Mirtesgert’n“ 12 ). 
Vielfach wird, besonders im westlichen 
Deutschland, dem verachteten Mädchen 
ein Sch.nzweig als „Maie“ gesteckt 13 ). 
Holt sich jemand einen „Korb“, so wird 
ihm in Billigheim ein Sch.dorn auf den 
Dunghaufen gesetzt 14 ). 

4 ) Wuttke iii § 145. 5 ) Aus d. Posener 

Lande 3 (1908), Nr. 24. 6 ) Urquell 3, 280 = 

Kühnau Sagen 1, 450 f. 7 ) Panzer Beitrag 
2, 68 f. 8 ) Bastian Elementargedanke 1, 28. 
•) SAVk. 25, 57. 151. 10 ) Grimm Myth. 3, 471. 
n ) Heimatbilder aus Oberfranken 3 (1915), 123. 
12 ) Marzell Bayer. Volksbot. 59. l3 ) Kapff 

Festgebräuche 60; ZfwVk. 8, 73; ZfVk. 7, 78; 
Wirth Beiträge 6/7, 12. 37; auch in Frank¬ 
reich; Rolland Flore pop. 5, 406. 14 ) Meyer 

Baden 256. 

3. Wie alle Dornsträucher (s. 2, 357) 
wehrt auch der Sch.dorn die Hexen ab. 
Man nagelt am Walpurgisabend die Zweige 
an die Stalltüren oder steckt sie auf den 
Misthaufen 15 ). In Slavonien trägt man 
als Schutz vor Hexen Sch.dornen im Kleid 
eingenäht, in Häusern, wo es kleine Kinder 
gibt, befestigt man an Türen und Fenstern 
Sch.dornen 16 ), die Muhammedaner tragen 
gegen Verhexung immer einen Sch.dorn¬ 
stock bei sich 17 ). Daß eine Hexe dem 
Vieh nicht schaden kann: „Hole den Sch.¬ 
dorn vor Sonnenaufgang am Walburgis¬ 
abend, mache ein Säcklein voll, nimm 
von jeglicher Kuh ein bischen Milch, 
läbe sie, als wenn du Käs machen willst, 
gieße diese Milch ins Säcklein, worin der 
Sch.dorn und hänge dies alles in Rauch, 
so wird dir keine Hexe schaden“ 18 ). 
Ist die Kuh verhext, so soll man beim 
Buttern Dornen der Sch. ins Butterfaß 
stecken. Melkt dann die Hexe die Kuh 
wieder, so stechen die Dornen sie in die 
Hand 19 ). Wenn sich die Milch nicht 
ausbuttern läßt, muß man sie mit einem 
Sch.nzweig peitschen; jeden Schlag spürt 
die Hexe 20 ), s. Kreuzdorn, Weißdorn. 
Nach einer schlesischen Chronik plagten 
zu Freudenthal i. J. 1651 die Gespenster 
die Leute, und die Hexen schwärmten 
in ganz Schlesien umher. Da ließ man 
an etlichen Orten Leichen aus den Grä¬ 
bern nehmen und stieß ihnen einen Sch.¬ 
dorn durchs Herz 21 ). In einer schlesischen 



1203 


Schlehe 


1204 


Sage sucht ein Metzger mit einem Stock 
aus Sch.dom einen Ochsen, den er im 
Walde findet, zum Aufstehen zu bringen. 
Aber es gelingt ihm nicht. Da vernimmt 
der Metzger die Worte: „Hättest du nicht 
den geweihten Sch.dom, wärest du sicher 
meiner Macht verfallen“ 22 ). Am Abend 
vor Martini soll man unbeschrien Sch.- 
dornzweige holen und sie auf die Blumen- 
beete legen, dann erfrieren die Blumen 
nicht 23 ). 

15 ) Drechsler Schlesien 1, 109; Grohmann 
100; Wuttke 435 § 682; 281 § 411. 16 ) Krauß 
Slav. Volkforsch . 72. l7 ) WissMittBosnHerc. 7, 

350. l8 ) Aus einem Zauberbuch: John West¬ 
böhmen 320 — Seligmann Blick 2, 104. 

i9 ) JbElsaß-Lothr. 10, 238. 20 ) Schönwerth 

Oberpfalz 1, 337. 2l ) Kühnau Sagen 1, 195. 

22 ) Peter Österreich-Schlesien 2, 38 h = 

Kühnau Sagen 2, 683. 23 ) Röckingen am 

Hesselberg (Mittelfranken): Orig.-Mitt. v. Witt¬ 
mann 1909. 

4. Als erste „Frühjahrsblüten“ (s. 
Frühlingsblumen 3, 160) schützen die 
Sch.nblüten vor Krankheiten. Ißt man 
die ersten ansichtig gewordenen drei Sch.n¬ 
blüten, so brennt einem der Sod (Sod¬ 
brennen) das ganze Jahre nicht 24 ), vgl. 
Seidelbast. Drei verzehrte Sch.nblüten 
schützen vor Fieber 25 ). Beim Abpflücken 
spricht man: „Etz eß' i die äschtn drei 
Schläichablei (Sch.nblüten), daß i's Feibö 
(Fieber) net kreig“ 26 ). Vom blühenden 
Sch.dorn bricht m$n einen Dom und reibt 
damit das Zahnfleisch, das schützt vor 
Zahnschmerzen 27 ). In Böhmen vertreibt 
man mit den ersten Sch.nblüten, die man 
ins Bett legt, die Flöhe 28 ). Um im neuen 
Jahr vor Fieber geschützt zu sein, trank 
man in Oberfranken am Silvesterabend 
einen aus Schlüsselblumen und Sch.n¬ 
blüten hergestellten Tee, dann erst wurde 
der Silvesterpunsch getrunken 29 ). Sch.n¬ 
blüten in Milch abgesotten sind ein Mittel 
gegen Sommersprossen 30 ). Gegen Augen¬ 
flecken nimm neun Sch.n, die am Johannis¬ 
abend gesammelt sind (Rezept des 18. 
Jh.s) 31 ). Im „Renner“ beichtet eine 
Frau, sie habe an einem Freitag drei Sch.n 
gegessen (antikonzeptionelles Mittel ?) 
und bekennt daneben, daß sie vom Pfarrer 
acht Kinder empfangen habe 32 ). Am Kar¬ 
freitag vor Sonnenaufgang geht man in 
den Wald und schneidet von einem 


Sch.dorn, der sich nach Osten neigt, 
unter dreimaligem Abbeten des „Glau¬ 
bens“ ein Stücklein ab. Um den Hals 
gehängt bewirkt es, daß in die Haut ein¬ 
gedrungene Holzsplitter nicht eitern 33 ). 
Am Agathentag (5. Febr., s. 1, 208) holt 
man um 12 Uhr von einem Sch.dorn das 
„Agathenhölzl“, ein fingerlanges Stück 
Holz. Es hat die Kraft eine Wunde oder 
Geschwulst, wenn man darüber streicht, 
zu heilen 34 ). Die gelbe „Rinde“ (Bast) 
der Sch. hilft gegen Gelbsucht 35 ), die 
Abkochung der Wurzelrinde ist wirksam 
gegen Gelbsucht, wenn man einen Du¬ 
katen (s. Gelbsucht 3, 585; Gold 3, 918) 
in die kochende Flüssigkeit wirft 36 ). 
Wenn man eine Sch. an die linke Brust 
bindet, verschwindet die Gelbsucht 37 ). 
Hier soll wohl die Sch. die Gelbsucht in 
sich auf nehmen (s. auch unter „gelb“ 
3, 577 )* Gegen Warzen spießt man eine 
(Nackt-) Schnecke an einen Sch.dorn und 
spricht dazu: 

Schneck, i tu di nit ins Grab, 

Büß di Lebe am Dorn do ab. 

Wenn di Lebe isch entflohn 

Sin mini Warzen au dervon 38 ). 

Die Magyaren stechen bei abnehmendem 
Monde eine spanische Fliege (Lytta vesi- 
catoria, ein bekanntes Aphrodisiakum) 
auf einen Sch.dorn, bei Neumond nimmt 
man das vertrocknete Insekt herab, stößt 
es zu Pulver und mischt es in den Schnaps 
für das Mädchen, dessen Liebe man er¬ 
werben will 39 ). Das Hausbuch eines ober¬ 
bayerischen Dorfbaders aus d. J. 1681 
gibt als Blutstellungsmittel an: „nimm 
Moos [es sind wohl Flechten gemeint!] 
vom Sch.nbaum und ein wenig Baumöl 
und drei Haar von der Heimlichkeit 
(mons Veneris) und bind es über“ 40 ). 
In Rotwein gesotten und übergelegt 
diente dieses „Moos“, „daß die Brüche 
nicht weiter zunehmen“ 41 ). Die Dornen 
der Sch. gelten als giftig 42 ), im Gegensatz 
zu denen des Weißdorns verursachen sie 
bösartige Wunden, die leicht in Eiterungen 
übergehen 43 ). 

24 ) Im Ansbachischen: Journ. v. u. f. Deutsch!. 
3 (1786), 1, 346 = Grimm Myth. 3, 459 = 
Lammert 250. 25 ) Marzell Bayer. Volksbot. 

153; vgl. Spieß Fränkisch-Henneberg 153. 
26 ) Mittelfranken: Marzell Bayer. Volksbot. 
179. 2? ) Strobl Altbayer. Mittel 1926, 17. 



1205 


Schleiche — Schleie 


1206 


28 ) DVöB. 6, 29. 29 ) Marzell Bayer. Volksbot. 

8. 30 ) Bayer. Schwaben: Orig.-Mitt. v. Hafner 
1909. 3l ) Schweizld. 4, 1364; 9, 501; SAVk. 7, 
49. 32 ) Schmeller BayWb. 2, 520, vgl. 

Höfler Botanik 32; Grimm Myth. 2, 976. 
33 ) SAVk. 2, 260. 34 ) JbElsaß-Lothr. 10, 231. 
35 ) ZfrwVk. u, 170. 36 ) WissMittBosnHerc. 2, 
445. 37 ) Albertus Magnus 20 4, 53 = Heyl 

Tirol 792. 38 ) Zimmermann Volksheilkunde 

74, vgl. SAVk. 12, 151. 39 ) Urquell 2, 56. 

40 ) Höfler Waldkult 121. 41 ) Brauner 

Thesaur. Sanitalis 1728, 3, 23. 42 ) Kummer 
Volkst. Pflanzennamen usw. aus d. Kt. Schaff¬ 
hausen 1928, 78. 43 ) Wartmann St. Gallen 62, 
ebenso in England: FL. 22, 304. 

5. Blühen die Sch.n reichlich, so gibt 
es wenige J ungf rauen 44 ), viele Schwan¬ 
gere 45 ), viele uneheliche Geburten 46 ). 
Das starke Blühen gilt offenbar als ein 
Fruchtbarkeitssymbol: wenn es viele 
Blüten gibt, gibt es auch viele Früchte, 
s. Hasel. 

44 ) Leoprechting Lechrain 179 = Wuttke 
207 § 286. 45 ) Fischer SchwäbWb. 5, 918. 

4ß ) Rothenburg o. T.: Bayerland 24 (1912/13), 
218. 

6. Im landwirtschaftlichen Aber¬ 
glauben spielt das Blühen und Fruchten 
der Sch. eine große Rolle. Je früher die 
Sch.n blühen, desto früher ist auch die 
Getreideernte 47 ). So viele Tage vor Ge- 
orgi 48 ) oder Walburgi 49 ) die Sch. blüht, so 
viele Tage vor Jakobi beginnt die Ernte. 
Wenn es viele Sch.n gibt 50 ), dann gibt 
es einen strengen Winter 51 ), vgl. 
Eberesche (2, 527). 

47 ) Bartsch Mecklenburg 2, 194; Peuckert 
Schles. Vk. 1928, 114; 45. Jahresber. d. west- 
fäl. Prov.-Ver. f. Wissensch. u. Kunst 1917, 
57; vgl. auch Weinkopf Naturgeschichte 60. 
48 ) Fischer SchwäbWb. 2, 281. 828; Reiser 
Allgäu 2, 133; Birlinger Aus Schwaben 1, 384: 
Marzell Bayer. Volksbot. 127. 49 ) Marzell 

aaO.; Köhler Voigtland 339; John West¬ 
böhmen 377. 50 ) Marzell Bayer. Volksbot. 132; 
Fischer SchwäbWb. 5, 918; auch in Frankreich: 
Rolland Flore pop. 5, 405. 51 ) Vgl. auch 

Wein köpf Naturgeschichte 150. 

7. Wenn man einem einen Possen 
spielen will, damit er nichts mehr treffen 
kann, so nimmt man dessen Büchse, 
schießt durch einen Hollerbaum und 
schlägt das Loch mit einem Sch.dom¬ 
zapfen zu 52 ). Nach einem alten Schaden¬ 
zauber macht der Zauberer das Bild des 
zu Schädigenden in Wachs nach, und 
durchsticht es mit einem Sch.dorn (oder 
einem zugespitzten Eichenhölzchen) und 


vergräbt das Wachsbild unter der 
Schwelle, über die der Mensch, den das 
Bild vorstellt, tritt. Dabei fühlt dann 
dieser einen ungeheuren Schmerz 53 ). Der 
englische Glaube, daß die ins Haus ge¬ 
brachten (ersten) Sch.nblüten Unglück 
bringen 54 ), scheint bei uns nicht vorzu¬ 
kommen, vgl. Frühlingsblumen (3, 160). 

62 ) Aus einem alten Brauchbüchlein: Pfälz. 
Geschichtsbl. 4 (1908), 30. 53 ) Carrichter 

Ratio Medendi etc. 1551 in Merklin Tract. 
phys.-med. de incantam. 1715, 210= Fromann 
De fascinatione 718. 54 ) Friend Flowers 541; 

Bartels Pflanzen n. Marzell. 

Schleiche s. Blindschleiche. 

Schleie oder Schleihe (tinca). Nach 
Albertinus x ) u. A. ernährt sich die 
Sch. von Schlamm und Kot, welche An¬ 
sicht wohl auf die schleimige Haut des 
Fisches zurückzuführen ist, die ihm auch 
den deutschen Namen gegeben hat 2 ). 
Albertinus überliefert auch, daß sie 
sich mit der Kröte vermische, während 
Megenberg (S. 342) ausdrücklich sagt: 
„ein slei laicht (hier i. S. v. „begattet 
sich“) mit ainem sleien“. Nach C. Gesner 
hat die Sch. einen Stein im Kopf 3 ). 

1 ) Albertinus Welt Tummelpl. 603; vgl. 
DWb. 9, 576 (nach Döbel Jägerpractica 1746). 
2 ) Kluge Etym. Wb.; Mangolt Fischbuch 
(1557) 140. 3 ) Fischbuch 167 b. 

2. Volksmedizinisch wird die Sch. 
gegen Fieber, Gelbsucht und Bauch¬ 
geschwulst angewendet, indem sie le¬ 
bend auf den Puls, die Fußsohle, den 
Rücken, die Brust, den Nabel usw., ge¬ 
bunden wird (s. Fisch 4), pulverisiert 
gegen Feigenwarzen und aufbrechende 
Blattern 4 ), ihre Galle gegen Ohrbe¬ 
schwerden 5 ). Nach Hohbergs „Ge- 
orgica“ jedoch (1682) ist „der Schley 
ein Fisch, daran man leicht ein Fieber 
erwerben kann“, wohl wegen seiner 
Schwerverdaulichkeit 6 ). 

4 ) Fischbuch 167 b. 5 ) Jühling 29 (16./17. 
Jh.). 30. 31; Hovorka-Kronfeld 2, 108. 113. 
327. 418; Lammert 249. 264; ZföVk. 6, 112 
(Egerland); Seyfarth Sachsen 191; Schön- 
werth 3, 254; Gesner Fischbuch 168; Buck 
Volksglauben 53; Schramek Böhmerwaldbauer 
261. 284; Grohmann Abergl. 230; Staricius 
Heldenschatz 554 f.; Schulenburg 100; 
Schmidt Mieser Kräuterb. 58; Huß Abergl. 4; 
Fossel Steierm. 84.120. 6 ) Höfler Organotherap 



1207 


Schleier 


1208 


227 (1685); DWb 9, 576; vgl. auch C. Ges ne r 
a. a. O. 

3. Nach der Sage soll die Sch. eine 
verwunschene Prinzessin sein 7 ). 

7 ) Kuhn Westfalen 2, 81. 

Hoffmann-Krayer. 

Schleier. 

1. Der Sch. als Teil der weiblichen 
Tracht x ) ist nicht allein als reines Schmuck¬ 
stück anzusehen, sondern seit je mit dem 
Aberglauben, bei einzelnen Völkern auch 
mit religiösen Vorschriften verknüpft. 
In erster Reihe bezweckt der Sch. die 
Verhüllung des Kopfes (s. d.), der am 
meisten bösen Einflüssen ausgesetzt ist, 
von dem aber auch am leichtesten ein 
böser Zauber ausgehen kann (s. Auge, 
Blick, Haar), somit also den Schutz der 
eigenen Person, aber auch der Umgebung, 
was bei weiblichen Personen namentlich 
während der Pubertätszeit der Mädchen, 
während welcher diese bei manchen Völ¬ 
kern mit einem Sch. oder sonstwie ver- | 
hüllt sein müssen 2 ), dann während der j 
Menstruation, noch mehr aber im Zu- j 
Stande der Braut und endlich bei dem ! 

t 

Tod des Mannes oder eines Angehörigen i 
wichtig ist 3 ). Im deutschen Volksbrauch | 
haben wir es nur mit den zwei letzten 
Fällen zu tun, mit dem Brautschleier | 
und Trauerschleier, wobei auch die | 
Farbe des Sch.s bedeutsam ist, wie über¬ 
haupt beim Kleid (s. d.). 

Im Altertum war der das Auge be¬ 
deckende und so auch die in der Erotik 
so wichtige Blindheit sinnbildlich aus¬ 
drückende Sch. der Schmuck hetäri- 
scher Frauen 4 ), wobei nicht allein 
dort, wo der Sch. aus dünnem, durch¬ 
sichtigem Flor hergestellt war 5 ), sondern 
durch die Verhüllung an sich schon ein 
starker erotischer Reiz wirksam war. 
Wie Astarte, so waren auch Helena, 
Dido, Leda 6 ), ferner Selene, Hekate u. a. 
mit dem Sch. geschmückt. Doch braucht 
man deshalb nicht überall eine Mond¬ 
göttin zu erblicken und anzunehmen, 
daß diese (in der Konjunktion) als ver¬ 
schleierte Braut in das Haus des (Sonnen-) 
Bräutigams kommt 7 ). Im eleusinischen 
Ritus wurde Demeter als Herrin des j 
glänzenden Sch.s gefeiert. Auch an die i 


verschleierte Istar von Ras-el'-ain und 
an die Überlieferung von der verschleierten 
Göttin von Sais ist zu verweisen 8 ). Nach 
1. Mos. 28, 15 (Juda sah Thamar und hielt 
sie für eine Hure, denn sie hatte ihr Ant¬ 
litz bedeckt) war der hetärische Sch. 
auch bei den alten Juden eingeführt. 
Bei diesen verstanden es aber auch 
Zauberinnen netzartige Sch. zu ver¬ 
fertigen, mittels deren man seinem Gegner 
den Tod zufügen und sich selbst vor feind¬ 
lichem Zauber schützen konnte 9 ). Es 
erscheint also der Sch. auch als ein ver¬ 
derbendes Schicksalstuch in Beziehung 
zu den unterirdischen Mächten und dem 
Tode 10 ), etwa als Todesnetz, dem 
niemand entrinnen kann. 

Schon bei einzelnen der eben erwähnten 
antiken Göttinnen kommt mit dem Sch. 
auch das Motiv der Reinheit, Unbe¬ 
rührtheit und Jungfräulichkeit in 
Betracht n ), das oft in dichterischen 
Bildern und Umschreibungen begegnet 12 ). 
Die Römer gestatteten nur den Jung¬ 
frauen und nicht den Witwen sich zu 
verschleiern. Auf der Synode zu Rouen 
wurde bestimmt, daß Witwen überhaupt 
nicht, Jungfrauen aber nur vom Bischof, 
nicht vom Priester den Sch. erhalten 
durften. Doch scheint das Verbot des 
Sch.s für Witwen erst im 9. Jh. völlige 
Geltung gefunden zu haben 13 ). Die 
Kirche betonte schon früh, daß der Sch., 
an dessen Stelle später meist der Jungfern¬ 
kranz trat, das Sinnbild der Verhüllung, 
der Zucht und Schamhaftigkeit sei 
und darum nur gottgeweihten Jungfrauen 
und der schamhaften Braut gegeben 
werde, der letztem, um sie, wie Ambrosius 
(De Abraham. 1, 9) sagt, an die eheliche 
Schamhaftigkeit zu erinnern 14 ). Und 
Tertullian meint: Die Jungfräulichkeit 
nimmt ihre Zuflucht zu einem Sch. wie 
zu einem Helm oder Schild, um sich vor 
dem Gift zu schützen, das ihr durch den 
Blick mitgeteilt werden kann 15 ). 

Mit dem Sch. als solchem hat die Vor¬ 
schrift aus der spätkarolingischen Zeit 
nichts zu tun, daß Frauen beim Kirchen¬ 
besuch den Kopf mit einem Sch.tuch 
verhüllen mußten, weil durch ihre Schuld 
die Sünde in die Welt gekommen sei 16 ). 


I 




I 




A 


\ 

»V 




e 


» 



.1 

äff? 

T 

- 1 • 

* 



1 



1209 Schleier 1210 


Denn sie konnten dazu auch den hoch¬ 
gezogenen Mantel (s. d.) benutzen. Im 
übrigen war der Sch. bis zum 13. Jh. 
mehr eine Art Kopftuch als ein florartiges 
Gewebe. Erst dann wurde unter dem 
Namen ,,Rise“ (diu rise) eine besondere 
Form des Sch.tuches aus dünnem Stoff 
behebt und im Zusammenhang mit der 
Sitte des aufgebundenen Haares immer 
mehr zur Tracht der verheirateten 
Frauen, während die ledigen Mädchen 
loses Haar und Schapel trugen. Als da¬ 
mals die gelbe, jüdische Farbe beim Sch. 
Mode wurde, wandte sich Berthold von 
Regensburg mit den Worten dagegen, 
daß man diese gelben Sch. und Gebende 
(Kinntuch) den Jüdinnen, Pfaffendirnen 
und öffentlichen Weibern überlassen 
solle 17 ). Im gleichen Sinne predigte 
Geiler von Kaisersberg 18 ). Nicht selten 
erließ man eigene Verordnungen, um ehr¬ 
bare Frauen von den übrigen zu unter¬ 
scheiden. So verfügte der Rat von Stetten 
im Jahre 1440, daß die nicht in offenen 
Frauenhäusern wohnenden heimlichen 
Frauen, die Straßendirnen, an ihren Sch.n 
einen zwei Finger breiten, grünen Streifen 
tragen mußten 19 ). Mitunter wurde ge¬ 
meinen Dirnen und fahrenden Fräulein 
das Tragen von Sch.n überhaupt ver¬ 
boten 20 ). Andrerseits ist aber aus dem 
15. und 16. Jh. zuweilen der Brauch über¬ 
liefert, daß der Rat einer Stadt den zu 
Fall gekommenen Mädchen einen Sch. 
schickte 21 ), worin wohl weniger das Motiv 
des Schutzes vor den Einwirkungen ge¬ 
schlechtlicher Unreinheit als vielmehr 
eine Mahnung zur Sittsamkeit, verbunden 
mit einer öffentlichen Rüge, zu er¬ 
blicken ist. 

Das Gebot der strengen Verschleierung 
bei den mohammedanischen Frauen, ge¬ 
regelt durch Sure 24, 31, soll durch die 
Eifersucht Mohammeds veranlaßt worden 
sein 22 ). Als nach dem Weltkrieg Kemal 
Pascha aus Gründen der Gesundheit, 
Sittlichkeit und öffentlichen Sicherheit 
das Tragen des Sch.s in der Türkei verbot, 
zeigte sich ein starker Widerstand, nament¬ 
lich bei der Landbevölkerung, wo man 
im Sch., den Religion, Tradition und 
Aberglaube (s. böser Blick) geheiligt 


hatten, das Sinnbild der Treue und Sitt¬ 
samkeit sah und Frauen, welche den Sch. 
abgelegt hatten, als schamlose, entartete 
Geschöpfe betrachtete 2S ). 

*) DWb. 9, 576 ff.; F. Hottenroth Hand¬ 
buck der deutschen Tracht (Stuttgart o. J.) 978; 
Weinhold Frauen 2 (1882) 2, 3230.; Hjalmar 
Falk Altwestnordische Kleiderkunde Viden- 
skapsselskapets Skrifter II. Hist.-filos. KI. 1918 
Nr. 3 (Kristiania 1919) 102 ff. 2 ) Vgl. Frazer 
10, 45 ff. 55. 90 ff. 3 ) Vgl. Pehr Lugn Die 
magische Bedeutung der weiblichen Kopfbe¬ 
deckung im schwedischen Volksglauben, M. d. 
AnthrGes. Wien 50. bzw. 20. Bd. (Wien 1920), 
106 3 . 4 ) Storfer Jung fr .-Mutterschaft 53. 

6 ) Ebd. 57 f. 6 ) Ebd. 53. 7 ) Siecke Götter¬ 
attribute 255 f., vgl. 187. 8 ) Eisler Welten¬ 

mantel 74 3 . e ) Scheftelowitz Schlingenmotiu 
16. lö ) Bachofen Gräbersymbolik 71. 309. 312. 
11 ) Vgl. Storfer aaO. 56. l2 } Besonders 

Schiller „Die Braut von Messina" II, 1 (Den 
Sch. zerriß ich jungfräulicher Zucht) und „Die* 
Glocke". l3 ) Hefele Conc.gesch. 3, 97 Nr. 9. 
14 ) Falk Ehe 8. 15 ) Seligmann Blick 2, 224. 

36 ) Hottenroth aaO. 106. 17 ) Ebd. 221. 

18 ) Ebd. 378. 19 ) Birlinger Schwaben 2, 456 t. 
20 ) Falk Ehe 9. 21 ) Grimm RA. 2, 303!.; 

Weinhold aaO. 2, 327 f. 22 ) Jeremias 
Religgesch. 103 2 . 23 ) Vgl. Bohemia (Prag) vom 
28. Jänner 1927. 

2. Neben dem Trauerschleier, der 
bei den Frauen in der Schwalm noch 
heute von blauer Farbe ist 24 ), kommt 
besondere Bedeutung dem Brautschleier 
zu, der allerdings bei der deutschen Land¬ 
bevölkerung viel weniger im Gebrauch 
ist als in den Städten. 

Schon die Ausdrücke vtSu^rj für Braut 
und nubere = verhüllen, heiraten (vgl. 
nubes = Wolke, Hülle, Sch.) beweisen, 
welche Wichtigkeit man dem Verhüllen 
der Braut bei den Griechen und Römern 
beilegte 25 ). Die römische Braut setzte 
sich verschleiert auf das Glied des ithy- 
phallischen Mutunus 26 ) und wurde mit 
einem roten Kopftuch verhüllt, dem 
flammeum, das auch zur Amtstracht der 
flaminica gehörte 27 ) und beim Opfern 
getragen wurde 28 ). Ein roter Sch. ist 
gegenwärtig noch üblich bei den Albanern, 
Neugriechen, Armeniern, Indem und Chi¬ 
nesen. Zuweilen tritt an seine Stelle ein 
rotes Tuch, Halsband oder rote Fäden 29 ). 
Einen roten Sch. tragen die Bräute bei 
den Krimtartaren und die Frauen in Syrien 
und Ägypten 30 ). Mit einem Sch. ohne, 
nähere Angabe der Farbe wird ferner 


* 


12 I I 


Schleier 


1212 


die Braut bei den Persern, Esten 31 ) und 
Russen, bei welchen mitunter über die 
Braut, wenn sie das Hochzeitskleid an¬ 
gelegt hat, ein Fischnetz geworfen wird, 
und endlich bei den polnischen Juden 
verhüllt. Nach dem Talmud trugen bei 
den Juden aber bloß die jungfräulichen 
Bräute einen Sch. 32 ). In Mauretanien 
trägt auch der Bräutigam das Gesicht 
mit einem Sch. bedeckt, ebenso der Ver¬ 
lobte bei den Djats von Bhartpur in 
Indien und im Pandschab junge Leute 
überhaupt, was schon von den arabischen 
Jünglingen vor der Einführung des Islam 
berichtet wird 33 ). 

Während hier überall der Sch. als 
Schutz- und Abwehrmittel erscheint, ist 
der durchwegs weiße Brautschleier auf 
deutschem Boden das Sinnbild der Rein¬ 
heit und Jungfräulichkeit. Diesen Ge¬ 
danken hat seit je auch die Kirche betont. 
In ältester Zeit kam die Braut schon ver¬ 
schleiert zum Altäre, vom 4. Jh. an emp¬ 
fing sie den Sch. während der Trauung 
aus den Händen des Priesters, weshalb 
die Einsegnung geradezu velatio nuptialis 
= hochzeitliche Verschleierung genannt 
wurde 34 ). An den Brautschleier knüpft 
sich in Rochlitz (Ostböhmen) der Glaube, 
daß die Braut die Herrschaft in der 
Ehe erhält, wenn sie während der Trau¬ 
ung ihren Sch. über die Füße des Bräuti¬ 
gams legt 35 ). Der Sch., der so in der 
Kirche seine Weihung erfahren hat, ist 
heilkräftig. Im Erzgebirge gibt die 
Mutter, wenn ein Kind an Krämpfen 
leidet ihren Brautschleier auf dessen 
Bett 36 ). In Steiermark hilft gegen Kopf¬ 
weh der Männer das Umwickeln ihres 
Hauptes mit einem weiblichen Sch. 37 ). 
Eine Wortanalogie liegt bei dem Glauben 
vor, daß bald ein RißindieEhe kommt, 
wenn die Braut ihren Sch. zerreißt 38 ), 
oder es Unglück in der Ehe bedeutet, 
wenn der Sch. reißt, herunterfällt oder 
sonst etwas am Hochzeitskleid nicht in 
Ordnung ist 39 ). 

Die Entschleierung, das Zerreißen 
des Brautschleiers, ist ein sinnbildlicher 
Akt für das Zerreißen des Hymens und 
das Ende des jungfräulichen Standes. 
Im Ravensbergischen wird der Sch. der 


Braut nach dem Abtanzen des Kranzes 
und nach der Haubung zerrissen, wobei 
jeder Anwesende ein Stück zu erhaschen 
sucht 40 ), was auch in Preußen und selbst 
in Berlin Sitte ist. Wenn die Stücke an 
die anwesenden Mädchen verteilt werden, 
glaubt man, daß diese bald heiraten 
werden 41 ). Im Egerland heißt es allge¬ 
mein, daß ein Stück von einem solchen 
Sch. Glück bringt 42 ). In Rußland wird 
der Sch. zerrissen, wenn die Haubung 
in der Kirche stattfindet 43 ). Bei den 
Bulgaren erfolgt die Entschleierung der 
Braut in feierlicher Weise. Dabei wirft 
man in manchen Orten den Sch. auf den 
Apfelbaum, unter dem die Entschleierung 
stattfindet 44 ). Bei verschiedenen moham¬ 
medanischen Völkern wird die Braut 
gewaltsam entschleiert. Bei den Esten 
nimmt der Brautvater mit seinem Degen 
der Braut den Sch. ab, auf der Insel ösel 
löst ihr der Vater des Bräutigams den 
Sch. 45 ). 

Ein Brautschleier höherer Art ist der 
Sch. der gottgeweihten Jungfrau, der 
Nonne, die damit die Vermählung mit 
dem himmlischen Bräutigam feiert 46 ). 
In den ersten christlichen Jahrhunderten 
unterschied sich der Sch. der gottge¬ 
weihten Jungfrau nicht von dem der ver¬ 
heirateten Frau, womit also betont wurde, 
daß .sie nicht mehr dem Mädchenstande 
angehörte 47 ). Auch der Jungfrau 
Maria kommt der Sch. zu. Einen Sch. 
Mariens zeigte man in Chartres 48 ). Doch 
ist hier auch ein Zusammenhang mit 
antiken Gottheiten festzustellen. Dies 
beweist besonders das Büd der Madonna 
auf dem Monte S. Giuliano in Sizilien, 
dem alten Eryx, der Kultstätte der puni- 
schen Venus Erycina. Das Bild ist das 
ganze Jahr über mit sieben Sch.n ver¬ 
hüllt, die nur am 15. August zu Maria 
Himmelfahrt, also in dem Monat, wo die 
Sonne in das Sternbild der Jungfrau tritt, 
bei einem großen Prozessionsfest feierlich 
weggenommen werden 49 ). Auf Sizilien 
ist auch die Sage von der hl. Agatha da¬ 
heim, die, um einer verhaßten Heirat zu 
entgehen, wie einst Penelope, stets das 
vollendete Stück des Brautschleiers wieder 
auf trennte 50 ). 


213 


Schleier 


1214 


24 ) Heckscher 491. 25 ) Falk Ehe 8. 

26 ) Storfer Jung fr.-Mutter Schaft 54 f. 27 ) Sam- 
ter Familienfeste 47. 2S ) Vgl. Pley de lanae usu 
43 fi. 2# ) Samt er Familienfeste 48 ff. 30 ) Selig¬ 
mann Blick 2, 252. 254. 257. 31 ) Ebd. 2, 224. 

32 ) Scheftelowitz Schlingenmotiv 55. 61. 

33 ) Ebd. 55 f. 7 = Seligmann Blick 2, 224. 

34 ) Falk Ehe 8. 36 ) W. Oehl Hochzeitsbräuche 

(1922), 105. 36 ) John Erzgebirge 53 f. — Sey- 

farth Sachsen 274. 37 ) Hovorka u. Kron- 

feld 2, 192. 38 ) ZfrwVk. 1908, 118. 39 ) SAVk. 
12 (1908), 214 (Schaffhausen). 40 ) Hesemann 
Ravensberg 74. Nach Knoop Hinterpommern 
161 Nr. 59 hat die Braut Unglück in der Ehe, 
wenn der Sch. nicht bald nach der Trauung 
zerrissen wird. 41 ) Storfer a. a. O. 50 l . 
42 ) Egerl. 20 (1916), 6. 43 ) Heckscher 420. 
44 ) Krauß Sitte u. Brauch 450 f. 45 ) Storfer 
a. a. O. 55 1 . 46 ) Ebd. 54. 47 ) Ebd. 46. 48 ) Eis¬ 
ler Weltenmantel 185 3 . 49 ) Ebd. 86 3 . 50 ) Ebd. 

132 f. 138. 144. 

3. Schon früh wurde der Sternenhimmel 
mit einem Sch. der unsichtbar über dem 
Irdischen schwebenden Gottheit ver¬ 
glichen und so der Sch. zu einem Seiten¬ 
stück des Mantels (s. d.) als kosmischen 
Weltenmantels 51 ). Vom Mantel hat der 
Sch. mitunter auch die Bedeutung als 
Schutzmittel und Schutzzeichen 
übernommen, womit sich allerdings auch 
andere Momente vermischen. Dem xpij- 
Ssfiov, das Aphrodite der Andromache 
schenkt, entspricht der Sch., der den 
Odysseus vor den Unbilden des Meeres 
schützt ö2 ). Auf ihrem ausgespannten 
Sch. vermögen weibliche Heilige nach 
französischer Überlieferung Gewässer zu 
übersetzen 53 ) (s. Mantel). Kriemhild 
bedeckt im Rosengarten schützend Sieg¬ 
fried mit ihrem Sch., als er von Dietrich 
besiegt wird 54 ). 

Keinerlei Herrschaftszeichen liegt vor, 
wenn die Herrscher von Naturvölkern 
sich des Sch.s bedienen 55 ). Dies geschieht 
zum Schutz gegen den bösen Blick und 
zur Abwehr aller bösen Einflüsse wie 
beim Braut- und Trauerschleier. Aus 
diesem Grunde legt die Hebamme im 
Peloponnes auf das Gesicht des neu¬ 
geborenen Kindes einen Sch. 56 ) und 
breitet der Malaie über den Kopf der 
Wöchnerin ein Netz 57 ), wobei vielleicht 
auch die Vorstellung mit spielt, daß die 
Dämonen durch die Maschen des Netzes 
gefesselt werden. 


5l ) Eisler Weltenmantel 51. 87. 90. 52 ) Gün¬ 
ter! Kalypso 191. 53 ) Sebillot Folk-Lore 2, 28. 
54 ) Grimm RA. 1, 220. 55 ) Vgl. Frazer 3, 

120 ff. 56 ) Seligmann Blick 2, 224. 57 ) Schef¬ 
telowitz Schlingenmotiv 61. 

4. In der Sage erscheint der Sch. zu¬ 
nächst als Sinnbild der Wolke und des 
Nebels. Frau Holle, die Wolkenfrau, 
wäscht oft ihren weißen Sch., der am 
Sonntag (s. d.) trocken sein muß, wie 
man im Harz sagt, um zu begründen, 
daß am Freitag (s. d.) oder Samstag (s. d.) 
die Sonne scheinen muß 58 ). An ihre 
Stelle trat oft die Jungfrau Maria, die 
ebenfalls am Samstag ihren Sch. bleicht 59 ) 
oder trocknet 60 ), was zuweilen auch auf 
den Sonntag übertragen wurde 61 ). Wie 
den weiblichen Regengeistem 62 ), kommt 
der Sch. auch den Nebel- und Irrgeistem 
zu. Einen Sch. hält z. B. die Nebelfrau 
den Leuten vor, um sie vom Wege abzu¬ 
bringen, was mitunter auch ein Zwerg 
mit seiner Mütze tut, die er den Wande¬ 
rern vor die Augen hält 63 ). Einen weißen 
Sch. besitzt auch die Mahr, wenn sie in 
menschlicher Gestalt als schönes Mädchen 
auf tritt 64 ). 

Andrerseits kommt in mehr geschicht¬ 
lichen Sagen die Tatsache zum Aus¬ 
druck, daß vorwiegend Frauen aus höheren 
Gesellschaftsschichten Sch. trugen. Einen 
langen, wallenden Sch. hat die weiße 
Frau der Rosenberge von ihrer Haube 
herabhängen. Ist der Sch. schwarz, so 
steht dem Hause ein Unglück bevor 65 ). 
Einen schwarzen Sch. trägt die sonst 
weiß gekleidete, „kehrende“ Schloßfrau 
von Schüttenhofen 66 ), ein grauer Sch. 
verhüllte Gesicht und Haar der weißen 
Frau, die Eichendorff sah 67 ), verschleiert 
ist ferner auch der Geist der Jakobe von 
Baden 68 ). Auch sonst tragen geisternde 
Schloßfrauen meist weiße Sch. 69 ) oder 
sie waschen diese 70 ), worin sich der Zu¬ 
sammenhang dieser Wesen mit den er¬ 
wähnten Gestalten der Natursage äußert. 
Ähnlich dem Handschuh (s. d.) bildet 
der vom Winde entführte Sch. einer hoch¬ 
stehenden Frau oft den Mittelpunkt von 
Gründungssagen, so der vom Stift 
Klosterneuburg, Kloster Frauenroth 
u. a. 71 ). Drei Sch. ließ der Sage nach 


1215 


schließen—Schloß 


1216 


Kaiserin Kunigunde im Winde fliegen 
und gelobte dort, wo sie liegen blieben, 
je eine Kapelle zu stiften 72 ). 

An Stelle anderer Kleidungsstücke oder 
Tuchfetzen tritt der Sch. auch in einzelnen 
Nachzehrersagen 73 ). So lange diese 
unheimlichen Toten an einem Sch. oder 
Tuch zehren, dauert das Sterben. Als 
man die 1345 in Lewin verstorbene Hexe 
wieder ausgrub, hatte sie die Hälfte ihres 
Sch.s schmatzend in sich gefressen 74 ). 

58 ) Mannhardt Germ. Mythen 260; Zaunert 
A atursagen 1, 101. 59 ) John Erzgebirge 250. 

60 ) Drechsler 2, 188. 6l ) Wuttke 59 § 66. 

62 ) Vgl. Meyer Religgesch. 100. 63 ) Jungbauer 
Böhmerwald 73. 64 ) Vgl. Kuhn Herabkunft d. 

Feuers 91; Quensel Thüringen 264. 65 ) Jung¬ 
bauer Böhmerwald 138. 141. 66 ) Ebd. 144. 

67 ) Peuckert Schlesien 125. 68 ) Schell Ber - 

gische Sagen 110 Nr. 62. €9 ) Vgl. Kapff Schwa¬ 
ben 54. 67. 86; Zaunert Rheinland 1, 231. 
70 ) Wucke Werra 158 Nr. 273. 7l ) DG. 22 

(1921), 6f. 72 ) Kapff Schwaben 40. 73 ) Quen¬ 
sel Thüringen 139. 74 ) Sieber Sachsen 282. 

Jungbauer. 

schließen s. Schloß. 

Schlinge (s. Knoten). Statt des fest¬ 
gezogenen Knotens genügt in der Phan¬ 
tasie des Volkes die Schl., um dieselbe 
bindende Wirkung auszuüben. Scheftelo- 
witz hat das Material dafür mit bemerkens¬ 
werter Vollständigkeit gesammelt x ). 
Statt der wirklichen Sch. tritt oft das 
ornamentale Sch.motiv ein, wie überhaupt 
in prähistorischer Ornamentik eine Menge 
Magie steckt, die nicht immer leicht zu 
erkennen ist. Das bekannteste Sch.motiv 
ist das Unendlichkeitszeichen 00. 

*) Schlingenmotiv. Aly. 

Schloß. 

1. Das nüchterne Erfordernis, Haus 
und Hof und Kasten und Schrank durch 
ein Schl, vor dem Eindringen oder dem 
Zugriff Fremder zu schützen, wird in den 
Bereich des Volksglaubens gerückt, wenn 
in besonderen Fällen, so vor allem zum 
Schutz gegen die Geisterwelt, das ge¬ 
wöhnliche Schl, und der rein technische 
Vorgang des Schließens als unzureichend 
angesehen und besondere Schlie߬ 
maßnahmen gefordert werden. So 
gibt es nach pommerschem Glauben 
,,Kreuzschlösser“, mit denen man un¬ 
lösbar fesseln kann *). Vielleicht hat es 


mit ihnen eine ähnliche Bewandtnis wie 
mit dem Graubündener „Marrschloß“, 
das von einer Hexe nicht geöffnet wer¬ 
den kann, weil es der Bauer in den drei 
höchsten Namen an die Stalltür gehängt 
hat 2 ). Sonst wird beispielsweise ver¬ 
langt, daß bei besonderen Gelegenheiten 
das Türschi, noch zusätzlich mit einem 
blauen Schürzenbande zugebunden sein 
muß oder die Schlüssellöcher zu ver¬ 
stopfen sind 3 ). 

*) Knoop Hinterpommern 130. 2 ) Jecklin 

Volkstüml. 66 f. 3 ) Belege bei Samter Ge¬ 
burt 26. 

2. Um so anreizender wird das Verlan¬ 
gen, aus eigener Kraft oder im Bunde 
mit übernatürlichen Mächten Schlösser 
ohne Schlüssel zu öffnen. 

Min geselle Wolvesdriizzel 

üf tuot er ane slüzzel 

alliu slöz und isenhalt: 

in einem jär han ich gezalt 

hundert isenhalte groz, 

daz ie daz sloz dannen schoz, 

als er von verre gie dar zuo, 

heißt es schon im ,,Meier Helmbrecht" 4 ), 
eine Fähigkeit, die dann bei Vintler 5 ) 
in dem kurzen Satz verzeichnet wird: 

So findt man etlich leut, die geend 
Des nachtes durch verschloßne thür. 

In einem obersteirischen Hexenprozeß 
von 1602 bekundet die Angeklagte, daß 
sie durch Verzehren eines ihr vom Teufel 
gereichten, in Brot gebackenen Zettels 
die Gabe erlangte, jedes Schl, durch 
bloßes Berühren zu öffnen 6 ), und von dem 
oldenburgischen Wiedergänger Sprengepyl 
wird berichtet, daß überall die Schlösser 
aufspringen, wo er vorbeigeht 7 ). Meistens 
ist allerdings eine besondere Anstrengung 
vonnöten: Das Schl, wird aufgeblasen. 
Das tut z.B.in einer Tiroler Erzählung auf 
den Herbeiruf durch eine Hexe der Teufel 
selbst, weil diese ,,in der Satansschule zu 
kurze Zeit gelernt hatte“ 8 ). Der Lipp'ntonI 
hingegen, ein Schwarzkünstler in Wälsch- 
noven, konnte das aus eigener Kraft, 
ebenso wie ein anderer am Böhmerwalde 9 ), 
und vor dem Räuberhauptmann ,,Hoich 
Hans“ waren nicht einmal die Schlösser 
an und in der Kirche sicher 10 ). Nach 
wendischem Volksglauben soll dabei durch 
einen Strohhalm geblasen n ), im Ober- 










fl 

V 


.1 


k 


1217 Schloß I2IÖ 


österreichischen mußte ein Spruch her¬ 
gesagt werden 12 ). Dörrpulver der ver¬ 
schiedensten Art (vgl. unten) 34__:36 ) muß 
man dazu verwenden, und eine Ein¬ 
zelvorschrift verzeichnet das ,,Inventar“ 
eines Zauberbuches von 1595: ,,Wan 
einer ein naterzung nimbt und last zehen 
messen darüber lesen und nimbts her¬ 
nach in den mund und blost sie in das 
schloß, so geet es auff“ 13 ). 

Der Räuber Glyda im Lande Kuja- 
wien war ein Meister im öffnen von 
Schlössern, und zwar führte er bei seinen 
Einbrüchen drei Dinge mit sich: das 
Kräutlein der Schildkröte, daß er sich 
in die Hand hatte ein wachsen lassen, die 1 
in der Johannisnacht gepflückte Blüte des j 
Farnkrautes und eine Diebskerze 14 ). ; 

Die schon im Altertum bekannte 15 ) 
Vorstellung von schlössersprengenden 
Pflanzen ist im deutschen Volksglauben 
in verschiedenen Spielarten verbreitet. 
Ein Kraut mit dieser Fähigkeit kennt die 
isländische Überlieferung 16 ). Simplizis- 
simus wendet sich gegen die Auffassung, j 
,,daß ein gewächs sei, so die krafft habe, j 
ein schl. mit stählinen federn ... auffzu- 
sprengen“ 17 ). Daß es Eisenkraut sei, 
glaubt man vorwiegend in slavischen Ge¬ 
bieten 18 ), und in Gestalt einer gelben oder 
weißen Schatzblume 39 ) oder der blauen 
Schlüsselblume 15 ) tritt eine solche 
Pflanze in der deutschen Volkssage auf. 
Meistens ist das Kraut von Menschenhand 
nicht zu finden; man muß eine List an¬ 
wenden, um es zu bekommen. So ge¬ 
wann man das Schildkrötenkräutlein 14 ), 
indem man eine der früher um Strelno 
lebenden Schildkröten durch Pfähle von 
ihrem Nest absperrte; sie lief dann ei¬ 
lends fort und brachte ein Kräutlein im 
Maule herbei, mit dem sie die Pfähle 
in die Luft sprengte, der Finder aber alle 
Schlösser aufschließen konnte 20 ). In 
der oberösterreichischen Überlieferung 
tritt an die Stelle des Schildkrötennestes 
das Adlernest, und damit haben wir den 
sachlichen, wie im siebenbürgischen 
Springkraut oder -gras 21 ) den sprach¬ 
lichen Übergang zu dem bekannten 
Springwurzelmotiv. Die Angabe eines 
Arzneibuches aus dem deutsch-fran- s 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII. 


zösischen Grenzgebiet 22 ) wird in einer 
Wolfsthurner Handschrift aus dem glei¬ 
chen 15. Jh. näher ausgeführt: ,,Wiltu 
slos auf tun ane Schlüssel, so ge, wo du 
ains grunspechten oder pamhackl [Baum¬ 
hacker] nest vindest vnd nym ain guten 
keil vnd verschlach daz nest, so pringet 
der vogel ain wurcz vnd halt die an den 
keil vnd so velt der keil aus dem loch, so 
lat der vogel die wurcz vallen, so schaw, 
daz du vnder dem pawm schon gekert 
habst oder etwas sawbers dar vnder 
gepraitt, da die wurcz auf vall, vnd so 
du sy dan vindest, an welhes slos du sy 
habst, daz get gegen dir auf (es ist herba 
meropis oder boumheckelkrüt)“ 23 ). An 
die Stelle des Grünspechtes treten ge¬ 
legentlich Elster und Wiedehopf 24 ) oder 
der schwarze Star 25 ); auch mit Fröschen 
läßt sie sich gewinnen 26 ), und bei näherer 
Bestimmung wird im besonderen der 
Wegwartenwurzel die Fähigkeit zuge¬ 
sprochen 27 ), Schlösser aufzusprengen. 
Eine Spielform des Springwurzelmotivs 
ist die entsprechende Gewinnung und 
Verwendung des Rabensteins (s. d.) 28 ); 
dafür an dieser Stelle nur ein Beleg aus 
dem 15. Jh. 29 ): ,,Ge zu einem rapen 
nescht, nim im die eyer ab, sud si hert, 
leg si dan wider in das nest, so kumpt 
der rapt und pringt ein stein, da mit mach 
er die ayer wider frisch und fruchtbar, 
so bereit ein linlachen, spreit es under den 
bäum, wen er das kraut oder stein fallen 
lat, das er darauff fall, nim den stein 
in ein ring, leg under in ein lorper plat; 
wan du den mit dem stain ain schlos 
an rierst, das get auff, sic poteris capti- 
vum liberare“. Vereinzelt 30 ) wird er¬ 
zählt, daß der Wiedehopf in seinem Nest 
einen Stein mit gleicher Kraft haben 
soll. 

Als drittes Mittel führte jener Räuber in 
Kujawien eine Diebskerze (oben 2,23off.) 
mit sich. Daß diese Schlösser und Türen 
öffnen kann, ist häufig bezeugt 31 ), und 
zwar werden Händchen oder Finger un- 
getaufter Kinder verlangt 32 ) oder die 
Hand eines Fünfjährigen 33 ) oder aber 
beim Schloßaufblasen das Pulver aus 
den gedörrten Gliedern der ungeborenen 
Leibesfrucht 34 ), dem damit dieselbe Kraft 

39 



1219 


Schloß 


1220 


zugeschrieben wird, wie den pulveri¬ 
sierten Überresten von Laubfrosch 35 ) 
und grüner Eidechse 36 ). 

Ferner werden für den gleichen Zweck 
ganz vereinzelt noch Laurentius¬ 
kohle 37 ) und Hahnfeder 38 ) empfohlen, 
und ein christlich verbrämter Zauber¬ 
spruch aus dem 15. Jh. beschließt den 
Reigen: ,,Atollite portas, principes ve- 
stras vnd III pater noster, vnd van du 
kunnst, der antiffen [Antiphon] Cum 
rex glorie huncz an die wort de klau- 
stris“ 39 ). 

4 ) Grimm Myth. 2, 1028. 5 ) ZfVk. 23, 17. 

6 ) Ebd. 7, 190. 7 ) Strackerjan 1, 231; 2, 223. 
8 ) Heyl Tirol 308. 9 ) Ebd. 424; Schönwerth 
Oberpfalz 3, 55 f. Heyl Tirol 108. u) Schu¬ 
lenburg Wend. Volksthum 125. 12 ) Baum¬ 

garten Jahr u. s. Tage 6; Aus der Heimat 2, 
89. X3 )Byloff Volkskundliches aus Strafprozessen. 
Berlin 1929, 17. 14 ) Szulczewski Allerhand 

fahrendes Volk in Kujawien. Lissa 1906, 31 f. 
15 ) Vgl. Kohlrusch Sagen 274 f. 16 ) ZfVk. 13, 
268. 17 ) DWb. 9, 768. 18 ) Vgl. oben 2, 739. 

19 ) Meiche Sagen 609 f. 611 f.; Ranke Sagen 
116. 20 ) Knoop Tierwelt 44 f. 21 ) Haltrich 

Siebenb. Sachsen 298. 22 ) SAVk. 27, 83. 23 )ZfVk. 
1, 321. 24 ) Oben 3. 1622. 2 M Binde¬ 


) Oben 3, 1622. 


) Binde¬ 


wald Sagenbuch 224 f. 26 ) Lütolf Sagen 352. 
27 ) Meier Schwaben 1, 238 t.; Ägypt. Geheimn. 

2, 9, nach Jahn Hexenwesen 193. 28 ) Dazu noch 

Baumgarten Aus der Heimat 2, 90. 29 ) SAVk. 
27,82 t. 30 ) Ebd. 81. 31 ) Belege bei Heckscher 
362. 32 ) Wuttke 134 = Böckel Volkslieder 

XXXI. 33 ) Urquell 3, 148 (Polen). 34 ) Baum¬ 
garten Aus der Heimat 2, 97; 3, 137; Baum¬ 
garten Jahr u. s. Tage 6 — Osenbrüggen 
Studien 301. 35 ) Oben 3, 132. 36 ) John West¬ 
böhmen 319. 37 ) Oben 5, 928. 38 ) Grimm Myth. 

3, 192. 39 ) ZfVk. 1, 321. 

3. Die einfache Bedienung des Schl.es 
als eine handliche Form des Zutuns 
und Öffnens hat es dem auf Sinnfälligkeit 
sich gründenden Volksglauben nahege¬ 
legt, das Schl, als Bild in die Welt 
seiner Vorstellungen und Handlungen 
zu übertragen. 

Das wird z. B. sichtbar an Wendungen 
aus christlichen Gebeten und Segen¬ 
sprüchen. In einem Salzburger Wolfs¬ 
segen soll Petrus seinen Schlüssel nehmen 
und den Wölfen den Rüssel verschlie¬ 
ßen 40 ). Ein Tiroler Viehbewahrungs¬ 
segen vor der Almfahrt will einen Ring 
schließen um das Vieh, ,,und der Ring 
ist beschlossen mit 77 Schlössern“ 41 ). 


Ein Siebenbürger Schutzgebet 42 ) lautet: 
,,Des Morgens wenn ich aufstehe, drei 
Schlösser um mich gehen: das eine ist 
Gott der Vater, das andere ist Gott der 
Sohn, das dritte ist Gott der heilige 
Geist“. Dem gleichen Vorstellungskreis 
gehört schließlich ein den heiligen sieben 
Himmelsriegeln (s. d.) ähnliches 43 ) Ge¬ 
betbuch an: ,,Die sieben Schl.“ (s. sie¬ 
ben Schloßgebet), ,,darinnen sich 
ein Mensch wieder alle Gefahr des Feinds 
in der Stund des Tods sicher verschließen 
kann“ 44 ). Wohl weil ,,viele Sünder keine 
büße mehr thuen, und bethen die heiligen 
7 schloß dafür, und der teufel mag ihnen 
doch nicht zu“ 45 ), wurde es 1754 vom 
Bischof von Konstanz verboten 44 ). 

Von bewirkender Kraft wird diese Bild¬ 
vorstellung im Übertragungs- (s. d.) 
zauber. Wie jemand zum Nutzen oder 
zum Schaden seines Nächsten seine Lei¬ 
den und seine Freuden verbrennen, weg¬ 
schwemmen, verpflöcken, verlegen usw. 
kann, so vermag er sie auch zu verschlie¬ 
ßen, und sie sind dann so lange ferne von 
ihm, als das Schl, nicht geöffnet wird. 
Nach einer (unvollständigen) Hand¬ 
schrift vom Ende des 18. Jh. (?) kann man 
jemanden fest stellen, wenn man ein 
neues Schl, unter diesem Gedanken be¬ 
spricht 46 ). Ebenso läßt sich von ferne 
das Gewehr eines anderen verderben, 
wenn man ein solches Schl, im Augen¬ 
blicke des Schusses zuschließt und zu 
Hause unter der Türschwelle vergräbt 47 ). 
Gegen die Folgen eines Meineids soll 
man sich durch Beistecken eines zuge¬ 
sperrten Schlosses schützen können 48 ). 
Ein Kind kann man vor Mundweh be¬ 
wahren, wenn man in seinem Munde wie 
in einem Schlosse einen Schlüssel um¬ 
dreht und diesen dann versteckt 49 ); 
haben aber Mensch oder Tier die Mund¬ 
sperre, so muß man in ähnlicher Weise 
den Mund aufschließen 50 ), oder man hängt 
ein Hängeschi, versperrt an die Stalltür, 
entfernt es nach 24 Stunden und öffnet 
es mit dem Spruche: ,»Christus ist ge¬ 
storben. ..“ 51 ). Bei Milchverhexung soll 
man den Harn der Kuh in ein Schl, laufen 
lassen, dieses schließen und so abdichten, 
daß die Flüssigkeit nicht heraus kann; 


Schloß 


1222 


die Hexe kann alsdann ihr Wasser nicht 
lassen und kommt zum Geständnis 52 ). 

Am häufigsten aber werden derartige 
Vorstellungen wirksam im Liebes- und 
Ehezauber angesichts des Umstandes, 
daß im besonderen der weibliche Schoß 
unter dem Bilde des Schlosses begriffen 
wird. Man braucht in der Erotisierung 
der diesbezüglichen Liebeslieder und son¬ 
stigen Wendungen keinesfalls so weit zu 
gehen wie Storfer 53 ) und wird doch an 
Hand einfacher sprachlicher Zeugnisse 64 ) 
diese Beziehung nicht leugnen können, 
wie es andererseits sichtbar wird, daß 
alle nähere Ausdeutung dieser Beziehung 
südlich-orientalischen Ursprungs ist 55 ). 
In der deutschen Überlieferung sind ledig¬ 
lich ganz einfache Gedankenverbindungen 
vorstellungs- und brauchbildend gewor¬ 
den: Der weibliche Schoß ist das Schl., 
das sich bei der Geburt öffnet; man soll 
deshalb die analogen Schließvorgänge der 
unmittelbaren Umwelt beobachten und 
schädliche Übertragungen vermeiden. 
Beispielsweise soll sich die Schwangere 
auf keinen Kasten setzen, der unter ihr 
zuschließen kann; sonst kommt das Kind 
nicht zur Welt, bevor man sich wieder 
draufgesetzt und dreimal aufgeschlossen 
hat 56 ). Segen für Gebärende bitten 
Maria und Jesus, der Kreißenden das 
Schl, aufzuschließen 57 ). Weitverbreitet 
ist ferner die Sitte, zur Erleichterung 
der Geburt bei der Entbindung alle 
Schlösser im Hause zu öffnen 58 ), und noch 
Most berichtet 59 ), daß er mit Er¬ 
folg dieses Mittel verordnet habe, wenn 
auch nur „um psychisch zu deriviren 
und convulsivische Contractiones uteri, 
die Angst und Gemüthsaufregung so 
mancher Kreisenden, hervorgerufen durch 
das Geschwätz dummer Hebammen und 
den theilnehmenden Nachbarinnen etc., 
zu mindern und abzuleiten“. Ist das 
Kind aber zur Welt gekommen, so soll die 
Wöchnerin vor Ablauf von sechs Wochen 
kein Schloß im Hause aufsperren; ent¬ 
weder wird das Kind dann ein Dieb 60 ), 
oder aber sie, die mehr sieht als andere, 
wird durch eine geisterhafte Erscheinung 
erschreckt werden 61 ). 

Ethnographische Parallelen 62 ), nach 


denen die Braut sich durch Verschließen 
eines Schlosses selbst kinderlos macht, 
finden im deutschen Volksglauben keine 
unmittelbare Entsprechung. Dagegen ist 
diese Vorstellung in Gestalt des Schaden¬ 
zaubers 63 ) durch andere weit verbreitet. 
,,Wenn jemand während der Copula- 
tion dreimal um einen Brunnen läuft, 
jedesmal die Namen der Brautleute hin¬ 
einruft, ein Schl, zuschnappt und in den 
Brunnen wirft, so können sie als Ehe¬ 
leute sich nicht vertragen“ 64 ). Diese 
Überlieferung ist eine in der angestrebten 
Wirkung verharmloste Spielart eines 
solchen Sch.schließens, das sich als 
eine der 50 Formen 65 ) des berüchtigten 
Nestelknüpfens (s. d.), mit dem Bös¬ 
willige angesichts des Trauungsaktes den 
Bräutigam impotent und die Braut 
empfängnisunfähig machen wollen, von 
der Antike bis zur Neuzeit nachweisen 
läßt 66 ). 

Endlich begegnet das Schließen auch 
im Totenbrauche. Der Todkranke 
kann nicht sterben, wenn in der Wohnung 
ein Schl, versperrt ist; es sollen deshalb 
alle Schlösser im Hause geöffnet wer¬ 
den 67 ), ,,Schubladen und alles“ 68 ). Wird 
die Leiche hinausgetragen, legt man auf 
die Türschwelle ein Schl, (oder eine Axt) 69 ), 
und nachdem sie fort ist, wird wiederum 
alles verschlossen, damit der Tote nicht 
zurückkehren kann 70 ). 

40 ) ZföVk. 3, 5. 41 ) Ebd. 2, 151. 42 ) Müller 
Siebenbürgen 76. 43 ) DG. 5, 6. 44 ) Nider- 

berger Unterwalden 1, 595. 45 ) DWb. 9, 769. 
46 ) ZfdPh. 38, 366. 47 ) ZföVk. 3, 274. 48 ) Ur¬ 
quell 2, 59. — „Um den bösen Leumund schwei¬ 
gen zu machen/' soll man ein ungeöffnetes 
neues Schl, auf einen Kreuzweg legen; wer es 
aufnimmt, auf den geht die Nachrede über: 
ZföVk. 3, 183 (Romanen in der Bukowina). 
49 ) Krauß Sitte 546. 50 ) ZföVk. 13, 139 (Nord¬ 
böhmen). 51 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 266. 
52 ) Wuttke 444; Meyer Baden 400. 53 ) Stor¬ 
fer Jungfr . Mutterschaft 123. 125; dazu Hovor- 
ka u. Kronfeld 2, 178. 54 ) DWb. 9, 770; 

Mensing SchleswWb. 4, 560. 55 ) Storfer 

Jungfr . Mutterschaft 123 ff.; Hovorka u. 
Kronfeld 1, 163; 2, 178; Stern Türkei 2, 
289. 56 ) Grimm Myth. 3, 475. 57 ) Ebd. 3, 

504 t. 58 ) Samter Geburt 125 f.; Liebrecht 
Zur Volksk. 360; Sartori Sitte u. Brauch 1, 22; 
Drechsler 1, 182; Köhler Voigtland 435; 
Gaßner Mettersdorf 12; Wittstock Sieben¬ 
bürgen 20; Hillner Siebenbürgen 15; ZfVk. 17, 


1223 


Schloßgebet — Schlüssel 


1224 


166 (Weißrußland). 5B ) Most Sympathie 136. 
60 ) Baumgarten Aus der Heimat 3, 26. 

fil ) Drechsler 1, 205. 62 ) Krauß Sitte 546; 

Urquell 3, 162 ZfVk. 16, 313; Stern Türkei 
269 f.; Hovorka u. Kronfeld 1, 163. 63 ) Vgl. 
Andree Parallelen 2, 12. 64 ) Baumgarten 

Aus der Heimat 3, 94. 65 ) Anhorn Magiologia 


741 


) Als Ergänzung zu den beim Art 


,,Nestelknüpfen“ (oben 6, 1014 ff.) gegebenen 
Belegen vgl. noch Alemannia 2, 136t. (1587); 
ZfVk. 6, 427 ff. (1611 u. 1697); Grimm Myth . 
3 » 453 (i790); Jahn Hexenwesen 161. 165; 
Jahn Pommern 349; Seefried-Gulgowski 
109; Wuttke 270. 372. 67 ) Samt er Geburt 128; 
Lammert 167. 68 ) Fogel Pennsylvania 132. 

B9 ) Toeppen Masuren 108 f.; Wuttke 464. 
70 ) Oben 5, 1129; Wuttke 465. Freudenthal. 

Schloßgebet s. Nachtrag. 

Schlucksen (Segen) 4 ). 

1. Allgemeines. Indem hier schon 
das Reden an und für sich dem Übel phy¬ 
sisch entgegenwirken soll, sind diese 
Segen von dem Leidenden selbst zu 
sprechen, gewöhnlich viele Male und mit 
verhaltenem Atem. Wie oft andere Segen 
für leichtere Übel (Warzen u. dgl.) sind 
auch die Sch.segen keine geheime Über¬ 
lieferung. Indem sie häufig Kindern 
vorgesagt werden, erhalten sie z. T. ein 
scherzhaftes Gepräge und können sich 
mit sinnlosen Reimen schmücken. Ein 
Grundstock von ihnen sind aber wirkliche 
Heilsegen nach alten Mustern. Durchweg 
sind sie spät, mündlichen Weges über¬ 
liefert. — Z. T. ähnliche Segen auch in 
anderen Sprachen 2 ). 

x ) Literatur: O. Ebermann ZfVk. 13, 64 ff. 
(Abhandlung u. Belege). Belege auch ZfrhwVk. 
1913, 37tf.; Höhn Volksheilkunde 1, 126 ff.; 
Nds. 24, 267; 25, 144. 2 ) Vgl. ZfVk. 13, 65. 67; 
(ital.) Liebrecht Zur Volksk. 349. 

2. „Ich“ und das Sch. (keine süd¬ 
deutschen Belege?). Z. B.: ,,Snickup 
un ick gungen aewer ’n Steg, Snickup 
füllt rin un ick gunk weg“ 3 ). In nieder¬ 
rheinischen Sprüchen heißt es: ,,Ek en 
de hik wej gunge över de Rin“ usw. 4 ), 
im Norden neben „Steg“ auch „wy Stegen 
daer en Knick“ (Zaun) oder ,,gingen 
aewern Weg“ (< Steg) 5 ). Ursprünglich 
ist hier sicher das dem Dämon unmög¬ 
liche Überschreiten eines fließenden Was¬ 
sers. Verwandt sind die Mordsegen (s. d.) 
und der „Streit“ (s. d.): Der Dämon und 
die heilige oder die leidende Person treten 
zusammen auf, wetteifernd oder streitend. 


3 ) Strackerjan 1 1, 76; vgl. Die Heimat 19, 
2io Lübeck; Bartsch Mecklenburg 2, 365 

Nr. 1709 (2, 364 Nr. 1707); Hovorka u. Kron¬ 
feld 2, 198. 4 ) ZfrhwVk. 1913, 41. Vgl. A. de 
Cock Volksgeneeskunde 177. 5 ) Müllen- 
hoff Sagen 512 Nr. 13. 

3. Fortbannung. „Häcker, Häcker, 
reit über d’ Äcker, reit über die Brach, 
reit den alten Weibern nach“ (indem 
man an drei böse alte Weiber denkt 6 )); 
ähnliche Formen besonders süddeutsch 7 ). 
Norddeutsch z. B.: „Hückup, loop't 
Stück up, loop linge längs den Redder 
(eingezäunter Weg), kumm mien Leewdag 
nich wedder“ 8 ). Auch Übertragung auf 
andere, z. B. den Nachbar: ,,.. . ech han 
en nu, ech han en dan, ech gäv en mine 
nevemann“ 9 ). 

®) Hovorka u. Kronfeld 2, 198 Schwaben. 
7 ) Birlinger Volksth. 1, 481. 482; Höhn Volks¬ 
heilkunde 1, 127. 8 ) ZfVk. 13, 66 Nr. 6; vgl. 

Müllenhoff Sagen 152 Nr. 13. 9 ) ZfrhwVk. 

1913, 42; vgl. Müllenhoff wie Anm. 8. 

4. Ändere Formen z. T. weniger sinn¬ 
voll 10 ). — Besonders zu merken sind 
Sprüche über das Sch. als ein Zeichen, 
daß eine andere Person an den Leidenden 
denkt; sie dienen mitunter zugleich als 
Liebesorakel o. dgl. Z. B. ,,.. . ist er (der 
Schatz) mir gut, gibt es mir Mut; ist er 
mir gram, fängt der Schluckauf wieder 
von neuem an“ 11 ). 

l0 ) Beleges. Anm. 1. 11 ) ZfVk. 13, 68 Nr. 11 

(vgl. Drechsler 2, 311). Ähnlich Danmarks 
Tryllefml. Nr. 894 t.; slavisch Hovorka u. 
Kronfeld 2, 199. Ohrt. 

Schlüssel. 

1. Groß ist vor allem nach der Vor¬ 
stellung des Volkes die Heilkraft des 
Sch.s: a) bei Blutungen aus der Nase ü; 

b) bei Krämpfen, bes. Wadenkrämpfen 2 ); 

c) gegen Schlucken 3 ); d) gegen Hunds¬ 
wut (in Schwaben bereits 1556 belegt) 4 ); 
e) gegen das Aufliegen 5 ). Sch. werden 
auch zur Eindämmung von Feuers¬ 
brünsten verwendet 6 ), desgleichen 
gegen Hexen und Teufel 7 ), ferner 
zum Zwecke der Wahrsagung 8 ), der 
Aufspürung von Dieben 9 ), wobei 
gewöhnlich ein Evangelium oder eine 
Bibel (oft Erbbibel) an einen Sch. ge¬ 
hängt wird, so daß das Buch daran 
schwebt. Werden nun die Namen der 
Verdächtigen genannt, so bewegt es sich 
bei dem rieh tigen. Will man einen Schatz 


1225 


Schlüssel 


1226 


heben, so verwendet man hiezu mit¬ 
unter zauberkräftige Sch. 10 ). Die Braut 
wird haushälterisch werden, wenn man 
ihr einen Sch. nachwirft 11 ). Neuge¬ 
kauftes Vieh wird heimisch, wenn es 
über einen auf die Schwelle gelegten oder 
unter der Schwalle vergrabenen Sch. 
schreitet 12 ). Das Brot wird im Back¬ 
ofen nicht verbrannt, wenn man in 
den Teig einen Sch. drückt 13 ). Reich ent¬ 
faltet ist der Sch.-Aberglaube, der sich an 
Schwangerschaft, Geburt, Wochen¬ 
bett, Pflege des Neugeborenen 
knüpft. Die Schwangere schützt sich 
vor Übel werden, wenn sie einen Sch. 
trägt I4 ). Besitz eines Sch.s erleichtert 
die Geburt 15 ), Zusammenbinden von 
Sch.n erschwert sie 1G ). Das Kind in der 
Wiege wird nicht vertauscht, wenn 
man einen Sch. hineinlegt 17 ). Beim 
ersten Kirchgang trägt die Wöchnerin 
einen Sch. 18 ). Das Kind läßt sich leicht 
entwöhnen, wenn man in die Wiege 
einen Sch. gibt 19 ). 

Gesondert zu betrachten ist der Brauch, 
mit Sch.n zum Zwecke der Erzielung 
zauberischer Wirkung zu klingeln. Hier 
wird die Zauberkraft des Sch.s mit der 
Zauberkraft des Lärms kombiniert (vgl. 
Sch.lärm, -gerassel, -klingeln). 

Nicht bloß der Sch. selbst, sondern auch 
sein Abbild ist von zauberwirkender 
Kraft erfüllt gedacht. Darauf beruht 
z. T. der an den Sch.-Kreuzer, d. h. 
einen Kreuzer mit einem Sch. auf dem 
Revers, geknüpfte Aberglaube. Eheleute 
legen beim Kirchgang drei Sch.-Kreuzer in 
die Schuhe 20 ). In einem Tuch aufgehängt, 
bringt er Gestohlenes wieder 21 ), in die 
Kleider der Rekruten genäht, gewährt 
er Glück bei der Losziehung 22 ). 

*) Lammert 197; Hovorka-Kronfeld2,7; 
Fogel Pennsylvania 301 Nr. 1591. 2 ) ZdV- 

fVk. 7 (1897), 290; Seyfarth Sachsen 266; 
Meyer Baden 576; ZfrwVk. 1913,193 ; Andree- 
Eysn Volkskundliches 137 f.; Manz Sargans 80. 
3 ) Lammert 241. 4 ) Fischer SchwäbWb. 

s. v. Sch.; Birlinger Aus Schw. 1, 106 f. 405; 
Fogel Peyinsylvama 276 Nr. 1453. 5 ) Schön¬ 
wert h Oberpfalz 263. 6 ) Schell Berg. Sagen 

523 Nr. 60. 7 ) Wuttke 478 § 762; 281 § 411; 

Grimm Mythologie 2. 917 t.; Meier Schwaben 
2, 387. 8 ) Drechsler 2, 236; Meiche Sagen 

491 Nr. 638; Lachmann Überlingen 394 t.; 


Fogel Pennsylv. 64 Nr. 201; Agrippa v. Net¬ 
tesheim 5, 363; SchwVk. 3, 75. 9 ) John 

Westböhmen 276; Meyer Baden 567; Schell 
Berg. Sagen 210 Nr. 168; Meyer Aberglaube 
284h; ZföVk. 6, 113. l0 ) Kühnau Sagen 3, 

751 f. 571 f.; MschlesVk. 18 (1906), 88 f. 93; 
Sommert Egerland 90 f. 11 ) Meyer Aber¬ 
glaube 220; Grimm Mythol. 3, 448 Nr. 425. 

12 ) Wuttke 439 § 691; Meyer Baden 413. 

13 ) Seligmann 2, 176; Kuhn Mark. Sagen 75; 

ZföVk. 1, 249. 14 ) Höhn Volksheilkunde 1, 103. 
lä ) Liebrecht Zur Volksk. 360. l6 ) Scham¬ 
bach u. Müller 135 Nr. 150, 354. l7 ) Grimm 

Myth. 3, 480 Nr. 484; Wuttke 382 § 581; 
Höhn Geburt Nr. 4, S. 262. 18 ) Höhn Geburt 

S. 266; Bohnenberger Nr. 1, S. 25. 
l9 ) Grimm Myth. 3, 461 Nr. 770. 20^21^22^ pj_ 

scher SchwäbWb. s. v. Schlüsselkreuzer 966. 

2. Mitunter muß der Sch., um 
zauberwirkende Kraft entfalten zu kön¬ 
nen, eine besondere Eigenschaft auf¬ 
weisen oder es wird die bereits vor¬ 
handene zauberwirkende Kraft des Sch.s 
durch diese besondere Eigenschaft noch 
gesteigert. Hier ist zu nennen: 

1. der Erbschlüssel: gegen Hunds¬ 
wut 23 ), bei Herzleiden 24 ), gegen Krämp¬ 
fe 25 ), zur Förderung des Zahnens 26 ), beim 
Buttern 27 ), beim Austrieb des Viehs 28 ), 
beim Diebszauber 29 ), beim Aufspüren 
von Hexen 30 ), bei der Erkundung der 
Zukunft 31 ), beim Herbeiholen des Teu¬ 
fels 32 ). Der Besitz eines Erbsch.s befähigt, 
einen Horcher an der Wand oder an der 
Tür taub zu machen 33 ). Mitunter genügt 
nicht einfache, sondern nur wiederholte 
Vererbung des Sch.s 34 ) (vgl. Erbdinge). 

2. der Kreuzschlüssel, d. h. ein Sch., 
dessen Bart einen Kreuzschnitt hat: 
gegen Verhexung des Viehs 35 ), des neu¬ 
geborenen Kindes 36 ), zur Wahrsagung 37 ), 
zum Diebszauber 38 ). 

3. Der geweihte glühende Schl.: 
gegen Hundswut (s. g. Hubertusschi.) 39 ). 

4. Sch., der alle drei Weihnachts¬ 
nächte auf dem Tisch gelegen ist 40 ) 
(vgl. Weihnachten). 

5. Sch. vom Scharfrichterschwert 
oder Beil: zum Aufschließen des Reiches 
des Bösen (vgl. Scharfrichter) 4l ). 

6. Sch. aus einem Sargnagel verfer¬ 
tigt: zum Aufschließen der Hölle 42 ). 

7. Mitunter werden zwei Sch. vorge¬ 
schrieben, die übers Kreuz zu legen 
sind: gegen Krampf 43 ). 



1227 


Schlüsselblume 


1228 


8. Sch., der in der Karfreitagnacht 
von drei Meistern stillschweigend ge¬ 
schmiedet wurde 44 ). 

9. Der Kirchsch. 45 ). 

23 ) Schönwerth06er/>/a^3,263. 24 )Bartsch 
Mecklenburg 2, 411. 25 ) Seyfarth Sachsen 

65; Birlinger Volksth. 1, 481; Grimm Myth. 

з, 449 Nr. 474; ZföVk. 13 (1907), 139; Mitt. 

Anhalt. Gesch. 14, 13. 26 ) John Erzgebirge 54. 
27 ) Wuttke 448 §707; Drechsler 2, 255; 
Bartsch Mecklenburg 2, 136. 28 ) John Erz¬ 
gebirge 227. 29 ) John Westböhrnen 27b] Wuttke 

2 54 §368; Bartsch Mecklenburg 2, 333 t.; 
Frischbier Hexenspr. 117I; ZfVk. 20 (1910), 
386; Müllenhoff Sagen 88 Nr. 100; Kuhn 

и. Schwartz 448 Nr. 377. 3 <>) Grimm Myth. 

2, 928 f.; Drechsler 2, 243; Strackerjan 
1, 422; 2, 220. 31 ) Grimm Myth. 3, 470 Nr. 954; 
ZföVk. 6 (1900), 120; Köhler Voigtland 365; 
Dähnhardt Volkst. 1, 77. 32 ) Schönwerth 

Oberpfalz 3, 48. 33 ) Grimm Myth. 3, 441 Nr. 202. 
34 ) Wuttke 254 § 368. 3 5 ) Knoop Hinter¬ 
pommern 172; ZfrwVk. 2, 291; Wuttke 

446 § 702. 36 ) ZfrwVk. 1905, 178. 37 ) Grimm 

Myth. 3, 454 Nr. 579; SAVk. 2, 218; 3, 75; 
Schönwerth Oberpfalz 3, 217; Meyer Baden 
166. 38 ) Hesemann Ravensberg 112. 39 ) Bir¬ 
linger Aus Schwaben 1, 405. 40 ) Hovorka u. 

Kronfeld 2, 395. 41 ) Meier Schwaben 2, 387. 
42 ) Ebd. 43 ) Meyer Baden 576. 44 ) Meier 
Schwaben 2, 387. 45 ) Fehrle Zauber u. Segen 

20; Wuttke 446 § 702; Birlinger Aus Schwa¬ 
ben 1, 106. 

3. Gewisse Handlungen, mit dem 
Sch. vorgenommen, bringen Unheil. 
Pfeift man auf einem hohlen Sch., so ruft 
man das Elend herbei 46 ). Mit einem Sch. 
in der Hand darf man nicht in den Schaf- 
stall gehen, sonst werden die Schafe 
„drehend“ 47 ). Läßt man einen Bund Sch. 
zur Erde fallen, so kommt unangenehmer 
Besuch 48 ). Wer den Haussch. verliert, 
muß sterben 49 ). Paten dürfen auf dem 
Kirchgänge keinen Sch. bei sich tragen; 
sonst bekommt das Kind ein verschlos¬ 
senes Herz 50 ). 

46 ) Grohmann 224. 47 ) Drechsler 2, 116. 
48 ) Ebd. 2, 236. 49 ) Wuttke 221 § 314. 

° ü ) Wuttke 389 § 593- 

4. Der Glaube an die zauberwirkende 
Kraft des Sch.s findet sich auch außer¬ 
halb unseres Gebietes. Schon bei 
den Etruskern dürfte der Sch. als 
Amulett gedient haben 51 ). Bei den 
Griechen band man, um Felder und 
Gärten vor Hagel zu schützen, rings 
um das Grundstück Schlüssel verschie¬ 
dener Türen 52 ). Bei den Römern 


schenkte man den Frauen Sch. ob signi- 
ficandam partus facilitatem (Festus s. v. 
clavis) 53 ). In Neapel und Sizilien 
trägt man gegen die Jettatura einen 
Sch. bei sich 54 ). In Umbrien verwendet 
man Sch. gegen Krämpfe bei Kindern 
und gegen Epilepsie 55 ). Die Verwen¬ 
dung von geweihten glühend gemachten 
Sch.n gegen Hundswut findet sich in 
Frankreich und anderwärts 56 ). 

51 ) Seligmann 2, 10. 52 ) Fehrle Gcoponica 
20. 53 ) Atradpop. 17, 96. 54 ) Seligmann 

2, 10. 65 ) Bellucci II feticismo primit . in Italia 
1907, 104. 108 f. 56 ) ZfVk. 11, 207 u. 342; 24, 
145; H. Gaidoz La rage de St. Hubert. 1887, 
126 f. 

5. Die Erklärung des an den Sch. 
sich knüpfenden Aberglaubens ist leicht 
zu geben. Da man mit dem Sch. alles 
Verschlossene aufsperren und alles 
Nichtverschlossene einsperren 
kann, wird dem Sch. im Wege analogi- 
sierender Schlußfolgerung die Kraft zu¬ 
geschrieben, alles als einsperrbar Vor¬ 
gestellte (Krankheitsdämonen, Übel aller 
Art) zu verschließen, so daß es un¬ 
schädlich wird, alles als ein gesperrt Vor¬ 
gestellte erforderlichenfalls aus dieser 
Haft zu befreien (Schatz, Kind im 
Mutterleib, Wissen um die Zukunft 
usw.). Dazu tritt die Zauberkraft des 
Metalls, aus dem der Sch., sobald man 
vom Holzverschluß zum Metallsch. über¬ 
gegangen war (vgl. Hoops Reallex., s. v. 
Schloß u. Schlüssel; Schräder Reallex. 
s. v. Schlüssel; I. Brtfndum-Nielsen, 
Acta Philologica Scandinavica VI, 171 — 
190; Literatur: 175 3 , gefertigt wurde 57 ). 

57 ) J. A. MacCulloch bei Hastings, s. v. 
locks and keys 123. Goldmann. 

Schlüsselblume (Himmelsschlüssel, 
Primel, Primula officinalis). 

1. Botanisches. Frühlingspflanze 
mit eiförmigen, runzeligen Blättern und 
dottergelben, duftenden, trichterförmigen 
Blüten, die in einer Dolde angeordnet 
sind. Häufig (in Norddeutschland fehlend) 
auf trockenen Wiesen. Feuchtere Stellen 
bewohnt die ähnliche hohe Sch. (P. elatior) 
mit fast duftlosen, schwefelgelben Blüten. 
In der Volksmedizin wird aus den Blüten 
ein Tee gegen Erkältungskrankheiten, 
Brustbeschwerden usw. bereitet 4 ). 


1229 


Schlüssellauf 


1230 


121 


l ) Marzeil Kräuterbuch 267 f.; Heilpflanzen 
1 — 126. 




'1 


Ht 


i 


.i 

4 *- 

T 

t 


2. In vielen Sagen, die landschaftlich 
nur wenig voneinander ab weichen, findet 
ein Knabe, Hirt usw. eine (goldgelbe) 
Blume, die ihm dann die Felsentore zu 
verborgenen Schätzen öffnet (vgl. Spring¬ 
wurz). Da der Finder aber die Blume 
im Berg liegen läßt (obwohl ihm eine 
Stimme zuruft: „Vergiß das Beste nicht!“), 
kann er nie mehr zu den Schätzen ge¬ 
langen. Häufig wird diese Blume als 
Sch. gedeutet, manchmal ist auch von 
einer „blauen“ Blume die Rede 2 ). Ab 
und zu heißt es auch, daß die gefundene 
Sch. zu Gold wurde 3 ). Die Sch. entstand 
aus den Himmelschlüsseln, die dem hl. 
Petrus einst zur Erde entglitten 4 ). 

2 ) Z. B. Wuttke 31 §31; Ranke Volks¬ 
sagen 114; Panzer Beitrag 1, 182 f. 188 f. 294t.; 
Grimm Myth. 2, 812; 3, 288; Meier Schwaben 
37; Schönwerth Oberpfalz 2, 239 f.; Meiche 
Sagenbuch 609; Hebel Pfalz. Sagen (1912), 
142. 149; Lohmeyer Saarbrücken 73 f.; Zfrw¬ 
Vk. 6, 138; SudetendZfVk. 2, 159; auch in Eng¬ 
land: Friend Flowers 1883, 100; FL. 12, 445. 

3 ) Rochholz Schweizersagen 1, 258; Herzog 
Schweizersagen 2, 45. 4 ) Aus d. Posener Land 3 
(1908), Nr. 24; Schullerus Pflanzen 155; 
Volkskunde 15, 116; Rolland Flore pop. 9, 69; 
FFC.37,91; vgl. auch Haltrich Siebenb. Sachs. 
1883, 298; Gloning Oberösterreich 1884, 109. 

3. Als Frühlingsblume (s. 3, 160) hat 
die Sch. besondere Kräfte. Drei Blüten, 
verschluckt, sind ein Schutzmittel gegen 
Fieber 5 ), bei den Rumänen in der Buko¬ 
wina gegen Halsdrüsen 6 ). Sch.n bringen 
Glück ins Haus 7 ). Meist heißt es aber, 
man dürfe die Sch.n nicht abbrechen, 
sonst sterben die jungen Hühner 8 ). Die 
Erklärung, daß die Hühner sonst „ver¬ 
schlossen“ (Schlüsselblume!) werden und 
nicht mehr legen 9 ), ist wohl nicht zu¬ 
treffend, denn von anderen Frühlings¬ 
blumen (Kuhschelle, Nieswurz), deren 
Blüten keine Schlüsselform haben, glaubt 
man das Gleiche. Vielleicht bringt der 
Glaube zum Ausdruck, daß die Sch.n 
als Frühlingsblumen „tabu“ sind. An 
Walburgi soll man neunerlei Blumen 
(Sch.n müssen dabei sein) rupfen und in 
eine Truhe legen. Ist es in der Nacht da 
drinnen nicht ruhig, so hat man eine Hexe 
dabei gefangen lü ). Vor Sonnenaufgang 
gepflückte und dann getrocknete Sch.n 


gebe man an Walburgi dem kranken Vieh 
ein u ). 

5 ) Frischbier Naturkunde 331; auch in 
Dänemark: Danm. Tryllefml. 1, 212. 6 ) ZföVk. 
4, 217. 7 ) Haas Rügensche Sagen 1891, 155. 

8 ) Kuhn Westfalen 2, 62; besonders in England 
und Frankreich ist dieser Glaube verbreitet: 
Friend Flowers 1883, 300. 580; Dy er Plants 
273; FL. 25, 369; Bartels Pflanzen 11; Sebillot 
Folk-Lore 3, 471; Rolland Flore pop. 9, 75. 

9 ) Wirth Beiträge 6/7, 16. 10 ) Reubold 

Beiträge z. Volkskde im BA. Ansbach 1905, 38. 
u ) Albertus Magnus. Toledo 20 3, 30; Mar- 
zell Bayer. Volksbotan. 31. 

4. Wenn ein Mädchen schon in der 
Karwoche eine blühende Sch. findet, so 
heiratet es noch im selben Jahre 12 ). 
Auf der Danziger Nehrung geschah das 
„Himmelschlötelstecken“, d. h. das 
Stecken der Sch.n als Liebesorakel 13 ). 

l2 ) Schullerus Pflanzen 155. l3 ) Brunner 

Ostdeutsche Vk. 1925, 234. 

5. Die Sch.n (gelbe Farbe!) sind ein 
Mittel gegen Gelbsucht 14 ). 

14 ) ZfrwVk. 5, 100. 

6. Wenn die ersten Sch.n recht lange 
Stiele haben, so wird auch die Gerste 15 ) 
oder der Hanf 16 ) lang werden. 

15 ) Marzell Bayer. Volksbot. 124. l6 ) Fi¬ 

scher SchwäbWb. 3, 1143. 

7. Wenn man am Gründonnerstag die 
Sch.n (Primeln) im Garten umsetzt, 
dann werden sie bunt 17 ), (nach drei 
Jahren) rot 18 ) oder gefüllt 19 ), s. Nelke, 
Stachelbeere. 

17 ) Nordwestpfalz: Orig.-Mitt. von Grill 
1913. l8 ) D. Kuhländchen 9 (1927), 160. 

19 ) Wetterau: ZfdMda. 1918, 142. Marzell. 

Schlüssellauf. In Oberbayern hielten 
die Burschen während des Hochzeits¬ 
zuges aus der Kirche zum Wirtshaus bar¬ 
fuß den Braut- oder Schl. ab. Wer das 
Ziel zuerst erreichte, erhielt einen ver¬ 
goldeten Holzschlüssel, der ihm an den 
Hut gebunden wurde, und einen Geld¬ 
preis. Vom letzten Läufer sagte man: „er 
hat d'Sau“; ihm wurden Rücken und 
Hut mit Sauschwänzchen besteckt. Ge¬ 
meint ist wohl ein symbolischer Lauf 
nach dem Schlüssel der Brautkammer, 
den der Bräutigam, wenn ihm ein anderer 
zuvorkam, mit entsprechender Buße ab¬ 
kaufen mußte x ). 

In der Oberpfalz wird in ähnlicher 
Weise das „Backofenschüssellaufen“ 
geübt. Ist der Name vielleicht aus einem 




1231 


Schlüsselloch 


1232 


„Schl." verderbt? Der Sieger soll ein 
unbescholtener Mann sein, weil seine 
Untugenden auf das erste Kind des 
Paares übergehen 2 ). Auch in West¬ 
böhmen findet ein „Ofenschüsselrennen" 
nach dem Verlassen der Kirche statt 3 ). 

Vgl. oben 6, 1202. 

2 ) Bavaria 1, 398 — Quitzmann 88 f.; 
ZfVk. 3 (1893), 14 f. 2 ) Schönwerth Oberpfalz 
1, 93; ZfVk. 3, 15t. 3 ) John Westböhmen 

j 46. 151. 156; Schramek Böhmerwald 205; 
Rank Böhmerwald 66. Sartori. 

Schlüsselloch. Haus und Dach bilden 
zusammen eine schützende Hülle, die 
nicht nur Kälte und Unwetter von den 
Inwohnern abhält, sondern die auch wie 
der Zaun, die Dorfgrenze, die Bannmeile 
u. dgl. einen magischen Bannkreis be¬ 
deutet, die den inneren von dem äußeren 
magisch-mystischen Machtbereich schei¬ 
det 4 ). Diese magische Bann- und Grenz¬ 
fläche wird durch Schornstein, Rauch¬ 
löcher, Fenster, Türe (s. diese alle) und 
ebenso auch durch das Sch. unterbrochen. 
Daher sind alle diese Öffnungen Einbruch- 
steilen für magische Mächte, Dämonen 
und Geister aller Art. So kann z. B. der 
Alp außer durch das Astloch, Riemenloch 
oder durch das kleine Zugloch am Fenster 
auch durch das Sch. kommen 2 ). 

Im nördlichen Teil des deutschen 
Reiches ist es namentlich die Nacht mar 
(Mar, Mährt, märte, Mat), die durch das 
Sch. ins Schlafzimmer schlüpft. „Man 
kann den Mahrt fangen, wenn man 
schnell das Sch. verstopft, durch welches 
er hereingekommen ist" 3 ). Dann ge¬ 
schieht es oft, daß sich die Nachtmare als 
schönes Mädchen entpuppt, das mit dem, 
der sie fing, eine Ehe eingeht und Kinder 
erzeugt, bis er einmal den Pfropf aus dem 
Sch. zieht, worauf die Mare verschwin¬ 
det 4 ). Anderswo muß man das Sch. 
verstopfen oder den Schlüssel darinnen 
stecken lassen, damit die Mahre nicht 
hereinkommen kann 5 ). Auch die Wal- 
ridersken (Druck- und Totengeister) 
kommen nach oldenburgischem Volks¬ 
glauben durch das Sch. 6 ). In Mittel¬ 
deutschland ist es der Alp, der ebenfalls 
durchs Sch. kommen muß, wenn die 
Türe verschlossen ist 7 ). Wenn man das 
Sch. verstopft (allgemein), oder etwas 


Heiliges, wie eine Bibel oder ein Gesang¬ 
buch davor anbringt (Oldenburg), ist 
man vor dem Alpdrücken geschützt 8 ). 
Man verklebt daher das Sch. mit ge¬ 
weihtem Wachs, macht drei Kreuze 
darüber und droht: Wart', ich nagle dich 
an! (Schönau) 9 ). In Süddeutschland 
(Baden) kriecht das Schrättele durch 
das Sch. und hockt dem Schlafenden auf 
die Brust 10 ). 

Auch die Hexen können gleich dem 
Teufel durch das Sch. in Häuser aus- und 
eingehen u ). Dieser Glaube ist in Süd¬ 
tirol schon am Beginn des 15. Jh.s be¬ 
zeugt. In Vintlers ,,blume der fügend" 
(1411) v. 105 heißt es „und auch vil pösz 
lütt die gend des nacktes durch verschlossen 
tiir (l 12 ). In Appenzell hieß es: Häxa 
chönid dör-ena Schliiselloch döra schlüffa lz ). 
Und auch ihnen versperrt man den Zu¬ 
tritt durch Verstopfen der Sch. 14 ). Daher 
müssen am Hexenabend alle Schlüssel im 
Sch.stecken 15 ). Andererseits bedienen sich 
Hexen gelegentlich auch des Sch.s, um 
unberufenen Spähern durch dieses das 
Augenlicht auszublasen 16 ). Bisweilen 
kommt sogar die Habergeiß durch das 
Sch. 17 ), kurz man sieht, es ist eine ganze 
Reihe unheimlicher Gestalten, die durch 
das Sch. aus- und einziehen können. 
An sie hat wohl auch Goethe gedacht, 
wenn er in der Szene der vier grauen 
Weiber im II. Teil seines Faust die eine 
sagen läßt: „Ihr Schwestern, ihr könnt 
nicht und dürft nicht hinein, die Sorge, 
sie schleicht sich durchs Sch. ein". Na¬ 
türlich hat es nichts mit diesem Glauben 
zu tun, wenn der gute Knecht Ruprecht 
den Kindern durchs Sch. zusieht 18 ). 

Die Gefahr, daß Unholden durch das 
Sch. ins Haus oder in die Schlafstuben 
eindringen, ist besonders groß, wenn sich 
eine Schwangere oder ein neugeborenes 
Kind in der Wohnung befindet. Schon 
während der Geburt werden alle Türen fest 
verschlossen und die Sch.er verstopft 19 ). 
In Thüringen muß bis zur Taufe das Tür¬ 
schloß Tag und Nacht mit einem blauen 
Schürzenbande zugebunden sein 20 ). Auch 
an der oberen Nahe werden die Sch.er bei 
Entbindungen verstopft, „damit keine 
Hexe Eingang finde" 21 ). In der bayri- 


.4 

► v 




f 1 

p 


iE;* 


• v 


I233 Schlüsseljungfrau—schmackostern 1234 


sehen Pfalz verstopfte man während der 
Geburt alle Sch.er, damit die Hexen oder 
der Teufel keinen Wechselbalg unter¬ 
schieben 22 ). In Kupprichhausen (Baden) 
verstopfte man die Sch.er um der Kinder 
willen mit geweihtem Wachs 23 ). Im 
Schwäbischen glaubte man, daß das Kind 
eine geschwollene Brust bekäme, wenn 
eine Hexe durch das Sch. in die Schlaf¬ 
kammer fährt 24 ). Aber auch die Schwan¬ 
gere selbst darf nicht durch das Sch. 
sehen, sonst lernt das zu erwartende 
Kind schielen 25 ). Ähnliche Bräuche 
sind auch von den anderen Völkern be¬ 
kannt. In Ungarn werden bei Entbin¬ 
dungen nicht nur die Sch.er verstopft, 
sondern außerdem auch noch die Türen 
mit Unterhosenbändern zugebunden 26 ), 
Und selbst aus Niederländisch-Indien, 
von den Philippinen usw. sind ähnliche 
Abwehrmaßnahmen bekannt 27 ). 

Eine besondere Bedeutung im Volks¬ 
glauben besitzen begreiflicherweise die 
Sch.er von Kirchen- und Friedhoftüren. 
Sie dienen seit alter Zeit allerlei unheim¬ 
lichem Zauber: ,,so send denn ettlich 
jrawen , die er schlingen umb die Kirchen 
gen und haissent die totten auf steh ' er¬ 
zählt schon Vintler am Beginne des 
15. Jh.s 28 ). Nach einem alten dänischen 
Aberglauben muß man dreimal um die 
Kirche gehen und das dritte Mal durch 
das Sch. rufen oder pfeifen, dann muß einem 
der Teufel erscheinen 29 ). Ähnlich ist 
der alpenländische Glaube, daß man 
einen Hecketaler gewinnen könne, wenn 
man eine schwarze Katze in einen Sack 
steckt, diesen mit 99 Knoten zubindet, 
damit dreimal um die Kirche läuft und 
jedesmal durch das Sch. nach dem 
Küster ruft. Dann erscheint beim dritten 
Mal der Teufel und „kauft die Katz im 
Sack" um den Hecketaler. Dann muß 
man aber laufen, daß man unter sein 
Dach kommt, denn wenn es dem Teufel 
gelingt, die Knoten vorher aufzulösen, 
dann ist man verloren 30 ). Ein furcht¬ 
barer Schadenzauber war in der Ober¬ 
pfalz bekannt: Der frevelnde Zauberer 
beschwor um Mitternacht so lange die 
Toten durch das Sch. der Kirchhoftür, 
bis diese wütend aus ihren Gräbern 


eilten, sich in das Haus des bezeichneten 
Menschen stürzten und diesen im Schlafe 
zu Tode drückten 31 ). Ein alter Diebs¬ 
bann bestand darin, daß man um Mitter¬ 
nacht durch das Sch. einer Friedhof¬ 
kirche hineinruft: „Ihr Toten steht auf 
und legt euch nimmer nieder, bis daß der 
Dieb erscheint und bringt mir meine 
Sachen wieder". Dann müssen die Toten¬ 
geister den Dieb solange ängstigen, bis er 
die gestohlenen Dinge zurückbringt 32 ). 
Auch zum Orakeln dient das Sch. der 
Kirchentüre: Blickt man in der Neujahrs¬ 
nacht beim Mitternachtsläuten durch 
ein solches, so sieht man um den Altar 
alle Personen gehen, die im Laufe des 
nächsten Jahres sterben werden 33 ). End¬ 
lich findet das Sch. der Kirchentür auch 
im Heilzauber der Volksmedizin Ver¬ 
wendung: „Wer mit dem nächtlichen 
Bettnässen behaftet ist, der gehe still¬ 
schweigend an einem Freitage vor Sonnen¬ 
aufgang nach der Kirchentür und blase 
dreimal in das Sch." 34 ). 

*) Knuchel Umwandlung 82 ff. a ) Laistner 
Sphinx 1, 112. 3 ) Knoop Hinterpommern 83. 

4 ) ebend. und Simrock Myth. 437. 5 ) ZfrwVk. 
1906, 209 (Kr. Minden); Andree Braun¬ 

schweig 379; Woeste Mark 48 Nr. 24. 6 ) Strak- 
kerjan 2, 223 Nr. 470 7 ) Grohmann 24. 

8 ) Wuttke 285 § 419. 9 ) Drechsler 2, 177. 

10 ) Meyer Baden 551. n ) Grimm Myth. 2, 
899 und 908. 12 ) ebend. 3, 422. l3 ) Vernaleken 
Alpensagen 420 Nr. 152. 14 ) Meyer Baden 560. 
15 ) John Westböhmen 72. lfl ) Baader Sagen 69; 
Grimm Myth. 475. 17 ) Ranke Sagen 213 2 . 

18 ) Köhler Voigtland 163. 19 ) Wuttke 382 

§ 581 (Pfalz). 20 ) Ebd. 382 § 581. 21 ) Wollt 

in ZfrwVk. 2 (1905), 178. 22 } Bavaria 3 b, 

345. 23 ) Meyer Baden 554. 24 ) Rochholz 

Kinderlied 335. 25 ) Andree Braunschweig 

285. 26 ) Temesvary Geburtshilfe 70. 27 ) 

Samter Geburt 26. 28 ) Grimm Myth. 3, 424 f. 

(Vintler V. 205h.). 29 ) Ebd. 2, 851. 30 ) 

Vernaleken Alpensagen 99; Simrock Mytho¬ 
logie 461. 31 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 200. 

32 ) Ebd. 3, 214. 33 ) SAVk. 8, 274. 34 ) Bartsch 

Mecklenburg 2, 103 f. Geramb. 

Schlüsseljungfrau s. Nachtrag. 

schmackostern heißt an manchen 
Orten der Mark Brandenburg, in Ost- 
und Westpreußen (hier am bodenständig¬ 
sten 1 )), Voigtland, Schlesien, Böhmen 
und Mähren, auch in Oberhessen 2 ) der 
„Schlag mit der Lebensrute", der ge¬ 
wöhnlich am Ostermontag, seltener am 



1235 


schmähen—Schmerle 


1236 


Ostersonnabend oder -sonntag vollzogen 
wird. Man leitet das Wort von poln. 
smigaC, smagac (peitschen) ab, andere 
von niederd. smacken = schlagen. Volks¬ 
etymologisch wird es mit dem Wohlge¬ 
schmack der Eier und Leckereien, mit 
denen sich die geschlagenen Mädchen er¬ 
kenntlich zeigen 3 ), oder mit dem bunten 
Papierschmuck der Ruten zusammen¬ 
gebracht 4 ). Gewöhnlich schlagen am 
Ostermontag Burschen und Knaben die 
Mädchen in ihren Häusern, namentlich 
auf Hände und Füße 5 ), und am Oster¬ 
dienstag rächen sich die Mädchen, gehen 
aber in der Regel nicht in die Häuser 6 ). 
Die Sache darf nur bis Mittag dauern 7 ). 

Auch die dabei benutzte Rute heißt 
,, Schmackost er“ 8 ). Sie ist entweder 

eine von Lederriemen verfertigte Peitsche, 
oder sie besteht aus 3 9 ), 6 oder 9 10 ) zu¬ 
sammengedrehten, mit bunten Papier¬ 
schnitzeln dicht durchflochtenen Weiden¬ 
ruten oder aus Süßholz 11 ), aber auch 
ein frischer Zweig wird dazu benutzt 12 ). 
Bei den Kaschuben legen die Knaben die 
grüne Rute, die sie schon Wochen vor¬ 
her in Wasser getan und an einem war¬ 
men Orte haben treiben lassen, am Oster¬ 
morgen dem Hausherrn und der Hausfrau 
vor die Füße. Die übrigen Familien¬ 
mitglieder werden leicht damit ge¬ 
peitscht 13 ). Die Mädchen bedanken sich 
für das S. mit Kuchen und Eiern, denn es 
bringt ihnen Glück und Gesundheit und 
verscheucht Krankheiten wie Rücken¬ 
schmerzen, Beinweh und fallende Sucht 14 ). 
Manchmal ist mit dem S. das Bespritzen 
mit Wasser verbunden und wird auch so 
benannt 15 ). Wer ordentlich geschlagen 
und tüchtig naß wird, den verschonen 
Flöhe und anderes Ungeziefer 16 ). In 
Gilgenburg nimmt man dem Kinde, das 
sch. geht, durch ein Handtuch eine Rute 
aus der Hand, bewahrt sie auf und treibt 
damit das Vieh aus, wenn es zum ersten¬ 
mal auf die Weide gehen soll 17 ). In 
Lichten (Österreich. Schlesien) schmacko- 
stert am Ostermontag auch der Hirt j 
seine Schafe, damit sie das ganze Jahr 
gut folgen 18 ). S. schlagen. 

1 ) Schnippei Ost- u. Westpreußen 1, 85. ( 
2 ) Grimm Mythol. 1, 491 Anm. 3 ) Hoops ' 


Sassenart 55. 4 ) Lippert Christentum 603; 

Engelien u. Lahn 232. 5 ) Mannhardt 1, 262. 
G ) Ebd. 1, 259 ff.; Frazer 9, 268 f.; Kück u. 
Sohnrey 82; Sartori Sitte 3, 154; ARw. 3, 
186; ZfVk. 10, 332 f. 444 ff.; Vernaleken 
Mythen 300 f.; Brunner Ostdeutsche Volksk. 
218 f.; Lehmann Sudetendeutsche Volksk. 144; 

Peuckert Schlesische Volksk. 100 f. Ältere 

_ ✓ 

Zeugnisse: Schnippei Ost- u. Westpr. 1, 84 t. 
Vgl. Grimm Deutsches Wbch. 9, 99. 7 ) Verna¬ 
leken Mythen 300; Peuckert 101. 8 ) Verna¬ 
leken 300; Fehrle Volksfeste 57 f.; Engelien 
u. Lahn 232; Grimm Mythol. 3, 168. 9 ) En¬ 
gelien u. Lahn 232. 10 ) Mannhardt 1, 261. 

n ) Vernaleken 300; Schnippei 1, 148 (Schle¬ 
sien). l2 ) Mannhardt r, 261; Schnippei 
1, 84. l3 ) Seefried-Gulgowski 211. 

14 ) Mannhardt 1, 263. 15 ) Fehrle Volksfeste 

57 f.; Urquell 2, 7 ff. 36 ff.; Seefried-Gul- 
gowski 211; Gesemann Regenzauber 56. 58 f.; 
Grimm Mythol. 1, 490 t. Anm.; ZfVk. 30, 166. 

16 ) Drechsler 1, 101. 102; Mannhardt 1, 263. 

17 ) Toppen Masuren 69. 18 ) Mannhardt 

1, 270. Sartori. 

schmähen s. schelten. 

Schmalzblume s. Dotterblume, 
Hahnenfuß. 

Schmellengras s. Gräser. 

Schmerle, Schmerling m. (Nemachi- 
lus barbatulus L.). Der Fisch wird oft 
mit der Grundel (s. Bd. 3, 1186) ver¬ 
wechselt oder identifiziert x ). 

Wenn ein Kind den „Pfitzwurm“ 
(pfetzender Bauchwurm) hat, so bindet 
man ihm eine S. auf den Nabel, bis sie 
verfault 2 ). Ähnlich gegen den ,,Vermis 
umbilicalis' ‘ (s. H ö f 1 e r Krankheitsnamenb . 
830). Ein Kind wurde von ,,Mittessern“ 
(Akne ? 3 )), Erwachsene von Schwindsucht 
geheilt, indem man ihnen eine lebende S. 
auf die Brust band 4 ). „Grundel“-öl ist 
gut für das ,,Fell“ im Auge (ptery- 
gium?) 5 ), der Kopf der „Grundel“ wird 
gegen Blasenstein, ein Absud des Fisches 
gegen „Erbgrind“ verwendet 6 ). 

Gegen Behexung werden einem Kinde 
fünf „Grundeln“ auf die Brust gebun¬ 
den 7 ). 

Nach der Sage fallen bei Sorau am 
25. Mai 1661 mit einem Landregen zahl¬ 
reiche S.en auf die Felder 8 ). 

x ) Schwld. 2, 776: Grundel: 1. Schmerle > 
(cobitis barbatula), 2. Gründling (gobia fluvia- 
tilis); BIPomVk. 5, 126 (weitere pommersche 
Namen; Brehm 3, 210. 2 ) ZfdMyth. 1, 199 

(Harz); Pröhle Harzbilder 82; Schönwerth 
1, 181. 3 ) La mm er t 130 (nach älterer Quelle); 


1237 


Schmetterling 


1238 


Hovorka-Kronf. 1, 435 („Grundel“). 4 ) Sey- 
farth Sachsen 191. 5 ) Schönwerth 3, 240. 

6 ) Gesner Fischbuch 163. 7 ) Rochholz Sagen 
2, 179. 8 ) Haupt Lausitz i, 258. 

Vgl. Grundel, Wetterfisch. 

Hoffmann-Krayer. 

Schmetterling. 

1. Etymologisches, a) Bildwörter. 
Sch. ist der Gesamtname der in zahlreiche 
Familien zerfallenden Ordnung der Falter. 
Auffällig ist es, daß der Landmann., der 
sonst bei jeder Tiergruppe die einzelnen 
Arten mit Namen belegt, im allgemeinen 
solche für den Sch. nicht kennt 1 ). Im 
besten Falle wird zwischen Tag- und 
Nachtfaltern unterschieden. Es ist das 
Verdienst Oehl's 2 ), die elementare Ver¬ 
wandtschaft eines großen Teils der Sch.s- 
namen in europäischen und außereuro¬ 
päischen Sprachen erkannt und nach¬ 
gewiesen zu haben. Die meisten Sch.s- 
namen sind Bildwörter, d. h. der optische 
Eindruck des rhytmischen Flügelschlags 
wird akustisch (durch Reduplikation) 
ausgedeutet 3 ). Ein typisches Bildwort 
ist lat. papilio — franz. papillon , tirol. 
pavel, trient. pavela 4 ). Hiermit sind ele¬ 
mentar verwandt hess. papiller, papoller , 
pipoldern 5 ), pdpler 6 ), westpfälz. bubeller , 
hierzu franz.-dial. boubele (Hautes-Vos- 
ges) 6 ), span, borboleta 1 ), ferner von 
Rolland 8 ) ohne Lokalisierung ange¬ 
führt: deutsch-dial. peipel, peipling , pa- 
pöltere, pipöltere , hierzu ndl. pepel (nicht 
aus papilio, wie Kluge 9 ) will), pepeling, 
piepel, piepeleer, pater (dissimiliert aus 
*paper), schoenlapper (volksetym.) 
„Schuhflicker“ 10 ). In ndd. hülebüle, 
ülepüle, uulbuul, puituhl 11 ) scheint sich 
ule „Eule“ volksetymologisch einge¬ 
mischt zu haben. Ital.-dial. bellera 
(Perugia 12 )), bendola, benola (Pesaro) 12 ), 
brendola (Arezzo) 12 ) setzen ein lat. 
bellula voraus, wobei eine Einmischung 
von phalaena 13 ) anzunehmen nicht un¬ 
bedingt nötig ist. 

Im deutschen Sprachgebiet wird der 
Sch. am häufigsten als „Flatterer“ be¬ 
zeichnet. Nhd. falter beruht auf ahd. 
fifaltra — mhd. vivalter 14 ), noch erhalten 
in bayr. feifalter (feilfalter) 15 ). Volks¬ 
etymologische Umgestaltung ist häufig: 
eis. pfifolter, pfifholter, Schweiz, pfifkalter. 


pipolter , fifolter, schwäb. baufalter, wei(h)~ 
falter, bayr. außer feif alter noch feurfalter, 
pfeiffalter 16 ). Was letzteren Namen an¬ 
langt, sei darauf hingewiesen, daß der 
Totenkopf (acherontia atropos) einen 
pfeifenden, schrillenden Ton hervorbringt 
und daß auch von einigen anderen Sch.n 
Laut Äußerungen ausgehen. Aus Ober¬ 
bayern werden unter anderen noch fol¬ 
gende Namen gemeldet 17 ): jeinjalter,pfeif - 
kalter, fleimutter, pjeimutter, weinfältlein, 
weinvater, weinmutter, pfeif alter, pf eilf alter, 
beienfalter = Bienenfalter (man fängt einen 
Bienenschwarm, indem man den ersten 
Frühlingssch. durch das Ärmelloch des 
Rockes fliegen läßt 18 )) ,baumfalter, spei (/)- 
fältlein, speibfaltet. Aus Niederbayern: 
weinfalter, spanfalter, feigfalter, fauf alter, 
pfaufalter . Aus der Oberpfalz: feuerfalter, 
zweif alter. Aus Oberfranken: zweifalter, 
zwifalter, fliegfalter, fliegalter, flieghalter, 
zweipfalter, zweitfalter, fliegveilcken. Aus 
Unterfranken: zwijaller, zwickfalter. Aus 
Erzgebirge-Oberpfalz: zweifelsfalter, zwei - 
selsfalter 19 ). Aus Kärnten liegen vor: 
falfalterte, käafalterte, sp eilf alterte, 
fletterle 20 ). Das Ndd. hat ähnliche Bil¬ 
dungen wie fifolter — andd. vivoldaro, 
fifau, fifault(e)r, fifaulster, fifaumel 21 ), 
ndl. wiewouter, vijfwouter 22 ), flieflotter 23 ). 
Hierher auch aengl. fifealde, schwed. 
feffel 24 ), anord . fifrilde 25 ), schwed. fjäril 2 *). 
falter erscheint ndd. als fladder 27 ), 
während sich vom Typ fifaltra weiter 
entfernen ndd. flutter 27 ), tirol. flutterl 28 ) 
(vgl. rum. flüture), schwäb. flutterschc 
flüitersche, flotterseke 29 ), obersteir. fle¬ 
dert ze 30 ), tirol. flitterl 31 ), flittersche (Vor¬ 
arlberg) 32 ), ndd. flidderk (Minden- 
Ravensberg) 33 ), filette 34 ). Noch weiter 
abseits stehen ndl. vlinder, engl.-dial. 
flinder 35 ). Ein dem ahd. fifaltra nahe¬ 
stehende Bildung ist ital. farfalla > afrz. 
farfaille 36 ), das eine Fülle von Varianten 
aufweist 37 ). 

b) Benennung nach Vögeln 7 ). Dem 

Landmann ist alles Vogel, was fliegt; daher 
wird auch der Sch. häufig nach dem Vogel 
benannt: 

Gt) zunächst ganz allgemein: bayr. 
faltervogel 38 ), engl.-dial. bonny bird „hüb¬ 
scher Vogel“ 39 ), ndd. sommersvogel (Min- 


1239 


Schmetterling 


1240 


den-Ra vensberg) 40 ), meckl. sommer- 
vogel 41 ), mittelfränk. summersvogel 43 ), 
schwed. sommarfdgel 42 ), ndd. maivogel 
(Minden-Ravensberg 44 )), sonnenvögele 45 ), 
ndd. sonnenvogel (Minden-Ravensberg) 46 ), 
meckl. sunvagel 47 ) (vgl. franz.-dial. screil- 
lot „kleine Sonne“, Baume 48 )), ndd. 
himmelsvogel (Minden-Ravensberg) 49 ), 
dän. dagvugl 50 ), Schweiz, muetergottes - 
vogel 51 ), gäl. eunan de „Gottes Vogel“ 52 ), 
schwäb. müllervogel (wegen des Flügel¬ 
staubes) 53 ), hess. pannevogel 54 ), niederrh. 
pannewxver 55 ), eis. rupenvogel 56 ), vgl. 
ital.-dial. osel da rughe „Kohlweißling“ 57 ), 
ndd. gelvogel (Gelbvogel) „Zitronen¬ 
falter“ 58 ), semmelvogel 59 ), bievogel (Bie¬ 
nenvogel, Oberpfalz) 60 ), ndd. flüchel , 
flüggelken (mit Varianten) 61 ), fluchter 62 ), 
vgl. ital.-dial. voländola (Lucca) 63 ), 
ndd. wessflog „Kohlweißling“ 64 ). 

ß) spezialisiert nach bestimmten Vö¬ 
geln wie Huhn, Taube, Eule: norw.-dial. 
marihoena „Huhn der h. Maria“ 65 ), 
nordfranz. glaine Dien „Huhn Gottes“ 66 ), 
steir. weinhahnl (Sch., der sich in Wein¬ 
bergen aufhält 67 )), sizil. puddira 68 ), 
kalabr. puddida zu lat. pnlla „Henne“ 69 ), 
arpin. palomma „Taube“ zu lat. paliwi - 
bus id. 70 ), ndd. uhle „Eule“ (Minden- 
Ravensberg) 71 ), auch wissenschaftliche 
Benennung einer großen Sch.familie), 
klappuhle 11 ), mah-uhlen 71 ), flatschoigel 
„Kleeeule“ 72 ). Vgl. auch weiter oben 
unter a): ülepüle usw. 

c) nach der Fledermaus. Nicht 
selten sind Benennungen nach der Fleder¬ 
maus. Der Name dieses Tieres wurde auf 
den Nachtsch. übertragen, weil er wie 
die Fledermaus (s. d.) lichtscheu ist und 
nur zur Nachtzeit herumflattert 73 ). 
fledermaus heißt der Sch. in Mittel- 
franken 74 ), in Nassau 75 ), wo auch flim¬ 
mermaus 76 ) vorkommt. Im Bergischen 
begegnen fladdermus 77 ) und ftuttermaus 11 ). 
Auch eis. speckmaus 78 ) und blindermaus 
(Hunsrück) 79 ) sind ursprünglich Fleder¬ 
mausnamen (s. d.). 

d) nach kindlichen Anredeformeln 
(s. weiter unten unter 8: „Kinderreime“). 

e) nach dem Flügelstaub. Der 
weiße Flügelstaub der Sch.e ruft den 
Vergleich mit dem mehlbedeckten Müller 


(Mahler) hervor, zunächst in der Kinder¬ 
sprache 80 ). Im Anhaitischen bezeichnet 
Müller oder Mahler in erster Linie den 
Kohlweißling, dann auch andere Sch.e 
mit weißem Flügelstaub 81 ). Aus Mittel¬ 
franken liegen vor: Müller 82 ), aus der 
Oberpfalz: Müllner, M Hier mahler, Haler- 
mahler , Minermahler, M ül hier müllner - 
mahler , Bienenmahler 83 ), aus England: 
miller 84 ). Analoga in italienischen Mund¬ 
arten: sard. faghefarina „mach Mehl“ 85 ), 
farenue (=farinola)* 6 ). Auf lat. pollen 
„Staubmehi“ beruhen: pollara (Avelli- 
no) 87 ), ponnula (Bari) 88 ), sulzb. molinaro 
„Müller“ 89 ), ebenso midinaru (Syrac.) 90 ), 
mulinara (Turin) 90 ), molinel(a) (Trient 90 ). 
Auffallend ist gottscheerisch pächmoltcr 
(pächmulter , pächmauter) , das Satter 91 ) 
als „Backtrog“ deutet. Wahrscheinlicher 
ist pächmolter — Schwinge 92 ). 

f) auf Animismus beruhend (siehe wei¬ 
ter unten unter „Seelenepiphanie“). 

x ) ZfdMda. 6, 241; Heinzerling Wirbellose 
Tiere n. 2 ) Bibi. dell'Arch. rom., serie II, 
v °l- 3 * 75 t- 3 ) Edlinger Tiernamen 95. 

4 ) Meyer Lübke REWb. Nr. 6211; Jaberg- 
Jud AIS. Nr. 480. 5 ) Heeger Tiere 1, 

16 § 32. 6 ) Wien: MnböhmExc. 31, S. A., 

S. 34. 7 ) Edlinger Tiere 96. 8 ) Faune 
13, 187- 9 ) FA. Wb. 400. 10 ) Rolland Faune 
13, 188. u ) Wossidlo Mecklenburg 2, 463. 
12 ) Garbini Antroponimie 464. 13 ) Meyer - 

Lübke REWb. Nr. 6454. l4 ) Riegler Tier 

245. 15 ) Weigand-Hirt DWb. 1, 497. 

l6 ) op. cit. 2, 407. 17 ) Kranzmayer WbK. 

18 ) Strackerjan Oldenburg 1, 124. l9 ) Kluge 

Ft.Wb. 124. 20 ) Car. 96, S. 58 u. passim. 

21 ) Leithaeuser Volkstüml. 1/2, S. 31. 

22 ) Rolland Faune 13, 188. 23 ) Zandt-Cor- 

telyou Insekten 48. 24 ) a. a. O. 48 f. 25 ) Kluge 
op. cit. 124. 26 ) DWb. 9, 1048. 27 ) Leit¬ 

haeuser a. a. O. 28 ) Weinkopf Naturge¬ 
schichte 54. 29 ) Kranzmayer WbK. 30 ) Wein¬ 
kopf a. a. O. 3l ) Ebd. 32 ) Weinkopf op. cit. 
138. 33 ) Hartwig Tiernamen 1, 31. 34 ) Leit¬ 
haeuser a. a. O. 35 ) Rolland Faune 13, 188. 
36 ) op. cit. 13, 186. 37 ) Garbini op. cit. 460. 

462. 463. 38 ) Kluge Et.Wb. 124. 39 ) Rolland 
Faune 13, 185. 40 ) Hartwig Insekten 1, 31. 

41 ) Wossidlo Mecklenburg 2, 424. 42 ) DWb. 

9, 1048. 43 ) Kranzmayer WbK. 44 ) Hart¬ 
wig op. cit. r, 31. 45 ) Mannhardt Germ. 

Mythen 414 f. 46 ) Hartwig op. cit. 1, 31. 
47 ) Wossidlo a. a. O. 48 ) Rolland Faune 3, 
314. 49 ) Hartwig op. cit. 1, 31. 50 ) DWb. 9, 

1048. 5l ) Bibi, dell’Archiv. rom., serie II, vol. 3, 
101. 52 ) Ebd.; Grimm Mythologie 3, 201. 

53 ) Kranzmayer WbK. 54 ) Leithaeuser 
Volkskundl. 1/2, 31. 00 ) Heinzerling Wirbel- 


1241 


Schmetterling 


1242 


lose Tiere 11. 56 ) Martin u. Lienhart Elsäss. 

Wb. 1, 101. 57 ) Garbini Antroponimie 468. 

58 ) Leithaeuser a. a. O. 5Ö ) Ebd. 60 ) Kranz¬ 
mayer WbK. 6l ) Hartwig op. cit. 1, 31. 
62 ) DWb. 9, 1047. 63 ) Garbini op. cit. 467. 

64 ) Leithaeuser a. a. O. 65 ) Mannhardt 
op. cit. 371. 68 ) Rolland op. cit. 3, 314. 

67 ) Weinkopf Naturgeschichte 142. 68 ) Gar¬ 
bini op. cit. 749. 69 ) Meyer-Lübke REWb. 

Nr. 6828. 70 ) op. cit. Nr. 6181. 71 ) Hartwig 

op. cit. 1, 31. 72 ) Leithaeuser a. a. O. 73 ) Pa¬ 
lander Ahd. Tiernamen 24. 74 ) Kranzmayer 

WbK. 75 ) Kehrein Nassau 1, 326. 76 ) a. a. O. 
77 ) Leithaeuser op. cit. 1/2, 31. 78 ) Martin u. 
Lienhart Elsäss.Wb. 79 ) ZfdMda. 6, 241. 

80 ) Mann har dt Germ. Mythen 372 f., wo auch 
entsprechende Kinderreime stehen. 81 ) Wirth 
Beiträge 4/5 S. 35. 82 ) Kranzmayer WbK. 

83 ) id. 84 ) Mannhardt op. cit. 372. 85 ) Meyer- 
Lübke REWb. Nr. 3128. 86 ) Bertoni It. dial. 
52. 87 ) Garbini Antroponimie 465; Meyer- 

Lübke REWb. Nr. 6636; Bertoni a. a. O. 
88 ) Meyer-Lübke a. a. O. 89 ) Meyer-Lübke • 
REWb. Nr. 5643. 90 ) Garbini op. cit. 466. 

91 ) Gottscheer Tiernamen 16. 92 ) Ebd. 

2. Biologisches. Nach Aristoteles 
sind die Sch.e (Cm^at) Insekten mit Fühl¬ 
hörnern, welche ein hartes Körnlein legen, 
aus dem ein Wurm (axwXr^) hervorgeht. 
Dieser wird zu einer Raupe (xajxinr]), die : 
besonders auf Kohlblättern lebt. Diese ; 
verwandelt sich in eine Puppe (^puaa'X- 
mc), die eine harte Hülle hat. Aus ihr ! 
wird der Sch. 93 ). Nach französischem 
Volksglauben ist er ein Geschöpf Gottes 94 ), 
nach rumänischem ist er aus den Tränen 
der h. Jungfrau entstanden. Ihr Herz 
vergiftet, wer Sch.e tötet 95 ). 

93 ) Keller Antike Tierwelt 2,436. 94 ) Rol¬ 
land Faune 3, 300. 95 ) Marian Insectele 292. 

3. Seelenepiphanie. Der Sch. scheint 
wie kein anderes Tier als Erscheinungs¬ 
form der Seele prädestiniert. Wie aus 
der Puppe der Sch., entwickelt sich gleich¬ 
sam die Seele aus dem Leichnam 96 ). 
Daher bei den Griechen Sch. = ^ü^t] 97 ). 
Als Seelentier ist der Sch. bei den Alten 
Symbol der Unsterblichkeit. Schwirrten 
doch zur Sommerszeit an den blumen¬ 
geschmückten Grabstätten unmittelbar 
vor den Toren der Städte Hunderte von 
Abend- und Nachtfaltern, darunter der 
schrill pfeifende Totenkopf 98 ). Die Seele 
erschien den Alten entweder direkt unter 
dem Bilde des Sch.s oder weiterhin unter 
dem eines mit Sch.sflügeln ausgestatteten 
Mädchens 99 ) (Märchen von Amor und 


Psyche!). Bereits auf etruskischen Skara- 
bäen des 5. Jh.s ist der Sch. das Bild 
der Seele 10 °). Auf Gemmen und Sarko¬ 
phagen, auch über einem Totenschädel, 
findet man ihn im Altertum allent¬ 
halben 101 ). Athene beseelt den Menschen 
des Prometheus, indem sie einen Sch. 
über seinen Kopf hält, und ebenfalls als 
Sch. schwebt die entfliehende Seele über 
dem auf dem Boden hingestreckten Leich¬ 
nam 102 ). Goethe hat die antike Auf¬ 
fassung vom Seelensch. im zweiten Teil 
des „Faust“ verwertet, wo Mephisto die 
Gestalt der Seele mit den Worten be¬ 
schreibt: Das ist das Seelchen, Psyche, 
mit den Flügeln, die rupft ihr aus, so ist's 
ein garst'ger Wurm 102 ). 

Die Vorstellung des Seelensch.s I03 ), 
die sich auch bei wilden Völkerschaften 
findet lü4 ), hat sich durch das Mittelalter 
bis in die neueste Zeit erhalten. Zuweilen 
nimmt diese Vorstellung eine christliche 
Färbung an. Die Entpuppung des Sch.s 
liefert einen guten Vergleich mit der Lehre 
von der Auferstehung; daher findet man 
Sch.e hin und wieder auf Grabmälern der 
Christen, doch dürfte dieser Brauch dem 
heidnischen Altertum entlehnt sein 105 ). 
Der weiße Sch. ist Sinnbild der Un¬ 
schuld lü6 ). In Irland hält man einen 
weißen Sch. für die Seele eines sünden¬ 
reinen oder begnadigten Toten, der sich 
auf dem Wege zum Paradies befindet: 
sind die Flügel eines Sch.s gefleckt, so 
ist die Seele zum Fegefeuer verurteilt, 
doch muß sie noch eine Zeitlang auf Erden 
zubringen 107 ). In der Haute-Bretagne 
fliegt ein grauer Sch. aus dem Munde 
eines Sterbenden, setzt sich ihm auf die 
Brust, später auf den Sarg. Schließlich 
fliegt er eine Zeitlang in der Umgebung 
des Toten umher, um seine Sünden zu 
büßen 108 ). Vgl. den sard. Namen (Säs- 
sari) puzzone-peccatu „Sündenvogel“ 109 ). 
Auch nach germanischem Glauben ver¬ 
läßt die Seele als Sch. den Schlafenden 110 ). 
— In Dinan (Normandie) hält man den 
Totenkopf für eine Seele aus dem Fege¬ 
feuer, deren Erlösung bevorsteht 111 ). 
Derselbe Glaube herrscht in den Abruzzen 
(Chieti), wo jeder weiße Nachtsch. „Seele 
aus dem Fegefeuer“ ( almadidi lu purga- 


1243 


Schmetterling 


1244 


im 


torie) U2 ) heißt. In Val d'Aosta und Deux- 
Sevres hält man die Nachtsch.e, die um 
die Lampe fliegen, für Seelen aus dem 
Fegefeuer, die ihre Verwandten und 
Freunde besuchen 113 ). In Rumänien 
heißt der Kohlweißling sufletnl mortilor 
,,Seele der Toten“, man darf ihn weder 
fangen noch töten m ). Auch in Yorkshire 
heißt ein Nachtsch. soul ,.Seele“, ebenso 
franz. äme 115 ). Hieher gehörig ferner: 
sard. (Sässari) spiritu „Geist“ 116 ), made- 
gassisch lolo id. 117 ), eskim. torngaviak 
(torngak) „böser Geist“ 118 ), engl, ghost- 
moth „Geistermotte“ 119 ), tirol. und steir. 
Schneider seele 120 ). 

Auch Reste von Totemismus — in 
Samoa verehrt man den Sch. als Gott m ) 
— finden sich in Sch.snamen. „Gro߬ 
mutter“ heißt der Sch. im Rätorom. 
(Engadin): mammadonna 122 ) und im 
Russischen: babocka (neben babuska) 123 ). 
Vgl. auch schwed. käring-själ „Alt¬ 
weiberseele“ 124 ). Im irischen Volks¬ 
glauben heißt es ausdrücklich, die Sch.e 
seien Ahnenseelen 125 ). Weiße Sch.e 
(s. auch oben) sind meist Kinderseelen, 
über dem von einer Hexe getöteten Kinde 
schwebt ein schneeweißer Sch. als Seele 
(Prozeß vom Jahre 1680) 126 ). In Ru¬ 
mänien verwandeln sich unschuldige Kin¬ 
der nach dem Tode in (weiße) Sch.e. Diese 
dürfen nicht getötet werden 127 ). Fliegt 
in Kalabrien ein Sch. um die Wiege eines 
schlafenden Kindes, so heißt es, es sei 
seine Seele 128 ). Es erscheinen aber nicht 
nur Seelen der Verstorbenen in Sch.s¬ 
gestalt, auch die Ungebornen nehmen 
eine solche an 129 ). So sagt man im Möll¬ 
tal in Kärnten: Damals bin ich noch den 
Pfeif altern, d. h. Sch.n nachgeflogen, d. h. 
ich war noch eine Seele, nicht auf der 
Welt 130 ) (vgl. auch unter „Mücke“). 
Der Seelensch. hat im himmlischen Elben¬ 
lande bei Holda und den Kinderseelen 
seinen Sitz 131 ). 

In diesem Zusammenhänge ist es be¬ 
greiflich, daß der Sch. bei wilden Völker¬ 
schaften auch als Mittel der Befruchtung 
erscheint 132 ). Als ein Überbleibsel des 
Glaubens der alten Iberer an die Seelen¬ 
wanderung faßt Edlinger 133 ) den merk¬ 


würdigen baskischen Sch.snamen astoaren 
arima „Seele des Esels“ auf. 

Die oben erwähnte Verchristlichung 
der Vorstellung vom Seelensch. führte 
schließlich zu der nahehegenden An¬ 
schauung von der Sch.sgestalt der Engel 
(Italien, Frankreich). Als einen solchen 
deutet man in Kalabrien einen Sch., der 
um die Wiege eines Kindes fliegt 134 ). 
Daher der ital.-dial. Name angaleddra 
„Engelchen“ (Lecce) 135 ), franz.-dial. ange 
(Norm.) 136 ), anjoulet (Landes) 136 ), bret. 
ealik „Engelchen“ 136 ). Auch Dante be¬ 
zeichnet im „Paradies“ die Seele als 
farfalla angelica. 

96 ) ARw. 16, 383. 97 ) Riegler Tier 246. 

98 ) Keller Antike Tierwelt 2, 437 f. 99 ) ARw. 
16, 382. 10 °) ARw. 16, 384. ebenda. 

102 ) ARw. 16. 385. 103) UrqU ell 4> l6o . Fra- 
zer Golden bough 6, 164; 8, 290. 291. 296. 
105 ) Knortz Insekten 137. 10 «) Sebillot Folk - 

Lore 3 . 332 . 107 ) Knortz a. a. O. l08 ) Sebillot 
a. a. O. 109 ) Garbini Antroponimie 468. 
u0 ) Grimm Mythologie 3, 247. «*) Sebillot 

op. cit. 3, 333. n 2 ) Garbini op. cit. 468; 

Rolland Faune 13, 188. u3 ) Sebillot op. cit. 
3 » 3 2 5 - 114 ) Marian Insectele 291; Hiecke 

Tiernamen 140. 115 ) Rolland Faune 3, 315; 

Riegler Tier 246. ne ) Garbini op. cit. 469. 

117 ) Bibi, dell' Arch. rom. Serie II, vol. 3. 101. 

118 ) Edlinger Tiernamen 96. 119 ) Rolland 

Faune 13, 189. 12 °) Unger u. Khull Steir. 

Wortsch. 551; Dalla Torre Tiernamen 136; 
Wein köpf Naturgeschichte 136. 121 ) Frazer 

Golden bough 8, 29, vgl. den irischen Sch.s¬ 
namen anaman-de „Gottesseele" (Grimm 
Mythologie 3, 201). 122 ) Garbini op. cit. 472f.; 
AnSpr. 149, 272. 123 ) a. a. O. 124 ) Grimm My¬ 
thologie 3, 201. 12 °) Bonnerjea Superstitions 50, 
l26 ) Müller Hexenglaube 58. l27 ) Marian 

Insectele 292. i 28 ) Knortz Insekten 137. 

i 29 ) ZfVk. 4> 132. i 30 ) j? Kranzmayer 

mündlich. Ähnlich ZfVk. 4, 132. 131 ) Mann¬ 

hardt Germ. Mythen 372. l32 ) ZfEthn. 41, 
667 f. 133 ) Tiernamen 96. 1 34 ) Knortz In¬ 
sekten 137. 135 ) Bertoni Ital. Dial 52. 1 36 ) Rol¬ 
land Faune 3, 375. 

4. Elbische Bedeutung. Eng mit 
der animistischen Rolle des Sch.s hängt 
seine elbische Bedeutung zusammen 137 ). 
Nach deutschem Volksglauben sind die 
Sch.e entweder gute Holden — sie ziehen 
Feen wägen 138 ) — oder böse Dinger 139 ). 
Letztere gehen aus der Vermischung der 
Hexen mit dem Teufel hervor 140 ). Auch 
kann nach Mannhardt 141 ) der Sch. 
Teufelsepiphanie sein. Schon die Römer 
nannten Abend- und Nachtfalter fauni , 


1245 


Schmetterling 


1246 


d. i. Walddämonen 142 ). Noch jetzt finden 
sich allenthalben Elbennamen zur Be¬ 
zeichnung von Sch.n, so Zünsler, Zie- 
bold 143 ), Schweiz, doggeli (toggeli), land¬ 
mess er 144 ), schrätteli 145 ), schrdtl, schrat - 
tele, schrettele 146 ), sarrätola (Noriglio) 147 ); 
Jolechetta (Aquila) 148 ), folietau, foul - 
Ictau 149 ) (Planches-les-Mines) zu lat. 
follis 150 ). Noch im 17. Jh. hielt man den 
rötlichen Saft, den die Sch.e in den 
Bäumen ansetzten, für das Blut der vom 
Teufel verfolgten Schretlein 151 ). Auch 
die Koboldnamen ital. farfarello, franz. 
farfardet 152 ) hängen mit farfalla „Sch.“ 
(siehe oben) eng zusammen. Hieher ferner 
Donnerkeil 153 ) als Bezeichnung eines 
Elbengeschosses. Auch bei den Wenden 
ist der Sch. Erscheinungsform des Ko¬ 
bolds 154 ). Zwerge verwandeln sich eben¬ 
falls gerne in Sch.e 155 ), ebenso Hexen 
oder genauer ihre Seelen. 156 ). So heißt 
der Zitronenfalter Hex in Münster 157 ). 
Der Totenkopf in Rumänien strigä nopfii 
„Nachthexe“ oder sufletul de strigoiü, 
„Zaubererseele“ 158 ); im Schottischen ist 
witch „Hexe“ Bezeichnung eines Nacht- 
sch.s 159 ), im mod.-provenz. heißt der 
Totenkopf masca 16 °), d. i. Zauberin. Im 
Mecklenb. sind unter anderen Namen 
Kätelflicker, Kätelböter 161 ) für den Sch. 
üblich. Diese Wörter bedeuten eigent¬ 
lich „Hexenmeister“, wobei darauf hin¬ 
gewiesen sei, daß der Kessel Attribut der 
Hexe ist. Im Rumänischen heißt der 
Rübensaatpfeifer (butys margaritalis) stri- 
goie? {strigoiü = Hexenmeister“,,), er ent¬ 
steht aus Leuten, die als strigoi gestorben 
sind 162 ). Bei den Südslawen glaubt man, 
in jeder Hexe hause ein höllischer Geist, 
der sie zur Nachtzeit als Sch. verlasse. 
Sieht man nachts einen Sch. ums Licht 
schwirren, hält man ihn für eine Hexe, 
fängt ihn, brennt ihm die Flügel am Licht 
ab und beschwört ihn: Gevatterin, komme 
morgen wieder, ich werde dir Salz ge¬ 
ben 163 ). Bei den Wenden des Spree¬ 
waldes gilt ein Nachtfalter, der sich zu¬ 
fällig ins Zimmer verirrt, als Hexe und 
wird getötet 164 ). Nach Grimm 165 ) fährt 
aus einer schlafenden Zauberin der Geist 
in Gestalt eines Sch.s. Dasselbe berichtet 
Sebillot 166 ) aus der Gegend von Menton 


mit dem Zusatz, der Sch. sei schwarz und 
fliege aus, um bösen Zauber [maleflces) 
zu vollführen. Auf germanischem, ins¬ 
besondere auf niederdeutschem Gebiet 
ist der Glaube sehr verbreitet, daß Hexen 
in Sch.sgestalt Milch, Rahm, Butter 
stehlen 167 ). Daher heißt der Sch. Milch¬ 
dieb 168 ), Milchstehler, Milchtrud, Milch¬ 
zauberin, Milchmahler, Molkendieb , Mol¬ 
kenteller, Molkenstehler, Molkentöfer 
{töfer = Zauberer), molketewer 169 ), 
Schmantlecker ( Schmant ~ Rahm) 17 °), 
Schmetterling {Schmetten = Rahm), in 
Oberfranken Schmeckerling 171 ). Auch 
die Namen Schlinderling (Oberfranken), 
Schmuckenstehler , Schweif alter lein (Ober¬ 
bayern) 172 ) scheinen ihren Anlaut von 
Schmetterling bezogen zu haben. Am 
häufigsten sind Zusammensetzungen mit 
„Butter“. Schon altengl. ist der Name 
des Nachtfalters nihtbuttorfleoge 173 ) 
„Nachtbutterfliege“, neuengl. butterfly. 
Mecklenburg bietet bodderlicker, bodder- 
flicker, boddervagel 174 ), aus den Nieder¬ 
landen 176 ) liegen vor botervlieg 175 ), boter- 
vogel, botersnep, botervijver, boterkapel. 
Deutlich bekunden den Hexenglauben 
boterhex und boterwijf 177 ). 

Eine rationelle Deutung der mit 
„Butter“ zusammengesetzten Sch.snamen 

gibt Öhl 178 ). 

137 ) Grimm Mythologie 2, 834; Meyer Germ. 
Myth. 120. l38 ) Sebillot Folk-Lore 2, 27. 

l39 ) Schräder Reallex. 1024. l4 °) Hüser Bei¬ 
träge 2, 33. 141 ) Mannhardt Germ. Mythen 

372. l42 ) Keller Antike Tierwelt 2, 439 - 

143 ) Mannhardt op. cit. 372 f. l44 ) Laistner 
Nebelsagen 341. 145 ) Rochholz 1, 347. l46 ) Gar¬ 
bini Antroponimie 471. 147 ) ebenda. 148 ) op. 

cit. 468. 149 ) Rolland Faune 3, 3 * 4 - l50 )Meyer- 
Lübke REWb. Nr. 3422. l51 ) Knortz In¬ 

sekten 136 f. 152 ) Sainean in ZfrPh. 31, 273; 
Spitzer in AnSpr. Bd. 141, S. 148. 153 } Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 715. l54 ) Veckenstedt 

Sagen 413. l55 ) Meyer Germ. Myth. 127. 

156 ) Grimm Mythologie 2, 905; Meyer Germ. 
Myth. 113; ZfVk. 2, 179; ATradpop. 3, 320; 
Schwebel Tod 125. 157 ) Leithaeuser Volks¬ 
tümliches 1/2, 31. l58 ) Marian Insectele 268; 

WS. 7, 142. 159 ) Rolland Faune 3, 3 I 5 * 

16 °) op. cit. 3, 230, 332. l61 ) Wossidlo Mecklen¬ 
burg 2, 463. 182 ) Hiecke Tiernamen 241. 

163 ) Krauß Relig. Brauch 112. 164 ) Schulen¬ 

burg IVend. Volkstum 76, 161; Knortz In¬ 
sekten 137. 165 ) Grimm Mythologie 2, 905. 

166 ) Sebillot Folk-Lore 3, 332. l67 ) WS. 7, 

141; Mannhardt Germ. Mythen 54; Riegler 


12 47 


Schmetterling 


1248 


Tier 245; Edlinger Tiernamen 96; Leit- 
haeuser Volkstümliches 1/2 131; Hüser Bei¬ 
träge 2, 33; Jahn Opfer gebrauche 348; From* 
mann Mundarten 6, 77; Heinzerling Wirbel¬ 
lose Tiere n; Tobler Epiphanie 37; Wirth 
Beiträge 4/5, 95; de Cock Volksgeloof 146; 
Wossidlo Mecklenburg 2, 463; Güntert 

Kalypso 224; Günther Rotwelsch 70; Kuhn 
Westfalen 70. 168 ) Hess. Lippendaif — Ziegen- 

(milch)dieb (Woeste Wb. 329). 169 ) DWb. 9, 
1047. 17 °) Kluge Et.Wb. 104; Weigand- 

Hirt 2, 749. l7i ) Kranzmayer WbK. 

172 ) ders. 173 ) Zandt-Cortelyou Insekten 57. 
I74 ) Wossidlo op. cit. 2, 424. l7S ) Vgl. anhalt. 
butterfliee für den Kohlweißling (Wirth 
Beiträge 4/5, 35). 176 ) de Cock op. cit. 145 f. 

177 ) op. cit. 146. 178 ) MeyerGm?z. Myth. 133 f.; 
Wuttke S. 273 § 402. 

5. Krankheitsdämon, a) Alp. Der 
Sch. hat als Krankheitsdämon hervor¬ 
ragende Bedeutung. Es ist naheliegend, 
daß er als Alp erscheint, da einerseits 
Hexen gern Sch.sgestalt annehmen (s. 
oben), andererseits häufig die Schlafenden 
„drücken", d. h. als Alp fungieren. Der 
Glaube an den Alpsch. findet sich bei den 
Deutschen, insbesondere in Tirol 179 ), im 
Egerland 180 ), in der Schweiz 181 ). In ober- j 
deutscher Mundart werden für „Alp¬ 
druck" und „Sch." dieselben Ausdrücke 
gebraucht: Schrättcli , Toggeli 182 ). Ge¬ 
meingermanisch scheint der Glaube zu 
sein, man könne den Alp mit bloßen 
Gedanken aus Zorn oder Haß anderen 
zuschicken; dann kriecht er als ein 
kleiner weißer Sch. aus den zusammen¬ 
gewachsenen Augenbrauen der Menschen 
hervor, fliegt und setzt sich auf die 
Brust des Schlafenden 183 ). Auch 
slawischen Stämmen ist der Alpsch. nicht 
fremd. So erscheint in der Lausitz die 
Murawa, ein weiblicher Alpdämon, bei 
Tage, wenn es während des Sonnenscheines 
regnet, als Sch. von aschgrauer Farbe 184 ). 
Auch bezeichnet nach Liebrecht 185 ) 
mura den Alp und den Abendsch. Analog 
bedeutet slow, veia „Sch.", „Hexe" und 
„Alp" 186 ). Bei den Romanen (Italien, 
Rumänien) finden sich auch Spuren des 
Alpsch.s. In Pola und Dignano 187 ) be¬ 
zeichnet massarol (zu lat. mattea 
„Keule") 188 ) den Sch. und zugleich 
einen alperzeugenden Kobold. Bei den 
Rumänen 189 ) erfährt das Alpmotiv eine 
balkanmäßige Umbiegung in den Vam¬ 


pirismus. Hexe oder Hexenmeister 
(sufletid de strigolü — Zauberseele; vgL 
weiter oben) schleichen sich in das Herz 
der Menschen und besonders der Kinder, 
um ihr Blut zu saugen, bis sie sterben. 
Ähnliches bei den Südslawen 19 °). Im 
Baskischen bedeutet ingume sowohl „Sch." 
wie auch „Alpdruck" 191 ). 

b) Pest. Der Sch. gilt ferner als Ver¬ 
breiter der Pest. In Westfalen fliegt der 
Pestsch. den Leuten an den Hals 192 ). 
Nach Landtman 193 ) findet sich der 
Glaube an den Pestsch. auch bei den 
Schweden Finnlands. Bei den Rumänen 
hat der Totenkopf den Namen baba 
ciumei „Pestuhu" 194 ). 

c) Fieber. Bei den alten Griechen galt 
die Lichtmotte als Fieberbringer (wohl 
deswegen, weil dieser Sch. zu einer Zeit 
erscheint, da sich das Fieber besonders 
bemerkbar macht). So heißt griech. 
r^TrtaXoc „Fieber" und „Lichtmotte" 195 ). 
Auch in Albanien 196 ), Rumänien und Li¬ 
tauen glaubt man an den Fiebersch.: ru- 
män. friguri < lat. frigora 197 ), mazed. 
hiavrä < lat. febris 198 ) „Fieber" und 
„Sch/ 4 (Totenkopf) 199 ), ebenso vereint 
lit. drugys beide Bedeutungen 200 ). 

d) Hirntierchen. Der Sch. gehört 
zu jenen „Hirntierchen", deren imagi¬ 
näres Vorhandensein im menschlichen 
Gehirn Geistesstörungen hervorruft 201 ). 
Im deutschen Aberglauben übernimmt 
allerdings der Sch. diese Rolle nicht, 
umso häufiger bei den Romanen. Die 
franz. Redensart etre atteint de \a papillonne 
läßt eine Sch.skrankheit vermuten, be¬ 
zeichnet aber nur „das Gefallen an der 
Veränderung" (goüt du changement). Dü¬ 
stere Gedanken werden als papülons 
noirs bezeichnet 802 ). Von borboleta „Sch." 
bildet der Portugiese das Zeitwort borbo- 
letear „phantasieren" 203 ), ähnlich heißt 
rum. a se fluturd (von fiüture „Sch.") 
„wahnsinnig werden" (fluturatic = wahn¬ 
sinnig"). Der Italiener sieht Sch.e umher¬ 
fliegen, wenn er von Schwindelerschei¬ 
nungen ergriffen wird 204 ). Auf derselben 
Vorstellungsbasis beruht der Glaube der 
Zigeuner, daß, wer zu Ostern einen Sch. 
fliegen sieht, den ganzen Sommer hin¬ 
durch Tag für Tag einen Rausch haben 


1249 


Schmetterling 


I2SO 


wird 205 ). Hierbei sei an eine römische 
Grabschrift der Kaiserzeit aus Anda¬ 
lusien (anth. epigr. 185) erinnert, die den 
Erben den Auftrag gibt, ungemischten 
Wein auf die Asche zu gießen, damit des 
Verstorbenen Seele als trunkener Sch. 
herumfliege: volitet mens ebrius papi- 
lio 206 ). 

e) Hautkrankheiten. Ein spezifisch 
rumänischer Glaube ist es, der Staub ge¬ 
wisser Nachtsch.e erzeuge bei Berührung 
mit der menschlichen Haut eine Art 
Nesselausschlag, rote Flecke, die streiten 
heißen, wie die Sch.e, die sie hervor- 
rufen 207 ) (Vgl. spätgriech. ^a>pa „Krätze" 
und „Nachtsch." 208 )). Die blauen Flecke 
auf den Händen der Sterbenden heißen 
im Rum. strelicii de moarte 2Ü9 ). 

f) Verschiedenes. Gleichfalls rumän. 
ist der Glaube, der Nachtfalter fliege den 
Menschen in die Augen, um sie zu blen¬ 
den 210 ). Nach böhmischem Aberglauben 
wird Augenschmerzen haben, wer im 
Frühling zuerst einen roten Sch. sieht 211 ). 
Leibschmerzen werden nach indianischem 
Aberglauben durch einen gestreiften Sch. 
verursacht. Der Patient wird homöo¬ 
pathisch geheilt, indem sein Körper mit 
vier bis fünf aus Rehhaut geschnittenen 
Nachbildungen des genannten Insekts 
unter Absingung eines Sch.slieds massiert 
wird 212 ). 

179 ) Meyer Germ. Myth. 133 f.; Wuttke 
S. 273 § 402. l8 °) Grüner Egerland No. 84; 

Ranke Sagen 270. l81 ) Mannhardt Germ. 

Mythen 372. 182 ) ebenda. l83 ) Grimm Kl. 

Sehr, i, 477; Schräder Reallex. 1024; Gün¬ 
tert Kalypso 226. 184 ) Meiche Sagen 286; 

Laistner Nebelsagen 336; Kühnau Sagen 3, 
106. 185 ) Gervasius 76. l8e ) Grimm Mytho¬ 
logie 2, 905. l87 ) Garbini Antroponimie 468. 

l88 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 5425. l89 ) Ma 
rian Insectele 271. 19 °) Krauß Slav. Volk¬ 

forschung 424. m ) Rolland Faune 13, 200. 
192 ) ZfdMda. 3, 348; ZfdMyth. 2, 83; Grimm 
Mythologie 3, 348; Mannhardt Germ. Mythen 
372; Kuhn Westfalen 1, 141 Nr. 148 c. 193 ) Folk- 
diktning 7, 735. l94 ) Marian Insectele 263. 

195 ) Güntert Kalypso 226 f. 196 ) op. cit. 227. 
197 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 3515. l97 ) op. 

cit. Nr. 3230. 199 ) Hiecke Tiernamen 184. 

20 °) Edlinger Tiernamen 141. 201 ) Riegler 

Tier 248. 202 ) Brissaud Express, popul. 266; 

WS. 7, 133. 203 ) Riegler Tier 248. 204 ) Spitzer 
Hunger 186. 205 ) SAfVk. 14, 270. 206 ) Keller 

Antike Tierwelt 2, 490. 207 ) Marian Insectele 

305; Hiecke 127. 208 ) Güntert Kalypso 227. 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII. 


209 ) Marian a. a. O. 2l °) Marian Insectele 
293 f. 2U ) Grohmann Aberglaube 85; Wuttke 
S. 205 § 262; Knortz Insekten 137. 212 ) op. 

cit. 141. 

6. Orakeltier. Als Orakel spielt der 
Sch. eine hervorragende Rolle. Deutlich 
zeigt sich ein Dualismus in der Auf¬ 
fassung seines Angangs. Die Fälle von 
guter und schlechter Bedeutung dürften 
sich ungefähr die Waage halten. 

a) Gutes Omen. Das gute auspicium 
bezieht sich in der Regel auf Liebe oder 
Geld. Der Anblick des ersten meist durch 
seine Färbung spezifizierten Frühlings- 
sch.s bedeutet Hochzeit 213 ) oder Ge¬ 
vatterschaft 214 ). Wenn in der Gegend 
von Deslawen bei Jechnitz (Westböhmen) 
der Jüngling den ersten Frühlingssch. 
fängt, laufen ihm alle Mädchen nach 215 ). 
Ähnliches wird aus Ungarn berichtet 216 ). 
Die siidslavische Braut trägt in gewissen 
Gegenden einen Sch. über der Stirne 217 ) 
(Vgl. weiter oben die erotische Bedeu¬ 
tung des Sch.s bei den Alten und einigen 
wilden Völkern). —- Der erste weiße 
Frühlingssch. bedeutet Glück in Geld¬ 
sachen 218 ). Vgl. florent. fortuna als 
Bezeichnung eines kleinen weißen 
Sch.s 319 ); ist er gelb, deutet er auf Gold, 
wenn weiß, auf Silber (Vogesen) 220 ). 
Will man immer Geld haben, schüttelt 
man im Frühjahr beim Anblick des ersten 
Sch.s die Geldtasche (Gegend von 
Owinsk, Posen) 221 ). Wer in Böhmen Er¬ 
folg im Lottospiel haben will, fängt vor 
Georgi einen weißen Sch. mit der Hand, 
addiert zum Datum die Zahl der Flecken 
und hat die ersehnte Glücksnummer 222 ). 
Ein roter Sch. deutet auf eine hoffnungs- 
frohe Zukunft (Sachsen) 223 ) oder auf ein 
gutes Jahr (Anhalt) 224 ), so auch ein 
gelber 225 ), während ein brauner auf eine 
längere Lebensdauer hoffen läßt (Ober¬ 
öst.) 225 ). In Irland bringt ein Sch., 
der sich einem auf den Rock setzt, Se¬ 
gen 226 ). 

Vielfach deutet der Sch. auf Neuig¬ 
keiten (Brief, Besuch) 227 ). Vgl. die 
Namen franz. porte-nouvelle 228 ), nou - 
veile, bonne nouvelle, port. boa nova, 
prov. visito 229 ). — Die Färbung des 

ersten Frühlingssch.s gibt den Mädchen 

40 



1251 


Schmetterling 


1252 


einen Fingerzeig, in welche Farbe sie 
sich während des ganzen Jahres kleiden 
sollen (Neuengland) 230 ). 

b) Böses Omen. Während im all¬ 
gemeinen hellgefärbte Sch.e Glück be¬ 
deuten, verkünden dunkel (grau, braun, 
schwarz) gefärbte Unglück (Krankheit, 
Seuche, Teuerung, Geldverlust ) 231 ). Aber 
auch weiße und gelbe Sch.e können ein 
böses Omen sein 232 ). Viele weiße Sch.e 
auf einmal bedeuten Krieg 233 ), Teuerung, 
Seuche 234 ). Im Kriegs- und Elendsjahr 
1573 sollen sich in Belgien ungeheure 
Massen von Sch.n gezeigt haben 235 ). 
Vereinzelt steht der Glaube, daß, wer den 
ersten Frühlingssch., den er erblickt, 
erfaßt, im Laufe des Jahres Messer 
finden werde 236 ). Mit diesem Aber¬ 
glauben hängt wohl die engl.-dial. Be¬ 
zeichnung cnt-throat ,, Kehlabschneider'* 
für den Sch. zusammen 237 ). 

Schon auf Gemmen des fünften vor¬ 
christlichen Jahrhunderts ist der Sch. 
als Begleiter des Totenführers Hermes 
dargestellt 238 ). Es ist begreiflich, daß die 
Nachtfalter, namentlich der Totenkopf 
(Acherontia atropos) im abergläubischen 
Menschen die Vorstellung des Todes 
erwecken. So heißt dieser Sch. bezeich¬ 
nenderweise auch Leichenvogel , Toten¬ 
vogel 239 ), Toteneulerl 239 ), Sterbevogel 239 ) 
(wegen der an einen Totenkopf erinnern¬ 
den Flecken am Halsschild). Vgl. auch 
egerl. Tud (Tod) m ), ital.-dial. morte 
(Reggio in Cal.) 241 ). Er setzt sich ans 
Fenster und fliegt gern in die Kranken¬ 
zimmer. Pfeift oder stürzt er sich in ein 
offenes Licht, bedeutet es Tod 242 ). Nicht 
nur im schwarzen Sch. 243 ) erblickt man 
einen Todesboten, sondern ebenso häufig 
im weißen 244 ) oder (sehr selten) im 
gelben 245 ). In England gelten drei zu¬ 
sammen fliegende Sch.e als Vorboten des 
Todes 246 ). Im Westen von England muß 
man den ersten Sch. des Jahres töten, 
sonst hat man Unglück 247 ). Unter den 
Tagfaltern gilt der Trauermantel als 
Todesomen 248 ). 

c) Wettervorhersage. Nach Plinius 
kündigt das frühzeitige Erscheinen von 
Zitronenfaltern ein baldiges Frühjahr 
an 249 ). Ungeheure Massen von Sch.n 


deuteten nach belgischem Aberglauben 
auf Sturm (1562) 25 °). Ein gelber Sch. 
bringt kaltes, ein weißer mildes Wetter 
(Basse-Normandie, Haute-Bretagne) 251 ). 
Nach Anhalter Aberglauben bedeutet 
ein Sch. in der Stube schönes Wetter 252 ). 

2l3 ) Andree Braunschweig 401; Wirth Bei¬ 
träge 4/5, 34; John Erzgebirge 240; Sebillot 
Folk-Lore 3, 308. 2U ) Wuttke S. 205 § 282; 

John a. a. O. 215 ) John Westböhmen 294. 
2l6 ) ZfVk. 4, 400. 2l7 ) Krauß Sitte u. Brauch 

444. 2l8 ) Wuttke S. 205 § 282 ; ZfdMyth. 3, 175 ; 
Hopf Tierorakel 202; Knortz Insekten 137. 
2l9 ) Garbini Antroponimie 468. 22 °) Sebillot 
op. cit. 3, 324. 221 ) Knoop Tierwelt 45. 

222 ) Knortz op. cit. 137. 223 ) ZfVk. 23, 260. 

224 ) Wirth Beiträge 4/5, 34. 225 ) Baum¬ 
garten Heimat 1, 121. 220 ) Knortz op. cit. 

140. 227 ) ZfVk. 11, 448; Sebillot op. cit. 

3, 325 (Haute-Bretagne); Knortz op. cit. 140 
(Neuengland). 228 ) Sebillot op. cit. 3, 325. 
229 ) Rolland Faune 13, 207. 230 ) Knortz op. 

cit. 140. 231 ) Sebillot Folk-Lore 3, 324 (Vallee 
d’Aoste); John Erzgebirge 240; Wuttke 
S. 205 § 282; ZfdMyth. 3, 175. 232 ) Wuttke 

a. a. O.; SAfVk. 24, 64. 233 ) Wuttke a. a. O.; 
Grohmann Aberglaube 85. 234 ) Köhler Voigt¬ 
land 390. Ähnliches in der Lausitz (Knortz 
Insekten 137). 235 ) Hopf Tier orakel 202. 
236 ) Rolland Faune 3, 316. 237 ) op. cit. 13, 188. 
238 ) Höfler Organotherapie 112. 239 ) Schön¬ 

werth Oberpfalz I, 170 f. 240 ) ZföVk. 2, 329. 
241 ) Garbini Antroponimie 470. 242 ) Schön¬ 

werth a. a. O.; Schwebel Tod 125; Hopf 
a. a. O.; John Erzgebirge 113; Höhn Tod 
Nr. 7, S. 308. 243 ) ZfVk. 2, 779; 23, 149; John 
op. cit. 114, 240. 244 ) Haupt Lausitz 1, 194 

Nr. 226; John op. cit. 114; Andree Braun¬ 
schweig 401; ZfVk. 23, 138; Wirth Beiträge 
4 / 5 * 34 - 24S ) Baumgarten Heimat i r 121; 

Gaßner Mettersdorf 80. 246 ) Henderson 
Folk-Lore 48. 247 ) Wirth op. cit. 4/5, 34. 

248 ) Bonnerjea Superstitions 50. 249 ) Hopf 

Tierorakel 202. 25 °) ebenda. 251 ) Sebillot 

Folk-Lore 3, 320. 252 ) Wirth Beiträge 4/5, 34. 

7. Volksmedizin. In der Volks¬ 
medizin ist der Sch. ohne jegliche Be¬ 
deutung. Zerquetschte Sch.e gelten als 
auf lösend 253 ). In Rumänien trinken die 
Mädchen Sch.sschuppen, allerdings nicht 
gegen eine Krankheit, sondern gegen das 
Sitzenbleiben auf Tanzunterhaltungen 254 ). 

2j3 ) Jühling Tiere 99. 254 ) Marian Insectele 
294. 

8. Sch. in Kinderreimen. Der Sch. 
wird in vielen Kinderliedern angesungen, 
die meist ein hohes Alter haben. Aus dem 
14. Jahrhundert ist in einem englischen 
Manuskript ein Bild erhalten, das einen 
Knaben darstellt, der einen Sch. an 


1253 


Schmetterling 


1254 


einem Faden gefangen hält und auf¬ 
fliegen macht 255 ). Die alt mythische Be¬ 
deutung einiger dieser Kinderlieder ist 
unverkennbar. Klar zutage liegt eine 
animistische Auffassung in der Aufforde¬ 
rung an den Sch., Kinderseelen für die 
gebärende Mutter zu kaufen: wanner 
köpen wy en Kindje ? 256 ) (Vgl. weiter 
oben Sch. als Vermittler der Empfängnis). 
So erscheint der Sch. als Kinderbringer 
in folgendem Reim: 

Müller, Müller, Mahler, 

die Jungens kosten ’n Taler, 

die Mädchen kosten ’n Taubendreck, 

die wirft man irit der Schaufel weg 257 ). 

Auf den Sch. als Kinderbringer deutet 
entfernt auch folgender in der Languedoc 
übliche Reim 258 ): 

Parpalhon, moun bon ami, 
Parpalhon, marida-te. 

Ounte te maridarai, 

Aici ou alai ? 

Vgl. den Sch. als Liebesorakel (6 a); 
schon in spätgriechischer Zeit trat der 
Sch. in Bezug zu Aphrodite, Eros und 
selbst Priapus 259 ). In einem nieder¬ 
deutschen Reim verspricht das Kind dem 
Sch., mit ihm nach Engclland zu fahren, 
womit das Land der Engel, also das Jen¬ 
seits gemeint ist 26 °). 

Diese Kinderreime haben auch eine 
onomasiologische Bedeutung, denn bei 
einigen Sch.snamen ist die Herkunft 
aus Kinderreimen ohne weiteres ersicht¬ 
lich. So findet sard. faghe farina „mach" 
Mehl“ (vgl. weiter oben) seine Erklärung 
in dem Zusatz: si no ti occo ,,sonst bringe 
ich dich um“ 261 ). Folgende dial. Namen 
sind entstanden aus der Aufforderung 
der Kinder an den Sch. zu fliegen: 
sard. bola-bola (Sässari) 262 ), franz. vore- 
bebe, vore-bebe, vou-bebe (Lure) 263 ) —• sich 
auf die Erde herabzulassen: ital. bassa - 
terra (Trentino) 264 ), ca-calore, cala-cala 
(Capo Corso) 265 ), sard. cala-calögga (Cä- 
gliari) 266 )) — sich zu setzen: span. (u. 
sard.) mariposa ,,Maria, setze dich!“ 267 ). 
Auch ndd. Sch.sreime beginnen mit der 
Aufforderung: bottervagel, sätt dek 2es ). 

Kätelböter (sommervogel), seit dy 289 ). 

255 ) Mannhardt Germ. Mythen 369. 2o6 ) op. 
cit. 373. 257 ) op. cit. 373f- 258 ) Sebillot Folk- 
Lore 3, 329. 259 ) Keller Antike Tierwelt 2, 

439 f 26O) Mannhardt op. cit. 373. 261 ) Gar¬ 


bini Zoologia popolare 74. 262 ) ders. Antro¬ 
ponimie 470. 263 ) Rolland Faune 3, 314. 

264 ) Garbini op. cit. 470. 26ä ) ebenda. 266 ) eben¬ 
da. 267 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 6308; 
Riegler Tier 246; AnSpr. 149 S. 77h 268 ) Kuhn 
u. Schwartz 453 Nr. 396. 269 ) Müllenhoff 

Sagen 509 Nr. 2; Kuhn Westfalen 2, 77 Nr. 235. 

9. Vegetationsdämon. In West¬ 
falen und der Mark ist am Tage Petri 
Stuhlfeier das Süntevugeljagen üblich. 
Hierbei rufen die Kinder: 

Riut, riut, Summervugel, 

Sünte Peiter isse kummen, 

Sünte Tippes (Matthias) will kummen. 

Der Sommer- oder Sonnenvogel ist der 
Kohlweißling 27 °). Nach Mannhardt 271 ) 
klopfen am Peterstag Schweinehirten 
und Knaben an alle Türpfosten mit 
Hämmern und sagen eine Beschwörungs¬ 
formel auf, die mit den Worten beginnt: 
„Heraus, heraus, Sommervogel!“ und 
den Zweck hat, den Winter zum Weichen 
zu bringen und Ungeziefer zu vertreiben. 
In dem in Hohenzollern-Hechingen nach 
Verlauf einer Pestepidemie eingeführten 
Brauch ist jedoch der Sommer vogel 
kein Sch., sondern eine Taube 272 ). 

27 °) Bronner Sitt* u. Art 114; Woeste 
Mark 24. 271 ) Forschungen 133 f. 272 ) ebenda; 
Sepp Religion 61. 

Zusammenfassung. Die meisten 
Sch.snamen, deren Zahl Legion ist, ent¬ 
stammen der Kindersprache und sind soge¬ 
nannte Bildwörter, d. h. das Kind ahmt 
den optischen Eindruck des rhythmischen 
P'lügelschlags durch Silbenreduplikation 
nach (vgl. lat. papilio , wiener, päpler ), 
Zahlreich sind die kindlichen Anreden 
an den Sch., die dann häufig als Namen 
geblieben sind, z. B. span, mariposa . Zu 
allen Zeiten und bei allen Völkern ist der 
Sch. Seelenepiphanie. Er verkörpert 
tote Ahnen, Kinderseelen, Elben und 
Hexen. Als Hexe stiehlt er Milch, Rahm, 
Butter, was in vielen mundartl. Namen 
zum Ausdruck kommt. Mit seiner 
animistischen Bedeutung hängt seine 
Rolle als Krankheitsdämon eng zu¬ 
sammen. Er erzeugt Alpdruck, sendet 
Pest und Fieber und verwirrt die Ge¬ 
danken. Als Orakeltier kündet er bald 
Gutes, bald Böses, je nach seiner Fär¬ 
bung und der Zeit seines Erscheinens 
(Tag- und Nachtfalter). Riegler. 

40 * 


seiner 

seine 


zu¬ 


sammen. 



1255 


Schmied—Schmu ck 


1256 


Schmied s. Nachtrag. 

Schmiele s. Gräser. 

Schmuck. 

1. Allgemeines. Erklärung. 2. Art und Ver¬ 
wendung. 3. Kopfschmuck u. a. 4. Hausschmuck. 

1. Beim Sch. 1 ) hat man den eigent¬ 
lichen Sch., entstanden aus dem uralten 
Trieb und Bedürfnis, sich zu schmücken, 
von jenem zu unterscheiden, der erst im 
Laufe der Kulturentwicklung aus einem 
ursprünglichen Zaubermittel dazu ge¬ 
worden ist 2 ) oder noch heute in aber¬ 
gläubischem Sinne verwendet wird. Schon 
früh ist eine Vermischung der Begriffe 
Sch. und Zauberding eingetreten. Dies 
beweist der Umstand, daß im Indischen 
die Amulette mit demselben Wort wie 
der Halssch. benannt werden und ähn¬ 
liche sprachliche Erscheinungen auch im 
Griechischen zu treffen sind 3 ). 

Durch das Tragen bestimmter, erst 
später zu Schwachen gewordener Gegen¬ 
stände glaubte der einfache Mensch ent¬ 
weder seine eigene Kraft oder besondere 
Eigenschaften zu erhöhen, z. B. die Stärke 
des Bären oder die Schnelligkeit des Hir¬ 
sches zu erlangen, wenn er deren Zähne 
trug 4 ). Meist aber handelt es sich beim 
Sch. um einen Abwehrzauber. Neben 
den abschreckenden Dingen, z. B. Krallen, 
Hörnern u. a. sind besonders die an¬ 
lockenden, glänzenden Gegenstände, also 
der eigentliche Sch., wichtig. Sie sollen 
den Blick des feindlichen Wesens oder 
Menschen auf sich ziehen und so vom 
Träger selbst ablenken 5 ). Deshalb sind 
bei manchen Völkern des Orients nament¬ 
lich die Frauen und Kinder mit Sch. 
geradezu überladen 6 ), wobei allerdings 
nicht übersehen werden darf, daß gerade 
im Orient von Natur aus eine große Far¬ 
ben- und Sch.freude herrscht. Bei den 
pennsylvanischen Deutschen begründet 
man die Sitte, Kinder möglichst mit Sch. 
zu behängen, damit, daß sie dadurch hoch¬ 
sinnig und reich werden sollen 7 ). 

Andrerseits besteht der Glaube, daß 
man sich gerade durch Sch.losigkeit 
am besten vor Neid und Unheil schützt 
(s. Kleid), wie dies auch an den schmuck¬ 
losen, äußeren Fassaden orientalischer 
Häuser (s. u.) zum Ausdruck kommt 8 ). 


Doch kommen hier auch sittliche und 
religiöse Momente in Betracht, wenn etwa 
bei den Israeliten jeder Sch. für die Ver¬ 
storbenen streng verpönt ist 9 ) oder wenn 
bei den Mysterien zu Adania, bei den 
arkadischen Mysterien und bei den Ka- 
lathosprozessionen in Alexandria Sch. 
verboten war 10 ), oder wenn nach christ¬ 
licher Auffassung der Teufel es ist, der 
durch Sch. und Geschmeide die Menschen 
und besonders die Weiber zu verlocken 
sucht 11 ). Daß der Sch. etwas Gefähr¬ 
liches und Teuflisches sein kann, ist wohl 
begründet, da die Vorliebe für Sch. und 
Reichtum und der Besitz kostbarer Sch.- 
sachen leicht Anlaß zu Verbrechen gibt. 
Kriminal- und Detektivromane verwerten 
gern das Motiv des fluchbeladenen Sch.s 
(etwa Rubine, des „Teufels Tränen"), 
der jedem Träger einen jähen, gewalt¬ 
samen Tod bringt 12 ). 

Der Teufel als Schatzhüter hat seine 
Vorläufer in den antiken Berg- und 
Götterschmieden, z. B. dem eben¬ 
falls krummen Hephaistos, und den 
Zwergen der deutschen Sage, welche 
die kunstfertigen Hersteller von allerlei 
Geschmeide sind 13 ) und von denen auch 
meist der Sch. der Götter stammt. Wie 
Athene die Aegis, so besitzt Freya (s. d.) 
einen kostbaren Brustsch., welcher zer¬ 
springt, als sie vor Zorn schnaubt 14 ). 

Im Aberglauben kommt es beim 
Sch., wie beim Kleid (s. d.), auf den Stoff, 
die Form, Farbe, Art und Herkunft, 
sowie auch auf die Umstände der Ver¬ 
wendung an. Zuweilen spielt auch der 
Zahlenglaube herein, so z. B. die Fünfzahl 
bei einem um den Hals getragenen mau¬ 
rischen Frauensch., auf welchem eine 
Silberplatte fünf buckelartige Erhöhungen 
hat 15 ). Der Sch. wirkt aber nicht allein 
passiv, sondern wird auch aktiv zu aber¬ 
gläubischen Handlungen gebraucht, so 
besonders der Ring (s. d.), wenn man etwa 
in Schottland, um die Milch zu schützen, 
die Kuh durch den Trauring melkt 16 ) 
oder gegen Impotenz einen bestimmten 
Wein zuerst durch den Ring laufen läßt, 
dem man der Gattin am Hochzeitstage 
gegeben hat 17 ). Allerdings ist hier bloß 
die Gestalt und Herkunft des Sch.st ückes 


1257 


Schmuck 


1258 


maßgebend, nicht der Sch. als solcher. 
Zuweilen werden Sch.Sachen wie Uhren, 
Uhrketten, Ohrringe, Broschen, Arm¬ 
bänder, Halsketten u. a. an Stelle von 
Ringen als Ehepfand geschenkt 18 ). 

Die einzelnen Formen des Sch.es auf 
den Mond und die Mondgottheiten zu¬ 
rückzuführen 19 ), ist ebenso einseitig wie 
wenn man den Sch., wenn er auch im 
allgemeinen besonders das weibliche Ge¬ 
schlecht kennzeichnet, als ein Sinnbild 
des weiblichen Geschlechtsteiles 
selbst hinstellt unter Hinweis darauf, daß 
der Koran für vulva die Wörter „Sch." 
und „Zierde" gebraucht oder daß in einem 
neugriechischen Liede ein junges Mädchen 
seine Geschmeide ausbreitet, sie öffnet 
und schließt und die Sonne (Phallus) 
auffordert, hervorzutreten, sie zu be¬ 
scheinen 20 ). 

*) DWb. 9, ni2ff.;F. Hottenroth Handbuch 
der deutschen Tracht (Stuttgart o. J.) 978; 
Schräder Reallex. 728 ff.; Heckscher 252 ff.; 
E. Bassermann-Jordan Der Schmuck (Leip¬ 
zig 1909) mit Lit. 129 ff.; K. Weule Leitfaden 
der Völkerkunde (Leipzig u. Wien 1912) 120 ff. 
2 ) Vgl. Wundt Mythus u. Religion 1, 141. 144. 
295. 301. 308. 322. 3 ) Vgl. Schräder Reallex. 
729. 4 ) Ebd. 5 ) Seligmann Blick 2, 229. 

6 ) Ebd. 2, 234. 7 ) Fogel Pennsylvania 40 f. 

Nr. 67 ff. 8 ) Seligmann Blick 1, 17. 225. 
Vgl. 2, 222. 9 ) Höhn Tod Nr. 7, 321. 10 )Nilsson 
Griech. Feste 339. 345. 351. ll ) Sieber Sachsen 
88. Vgl. Goethes Faust. 12 ) Z. B. R. Fuchs- 
Liska Springende Schatten. Kriminalroman 
(Berlin 1920). 13 ) Heckscher 73. 331. 14 ) Vgl. 
Grimm Myth. 1, 284; ZfdA. 30, 219; Meyer 
Religgesch. 215. 15 ) Seligmann Blick 2, 177. 

1S ) Ebd. 2, 231. 17 ) Ebd. 1, 328. 18 ) Bächtold 
Hochzeit 1, 179 ff. 19 ) Siecke Götterattribute 
237 ff. 20 ) Storfer Jungfr .-Mutterschaft 57. 

2. Als Sch. und meist zugleich als 
Amulett werden verwendet Gegen¬ 
stände aus edlen Metallen (s. bes. Gold), 
Edelsteine (s. d.), die, wie der Rubin, 
Amethyst und Saphir auch als Gegen¬ 
gifte dienen 21 ), unechte Steine und Glas, 
ferner Perlen (s. d.), Korallen (s. d.), 
Bernstein (s. d.), dann Pflanzen und vor 
allem Blumen (s. d.), denen oft eine 
besondere sinnbildliche Bedeutung zu¬ 
kommt, weiter Köpfe, Schädel, Felle, 
Zähne — durchbohrte Tierzähne sind die 
primitivste Art des Sch.s 22 ) —, Krallen 23 ), 
Federn u. a. von Tieren, Muscheln (s. d.), 
künstliche Nachbildungen von Tieren, 


wie der ägyptische Skarabäus 24 ); und 
künstlich hergestellte Dinge wie Ringe 
(s. d.) und Ohrringe (s. d.), Fibeln und 
Spangen, die in der ältesten germani¬ 
schen Zeit, besonders im Norden, das 
wichtigste Sch.stück waren, Nadeln (s. 
Haarnadel), Bänder, z. B. Armbänder, 
Halsbänder, Uhrbänder, Ketten, z. B. 
Halsketten und Uhrketten, Broschen, 
Kämme und besonders Münzen 25 ) (s. d.), 
endlich Nachbildungen menschlicher 
Körperteile, z. B. des Auges 26 ), das auch 
als Ornament auf Zaubermänteln er¬ 
scheint 27 ), des Gesichtes, das im Gor¬ 
gonentypus am wirksamsten hervortritt 28 ), 
der Hände u. a. Dazu kommen die zu¬ 
gleich als Sch.sachen dienenden reli¬ 
giösen Zeichen, das schützende Kreuz 
oder Madonnenbild am Halse, geweihte 
Ketten und Medaillen, Rosenkränze, das 
Agnus dei, womit die Kirche die alt¬ 
römischen Bullen ersetzte 29 ) u. a. 

Diese Sch.sachen werden entweder am 
bloßen Körper, der selbst durch Täto¬ 
wierung (s. d.) verziert und geschützt 
sein kann, getragen oder in den Haaren, 
am Hals, an der Brust, in den Ohren, am 
Arm, an den Fingern, am Hut (s. d.) und 
anderen Kleidungsstücken, unter welchen 
bei der weiblichen Volkstracht besonders 
Mieder und Brustlatz bevorzugt werden 30 ). 
Die Kleidung selbst ist vom Sch. oft 
scharf getrennt 31 ), ist aber dann, wenn 
sie als bloßer Sch. empfunden wird, der 
Mode unterworfen, während der kost¬ 
bare Sch. aus Edelmetallen, Edelsteinen 
u. a. der Mode wenig unterliegt, da er 
meist von fast unbegrenzter Dauer ist 
und nur schwer beschafft werden kann 32 ). 

Schutz- und Abwehrmittel sind vor¬ 
nehmlich alle Arten von Anhängsel 
an Bändern und Ketten, so auch viele 
der seit dem 18. Jh. üblich gewordenen 
Berlocken (franz. breloques) oder Zier¬ 
gehänge am Uhrband oder an der Uhr¬ 
kette. Als Glückszeichen sind vor 
allem vierblättrige Kleeblätter aus Gold 
oder Silber beliebt, die von weiblichen 
Personen auch am Armband oder an der 
Halskette getragen werden. Sehr häufig 
sind Anhängsel im katholischen Süd¬ 
deutschland, wo vielfach die Erinnerung 


1259 


Schmuck 


I2ÖO 


an ihre ursprüngliche Bedeutung verloren 
gegangen ist. In Bayern sind silberne 
Feigen, d. s. Hände mit dem Daumen 
zwischen dem Zeige- und Mittelfinger, 
die an Uhrketten, Miederschnüren und 
selbst Rosenkränzen oder auch an langen 
Haarnadeln getragen werden, nicht selten. 
Sie bilden zuweilen das Werbegeschenk 
des Burschen an das Mädchen. Bei An¬ 
nahme der Werbung schenkt dieses dem 
Burschen ein silbernes Herz, das er an der 
Uhrkette trägt 33 ). Weitere Anhängsel 

sind geweihte Münzen, Medaillen, Kreuze, 
wie etwa das Benediktuskreuz oder der 
Benediktuspfennig, dann silberne Nepo¬ 
mukszungen 34 ), Wolfgangshacken, Se- 
bastianspfeüe, Notburgasicheln 35 ), aller¬ 
lei herzförmige Amulette 36 ); eiserne, 
kupferne und silberne Ringe, die man 
gegen Fallsucht, Fieber und Gicht nicht 
allein an den Fingern, sondern auch an 
der Brust trägt, ferner zur Abwehr der 
Trud und der Hexen Trudenmesser, die 
früher von den Frauen am Gürtel ge¬ 
tragen wurden 37 ); dann kleine Toten¬ 
köpfe aus Silber, verschiedene Steine, 
wie die Blutsteine (Hämatit, Jaspis, 
Heliotrop) und Schrecksteine (Serpen¬ 
tin, Bergkristall), Augensteine (Achate), 
Adler- oder Klapper steine, die an die 
lärmenden Crepundia und Glöckchen er¬ 
innern, welche die Römer als Anhängsel 
trugen 38 ), endlich Korallen, Muscheln, 
Tierknochen, Tiernachbildungen wie 
Fischchen, Schweinchen 30 ) u. a. Die 
männliche Bevölkerung von Oberbayern 
schmückt sich mit Vorliebe mit dem in 
Silber gefaßten „Maderboanl“, dem Penis¬ 
knochen eines Marders oder Iltisses, womit 
man die männliche Kraft zu erhöhen ver¬ 
meint. Weitere Anhängsel sind die 
„Schergrebeln“ genannten Maulwurfs¬ 
pfoten und Zähne von verschiedenen 
Tieren, von welchen besonders die „Hirsch- 
granln“ Glück bei der Jagd bringen 
sollen Oft sind mehrere dieser Stücke 
an den sogenannten „Fraisbeten“ aufge¬ 
reiht 41 ). Im südlichen Böhmerwald 
werden häufig silberne Pferde als An¬ 
hängsel an den Uhrketten, besonders von 
Fleischhauern und Viehhändlern, ge¬ 
tragen 42 ). 


2l ) Vgl. L. Lew in Die Gifte in der Welt¬ 
geschichte (Berlin 1920) 46. 22 ) Müller Alter- 

tumsk. 1, 38. 151; Schräder Reallex. 729. 
23 ) Vgl. Seligmann Blick 2, 142. 24 ) Vgl. 

E. Bassermann -Jordan Der Schmuck (Leip¬ 
zig 1909) 15- 25 ) Vgl. N. Zegga Die Münze 

als Schmuck, WZfVk. 30 (1925), 40ff. 26 ) Selig¬ 
mann Blick 2, 144Ä. 27 ) Wundt Mythus u. 

Religion i, io6f. 28 ) Seligmann Blick 2, 307. 
29 ) Ebd. 2, 232. 30 ) Vgl. K. Spieß Die deut¬ 

schen Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig 
1911) 22. 25. 31 ) Schurtz Tracht 7. 32 ) Ebd. 
971 * 33 ) Andree-Eysn Volkskundliches 118ff. 
34 ) Ebd. i26£f. 35 ) Ebd. 133. 38 ) Ebd. 134f. 

37 ) Ebd. 136L 38 ) Vgl. Seligmann Blick 

2, 100. 166. 272. 274t. 39 ) Andree-Eysn 

a. a. O. 138E. 49 ) Ebd. 142ff. 41 ) Ebd. i 44 fL 
42 ) Verf. 

3. Besonders wichtig ist der Kopf¬ 
schmuck, weil der Kopf und seine Be¬ 
deckung (s. Hut) der höchste und sicht¬ 
barste Teil des Körpers und der Klei¬ 
dung ist, von dem aus daher der Ab¬ 
wehrzauber am besten möglich ist, der 
aber auch zuerst geschützt werden 
muß. Dieser Sch. ist bei Naturvölkern 
hauptsächlich ein Haarschmuck, bei 
Kulturvölkern vorwiegend ein Hut¬ 
schmuck. 

An den Haaren, aber auch an der 
Kopfbedeckung werden als Schutz- und 
Abwehrmittel, meist gegen den bösenBlick, 
bei verschiedenen Völkern Münzen ge¬ 
tragen 43 ), dann Edelsteine, so bei den 
Persern Türkise, in einen Ring gefaßt, 
mit drei Perlen und einer Pfauenfeder in 
einer Stimbinde, gegen Pocken oder 
Masern u ), ferner Korallen 45 ), Früchte, 
Wurzeln und Kräuter 46 ), Maulwurfs¬ 
pfoten 47 ), Vögel —* auf der Insel Banda 
(Molukken) tragen die Krieger den Para¬ 
diesvogel als Kopfsch. 48 ) —, weiter Hörner 
und hornartige Dinge 49 ), künstliche 
kleine Hände aus verschiedenem Stoff 50 ), 
farbige, glänzende Bänder 51 ), blaue 
Knöpfe, welche die persischen Kinder im 
Haare tragen 52 ) und allerlei andere 
Amulette 53 ). In diesem Zusammen¬ 
hang ist auch auf die Masken (s. d.) zu 
verweisen. 

Der Hut wird nicht allein mit bunten 
Bändern und Blumen, namentlich bei 
festlichen Anlässen, bei der Musterung, 
bei Hochzeiten usw., geschmückt 54 ), 
sondern auch, wie es vor allem der Süd- 


1261 


Schmuck 


1262 


deutsche liebt, mit den Federn und 
Haaren erlegter Tiere, aber auch mit deren 
von Natur aus abwehrenden und schrek- 
kenden Zähnen und Krallen. Der in den 
Alpen so beliebte, aus den Rückenhaaren 
der Gemse gemachte Gemsbart, mitunter 
durch einen Dachsbart ersetzt, macht 
den Träger kräftig und gewandt, die 
Klaue der Gemse wird, in Ringe gefaßt, 
gegen Schwäche und Kraftlosigkeit im 
Alter getragen 55 ). Ähnlich dienen Hörner 
als Schreckmittel, so in Frankreich an der 
Hutschnur getragene Köpfe des Hirsch¬ 
käfers mit seinen Hörnern oder am Kopf 
getragene Antilopenhörner in Afrika, 
Widderköpfe und Stierköpfe an Bau¬ 
werken u. a. 56 ). Auch der Federschmuck 
am Hute war ursprünglich wohl mehr 
Zaubermittel als Sch. Aus dem Umstand, 
daß einzelne Federn, z. B. Hahnenfedern, 
Ähnlichkeit mit der Mondsichel haben, ; 
auf einen Mondmythus zu schließen 57 ), ! 
geht aber zu weit. 

Schutz und Abwehr bezweckt ur¬ 
sprünglich auch der Kopfputz der 
Braut, die in den Alpen hie und da noch 
mit einem roten Haar-, Zopf- oder Stirn¬ 
band geschmückt ist. Im Gailtale tragen 
auch die Männer bei Hochzeiten neben den 
künstlichen Blumensträußen ein blutrotes 
Band am oberen Hutrande 58 ). Dagegen 
scheint die oft riesige Brautkrone (s. d.), 
der die Totenkrone (s. d.) zur Seite steht, 
sich aus dem jungfräulichen Kranz ent¬ 
wickelt zu haben und mehr Sinnbild der 
jungfräulichen Reinheit zu sein 59 ). Das 
Wort Flitterbraut findet sich als Name 
eines Gespenstes in Brotterode 60 ). Es 
stammt von dem mit Flittergold reich ver¬ 
zierten Kopfputz der Bräute. Auch in 
Indien dient neben echtem Gold Blatt¬ 
gold oder Goldpapier als schützender 
Kopfschmuck 61 ). 

Die gleichen Sch.Sachen wie am Kopf 
oder Hut werden meist auch am Hals¬ 
band oder an Halsketten getragen, 
so Münzen und Medaillen 62 ), Steine, 
Korallen, Schnecken 63 ) und andere Tiere 
und Tierbilder 64 ), menschliche und tieri¬ 
sche Körperteile 65 ), auf antiken Hals¬ 
bändern z. B. Hahnenköpfe 66 ), Pflanzen 
und Kräuter 67 ) und sonstige Sch.dinge 68 ). 


Zum Halsschmuck gehören ferner die 
Broschen, deren Form und Gestalt 
(Spinnen, Sterne u. a.) sie meist als 
Glückszeichen erkennen läßt. Im süd¬ 
lichen Böhmerwald und Oberösterreich 
werden von Frauen oft große Silber¬ 
münzen als Broschen getragen 69 ). Von 
den an den Armbändern getragenen 
Amuletten 70 ) sind besonders merkwürdig 
die aus blauem Glas, welche junge Mäd¬ 
chen in Griechenland tragen. Denn sie 
sollen zerbrechen, w r enn jemand ihre 
Trägerinnen mit bösem Blick ansieht 71 ). 

Auch bei den Haustieren soll der 
Sch. ursprünglich Böses abwehren. Dies 
bezw 7 eckt das Dachsfell, welches man in 
Baden und in der Schweiz am Kummet 
befestigt 72 ), was auch im Böhmerwald 
geschieht, wo daneben meist noch ein 
Stück roten Wollstoffes und Messing¬ 
plättchen angebracht sind 73 ). Der 
im Berchtesgadner Land beim herbst¬ 
lichen Abtrieb von der Alm übliche reiche 
Sch. der Tiere, von welchen die wert¬ 
volleren Larven tragen 74 ), dient eben¬ 
falls zum Schutz und zur Abwehr. 

Magische Bedeutung hatte früher auch 
der Sch. der Waffen, besonders der 
Verteidigungswaffen (Helm, Panzer, 
Schild), ferner ist noch zu erwähnen der 
Sch. an Schiffen und Wagen, bei Ge¬ 
fäßen, z. B. Vasen, beim Hausgerät 
u. a. 75 ). 

43 ) Seligmann Blick 2, 2of. 44 ) Ebd. 31. 
45 ) Ebd. 33. 46 ) Ebd. 53. 69f. 84. 47 ) Ebd. 126. 
48 ) Ebd. 129. 49 ) Ebd. 137. 50 ) Ebd. 176. 51 ) Ebd. 
243. 52 ) Ebd. 247. 53 ) Ebd. 303 f. 54 } Vgl. 

Heckscher 266f. 55 ) Andree-Eysn Volks¬ 

kundliches 142 f. 56 ) Seligmann Blick 2, 
1130. 130. 57 ) Siecke Götterattrihute 209. 

58 ) Geramb Brauchtum 121. 59 ) Vgl. Spieß 

a. a. O. 27f. 35Ü-, bes. 38t. 60 ) Wucke Werra 
53 Nr. 101. 61 ) Seligmann Blick 2, 7. €2 ) Ebd. 
2, 20f. 63 ) Ebd. 26ff. 64 ) Ebd. ii2ff. 65 ) Ebd. 

i36ff. 66 ) Ebd. 120. 67 ) Ebd. 5off. 68 ) Ebd. 

232ff. 69 ) Verf. 70 ) Seligmann Blick 2, 30. 

32. 176. 71 ) Ebd. 1, 268. 72 ) Ebd. 2, 114. 73 ) Verf. 

74 ) Andree-Eysn a. a. O. I92ff. 75 ) Vgl. 
Seligmann Blick 2, 312. 

4. Auch der Hausschmuck, den man 
im Orient oft absichtlich unterläßt, weil 
schöne Häuser, wie auch schön gekleidete 
Menschen, eher vom bösen Blick und Neid 
bedroht sind 76 ), war ursprünglich viel¬ 
fach mit Aberglauben verbunden und 



126 


Schmutz—schnalzen 


1264 


ist es zum Teil noch heute. Ein Abwehr¬ 
zauber liegt vor, wenn die Hausbe¬ 
malung mit Blut ausgeführt wird, wofür 
später meist rote Farbe eingetreten ist 77 ). 
Im Böhmerwald und in Westböhmen 
geschah das Ausmalen der Stubenwände 
noch in neuerer Zeit in der Weise, daß 
der Bauer nach dem Weißen der Wände 
mit seinen in Tierblut getauchten fünf 
Fingern daran Verzierungen anbrachte 78 ). 
Magischen Zwecken dienen die Pferde¬ 
köpfe am Giebel des Hauses, die in 
Schleswig-Holstein zuweilen auch an die 
Wand des Hauses gemalt oder, wie um 
Bremen, Verden und in Oldenburg, über 
dem Herde angebracht werden 79 ). Viel¬ 
fach ist es noch Brauch, erlegtes Raub¬ 
wild, besonders Vögel, im Hause an den 
Türen anzunageln oder im Stalle aufzu¬ 
hängen, doch wird dies in neuerer Zeit 
mehr aus Ehrgeiz und Jägerstolz getan, 
besonders im Norden, wo man das Haus 
auf diese Weise mit Raubtierköpfen 
und besonders mit Renntiergeweihen 
schmückt ®°). Doch spielt sicher auch 
heute noch dabei der Gedanke mit, daß 
dies Glück bringe, was z. B. die Biadju 
auf Borneo sagen, wenn sie die Giebel 
ihrer Häuser mit Bildern des Rhinozeros¬ 
vogels aus Holz schmücken 81 ). Die ur¬ 
sprüngliche Bedeutung des Wetter¬ 
hahnes (s. d.) auf dem Dache der Häuser 
oder auf dem Kirchturme ist heute dem 
Volke unbekannt, wie auch mancher 
andere Sch. an und in den Kirchen mit 
der Zeit unverständlich geworden ist. 
Dasselbe ist der Fall beim Hausschmuck 
mit Blumen u. a. bei festlichen Anlässen 82 ). 

Vom Innenschmuck kommt in katho¬ 
lischen Gegenden dem Sch. des Tisch¬ 
winkels der Stube, der gewöhnlich „Herr¬ 
gottwinkel“ heißt, besondere Bedeutung 
zu, namentlich der Heilig-Geist- 
Taube, die aber nicht allein im katholi¬ 
schen Süddeutschland daheim ist, sondern 
sich vereinzelt auch im protestantischen 
Norden und sogar bei den Griechen in 
Kairo findet. Sie dient ursprünglich und 
zum Teil noch heute zum Schutz und zur 
Abwehr, ebenso wie das meist,,Unruh“ ge¬ 
nannte zierliche Deckengehänge, das stille 
steht, wenn eine Hexe die Stube betritt 83 ). 


76 ) Seligmann Blick 1, 17. 225. Vgl. 2, 222. 
77 ) Heckscher 247. 478. 78 ) Verf. 7e ) Selig¬ 
mann Blick 2, 129. 80 ) Heckscher 389t. 

81 ) Seligmann Blick 2, 114. 82 ) Heckscher 

177. 83 ) Andree-Eysn Volkskundliches 78ff. 

Jungbauer. 

Schmutz s. Kehricht, rein. 

Schnake s. Mücke 6, 596. 

schnalzen. 1. S. mit der Zunge, im 
Verkehr des Menschen mit seinen Haus¬ 
tieren als Verständigungsmittel benützt i ), 
kommt in primitiven wie entwickelteren 
Religionen auch der Gottheit gegenüber 
zur Anwendung, um diese herbeizurufen 
oder gnädig zu stimmen 2 ). Bei einzelnen 
Völkern dient Lippensch. zur Heilung 
von Kranken oder Kräftigung von Kin¬ 
dern 3 ). 

Nach deutschem Aberglauben soll man 
es unterlassen, beim Einherbrausen der 
wilden Jagd mit Schreien und Sch. sich in 
den Lärm einzumischen 4 ). 

*) Sittl Gebärden 223. 2 ) Heiler Gebet 

(1918) 36; Dieterich Mithrasliturgie 7. 9. 33. 
40; Th. Hopfner Offenbarungszauber (1921) 
201 f. §780; Pauly-Wissowa 11, 2, 2151. 
Von den alten Griechen wurde es namentlich 
beim Blitzen geübt (Aristophanes Wespen 
626 sagt Zeus: xav etaxpe«»iuo, zonzüCou^tv). 
S. auch Franz Benediktionen 2,38 und oben 3, 
358. 3 ) Boeder £Ä5/e« 53. 4 )Freisauff Salz¬ 
burg 152. 

2. Schnalzt es, wie wenn die Reifen der 
Eimer und Scheffel absprängen oder ein 
Brett sich spaltete, so gilt dies als Todes¬ 
vorzeichen 5 ). 

5 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 263. 

3. Gemeinschaftliches Sch. mit der 
Peitsche (s. d.) ist ein namentlich im 
Süden des deutschen Gebietes zu be¬ 
stimmten Zeiten geübter Brauch (Fa- 
schingssch. 6 ), Fastensch. 7 ), Pfingstsch. 8 ), 
Sonnwendklöcken 9 )), welcher zwar 
mancherorts nur noch als reine Kraft- 
und Geschicklichkeitsübungr betrieben 


und Geschicklichkeitsübung betrieben 
wird 10 ), vielfach jedoch noch als ein 
Mittel zur Hexenvertreibung gilt u ): so¬ 
weit es nämlich gehört wird, haben die 
Hexen keine Macht über Menschen, Tiere 
und Frucht 12 ). 

Auch die Wildfrauen werden durch 


Peitschensch. vertrieben 13 ). Mutter¬ 
gottesbilder siedeln um, wenn die Hirten¬ 
knaben ungebärdig sch. und johlen 14 ). 


Mutter- 


1265 


Schnaps—Schnecke 


1266 


Seinem Zorn über Gottes Fügung soll 
man nicht durch Peitschensch. Luft 
machen 15 ). 

Mit einer langen Peitsche schnalzt der 
Nachtjäger 16 ). Teuflisches Peitschensch. 
kann man nachts beim Kreisstehen ver¬ 
nehmen 17 ) sowie an Orten, wo tagsüber 
die Fuhrleute geflucht und auf die Pferde 
eingehauen hatten 18 ). 

6 ) TirHmtbll. 9 (1931), 65H.; Th. Kürzl '5 Fa- 
schingsch. = Der Arbeiter-Trachtler Jg. 8, 
Kr. 2 S. 2 f. 7 ) Hager An der Herdflamme der 
Heimat (1927) 155 f. 8 ) Ethnolog. Mitt. aus 
Ungarn 5 (1896), 21; M. Haberland Deutsch¬ 
österreich (1927) 254. 278; A. Wackwitz Die 
deutsche Sprachinsel Anhalt-Gatsch (1932) 282 f.; 
H. Koren Volksbrauch im Kirchenjahr (1934) 
141; G. Gräber Volksleben in Kärnten (Graz 
1934) 2 73 - 9 ) Adrian Salzburg 152; M. 

Haberland Deutschösterreich 308; Bron- 
ner Sitt ' und Art 24. 10 ) Haberland 

Deutschösterreich 304. u ) ZföVk. 2, 195; 

3, 113 (Böhmen); John Westböhmen 2 71; 

Schönwerth Oberpfalz 1, 317. 12 ) Das Wald¬ 
viertel 3. Band: Volkskunde hsg. von E. Stephan 
(Wien o. J.) 68; Calliano Niederösterr . Sagen¬ 
schatz 3, 152. 13 ) Andrian Altaussee 142; 

Fritz Langer Radmer (— Steirisch Land und 
Leute Bd. 2) (Eisenerz 1924) 134. 14 ) Depiny 
Oberösterr. Sagenbuch S. 341 Nr. 156. 15 ) Ebd. 

S. 286 Nr. 403 (Ein Bauer hatte vor einem 
Kreuzstöckl um guten Markt gebeten; nach 
schlechten Geschäften schnalzt er bei der Heim¬ 
fahrt vor dem Stöckl und wird dafür vom Teufel 
in einen Hund verwandelt). 16 ) Karasek- 
Lück Die deutschen Siedlungen in Wolhynien 
(1931) 74. 17 ) Depiny Oberösterr. Sagenbuch 

S. 195 Nr. 214. 18 ) Ebd. S. 299 Nr. 491. 495 

und S. 300 Nr. 497. Seemann. 

Schnaps s. Branntwein. 

schnarchen s. Nachtrag. 

Schnecke. 

1. Biologisches. Man glaubte, daß 
die Schnecken bei großer Feuchtigkeit 
und Wärme aus Lehm oder faulem Gras 
entstehen (lat. Umax stellte man zu 
limtts) und daß sie Erde fressen. Weiter 
glaubte man, daß sie fast vollständig 
zerfließe, wenn man sie mit Salz bestreut 1 ). 
Alt und sehr verbreitet ist die Ansicht, 
daß die Sch. in ihrem Kopf ein Steinchen 
berge, das magische Kraft besitze und 
verschiedene Krankheiten heile 2 ). Es 
verleiht dem, der es unter der Zunge trägt, 
die Gabe wahrzusagen, allerdings nur 
während des ersten und letzten Mond¬ 


viertels. Der Stein zerfällt nicht im 
Feuer 3 ). 

*) Megenberg Buch der Natur 257. 262. 
2 ) Keller Antike Tierwelt 2, 522; R. Cysat 
27; J ühling Tiere 165; Höhn Volksheilkunde 
116. 3 ) Megenberg ib. 380. 

2. Volksmedizinisches. In allen 
deutschen Landschaften verwendet man 
den Sch.n schleim — besonders von 
schwarzen Sch.n — zur Vertreibung von 
Warzen und Hühneraugen, wobei man 
vielfach gewisse Zeiten beobachtet 4 ) oder 
zauberische Maßnahmen damit verbindet. 
So steckt man die Schnecke, mit der 
man die Warzen bestrichen hat, uralter 
Gepflogenheit folgend, auf einen Wei߬ 
dorn: so wie die Sch. verdorrt, sollen auch 
die Warzen vertrocknen und abfallen 5 ). 
Anderswo vergräbt man die Sch. nach 
dem Bestreichen — wie sie verfault, so 
werden die Warzen verschwinden 6 ) — 
oder man läßt sie zwischen zwei Steinen 7 ) 
oder im Rauch 8 ) umkommen. Vielfach 
bestreut man die Sch. vor dem Bestreichen 
mit Salz 9 ). Es wird auch empfohlen, 
in den drei höchsten Namen ein Kreuz 
über die Warze zu schneiden, dann mit 
einer vorher getöteten Wegschnecke 
wiederum im Namen der heiligsten Drei¬ 
faltigkeit, dreimal darüberzustreichen, 
dann die Schnecke hinter sich zu werfen, 
ohne sich dabei umzusehen 10 ). Sehr 
altertümlich mutet auch folgendes Ver¬ 
fahren an: „Man hebt vor Sonnenauf¬ 
gang eine schwarze Schnecke mit der 
mit einem Handschuh bekleideten Hand 
aus dem Tau auf, fährt damit im Namen 
Gottes über die betreffenden Stellen 
und legt das Tier genau wieder auf 
die gleiche Stelle“ 11 ). Gegen Hühneraugen 
legt man auch schwarze Schnecken in 
die Schuhe 12 ). Nach schlesischem Brauch 
soll man vor Sonnenuntergang schwarze 
Sch.n sammeln, in einen Topf mit Salz 
werfen, den Topf neun Tage lang unter 
der Erde vergraben halten und dann in 
einem Glase an der Sonne das Sch.nöl 
destillieren 13 ). Auch Sommersprossen 
und Leberflecke vertreibt man durch 
Bestreichen mit einer schwarzen Sch. 14 ), 
ebenso Muttermale 15 ) und Kröpfe 16 ). 
Zerquetschte Weinbergsch.n oder schwarze 


I 2 Ö 7 


Schnecke 


Schnecke 


1270 


1268 


(rote) Erdsch.n legt man auf Pestbeulen 17 ), 
Brandwunden und entzündete Stellen 
auf 18 ), ferner auf Blattern 19 ). Schaum 
von in Wasser gekochten frischen Sch.n 
vertreibt Fisteln 20 ), und Pulver von 
gebrannten und zerstoßenen Sch.n- 
häusem ist gut gegen den Wolf (Haut¬ 
ausschlag am After) 21 ). Sehr verbreitet 
ist die Verwendung des Sch.nzuckers 
(Sch. mit Zucker gekocht) gegen Keuch¬ 
husten 22 ) und Schwindsucht 23 ). Auch 
Dekokte ohne Zucker 24 ) und Einrei¬ 
bungen mit dem Fett gekochter Sch.n 25 ) 
helfen gegen Schwindsucht. Eine große 
Rolle spielen die Sch.n als Heilmittel gegen 
Augenleiden 26 ) Nasenbluten 27 ), Hals¬ 
schmerzen 28 ), Kopfweh 29 ), Fieber 30 ), 
Zahnschmerzen 31 ), Leberleiden 32 ), Milz¬ 
stechen 33 ), Durchfall 34 ), Wassersucht 35 ), 
Auszehrung 36 ), Magenschmerzen 37 ), Ge¬ 
bärmutterleiden 38 ), in Pulverform gegen 
Gelbsucht 39 ), Harnstrenge 40 ) und nässen¬ 
de Wunden 403 ). 

Einen Bruch heilt man durch Auflegen 
einer roten Wegsch. 41 ), mittelst Sch.n- 
schmalz 42 ) oder durch folgendes Ver¬ 
fahren: „Drei schwarzen Sch.n schneide 
die Augen von den Hörnern herunter, 
gib sie in 1 / 2 Maßl Branntwein und laß 
das Ganze neun Tage und Nächte stehen. 
In der neunten Nacht, genau zur Mitter¬ 
nachtsstunde, trink ungefähr den dritten 
Teil aus. In der folgenden Nacht trink 
das zweite Drittel und in der dritten den 
Rest“ 43 ). Das Schmalz der roten Sch.n 44 ) 
und das durch Ansetzen von Sch.n ge¬ 
wonnene öl 45 ) heilt Lahmheit und ge¬ 
quetschte Glieder. Gegen Gicht und 
Rheumatismus legt man zerquetschte 
Sch.n auf 46 ).— Damit der Wurm am 
Finger aufspringe, „laß in deiner Hand 
eine schwarze Sch. sterben und fasse mit 
derselben des Patienten Finger“ 47 ). 
Anderswo zerstößt man Sch.nhäuser, 
Glas und Knoblauch und legt das Ganze 
auf 48 ). Gegen Fallsucht werden pulve¬ 
risierte Sch.nhäuschen in Milch einge¬ 
nommen 49 ). Nach Megenberg 50 ) besitzt 
das Blut der Sch. die Fähigkeit, die 
Schweißporen zu verstopfen. Wenn man 
es auf die Haut streicht, verhindert es dort 
dauernd das Hervorwachsen von Haaren. 


Interessant sind einige Fälle von Sym¬ 
pathiezauber: „Wenn man eine 

schwarze Sch. in der geschlossenen Faust 
absterben läßt, vergeht der lästige Schweiß 
der Hände“ 51 ). „Wenn du nimmst den 
rechten Fuß einer Sch. und hängst 
ihn einem ins Zipperlein an seinen rechten 
Fuß, so tuts ihm recht“ 52 ). Um schwarze 
Haare blond zu färben, sammle man im 
Mai eine Anzahl roter Sch.n, lege sie in 
! eine Büchse und gebe Salz dazu.... Man 
schere alsdann die schwarzen Haare 
völlig ab und bestreiche den Kopf mit 
dieser Salbe, so wachsen binnen kurzem 
blonde Haare nach 53 ). 

Ein sehr beliebtes Sympathiemittel, 
um das Zahnen der Kinder zu erleichtern, 
besteht darin, daß man „Sch.nzähne“ 
(— Reibscheiben der gewöhnlichen Wein- 
bergsch.) in ein Säckchen einnäht und 
dem Kinde um den Hals hängt 54 ). Im 
Altertum galt der Genuß von Sch.n als 
aphrodisisches Mittel 55 ). 

In der Tierheilkunde gibt man 
pulverisierte Sch.n den Kühen ein, damit 
sie rindern 56 ) oder damit sie gedeihen 57 ). 
Sch.n bilden einen wichtigen Bestandteil 
einer Salbe gegen das Trieben (Vieh- 
krankheit, wenn Blut im Harn abgeht) 58 ). 

4 ) ZfrwVk. 1908, 98 (Kreis Bielefeld): 

Vollmond; Grohmann Aberglaube 172; J üh- 
ling Tiere 168; Lammert 184: bei abnehmen¬ 
dem Mond. 5 ) Meier Schwaben 2, 518; 
SchwVk. 4, 43 (Baselland); SAVk. 8, 147; 
12, 151; Schmitt Heltingen 16; Stracker- 
jan Oldenburg 1 91; ZfrwVk. 1905, 282; 1908, 
97. 114; Manz Sargans 61; ZfVk. 4 (1894), 
84; Bohnenberger 15; Seyfarth Sachsen 
192; Andree Braunschweig 419, wo Lit. über 
dieselbe Heilmethode in England; John Erz¬ 
gebirge m. 240; J ühling Tiere i86f.; Ho- 
vorka-Kronfeld 2, 8. 8 ) Lammert 219; 

Bohnenberger 14; Bartsch Mecklenburg 
2, 120; J ühling 169. 7 ) Wuttke § 487; 

J ü h li n g 168. 8 ) Drechsler 2, 286. 9 ) Lam¬ 
mert 219; J ühling 166. 10 ) Stoll Zauber¬ 

glauben 74 f.; Bartsch Mecklenburg 2, 489. 
12 ) J ühling Tiere 169. 12 ) J ühling Tiere 

167 f.; Manz Sargans 62. 13 ) Drechsler 2, 

218 f. 14 ) Manz Sargans 63; ZfVk. 7 (1897), 
74; Lammert 179; J ühling 167 f.; John 
Erzgebirge 240; ZföVk. 13, 130; Müller Iser- 
gebirge 22. 15 ) Laube Teplitz 60. I6 ) J üh¬ 

ling 170. 17 ) Grimm DWb. s. v. Sch. 
I8 ) Grimm ebd.; SAVk. 8, 152. 19 ) Jüh¬ 
ling 164; SAVk. 15, 183 (Schwyz, 17. 

Jh.). 20 ) Jühling 164. 21 ) Jühling 166. 



1 


i 


2 


- * 

1 


1269 

167. 22 ) Seyfarth Sachsen 242; ZfrwVk. 

1, 202; 3, 192t.; Urquell 4, 154. 23 ) Stracker- 
jan 2, 178 Nr. 412; ZfrwVk. 1, 94; Schmidt 
Kräuterbuch 58; Jühling 164. 167. 170. 24 )Ho- 
vorka-Kronfeld 2, 32. 45; Stoll Zauber¬ 
glauben 87. 25 ) Jühling 168. 2ß ) Zahler 

Simmental 73; Jühling 167. 170. 27 ) Ho- 

vorka-Kronfeld 2, 7. 28 ) Jühling 165 f.; 

Meyer Baden 574; Seyfarth Sachsen 293; 
ZfrwVk. 3, 165; SchwVk. 11, 48; Hovorka- 
Kronfeld2,8. 29 )Hovorka-Kronfeld2,i92. 
30 )Cysat27; Lammert 264. 31 )SAVk.7,137; 15, 

7; Zahler Simmental 73 Anm.3. 32 ) Jühling 
164f. 33 ) Jühling 167; Hovorka-Kronfeld 2, 
268. 34 ) J ühling 166; SAVk. 15,178; Hovorka- 
Kronfeld 2, 301. 35 ) Grimm DWb. s. v. Sch.; 
Jühling 164. 36 ) Hovorka-Kronfeld 2,62. 

37 ) Hovorka-Kronfeld 2, 82. 38 ) Jühling 

165; Hovorka-Kronfeld 1, 384. 39 ) Jühling 
167; Zahler Simmental 80; ZfrwVk. 3, 230h 
40 ) Jühling 165. 169; Zahler Simmental 81; 
SAVk. 15, 93; Hovorka-Kronfeld 1, 384; 2, 
140. 40a ) J ühling 166. 41 ) Urquell 4 (1893), 154; 
ZfrwVk. 1914, 165. 42 ) Jühling 167; ZfVk. 8, 
175. 43 ) ZfVk. 8 (189S), 175. 44 ) ZfVk. 24 

(1914),297 u.301. 45 ) Jühling 166. 169; Höhn 
Volksheilkunde 1, 143. 46 ) Jühling 165. 170; 

SAVk. 8, 151. 47 ) Lammert 215. 48 ) Jüh¬ 
ling 165. 167. 49 ) Höhn Volksheilkunde i, 131. 

50 ) Buch der Natur 257 f. 51 ) Lammert 217. 
52 ) Jühling 170, aus Albertus Magnus 220. 
«) ZfVk. 8 (1898), 175. M ) Grüner Eger- 
land 40; Bohnenberger Nr. 1, S. 16; Bir- 
linger Schwaben 1, 393; Meyer Baden 50; 
Stoll Zauberglauben 37; SAVk. 8, 144 Nr. 6; 
Manz 54; Reiser Allgäu 2, 232; ZföVk. 9 
(1903)» S. 215 f. 55 ) Keller Antike Tierwelt 2, 
519. 58 ) Zahler Simmental 74. 57 ) ZfVk. 4 

(1894), 400. 58 ) ZfVk. 8 (1898), 175. 

3. Als Apotropaion gegen Krämpfe 
hängt man dem Kinde drei, sechs oder 
neun Sch.nzähne in einem scharlachroten 
Lappen um den Hals 59 ). In Niederöster¬ 
reich gelten Sch.nzähne (Hovorka- 
Kronfeld 1, 385 versteht darunter ab¬ 
weichend „Fühlhörner“) als Heilmittel 
gegen Fraisen. Auch gegen Rotlauf 
hängten sich die Frauen Sch.n an den I 
Hals 60 ). 

Die Verwendung der Sch.n als Amu- j 
lette 61 ) entspricht alter Tradition: In 
der Antike, wo die Sch. als Symbol der 
weiblichen Scham betrachtet wurde, fin¬ 
den wir sie als Amulettier auf Lampen 
und Gemmen; sie gehört zu den Tieren, 
die das „böse Auge“ angreifen 62 ). Ver¬ 
gleichsweise sei erwähnt, daß sich die 
serbische Wöchnerin zur Abwehr feind¬ 
licher Dämonen mit Sch.nhäuschen und 


Knoblauch an rotem Faden schmückt 63 ). 
Um den Hagel abzuwehren, soll man eine 
aus dem Wasser geholte Sch. mit dem 
Rücken auf die Hand legen und rechts 
und links neben sie etwas Erde schütten, 
so daß sie sich nicht um drehen kann 64 ). 
Vgl. hiezu den bei den alten Griechen mit 
der Schildkröte (s. d.) geübten Abwehr¬ 
zauber, die man auf den Rücken legte 
und so vergrub. — Damit das Ungeziefer 
nicht schade, soll man Samen auf 
einem Sch.nhaus dörren 65 ). 

59 ) Jühling Tiere 168, aus Schönwerth 2, 
123. 60 ) ZföVk. 6, in. 6l ) ZfVk. 25, 88. 

62 ) Seligmann Blick 2, 131. 206, wo Lit.; 

ib. Fig. 51. Fig. 125. 6a ) Srpski Etnografski 

Zbornik 19,95: Gegend Homolje. 64 ) Grimm 
DWb. s. v. Sch. 65 ) Grimm DWb. s. 
v. Sch. 

4. Was die Verwendung der Sch. 
im Festbrauch betrifft, so bilden sie in 
schwäbischen Landschaften am Ascher¬ 
mittwoch die rituelle Speise, daher heißen 
im oberen Allgäu die gemütlichen Zu¬ 
sammenkünfte an diesem Tage „Schneg- 
genball“ 66 ). In den besonders an das 
Weihnachtsfest geknüpften schnecken¬ 
förmigen Kultbroten sieht Höfler Nach¬ 
ahmungen von Bronzespiralen und Teile 
des indogermanischen Hakenkreuzes und 
glaubt, trotz der Namen „Sch.nbrot, 
Doppelsch., Häusleschneck usw.“, nicht 
an eine Beziehung zum Sch.ntier 67 ). 
Rasselnde Sch.nschalen gehören zur Aus¬ 
stattung des wilden Manns (Marling bei 
Meran) und des Pfingstfliteri in Pfaffen¬ 
heim bei Gebweiler 68 ). 

C6 ) Reiser Allgäu 2, 91; Birlinger Volksth. 
2, 54; Hofier Fastnacht 91; Sartori Sitte und 
Brauch 3, 134. 67 ) ZfVk. 12 (1902), 201; 

13 (1903), 391 f-; ZföVk. 9 (1903)» 197; 

Höfler Weihnacht 43; Höfler Fastnacht 96. 
€8 ) Sartori ib. 3, 200, wo Lit. 

5. Die Sch. in der Mantik. Weit ver¬ 
breitet ist die Meinung, daß Regen bevor¬ 
stehe, wenn die Sch.n mit Erde auf dem 
Schwanz umherkriechen 69 ). „Beladet 
sie sich mit Grund, so tut sie starken 
Regen kund“ (Grimm DWb. s. v. Sch.). 
Vielfach aber hofft man auf trockenes 
Wetter, wenn die schwarze Sch. Sand auf 
dem Schwänze trägt 70 ) oder wenn sie 
ein grünes Blatt mit sich führt 71 ). Wenn 
man eine Sch. tötet, gibt es Regen 72 ). 


1271 


Schnecke 


1273 


Schnee 


1274 


„Gibt es viele Sch.n, muß man den Wein 
zusammenlecken“ 73 ). 

Aus dem Verhalten der Sch.n zieht man 
Schlüsse bezüglich des bevorstehenden 
Winters: Wenn sie sich früh deckeln, 
gibt es einen frühen Winter 74 ), wenn sie 
tief in die Erde kriechen, steht ein kalter, 
langer Winter bevor 75 ). 

69 ) ZfVk. 24 (1914), S. 60. 70 ) Stracker- 
jan 1, 27; John Erzgebirge 240. 71 ) Grimm 

DWb. s. v. Sch. 72 ) Dirksen Meiderich 49 
N. 7. 73 ) Eberhardt Landwirtschaft 11. 

74 ) Bartsch Mecklenburg 2, 212. 75 ) Cysat 27; 
R. Zau nick Die Schnecke in der Volkswetter- 
künde HessBl. 13, 189; Dähnhardt Volks¬ 
tümliches 2, 87 Nr. 350; Saupe Jndiculus 26 f. 

6. Bei allen deutschen Stämmen 
wissen die Kinder kurze Sprüche, durch 
welche die Sch.n aufgefordert werden, 
die Hörner zu zeigen, und im Weigerungs¬ 
fälle mit einer Strafe bedroht werden 
z. B.: 

„Schnägg, Schnägg! strek dyni alli vieri 
Hörnli uus! 

oder i tödt di, oder i mörd di, oder i khy di 
überä Hag uus, 

oder i loo di loo doorä bis übermoorä!" 7ß ), 

„Schnägg, Schnägg, 

Zeig mer diner vier Horen, 

Suscht rierrendiuf en Tiggel-Täggelstein“ 77 ). 

„Schneke, schneke, rek di hourn, 
gib dir a viertl wäzenkourn, 
rekstu sie nöt, wirf i di in drek, 
freßent di die faken wek, 
woder i wirf di ins pfarrerhaus, 
jagent di die hunt dawaus!" 78 ) 

„Schneck, Schneck, streck d'Hörner us, 
Oder i wirf dir e Stein ufs Hus." 

„oder i wirf di über Hecke un Dörner 
nus" 79 ). 

oder: 

„Schnecke, Becke, recke deine 4, 5 Hurner 
raus, 

wenn de se nich rausreckst, schmeiß ich 
Dich ei a Groaba, 

do frassa dich de Hunde und de Roaba" 80 ). 

„Schnecke, Schnüre, zeig deine vier Finger- 
chen raus. 

Wenn du das nicht thust. 

So schmeiß ich dich in den Graben, 

So fressen dich die Raben" 81 ). 

Dieselbe Drohung kennen die Banater 
Schwaben 82 ): 

„Schneck, schneck, schnür aus, 
streck die langen Hörner aus" 83 ). 

„Snaierlus! Krup ut dien Hus, 

Stick dien fief-fack Hörn ut! 


I272 

Wullt du se nich utstek'n. 

Will ick dien Hus terbrek’n" 8I ). 

„Snaierlus, krüp üt din Hüs 
mit all dln ver fif Kinner" 8 ’ J ). 

„Snaierlus, krüp üt din Hüs, 
din Hüs dat brennt 

din Kinner de schrigt. Oh, oh, oh!" 86 ) 

„Tingel, tangel tuts 
stick din Hörn herut, 
wenn du dat nich dais, 
sla 'k di Hus un Hof entwai" 87 ). 

„Kuckuck, Kuckuck, Gerderut, 

Stäk dine ver Hörns herut" 8s ;. 

Simrock meint, daß die erste Zeile nicht so¬ 
wohl des Reimes wegen herbeigezogen ist, als 
weil auch der Kuckuck Versteckens spielt, 
indem er sich in dem grünen Laub verbirgt. 

„Gederüt, Gederüt 

stik dln ver hörens üt. 

ik wil di tobreken 

ik wil di tosteken usw." 89 ). 

4 

In der Fabel überlistet die Sch. den 
Fuchs beim Wettlauf, indem sie sich 
ihm auf den Schweif setzt 90 ). 

Von sonstigem Aberglauben sei 
erwähnt, daß sich an die Wand geworfene 
Sch.n in Geld verwandeln; wer sie aber 
an ihren Fühlern zwickt oder das Tier 
sonst plagt, wird krank 91 ). Zu ersterem 
stimmt eine Sage aus dem Allgäu: „Am 
Steineberg, seithalb zwischen Reutte und 
Pflach, hatten einmal einige arme Kinder 
von der Umgegend Sch.n gesammelt. 
Als sie heimkamen, hatten sie anstatt der 
Sch.n im Sacke lauter blanke Gold¬ 
stücke 92 ). 

Gegen Sch.nfraß schüttet man in 
Luxemburg Wasser auf den Dünger, das 
am Donnerstag der Fronfasten (Sept.) 
zu Ehren des hl. Udalricus geweiht 
worden ist 93 ). 

76 ) SAVk. 13, 301. 77 ) SchwVk. 9, 9: Brienz- 
wiler. 78 ) ZfdMyth. 3, 33. 79 ) Meyer 

Baden 56: Ettenheim. 80 ) Urquell 4 (1893), 
198: Am Zobten. 81 ) Schulenburg Wend. 
Volkstum 161. 82 ) K. Bell Das Deutsch¬ 

tum im rumänischen Banat, Dresden 1926, 
S. 128. 83 ) Urquell 1 (1890), 92: Neustadt 

bei Friedland in Böhmen. 84 ) Urquell 1, 92: 
j Norderdithmarschen und Stapelholm. 85 ) Ur¬ 
quell 4 (1893), I 49 : Dittmarschen. 86 ) Urquell 
4 (1893), 149: Süderstapel in Stapelholm. 87 ) Ur¬ 
quell 1, 92: Koldenbüttel in Eiderstedt. 88 ) Sim¬ 
rock Mythologie 2 S. 516. 89 ) ZfdMyth. 3, 397: 

‘ Bremen; Kuhn und Schwartz 453 Nr. 398; 



:y 


3 




.•I 


t 




iV 


t 




Müllenhoff Sagen 509 Nr. 3; Schneller 
Wälschtirol 250. Vgl. slavische Parallelen zu 
den obigen Schneckenliedern: Urquell 1 (1890), 8: 
Serbisch; ib. 1 (1890), 92: Serbisch; ib. NF. 1 
(1897), 12: Tschechisch. 90 ) ZfVk. 9 (1900), 58. 
91 ) Hovorka-Kronfeld 1, 385: Bayern. 92 ) 
Reiser Allgäu 1, 259. 93 ) Fontaine Luxem- 


s msrr 






Schnee. 

1. Deutungen. Über Entstehung 
und Herkunft des Sch.s finden sich im i 
Volksglauben die mannigfachsten An¬ 
schauungen, meist zu einem kurzen Spruch 
geprägt. Die Ähnlichkeit der wirbelnden 
Sch.flocken mit Flaumfedern, nach Hero- 
dot 4, 31 eine schon bei den Skythen 
geläufige Parallelisierung, führte zu der 
bekannten Vorstellung, daß Frau Holle 
durch Ausschütteln ihrer Betten den Sch. 
bei uns hervorruft. Oft treten an die 
Stelle der mythologischen Gestalt der 
Frau Holle die Engel oder die Mutter 
Maria, auch einfach die Waldweiber 1 ). 
Nach einer Schweizer Sage wird der Sch. 
aus den Hemdfetzen der „Tante Arie“ 
gebildet, eines teils gut-, teils bösartigen 
Ortsdämons des Berner Jura 2 ). Auch 
auf das Gänserupfen wird das Schneien 
zurückgeführt. In Oldenburg sagt man 
so beim Sch.fall: „De ollen Sillensteder 
Wiwer sünd bit Göseplücken“ 3 ). In 
Schwaben heißt es, der Sch. werde im 
Sommer klein gehackt, auch geschnitzelt 
oder gehäckselt 4 ). Verwandt ist die Auf¬ 
fassung des Sch.s als Wolle, Werg, Abfall 
von Flachs 5 ). In Saulgau sagt man, wenn j 
gefrorener Sch. fällt: „Es wird Asche j 
gesät“ 6 ). Von der Deutung der Sch.- ! 
flocken als Mehl zeugen Sprüche wie: 
„Die Müllerbuben klopfen ihre Kittel 
aus“ (Ellwangen), „Die Müller- und 
Bäckerbuben schlagen einander“ (Mer¬ 
gentheim) 7 ), „Es schneit, da können wir 
Baumkuchen backen“ (Kreuzburg in 
Schlesien) 8 ). Andere hierher gehörige 
Sprüche aus Schwaben lauten: „Es kom¬ 
men Pudelkappen“, „Es fliegen Heu¬ 
mucken“, „Es schneit Schneidergais“ 9 ). 

In Westböhmen sagt man, wenn große 
Flocken fallen: „Heut schneits für die 
Herren“, bei kleinen Flocken: „Heut 
schneits für die Bauern“ 10 ). 

Sch. fall, der Schaden bringt, wird 


auf böse Weiber und Hexen zurückge¬ 
führt 11 ). 

0 ZdVfVk. 9 (1899), 234; Grimm Sagen 
474 Nr. 4; Grimm Mythol. 1, 222; 2, 911; 
3, 314; Sebillot 4, 469, um nur wenige Stellen 
zu nennen. 2 ) ZdVfVk. 25 (1915), 119. 

3 ) Strackerjan 2, 110. 400; s. auch Fogei 
Pennsylvania 221 Nr. 1112. 4 ) Meier Schwaben 

1, 261; Laistner Nebelsagen 325 ff.; Mann¬ 
hardt Götter 94. 5 ) Strackerjan 2, 124 

Nr. 359; s. auch Montanus Volksfeste 38; 
Laistner 331 ff. 6 ) Birlinger Schwaben 

1, 400. 7 ) Birlinger Volksth. 1, 197 f.; Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 135 ff. 8 ) Drechsler 

2, 150. 9 ) Meier Schwaben 1, 262. 10 ) John 
Westböhmen 237. u ) Meyer Baden 552; 
Sebillot i, 98 ff. 

2. Personifikationen. Wie andere 
Naturerscheinungen wurde auch der Sch. 
personifiziert; doch haben wir in Deutsch¬ 
land nur spärliche Belege. In der nor¬ 
dischen Mythologie wurde der Sch. zu 
einem greisen König des kalten Finnland 
mit dem Namen Snaer, „der Alte“. Sein 
Vater ist Jökull (Eisberg) oder Frosti 
(Frost); seine drei Töchter Fönn (dichter 
Sch.), Drifa (Sch.gestöber), Mjöll (feiner,, 
glänzender Sch.). Dreihundert Jahre ist 
König Snaer alt; wenn die Menschen sich 
ein hohes Alter wünschen, sagen sie* 
sie möchten so alt werden wie er 12 ). In 
einer St. Galler Erzählung vom Sch.- 
mannli haben wir einen Beleg für die Sch.- 
geister, die wetterkundig sind und auch 
andere Weissagungen erteilen, ähnlich 
wie die Nebeldämonen 13 ). Auch ein 
Sch.fräulein wird einmal genannt 14 ). 

12 ) Mannhardt Götter 95. 13 ) Kuoni St* 

Galler Sagen 166 ff.; Wettstein Disentis 155 ff. 
14 ) E. H. Meyer G^man. Mythol . 122. 

3. Eine Reihe von Wetterregeln und 
sonstigen Voraussagen stehen mit dem 
Sch. bzw. Sch.fall in Zusammenhang. 
Will der erste Sch. im Herbst nicht von 
den Dächern, so bedeutet das einen frühen 
Frühling; taut er schnell, so wird er im 
Frühjahr lange liegen bleiben und es gibt 
einen späten Frühling (Emmenthal) 15 ). 
Bei Sch.treiben hat man auf lange an¬ 
dauernden Sch. zu rechnen: Treibeschnee 
ist Bleibeschnee; liegt er erst drei Tage,, 
so liegt er auch drei Wochen 16 ). Wenn 
der Sch. im Fallen ans Haus klebt, wird 
es warm 17 ). Schnee, den die Sonne nimmt, 
kommt wieder. Es wird im Winter so- 


1275 


Schnee 



viel Sch. fallen, als Tage sind vom ersten 
Sch.fall bis zum kommenden (gelegent¬ 
lich auch bis zum vorausgehenden) Neu¬ 
mond 19 ). Schneit es auf die Palmen des 
Palmsonntags, dann schneit es auch auf 
die Schöwer (Schober, zusammengestellte 
Garben auf den Erntefeldern) 20 ). Sch. 
an den beiden letzten Faschingstagen 
bedeutet viel Obst und viele Pilze, man¬ 
cherorts allerdings auch viele Raupen 21 ). 
Wenn es zu Neujahr schneit, gibt es 
viele Bienenschwärme (Ostpreußen) 22 ). 
Schnelle Schmelze des Frühlingssch.s 
deutet auf Gedeihen der Frühsaat, das 
Gegenteil auf Gedeihen der Spätsaat 23 ). 
Der Sch. muß die Zaunpfähle einschneien, 
sonst gibt es kein Heu 24 ). Annesensch. 
(Andreassch.) tut den Samen weh 25 ). 
Schneit es bei einem Brand, so fängt 
die Brandstelle am folgenden Tag wieder 
zu brennen an 26 ). 

Wenn es in den Brautkranz schneit, 
so bedeutet dies Glück (Lauenburg) 27 ). 
In Schlesien bedeutet Sch.fall bei be¬ 
liebigem Anlaß Glück 28 ). 

Aber auch Unglück kann durch Sch. 
bewirkt bzw. angezeigt werden. So führte 
man einmal im Voigtland ein großes Vieh¬ 
sterben auf einen blutigen Sch. zurück, 
der kurz vorher gefallen war 29 ). Das 
Wesentliche ist hier natürlich die blutige 
Farbe des Sch.s. Welche Erscheinung die 
natürlich falsche Deutung als blutiger 
Sch. zugrundeliegt, ist nicht festgestellt. 
Ganz äußerliche Symbolik enthält fol¬ 
gende Anschauung: Wenn zwischen Weih¬ 
nachten und Neujahr große Sch.flocken 
fallen, dann sterben im folgenden Jahr 
meist alte Leute, bei kleinen Flocken 
hauptsächlich junge 30 ). Eine noch hier¬ 
hergehörige Regel aus der Oberpfalz 
lautet: Fällt an Mariae Lichtmeß Sch., 
dann sterben viele Wöchnerinnen 31 ). 


Hierher gehört auch eine weit (auch 
über Deutschland hinaus) verbreitete 
Legende, nach der die Muttergottes Maria 
durch Sch.fall Ort, Lage und Größe der 
ihr versprochenen Kirche, wie sie es 
wünscht, anzeigt 32 ). Diese Legende hat 
sich mit einer Kirche in Rom verbunden; 
das Fest Mariae Schnee, das nach dem 


römischen Meßbuch am 5. August ge¬ 
feiert wird, ist darauf zurückzuführen. 

Zu diesen Regeln und Anschauungen, 
in denen der Sch. das Mittel der Voraus¬ 
sage ist, treten einige andere, in denen der 
Sch.fall selbst angezeigt wird. Auf Sch. 
deutet es, wenn ein Strohhalm in der 
Stube liegt, oder wenn ein brennender 
Span im Winter einen großen Rispel 
hat 33 ). Auf frühen Sch. deutet es, wenn 
die Ameisen hoch im Heu zu finden sind; 

auf späten, wenn tief 34 ). 

15 ) SAVk. 15 (1911), 6. 1Ä ) ZdVfVk. 9 

(1899), 234. 17 ) Urquell 4 (1893). 89. 

l9 ) ZdVfVk. 23 (1913)» 61; s. auch Fogel 
Pennsylv. 223 Nr. 1128. 20 ) ZdVfVk. 4 (1894), 
110. 21 ) Ebd. 4 (1894), 322. 22 ) Wuttke 

97 § 266. 23 ) Urquell 4 (1893), 90. 24 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 135. 25 ) Ebd. 2, 135. 

26 ) John Erzgebirge 251. 27 ) Wuttke 97 

§ 266. 28 ) Drechsler 1,258. 29 ) Eisei Voigt¬ 
land 262 Nr. 660. 30 ) ZdVfVk. 9 (1899), 234. 

31 ) Schönwerth Oberpf. 1, 207. 32 ) Möllen¬ 

hoff Sagen 113 f. Nr. 141; Witzschel Thüringen 
2, 49 Nr. 52; Meiche Sagen 653 Nr. 609; 
Sebillot 4, 123. 33 ) Grimm Mythol. 3, 474 

Nr. 1043; 3, 475 Nr. 1094. 34 ) Heyl Tirol 

790 Nr. 196. 

4. Auch Heilkräfte birgt der Sch. 
nach dem Glauben des Volkes in sich. 
So soll man bei Frostbeulen die Füße in 
Sch. baden oder in eiskaltes Wasser 
stecken 85 ). Gegen Augenweh vor allem 
hilft Sch.wasser 36 ). Auch zur Vertreibung 
von Sommersprossen und sonstigen Schön¬ 
heitsfehlern, überhaupt zur Erzielung von 
Schönheit dient das Sch.wasser, besonders 
das des Märzsch.s 37 ). Mancherorts wa¬ 
schen sich die Leute am Karfreitag mit 
Sch., damit sie das ganze Jahr hindurch 
schön weiß sind; doch genügt auch Flu߬ 
wasser; die Wirkung hängt also in erster 
Linie von der Beobachtung des Tages 
ab 38 ). Sch.wasser vom erstgefallenen 
Sch. schützt die damit begossenen Pflan¬ 
zen vor dem Erdfloh 39 ). Eine in Mecklen¬ 
burg, Thüringen, der Lausitz und sonst 
geläufige Anschauung sagt, man dürfe 
Kinder nicht entwöhnen, wenn Sch. liegt, 
sonst bekämen sie weiße Haare 40 ). 

35 ) ZrwVk. i (1904), 103. 36 ) Fogel Penn¬ 

sylvania 270 Nr. 1401; Sebillot 1, 95 ü. 
37 ) Seyfarth Sachsen 252. 38 ) Grohmann 

46. 39 ) ZföVk. 4 (1898), 214. 40 ) Andree 

Braunschweig 293; Wuttke 392 § 601; Fogel 
Pennsylvania 46 f. 



1277 


Schneeballgebet 



5. Sonstiges. Über die Herkunft der 
weißen Farbe des Sch.s geht in der Ober¬ 
pfalz folgende schöne Legende: Als Gott 
alles erschaffen hatte, Gras, Kräuter, 
Blumen mit ihren bunten Farben, sagte 
er zum Sch., der noch allein keine Farbe 
hatte, er solle sie sich sonstwo suchen, da 
er ja doch alles fresse. Der geht also zu 
Gras, Rose, Sonnenblume, Veilchen und 
bittet um ein bißchen Farbe, wird aber 
überall abgewiesen. Da denkt er nach, 
wie er sich rächen könne. Doch da er¬ 
barmt sich seiner zuletzt das Sch.glöck- 
chen und bietet ihm sein Mäntelchen an. 
Daher ist der Sch. allen Blumen Feind, 
außer dem Sch.glöckchen 41 ). 

Auch einige Rätsel des Volksmundes 
haben den Sch. zum Gegenstand. In 
Oldenburg lautet eines: Keem 'n Kärl 
van 'n Himmel, wull de ganze Welt be¬ 
decken, kunn nich eenen Pohl (Wasser¬ 
tümpel) bedecken 42 ). Das bekannteste 
ist das Rätsel vom Sch. und der Sonne, 
das sich schon im Althochdeutschen 
findet und in seiner geläufigsten Form 
so lautet: 


Da kam ein Vogel federlos, 
saß auf dem Baum blattlos. 
Da kam die Jungfer mundlos 
und aß den Vogel federlos 
von dem Baume blattlos 43 ). 


Einen verborgenen Goldschatz stellt 
der Sch. dar in folgender vereinzelter 
Geschichte aus dem badischen Oden¬ 
wald: Ein Mann sieht in mondheller 
Nacht auf dem Weg zwischen Hettingen 
und Götzingen um einen Baum herum 
fußhohen Sch. liegen. Er umgeht ihn vor¬ 
sichtig, um sich die Schuhe nicht schmut¬ 
zig zu machen; erst als er vorbei ist, fällt 
ihm auf, daß Sch. um diese Jahreszeit — 
es ist Hochsommer — etwas Seltsames 
sei; doch als er sich umwendet, ist der Sch. 
verschwunden. Wäre er hindurchge¬ 
schritten, hätte sich der Sch. in Gold 
verwandelt 44 ). 

In Schwaben findet sich ein Hügel, 
auf dem den ganzen Winter hindurch 
kein Sch. liegen bleibt; in alten Zeiten 
soll da ein Schloß gestanden haben und 
mit unermeßlichen Schätzen in die Tiefe 
gesunken sein 45 ). In der Nähe von Kon¬ 


stanz bleibt eine Mordstelle dauernd von 


Sch. frei 46 ). 

Eine Warnung, nicht in den Sch. zu 
schreiben, findet sich in den Schriften des 
Humanisten Giraldi (1479—1552). In 
seiner Erklärung pythagoreischer Sym¬ 
bole, die teils antikes Überlieferungsgut 
enthält, größtenteils Fälschungen, meist 
Entlehnungen aus den Adagia des 
Erasmus, findet sich der Spruch: in nive 
non scribendum; in der antiken Über¬ 
lieferung findet sich der Spruch nicht; 
sein Sinn ist unklar; vielleicht ist er durch 


das: in aqua scribis aus Erasmus Chil. 1, 
4, 56 p. 134 veranlaßt 47 ). 

41 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 1370. 42 )Strak- 
kerj an 2, 110. 43 ) SAVk. 24,109ff. 44 ) Schmitt 
Hettingen 9, 11. 45 ) Meier Schwaben 1, 5 Nr. 3. 
46 ) Waibel und Flamm 1, 57 nach Zim- 
mernsche Chronik 1, 453. 47 ) ZfVk. 25, 22. 29. 

Zimmermann. 


Schneeballgebet (s. Kettengebet). Es 
ist im wesentlichen die gleiche Erscheinung 
wie das Kettengebet (s. d.). Auch hier 
handelt es sich um ein kurzes Gebet ganz 
allgemeinen Inhalts, an das sich die Auf¬ 
forderung an den Empfänger schließt, es 
neunmal abzuschreiben und täglich an 
eine Person zu versenden. Wer es tut, hat 
nach 9 Tagen Glück, wer es unterläßt 
kann Unglück erleben. Der Gebetstext 
lautet —mit geringen Varianten: „Gebet! 
O süßer Jesus! Wir bringen Dir unsere 
Bitte vor, o großer Gott! Habe Erbarmen 
mit uns und der ganzen Welt! Wasche 
unsere Sünden mit deinem heiligsten, 
teuersten Blute ab, jetzt und in Ewigkeit. 
Amen“ x ). Während des Krieges ge¬ 
wannen auch die Sch.e eine ungeheure 
Verbreitung; sie dienten den Soldaten 
vielfach als magische Amulette (s. Schutz¬ 
briefe). Dabei wurde als „Gebet“ von 
München aus sogar Bismarcks Aus¬ 
spruch „Wir Deutsche fürchten Gott, 
sonst nichts auf der Welt“ verbreitet. 
Der Unfug nahm in der Kriegszeit solchen 
Umfang an, daß der Polizeipräsident von 
Frankfurt a. M. amtlich bekannt gab, daß 
die Verbreitung dieser Texte strafbar 
sei 2 ). 

l ) Nach R. Fr. Kaindl in ZfVk. 21 (1911), 
403; vgl. Grabinski Neuere Mystik 59t.; 
ZfVk. 26, 327. 2 ) Kronfeld Krieg 21. 

f Stube. 


1279 


Schneegans— Schneeglöckchen 


1280 


Schneegans, Wildgans, Graugans 
(Anser cinereus, nicht Chen hyper- 
boreus, die in Mitteleuropa selten) *)• 
Eine biologische Eigenheit der Sch. 
ist ihr hohes Alter 2 ). Gesner berichtet 
auch (nach Plutarch, de solert. anim.), 
daß die Sch.e beim Fliegen über den 
Taurus aus Furcht vor dem Adler einen 
Stein in den Schnabel nehmen, um nicht 
zu schreien. Die Sch. gilt vielfach als 
Wetterprophet, besonders als Vor¬ 
zeichen der Kälte 3 ). Frisch sagt in 
seinem Wörterbuch 2, 213 a (nach DWb. 

9, 1252): ,,anser ferus, qui imminente 
nivis et frigoris tempore migrat in loca 
mitiora“. Fliegen die wilden Gänse hoch, 
ruhig und in der gewöhnlichen Ordnung, 
so wird oder bleibt das Wetter still, aber 
kalt, fliegen sie niedrig und in Unordnung, 
so tritt Schneesturm ein 4 ). Im Erz¬ 
gebirge heißt es: Ziehende Sch.e bringen 
in 14 Tagen Schnee 5 ), in Württemberg 
und ähnlich in Baden: Bilden sie beim 
Flug einen spitzen Winkel („Heulieher“), 
so wird es kalt, einen stumpfen (,,Pflug¬ 
schleife“), so wird es wärmer 6 ). 

Volksmedizinisches bei Gesner 
scheint nur auf antiken Quellen zu be¬ 
ruhen. 

Über einen merkwürdigen Brauch 
in Hessen berichtet die ZfVk. 18, 312: 
Wer die ersten Sch.e von Süden nach 1 
Norden ziehen sah, und im Herbst von 
Norden nach Süden, bekam von der 
Großmutter ein Geschenk. Sie erzählte, 
wenn man sie irreführen wollte, um sie 
länger sehen zu können, der müßte dem 
linken Fuß den Schuh und Strumpf aus- 
ziehen und ihnen das bloße Bein zeigen 
und sich auf die Erde legen; dann wären 
sie so lange irre, bis wir Strumpf und 
Schuh wieder angezogen und aufgestanden 
wären. Durch Runterkucken würde der 
Führer an der Spitze irre, und der ganze 
Zug käme in Unordnung (Aufgeschrieben 
von dem Arbeiter Drude, der früher 
Schäfer in Ehringen, Kreis Wolfhagen in 
Hessen, war). 

Zwei Sagen erzählt Grimm in seiner 
Mythologie (2, 919): 1. Ein Jäger schoß 
nach Wildgänsen und traf eine, die herab 
ins Gebüsch fiel; als er hinzutrat, fand er 


eine nackte Frau unverwundet darin 
sitzen, die ihm wohlbekannt war und die 
ihn dringend bat, sie nicht zu verraten 
und ihr aus ihrem Hause Kleider bringen 
zu lassen. Er warf ihr sein Schnupftuch 
zur Bedeckung zu und ließ die Kleider 
holen (n. Mones Anzeiger 6, 395). 

2. Niklaus von Wyle überliefert uns, ein 
Wirt sei durch Zauberei einer Frau länger 
als ein Jahr wilde Gans gewesen, bis er 
sich einmal mit einer andern Gans ge¬ 
zankt und gebissen und diese ihm zu¬ 
fällig das Tüchlein, worin der Zauber 
verstrickt war, vom Hals abgerissen habe. 
— Endlich Birlinger (Aus Schwaben 1, 
103 f.), nach der Zimmerschen Chronik, 
von einer Gräfin von Aichelberg, geb. von 
Ravenstein, die die schadenbringenden 
Sch.e durch Aufstecken einer hölzernen 
Gans von Äckern ihrer Bauern verbannt 
habe. 

*) Suolahti Vogelnamen 416; DWb. 9, 1232; 
Schwjd. 2, 374; Fischer SchwäbWb. 5, 1050; 
Gesner Vogelbuch 62 ff. 2 ) Ebd. 63 b; 
Albertus De anim. 23, 24; DWb. 9, 1232. 
3 ) Suolahti a. a. O. (zitiert Albertus Mag¬ 
nus 23, 23). 4 ) Orphal Wetterpropheten 74. 

166; SAVk. 12, 18; England: Swainson British 
Birds 147 f.; Norwegen: Storaker Elementerne 
i den norske Folketro (Oslo 1924) Nr. 279 f. 
5 ) John Erzgebirge 235. 6 ) Fischer SchwäbWb. 

5, 1050; Meyer Baden 416. 

Hoff mann-Kray er. 

Schneeglöckchen (Galanthus nivalis). 
Zwiebelgewächs mit schmalen Blättern 
und weißen Blüten mit 6 Perigonblättern, 
von denen die drei inneren an der Spitze 
grün gefleckt sind. Als eine der ersten 
Frühlingsblumen (oft schon im Februar 
blühend) wird das Sch. häufig in Gärten 
gepflanzt, ab und zu kommt es auch wild 
vor. Nach einer Legende hat bei der Er¬ 
schaffung der Welt das Sch. dem Schnee 
seine Farbe verliehen (oder auch um¬ 
gekehrt), daher sind Schnee und Sch. so 
gute Freunde, während der Schnee den 
anderen Blumen feind ist x ). Mit dem 
ersten Sch., das man im Frühjahr sieht, 
soll man sich die Augen auswischen; dann 
werden sie das ganze Jahr nicht krank, 
und wenn sie krank sind, so werden sie 
gesund 2 ), vgl. Frühlingsblumen, Wind¬ 
röschen. In England heißt es, daß man 
die Sch. nicht ins Haus bringen dürfe. 




schneeweiß — Schnittlauch 


1282 



n 




1281 

sie gelten (wegen der weißen Blüten¬ 
farbe) als Todesboten 3 ), bewirken, daß 
die Milch der Kühe wässerig wird 4 ) und 
die jungen Hühner nicht ausgebrütet 
werden 5 ), s. Schlüsselblume. Die Slo¬ 
waken graben die Zwiebeln der Sch. aus 
und geben sie den Kühen, damit ihnen die 
Zauberinnen nicht die Milch wegnehmen 6 ) 

J ) Schönwerth Oberpfalz 2, 137; Schulle- 
rus Pflanzen 143; Knoop Pflanzenwelt 11, 87; 
FFC. 37, 92. 2 ) Grohmann 90 = Wuttke 

101 § 127, vgl. Zahler Simmenthal 101 (,,Schnee- 
blüraly“ für böse Augen). 3 ) Dyer Plants 274; 
Bartels Pflanzen 11. 4 ) Burne Hb. of Folkl. 

1914,37. 6 ) FL. 20, 343. 6 ) Hovorka u. Kron- 
feld 1, 385. Marzell 

9 

schneeweiß s. weiß. 

Schneidendes s. Nachtrag. 

Schneider s. Nachtrag. 

schneien s. Schnee. 

schnell s. gehen. 

schnellen s. prellen (7, 306). 

Schnepfe. Es kommen im Wesent¬ 
lichen zwei Arten in Betracht: 1. die 
Wald-Sch. oder Sch. an und für sich 
(Scolopax rusticola L.), 2. die Heer-Sch., 
Bekassine (Gallinago gallinago s. scolo- 
pacina), auch Himmelsziege u. a. 

(s. d. Bd. 4, 35) ü- 

Die Sch. (vorwiegend die Heer-Sch.) 
wird von den Mythologen nach Jakob 
Grimm, der sich noch vorsichtig aus¬ 
drückt 2 ), wegen ihres mundartlichen Na¬ 
mens ,,Donnerziege“ als dem Donar 
heiliges Tier bezeichnet 3 ); doch s. u. 
Orakel. Zuweilen ist sie Hexentier 
(vgl. u. Orakel). Hörte man im Voigt¬ 
land das Geschrei der Heer-Sch.en, so ! 
glaubte man, Hexen flögen durch die 
Luft 4 ). Ein Pfarrer, der nach einer Sch. 
geschossen, hatte eine weit entfernt woh¬ 
nende Hexe getroffen 5 ). 

Die Sch. ist Wetterprophet. Wenn 
das Wetter ändert, so stößt sie ein 
meckerndes (Himmelsziege) Geschrei 
aus 6 ). Namentlich aber verkündet sie 
Gewitter 7 ) oder Regen 8 ). Unglück: 
Wenn Brautleute beim Verlassen der 
Kirche einem alten Weibe, einer Katze, 
einem Hasen oder einer Sch. (s. o. Hexen- 
tier) begegnen, so bedeutet das Unglück 

B ächtold-Stäubli, Aberglaube VII. 


in der Ehe 9 ). In Skandinavien ist sie 
überhaupt Schicksal kündend 10 ). 

Sch.nköpfe wurden als Mittel gegen 
Zauberei den Kindern angehängt n ). 
Urr, Jungbunzlau glauben die Jäger, 
wenn man mit Sch.nkot das Pulver 
menge, so habe es zauberische Kraft 12 ). 

Im Böhmerwald kennt man folgendes 
Mittel gegen das Fieber: Man geht vor 
Sonnenaufgang in den Wald, sucht ein 
Sch.nnest, nimmt ein Junges heraus 
und behält es drei Tage bei sich. Nach 
drei Tagen geht man in den Wald zurück 
und läßt die Schnepfe los; alsogleich 
verliert man das Fieber. (Von einem 
Kellner aus Budweis, A. Schramek, aus 
Prag) 1 3 ). 

Nach dänischem Glauben werden die 
alten Junggesellen in Moor-Sch.n ver¬ 
wandelt 14 ). 

1 ) Suolahti Vogelnamen 274 ff. 2 ) Myth. 
1, 153. 3 ) Mannhardt Germ. Mythen 4h; 

Simrock Myth.* 237; Sommer Sagen ; 
Laistner Sphinx 2, 250 ff. 4 ) Köhler Voigt¬ 
land 420. 5 ) Schell Belgische Sagen 338. 

b ) Baumgarten A. d. Heimat 1, 97. 7 ) Grimm 
Myth. 1, 153; 2, 502; DWb. 2, 1258 (nach 
Grimm identisch mit Regenpfeifer, s. 
Charadrius Bd. 2, 20) (zit. auch Meckl. 
Jahrbb. 20, 180); Simrock Myth* 237; 

Meyer Myth. 110. 8 ) Hopf Tierorakel 170 

(nach Aldrovandus Ornith.) ; Gesner Vogel¬ 
buch 112. *) Grohmann 120, Nr. 916. 10 ) 

Grimm Myth. 1, 153; DWb. 2, 1258. n ) Mon¬ 
tanus Volksfeste 177 (ohne Quelle). 12 ) Groh¬ 
mann 208 Nr. 1443. 13 ) Ebd. 166 Nr. 1173. 

14 ) Dähnhardt Naturs. 3, 406. Vgl. Haber¬ 
geiß (Bd. 3, 1291, wo cs in Anm. 18 heißen 
muß: Laistner Sphinx 2, 233 ff.), Himmels¬ 
ziege (Bd. 4, 35). Hoffmann-Krayer. 

Schnitt, Schnitter s. Nachtrag. 
Schnittlauch (Allium Schoenoprasum). 
Lauchart mit röhrenförmigen, stielrunden 
Blättern und bläulichroten Blüten. Als 
Speisegewürz für Suppen 11 sw. oft in 
I Gärten gezogen. 

' Der Sch. darf nicht bei abnehmendem 

I 

I Mond verpflanzt werden, sonst „ver¬ 
kriecht“ er sich in der Erde x ), am 
besten gedeiht er, wenn man ihn am 
Vorabend von Georgi (s. 3, 650) versetzt 2 ). 
Man düngt ihn mit Kaffeesatz 3 ). Wenn 
man schönen Sch. ziehen will, muß er 
gebettelt oder gestohlen sein 4 ), vgl. 
Raute. Der Tod des Hausherrn wird 
j auch dem Sch. angesagt 5 ). 

4ia 




1283 


Schnupfen—Schnur 


1284 


*) Marzell Bayer. Volksbot. 102; Barbisch 
Vandans 1922, 322. 2 ) Marzell a. a. O. 121. 

3 ) Wartmann St.Gallen 10; Eberli Thurgau 
135. 4 ) Vonbun Beiträge 132; Barbisch 

Vandans 1922, 348; Fischer SchwäbWb. 5, 
1077. 6 ) Freiburg i. B.: Meyer Baden 585. 

2. Je schöner im Garten der Sch. ist, 
desto böser ist die Hausfrau 6 ), vgl. 
Petersilie. Im Schwäbischen heißt es: 
„Wo der Sch. und d’ Katz nex (nichts) 
ist, da ist au* s' Weib nex“ 7 ). Wenn der 
Sch. „verkreist“ (verwächst), stirbt je¬ 
mand aus dem Haus 8 ). 

6 ) Oberes Eisacktal: Der Schiern 8 (1927), 126. 
7 ) Fischer SchwäbWb. 5, 1077. 8 j Ebd. 

3. Als erstes Grün gehört der Sch. zum 
Gründonnerstaggemüse, dessen Genuß 
Gesundheit verleiht 9 ). In Rußland 
bäckt man an Christi Himmelfahrt 
Piroggen (Pasteten) mit Sch. als Erstlings¬ 
gemüse im Frühjahr 10 ). 

°) Wuttke 74 §86; Drechsler Schlesien 
2, 209. 10 ) Yermoloff Volkskalender 243. 

Marzell. 

Schnupfen s. Nachtrag. 

Schnupftabak. Seine Verwendung 
als Niesmittel gründet sich auf die alte *) 
und neuere Anschauung 2 ), daß mit dem 
Nasenschleim Krankheitsstoffe aus Kopf 
und Hirn herausfließen. Diese Auffassung 
kommt auch in den Aufschriften zu dem 
echten Schneeberger Sch. zum Ausdruck: 
,,Dieses edle, gerechte und approbierte 
Schneeberger Haupt-, Hirn- und Flu߬ 
pulver des Tages etlichemal gebraucht ist 
gut für den Schwindel, verzehret die 
Flüsse, stärket das Gedächtnis und führet 
viel Feuchtigkeit aus dem Gehirn“ 3 ). 
Ähnliche Wirkung schrieb man dem 
Oberurner ,,Veieli“ (Amikablüten mit 
,,Schneeberger“ vermischt) 4 ) zu. Sch. 
aus Maiglöckchenblüten verwendet man 
gegen den Schlagfluß 6 ). 

Weitere Verwendung in der Volks¬ 
medizin findet Sch. gegen Zahn¬ 
schmerzen 6 ), Schlucken 7 ), üblen Geruch 8 ), 
gegen Schwangerschaft und zur Abtrei¬ 
bung der Frucht 9 ). Er wurde aufgelegt 
bei Croup (Stickhusten) 10 ), sowie auf 
offene Wunden u ). Simplizissimus bereitet 
aus geröstetem Nasenblut Sch. gegen das 
Nasenbluten 12 ). Dasselbe Mittel finden 
wir in der jüdischen Volksmedizin 13 ). 


Gibt man jemand in Schwaben ge¬ 
dörrte Fuchsleber zu schnupfen, so wird 
er niesen und in die Hosen machen in 
einem Atem 14 ). Im Zürcher Unterland 
tat man anderen Rosstaub in die Sch.s- 
dose, um sie zu heftigem Niesen zu 
bringen 15 ). 

Niesen gilt als Glückszeichen; deswegen 
nehmen die Esten Sch. am Christ¬ 
morgen 16 ). 

*) oben 5, 232 f.; Hildegardis causae et 
curae (ed. Kaiser) 38; Tabernaemontanus 
Artzneyb. (1597) 45 b. Nach Zeugnissen De 
La Vejas war dies auch die Meinung der Wilden 
bei der Entdeckung Amerikas (Flügel Volks¬ 
medizin 6). 2 ) Flügel Volksmedizin 6 (Franken). 

3 ) Bargheer Eingeweide 351; Jungbauer 
Volksmedizin 140; Seyfarth Sachsen 299. 

4 ) Schweizld. 9, 1261. 5 ) Hovorka u. Kron- 

feld 1. 284; vgl. Leoprechting Lechrain 90. 
6 ) Manz Sargans 56. 7 ) Hovorka u. Kron- 

feld 2, 198. In Oberbayern wird S. aus Stein¬ 
bockshorndosen gegen den „Schnackler" ge¬ 
nommen (Höfler Organotherapie 97); vgl. 
Lammert 242. 8 ) Flügel Volksmedizin 6 

(Franken). ®) Jungbauer Volksmedizin 48; 
Hovorka u. Kronfeld 1, 160 (Hippokrates). 
10 ) Joh. Fr. Osiander Volksarzneimittel (Han- 
nov. 1861) 108. n ) Manz Sargans 70. 12 )Amers- 
bach Grimmelshausen 2, 60. 13 ) Strack Blut 99. 
14 ) Buck Volksmedizin 49. 15 ) Messikommer 
26. 16 ) Boeder Ehsten 92. Groth. 

Schnupftuch s. Taschentuch. 

Schnur, s. Faden. Ein geflochtener 
Faden hat die Eigenschaft des Fadens 
in erhöhtem Maße, wie alles Verflechten, 
Verknoten, Verdrehen die bindende Kraft 
in jeder Beziehung steigert. Infolge¬ 
dessen hat z. B. die goldene Schnur in 
einem schlesischen Liede den Sinn des 
hegenden Fadens 1 ). Zur Vertreibung 
von Warzen wird häufig eine Schnur ge¬ 
fordert 2 ). Eine Sch. um den Hals oder 
Kopf vermag ein Kind zu schützen 
genau wie der Faden 3 ). Was man sonst 
binden nennt (s. d.) wird vielfach, ohne 
damit etwas besonderes sagen zu wollen, 
als Schnüren bezeichnet 4 ). Eine ähnliche 
Steigerung der bindenden Kraft verur¬ 
sacht der Knoten (s. d.), die Schlinge 
(s. d.) und der gezwirnte Faden (Art. 
Zwirn). 

*) Vernaleken Mythen 299; allgemein 
Knuchel 104. 2 ) Seyfarth Sachsen 184. 234; 
Manz 60; SAVk. 2, 260. 3 ) Seligmann 2, 228 
aus Frankreich; ZföVk. 10, 98 aus slavischem 


1285 


schnüren—Schrat, Schrättel 


1286 


Gebiet; die rauhe 
,,der rohe Faden“. 
,,binden“ II. 


Schnur Unoth 1, 189 ist 
4 ) S. die Stellen zu 

Aly. 


M'l 


P 

l 1 


t 


schnüren s. binden. 

Schnurrbart s. Bart. 

Scholle (Pleuronectes latessa) und die 
Flunder (P. flesus). Humoristisch- 
märchenhafte Erzählungen berichten, wo¬ 
her die Sch. oder die Flunder oder der 
Steinbutt ein schiefes Maul bekommen 
haben *). 

M Grimm KHM. Nr. 172; dazu Bolte- 
Poiivka 3, 284 (mit weiterer Lit.); ZfVk. 
16, 391 ff. 

Hoff mann-Kray er. 

Schöllkraut s. Sc hellkraut. 

Schönbartlaufen s. Schemen laufen. 

Schönetrinken s. Min ne trinken. 

Schornstein s. Nachtrag. 

Schoßwurz s. Eberreis. 

Schradellaub s. Stechpalme. 

Schrat, Schrättel (Schraz, Schrätzel). 

Bezeichnung für den Waldgeist, Kobold, 

A1 P (vgl- 5 > 1794 *•)• 

1. Der Name, schon althochdeutsch in 
den beiden Formen scrato sw.M. 4 ) und 
scra(a)z, (skrez) st. M. 2 ), mittelhd. als 
schrate , schretel (in), schraz , schrawaz , 
schreczl(in) 3 ) belegt, erscheint heute in 
Süd-, bes. SW-Deutschland, aber auch 
im Fichtelgebirge 4 ) und in der Ober¬ 
pfalz 5 ) in den verschiedensten Ablei¬ 
tungen und Entstellungen: als Schrat(t) e ), 
Schrat(t)el 7 ), Schrät(t)ele 8 ), Schrät(t)~ 
lein 9 ), Schrättli(n)g 10 ), Schröt(t)ele n ), 
Schröttlich 12 ), Schreitet 1 *), Strätteli 14 ), 
Strädel 15 ), Rettete 16 ); Schraz 17 ), Schrätzel 18 ), 
S ehr ätzlein 19 ), Schrätzmännel 20 ), Strazel , 
Strasel, Sehr äset 21 ), Scherzet 22 ), Ratz (pl. 
Razen ) 23 ), Rätzel 24 ); Schrecksele 2 *), Schreck - 
le 26 ), Schragerl 21 ), Schrackagerl,Stracka- 
gerl 2 *),Sträggele 29 ) ;Schlaarzla(?) 30 ) ; Schräke - 
lein 31 ); Letzet und Letzekäppel(l) 32 ). Der 
Name war früher weiter verbreitet; heute 
scheint er in Mittel- und Norddeutschland 
ausgestorben. Die Grenzen der Ver¬ 
breitung der einzelnen Formen sind noch 
nicht fest gestellt. — Aus dem Deutschen 
ist das Wort in die benachbarten sla- 
vischen Sprachen gedrungen: poln. (vor 
1500) skrzat und skrzot ,,Hausgeist, 


Zwerg“ 33 ), tschech. skrat, skrdtek, skritek 
,,Kobold, Gold bringender Teufel“ 34 ), 
slow. Skrat, skratek , skratelj ,,Kobold, 
Bergmännchen ‘ ‘, skratcc ,, Windwirbel, 
Weichselzopf“ 35 ). — Hd. Schrat gehört 
zusammen mit altnord, skrat(t)i ,,Zau¬ 
berer, Riese“, neuisl. skratti ,,Teufel“, 
vatnskratti ,,Wassergeist“ 36 ), schwed. 
skratte ,,Narr, Zauberer, Teufel“ 37 ), neu- 
engl. (dial.) scrat ,,Teufel 1 ‘ 38 ) (aus dem 
Nordgerm, von den Esten als krat ,,Ko¬ 
bold, Drak“ entlehnt) 39 ); doch macht 
das Nebeneinander der hochd. Formen 
mit t und mit 2 Schwierigkeiten. —• Die 
Etymologie des anscheinend germ. Wortes 
ist dunkel: Mogk stellt es (wie Cleasby- 
Vigfusson) zu norw. schwed. skratta 
,,(laut) lachen“, dän. skratte „klirren“, 
skrade „rasseln“ 40 ); Falk und Torp zu 
norw. skreda „Schwächling“, mittelndd. 
schrade „dünn, mager, kümmerlich" 41 ). 

*) Steinmeyer Althd. Gl. 1, 602, 12 f.; 2, 17, 
46. 159, 29. 160, 3. 469, 4. 518, 35. 534, 43. 550, 
58. 570, 61. 678, 45; 3, 244, 22. 672, 49. 674, 
25 (waltscrate) ; 4, 204, 5. 373, 7; auch sletto 
H 5 ßo * 5 °* 2 ) Ebd. 1,589, 26 (pl. scrazza). 602, 
14 ( scraaz ); 2, 412, 57 {skrez) ; 3, 220, 32 

(screiz ). 244, 22 (pl. screzza, screzzolscratto) ; 
273, 43 (pl- walts[c]raze) . 278, 15 (pl. screza ); 
4* 243, 3 ( scraz ); auch sklezzo 2, 23, 59; slezzo 
III 501, 30; vgl. schletzen und Zwerge bei Wick- 
ram, ZfdA. 8,412. 3 ) MhdWb. 2, 2c>5a;Lexer 
Mhd. Hdwb. 2, 788 f., 792; 3,663 {waltschrate) ; 
Diefenbach Glossar 293b. 422a; Schmel- 
ler BayWb. 2, 610 f.; Franz Nie. de Jawer 172. 
4 ) Bavaria 3, 306; Köhler Voigtland 479; 
Zapf Fichtelgeb. 43. 5 ) Schönwerth Ober¬ 

pfalz 2, 288 ff. 6 ) Hertz Elsaß 73; Birlinger 
Volksth. 1, 305; Bohnenberger 6; Fischer 
SchwäbWb. 5, 1131; Rochholz Naturmythen 
108; Lütolf Sagen 59 ff.; Reiser Allgäu 198; 
Savi-Lopez Alpensagen 205; Schmeller 
BayWb. 2, 611 (Sette Communi); Gräber 
Kärnten 36. 7 ) ZfVk. 1, 216; 6, 324; 7, 253; 

8, 446; Bohnenberger 6; Fischer SchwäbWb. 
5, 1130; Andree-Eysn Volkskundliches 114; 
ZfdMyth. 4, 298; Depiny Sagenbuch S. 45 
Nr. 90; Gera mb Brauchtum 80; Gräber 
Kärnten 34; ZföVk. i, 216; 3, 51. 270. 8 ) ZfVk. 
8, 446; 23, 119; Stöber Eis. Volksbüchl. 112; 
Hertz Elsaß 73; Martin u. Lienhart Elsäss. 
Wb. 2, 519; Meyer Baden 550; Künzig Bad. 
Sagen Nr. 54 ff.; Alemannia 25, 34; Bohnen¬ 
berger 6; Birlinger Volksth. 1, 304!.; Ders. 
Schwaben 1, 129 f.; Meier Schwaben 1, 171 f.; 
Höhn Volksheilkunde 136; Fischer SchwäbWb. 
5, 1130; Lütolf Sagen 59 f.; Kohlrusch 

Sagen 318; SAVk. 2, 272; 20, 63; Vonbun 
Sagen 78; Ders. Beiträge 39; Alpenburg Tirol 
269; Vernaleken Alpensagen 178. 179. 395; 


1287 


Schrat, Schrättel 


1288 


Panzer Beitrag 2, 299 f. 9 ) Laistner Sphinx 
2, 210; Jahn Opfergebr. 285; Birlinger 

Volksth. 1, 305; Fischer SchwäbWb. 5, 1130; 
Höhn Volksheilkunde 136; Niderberger 
Unterwalden i, 181; Vernaleken Alpensagen 
173; Alpenburg Tirol 269. 10 ) Liitolf Sagen 
59; Kuoni St. Galler Sagen 12. 17. 51. 67. 70. 
80. 11 r. 120. 179. 280; Manz Volksbrauch 105, 
110, 113; Savi-Lopez Alpensagen 205; Von- 
bun Sagen 78 f.; Ders. Beiträge 39. n ) Waibel 
u. Flamm 2, 138. 264. 265; Liitolf Sagen 60. 
12 ) Alpenburg Tirol 269. 13 ) ZfVk. 10, 234. 

14 ) SchwVk. 1, 93. 15 ) Stoll Zauberglaube 160 f. 
16 ) Hertz Elsaß 73; Meier Schwaben 1, 173; 
Fischer SchiväbWb. 5, 1130. 17 ) Panzer 

Beitrag 1, in; Schönwerth Ober pfalz 2, 
290 f.; Schmeller BayWb. 2, 614; Alpen¬ 
burg Tirol 269; Sommert Tillenwunder 89. 

18 ) Wuttke 26, 273; Hoops Rcallex. 4, 139; 
Stöber Elsäss. Volk sh. 112; Meyer Baden 
550; Meier Schwaben 1, 173; Lütolf Sagen 60; 
Alpenburg Tirol 269; Bavaria 3, 306; Köhler 
Voigtland 479; Zapf Fichtelgeb. 43; Schön- 
werth Oberpfalz 2, 290 f.; Ders. Nachlaß 105. 

19 ) Hoops Rcallex. 4, 139; Güntert Kalypso 

234; Vonbun Sagen 79. 20 ) Stöber Elsaß 1, S. 
85; Hertz Elsaß 73; Martinu. Lienhart Elsäss- 
Wb. 2,520. 21 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 290 ff. 
22 ) Grimm DWb. 8, 2597. 23 ) Schönwerth 2, 

288. 290 f. 300. 24 ) Stöber Eis. Volksb. 112; 
Hertz Elsaß 73; Meyer Baden 550; Künzig 
Bad. Sagen 55, 56; Panzer Beitrag 1, in. 

25 ) Meyer Baden 550; Meier Schwaben 173. 

26 ) Meyer Baden 550; Fischer SchwäbWb. 5, 

1130; schon frühmhd.: waltscherekken Stein- 
meyer Althd. Gl. 3, 76, 44. 27 ) Schönwerth 

Oberpfalz 1, 327 t. 331. 28 ) Grohmann Aber¬ 
glaube 16 Nr. 75; 234 Nr. 1695; Wuttke 

Sachs. Volksk. 326. 29 ) Meuli oben Bd. 5, 1794. 
30 ) Schleicher Sonneberg 76. 31 ) Schmeller 

BayWb. 2, 600. 32 ) Stöber Elsaß 2, 110. 176 f. 
33 ) Brückner Slownik ctymologiczny jezyka 
polskiego (Krakow 1927) 497 a; Grimm Myth. 

1, 397 - 34 ) Ebd. 35 ) Pletersnik Slov. nemSki 

slovar 3,634 a; vgl. Krauß Slav. Volkforschung 
88. 89; Gräber Kärnten 34; Vernaleken 
Mythen 240. 3C ) Cleasby-Vigfusson Ice- 

landic-English Dict. 556 b. 37 ) Hellquist 
Svensk Etymologisk Ordbok (1922) 746. 

33 ) Wright-Wülker 5, 274; vgl. Liebrecht 
Gervasius 82. 39 ) Ruß wurm Eibofolke § 373 ff.; 
Mannhardt 1, 115. 40 ) Grundriß d. germ. 

Philologie III 2 269. 41 ) Torp Wortschatz der 

german. Sprachen 472; Falk u. Torp Etym. Wb. 

2, 1025 s. v. skr ante. 

2. Bedeutung. In den althoch¬ 
deutschen Glossen erscheint scrato , scraz 
usw. als Übersetzung von pilosi (haarige 
Geister, Jes. 13, 21) 42 ), fauni (silvestres 
homines) 43 ), satiri **),incubus, incubitor * 5 ), 
larva 46 ). Darnach war die älteste erreich¬ 
bare Bedeutung des Wortes auf deutschem 
Gebiet etwa ,,menschen- (oder tier-) 


ähnliches Geistwesen, das im Walde 
haust, den Alpdruck verursacht, und das 
in Masken nachgeahmt wird*' 47 ). In 
späterer Zeit treten noch die Bedeutungen 
,, Kobold“ und vor allem ,,alpender 
Mensch'* hinzu. 

Die Bedeutung ,, Waldgeist“ hält 
sich durch die mittelhochdeutsche Zeit, 
vgl. satyrus... ein schretel 48 ), walt- 
schrate 49 ), geht dann aber mehr und mehr 
verloren. Am nächsten steht ihr, was 
im 19. Jh. in der Oberpfalz von den 
Schrazeln oder Razeln erzählt wird: sie 
hausen wie die Zwerge — in Familien — 
im Berg und im Wald in Höhlen, die noch 
als ,,Razellöcher“ gezeigt werden u. 
dgl. 50 ). Ähnliches gilt von den Schrätz- 
männeln im Elsaß 51 ). 

Die Bedeutung Kobold ist durch ver¬ 
schiedene mhd. Glossierungen von pe - 
nates durch schretlein , schreczlin 52 ) be¬ 
zeugt. Auch in der Heinrich von Frei¬ 
berg zugeschriebenen Reimerzählung vom 
,,Schrätel und Wasserbär“ (13. Jh.) ist 
das sch. ein echter Kobold 53 ). Nach 
Michael Behaim (um 1460) glauben 
manche, ,, jeglich haus hob ein schreczlein: 
wer das ert , dem geb es gut und er “ 54 ). 
Auch sonst sind Opfer an das schretlin 
bezeugt 55 ). Heute ist die Bedeutung 
,,Kobold“ für Sch. vor allem noch in 
SO-Deutschland 56 ) und bei den westlichen 
Slaven 57 ) anzutreffen. In Kärnten zeigt 
sich der Schratt als Hausgeist im Spiel 
der Sonnenstrahlen an der Wand, als 
blaues Flämmchen oder als rotes Gesicht, 
das zum Kellerfenster herausschaut 58 ). 

Als selbständiger Alpdämon erscheint 
das schretel auch in spätmittelalterlichen 
Glossen für incubus 59 ); später verhältnis¬ 
mäßig selten 60 ); gelegentlich mit der 
Unterscheidung: das Schrattei ist für 
das Vieh, was für die Menschen die 
Trud 61 ). — Bei weitem die verbreitetste 
Bedeutung ist heute alpender Mensch 
(daher z. B. ,,Schrätelhexe“) 62 ). Das 
Wort Sch. hat also vor allem in SW- 
Deutschland eine ganz ähnliche Be¬ 
deutungsentwicklung durchgemacht wie 
in Mitteldeutschland das Wort Alp (oben 
1, 284 ff.). Ais älteste Belege der neuen 
Bedeutung dürfen wohl die Personen- 


1289 


Schreck — Schreckläuten 


1290 


Beinamen Scratman (1244), Scrazmann 63 ) 
und Natscharat (1272) 64 ) gelten. Man 
erkennt einen solchen ,,Schrättlich“ an 
den zusammengewachsenen Augenbrauen 
(,,Räzel“) 65 ). — Seltener ist die Erklär¬ 
ung des alpenden Sch. mit Hilfe des 
Totenglaubens: er ist ein ungetauftes 
Kind 66 ) oder ein verstorbener Ange¬ 
höriger des Gequälten 67 ). — Die ge¬ 
legentlichen Bedeutungen , »Wirbel¬ 
wind“ 68 ), ,,Teufel“ 69 ), „Schmetter¬ 

ling“ 70 ) lassen sich leicht einer der 
oben besprochenen Hauptbedeutungen an¬ 
schließen. 

Die Tätigkeit des Sch. in seinen ver¬ 
schiedenen Bedeutungen und die gegen 
ihn angewandten Mittel werden in den 
Artikeln Alp, Kobold, Waldgeister be¬ 
handelt. 

42 ) Steinmeyer Althd. Glossen 1, 589, 25. 
602, 12 f. 43 ) Ebd. 2, 580, 50. 678, 45; 3, 2 73 » 
43. 44 ) Ebd. 3. 76, 44. 420, 72. 45 ) Ebd. 2, 

159, 29. 160, 3; 3, 484, 4. 501, 30; vgl. auch 
1,589. 25. 4S ) Ebd. 2, 17, 46. 23, 59.412,57. 

409, 4- 5i8. 35 - 534 . 43 - 55 °, 58. 57 °. 6 i; 3. 
220, 32. 244, 22 f. 278, 15; 4. 204, 5. 243, 3. 

3 73 . 7 - 47 ) Ähnlich Meuli oben V 1794 f. 
48 ) Schmeller BayWb. 2, 611. 49 ) Mhd. Wb. 

2, 2, 205 a. 50 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 

288 ff.; Ders. Nachlaß 105 f.; Panzer Beitrag 
1, in. 51 ) Stöber Elsaß 1, 85. 52 ) Diefenbach 
Glossar 422; Schmeller BayWb. 2,611; Deutsche 
Städtechroniken 3, 55, 7 (Nürnberg 14SS); Bir- 
linger Schwaben 1, 130; ZfVk. 8,446. 53 ) Ges. 
Ab. III 257 ( :- Heinr. von Freiberg ed. Bernt 
S. 249f.). 54 ) AnzfKddV. 4. 448 (= Wacker¬ 
nagel Lesebuch 2 1005 und Hansen Hexen¬ 
wahn 208); vgl. Hans Sachs Fastnachtssp. 7, 
148. 5S ) Schmeller BayWb. 2, 611; Jahn 

Opfergebr. 285!.; Panzer Beitrag 2, 262 f.; 
vgl. auch Schönwerth Oberpfalz 2, 291. 

56 ) Bavaria 3, 306; Köhler Voigtland 479; 
Schönwerth Oberpf. 2, 291 ff.; Zapf Fichtel¬ 
geb. 43; ZföVk. 3, 51; ZfVk. 1, 216; 7, 253; 
MucharGescfc. d. Steiermark 1, 157 (— Lütolf 
Sagen 60); Gräber Kärnten 34 f.; Vernaleken 
Alpensagen 178; Vonbun Beiträge 39 b; 
Savi-Lopez Alpensagen 204; Bay Hefte 3, 
72 Anm.; Kohlrusch Sagen 152. 57 ) oben 

Anm. 30—32. 58 ) ZfdMyth. 4, 298. 59 ) Diefen¬ 
bach Glossar 293 b. 60 ) Stöber Elsaß 2, 110. 
176; Höhn Volksheilk. 1, 136; SAVk. 2, 272; 

3, 248 (Cysat); Kohl rusch Sagen 1, 152; 

Savi-Lopez Alpensagen 2040.; DWb. 9, 
1649. 1736. 61 ) Alpenburg Tirol 369. 

62 ) Fischer SchwäbWb. 5, 1131. 63 ) Grimm 

Myth. 1, 396 N. 13S. 64 ) Mon. Boica tom. 29 

pag. 504 (= Roch holz Sagen 1, 35S). 

€5 ) Goethe Dichtung u. Wahrheit Buch 9 (Jubil. 
Ausg. Bd. 23, 173); dazu Hertz Elsaß 73; 


DWb. 8, 197. ® 8 ) Fischer SchwäbWb. 5, 1131 ; 

vgl. ZfVk. 23, 7. 67 ) Meyer Baden 550. 

68 ) Panzer Beitrag 2, 209 (== Alpenburg 

Mythen 268); Frommann Mundarten 6, 343; 
Veckenstedts Zs. 3, 341; 4, 165. 69 ) Alemannia 
2 5 . 34 : Gräber Kärnten 34 b; ZfVk. 6, 322 f. 
70 ) Schöpf Idiot. 646; Frommann Mundarten 
4, 53; Kornmann Mons Veneris (1644) 161 
(= Mannhardt 1, 115)- Ranke. 

Schreck s. Kinderschreck. 

Schreckläuten. 

1. So heißt in Schwaben und Tirol 
das dreimalige Läuten, das um 11 Uhr 
oder um Mitternacht zum Besuch der 
Christmette einladet und in man¬ 
chen Gegenden eine Stunde dauert l ). 
Es soll den Teufel und alle bösen 
Geister vertreiben 2 ). In Wurmlingen 
läutet man am Nachmittag vor Weih¬ 
nachten um 3 Uhr „die Schrecke“ 3 ). 
Man umbindet während dieses Läutens 
die Obstbäume mit Stroh, um sie frucht¬ 
bar zu machen 4 ), und füttert das Vieh 
und die Hühner 5 ). Stellt man sich zur 
Zeit des S.s an einem Kreuzwege auf und 
spielt seine Zither, so kann man ein 
meisterhafter Spieler werden, wenn man 
auf keinerlei Erscheinungen achtet 6 ). 
Jn Geislingen holt man sich während des 
Sch.s Wasser zum Trinken; alles Wasser 
und alle Brunnen sind da heilig und 
geweiht. In der Familie muß alles 
trinken 7 ). Wer während des Läutens bei 
drei verschiedenen Quellen trinkt, dem 
fließt bei dem letzten Born Wein (Paz- 
naun) 8 ). Wer dreimal nacheinander 
hilft die Schrecken zu läuten, wird militär¬ 
frei 9 ). In der Kirche kann man die 
Toten des nächsten Jahres sehen (Paz- 
naun) lü ). 

1 ) Hörmann Volksleben 231; Hmtl .9 (1922), 

1 12. 2 ) Sartori Sitte 3, 41 Anm. 91. 3 ) Meier 
i Schwaben 2, 463; Birlinger Volkst. 2, 8 (wäh¬ 
rend des Läutens schießt man draußen vor dem 
Ort). 4 ) Meier Schwaben 2, 463; Birlinger 
Volkst. 1, 465; Meyer Baden 384- 5 ) Meier 

Schwaben 2, 463; Birlinger A. Schwaben 2, 
382; ZfVk. 7 (1897). 360; Meyer Baden 487. 
6 ) ZfVk. 7, 354 (Paznaun). 7 ) Birlinger 
A. Schwaben 1, 3S2. 8 ) ZfVk. 7, 355 - 9 ) Bohnen¬ 
berger 24. 10 ) ZfVk. 7, 355. 

2. In der Oberpfalz heißt das Läuten 
beim Abholen der Leiche aus dem 
Hause Sch. n ). An manchen Orten des 
Allgäus wird an einem Hochzeitstage 



> 


1291 


Schreckstein—Schuh 


1292 


nach dem Frühgebetläuten vom Mesmer 
noch eigens geläutet, was man ebenfalls 
Sch. nennt, eine Ehrung, für die der 
Hochzeiter dem Mesmer eigens zu zahlen 
hat, die aber nur erfolgt, wenn der Hoch¬ 
zeiter ein Jüngling ist 12 ). 

n ) Sartori Glockenbuch 103; Schönwerth 
Oberpfalz 1, 256; Bayerischer Heimatschutz 16 
(1918), 44. 12 ) Reiser Allgäu 2, 251. 

Sartori. 

Schreckstein. In Grimms Mytho¬ 
logie (3, 361) wird ein Sch. erwähnt, 
den man sich umhing, um sich vor 
Schreck zu schützen. Solche Sch.e werden 
noch heute in vielen Gegenden als Schutz 
gegen Beschreien, plötzliches Erschrecken 
und die Fraisen genannten krampfhaften 
Zuckungen (mhd. vreise = Schrecken, 
Angst, Not) kleinen Kindern an den Hals 
gehängt. Auch stillende Frauen tragen 
Sch.e zum Schutz gegen das (durch 
Schreck verursachte) plötzliche Versagen 
der Milch. Das Tragen von Sch.en ist 
nachgewiesen in Mecklenburg, Branden¬ 
burg, Posen, Schlesien, Sachsen, Thürin¬ 
gen, Süddeutschland, dem Rheinlande 
und Österreich x ). Die Sch.e sind aus 
Serpentin, rötlichem Achat, roter Koralle, 
Kristall geschliffen oder aus Belemnit- 
stückchen, Kalksandstein, Gips herge¬ 
stellt. Alle haben eine herzförmige Ge¬ 
stalt, sind im Querschnitt bikonkav und 
zur Befestigung der Schnur, an der sie 
getragen werden, durchbohrt. Manchmal 
sind sie in Silber gefaßt 2 ). In Zedlers 
Lexikon wird als Sch. der grüne Malachit 
erwähnt und berichtet, daß abergläubische 
Leute auf ihm das Zeichen der Sonne 
eingruben und vermeinten, wenn sie 
ihn bei sich trügen, vor Zauber, Ge¬ 
spenstern und giftigen Tieren sicher zu 
sein 3 ). — Vgl. Fraisenstein, Malachit. 

Der rote Achat und der rotgesprenkelte 
Jaspis werden in Italien als Sch., in 
Persien als Schutz gegen den bösen Blick 
getragen 4 ). 

x ) Seligmann 2, 45 f. Nr. 26 (Quellenangabe); 
Verh. d. Berl. anthropolog. Gesellsch. 1877, 450 
u. 472; ZdVfVk. 6 (1896), 253; Andree-Eysn 
139 ; Seyfarth Sachsen 48 u. 50; Köhler Voigt¬ 
land 355; John Westböhmen 108 u. Erzgebirge 52; 
Hovorka-Kronfeld 2, 680 s. v. Fraisenstein; 
Bergmann 478. 2 ) Seligmann 2, 26 (Abbildung 
1, 245 Nr. 39; ZföVk. 4 (1893), 224 u. 13 (1907), 


101 f. 105. 107. 112; Seyfarth 260. Vgl. Blut¬ 
stein, ZföVk. 4, 118. 107. 105. 112; Andree- 
Eysn a. O.; vgl. Frauenzimmerlexikon 397 u. 
Ausland 63 (1890), 534 (mit Abbildungen). 

3 ) Zedier 35, 1119 s. v. Malachit; vgl. Gesner 
d.f.l. 120. 4 ) Bellucci II Feticismo in Italic 1 

(1907), 870.; Seligmann 2. 28. — Abbildungen 
von Schrecksteinamuletten bei Andree-Eysn 141 
(Fig. 113U. 114). 145 (Fig. 119 Nr. 9). 144 (Fig. 118 
Nr. 4). f Olbrich. 

schreiben s. Nachtrag, 
schreien s. Ruf. 


Schreiner s. Nachtrag, 
schreiten über s. Nachtrag. 
Schrift s. Nachtrag. 

Schritt s. gehen, 
schröpfen s. Nachtrag. 
Schuh. 


1. Allgemeines. Erklärung, a) Fuß u. Schuh. 
Geschlechtssymbolik, b) Form, c) Stoß u. Farbe, 
d) Sonstiges, e) Sprachgebrauch u. Volksdichtung. 
— 2. Anziehen. — 3. Schmieren u. Putzen. — 
4. Neue u. alte Schuhe. — 5. Der Schuh in der 
Sage. — 6. Flugschuhe. — 7. Einschuhigkeit. — 

8. Abwehrzauber, a) Nachtgeister, b) Hexen, 
c) Im Schuh auf bewahrte Zaubermittel. — 

9. Schuhnach werfen. — 10. Schatzglaube. — 
ii. Zeugung u. Geburt. —'‘ 12. Liebeszauber. — 
13. Eheorakel (s. Schuhwerfen). — 14. Hochzeits¬ 
schuhe. a) Geschenk verboten, b) Geschenk 
üblich, c) Schuhanziehen, d) Zaubermittel im 
Schuh, e) Böser Zauber u. Abwehr, f) Schuh¬ 
ausziehen u. Schuhstehlen, g) Spätere Verwen¬ 
dung. — 15. Tod. a) Allgemeines, b) Toten¬ 
schuhe. c) Schuhopfer, d) Eiserne und Dauer¬ 
schuhe. — 16. Volksmedizin. — 17. Vieh- und 
Feldwirtschaft. — 18. Rechtswesen, a) Adoption 
u. Legitimation, b) Besitzzeichen, c) Herrschafts¬ 
und Standeszeichen, d) Wappen, e) Abgabe, 
f) Ablegen der Schuhe, g) Sonstiges. 


1. a) Ein großer Teil des mit dem 
Sch. 1 ) verknüpften Aberglaubens erklärt 
sich aus einer Übertragung der mit dem 
Fuß (s. d.) verbundenen Vorstellungen 
und Überlieferungen auf die Fußbeklei¬ 
dung (Schuh, Stiefel, Pantoffel, Sandale 
u. a.) 2 ). Wie der Fuß ist auch der Sch. 
zum Sinnbild der Macht, des Rechtes 
und Besitzes geworden 3 ). Vor allem 
aber spielt er eine ebenso bedeutende 
Rolle in der Geschlechtssymbolik, 
wobei allerdings nicht allein bloße Über¬ 
tragung, sondern auch das besondere 
Verhältnis zwischen Fuß und Sch. in 
Betracht kommt. 

Wie aus den Sagen von den Sandalen 



j • 

X 


1 


.1 

1 

* 








1293 Schuh 1294 


des Perseus und Jason und den Sch.en 
der ägyptischen Isis, der delphischen 
Charila, der Nitokris oder Rhodope, der 
etrurischen Tanaquil u. a. hervorgeht, 
war der Sch. zugleich mit dem Fuß schon 
im Altertum ein Sinnbild der geschlecht¬ 
lichen Fruchtbarkeit 4 ). Dasselbe 
ist er auch im deutschen Volksglauben, 
doch wird er hier, wie zuweüen auch der 
Strumpf (s. d.), geradezu zum Sinnbüd 
des weiblichen Geschlechtsteiles 
und zum weiblichen Geschlechtszeichen, 
während der Fuß, mit dem man in das 
Loch des Sch.es fährt, das männliche 
Glied versinnbildet 5 ). Diese Anschauung 
kommt in vielen Wörtern, Redensarten 
und Volksdichtungen zum Ausdruck. Ein 
vielgebrauchtes Weib wird ein Latsch 
(ausgetretener Sch.) genannt. Ge¬ 
schlechtlich ausschweifen, Ehebruch be¬ 
gehen heißt in Sachsen ,,auslatschen“. 
Einen Mann warnt man vor dem Ehe¬ 
bruch mit den Worten: ,,Man muß nicht 
die Füße in fremde Sch.e stecken“. Ein 
volkstümlicher Ausdruck für coire ist 
,,schustern“. Doch braucht dies nicht 
allein als ,,sich mit dem Sch. (= vulva) 
der Frau beschäftigen“ erklärt werden 6 ), 
sondern es ist hier mehr an die Arbeit 
des Schusters zu denken, der mit der 
Ahle oder Pfrieme Löcher bohrt. Wenn 
die weibliche Periode neben ,,roter König“, 
,,Tante“ und anderen personifizierenden 
Umschreibungen auch der ,,rote Schuster“ 
genannt wird, so ist besonders dort eine 
Beziehung zum Sch. vorhanden, wo die 
in der warmen Jahreszeit auf dem Lande 
barfuß gehenden weiblichen Personen 
während der Menstruation Sch.e an- 
ziehen. Daher sagt man auch von einem 
menstruierenden Mädchen, daß es „in 
die Sch.e kommt“ 7 ). Zu erinnern ist 
ferner an die Redensart: „Sie hat ein 
Hufeisen abgeworfen, verloren, abge¬ 
rannt usw.“, die man von einem ledigen 
Frauenzimmer, das niederkommt, ge¬ 
braucht 8 ). Auch das im 16. Jh. als eine 
Art scherzhaften Flickwortes oder Flick¬ 
reimes beliebte Wort „et cetera Bund¬ 
schuh“ weist auf die erotische Bedeutung 
des Sch.es hin, besonders in dem Zu¬ 
sammenhang, in welchem es in „Ein 


Kurtzweilige Faßnacht Predig von Doc- 
tor Schwärmen von Hummelshagen“ 
steht 9 ). Zu mehrfachen Umschreibungen 
dient der Holzschuh in zwei Vierzeilern 
aus dem Böhmerwalde: 

Dirndl, wennst heiratst, 

o 

Aft heiratst hält mi(ch); 

Und i hän an al(t)n Hultschuah, 

Den wirf i(ch) in di(ch). 

Die Hültschuah wer(d)n brocha, 

Sie kimmt in d' Sechswocha; 

In Sunnta geht s’ für. 

Da Hultschuah mit ihr 10 ). 

Im ersten Vierzeiler scheint der männliche 
Samen gemeint zu sein, im zweiten wird 
zuerst die Niederkunft als „Brechen der 
Holzschuhe“ bezeichnet und dann ange¬ 
führt, daß zum Vorsegnen auch der 
„Holzschuh“ mit der Wöchnerin mitgeht. 
In Frankreich gilt ebenso das Brechen 
eines Holzsch.es als Zeichen verlorener 
Jungfräulichkeit oder Schwanger¬ 
schaft, wenn die Braut am Hochzeits¬ 
tage, wie es hie und da Sitte ist, auf einem 
Holzsch. über einen sogenannten Braut¬ 
felsen herabrutscht u ). In gleicher Weise 
scheint das Verlieren der Sch.e bei be¬ 
stimmten Anlässen auf den Verlust der 
Jungfrauschaft hinzudeuten. Wenn früher 
in Westfalen Burschen und Mädchen über 
das am 1. Mai entzündete Feuer sprangen, 
durfte kein Mädchen einen der niedrigen 
Sch.e verlieren 12 ). Nach einer franzö¬ 
sischen Sage sucht das Fräulein von 
Garenne nachts unter schrecklichem 
Schreien im Walde bei Etrepigny ihre 
verlorenen Pantoffeln 13 ). 

Wie der Fußgeruch in der Erotik und 
bei primitiven Völkern mit ihren scharfen 
Sinnen im Leben überhaupt eine große 
Rolle spielt 14 ), so ist auch der Geruch 
des Sch.es nicht unwesentlich. Er erklärt 
zum Teil auch den Sch.fetischismus, 
bei dem allerdings noch mehr Form, Ge¬ 
stalt und Farbe des Sch.werkes ma߬ 
gebend sind 15 ). Vor allem gilt der kleine, 
zierliche Sch. oder Pantoffel, wie z. B. 
das Märchen vom Aschenbrödel zeigt, 
als Schönheitsmerkmal 16 ). Als Feti¬ 
schismus ist der besonders bei den Polen 
bekannte Brauch anzusprechen, aus dem 
Sch. der geliebten Dame zu trinken. Im 
älteren deutschen Brauchtum war aber 


T 

1 k 


1295 


Schuh 


1296 


der Umtrunk aus Sch.en, früher aus wirk¬ 
lichen, später aus Glasgefäßen, ein Sinn¬ 
bild der Zusammengehörigkeit 17 ) (s. u. 
§ 18). Trinkgefäße in Form von Stiefeln, 
die in Mähren schon aus neolithischer 
Zeit nachgewiesen sind 18 ), im „Ruod- 
lieb“ erwähnt werden und besonders in 
Studentenkreisen beliebt waren 19 ), 
brauchen durchaus nicht immer eine aber¬ 
gläubische Bedeutung zu besitzen. Der 
Künstler sah in dem Stiefel oder Sch., 
der sich so gut als Behälter eignete (s. u.), 
das nächstliegendste und passendste Vor- 
büd. Wie der Sch., ursprünglich der Fuß, 
zum Längenmaß, so wurde der Stiefel 
zum Hohlmaß. 

b) In dem Kinderbrauche, zu Nikolaus 
und Weihnachten Sch.e zur Aufnahme 
der Geschenke aufzustellen, hat man ohne 
Grund einen tieferen Sinn finden wollen. 
Der hl. Nikolaus als Vegetationsgeist, 
wie ihn Mannhardt auf faßt 20 ), wird, 
wie man erklärt hat, durch das Symbol 
der Fruchtbarkeit, den Sch. begrüßt, in 
den er zum Zeichen künftigen Segens 
Äpfel und Nüsse legt, während umgekehrt 
sein eigenes Pferd aus diesem Sch. Nah¬ 
rung erhält 21 ). Der Sch. oder auch der 
Strumpf, der ebenso verwendet wird, 
verdanken dies sicher in erster Reihe 
ihrer Form, die sie von Natur aus zu 
einem Behälter macht, der wie der Hut 
(s. d.) stets zur Hand ist, um irgendwelche 
Dinge aufzunehmen. Daher wird auch 
der Sch. neben dem Hut und den Taschen 
(s. d.) der Kleider so oft benützt, um 
darin Schutz- und Abwehrmittel aufzu¬ 
bewahren (s. u. § 8). Mit dem Hut hat 
der Sch., besonders der Holzsch. und 
Pantoffel, auch das gemeinsam, daß er 
leicht angezogen und ausgezogen werden 
kann, woraus sich zum Teil wieder an¬ 
dere Verwendungsarten im Aberglauben 
(s. Sch.werfen) erklären. In einzelnen 
Sagen bleibt wie der Hut (s. d.) auch 
der Sch. zuweilen zurück, wenn Frevler 
versinken oder sonstwie umkommen 22 ). 

Betreffs der einzelnen Sch.arten, der 
Stiefel, Niedersch.e, Bundsch.e, Holzsch.e, 
Pantoffel u. a., wird kein besonderer 
Unterschied im Aberglauben gemacht. 
Bloß darauf ist aufmerksam zu machen. 


daß der Stiefel mehr männliche, der Sch. 
im engeren Sinne weibliche Bedeutung 
hat ö). 

c) Auch Stoff und Farbe des Sch.es 
sind wichtig. Beim Leder macht es einen 
Unterschied aus, von welchem Tier es 
stammt. Nach oberösterreichischem Glau¬ 
ben bleiben Sch.e aus Fuchsleder bei 
Tage zu Haus und gehen nachts aus 24 ). 
Bei den Römern durfte die Flaminica 
Dialis keine Sch.e aus dem Leder eines 
gefallenen Viehes tragen (s. Kleid). Nach 
romanischem Glauben sollen den Kindern 
Sch.e aus Wolfsfell angezogen werden 25 ). 
Ein weiterer Unterschied ist, ob die Sch.e 
neu oder alt, gut oder zerrissen sind. Vor 
allem die Sch.e der Toten (s. u. §15), 
deren Reise in die Unterwelt oder in das 
Jenseits weit und schwierig ist, müssen 
fest und dauerhaft sein 26 ). 

Auch die Farbe ist von Einfluß. Nach 
der Rockenphilosophie kann ein Kind 
kein Blut sehen, wenn man ihm unter 
einem Jahre rote Sch.e anlegt 27 ). Rote 
Sch.e werden mitunter der Hexe zum Lohn 
gegeben. In Kleinrußland denkt man sich 
die Cholera als ein altes Weib, das rote 
Sch.e trägt 28 ) (s. Kleid). 

d) Wichtig sind ferner die Art und Um¬ 
stände beim Anziehen und Ausziehen 
der Sch.e, das Putzen oder Schmieren, 
die Paarigkeit der Sch.e, z. B. ob es 
sich um den meist glückbringenden, 
rechten oder den linken Sch. handelt, wo¬ 
bei der erste das männliche, der zweite 
das weibliche Geschlecht vertritt (s. links, 
rechts), dann die Spitze und der Absatz 
und die Stellung der Sch.e, z. B. ob sie 
verkehrt, die Spitze nach hinten und der 
Absatz nach vorn, stehen, was wohl öfters, 
wie das verkehrte Aufnageln der Hufeisen, 
zur Täuschung von Gegnern absichtlich 
gemacht wurde. Nach einer schlesischen 
Sage gibt ein Einsiedler einer Magd aus 
Ruten geflochtene viereckige Sch.e, so 
daß die verfolgenden Räuber nicht er¬ 
kennen können, wohin sie geflohen ist 29 ). 
Wie die Art des Tragens und der Ver¬ 
wendung, z. B. magisches Verkehren 
und Wechseln der Sch.e, Hineinspucken 
u. a., so sind auch die Herkunft, die 
allfällige kirchliche Weihe, besondere 


1297 


Schuh 


1298 


zeitliche und andere Umstände von Be¬ 
deutung. Wie andere Kleidungsstücke 
können auch die Sch.e von Geisterwesen 
die Person des Trägers vertreten. Wer 
sie in seine Hand bekommt, hat auch den 
Besitzer in seiner Macht 30 ). Auch nach 
dem Glauben der Zigeuner kann man die 
Nivashi-Töchter durch Wegnehmen ihrer ] 
roten Sch.e und Streuen von Stechapfel- j 
samen in seine Gewalt bringen 31 ). | 

e) Im Sprachgebrauch erscheint der 1 
Sch. oft belebt und verpersonlicht. Von ' 
einem vorn an der Spitze aufgerissenen : 
Sch. sagt man im Böhmerwald: ,,Er hat ■ 
Hunger, er reißt das Maul auf“ 32 ). Diese 
persönliche Vorstellung des Sch.es tritt 
auch sonst in Redensarten und Sprich¬ 
wörtern entgegen 33 ), ebenso in Liedern, 
wie in dem bekannten ,,Stiefel muß ster¬ 
ben, ist noch so jung, so jung“ 34 ), und 
in Rätseln, wie z. B. ,,Geht im Hof 
herum, hat das Maul voller Menschen¬ 
fleisch“ 35 ). Einzelne Rätsel beziehen 
sich auf die Sch.sohle, die Sch.nägel oder 
auch auf den Stiefelknecht 36 ), die wie 
das Sch.band (s. d.) auch im Aberglauben 
mitunter besonders hervortreten. Dort 
wo der Sch. beim Spiel erscheint, z. B. 
beim schwäbischen Schühleschlupfis oder 
Schühlesuchen 37 ), dem Sch.schoppen 
(Sch.schieben) 38 ) oder Sch.verschieberles- 
spiel 3Ö ) oder dem Sch.suchen im Allgäu 40 ), 
braucht nicht in jedem Falle ein tiefer 
Sinn gesucht werden, da an die Stelle des 
Sch.es auch andere Dinge, z. B. ein 
Schlüssel, treten können, der Sch. dabei 
also nichts Wesentliches darstellt. Doch 
zeigt sich besonders dort, wo erwachsene 
Burschen und Mädchen ein solches Sch.- 
spiel treiben, deutlich die erotische Grund¬ 
lage 41 ). 

Erwähnt sei noch, daß das Wort Sch. 
und Zusammensetzungen mit Sch., z. B. 
Rothsch. (Tanzhebhaber) auch als Fa¬ 
miliennamen Vorkommen 42 ). 

l ) P. Sartori Der Schuh im Volksglauben 
ZfVk. 4 (1894), 41 ft. 148 ff. 282 ff. 412 ff.; DWb. 
9, 1838 ff.; Hoops Reallex. 4, 140 t.; Schräder 
Reallex. 739 f.; Weinhold Frauen 2 (1882) 2, 
2630.; F. Hottenroth Handbuch der deutschen 
Tracht (Stuttgart o. J.) 978; K. Spieß Die 
deutschen Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig 
1911) 16; Heckscher 259 ff. 4920.; Hjalmar 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII. 


Falk Altwestnordische Kleiderkunde, Videnskaps- 
selskapets Skrifter II. Hist.-filos. Kl. 1918 Nr. 3 
(Kristiania 1919) 129 ff. Vgl. J. Nacht The 
symbolism of the shoe with special reference to 
jewish sources, Jewish Qarterly Review 6, iff.; 

L. Levy Die Schuhsymbolik im jüdischen Ritus, 
Monatsschrift f. Geschichte u. Wissenschaft des- 
Judentums 62. NF. 26 (1918), 1780.; vgl. dazu 
Ethnographia 30 (1920), 109 ff*; American Notes 
and Queries 5, 1 (Superstitions of shoes). 2 ) Vgl. 
Sartori a. a. O. 50. 3 ) Aigremont Fußerotik 

62 f. 4 ) Vgl. ebd. 42 ff.; Bachofen Mutterrecht 72. 
117. 158. 169. 214. 357. 413 u. Gräber Symbolik 136L 
209. 231 1 . 389; Aly Volksmärchen 69, vgl. 90;. 
Weinreich Heilungswunder 22; Sartori a. a. O. 
50 f.; H. Güntert Der arische Weltkönig u. Hei¬ 
land (Halle 1923) 301 f. 5 ) Aigremont Fußerotik 
45 ff. Vgl. Levy a. a. O. 182 f. 6 ) Aigremont 
a. a. O. 51. 7 ) Ebd. 52. Vgl. Sartori a. a. O. 

158 f. 8 ) Liebrecht Zur Volksk. 490 ff. 9 ) Ebd. 
495 ff. 10 ) Verf. n ) Sebillot Folk-Lore 1, 337. 
12 ) Sartori Westfalen 160. 13 } S6billot Folk- 

Lore 1, 282. 14 ) Vgl. H. Güntert a. a. O. 302. 

16 ) Aigremont Fußerotik 47 ff. 16 ) Ebd. 50 f. 

17 ) DWb. 9, 1851. 18 ) H. Güntert a. a. O. 301. 

19 ) Vgl. Rochholz Sagen 2, IV. LIV. 20 ) Mann¬ 
hardt 2, 1840. Anm. 2l ) ZfVk. 4, 51. Vgl. 
Lauffer Niederdeutsche Volksk . 2 124. 22 ) Vgh 

ZfVk. 5 (1895), 239 ff. 23 ) Liebrecht Zur Volksk. 
440 Anm. 24 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 21 8 . 
25 ) ZfVk. 4, 152. 26 ) Vgl. Aigremont Fußerotik 
65 ff. 27 ) Grimm Myth. 3, 436 Nr. 40. 28 ) ZfVk. 
4, 302. 2Ö ) Peuckert Schlesien 40 t. 30 ) Vgl. 

Zaunert Natursagen 1, 49 f.; ZfVk. 4, 298. 
31 ) Wlislocki Volksglaube 32. 32 ) Verf. 33 ) Vgl. 
Wander Sprichwörterlexikon 4, 348 ff. M ) Jung¬ 
bauer Bibliogr. 312 Nr. 2088. Daß in diesem 
Studentenlied ursprünglich ein Mann namens 
Stiefel gemeint war, weiß das Volk nicht. 35 ) Lisa 
Tetzner Deutsches Rätselbuch (Jena 1924) 53. 
36 ) Vgl. ebd. u. ZfdMyth. 3, 189L 37 ) Meyer 

Baden 178. 38 ) Birlinger Volksth. 1, 432 = Zf¬ 
Vk. 4, 163. 39 ) Eberhardt Landwirtschaft 12. 
40 ) Reiser Allgäu 2, 365. 41 ) Vgl. Aigremont 
Fußerotik 56 f. 42 ) A. Heintze Die deutschen 

I Familiennamen 5 (Halle 1922) 49. 

2. Wie beim Strumpf (s. d.) ist auch 
beim Sch. das Anziehen von Vorbe¬ 
deutung. Schon Kaiser Augustus hielt 
es für ein übles Vorzeichen, wenn er mor¬ 
gens einen Sch. auf den falschen Fuß zog 
(Suet., Aug. 92). Damit brachte er eine 
gefährliche Empörung in Verbindung 
(Plin., Hist. nat. 2, 5) 43 ). König Wladis- 
laus, ein Litauer von Geburt, hielt den 
Tag für unglücklich, an dem er zuerst 
den linken Sch. angezogen hatte 44 ). Auch 
in ganz Deutschland wird seit je beachtet, 
ob man den Glück verheißenden rechten 
oder den unheilbringenden linken Sch. 
am Morgen zuerst anzieht. Schon Vintler 

41b 


1299 


Schuh 


1300 


spottet 1411 in „Blume der Tugend“ j Analogieglauben am Werke. Auch der 
{V. 7850): | Umstand, daß meist tierisches, unreines 


und etleich die jechen 

es sei nicht guet, daz man 

den lenken schuech leg an 

vor dem gerechten des morgens frue 45 ). 

In Schwaben bestand bei Marktleuten 
der Glaube, daß sie ihre Ware teuer los 
werden, wenn sie am Morgen den rechten 
Sch. zuerst anzogen 46 ). Besonders wichtig 
ist es, am Hochzeitstage den rechten Sch. 
zuerst anzuziehen, was namentlich die 
Braut im deutschen Ostböhmen genau 
beachtet 47 ). 

Nach isländischem Glauben zieht man 
sich das Unglück zu, wenn man sich 
Strumpf und Sch. hintereinander erst 
auf einem Fuß anzieht, und ebenso zieht 
man sich das Glück aus, wenn man auch j 
beim Ausziehen so vorgeht 48 ). Auch bei | 
den pennsylvanischen Deutschen bringt j 
es Glück, wenn man zuerst die beiden 
Strümpfe anzieht und dann erst die 
Sch.e 49 ). Ebenda sagt man, daß der, 
welcher morgens beim Anziehen die Sch.e 
zuletzt anlegt oder sie anzieht, bevor er 
die Hose anlegt, an dem Tage Anlaß haben 
wird sich zu schämen 50 ). 

Nach der Rockenphilosophie bedeutet 
Niesen beim Anziehen Unglück 51 ). Ein 
häufiger Abwehrzauber beim Anziehen 
ist das Spucken in den Sch. (s. u.). 

43 ) Dieterich Kl. Sehr . 516; Rochholz 
Naturmythen 67. 44 ) ZfVk. 4, 151 f. 45 ) Vgl. 

Zingerle Tirol 33. 46 ) Birlinger Aus Schwaben 
1, 414 = Aigremont Fußerotik 61. 47 ) W. 

Oehl Deutsche Hochzeitsbräuche in Ostböhmen, 
BdböVk. 15 (Prag 1922), 51. 48 ) Liebrecht 

Zur Volksk. 369 Nr. 12. 49 ) Fogel Pennsylvania 
109 Nr. 465. M ) Ebd. 361 Nr. 1925 f. 51 ) Grimm 
Myth. 3, 440 Nr. 186. 

3. Das Schmieren und Putzen der 
Sch.e ist bald erlaubt, bald verboten, 
was je nach dem Zusammenhang eine 
verschiedene Erklärung fordert. Kaum 
dürfte hiebei der Glaube in Betracht 
kommen, daß durch das auffrischende 
Schmieren dem Sch. als „Lebens- und 
Segenssymbol neue Kräfte verliehen 
werden“ 52 ). Denn die Überlieferungen 
bringen mehr Verbote als Gebote zum 
Schmieren. In vielen Fällen ist der zeit¬ 
liche Aberglaube das Wesentliche, in 
anderen wieder sieht man deutlich den 


Fett (s. d.) zum Schmieren verwendet 
; wird, darf nicht außer acht gelassen 
! werden. 

Sch.e darf man nicht schmieren 
am Abend (s. d.), weil dies Unglück zur 
Folge hat 53 ), im Simmenthal auch nicht 
am Sonntag (s. Sonntagsheiligung), weil 
dies den Tieren unter der Haut weh tut 
oder sie tötet 54 ), ferner nicht in den 
Zwölften 55 ), was wieder besonders für 
die Viehwirtschaft wichtig ist. Im Ans- 
bachischen glaubte man gegen Ende des 
18. Jh.s, daß das Vieh behext wird, wenn 
Bauer oder Knecht in den Zwölfnächten 
frisch geschmierte Sch.e in den Stall 
brachten 56 ). In einzelnen Orten Württem¬ 
bergs unterläßt man noch heute das 
Schmieren der Stiefel in dieser Zeit, denn 
wenn man in den Zwölften dem Vieh 
mit geschmierten Stiefeln einen Stoß gibt, 
so heilt es schwer 57 ). Bei den Wenden 
in Niedersachsen darf der Pate am Tauf - 
tag keine geschmierten Stiefel tragen, 
damit das Kind stets eine reine Haut 
hat 58 ). In Mecklenburg darf man auch 
zu einem Begräbnis die Sch.e nicht 
| schmieren, weil sonst der Tote naß liegt 
| oder keine Ruhe im Grabe hat 59 ). Es 
I heißt ferner, daß von den Leichen- 
| begleitern jener zuerst stirbt, welcher 
| frisch geschmierte Stiefel anhat 60 ), wozu 
: die Redensart in Burgund stimmt, daß 
■ der Tod dem Menschen, noch ehe er ihn 
: hole, die Sch.e schmiere 61 ). In Branden¬ 
burg besteht der Glaube, daß man die 
Sch.e nicht auf den Füßen putzen 
soll. Wer dies tut, erleidet einen schweren 
Tod 62 ). Nach magyarischem Glauben 
wird eine Braut ihrem Mann bald abhold 
werden, wenn man ihre Sch.sohlen vor 
der Trauung mit dem Blute (s. d.) oder 
dem Speichel (s. d.) des Bräutigams ein¬ 
schmiert 63 ). Vereinzelt wird vom obersten 
Hof im Glotterthal bei Freiburg der selt¬ 
same Brauch überliefert: So lange Speck 
im Salz war, durfte im Hof kein Sch. 
geschmiert werden, sondern nur über 
der Grenze des Gutes, so daß alltäglich 
im Winter die Sch.e auf einer Brücke, welche 
die Grenze bildete, gereinigt wurden 64 ). 


1301 


Schuh 


1302 


Andrerseits bringt das Schmieren der 
Sch.e zu bestimmten Zeiten Vorteile. 
Man vertreibt die Ratten, wenn man 
alle Sch.e vor Sonnenaufgang blank 
putzt oder wenn man sie statt am Vor¬ 
abend der drei Hauptkirchenfeste 
schon am vorhergehenden Abend putzt 65 ). 
Um Bodenbach in Nordböhmen vertrieb 
man die Ratten, indem man an einem 
hohen Feiertag altes, nicht geputztes 
Sch.werk stillschweigend, wobei man nur 
in Gedanken ein Vaterunser betete, auf I 
einen Kreuzweg legte. Die Richtung 
der Sch. spitze zeigte dann die Gegend 
an, nach welcher die Ratten auswan- 
derten 66 ). Nach norddeutschem Glauben 
bekommt man kein Ungeziefer, wenn 
man sich zu Ostern die Sch.e schmiert 
(Schlanow, Mark Brandenburg) 67 ), und 
man wird von keiner Schlange und 
keinem anderen Tiere gestochen, wenn j 
man sich am Karfreitag die Sch.e putzt 
(Westfalen) 68 ), was aber einer Über¬ 
lieferung aus Mecklenburg widerspricht, 
wonach man gerade von Ottern und 
Schlangen gebissen wird, wenn man am 
Karfreitag mit geputztem Sch.zeug 
geht 69 ). Auch ein Hexenbann läßt 
sich mit geschmierten Sch.en ausführen: 
Wenn man Sch.e von Knaben mit Wagen¬ 
schmiere oder Schweinsfett bestreicht und 
sie alsdann in die Kirche schickt, so kann 
keine Hexe heraus, bevor die Knaben 
heraus sind 70 ). 

62 ) ZfVk. 4, 157. 53 ) Bartsch Mecklenburg 2, 
317. 64 ) Zahler Simmenthal 19. 55 ) Kuhn u. 

Schwartz 411 Nr. 160 (Thomsdorf in der 
Uckermark). 56 ) Grimm Myth . 3, 458 Nr. 686. 
67 ) Eberhardt Landwirtschaft Nr. 3, 14- ! 

“) Ploß Kind 1, 187. * 9 ) Bartsch Mecklenburg 
2, 96. 60 ) ZfVk. 4, 157. 61 ) Grimm Myth. 2, 704; 
Rochholz Kinderlied 352 f. 62 ) Kuhn Mark . 
Sagen 385 Nr. 74; Wuttke 315 § 465 = ZfVk. 

4, 151. 63 ) Urquell 3 (1892), 270. 64 ) Meyer 

Baden 336. 65 ) Drechsler 1, 23; 2, 4. 66 ) Groh- 
mann 59 Nr. 393. 67 ) ZfVk. 1 (1891), 181. 

M ) Kuhn Westfalen 2, 134 Nr. 401 = Wuttke 
75 § 87; 346 § 517. 69 ) Bartsch Mecklenburg 
2, 258. 70 ) ZfVk. 4, 157. 

4. Neue Sch.e, welche knarren, sind 
noch nicht bezahlt 71 ), wozu man in 
Schlesien auch sagt: „Man ist dem Lehr¬ 
ling das Trinkgeld schuldig geblieben“ 72 ). 
Diese Beseelung des Sch.es, der noch in 
magischer Verbindung mit seinem Her¬ 


steller steht, den zu bezahlen er mahnt, 
erinnert daran, daß auch bei Kleidern 
(s. d.), aus welchen der Schneider „aus¬ 
zuzwicken“ ist, erst nach Bezahlung und 
längerem Tragen ein fester, geheimnis¬ 
voller Zusammenhang mit dem Träger 
sich ergibt. Die erotische Bedeutung 
des Sch.es dagegen erscheint, wenn es bei 
den Tschechen heißt, daß der junge Mann, 
dessen Stiefel knistern, bald heiraten 
wird 73 ). 

Neue Sch.e soll man nicht auf den 
Tisch geben, weil man keine Ehre damit 
aufhebt 74 ) oder weü man, wenn man 
sie noch dazu nach dem ersten Gebrauch 
mit einem Stiefelknecht auszieht, dann 
darin unbequem geht und sie nicht lange 
besitzt 75 ). Überhaupt gilt, was bei alten 
oder ungereinigten Sch.en zum Teil auch 
pädagogischer Aberglaube ist, daß man 
Sch.e nicht auf den Tisch, die Kommode 
oder den Stuhl stellen soll. Wenn dies 
der Fall ist, muß man sie, ehe man sie 
anzieht, vorher wieder auf die Erde setzen, 
sonst hat man Unglück 76 ). Auf den Tisch 
gestellte Sch.e bringen Ärgernis (Schle¬ 
sien) 77 ), Streit im Hause 78 ) oder be¬ 
wirken, daß man ausgelacht wird 79 ). 

Auf Island glaubt man, daß der, welcher 
seinen neuen, zu kleinen Sch. durch 
Anstücken vergrößern lassen muß, 
etwas geschenkt bekommt, bevor der 
Sch. vertragen ist 80 ). Bei den Wenden 
ist ein alter Sch. auf dem Wege ein 
schlechtes Zeichen 81 ). 

71 ) Meier Schwaben 2, 507 = ZfVk. 4, 15 1 » 
Schmitt Hetlingen 17; Alemannia 33 (i9°5)» 
304; Wuttke 212 § 296; Schramek Böhmer¬ 
wald 255; Egerl. 20 (191b), 6; Fogel Penn¬ 
sylvania 382 Nr. 2053 u. bes. J. Müller Knar¬ 
rende Schuhe, ZfrwVk. 22 (1925)» 53 *L 

72 ) Drechsler 2, 201. 73 ) Grohmann 223 

Nr. 1259. 74 ) ZföVk. 13 (1907) ,133- 75 ) Müller 
Isergebirge 35. 76 ) Strackerjan 1, 50 Nr. 43: 
2, 228 Nr. 483 = Wuttke 315 § 465. 77 ) Urquell 
3 (1892), 40. 78 ) Rogasener Fambl. 3(1899), 

40. 79 ) John Erzgebirge 35. Vgl. SudZfVk. 2 

(1929), 79. 132. 203. 250; 3 (i 93 °h 4 °* l8 °- 22 7 - 
80 ) ZfVk. 8 (1898), 160. 81 ) Schulenburg 

244 = ZfVk. 4, 151. 

5. In der Sage sind dem Proportions¬ 
gesetz gemäß die Sch.e der Riesen und 
später des Teufels von gewaltigem Aus¬ 
maß. Ein daraus geworfenes Körnlein 
wird ein Riesen stein 82 ). Steine und Erde 




1303 


Schuh 


1304 


oder Wasser, das die Riesen aus ihren 
Sch.en schütten, werden zu einem Berg 
oder See 83 ). Nach einer französischen 
Sage fangen Schäfer einen Riesen, indem 
sie einen großen, mit Teer gefüllten 
Stiefel hinstellen. Der Riese tritt hinein 
und kann den Fuß nicht mehr zurück¬ 
ziehen 84 ). Ähnlich fangen Holzhauer 
ein Feenkind mit roten Sch.en, die an 
einen Baum festgenagelt sind 85 ). Den 
Geistern sind die Sch.e zuweilen etwas 
Unbekanntes. Ein Fänggenmannli in 
Churrätien, dem man ein Paar Sch.e 
hinstellte, will diese zuerst über den Kopf 
anziehen, steckt aber dann doch die Füße 
hinein, fällt aber um und lernt erst mit 
der Zeit, in den Sch.en zu gehen, worauf 
es für immer verschwindet 86 ). 

Zwerge lassen sich mitunter gegen 
reiche Bezahlung von Menschen Sch.e 
machen, doch dürfen diese davon nichts 
erzählen 87 ). Sie verfertigen aber auch 
selbst, wie z. B. auch der irische Cluri- 
caun 88 ), Sch.e, was man mit der angeb¬ 
lichen Wolken- und Nebelnatur der 
Zwerge in Verbindung gebracht hat 89 ), 
aber auch damit erklärt, daß der Sch. 
hier das Sinnbild des Erntesegens, der 
Fruchtbarkeit ist, da die Zwerge durch 
ihr unterirdisches Feuer die droben 
stehende Saat zum Reifen bringen 90 ). 
Näher liegt die Erklärung, daß es sich 
meist um arme Seelen und ruhelose Geister 
handelt, welchen die Sch.e Linderung 
auf ihrem beschwerlichen Wege ins Jen¬ 
seits oder sogar Erlösung bringen (s. Kleid). 
Der verwünschte Schwertmann bettelt 
die Menschen um ein Paar Sch.e an, um 
seinen brennenden Füßen Linderung zu 
schaffen 91 ). Ein ausgelohnter Dienst¬ 
zwerg ruft: 

Hab ich deine Schuh, 

So hab ich meine Ruh' 92 ) 

Ein beleidigter Niß wird durch geschenkte 
weiche Pantoffel versöhnt 93 ). Diesem 
Sch.opfer an Tote (s. u. § 15), an deren 
Stelle später Geisterwesen getreten sind, 
steht das Motiv gegenüber, daß man die 
Geister, namentlich die Hausgeister, 
durch Schenken von Sch.en ver¬ 
treibt 94 ). Eine wichtige Begründung 
dieses Verhaltens liegt wohl darin, daß 


ein Geschenk von Sch.en, mit welchen 
man geht und wandert, geradezu eine 
Aufforderung zum Weitergehen ist. Doch 
kommen wie beim Kleidergeschenk 
(s. Kleid §11) auch andere Gründe in 
Betracht. So sagt z. B. das Futter¬ 
männchen im Voigtland, das keine Sch.e 
hat, als es ein Paar neue erhält: ,,Ach, 
nun wissen sie es und ich muß fort“ 95 ). 
Auch die Waschweibchen verschwinden, 
wenn sie Sch.e bekommen 98 ). 

Die Sch.e der Zwerge sind mitunter 
von Silber 97 ), wie nach einem Kinder¬ 
reim auch die des hl. Nikolaus 98 ), oder 
von Glas "). Manchmal haben sie hohe 
Absätze 100 ). Vom Hausgeist wird ver¬ 
einzelt berichtet, daß er weiche Pantoffel 
bevorzugt 101 ). Vom wilden Jäger wird 
dagegen in einem Fall überliefert, daß er 
klappernde Sch.e hat, die man weithin 
hört 102 ). Im Vintschgau heißt es, daß 
an der Spitze des wilden Heeres ein 
stumpfer Besen von selbst den Weg kehrt 
und hinter ihm zwei leere Sch.e nach¬ 
trappen. Nach anderen Tiroler Sagen 
zieht ein zierlich geputzter Sch. voran. 
Wenn dieser ruhig steht und jemand 
hineinsteigt, so wird er sogleich weit fort- 
getragen 103 ). An dem Fuß, den der wilde 
Jäger im Vorbeijagen herab wirft, ist oft 
noch ein Strumpf oder Sch. 104 ). Auch die 
Sch.e der vom wilden Jäger verfolgten 
Wesen werden zuweilen hervorgehoben 105 ) 
(s. Totensch. unten § 15). 

Der Wassermann hat im Böhmer¬ 
wald große Röhrenstiefel 106 ), sonst aber 
auch, wie ihn überhaupt zerrissene Kleider 
(s. d.) kennzeichnen, zerfetzte Sch.e 107 ), 
die er oft selbst flickt 108 ). Vereinzelt hat 
die Fußbekleidung eines Geistes besondere 
Bedeutung. Hat der im Eulengebirge 
spukende General schwarze Stiefel, 
so ist er guter Laune; trägt er gläserne, 
so hat er seinen bösen Tag 109 ). Ganz 
selbständig tritt ein geisterndes Stiefel¬ 
paar in einer schlesischen Sage auf 110 ), 
was an den Geist Stiefeli im Schwarz¬ 
wald erinnert 111 ). In beiden Fällen liegt 
der Sage eine Übervorteilung zugrunde, 
was auf die rechtliche Bedeutung des 
Sch.es (s. u. § 18) hinweist. Erwähnt sei 
noch der weit verbreitete Schwank von 




* . 


l 

LV 


’t 

.1 






V\ 


W 

\ 

l r- 






1 

;i 

m 


r* 


in 


I305 Schuh I306 


den Stiefeln mit den Totenbeinen, 
den schon Bebel (Facet. 2, 142) er¬ 
zählt 112 ). 

Bei den Sch.en erkennt man in der 
Sage oft das Spiegelbild landesüb¬ 
licher oder wechselnder Mode¬ 
trachten. Auch von längst nicht mehr 
bestehenden Sch.arten weiß die Sage 
noch zu berichten. So wird von den 
Schnabelsch.en, die im 15. Jh. ihre Blüte¬ 
zeit hatten, das Motiv überliefert, daß 
die hindernden Schnäbel von den Kriegern 
abgeschnitten wurden, z. B. sollen dies 
1532 die Belagerer von Dortmund, um 
schneller fliehen zu können, getan haben, 
wobei viele die Sch.e überhaupt aus¬ 
zogen 113 ). Dies erinnert an das Weg¬ 
werfen der Sporen in der sogenannten 
Sporenschlacht (1302) oder das Ab¬ 
schneiden der langen Enden der Eisensch.e 
durch die österreichischen Ritter vor der 
Schlacht bei Sempach (1386) 114 ). Doch 
kann hier neben der Beseitigung des 
Hindernisses auch ein anderes Motiv im 
Spiele sein. In Gegenden, in welchen 
Holzsch.e daheim sind, erscheinen Geister 
gern in solchen, so in Tirol 115 ) oder in 
Rohlingen bei Ellwangen, wo ein kleines 
Weibchen mit gewaltigen Holzsch.n zu 
gewissen Zeiten um Mitternacht sich 
zeigt 116 ). In einer altertümlichen Tracht 
mit weißen Strümpfen und Schnallen- 
sch.en tritt neben andern auch das Kä¬ 
sperle von Gomaringen auf 117 ), glänzende, 
schwarze Sch.e mit weißen Strümpfen 
und einem Napoleonshut trägt einmal 
auch ein Bergwerksgeist 118 ). Bei weib¬ 
lichen Geistern, besonders Schloßfrauen, 
sind meist Pantoffel verschiedener Farbe 
die typische Fußbekleidung 119 ). Nach 
einer norddeutschen Sage wird eine weiße 
Frau mit gelben Pantoffeln für immer 
von ihrem Platze verscheucht, weil ein 
Knecht bei ihrem Anblick ruft: ,,Die hat 
ja gelbe Pantoffel an“ 120 ). Der Pantoffel 
begegnet auch in der Sage von der hl. 
Kümmernis 121 ) und in dem Tiroler Glau¬ 
ben, daß die Muttergottesschühlein 
genannten kleinen Blumen unter den 
Füßen Mariens auf geblüht sind und ihren 
Sch.en ähnlich sehen 122 ). Hier hat man 
es zugleich mit dem alten Motiv von der 


befruchtenden Wirkung der Fußspur (s. d.) 
göttlicher Personen zu tun. 

An Stelle der Fußspur erscheint zu¬ 
weilen genauer der Sch.abdruck als 
Sagenmotiv, durch das sch.ähnliche Ein¬ 
drücke im Gestein oder auf Bauwerken 
erklärt werden 123 ). 

82 ) Zaunert Natursagen i, 24; Sieber 
Sachsen 133. 83 ) Zaunert Rheinland 1, 62 f. 

u. Westfalen 4. Weitere Lit. ZfVk. 4, 293. 
84 ) S6billot Folk-Lore 4, 32. 85 ) Ebd. 1, 263 t. 
86 ) Vonbun Beiträge 61. 87 ) Schell Bergiscke 
Sagen Nr. 346 — Zaunert Rheinland 1, 204. 
88 ) Rochholz Sagen 1, 377. 89 ) Vgl. ZfVk. 4, 
295 ff. 90 ) Aigremont Fußerotik 28. 91 ) Müllen- 
hoff Sagen (1921) 280 Nr. 411. 92 ) Rochholz 
Sagen 1, 379. 93 ) Müllenhoff a. a. O. 352 

Nr. 517. 94 ) Kuhn Westfalen 1, 158 Nr. 163 

Anm.; ZfVk. 4, 298 f.; Meiche Sagen 293 
Nr. 380; Kühnau Sagen 2, 63 Nr. 729 = Peuk- 
kert Schlesien 231. 95 ) Eisei Voigtland 55 

Nr. 123. 96 ) ZfVk. 4, 301; J ungbauer Böhmer¬ 
wald 64 f. 97 ) Zaunert Rheinland 1, 247. 
98 ) Ebd. 2, 183. ") Heckscher 72. 10 °) Quen- 
sel Thüringen 196. 101 ) Müllenhoff Sagen 

(1921) 337 Nr. 499. Vgl. ZfVk. 4, 299 f. 

102 ) Schambach u. Müller Nr. 99, 4. 

103 ) Laistner Nebelsagen 291 f. = ZfVk. 4, 289. 

104 ) ZfVk. 4, 290 f. 105 ) Ebd. 291. i06 ) Jung¬ 
bauer Böhmerwald 51. 107 ) Ebd.; Peuckert 

Schlesien 207. 108 ) ZfVk. 4, 301. 109 ) Kühnau 
Sagen 1, 568 Nr. 606 = Peuckert Schlesien 
146. 110 ) Kühnau Sagen 1, 496 t. Nr. 526. 

111 ) Rochholz Sagen 1, 377; vgl. 2, LIII. 1 ; 
ZfVk. 4, 290. Vgl. Haupt Lausitz 1, 202 Nr. 
238. 112 ) Lit. s. SAVk. 5 (1901)» I2 7 ; 8 (1904b 

66. 113 ) Zaunert Westfalen 179. 114 ) Vgl. 

ZfrwVk. 1914, 83; J. W. Wolf Niederländische 
Sagen (Leipzig 1843) 196 h Nr. 119. 115 ) Heyl 
Tirol 21 Nr. 19; ZfVk. 4, 415 f. 116 ) Birlinger 
Volksth. 1, Nr. 91 = ZfVk. 4, 301. 117 ) Kapff 
Schwaben 49 f. ll8 ) Sieber Sachsen 163. 
nt») Wolf Beiträge 2, 240; Stöber Elsaß 1, 27 
Nr. 39. Vgl. ZfVk. 4, 413. 12 °) Grimm Myth. 
2, 806. 121 ) Vgl. Grimm Sagen 234 Nr. 329; 

Quensel Thüringen 96 f.; ZfVk. 4, 419 f. 

122 ) Zingerle Tirol 109 = Dähnhardt Natur¬ 
sagen 2, 258 = Bolte-Polivka 3, 457. 123 ) Vgl. 
Müllenhoff Sagen (1921) 147 f. Nr. 213; 

Schöppner Sagen (1874) 3, 81 Nr. 1023 — DG. 
11 (1910), 162; Quensel Thüringen 153; 

Aigremont Fußerotik 12 fi. 

6. Das Seitenstück zum Flugmantel 
(s. d.), der Zaubersch., mit dem man 
fliegen oder auf einmal große Strecken 
zurücklegen kann, ist vielleicht ein Sinn¬ 
bild der Wolke 124 ), aber auch verwandt 
mit dem Totensch., der weithin führt und 
daher oft eiserne Sohlen haben muß 
(s. u. § 15). Die Vorstellung eines solchen 
Sch.es kann sich auch in der Weise ent- 





Schuh 


1307 


1308 


wickelt haben, daß man dem einfachen 
Sch. in der Phantasie eine erhöhte Lei¬ 
stungskraft zukommen ließ und so einen 
Wunschtraum verwirklichte. Träume 
haben sicherlich dazu beigetragen, daß 
der Glaube an Flugsch.e entstanden ist, 
namentlich Flugträume, die nicht allein 
von einer freien und leichten Atmung im 
Schlafe herrühren, sondern oft auch durch 
eine Empfindungslosigkeit der Fußsohlen 
ausgelöst werden 125 ). 

Solche Flugsch.e trägt Hermes; Athene 
wird von ihren Sandalen mit zauberhafter 
Schnelligkeit nach Ithaka getragen, Per¬ 
seus erhält von den Nymphen mit der 
Hadeskappe auch Sch.e und Tasche. Eben¬ 
so kann Loki mit seinen Sch.en durch Luft 
und Wasser schreiten, und Ullr heißt von 
seinen Schneesch.en, mit denen er auf 
dem Wasser gehen kann, önduras, sein 
weibliches Gegenbild Skadhi öndurdis 126 ). 
Auch auf die germanischen Schwan¬ 
flügel und Schwanhemden (s. d.) ist hin¬ 
zuweisen 127 ). 

Im Märchen erscheint vor allem der 
Siebenmeilenstiefel 128 ). Schon in 
der Märchensammlung des Somadeva 
aus Kaschmir fliegt der König Putraka in 
Zauberpantoffeln zu den Wolken em¬ 
por 129 ). Wie der Menschenfresser im 
Däumlingsmärchen, setzt die Hexe in 
dem hessischen Märchen ,,Der liebste 
Roland“ den entflohenen Kindern in 
Siebenmeilenstiefeln nach, an deren Stelle 
in einer anderen Lesart Schlittsch.e treten. 
In einem Märchen aus Waldeck machen 
die Zaubersch.e mit jedem Schritte zwei 
und drei Meilen. In einem Märchen aus 
Hirschau in der Oberpfalz gibt eine Hexe 
einem Prinzen der Reihe nach Sch.e, die 
mit jedem Schritte eine Viertelstunde, 
eine halbe Stunde und eine ganze Stunde 
zurücklegen. Mit den letzten holt der 
Prinz eine verwünschte Jungfrau 13 °). 

Auch Elben und Zwerge vermögen mit 
ihren Zauberstiefeln weite Strecken in 
kurzer Zeit zurückzulegen 131 ). Der Niß 
Puck kann dies mit seinen Pantoffeln 132 ), 
ebenso macht zuweilen ein Hausgeist die 
weitesten Wege mit seinen Stiefeln 133 ). 
Auch die Sagen der Indianer kennen 
solche Meilenstiefel 134 ). Mitunter ge¬ 


hören sie zu den Wunschdingen, um 
welche man streitet. In einem süd¬ 
slawischen Märchen streiten drei Teufel 
um einen Bundsch. Schlägt man mit 
diesem auf den Boden, so kommt man 
durch neun Königreiche 135 ). 

Auch der gestiefelte Kater hat eine 
Art Meilenstiefel, da er sie braucht, um 
mit Windeseile Wild für seinen Herrn 
zu jagen 136 ). 

Die französische Volksdichtung kennt 
Stiefel, mit welchen man, wie sonst auf 
Mänteln (s. d.), Schürzen (s. d.) oder 
Schleiern (s. d.) über Gewässer gehen 
kann, ohne naß zu werden 137 ). 

124 ) ZfVk. 4, 283. 125 ) Vgl. Lehmann Aber¬ 
glaube 2 (1908) 484. 126 ) Lit. in ZfVk. 4, 283 f. 

i 27 ) Yg] Grimm Myth. 1, 324. 128 ) Vgl. ebd. 

1, 416 f.; Köhler Kl. Sehr. 1, 265; Bolte- 

Pollvka 2, 318 ff.; Haupt Lausitz 1, 202 
Nr. 238 u. bes. Märchen-Wb. 1, 35 ff. 129 ) Vgl. 
Schultz Zeitrechnung 37 t. 13 °) ZfVk. 
4, 284 ff. mit zahlreichen weiteren Bei¬ 
spielen. Vgl. Panzer Beitrag 1, 191 ff.; 

2, 120 ff. 131 ) Grimm Myth . 1, 420 f. 132 )Wolf 

Beiträge 1, 333; vgl. 1, 21. 133 ) Rochholz 

Sagen 2, LV; vgl. 1, 377. 134 ) ZfVk. 4, 286. 

135 ) F. S. Krauß Sagen u. Märchen der Süd¬ 
slawen (Leipzig 1883/84) 1, 308 = Schultz 
Zeitrechnung 131. 136 ) Vgl. Grimm Myth. 

1, 416 f.; 3, 145; Bolte-Polivka 1, 330; 
ZfVk. 4, 300; H. Güntert Der arische Welt¬ 
könig u. Heiland (Halle 1923) 302. 13? ) Sebillot 
Folk-Lore 2, 28. 

7. Bei einzelnen alten und neuen Vö - 

• • 0 

kern, z. B. den Atolern, Hemikern und 
Arabern, ist der Brauch überliefert, im 
Kampfe einen Fuß unbeschuht zu 
lassen. Darin wollte man die Darbringung 
des linken Sch.es, den die Ätoler und nach 
ihnen die Hemiker auszogen, an die 
Muttergottheit sehen 138 ). Doch liegt 
näher, an den Glauben zu denken, daß 
die Mutter Erde, wenn man einen Fuß 
nackt (s. d.) mit ihr in Berührung bringt, 
dem Kämpfer erhöhte Kraft verleiht, 
wie auch Antäus im Kampf mit Herakles 
so lange unbesiegbar bleibt, als er die 
Gäa mit den Füßen berührt 139 ). Auch 
die Rücksicht auf die Mächte der Unter¬ 
welt dürfte mitspielen. Beim Zauber mit 
Hilfe chthonischer Mächte mußte man 
ohne Schuhe (s. u. § 18) erscheinen, da 
so der Kontakt mit den Gewalten der 
Erde und Tiefe am besten erzielt wurde 140 ). 




1 






1309 Schuh jo 


Ferner ist auf den ebenfalls schon aus 
dem Altertum überlieferten Brauch hin¬ 
zuweisen, bei besonderen Anlässen einen 
Sch. geschlossen und den anderen 
offen zu tragen, wobei mit dem Lösen 
des Sch.es jedenfalls das Freimachen 
von einem magischen Zwang, den ein böser 
Feind ausübt, bezweckt wird 141 ), was 
in erhöhtem Maße der Fall ist, wenn der 
Sch. überhaupt ausgezogen wird. In 
der Ungleichartigkeit, z. B. dem Tragen 
verschiedener Sch.e oder Strümpfe (s. d.), 
liegt endlich selbst schon ein Abwehr¬ 
zauber. 

Nach deutschem Volksglauben verliert 
der, welcher in einem Sch. oder Stiefel 
läuft, das Maß, wenn er nicht denselben 
Weg zurückläuft 142 ). Sonst findet sich 
das Motiv der Einschuhigkeit in einzelnen 
Sagen. Ein gespenstischer Schimmel¬ 
reiter im Walde bei Kusterdingen heißt 
Eintöffeler, weil er an einem Fuße bar¬ 
fuß ist und am andern einen Pantoffel 
trägt 143 ). Das Kätterle von Wertheim 
liegt mit nur einem Pantoffel in der Gruft, 
was vielleicht, wie ähnliche Fälle des Be- 
grabens mit nur einem Sch., auf einen 
Abwehrzauber zurückgeht 144 ). Die 
verwunschene Schloßjungfrau in der 
Stolpe bei Lossin hat nur einen Sch. und 
kann erlöst werden, wenn ihr jemand 
ein Paar Sch.e, ohne zu handeln, bringt 145 ). 
Im Schlosse Kalenberg haust ein kleiner 
Geist namens Stiefel. Seit ihm einmal 
oin Bein beschädigt wurde, trägt er an 
diesem einen das ganze Bein bedeckenden 
Stiefel 146 ). Eine Sage vom Lechrain 
berichtet von einem Forstgehilfen, der 
an den ebenfalls oft seinen Pferdefuß 
verdeckenden Teufel erinnert, weil er 
an einem Fuß stets einen Pantoffel 
hat 147 ). 

138 ) Bachofen Mutterrecht 159. 13a ) Vgl. 

Levy a. a. O. (o. Anm. 1) 185. 140 ) Th. Hopf¬ 
ner Griechisch-ägyptischer Offenbarungszauber, 
Studien zur Palaeographie u. Papyruskunde 
Bd. 21 (Leipzig 1921) 239 f. § 857. 141 ) Vgl. 

Fraze r 3, 311 ff. 142 ) Grimm Myth. 3, 473 
Nr. 1039 (Neue bunzlauische Monatsschrift 
I 79 I / 9 2 )* 143 ) Kap ff Schwaben 26. 144 ) Roch¬ 
holz Sagen 1, 377; ZfVk. 4, 426. 145 ) Knoop 
Minterpommern 51. 140 ) Grimm Sagen 72 

Nr. 77 = Haupt Lausitz 1, 202 Nr. 238. 


347 ) Leoprechting Lechrain 60 f. — Roch¬ 
holz Sagen 2, XXXVIII. 

8 . a) Zur Abwehr böser Nachtgeister, 
vor allem des Alp, der Mahren oder 
Walridersken, aber auch der Hexen, 
werden die Sch.e oder Pantoffel vor 
dem Schlafengehen so vor das Bett ge¬ 
stellt, daß die Spitzen zur Tür ge¬ 
kehrt sind 148 ). In der Mark Branden¬ 
burg sollen sich dabei die Spitzen be¬ 
rühren 149 ). Es handelt sich hier um die 
Täuschung des Dämons, dem man 
glauben machen will, daß man wegge¬ 
gangen ist, also eine Täuschung, wie sie 
im wirklichen Leben und darnach in 
sagenhaften Überlieferungen durch ver¬ 
kehrtes Tragen der Sch.e 15 °) oder auch 
verkehrtes Auf nageln der Hufeisen wieder¬ 
holt begegnet. In Oldenburg wird aus¬ 
drücklich gesagt, daß die Walriderske 
dann glaubt, es sei niemand im Bett. Es 
heißt auch, daß sie dann nicht hinein kann, 
weil sie stets in die Fußtapfen des Schlä¬ 
fers treten muß 151 ), In Ostpreußen sagt 
man, daß sonst der Teufel oder der Mahr 
die Sch.e anziehen würde 152 ). Wenn ver¬ 
einzelt das Umgekehrte Brauch ist und 
die Sch.e mit den Spitzen gegen das 
Bett zu aufgestellt werden 153 ), soll wohl 
ausgedrückt werden, daß der Mensch auf 
den Besuch des Alp vorbereitet ist und 
ihm entgegen treten will. In Oldenburg 
wird in diesem Falle der Nachtmahr mit 
einem Spruche angesprochen, worin Auf¬ 
gaben gestellt werden, die er in der Nacht 
nicht fertig bringt 154 ). Die Stellung der 
Sch.e mit den Spitzen zur Tür erinnert 
daran, daß eine Leiche beim Heraus¬ 
heben aus dem Bett und Hinaustragen im 
Sarge stets die Füße gegen die Tür zu 
gerichtet haben muß, damit sie nicht 
zurückkehrt 155 ). 

Der Nachtgeist kann aber auch da¬ 
durch in Verwirrung gebracht werden, 
daß man die Sch.e verkehrt unter 
das Bett 156 ) oder zu Häupten des 
Bettes 157 ) stellt, mit den Absätzen gegen¬ 
einander 158 ) oder so, daß die beiden 
Ballen nach auswärts gerichtet sind 159 ) 
oder daß der rechte Sch. links, der linke 
rechts steht, oder bei Holzschuhen, daß 
der eine mit der Öffnung nach vorn, der 


Schuh 


1312 


I 3 II 


andere nach hinten liegt 160 ). Dies ge¬ 
schieht in Norddeutschland auch mit 
Stiefeln, damit der Kobold nicht wieder 
kommt, wobei der eine Stiefel mit der 
Spitze nach innen gestellt und daneben 
noch ein Besen hingelegt wird 161 ). Zu¬ 
weilen stehen die Sch.e kreuzweise über¬ 
einander 162 ), worauf schon J. H. Voß in 
der Dichtung „Allegro'' Bezug nimmt: 

Die klagt, wie manche liebe Nacht 

Ein schwerer Alp sie stöhnen macht. 

Wenn rückwärts nicht gestellet war 

Mit Kreuzen ihr Pantoffelpaar 1 * 3 ). 

Im Kempenland (Belgien) gibt man zum 
Schutz gegen Hexen vor dem Schlafen¬ 
gehen zu den Sch.n noch eine Axt neben 
das Bett, erhöht also die Abwehr durch 
die Drohung 164 ). Auch in Frankreich 
dienen Sch.e zur Abwehr böser Nacht¬ 
geister 165 ), im bosnischen Saveland gegen 
den Vampir 166 ). Nicht die Stellung der 
Sch.e,sondern die Sch.e selbst erscheinen als 
Abwehrmittel, wenn man in der Gegend 
von Matsch in Tirol einen hölzernen 
Stiefel über das Bett zum Schutz gegen 
die Drud aufhängt 167 ). Diese kann selbst 
die Gestalt eines Sch.s annehmen. Nach 
einer hessischen Sage faßt ein von der 
Mahr geplagter Mann nachts in der Bett¬ 
decke einen Pantoffel und nagelt ihn j 
an die Tür. Am Morgen sieht er, daß dies 
seine Frau ist 168 ). 

Dieser Abwehrzauber fand eine Weiter¬ 
entwicklung und Übertragung auf andere 
Erscheinungen, die zum Teil nichts anderes 
sind als die primären Ursachen oder Be¬ 
gleiterscheinungen des Alpdrückens. Ge¬ 
gen Schlaflosigkeit schützt man sich 
in Schlesien und Brandenburg, indem 
man neben anderem die Sch.e mit der 
Spitze gegen das Bett zu stellt 169 ). Nach 
Schweizer Glauben kann der im Traum 
Verfolgte laufen, wenn man die Sch.e 
vor das Bett stellt, so daß die Spitze des 
rechten etwas vorgerückt ist 170 ), oder 
indem man den linken Sch. vor den 
rechten stellt 171 ). Ebenda sichert man 
sich gegen nächtliche Fußkrämpfe, 
wenn man die tagsüber getragenen Sch.e 
mit den Spitzen nach außen unter das 
Bett stellt 172 ). In Mecklenburg wird 
der krank, welcher die Sch.e vor dem 


Schlafengehen so vor das Bett stellt, daß 
sie hinter das Bett sehen 173 ). Wenn 
Hundegeheul vor dem Hause anzeigt,, 
daß jemand sterben wird, gibt man bei 
Balkanvölkern einen Pantoffel vor das 
Fenster, bei einigen Völkern den linken, 
j bei andern den rechten. Bei den syrischen 
Christen legt man in diesem Fall, wenn 
ein Kranker im Hause ist, in dessen 
Stube einen Sch. verkehrt hin und ver¬ 
jagt den Hund 174 ). 

b) Um Pforzheim bestand früher der 
Glaube, daß man nachts keine Furcht 
vor Hexen zu haben brauche, wenn man 
vor dem Schlafengehen den linken Sch. 
umkehre 175 ). In Oldenburg hilft be¬ 
sonders der beim Abendmahl getragene 
Sch. gegen Hexerei 176 ). In Niederöster¬ 
reich heißt es von den Hexen, daß sie 
immer zweierlei Fußbekleidung haben, 
entweder einen Tuch- und einen Ledersch. 
oder einen Leder- und Filzsch. 177 ) oder 
einen Ledersch. und einen Tuchpotschen 178 ) 
(= Tuchpantoffel). In Hessen glaubt 
man dagegen, sich durch das Tragen von 
zweierlei Sch.n vor dem Behext werden 
zu sichern 179 ). In Österbotten (Närike) 
ging eine Frau, um einen Waldbrand zu 
löschen, mit unpaarigen Sch.n dreimal 
von Westen nach Osten um das Feuer 180 ). 
Wer nach oberösterreichischem Glauben 
am Georgitag vor Sonnenaufgang unge¬ 
kreuzt und ungewaschen mit einem Sch., 
ohne ein Wort zu sprechen, aufs Feld 
geht, sieht die Hexen 181 ). In Hexen¬ 
prozeßakten heißt es häufig, daß eine der 
versammelten Frauen am rechten Fuß 
den goldenen Sch. trage 182 ). Einen 
behexten Sch. stellt ein Holzschnitt 
bei Ulrich Molitoris, De Lamiis et j>ytho- 
nicis mülieribus (Konstanz 1489) dar. 
Die Hexe schießt auf den vor ihr lie¬ 
genden Sch. einen Pfeil ab, der Besitzer 
des Sch.s steht mit entblößtem rechten 
Fuß dabei 183 ). Verbreitet ist der Glaube, 
daß man beim Werfen des linken Sch.s 
in den Wirbelwind die darin verborgene 
Hexe zwingt, in ihrer wahren Gestalt 
sich zu zeigen 184 ). In Frankreich ver¬ 
treibt man Gewitter, besonders Hagel¬ 
wetter, indem man unter Beobachtung 
besonderer Formen Sch.e dagegen wirft 185 ). 


Schuh 


1313 


1314 


Ein Kreuz auf den Sch.sohlen schützt 
in Oldenburg gegen Hexen 186 ), in der 
Schweiz zugleich mit in Kreuzform ein¬ 
geschlagenen Schuhnägeln überhaupt 
gegen Gespenster 187 ). Nach dem Glau¬ 
ben des 17. Jh.s konnten Diebeshenker 
oder Teufelsmeister Übeltäter bannen, 
wenn sie deren Sch.e bekamen, die sie 
über den Galgen warfen 188 ). Alte Sch.e 
dienen oft als Werkzeug der Hexen. 
Nach einer Sage aus Oldenburg konnte 
in einer Bierbrauerei kein Bier mehr er¬ 
zeugt werden, bis man einen alten Pan¬ 
toffel fand, mit dem eine entlassene 
Magd die Brauerei behext hatte 189 ). 
In Thomar, Estremadura, sind dagegen 
alte Sch.e ein Abwehrmittel gegen Hexen. 
Hierzu, namentlich gegen den bösen 
Blick, werden Sch.e auch verwendet 
bei den Serben, Türken, Fellachen in 
Jerusalem, Beduinen, Arabern, Arme¬ 
niern und in Indien 190 ). In Bengalen 
stellt man beim Bau eines neuen Hauses 
daneben einen Bambusstab auf mit einem 
Strohwisch, einem alten Sch. und einem 
schwarzen Topf, um den bösen Blick ab¬ 
zuhalten 191 ). 

Böses wehrt man ferner ab durch 
Spucken in die Sch.e vor dem An¬ 
ziehen 192 ). Nach Arndt spuckte man 
beim Übernachten in einem fremden 
Hause dreimal in die Pantoffeln oder in 
die Schlafmütze, bevor man sie anzog 193 ). 
Im Lüneburg isehen spuckt man in den 
Sch., wenn man etwas Wichtiges vor¬ 
hat. Nach Plinius spuckten die Alten vor 
dem Anziehen in den rechten Sch. 194 ). 
In Frankreich spuckt man, um bösen 
Zauber, der am Harnen hindert, abzu¬ 
wehren, auf den rechten Sch., bevor man 
ihn anzieht 195 ) (s. spucken, Speichel, 

Münze). Vom Bann kann man sich be¬ 
freien, wenn man ausden Sch.n schlüpft 196 ). 
Bei den Wenden meint man sich gegen 
Bann zu schützen, wenn man nur in 
Sch.n oder Pantoffeln, nicht in Stiefeln 
geht. Zieht man jene aus, so löst sich der 
Bann 197 ). Nach dem Glauben der Ober¬ 
pfalz kann sich der Verirrte vom Blend¬ 
zauber 198 ) auch dadurch befreien, daß 
er den Absatz des rechten Sch.s ab¬ 
schneidet 199 ). Sonst ist Sch.wechsel 

Bächtold»StäubIi , Aberglaube VII. 


(s. d.) das beste Gegenmittel. Hier und 
da mag der Sch. an Stelle eines älteren 
Mondamulettes getreten sein. An die 
Sitte der römischen Patrizier, an den 
Sch.n Halbmonde zu tragen 200 ), er- 


Sch.n Halbmonde zu tragen 20 °), er¬ 
innert der heutige italienische Brauch, 
einen kleinen Sch. als Amulett gegen den 
bösen Blick bei sich zu führen 201 ). Es 
geht aber zu weit, wenn man Schnabelsch.e 
wegen ihrer Form als Mondsymbol auf¬ 
faßt und damit die rotglühenden Eisen¬ 
schuhe im deutschen Märchen vergleicht, 
in denen sich die böse Stiefmutter zu Tode 
tanzen muß 202 ). 

c) Die Sch.e dienen wie die Taschen 
(s. d.) der Kleider oft zum Auf be¬ 
wahren von Zaubermitteln ver¬ 
schiedener Art 203 ). Besonders zauber- 
kräftig sind die zu Johannis gesammelten 
und im Sch. getragenen Kräuter 204 ). 
Nach Schweizer Glauben erkennt man 
die Hexen in der Kirche, wenn man vor 
Sonnenaufgang Klee in die Sch.e gibt 205 ). 
Hat auf Island jemand Metall in den 
Sch.n, so kann ihm niemand Blendwerk 
vormachen 206 ). Die Frauen in Jerusalem 
stecken ihren Männern gegen den bösen 
Blick heimlich Fasuch, eine harzige, 
weihrauchähnliche Masse, in die Sch.e 
oder Kleidung 207 ). Nach dem Glauben 
der Slowenen in Kärnten kann man die 
Tiere in der Christnacht sprechen hören, 
wenn man Stiefel mit neun Sohlen und 
darin Farnwedel trägt 208 ). Sonst macht 
Farnsamen in den Sch.n unsichtbar 209 ) 
oder bewirkt, daß man die unterirdischen 
Schätze heben kann 210 ), oder daß man, 
wenn der Samen oder auch die Blüten 
in der Johannisnacht geholt wird, nicht 
müde wird 211 ). In Frankreich legte man, 
um schnell zu gehen, ein Briefchen, mit 
dem Namen der hl. drei Könige be¬ 
schrieben, in den Sch. 212 ). Nach angel¬ 
sächsischem Glauben kann man Ge¬ 
stohlenes wieder erlangen, wenn man eine 
rechteckige, mit Buchstaben beschriebene 
Figur, welche schweigend gezeichnet 
sein muß, in den linken Sch. unter die 
Ferse legt 213 ). In Komotau (Deutsch¬ 
böhmen) glaubte man noch um die Mitte 
des 19. Jh.s, daß ein Mädchen bei einer 
Tanzunterhaltung den ganzen Abend 

42 



Schuh 


Schuh 


1315 



sitzen bleibt, wenn man ihm den aus den 
Pferden gestriegelten Staub in die Sch.e 
streut 214 ). Dieser Pferdestaub ist ein 
bekanntes Juckpulver, das zuweilen von 
boshaften Burschen auf dem Tanzboden 
ausgestreut wird 215 ). 

148 ) Maennling 316; Grimm Sagen 73 
Nr. 80; Meyer Germ. Myth. 79; Sartori Sitte 
u. Brauch 2, 24 u. in ZfVk. 4, 304 f.; Heckscher 
343 ; Joh. Friedr. Schütze Holsteinisches 
Idiotikon (Hamburg 1800 ff.) 4, 286; Kuhn u. 
Schwartz 420 Nr. 197; Woeste Mark 48; 
Bartsch Mecklenburg 2, 3. 317; Finder Vier¬ 
lande 2, 247; O. u. Th. Ben ecke Lüneburger 
Heimatbuch (Bremen 1914) 2, 523; Kück Lmms- 
burger Heide 242; Fr. Plettke Heimatkunde 
des Regierungsbezirkes Stade 1 (Bremen 1909), 
338; Müllenhoff Sagen (1921) 536; ZfVk. 
1 (1891), 79 (Jamund bei Köslin); ZfrwVk. 
1906, 209; Zaunert Rheinland 2, 151; BlPomm- 
Vk. 10, 132; Lemke Ostpreußen 1, 67; Sieber 
Sachsen 204; Huß Aberglaube 31 = Hovorka 
u. Kronfeld 2, 254t.; Vernaleken Mythen 
271; Rochholz Sagen 2, LV; Manz Sargans 
112; Schulenburg 150t. 149 ) ZfVk. 1, 190. 

i:o ) Vgl. Mitteil. Anhalt. Gesch. 4, 10. 151 ) Strak- 
kerjan 1, 472 Nr. 252. 152 ) Frischbier Hexen- 
spr. 10. I53 ) Vgl. ebd. Anm.; Meier Schwaben 
1, 177 Nr. 13; Seligmann Blick 2, 227. 

154 ) Strackerjan 1, 472 Nr. 252. 155 ) Wuttke 
460 ff. §§ 729. 736; Meyer Germ. Myth. 70. 

156 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 215 Nr. 6. 

157 ) Grimm Myth. 3, 449 Nr. 457. 158 ) Drechs¬ 

ler 2, 177. 159 ) Reiser Allgäu 2, 426. 16 °) Strak- 
kerjan 1, 472 Nr. 252. 161 ) Kuhn u. Schwartz 
215 Nr. 243, 494. 162 ) Strackerjan 2, 228 

Nr. 483; Wuttke 285 § 419. 163 ) Lauffer 

Niederdeutsche Volksk. 2 134. 164 ) Selig¬ 
mann Blick 2, 17. 165 ) Sebillot Folk-Lore 

1, 141. I66 ) Globus 61, 326 = ZfVk. 4, 305. 

167 ) Laistner Sphinx 2, 208. Vgl. ZfVk. 4, 
305. 168 ) ZfVk. 4, 304. 169 ) Drechsler 2, 265; 
Wuttke 313 § 462 — ZfVk. 4, 154. 17 °) Zahler 
Simmenthal 48; Manz Sargans 145. 171 ) SAVk. 
24 (1922), 67. 172 ) Ebd. 2, 261; Reiser Allgäu 

2, 445. 173 ) Bartsch Mecklenburg 2, 489 f. 

= ZfVk. 4, 150. 174 ) Stern Türkei 1, 418. 

175 ) Grimm Myth. 3, 456Nr. 642. 176 ) Strack er- 
jan 2, 228 Nr. 483. 177 ) Landsteiner Nieder¬ 
österreich 48 4 = ZfVk. 4, 302. 178 ) Pfalz 

Marchfeld 65. 173 ) Wolf Beiträge i, 226 — 

ZfVk. 4, 304; Seligmann Blick 2, 222. 

:8 °) Knuchel Umwandlung 88. 181 ) Baum¬ 

garten Jahr u. s. Tage 24. 182 ) Grimm Myth. 
2, 896. 183 ) Soldan-Heppe r, 252. 184 ) Baader 
Sagen Nr. 237 = Kuhn Westfalen r, 108 
Nr. 110 Anm.; Meyer Baden 368; Wuttke 
303 § 444 (Schwaben); ZfVk. 4, 303. 185 ) Sebil¬ 
lot Folk-Lore 1, 109 h 186 ) Strackerjan i, 
426 Nr. 229 = Seligmann Blick 2, 336; 
ZfVk. 1 (1891), 181 (Neumark) = 4, 304; vgl. 
4, 419. 187 ) Lütolf Sagen 514 Nr. 469. 188 ) Prae- 
torius Phil. 11. 189 ) Strackerjan 1, 380. 


19 °) Seligmann Blick 2, 22 7 l. 191 ) Ebd. 2, 41. 
192 ) Ebd. 2, 207. 216. 193 ) Heckscher 134 f. 

194 ) Ebd. 393. 195 ) Wolf Beiträge 1, 250 = 
ZfVk. 4, 150. 196 ) Heyl Tirol 164 Nr. 72. 
197 ) Schulenburg 82 = ZfVk. 4, 155. 198 ) Vgl. 
ZfVk. 4, 155. 298. 199 ) Schönwerth Oberpfalz 
3, 276. 20 °) Seligmann Blick 2, 138. 201 ) Ebd. 
2, 227. 202 ) Siecke Götterattribute 95 f. 203 ) Vgl. 
ZfVk. 4, 153 f.; Sebillot Folk-Lore 3, 485 f. 
204 ) Vgl. Frazer 11, 54 f. 60. 65. 205 ) Grimm 
Myth. 2, 903. 296 ) ZfVk. 13 (1903), 272 = 

Heckscher 384. 207 ) Seligmann Blick 2, 62. 
208 ) Ausland 62, 265 = ZfVk. 4, 155 = Wein¬ 
hold Neunzahl 17. 209 ) Sieber Sachsen 128; 

Zaunert Westfalen 287. Vgl. Sebillot Folk- 
Lore 3, 485. 210 ) Peuckert Schlesien 77. 

211 ) Geramb Brauchtum 61 (Tirol). 212 ) Wolf 
Beiträge 1, 248 ^ ZfVk. 4, 154. 213) Fischer 

Angelsachsen 20 = ZfVk. 4, 153. 214 ) Q ro h- 

mann 200 Nr. 1407. 215 ) Verf. 

9. Glück bringt das Nachwerfen 
eines Sch.s. Es geht nicht an, hier ein¬ 
fach ein Opfer für die bösen Dämonen 
zu erblicken 216 ). Je nach den Um¬ 
ständen sind verschiedene Erklärungen 
möglich, auch eine Motivenkreuzung kann 
stattfinden 217 ), indem etwa die rechtliche 
(Herrschaftssymbol) und zugleich auch 
die geschlechtliche (Fruchtbarkeits¬ 
symbol) Bedeutung in Betracht kommt. 
Zuweilen ist auch hier der Sch. bloß an 
Stelle des Fußes getreten 218 ). 

Schon in dem niederdeutschen Schau¬ 
spiel Theophilus 219 ) sagt der Held, im 
Begriff zum Teufel zu gehen, zu dem 
Juden, der ihm den Weg weist: 

Up dat it my wol enhant gae 

So werp my einen alden scho nae! 

Ähnlich heißt es in dem Gedicht ,,Der 
Minne Falkner“ 220 ) (v. 78): 

Er sprach: wirff nach den Siegel, 

wünsch heile meiner ferte! 

Noch heute ist es im Saterland und Mün¬ 
sterland Brauch, wenn jemand zur Jagd, 
auf Reisen oder in Geschäften das Haus 
verläßt, ihm einen Holzsch. nachzu¬ 
werfen, wenn er bei der Tür hinausgeht; 
dann hat er Glück 221 ). Ebenso verfährt 
man im Aargau und in England 222 ). In 
Irland muß man einem Angehörigen, 
der auf Reisen geht, einen Pantoffel oder 
den rechten Sch., der an sich glück¬ 
bringend ist, nachwerfen 223 ). Deutlich 
ist die Beziehung zwischen dem 
Sch., den man beim Gehen und Reisen 
in erster Reihe braucht, und dem Gange 



1317 



oder Reise selbst erkennbar. Wenn in 
der Türkei ein Seemann ein Schiff ver¬ 


läßt, wirft ihm jemand von der übrigen 
Mannschaft einen alten Sch. oder sonst 
eine * abgetragene Sache nach. Hier wird 
als Grund angegeben, daß der Betreffende, 
wenn er ein ,,böses Auge“ habe, es mit¬ 
nehmen oder auf den Sch. übergehen 
lassen soll 224 ). 


Dagegen bezweckt der schon im alten 
Griechenland nachgewiesene, in Deutsch¬ 
land nur vereinzelt belegte, früher am 
Rhein und jetzt noch in Oberschlesien 
bekannte 225 ), besonders in England, 
Schottland und Dänemark gepflegte 
Brauch, Neuvermählten ein Paar 
alte Sch.e nachzuwerfen, in erster Reihe 
eheliche Fruchtbarkeit 226 ). Doch 
liegt schließlich auch hier das Motiv der 
Reise vor, die für das ganze Leben gilt. 
Andrerseits mag in dem Umstand, daß 
nicht einzelne Sch.e, sondern ein Paar 


Sch.e nachgeworfen werden, ein Hinweis 
auf die rechtliche Bedeutung der Ehe und 
die Gleichstellung beider Teile zu er¬ 
kennen sein. Daß es gerade alte Sch.e 
sind, braucht keineswegs eine erhöhte 
Potenz, die man den Neuvermählten 
wünscht, bedeuten 227 ). Neue Sch.e weg¬ 
zuwerfen, wäre denn doch zu kostspielig. 
Diese Sitte ist auch in Amerika daheim 228 ), 
ferner bei den Türken, wo man damit dem 
bösen Blick begegnet, und bei den Zigeu¬ 
nern in Siebenbürgen, welche ausdrück¬ 
lich angegeben, daß dann die Ehe frucht¬ 
bar wird 229 ). 


216) Vgi Samter Geburt 195 ff. 205 f. 217 ) Vgl. 
sbd. 206. 218 ) Vgl. ZfVk. 21 (1911), 414. 
519 ) Trierer Hs. des 15. Jh.s, hg. von Hoffmann 
von Fallersleben 1, 524 f.; ZfVk. 4, 152. 
* 20 ) Schmellers Ausgabe von Hadamars von 
Laber Jagd in der Bibliothek d. liter. Vereines 
in Stuttgart, Bd. 20, S. 171 ff. 221 ) Stracker¬ 
jan 1, 37 Nr. 27; 111 Nr. 128 — Wuttke 406 
§ 628 = Seligmann Blick 2, 227 f. = ZfVk. 
b J 53 - 222 ) Geburt 198. 223 ) Rochholz 

Kinderlied 353 224 ) Samter Geburt 198. 

J25 ) Ebd. 196. 226 ) Ebd. 195 ff.; Seligmann 

Blick 2, 227; ZfVk. 4, 153; ZföVk. 20 (i 9 1 4 ). 
jo 3 . Vgl. Crooke Northern India 2 (1896) 

2 » 34 - 227 ) Liebrecht Zar Volksk. 492. 228 ) ARw. 
[8 (1915), 593; vgl. 21, 240. 229 ) Samter Geburt 

mc I • Qolirr m ar-iri R7i rh O O 9 S 


10. Im Schatzglauben ist der Sch. 
häufig vertreten, worin man aber keines¬ 


wegs eine Beziehung zur angeblichen 
Gewitternatur der Schatzsagen zu suchen 
braucht 230 ). Gleichwie durch andere 
Kleidungsstücke (s. Kleid) und Gegen¬ 
stände (s. bes. Stahl, Messer) kann man 
brennende Schätze auch durch Darauf¬ 
werfen der Sch.e oder Stiefel bannen 231 ), 
was der rechtlichen Bedeutung der Sch.e 
bei Besitzergreifungen entspricht (s. u. 
§ 18). Im besondern heißt es, daß man 
den rechten Sch. 232 ) oder, wie in Ost¬ 
preußen, den linken werfen so 1 ! 233 ). In 
einer Sage aus Hinterpommern wird der 
Sch., den jemand auf den in einer hohlen 
Eiche von einem Hunde bewachten 
Schatz wirft, von dem Wächter wieder 
zurückgeworfen 234 ). Eine Erweiterung 
des Motives bringt eine norddeutsche 
Sage, nach welcher bei einem vom Teufel 
bewachten Schatz ein feuriger Stiefel 
steht. Wer diesen anzieht, dem muß der 
Teufel den Schatz geben 235 ). 

Ein tiefer Sinn steckt wohl kaum in 
dem Sagenmotiv, daß Sch.e zum Auf¬ 
bewahren von Geld und Schätzen 
dienen. Sie werden dazu eben gerade so 
verwendet wie andere wegen ihrer Form 
als Behälter passende Kleidungsstücke 
(s. Schürze, Strumpf) oder die Taschen 
(s. d.) der Kleider (s. o. § 8 c). An die 
mythische Darstellung eines Gewitter¬ 
vorganges wird man schwerlich denken, 
wenn der Drache, Teufel oder sonstige 
Schatzbringer ihre Gaben in einem Sch. 
tragen 236 ), auch nicht, wenn der wilde 
Jäger einem Bauern Gold in den Stiefel 
schüttet 237 ). Daß der Sch. in solchen 
Fällen nur als Gefäß zu betrachten ist, 
beweist das Sagenmotiv von dem Sch. 
ohne Sohlen, mit dem man den Schatz¬ 
bringer, der Geld hineinschüttet, be¬ 
trügt 238 ). Eher wird man noch dort, 
wo ein weiblicher Geist dem geliebten 
Manne zum Abschied einen Sch. voll 
Geld gibt 239 ), an die erotische Bedeutung 
des Sch.s denken. 

Auch in dem Sagenmotiv, daß von 
geschenkten wertlosen Dingen, wie Koh¬ 
len, Holzspänen u. a., oder Schätzen, die 
sich in Mist und Unrat verwandeln, der 
zufällig im Sch. gebliebene Rest zu 
Gold oder Geld wird 240 ), eine tiefere 


1319 


Schuh 


Bedeutung zu sehen, ist unnötig, da das¬ 


selbe von der Schürze (s. d.) und anderen 
Kleidungsstücken erzählt wird und der 
Sch. sich natürlich am ehesten dazu eignet, 
daß darin irgend etwas versteckt bleiben 
kann, z. B. in den Sch.en des Wagner¬ 
meisters, der den Pflug der Perchte aus¬ 
bessert, ein Holzspan, der zu einem Gold¬ 
stück wird 241 ), oder an der Sch.schnalle 
des Schäfers, der am Johannisabend die 
verlorene Herde auf dem Kyffhäuser 
sucht, die Wunderblume 242 ). 

Auf Reichtum oder Armut deutet 
das Volk die Art und Weise, wie die Sch.e 
ausgetreten werden. Wer sie einwärts 
tritt, wird reich, wer auswärts, arm 243 ). 
Reich wird auch der, welcher ein rundes 
Loch, das an die runde Münze erinnert, 
in die Schuhsohle tritt 244 ) oder der seine 
Sch.e so zertritt, daß sie zuerst vorn in¬ 
mitten der Sohle löcherig werden 245 ). 
In Mecklenburg glaubt man, daß dem, 
welchem das Dienstmädchen beim Aus¬ 
fegen mit dem Besen über die Stiefel 
fährt, das Glück weggefegt wird 246 ). 

23 °) Zfvt 4 420. 23 i) Jahn Pommern 300 ff. 
Nr. 380. 384. 406. 409 u. Toeppen Masuren 
34 u. Kuhn Mark. Sagen 384 Nr. 67 u. Roch- 
holz Sagen 2, 161 = ZfVk. 4, 422; Heckscher 
380; Kühnau Sagen 3, 699 Nr. 2099 (Poln.- 
Oberschlesien); Kuoni St. Galler Sagen 77; 
SchwVk. 4. 23 f.; vgl. 9, 10. 232 ) Wucke Werra 
314 Nr. 544. 233 ) Wuttke4i2 § 640. 234 ) Knoop 
Hinterpommern Nr. 147 = ZfVk. 4, 422. 
235 ) Temme Pommern Nr. 201 = Jahn Pom¬ 
mern 287 Nr. 362. 236 ) ZfVk. 4, 420. 237 ) Ebd. 
421 = Grimm Myth. 2, 771 = Rochholz 
Sagen 2, LV. 23 «) ZfVk. 4, 421. 23 ®) Z. B. 

Zaun er t Natursagen 1, 74 t. 240 ) Beispiele 
s. ZfVk. 4, 421. 241 ) Quensel Thüringen 191. 
242 ) Ebd. 171; Grimm Myth. 3, 288 = ZfVk. 
4, 421. 243 ) Grimm Myth . 3, 436 Nr. 63 (Rocken¬ 
philosophie) u. Panzer Beitrag 1, 264 u. 

Birlinger Aus Schwaben 1, 397 — ZfVk. 4, 
131; Pfister Hessen 171; Wuttke 220 § 312. 
244 ) Birlinger Aus Schwaben a. a. O.; Fogei 
Pennsylvania 81 Nr. 297. 245 ) Unoth r, 180 
(Schaffhausen). 248 ) Bartsch Mecklenburg 
2, 317 — ZfVk. 4, 151. 

11. In verschiedener Weise kommt der 
Sch. bei der Zeugung und Geburt und 
in der ersten Kindheit in Betracht. In 
R an gg en (Tirol) und bei den pennsyl- 
vanischen Deutschen muß der Mann, 
der einen Buben haben will, zum Bei¬ 
schlaf Stiefel anziehen 247 ) (s. Hut § 7). 


1320 

In manchen Gemeinden von Poitou tau¬ 
chen Bräute ihre Sch.e in bestimmte 
Quellen, um sicher Kinder zu bekom¬ 
men 248 ). Die Eskimo nehmen, um ihre 
Frauen fruchtbar oder schwanger zu 
machen, englische Schuhsohlen und be¬ 
hängen sich damit, weil sie das englische 
Volk für besonders stark und fruchtbar 
halten. In China wird ein geweihter Sch. 
aus dem Tempel der Kindergöttin ge¬ 
nommen und im Hause des Weibes, das 
Kinder wünscht, neben dem Bilde der 
Göttin aufgestellt und verehrt. Wird 
der Wunsch erfüllt, so stiftet die glück¬ 
liche Mutter ein Paar neue Sch.e in jenen 
Tempel 249 ). In einigen Gegenden Est¬ 
lands wechseln die Schwangeren 
wöchentlich ihre Sch.e, um den Teufel, 
der ihnen auf Schritt und Tritt folgen 
soll, von ihrer Spur abzuleiten 25 °). Neben 
diesem Motiv der Täuschung mag wohl 
! auch der Umstand in Betracht kommen, 
daß die Frauen durch häufiges Anziehen 
frischer Sch.e, die so immer wieder aus¬ 
getreten und erweitert werden, was man 
auch bei den Geburtsorganen wünscht, 
die glückliche Geburt beeinflussen 
wollen 251 ). Bei den Gräco-Walachen 
um Monastir sucht man die Geburt sogar 
vor den nicht zur engeren Familie ge¬ 
hörenden Hausleuten zu verheimlichen. 
Hat es aber trotzdem ein Mann erfahren, 
so nimmt man ihm heimlich seine Sch.e, 
schüttet etwas Wasser hinein und tropft 
davon auf Lippen und Brust der Kind¬ 
betterin 252 ). Um die Geburt zu erleich¬ 
tern, war es in Schwaben noch zu Ende 
des 18. Jh.s üblich, daß man der Kreißen¬ 
den die Pantoffel des Mannes anzog 253 ). 
Zu demselben Zwecke trinken die ser¬ 
bischen Frauen aus dem Sch. des Mannes, 
was auch in Syrien und Palästina der 
Brauch ist. In einzelnen südslawischen 
Gegenden wird hiebei verlangt, daß das 
Wasser unberührt und unbesprochen sein 
muß 254 ). In Syrien gibt man einer 
Frau, die nach der Entbindung starke 
Unterleibsschmerzen hat, die Sch.e des 
Mannes, ohne daß sie es merkt, unter 
die Kopfkissen 255 ). 

Geht die Wöchnerin zur Einsegnung, 
so muß sie neue Sch.e anziehen; sonst 


1321 


Schuh 


1322 


v 


n 


* 


macht das Kind einen gefährlichen Fall, 
wenn es laufen lernt 256 ), oder es lernt 
spät sprechen, oder bekommt, wenn es 
ein Mädchen ist, einst einen Witwer zum 
Mann 257 ). In Ostfriesland streut die 
Kindbetterin beim ersten Kirchgang etwas 
Salz in die Sch.e und achtet darauf, daß 
sie nicht in die Spuren anderer Leute 
tritt, weil sie sonst eine geschwollene 
Brust bekommt 258 ). Im Frei- und Keller¬ 
amte zog die Mutter zur Aussegnung ihre 
Hochzeitssch.e an 259 ). In der Schweiz 
gilt als üble Vorbedeutung, wenn die 
Patin die Sch.e verliert 260 ). Bei den 
Magyaren darf eine Wöchnerin nie barfuß 
gehen, sondern muß, so lange sie im Bette 
liegt, die stets davor stehenden Pantoffel, 
die von der Gottesmutter, der Geburts¬ 
göttin sind, anziehen, wenn sie das Bett 
verläßt. Nach dem endgültigen Verlassen 
des Kindbettes darf sie diese Sch.e nicht 
mehr gebrauchen. Nur Frauen, welche 
dreimal Zwillinge geboren haben, erlaubt 
es die Gottesmutter, diese Pantoffel ihr 
Leben lang zu tragen 261 ). Bei den Serben 
wird abends das Bett des neugeborenen 
Kindes mit dem Rauch von alten Sch.en 
eingeräuchert, wodurch man die Hexen 
zu vertreiben glaubt 262 ). 

Die ersten Sch.e eines Kindes sollen 
nicht neu sein, da es sonst sehr viele 
zerreißt (Oberamt Gerabronn) 263 ), nach 
französischem Glauben sollen sie aus 
Wolfsfell sein 264 ). Bei den ersten Sch.n 
oder Kleidern (s. d.) darf man dem Schu¬ 
ster oder Schneider nichts abziehen, 
sonst hat das Kind kein Glück 265 ). In 
der hessischen Wetterau darf man die 
ersten Sch.e dem Kinde nicht an¬ 
messen 266 ). In der Schweiz spricht man 
zuweilen ein besonderes Sprüchlein, wenn 
man einem Kinde die ersten Sch.e an¬ 
zieht 267 ). In der Mark Brandenburg 
werden diese Sch.e aufbewahrt, weil sonst 
das Kind nicht alt werden würde 268 ). 

247 ) Zingerle Tirol 26; Fogel Pennsyl¬ 
vania 349 Nr. 1861; 355 Nr. 1897. Vgl. Lieb¬ 
recht Zur Volksk. 440. 248 ) Sebillot Folk- 

Lore 2, 332. 249 ) ZfVk. 4, 157. 25 °) Boeder 
Ehsten 45 = Ploß Kind 1, 9 - 251 ) Vgl. ZfVk. 
4, 158. 252 ) Ebd. 134 = Stern Türkei 2, 294. 
253 ) Grimm Myth. 3, 457 Nr. 673. 254 ) Stern 
Türkei 2, 295 f- 299. 255 ) Ebd. 2, 311. 258 ) Grimm 


Myth. 3, 449 Nr. 451 (Rockenphilosophie) ; 
vgl. 462 Nr. 797; Schönbach Berthold v. R. 
151; Wolf Beiträge 1, 212 (Wetterau) = 
Wuttke 379 § 577. Vgl. Rochholz Kinderlied 
316. 257 ) Drechsler 1, 208. 258 ) Ploß Kind 

1, 229 = ZfVk. 4, 172. 259 ) Bächtold Hoch¬ 
zeit 1, 248. 26 °) ZfdMyth. 4, 3 = ZfVk. 4 , * 5 i- 
281 ) Wlislocki Magyaren 163 f. 262 ) Ausland 
49f 516 = ZfVk. 4, 304. 263 ) Höhn Geburt 

Nr. 4, 278. 264 ) Liebrecht Gervasius 244 = 

ZfVk. 4, 152. Vgl. Meyer Konv.-Lex. 20 (1908), 
721. 265 ) Grimm Myth. 3, 443 Nr. 262 (Rocken¬ 
philosophie) ; Kuhn u. Schwartz 459 Nr. 440; 
Drechsler 1, 213. 268 ) Wolf Beiträge 1, 207 h 
Nr. 33 f. = ZfVk. 4, 175. 287 ) Rochholz 

Kinderlied 320. 268 ) ZfVk. 1 (1891), 184. 

12. Schon seit ältester Zeit findet man 
den Sch. im Liebeszauber verwendet. 
Weit verbreitet ist das Motiv von dem 
Mädchen- oder Frauenschuh, der durch 
den Wind oder durch einen Adler ent¬ 
führt wird, wie z. B. in der Sage von 
Rhodope und dem ägyptischen König, 
oder sonstwie in den Besitz eines Mannes 
kommt und dessen Liebe entfacht (vgl. 
das Märchen vom Aschenbrödel) 269 ). Mit 
Hilfe von Sch.n verstehen es besonders 
Hexen zu zaubern. Bei Lucian, Dial. 
Meretr. 4, 4 hat eine alte Hexe, um einen 
Treulosen wieder heranzuziehen, irgend 
etwas von ihm nötig otov tp.aita 73 
xpTjmSac t \ äXfyxc töv rpt/wv 73 xt tmv 
Totootmv 27 °). Mit von ihr hergestellten 
Zauberstiefeln bewirkte 1026 eine Nonne 
zu Pfalzel bei Trier, daß der Erzbischof 
Poppo, den sie liebte, jedesmal von 
heftiger Begierde nach der Umarmung 
eines Weibes ergriffen wurde, sobald er 
die Stiefel anzog, die sie ihm geschenkt 
hatte. Ebenso erging es anderen Männern, 
welche die Stiefel anlegten. Schließlich 
wurde die Nonne aus dem Kloster ge¬ 
stoßen und dieses aufgelöst 271 ). Nach 
Hexenakten aus Steiermark (1546) wurde 
ein Entlaufener durch Fernzauber in 
der Weise zurückgebracht, daß die Hexen 
in seine zurückgelassenen Stiefel ge¬ 
blasen hatten 272 ). Nach hessischem 
Glauben konnte man jemand zwingen, 
aus der Fremde heimzukommen, indem 
man seine Sch.e in einen neuen Topf gab, 
damit gegen den Strom Wasser schöpfte 
und dann die Sch.e in dem Topf vier 
Tage lang kochte 273 ). Nach Tiroler 
Glauben kann eine Hexe auf einen Mann, 


Schuh 


1325 


Schuh 


1326 


1323 

den sie gern hat, so einwirken, daß er zu 
ihr kommen muß, so oft sie es will. 
Zieht er aber die Sch.e aus, so laufen 
diese allein zu ihr 274 ) (s. Schürze, 

Strumpf). 

Um die Liebe einer Person zu ge¬ 
winnen, entwendet man ihr in Hessen 
heimlich einen Sch., trägt ihn acht Tage 
lang selbst und gibt ihn dann wieder 
zurück 275 ). Um Landshut legt man der 
geliebten Person unversehens vierblättri¬ 
gen Klee in den Sch., dann muß sie einem 
nachlaufen 276 ). Ähnlich wird in Frank¬ 
reich dem Manne, um seine Liebe zu er¬ 
höhen, ein in der Johannisnacht ge¬ 
pflücktes Nußbaumblatt in den linken 
Sch. gelegt 277 ). Bei den Finnen gewinnt 
eine Frau die durch Hexerei verlorene 
Liebe des Mannes wieder, wenn sie aus 
einem seiner Sch.e fließendes Wasser 
trinkt und den Sch. dann rückwärts 
über die Schultern wirft 278 ). Bei den 
Kaschuben verbrennt man einige Halme 
der Stroheinlage, welche man in den 
Stiefeln gegen Kälte und Nässe hat, und 
mischt die Asche unauffällig in die 
Speise oder den Trank jener Person, deren 
Liebe man gewinnen will. Um diesen 
Zauber abzuwehren, muß diese Person 
dem Verliebten mit der Stroheinlage so 
ins Gesicht schlagen, daß Blut, und sei 
es nur ein Tropfen, fließt; dann hört die 
Liebe auf 279 ). 

Ein anderes Gegenmittel gegen ange¬ 
hexte Liebe wird aus dem 17. Jh. über¬ 
liefert. Man muß ein neues Paar Sch.e 
anziehen, darin eine Meile geschwind 
gehen, so daß die Füße schwitzen, dann 
den rechten Sch. ausziehen und daraus 
Bier oder Wein trinken. Dann wird man 
der geliebten Person von Stund an 
gram 28 °). Einem Pommerschen Kavalier, 
der von einer geilen Metze einen Liebes¬ 
trank erhalten hatte, legte jemand Mist 
in die Sch.e. Nachdem er eine Stunde 
darin gegangen und sich satt gerochen 
hatte, ward seine Liebe auch stinkend 281 ). 
Um sich von angehexter Liebe zu be¬ 
freien, gab man bei den Tschechen den 
vom Absatz des rechten Sch.s abge¬ 
schabten Kot in den Sch. und warf den 
Kot von einem Steg aus rücklings über 


1324 

den Kopf ins Wasser, worauf man, ohne 
umzusehen, seines Weges ging 282 ). 

269 ) Vgl. die Lit. in ZfVk. 4, 160; Bolte- 
Poh'vka i, 187; Storfer Jung fr.-Mutter schuft 
73 1 - 27 °) ZfVk. 4, 159. 271 ) Ebd.; Zaunert 

Rheinland 2, 67. 272 ) ZfVk. 7 (1897), 1 88 f. 

273 ) Grimm Myth. 2, 915. 274 ) Zingerle Tirol 
67 = ZfVk. 4, 302 f. 275 ) Wuttke 365 § 552. 
Vgl. Grohmann 208 S. Nr. 1450. 278 ) Pollinger 
Landshut 247. 277 ) Sebillot Folk-Lore 3, 392. 
278 ) Seligmann Blick 1, 308. 279 ) Seefried- 

Gulgowski 109. 28 °) Staricius (1685) 

341 = Lammert 152 = Hovorka u. Kron- 
feld 2, 170f. = Drechsler 1, 232f. 281 ) Graesse 
Preußen 2, 465 = ZfVk. 4, 160. 282 ) Grohmann 
209 Nr.» 1451 = Wuttke 367 § 555 = ZfVk. 
4, 160. 

13. Außer dem Sch.werfen (s. d.) gibt 
es noch andere Eheorakel. Wenn in 
Hessen die Mädchen am Neujahrsmorgen 
zuerst ausgehen, haben sie einen Heller 
im linken Sch. Der erste ledige Bursche, 
den sie begegnen, ist der Zukünftige 283 ). 
Im Zillertal (Tirol) kocht das Mädchen 
in der Christnacht ein „Salzkoch“, wirft 
ein neues Paar Sch.e durchs Fenster 
hinaus und zieht sie draußen an, jedoch 
ohne die Sch.bänder festzubinden. Dann 
wäscht es sich das Gesicht, aber ohne sich 
abzutrocknen. Der erste, der hierauf 
dem Mädchen am Kirchhofgitter die Sch.e 
binden und das Gesicht abtrocknen will, 
ist der Zukünftige. Doch darf sich das 
Mädchen dies von dem Scheinbild auf 
keinen Fall tun lassen, weil ihm sonst 
das Gesicht abfaulen würde 284 ). Bei den 
pennsylvanischen Deutschen geht das 
Mädchen, das neue Sch.e bekommen hat, 
damit zu Bett. In der Nacht soll dann 
ein Mann erscheinen, der die Sch.e aus¬ 
ziehen will. Diesen wird das Mädchen 
zum Mann bekommen 285 ). In dem 
Märchen ,,Die drei Männlein im Walde“ 
sagt ein Witwer, der unschlüssig ist, ob 
er wieder heiraten soll, zu seiner Tochter, 
sie möge einen durchlöcherten Stiefel 
am Boden aufhangen und Wasser hinein¬ 
gießen. Wenn er das Wasser halte, wolle 
er wieder eine Frau nehmen. Das Wasser 
zieht das Loch in der Sohle zusammen 
und der Stiefel wird voll, worauf der 
Vater wieder heiratet. Dies erinnert an 
das sizilianische Märchen „Von Giovan¬ 
nino und Caterina“, worin der Vater die 
Lehrerin seiner Tochter erst heiratet. 



wenn die über seinem Bett aufgehängten 
eisernen Stiefel aufgebraucht sein wer¬ 
den 286 ). 

Nach dem Glauben des Erzgebirges 
bekommt ein Mädchen einen lahmen 
Mann, wenn es mit nur einem Pantoffel 
über die Stube geht 287 ). Auf baldige 
Heirat schließt man, wenn jemandem 
beim Stiefelputzen die Bürste oft aus 
der Hand fällt 288 ), bei den Tschechen, 
wenn einem Burschen die Stiefel knar¬ 
ren 289 ). Erwähnt sei noch der zum Stoff 
von den Andreasgebeten um einen Mann 
gehörende Schwank aus Hannover, in 
dem der hinter einer Hecke stehende 
Hirt dem Mädchen, das gern einen Mann 
haben will und Gott um ein Zeichen 
bittet, einen alten Sch. zuwirft, wofür 
das Mädchen Gott freudig dankt 29 °). 

283 ) Pfister Hessen 162. 284 ) ZfVk. 8 (1898), 
330. 285 ) Fogel Pennsylvania 61 Nr. 189. 

286) ZfVk. 4, 166. 287 ) John Erzgebirge 76. 

288) Wuttke 220 § 312 =ZfVk. 4, 165. 289 ) Groh¬ 
mann 223 Nr. 1259. 29 °) ZfVk. 4, 164; Bolte- 


T >~1 


1 


^ -1 


T /“* \ 


14. Betreffs des Schenkens der Hoch¬ 
zeit s s c h. e herrscht en tgegengesetzter 
Glaube. 

a) Dort wo die mit dem Sch. ver¬ 
knüpfte Vorstellung des Gehens, Weg¬ 
gehens oder Davonlaufens im Vorder¬ 
grund steht, hält man solche Geschenke 
für ungeeignet, was besonders in Nord¬ 
deutschland der Fall ist. Hier bedeutet 
die Redensart „jemand ein Paar Sch.e 
geben“ so viel wie „jemand, den man 
nicht mehr sehen will, fortweisen“. Ähn¬ 
lich scheint in einem serbischen Lied 
das Hinw r erfen eines Sch.es ein Zeichen 


der Verachtung zu sein, wobei der Sch. 
an Stelle des Fußes (vgl. jemand einen 
Fußtritt geben) getreten sein dürfte 291 ) 
(s. u. § 15a). 

In Ostpreußen darf der Bräutigam der 
Braut die Sch.e nicht besorgen, weil 
sie ihm davonlaufen würde 292 ), in Bran¬ 
denburg mit der Begründung, daß dann 
die Liebe fortläuft 293 ), in Thüringen und 
Schlesien (Kreuzburg), weil sonst die 
Liebe „zerlatscht“ 294 ), in Westpreußen, 
weil dann nichts aus der Hochzeit wird 
oder weil dann der Mann unter den Pan¬ 
toffel kommt 295 ), an der Ostsee, weil sonst 


Braut und Bräutigam einander untreu 
werden 296 ). Am allerwenigsten dürfen 
die Brautigamssch.e geschenkt werden. 
Die Braut darf ihrem Liebsten weder 
Sch.e schenken noch Pantoffel sticken. 
Im Erzgebirge 297 ), in Westpreußen 298 ) 
und an der Ostsee 299 ) sagt man, daß 
dann die Ehe frühzeitig getrennt wird, 
um Königsberg 300 ), in Sunden (Dithm.) 
und Stadt Schleswig 301 ), daß sonst der 
Bräutigam untreu wird und davon geht. 

b) Dort wo die geschlechtliche und 
rechtliche Bedeutung des Sch.es als Sinn¬ 
bild der Herrschaft und der Besitz¬ 
ergreifung 302 ) vorwiegt, gilt es dagegen 
als selbstverständlich, daß der Bräutigam 
der Braut die Hochzeitsschuhe, meist 
zugleich mit dem Hochzeitskleide 
schenkt. Dieser Brauch ist sehr alt. 
Schon bei den alten Franken sandte der 
Bräutigam der Braut ein Paar Sch.e 303 ). 
In dem Gedicht vom König Rother 
(V. 2020—2288) läßt der Werbende zwei 
Sch.e, goldene und silberne, schmieden 
und schuht sie der Braut, die ihren Fuß 
in seinen Schoß setzt, selber an. Das¬ 
selbe ist der Fall in der Erzählung vom 
König Osantrix in der Wilkinasaga 304 ). 
Auch im Märchen macht nicht selten der 
Prinz oder Verehrer der Geliebten außer 
anderm auch Sch.e zum Geschenk 305 ), 
und selbst im Kinderlied hat sich eine 
Erinnerung an die Bedeutung der Sch.e 
bei der Brautwerbung erhalten, indem 
das bekannte Spiellied vom Herrn von 
Ninive 306 ), das gewöhnlich von der Ab¬ 
holung einer dem Kloster geweihten 
Tochter berichtet, auch Lesarten auf¬ 
weist, die von einem Herrn erzählen, der 
mit einem Pantoffel ankommt und die 
jüngste Tochter haben will 307 ). 

Die Sitte des Schenkens der Brautsch.e 
ist heute noch weit verbreitet, findet sich 
nicht bloß im größten Teile Deutsch¬ 
lands 308 ), sondern auch bei romanischen 
und slawischen Völkern 309 ). Gewisser¬ 
maßen als Angabe auf diese Sch.e wurden 
in Graubünden früher bei Eheversprechen 
außer anderen Dingen auch silberne 
Sch.schnallen geschenkt 310 ). Im Allgäu 
mußten früher die Brautsch.e unbe- 
schrieen in das Haus gebracht werden 3U ). 




132 7 


Schuh 


1328 


Auch andere Hochzeitsteilnehmer pflegte 
man mit Sch.en zu beschenken, so in Ober¬ 
österreich früher auch die Zubraut 312 ), 
um Landshut Brautführer und Kranzei¬ 
jungfrau 313 ), in Westböhmen die Braut¬ 
mutter 314 ). In früheren Jahrhunderten 
trieb man mit solchen Geschenken (s.auch 
Handsch.) an die verschiedensten Leute 
einen solchen Aufwand, daß wiederholt 
von seiten der Obrigkeit dagegen ein¬ 
geschritten wurde. Die Hamburger Hoch¬ 
zeitsordnung von 1292 bestimmte, daß 
der Bräutigam der Braut nur ein Paar 
Sch.e schicken dürfe. In einem Erlaß 
des Augsburger Magistrates aus dem 
13. oder 14. Jh. heißt es ausdrücklich, 
daß man bei einer Hochzeit niemand 
Sch.e geben soll und nur ein Mann seiner 
Hausfrau zwei Sch.e bringen dürfe. Das 
Geseker Statutarrecht (Südwestfalen) von 
1360 sagt, daß der Bräutigam drei Paar 
Sch.e seiner Braut und ihren Nächsten 
und die Braut dem Bräutigam ein paar 
Linnenkleider geben mag „und numande 
nicht mer“. Die Soester Schrae ver¬ 
bietet im 2. Artikel das Geben der Braut- 
sch.e überhaupt 315 ). In einem Dorf bei 
Bochum bestand aber noch im 19. Jh. 
die Sitte, daß der Bräutigam dem Zimmer¬ 
mann ein Paar lange Stiefel schenkte 316 ). 
In einzelnen Orten Badens schenken die 
Kilbeknaben zur Kirchweih ihren Kilbe¬ 
jungfrauen Sch.e 317 ). 

Auch der Vermittler bekam zuweilen 
Sch.e zum Lohne geschenkt, weshalb man 
vom Kuppler sagte: „Er verdient ein 
Paar Sch. der Hölle zu“ 318 ) oder . . . „ein 
Paar Sch. und d’ Holl’ dazu“ 319 ). In 
einer Sage belohnt auch der Teufel ein 
Weib, das ihm bei der Entzweiung eines 
Ehepaares behilflich gewesen ist, mit 
einem Paar Sch.e 32 °). 

c) Das Sch.anziehen oder Sch.- 
steigen, der germanische Verlobungs¬ 
brauch 321 ), besteht heute nicht mehr. 
Bei romanischen Völkern aber werden 
noch immer am Hochzeitstage der Braut 
vor der Trauung die alten Sch.e aus¬ 
gezogen und die neuen angelegt, was 
meist ein naher Verwandter oder ein 
Freund des Bräutigams oder dieser selbst 
tut. In Berry versuchen es alle Einge¬ 


ladenen, aber nur dem Bräutigam gelingt 
es; im Bellunesischen zieht die Schwieger¬ 
mutter erst vor der Kirchentür der Braut 
die neuen Sch.e an. In Frankreich werden 
sie manchmal versteckt, wenn sie der 
Braut angelegt werden sollen, und man 
muß sie oft lange suchen 322 ). Allgemein 
bestrebt sich die Braut beim Anziehen 
am Hochzeitstage, daß sie zuerst in den 
rechten Sch. schlüpft. Besonders im 
deutschen Ostböhmen, wo die Braut schon 
am Morgen mit dem rechten Fuß aus dem 
Bett steigt, sieht sie darauf, daß sie zuerst 
den rechten Strumpf und Sch. anzieht 

• m 

und zuerst in den rechten Ärmel fährt, 
weil dann im Ehestand alles „recht“ 
geht 323 ). 

Im Ansbachischen bestand noch 1786 
der Glaube, daß die Braut die Herr¬ 
schaft bekommt, wenn ihr der Bräutigam 
am Hochzeitstage den linken Sch. ein¬ 
schnallt 324 ) (vgl. u. § 18). Zu dem gleichen 
Zwecke versucht noch heute, z. B. auch 
im Ravensbergischen 325 ), die Braut wäh¬ 
rend der kirchlichen Handlung ihren Fuß 
auf den Sch. des Bräutigams zu setzen. 
In Landsberg a. W. trägt die Braut 
Pimperneil, Salz und Dill im Sch., hält 
während der Trauung den Fuß über den 
des Mannes und spricht: 

Ich trete auf Pimperneile, Salz und Dille; 

Wenn ich rede, bist du stille 326 ). 

d) In die Hochzeitsschuhe gibt man 
oft allerlei Zaubermittel, die verschie¬ 
denen Zwecken dienen, vor allem Böses 
abwehren, aber auch Fruchtbarkeit und 
Glück in der Ehe und im ganzen Haus¬ 
wesen herbeiführen sollen. Wenn in die 
Sch.e der Braut Getreidekörner ge¬ 
streut werden 327 ), so will man nicht allein 
die junge Frau fruchtbar machen 328 ), 
sondern auch ein günstiges Gedeihen des 
Getreides selbst erzielen. Will man Glück 
in der Viehwirtschaft haben, so gibt man 
in Schlesien Kuhhaare und Schweine¬ 
borsten in die Braut sch.e 329 ). Nach 
Tiroler Glauben muß die Braut etwas 
Geweihtes in die Sch.e legen, damit ihr 
nichts Böses begegne 330 ). Im Harz steckt 
man in den Kranz und in die Sch.e der 
Braut Dost (Majoran) 331 ), um Potsdam 
legen die Verlobten Salz in die Sch.e 332 ), 


1329 


Schuh 


1330 


in der Normandie läßt der Bräutigam genauer ihres Verlustes, m der alten Sitte 

in die Sch.sohlen der Braut ohne deren des Sch.ausziehens, indem der junge 
Wissen Salz geben 333 ) oder auch ein Mann verpflichtet ist, seiner Gattin m der 
Geldstück zwischen die Sohlen der Braut- Hochzeitsnacht die Sch.e zu lösen. Im 
sch.e einnähen. Geld hat die Braut meist Orient wird der Hochzeitstag deshalb 
beim Kirchgang in den Sch.en oder im geradezu „Tag des Schuhausziehens ge¬ 
rechten Strumpf, damit sie in der Ehe nannt. Nach dem Theatrum Diabolorum 
nie daran Mangel hat, was auch in Schwe- (Frankfurt 1569) war es in Deutschland 
den und Frankreich üblich ist 334 ). In zuweilen auch Brauch, daß ein junges 
Schweden gibt man auch irgendein Me- Knäblein der neben ihm auf dem Bette 
tall in die Hochzeitssch.e 335 ). Bei den sitzenden Braut die Pantoffel auszog und 
Kaschuben kehrt der Bräutigam vor dem an die Wand nagelte zum Zeichen, daß 

Kirchgang die Stroheinlage des Stiefels sie nun immer im Hause bleiben und das- 
um 336\ selbe regieren, mit Kindern umgehen 

e) Auch böser Zauber läßt sich mittels und sie aufziehen solle. In Rußland wird 
der Sch.e ausführen. Nach dem Glauben durch das Sch.ausziehen besonders die 
der Oberpfalz kann man der Braut wunde Überlegenheit des Mannes und die Unter- 
Füße verschaffen, wenn man vor dem würfigkeit des Weibes betont 344 ). Ge- 
Hochzeitstage einen ihrer Sch.e in die wohnlich muß die junge Frau am ersten 
Hand bekommt und Asche von einem Tage nach der Hochzeit dem Manne die 
alten, im Frühjahre geschossenen Hasen Sch.e ausziehen )• 

hineinstreut; man kann sie lahm machen. Auf deutschem Boden ist heute viel 
wenn man in den Absatz eines Braut- verbreiteter das Sch.stehlen durch 
sch.es ungesehen einen undanks gefunde- Hochzeitsteilnehmer, das meist wahrend 
nen, alten und im Feuer gelegenen Nagel des Hochzeitsmahles oder Hochzeits- 
so einschlägt, daß er etwas vorsteht 337 ). tanzes geschieht. Der Bräutigam muß 
Nach dem Glauben des schottischen Hoch- . dann den Sch. mit Geld auslösen ), m 
landes soll der Bräutigam den Unken Sch. der Schweiz 347 ) und in Baden 34 ), aber 
ohne Schnalle oder Riemen haben, damit auch der Brautführer, der den Raub ver- 
ihm Hexen den Beischlaf in der Hoch- hindern soll. In der Rheingegend stehlen 
zeitsnacht nicht unmöglich machen 338 ). die Weiber die Brautsch.e 349 ), anderswo 
Nach tschechischem Glauben bleibt jene meist die jungen Burschen, welche mit- 
Braut kinderlos, der man am Hochzeits- unter den geraubten Sch. versteigern 
tage Mohn (s. d.) in die Sch.e gegeben und den Erlös vertrinken 350 ). In der 
hat 338 ). Abwehr bösen Zaubers be- Bergstraße und im Odenwald trinkt man 
zweckte wohl, wenn man in Oberöster- aus dem Sch. 351 ), in Axin bei Brettin tun 
reich früher am Hochzeitstage rote Sch.e, dies alle Junggesellen der Reihe nach 
wie sie auch die Braut in Südchina und versteigern dann den Sch. Das 
trägt 340 ) anhatte, vor allem beim Hoch- eingegangene Geld bekommen die Ar- 
zeitstanze, woher die Redensart rührt: men 352 ). In Unterfranken müssen die 
„Zum Tanze gehört mehr als rote Brautjungfern den Sch. „kaufen , ein- 
Sch.e“ 341 ). Nach Tiroler Glauben be- lösen, weil sie die Braut nicht genügend 
deutete es Unglück in der Ehe, wenn die bewacht haben. Für das Geld wird dem 
Braut am Hochzeitstage zu enge Sch.e Brautpaar ein Bild oder eine Uhr gekauft 
hatte 342 ), während es dagegen in Island oder es fällt der Köchin zu. Manchmal 

ganz allgemein heißt: Wer einen engen müssen die Brautjungfern einige Flaschen 

Sch. erträgt, der wird später die Herr- Wein zahlen 353 ). An Stelle des Sch.- 
schaft der Frau gut ertragen 343 ). stehlens — oder auch, wie in Nordbohmen, 

f) Wie sonst der Kranz (s. d.), der zugleich damit— versucht man die Braut 
Gürtel (s. d.), Schleier (s. d.) und auch zu rauben. Man lockt sie in irgendeinen 

das Strumpfband (s. d.), erscheint der Raum und sperrt sie ein, bis der Bräutigam 

Sch. als Sinnbild der Jungfräulichkeit, sie auslöst 354 ). Diese Sitte gehört ur- 


Schuh 


*332 


1331 


sprünglich, wie das Auftreten der falschen 
Braut (s. d.), das erwähnte Verstecken 
der Brautsch.e vor dem Kirchgang u. a., 
zu den hemmenden Elementen der Hoch¬ 
zeit. Auf sudetendeutschem Gebiet hat 
sich in neuerer Zeit eingebürgert, daß 
die Einnahmen beim Sch.stehlen und 
beim Brautraub den deutschen Schutz¬ 
vereinen, namentlich dem deutschen Kul¬ 
turverband, zufließen. 

g) Die Hochzeitsschuhe werden meist 
aufbewahrt, besonders in der Schweiz, 
weil man glaubt, daß die Liebe ausein¬ 
andergeht, wenn sie zerbrechen. In Tirol, 
im Allgäu und in den Hochvogesen meint 
man, daß der Mann die Frau nicht schla¬ 
gen könne, so lange sie die Sch.e besitze 355 ). 
Auch nach einer Wiener Handschrift des 
17. oder 18. Jh.s ist das Zerbrechen der 
Hochzeitsschuhe ein unfehlbares An¬ 
zeichen, daß das Weib vom Manne ge¬ 
schlagen werden muß 356 ). Im Erzgebirge 
dürfen die ersten Sch.e, welche die junge 
Frau abreißt, nicht weggegeben, sondern 
müssen weggeworfen werden, weil sie 
sonst unglücklich wird 357 ). 

Die Sch.e der Braut haben auch für 
andere Mädchen Bedeutung. In Steier¬ 
mark kriegt das Mädchen keinen Mann, 
das die Sch.e der Braut anzieht. Hier 
handelt es sich wohl um die neuen Sch.e. 
Bei den Serben dagegen schenkt die 
Braut ihre alten Sch.e einer Freundin, 
die bald zu heiraten wünscht. In einem 
schwedischen Liede gibt Schön Anna 
ihrer begünstigten Nebenbuhlerin ihre 
„vertragenen“ Sch.e 358 ). 

291 ) ZfVk. 4, 151. 180. 292 ) Lemke Ostpreußen 

з . 45. 293 ) Engelien u. Lahn 244 Nr. 76. 

294 ) Drechsler i, 232; Wuttke 366 § 553. 

295 ) A. Treichel Hochzeitsgebräuche, besonders 

aus Westpreußen, ZfEthn. 16 (1884), 130. 

296 ) Baltische Studien 33 (1883), 117 Nr. 37. 

297 ) John Erzgebirge 89. 298 ) Treichel a. a. O. 

299 ) Baltische Studien a. a. O. 3C0 ) Urquell 1 
(1890), 12 Nr. 11. 301 ) ZfVk. 23 (1913), 280. 

302 ) Vgi Weinhold Frauen 2 (1882) 1, 372; 
Ciszewski Künstl. Verwandtsch. 108. Vgl. 

и. § 17. S03 ) Gregor. Turon De vitis patr. 

c. 16 = ZfVk. 4, 166. Vgl. Liebrecht Zur 
Volksk. 492 f. 304 ) ZfVk. 4> 167. 305 ) Ebd. 168 
= Müllenhoff Sagen (1921) 408 Nr. 596. 
306 ) Vgl. J. Bolte Das Kinderlied vom Herrn 
von Ninive, ZfVk. 4, 180 ff. 307 ) Ebd. 182; 
Urquell 5 (1894), 171 f.; F. M. Böh me Deutsches I 


Kinderlied u. Kinderspiel (Leipzig 1897) 508 ff., 
bes. 521. 30 «) Lit. bei Bächtold Hochzeit i, 

247. Dazu Sartori Westfalen 91; Geramb 
Brauchtum 118. 137; W. Oehl Deutsche Hoch- 
zextsbräuche in Ostböhmen, BdböVk. 15 (1922), 
43; HessBI. 27 (1928), 193. Vgl. bes. Grimm 
RA. 1, 214. 309 ) Bächtold a. a. O. 247 f. 

31 °) Ebd. 126 f. 3ii) Reiser Allgäu 2, 
250. 312 ) Baum garten Aus der Heimat 

3, 60. 313 ) Pollinger Landshut 256. 314 ) John 
Westböhmen 129. 3 i5) ZfVk. 4, 167t. 3 i6) Ebd. 
169 = JbNdSpr. 1877, 130. 3l7 ) Meyer Baden 
231. 318 ) Ebd 255 319 ) M Kirchhofer Wahr¬ 

heit u. Dichtung. Sammlung schweizerischer 
Sprüchwörter (Zürich 1824) 198. 32 °) Lütolf 

Sagen 187 t. Nr. 120. 3 2i) Vgl. Grimm RA. 1, 
214; Bolte-Polivka 1, 187; Zf d Phil. 42 

(1910), 144 ff.; H. Güntert Der arische Welt¬ 
könig u. Heiland (Halle 1923) 301. 322 ) Lit. bei 
Bächtold Hochzeit 1, 249 t. 323 ) W. Oehl 
a. a. O. 51. 324 ) Grimm Myth. 3, 459 Nr. 715. 
325 ) Hesemann Ravensberg 76. 32S ) ZfVk. 1, 

I ^ 3 » 4 * l 74 1 > vgl. 4 > 172. 327 ) Vgl. Mannhardt 
Forschungen 358 ff.; Sebillot Folk-Lore 3, 
486 f. 32 «) Vgl. ZfVk. 4, 171. 329 ) Drechsler 
1* 259. 33 °) Zingerle Tirol 20. 331 ) Seligmann 
Blick 2, 58. 332 ) Ebd. 2. 38. 333 ) Ebd. 2, 35. 

334 ) Ebd. 2, 18 f.; W. Oehl a. a. O. 51. 335 ) Selig¬ 
mann Blick 2, 17 = Heckscher 383 f. 

33 ®) Seefried-Gulgowski 109. 337) Schön- 

werth Oberpfalz 1, 28 Nr. 4, 5. 338 ) Frazer 3, 
300. 339 ) Grohmann 119 Nr. 900. 34 °) Selig¬ 
mann Blick 2, 257. 3 41 ) Baumgarten Aus 

der Heimat 3, 60. 342 ) Zingerle Tirol 19 = 

ZfVk. 4, 166. 343 ) ZfVk. 8 (1898), 161. 344 ) Lit. 
bei Bächtold Hochzeit 1, 249 t. Vgl. ZfVk. 
4, 171. 345 ) Stern Rußland 2, 358. 3 40 ) Kuhn 
Westfalen 2, 39 f. Nr. 109; ZfVk. 4, 169 f.; 
Meyer Baden 310; ZfdPhil. 42 (1910), 146- 
Vgl. Storfer Jungfr.-Mutterschaft 67; Aigre- 
mont Fußerotik 55 f.; Levy a. a. O. (o. Anm. 1) 
183. 347 ) Hoffmann-Krayer 39 f. 348 ) Meyer 
Baden 300. 349 ) Kuhn Westfalen a. a. O. Anm. 
35 °) Birlinger Volksth. 2, Nr. 324 (Altheim 
bei Horb). Nr. 330 (Franken); Schmitz Eifel 
1, 58; Ausland 1887, 266 (Hessen). 351 ) Wolf 
Beiträge 1, 211 = Kuhn Westfalen a. a. O. 
Anm. 352 ) Urquell 1 (1890), 34. 353) rq 

(i9 I 4), 84. 354 ) Verf. 355 ) Lit. bei Bächtold 
Hochzeit 1, 248. 358 ) Ebd.; Schönbach Berthold 
v. R. 151; Grimm Myth. 3, 462 Nr. 795. 
357 ) Wuttke 376 § 570 = ZfVk. 4 , 166. 338 ) ZfVk. 

4 / 170 f. 

15. a) Der Aberglaube in Brandenburgs 
daß der einen schweren Tod erleidet, 
welcher sich die Sch.e auf den Füßen 
putzt, wurde bereits erwähnt 359 ) (s. o. 
§3). In Mecklenburg muß der, welcher 
einen Toten zum Grabe begleitet hat, 
seine Stiefel so wieder anziehen, wie er sie 
am Abend ausgezogen hat, und darf sie 
nicht putzen, sonst hat der Tote keine 


1333 


Schuh 


1334 


Ruhe im Grabe 36 °). Die Wenden glauben, 
daß man stirbt, wenn man träumt, 
daß von den Sch.en Sohlen oder Absätze 
abfallen 361 ). Wenn man von Toten 

allzuhäufig träumt, soll man nach Zigeu¬ 
nerglauben seine Sch.e wegschenken 362 ). 
Dies erinnert an die in einigen Gegenden 
Pommerns übliche Redensart „dem Tod 
ein Paar Sch.e schenken“, d. h. am Leben 
bleiben, von einer Krankheit genesen 363 ). 
In dieser Umschreibung dafür, daß der 
Kranke den Tod wegschickt, ihm Sch.e 
gibt, damit er sich auf die „Beine macht 4 
(vgl. o. § 14a), braucht man kein ur¬ 
sprüngliches Opfer sehen. In Slawonien 
läßt man einen Sterbenden, um ihm zum 
Tod zu verhelfen, aus einem alten Sch. 
Wasser trinken 364 ). Nach dem Glauben 
der siebenbürgischen Rumänen stirbt der 
Mann oder Bräutigam, wenn eine Frau 
oder Braut nur an einem Fuß bekleidet 
ist und mit dem andern barfuß geht, ein 
Motiv, das auch in einem Märchen ver¬ 
wertet erscheint 365 ) (vgl. o. §7). In 
Steiermark gilt als Anzeichen des nahen 
Todes, wenn eine kranke Person sich ein 
Paar neue Sch.e bestellt 366 ). Um Dachau 
und Bruck in Bayern glaubt man, daß 
jemand aus der Freundschaft stirbt, wenn 
der Stiefelknecht von seiner Stelle an 
der Wand herabfällt 367 ). 

b) Die Sitte, den Toten Sch.e in das 
Grab mitzugeben, kann aus zwei ver¬ 
schiedenen Beweggründen erklärt werden. 
Man will die Rückkehr des Toten ver¬ 
hindern oder man will ihm seine Reise 
in das Jenseits erleichtern 368 ), die man 
sich lang und beschwerlich vorstellt 369 ). 
Das erste ist namentlich bei Naturvölkern, 
z. B. Indianern, Negern, der Fall, bei 
welchen zuweilen die Fußbekleidung des 
Toten auch verbrannt wird, damit er 
nicht mehr zurückkommen kann 37 °), das 
zweite dagegen ist vor allem bei Kultur¬ 
völkern Brauch. Schon in den älteren 
griechischen Gräbern haben sich Sch.e 
aus Ton gefunden, und auf einem aus 
Athen stammenden Terrakottarelief des 
Berliner Museums hat Andromeda ein 
Paar Sch.e als Grabbeigabe. Ferner 
sind in den griechischen Holzsarkophagen 
des 4. Jh.s v. Chr., die man in Abusir in 


Ägypten aufgefunden hat, den Leichen 
ein oder auch zwei Paar wirkliche Sch.e 
und ebenso in den südrussischen Gräbern 
der gleichen Epoche und der Folgezeit 
lederne Stiefel beigegeben 371 ). Auch 
die meist als Hingabe der weiblichen 
Geschlechtlichkeit an den in der Ferne 
verstorbenen Mann gedeutete 372 ) indische 
Sitte, daß die Witwe, wenn sie den 
Scheiterhaufen besteigt, den Turban,. 
Gürtel oder die Sch.e ihres Mannes mit¬ 
nimmt, kann betreffs der Sch.e auch so 
aufgefaßt werden, daß sie dem toten 
Mann die im Jenseits notwendigen Sch.e 
mitbringen will 373 ). Bei den Juden 
warnte man in talmudischer Zeit vor 
dem Schlafen in Sch.en, das an den lod 
gemahne. Da der Tote in seinen Sch.en 
schläft, soll es der Lebende nicht tun 374 ). 

Auf germanischem Boden, wo zunächst 
auf den altnordischen Heisch. 376 ) zu 
verweisen ist, wurden in alemannischen 
Gräbern Totensch.e gefunden 376 ). Im 
Hennebergischen nannte man noch im 
19. Jh. die den Verstorbenen erwiesene 
letzte Ehre und das Leichenmahl den 
„Totensch.“ 377 ). In einer mit einem 
bekannten Schwankmärchenstoff ver¬ 
quickten Sage aus Oldenburg bringen die 
Leute von Hollwege den letzten katho¬ 
lischen Priester des Ortes, den sie, weil 
er ihnen zu lange lebte, erschlagen haben, 
nachts zu einem Schuster vor das benster 
und bestellen für den Toten ein Paar 
Sch.e 378 ). Während bei den Tschechen 
noch zu Mitte des 19. Jh.s der Glaube 
bestand, daß der Tote, dem man Stiefel 
oder Sch.e in das Grab mitgibt, so lange 
als Gespenst umgehen muß, bis er sie 
zerreißt 379 ), ist es im deutschen Teile 
Böhmens 380 ) und auch sonst auf deut¬ 
schem Boden selbstverständliche Pflicht 
der Angehörigen, einem Toten mit einem 
guten Kleide (s. d.) auch Sch.e anzu¬ 
ziehen 381 ). Kindern legt man sie an, 
damit sie im Himmel nicht stolpern 382 ). 
In Ostpreußen erhält die Leiche Strümpfe 
und Sch.e, alles muß wie bei Lebzeiten 
fest gemacht werden. Kann man die Sch.e 
nicht auf die Füße zwängen, so soll man 
sie doch daneben legen 383 ). In Königs¬ 
berg sagt man, der Leiche müssen Sch.e 




Schuh 


1335 



angezogen werden, weil sie sonst bei ihren 
nächtlichen Wanderungen nasse Füße 
bekommen würde 384 ). In Masuren 
müssen den Toten Sch.e oder Stiefel an¬ 
gezogen werden. Eine Frau drohte ihrem 
Manne: ,,Ich ziehe dir, wenn du im Sarge 
liegst, Chodaki's (Riemenschuhe) an, dann 
kommst du zu spät zum jüngsten Ge¬ 
richt“ 385 ). Im Beinhause zu Macugnaga 
am Monterosa waren die Schädel ver¬ 
storbener Priester mit einem schwarzen 
Priesterkäppchen übermalt, was ein Bauer 
mit folgenden Worten erklärte: ,,Wir 
malen ihnen diese Zier an, damit ihnen 
unsere schwer genagelten Sch.e nicht 
zu tiefe Löcher in den Kopf drücken, 
wenn wir den mit Totenschädeln ge- 
pflastertenHöllenweg wandeln müssen“ 386 ). 

Schon nach Snorris Norwegischer 
Chronik müssen die dem Toten angelegten 
Sch.e fest und womöglich neu sein, damit 
er ungehindert nach Walhall gelangen 
könne 387 ). In Deutschland begründet das 
Volk diese Forderung meist damit, daß 
der Tote feste Sch.e brauche, weil er 
durch Dornen und Disteln müsse 388 ). 
In einer elsäßischen Sage klagt eine ver¬ 
storbene Wöchnerin: ,,Warum habt ihr 
mir keine Sch.e angelegt ? Ich muß durch 
Disteln und Dornen und über spitzige 
Steine“. Nachdem man ihr dann ein 
Paar Sch.e vor die Tür gestellt hatte, 
kam sie noch sechs Wochen lang jede 
Nacht, um ihren Säugling zu stillen 389 ). 
Dies wird auch sonst oft betont, daß vor 
allem eine verstorbene Kindbetterin 
Sch.e braucht, weil sie eine Zeitlang, im 
badischen Oberland die ersten vier 
Wochen, jeden Abend das Grab verläßt, 
um ihr Kind zu pflegen 390 ). Sch.e und 
Strümpfe müssen in der Schweiz außer¬ 
dem gut gebunden sein, damit sie nicht 
aufgehen 391 ). Im Sarganserland sagt 
man, daß die verstorbene Kindbetterin 
Sch.e haben müsse, damit sie beim 
Passieren des Fegefeuers ihre Füße nicht 
verbrennt 392 ). Dies erinnert an die 
Worte des Schwarz in Schillers „Räuber“ 
(I. 2.): „Mut hab' ich genug, um barfuß 
mitten durch die Hölle zu gehn“. Ver¬ 
säumt man es, einer verstorbenen Wöch¬ 
nerin Sch.e mitzugeben, so spukt die 


Tote so lange im Hause, bis es gelingt, ihr 
ein Paar in die Schürze zu werfen 393 ). 
In St. Peter in Baden konnte man einer 
solchen nur dadurch Ruhe verschaffen, 
daß man ein Paar Sch.e den Armen 
schenkte 394 ) (s. u.). Auch von einer 
verstorbenen Hexe wird aus dem 
Voigtland berichtet, daß sie am dritten 
Tage bei einem Schuster, der von ihrem 
Tode nichts wußte, ein Paar Sch.e, nach 
andern Pantoffeln bestellte. Als ihre 
Angehörigen die vom Schuster gelieferten 
Sch.e verbrannten, kam sie täglich vor 
das Haus und verlangte ihre Sch.e 395 ). 
Nach einer Sage aus der Oberpfalz mußte 
man einer hochmütigen Bauerntochter 
neue Sch.e in das Grab mitgeben. Ein 
Mann sah sie aber im Nachtgload mit 
zerrissenen Sch.n, worauf man das Grab 
öffnete und die neuen Sch.e zerrissen und 
bis an die Waden hinaufgeschoben fand 396 ). 

c) Bei den Totensch.n und in Verbin¬ 
dung mit diesen erscheint häufig das 
Motiv des Sch.Opfers. Wie man dem 
einzelnen Toten Sch.e mitgab, so opferte 
man auch den verstorbenen Ahnen, den 
Hausgeistern und den armen Seelen zu 
bestimmten Zeiten außer anderen Dingen 
auch Sch.e. Burchard von Worms er¬ 
wähnt den abergläubischen Brauch, den 
Hausgeistern in Keller und Scheune 
Spielsachen, Sch.e, Bogen und Pfeile 
hinzulegen 397 ). Nach dem Gewissens¬ 
spiegel des Predigers Martin von Amberg 
versündigen sich die, „dy der Percht 
speizz opfernt und dem schretlein und 
der trut rotte schuechel“. In Schweden 
setzt man den Seelen mitunter eine 
Schale weißer Grütze und ein Paar neue 
Sch.e hin 398 ). 

Diese alten Opfer wurden durch den 
Einfluß des Christentums oft zu Gaben 
an die Armen oder an die Kirche 399 ), 
durch die man sich selbst einen Vorteil 
verschafft. So ist der fromme Glaube 
verbreitet, daß man einmal im Leben 
einem Armen ein Paar Sch.e schenken 
soll, die man dann im Jenseits zum 
eigenen Gebrauch wieder findet. Nach 
einer Tiroler Legende verschenkte eine 
mildtätige Jungfrau ihr einziges Paar 
Sch.e an einen Armen. Nach ihrem Tode 



1337 

mußte sie auf der Wanderung ins Jen¬ 
seits barfuß über eine stachelige Heide 
voll Dornen und Disteln gehen, fand aber 
an einem Domstrauch das verschenkte 
Paar Sch.e hängen 400 ). Diese Erzählung 
weist zurück auf die Visio Godeschalci 401 ), 
in welcher der kranke Bauer Godeschalk 
am ersten Tage seiner im Winter 1189/90 
unternommenen visionären Reise, auf 
der ihn zwei Engel begleiten, zu einer 
Linde kommt, die über und über mit Sch.n 
behängen ist. Diese werden jenen gereicht, 
welche im Leben Werke der Barmherzig¬ 
keit geübt hatten, damit sie danach eine 
zwei Meilen breite, mit Dornen dicht 
besetzte Heide passieren können 402 ). 
Nach schottischem Glauben reicht jenen, 
welche zu Lebzeiten einem Armen Sch.e 
geschenkt haben, am Rande dieser Domen¬ 
heide ein alter Mann die Sch.e, so daß 
man unverletzt darüber schreiten kann 403 ). 
Dieses Motiv von den für das Jenseits 
geschenkten Sch.n ist auch in Norwegen 
bekannt 404 ). Mit diesem Sch.opfer an i 
Arme kann sich aber auch ein Abwehr- j 
zauber für das Diesseits verbinden. Nach 
Zigeunerglauben soll die verstorbene Frau 
dem Witwer „das Herz stehlen“, sein 
Glück verhindern, wenn er nicht am 
Jahrestage ihres Todes einem Armen seine 
Fußbekleidung schenkt, in welche er 
aber von einer Zauberfrau Haare des 
neuen Weibes einnähen läßt 405 ). 

An Stelle des Sch.opfers konnte ein 
Brotopfer in Gestalt einer Sch.sohle 
treten 406 ) (s. Opfer, Totenspeisung). Ein 
solches sind die Hedwigssohlen, die in 
Schlesien am 17. Oktober, dem Tage der 
hl. Hedwig, gebackenen und von den 
zum Grabe dieser Heiligen Pilgernden 
gekauften Gebäcke in Form einer Sch.- 
sohle 407 ). Mit altem Totenkult hängen 
wahrscheinlich auch die im Bergischen 
zur Kirmes gebackenen Sch.lappen zu¬ 
sammen 408 ), wohl aber kaum der Um¬ 
stand, daß nach einer Sage aus Deutsch¬ 
böhmen 409 ) eine Mutter ihrem verstor¬ 
benen Kinde Sch.e von Brot anlegt. Das 
Kind erscheint dann so lange unter Kla¬ 
gen, bis man den Sarg wieder öffnet und 
ihm wirkliche Sch.e gibt. Hier liegt das 
gleiche Frevlermotiv vor wie in der 


1338 

südböhmischen Sage von den Semmel- 
sch. 410 ). 

Ein Sch.opfer findet sich bei den 
Macedo-Walachen als Hochzeitsbrauch 
und vielfach in Verbindung mit den über 
den Leichen Erschlagener oder Verun¬ 
glückter errichteten Steinhaufen (s. d.), 
die aber auch bloße Wegemarken sind. 
Wie man auf diese außer anderen Dingen 
auch Sch.e wirft, so ist es mitunter auch 
Brauch, auf Bäume und Sträucher (s. 
Lappenbäume) nicht nur Kleider und 
Lappen, sondern auch Sch.e zu hängen, 
wie besonders eine Überlieferung aus 
Rußland erkennen läßt 411 ). Doch macht 
sich hier mehr der Glaube geltend, daß 
man besonders alte Sch.e, an welchen ein 
Teil der Persönlichkeit des Trägers haftet, 
nicht vernichten, sondern besser an einem 
bestimmten Ort aufbewahren soll, wo sie 
noch weiter durch Abwehr bösen Zaubers 
dem früheren Besitzer nützen können. 
So dürfen bei den Tscheremissen unbrauch¬ 
bar gewordene Sch.e nicht vernichtet 
werden, sondern werden auf Stangen oder 
sonstwie auf gehängt 412 ). Zwischen Person 
und Kleid (s. d.) besteht eben eine sym¬ 
pathetische Verbindung, so daß das, was 
mit dem Kleid oder Sch. geschieht, auch 
mit der Person geschieht. Wird der Sch. 
zerrissen, verbrannt oder vernichtet, so 
läuft man Gefahr, sich selbst zu schädi¬ 
gen 413 ). 

d) Aus der Vorstellung, daß der Toten¬ 
schuh fest und dauerhaft sein muß, hat 
sich das häufige Sagenmotiv entwickelt, 
daß ruhelose Geister Sch.e aus Eisen oder 
sonst einem unzerbrechlichen Metall oder 
Stoff haben. Mitunter dient dies zur 
Umschreibung eines Zeitraumes (s. Zeit), 
indem es heißt, daß jemand ein Paar 
Eisensch.e oder eine Menge von Sch.n 
braucht, um einen bestimmten Weg 
zurückzulegen oder daß jemand so lange 
wandern muß, bis eine bestimmte Anzahl 
Sch.e zertreten ist 4U ). 

Feste Sch.e hat vor allem der ewige 
Jude, die außerdem von riesigen Aus¬ 
maßen sind. Sie werden in Ulm, Bern 415 ) 
und Basel 416 ) gezeigt. Die in Bern sind 
aus hundert Fleckchen zusammengesetzt, 
woraus man aber kaum auf ein Wolken- 


Schuh 


1339 


Schuh 


1340 


symbol schließen kann 417 ). Die in der 
Altertumssammlung der Stadt Ulm auf¬ 
bewahrten sind ebenfalls sehr groß 418 ). 
Solche Sch.e mögen vielleicht einst von 
Schustern in freien Stunden als Schau¬ 
stücke hergestellt und erst in späterer 
Zeit zu einem Gegenstand der Sage ge¬ 
worden sein. Auch auf dem Rathause zu 
Kaisersberg werden zwei riesige, eisen¬ 
beschlagene Holzsch.e gezeigt 419 ), und in 
der Riesenkapelle des Klosters Hirsau 
wird ein Riesenschuh des Räubers und 
Menschenfressers Erkinger mit dessen Kleid 
und Hosenträger auf bewahrt 42 °). Nach 
sächsischem Glauben haben die Sch.e des 
ewigen Juden fünf großköpfige Sch.nägel 
in Gestalt eines Kreuzes, so daß der 
ewige Wanderer dieses heilige Zeichen 
überall dem Boden einprägt 421 ). Sch.e 
aus Eisen oder mit eisernen Sohlen 
kommen oft in Märchen 422 ) und Sagen 
vor. Eiserne Pantoffel muß ein ver¬ 
wunschenes Fräulein im Rachelsee im 
Böhmerwald tragen, weil es zu Lebzeiten 
eine Magd mit einem Pantoffel erschlagen 
hat 423 ). 

Sonst kommen auch Sch.e aus Blech (s. 
d.) vor. Solche trägt ein Geist im schwarzen 
Broich bei Ratingen, dem alle vier Jahre 
ein neues Paar von einem vornehmen 
Geschlecht um Mitternacht auf einem 
vierspännigen Wagen gebracht werden 
muß 424 ), ferner ein von Kölner Dom¬ 
herrn in den Steinbruch bei Pfaffrath 
verbannter Geist, dem die Bewohner des 
benachbarten Schlosses, das er lange 
unsicher gemacht hat, zu Weihnachten 
ein Paar neue Blechsch.e in den Stein¬ 
bruch liefern müssen, wo bereits die 
alten, abgenutzten stehen 425 ), ferner auch 
der von einem Kapuziner in die Wahner 
Heide verbannte Kölner Hausgeist Huppet 
Huhot (Hubert Hochhut) 426 ) und ein 
auch mit bleiernem Mantel bekleideter, 
in das Siebengebirge verbannter Kölner 
Wucherer 427 ). Im Siddhikür befiehlt 
der mongolische König, daß ein Aufseher 
nicht eher zurückkehren dürfe, bis er 
steinerne Sch.e durchlaufen habe. In 
einer isländischen Sage soll ein Knecht so 
lange bei einem Bauern dienen, bis er ein 
Paar Sch.e durchlaufen hat. Er kann es 


1 aber nicht, denn sie sind von Menschen ¬ 
haut 428 ). In dem Motiv von den durch¬ 
laufenen 429 ), durchtanzten oder zer¬ 
rissenen Sch.n einen Wolkenmythus zu 
sehen 430 ), ist unnötig. Gut gesohlte 
Sch.e muß auch die vom wilden Jäger 
(s. d.) verfolgte weiße Frau haben, nicht 
selten aber auch Hufeisen 431 ) (s. d.). 
Aus der Oberpfalz wird von dem ruhe¬ 
losen, von einem Priester in das tote 
Meer verbannten Geist einer betrügeri¬ 
schen Wirtin überliefert, daß sie bat, ihr 
abends zur Zeit des Gebetläutens 
glühende Sch.e unter die Tür zu stellen, 
damit sie darin fortfahren könne. Und 
tatsächlich sah man sie diese Sch.e an- 
ziehen und in der Luft davonfliegen 432 ). 

3S9) Vgl.Wuttke 315 § 465 = ZfVk. 4, 151. 
36 °) Bartsch Mecklenburg 2,96. 361 ) Schulen¬ 
burg 236. 362 ) Wlislocki Volksglaube 82. 

363 ) ZfVk. 4, 150 f. 364 ) ZfVk. 1 (1891), 154. 
365 j Ebd. 22 (1912), 163 f. Vgl. 4, 150. 386 ) Ebd. 
4, 425. 367 ) F. X. Hartmann Dachau u. 

Bruck 221 Nr. 74. 360 ) Vgl. ZfVk. 4, 423. 

369 ) Dieterich Kl. Sehr. 316. 37 °) Beispiele in 
ZfVk. 4, 423 f. 371 ) Samter Geburt 206 f. 
372 ) Storfer Jungfr.-Mutterschaft 56. 373 ) Vgl. 

ZfVk. 14 (1904), 202 1 . 374 ) Levy a. a. O. (s. o. 
Anm. 1) 184. 375 ) Grimm Myth. 2, 697. Vgl. 
Samter Geburt 207. 376 ) Liebrecht Zur 

Volksk. 493. 377 ) Grimm Myth. 2, 697; ZfVk. 
4, 425; Samter Geburt 207. 378 ) Strackerjan 
2, 270 f. 379 ) Grohmann 197 Nr. 1377 = 
Wuttke 462 § 731; BF. 2, 339; Pitre Usi 2, 
209. 38 °) Verf. 381 ) Vgl. Meyer Baden 585;Schw - 
Vk. 13, 41 f.; SAVk. 24, 63; ARw. 17, 452; 
Eisenabnehmen: Schüller Progr. v. Schäßb. 
1863, 13; vgl. Zelenin Russ. Vk. 322. 382 ) Roch- 
holz Kinderlied 344; Ploß Kind 1, 90 f.; 
ZfVk. 4, 426. 383 ) Lemke Ostpreußen 2, 58; 

auch Graubünden, schriftl. 384 ) Urdhs-Brunnen 
6, 154. 385 ) Toeppen Masuren 107 = Aigre- 

mont Fußerotik 66; vgl. John Erzgebirge 123; 
Globus 59, 301. 38G ) Rochholz Kinderlied 352. 
387 ) ZfVk. 4, 424. 388 ) Meyer Baden 586; Stoll 
Zauberglauben 69 f. 383 ) Stöber Elsaß Nr. 83 = 
Rochholz Kinderlied 354. 39 °) Lütolf Sagen 

188 Nr. 120; Hoffmann-Krayer 42; Meyer 
Baden 394. 586; Sartori Sitte u. Brauch 1, 32. 
134; Bavaria 2, 322 (nur Wöchn. u. Priester); 
ZfVk, 19, 126; SchwVk. 5, 93; Pollinger 
Landshut 298. 391 ) SAVk. 23, 123. 392 ) Manz 
Sargans 127. 393 ) Rochholz Kinderlied 355. 

354 ) Meyer Baden 586. 395 ) Eisei Voigtland 

88 f. 396 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 125 Nr. 7. 
397 ) Grimm Myth. 1, 398. 398 ) ZfVk. 4, 29Q 2 . 

3 ") Vgl. Samter Geburt 208. 40 °) Heyl Tirol 

142 Nr. 32. 401 )Müllenhoff Altertumsk. 5, 113, 
402 ) Samter Geburt 208 3 ; Rochholz Kinder¬ 
lied 352; ZfVk. 12 (1902), 321. 403 ) Grimm 

Myth. 2, 697; Rochholz Kinderlied 351 f.; 


1341 


Schuh 


1342 


Germania 7,438 Nr. 37; Samter Geburt 208 3 . 
Vgl. Aigremont Fußerotik 66. 404 ) ZfVk. 4. 

424; vgl.’Bolte-Polivka 2,441 (aus Berth. 
v. R.: Betrüger behaupten: ,,Ich was zer Helle 
und Sach dinen vater oder din muoter, und 
man hülfe in wol mit zwein schuohen"); vgl. 
Tylor Cultur 1, 487. 405 ) Wlislocki Volks¬ 
glaube 82. 40G ) ZfVk. 11 (1901)* 457 f- Vgl. 

Rochholz Sagen 1, 243 f. 407 ) ZfVk. 11, 4550.; 
Höfler Hochzeit 46; Samter Geburt 208 f. 
408 ) ZfrwVk. 1, 212 f. = Sartori Sitte u. Brauch 
3, 247 Anm. 17. 409 ) Grimm Sagen 176 f. 

Nr. 237. 41 °) Ebd. Nr. 235; Jungbauer Böh¬ 
merwald 35. 244. 411 ) Samter Geburt 201 ff. 

Vgl. ZfVk. 12 (1902), 320 f. 412 ) FFC. Nr. 61, 83. 
4i3 ) Vgl. Frazer 1, 205 ff. 414 ) ZfVk. 4, 294 f. 
41S ) Birlinger Aus Schwaben 1, 78 Anm.; 
Rochholz Sagen 2, 307. 416 ) Nach G. Mey¬ 

rink Das grüne Gesicht (Gesammelte Werke, 
Leipzig 1916, Bd. 2, 28). 417 ) ZfVk. 4, 292. 

418 ) Kapff Schwaben 122 mit Bild 120 f. 

419 ) Stöber Elsaß Nr. 88 = Rochholz Kinder¬ 

lied 352. 42 °) Kapff Schwaben 37. 421 ) Sieber 
Sachsen 123. 422 ) Köhler Kl. Sehr. 1, 573; 

Bolte-Polfvka 2, 272!.; Sklarek Märchen 
289 Nr. 4 u. bes. MärchenWb. 1, 515 ff. Vgl. 
Schneller IVälschtirol 24; Schultz Zeitrech¬ 
nung 131 f.; ZfVk. 4, 285. 433 ) Panzer Beitrag 
1, 84 = ZfVk. 4, 302 = Jungbauer Böhmer¬ 
wald 50 = Waldheimat 4. Bd. (Budweis 1927), 4. 
424 ) Schell Bergische Sagen 76 Nr. 8. 425 ) Ebd. 
313 f. Nr. 41; ZfVk. 4, 415 mit weiteren Bei¬ 
spielen. 42ß ) Zaunert Rheinland 1, 186. 

427 ) Ebd. 2, 12. 428 ) ZfVk. 4, 295- 429 ) Vgl. 
Rochholz Sagen 1, 231. 43 °) ZfVk. 4, 294 f. 

431 ) Zaunert Rheinland 2, 235 f. 432 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 134. 

16. In der Volksmedizin hat der Sch. 
verhältnismäßig, z. B. dem Hemd (s. d.) 
gegenüber, wenig Bedeutung. Schnup¬ 
fen bekommt man, wenn man nur in 
einem Sch. oder Strumpf geht 433 ), was 
ja tatsächlich eine Erkältung veranlassen 
kann. Vom Schnupfen kann man sich 
befreien, wenn man jemanden unbe- 
schrieen in die Sch.e schneuzt und so 
•die Krankheit auf diesen überträgt ***). 
Nach Ansicht der Gottscheer muß man 
die Nase mit einem Sch.lappen abwischen 
oder mit der Nase in einen Stiefel riechen 
oder den Rauch von Hirsebrot einsau¬ 
gen 435 ). In Braunschweig 436 ) und bei 
den pennsylvanischen Deutschen 437 ) muß 
man bei Erkältung dreimal stillschwei¬ 
gend in seinen Sch. riechen 438 ), 
nach der Rockenphilosophie muß ein 
Weib, das Schnupfen hat, in des Mannes 
Sch.e riechen. Ebenso soll man bei Fall¬ 
sucht dem Kranken das Innere seines 


warm getragenen, noch schwitzigen Sch.s 
vor die Nase halten 439 ) oder ihm selbst, 
wenn er in Krämpfen hegt, den Sch. 
ausziehen und ihn daran riechen lassen, 
worauf er wieder zu sich kommen wird 440 ). 
Bei Seitenstechen macht man im 
Münsterland mit Speichel ein Kreuz 
auf den Stiefel, dann hört der Schmerz 
auf 441 ). 

Eine Warze soll man mit der Sch.- 
sohle reiben 442 ), gegen Rheumatismus 
eine Kupfermünze in den Sch. geben 443 ). 
Durch Hineinstecken der Finger in die 
von den Füßen frisch geschlachteter 
Tiere abgesottenen ,,Sch.e“ bewirkt man, 
daß die Finger nicht ,,wehtuend“ wer¬ 
den 444 ). Auszehrung kann man an¬ 
hexen, indem man die Sch.sohle, wie 
sonst die aus dem Rasen gestochene 
Fußspur (s. d.) 445 ), in den Rauchfang 
hängt 446 ). Zur Abtreibung der Leibes¬ 
frucht hilft ein Absud von verrosteten 
Sch.nägeln 447 ). Drei verrostete Sch.¬ 
nägel aus dem linken Sch., mit Mähnen¬ 
haaren an die Stalltür genagelt, schützen in 
Schlatt bei Staufen gegen die ,,Ver- 
haxung“ der Flechten 448 ). 

Bei den Siebenbürger Sachsen heilt man 
ein behextes Kind, indem man das 
Fußtuch des rechten Sch.s vom Vater, 
wenn das Kind ein Mädchen ist, von der 
Mutter, wenn es ein Knabe ist, in Urin 
eintaucht und es dem Kind um die 
Stirne schlägt 449 ). In Mecklenburg hilft 
aus dem linken Sch. getrunkener Urin 
bei vielen Krankheiten 450 ). So muß der 
Kranke bei Bräune in diesen Sch. pissen 
und daraus trinken 451 ). In Dänemark 
harnt die Mutter eines behexten Kindes 
in ihren rechten Sch. und läßt das Kind 
an drei Donnerstagen morgens daraus 
trinken. In Schweden läßt man das Kind, 
wenn es von einer Hure beschrieen ist, 
aus deren linken Sch., den man sich be¬ 
schaffen muß, trinken 452 ); ferner heilte 
man die englische Krankheit (horskärfva) 
dadurch, daß das Kind aus dem Sch. einer 
leichtfertigen Person (schwed. hora = 
Hure) zu trinken bekam 453 ). 

Gegen Fieber legt man in Jever einen 
Zettel, auf welchem das Fieber ab¬ 
geschrieben ist, ohne ihn zu öffnen, in 



1343 


Schuh 


1344 


den Sch. und läßt ihn dort, bis er zer¬ 
fetzt ist 454 ); bei den Serben im bosnischen 
Drinagebiet füllt man einen alten Opanak, 
den landesüblichen Sch., mit Salz, Brot 
und Knoblauch und wirft ihn vor Sonnen¬ 
aufgang unter dreimaligem Hersagen eines 
Zauberspruches, mit dem das Fieber 
auf den Dorfschulzen, Pfarrer und Wolf 
im Walde übertragen wird, in den Fluß, 
worauf man, ohne sich umzusehen, heim¬ 
wärts eilt 455 ). 

Zuweilen findet sich in der Über¬ 
lieferung und besonders in der Legende, 
daß von bestimmten Sch.n, ursprüng¬ 
lich den Füßen, eine Heilkraft ausgeht. 
Asklepios gab dem Aristides „ägyptische 
Sch.e“ als Heilmittel, Pestkranke wurden 
durch den Sch. des Märtyrers Epipodius, 
dessen Name dazu Veranlassung gab, 
geheilt, den blinden Geiger macht der 
Sch. der hl. Kümmernis sehend 456 ). 
Nach einer französischen Legende wurde 
ein Ungläubiger, der an die Wunderkraft 
der hl. Jungfrau und besonders des von 
ihr herrührenden Sch.s zweifelte, dafür 
mit schwerer Krankheit bestraft, um 
seiner Reue willen dann aber wieder von 
der hl. Jungfrau geheilt 457 ). In Schwaben 
helfen gegen Hexerei und daraus ent¬ 
stehende Krankheiten die „Hexen pan- 
töffelein“, kleine pantoffelartige Holz¬ 
stückchen, woran der Absatz von Wachs 
angeklebt ist 458 ). Ähnlich hängen sich 
die sibirischen Golden gegen Knieschmer¬ 
zen kleine Sch.e aus Papier oder Fisch¬ 
haut um 459 ). 

In der Tierheilkunde sind wenig 
Überlieferungen. In Oldenburg muß 
man ein krankes Kalb aus einem beim 
letzten Abendmahlsgange getragenen Sch. 
Salzwasser trinken lassen 460 ), in Mecklen¬ 
burg kuriert man das Verfangen der 
Schweine durch Bestreichen mit einem 
Erbpantoffel 461 ), in Alt-Ruppin nimmt 
man einen Lederpantoffel verkehrt und 
bestreicht damit das kranke Schwein 
während des Bötens 462 ) (= Büßens, Be¬ 
sprechens). Bei den Tschechen läßt man 
kranke Hennen aus einem Sch. fressen 463 ). 

433 ) Grimm Myth. 3, 445 Nr. 321 (Rocken¬ 
philosophie). 434 ) Lammert 240 — Meyer 
Aberglaube 103; Birlinger^ws Schwaben 1, 405 


u. Volksth. 1, 497. 435 ) Hovorka u. Kronfeld 
2, 6. 436 ) And ree Braunschweig 421. 437 ) Fo- 
gel Pennsylvania 268 Nr. 1391. 438 ) Grimm 

Myth. 3, 446 Nr. 361. 439 ) Bartsch Mecklen¬ 

burg 2, 106 Nr. 393; Hovorka u. Kronfeld 
2, 214. 440 ) ZfrwVk. 1904, 204. 441 ) Stracker- 
jan 1, 79 Nr. 82 = ZfVk. 4, 149. 44Z ) Fogel 

Pennsylvania 322 Nr. 1709. 443 ) Ebd. 327 

Nr. 1742. 444 ) Zahler Simmenthal 48. 445 ) Vgl. 
Seyfarth Sachsen 54 f. 446 ) Pfalz Marchfeld 
65. 447 ) Höhn Geburt Nr. 4, 258. 448 ) Meyer 

Baden 397. 449 ) Halt rieh Siebenb. Sachsen 

262 Nr. 4 = Seligmann Blick 1, 300. 

45 °) Bartsch Mecklenburg 2, 101 Nr. 368. 

451 ) Ebd. 2, 103 Nr. 381. Vgl. ZfVk. 4, 149. 

452 ) ZfVk. 11 (1901), 328; Seligmann Blick 

1, 300 f. 453 ) Pehr Lugn Die magische Bedeu¬ 
tung der weiblichen Kopfbedeckung im schwedi¬ 
schen Volksglauben, Mitteil. d. Anthropol. Ges. 
in Wien, 50. bzw. 20. Bd. (Wien 1920), 85. 
464 ) Strackerjan 1, 92 Nr. 101 = ZfVk. 4, 149. 
455 ) Stern Türkei i, 244 = Hovorka u. Kron¬ 
feld 1, 154. 456 ) Weinreich Heilungswunder 

70. 457 ) ZfVk. 4, 149. 458 ) Birlinger Aus 

Schwaben 1, 367. 459 ) Globus 52, 207 = ZfVk. 

4, 149. 480 ) Strackerjan 1, 433 Nr. 231 = 

Wuttke 444 §698. 461 ) Bartsch Mecklen¬ 

burg 2, 157 = ZfVk. 4, 148. «2) ZfVk. 8 (1898). 
305. 463 ) Grohmann 141 Nr. 1037 = 

Wuttke 431 §676 = ZfVk. 4, 148. 

17. Eine geringe Rolle spielt der Sch. 
innerhalb der abergläubischen Überliefe¬ 
rungen in der Vieh- und Feldwirt¬ 
schaft. In Württemberg wirft man hie 
und da den linken Sch. einem Bienen¬ 
schwarm nach, der sich nicht setzen 
will 464 ). Bei den Tschechen läßt man am 
Weihnachtsabend die Hühner aus einem 
Sch. Erbsen fressen, dann legen sie 
besser 465 ). Im Verkehr mit den Haus¬ 
tieren ist oft wichtig, ob die Sch.e ge¬ 
schmiert sind oder nicht (s. o. § 3). 

In verschiedenen Gegenden erscheint 
ein Sch.abwischen als Emtebrauch, 
was auf die Bedeutung des Sch.s als 
Fruchtbarkeitssymbol hinweist 466 ). So- 
werden dem bei den Erntearbeitern vor¬ 
beigehenden Fremden die Sch.e abge¬ 
wischt 467 ), wofür er bezahlen muß, im 
Kreis Moers geschieht dies dem Mädchen, 
das am ersten Erntetag das Frühstück 
auf das Feld bringt, in Kent dem Be¬ 
sucher des Gutsherrn, wenn er das erste¬ 
mal auf das Hopfenfeld kommt 468 ), in 
Westböhmen dem Bauer oder der Bäuerin, 
wenn sie während des Getreideschnittes 
zum erstenmal auf dem Feld erscheinen 469 ). 
Jedesmal muß für das Sch.ab wischen ein 


1345 


Schuh 


134 6 


Trinkgeld gegeben werden. Mitunter ist 
dieser Brauch verbunden mit dem älteren 
des Beißens in die Zunge 470 ) (s. 

beißen), dem eine starke erotische Be¬ 
deutung zukommt, oder dem ebenfalls 
älteren des Ausziehens der Sch.e, 
die dann wie die Brautsch.e (s. o.) aus¬ 
gelöst werden müssen 471 ). Im südlichen 
Böhmerwald ist es noch heute üblich, 
daß die in den Flachsbrechstuben arbei¬ 
tenden Weiber, die meist durch den 
Flachsstaub und durch entsprechende 
Gespräche geschlechtlich stark erregt 
sind, jeden vorbeigehenden Mann an- 
halten und unter Hersagen eines Spruches 
ein Geschenk (Geld, Zucker) verlangen. 
Weigert er sich, so kann es ihm ge¬ 
schehen, daß ihm die Weiber die Hose 
herunterziehen 472 ). Auch in der Fast- 
nachts- und Osterzeit finden sich ähn¬ 
liche Bräuche, indem Knechte den Mäg¬ 
den und diese den Knechten die Sch.e 
abwischen oder Burschen und Mädchen 
sich gegenseitig die Sch.e ausziehen, die 
dann ausgelöst werden müssen 473 ). In 
Westfalen werden auch dem Fremden, 
der an einer Baustelle vorbeigeht, unter 
Hersagen eines Spruches die Sch.e ge¬ 
putzt oder er wird mit einer Meßschnur 
„geschnürt“, bis er ein Trinkgeld her¬ 
gibt 474 ). 

Von weiterem Aberglauben ist noch 
anzuführen, daß man ein Paar abge¬ 
tragene Sch.e oder Pantoffel in das 
Gurkenbett vergraben muß, wenn man 
recht dicke Gurken haben will 475 ). In 
Finnland und Estland darf man bei der 
Aussaat nicht barfuß sein, auch nicht 
beim Pflügen. Auf diese Weise wie 
auch durch Gegenstände, die man in die 
Sch.e gibt, sichert man sich gegen Be¬ 
hexung 476 ). Hat man beim Pflügen des 
Rübenfeldes zerrissene Sch.e an, so werden 
die Rüben wurmstichig 477 ). Um eine 
Behexung zu verhüten, hat man früher 
beim Rüben säen den Samen in dem 
Sch.haken des linken Fußes einer Hure 
gehalten 478 ). Damit weder Schnecken 
noch Wurzelwürmer die junge Saat ver¬ 
nichten sollten, verbrannte man altes 
Sch.werk 479 ), wohl auch deshalb, weil 
dies einen starken Rauch entwickelte, 

Bächtoid>Stäubi>, Aberglaube V]I 


oder einen gefundenen Birkenrindensch. 480 ) 
im Ofen der Samendarre. Das Ver¬ 
brennen alter Sch.e vertreibt nach 
dem Glauben der pennsylvanischen Deut¬ 
schen die Schlangen 481 ). 

464 ) Eberhardt Landwirtschaft Nr. 3, 22. 
465 ) Grohmann 96 Nr. 666 = Wuttke 429 
§673. 466 ) Vgl. bes. Mannhardt Forschungen 

36 ff. 467 ) Kuhn Westfalen 2, 187 Nr. 524; 
ZfVk. 4, 53. 488 ) ZfVk. 4, 53. 469 ) John West¬ 
böhmen 187. 47 °) ZfVk. 4, 53 f. 471 ) Kuhn 

Westfalen 2, 128 Nr. 388. 472 ) Verf. 473 ) ZfVk. 
4, 53 f.; Reinsberg Festjahr 117; Sartori 
Sitte u. Brauch 3, 166. Vgl. Hofier Ostern 41. 
474 ) Sartori Westfalen 30. 475 ) Andree Braun¬ 
schweig 405; Maack Lübeck 60. 476 ) FFC. 

Nr. 30, 75; Nr. 31, 134. Vgl. Seligmann Blick 
2, 231. 477 ) FFC. Nr. 30, 75. 478 ) Ebd. Nr. 31, 
322. 479 ) Ebd. Nr. 62, 143. 48 °) Ebd. Nr. 55, 

103. 481 ) Fogel Pennsylvania 220 Nr. 1109. 

18. Wie der Fuß (s. d.) so wird auch 
der Sch. zum Sinnbild der Macht und 
Herrschaft, des Rechtes und Be¬ 
sitzes. Worauf man den Fuß oder Sch. 
setzt, das erklärt man sich als unter¬ 
worfen, als sein Eigentum 482 ). 

a) Bei der Adoption eines fremden 
und der Legitimation eines natürlichen 
Kindes kam das Symbol des Sch.s be¬ 
sonders im altnordischen Recht vor 483 ). 
Als eine Adoptionszeremonie ist auch 
das Sch.steigen der Braut (s. o.) aufzu¬ 
fassen 484 ). Eine alte Form der Ein¬ 
sprache gegen die Ehe war das Werfen 
eines Pantoffels, wenn ein Weib Ein¬ 
spruch erhob 485 ) (s. Hut). 

b) Früh wurde der Sch. zu einem 
Besitzzeichen. Das Setzen des Fußes 
oder Sch.s auf Land oder anderes Gut 
als Zeichen der Besitzergreifung genügte 
bei den alten Juden nicht. Dort mußte 
das Feld der Länge und Breite nach ab¬ 
geschritten werden 486 ). So wurde der 
Sch. zum Ackermaß, später zum Maß 
überhaupt. Scuopuoza (Sch.fleck, Sch.- 
lappe, assumentum ealeei) bezeichnet e 
das kleinere Grundstück im Gegensatz 
zur huoba. Im Ansbachischen hieß ein 
kleinerer Teil der Hube Sch.kauf und 
Enkelein (vom ahd. anchal, talus 487 )). 
Flurnamen, in welchen das Wort Sch. 
vorkommt, sind daher ziemlich häufig 488 ). 

Ausziehen des Sch.s war Symbol für 
die Auflassung von Gut und Erbe 489 ), 

43 


1347 


Schuh 


1348 


wozu besonders auf alt jüdische Rechts¬ 
bräuche zu verweisen ist 490 ). 

c) Am häufigsten ist der Sch. als Herr¬ 
schafts-, Hoheits- und Würdezei¬ 
chen zu finden. Im Eheleben sind die, 
welche „unter den Pantoffel kommen“, 
die Pantoffelhelden, die nach einer scherz¬ 
haften Meinung in Oberösterreich ihren 
Festtag am Simonstag (28. Oktober) 
haben, wo die Frau Mann (Sie-Mann) 
ist 491 ). Schon in der altnordischen Sage 
heißt Skirnir Freys Sch.knecht 492 ). Ein 
besonderes Zeichen der Demütigung war, 
wenn man einem höher Stehenden die 
Sch.e binden oder lösen mußte 493 ). Mäch¬ 
tigere Könige sandten geringeren ihre 
Sch.e zu, welche diese zum Zeichen ihrer 
Unterwerfung tragen mußten 494 ). Der 
Satz „Auf Edom werf ich meinen Sch.“ 
(Ps. 60, 10) bedeutet, den Vornehmen 
Edoms werde ich den Fuß auf den Nacken 
setzen 495 ). Bei den Einkleidungs¬ 
feierlichkeiten, besonders von Herr¬ 
schern, kommt daher dem Sch. eine be¬ 
stimmte Rolle zu 496 ), und das Anlegen 
der ersten Sch.e geht bei Fürstenkindern 
mitunter feierlich vor 497 ). Zum deut¬ 
schen Kaiserornat gehörten ein Paar 
prächtig gezierte, sandalenartige Sch.e, 
nach alten Urkunden soll es sogar drei 
Paar kaiserliche Sch.e gegeben haben 498 ). 

So wird das Tragen der Sch.e und be¬ 
stimmter Sch.e oft zu einem Recht be¬ 
sonderer Klassen und Personen, wie dies 
auch in der katholischen Kirche beim 
bischöflichen Sch. und päpstlichen Pan¬ 
toffel der Fall ist, und der Sch. wird zu 
einem Würde- und Standeszeichen. 
Seine Form und Farbe kann ihn aber 
nicht allein zum Kennzeichen für be¬ 
sondere Personen und Gesellschafts¬ 
schichten, sondern auch ganzer Völker 
machen, besonders im Orient 499 ). Nach 
altem brahmanischen Ritual trug der 
König bei der Inauguration Sch.e aus 
Eberfell und durfte sein Leben lang den 
Erdboden nicht mit bloßen Füßen be¬ 
rühren 50 °) (s. nackt, Fuß). Aegeus er¬ 
kannte an den Sandalen und dem Schwert, 
die er unter dem Felsen verbarg, später 
seinen Sohn Theseus. Bei den Römern 
trugen alle Magistrate, die im Senate 


waren, den roten Senatorensch., auf dem 
bei den Patriziern die lunula hinzukam 501 ). 
Im Gegensatz zur Sandale war der Sch. 
(calceus) die nationale, zur Toga gehörige 
Fußbekleidung des römischen Bürgers 502 ). 
In Konstantinopel waren früher die Pan¬ 
toffel der Türkinnen gelb, der Armenier¬ 
innen rot, der Griechinnen schwarz und 
der Jüdinnen blau. Im Mittelalter wurde 
leichten Dirnen hie und da vorgeschrieben, 
ein gelbes Fähnlein auf den Sch.n zu 
tragen. Durch die verschiedenen Sch.- 
formen, meist Reste der Mode früherer 
Zeiten, unterscheiden sich noch gegen¬ 
wärtig zuweilen benachbarte Dörfer, z. B. 
in Oldenburg, worauf Volksreime Bezug 
nehmen 503 ). 

d) Wie der Handsch. (s. d.) erscheint 
der Sch. auch als Wappen. Der Schuh¬ 
macherzunft in Brüssel verlieh ihn an¬ 
geblich Kaiser Karl. Das Wappen von 
Schwandorf hat neben den Löwen und 
Rauten der Wittelsbacher auch einen 
schwarzen Stiefel 504 ). Im Bauernkrieg 
wurde der Bundsch. zum Heereszeichen, 
das vor allem ausdrücken sollte, daß jetzt 
die Bauern Herren seien. An die Wappen 
einzelner Orte knüpfen sich gern Sagen, 
welche diese Sch.e zu erklären suchen, 
so z. B. beim Wappen von Schwan¬ 
dorf 505 ) oder der Stadt Ried in Ober¬ 
österreich 506 ). 

e) Sch.e dienten auch als Abgabe, 
woran sich ebenfalls nicht selten ursach- 
deutende Sagen anschlossen, in welchen 
es sich dort, wo sich die Abgabe auf ein 
tägliches Glockenläuten bezieht, gewöhn¬ 
lich um die Rettung Verirrter handelt 507 ). 
Solche Abgaben von Filzsch.en, Nacht¬ 
oder Morgensch.en und Bundsch.en wurden 
in der 2. Hälfte des 15. Jh. namentlich 
von Klöstern, besonders von den Cister- 
ciensern und Prämonstratensern, aber 
auch von den Benediktinern und Augusti¬ 
nern, den Stiftern und sonstigen Wohl¬ 
tätern geleistet, vornehmlich aber dann, 
wenn diese sich die Rechtsprechung über 
die vergabten Güter Vorbehalten hatten. 
Dann waren es eben Zeichen des seitens 
der Klöster anerkannten Vogteirechtes. 
Nebenbei mag auch, da es sich meist 
um weiche Filzsch.e handelt, die Deutung 


1349 


Schuh 


1350 


möglich sein, daß der Fuß des gestrengen 
Grundherrn nicht zu fest auf den Nacken 
der Untertanen drücken möge 508 ). Eine 
Art Abgabe war auch das sogenannte 
Pantoffelgeld, welches die Weiber des 
Sultans noch um das Jahr 1000 als Nadel¬ 
geld bekamen. Es wurde nicht selten 
statt in Geld durch Verleihung von Lehen 
erstattet 509 ). 

f) Während bloß in China der eigen¬ 
tümliche Brauch besteht, einen Manda¬ 
rinen, wenn er eine Stadt oder Gegend 
verläßt, dadurch zu ehren, daß man ihm 
die Stiefel auszieht 510 ), ist sonst allge¬ 
mein das Ablegen der Sch.e, die Ent¬ 
blößung der Füße ein Zeichen der Ehr¬ 
furcht, wie ähnlich der Pantoffelkuß 
beim Papste wohl als höchste Ehrfurchts¬ 
bezeugung anzusehen ist, der Demut, 
der Niedrigkeit und Unterwerfung 511 ). 
Besiegte ziehen daher auch die Sch.e aus 
(s. Hemd), und vogelfreie Verbannte 
wurden entschuht 512 ). 

Die Ehrfurcht vor der Gottheit 
hat zu der uralten Vorschrift geführt, daß 
man im Verkehr mit ihr keine Sch.e tragen, 
ein Heiligtum nicht mit Sch.en betreten 
dürfe, was vor allem seit je für die Priester 
galt. Wie bei den alten Juden, den In¬ 
dern und anderen Völkern 513 ), wurden 
auch bei den Griechen und Römern die 
Sch.e auf heiligem Boden ausgezogen 514 ). 
Das Heiligtum der Athene im nach¬ 
homerischen Troja kehrten Jungfrauen 
mit nackten Füßen 515 ), und bei Ein¬ 
weihung in die Mysterien mußte der 
Adept vor Betreten des Heiligtums Kleider 
und Sch.e ausziehen 516 ). Wurden Sch.e 
getragen, so gab es besondere Vorschriften 
(s. Kleid §3 u. 5). Die ägyptischen 
Priester trugen Papyrussandalen 517 ), die 
Flaminica Dialis durfte weder Sch.e noch 
Sohlen von dem Leder eines gefallenen 
Viehes tragen 518 ) (s. rein, Reinheit). 

Besonders streng achtet man bei den 
Mohammedanern darauf, daß die Über¬ 
schuhe vor Betreten der Moschee ausge¬ 
zogen oder über die Straßensch.e Über- 
sch.e angezogen werden 519 ). Nach christ¬ 
licher Auffassung wäre es dagegen höchst 
unschicklich, ohne Sch.e, also in nicht 
feiertäglicher Kleidung, in die Kirche 


oder zum Empfang der Sakramente zu 
kommen. Nach einer thüringischen Sage 
waren die Leute von Ruttersdorf einmal 
so arm, daß sie sich mangels Sch.e scheu¬ 
ten, zum Abendmahl zu gehen. Endlich 
aber sammelten sie Geld und ließen ein 
Paar Gemeindesch.e machen, verwahrten 
sie in der Kirche und gingen nun nach 
einander zum Tisch des Herrn 520 ). Doch 
wird von der hl. Elisabeth überliefert, 
daß sie nach der Geburt eines Kindes 
ihren ersten Kirchgang zu einer fernen 
Kapelle unbeschuht und barfuß machte 521 ). 
Hier aber steht das Motiv der körper¬ 
lichen und geistigen Unreinheit der Kind¬ 
betterin vor der Aussegnung im Vorder¬ 
grund. 

Wie gegenüber der Gottheit, so ist es 
auch gegenüber vornehmen Personen 
zuweilen Sitte, bei Betreten ihrer Woh¬ 
nung die Sch.e abzulegen 522 ). Ja ganzen 
Ständen und Völkern, die man verachtete, 
konnte sogar das Tragen von Sch.en ver¬ 
boten werden. So erwähnt Plutarch 
eine ägyptische Sitte, nach welcher es 
den Weibern nicht erlaubt gewesen sein 
soll, Sch.e zu tragen. In Fez und Marokko 
müssen die Juden außerhalb des Juden¬ 
viertels stets barfuß gehen. Sie tragen 
dann die Pantoffel unter dem Arme oder 
im Gewände verborgen 523 ). Die Ehrfurcht 
vor dem toten Herrscher äußerte sich, 
als die vornehmsten Römer mit aufge¬ 
lösten Gürteln und entblößten Füßen 
die Asche des Kaisers Augustus sam¬ 
melten 524 ). Freiwillige Selbstdemütigung 
und Trauer bringt der jüdische Brauch 
zum Ausdruck, in Trauerzeiten und am 
Versöhnungstage die Sch.e abzulegen 525 ). 

Bei den Römern wurden dem Vater¬ 
mörder Holzsohlen unter die Füße ge¬ 
bunden, damit er die Mutter Erde nicht 
berühre und verunreinige. Diesen Rechts¬ 
brauch mit den Psychoanalytikern, welche 
den Vatermord aus dem Wunsch, mit 
der Mutter Blutschande zu begehen, er¬ 
klären, dahin auszulegen, daß die Erde 
berühren heiße, den Geschlechtsakt aus¬ 
üben 526 ), ist unnötig. Aus deutschen 
Überlieferungen, besonders Sagen, geht 
hervor, daß vor allem die Geisterwelt 
nichts mit den Sch.en von Menschen zu 

43 * 


1 35 1 


Schuh 


1352 


seine 


tun haben will. Häufig ist das Motiv, 
daß die von Geistern Entführten ihre 
Sch.e zurücklassen 527 ), was ver¬ 
schieden erklärt werden kann. Zunächst 
wird man auf die einfache Tatsache hin- 
weisen, daß der vom Sturm Entführte 
oder der in einem epileptischen Dämmer¬ 
zustand Befindliche — mitunter der An¬ 
laß zur Entstehung solcher Sagen 528 ) —, 
hiebei mit dem Hut (s. d.) am ehesten 
seine Sch.e verlieren wird, besonders 
wenn es sich um Holzsch.e oder Pantoffel 
handelt. Dann mag auch der Umstand 
in Betracht kommen, daß die Geister¬ 
welt an den schmutzigen, mit Erde behaf¬ 
teten Sch.en Anstoß nimmt. Ferner kann 
darin auch eine bloße Umschreibung der 
höchsten Eüe, mit der sich alles vollzieht, 
liegen 529 ). Dort wo Geister einen Sch. 
zurücklassen, wird dagegen eher eine Art 
Opfer vorliegen, wenn z. B. ein verfolgtes 
Wichterchen einen silbernen Sch. zurück¬ 
läßt 53 °) oder der irische Cluricaun manch¬ 
mal freiwillig einen Sch. liegen läßt oder 
sich wenigstens keine Mühe gibt, einen 
zurückgelassenen wieder zu erlangen 531 ). 

g) Früher wurde mitunter auch ein Eid 
bei den Sch.en geleistet 532 ). Verbreitet 
ist das (Schwank-) Motiv, daß jemand 
unter den Hut eine Schöpfkelle und in 
den Sch.n Erde gibt und darauf schwört: 
,,So wahr ich meinen Schöpfer über mir 
habe, auf dessen Erde ich stehe . . .“ 533 ). 
In den Weistümern wird, wie sonst von 
der Hose (s. d.), hie und da auch von den 
Sch.en gesagt, daß es bei dringenden 
Fällen nicht notwendig ist, beide zu Ge¬ 
richt anzuziehen 534 ). An alte Unschulds¬ 
proben erinnert der hölzerne Sch. oder 
Fuß, der in der Salvatorkirche bei Strau¬ 
bing bis 1900 als Gewissensmesser 
diente. Er mußte mit einem Stoß so ge¬ 
schwungen werden, daß er sich mindestens 
dreimal um die Stange drehte, an welcher 
er befestigt war. Dies galt als Zeichen, 
daß der Schwinger ohne Todsünde war 535 ). 
Nach der Sage bestand die Strafe der 
Herzogin von Orlamünde darin, daß sie 
in inwendig mit Nägeln und Nadeln be¬ 
setzten Sch.en von der Plassenburg nach 
dem Kloster Himmelskron gehen mußte, 
wo sie tot niederfiel 536 ). 


Ein sonderbarer Brauch ist endlich bei 
den Schweden und den Zigeunern daheim. 
Am Julabend müssen in Schweden alle 
Sch.e des Hauses die Nacht über dicht 
nebeneinander aufgestellt sein, auf daß 
alle Hausleute das ganze Jahr in Ein¬ 
tracht bleiben 537 ). Bei den Zigeunern 
wird am Weihnachtstage ein bestimmtes 
Bäumchen verbrannt und die Asche ge¬ 
sammelt. Diese gibt der Vorstand der 
Sippe in seine Sch.e, und jedes männliche 
Familienmitglied muß diese Sch.e auf 
einige Minuten anziehen. Man sagt, daß 
dies die Anhänglichkeit untereinander 
bestärkt 538 ). 

482 ) ZfVk. 4, 173. Vgl. AigremontF«^ro^ 
62 f.; Levy a. a. O. (s. o. Anm. 1). 483 ) Grimm 
RA. 1, 213. 637 fr.; Bächtold Hochzeit 1, 
250 ff.; Ciszewski Künstl. Verwandtsch. 107. 
484 ) vg] ZfdPhil. 42 (1910), 144. 485 ) Bächtold 
Hochzeit 1, 277. 486 ) Levy a. a. O. 179. 487 ) Zf¬ 
Vk. 4, 173. 488 ) Vgl. ebd. 296 1 ; Rochholz 

Sagen 2, LIV. 489 ) Grimm RA. 1, 215. Vgl. 
Rochholz Sagen 1, 377. 49 °) ZfVk. 4, 179 t.; 

Levy a. a. O. 182 f.; Beck de juribus Judae- 
orum 77 ff. 491 ) Baumgarten Aus der Heimat 
3, 41. Vgl. ZfVk. 4, 174. 492 ) Grimm Myth. 1, 
278. 493 ) Vgl. ZfVk. 4, 174 f. 494 ) Ebd.; Grimm 
RA. 1, 214. 495 ) Vgl. Levy a. a. O. 181. 

498 ) Gold mann Einführung 141. 497 ) Beispiele 
ZfVk. 4, 175. 498 ) F. Hotten rot h Handbuch 

d. deutschen Tracht (Stuttgart o. J.) 459 f. 
4 ") Beispiele ZfVk. 4, 175 f. 50 °) Frazer 10, 4. 
501 ) ZfVk. 4, 176. 502 ) Pauly-Wissowa 3, 1, 

1340; 2. R. 2, 1, 754. 303 ) ZfVk. 4, 176. 504 ) Ebd. 
177; Grimm RA. 1, 215. 505 ) Schöppner 

Sagen (1874) 2, 138 Nr. 388 f. = Rochholz 
Sagen 2, 120 = DG. 11 (1910), 158. 506 ) Glo- 

ning Oberösterreich 15. 507 ) Beispiele ZfVk. 4, 

177 • Vgl- Rochholz Sagen 1, 377; 2, LIV; 
DG. 4 (1902), 50. 508 ) Alemannia 26 (1898), 45 f. 
509 ) Stern Türkei 2, 81 f. 94. 51 °) ZfVk. 4, 178. 
511 ) Ebd. 512 ) Ebd. 179. 5l3 ) Ebd. 178. 514 ) Die¬ 
terich Mutter Erde 81 2 . 134. Vgl. Frazer 8, 
45 f. 51S ) ZfVk. 4, 178. 516 ) Dieterich Kl. 

Sehr. 119. 517 ) ZfVk. 4, 178. 518 ) Ebd. 152. 

Vgl. Frazer 3, 14. 519 ) ZfVk. 20 (1910), 141. 

52 °) Quensel Thüringeyi 106. 521 ) Ebd. 51. 

622 ) ZfVk. 4, 178 f. 523 ) Ebd. 179. 524 ) Ebd. 180. 
525 ) Ebd.; Levy a. a. O. 181. 526 ) Storfer 

Jungfr. Mutterschaft 115. 170. 527 ) Wucke 

Werra 30 h Nr. 58 = Quensel Thüringen 167; 
Jungbauer Böhmerwald 100. Weitere Bei¬ 
spiele ZfVk. 4, 417 f. 528 ) Vgl. BayHfte. 1 (1914), 
44 ff. 529 ) Vgl. ZfrwVk. 1914, 84. 53 °) Schmitz 
Eifel 2, 16 = ZfVk. 4, 298. Vgl. Rochholz 
Sagen 1, 378. 531 ) ZfVk. 4, 298. 532 ) Ebd. 180. 
533 ) Peuckert Schlesien 155 f.; Kapff Schwaben 
110; Zaunert Rheinland 2, 217. Vgl. Zaunert 
Westfaleyi 320; Hellwig Aberglaube 126 — 
Aigremont Fußerotik 6g 3 . Vgl. oben 2, 669 f. 


1353 


Schuhband—Schuhwerfen 


1354 


534 ) Grimm RA. 1, 136 f. 535 ) And ree Votive 
107. 536 ) Quensel Thüringen 27. 537 ) Heck¬ 
scher 123. 538 ) Wlislocki Volksglaube 141. 

Jungbauer. 

Schuhband. Vom Sch. wird im allge¬ 
meinen dasselbe überliefert wie vom 
Strumpfband (s. d.) und Schürzenband 
(s. d.). Geht es auf, so denkt jemand 
an einen 1 ). Beim Zubinden muß man 
dessen Namen nennen, sonst hält das 
Band nicht 2 ). Bei jungen Leuten sagt 
man, daß der Schatz an sie denkt 3 ), in 
Steiermark glaubt das Mädchen, daß 
dann der Geliebte kommt 4 ). Löst sich 
auf Island der Schuhriemen eines Bur¬ 
schen, so heißt es, daß er bald heiraten 
wird 5 ). 

Lockert sich das Sch. am linken Fuß, 
so bedeutet es Untreue des Geliebten 
oder Ehegatten 6 ). In den schottischen 
Bergen wehrt der Bräutigam Behexung 
ab, indem er am linken Schuh weder Band 
noch Schnalle trägt 7 ). Um leichter zu 
gebären, bindet die Braut in Smaland 
vor der Trauung die Sch.er nicht zu¬ 
sammen. Auf den Hebriden pflegen Braut 
und Bräutigam vor der priesterlichen 
Einsegnung ihre Schuhe, Strumpfbänder 
und, was sie sonst Festanliegendes haben, 
loszuschnüren 8 ). 

*) SAVk. 7, 135; 25, 283; SchwVk. 10, 38. 
2 ) Fogel Pennsylvania 387 Nr. 2083. 3 ) Zfrw¬ 
Vk. 1905, 145. 4 ) Reiferer Ennstalerisch 99. 

5 ) ZfVk. 8 (1898), 161. 6 ) Reiferer a. a. O. 100. 
Vgl. SAVk. 7, 135. 7 ) Seligmann Blick 2, 227. 
*) Heckscher 364. Jungbauer. 

Schuhmacher s. Nachtrag. 

Schuhwechsel. Durch den Sch. wird 
ebenso wie durch das Umkehren von 
Kleidungsstücken (s. Ärmel, Kleid, Rock, 
Schürze, Strumpf) ein Zauber beho¬ 
ben 1 ). Der durch Treten auf ein Irrkraut 
oder aus einem anderen Grunde im Walde 
Verirrte findet sich wieder zurecht, 
wenn er die Schuhe wechselt 2 ). Zuweilen 
muß aber außerdem der Irrsame aus dem 
Schuh geklopft werden 3 ), oder es müssen 
die Schuhe mit den Absätzen zusammen¬ 
geschlagen oder über die Schulter ge¬ 
worfen werden 4 ). In Rußland muß der, 
welcher sich durch Treten in die frische 
Spur des Waldgeistes verirrt hat, das 
Futter des Hemdes, der Schuhe oder des 
Pelzes nach außen kehren 5 ) oder die 


Stiefel ausziehen und verkehrt (s. d.) 
mit dem Absatz nach vorn wieder an¬ 
ziehen 6 ). 

Auch sonst kann man durch Sch. Bann 
und Zauber lösen, so wenn man durch 
eine Geistererscheinung verblendet 
wird 7 ). Im Erzgebirge geschieht es beim 
Anblick eines Verdächtigen 8 ), um War- 
burg, wenn man von einem bösen Geist 
verfolgt wird 9 ), in Baden gegen einen 
aufhockenden toten Kapuziner 10 ), in 
Mecklenburg, um den durch den Schorn¬ 
stein in ein Haus gefahrenen Drachen 
an der Rückkehr zu verhindern, wodurch 
das Haus verbrennt. Doch ist hier kein 
voller Sch. notwendig, sondern man zieht 
bloß einen Pantoffel an den verkehrten 
Fuß 11 ). Sehen die Kinder im thüringi¬ 
schen Niederhessen einen geordneten 
Kranichzug in der Luft, so wechseln 
sie schnell die Schuhe und stecken ein 
Messer in den Erdboden. Dann muß 
sich der Schwarm auf lösen 12 ). Der auf 
einen Baum Gebannte wird brand¬ 
schwarz, wenn ihn der Meister nicht vor 
Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang 
löst oder wenn es ihm nicht gelingt, Erde 
aufzunehmen oder die Schuhe zu wech¬ 
seln 13 ). 

Statt des Sch.s wehrt Behexung auch 
das Tragen von zweierlei Schuhen ab 14 ) 
(s. Schuh §8b). 

*) ZfVk. 4 (1894), 155 f. 2 ) Ebd.; Mann¬ 
hardt 2, 177; Kuhn Westfalen 2, 23 Nr. 62; 
Bartsch Mecklenburg 2, 317; Schmitz Eifel 
2, 32; Schmitt Hetlingen 16; Meier Schwaben 
2, 502; Rochholz Sagen 2, LV; Quensel 
Thüringen 286; Wuttke 407 §630; Sartori 
Sitte u. Brauch 2, 52; SchwVk. 5, 5 f.; ZfVk. 24 
(1914), 417 (Helmstedt); Fogel Pennsylvania 
387 Nr. 2080. 3 ) Wucke Werra 284 Nr. 489. 

4 ) Wuttke a. a. O. 5 ) Mannhardt 1, 140. 
®) Globus 57, 283 = ZfVk. 4, 156. 7 ) Scham¬ 
bach u. Müller 203. 8 ) Seligmann Blich 

2, 227. 9 ) Hüser Beiträge 2, 15. 10 ) Baader 

NSageyi (1859) Nr. 118. u ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 1, 257. 12 ) Heßler Hessen 2, 459 = Heck¬ 
scher 382. 13 ) Rochholz Sagen 1, 78 = ZfVk. 
4, 156. 14 ) Vgl. Seligmann Blick 2, 227. 

Jungbauer. 

Schuh werfen. 

1. Allgemeines. 2. Dienst Wechsel. 3. Hoch¬ 
zeit. 4. Tod. 5. Sonstige Zwecke. 

1. Das Sch. ist eine der vielen Formen 
des Orakels durch den Wurf 1 ). Ob 
es den Ägyptern schon bekannt war 2 ), 


IJ 55 Schuhwerfen 13 5 6 


ist fraglich. Auch auf deutschem Boden 
läßt sich über das Alter des Brauches 
nichts Bestimmtes angeben, da Belege 
aus der älteren Zeit fehlen. Bloß die 
,,Sermones disc. de tempore 11 nennen unter 
abergläubischen Weihnachtsbräuchen das 
„calceos per caput jaclare“ (Sermo XI) 3 ). 
Genauere Nachrichten haben wir erst 
vom 14. Jh. an (s. u.). 

Die Erforschung der Zukunft durch 
das Sch. erfolgt in den Losnächten 
der Adventszeit und in den Zwölften 4 ), 
namentlich zu Andreas 5 ), Thomas 6 ), 
Weihnacht 7 ), Silvester 8 ) und Drei¬ 
könig 9 ), vereinzelt auch am Matthias¬ 
tag 10 ) und in der Brautnacht n ), im 
schottischen Hochland am Abend vor 
Allerheiligen 12 ). 

Die Art des Werfens ist gewöhnlich 
die, daß man sich mit dem Rücken gegen 
die Tür auf den Fußboden setzt oder auch 
niederlegt 13 ), seltener stellt, und mit der 
Fußspitze den Schuh oder Pantoffel über 
die Schulter gegen die Tür zu wirft. Nach 
der Richtung, wohin die Spitze des Schuhes 
zeigt, schließt man auf das Zukünftige. 
Weist sie zur Tür hin, so wird man das 
Haus verlassen, weist sie in die Stube 
zurück, so wird man noch ein Jahr im 
Hause bleiben 14 ). Hiezu spricht man 
auch Reime, z. B. in Westböhmen: 

Schüchel aus, Schüchel ein — 

Wo werd' ich heute übers Jahr sein 15 )? 

Eine besondere Art des Werfens ist in 
Steiermark daheim (s. u.), auch die Zahl 
der Würfe ist zuweilen bestimmt. Im 
Egerland wird mitunter der Pantoffel mit 
den Zähnen gefaßt und geworfen 16 ). Im 
Koburgischen muß das werfende Mädchen 
die Augen schließen 17 ). In der Oberpfalz 
muß der rechte Schuh rücklings über die 
rechte Schulter geworfen werden 18 ). In 
Ostpreußen wird dem auf der Erde Sitzen¬ 
den ein Pantoffel auf den linken Fuß ge¬ 
zogen, den er über den Kopf zu werfen 
hat 19 ), oder man zieht den rechten Schuh 
über Nacht an und schleudert ihn beim 
Erwachen mit dem Fuße über den Kopf 20 ). 

Der Zweck des Werfens wird manch¬ 
mal nicht näher angegeben. Es soll ganz 
allgemein erforscht werden, ob die wer¬ 
fende Person im nächsten Jahre im Hause 


bleiben wird oder nicht, wobei Angaben 
darüber fehlen, ob es sich um Dienstboten, 
heiratslustige Mädchen, Frauen oder Män¬ 
ner, um die Erforschung, ob ein Dienst¬ 
wechsel, eine Heirat, der Tod oder anderes 
bevorsteht, handelt. So heißt es in der 
1411 geschriebenen Dichtung ,,Blume 
der Tugend'‘ (V. 7938 ff.) von H. Vintler: 

Un an d’ räch nacht (= Rauhnacht) wirffet 
man 

Die schuch, als ich gehört han, 

Vber das haubt erßling, 

Vnd wa sich der spitz keret hin, 

Do sol d' mensch beleyben 21 ). 

Ebenso ist die Frage ganz allgemein ge¬ 
halten in einer Wiener Handschrift aus 
dem Jahre 1387 22 ) und in anderen Über¬ 
lieferungen 23 ). Nur hie und da wird 
angegeben, daß die Richtung der Schuh¬ 
spitze die Gegend bezeichnet, nach 
welcher hin man in dem Jahre kommen 
wird 24 ). 

2 ) Vgl. Zeißberg Hieb u. Wurf als Rechts¬ 
symbole in der Sage (Germania 13, 419 ff.); 
ZfVk. 4 (1894), 161 ff. 2 ) ZfVk. 4, 164 2 . 

3 ) Grimm Myth. 2, 936. 4 ) Vgl. Heckscher 

359 - 5 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 138; Köhler 
Voigtland 378; John Westböhmen 2 f.; J. Micko 
Volkskunde des Marktes Muttersdorf (Mutters¬ 
dorf i. Westböhmen 1926) 21; John Erzgebirge 
140; Dähnhardt Volkst. 1, 83 f. Nr. 1; Drechs¬ 
ler 1, 4; Hoffmann-Krayer 97; Messi- 
kommeri, 158; ZfVk. 14 (1904), 280 (Koburg); 
Wuttke 232 §332; G. Buschan Die Sitten 
der Völker (Stuttgart o. J.) 4, 142. 6 ) Schön¬ 

werth Oberpfalz i, 138; Pollinger Landshut 
195; Bavaria 1, 386; John Westböhmen 8; 
Zingerle Tirol 184; Baumgarten Jahr u. s . 
Tage 6; Pfalz Marchfeld 103; Reinsberg 
Festjahr 370. 7 ) Schönbach Berthold v. R. 

133; Grimm Myth. 3, 437 Nr. 101 = Meyer 
Aberglaube 222 f.; Schönwerth Oberpfalz 1, 
138; John Westböhmen 19; Schramek Böhmer¬ 
wald 119; John Erzgebirge 151; Drechsler 
1, 27; 2, 20; Vernaleken Mythen 349; Hör¬ 
mann Volksleben 231; Andree Braunschweig 
406; Jungbauer Bibliogr. 137 Nr. 821; ZföVk. 
6 (1900), 120; Liebrecht Zur Volksk. 324 (Nor¬ 
wegen); Schulenburg 248; Tetzner Slawen 
161. 463; Buschan a. a. O. Weitere Lit. s. 
ZfVk. 4, 162. 8 ) Andree Braunschweig 329; 

Bartsch Mecklenburg 2, 236; Strackerjan 
i, 103; Lauffer Niederdeutsche Volksk. 2 87; 
H. Frischbier Preußisches Wörterbuch (Berlin 
1882/82) 2, 288; Kück u. Sohnrey 44; A. Haas 
Rügensche Volksk. (Stettin 1920) 48; E. Finder 
Die Vierlande (Hamburg 1922) 2, 182; Köhler 
Voigtland 365; John Westböhmen 25; Laube 
Teplitz 2 38; John Erzgebirge 181; Müller 
Isergebirge 32; ZfVk. 7 (1897), 316 (Ostpreußen); 
20 (1911), 385 (Schleswig-Holstein); 23 (1913), 



1357 


Schuhwerfen 



128. Weitere Lit. s. Heckscher 359; ZfVk. 4, 
162. 9 ) Vintler Blume der Tugend V. 7938 ff.; 

vgl. ZfVk. 4, 161; Sch melier BayWb. 2, 390f.; 
Heyl Tirol 754 Nr. 14; Hoffmann-Krayer 
122. 10 ) Grimm Myth. 3, 461 Nr. 773. 

21 ) Wuttke 232 f. § 332. 12 ) Frazer 10, 236. 

— Vgl. noch Brauner Curiositäten (1737) 90; 
Duller Das deutsche Volk 76; Rochholz Gau¬ 
göttinnen 41; Bronner Sitt u. Art 17; Halber¬ 
stadt Semmering 23. 13 ) Drechsler 1, 27 f. 

14 ) Zingerle Tirol 184; Reinsberg Festjahr 
370 u. a. 15 ) Jungbauer Bibliogr. 137 Nr. 281. 
lö ) ZfVk. 12 (1902), 463. 17 ) Ebd.14 (1904), 280. 
18 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 141 Nr. 7. 19 ) Zf¬ 
Vk. 7 (1897), 316. 20 ) Wuttke 232 § 332. 

21 ) ZfVk. 23 (1913), 10. Vgl. ebd. 4 (1894), 161; 
11 (1901), 278; Zingerle Tirol 290. 22 ) Schön¬ 
bach Berthold v. R. 133. 23 ) Grimm Myth. 

2, 936; Vernaleken Mythen 349; Dähnhardt 
Volkst. 1, 83 f. Nr. 1; John Westböhmen 8; 
Müller Isergebirge 32. 24 ) Wuttke 232 § 332 

(Brandenburg, Vogtland). 

2. Mitunter wird angegeben, daß es 
sich um Dienstboten handelt, welche 
auf diese Weise erforschen wollen, ob sie 
noch das ganze Jahr im Hause sein werden 
oder nicht. Sie verlassen das Haus, wenn 
die Schuhspitze gegen die Tür gerichtet 
ist 25 ). Betreffs Dienstboten, die man 
entlassen will, wird auch die Redensart 
gebraucht, daß sie bald ein Paar Schuhe 
bekommen werden 26 ). In Mecklenburg 
finden sich örtliche Unterschiede, indem 
sich die Werfer in einzelnen Orten in die 
Tür stellen oder die Mädchen bei offener 
Tür mit dem Rücken gegen diese auf die 
Erde setzen. Zuweilen wird der Holz¬ 
pantoffel dreimal geworfen oder er muß 
vom rechten Schuh sein 27 ). 

Eine Übertragung liegt vor, wenn im 
Erzgebirge der ganzen Familie ein Woh¬ 
nungswechsel bevorsteht, falls der am 
Christabend geworfene Schuh mit der 
Spitze zur Tür zeigt 28 ). 

25 ) Maennling 196t. = Schultz All¬ 

tagsleben 5; Grimm Myth. 3, 437 Nr. 101 
(Rockenphilosophie) = Meyer Aberglaube 222f.; 
Panzer Beitrag 1, 266; Andree Braunschweig 
329; Bartsch Mecklenburg 2, 236 f. = ZfVk. 
4, 162 mit weiterer Lit.; Drechsler 2, 20; Mit¬ 
teil. Anhalt. Gesch. 14, 18; Sartori Sitte u. 
Brauch 2, 37; Heckscher 359. 26 ) ZfVk. 8 

(1898), 144. 27 ) Bartsch Mecklenburg 2, 23b 6 . 7 . 
28 ) John Erzgebirge 151. 


3. Bei der in der Geschlechtssymbolik 
so wichtigen Stellung des Schuhes (s. d. 
§ 1) ist verständlich, daß das Sch. haupt¬ 
sächlich als Eheorakel dient und zwar 


in der Weise, daß die gegen die Tür ge¬ 
richteten Schuhspitzen anzeigen, die Wer¬ 
ferin werde im kommenden Jahre durch 
diese Tür als Braut das Haus verlassen 29 ). 
Seltener steht umgekehrt der Gedanke 
an den zukünftigen Bräutigam, der 
durch diese Tür kommen soll, im Vorder¬ 
grund. Dann bedeuten die mit der Spitze 
gegen die Stube gerichteten Schuhe, daß 
ein Bräutigam kommen wird und eine 
Heirat zu erwarten ist 30 ). Die Spitze des 
Schuhes zeigt auch die Richtung an, 
woher der Zukünftige kommen wird 31 ), 
oder die, wo man nächstens sein wird 32 ). 
Auch im Unterengadin, wo das Mädchen 
den rechten Schuh gegen den Kirchturm 
wirft, zeigt er, wenn er nicht mit der 
Spitze zum Turm liegt, was den Tod 
bedeutet, die Richtung an, in welcher 
der Zukünftige wohnt 33 ), ebenso im 
Simmental, wo ein Pantoffel in den 
Kamin geworfen wird 34 ). Bei den Wenden 
bleibt man ledig, wenn der Schuh auf 
die Sohle fällt; fällt er verkehrt, so verhurt 
man sich 35 ). Ebenso ist es im schotti¬ 
schen Hochland, wo man am Abend vor 
Allerheiligen den Schuh über das Haus 
wirft, ein unglückliches Zeichen, wenn 
die Sohle oben zu hegen kommt 36 ). 

Es gibt noch andere Formen dieses 
Eheorakels. In der Schweiz wird am 
Andreastag der rechte Schuh rückwärts 
über die linke Achsel die Treppe hinunter 
geworfen. Kommt er mit der Spitze nach 
außen zu liegen, so heiratet man im kom¬ 
menden Jahre 37 ). Bei den Slowenen 
zieht man dabei Schlüsse nach den 
Treppenstufen, auf welchen der Schuh 
hegen bleibt. Fliegt er über alle Stufen, 
dann gibt es schon im nächsten Jahr 
Hochzeit, fällt er auf die letzte Stufe, so 
geschieht dies erst nach einem Jahr. Die 
vorletzte Stufe bedeutet zwei Jahre 
Warten usw. 38 ). Sonst ist auch das Sch. 
auf Bäume üblich. Um Velburg in der 
Oberpfalz warfen die Mädchen früher in 
der Andreas-, Thomas- oder Weihnacht 
um die zwölfte Stunde den Schuh auf 
einen Birnbaum. Es durfte nur zwölfmal 
geworfen werden. Wenn bei einem dieser 
Würfe der Schuh hängen blieb, so war 
die Heirat sicher. So oft aber vom 




1359 


Schuhwerfen 


1361 


Schuhwerfen 


1362 


1360 


13. Wurfe an der Schuh niederfiel, so 
viele Jahre mußte man noch warten. 
Auf Tod in dem Jahre wurde auch ge¬ 
deutet, wenn der Schuh beim ersten 
Wurfe blieb 39 ). Um Treffeistein in der 
Oberpfalz wurde der Schuh zu den ange¬ 
gebenen Zeiten dreimal über den Apfel¬ 
baum im Garten geworfen und der Hund 
in einem Spruch auf gefordert, durch 
Bellen anzuzeigen, wo der Geliebte 
wohnt 40 ). Auch die Zigeunermädchen 
in Ungarn werfen an gewissen Abenden 
(Andreas, Silvester, Ostern, Pfingsten, 
Georg) einen Schuh auf einen Weiden¬ 
baum. Bleibt er in den Ästen hängen, 
so heiratet das Mädchen. So oft der Schuh 
aber nach neun erfolglosen Würfen, die 
bloß erlaubt sind, auf die Erde fällt, so 
viele Jahre muß das Mädchen auf einen 
Mann warten 41 ). Bei einem ähnlichen 
Sch., das früher um Warnsdorf in Deutsch¬ 
böhmen üblich war, konnten neben 
Schuhen auch Strohwische u. a. geworfen 
werden. Blieben die auf blätterlose, 
kleine Bäume zu Weihnachten geworfenen 
Gegenstände gleich darauf hängen, so 
erfolgte im künftigen Jahre die Heirat. 
Mußte aber mehrmals geworfen werden, 
so bedeutete jeder erfolglose Wurf ein 
Jahr Wartezeit 42 ). Eine besondere Form 
der Zukunftsbefragung war früher in 
einzelnen Ortschaften Österreichs im 
Brauche. Die Mädchen stellten sich am 
heiligen Abend im Hofe oder Garten in 
einen Kreis, verbanden sich die Augen, 
drehten sich einige Male herum, nahmen 
dann einen Schuh in den Mund und warfen 
ihn drehend in die Höhe. Man glaubte, 
daß das Mädchen, zu dem der Schuh 
innerhalb des Kreises niederfiel, nie hei¬ 
raten werde. Dieses Sch. wurde von 
jedem Mädchen wiederholt 43 ). 

Eine Verbindung mit dem Spiegel¬ 
orakel ist im bayrischen Hochland da¬ 
heim, wo sich das Mädchen in der Thomas¬ 
nacht nackt vor den Spiegel stellt und 
den Schuh rücklings über die Schulter 
wirft, um den Zukünftigen zu schauen 44 ). 
Das Werfen des Schuhes ist zuweilen gar ! 
nicht nötig. Im Kanton Thurgau stellt 
die Ehelustige ihre Schuhe verkehrt unter 
das Bett, so daß die Spitzen nach rück¬ 


wärts, die Sohlen nach oben gerichtet 
sind. Dann besteigt sie mit dem linken 
Fuß voran das Lager, löscht das Licht 
und legt sich auf den Rücken, mit offenen 
Augen des Geliebten harrend 45 ). Das 
verkehrte Stellen der Schuhe erinnert 
an den Aberglauben in Oldenburg, daß 
der Mann untreu wird, wenn Schuhe einer 
Frau vom Bette abgekehrt stehen 46 ). 
Bei den Magyaren, wo das Sch. in der 
Silvesternacht üblich ist und die nach 
der Tür gerichtete Schuhspitze ebenfalls 
die kommende Heirat verkündet, kennt 
man noch ein anderes Eheorakel. Jede 
der versammelten Jungfrauen stellt einen 
ihrer Schuhe der Reihe nach auf, vom 
Fenster zur Tür hin. Dann wird der erste 
Schuh neben den letzten gestellt, der 
zweite neben diesen usw. Das Mädchen, 
dessen Schuh zuerst zur Tür gelangt, 
heiratet vor allen anderen 47 ). 

Das Sch. als Eheorakel ist auch in 
anderen Ländern bekannt, so in Schwe¬ 
den 48 ) und Portugal 49 ). In Frankreich 
spielt der Schuh bei der Bräutigams¬ 
schau am Andreastag, wo man den linken 
Schuh unter das Bett stellt, eine Rolle 50 ). 
In Northumberland wird anstatt des 
Schuhes der Strumpf (s. d.) geworfen. 
Betreffs weiterer Eheorakel mittels des 
Schuhes s. Schuh § 13. 

29 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 141 Nr. 7; 

Bavaria 1, 386; Pollinger Landshut 195; 
Köhler Voigtland 365; John Westböhmen 2. 8; 
Laube Teplitz 2 38; Drechsler 1, 4L; Pfalz 
Marchfeld 103; Wuttke 232 §332; ZfVk. 4 
(1894),318; 7 (1897),316 (Ostpreußen); 12 (1902), 
463 (Egerland); 14 (1904), 280; 20 (1910). 3 8 5 
(Dithm.). 30 ) Urquell NF. 1 (1897), 53 f. (Schle¬ 
sien u. Ostpreußen) = Wuttke 232 §332; 
Lauffer Niederdeutsche Volksk. 2 87; John 
Erzgebirge 140; ZföVk. 13 (1907)» I 35 - 31 ) SAVk. 
19, 29; ZfVk. 8 (1898), 398 (Bayern). Weitere 
Lit. ZfVk. 4, 163. 32 ) John Erzgebirge 140. 

33 ) Hoffmann-Krayer 122. 34 ) SchwVk. 3, 

89. 35 ) Schulenburg 248 = ZfVk. 4, 164 = 

Heckscher 359. 38 ) Frazer 10, 236. 37 ) Hoff- 
mann-Krayer 97. 38 ) ZföVk. 4, 147. 

39 ) Schönwerth Oberpfalz i, 138 Nr. 1. 40 ) Ebd. 
i, 139 Nr. 2. Vgl. Wuttke 233 § 332 = ZfVk. 
4, 163 f.; 12 (1902), 322. 4I ) Wlislocki Volks¬ 
glaube 129 f. = Weinhold Neunzahl 15. 
42 ) Vernaleken Mythen 338 = ZfVk. 4, 163; 
12, 321 f. 43 ) Vernaleken Mythen 330 = 
ZfVk. 4, 164. 44 ) ZfVk. 4, 164. 45 ) SchwVk. 

3, 89. 46 ) Strackerjan 1, 53; 2, 228 Nr. 483 = 
Wuttke 376 §570 — ZfVk. 4, 160. 47 ) ZfVk. 



4 » 3 i 8 . 
212 f. 


48 ) Heckscher 108. 49 ) ZfVk. 5 (1895), 
50 ) Sebillot Folk-Lore 1, 58. 


4. Durch das Sch. wird ferner erforscht, 
ob der Tod bevorsteht oder nicht. Im 
Egerland ließ manche verständige Haus¬ 
frau dies Orakel von den Töchtern und 
Mägden des Hauses nicht durchführen 51 ). 
Hiebei zeigt die Richtung der Schuh¬ 
spitze zur Tür an, daß der Werfende 
noch im selben oder im folgenden Jahre 
sterben muß 52 ). In Hinterpommern 
heißt es auch, daß der Fragende in dem 
Jahr stirbt, wenn der Pantoffel auf das 
Maul, d. h. auf das Oberleder fällt 53 ). 
Sonst bedeutet es auch den Tod, wenn 
die Schuhspitze zum Kirchhof 54 ) oder 
Kirchturm 55 ) weist. Dies wurde früher 
in Nieder Österreich auch ohne Werfen 
der Schuhe erforscht, indem die Mädchen 
in der Thomas- oder Silvesternacht in¬ 
mitten des Hofes einen Besen in die Erde 
oder den Schnee steckten und ringsum 
im Kreis ihre Schuhe stellten. Zeigten 
am Morgen zwei von den verschobenen 
Schuhen gegen die Kirche hin, so stand 
ein naher Todesfall vor 56 ). 

In Krain warf früher der Bräutigam 
in der Brautnacht seinen Schuh. Fiel 
die Spitze nach der Wand zu, so starb 
er zuerst, fiel sie nach dem Bette zu, so 
die Frau 57 ). Auch für andere kann man 
werfen, so z. B. im Stedingerlande eine 
Frau für ihren Mann. Steht die Spitze 
seines Schuhes, den sie wirft, nach dem 
Hause, so lebt er noch lange; steht sie 
hinaus zu, so stirbt er bald 58 ). In Nor¬ 
wegen glaubt man, wenn einem beim 
Eintreten der Pantoffel abfällt und vor 
der Tür liegen bleibt, daß jemand in der 
Nähe „feig“, d. i. dem Tode nahe ist 59 ). 

Auf Krankheit deutet in Westböhmen 
das Querstehen des geworfenen Schuhes 60 ), 
in Braunschweig, wenn der Schuh ver¬ 
kehrt steht 61 ), in Preußen, wenn die 
Spitze gegen das Bett zeigt; zeigt sie 
gegen den Ofen, so bedeutet es Frieren 62 ). 

51 ) ZfVk. 12 (1902), 463. 52 ) Grimm Myth. 

з, 461 Nr. 773 (Osterode am Harz, 1788); 
Wuttke 232 t. §332 u. Strackerjan 1, 103 

и. Lemke Ostpreußen 1, 3 u. Liebrecht Zur 
Volksk. 324 f. (Norwegen) — ZfVk. 4, 162; 
H. Frischbier Preußisches Wb. (Berlin 1882 
bis 1883) 2, 288; John Westböhmen 8; Köhler 


Voigtland 365. 378; John Erzgebirge 118. 151. 
181; Heyl Tirol 754 Nr. 14; Tetzner Slawen 
161 (Kuren); Heckscher 359. 53 ) Knoop 

Hinterpommern 178. 54 ) John Erzgebirge 118; 

J. Micko Volksk. des Marktes Muttersdorf (Mut¬ 
tersdorf in Westböhmen 1926) 21; SAVk. 19, 
29. 55 ) Hoffmann-Krayer 122. 66 ) Verna¬ 

leken Mythen 351 = ZfVk. 4, 162. 57 ) Wuttke 
2 33 § 33 2 — ZfVk. 4, 162. Vgl. Drechsler 
1, 4; O. u. Th. Be necke Lüneburger Heimat¬ 
buch (Bremen 1914) 2, 513. 58 ) Strackerjan 

r, 103 Nr. 115. 59 ) Liebrecht Zur Volksk. 327 
= ZfVk. 4, 162. 60 ) John Westböhmen 2. 

61 ) And ree Braunschweig 406. 62 ) Frisch¬ 

bier Preußisches Wb. 2, 288. 

5. Das Sch. kann endlich noch zu 
verschiedenen anderen Zwecken er¬ 
folgen. In Steiermark vollzieht sich das 
Lössein durch Schuhwurf in folgender 
Form: Man stellt sieben Stühle auf und 
setzt auf jeden ein brennendes Licht. 
Jeder Stuhl wird siebenmal umschritten, 
wobei man den Stuhl jedesmal drehen 
und sich jedesmal daraufsetzen muß. 
Darnach setzt man sich mit verbundenen 
Augen, den Rücken gegen die Tür ge¬ 
kehrt, zwischen die Stühle auf den Boden 
und spricht siebenmal: ,,Heut ist Los¬ 
nacht, jedem steht ein Blick in die Zukunft 
frei, darum will ich lössein und bitte die 
Geister aller Farben und Religionen um 
Beistand“. Nun ergreift man mit der 
Linken einen von sieben Schuhen, die 
vorher aufgestellt wurden und sieben 
verschiedenen Personen angehören müs¬ 
sen, und wirft ihn, während man sich 
einen Wunsch ausdenkt, mit der linken 
Hand über die rechte Schulter zur Tür. 
Fällt der Schuh mit der Spitze zur Tür, 
dann geht der Wunsch in Erfüllung, 
fällt er quer, dann werden sich Hinder¬ 
nisse in den Weg stellen, fällt er mit dem 
Absatz zur Tür, dann wird der Wunsch 
nicht erfüllt. Man darf sieben „Lössel- 
würfe“, jedesmal mit einem anderen 
Wunsch, tun 63 ). 

Wenn in Franken ein Mädchen ihre 
Pantoffel rückwärts wirft und dann die 
Hinterseite derselben ihren Füßen ent¬ 
gegensteht, so wird sie die Herrschaft 
im Hause bekommen 64 ). Nach dem 
Glauben des Egerlandes ist eine Geburt 
zu erwarten, wenn beim Sch. zwecks Er¬ 
forschung des Todes statt der Schuh¬ 
spitze der Absatz zur Tür gekehrt ist 65 ). 


1363 


Schule—Schürze 


Schürze 


1364 


Wie dem Prinzen im Märchen drei ge¬ 
schenkte gläserne Pantoffel, die er am 
Ende eines Weges hinter sich wirft, drei 
neue Wege zeigen 66 ), so sucht man zu¬ 
weilen bei Meinungsverschiedenheiten, 
heute mehr im Scherze, durch Werfen 
eines Schuhes, dessen Spitze dann die 
Richtung angibt, festzustellen, wohin 
man seinen Spaziergang machen soll, 
was in Thüringen „den Latsch werfen“ 
genannt wird 67 ). Auch die Mwenna in 
Ostafrika suchen durch dreimaliges Wer¬ 
fen der rechten Sandale zu ergründen, 
ob sie auf einer Reise Erfolg haben wer¬ 
den, was ein tritt, wenn die Sandale jedes¬ 
mal mit der oberen Seite zu Bodon fällt 68 ). 
Endlich glaubt man sogar das Denken 
durch Sch. beeinflussen zu können. Will 
jemand etwas vergessen, so muß er, wenn 
er wieder daran denkt, den Pantoffel 
rückwärts über den Kopf werfen 69 ). 

63 ) ZfVk. 8 (1898), 444 = Geramb Brauch¬ 
tum 11 o f. 84 ) ZfVk. 5 (1895), 416. 65 ) John 

Westböhmen 2. 66 ) Wolf Beiträge 2, 216. 

• 7 ) Dähnhardt Volkst. 1, 83 f. Nr. 1. 68 ) ZfVk. 
4, 162 f. 69 ) Strackerjan 1, 114 Nr. 132 = 
Wuttke 316 §468. Jungbauer. 

Schule, Schüler s. Nachtrag. 

Schulter s. Nachtrag. 

Schuppenwurz (Lathraea squamaria). 

1. Botanisches. Die Pflanze ist nicht 
grün, sondern hellrosa gefärbt. Am 
Grunde ist der fleischige Stengel dicht 
mit bleichen Schuppen besetzt. Die 
violetten Blüten stehen in einseitswendiger 
Traube. Die Sch. kommt hin und wieder 
in feuchten Laubwäldern und Hecken 
vor, wo sie mit Vorliebe auf den Wurzeln 
der Haseln schmarotzt. Sie blüht schon 
im ersten Frühjahr 1 ). 

*) Marzell Kräuterbuch 463 f. 

2. Die Sch. soll einst (vielleicht wegen 
ihres eigenartigen Aussehens) von Land¬ 
leuten als Amulett gegen Zauberei ge¬ 
braucht worden sein 2 ). In der Gegend 
von Göttingen heißt die Pflanze „Weer- 
kömen [Wiederkommen], dat verborgene 
Weerkömen, Kum-weder [Komm wieder!]“, 
weil man den Kühen die Pflanzen zu 
fressen gibt, wenn sie die Milch verloren 
haben 3 ). In Nordthüringen heißt die 
Zahnwurz (Dentaria bulbifera) „Ver¬ 


loren un Wädderjekummen“, weil sie 
den Kühen die verlorene Milch wieder¬ 
gibt 4 ). Vielleicht liegt hier eine Ver¬ 
wechslung mit der Sch. vor, die ebenfalls 
wegen des zahnartig aussehenden Wurzel¬ 
stockes als „Zahnwurz“ bezeichnet wird. 
Auch die Elsässer kennen ein Kraut 
„Wiederkumm“ gegen das Milch versiegen, 
das jedoch botanisch nicht identifiziert 
ist 5 ), in Altbayern scheint man unter 
dem „Wiederkum“ den Widerton (s. d.) 
zu verstehen 6 ). Ein entsprechender 
Pflanzenname ist offenbar das nieder¬ 
österreichische „Bring mas wida“ (Bring 
mir's wieder, nämlich die verlorene Milch) 
für den Knollen-Knöterich (Polygonum 
viviparum) 7 ), vgl. auch Sonnenröschen. 
Die Slovaken verwenden übrigens die 
Zahnwurz (Dentaria euneaphyllos), um 
den Milchertrag der Kühe zu erhöhen 8 ). 
In Nordwestböhmen wird die Sch. als 
„Maiwurz“ den Kühen unter das Futter 
gemischt, damit sie reichlich Milch geben 
und nicht behext werden 9 ). Die Be¬ 
ziehung zum Milchzauber mag vielleicht 
darin zu erblicken sein, daß die Blüten 
der Sch. eine gewisse Ähnlichkeit mit 
einem Kuheuter haben, weshalb die 
Pflanze in Kärnten auch „Kuhtutten“ 
heißt. Die (zahnähnlichen) Wurzel¬ 
stöcke (signatura rerum!) in der Tasche 
herumgetragen heilen die Zahnschmer¬ 


zen 


10 


) 


2 ) Hagen Preußens Pflanzen 1818, 2, 42. 
3 ) Schambach Wb. 290. 4 ) Kleemann Beitr, 
zu einem nordthüring. Idiotikon . Progr. Gymn. 
Quedlinburg 1882, 24. 5 ) Martin u. Lien¬ 
hart Elsäss. Wb. 1, 441. 6 ) Marzell Bayer . 

Volksbot. 54. 7 ) Höfer u. Kronfeld Volks¬ 

namen d. niederösterr. Pflanzen 1889, 51; ZfVk. 
N. F. 3, 163 ff. 8 ) Holuby Trentschin 9. 
9 ) Orig.-Mitt. v. Stelzhamer 1913. 10 ) Wart¬ 
mann St. Gallen 43. Marzell. 

Schurtendiebe s. 5, 1793. 

Schürze. 

1. Allgemeines. Erklärung. 2. Sage. 
3. Schwangerschaft u. Geburt. 4. Liebes¬ 
ieben u. Hochzeit. 5. Tod. 6. Volksmedizin. 
7. Vieh- u. Feldwirtschaft. 8. Sonstiger Aber¬ 
glaube. 

1. Im Aberglauben kommt vor 
allem die an Werktagen zum Schutz und 
an Festtagen zum Putz getragene Sch . 1 ) 
der Frauen in Betracht, weniger die ScIl 
der Männer, die stets Arbeitssch. und den 




7. 


.* 

i? 


i 


* 

Jl. 

* 

?■ 


1365 

einzelnen Handwerken eigentümlich war. 
Bei jener ist in erster Reihe die Beziehung 
zum Geschlechtsleben maßgebend 2 ). 
Die Sch., der ursprüngliche Schurz, be¬ 
deckt die weibliche Schamgegend — auf 
Öland ist die Bezeichnung skamskyte 
(Schamhülle) für Sch. verbreitet 3 ) — 
und wird daher zum Sinnbild des weib¬ 
lichen Geschlechtsteiles, ihr Verlust zum 
Verlust der Jungfräulichkeit 4 ). In ein¬ 
zelnen Redewendungen, z. B. vom 
Sch.njäger, der hinter Sch.n wie der Teufel 
her ist, wird dann die Sch. geradezu zum 
Sinnbild des weiblichen Geschlechtes über¬ 
haupt 5 ). 

Zu dieser geschlechtlichen Bedeutung 
kommen noch weitere Umstände, so die 
Farbe der Sch., durch die sich in der 
Bretagne ledige Mädchen, Bräute, Ehe¬ 
frauen und Witwen voneinander unter¬ 
scheiden 6 ), die Herkunft, Reinheit, dann 
die Art des Tragens und der Ver¬ 
wendung der Sch. selbst und ihrer ein¬ 
zelnen Teile, so des Saumes und Zip¬ 
fels, und besonders des Sch.nbandes 
(s. d.). 

Mancher Aberglaube erklärt sich als 
bloße Übertragung von anderen Klei¬ 
dungsstücken (s. Kleid). An die Stelle | 
des Mantels (s. d.) ist die Sch. getreten, 
wenn nach einer oberösterreichischen 
Sage die hl. Maria die im Donaustrudel 
verunglückten Wallfahrer mit ihrer Sch. 
auffängt, so daß der Teufel, der den 
Strudel gemacht hat, nur eine einzige 
Seele bekommt 7 ). Ebenso heißt es bei 
den Magyaren, wenn Leute, besonders 
kleine Kinder, irgendwo herabfallen, ohne 
sich zu beschädigen, daß sie in die Sch. 
der Gottesmutter gefallen sind. Bei den 
Deutschen Ungarns um Csatäd (Uj- 
Szent-Ivan) wird eine solche Sch. „Mutter¬ 
gottesschoß“ genannt, bei den ungarischen 
Serben aber spricht man dann von 
Marias Mantel 8 ). Wie der Mantel oder 
Schleier (s. d.) oder Schuh (s. d. § 6) 
zum Übersetzen von Gewässern dient, so 
fährt ähnlich nach einer norddeutschen 
Sage eine Hexe auf der ausgebreiteten 
Sch. über einen Fluß 9 ). Auch in der 
französischen Überlieferung findet sich 
die Sch. in dieser Weise verwendet 10 ). 


1366 

Windzauber, der sonst mit dem Hut (s. d.) 
und von Männern geübt wird, treiben in 
Frankreich Frauen, indem sie mit ihren 
Hochzeitssch.n den Boden einer Kapelle 
auf der Seite wischen, woher sie den 
günstigen Wind wünschen n ). 

J ) Vgl. DWb. 9, 2060 ff.; Schweizld. 2, 445; 
F. Hottenroth Handbuch d. deutschen Tracht 
(Stuttgart o. J.) 978; K. Spieß Die deutschen 
Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig 1911) 
18 f.; Heckscher 265. 268. 497; ZfVk. 1 (1891), 
86 f.; 12 (1902), 472; 22 (1912), 109; 26(1916), 
222 f. Vgl. Köhler Voigtland 264. 266; John 
Erzgebirge 41. 2 ) R. Wikman Byxorna, kjolen 

och förklädet, ett bidrag tili frägan om klädedräk- 
tens magi, Hembygden 1915, 61. 3 ) Pehr Lugn 
Die magische Bedeutung der weiblichen Kopf¬ 
bedeckung im schwedischen Volksglauben, Mitteil, 
d. Anthropol. Ges. in Wien, Bd. 50, bzw. 20 
(1920), 100 6 . 4 ) Vgl. Storfer Jungfr.-Mutter¬ 

schaft 55 6 . 97. 98®. 5 ) ZfVk. 26 (191h), 222. Vgl. 
Aigremont Fußerotik 51. 8 ) E. Herpin Noces 
et bapteme en Bretagne (Rennes 1904) 16 f. 
7 ) Gloning Oberösterreich 58. 8 ) Wlislocki 

Magyaren 163. 9 ) Müllenhoff Sagen (1921) 

237 Nr. 349. 10 ) Sebillot Folk-Lore 2, 28. 156. 
ll ) Ebd. 4, 151. 

2. In der Sage begegnet die Sch. in 
verschiedener Weise. Gleich den Berg¬ 
leuten tragen die Bergmännchen Leder- 
sch.n 12 ), gleich den wirklichen Maurern 
haben die Freimaurer ein Schurzfell 13 ). 
Der Sch.nzipfel der Wasserjungfrau ist 
immer naß 14 ), was auch vom Zipfel 
oder Saum des Rockes (s. d.) oder Kleides 
(s. d.) der Wassergeister gilt. In ihren 
Sch.n bergen die weiblichen Riesen den 
Bauer mit seinem Gespann, wie in der 
Sage vom Riesenspielzeug 15 ), oder tragen 
Steine zu einem Bau herbei 16 ), die der 
Teufel in den entsprechenden Sagen meist 
in einem Sack schleppt. In ihren Sch.n 
haben heidnische Jungfrauen den Jung¬ 
fernstein bei Eck in Oberösterreich an 
seine Stelle getragen 17 ). Auch in der 
französischen Sage verwenden Geister, 
Feen und Heilige die Sch. zum Her¬ 
schaffen von Steinen 18 ). Den großen 
schwarzen Stein auf dem Frauenbrei- 
tunger Markt soll einst ein Leinweber in 
seiner Sch. dorthin getragen haben, um 
sich von einem schweren Verdacht zu 
reinigen 19 ). 

Am häufigsten ist das Sagenmotiv, daß 
sich der nicht weggeworfene Rest des 
Laubes, Kehrichtes, der Kohlen, Holz- 


1367 


Schürze 


1368 


späne und anderer Dinge, mit denen ein 
Zwerg oder guter Geist die Sch. des 
Menschen gefüllt hat, daheim in Gold 
verwandelt 20 ). Eine Umkehrung dieses 
Motives ist die Verwandlung der Lebens¬ 
mittel in Rosen oder Hobelspäne in den 
Legenden von der hl. Elisabeth 21 ) und 
der hl. Gottliebe 22 ). Zum Aufnehmen 
von Schätzen wird die Sch. auch sonst 
benützt 23 ), die ferner, wie andere Klei¬ 
dungsstücke, zum Bannen der Schätze 
dient 24 ). Durch das Werfen der Sch. auf 
jemand, z. B. auf den untreuen, beim 
Wasserweibchen schlafenden Mann, gibt 
die Frau ihr Besitzrecht kund 25 ). 

Tote wünschen zuweilen ganz be¬ 
stimmte Kleidungsstücke. In einer 
sächsischen Sage kommt ein verstorbenes 
Kind jede Nacht und verlangt, daß man 
ihm eine bunte Sch., die es immer ge¬ 
tragen, in das Grab lege 26 ). Nach Tiroler 
Glauben trägt die Hexe, das alte Weib, 
das bei jeder Prozession zuletzt geht, 
eine blaue Sch. 27 ). Was das verbreitete 
Motiv anbelangt, daß ein Nachzügler 
des wilden Heeres ruft: ,,Wäre ich ge¬ 
schürzt und gegürtet, so könnte ich auch 
mit“, so hat dies mit der Sch. selbst 
nichts zu tun, da hier ein Umschürzen = 
Umgürten gemeint ist 28 ) (s. Gürtel). 

12 ) Quensel Thüringen 204. 13 ) Zaunert 

Rheinland 2, 192. 14 ) Grimm Sagen 42 f. 

Nr. 60; Zaunert Natursagen 1, 124. 15 ) Grimm 
Sagen 13 f. Nr. 17; 232 Nr. 324; Kuhn u. 
Schwartz 95 Nr. 107 = Zaunert Natur sagen 

1, 9; Müllenhoff Sagen (1921) 298 Nr. 443; 

Strackerjan 1, 507 Nr. 258i; Jahn Pommern 
168 Nr. 214; Zaunert Rheinland 1, 278; 

Quensel Thüringen 193 t.; Schönwerth Ober- 
Pfalz 2, 267; Jungbauer Böhmerwald 22. 242; 
Gräber Kärnten 50 Nr. 57; 60 Nr. 67. 16 ) J ung- 
bauer a. a. O. 17 ) Gloning Oherösterreich 52. 
18 ) Vgl. Sebillot Folk-Lore 1, 312. 324. 401; 

2, 184; 4, 7 ff. 21 ff. 39 f. 117. 181 f. 19 ) Quensel 

Thüringen 152. 20 ) Peuckert Schlesien 182; 

Jungbauer Böhmerwald 59. 97; Kapff Schwa¬ 
ben 44; Sieber Sachsen 144 f. 149. 312. 316; 
Quensel Thüringen 247. 250; Zaunert West¬ 
falen 32. 21 ) Quensel Thüringen 52. 22 ) Goy- 
ert u. Wolter 92 ff. 23 ) Jungbauer Böhmer¬ 
wald 106; Sieber Sachsen 150. 24 ) Witzschel 
Thüringen 1, 277 Nr. 287. 25 ) Jungbauer 

Böhmerwald 63. 26 ) Sieber Sachsen 289. 

27 ) Zingerle Tirol 60. 28 ) Vgl. Waschnitius 
Perht 152. 

3. Im Zustand der Schwangerschaft 
wird die Frau durch die Sch. beschützt, 


die aber auch die Leibesfrucht vor den 
drohenden Gefahren behütet. Die Sch. 
schützt ^ferner die Umgebung vor der 
magischen Gefährlichkeit des unver¬ 
heirateten Weibes während seiner 
Schwangerschaft 29 ). 

Zunächst gibt es verschiedene Gebote 
und Verbote für die Schwangere. Sie soll 
mit ihrer Sch. nichts ab wischen, sonst 
wird das Kind ungestüm 30 ), sie darf 
keinem Pferd oder Ochsen aus ihrer Sch. 
Futter reichen, sonst muß sie das Kind 
12 Monate tragen 31 ). Doch wird sonst 
gerade dies empfohlen, um eine recht¬ 
zeitige Niederkunft zu erzielen 32 ), wobei 
es gewöhnlich ein Hengst 33 ) oder 
Schimmel 34 ) sein muß, den die Schwan¬ 
gere aus ihrer Sch. fressen läßt. Nach 
tschechischem Glauben muß eine schwan¬ 
gere Braut bei der Kirchfahrt den Pferden 
eine Stecknadel ins Kummet stecken oder 
sie ein Stück Brot aus ihrem Schoß 
fressen lassen, denn sonst käme der Zug 
nicht von der Stelle 35 ). Nach nord¬ 
deutschem Glauben soll eine Schwangere, 
die Späne zum Feuer trägt, einen etwa 
darunter befindlichen Keil nicht in der 
Sch. behalten, weil sonst das Kind einen 
Keilbruch bekommt 36 ). In Braunschweig, 
aber auch bei den Weißrussen, besteht 
die Forderung, daß eine Schwangere 
nicht Gevatter stehen soll, weil dies 
dem Täufling und ihrer Leibesfrucht 
schadet und beide infolgedessen sogar 
zugrunde gehen können. Jedes Unheil 
glaubt man aber in Braunschweig und 
Pommern £u verhindern, wenn die Patin 
während des Taufaktes zwei Sch.n 
anzieht 37 ). 

In Oberösterreich war noch zu Ende 
des 18. Jh.s der Brauch, daß Weiber beim 
Eintritt in eine Stube, in welcher eine 
Frau gerade ihre Niederkunft hatte, 
schnell ihre Sch.n lösten und der Kreißen¬ 
den umbanden, um nicht selbst unfrucht¬ 
bar zu werden 38 ). Nach einer anderen 
Überlieferung heißt es genauer, daß sie 
mit ihren Sch.n der Gebärenden ein 
Kreuz auf den Unterleib machten und 
sie dann rasch wieder umbandeti, um 
die Geburt zu beschleunigen und sich 
selbst fruchtbar zu machen 39 ). So 


1369 


Schürze 


1370 


wurde durch das Lösen (s. d.) der Sch. 
die Geburt beschleunigt und durch das 
Umbinden der mit der fruchtbaren Frau 
in Berührung gebrachten Sch. die eigene 
Fruchtbarkeit gefördert. In Schlesien 
pflegt man bei der Geburt eines Kindes 
die Geschwister und Dienstboten zu 
beschenken. Die Mägde erhalten gewöhn¬ 
lich eine Sch., die sogenannte Kindel¬ 
scherze 40 ). 

Das neugeborene Kind soll nicht 
in eine Sch. genommen oder eingehüllt 
werden 41 ), weil es sonst später dem 
anderen Geschlecht nachläuft 42 ) oder, 
wenn es ein Mädchen ist und in eine 
Frauenschürze gewickelt wird, später 
keinen Mann kriegt 43 ). Nur bei den 
Kaschuben wird das neugeborene Mäd¬ 
chen in die Sch. der Mutter eingewickelt, 
damit es eine gute Hausfrau wird 44 ). 
Bei den Weißrussen bringt die Patin das 
Kind in der Sch. der Mutter zur Kirche, 
wenn die Eltern wünschen, daß das 
nächste Kind ein Mädchen sei, im Hemd 
(s. d.) des Vaters, wenn man das nächste¬ 
mal einen Knaben wünscht 45 ). Damit 
das kleine Kind nicht ausgewechselt 
werden kann, wird in Thüringen des 
Nachts die Tür der Wochenstube mit 
einem blauen Schürzenband zugebun¬ 
den 46 ), und in der neunten Stunde muß 
vor der Tür eine Weibersch. ausgebreitet 
sein und vor dem Fenster ein Manns¬ 
hemd hängen, damit Hexen und böse 

Leute dem Kinde nichts antun können 47 ). 

29 ) Pehr Lugn a. a. O. (o. Anm. 3) 94- 100 
30 ) Grimm Myth. 3, 459 Nr. 725 (Oberöster¬ 
reich, 1787). 31 ) ZfdMyth. 1,206; SAVk. 21 (1917b 
33. 32 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 325;Drechsler 
1,179; Ploß Kind 2 (1884) 31. 33 ) Boecler£ 7 *stett 
45 f. 34 ) Wuttke 378 §573 (Harz). 35 ) Groh- 
mann 119 Nr. 905 = Wuttke 371 §562. 

3Ö ) Kuhn u. Schwartz 431 Nr. 264. 37 ) An- 

dree Braunschweig 210 = ZfVk. 17 (1907), 165; 
Sartori Sitte u. Brauch 2 , 35 3 . 38 ) Grimm 

Myth. 3, 460 Nr. 730. 39 ) Samter Geburt 127f. 
40 ) Drechsler 1, 185. 41 ) Kuhn Märk. Sagen 
364; ZfVk. 1 (1891), 183. 42 ) Wuttke 381 § 580 
(Brandenburg). 43 ) Urquell 5 (1894), 279 (Stet¬ 
tin) = Sartori Sitte u. Brauch 2, 35 3 . 44 ) See¬ 
fried-Gulgowski 121. 45 ) ZfVk. 17 (1907), 

170. 48 ) Witzschel Thüringen 1 , 153 Nr. 149; 
Wucke Werra 40 f. Nr. 77. Vgl. Seligmann 
Blick 2, 246. 47 ) Witzschel a. a. O. 2, 245 

Nr. 9 = Seligmann Blick 2, 226. 

4. Im Liebesieben findet die Sch., 


noch mehr aber das Sch.nband (s. d.) 
mannigfache Verwendung und Ausdeu¬ 
tung. In Mönchgut auf Rügen hängten 
früher die Mädchen, wenn sie heiraten 
wollten, eine Sch. heraus 48 ). Ähnlich 
hängt in Luxemburg der Mann eine blaue 
Sch. vor das Haus, wenn seine Frau mehr 
als einen Tag abwesend ist und er seine 
Nachbarn zum Besuch einladet 49 ) (vgl. 
Hose, Rock). In Waggum dient das soge¬ 
nannte Sch.nsieben als Eheorakel. Die 
Sch.n aller anwesenden Mädchen werden 
in ein festes Knäuel zusammengebunden, 
das so lange in einem großen Futtersiebe 
geschüttelt wird, bis eine Sch. heraus¬ 
fliegt. Deren Besitzerin heiratet zuerst 50 ). 
Nach Schweizer Glauben bekommt ein 
Mädchen, das mit der Sch. an einer 
Tischdecke, die so das männliche Glied 
und den Mann versinnbildet, hängen 
bleibt, bald einen Mann 51 ). Nach schwe¬ 
disch-finnischem Glauben verheiratet sich 
die, welche sich ein Loch in die Sch. 
brennt; Unglück in der Liebe hat die, 
welche die Sch. schräg nach der rechten 
Seite trägt 52 ). Um zu erfahren, ob der 
Liebste treu ist, wickelt das Mädchen 
um Halle in der Johannisnacht Johannis¬ 
kraut in einen Zipfel der Sch. (oder des 
Hemdes) und drückt es; kommt es rot 
durch, so ist es ein günstiges Zeichen 53 ). 

Besondere Bedeutung hat das Hände- 
abtrocknen an der Sch. eines Mädchens. 
Bloß in Ostpreußen gilt, daß ein Mädchen, 
welches einen jungen Mann an sich fesseln 
will, ihm bei günstiger Gelegenheit ihre 
Sch. (oder ihr Taschentuch) zum Ab¬ 
trocknen geben muß. Dann kann er sie 
nimmer lassen und muß ihr stets nach¬ 
gehen 54 ). Sonst heißt es allgemein, daß 
eine weibliche Person niemals jemand 
an ihrer Sch. abtrocknen lassen soll, weil 
sonst beide Personen einander gram 
werden 55 ). Zum Teil als scherzhafte 
Warnung vor Schlamperei ist die weit 
verbreitete Meinung aufzufassen, daß 
ein Mädchen, welches sich beim Waschen 
die Sch. benäßt, einen Trinker zum 
Mann bekommt 56 ). In Teplitz heißt es, 
daß ein Mädchen, das die Sch. verkehrt 
umbindet, einen versoffenen Mann be¬ 
kommt 57 ). Bei den Franzosen deutet 


1371 Schürze 1372 


die verkehrt angezogene Sch. auf Hoch¬ 
zeit 58 ). Bei ihnen spielt die Sch. schon 
bei der Werbung eine Rolle, indem das 
Mädchen ihre Zustimmung durch das 
Betrachten der überreichten Sch., wie 
in den Pyrenäen 59 ), oder durch ein be¬ 
stimmtes Rollen oder Falten ihrer eigenen 
Sch., wie in der Dauphine 60 ), in den 
Hochvogesen 61 ) und in Morbihan 62 ), zu 
erkennen gibt. 

Im Engadin schenkt der Bräutigam 
der Braut bisweilen eine Sch. 63 ). In 
Ehingen a. D. und Umgebung mußte 
jede Braut, die zum drittenmal verkündet 
war, eine schwarze Sch. anziehen und so um 
ihre Jungfrauschaft trauern 64 ). Dem¬ 
gegenüber tragen die Braut und die an 
der Hochzeit teilnehmenden Mädchen 
in Oberösterreich und im Burgenland als 
Zeichen der Unschuld weiße Sch.n 65 ). 
In Oberösterreich bestand der Glaube, 
daß der, welcher am Hochzeitstage ein | 
Fleckchen von der Sch., der Braut sich 
zu verschaffen wußte, es den neuen Ehe¬ 
leuten ,,antun“ konnte, das angerichtete 
Unglück aber, selbst wenn er es wollte, 
nicht mehr gutzumachen imstande war 66 ). 

48 ) Urdhs-Brunnen 7, 174 = Sartori Sitte 
u. Brauch 2, 35 3 ; Haas u. Worm Mönchgut 82. 
49 ) Fontaine Luxemburg 91 = Sartori a. a. O. 

2, 35 2 . 50 ) And ree Braunschweig 297. 51 ) Schw- 
Vk. 8, 21. 52 ) Ebd. 8, 12 = Hembygden 6, 68. 

53 ) Wuttke 234 § 335. 54 ) Frischbier Hexen- 
spr. 159. 55 ) Grimm Myth. 3, 439 Nr. 147 

(Rockenphilosophie); Köhler Voigtland 425 = 
Wuttke 366 §553; Engelien u. Lahn 282; 
Drechsler 2, 195; SchwVk. 8, 12. 56 ) Wolf 

Beiträge i, 210; Hesemann Ravensberg 76; 
John Erzgebirge 75; Köhler Voigtland 397; 
Meyer Baden 169; Meier Schwaben 2, 505; 
Reiser Allgäu 2, 285; SchwVk. 8, 12; Zingerle 
Tirol 10; ZfVk. 3 (1893), 47 (Tirol); Baum¬ 
garten Aus der Heimat 3, 91; DG. 5 (1903), 197. 

37 ) Laube Teplitz 2 56. 58 ) REthn. 27, 432 = 
SchwVk. 8, 12. 59 ) REthn. 8 (1893), 240. 

€0 ) Ebd. 9 (1894), 569. 61 ) F. F.Sauve Le 

Folk-Lore des Hautes-Vosges (Les Litteratures 
pop. de toutes les nations Bd. 29, Paris 1889) 
82. 62 ) E. Carrance Le mariage chez nos peres 
(Bordeaux et Paris 1872) 153. 63 ) Bächtold 

Hochzeit 1, 234. 64 ) Birlinger Aus Schwaben 

2,248. 65 ) Gerambßmwc^M«? 121. 66 ) Baum¬ 
garten Aus der Heimat 3, 92. 

5. Seltener begegnet die Sch. beim 
Tod und Begräbnis. Im Oberamt 
Rottenburg haben die zur Leiche ladenden 
Mädchen mitunter eine Sch. am Arm. 


Sie ist aufgerollt und wie ein Ring zu¬ 
sammengebunden, angeblich zum Sinn¬ 
bild, daß die Arbeit ruhe 67 ). In Sitten¬ 
hardt (Hall) erhalten die Mädchen, welche 
bei Kindern unter einem Jahr als Leichen¬ 
trägerinnen dienen, im Trauerhaus einen 
schwarzen Schurz, mit welchem vier 
Wochen zu trauern ist. Auch in Holz- 
kirch (Ulm) bekommen die Mägde des 
Hauses, mitunter auch die Kinder der 
Verwandten schwarze Sch.n zum „Klag- 
ne(n)“ aus dem Trauerhaus 68 ). Bei den 
Juden in Württemberg werden die ver¬ 
storbenen Frauen mit einer Haube und 
Sch. bekleidet 69 ), bei den Juden im 
Elsaß gehört eine Art Sch. zur Toten¬ 
ausstattung. Sie deckt den unteren Teil 
des Bauches, wird zwischen den Beinen 
durchgezogen und in der Kreuzgegend mit 
Bändern befestigt 70 ). 

In der Oberpfalz pflegte eine alte 
Frau mit einer blauen Sch. bei jedem 
Begräbnis zu sein. Eine solche Sch. 
war das Zeichen, daß es der Seele des 
Verstorbenen im Jenseits nicht schlecht 
ergehe. Doch galt es auch als Zeichen, 
daß bald wieder jemand nachsterben 
sollte. ,,Die letzte vom Zuge muß ein 
blaues Fürtuch sein“, war eine Redens¬ 
art 71 ), die sich wohl auch darauf bezog, 
daß ebenso bei Flurumgängen, Wall¬ 
fahrten und ähnlichen Anlässen am 
Schlüsse stets ein Weib mit einer blauen 
Sch. ging 72 ), was vielleicht ein Abwehr¬ 
zauber gegen Hexen war, die nach dem 
Glauben der Oberpfalz blaue Sch.n 
trugen 73 ). 

67 ) Höhn Tod Nr. 7, 328. 68 ) Ebd. 340. 355. 
69 ) Ebd. 320. 70 ) SchwVk. 11 (1921), 20. 

71 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 255 Nr. 5. 72 ) Ebd. 
3, 176. 73 ) Vgl. ebd. 3, 175. 

6. In der Volksmedizin kommt es 
einerseits auf die Art und Beschaffenheit 
der verwendeten Sch., andrerseits auf 
die besonderen Teile der Sch. (s. Schürzen¬ 
band) und die damit vorgenommene 
Handlung an. 

Die von der Patin bei der Taufe eines 
Kindes getragene Sch. legt man in Baden 
dem von Gichtern (Krämpfen) befallenen 
Kind unter den Kopf 74 ), was im Voigt¬ 
lande bei Fraißen der Kinder mit der 



1373 


Schürze 


I374 


Brautsch. geschah 75 ). In Franken und 
Baden werden kranke Kinder auch in die 
Sch. einer reinen Braut gewickelt 76 ). 

Von den Teilen sind besonders der 
Saum (s. auch Hemd, Kleid, Rock) und 
die Zipfel der Sch. wichtig, die ja in 
Wirklichkeit oft benützt werden, um 
Fremdkörper aus dem Auge zu entfernen, 
etwas zu bestreichen oder wegzuwischen. 
Um Gerstenkörner zu vertreiben und 
nach einem Sturz oder Stoß das Ent¬ 
stehen von Beulen zu verhindern, drückt 
man mit dem Saum der Sch. unter Aus¬ 
sprechen der drei heiligen Namen drei 
Kreuze auf die Stelle 77 ). In Franken¬ 
berg (Sachsen) bespricht man ein Gersten¬ 
korn mit den Worten: 

Wernickel, ich drück dich 

Mit mein Schürzenzippel; 

Wulst warn wie ein grüß Haus, 

Derweil warst wie ein Blutlaus 78 ). 

In Niederösterreich muß man gegen 
Mundfäule die zwei unteren Zipfel 
der Sch., welche man anhat, kreuzweise 
in die Hand nehmen, den rechten Zipfel 
in die linke, den linken in die rechte 
Hand, und zuerst mit der rechten Hand 
den rechten Mundwinkel abwischen, dann 
mit der linken Hand den linken, hernach 
wieder den rechten, wobei man die 
Namen der drei göttlichen Personen aus¬ 
spricht. Das Ganze muß dreimal wieder¬ 
holt werden 79 ). Im südlichen Böhmer¬ 
wald befreit eine kundige Frau den Ver- 
neidetenin der Weise von seiner Krank¬ 
heit, daß sie an den Enden ihrer Sch. 
einen Einschlag macht, so daß die Sch. 
in eine trichterförmige Spitze zuläuft. 
Mit dieser Spitze fährt sie dem Kranken 
dreimal vom Kinn aufwärts, zuerst über 
die Nase bis zur Stirn, dann über die 
rechte Wange bis zur Schläfe und endlich 
über die linke Wange bis zur Schläfe. 
Diese Bewegungen muß der Verneidete 
nachher selbst mit nassen Fingern wieder¬ 
holen 80 ). Wenn die Brüste einer jungen 
Mutter aufspringen, so vergeht dies 
Leiden, wenn sie den rechten Zipfel ihrer 
Sch. unter das Sch.nband auf der linken 
Seite steckt 81 ). Dieses Hinaufstecken 
des Zipfels findet sich auch bei anderen 
Heilhandlungen 82 ). 


74 ) Meyer Baden 35. 40. 75 ) Grimm Myth. 

3, 464 Nr. 853. 76 ) Wuttke 359 § 54 2 - 77 ) Se Y- 
farth Sachsen 271. 78 ) Ebd. 84. 79 ) Pfalz 

Marchfeld 92 f. 80 ) ZfVk. 1 (1891), 312. 81 ) Sey- 
farth Sachsen 272. 82 ) Höhn Volksheilkunde 

1, 92. 

7. In der Viehwirtschaft ist am 
häufigsten der Brauch, das Vieh und zwar 
nicht bloß das Hornvieh, sondern auch 
Schweine, beim ersten Austreiben im 
Frühjahr über die vor der Stalltür 
gelegte Sch. der Frau, Magd oder Hirtin 
gehen zu lassen, um es an den Stall zu 
gewöhnen oder damit es am Abend wieder 
nachhause komme. Doch spielt mehr die 
Absicht mit, das Vieh vor Behexung zu 
schützen, da man es auch über andere 
Dinge, z. B. ein Beil, Messer, eine Mist¬ 
gabel u. a., schreiten läßt 83 ) und zu¬ 
weilen zur Verstärkung der Wirkung ge¬ 
fordert wird, daß dieses Beil oder ein 
Gegenstand aus Stahl (s. d.), die man 
vor die Stalltür gibt, in eine blaue Sch. 
(oder einen roten Weiberstrumpf) ge¬ 
wickelt sein soll 84 ). Gekauftes Vieh 
gewöhnt man an den Stall, indem man 
es über die Sch. der Bäuerin in den Stall 
führt 85 ) oder, wie im Böhmerwald, über 
die Sch. der Person, welche das Tier zum 
Füttern bekommt 86 ). Vereinzelt heißt 
es, daß diese Sch. rein sein soll 87 ). Um¬ 
gekehrt nimmt man dem verkauften 
Vieh das Heimweh, indem man es über 
die auf die Türschwelle gelegte Sch. aus 
dem Stalle hinausführt 88 ). 

Bei den Tschechen läßt die Hausfrau 
ein neugekauftes Pferd, das beißt, aus 
ihrer Sch. Hafer fressen, ehe man es 
in den Stall führt 89 ). Bei den Magyaren 
gibt man neugekauften Tieren, um sie 
vor Krankheit zu schützen, das erste 
Futter in der Sch. der Hausfrau oder 
läßt es durch die Hose des Hausherrn 
hindurch in den Futtertrog fallen 90 ). In 
der Gegend von Herrenberg (Württem¬ 
berg) läßt man abortierendes Vieh aus 
der Sch. der Bäuerin fressen 91 ). 

In der Gegend von Crailsheim läßt 
man die Kuh nach dem Kalben über die 
Sch. der Bäuerin ins Freie 92 ). Wer das 
Kalb von der Kuh nimmt, soll eine frisch¬ 
gewaschene Sch. haben, dann wird das 
Tier reinlich 93 ). Da die Gefahr für eine 


1375 


Schürze 


1377 


Schürzenband 


Kuh nach dem Kalben groß ist, wirft 
man in Dänemark, wenn sie darnach 
zum erstenmal gemolken wird, eine Sch. 
auf den Melkeimer, damit böse Augen 
das erste Maß Milch nicht sehen. Dann 
halten sich auch die Zitzen der Kuh 
gesund 94 ). 

Wenn man um Landshut Hühner 
kauft, legt man die Sch. der Bäuerin 
oder Hausmagd vor das Hühnerloch und 
steckt die Hühner verkehrt in das Loch 95 ). 
Auch sonst läßt man neugekaufte Hühner 
über die Sch. der Bäuerin in den Stall 
eintreten oder zum erstenmal austreten 96 ). 
In Hettingen 97 ) und in Westböhmen 98 ) 
breitet man eine blaue Sch. vor die 
Steige, wenn man die Hühner zum ersten¬ 
mal ausläßt; das hält sie beim Haus. In 
der Gegend von Gerabronn legt man 
Eier mit dem Schurzzipfel unter, wenn 
man Hühner mit Häubchen haben will "). 
Bei den Tschechen deckt man die Gans, 
wenn man ihr Bruteier unterlegt, mit 
einer bunten Sch. zu, damit sie, wie 
man sagt, die jungen Gänschen nicht 
ausschreie 10 °). 

In der Feldwirtschaft ist die Sch., 
die bei Feldarbeiten weniger als bei häus¬ 
lichen Arbeiten getragen wird, nur in 
Bezug auf die Leinsaat zu finden. Damit 
der Flachs recht lang werde, sät man 
in Hannover den Lein aus der weißen 
oder blauen Sch. der Magd 101 ) oder man 
wirft, wie in Schwienhusen bei Delve, 
nach der Aussaat die Sch. hoch in die 

Luft 102 ). 

83 ) Grimm Myth. 3, 454 t. Nr. 578. 615 
(Gernsbach im Speierschen u. Pforzheim, Ende 
des 18. Jh.s) = Wuttke 437 §687; Schön¬ 
werth Oberpfalz i, 321 Nr. 9. 84 ) Grimm 

Myth. 3, 460 Nr. 752 (Osterode am Harz, 1788). 
Vgl. ebd. Nr. 927 = Seligmann Blick 2, 17. 
85 ) Meyer Baden 399 u. E. H. Meyer Deutsche 
Volksk. (Straßburg 1898) 213 = Wuttke 439 
§691 = Fehrle Geoponica 20; Eberhardt 
Landwirtschaft Nr. 3, 15. 86 ) Verf. 87 ) Hüser 

Beiträge 2, 26. 88 ) Fogel Pennsylvania 171 

Nr. 815. 89 ) Grohmann 130 Nr. 947. 90 ) Wlis- 
locki Magyaren 146. 91 ) Bohnenberger 

Nr. 1, 16. 92 ) Ebd. 17. 93 ) Eberhard t Land¬ 
wirtschaft Nr. 3, 15. 94 ) ZfVk. n (1901), 322. 

® 5 ) Pollinger Landshut 157. 96 ) Bohnen¬ 

berger 17; Eberhardt Landwirtschaft 20. 
• 7 ) Schmitt Hettingen 15. 98 ) ZföVk. 8 (1902), 
175. ") Eberhardt a. a.O. 10 °) Grohmann 


1376 

139 Nr. 1021. 101 } FFC. Nr. 31, 77. 102 ) ZfVk. 

24 (1914)» 58 . 

8. Von sonstigem Aberglauben ist zu 
erwähnen, daß das Aus gehen ohne 
Sch. für Frauen in der Nacht gefährlich 
ist 103 ). In Gebweiler durften früher die 
Frauen in der Karwoche nie ohne Sch. 
das Haus verlassen 104 ). In Norwegen 
gilt eine Frau ohne Sch. als ein schlimmer 
Angang 105 ). 

Das verkehrte Anziehen der Sch. 
hat verschiedene Bedeutung. Geschieht 
es unabsichtlich, so bekommt man ein 
Geschenk oder man wird glücklich. Man 
soll sie aber so lassen, sonst zerstört man 
das Glück oder bringt Unglück in die 
Familie 106 ). Aktiv übt man Gegenzauber 
durch Ablösen und verkehrtes Umbinden 
der Sch. (s. Sch.nband, Ärmel, Gürtel,. 
Hemd, Rock, Schuh), um sich wieder 
zurechtzufinden, wenn man auf eine Irr¬ 
wurz getreten ist und sich im Walde ver¬ 
irrt hat (Thüringen) 107 ). Auch in Frank¬ 
reich, z. B. den Bezirken Herault und 
Gard, kehrt man gegen Behexung die 
Sch. (oder das Halstuch) um 108 ). Im 
Böhmerwald bewahrt man sich vor dem 
„Beschauen", indem man von einer an¬ 
wesenden Frau die Sch. (oder das Hemd) 
auf der verkehrten Seite nimmt, sich 
damit das Gesicht abwischt und dreimal 
über die Achseln spuckt 109 ). 

Beim Schießzauber kommt vor allem 
der Zipfel der Sch. in Betracht. Eine 
Frau kann den Jäger am Schießen ver¬ 
hindern, wenn sie ihn scharf ansieht und 
dabei ihren rechten Schürzenzipfel so 
in die rechte Hand nimmt, daß, wenn 
sie diese nach links dreht, die Hand ganz 
von der Sch. verhüllt wird, was alles 
stillschweigend geschehen muß 1I0 ). In 
Braunau (Deutschböhmen) trifft der Jä¬ 
ger auf der Jagd nichts, wenn ein altes 
Weib in der Nähe ist, das die Sch. mit 
dem einen Zipfel aufgeschürzt hat 111 ). 
Nach dem Glauben der pennsylvanischen 
Deutschen bewirkt die Frau eines Be¬ 
sitzers, wenn auf dessen Grund ein Un¬ 
befugter jagt, durch Zurückwerfen der 
Sch. über die Schulter, daß dem Jäger das 
Gewehr nicht losgeht 112 ). In Smäland 
kann ein Weib ein Gewehr für immer 


.1 


t. 


1378 


verderben, wenn es bei jedem Schuß 
den Schürzenzipfel aufhebt 113 ). Wenn 
ein Weib einem Jagdhund die Nase 
mit ihrer Sch. reibt, ist er den ganzen Tag 
unfähig, eine Spur zu verfolgen ll4 ) (s. Ge¬ 
ruch). Eine alte Frau in Prag pflegte 
jedesmal, wenn der Schinder ihren Hund 
verfolgte, den Zipfel ihrer Sch. in der 
Hand zu halten, damit der Schinder den 

Hund nicht erwische 115 ). 

Wenn Ohrenklingen anzeigt, daß 

man verlästert wird, beißt der Mann in 
den Unken Rockzipfel, die Frau in den 
linken Sch.nzipfel; dann beißt sich der 
Verleumder auf die Zunge 116 ). Ähnlich 
muß man, wenn eine Blase an der Zunge 
erkennen läßt, daß man verleumdet oder 
beklatscht wird, eine Sch. umbinden, 
ins Unke Bindband drei Knoten machen 
und dazu die Namen der drei göttlichen 
Personen aussprechen 117 ). Flickt ein 
Mädchen seine eigene Sch., so verarmt 
der Bruder 118 ) oder es hat kein Glück 
mehr 119 ). Bei den pennsylvanischen 
Deutschen ist es ein Vorzeichen, wenn 
man ein Loch in die Sch. brennt (vgl. 
o. §4). Ist das Loch vorn, so hat man 
Kummer und Sorgen, ist es hinten, so 
sind diese vorbei 120 ). Bösen Zauber beim 
Ausbuttern bricht man in Westböhmen, 
indem man die Sch. einer zufälUg hinzu¬ 
kommenden Person faßt, dreimal daran 
hinabstreift und tut, als ob man etwas 
davon in das Butterfaß werfen wollte, 

wozu man sagt: „Glück ins Faß 121 ). 
In Schlesien wird das Umbinden einer 
Sch. zum Brotkneten angeraten, dann 
wird sich das Brot nicht spalten und nicht 
,,erlöst' 1 werden 122 ). Einen Schladen den 
kann man ausfragen, wenn man ihm eine 

Sch. über die Brust anzieht 123 ). Auf 
eine am Boden des Tatortes ausgebreitete 
Sch. verrichten mitunter Diebe ihre 
Notdurft, was noch 1903 bei einem Ein¬ 
bruch in Mengede geschah 124 ). In Frank¬ 
reich dient die Sch. beim Abwehrzauber 
gegen Schlangen, indem man sie zu¬ 
sammenrollt, so daß sie selbst schlangen¬ 
ähnlich wird, und dazu entsprechende 
Zauberformeln spricht. Man glaubt auch, 
daß sich eine Schlange nicht bewegen 
und leicht getötet werden kann, wenn 

B ächtold-Stäubli, Aberglaube VIT 


ein Weib beim Erblicken der Schlange 
ein Eck ihrer Sch. zusammenfaltet 125 ). 
Bei den Huzulen in Ostgalizien beschwören 
Weiber den Hagel für das ganze Jahr, 
indem sie die Sch.n über den Kopf 
schwenken und den Hagel zu einer Mahl¬ 
zeit einladen. Hier ist die Abnahme der 
Sch. wohl nur Ersatz für volle Nacktheit, 
da die Huzulinnen bei heraufziehendem 
Hagel den Gegenzauber nackt ausführen 
oder dem Hagel auch den bloßen Hintern 
zeigen 126 ). 

103 ) Meyer Baden 529. 104 ) Sartori Sitte 

u. Brauch 3. 144. 105 ) Ebd. 2, 35 = Liebrecht 
Zur Volksk. 323. 328. 106 ) Fogel Pennsylvania 
100 f. Nr. 410 f. 427. 107 ) Perger Pflanzen¬ 

sagen 215 = Grohmann 89 Nr. 624 Anm.; 
Wuttke 407 § 630. 108 ) Seligmann Blick 

2, 222. 109 ) Verf. 110 ) Bartsch Mecklenburg 

2, 349. 111 ) Grohmann 213 Nr. 1480 = 

Wuttke 271 § 399 - 112 ) Fogel a. a. O. 368 

Nr. 1968. 113 ) Pehr Lugn Die magische Be¬ 

deutung der weiblichen Kopfbedeckung im schwe¬ 
dischen Volksglauben, Mitteil, der Anthropol. 
Ges. in Wien, Bd. 50 bzw. 20 (1920), ioo 8 * 
114 ) Fogel a. a. O. 265 Nr. 1376. 115 ) Groh¬ 
mann 213 Nr. 1480. 116 ) Strackerjan 1, 33 

Nr. 22 = Wuttke 287 § 421 (ungenau). 

“») Laube Teplitz 2 55 - 118 ) Urquell 1 (1890), 
65 (Dönhoffstädt). 119 ) Fogel Pennsylvania 
80 Nr. 286. 12 °) Ebd. 98 Nr. 397- m ) John 
Westböhmen 205. 122 ) Drechsler 2, 13. 
12 3 ) Wuttke 317 §470 (Schwaben). 124 ) Zfrw- 
Vk. 1906, 230. 125 ) Sebillot Folk-Lore 3, 278. 
126) Weinhold Ritus 34 f. Jungbauer. 

Schürzenband. Das Sch. hat wie das 
Strumpfband (s. d.) und das Schuhband 
(s. d.) vor allem im Liebesieben Be¬ 
deutung. Wie damit die Schürze (s. d.) 
gebunden und gelöst wird, bindet und 
löst sich sinnbildlich die Liebe. Dement¬ 
sprechend wird das Aufgehen und 
Lockern des Sch.es und Herunterfallen 
der Schürze verschieden ausgedeutet. 
Es heißt, daß dann der Schatz an das 
Mädchen denkt x ), was auch die Fran¬ 
zosen sagen 2 ), oder daß das Mädchen 
selbst an den Geliebten denkt 3 ). Im 
Ennstal sagt dann das Mädchen: „Heut 
gibts noch ’n Schmurangl (Liebesgekose) 
ab" 4 ). In einem Vierzeiler aus dem 
Böhmerwald wird die geschlechtliche Er¬ 
regung des Mädchens mit den Worten 
umschrieben, daß ihr vor Liebe die „Fürta- 
bandln zittern" 5 ). Dort wo der Gedanke 
des Lösens der Liebe im Vordergrund 


44 


1379 


Schuß—schütteln 


1380 


steht, bedeutet das Aufgehen des Sch.es, 
daß der Bräutigam untreu ist und das 
Mädchen verlassen wird 6 ). In Mecklen¬ 
burg aber bedeutet es bei einer unver- 
lobten Jungfrau, daß sie bald heiraten 
wird 7 ). Verliert die Braut bei dem 
Gange zur Trauung die Schürze, so 
wird sie nicht mehr lange leben 8 ). Geht 
einer Frau die Schürze auf, so wird sie 
bald Patin sein oder, wie man gewöhnlich 
sagt, einen Patenbrief bekommen 9 ). Bei 
den pennsylvanischen Deutschen bedeutet 
es, daß die Frau ihren Mann verlieren 
wird 10 ). Vereinzelt ist das Aufgehen des 
Sch.es ein Zeichen, daß ein B r i e f kommt 11 ). 

Da die Liebe gewissermaßen mit dem 
Sch. gebunden ist, schneidet man in 
Preußen, wenn man ein Mädchen los sein 
will, diesem heimlich das Sch. ab und 
näht ein anderes an 12 ). Nach einer Sage 
aus der Oberpfalz muß ein von einem 
Soldaten bezaubertes Mädchen diesem 
nachlaufen, bis das Sch. gelöst wird. 
Die Schürze wird dann augenblicklich 
in der Luft hinweggeführt und das Mäd¬ 
chen ist vom Banne befreit 13 ). Nach 
einer norddeutschen Fassung dieser Sage 
muß das behexte Mädchen dem Soldaten 
nachfiiegen. Ihr Vater fährt in einem 
Wagen nach, holt sie ein und ruft der über 
ihm Fliegenden zu, sie solle ihre Schürze 
kreuzweise über den Kopf werfen. Das 
Mädchen tut dies und fällt sofort herab, 
während die Schürze weiterfliegt und 
vor dem Soldaten, als er in der nächsten 
Rast bei Tische sitzt, zu Boden fällt 14 ). 

Auch in der Volksmedizin findet das 
Sch. Verwendung. Bei den Wenden in 
Preußen hält man dem an Krämpfen 1 
Leidenden das angebrannte linke Sch. 
einer Frau unter die Nase 15 ); dasselbe 
macht man bei den Tschechen mit dem 
angebrannten Band einer blauen Schürze 
gegenüber vom Schlage Getroffenen 16 ). 
Bei den pennsylvanischen Deutschen bin¬ 
det man um das verrenkte Bein eines 
Pferdes ein gestohlenes Sch. 17 ). 

2 ) Wolf Beiträge 1, 210; Strackerjan 1, 37 
Nr. 27; Wuttke 220 §311; Meier Schwaben 
2 » 503; Birlinger Volksth. 1, 478; Alemannia 
33 (1905)» 301; Reiser Allgäu 2, 285; Unothi8o 
(Schafihausen); SAVk. 21 (1917),202; SchwVk. 

8 , 12; John Erzgebirge 75; John Westböhmen 


2 50 - 253; Egerl. 22 (1916), 6; Schramek 

Böhmerwald 255; Fogel Pennsylvania 89 
Nr. 346; SudZfVk. 1 (1928), 222; 2 (1929), 35. 77. 
202; 3 (1930), 84. 2 ) SAVk. 25, 283. 3 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 57; Andree Braunschweig 296. 
4 ) Reiferer Ennstalerisch 100. ö ) Verf. 6 ) Ur¬ 
quell 1 (1890),12 Nr.14 (Ostpreußen); Seefried- 
Gulgowski 108 f.; Strackerjan 1, 49 Nr. 42; 
2, 191 Nr. 436; Kück Lüneburger Heide 156; 
Vernaleken Mythen 77; Pfalz Marchfeld 
101; SchwVk. 8, 12; Wuttke 220 § 311 

(Bayern, Oldenburg); Böhmerwald (Verf.). 
7 ) Bartsch Mecklenburg 2, 58. 8 ) Strackerjan 
1, 37 Nr. 27. 9 ) Urqueli 3 (1892), 40 (Schlesien); 
ZfVk. 4 (1894), 81 (Schlesien); Drechsler 1, 
192; Wuttke 220 §311 (Schlesien, Branden¬ 
burg); Gassner Mettersdorf 23. 10 ) Fogel 

Pennsylvania 102 Nr. 425. n ) SchwVk. 10, 
36. 12 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 172. 13 )Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 132 Nr. 2 = Ranke Sagen 2 
38. 14 ) L. Schirmeyer Osnabrücker Sagen¬ 

buch (Osnabrück 1920) 62 = Zaunert West¬ 
falen 284 f. 15 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 
208. 16 ) Ebd. 2, 248 = Grohmann 184 Nr. 1292. 
17 ) Fogel Pennsylvania 164 Nr. 775. 

Jungbauer. 

Schuß s. schießen. 

Schuß (Krankheit) s. Geschoß (3,755). 

Schüssel s. Nachtrag. 

schußfest s. festmachen II (2, 1353). 

schütteln. 

1. Zur Abwehr der aus dem verstorbe¬ 
nen Körper entweichenden Seele schüttelt 
man die verschiedensten Gegenstände, 
womit man sie von dem Toten, d. h. 
dessen Seele, löst 4 ); dazu ist das unter 
rücken und rütteln Vorgebrachte zu 
vergleichen. 

Man schüttelt den Kleesamen 2 ) (Ettlen- 
schieß-Ulm), den Lein 3 ) (O. A. Crails¬ 
heim), den Salatsamen 4 ) (Dünsbach- 
Gerabronn), das Saatgetreide 6 ), die Stock¬ 
häfen 6 ), die Bäume 7 ), insbesondere die 
vom Verstorbenen gepflanzten 8 ) 
(Preußen 9 ), Ditmarschen 10 )), aber auch 
beim Wegtragen der Leiche die Trag¬ 
bahre u ). 

*) ZfrwVk. 1, 36. 2 ) Höhn Tod 323 

3 ) Ebenda. 4 ) Ebenda. 5 ) John Westböhmen 
167. 6 ) Höhn a. a. O. 7 ) Samter Geburt 66. 

8 ) ZfrwVk. 1, 41; Mannhardt 1, 9. 9 ) Frisch¬ 
bier Hexenspr. 132. 10 ) Urquell 1, 10. u ) Groh¬ 
mann 189. 

2. Sehr häufig stellt das Sch. einen 
sympathetisch wirkenden Fruchtbar¬ 
keitszauber vor, der besonders gegen¬ 
über Bäumen angewendet wird 12 ); man 


schütteln 


am 


1381 

schüttelt diese zu Nikolaus 12a ), in der 
Zeit der Zwölften überhaupt 13 ), sowie 
besonders in der Thomasnacht 14 ), am 
Christabend 15 ), zu Silvester 16 ), in der 
Neujahrsnacht 17 ) (Kr. Minden), zu Mat¬ 
thias 18 ), beim Fastenläuten 19 ), am 
Karfreitag 20 ) und Karsamstag 21 ) unter 
dem Glorialäuten 22 ); ferner wenn die 
Glocken zu einer Hochzeit geläutet 
werden 23 ); die Rebstöcke aber am Jo¬ 
hannistag, damit der Wein einen ange¬ 
nehmen Geruch und Geschmack be¬ 
komme 24 ). 

Das Sch. der Bäume am Fasching¬ 
dienstag vermittelt das ganze Jahr über 
viele Vogelnester 25 ), am Karfreitag 26 ) 
oder Rupertitag 27 ) sie zu sch., hilft gegen 
Raupen; auch Hasen verjagt man durch 
Sch. von den Bäumen und verhilft diesen 


so zu größerem Ertrage 28 ). 

Ein deutlicher Übertragungszauber 
liegt vor, wenn ein junges Bäumchen, 
das zum ersten Male trägt, von einer 
Ledigen geschüttelt werden soll, die das 
erstemal in der Hoffnung ist; denn dann 
wird es alle Jahre tragen 29 ) (Schwarz¬ 
wald). 

Auch Bienenstöcke schüttelt man, damit 
sie schwer werden, und zwar am Kar¬ 
samstag unter dem Glorialäuten 30 ) oder 
am Weihnachtsabend 31 ). Von dem im 
Keller aufbewahrten Kraut fällt durch 
Sch. in der hl. Nacht der beste Same 


32 


aus 32 ). — Um die Geldbörse stets gefüllt 
zu haben, schüttelt man sie zur Fast¬ 
nacht 33 ), wenn der Kuckuck zum ersten¬ 
mal gehört wird 34 ) oder beim Anblick der 
■ersten Neumondsichel 35 ). 

Schüttelt man den Täufling, so erhält er 
viele Kleider 36 ) (Woldenberg). Es hat 
diese Methode den Anschein, als sollte 
mit dem Sch. die innere Kraft des ge¬ 
schüttelten Gegenstandes erweckt werden 
oder aber als sollte er von Hinderndem 
befreit werden, wofür die Anschauung 
spräche, daß man das Kind sch. muß, 
um es von bösen Mächten zu rei¬ 


um 


es 

L 37 ) 


von 


zu rei¬ 


nigen ,5 '). 

Das Sch. des Grenzzaunes in der Sil¬ 
vesternacht aber bezweckte z. B. in Ost¬ 
preußen, die Hühner des Nachbars zu 


1382 

veranlassen, in das Gehöft des Sch.den 
zu legen 38 ). 

Zum Liebeszauber schüttelte man ein 
Säckchen, in dem Knochen eines in einem 
Ameisenhaufen skelettierten Frosches 
waren 39 ); zur Entdeckung von Dieben 
dient das Sch. einer Schüssel 40 ). 

12 ) Sartori 2, 118; vgl. Lippert Christen¬ 
tum 684; oben 6, 1171 f. 12a ) Marzell Bayer. 
Volksbot. 4. 13 ) Sartori 2, 118. 14 ) Wuttke §668. 
15 ) Urquell 5, 119; Sartori 3, 34 - lö ) Wuttke 
§ 668; Sartori 3, 70. 17 ) ZfrwVk. 1, 12; 

Meyer Volkskunde 207; Wuttke § 668. 

18 ) Sartori 3, 90. l9 ) Wuttke § 668 . 20 ) Wuttke 
§ 668; Sartori 3, 145. 21 ) Meyer Baden 385. 
22 ) Reiser Allgäu 2, 127; John Westböhmen 
63. 224. 265; Gallistl Heimatkunde des Bez. 
Krummau 243; Sartori 3, 146; Birlinger 
Aus Schwaben i, 386. 23 ) ZfVk. 10, 211. 24 ) Sar¬ 
tori 2, 109 = Meier Schwab. Sagen 428; 
Wuttke § 669. 25 ) ZföVk. n, 189 (Böhmen); 

John Westböhmen 41. 232. 26 ) Köhler Voigt¬ 
land 372. 27 ) Wuttke § 648. 28 ) ZföVk.! 1,189 
(Böhmen). 29 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 390. 
30 ) John Westböhmen 214. 31 ) Sartori 3, 34. 
32 ) Leeb Sagen Nieder Österreichs 1, 70. 33 ) Wutt¬ 
ke §98.633. 34 ) ZföVk. 3,11; John Westböhmen 
219; ders. Oberlohma 164; auch sonst allge¬ 
mein in den Alpenländern; vgl. Vernaleken 
Mythen 315. 35 ) Wuttke § 632. 36 ) ZfVk. 1, 
184. 37 ) Mann har dt Forschungen 367 = 

ZfVk. 21, 412. 38 ) Andree-Eysn Volkskund¬ 
liches 236; Wuttke § 676. 39 ) John West¬ 

böhmen 295. 40 ) Grimm Mythologie 3, 321. 

3. Wenn das Sch. des Baumes dessen 
Fruchtbarkeit fördert, so mag es immerhin 
auch übertragen wirksam sein, wenn es 
zum Liebesorakel verwendet wird 41 ). 
So losen die Mädchen unter dem Baume, 
den sie sch., in der Thomasnacht und 
bitten in einem Vierzeiler um ein Zeichen, 
aus dem sich auf den künftigen Mann 
schließen lasse 42 ); das geschieht auch 
unter einem Zwetschken- 43 ) oder Weichsel- 
baum 44 ), unter der Hasel 45 )- oder Holler¬ 
staude 46 ); am hl. Abend 47 ) oder aber 
während des Aveläutens an beliebigen 
Tagen 48 ) (Oberösterreich). Demselben 
Zwecke dient auch das Sch. des Zaunes 
(bei Burschen und Mädchen) in der 
Christnacht 49 ), in der Andreasnacht 50 ); 
es ist dies offenbar ein Rest des alten 
Grenzzaunsch.s 51 ), Erbzaunsch.s 52 ). Man 
hat auch dieses Sch. aufgefaßt als 
einen Vorgang, mit dem man die Kräfte 
eines Gegenstandes weckt 53 ). Doch auch 
das Sch. der Wäschestange 54 ) wie das 

44 * 


1383 


Schu ttkarde—Schu t zbrief 


1384 


des Tischtuches vor dem Hause am 
hl. Abend 55 ) gilt als Liebesorakel. Jedoch 
reißt einem der Teufel das Tischtuch aus 
der Hand, wenn man es in einer Rauh¬ 
nacht außerhalb des Fensters schüttelt 56 ). 

41 ) Sartori 2, 118. 42 ) Wuttke § 365; 

Sartori 3, 118; Leoprechting Lechrain 205; 
J. Peter Sitten und Bräuche im niederöst. 
Weinland (Budweis 1913) S. 107. 43 ) Wal¬ 

tin g e r Bauernjahr 94 f. 44 ) Krobath Kärntner - 
Volk 18; Leeb Sagen Niederösterreichs 1, 73. 
45 ) ZfVk. 11, 10. 48 ) Schärdinger Heimat 

1911, 178. 47 ) Schramek Böhmerwald 118. 

48 ) ZföVk. 3, 280. 49 ) Vernaleken Mythen 

336; Andree-Eysn Volkskundliches 236 (mit 
Literatur). ö0 ) John Westböhmen 3; ZföVk. 
13, 135 (Nordböhmen). 61 ) Vernaleken 

Mythen 339; John Westböhmen 3 f. 52 ) Köhler 
Voigtland 382; ZfdMyth. 1, 87 = Wuttke 
§ 367. 68 ) Wuttke § 252. M ) Köhler a. a. O. 
S5 ) Vernaleken Mythen 340. 58 ) Andrian 

Altaussee 120. 

4. Wie beim Lossch. wurden seiner¬ 
zeit in der Gegend um Gera drei Stäbchen 
geschüttelt, womit man im allgemeinen 
auf Glück oder Unglück schloß 57 ); auch 
mancherlei anderes schüttelt man' zum 
Wahrsagen 58 ). 

S7 ) Köhler Voigtland 399. 68 ) Wuttke 

§ 252. 

5. In der Volksmedizin ist das Sch. 
des Bauches unter Segensformeln bei 
Kolik nachgewiesen 59 ); das Neugeborene 
wird geschüttelt, damit es schreie 60 ) (viel¬ 
leicht ursprünglich als Abwehr gegen 
böse Mächte) 61 ), hingegen soll es wäh¬ 
rend der Taufe nicht geschüttelt werden 62 ). 
Das Fieber schüttelt den Menschen 63 ); der 
Frost anfall im Fieber erscheint sogar perso¬ 
nifiziert als Beutelmann oder Schüttler 64 ), 
während der Schüttei das Fieber als 
solches bedeutet 6S ) und auch als Schidel 
auftaucht 66 ). Die mhd. Bezeichnung rite 
leitet Vernaleken von riden, zittern, sch. 
ab 67 ). Sympathetisch ging man vor,indem 
man im Paroxismus im Garten das erste 
beste junge Bäumchen möglichst stark 
schüttelte, damit das Fieber in den Baum 
fahre 68 ); besonders das Sch. der Birke 69 ) 
und des Holunders 70 ) ist zu diesem 
Zwecke behebt. Parallel dazu stellt sich 
das Absch. der Krankheit aus dem Hemde 
des verstorbenen Kindes bei den Arme¬ 
niern 71 ) und ein ähnlicher Brauch bei 
den Inkas 72 ). 


ß9 ) Frischbier Hexenspr. 70. 60 ) Meyer 

Baden 15. 6l ) Mannhardt Forschungen 367; 

ZfVk. 21, 412. 82 ) Kuhn u. Schwartz 432 

Nr. 272. 83 ) DWb. 9, 2110; Grimm Myth. 2, 
966; S im rock Mythologie 536; ZfdPh. 6, 
96 ff. M ) DWb. 9, 2111; Grimm Myth. 3, 337; 
Schmeller BayWb. 2, 490; Höfler Krank¬ 
heitsnamen 605 f. 65 ) DWb. 9, 2106; Höfler 
Krankheitsnamen 605 f. 68 ) Schmeller BayWb. 
2, 490; Heimatgaue 1, 17. 67 ) Simrock 

Mythologie 536; Germania 2, 174. 68 ) Halt- 
rich-Wolff Siebenb. Sachsen 2ji. e9 ) Wuttke 
§ 489. 70 ) Wuttke § 488. 71 ) Samter Geburt 
66. 72 ) Ebenda. 

6 . Allgemein bekannt ist ja die Volks¬ 
anschauung, daß Frau Hohe ihre Betten 
schüttele, wenn es schneit 73 ), ähnlich ver¬ 
anlassen Hackelbergs Hunde durch ihr 
Sch. Regen 74 ) oder die Rosse der Valky- 
rien Tau und Hagel 75 ); und bei den 
Griechen konnte durch das Sch. eines 
Ziegenfehes Regen herbeigezaubert wer¬ 
den 76 ). Die neuere Sage steuert einen 
entsprechenden Zug bei, indem sie uns 



durch das Sch. eines mit Kieselsteinen 
gefühten Fläschchens Ungewitter er¬ 
zeugt 77 ). 

73 ) Meyer Germ. Mythologie 275. 74 ) Meyer 
Germ. Mythologie 245. 76 ) Mogk Mythologie 

1015; Grimm Mythologie 1, 533. 78 ) Gruppe 
Griech. Mythologie 2, 823. 77 ) Rochholz Sagen 
2, 177 = Bertsch Weltanschauung 280. 

7. Aus außerdeutschem Gebiete ist 
heranzuziehen, daß man in Hinterindien 
das Fieber auch als Sch. eines Dämons 
auf faßt, wobei noch dazu vielfach die 
Beziehung zum Baumdämon hervor¬ 
tritt 78 ). Das Sch. der Bäume 79 ) und 
Blumenstöcke 80 ) beim Todesfall ist 
auch in der Provinz Lüttich übhch; 
das Sch. der Küchlein ist hebräischer 
Brauch 81 ), und betreff meteorologischer 
Vorgänge gibt es bei Schweden 82 ), In¬ 
dem 83 ) und sonst 84 ) den unsrigen ver¬ 
wandte Auffassungen. 

78 ) Mannhardt 1, 23. 79 ) ZfrwVk. 1, 41; 

vgl. Sebillot Folk-Lore 3, 377 f. 80 ) Fo- 
gel Pennsylvania 379. Nr. 2034. 81 ) ZfVk. 
21, 412. 82 ) Mannhardt 1, 128 f. 83 ) Grimm 
Myth. 2, 681; vgl. ARw. 5, 245 t 84 ) Grimm 
Myth. 2, 681. Webinger. 

Schuttkarde s. Karde. 

Schutzbrief. Der Sch. ist die schrift¬ 
lich fixierte und weiterentwickelte Zauber¬ 
formel. Zu Grunde liegt ihm die Vorstei¬ 


1385 


Schütze— Schutzzauber 


1386 


lung von der magischen Kraft bestimmter 
Worte. Der Sch. geht hervor aus dem 
Bestreben, die Zauberformel zu einem 
dauernden Schutzmittel zu entwickeln, 
das ständig beim Menschen bleibt. Wie 
das gesprochene Wort in der Schrift 
dauernde Gestalt gewinnt, so ist der 
momentan wirkende Zauberspruch im 
Sch. zu bleibender Kraft geworden, indem 
der Mensch das beschriebene Blatt bei 
sich trägt oder — was die Verbindung 
noch verstärkt — es sogar verschluckt 4 ). 
Zeiten der Not und Gefahr, besonders 
Kriege, begünstigen die Verbreitung sol¬ 
cher Sch.e. Sie wurden auch gedruckt 2 ) 
und sind in den Kriegen 1866, 1870, be¬ 
sonders im Weltkriege, sehr verbreitet 
gewesen. Es gibt Sch.e, die Krankheiten 
heüen sollen, die oft aus Gewinnsucht 
in der Landbevölkerung vertrieben wer¬ 
den 3 ). Besonders häufig dient der Sch. 
zur Sicherung gegen Schuß, Hieb oder 
Stich, er macht unverwundbar, wird 
also besonders im Kriege von Soldaten 
getragen 4 ). Unter diesen Sch.en treten 
oft alte Stücke wieder auf, die durch ihre 
Verbindung mit dem Himmelsbrief er¬ 
halten sind. So der Ölbergspruch (s. d.), 
der 1866 und 1870 weit verbreitet war 5 ). 
Ferner treten Züge des Holsteiner Typus 
(s. d.) auf 6 ), sowie das ,, Grafenamulett“ 
(s. d.), das auch von reisenden Hand¬ 
werksburschen als Sch. auf der Wande¬ 
rung getragen wurde 7 ). Der Graf wird 
auch hier „Philipp von Flandern“ (s. d.) 
genannt; in einem Stücke erscheint er 
als „Heinrich von Flandern“ 8 ). Sch.e 
des 16. Jh.s wurden auf den Papst Leo 
oder Kaiser Karl zurückgeführt (s. Kaiser 
Karl-Segen) 9 ). Um den Sch. als Segens¬ 
mittel sicher zu erhalten, wird er auch 
in versiegelter Glasröhre bewahrt 10 ). 

Bei den Sch.en ist die christliche Formu¬ 
lierung stärker ausgeprägt n ). Im übrigen 
ist der Sch., wenn auch in verschiedenen 
Formen, allen deutschen Stämmen ge¬ 
meinsam 12 ). 

*) Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 2; Stübe Himmels¬ 
brief 6. 2 ) Wuttke 243. 3 ) ZVfVk. 23 (1913), 

256. 4 ) Müllenhof f Sagen 518 Nr. 63; Branden- 
burgia 1916, 173; Berthold Unverwundbar¬ 
keit 67; Drechsler Schlesien 2, 268; John 
Westböhmen 279; MschlesVk. 13/14. 586 ff.; 


19 (1908), 45 ff.; Andree Braunschweig S. 404; 
Kondziella Volksepos 159. 5 ) Wuttke 178 

§ 243. 6 ) John Westböhmen 279. 7 ) Branden¬ 
burg^ 1916, 173; Meier Schwaben 2, 526. 
8 ) ZdVfVk. 14 (1904), 437 * 9 ) Brandenburg^ 
1916, 172. 10 ) Andree-Eysn Volkskundliches 

101. u ) Franz Benediktionen 2, 270. 12 ) Ale¬ 
mannia 37 (1909), 5 7; Andree-Eysn Volks¬ 
kundliches 20; MschlesVk. 4 (1897), 90; 13 
(i 9 ° 5 ), 28; Ganzlin Sächsische Zauberformeln 
19 Nr. 30; Sartori Westfalen 74; Schwebel 
Tod und ewiges Leben 91 ff. f Stübe. 

Schütze (Sternbild) s. Sternbilder I. 

Schutzengel s. Nachtrag. 

SchutzformeL Weit verbreitet ist die 
Erscheinung, durch eine kurze Formel 
Schutz gegen schädigende Wirkungen 
feindlicher Mächte zu suchen. Besonders 
tritt sie bei dem sog. „Berufen“ (s. d.) 
auf, wo schon das Wort „unberufen“ 
(s. d.) eine Sch. ist. Hinter ihr steht der 
Gedanke, daß lobende Äußerungen den 
Neid oder Haß dämonischer Gewalten 
auf den Gelobten lenken könnten. Hierher 
gehören zahlreiche Ausdrücke, die noch 
heute im Verkehr leben. Auch Amulette 
mit wenigen Worten sollen diese behü¬ 
tende Wirkung üben 1 ). Umfangreichere 
Anrufung Jesu und das Zeichen des 
Kreuzes kommen als Sch. gegen Feindes¬ 
list und Teufelsränke vor 2 ). Auch die 
vier Evangelisten werden dafür ange¬ 
rufen 3 ). Sprüche als Schutzmittel er¬ 
scheinen als Hausinschriften 4 ). Beson¬ 
ders reich an solchen Schutzformeln ist 
die muhammedanische Welt, wo sie be¬ 
sonders gegen den bösen Blick unwirksam 
machen sollen. Auch lobende Äußerungen 
werden dadurch unschädlich gemacht 5 ). 

*) Seligmann 2, 309. 322. 2 ) Frischbier 

Hexenspr. 121 f. 3 ) Geistl. Schild 5, 180. 
4 ) Bender Hessische Hausinschriften (1913) 
S. 12 ff. 6 ) Seligmann 2, 323. f Stübe. 

Schutzgeist s. Nachtrag. 

Schutzheilige, -patrone s. Heilige 

Schutzsegen s. Feinde. 

Schutzzauber. 

1. Die Ursachen unheilvoller Ereig¬ 
nisse werden, vielfach noch heute, 
im Volke bei übernatürlichen und bös¬ 
willigen, wenigstens im Augenblick übel 
gesonnenen Mächten oder bei unper¬ 
sönlichen Mächten, d. h. krafthaltigen, 
zauberischen Gegenständen gesucht. Um 


1387 


Schutzzauber 


1388 


entweder diese Mächte und Kräfte selber 
oder deren Wirkungen für die Gegen¬ 
wart oder Zukunft fern zu halten, sei es 
von der Person oder vom Eigentum, 
werden mannigfaltige Schutzmittel an¬ 
gewendet. Dieselben haben großenteils 
in uralten heidnischen Bräuchen ihre Vor¬ 
läufer, gehen jedoch zum Teil auch nur 
auf Vorstellungen zurück, die sich in 
älteren christlichen Zeiten ausgebüdet 
haben 1 ). Aus sehr alter Zeit schriftloser 
Kultur können naturgemäß bloß solche 
Formen des S.s uns überkommen sein, die 
im einfachen Tragen und Bei-sich-halten 
von mit Zauberkraft geladenen Gegen¬ 
ständen bestehen, also von Amuletten 
(s. d.). Zwei interessante Funde auf See¬ 
land aus der schwedischen Bronzezeit 
bieten reichhaltige Zusammenstellungen 
solcher Mittel: 

a) in einem Ledersack ein Natter¬ 
schwanz, eine Falkenklaue, eine Mittel¬ 
meermuschel, ein Steinstückchen, eine 
Pfeilspitze aus Feuerstein, ein Bruch¬ 
stück einer Bemsteinperle und, beson¬ 
ders noch in eine Blase eingehüllt, der 
Unterkiefer eines Eichhorns mit einigen 
Sternchen; 

b) in verschlossenem Bronzegefäß ei¬ 
nige stark abgenutzte Pferdezähne, 
ein Wieselknochen, das Klauenglied 
eines Luchses, ein Wirbelknochen einer 
Natter, ein Stück aus der Luftröhre 
eines Vogels, der Rest eines Ebereschen¬ 
zweiges, etwas Schwefelkies, Kohle und 
Bronze 2 ). 

Während es sich bei diesen Tier-, 
Pflanzen- oder Mineralteüen um Ein¬ 
zelstücke handelt, die als solche ihre 
schützende Kraft bewährt haben (nach 
Art der Fetische, s. d.), kommt in anderen 
Fällen das ganze Schutztier oder -kraut in 
Betracht, was mehrfach an den Totemis¬ 
mus (s. d.) erinnert. Der Totemist be¬ 
findet sich in einer so innerlich-wesen- 
haften Verbundenheit mit seinem Totem, 
daß letzteres bisweilen fast die Stelle 
einer Schutzgottheit einzunehmen scheint, 
wenn es auch nicht ein göttliches Wesen 
ist, und Schutz nicht eigentlich das ist, 
was dort erstrebt wird, vielmehr wie 


etwas Selbstverständliches durch die we¬ 
senhafte Verbundenheit miterlangt wird. 

Die Idee des Schutztieres an sich hat 
nicht immer im Totemismus ihren Ur¬ 
sprung; das Tier kommt auch abgesehen 
von Totembedeutung in die Rolle des 
Schutzgeistes. Es ist dem Primitiven 
in weitem Ausmaße das mächtige und 
ihm als ein Anderes gegenüberstehendes 
Wesen; denn es verfügt über eine Macht, 
die dem Menschen abgeht, sei es über 
größere Muskelstärke, schärfere Sinnes¬ 
organe, besondere dem Menschen fehlende 
Funktionen wie fliegen, ständiger Auf¬ 
enthalt im Wasser, unter der Erde u. ä. 3 ). 
Die Tiere repräsentieren ihm ein Wunsch¬ 
reich. Sie sind oft die dem Menschen 
zugetanen Wesen (Sympathietiere 4 )). 
Dazu kommt, daß Tiere als Mitbe¬ 
wohner von Hütte und Haus einen ge¬ 
achteten Platz in der Famüie erhalten 
und ihnen daher das Wohl derselben am 
Herzen zu liegen scheint 5 ). Die im Keller 
der Familie wohnende Hausschlange oder 
-kröte oder der im Garten residierende 
Igel soll nur ja nicht in der Lebensgewohn¬ 
heit gestört werden. Bisweüen schätzt 
man einen Vogel, der auf dem Dach oder 
im nahen Baum nistet, z. B. einen Storch 
oder eine Schwalbe, als Hüter 6 ). Man 
trägt Sorge für diese Tiere, namentlich für 
ihre sichere und baldige Rückkehr, wenn 
sie das Haus verlassen haben sollten, und 
fürchtet, sie verstimmt zu haben, falls sie 
vorzeitig abgereist sind. An die Stelle der 
Tiere treten Dämonen, denen einzelne 
Gebiete des Lebens anvertraut zu sein 
scheinen 7 ). Viel häufiger indessen als 
in Form solcher Pflege schützender Wesen 
tritt der S. als Abwehr von schädigenden, 
böswilligen Kräften und Geistern auf. 
Auch dabei dienen Tiere und Pflanzen als 
Mittel, wozu s. unter „Abwehrzauber“. 
Auch tote Tiere machen S. Eine aus¬ 
gestopfte Eule oder eine Fledermaus mit 
ausgebreiteten Flügeln schützt gegen Be¬ 
zauberung. Ein Rindsschädel, wie er sich 
in Bayern, Tirol und der Schweiz viel¬ 
fach an den Ställen aufgehängt findet, 
schützt wider Wiederholung eines solchen 
Unglücks, auf dessen Eintritt hin er auf¬ 
gehängt wurde 8 ). 


i 


1389 


Schutzzauber 


1390 


*) Andree-Eysn Volkskundliches 99. 
2 ) Helm Religgesch. 1, 166 f. 3 ) van der Leeuw 
Phänomenologie der Religion 58; Beth Religion 
u. Magie 145 fi. *) Naumann Gemeinschafts- 
kullur 101 f. 104 ff. 6 ) Wundt Mythus 2, 294. 
6 ) R ochholz Glaube 1,146. 7 ) Wundt a. a. O. 
2. Kap. ,,Schutzdämonen der einzelnen Kultur 
gebiete". 8 ) Andree-Eysn 110. 

2. Daß Götter der alten Religion die Rolle 
von Schutzmächten zugewiesen erhielten, 
sieht man deutlich im Orient, wo ein 
babylonischer Herrscher bei Wiederher¬ 
stellung der Pyramide von Babylon 8 gött¬ 
liche Figuren aus Bronze fertigen ließ, 
damit sie alle Feinde erschreckten und ent¬ 
fernten °). Auch in der Wohnung, unter 
das Bett, zur Rechten und Linken der 
Türschwelle usw. stellte man im Zwei¬ 
strömeland Götter auf, damit sie vor 
Krankheit und Ungemach bewahrten 10 ). 
Dieselbe Sitte herrschte in Ägypten, wo 
Gottheiten wie Bes, Anubis, Isis als Sta¬ 
tuetten oder auf Gemmen Schutz ge¬ 
währten. In Rom waren es vornehmlich 
die griechische Nemesis, der Pan und der 
Bonus Eventus (der gute Ausgang), auf 
die man in dieser Hinsicht hoffte u ). Die 
germanischen Äsen haben selber für Bal¬ 
dur S. gemacht und werden daher mit des 
S.s Kraft in solcher Verbindung stehen, 
daß sie ihnen ohne weiteres verfügbar ist. 
Sind nun in christlicher Kulturumgebung 
die dämonischen und göttlichen Gestalten 
durch die Heiligen abgelöst, so wirkt das 
Bild des hl. Leonhard und das des Wolf¬ 
gang, das auf einem Blechtäfelchen über 
der Stalltür angebracht ist, Schutz gegen 
das Einbrechen wilder Tiere 12 ). Das 
Schutzzeichen des Waldemar scheint in 
Deutschland eine bedeutende Rolle ge¬ 
spielt zu haben. Es gilt die strenge Vor¬ 
schrift, daß es nur dann eingeritzt oder 
auf geschrieben werden darf, wenn jemand 
von etwas Üblem gequält ist. Dann aber 
soll es mit Flunderdarm auf die Haut 
eines Hühnereies geschrieben und in die 
Kopfbedeckung des damit zu schützenden 
Menschen gesteckt werden 13 ). 

Daß Pflanzen im S. breiten Raum ein¬ 
nehmen, hängt sicherlich in vielen Fällen 
mit ihrer Heilkraft zusammen. Zudem 
bedienen sich Schaden- und Schutzzauber 
gern derselben Mittel, indem sie im Kampf 


gegeneinander die gleichen Waffen führen. 
Wo ein Kraut als Schädigungsmittel ver¬ 
wertet wird, dient ein anderes als Schutz¬ 
oder Heilmittel 14 ). Johanneskrautstengel, 
die am 24. Juni an die Gitter des Hauses 
gesteckt werden, gewähren Schutz gegen 
Hexen 15 ). Tiroler Bäuerinnen zerreiben 
das Kraut zwischen den Fingern und be¬ 
kreuzen sich mit dem roten Saft; dann ist 
man den ganzen Tag gegen Hexen und 
bösen Zauber geschützt 16 ) (s. auch 

Wettersegen; Antiassei). Johanneswurz, 
Majoran und andere Kräuter werden als 
Schutz der Häuser an diesen aufgehängt 
(im Voigtland) 17 ). 

ö ) Seligmann 2, 316. 10 ) Ebd. n ) Ebd. 

318 f. 12 ) Andree-Eysn 108. 13 ) ZVfVk. 13, 
278. 14 ) Wundt 2, 406. 15 ) Andree-Eysn 

101. 16 ) Ebd. 17 ) Eisei Voigtland 210. 

3. Das Haus ist im besonderen Gegen¬ 
stand der Schutzmaßnahmen, denn es 
ist der Inbegriff alles familiären und sach¬ 
lichen Besitzes. In Bayern, Österreich 
und Ungarn werden Bauernhäuser da¬ 
durch geschützt, daß man (in der Regel 
jährlich neu) Schutzbuchstaben und 
-Zeichen an verschiedenen Stellen an¬ 
bringt. Oft finden sich solche Zeichen 
von der Schwelle bis zum Giebel 18 ). Oben 
auf der Tür stehen die wo möglich mit 
geweihter Kreide alljährlich geschriebenen 
Buchstaben C M B und hinter jedem ein 
Kreuz. Sie werden heute allgemein in die 
Anfangsbuchstaben der Namen der hei¬ 
ligen drei Könige gedeutet, welche wieder¬ 
um nach der Legende die Titel und Namen 
der „Magier oder Weisen aus dem Morgen¬ 
lande“ sind (s. Dreikönige). Da schwer 
einzusehen ist, wieso jene Gestalten in 
jene Stellung von Schutzpatronen ge¬ 
raten seien, hat man viel nach anderer 
Deutung der Zeichen gesucht, und die 
Hypothese Kurt Liebig’s ist immerhin 
erwägenswert, daß die 3 Buchstaben in 
vorchristlicher Zeit die drei Runen Y d. i. 
knospendes, entstehendes Leben, Y d. i. 
der Mann in der Vollkraft und d. i. 
der Tote auf der Bahre oder vergehendes 
Leben gewesen seien und daß das Kreuz 
einst Rune x Ehe und geordnetes 
Leben gewesen sei, wozu ja häufig noch 
das Sonnenrad kommt. Die „Schutz- 


i39i 


Schwalbe 


1392 


schrift“ wird hiernach interpretiert: „Ihr 
geht von außen in dies Leben ein, bis zur 
vollen Lebenskraft, dann wieder hinaus. 
Haltet es recht und gedenket der Gott¬ 
heit (Sonne)“ 19 ). Doch fehlt es an der 
Beweiskette für diese Runenlesung. Wohl 
aber hatten die alten Nordgermanen 
Schutzrunen als S. in Verwendung, wie 
das Sigurdrifa-Lied bekundet: ,,Berg¬ 
runen sollst du kennen, wenn du bergen 
willst und lösen die Frucht von Frauen. 
An die hohle Hand sie zeichne und die 
Handknöchel umspanne und bitte dann 
Disen um Gedeihen“; und ein ähnlicher 
Heilzaubervers über Astrunen 20 ). Manch¬ 
mal werden bloß noch drei Kreuze an die 
Stalltür gemalt. Unter den Buchstaben 
hängt oft ein Kränzchen von Johannis¬ 
kraut, das gleich wie die Buchstaben die 
Kraft besitzen soll, vor Blitz und Hexen 
zu schützen 21 ). Da ließe sich erörtern, 
ob dies Kränzchen vielleicht die Stelle 
des früheren Sonnenrades einnehme. Aber 
auch unter die Schwelle werden Schutz¬ 
mittel gelegt, unter denen Salz und der 
Benediktuspfennig bevorzugt sind. Das 
führt auf die letzte Rubrik der Schutz¬ 
mittel, die rein dinglichen. Auch hier sind 
eine Reihe kirchlicher Dinge an die Stelle 
alter magischer Gegenstände getreten. 
So verwendet man gegen böses Anhauchen 
und heimliches Bestreichen mit irgend 
einem Verderben bringenden Gegenstand 
Weihwasser, ein Kreuz aus geweihtem 
Wachs, Segensformeln 22 ). 

Zur Ergänzung vgl. die Artikel Ab¬ 
wehrzauber und Gegenzauber, Segen, 
Himmelsbrief. 

18 ) Andree-Eysn 100; besonders zu be¬ 
achten Fig. 73, welche die mit Einkerbungen 
und Schriftzeichen überladene Tür zeigt. 
19 ) Liebig Sehkraft Glaubenskraft (Ludwigsburg 
1935), 26 f. 107. 20 ) Seligmann 2, 291. 21 ) 

Eisei 210. 22 ) Andree-Eysn 99 f. 23 ) Meyer 
Aberglaube 254; Strackerjan 2, 185; Sar- 
tori 2, 1 f.; ZVfVk. 9, 383 f.; Knuchel Um¬ 
wandlung 44. K. Beth. 

Schwalbe. Die S. kommt oft im dt. 
Aberglauben vor 1 ), besonders als glück¬ 
bringender Vogel, und soll zuweilen den 
schwarzen Hahn bezw. die schwarze Taube 
vertreten 2 ). Sie ist ein heiliger Vogel, den 
man weder stören, vertreiben noch töten 


darf (allg.), und dem Hause, an dem sie 
nistet, bringt sie Glück 3 ). Die S. wird 
besonders mit Maria in Verbindung ge¬ 
bracht: heißt Muttergottesvögelein (Schl., 
Bö., Tir.) 4 ), auch Herrgottsvögelein 
(Westf., Schw. und sonst) 5 ), sie soll an 
Mariä Verkündigung (25. III) kommen und 
an Mariä Geburt (8. IX.) wegfliegen 6 ). Die 
Sitte, die Ankunft der S. im Frühling zu 
begrüßen, kannten die alten Griechen und 
später die Dt., die dem Verkünder Boten¬ 
lohn gaben 7 ). Beim Anblick der ersten 
S. im Frühling kann man manchen Zauber 
(s. auch unten an verschiedenen Stellen) 
ausführen: wenn man über die linke 
Schulter schaut, sieht man das Jahr alle 
bösen Geister 8 ); liegt ein Haar einem 
Junggesellen unter dem Fuß, so ist es 
das Haar der künftigen Braut 9 ). Alt, 
doch jetzt im Verschwinden ist der Glaube, 
daß die S.n im Winter erstarrt im Wasser 
liegen 10 ). Nur mittelalterlich ist der 
Glaube, daß die Vögel sich versammeln, 
wenn man viscus querci mit dem Flügel 
einer S. an einen Baum hängt 11 ). Die 
Beziehungen der S. zum Vieh sind reich¬ 
lich vertreten. Wenn S.n in einem Stalle 
bauen, so stirbt kein Vieh 12 ). Fliegt 
eine S. unter eine Kuh, so gibt die 
Kuh rote Müch bzw. Blut 13 ), ebenso 
wenn man eine S. tötet oder ihr Nest 
zerstört (Süddt., Böhm.) 14 ). Wo S.n in 
der Esse bauen, kann man keine Kälber 
groß ziehen (Norddt.) 15 ). 

Die S. zeigt das Wetter an: Fliegen 
die S.n am Boden, so regnet es bald, und 
umgekehrt 16 ). Tötet man eine S., so 
regnet es lange 17 ). Nistet die S. unter 
dem Dach, so bleibt das Haus vor Blitz 
und Feuersgefahr verschont 18 ). 

Als ominöser Vogel kann die S. durch 
ihren Abzug Tod ansagen 19 ), dasselbe 
bedeutete im Altertum und zuweilen in 
der Neuzeit ihr Erscheinen im Haus 20 ). 
Tod verkündend ist auch das Fallen eines 
Jungen aus dem Neste 21 ). Eine weiße 
S. ist ein ungünstiges Vorzeichen oder 
zeigt Pest an 22 ). Antik ist der Glaube, 
daß die S. ein Haus, das einstürzen will. 


flieht 23 ). Meiden die S.n ein Haus, so 
wohnen böse Leute darin 24 ). Sieht man 
im Frühjahr S.n, welche sitzen, so hat 


1393 


Schwalbe 


1394 


man Glück in diesem Jahr, und umge¬ 
kehrt 25 ). Fliegt die S. ins Zimmer, so 
bedeutet es Glück 26 ) oder daß die 
Schwangere Zwillinge gebären wird 27 ). 
Die S.n sagen eine Heirat voraus, wenn 
sie um das Haus fliegen oder von dem 
Mädchen, das Braut werden wird, bei 
der Paarung gesehen werden; ist nur 
ein Sohn im Hause, so muß er in den 
Krieg 28 ). Setzt sich eine S. aufs Fen¬ 
ster, so bekommt man einen angenehmen 
Brief 29 ). Beim Anblick der ersten S. 
muß man das Geld in der Tasche um¬ 
rühren, dann hat man Geld das ganze 
Jahr 30 ). 

Volksmedizin u. Zauber. Reiche 
Lit. bei Pauly-Wissowa 2. R. 2,773; 
das meiste kehrt in der Neuzeit wieder. 
Viel Aberglaube knüpft sich an den An¬ 
blick der ersten S.: er verleiht die 
Fähigkeit Geister zu sehen 31 ); er 
nimmt für ein Jahr Augen- und Zahn¬ 
schmerzen weg (nach altröm. Glau¬ 
ben) 3 -); dabei soll man sich auf den 
Rücken legen, um das ganze Jahr Rücken¬ 
schmerzen zu verhüten (Schl., Böh.) 33 ), 
oder etwas Erde aufheben und am ersten 
Pfingsttage in die Kirche tragen, so er¬ 
kennt man die Hexen an den Milchgelten, 
oder man gebraucht die Erde, um Flöhe 
zu vertreiben 34 ); oder man benetzt sich 
mit Wasser aus einer Mistpfütze, um von 
Sommersprossen und Flechten frei zu 
bleiben 35 ). Beim Anblick der ersten S. 
soll man sofort stehen bleiben und unter 
dem linken (oft: rechten) Fuße die Erde 
aufgraben, weil man dann eine Kohle 
findet, die das Fieber heilt (allg.) 36 ). 
Diese Kohle ist wohl mit dem S.nstein 
(s. d.) verwandt, wovon man zwei Arten, 
einfarbig und vielfarbig (auch rot), 
in dem Leibe junger S.n findet. Der viel¬ 
farbige hilft gegen Epilepsie 37 ), der 
Glaube daran war schon dem Altertum 
bekannt. Die jungen S.n, die den Stein 
tragen, sitzen mit den Schnäbeln gegen¬ 
einander 38 ). Durch Verwechslung ent¬ 
steht der Glaube, daß man reich wird, 
wenn man beim ersten Anblick einer S. 
einen Stein auf hebt und in der Tasche 
trägt 39 ), und die letzte Abschwächung, 
d. h. der Glaube, daß man Geld haben 


wird, wenn man das Geld in der Tasche 
umrührt, war oben zitiert 40 ). Verworren 
sind die Vorschriften, wonach man einen 
Stein durch das Begraben von S.n- und 
Katzenblut bekommt 4l ). 

Junge S.n heilen Diphtheritis (schon 
Plinius XXX. 30 bekannt), kranke 
Augen 42 ), Fieber und Fallsucht 43 ). Die 
S. findet man als Heilmittel bei den Alten 
gegen Epilepsie und Halskrankheiten 
(Bräune, Mundfäule, Geschwüre) 44 ). Be¬ 
gräbt man eine junge S. auf einen Kreuz¬ 
weg, so findet man nach neun Tagen 
einen Würfel, womit man jederzeit ge¬ 
winnt 45 ). Mit den Herzen von drei jungen 
S.n und dem rechten Flügel eines Wiede¬ 
hopfs bereitet man ein Mittel, um sicher 
zu treffen 46 ). Gelegentlich findet die S. 
noch eine andere Verwendung: ihr Fleisch 
heilt Schlangenbiß oder fördert die Ge¬ 
burt 47 ), ihr Auge hindert am Ein¬ 
schlafen 48 ), die Galle dient als Ent- 
haarungs-, d. h. Verschönerungsmittel 49 ). 
Die S. liefert einen Liebeszauber 50 ). 

S.nasche heilt Halsentzündungen, 
Lippenwunden, Augenleiden, Epilepsie 
und schützt gegen Betrunkenwerden (alles 
schon antik) 51 ). Unglück bringt die 
eingegebene Asche 52 ). 

S.nblut heilt Epilepsie, Podagra und 
erkrankte Augen 53 ). Es ist besonders 
wirksam gegen Sommersprossen (s. auch 
oben) 54 ). Gedörrtes Blut mit Pulver 
gemischt macht treffsicher 55 ). 

Durch ein S.n ei gewinnt man ein 
Zaubermittel, immer Geld in der Tasche 
zu haben: Ein gekochtes S.ei wird wieder 
ins Nest gelegt, und wenn die S. das Ei 
nicht ausbrüten kann, so bringt sie ein 
Hölzchen oder eine Wurzel, wodurch 
man reich wird 56 ). 

S.nherz dient, in Milch gesotten, als 
Gedächtnismittel 57 ), als Liebesmittel 58 ) 
und gegen Fieber und Fallsucht 59 ). 

S.nkot wird für eine Unmenge von 
Krankheiten gebraucht, doch sind die 
Belege von Fall zu Fall fast immer ver¬ 
einzelt. Man verschreibt ihn z. B. gegen 
Krämpfe, Bräune, Gliedschwamm, Kopf¬ 
schmerzen, Verstopfung des Stuhlganges 
oder des Harnes, Blödsinn 63 ). All- 


1395 


Schwalbe 


1396 


gemeiner ist der Glaube, daß der S.nkot 
für die Augen schädlich sei 61 ). 

S.nzunge legt man unter die eigene 
Zunge, um redselig zu werden 62 ). 

Volksliteratur. Die S. tritt oft inBe- 
ziehung zu der Kreuzigung und dem 
Leben Christi, auch zum Himmelbau 
Gottes 63 ). Sagen erklären die Entstehung 
oder Form der S. 64 ). Ein weitverbreitetes 
Lied interpretiert die S.nsprache: Wenn 
ich f entzieh', wenn ich fort zieh', / ist 
Kiste und Kaste voll, ist Kiste und Kaste 
voll; / wann ich wiederkomm’, wann 
ich wiederkomm’, / ist alles geleeret 65 ) 
(nach Rückert). Andre Lieder deuten 
die Laute wieder anders 66 ). Auch sonst 
erscheint die S. in Märchen und Sa¬ 
gen 67 ). 

1 ) Allgemeines (doch ohne Quellenangaben) 
bei Knortz Vögel 82Ü. und Pitre The swallow 
book, New York 1912 (vgl. dazu ZfVk. 24. 103); 
Feilberg Bidrag 3, 660 (reiche Lit.); M. Pi- 
ronkov Die S. in unseren Volkstraditionen 
Isvestija des Sem. f. slav. Phil, zu Sofia 1905, 
251 — 62 (Zitat nach ZfVk. 16, 229); Pauly- 
Wissowa 2. R. 2. 7680. Vieles ist auch sprich¬ 
wörtlich, s. Wander Dt. Spr.Lex. 4, 411 — 15. 
2 ) Höfler Organotherapie 127. 3 ) Grimm 

Myth. 2,560; Feilberg Bidrag 3, 660, 38; 
Sartori Sitte 2, 13 Anm. 4; ZfVk. 4, 82; 
10, 210; 12, 175; Andree Braunschweig 401; 
SchwVk. 5, 2. 20; Haltrich Siebenb. 294; 
Wolf Beitr. 1, 232; 2, 432; John Oberlohma 
164; Alemannia 24, 154; Strackerjan 2, 160 
Nr. 390; Panzer Beitr . 1, 262 Nr. 92; ZfdMyth. 

2, 420; 3, 29; Grohmann 70 Nr. 491; ZföVk. 

3, 11; Fogel Pennsylvania 104t. Nr. 437; 

Urquell 3, 275 (Eingang ins Haus nicht ver¬ 
wehrt); s. auch Sebillot Folk-Lore 3, 172. 173. 
188; Pauly-Wissowa 2. R. 2, 771. Als Glücks¬ 
bringer: ZfVk. 12, 176; 22, 162; Schramek 
Böhmerwald 243; Engelien-Lahn 270 Nr. 179; 
ZfrwVk. 2, 209; Köhler Voigtland 389; Manz 
Sargans 120; Birlinger Schwaben 1, 104 

Anm. 413; Pollinger Landshut 154. Beim 
Unfrieden im Haus zieht die S. aus, vgl. Wuttke 
121 § * 59 ; John Erzgebirge 235. Vereinzelt 
ist die Angabe, daß die S. Armut bringe, vgl. 
ZfdMyth. 3, 317 Nr. 87; Grimm Myth. 3, 439 
Nr. 148; Urquell 3, 275; 4, 88 (Hirundo rustica 
bringt Armut, Mauerschwalbe Glück); Se¬ 
billot Folk-Lore 3, 172. Berührt man eine S., 
so bekommt man Krätze (Urquell N. F. 1, 49). 
4 ) Drechsler 2, 227; ZföVk. 3, 11; Hovorka- 
Kronfeld 1,388; Urquell 3,275; Grohmann 
70 Nr. 489—90; MschIVk. 19 (1908), 91; vgl. 
Heyl Tirol 789 Nr. 164. 6 ) Wuttke 120 § 159; 
ZfdMyth. 2, 95; Sebillot Folk-Lore 3, 156 (ist 
von Gott gemacht). 203; Wolf Beitr. 2, 432 
(poule de Dieu); vgl. Grimm Myth. 3, 456 


Nr. 628. 6 ) Urquell 3, 275; John Westböhmen 

219 — Egerl. 5, 34; Fontaine Luxemburg 35. 
7 ) Keller Tiere 309; Grimm Myth. 2, 636 
(zum herumgetragenen Bild vgl. Höfler 
Fastengebäcke 85); Drechsler 2, 227; Höfler 
Fastengebäcke 98; ZfVk. 18, 312; ZfdMyth. 2, 95; 
Wuttke 121 § 159; Kuhn Westfalen 2,71; 
Theod. Storm In St. Jürgen (am Anfang); 
Frazer8, 322. 8 ) Strackerjan 1, 221 Nr. 178. 
9 ) Wuttke 203 § 278; Liebrecht Zur Volksk.. 
361; Hovorka-Kronfeld 1, 388; Kuhn West¬ 
falen 2, 71 Nr. 212; ZfdMyth. 2,95; 3,216; 
Sebillot Folk-Lore 3, 192. Der Glaube hat 
wohl keinen Bezug auf Freia. Übertragen auf 
das Vieh kommt der Abergl. in Schlesien vor. 
Betet man am Karfreitag vor Sonnenaufgang 
im Freien mit gefalteten Händen, bis die erste 
Schwalbe sichtbar wird, und öffnet dann die 
Hände, so sieht man ein Haar, dessen Farbe be¬ 
stimmend ist für den Ankauf des Viehes; ist das 
Haar rot, so gedeiht Rotvieh, d. h. Kühe, ist es 
schwarz, Schwarzvieh, d. h. Schweine (Drechs¬ 
ler 2, 228). 10 ) Bartsch Mecklenburg 2, 173. 

Nr. 822; Bräuner Curiositäten (1737) 678 h.; 
Grohmann 70 Nr. 492; Feilberg Bidrag 3,. 
660, 10. u ) Meyer Abergl. 66. ia ) ZfVk. 
10,210; Urquell 3,107; Drechsler 2,227; 
Rogasener Fambl. 5, 8 Nr. 40. Die Wenden 
räuchern die Ställe gegen Zauberei mit den 
Nestern der Rauch-S. (Schulenburg Wend. 
Volkst. 156). Tötet man eine S., so geben die 
Kühe keine Milch (Grohmann 71 Nr. 596). 
13 ) Knoop Hinterpommern 171 Nr. 143; Bir¬ 
linger Volkst. 1,125 Nr. 183; Haltrich 
Siebenb. 294; Wolf Beitr. 1,232 Nr. 381; 
Hovorka-Kronfeld 1, 388 (zitiert Busch 
104). 389 (rumänisch); Grimm Myth. 3, 471 
Nr. 979; Sebillot Folk-Lore 3, 188 Anm. 4. 
Knoop und Grimm geben Heilmittel an, sowie 
Wuttke 447 § 706; gibt eine Kuh rote Milch, 
so setzt man etwas davon in einem Scherben auf 
einen Zaun, sobald eine S. vorüberfliegt, ist das 
Übel vorbei. 14 ) Fogel Pennsylvania 160 
Nr. 761; Reiser Allgäu 2, 437 Nr. 127; Urquell 
3, 275; Meier Schwaben 1, 221 § 249. 15 ) Wuttke 
444 § 699; Kuhn Westfalen 1, 9 Nr. 10; 2, 71 
Nr. 213; Fricke Westf. 12; Hovorka-Kron¬ 
feld 1, 388. 16 ) SchwVk. 10, 34; ZfVk. 24, 60; 
Andree Braunschweig 410; John Erzgebirge 
250; Bartsch Mecklenburg 2, 207. 210. 218; 
Schramek Böhmerwald 250; Fogel Penn¬ 
sylvania 229 Nr. 1172; Müller Isergebirge 15; 
Pauly-Wissowa 2. R. 2, 772. 17 ) Maack 

Lübeck 24; Kuhn Westf. 2, 72 Nr. 213; Grimm 
Myth. 3, 446 Nr. 378; Bartsch Mecklenburg 
2, 172. 18 ) SchwVk. io, 35; SAVk. 25, 187; 

Höhn Volksheilkunde 1, 84 Anm. 115; Hovorka- 
Kronfeld 1, 388; Andree-Eysn Volkskund¬ 
liches 107; Baumgarten Jahr 23; John Erz¬ 
gebirge 26. 235; Wuttke 120 § 159; 203 § 278; 
304 § 448; 400 § 617; Bartsch Mecklenburg 
2, 173 Nr. 818; Alpenburg Tirol 387; Rothen¬ 
bach Bern 37 Nr. 313—4; ZfVk. 1, 190; 16, 171 ; 
Köhler Voigtland 389, 423; Strackerjan 

2, in. 160; Drechsler 2, 227; MschIVk. 9 


1397 


Schwalbe 


1398 

(1902), 10; Manz Sargans 87; Meyer Baden j Stein findet man in einem Neste, wo S.n 7 Jahre 
362; John Westböhmen 218; Pfister Hessen gebrütet, er hilft gegen Augenübel); Höhn Fo/As- 

168; Urquell 3, 107; Kuhn Westf. 2,72Nr. 213t.; heilkunde 1, 135; MschIVk. 17 (1907), 40; 19 

Fogel Pennsylvania 364 Nr. 1944; ZfrwVk. 11, (1908), 92; Wolf Beitr. 2,432; Sebillot Folk - 

262; Wolf Beitr. 2, 432; ZfdMyth. 1, 236; 2, 95; Lore 3, 205 f.; Alpenburg Tirol 388; SAVk. 

3, 29; Meier Schwaben 1, 221 § 249; 314 § 353 26, 79. 39 ) Megenberg Buch d. Natur 166; 

(S. als Omen des Blitzeinschlagens); 2, Nr. 331; Jühling Tiere 236; ZfVk. 8, 169. 40 ) Wuttke 

Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 15; Urquell 3, 107. 275. 408 § 632. 41 ) ZfdMyth. 3, 331. 42 ) Ur- 

Tötet man eine S., so schlägt der Blitz ein oder quell 5, 23 Nr. 3. 5; Manz Sargans 146; 

es entsteht eine Feuersbrunst: ZfdMyth. 2, 419; Bohnenberger Nr. 1, 23; Leoprechting 

Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 16. Vgl. Feuerschwalbe Lechrain 82 f.; Wuttke 121 § 159; Amers- 

Schönwerth Oberpfalz 2, 87 Nr. 7; Bartsch bach Grimmelshausen 2, 55; Hovorka- 

Mecklenburg 2, 173 (See-S. heißt auch Brand- Kronfeld 1, 387 f.; ZföVk. 3,6 Nr. 4; ZfVk. 

vogel). 19 ) Landsteiner Niederösterreich 29; 15, 391. 43 ) Dies hängt mit dem Glauben zu- 

ZfdMyth. 2, 95; Wuttke 203 § 278; Drechsler sammen, daß ausgestochene Augen, besonders 

2, 227; Hovorka-Kronfeld 1, 388; Meiche bei jungen S.n, wieder wachsen. Die S. als 

Sagen 618 Nr. 760; ZfVk. 4, 82; 10, 210; vgl. Augenheilmittel war den Alten bekannt; s. 

Sebillot Folk-Lore 3, 195. 20 ) ZfVk. 22, 162 Hovorka-Kronfeld 1, 387; Höfler Organo - 

Anm. 1; SAVk. 7, 139 Nr. 100. 21 ) ZfrwVk. 4, therapie 127 f. 219 (nach Plinius und Quintus 

270; ZfVk. 13, 389. 22 ) Strackerjan 2, 391 Serenus); Jühling Tiere 230 (S.n-Augen oder 

Nr. 852; Müller Siebenb. 70; Meiche Sagen 239 -hirn wird gebraucht); MschIVk. 13 (1905)» 27; 

Nr. 303; MschIVk. 19 (1908), 92 (zeigt einen Megenberg Buck d. Natur 166 f. Der Aber¬ 
seltenen Besuch an). 23 ) Megenberg Buch d. glaube hat Bezug auf den schon antiken Glauben, 

Natur 166 (nach Solinus). 24 ) Wuttke daß geblendete, junge S.n ihre Augen dadurch 

2 °3 § 2 78. 2S ) Grohmann 71 Nr. 504; Zfr- wieder bekommen, daß die alten Vögel ein Kraut 

wVk. 11, 263. 2G ) Alemannia 24, 156. 27 ) (Chehdonia = Schöllkraut, s. d.) gebraucht. Zu- 

Drechsler 1, 177; 2, 227; MschIVk. 19 (1908), weilen heißt der S.nstein Chelidonium in An- 

92. 28 ) Grohmann 71 Nr. 599; 229 Nr. 1646; lehnung an diesen Pflanzennamen. S. Grimm 

Schramek Böhmerwald 142; Wuttke 203 § Myth. 3, 350; Sebillot Folk -Lore 3, 175. 206; 

278. Sieht sie einzelne S., so bleibt sie ledig. Wolf Beitr. 2, 432; Pauly-Wissowa 2. R. 

29 ) Rogasener Fambl. 1, 40. 30 ) Drechsler 2, 770 (42). 44 ) Jühling Tiere 219. 229 ff. 

2, 43; Wuttke 408 § 632. 31 ) Strackerjan 231t. 234 f. 255; Hovorka-Kronfeld 

2, 12 Nr. 268. 32 ) Höfler Fastengebäcke 2, 8. 210; Lammert 15 Anm. 3; Drechsler 

84; Sebillot Folk-Lore 3, 199; Grimm Myth. 2, 227. 307; ZfVk. 8, 169; SchwVk. 11, 20. 

2, 947 Anm. 2; s. auch unten S. 7 Anm. 1. 45 ) Höhn Volksheilkunde 1, 84 Anm. 115; 

M ) Urquell 2, 130 (zitiert auch Knauthe Jühling Tiere 228—30. 235h; Höfler 

Ornith. Monatsschr. d. dt. Ver. z. Schutze der 127; Hovorka-Kronfeld 2, 77. 

Vogelwelt 1887, 7); 3, 107; Drechsler 2, 227 202. 208. Zuweilen gebrauchte man S.nwasser, 

(schützt auch gegen Halsweh und Hexenschuß). das man aus jungen S.n, destillierte, dafür. 

284. 309; John Westböhmen 49 (hebt man beim 46 ) John Westböhmen 319. 4? ) John Westböh- 

Anblick der ersten Zugschwalben, so bewahrt men 328 — Kronfeld Krieg 112. 48 ) Jühling 

man sich vor einem Leibbruch). 219. 34 ) Köhler Tiere 229 t. 49 ) Sebillot Folk-Lore 3, 203; 

Voigtland 412 f. (zum Flöhevertreiben, vgl. SchwVk. 4, 33. 50 ) In eine Reihe mit dem Ge- 

Fogel Pennsylvania 372 Nr. 1993 [Wanzen]). rauche des S.nblutes (s. unten) für Sommer- 

35 ) Drechsler 2, 227; ZfdMyth. 1, 199 (morgens sprossen zu bringen, s. Höfler Organotherapie 

mit Besprechung) = Jühling Tiere 235; 219; Wuttke 343 § 512 = Jühling Tiere 234 = 

Frischbier Hexenspr. 91; Hovorka-Krön- Grohmann 184 Nr. 1295; Drechsler 2, 227. 

feld 1, 388; MschIVk. 19 (1908), 91. S. auch 51 ) ZfdMyth. 3, 328. e2 ) Höfler Organotherapie 

S.nblut unten. 36 ) Feilberg Bidrag 3, 661, 7 127; Hüser Beitr. 2,28; Hovorka-Kronfeld 

(reiche Lit.); Hovorka-Kronfeld 1, 387; 1, 386; 2, 8. 215. 219. 348; Jühling 229 f. 

Wuttke 121 § 159; Urquell 3, 198. 275; 53 ) Jühling Tiere 346. 54 ) Jühling Tiere 

Drechsler 2, 227 f.; Bartsch Mecklenburg 2, 230.233!.; Hovorka-Kronfeld 1,386; 2,220; 

172 (heilt auch Tierkrankheiten); Strackerjan Höfler Organotherapie 127. 255; ZfVk. 8, 169; 

1, 93 > Jühling Tiere 236; Grimm Myth. 2, 946; Megenberg Buch d. Natur 166. 55 )Wuttke 

3, 441 Nr. 217; Haltrich Siebenb. 266 f. 294. 38 ) 121 § 159; 343 § 512; Drechsler 2, 225; 

Feilberg Bidrag 3,661,34; Pauly-Wissowa Grohmann 184 Nr. 1295; Jühling Tiere 234. 

2. R. 2,769(30); Hovorka-Kronf eld 1,386. 56 ) John Westböhmen 329 = Kronfeld 

388; 2.210. 214; Jühling Tiere 233. 235f.; John Krieg 113. 57 ) Schulenburg Wend. Volkst. 

Westböhmen 315; Lämmer 1 272; Bartsch Meck- 156; Köhler Voigtland 434; Urquell 5, 23 

lenburg 2, 173; Wuttke 349 § 524 (auch Augen- Nr.3und5; Birlinger Schwaben 1,397; Wuttke 

u. Ohrenkrankheiten); ZfVk. 8, 169; ZfdMyth. 3, 121 § 159. 68 ) Manz Sargans 144; Drechsler 

332 ff.; Megenberg Buch d. Natur 166 (hilft 2, 267; Panzer Beitr. 2, 307; Höfler Organo - 

kranken Augen, der Stein heißt Chelidonius [!], therapie 254. 69 ) Höfler Organotherapie 254 f.; 

durch Übertragung von einem anderen Abergl., SchwVk. 4, 34; Wuttke 121 § 159; 363 § 548; 

vgl. Meyer Abergl. 59); Urquell 3, 276 (den Kuhn u. Schwartz 460 Nr. 448; Wolf Beitr. 


1399 


Schwalbennest—Schwalbenstein 


1401 


Schwämme—Schwan 


1402 


1, 247 Nr. 552. 60 ) Höfler Organotherapie 254; 
Hovorka-Kronfeld 2, 322; Jühling Tiere 
230. 61 ) Jühling Tiere 230. 234; Höhn Volks¬ 
heilkunde 1, 115; Hovorka-Kronfeld 2, 237. 
€2 ) Jühling Tiere 234; Hovorka-Kronfeld 
1, 388; Megenberg Buch d. Natur 167; 

Sebillot Folk-Lore 3, 204. ® 3 ) SAVk. 7, 51; 

John Westböhmen 317; Kuhn u. Schwartz 
460 Nr. 447; Höhn Volkskheilk. 1, 136. 

64 ) ZföVk. 4, 132; Feilberg Bidrag 3, 660 f.; 
Sebillot Folk-Lore 3, 168, 170. Uber den 
Himmelbau vgl. Urquell 3, 275 u. eine kroatische 
Erzählung (ZfVk. 16, 225). 65 ) Urquell 3, 18. 

264; Wolf Beitr. 2, 432; Sebillot Folk-Lore 
3, 7. 66 ) Erk-Böhme Liederhort 3, 387 (Re¬ 

gister); Feilberg Bidrag 3, 661, 36; Lewalter- 
Schläger Kinderlieder 299 Nr. 102; ZfdMyth. 

1, 239; 2, 114 t.; 3, 179; Bartsch Mecklenburg 

2, 173; Kuhn u. Schwartz 452 f.; Kuhn West¬ 

falen 2, 72f. Nr. 2i6ff.; ZfVk. 13,92; Stracker- 
jan 2, 160; John Erzgebirge 235. 67 ) Erk- 

Böhme Liederhort 3, 387 (Register); Bartsch 
Mecklenburg 2, 172. 174; ZfVk. 13, 91. 93; Wolf 
Beitr. 2, 432 Anm. 1; Nilsson Griech. Feste 
117 Anm. 1; Pauly-Wissowa 2. R. 2, 772; 
Frazer 8, 322. 6S ) Sebillot Folk-Lore 3, 178 
(bringt Teufelspakt zurück). 213 (als Führer); 
Strackerjan 2, 160 Nr. 390. Reiche Angaben 
bei Feilberg Bidrag 3, 660 f. 

Taylor. 

Schwalbennest wird besonders gegen 
Halskrankheiten (und zuweilen Ge¬ 
schwüre) gebraucht 1 ), seltener gegen 
Krämpfe, Podagra und Kindweh 2 ). Es 
dient beim Liebeszauber (s. auch S.n- 
herz) 3 ). Die Asche eines S.es macht 
Schießpulver treffsicher 4 ). Es hilft einer 
Kuh beim Schlangenbiß oder angeschwol¬ 
lenen Eutern 5 ). Es heilt Rückenweh 6 ) ! 
und Fallsucht (Bohnenberger 22). Man 
räuchert damit, um „ Schreck'' zu 
heilen 7 ). 

Viele oben beschriebene Aberglauben, 
die auf die Schwalbe selbst Bezug haben, 1 
kehren wieder in Zusammenhang mit 
dem S. in derselben Bedeutung; das S. 
hält den Blitz fern vom Haus 8 ). Fällt 
ein S. herab, so verlassen die Be¬ 
wohner das Haus in demselben Jahr 
(s. oben) ö ). Zerstört man ein S., 
so stirbt der Bewohner des Hauses, gerät 
das Haus in Brand oder schlägt Blitz 
ein 10 ). Zerstört man ein S., so geben 
die Kühe Blut statt Milch (s. oben) n ). 
Wie das Zerstören Unglück bringt, so 
bringt das Gegenteil Glück 12 ). Trägt 
man ein S. bei sich, so kann man alles 
behalten, was man hört (s. oben) 13 ). Die 


1400 

Pythagoräer duldeten kein S. am Haus 
(Höfler Organotherapie 127). 

*) Hovorka-Kronfeld 1, 389; 2, 9. 11. 19. 
21. 24. 45; ZfVk. 8, 169; Höhn Volksheilkunde 

1, 84; Schönwerth Oberpfalz 3, 267; Stari- 

cius Heldenschatz 523; Schmidt Kräuterbuch 
61; Urquell 4, 278; 5, 60; 7, 167; Lammert 
141, 240; Bartsch Mecklenburg 2, 111 Nr. 420; 
ZfrwVk 5, 98; ZföVk 13, 139; Heyl Tirol 
787 Nr. 140; Jühling Tiere 230. 232 — 5; 
Alemannia 8, 287. 2 ) Pollinger Landshut 

288; Grimm Myth. 3, 459 Nr. 722; Lammert 
125; Jühling Tiere 230. 232. 3 ) Höfler 

Organotherapie 127; Urquell 6, 13; Kühnau 
Sagen 3, 18; Wolf Beitr. 1, 247 Nr. 553. 
4 ) SAVk. 19, 227 Nr. 53. 5 ) Drechsler 2, 106; 
Rogasener Fambl. 5, 8 Nr. 41. ®) SAVk. 15, 

93 (enthält auch schwache Erinnerungen an 
S.stein, s. oben unter Schwalbe). 7 ) Schulen¬ 
burg Wend. Volkst. 101; Hovorka-Kronfeld 

2, 230; ZföVk. 4, 216 Nr. 542. 8 ) Birlinger 

Volkst . 1, 194 Nr. 307. 9 ) Wuttke 203 § 278; 
Strackerjan 1, 25. 10 ) Grimm Myth. 3, 446 
Nr. 381; Grohmann 71 Nr. 494 — 5; Egerl. 

3, 59; Bohnenberger Nr. 1, 22; Stracker¬ 

jan 1, 25; Grabinski 45 1 ; Wuttke 304 
§ 447; Köhler Voigtland 418; Rothenbach 
37 Nr. 311. 312; Drechsler 2, 227. 11 ) Schu¬ 
lenburg Wend. Volkst. 156; Grimm Myth. 
3, 461 Nr. 758; Grohmann 71 Nr. 502; Ro¬ 
gasener Fambl. 5, 8 Nr. 40; Drechsler 2, 227. 
12 ) Schraraek Böhmerwald 244; Alemannia 
24, 154; Grimm Myth. 3, 455 Nr. 609; Ur¬ 
quell 3, 275; Schmitt Hettingen 16. 13 ) Boh¬ 
nenberger Nr. 1, 22. Taylor. 

Schwalbenstein, Chelidonius lapis 
(griech. yekiüiiiv = Schwalbe), mhd. celi- 
don. Der mit dem S. verbundene Aber¬ 
glaube ist z. T. aus dem Altertum über¬ 
nommen. So ist die bei den alten Angel¬ 
sachsen bekannte Vorschrift, wie man 
den Stein gewinnen könne, sicher aus 
dem Altertum entlehnt, während der 
bei ihnen herrschende Aberglauben, drei 
S.e schützten, als Amulett getragen, 
gegen Maren und andere Dämonen, wohl 
eigenes Gut ist 1 ). Aus dem Wüste von 
Aberglauben, der diesen Stein umgibt, 
kann hier nur das Wesentlichste hervor¬ 
gehoben werden. Der S. wird gewonnen, 
indem man eine ganz junge Schwalbe 
aus dem Neste nimmt, sie tötet, ihr den 
Bauch aufschneidet und den Stein in 
ihrer Leber sucht; eine zweite Art, den 
Stein zu bekommen, entspricht der' Ge¬ 
winnung des Blend- und Rabensteins 
(s. diese) 2 ). In Tirol sucht man ihn in 
einem Neste, in dem Schwalben sieben 


. •/ 


Jahre gebrütet haben 3 ). Je nach der 
rötlichen oder dunkleren Farbe wurden 
dem Schwalbenstein verschiedene Wir¬ 
kungen zugeschrieben: Der rote Stein 
galt als Heilmittel gegen langwieriges 
Siechtum, Mondsucht, Wahnsinn, Epilep¬ 
sie, er sollte als Amulett in ein reines 
Linnen oder in Kalbsfell eingenäht und 
an den linken Arm oder unter die linke 
Achsel gebunden werden. Er macht 
seinen Träger beredt, liebenswürdig und 
geschickt. Der schwarze S. hilft gegen 
Fieber, schädliche Säfte und Fallsucht, 
hilft zum Erfolge bei allen Geschäften, 
läßt dem Zorn der Könige und Herren 
widerstehen und flößt Vertrauen zu 
seinem Träger ein, so daß er alle leicht 
für seine Ansicht gewinnen kann und 
Gunst erlangt. *— Ein S. in der Börse 
bei sich getragen, bewirkt, daß das Geld 
nie ausgeht (Landshut) 4 ). Von allen 
diesen Wunderwirkungen des Steines lebt 
in Oberbayern und Tirol der Glaube an 
seine Kraft gegen Epilepsie noch weiter. 
Dort sucht man den Stein auch im Magen 
der Fledermaus 5 ). Weitverbreitet war 
die schon im Altertum herrschende An¬ 
sicht, der S. sei ein treffliches Mittel 
gegen Augenleiden. Aristoteles hatte 
die Schwalbe das scharfsinnigste Tier 
genannt, dem sogar die Augen immer 
wieder nachwüchsen; man war deshalb 
im Altertum von der Wirkung des S.s 
bei Augenleiden völlig überzeugt 6 ). Im 
Mittelalter legte man geriebenen und 
aufgelösten S. auf schmerzende Augen 7 ). 
Drechsler zitiert aus einer alten Quelle, 
der S. sei gut für das Gesicht und ent¬ 
ferne, ins Auge getan, schmerzlos das 
Hineingekommene 8 ) (vgl. Krebsstein). 
In Tirol glaubt man noch heute an die 
große Heilkraft des S.s, besonders bei 
Augenleiden 9 ), ebenso früher in Schle¬ 


sien 10 ). 


Im 16. Jh. gehörte der S. 


zu den Mitteln, die man Liebenden ein¬ 
gab u ). ^ 

Zu Zeiten Brückmanns (18. Jh.) nannte 
man S.e kugelförmige, gelblich oder 
bräunlich gefärbte Zähnchen von der 
Größe des Leinsamens oder einer kleinen 
Erbse. Er hält sie für Kieselsteinchen, 
wie sie sich oft im Magen von Vögeln 


finden, oder für steinhart gewordenen 
Kot in jahrelang benutzten Schwalben¬ 
nestern 12 ). 

Der Glaube des Mittelalters, daß der 
S., in Schöllkraut (Chelidonium = 
Schwalbenkraut) gewickelt, das Sehver¬ 
mögen verschlechtere 13 ), findet seine Er¬ 
klärung darin, daß zwei gleichwirkende 
Mittel zu stark sind und das Gegenteil 
bewirken 14 ). 

i) F. L. Grundtvig Losningsstenen. Kjoben- 
havn 1878, 176—173; Plin. h. n. 11 § 203 u. 37 
§ 154; Dioscorides 2, c. 60; Heckenbach 
de nuditate 45; Fischer Angelsachsen 15. 18. 
41; Volmar 407 ff.; Marbod c. 14 — Meyer 
Aberglaube 59; Schade 1368 ff. s. v. celidon. 
2 ) Megenberg Buch der Natur 378; Grimm 
Myth. 3, 362 f,; Agrippa v. N. 5, 293 u. 1, 216; 
Wuttke 121 § 159; Bartsch Mecklenburg 2, 
174; ZfdMyth. 2, 422; Hovorka-Kron¬ 

feld 1, 388; Bergmann 483; Jühling Tiere 
297; Pollinger Landeshut 159; v gl- Sebillot 
Folk-Lore 3, 205 f. (Normandie). 3 ) Heyl Tirol 
796. 4 ) Megenberg a. O.; Staricius Helden¬ 
schatz (1706), 478 f.; Schade a. O.; Agrippa 
v. N. 5, 293; Zedier 35, 1812; Lonicer 41 u. 
60; Jahn Hexenwesen 184 Nr. 681; Bartsch 
Mecklenburg 2, 174 Nr. 822 u. 173 Nr. 816 letzte 
Zeüen; Pollinger a. O. 6 ) Wuttke 355 § 53 2 ; 
Heyl Tirol 796 Nr. 216; Alpenburg Tirol 
388; Hovorka-Kronfeld 2, 218. «) Ho¬ 

vorka-Kronfeld x, 386 f.; Plin. n.h. 8 
§ 37. 7 ) ZfdMyth. a. O.; Gesner d. /. /. 107 

Nr. 3 u. 4. 8 ) Drechsler 2, 297. *) Heyl 

a. O.; vgl. Leoprechting Lechrain 82. 
10 ) Drechsler 2, 297. 41 ) Sebillot a. O- 

Anm.; Gerhardt Franz. Nov. 136. 12 ) Brück¬ 
mann 344 f. 13 ) Megenberg a. O. 379 - 
14 ) Schade 1370. t Olbrich. 

Schwämme s. Pilze. 

Schwammstein s. Kropfstein. 

Schwan (1. Sing-S., Cygnus cygnus 
od. musicus. 2. HÖcker-S., C. olor.). Der 
Name S. ist gleicher Wurzel wie lat. 
son-are (idg. swon-). Ahd. albi 3 ist 
„der Weiße“. Die vornehme Schönheit 
in Gestalt, Farbe und Bewegung hat schon 
früh Anlaß gegeben, dem S. übernatür¬ 
liche Eigenschaften zuzuschreiben und in 
ihm ein höheres, nicht tierisches Wesen 
zu sehen, das seine Gestalt angenommen 
hat (s. u. dämon. Tier, Sagen). 

Natur. Bis ins Altertum reicht zu¬ 
rück die Ansicht, daß der S. singe, 
insbesondere wenn er seinen Tod ahne 
(daher „S.engesang“. Über das etym. 
unsichere mir schwant“ S. U. A. 20 )- 


1403 


Schwan 


1404 


Schon früh bestritten, aber von neuern 
Forschern (Naumann, Brehm u. a.) be¬ 
stätigt und nur die Beziehung auf 
den bevorstehenden Tod in Abrede ge¬ 
stellt 1 ). Schilling (nach Vogel-Brehm 
102) sagt nur: ,,DerS.engesang ist oftmals 
in der Tat der Grabgesang dieser schönen 
Tiere; denn da diese in dem tiefen Wasser 
ihre Nahrung nicht zu ergründen ver¬ 
mögen, so werden sie vom Hunger derart 
ermattet, daß sie zum Weiterziehen nach 
milderen Gegenden die Kraft nicht mehr 
besitzen und dann oft, auf dem Eise ange¬ 
froren, dem Tode nahe oder bereits tot ge¬ 
funden werden. Aber bis an ihr Ende 
lassen sie ihre klagenden u. doch hellen 
Laute hören“. 

Dämonisches Tier. Unsicher sind 
die Zeugnisse über die Heiligkeit des 
S.s. Nach den Mythologen ist er das Tier 
des Njörör 2 ), wie bei den Griechen des 
Apollo 3 ), und stellt die Wolke dar 4 ). 
Im alten England werden Gelübde bei 
Schwänen abgelegt, und als Buße für 
einen getöteten S. muß man so viel Korn 
spenden, daß der am Schnabel aufge¬ 
hängte S. davon bedeckt wird 5 ). Götter 
und Dämonen nehmen S.engestalt an 6 ). 
Verbreitet ist die Sage von den S.en- 
jungfrauen (s. u.) 7 ), Nomen 8 ), Wal¬ 
küren 9 ) als Schwäne; zwei Schwäne am 
Uröbom 10 ); in der märkischen Sage er¬ 
scheint ein Wasserdämon als S. u ), in 
Friesland Hexen 12 ) (vgl. auch unten den 
weissagenden S. [s. Orakel] und die S.- 
Sagen u. Märchen). Schwanfüßige 
Dämonen sind im germanischen Bereich 
nicht mit Sicherheit nachzuweisen 13 ). 
S.Verwandlungen sind schon im Altertum 
vielfach belegt 14 ). Die gerettete Seele ent¬ 
fliegt in S.gestalt (vgl. u. Anm. 34, 41) 15 ). 

Orakeltier. Der S. ist zukunftkün¬ 
dend lö ). Sein Angang bringt Erfolg 17 ), 
besonders den Schiffern 18 ), öfter aber 
Unheil 19 ). Daher vielleicht der Ausdruck 
,,es schwant mir“ 20 ). Zuweilen verkündet 
er Tod 21 ), einmal den Weltuntergang, 
indem er einen Ring in einen See fallen 
läßt 22 ); anderwärts Regen, Kälte oder 
auch Tauwetter 23 ). In einer Olden¬ 
burger Sage weist er den Ort, wo ein 
Kloster zu bauen ist 24 ). 


Zauber. ,,Daß die Liebe nicht ge¬ 
brochen werde, nehme man einen Ring 
des Geliebten u. lege ihn nebst einem von 
sich in das Nest eines S.s“ (Belgien) 25 ). 

,,Böse Geister zu vertreiben: nimm 
die Lunge von einem S. und trage sie 
an deinem Halse“ (Island) 26 ). Der S. 
gilt auch sonst als übelabwehrend 27 ). 

Medizin. ,,Ein junger S., in Öl ge¬ 
kocht, ist ein wunderbare Artzney der 
Nerven und Sennadern. Das dienet auch 
zu den Gebrechen des Sitzes und für den 
Fluß der guldinen Ader“ (Hämorrhoi¬ 
den) 28 ). 

Sagen und Märchen. Nochmals sei 
auf die Sage von den S.enjung- 
frauen verwiesen, denen ihr S.enkleid 
geraubt wurde (s. o. däm. Tier) 29 ). Auch 
ein König bzw. Prinz S. kommt vor 30 ). 
Jungfrauen Verwandlungen ohne das 
Raubmotiv sind in der Sage mehrfach 
bezeugt 31 ). Umgekehrt wird in der Salz¬ 
burger Sage ein S. in eine Jungfrau ver¬ 
wandelt 32 ). Kinder werden Schwäne 33 ). 
Der Geist einer Jungfrau wird in S.en¬ 
gestalt erlöst (vgl. o. Anm. 15) 34 ). 

Durch Richard Wagners ,,Lohengrin“ 
ist die Sage vom Schwanritter all¬ 
gemein bekannt geworden, deren Ent¬ 
wicklung und verschiedene Gestalt hier 
nicht zu erörtern ist 35 ). Nach einer an¬ 
dern Sage weist ein dem Schiffe voraus- 
fliegender S. den Helden nach dem 
Schlosse seiner Herrin 36 ). Weiterhin das 
Märchen ,,S. kleb an“ 37 ). Nach einer 
schlesischen Sage wird ein S. beim Aufruhr 
in Böhmen Hilfe bringen 38 ). Im Voigt¬ 
land weist der S. einen Schatz 39 ). Eine 
märkische Sage erzählt, daß ein Bauer 
beim Graben eine Kette (an der ein 
Schatz befestigt?) gefunden habe, sie 
aber durch das Erscheinen eines schwar¬ 
zen S.s wieder fahren gelassen habe 40 ). 
Merkwürdig ist die elsässische Sage von 
dem toten Ritter, an dessen Stelle ein S. 
tritt (Seelengestalt ? vgl. o. Anm.15. 34 ) 41 )- 
Aus einer brodelnden Quelle in Pommern 
kommt ein S. hervor 42 ). Ein weißer 
S. führt zum ,,Engelland“, Glasberg 
usw. 43 ). 

Verschiedenes. In Pommern u. auf 
Rügen bringt der S. die Kinder, die 


1405 


Schwanger sch af t 


1406 


er aus dem S.stein holt 44 ). Vielleicht 
war der S. Opfertier. Laut Höfler 
Organotherapie 136 soll sich in der 
Opferstätte auf dem Lochenstein (Württ.) 
unter den Opfergebeinen auch der Sing- 
S. gefunden haben (nach Kbl. f. Anthr. 
XIII, 1882, 19). Schwäne als Gebäck 
s. ZfVk. 12, 200. 

Monographie: P. Cassel Der S. in Sage 
u. Leben. 3. A. Berlin 1872 (abgekürzt: Cassel). 

*) Cassel 49 t!.; Lenz Zoologie 386 ff. (mit 
neueren Zeugnissen von Aldrovandi 1634, 
Wormius 1664, Ray 1667, Mauduit 1740, 
Olofsen f 1768 u. a.); antike Stellen 393 ff.; 
Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, 785 f. (kurz vor 
dem Tode 785 15 31 42 , klagend 785 16 , be¬ 
stritten 785 44ff -, Orpheus als S. 785 27 ; Sing¬ 
schwäne, dem Apollo heilig, beteiligen sich, nach 
Aelian. hist. an. XI, 1, an Gottesdiensten im 
Norden 788, wo geradezu Baldur u. Frau Holle 
genannt werden; die Stelle kurz erwähnt auch 
bei Isidor Etym. XII, VII, 19); Isidor a. a. O. 
18; Albertus Magnus De anim. 8, 72; 21, 28; 
23, 32; dazu Killermann Vogelkunde des Alb. 
M. 84 (wo auch Zeugnis von Voigt Exkursions¬ 
buch zum Studium der Vogelstimmen 268); 
Megenberg 174 (,,han ich nie gehoert“); 
Rollenhagen Spiel vom reichen Manne (1590) 
(Neudr. 159); Uhland Schriften 7, 350 (Is¬ 
land); Gomme Gentleman’s Magazine: Pop. 
Super stitions 210; Müllenhoff Altertumsk. 
1, 1 ff. 497 (beobachtet an der Nord- u. Ostsee; 
altgerman. Dichtung); Naumanns Naturgesch. 
d. Vögel Deutschlands 11, 458; Vogelbrehm 
102. Älteste Belege für das Wort „Schwanen¬ 
gesang“: MSchlesVk. 18 (1917), 64 f. (1538). 2 ) 
Mannhardt Germ. Mythen 342; Meyer Germ. 
Myth. 112. 3 ) Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 788. 

4 ) Schwartz Volksglaube 7. 9; Mannhardt 
Germ. Mythen 38 Anm. (zitiert Stuhr Nor¬ 
dische Altertümer 99; Preller Gr. Myth. 1, 159 
{Apollo]; Lauer System d. gr. Myth. 155. 176); 
Meyer Myth. 112. 6 ) Grimm RA. 2, 553. 241. 
*) Grimm Myth. 1, 324. 7 ) Cassel 6 ff.; 

Grimm Myth. 1, 354 s.; Bolte-Polivka 2, 
526; 3, 406 ff.; Hastings 125 f. 8 ) Meyer 
Myth. 168. 9 ) Grimm Myth. 1, 354; 2, 871; 
Hansen Zauberwahn 18. 10 ) Bugge Götter - u. 
Heldens. 437. n ) Kuhn Mark. Sg. 66. 12 ) Mül¬ 
lenhoff Sagen 212; Grässe Preuß. Sg. 2, 
1094 (nach ,,Der Lappenkorb“ 321). 13 ) Wolf 

Beitr. 2, 219 (mißverstanden nach Grimm 
Myth. 1, 356); Simrock Myth. 241. 391; 
Aigremont Fuß - u. Schuh-Symb. 22 (nach 
Simrock); über die schwanenfüßige Jungfrau 
Perlapiinz kann ich nichts finden. 14 ) Pauly- 
Wissowa 2. R. 2, 1, 787 ff. Über Zeus-Leda 
s. Roscher Lex. 2, 19220.; Cassel 4. 

1S ) Meiche Sagen 550; Toter als Sch. ZfdMyth. 
3, 46. Vgl. Weicker Seelenvogel 24. 1# ) Grimm 
Myth. 1, 354 (Fridlev bei Saxo Gr.); Meyer 
Myth. 112 (idem; Elsa im Lohengrin). Antike: 
Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, 789. 17 ) Agrippa 


v. Nettesheim 1, 246. In Grimms Sagen 
Nr. 539 wird der Sch. zweimal als ein ,,Vogel 
guter Bedeutung“ genannt. 18 ) Isidor Etym. 
XII, VII, 19 (nach Aemilius Macer Anthol. 
vet. lat. epigr. et poemat. I, N. 116), vermutlich 
weil die Söhne der Leda, Castor u. Pollux, 
Schifferpatrone waren; Hopf Tierorakel 19. 
19 ) Ebd. 30. 176. 20 ) Grimm Myth. 1, 354 A.; 
dagegen Kluge Et. Wb. 11 549. 21 ) Schwebel 
Tod u. ew. Leben 121 f.; Kuhn Märk. Sg. 67; 
Erk-Böhme Liederhort 1, 10 f. 22 ) Grimm 
Myth. 1, 356 (n. Gottschalk Sagen u. Volks¬ 
märchen der Deutschen [1814] 227). 23 ) Hopf 

Tierorakel 176 (nach Aldrovandi u. a.). 
24 ) Strackerjan 2, 254; ähnlich Kühnau 
Sagen 3, 493. 25 ) Wolf Beiträge 1, 210 (Belgien). 
26 ) ZfVk. 13, 272. 27 ) Seligmann Blick 2, 

131 f. 28 ) Jühling Tiere 245 (n. Gesner 

Vogelbuch ). 29 ) Bolte-Polfvka 3, 406 ff. (zu 

KHM. Nr. 193: Der Trommler), germ. Dich¬ 
tung ib. 416; Grimm Myth. 1, 354 f. (nach 
Afzelius u. Molbech); Mannhardt Germ. 
Mythen 342 (n. Wolf Deutsche Hausmärchen 
217); dazu Bolte-Polivka 2,269. 30 ) Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 342; Bolte-Polivka 3, 
37 f. (zu KHM. Nr. 127: Der Eisenofen). 

31 ) Mannhardt Germ. Mythen 343 (n. Deecke 
Lübische Sagen Nr. 116); Rochholz Schwei¬ 
zersagen 144; Baader Sagen 251; Mannhardt 
Germ. Mythen 343 (= Kuhn u. Schwartz 81). 

32 ) Freisauff Salzb. Sagen 231. 33 ) Grimm 

KHM. Nr. 49; dazu Bolte-Polivka 1, 427; 
Kuhn Märk. Sagen 282; Schmitz Eifel 2, 
16 f. = Zaunert Rheinl. 244 f. 34 ) Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 342 (= Wolf Deutsche 
Märchen u. Sagen 176). 35 ) Sechs Sagen bei 

Grimm Dt. Sagen Nr. 540—545; Cassel 12 ff.; 
Ehrismann Gesch. d. dt. Lit. II, 3, 43 f. 79 ff. 
(mit reicher Lit.); Bolte-Polivka 1, 432 
(zu KHM. Nr. 49: Die sechs Schwäne); 
Hastings ERE. 12, I26 ab ; Mannhardt 
Germ. Mythen 343: Gawan (s. Keller Rom- 
vart 670), Lohengrin (n. von der Hagen 
Schwanensage; Reiffenberg Le Chevalier au 
Cygne ); ZfdMyth. 1, 306 (n. Jbb. d. V. v. Al¬ 
tertumsfreunden im Rheinland XIX 115 f-); 
Grässe Preuß. Sg. 2, 47. 3$ ) Grimm Sagen 

Nr. 539. 37 ) Bolte-Polfvka 2, 41 (zu KHM. 
Nr. 64: Die golden Gans). 38 ) Peuckert Schles. 
Sg. 72. 3# ) Eisei Sagenb. d. Voigtl. 147. 

40 ) Kuhn Märk. Sg. 165. 41 ) Stöber Eis. Sg. 2, 
129. 4a ) Knoop Volkssagen a. Hinterpommern 
50. 43 ) Mannhardt Germ. Mythen 329 ff. 

44 ) Ebd. 343 (nach E. M. Arndt Schriften für 
u. an m. I. Deutschen 3, 547); Heckscher 90; 
Meyer Myth. 88. 112 (n. Jahn Volkssg. a. 

Pommern 390); Urquell 254; Haas Rügensche 
Sg. z 155; Hastings ERE. 2, 663 b . 

Hoff mann- Kray er. 

Schwangerschaft (Schs.), Schwangere 
(Sch.), schwanger (sch.) (vgl. Empfäng¬ 
nis, Geburt, Hebamme, Frau, Wöchnerin, 
Zeugung x )). 


1407 


Schwangerschaft 


1408 


1. Friet de fru ok noch sau rike, 
se geit doch mit ’r kau in’t like, 

sagt ein Sprichwort aus Braunschweig x ) 
in Hinblick auf die neun Monate wäh¬ 
rende Schs. und die darin sich kundgeben¬ 
de Verwandtschaft menschlichen und tie¬ 
rischen Lebens, die am Muttergeschlecht 
immer neu verstanden wurde, auch wenn 
der Geist der Zeit den Menschen sonst 
weitgehend löste von solchem Verstehen. 
Der Volksglaube knüpft vielfältig diese 
Verwandtschaft alles Lebenden 
und Gebärenden. Er läßt die sch.e 
Frau die sch.e Stute aus der Schürze 
füttern 2 ), oder läßt sie den jungen Obst¬ 
baum vor der ersten Ernte schütteln, 
umfassen oder pflanzen 3 ), stellt Be¬ 
ziehungen her zwischen der Sch.n und 
der wachsenden Natur 4 ), nicht nur bei 
Primitiven, sondern auch im kultur¬ 
bewußten Volk, führt die Sch. zum Hei¬ 
ligen in der Natur (Quellen) 5 ), achtet 
ihre besondere Verbundenheit mit dem 
Reifenden der fruchtbaren Erde, z. B. 
wenn er ihr bei gefährlichem Erschrecken 
rät, an ein erntereifes, wogendes Korn¬ 
feld zu denken 6 ), um jenes inneren Ernte¬ 
friedens willen, dessen die Frau in der 
Schs. bedarf und dem Theodor Storm 
deutschen Ausdruck gab: 

Klingt im Wind ein Wiegenlied, 

Sonne warm herniedersieht, 

Seine Ähren senkt das Korn, 

Rote Beere schwillt am Dorn, 

Schwer von Segen ist die Flur — 

Junge Frau, was sinnst du nur ? 

Die sittliche, religiöse und auch aber¬ 
gläubische Wertung der Schs. hängt ab 
davon, wieweit der herrschende oder 
früher einmal herrschend gewesene Kul¬ 
turgeist sich zu den natürlichen Grund¬ 
lagen unseres Lebens bekennt oder in 
welches Licht er sie stellt. So erwähnt 
das Mittelalter in asketischen Schriften 
oder Protesten gegen die Priesterehe die 
sichtbar werdende Schs. mit rohen und 
verächtlichen Worten 7 ); andererseits be¬ 
tonen schon früher Sittenprediger und 
geistige Führer die Achtung vor den 
sch.en Frauen, für die die Kirche öffent¬ 
lich beten ließ 8 ). 

Diese Achtung ist im germanischen 
Heidentum zumal im Norden bezeugt, 


vielleicht im Gegensatz zu Beispielen 
roher Mißachtung der Schs. z. B. in der 
altirischen Sage 9 ), im Alten Testament 10 ) 
oder in mittelalterlichen Erzählungen. Sie 
hängt zusammen mit der natürlichen 
Achtung vor Kind (s. Kindersegen) und 
Nachwuchs der eigenen Art. Diese Ach¬ 
tung und Schonung der Sch.n ist nicht 
Produkt wachsender Zivilisation und ge¬ 
bunden an eine Kulturstufe; sie ist nach 
Ploß „merkwürdig“ verschieden auf 
gleicher Kulturhöhe bei verschiedener 
Rasse n ). Bei den Ainus finden wir sie wie 
in der Hochkultur der alten Mexikaner, 
während die den Ainus benachbarten 
Giljaken der Sch.n keinerlei Erleichte¬ 
rung gewähren und nur bei der Entbin¬ 
dung abergläubische Bräuche (Knoten¬ 
lösen u. a.) beachten 12 ). In der deutschen 
Literatur geht das älteste gedruckte 
Lehrbuch für Hebammen, Rösslins 
Rosengarten (Der swangem frawen und 
hebammen rosegarten, 1513) 13 ) nach 
Text und Bildern zumeist auf Quellen 
aus klassischer Zeit zurück, genau wie 
die noch vor 1500 gedruckte Schrift 
Ortolffs von Bayerland über Schs. und 
Geburt (Diez biechlin sagt wie sich die 
schwängern frawen halten sülle vor der 
gepurt in der gepurt und nach der ge- 
purt) 14 ). Im deutschen Volksglauben 
geht die Bewertung der Schs. gleichfalls 
vielfach direkt zurück auf Vorstellungen 
aus der Mittelmeerwelt. 

Für das nordgermanische Heidentum 
ist eine abergläubische Beachtung der 
sch.en Frau schwer nachzuweisen. Weder 
bei der Borgny der Oddrunargratr 15 ) 
noch bei den uns bekannten sch.en Frauen 
der Saga, etwa des Landnehmers Ingimund 
Weib Vigdis 16 ), oder die isländische Tho- 
runn 17 ), die bei einer Umsiedlung Mutter 
wird, oder die Frey dis Erichstochter, die 
als Sch.e mit unter den ersten Siedlern 
Amerikas ist 18 ), erscheint uns die Schs. 
als von besonders abergläubisch beach¬ 
teter, glück- oder unheilbringender Be¬ 
deutung, und die Gespräche und Ver¬ 
hältnisse, die Schs. und Geburt begleiten, 
zeigen nur Fürsorge und Sachlichkeit. Die 
Wertung der Schs. zeigt sich besonders 
in der altisländischen S a g a in der schonen - 


• ■ 


1409 Schwang 

den und schlichten Bezeichnung des 
sch.en Zustandes; es heißt: nicht heil, 
nicht gesund, unrüstig, unleicht, be¬ 
schwert sein, oder: nicht allein sein, mit 
einem Kinde gehen; niemals ist ein Spott 
dabei 19 ). „Sie ist nicht allein“, heißt es 
auch in Siebenbürgen 20 ). Andere Bezeich¬ 
nungen, wie „in anderen (gesegneten) 
Umständen“, „in der Hoffnung“ sein 21 ), 
unterscheiden sich von dem verächtliche¬ 
ren: „dick“, „hops“ oder jüdisch „mo- 
bäres“ (me ’ubberet, auch machule -me- 
kulläh, eigentlich zugrunde gerichtet) 22 ) 
und zeigen zweierlei Wertung. Ähnlich 
steht es um die Wendungen, die die Be¬ 
fruchtung mit einem Gleichnis umschrei¬ 
ben: sie hat „Kürbisse gesteckt“ 23 ), es 
hat sie ,,dr Herzwurm bsoicht“ 24 ), „sie 
hat sich eine Schmiedeberger Schürze 
gekauft“ 25 ), „sie hat sich an der Wagen¬ 
deichsel gestoßen“ 26 ), er hat „eingesät“, 
„sie beurbert“ (zu urborn, mhd. Acker 
urbar machen) 27 ), er hat ihr „a krumps 
Fürda (Fürtuch) kaft“ oder deutlicher: 
er hat „sei Weib verschandelt“ 28 ). 

Im allgemeinen bleibt Spott und Mi߬ 
achtung überall den Sch.en fern; sie 
werden im Gegenteil in Ehren gehal¬ 
ten und genießen allerlei Vorrechte 29 ). 
Die Sch.e darf etwa beim Essen zuerst 
zulangen 30 ) und beim Eintritt in fremde 
Wohnung werden ihr Brot und andere 
Lebensmittel gebracht 31 ). Sie darf sich 
Brot in fremdem Hause schneiden, Früch¬ 
te in fremdem Garten brechen 32 ), Mund¬ 
raub begehen (wenn sie es gleich ver¬ 
zehrt) 33 ), und ähnlich genießt sie ein 
besonderes Fischrecht für je eine Mahl¬ 
zeit 34 ); sie darf auch einmal zu unrecht 
schimpfen u. a. m., und nicht einmal 
aufs Rathaus befohlen werden deshalb 35 ). 
Den Pferden, die die Sch.e fahren sollen, 
gibt man Brot, damit sie Rücksicht neh¬ 
men 36 ). Selbst einem sch.en Bettelweib 
darf man nichts abschlagen 37 ); wer es 
tut, dessen Kleider fressen die Mäuse 
u. a. 38 ). Die Sage erzählt von dem Edel¬ 
mann, der eine um Arbeitsbefreiung bit¬ 
tende Sch.e nicht schont, und dem dann 
zur Strafe von seiner eigenen Frau eine 
Mißgeburt (ein Tier!) geboren wird 39 ). 
SchonungundBefreiung von schwe- 

B ä c b t o Jd - S t ä u b 1 i, Aberglaube VII 


erschaft I4IO 

rer Arbeit (schwer heben) wird allge¬ 
mein gefordert, und selbst der Wiking 
Palnatoki in der Joms vikingasaga 40 ) t 
der seine Magd, die von einem Königs¬ 
besuch sch. wird, „aus der Arbeit nimmt, 
bis ihr Zustand sich erleichtert habe“, 
tut damit etwas Selbstverständliches auch 
jenseits der Taufe, soweit es eben aus 
Gründen der Gesundheit notwendig war. 

Daß die Sch.e manchmal einen be¬ 
sonderen Platz in der Kirche bekommt, 
in der hintersten Reihe, nicht weit von 
der Tür, oder stehen muß 41 ), geht auf 
eine andere Bewertung der Sch.s (als 
eines unreinen Zustandes) zurück, wie 
sie mittelalterliche Schriftsteller zeigen 42 ), 
und die besondere Benediktionen und 
kirchliche Fürbitten nötig macht 43 ). Da¬ 
mit wird vielfach zusammen gebracht, 
daß es der Sch.n oft verwehrt ist, 
Gevatter zu stehen oder vor Gericht 
den Eid zu leisten (s. u.). Ob hier ein 
| Rechtsgedanke, Sch.e als nicht eidfähige, 
„nicht vollgültige Persönlichkeit“ am An¬ 
fang stand oder die „mystische Ursache“, 
„die Scheu vor der Nähe von etwas Un¬ 
geweih tem“ 44 ), ist vom germanischen 
Gebiet her zugunsten des Rechtsgedan¬ 
kens zu entscheiden. Die Sch.e haftet 
nicht mehr für sich allein (vgl. die Gel¬ 
tung der Sch.s im germ. Recht), weshalb 
sie in Scheu vor einem unbewußten Mein¬ 
eid den Eid verweigern darf und nach 
ältesten Volksrechten unter höherem Wer¬ 
geid steht 45 ). 

Die Vorstellung von abergläubisch ge¬ 
fürchteter oder religiös bedingter Un¬ 
reinheit der Sch.en 46 ) fehlt in den 
Überlieferungen des altgermanischen Hei¬ 
dentums 47 ). Sie hängt offenbar mit den 
hier fremden Tabu Vorstellungen und dann 
mit einer fremden Wertung der Frau und 
des Sexuellen zusammen. Es ist deshalb 
sehr fraglich, wieweit man die Vorstel¬ 
lungen von Unreinheit, Gefährlichkeit, 
unheilbringender oder auch zauberischer 
! „Macht“ der Sch.en im deutschen Aber¬ 
glauben als Reste älterer Kulturstufen 
ansprechen darf, wieweit hier das „Tabu“ 
von „Personen, die sich in einem anor¬ 
malen und deshalb gefährlichen Zustand 
I befinden“ 48 ), vor die uns natürlichere 

45 


I4H 


Schwangerschaft 


1412 


Auffassung von heilvoller und glück¬ 
verheißender Macht der werdenden 
Mutter inmitten ihrer sie schützenden 
Gemeinschaft gestellt werden darf. „Die 
schwangere Frau ist unrein“, sagt Edvard 
Lehmann 49 ), , ,und den Angriffen der bösen 
Geister in so hohem Grade ausgesetzt, 
daß sie auch ihrerseits zumal für die Um¬ 
gebung gefährlich wird; ja, noch in einigen 
Ländern Europas gilt, daß sie den bösen 
Blick hat, daß sie dem Brennen des Feuers 
schadet u. ä.“. Bei den Japanern darf 
eine sch.e Frau „von der Zeit, wo sie den 
obi (,,Gürtel“) umbindet, bis 100 Tage 
nach der Geburt keinen Schrein be¬ 
suchen“, „bei den Griechen mußte sich 
die Mutter 40 Tage nach der Entbindung 
vom Heiligtum fernhalten“ 50 ), bei den 
alten Indern ist die Sch.e vom dritten 
Monat an den gefährlichen Mächten aus¬ 
gesetzt und wird durch Baden und Feuer 
geschützt 51 ) (vgl. die Schs.-Riten bei 
Naturvölkern) 52 ). So leicht dieser Zug 
allgemein menschlich sein könnte (obwohl 
die Schs. einem seßhäften Volk als „nor¬ 
mal“ gelten kann), so sehr muß doch die 
in der Welt so verschiedene Bewertung 
des Geschlechtlichen und der Frau hier 
beachtet werden, und für den deutschen 
Volksglauben in Rechnung gestellt wer¬ 
den, daß die alt jüdische (Lev. 12, 2—4) 
und biblisch-klerikale Wertung der un¬ 
reinen Frau und der in Sünde empfan¬ 
genen Geburt die Wertung der Sch.en 
bei uns verändert haben muß 53 ). Da¬ 
durch gewinnt das Fehlen der Vorstellung 
von unreiner und deshalb unheilvoller 
Schs. in den germanisch heidnischen 
Überlieferungen an Beweiskraft. Es ist 


Überlieferungen an Beweiskraft. Es ist 
auch Tatsache, daß in dem auf die Schs. 
bezüglichen deutschen Volksglauben die 
Vorstellung von geheimnisvollen Zusam¬ 
menhängen zwischen dem Tun und Lassen 
der Sch.en und dem Glück und Schicksal 
des Kindes im Mittelpunkt steht. Man 
wird deshalb nicht ausgehen dürfen von 
jener primitiven Vorstellung der Unrein¬ 
heit und Gefährlichkeit der Sch.en, son¬ 
dern an die Möglichkeit späterer Aus¬ 
bildung dieser Vorstellung denken dürfen 
und auch die Frage stellen, wieweit sich 
selbst die Vorstellungen von besonders 


gefährdeter und unheilbringender Schs. 
ohne heidnische böse Geister, die das 
unrein Gewordene gefährden, er¬ 
klären lassen. Z. B.: 

Das bisweilen gegen Zauberei über die 
Haustür gehängte Sträußlein von Dosten 
und Dorant (s. 2, 361 ff.), das „jede 
Sch.e mit sich tragen sollte“ 54 ), vertreibt 
nach einer Thüringer Erzählung den Un¬ 
hold aus der Geisterwelt, der eine Sch.e 
in den Keller lockte 55 ). Solche Ge¬ 
schichten beschränken sich aber in keiner 
Weise auf die etwa besonders bösen 
Geistern verfallene sch.e Frau, sondern 
sind wie die Schutzmittel ganz allge¬ 
mein in einem Aberglauben, dem ge¬ 
rade das Heilige und Reine (z. B. auch 
der Priester) besonders vom Teufel be¬ 
droht erscheint. 

A ) And ree Braunschweig 286. 2 ) Schön- 

werth Oberpfalz 1, 324 f. 3 ) Mannhardt 
1, 51 f.; Fogel Pennsylvania 2T t u. a. 4 ) Frazer 
1, 140 ff. 5 ) Se bi Hot Folk-Lore 2, 242. 6 ) Meyer 
Baden 387. 7 ) Vgl. Theiner Die Einführung 

der erzwungenen Ehelosigkeit bei den christlichen 
Geistlichen und ihre Folgen. 3. Aufl. 1892 — <* 3 . 
8 ) Falk Ehe des Mittelalters 4 f. 9 ) Thurneysen 
Sagen aus dem alten Irland 23; Ders. Die 
irische Helden- und Königssage 302. 10 ) Vgl. 
etwa Amos 1, n f. 11 ) Floß Kind 1, 25 ff. 
12 ) Ebd. Vgl. A. M. Pachinger Die Sch. und 
das Neugeborene im Glauben und Brauch der 
Völker, Anthropophyteia 3 (1906). 13 ) Neu¬ 

druck München 1910 v. G. Klein. l4 ) Neu¬ 
druck München 1910 v. G. Klein, vgl. noch 
Fr. Mauriceau Der sch.n u. kreissenden Weihs¬ 
personen allerbeste Hülffleistung, deutsch Nürn¬ 
berg (Hofmann) 1681. 13 ) Edda (Neckel) 

228 ff. 16 ) Vatnsdölasaga 15, 5. 17 ) Landnama- 
bok III; die Insel im Fjord, wo sie gebiert, 
wird nach ihr genannt, das Neugeborene be¬ 
kommt den Zunamen ,.Inselsonne". 18 ) Eiriks- 
saga rauda. 19 ) Krause Die Frau in der 
Sprache der isländischen Familiengeschichten 229. 
20 ) Wittstock Siebenbürgen 76. 21 ) V'gl. 
Hoff mann-Krayer 22; Hillner Siebenbürgen 
qf.; Mannhardt Germ. Myth. 305; Gassner 
Mettersdorf 6; Meyer Baden 380. * 2 ) Höhn 

Geburt 256. 23 ) Meyer Baden 386. 24 ) Schra- 
mek Böhmerwald 179. 25 ) Drechsler 1, 177. 

26 ) Schönwerth Obe;pfalz 1, 152. 27 ) Drechs¬ 
ler i, 177. 28 ) Schramek Böhmerwald 179. 

29 ) Höhn Geburt 258. 30 ) Meyer Baden 

386. 3l ) Höhn Geburt 258; Meyer Baden 386. 

32 ) Meyer Baden 386; Eckart Südhannover. 
Sagen 141. 33 ) Meier Schivaben 1, 476; Wuttke 
§ 571; Peschue 1 -Loe.sche l'olksk. v. Loango 
216; Grimm RA. 1, 564 t. 34 ) Höhn Geburt 
258; Meyer Baden 387; Sartori Sitte r, 
21; Grimm RA. 1, 564!. 33 ) Höhn Geburt 


2 t 


Schwangerschaft 


1414 


r 

1413 


258. 36 ) Sartori 1, 22 (Mähren). 37 ) Höhn 

Geburt 258. 38 ) Urquell 4, 188. 39 ) Bir- 

linger Aus Schwaben 1, 87 t.; Schönwerth 
Oberpfalz 1, 153. 40 ) Thule 19, 398. 4l ) Meyer 
Baden 387; Höhn Geburt 258. 42 ) Franz 

Benediktionen 2, 186 f. 43 ) Z. B. Schultz 
Alltagsleben 194; Niderberger Unterwalden 
3, 16. 44 ) Ploß Weib (8. Aufl.) 1, 860; ZfVk. 
17 (1907), 165. 45 ) Ploß Kind 1, 31; Grimm 
RA. 1, 564 p Für rechtliche Bewertung der 
Schs. in nachmittelalterlicher Zeit vgl. etwa 
Pagenstecher De jure ventris, vom Recht 
schwangerer Weiber, Bremen 1704, oder J. J. 
Beck Von Schwäch- und Schwängerung der 
Jungfern und ehrlichen Wittwen Nürnberg 1743. 
48 ) Wächter Reinheit 142. 47 ) Vgl. aber 

Weinhold Frauen 2, 347 und Wikman 

Tabu- och orenhetsbegrepp i nordgermansk folk- 
tro om könen, in Folklorist, och etnogr. Stu¬ 
dier II, Helsingfors 1916. 48 ) Chantepie 

de la Saussaye 4 153. 49 ) Ebd. 1, 56. 

50 ) Ebd. 1, 279. 5l ) Ebd. 2, 44. 52 ) Z. B. Gen- 
nep Rites de passage 12. 57 ff. M ) Vgl. Samter 
Geburt 22 Anm. 1. 64 ) SAVk. 23 (1921), 163. 

55 ) Regel Thüringen 2 (1895), 669. 

2. Die Sch.e, im Zustand gewisser 
Schwäche und Schutzbedürftig¬ 
keit, bedient sich bestimmter Schutz¬ 
mittel, Schutzgürtel (Gürtel Mariae) 5# ), 
Schutzbriefe gegen Gespensterschaden 57 ), 
Amulette 58 ) (vgl. den Tahong der sch.en 
„Semang“-Frauen auf Maläka, eine vor 
fremder Sicht gehütete Darstellung aller 
Zustände 59 ) der Schs. und ein Zauber 
gegen ihre Beschwerden) oder des Feuer- 
segens („Bis willkommen, feuriger 
Gast“) 60 ), und damit nach uralter Vor¬ 
stellung überhaupt des vor dem Bösen 
schützenden (Herd-)Feuers und seiner 
Nähe. Sie fürchtet das Dunkel und die 
wüde Jagd 61 ), den bösen Blick, der den 
Foetus bannen und also die Geburt hem¬ 
men kann 62 ). Aus Angst vor dem Bösen 
darf sie nach Gebetläuten oder mitter¬ 
nachts 63 ) nicht aus der Stube 64 ) oder 
aus dem Hause 65 ) gehen, oder abends in 
bloßem Kopfe nicht ausgehen 66 ). Be¬ 
sondere Gefährdung der Sch.en durch 
den bösen Blick erwähnt Seligmann 67 ) 
für Italien, Rußland, Indien und Af¬ 
ghanistan. Hierher kann man noch stellen 
die Vorschrift, die Sch.e soll nicht zu 
Begräbnissen gehen 68 ), man soll sie nicht 
zu Gevatter bitten 69 ), und nicht bei Ge¬ 
burten helfen oder Zusehen lassen 70 ). Man 
sorgt zumal bei der Patenschaft einer 
Sch.en 71 ) (die „zwei Schürzen vorbin¬ 


den“ muß, Pommern) 72 ), sowohl für das 
Leben der Sch.en und ihres Kindes wie 
für das Kind der anderen 73 ); man glaubt, 
daß der Täufling nicht alt wird 74 ) oder, 
wenn es ein Mädchen ist, „nicht ehrlich“ 
bleibt 75 ); oder man sagt, daß die Sch.e 
ihr Kind im Leib erdrückt, wenn sie den 
Täufling darüber hält 76 ). Ähnlich meidet 
die Sch.e ausdrücklich um des Kindes 
willen das Schwören vor Gericht 77 ), 
nach Oldenburgischer Meinung, „damit 
das Kind später nicht viel mit dem Gericht 
zu tun bekomme“ 78 ). Seltsam ist das 
Verbot, auf der Türschwelle des Hauses 
einer Sch.en ein Messer zu wetzen 79 ). 
Die Fürsorge für die Sch.e und ihr 
Kind kann alle diese Vorschriften ge¬ 
boren haben, und nur verhältnismäßig 
gering scheint eine ursprüngliche Scheu 
vor der Sch.en hier mitzuwirken. Hierher 
gehört es auch, daß Sch.e nicht zur Tanz¬ 
musik gehen sollen, weil die Burschen 
dann rauflustig werden 80 ) oder daß nach 
einem schwedischen Aberglauben Wunden 
nicht mehr geheilt werden können, wenn 
böse Augen oder sch.e Frauen sie ange¬ 
sehen haben 81 ), oder daß Sch.e an un¬ 
heimlichen Wegstellen vom Wagen 
steigen müssen, weil sonst die Pferde 
durchgehen 82 ). Hierher gehört auch die 
Verwendung der Sch.en in der Mantik 83 ) 
und der mit härtester Todesstrafe ge¬ 
ahndete Mißbrauch Sch.er zu bösem 
Zauber M ), z. B. Verwendung von Grab¬ 
erde einer in Schs. gestorbenen Frau oder 
vom Gras auf solchem Grab im Liebes¬ 
zauber 85 ). Die Geschichte vom Heuer¬ 
mann oder Müller, der seine sch.e Frau 
(an den Juden zwecks Zauberei) verkaufte, 
führt ins Mittelalter zurück 86 ). Endlich 
sei hier genannt der Glaube galizischer 
Juden, daß die Bestattung einer Sch.en 
mit ungeborenem Kind eine Gefahr für 
die ganze Stadt bedeutet 87 ). Diese Vor¬ 
stellungen führen meist in fremdes Gebiet, 
so bei Tartaren der Glaube, daß der böse 
Bück Sch.er Augenleiden erzeuge, oder 
in China der Brauch, Kinder vor dem 
Blick einer Sch.en und ihres Mannes 
zu schützen 88 ). 

56 ) Ploß Kind 1, 31; Gürtel 2 m lang, angeblich 
das Maß von Mariä Gürtel; Gürtel der hl. 


1415 


Schwangersch af t 


1416 


Margarethe zu St. Germain. Die Länge nach 
dem Bild des hl. Sixtus bemessen; Grimm 
Myth. 3, 417. 57 ) Mitt. Anh. Gesch. 14. 12. 

68 ) Pollinger Landshut 239; z. B.: Bei Zi¬ 
geunern ein um den Leib gebundenes Täfelchen 
aus Eselsknochen, bei abnehmendem Mond mit 
Kinderblut bespritzt, Urquell 3, 8. 59 ) Se¬ 
ligmann 1, 241 f. 60 ) Birlinger Volksth. 

1, 202. 61 ) Gräber Kärnten 84. 62 ) Se¬ 
ligmann 1, 197. 63 ) Schramek Böhmerwald 

179. 64 ) Grüner Egerland 35; John West¬ 
böhmen 101. 6S ) Meyer Baden 387. 66 ) Bir¬ 

linger Schwaben 1, 392; Wuttke § 57 2 » 
Sebillot Folk-Lore 1, 160 f. 67 ) Seligmann 

1, 194. 68 ) Höhn Tod 340. 69 ) Strackerjan 

2, 201. 203; vgl. Schönbach Berthold v. R. 

152; Schönwerth Oberpfalz 1, 154. 70 ) Grüner 
Egerland 35. 71 ) Vgl. Hof fmann-Kray er 23. 
72 ) Urquell 6, 94. 73 ) Grimm Mythol. 3, 453 

Nr. 547 (440 Nr. 176); Wuttke § 594* 57 1 '» 
Lammert 172; Drechsler 1, 179; Hansen 
Charakterbilder (Hamburg 1858) 11; Panzer 
Beitrag 1, 308; ZfrwVk 1905, 179; Köhler 
Voigtland 435; Strackerjan 1, 55; Gaßner 
Mettersdorf 9 f. 74 ) Rochholz Kinderlied 295; 
Meyer Baden 22; Kuhn Westfalen 2, 35. 
75 ) Knoop Hinterpommern 157. 76 ) ZfVk. 17, 

164. 77 ) Urquell 3, 185 ff., Bericht aus Oslo. 

78 ) Strackerjan i, 52. 79 ) Schönwerth 

Oberpfalz 3, 280. 80 ) Schramek Böhmerwald 

179. 81 ) ZfVk. 11, 318. 82 ) Kühnau Sagen 

1, 328. 83 ) Vgl. Kiesewetter Faust 466ff. 

84 ) Vgl. Müller Aargau 1, 384 nach Osen- 
brüggen Dt. R. A. „Wer einer sch.en Frau 
den Leib auf schneidet, der soll auf die Richt¬ 
statt geführt und allda sein Leib mit feurigen 
Zangen zerrissen und unter dem Galgen be¬ 
graben werden“. 85 ) Krauss Rel. Brauch 136. 
86 ) Als geschichtl. Tatsache wird der Verkauf 
einer Sch.en durch den Ehemann an einen Juden 
zwecks Zauberei mit der Frucht aus dem An¬ 
fang des 19. Jh.s erzählt. Die Kinder haben 
den Handel belauscht, die Mutter gewarnt. Die 
Brüder der Sch.en verprügeln den Juden; der 
Mann kommt ins Zuchthaus; Strackerjan 
Oldenburg 2, 201. Der älteste Fall dieses Aber¬ 
glaubens in Deutschland: Keller Fastnachts¬ 
spiele 1349; vgl. ferner Böckel Volkslieder 
XXVII. XXVIII (Sch.e ermordet); Birlinger 
Aus Schwaben 1, 115. 339. 5 ° 9 ; Rochholz 
Kinderlied 344; Wolf Beiträge 1, 216; Panzer 
Beitrag 2, 295; Schulenburg 236. 244, 125; 
Alemannia 4, 36 u. a. 87 ) Urquell, N. F. 1897, 
1, 270. 88 ) Seligmann 1, 203 mit Literatur; 

vgl. auch 2, 286. 

3. Daneben steht der Glaube an 
besondere Heil- und Segenskraft in 
der Sch.en. „Als bewährte Trägerin der 
Fruchtbarkeit“ kann sie „ihre gesegnete 
Kraft auch anderen übermitteln“ 89 ). Sie 
ist heilbringend im Angang 90 ). Ihr 
Besuch bei Neuvermählten bringt Kinder¬ 
segen 91 ). Ihr am Neujahrsmorgen zu 


begegnen, ist glückbringend 92 ). Der 
Obstbaum oder Nußbaum, dessen erste 
Ernte eine Sch.e bricht, schüttelt oder 
verzehrt, wird alle Jahre gut tragen 93 ). 
Sie vermag Raupen zu vertreiben 94 ) (mit 
Spruch: Raupen, scheret euch, die 
Schwangere jaget euch usw.) und die 
Geburt der Haustiere zu erleichtern, z. B. 
wenn sie die sch.e Stute Heu aus ihrer 
Schürze fressen läßt (s. o.) 95 ). Nach 
Albertus Magnus vermag die sch.e Frau 
durch Kleidertausch ihrem fieberkranken 
Mann das Fieber abzunehmen 96 ). Nach 
schlesischem Aberglauben kann sie den 
Mann heilen, indem sie mit dem Fuß ihm 
auf den Leib tritt 97 ). Auch Überbeine 
heilt sie, indem sie darauf tritt 98 ). Bis¬ 
weilen wird sie auch für hellsichtig 
gehalten; ihre Träume zumal in der 
letzten Zeit gelten für bedeutungsvoll 99 ). 
Der Traum von einem Verstorbenen zeigt 
ihr an, daß dieser einen Namensvetter 
sucht nach nordischem Volksglauben 100 ). 
Nach einer Sage hörte man einst eine 
scheintot begrabene Sch.e im Grabe ein 
Kinderlied singen und fand Mutter und 
Kind am Leben 101 ). 

89 ) Sartori Sitte 1, 21. 90 ) Z. B. Hillner 

Siebenbürgen 13. 91 ) Wuttke §288. 92 ) Schra¬ 
mek Böhmerwald 124; John Westböhmen 27. 
93 ) Fogel Pennsylvania 209; Meyer Baden 
386; Birlinger Schwaben 1, 39°; Wuttke 
§ 572; Vernaleken Alpensagen 315; Grimm 
Myth. 3, 455 Nr. 622. 94 ) Engelien-Lahn 

272. 95 ) Schönwerth 1, 325. 96 ) A. M. De 

mirabilibus Mundi 176; Meyer Aberglauben 103. 
97 ) Drechsler 1, 179. 98 ) ZfVk. 4, 46; Kuhn 
u. Schwartz 463. 99 ) Lammert 158. 10 °) 

Liebrecht Zur Volksk. 311. 101 ) Ebd. 60. 

4. „Soll das zu erwartende Kind 
körperlich, geistig und sittlich gesund 
sein, so muß die Sch.e gewisse Vorsichts¬ 
maßregeln beobachten inbezug auf ihre 
Nahrung, ihre Handlungen, ihre Ein¬ 
drücke, Arbeiten usw.“ 102 ). „Was die 
Sch.e tut und läßt, geschieht mehr mit 
Rücksicht auf die Frucht ihres Leibes 
als auf sie selbst; denn durch alle mög¬ 
lichen Handlungen kann das Kind im 
physischen und moralischen Sinne beein¬ 
flußt werden“ 103 ). Der Aberglaube geht 
hier von tatsächlichen Zusammenhängen 
aus und über diese weit hinaus 104 ). 

Konrad von Megenberg nennt in 


1417 


Schwangerschaft 


1418 


seinem „Buch der Natur“ als vierzehntes 
Kennzeichen der Schs. „das Auftreten 
schädlicher Gelüste“ 105 ) (nach Ablauf 
des ersten oder zweiten Monats). Die 
Beobachtung dieser anormalen Schs.- 
Gelüste findet im Volksglauben starken 
Widerhall. Der von Cysat als Anflug 
von Kannibalismus berichtete Biß in den 
Schenkel des Mannes 106 ) bleibt freilich 
vereinzelt. Die „picae gravidarum“ 
richten sich meist auf unzeitgemäße und ! 
absonderliche Speisen 107 ), aber auch 
(z. B. bei den Hindus) auf kostbare Klei¬ 
der und besondere Spaziergänge in Gärten, 
wo Bäche rieseln u. a. m. 108 ). Der Aber¬ 
glaube rät, diese Gelüste unbedingt zu 
erfüllen 109 ) und der Sch.en nichts abzu¬ 
schlagen ll °) oder nichts Gutes vor ihr 
zu essen, ohne ihr davon zu geben 111 ), 
weil das üble Folgen hat für das 
Kind 112 ): Man meint, es wird immer 
die Zunge herausstrecken 113 ), oder es 
wird das betreffende, der Mutter ab¬ 
geschlagene Gericht nie essen lernen 114 ), 
es wird ohne Nase oder mit Wolfsrachen 
geboren u. a. m. 115 ). So erklärte man 
auch eine rettichförmige Geschwulst am 
Kind (in Baden) als Folge unbefriedigten 
Verlangens der Sch.en nach Rettich 116 ). 

In Schlesien führte man die Schuppen¬ 
krankheit auf ein der Sch.en abgeschlage¬ 
nes (oft unheilvoll gedeutetes 117 )) Gelüst 
nach Fisch zurück 118 ). Auch Gelüste 
nach unreifem Obst, nach Kirschen und 
Beeren müssen befriedigt werden, sonst 
zeigt sich ein entsprechend geformtes Mal 
beim Kind 119 ), wie überhaupt Mutter- 
mäler teils allgemein entweder als Folge 
des „Versehens“ (s. u.) oder als Folge der 
Nichtbefriedigung solcher „Gelüste“ auf¬ 
gefaßt werden 12 °). 

Es gibt aber auch gelegentlich be¬ 
stimmte Speiseverbote für Sch.e (s. u.) 
und abergläubisch beachtete Diätvor¬ 
schriften 121 ). 

Unzählig sind die Dinge, die die Sch.e 
um des Kindes willen nicht tun darf, 
und die vernünftige Forderung, daß sie 
zwar keine zu schwere Arbeit tun soll, 
aber durchaus tätig sein soll, daß sie etwa 
dreimal täglich die Stube fegen 122 ) oder 
täglich zwanzigmal den Besen die Stiege 


hinaufwerfen soll 123 ), würde durch den 
Aberglauben wirkungslos gemacht, wenn 
alle diese Verbote 124 ) zugleich in jeder 
Gegend Geltung hätten. 

Die Sch.e darf kein Unrecht be¬ 
gehen, sonst tut das Kind dasselbe 125 ), 
so darf sie zumal nicht fluchen und steh¬ 
len 126 ), ja nicht einmal eine Ähre ab- 
zupfen 127 ). 

Sie darf nicht durchs Fenster in ver¬ 
schlossenes Zimmer steigen, sonst wird 
das Kind ein Dieb 128 ), nicht zur Bleiche 
gehen, sonst wird das Kind bleich 129 ), 
nicht durchs Schlüsselloch sehen, sonst 
wird das Kind neugierig 130 ) oder schielt 131 ). 

Das Kind wird ein Säufer, wenn die 
Sch.e aus einer Flasche trinkt 132 ), es 
wird naschhaft 133 ), unersättlich 134 ) oder 
gefräßig oder bekommt Mitesser, wenn 
die Sch.e im Stehen vor dem Eßschrank 
ißt 135 ); oder es wird geil, wollüstig, un¬ 
züchtig, wenn die Sch.e Hahn-, Ziegen¬ 
bock- oder Stierfleisch ißt 136 ). In Braun¬ 
schweig macht das Überschreiten einer 
Wagenkette das erwartete Kind zum 
Säufer oder liederlich 137 ). Das Schmieren 
des Wagens macht das Kind schmutzig 
u. a. m. 138 ). 

Ähnlich wie der Charakter, hängt 
auch Glück und Schicksal, äußere 
Gestalt und Krankheit des erwarteten 
Kindes vom Benehmen der Sch.en ab. 
Die Sch.e darf sich nicht aufs Wasser¬ 
gefäß setzen, sonst ertrinkt das Kind 139 ), 
nicht über die Deichsel schreiten, sonst 
verfällt es dem Scharfrichter 140 ). Die Sch.e 
darf nicht spinnen, Garn wickeln, sonst 
spinnt sie dem Kind den Henkerstrick 141 ) 
oder der Nabelstrang legt sich um seinen 
Hals bei der Geburt 142 ) desgleichen, 
wenn sie unter der Waschleine hindurch¬ 
geht, einen Strick statt eines Gürtels 
trägt oder über einen Strick schreitet 143 ). 
Stiehlt sie Krautköpfe, stirbt das Kind 
durch den Henker 144 ); sticht sie Brot 
mit Messer oder Gabel an, werden dem 
Kind die Augen ausgestochen 145 ). Die 
Sch.e darf nicht über ein Grab oder auf 
den Kirchhof gehen; sonst stirbt das 
Kind 146 ), oder wird ein „verschlafenes“ 
Kind 147 ). 

Sie darf keiner Hinrichtung, keinem 


1419 


Schwangerschaft 


Schwangerschaft 


1422 


„armen Sünder“ nachgehen 148 ), mit kei¬ 
nem Toten zu tun haben, keinen Toten 
sehen und ihm die Augen schließen, keine 
Kindsleiche tragen, sonst hat das Kind 
Totenfarbe 149 ), kann den Mund nicht 
schließen 15 °), bekommt eingefallene oder 
blinde Augen 151 ) oder stirbt 152 ). Unglück 
bringt es dem Kind, wenn die Sch.e an 
der Tischecke sitzt u. a. m. 153 ). 

Bezeichnend ist, daß man meint, das 
Kind wird geschwätzig oder kommt in 
übles Gerede, wenn die Sch.e ihren Zu¬ 
stand ausplaudert, ehe es andere mer¬ 
ken 154 ). Die Sch.e darf nicht aus einer 
Kelle kosten, sonst schreit das Kind 
viel 155 ), nicht aus einem Kessel essen, 
sonst stammelt das Kind 156 ). Die Sch.e 
darf nicht baden, sonst wird das Kind 
blind 157 ), nicht in Vollmond sehen, sonst 
wird es mondsüchtig 158 ), nicht über ver¬ 
dorrtes Rasenstück schreiten, sonst welkt 
es, wenn es das Alter der Mutter hat 159 ), 
nicht in den Ofen blasen, sonst bekommt 
es kurzen Atem 180 ), nicht in unreines 
Wasser greifen, sonst bekommt es grobe 
Hände 161 ). 

Die Sch.e darf nichts mit der Schürze 
abwischen und sich keinen Blumenstrauß 
voraustragen lassen, sonst wird das Kind 
ungestüm oder bekommt stinkenden 
Atem 162 ). Die Hasenscharte bekommt 
es, wenn die Sch.e über das Lager eines 
Hasen geht 163 ) oder das Maul eines Hasen 
sieht 164 ) oder aus einer abgeschlagenen 
Tasse trinkt 165 ). Schieläugig wird es, 
wenn die Sch.e über ,, Schwindelhafer“ 
(lolium temulentum) schreitet 166 ) oder 
sich gegen schlechten Geruch die Nase 
zuhält 167 ). Es wird ein Kahlkopf oder 
bekommt früh graues Haar, wenn sich 
die Sch.e das Haar (bei zunehmendem 
Monde) schneidet 168 ) oder wenn sie über 
Barbierschaum schreitet 169 ). Sie soll 
sich aber morgens rasch kämmen und 
waschen, schöne Gegenstände und Bilder 
betrachten, hübsche Kinder ins Haus 
nehmen, damit ihr Kind sauber, brav 
und hübsch wird 170 ). 

Die Sch.e darf sich nicht auf Stein 
setzen und sich nichts in die Schürze 
zählen lassen, sonst bekommt das Kind 
den Stein 171 ). Sie darf weder Wasser 


1420 

tragen noch kaltes Wasser trinken, sonst 
bekommt das Kind den Speichelfluß oder 
einen Wasserkopf 172 ). Niemand darf 
ihr über die Füße laufen, sonst wird das 
Kind krumm 173 ). Sie darf nicht von 
verkrüppeltem Vieh oder Geflügel essen, 
sonst bekommt das Kind den gleichen 
Schaden 174 ) (von keinem Raubvogel, von 
keiner Frucht mit harter Schale u. a. 175 )), 
wie sie auch nicht Kranke ansehen und 
Mißgestalteten begegnen darf 176 ). 

Eine Warnung vor schwerer Arbeit 
liegt wohl in dem Glauben, daß sie nicht 
Sand graben darf (sonst bekommt das 
Kind Ungeziefer) 177 ) und nicht (in der 
Stube) Äxte schäften soll 178 ), nicht Holz 
übers Knie brechen soll a. u. m. 179 ). 

Besonders zu werten ist vielleicht das 
Verbot, die Schs. abzuleugnen 180 ). 

102 ) John Westböhmen 100. 103 )Sartori 1,21 ; 
Ploss Kind 1, 10 ff. 104 ) John Erzgebirge 47. 
105 ) Megenberg Buch der Natur 30h 106 ) Cy- 
sat 31; vgl. Aug. Petraeus Curiose Gedanken 
von der Lüsternheit der sch. Weiber, Dresden u. 
Leipzig 1701. 107 ) Vgl. Ploss Kind 1, 43h.; 

Sebillot Folk-Lore 4, 449; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 1, 153; Gassner Mellersdorf 9; Kuhn 
Märkische Sagen 383; Hillner Siebenbürgen 
10, 14; Pollinger Landshut 288L; Wittstock 
Siebenbürgen 72. 108 ) Seligmann 1, 169. 

1M ) Zu Anm. 107 noch Höhn Geburt 257; 
Andree Braunschweig 286. uo ) Lammert 
161; Wuttke 372. m ) Birlinger Volksth. 
1, 496. 112 ) Ploss-Bartels 1, 948h.; Manz 

Sargans 86. 113 ) ZfVk. 23, 277. 114 ) Höhn 

Geburt 257. 115 ) Lammert 161. 116 ) Meyer 

Baden 387. 117 ) Grimm Mythol. 3, 459 Nr. 727. 
118 ) Drechsler 1, 178. 119 ) Ebd. 1, 178; Stoll 
Zauber glauben iogf. 12 °) Vgl. noch SAVk. 
5, 187 Nr. 104; Schweizld. 4, 151; Hovorka- 
Kronfeld 2, 767t. 121 ) Ploss Kind 1, 39h.; 

Andree Parallelen 1, 115t. 301; Vonbun Bei¬ 
träge 66 f.; Vernaleken Alpensagen 220; 
Jecklin Volkstümliches 147. 122 ) Schramek 

Böhmerwald 179. 123 ) Meyer Baden 387. 
! 24 ) Vgj e twa Gaßner Metiersdorf 10. 125 ) Ur¬ 
quell 2, 196; Schramek Böhmerwald 179; 
Wuttke § 572. 126 ) John Westböhmen 101; 

ders. Erzgeb. 47; Grüner Egerland 35; Drechs¬ 
ler 1, 178; Meyer Baden 386; ZfrwVk. 1913, 
164; Schönwerth Oberpfalz 1, 153; Grimm 
Mythol. 3, 459 Nr. 728. 127 ) Strackerjan 

1, 3 2 - 128 ) Knoop Hinterpommern 153; Pol¬ 

linger Landshut 243. 129 ) Grimm Mythol. 
3, 449 Nr. 455. 13 °) Andree Braunschweig 285. 
131 ) Schulenburg 107. 132 ) Drechsler 

1, 178. 133 ) ZfVk. 23, 277. 134 ) Meyer Aber¬ 

glauben 221; Schütze Holst. Idiot. 4, 24. 
135 ) Grimm Mythol. 3, 463 Nr. 817; 436 Nr. 41. 
13# ) John Westböhmen 100; Grüner Egerland 


1421 


1• 


35; Drechsler 1, 178. 137 ) Andree Braun¬ 
schweig 285. 138 ) Sartori 1, 21. 139 ) Wolf 

Beiträge 2, 372; Boeder Ehsten 43. 14 °) Grimm 
Myth. 3, 459. 141 ) Höhn Geburt 257; Urquell 

2, 115; vgl. auch Hillner Siebenbürgen 13. 

142 ) SchwVk. 5, 46. 143 ) Grimm Myth. 3, 449 
Nr. 459; ZfVk. 9, 443; Hoffmann-Krayer 23; 
Hesemann Ravensberg 58; ZfVk. 17, 164. 

144 ) Drechsler 1, 178. 145 ) Grimm Mythol. 

3, 458 Nr. 702. 146 ) Panzer Beitrag 1, 262; 

Wuttke § 571; Birlinger Aus Schwaben 1, 
392; Grimm Myth. 3, 444 Nr. 293. 147 ) 

Drechsler 1, 178. 148 ) Panzer Beitr. 2, 298; 
Grimm Mythol. 3, 449 Nr. 465; (Keller) Grab 
des Aberglaubens 5, 297. 149 ) ZfVk. 1, 183; 

Bartsch Mecklenburg 2, 41; Grüner Eger¬ 
land 35; Höhn Geburt 257; Jensen Nord¬ 
fries. Inseln 2i6f. 15 °) Drechsler 1, 178. 

151 ) Ebd.; Wuttke § 571; Meyer Baden 
387; Gaßner Mettersdorf 9. J52 ) Meyer Baden 
393. 153 ) Drechsler 1, 179. 154 ) Urquell 1, 132. 
1 55 ) Wuttke § 571. 156 ) Meyer Aberglauben 

221; Grimm Myth. 3, 468 Nr. 924. 157 ) Wutt¬ 
ke § 572 (Thüringen). 158 ) ZföVk. 5, 137; 
Schönwerth Oberpfalz 2, 62. 159 ) ZfVk. 7, 45. 
ieo ) Urquell 4, 188. 161 ) Grimm Myth. 3, 459- 
162 ) Grimm Myth. 3, 459. 163 ) Urquell 3, 184. 


164 ) Liebrecht Zur Volkskunde 314. 


165 


) 


Wuttke § 572. 166 ) Liebrecht Zur Volksk. 

314. 167 ) Schulenburg 107. 168 ) Andree 

Braunschweig 285; Sartori 1, 21. 169 ) Wuttke 
372. 17 °) ZfVk. 23, 278; Megenberg 419; 

ZfrwVk. 1913, 163. 171 ) Drechsler 1, 179. 

172 ) Andree Braunschweig 2S5. 173 ) ZfVk. 

4, 50. 174 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 152. 

175 ) Grüner Egerland 35; John Westböhmen 
100. 176 ) Höhn Geburt 256; ZfrwVk. 1906, 

231; Seefried-Gulgow'ski Kaschubei 120. 
177 ) Grüner Egerland 35; John Westböhmen 
100. 178 ) Liebrecht Zur Volkskunde 321t. 

179 ) Schulenburg 108. 18 °) Kück Lüneburger 
Heide 7. 

V. Die Sch.e bedarf einer inneren und 
äußeren Ruhe; deshalb fürchtet man 
für sie und das Kind, wenn sie erschrickt 
oder in Unruhe gebracht wird 181 ). Sie darf 
sich nicht ärgern oder auf regen, sonst 
wird das Kind ein Schreihals 182 ) 
oder wird zornig 183 ) oder bekommt 
Krämpfe 184 ). Sie darf sich nicht sto¬ 
ßen 185 ) (Kind bekommt Beulen) und 
nicht fluchen 186 ). 

Sie muß dafür sorgen, daß sie nichts 
Häßliches sieht 187 ) (man verbirgt vor 
ihr Gebrechen) 188 ), sondern schöne Dinge 
betrachten, damit sich ,,die Frucht nach 
dem Gedankengang der Mutter ent¬ 
wickelt“ 189 ). So mögen schöne Menschen¬ 
statuen (Griechenland), Heiligenbilder und 
Engelsbilder 190 ) in den Ruf kommen, die 


Züge des Kindes der sie an schauenden 
Sch.en mit zu veredeln 191 ). 

Das ,,Versehen“ 192 ) (Vergucken, Ab¬ 
gucken, Abschauen) 193 ) gilt dem Aber¬ 
glauben als eine große Gefahr (bisweilen 
auch beim Vieh) 194 ) und als Ursache vieler 
Schäden am Kind 195 ), die ihrerseits wohl 
die immer neue Ursache und Bestätigung 
dieses alten 196 ) Aberglaubens liefern 197 ), 
der ja einen sachlichen Grund hat als 
Warnung, die werdende Mutter in ihrer 
besonderen Schutzbedürftigkeit und Emp¬ 
findlichkeit vor Schreck und ungewöhn¬ 
lichem Anblick zu bewahren, Volks¬ 
medizin und Aberglaube sind hier 
völlig untrennbar 198 ). 

In einem Ratsprotokoll der Reichs¬ 
stadt Hall von 1622 heißt es: ,,Der 
kröpfend Bettelvogt soll seines Unfleißes, 
absonderlich aber des abscheulichen Krop¬ 
fes, der kindenden Weiber wegen, ab¬ 
geschafft werden“. Die große Angst 
vor Mißgeburten, die man sofort ver¬ 
scharrte 199 ), steigerte die Scheu vor 
dem „Versehen“, und viele Verbote 200 ) 
und auch Vorrechte 201 ) der Sch.en er¬ 
klären sich daraus. 

Selbst die unerwünschte Rothaarig¬ 
keit der Kinder erklärt man als Folge 
des Versehens der Sch.en an rothaariger 
Nachbarin 202 ) (oder Eichhörnchen) 203 ) 
oder des Erschreckens über Rothaarige 204 ), 
wie man ihr blasses Aussehen oder die 
Skropheln der Kinder (als „Hurenübel“) 
mit Versehen an einer Leiche 205 ), an 
Sterbendem 206 ) oder an einer unehelichen 
Sch.n 207 ) erklärt. 

Versieht sich die Sch. an einem Seil¬ 
tänzer, so bekommt das Kind schlen¬ 
kernde Glieder und kann nicht gehen 
und stehen 208 ), versieht sie sich im 
Schreck an Maus oder Hund, so be¬ 
kommt das Kind Mäusehaut oder Hunde¬ 
füße 209 ), an einem Hasen (s. o.), so 
bekommt das Kind ein zitterndes Kinn 2093 ) 
oder eine Hasenscharte 210 ). Er¬ 
schrecken vor Mäusen und Fröschen 
bringt dem Kinde einen diesen Tieren 
ähnlich gestalteten Auswuchs 211 ) oder 
ein Mal 212 ) (Mäusefleck). 

Dieses Mal bei schreckhaftem Ver¬ 
sehen an Frosch, Maus, Schlange u. a. 



entsteht zumal, wenn die Sch., statt den 
Arm auszustrecken 213 ), im Schreck sich 
mit der Hand berührt (an der Stirn usw.), 
und zwar beim Kind an der gleichen 
Stelle 214 ). Besonders gilt das vom 
Feuermal als Folge des Versehens an 
Brand und Feuer 215 ). 

Aber auch wenn die Sch. ein Gelüst 
auf etwas hat und sich dabei anfaßt 216 ), 
oder kratzt 217 ), oder beim Beerensuchen 
fällt und sich mit Blick aufs Beeren- 
Körbchen anfaßt 218 ), oder beim Holz¬ 
hacken, von einem Scheit getroffen, sich 
anfaßt und womöglich in den Spiegel 
schaut 219 ), entsteht so ein Mal beim 
Kind. Weder den alten Donnergott 
noch den Teufel noch Elben und 
Geister wird man für die Erklärung 
dieses Aberglaubens nötig haben; des¬ 
halb ist wohl auch die Warnung an die 
Sch., beim Backen der Fastnachtsküch¬ 
lein sehr vorsichtig zu sein, weil die ihr 
etwa anspritzenden Ölflecke dem Kinde, 
das sie trägt, an der betreffenden Stelle 
auf die Haut kommen, nicht mit Höfler 
dahin zu erklären, daß die Ölflecke 
sprachlich (volksetymologisch) entstellte 
Elbflecke seien, ,,Hautmale, die die Elben 
(Alp) zur Strafe für das versagte Dämo¬ 
nenopfer (Kultspeise) erzeugen“ 22 °). 

Als Mittel gegen die Gefahr des‘Ver¬ 
sehens empfiehlt der Aberglaube mög¬ 
lichste Vorsicht und Zurückhaltung 221 ). 
,,Guck nit üm, was Schwarzes kümmt“, 
sagt man in Unterfranken zur Sch.n, 
wenn eine Mißgestalt in Sicht ist 222 ). 
Andererseits bannt man die Gefahr, in¬ 
dem man die betreffende Person oder 
Sache fest ansieht 223 ), die Hand im 
Gürtel 224 ) oder solange hinsieht, bis 
„das Zittern wieder aus den Knochen 
ist“ 225 ); oder die Sch.e muß in die rechte 
Hand schauen 226 ), die Hand an der 
Schürze abreiben oder die Arme zurück¬ 
nehmen und sagen: „Weggesagt“ 227 ), 
wie ja immer der Volksglaube sich mit 
dem Glauben an die Macht des Wortes 
zu helfen sucht gegen die Drohung der 
bösen Zufälle und Dämonen. 

181 ) Ploß Weib i, 953ff.; Hovorka-Kron- 
feld 2, 545ÜF. 182 ) Andree Braunschweig 285. 
183 ) Höhn Geburt 258. 18< ) Meyer Baden 37; 


Lammert 122. 185 ) Höhn Geburt 257. 18< ) 

Baumgarten Aus der Heimat 3, 5: Wuttke 
§ 572. 187 ) Drechsler 1, 177; Grüner Eger- 

land 34. 188 ) StoW Zauber glaube 110. 189 ) Me- 
genberg Buch der Natur 419. 19 °) Höhn Ge¬ 
burt 257. 191 ) Lammert 159. 192 ) Vgl. bes. 

f. das „Versehen“ der Sch.n und seine Ver¬ 
breitung G. v. Weisenburg Das Versehen der 
Frauen in Vergangenheit u. Gegenwart Leipzig 
1899; Stern Türkei 2, 290; Tetzner Slaven 
373; Gaßner Mettersdorf 8; Hillner Sieben¬ 
bürgen 10; Wrede Rhein. Volksk. 106; Schultz 
Alltagsleben 193: Alemannia 25, 104; Grüner 
Egerland 34; Pollinger Landshut 238. 193 ) 

Meyer Baden 387. 194 ) Vgl. Schönwerth 

Oberpfalz 1, 239; Kuhn u. Sch wart z 450; Kuhn 
Märkische Sagen 380. 195 ) Manz Sargans 86; 

Ploß Kind 1, 43h. Vgl. allgemein Jensen 
Nordfries. Inseln 261 f.; Birlinger Schwaben 

1, 391; Drechsler 1, 177f. 196 ) Beispiele aus 

alter Zeit bei Kellner synops. ephemerid. acad. 
nat. curios. 664. 197 ) Stoll Zauberglauben in. 

198 ) Kelly Zs. f. Kinderforschung (Langen¬ 
salza) 24 (1919), 215ff.; Rohleder Archiv f. 
Frauenk. u. Eugenik 6 (1920), 86, 96. 199 ) 

Lammert 170. 20 °) John Erzgebirge 47. 

201 ) Höhn Geburt 258. 202 ) Stoll Zauberglauben 
109. 203 ) Seefried-Gulgowski Kaschubei 120. 
204 ) ZfrwVk. 1913, 163. 205 ) Köhler 

Voigtland 435; John Westböhmen 100; Kuhn 
Mark. Sagen 383. 206 ) Pollinger Landshut 296. 

207 ) ZfVk. 11, 312; Wigström Allmogeseder 5r. 

208 ) Lammert 141. 209 ) Manz Sargans 86; 

Höhn Geburt 256. 209a ) John Westböhmen 100. 
21 °) Schramek Böhmerwald 179. 2U ) Drechs¬ 
ler 1, 178. 21Z ) ZfrwVk. 1913, 163; Andree 
Braunschweig 285. 213 ) Höhn Geburt 256. 

2U ) John Erzgebirge 47; SAVk. 21, 227. 

215 ) John Westböhmen 100; Drechsler 1, 178; 
Andree Braunschweig 285. 2l8 ) Schramek 

Böhmerwald 179; SAVk. 21, 227. 217 ) Groh- 

mann 114. 2l8 ) Stoll Zauberglauben 118. 

219 ) ZfrwVk. 1913. 163. 22 °) Urquell N. F. 

1 (1897), 105; Höfler Krankheitsnamen 

887; ders. Fastengebäcke 41. 221 ) Vgl. Hillner 
Siebenbürgen i2f. 222 ) Lammert 159. 223 ) 
Meyer Baden 387; John Westböhmen 100. 
224 ) Urquell 4, 188; Höhn Geburt 256. 225 ) An¬ 
dree Braunschweig 285; Bartsch Mecklenburg 

2, 41. 226 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 153. 

227 ) Wuttke § 572. 

VI. Mit Rücksicht auf leichte Ge¬ 
burt (s. d.) wird der Sch.n verboten, 
Wäsche aufzuhängen 228 ), Faden zu zwir¬ 
nen 229 ), sich auf verschließbaren Kasten 
zu setzen 23 °), Birnen von veredeltem 
Weißdorn oder Früchte von einem Baum 
mit zweierlei Fruchtarten zu essen 231 ), 
über Kreuzweg zu schreiten 232 ), unter 
etwas durchzukriechen 233 ), geistige Ge¬ 
tränke zu trinken u. a. m. 234 ). Sie soll 
auch nicht bei der Geburt helfen 235 ), 


1425 


Schwangerschaft 


1426 


kein trächtiges Pferd sehen 236 ) oder die 
Kuh zum Zuchtochsen führen u. a. m. 237 ) 
(s. Geburt und Empfängnis). 

Sie darf keinem Pferd oder Ochsen aus 
ihrer Schürze zu fressen geben, sonst 
muß sie das Kind 12 Monate tragen 238 ). 
Andernorts wird gerade dies empfoh¬ 
len 239 ) und ihr geraten, mit Hafer in der 
Schürze den Schimmel um baldige Ent¬ 
bindung zu bitten 240 ). 

Erwähnt sei auch hier der Kleider- 
und Schuhwechsel zur Förderung der 
Schs. 241 ), das Durchkriechen, z. B. 
unter der Wagendeichsel 242 ), unter der 
Stute usw. 243 ) (in Armenien z. B. das 
Durchgehen unter einem Kamel) 244 ). 
Andererseits soll die Sch. um der leichten 
Geburt willen (daß sich das Kind nicht 
„verschlingt“, s. o.) alles Verstrickte 
und Hängende meiden, durch keine 
Waschleine hindurchgehen und durch 
keinen Zaun kriechen; elf Monate statt 
neun muß sie tragen, wenn sie über 
einen Pferdestrick, mit dem ein Mutter¬ 
pferd angebunden war, schreitet 245 ). 

Volksmedizinisch bemerkenswert ist 
der Aderlaß mit anschließendem Nach¬ 
barinnenkaffee 246 ) während der Schs. 
und der abergläubische Gebrauch einer 
besonderen Leibkette 247 ), welche nach 
serbischem Glauben ein junger Schlosser 
um Mitternacht anfertigen muß 248 ). 

Natürlich ergibt sich der Sch.n in ihrer 
zu frommen Gedanken neigenden Sorge 
und Hoffnung auch innerhalb des eigent¬ 
lich Religiösen viel abergläubisches 
Tun, und neben das bei Heiden wie 
Christen übliche Beten und Opfern um 
gesegnete Schs. und leichte Geburt treten 
viele fromm gebrauchte Zaubermittel. 
Sie trägt einen Zettel, beschrieben etwa 
mit einem Psalm, auf der bloßen Haut 249 ) 
u. a. m. 25 °). Wie sie fromm noch zum 
Abendmahl oder zum Bild des Hei¬ 
ligen gehen zu müssen glaubt 251 ), so 
nimmt sie im Aberglauben an, es fördere 
ihre Schs., wenn sie dabei über die Rinne 
von einem Glockenguß springt 252 ) oder 
wenn die dreimal „mit der Sonne“ (vgl. 
germ. Brauch in Island) um die Kapelle 
schreitet 253 ) (Vgl. andernorts die Schs.- 
Zeremonien, von Priestern vollzogen 254 ), 


oder die rituellen Tauchbäder der Sch.n, 
im 5., 7., 9. Monat je neunmal, usw.) 255 ). 

228) Wuttke § 572. 229 ) Kohlrusch Sagen 

340. 23 °) Drechsler 1, 179. 231 ) Höhn Geburt 
257; ZfVk. 23, 277. 232 ) Schönwerth Ober¬ 

pfalz 1, 152. 233 ) Ploß Weib 1, 412; Liebrecht 
Zur Volksk. 369; Panzer Beitr. 2, 301. 234 ) 

Alemannia 25, 36. 235 ) Grüner Egerland 35. 

236 ) ZfdMyth. 1, 200. 237 ) Drechsler 1, 178. 

238 ) ZfdMyth. 1, 206; Drechsler 1, 179; SAVk. 
14, 292. 239 ) Z. B. Schönwerth Oberpfalz 

1, 325; Boeder Ehsten 45L; Brauner Cu- 
riositäien (1737), 491: Grimm Myth. 2, 549; 
3, 445. 24 °) Wolf Beiträge 407; Wuttke 

§ 174. 573. 241 ) Boeder Ehsten 45L; Grimm 
Myth. 2, 983. 242 ) Grimm Myth. 2, 440. 243 ) 

Hoffmann-Krayer 23. 244 )ZfVk. 12, m. 245 ) 
Grimm Myth. 3, 447. 458. 469. 465. 246 ) Zfrw¬ 
Vk. 1913, 163. 247 ) Antropophyteia 3 (1906), 34. 
248 ) Seligmann 2, 8 f. 249 ) ZfVk. 23, 62. 

25 °) Vgl. die Sitte des sog. „Apostelziehens“; 
Grimm Myth. 3, 418 Nr. 39. 251 ) Alemannia 

27, 227; Meyer Baden 535. 252 ) Grimm Myth. 
3, 446 (Chemn. Rockenphilos.); Prätorius 
Phil. 209. 253 ) Knuchel Umwandlung 9. 

254 ) ZfVk. 20, 162 (Indien). 255 ) Urquell 4, 188. 

VII. Die Vorstellungen von anormal 
verursachter Schs. (s. Empfängnis), 
etwa durch Sonne 256 ), Mond 257 ), Wind 258 ), 
Teufel oder Baumgeister 259 ) u. a., wie 
die anderen von anormaler Art (das 
sch.e Bein und die Bezeichnung „groß- 
fot“ für Sch. 26 °) oder Dauer der Schs. 261 )) 
sind im allgemeinen unter Empfängnis 
und Geburt behandelt (In einer Würz¬ 
burger Urkunde des Jahres 1437 wird 
die Möglichkeit zwei- oder dreijähriger 
Schs. betont mit Hinweis auf Rüben¬ 
oder Komsaat, die bisweilen erst im 
zweiten oder dritten Jahr auf geht) 262 ). 

Vielfach gibt es die Schwanger¬ 
schaftsorakel (s. J ungf rauenprobe), 
die entweder die Tatsache der eingetre¬ 
tenen Schs. oder die Tage ihrer Dauer 
oder das Geschlecht des Kindes (s. Kind) 
angeben sollen. So tut die Sch. Alkohol¬ 
getränk auf metallenen Löffel oder eine 
Nähnadel in kupfernes Gefäß mit Flüssig¬ 
keit (Urin) und läßt es über Nacht stehen. 
Bricht sie sich dann nach dem Getränk 
oder zeigt die Nadel rote Flecke, so ist 
die Frau sch. 263 ). Oder sie läßt Stute 
oder Füllen aus ihrem Fürtuch fressen. 
Die Zahl der übrig bleibenden Körner 
zeigt die Tage bis zur Geburt an 264 ). 
Die Versuche, das Geschlecht des Kindes 



1427 


Schwanstein—Schwanz 


1429 


Schwanz 


1430 


1428 


zu erraten, beherrschen die ganze Zeit 
der Schs. 265 ). Die mühsamere, schwerere, 
unruhigere (auch längere!) Schs. zeigt 
den Knaben an 266 ). Kopfschmerz (Zahn¬ 
schmerz) wird männlichem, Sodbrennen 
weiblichem Kind zugesprochen 267 ). Haut¬ 
farbe, Brust, Form des Leibes, Art der 
Schs.-Gelüste geben weitere „Auskunft". 

238 ) Bolte-Polivka 3, 89. 257 ) Schön¬ 
werth 2, 63. 258 ) Gerhardt Franz. Nov. 73. 

259 ) Frazer 2, 50 ff. z6 °) ZfdMyth. 4, 430; 
Liebrecht Zur Volksk. 491. 261 ) Vgl. Roscher 
Die Zahl 50 3; Schönwerth Oberpfalz i, 154 
u. a. 2Ö2 ) Lammert 157. 263 ) Ders. 158; Ur¬ 
quell 5, 179. 264 ) Panzer Beitrag 2, 301; 

Wuttke § 348. 265 ) Grimm Myth. 2, 936. 

266 ) ZfVk. 17, 163. 267 ) Schramek Böhmer¬ 

wald 179; Lammert 251; Andree Braun¬ 
schweig 285 u. a. 268 ) Z. B. St oll Zauberglaube 
72. 109; Megenberg Buch der Natur 32; Ur¬ 
quell 4 (1893), 117; ZfdMyth. 3, 314; Ploß 
Weib 1, 835ff. u. a. Kummer. 

Schwan&tein, Adebarstein. Die großen 
Granitblöcke, die an der Küste von 
Jasmund zerstreut liegen, werden von 
den Saßnitzern S.e genannt. In ihnen 
verschlossen liegen die kleinen Kinder. 
Fragt ein Kind seine Mutter, woher die 
kleinen Schwankinder kommen, so lautet 
die Antwort: „Aus dem S.; der wird 
mit einem Schlüssel aufgeschlossen und 
ein Schwankind herausgeholt". Andere 
Steinblöcke werden als Adebarsteine be¬ 
zeichnet, auf denen der Storch die kleinen 
Kinder, nachdem er sie aus der Ostsee 
geholt hat, trocknet, bevor er sie den 
Müttern ins Haus bringt. Aus dem Ade¬ 
barstein bei Gristow in der Nähe Cammins 
besorgt der Storch den Kindervorrat 
von Cammin. — Unter Adebarsteinen 
versteht man auch kleine, runde, glatte 
Steine von schwarzer oder milchweißer 
Farbe. Diese werfen die Kinder rück¬ 
wärts über den Kopf und bitten dabei 
in einem Sprüchlein den Adebar um 
ein Brüderchen oder Schwesterchen 4 ). 

0 Haas Rügen 147 f.; Urquell 5, 254 ff.; 
Jahn Pommern 390 Nr. 497; Dieterich Mutter 
Erde z 20 1 . Vgl. Kleinkindersteine. 

f Olbrich. 

Schwanz. 

Geister sind mit Sch. ausge¬ 
stattet. Bei den Umzügen zu Fastnacht, 
Pfingsten, am Maitag u. Johannistag sind 
verkleidete und mit Kalbssch. versehene 


Burschen, die offenbar den stier- oder 
kuhgestaltigen Geist, das Pflanzen Wachs¬ 
tum darstellen 1 ). Bei Worbis ziehen die 
Schäfer am Donnerstag vor Fastnacht 
mit einer Art Schüttegabel umher und 
sammeln Würste ein („Der Rehschwanz 
geht herum") 2 ). Aus dem Wort folgert 
Mannhardt, daß ehemals ein blutiger 
abgehauener Sch. umhergetragen wurde, 
wie man in Westfalen einen lebendigen 
Fuchs herumtrug, dem der Sch. ab¬ 
geschlagen war 3 ). Auch dieser Fuchs 
ist eine, besonders in Frankreich bekannte, 
Darstellung des Korndämons. Hierzu 
gehört auch, daß der Schnitter oder 
Drescher des Letzten das entweichende 
Komtier beim Schw. ergreift, das „Hasen- 
schwänzle", den „Zagei" hat und daß 
in Ober Österreich der Drescher, der den 
letzten Schlag tut, „Saufud" heißt. Er 
erhält beim Dreschermahl vom Schweine¬ 
braten das Stück mit dem Sch. 4 ). Wenn 
in Kurland die erste Gerste gesät wird, 
kocht man Schweinerücken, schlägt den 
Sch. ab und steckt ihn in den Feldrain. 
So lang wie der Sch. ist, sollen die Ähren 
wachsen. Ein Rest des Getreidetiers also 
soll dazu dienen, dieses selbst in der neuen 
Vegetation wieder zu gebären 5 ). Ein 
verwandter Fruchtbarkeitszauber ist in 
der schwäbischen Hochzeitssitte zu sehen, 
wo man der Braut zum Schluß des Mahls 
eine verdeckte Schüssel reicht, in der 
sich das Schweifchen des gebratenen 
Schweines befindet 6 ). Bei den Römern 
wurde der Sch. des als Opfer dargebrachten 
Oktoberrosses abgehauen und in eiligem 
Lauf zur Regia getragen, daß das warme 
Blut noch auf den Focus tropfen konnte 7 ). 
Auch bei dem jüdischen Passahfest findet 
sich eine ähnliche Sitte 8 ). Hierher gehört 
wohl auch der Brauch, am Fastnachts¬ 
dienstag einen Strohkerl mit langem 
Sch. aufzuhängen. Wer ihn beim Springen 
herunterwarf, mußte Branntwein geben 9 ). 

Auch andere Geister erscheinen 
in den Vorstellungen mit Sch. ausge¬ 
stattet. So hat die nordische Göttin 
Huldra einen Kuhschwanz. Dieser ist 
auch das Kennzeichen der unterirdischen 
Bergfrauen, der einstigen Bewohnerinnen 
des himmlischen Wolkenberges 10 ). Der 



T e u f e 1 hat ebenfalls einen Kuhschwanz 11 ), 
und auch die Sturmdämonen sind mit 
einem Sch. versehen (Sturmsau, Wirbel¬ 
wind = Sauschwanz) 12 ). In der Magde¬ 
burger Börde ist die Redensart „ets 
suschtaert = es stürmt" 13 ). Der wilde 
Jäger hat Hunde, auf deren Sch. ein 
Licht brennt 14 ). 

*) Mannhardt Forschungen 64. 2 ) Ebd. 

191. Dazu Pollinger Landshut 214 (der 
Pfingstlümmel); Schönbach Berthold v. R. 
109. 3 ) Woeste Mark 27 = Mannhardt For¬ 
schungen 110. 4 ) Mannhardt Forschungen 186 

= Sartori 2, 104. 5 ) Ebd. 183 t. 6 ) Bavaria 
2, 1863; Köhler Voigtland 237 = Mann¬ 
hardt Forschungen 186. 7 ) Mannhardt For¬ 
schungen 139. 8 ) Ebd. 176. Zu dem Ganzen: 

Grimm Myth. unter Sch. 9 )Hiiser Beiträge z, 
33. 10 ) Mannhardt Germ. Mythen 80. Dazu 
Grimm Myth. 1, 223. n ) Ebd. 2, 830. 12 ) Laist- 
ner Nebelsagen 279. 13 ) Stephan Askanische 

Volkskunde 8. 208. Dazu Kuhn u. Schwartz 
XXVII; Bartsch Mecklenburg 1 Nr. 142. 
14 ) Müllenhoff Sageii 338. 

Der Sch. im Brauch. Am Neujahrs¬ 
morgen zwickt man jedes Stück Vieh in 
den Sch., bis Blut fließt, dann bleibt es 
im Jahr von Rotlauf verschont 15 ). Ist 
das Vieh aufgetrieben, so schneidet man 
es in den Schweif 16 ). Um Schweine vor 
dem Verfangen zu schützen, hält man sie 
beim Herauslassen am Sch. fest, bis sie 
schreien 17 ). Ein Stück vom Sch., dazu 
ein dreieckiges Loch ins Ohr ist ein Mittel 
gegen Geschwulst beim Schwein 18 ). Die 
Spitzen der Sch.federn schneidet man 
jungen Gänsen ab, um sie damit zu 
räuchern lö ). Den Hühnern schneidet 
man am Aschermittwoch die Sch.federn 
ab, damit sie die Eier nicht verlegen 
und tut die Federn büschelweise ins 
Nest 21 ). Um Tauben zu halten, rupft 

man ihnen drei mittlere Sch.federn aus 
und wirft sie in eine Ecke des Tauben¬ 
söllers oder verbrennt sie 22 ). Damit die 
Kuh nicht so lange nach dem Kalbe 
schreie, stößt der Metzger beim Abholen 
das Kalb mit dem Sch. an das Maul der 
Kuh 23 ). Der Kuhschwanz diente früher 
an Tor und Tür als Handhabe wie ein 
Riemen zur Klinke 24 ). Dem Gemeinde¬ 
stier kämmt und schmückt man den 
Sch. vor dem ersten Weidegang 25 ). Der 
Lindwurm hat das Leben im Sch., deshalb 
schlägt ihm der Kämpfer diesen ab 26 ). 


Der Sch. als Apotropäon. Wenn 
man im Hof einen Wolfsschwanz ver¬ 
gräbt, wagt sich kein Wolf hinein. Hängt 
man ihn am Hause auf, so kommen 
keine Fliegen hin 27 ). In Frankreich 
schützt ein angenagelter Wolfsschwanz 
allgemein vor Zauber 28 ). Der Fuchs¬ 
schwanz zwischen die Augen des Pferdes 
gehängt, bringt Schutz gegen den bösen 
Blick 29 ), ein Eidechsenschwanz in Lorient 
gegen Behexung 30 ), ebenso ein Gürtel 
aus den Sch.haaren des Esels für Schwan¬ 
gere in Serbien 31 ). Hierher gehört wohl 
auch der Brauch, Haare aus dem Sch. 
des Hornviehs in die Spitze der Geißel 
zu flechten 32 ). Haare aus dem Kuh¬ 
schwanz dienen zur Verhexung Land¬ 
streicher tragen einen Eselschweif gegen 
Läuse 34 ). Die Birchmäuse, die ein 
Knötchen im Sch. haben, bringen dem 
Senner Segen 35 ). 

Auch in der Volksmedizin erscheint 
der Sch. Sieben Tropfen Blut aus der 
abgehauenen Sch.spitze der Katze sind 
gut gegen Epilepsie (Westfalen). Gegen 
Schnupfen und Katarrh rieche man an 
der Sch.spitze einer schwarzen Katze 36 ). 
Kuhschwanz gekocht ist gut gegen Durch¬ 
fall 37 ). 

In Indien führt man an das Lager eines 
Sterbenden eine Kuh mit Kalb. Der 
Sterbende ergreift sie am Sch., damit sie 
ihn wohlbehalten in die andere Welt 
geleite 38 ). Das Anklammem an den 
Schweif des Rosses bekundet Zugehörig¬ 
keit zu diesem und seinem Reiter 39 ). 

Beim Verkauf eines Stücks Vieh ist 
es heute noch weitverbreitete Sitte, das 
Sch.geld zu geben 40 ), wohl ursprünglich 
Geld, das für den Sch. des Tieres gerechnet 
wird. Vgl. dazu Schwänzelgeld, Schwän¬ 
zelpfennig, auf den Sch. schlagen 41 ). 
Wird das Sch.geld eines verkauften 
Schweines zum Ankauf eines neuen ver¬ 
wertet, so wird dieses um so fetter 42 ). 

15 ) ZfVk. 12. 421 = Sartori 3, 68. 

16 ) Schramek Böhmerwald 286. 17 ) Wutt¬ 
ke 438 § 688. 18 ) Drechsler 2, 181. 

19 ) Wuttke 432 § 677; Wirth Beiträge 4/5, 
19; Frischbier Hexenspr . 128. 20 ) John 

Westböhmen 47. 21 ) Wuttke 430 § 674. 22 ) Ur¬ 
quell 3. 175 = Drechsler Haustiere 11. 

23 ) Engelien u. Lahn 271 — Sartori 2, 
142. 24 ) ZfVk. 9 (i899), 92. 25 ) Sartori 2, 




1431 


schwarz 


schwarz 


1434 


1432 


154. 26 ) Witzschel Thüringen 1, 284 Nr. 291. 
27 ) Andree Braunschweig 401. 28 ) Seligmann 
Blich 2, 134. 29 ) Ebd. 118. 30 ) Ebd. 116. 

31 ) Ebd.; vgl. ferner 8. 117.130.133. 32 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 348. 33 ) Drechsler 2, 311. 
34 ) Alpenburg Tirol 390. 35 ) Heyl Tirol 

790 Nr. 169. 36 ) Wuttke 266 § 390. 37 ) Schu¬ 
lenburg 106. 38 ) ZfVk. 11 (1901), 407. 39 ) Ebd. 
40 ) Wirth Beiträge 4/5 S. 10. 41 ) Grimm DWb. 
Schwanz. 42 ) John Erzgebirge 226. Wirth. 

schwarz. 

1. Terminologie und Etymologie. 2. Dämonen - 
und Geisterfarbe. 3a. Zauberfarbe, b. Schutz¬ 
farbe. 4. Symbolik. 5. Allerlei Aberglauben. 

1. Ursprünglich ist s. keine genaue 
Farbenbezeichnung, sondern geht mehr 
auf die dunklere Färbung im Gegensatz 
zu weiß, hell, licht. So spricht man heute 
noch von einer s.en Wolke, einem s.en 
Wald (z. B. Schwarzwald) usw. *). S. ist 
gemein - germanischer Ausdruck (ahd. 
swarz ,,dunkelfarbig, s.“, got. swarts, 
anord. svartr, ags. sweart, engl, swart, 
ndl. zwart; vgl. anord. sorta ,,s.e Farbe“ — 
Sorte„s.eWolke“, lat.sordes,,Schmutz“ 2 )) 
für „die Abwesenheit jeglichen Licht¬ 
effekts auf die Netzhaut des Auges“, wo¬ 
für u. a. folgende indogermanischen Be¬ 
zeichnungen gelten: scr. kala-„schwarz“, 
griech. xsXatvoc, lat. caligo „Dunkel¬ 
heit“; scr. malinä- „schwarz“ (mala- 
„Schmutz“, griech. piXcte, lett. melns 3 )). 
Vgl. auch Blau. Das Nhd. kennt folgende 
Ausdrücke für bestimmte Nuancen: „dia- 
mant-, ebenholz-, floh-, kohl-, kohlen-, 
kohlraben-, lampen-, mohren-, nacht-, 
pech-, pechteer-, pudel-, raben-, ruß-, 
teer-, tief-, tinten-, torfschwarz; s.blau, 
s.braun, s.rot 4 ). 

*) Paul Deutsches Wb. 480. 2 ) Kluge Etymo¬ 
log. Wb. 418. 3 ) Schräder Reallex. 2 2, 358. 

4 ) Urquell N. F. 1 (1897), 247 f. 

2. Die Dunkelheit der herauf ziehenden 
Nacht, die alles in ein gleichmäßiges S. 
hüllt und die bisher deutlich zu sehenden 
Gegenstände nur in ungewissen Umrissen 
sichtbar werden läßt, dazu die plötzlich 
einsetzende, unheimliche Stille, das alles, 
Ursache und Wirkung, ist für primitives 
Denken der Tätigkeit böser Geister zu¬ 
zuschreiben, welche das Tageslicht scheuen 
und in der Dunkelheit dem Menschen 
zu schaden suchen. Entsprechend der 
Zeit ihres Auftretens (zwischen Sonnen¬ 
untergang und -aufgang) zeigen sich diese 


Wesen in dunkler, s.weißer oder s.er Ge¬ 
stalt 5 ). Zugleich ist s. die Farbe der 
Unterwelt, des Totenreiches. Nach Pau- 
sanias 5, 17.4 war auf der Kypseloslade 
Thanatos s., Hypnos aber weiß darge¬ 
stellt. Der Nacht und dem Hesperus ver¬ 
liehen die Alten s.e Flügel (Eurip. Orest. 
178; Statius Theb. 8, 159). Merkur, der 
Götterbote und Geleiter der Totenseelen, 
wurde mit halbs.em, halbweißem Pileus 
dargestellt 5a ). Von chthonischen Gott¬ 
heiten wie Demeter, Persephone u. a. 
gab es s.e Standbilder, mit denen letzten 
Endes auch die s.en Marienbilder ver¬ 
wandt sind, wenn auch christliche Auf¬ 
fassung den Zusammenhang längst ver¬ 
gessen hat 6 ). Wie noch heute in der Wall¬ 
fahrtskirche zu Einsiedeln das Mutter¬ 
gottesbild Gesicht und Hände aus s.em 
Holz hat, so stand zu Luthers Zeiten in 
der Kreuzkirche zu Dresden „der s.e 
Herrgott“, ein angeblich mit Menschen¬ 
haut überzogener, ganz s. aussehender 
Crucifixus 7 ). Hel ist halb s., halb men¬ 
schenfarbig, wofür die deutschen Quellen 
s. und weiß setzen. S.weiß ist die Göttin 
der Unterwelt infolge ihrer Doppelnatur 
als lebenspendende Erdgöttin und Herrin 
des Totenreiches 8 ). S. oder s.weiß ist 
auch die Kleidung der Klagemutter, eines 
auch in Tiergestalt erscheinenden, tod- 
ankündigenden Dämons 9 ). 

S. ist vor allem der Teufel, weil s. zu¬ 
gleich die böse Farbe und die der Unter¬ 
welt ist. Er heißt darum vielfach ein¬ 
fach der „Schwarze“ 10 ). In manchen 
Gegenden werden Leute, bei deren Un¬ 
glück der „Schwarze“ seine Hände im 
Spiel haben soll, von ihren Mitmenschen 
boykottiert X1 ). S. von Gestalt sind auch 
die Hexen 12 ), bei deren Versammlung 
Brot aus s.er Hirse gereicht wird 13 ). 
Etliche opferten dem Teufel s.e Kerzen 14 ). 
Einer, der mit dem Teufel einen Bund 
geschlossen hatte, wurde nach dem Tod 
ganz s. 15 ). Wer nachts in den Spiegel 
schaut, über den hält der Teufel zwei 
Finger, wovon der Mensch zeitlebens 
ganz s. bleibt 16 ). Die Ausdrücke „s.e 
Kunst, S.künstler“ u. a. beruhen auf 
volkstümlicher Deutung von „Nekro- 
mantie“ (s. d., Zwischenstufe: Nigro- 




1433 

mantie) usw. S. sind auch die den Men¬ 
schen feindlichen Elben und Zwerge 17 ). 
Aufhockgeister heißen einfach die 
„Schwarzen“ 18 ). Ein s.er Wassergeist 
nimmt einen Knaben mit in die Tiefe 19 ). 
Als s.er Mann, manchmal in Begleitung 
eines weißen Vogels, oder als s.es Weib 
schreitet die Pest, der s.e Tod 20 ), durch 
das Land 21 ). In Rußland heißt eine Vieh¬ 
seuche „s.e Krankheit“, der süddeutsche 
„Viehschelm“ ist ein s.er, hinten ver¬ 
wester Stier 22 ). 

Nach dem Glauben der Tschuktschen 
(NordostSibirien) saugt ein böser Geist 
mit s.em Gesicht den schlafenden Men¬ 
schen das Blut aus der Kehle. Als s.es 
Weib mit langen s.en Haaren sucht ein 
böser Geist Wöchnerinnen und Kinder 
zu töten (Sumatra). Auf Java wie bei 
den Magyaren hält man das Alpdrücken 
für ein s.es Weib, das sich den Schlafenden 
auf die Brust setzt 23 ). Von der Mahr als 
einer s.en Dame erzählt auch eine rhei¬ 
nische Sage 24 ). 

Isländische Wiedergängerberichte aus 
alter und neuer Zeit sprechen von „Blau- 
männem“ (Mohren), d. h. sie verwerten 
die durch die Erfahrung erwiesene Tat¬ 
sache, daß Leichen sich blau und s. 
färben 25 ). Die übertreibende Phantasie 
versieht dann den Dämon mit tiefs.er 
Farbe, wie sie auch die Größe des Leich¬ 
nams steigert. Die allermeisten der s.en 
Dämonen und Geister scheinen präanimi- 
stischen Ursprungs zu sein. Wenn Hüne 
(nach Siebs) „der Tote“, das Adjektiv hün 
„dunkel, schwarz“ bedeutet 26 ), dann ist ein 
Hünengrab das Grab der toten,s.en Männer. 
Hierher gehört auch der von Jordan es 
(c. 24) bezeugte gotische Glaube an die 
dämonische Natur der Hunnen, deren 
Name von Hoops zu dem germ. hün 
gestellt wird. Eine andere s.e Dämonen¬ 
schar, das Totenheer, wird durch den 
exercitus feralis der Harier dargestellt, 
von dem Tacitus Germ. 43 berichtet 27 ). 
Den Tod denkt sich das Volk vielfach 
als langen, s.en Mann 28 ), der nachts am 
Fenster des Hauses lehnt, in dem ein 
Mensch stirbt; der Sterbende aber sieht, 
wie er sich über ihn hinlegt 29 ). Der wüde 
Jäger ist ein s.er Mann mit langem, s.em 


Bart 30 ). Sein weibliches Gegenstück ist 
die s.e, wilde Jägerin, die „Schwarze 
Margaret“ 31 ). Wie der s.e Mann, so 
dient auch mancherorts „die Schwarze“ 
als Kinderschreck 32 ). Aus s.en, mensch¬ 
lichen Gestalten besteht die wilde Jagd 33 ). 
Eine andere Erscheinungsform des wilden 
Heeres ist die gespenstische, s.e Kutsche 
(Leichenwagen), die unter Lärm nachts 
durch die Lüfte saust (s. Geister kutsche) 34 ). 
S. oder, je nach dem Grad ihrer Erlösungs¬ 
fähigkeit, mehr oder weniger s.weiß, er¬ 
scheinen büßende Seelen (s. arme See¬ 
len) 35 ). Wenn ein Verbrecher stirbt, 
wird er kohlrabens. 36 ). 

Auch Vegetationsdämonen erscheinen 
in s.er Gestalt, so Demeter jAstattva, der 
Kommann, die Roggenmöhr, das „Hei- 
gidle“ (Heugütel) und der Bilmesschnit¬ 
ter 37 ). Sie sind wahrscheinlich als Frucht¬ 
barkeit spendende Totendämonen, Vor¬ 
fahren, Tote aufzufassen 38 ). 

Die menschliche Seele (s. Seelentier), 
ferner Totengeister und Dämonen, bevor¬ 
zugen die Gestalt eines s.en Tieres 39 ). 
Als s.er Hund (Pudel) geht der Teufel 
um 40 ), s.e Hunde bilden einen Teil der 
wilden Jagd 41 ) oder hüten Schätze 42 ). 
Auch einzelne Totenseelen zeigen sich 
als s.e Hunde, deren Erscheinen gewöhn¬ 
lich Unglück bedeutet 43 ). Gewaltig groß und 
s. ist auch der Welthund 44 ). S.e Katzen 
sind Hexentiere 45 ). Auch Kobolde 46 ) 
und Seelengeister bevorzugen die Ge¬ 
stalt s.er Katzen 47 ). Als solche drückt 
auch die Drud (Mährt, Schrättele) 48 ). 
Wer einen s.en Kater nährt, wird selbst 
s. 49 ). Eine s.e Katze darf man nachts 
nicht mit der rechten Hand schlagen, 
sonst wird der ganze Arm lahm *°). Wer 
Freimaurer werden will, muß in einem 
s. ausgeschlagenen Sarg zusammen mit 
einer Katze in tiefer Gruft einen Schwur 
leisten 51 ). Als s.e, vielfach kopflose 
Pferde 52 ) treiben ihr Wesen der Teufel 53 ), 
Wassergeister 54 ) und büßende Seelen 55 ). 
Auch s.e Kühe lassen sich sehen 56 ). Weit 
verbreitet ist die sprichwörtliche Redens¬ 
art: „Die s.e Kuh drückt ihn, hat ihn 
getreten“ für: „er fühlt Mangel, hat 
schwere Sorge“ 57 ). In einem s.en 
Schwein 58 ) oder einem s.en Bock 59 ) 



1435 


schwarz 


1436 


kann ebenfalls der Teufel stecken oder 
eine Hexe oder eine böser Geist. S.e 
Vögel (Dohlen, Krähen, Raben u. a.) 
können den Teufel, Hexen oder Toten¬ 
seelen beherbergen 60 ). Ein besonderes 
Teufelstier ist eine s.e Henne 61 ), in deren 
Gestalt auch einmal das Schrättele durchs 
Kammerfenster hereinkommt 62 ). Eine 
Henne, die ein s.es Ei legt, muß verbrannt 
werden 63 ). Seelengeister spuken auch als 
große, s.e, bärartige Ungetüme 64 ). Arme 
Seelen leben als s.e Fische in kohls.em 
Wasser 65 ). S.e Kröten und Schlangen 
mit feurigen Augen schrecken den Schatz¬ 
gräber 66 ). Die Totenuhr (Erdammerl, 
Erdschmied) denkt man sich als s.en 
Käfer 67 ). S.e ,,bose, spitzige Würmer“ 
finden sich im Bett eines verhexten Mäd¬ 
chens 68 ). In Pforzheim hieß es im 18. Jh.: 
„Wer nicht betet, dem holen die Schwa¬ 
ben (s.e Käfer, Würmer) das Mehl aus 
dem Kasten“ 69 ). 

Auch gewöhnlichem Spuk eignet be¬ 
sonders die s.e Farbe 70 ). 

5 ) ZfVk. 23 (1913), 146 t. 8a ) Bachofen 
Gräber Symbolik 5 ff. 6 ) Simrock Mythologie 
480. 7 ) Meiche Sagen 960. 8 ) Simrock 

Mythologie 58. 313; Schönwerth Oberpfalz 

1, 269. *) Ebd. 1, 266 f. 10 ) Fischer Aberglaube 
1; Fox Saarland 276; Gredt Luxemburg 
Nr. 139; Haas Pomm. Sagen 4 f.; Rüg. Sagen 
65; Kronfeld Krieg 37 f.; Meiche Sagen 
408. 439. 462. 465. 473. 485. 515. 553; Schön¬ 
werth Ober pfalz 3, 322; Simrock Mythologie 
480; Tharsander 2, 280. 453; SAVk. 8, 281; 
ZfrwVk. 1910, 108 f. n ) ZfrwVk. 1910, 108. 
12 ) Gredt Luxemburg Nr. 191. 13 ) Tharsander 

2, 454. 14 ) Ebd. 2, 450. 15 ) Schönwerth 

Oberpfalz 3, 69. 16 ) Fischer Aberglaube 199. 

17 ) ZfVk. 23 (1913), 147. 18 ) Schmitt Hetlingen 
7 Nr. 7. l9 ) Haas Pomm. Sagen 38; vgl. Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 184. 20 ) Müllenhoff 

Sagen 24 1 Nr. 329. 21 ) Andree-Eysn Volks¬ 

kundliches 63; ZfVk. 23 (1913)» 14 7 ; 35 (1925)» 
41. vgl. ebd. 167. 169; Schönwerth Oberpfalz 

3, 17. 22 ) ZfVk. 23 (1913). 147 - 23 ) E t>d. 147 f - 

24 ) Schell Berg. Sagen 373 Nr. n. 25 ) Vgl. 
auch Strackerjan 2, 114. 26 ) Siebs Zfd- 

Philologie 24, 155; HoopsG^rw. Abh.f. H. Paul 
(1902) 178; doch s. a. Kluge EtWb. 259. 
27 ) Naumann Gemeinschaftskultur 47 ff. 
23 ) Mannhardt 1, 322; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 3, 5. 29 ) Ebd. 3, 7. 30 ) Gredt Luxcm- 

burg Nr. 274; Kuhn u. Schwartz 99 t. 
Nr. 115; Schönwerth Oberpfalz 2, 150 t. 

161. 3i ) Haas Pomm. Sagen 131; Knoop 

Hinterpommern 34. 32 ) Panzer Beitrag 1, 19. 

33 ) Luck Alpensagen 23. 79. 34 ) Baum¬ 

garten Aus der Heimat 3, 127; Gredt Luxem¬ 


burg Nr. in; Haas Pomm. Sagen 13; Usedom 
83; Meiche Sagen 183. 197; Ranke Sagen 91. 
35 ) Baumgarten Aus der Heimat 3, 129; 
Fox Saarland 274; Gredt Luxemburg Nr. 129; 
Haas Pomm. Sagen 3. 6. 107; Rüg. Sagen 
10. 106 f. 112; Usedom 151; Herrlein Sagen 
des Spessarts 1, 28; Kuhn u. Schwartz 23 
Nr. 30; 45 Nr. 47; 83 f. Nr. 92; Lütolf Sagen 
171 f. Nr. 110; Meiche Sagen 35. 98. 115. 
117. 403; Panzer Beitrag 2, 153; Pollinger 
Landshut 103; Pröhle Harzsagen 170; Ranke 
Sagen 107. 241; Rochholz Sagen 2, 94 Nr. 326; 
Schön werth Oberpfalz 1, 282; 2, 175; 3, 143 ff.; 
Wolf Hess. Sagen 104. 168. 176; ZfdMyth. 
1 (1853), 191; ZfVk. 23 (1913)» 148; ZföVk. 6 
{1900), 123; ZfrwVk. 1914, 280. 38 ) Birlinger 
Aus Schwaben 1, 86; ZfVk. 37 (1927), 74. 
37 ) Aberglaube u. Sympathie in der Altmark (Bis¬ 
marck 1894) 14; John Oberlohma 162; Meiche 
Sagen 292. 308. 310; Ranke Sagen 149. 203; 
Schön werth Oberpfalz 1, 429. 432. 38 ) Nau¬ 
mann Geyneinschaftskultur 120 f. 39 ) Haas Rüg. 
Sagen 57; Usedom 86; Meiche Sagen 298 f.; 
Ranke Sagen 1; Schönwerth Oberpfalz 3, 
107; ZfVk. 3 (1893), 382; 23 (1913). I 47 - 
40 ) Fox Saarland 243; Gredt Luxemburg 
Nr. 133; Meiche Sage>i 69 f. 504; Schönwerth 
Oberpfalz 2, 245; 3, 46. 56; Strackerjan 2, 
114; Zingerle Tirol 58 Nr. 495; ZfVk. 23 
(1913), 148. 41 ) Gredt Luxemburg Nr. 280; 

Haas Pomm. Sagen 5; Schönwerth Oberpfalz 
2, 158. 42 ) Haas Poynm. Sagen 9. 100; Rüg. 

Sagen 14. 103; Knoop Hiyiterpommern 32; 
Kuhn u. Schwartz 121 Nr. 138; 246 Nr. 272; 
Meiche Sagen 56. 61. 72. 572; Ranke Sagen 
116; Schönwerth Oberpfalz 2, 261; Wolf 
Hess. Sagen 52; ZfVk. 29 (1919)» x 5 ’ 43 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 469; Becker Köln vor 60 Jahren 
(1922) 17; Haas Pomm. Sagen 42; Usedom 151; 
Meiche Sagen 52. 55. 59 t. 62. 406; Ranke 
Sagen 234; Schönwerth Oberpfalz 2, 340t.; 
Schullerus Siebenbürgen 135; Strackerjan 
1, 314. 44 ) Kuhn u. Schwartz 255 Nr. 287. 

4S ) Bartsch Mecklenburg 2, 140; Curtze Wal¬ 
deck 230 Nr. 57; 389 Nr. 100; Fogel Pennsyl¬ 
vania 140 Nr. 645; Fox Saarland 271. 277. 287; 
Gredt Luxemburg Nr. 152. 174. 187. 200. 202; 
Haas Rüg. Sagen 73; Usedom 65; Heyl Tirol 
245 Nr. 60; Luck Alpensageyi 61; Meiche 
Sagen 64; Meyer Baden 555; Ranke Sagen 
16; Sartori Sitte u. Brauch 2, 130; Schön¬ 


werth Oberpfalz 3, 59. 190; Strackerjan 2, 
114; Wolf Beiträge 2, 439; Hess. Sagen 50. 70t.; 
Zimmermann Volksheilkuyide 11; Zingerle 
Tirol 93 f. Nr. 804L; Urquell 1 (1897), 48; 
ZfVk.i (1891), 180.191. 48 ) Kuhn u. Schwartz 
421 Nr. 206. 47 ) Haas Pomyn. Sagen 11. 48 ) 

Haas Rüg. Sageyi 15; Schön werth Oberpfalz 
1, 212; Zimmer mann Volksheilkunde 34. 

49 ) Zingerle Tirol 93 Nr 798. 50 ) Schmitt 

Hetlingen 16. 51 ) Haas Rügen. Sagen 82. 52 ) 

Haas Pomm. Sagen 103; Kuhn u. Schwartz 
115 Nr. 128; Lütolf Sagen 430 Nr. 410c; 
Schönwerth Oberpfalz 1, 325; Wolf Hess. 
Sagen 25; ZfVk. 11 (1901), 417 f. 53 ) Toeppen 


1437 


schwarz 


1438 


Masuren 119. 54 ) Haas Poynyyi. Sagen 37; Rüg. 
Sagen 43; Harrys Niedersachsen 1, 28ff. Nr. 11; 
Luck Alpensageyi 39ff.; Ranke Sagen 201. 
55 ) Lütolf Sagen 44 Nr. 15; Schönwerth 
Oberpfalz 3, 192. 56 ) Gredt Luxemburg Nr. 131; 
Kuhn u. Schwartz 259 Nr. 290, 2; Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 301 f. 57 ) Drechsler 2, 107L; 
Engelien u. Lahn 283; Grimm Myth. 2, 
554 » x » 3 » Haltrich Siebenb. Sachsen 360. 
88 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 26; ZfVk. 23 
(1913), 148. 59 ) Haas Poynm. Sageyi j5] Usedom 
64; Lütolf Sageyi 33 yÜ. Nr. 286a—c; Meiche 
Sagen 461. 727. 740; Schönwerth Oberpfalz 3, 
338. 60 ) Haas Pomm. Sagen 74; Köhler Voigt- 
layid 288; Meiche Sagen 469. 480. 539. 544. 550. 
636; Schönwerth Oberpfalz 1, 233. 267. 270; 3, 
39. 108. 122; Zingerle Tirol 87 Nr. 738; ZfVk. 
27 (1917), 68; ZföVk. 6 (1900), 210; ZfrwVk. 
1900, 86. 61 ) Drechsler 2, 93; Meiche Sagen 
690. 719; Schönwerth 3, m. 128; Stracker¬ 
jan 2, 114. 62 ) Ranke Sagen 5. 63 ) Zingerle 
Tirol 82 Nr. 692. 64 ) Haas Usedom 82; Meiche 
Sageyi 49. 85 ) Haas Poynm. Sagen 91; Schön¬ 
werth Oberpfalz 2, 230. 88 ) Meiche Sagen 277. 
8: ) Schönwerth Oberpfalz 1, 271. * 8 ) Meiche 
Sageyi 483. 69 ) Grimm Myth. 3, 455 Nr. 607. 
70 ) BiPommVk. 5, 80 Nr. 12; Meiche Sagen 
664; Strackerjan 2, 296; Wolf Hess. Sagen 
102. 

3 a. Als Zauberfarbe bewährt s. seine 
kathartisch-lustrative Kraft 71 ) zunächst 
im Heilzauber. S.e Tiere, die dabei 
eine große Rolle spielen, sind wohl auf¬ 
zufassen als Krankheitsdämonen oder 
als Opfer an solche oder chthonische Gott¬ 
heiten, wobei sich die kräftesteigernde 
oder abwehrende Natur der Farbe be¬ 
sonders geltend macht. Will oder kann 
z. B. ein Kind nicht essen, so gebe man 
den Vögeln in der Luft oder einem s.en 
Hund ein kleines Traktament (Land ob 
der Enns, 18. Jh.) 72 ). In Berar (Nord¬ 
indien) opfert man bei einer Cholera¬ 
epidemie dem Totengott Yamaraja eine 
ganz s.e Kuh 73 ). Der Kopf einer s.en 
Katze, in einem neuen Topf verkohlt 
und gepulvert und davon in das Auge 
geblasen, hilft gegen verschiedene Augen¬ 
krankheiten 74 ). Blut aus dem Ohr einer 
s.en Katze, mit Schweineschmalz und 
dem Saft der Hauswurz vermischt, gibt 
eine heilende Salbe 75 ). Drei Tropfen 
solchen Blutes läßt man auf Brot fallen 
und ißt es gegen Fieber (Schw.) 76 ). 
Einem Kind, das Krämpfe hat, gibt man 
Blut von einer s.en Katze zu trinken 77 ). 
Hat jemand Fieber, so hetze er eine s.e 
Katze so lange, bis sie tot liegen bleibt 78 ). 


Die Korwar (Nordindien) jagen bei einer 
Choleraepidemie einen s.en Hahn oder 
eine s.e Ziege in ein anderes Dorf 79 ). In 
Deutschland war ein s.es Huhn das häu¬ 
figste Opfertier bei Krankheits- und 
Todesfällen 80 ). Nach der Zimmerischen 
Chronik (2, 203) trug man 1538 aus Rohr¬ 
dorf (b. Meßkirch) einen Impotenten 
nach Altheim (b. Überlingen) zum hl. 
Pankraz, dem er eine s.e Henne opfern 
mußte 81 ). Einem Kind, das Krämpfe 
hat, macht man einen Umschlag mit 
Federn, die einer s.en Henne unter dem 
linken Flügel ausgerissen sind (Schles.) 82 ). 
Warzen reibt man ein mit Blut von einem 
ganz s.en Huhn 83 ). Eine Suppe von einem 
ganz s.en Huhn ist gut gegen Hartleibig¬ 
keit und das beste Gericht für eine Wöch¬ 
nerin 84 ). Um Sommersprossen zu ver¬ 
treiben, reibt man das Gesicht mit einer 
s.en Schnecke ein 85 ). Dasselbe Mittel 
hilft gegen Warzen 86 ), besonders wenn 
man das Tier darauf auf einen Weißdorn 
spießt, damit Schnecke und Warzen 
verdorren. Auch Hühneraugen werden 
so behandelt 87 ). Einen Höcker vertreibt 
man durch Einreiben mit einer Salbe 
aus s.en Schnecken und Spitzwegerich, 
der auf einem Kreuzweg gewachsen ist, 
wo Hochzeitszüge darüber gehen 88 ). Zu 
einer sympathetischen Kur der „faulen¬ 
den Lungen“ nimmt man „die frische 
Lunge eines frischgeschlachteten schwar¬ 
zen Kalbes“ . . . kleingehackt mit Wein 
und Zucker zu einem Syrup gekocht 
(morgens und abends i Eßlöffel) 89 ). 
Gegen „Hinfallendes“ hilft der Harn 
eines s.en Pferdes oder einer s.en Kuh 
mit Löschwasser vermengt und getrun¬ 
ken 90 ), gegen Magenkrampf ein s.er 
Katzenbalg auf die Brust gelegt 90 ). 
Schmerzende Glieder reibt man mit dem 
erwärmten Fett einer s.en Katze ein 91 ). 
Die Milch einer s.en Kuh empfahl schon 
Hippokrates (Morb. mul. 43) 92 ). Molken 
von s.en Ziegen wurde auch gegen Hart¬ 
leibigkeit empfohlen 93 ). Gegen Schwäche 
der Kinder: man fängt den Harn des 
Kindes in einem neuen Topf, tut in 
diesen das Ei einer kohls.en Henne, sticht 
neun Löcher in das Ei und stellt den 


mit Leinwand zugebundenen Topf in 


1439 


schwarz 


1440 


einem ungesucht gefundenen Ameisen¬ 
haufen 94 ). 

S.e Wollfäden und Tücher sind im Heil¬ 
zauber sehr beliebt. Dabei unterstützt 
die zauberkräftige Farbe die an sich 
schon der Wolle eigene Kraft. So emp¬ 
fiehlt Plinius s.e Wolle in quartanis (n. h. 
28, iii, 114), ad mammarum vitia 
(n. h. 20, 225) und gegen den Biß toller 
Hunde (n. h. 28, 82) 95 ). Gegen Kropf 
und Drüsen verordnet er „soviel Gras, 
daß neun Knoten dran sind, in frisch¬ 
geschorene s.e Wolle gewickelt“. Mit 
sieben Knoten und s.er Wolle um den 
Kopf gewickelt soll es Kopfweh ver¬ 
treiben 96 ). Noch heute verwendet die 
Volksmedizin s.e Wollfäden, seidene Bän¬ 
der und Tücher. So soll man zum Schutz 
gegen Halsbräune stets ein s.seidenes 
Floretband um den Hals tragen 97 ). 
Gegen Krämpfe bindet man in Sachsen 
dem Kind ein s.es Samtband um den 
Hals, das nach acht Tagen ins Wasser 
geworfen wird 98 ). In Baden glaubt man, 
durch ein um den Hals gebundenes s.es 
Band Zahnschmerzen beheben zu kön¬ 
nen 99 ). Ein s.es Halsband erleichtert 
den Kindern das Zahnen 10 °). Wer einen 
Kropf hat, soll ein s.es Samtband über 
den Hals eines eben gestorbenen Men¬ 
schen ziehen und es sich dann um den 
Hals binden 101 ). Gegen Halsschmerzen 
umwickelt man den Hals mit einem s.en 
Strumpf, den man den Tag über ge¬ 
tragen hat 102 ). Epileptikern legt man 
ein s.seidenes Tuch über das Gesicht 
(auf den Mund), dann vergeht der An¬ 
fall 103 ). Puer si in veri genitoris indusium 
nigrum seu maculatum involvatur, si 
epilepsiaipsum angat, nunquam redibit 104 ). 

S.e Johannisbeeren werden gegen 
Gicht 105 ) und Darmkrämpfe der Kin¬ 
der 106 ) verwendet. Bestreicht man einen 
Kranken mit Kirschwasser aus s.en Kir¬ 
schen, so kann man den Tod hintanhal¬ 
ten 107 ). „Will man erfahren, ob ein 
Patient werde aufkommen oder sterben, 
so soll man einen Floh nehmen aus dem 
linken Ohr eines s.en Hundes, welcher 
keine andern Flecken an sich hat, und 
solchen bey sich tragen, sich darauf zu 
den Füßen des Patienten stellen, und ihn 


wegen seiner Krankheit befragen. Gibt 
er richtige Antwort, so ists gut, schweigt 
er aber stille, so ists mit ihm am Ende“ 108 ). 

Auch im Regen- und Wetter¬ 
zauber ist die s.e Farbe von Bedeutung. 
Der Zauberer opfert s.e Tiere (Schaf,. 
Schwein, Huhn) und trägt während der 
Regenperiode s.e Kleider (Ostafrika, As¬ 
sam, Timor). In Japan führt der Priester 
während der Prozession einen s.en Hund 
mit, der geopfert wird 109 ). Appaiser 
la tempete en ecrivant, Consummatum 
est, d'une certaine maniere, et en le 
mettant ensuite sur la pointe d'un cou- 
teau ä manche noir 110 ). Um eine Wind¬ 
hose unschädlich zu machen: ,,Es fällt 
einer auf die Knie neben dem Fuß des 
großen Masts nieder, in der einen Hand 
hält er ein Messer mit einem s.en Stieb 
und lieset dabey das Evangelium Jo¬ 
hannis. Wann er kömmt zu den Worten: 
das Wort ward Fleisch usw., so kehret 
er sich zur Seiten, da die Hose ist und 
macht einen Qveer-Schnitt in die Luft, 
als wollt er sie durchschneiden, sie sagen 
auch, daß die Hose alsdann in der That 
durchschnitten sey . . .“ m ). In den 
Niederlanden wird beim Wetterzauber 
ein s.es Huhn geopfert. In Schlesien 
stecken die Bauern gegen Wetterschaden 
einen Knochen eines s.en Schafes, das 
tags zuvor gebraten und gemeinsam ver¬ 
zehrt wurde, vor Sonnenaufgang ins 
Saatfeld 112 ). Der Indus überschwemmt 
alljährlich das Land und gilt wie der Nil 
als Spender aller Fruchtbarkeit. Des¬ 
halb werden, sobald er zu steigen be¬ 
ginnt, Stiere und s.e Pferde geopfert 113 ). 
In die Bode (Harz) wird zu Pfingsten jetzt 
noch ein s.er Hahn „geopfert“ 114 ). Eine 
s.e Katze, unter einem unfruchtbaren 
Baum vergraben, macht ihn wieder tra¬ 
gend (Siebenb.). In Böhmen kocht man 
zu Weihnachten einen s.en Kater und 
vergräbt ihn in der Nacht unter einem 
Baum, damit kein böser Geist dem 
Feld schade 115 ). 

Wer im Spiel gewinnen will, nehme 
während des Spiels für 6 Heller Retschen- 
pful (?) und drei s.e Kümmelkömer, zu¬ 
sammen in ein Papier gewickelt, in die 
linke Hand 116 ). Ein s.er wollener Fleck 


1441 


schwarz 


1442 


unters Butterfaß gelegt beschleunigt das 
Buttem U7 ). „Vieh auf dem Markte leicht 
zu verkaufen, räuchere man es mit der 
aus der Mitte eines Ameisenhaufens ge¬ 
grabenen s.en Kugel“ (Chemn. Rocken¬ 
phil.) U8 ). Durch ein s.es Tuch gewinnt 
man in der Johannisnacht den berge¬ 
großen Bernsteinblock, der im Kumme- 
rower See schwimmt U9 ). Gräbt man 
am Christabend, wenn es 7 Uhr schlägt, 
auf einem Kreuzweg einen s.en Katzen¬ 
kopf ein und Schlag 12 Uhr wieder aus, 
so findet man das ganze Loch voll Geld 120 ). 
Schatzsucher nehmen einen s.en Stein 
und ein Stück Stahl von einem Hoch¬ 
gerichtshaken in die Hand; an der Stelle, 
wo ein Schatz liegt, reibt sich der Stein 
von selbst an dem Stahl 121 ). Unsichtbar 
kann man sich machen, indem man einen 
Däumling aus einem ganz s.en Katzen¬ 
balg am linken Daumen trägt oder Milch 
von einer ganz s.en Kuh trinkt 122 ). Wer 
den Stein Beratides, der von s.er Farbe 
ist, in den Mund nimmt, kann die Gedan¬ 
ken und Pläne anderer Leute erkennen 123 ). 

Um Liebe zu gewinnen trage man 
weiße Steine aus dem Magen eines s.en 
Hahnes bei sich oder lege die Zunge eines 
solchen unter seine eigene Zunge und 
spreche: „Wie der Hahn die Henne, so 
liebe mich die Tochter des N. N.“ 124 ). 

Wer bestohlen worden ist, nehme eine 
s.e Henne und esse an neun Freitagen 
samt dieser Henne nichts, der Dieb wird 
entweder das Gestohlene wiederbringen 
oder sterben 125 ). Ein anderer Diebs¬ 
zwang bestand darin, daß die Bestoh¬ 
lene „ein Fewr von lauter häßlenem Holz 
in dem Nammen etc. anzunden / Wasser 
darüber stellen / drey Eijer von einer 
ganz s.en Hennen gelegt / darein werffen / 
vnd mit einer häßlenen Ruten / vnder 
der Sprechung gewisser Worten / in das 
Wasser / wann es anfangt sieden / schla¬ 
gen; vnd glauben / daß solche Schläge 
den Dieben treffen / vnd jhne den Dieb¬ 
stall wiederumb an seinen ort zulegen / 
zwingen“ 126 ). Oder man bestreicht eine 
Henne mit Ruß und läßt sie von den Ver¬ 
dächtigen betasten; wer keine s.en Hände 
bekommt, ist der Dieb 127 ). 

Im Schadenzauber finden mit Vor- 

Bächtold-Staubli , Aberglaube VII 


liebe Teile von s.en Tieren Verwendung. 
Mit Seilen, aus den Mähnenhaaren eines 
s.en Hengstes geflochten, entziehen irische 
Hexen fremden Kühen die Milch. Indische 
Zauberer benutzen zur Vernichtung ihres 
Feindes die Zähne einer s.en Schlange . 
Aus dem Kadaver eines s.en Katers kann 
man ein wirksames Gift hersteilen 128 ). 
Besonders gesucht sind s.e Hennen, rechte 
Teufelstiere, die besonders auch von 
Feuergeistern verlangt werden 129 ). Um 
eine s.e Henfie beten gewisse Leute die 
ihnen bezeichneten Menschen tot, indem 
sie das Vaterunser neunmal rückwärts 
hersagen 130 ). Besonders wertvoll sind 
die Eier solcher Tiere, die man nicht nur 
im Heilzauber gegen Bruchleiden ver¬ 
wendet 131 ), sondern auch sieben Tage 
lang unter der linken Achsel trägt, um 
einen kleinen hilfreichen Teufel (spiritus 
familiaris, s. d.) auszubrüten 132 ). Außer¬ 
dem kann eine Bäuerin, die mit dem erst¬ 
gelegten Ei einer s.en Henne unter das 
Vieh tritt, die Hexe erkennen, welche 
den Kühen die Milch entzieht 133 ). Wer 
mit dem ersten Ei einer s.en Henne in 
die Kirche geht, sieht alle Zauberer und 
Hexen auf ihren Köpfen gehend in die 
Kirche hereinkommen 134 ). Zukunft¬ 
deutende Figuren erhält man nach der 
Rückkehr aus der Christmette in der 
Schüssel Wasser, in die man vor dem 
Kirchgang das am Christabend gelegte 
Ei einer rabens.en Henne geschlagen 
hat 135 ). Eier s.er Hennen, besonders 
Karfreitagseier, werden ihrer wunder¬ 
baren Wirkung wegen sorgfältig auf¬ 
bewahrt 136 ). S.e Eier erhält man, indem 
man den Hennen Holderblüten unter das 
Futter mischt (Sympathie) 137 ). Mit 
Hilfe eines s.en Zaumes, den sie ihm um¬ 
wirft, verwandelt eine Hexe einen Knecht 
in ein Pferd (Sympathie) 138 ). Der 
sächsische General Sybilski von Wolfs¬ 
berg, ein arger Zauberer, der einmal s.e 
Haferkömer in Fußvolk verwandelt haben 
soll, ließ am Tag vor dem Gefecht bei Zäh¬ 
ren und Lommatzsch (13. 12. 1745), in 
dem er die preußische Nachhut schlug, 
sein Regiment zu drei Mann über einen 
s.en Mantel marschieren 139 ). 

71 ) Rohde Psyche 2, 443. 72 ) Grimm Myth. 

46 



1443 


schwarz 


1444 


3, 460 Nr. 741. 73 ) Cr00ke Northern India 1, 

16g. 74 ) BIPommVk. 5, 73; Flügel Volks¬ 
medizin 65; Hmtbl. (Unterinntal) 1 (1923)» 

Heft 6, 7. 75 ) Hager Chiemgau 237. 76 ) Wutt- 
ke 354 § 53°. 77 ) Drechsler 2, 307. 78 ) Grimm 
Myth. 3, 475 Nr. 1080. 79 ) Crooke Northern 

India 1, 169; ZfVk. 23 (1913), I 5 of - 80 ) Höhn 
Volksheilkunde 1, 90. 81 ) Zimmer mann Volks¬ 
heilkunde 58. 82 ) Drechsler 2, 307. 83 ) Fogel 
Pennsylvania 316 Nr. 1677. 84 ) Ebd. 278 Nr. 

1458. 85 ) ZfVk. 27 (1917), 149 - 86 ) Schönwerth 
Oberpfalz 3, 237; Zimmermann Volksheil¬ 
kunde 73. 87 ) Flügel Volksmedizin 43; Hager 
Chiemgau 237. 88 ) Zingerle Tirol 31 Nr. 217. 
8ö ) Burrigel Oeconomische Schatz - und Kunst- 
Kammer, Stuttgart 1734, 137. 90 ) Schönvverth 
Oberpfalz 3, 262. 267. 91 ) Fox Saarland 305. 

92 ) Höfler Organotherapie 169. 93 ) Burrigel 

a. a. O. 10. 94 ) Grimm Myth. 3, 465 Nr. 864. 
95 ) Pley de lanae usu 99. 96 ) Marz eil Heil¬ 
pflanzen 24. 97 ) Lammert 140. 98 ) John 

Erzgebirge 53; Seyfarth Sachsen 223. 99 ) Zim¬ 
mermann Volksheilkunde 42. 10 °) Ebd. 38h 

101 ) MschlesVk. 25 (1924), 93 Nr. 12; vgl. Zim¬ 
mermann Volksheilkunde 67. 102 ) ZfrwVk. 

1904, 93 - 103 ) Birlinger Volksth. 1, 481; 

Lammert 271; Strackerjan i, 98; 2, 114. 
104 ) Grimm Myth. 3, 466 Nr. 871. 105 ) Fischer 
Aberglaube 225. 106 ) Zimmermann Volks¬ 
heilkunde 50. 107 ) Ebd. 19. 108 ) Tharsander 

2, 53. 109 ) Frazer Der goldene Zweig (Abgekürz¬ 

te deutsche Ausgabe 1928) 9 8 - io 5 - 110 ) Lieb¬ 
recht Gervasius 254 Nr. 429; Zachariae 
Kl. Sehr. 351. m ) Tharsander 3, 239. 112 ) 

Jahn Opfer gebrauche 12. 148. 1I3 ) Bachofen 

Gräbersymbolik 321. 114 ) Grimm Myth. 3, 165; 
Jahn Opfergebräuche 151. 115 ) Ebd. 17, 267. 

116 ) Marzeil Kräuterbuch 224. 117 ) Eberhardt 
Landwirtschaft Nr. 3, 18. u8 ) Grimm Myth. 

3, 441 Nr. 199. 119 ) Haas Pomm. Sagen 123. 

12 °) Zingerle Tirol 195 Nr. 1593* 121 ) Anhorn 
Magiologia 857. m ) Zingerle Tirol 71 Nr. 
607t. 123 ) Tharsander 3, 255. 124 ) Jahrb. f. 

jüd. Vk. 1923, 199. 125 ) Haltrich Siebenb. 

Sachsen 292. 126 ) Magiologia das ist: Christi. 

Bericht von dem Aberglauben und Zauberey 
(Augustae Rauracorum 1675), 770. 127 ) Stern p- 
linger Aberglaube 56. 128 ) ZfVk. 23 (1913), 149. 
129 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 89. 95f. 13 °) Ebd. 
3, 199. 131 ) Men sing Schlesw. Wb. i, 1024. 

132 ) Haas Rüg. Sagen 24; Vernaleken Mythen 
261 f.; ZfVk. 28 (1918), 41 ff.; ZföVk. 2, in. 

133 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 367. 134 ) Men¬ 

sing Schlesw. Wb. 1, 1024. 135 ) Zingerle Tirol 
195 Nr. 1592. 136 ) Birlinger Volksth. 2, 78. 

137 ) Burrigel a. a. O. 446. 138 ) Gredt Luxem¬ 
burg Nr. 211. 139 ) Meie he Sagen 536 t. 

3 b. Die negative, apotropäische Kraft 
der s.en Farbe macht sie auch zur Schutz¬ 
farbe gegen Dämonen und Geister und 
ihre schädlichen Einwirkungen. Darum 
glaubt man z. B. in Ostpreußen, Leute 
mit s.en Haaren könnten nicht beschrieen 


werden; ein ganzes Dorf sucht man vor 
Hexen dadurch zu schützen, daß man 
es mit zwei s.en Kühen umpflügt 140 ). 
Wenn die Alten das Gesicht ihrer Kinder 
mit Schmutz oder Badeschlamm ein¬ 
schmierten, um den bösen Blick abzu¬ 
wehren 141 ), so konnte dieser Verunstal¬ 
tung ebenso die Absicht zu Grunde liegen, 
dem Neid der bösen Geister die Kinder 
zu entziehen oder sie einfach unkennt¬ 
lich zu machen, wie der Glaube an die 
Dämonen abwehrende Kraft der s.en 
Farbe 142 ). Das Bemalen mit s.er 
Farbe zur Abschreckung böser Geister 
ist überaus weit verbreitet. In Griechen¬ 
land malt man in der Christnacht zum 
Schutz gegen die Kallikantzari s.e Kreuze 
an die Tür 143 ). Die Juden in der Buko¬ 
wina streichen bei Epidemien die Wände 
ihrer Häuser mit Kohle an 144 ). In Per¬ 
sien, Indien u. a. schwärzt man die Wim¬ 
pern oder das ganze Gesicht der Kinder 
zum Schutz gegen das Beschreien, im 
Pandschab selbst die Augen der Götter¬ 
bilder. Wenn eine Eskimofrau in Nord¬ 
westalaska ihrem Kind neue Kleider an¬ 
zieht, versieht sie das Gesicht des Kindes 
mit einem breiten, s.en Streifen. Bei 
den Mundrucus (Zentralbrasilien) schwär¬ 
zen sich die weiblichen Angehörigen eines 
Verstorbenen, bei den Menomini- 
Indianern alle Hinterbliebenen das Ge¬ 
sicht. Auch in Nordwestamerika, auf 
einigen Inseln des Bismarck-Archipels 
und in Neu-Guinea ist das S.färben bei 
Todesfällen üblich 145 ). Einen Überrest 
dieses S.färbens haben wir vielleicht in 
dem in Deutschland und anderwärts 
an verschiedenen Festen des Jahres (Drei¬ 
könig, Abschluß der winterlichen Spinn¬ 
zeit, Fastnacht, Ostern, Pfingsten, Schluß 
des Ausdreschens) üblichen Schwärzen 
des Gesichts zu erblicken 146 ), während 
andere in diesem Brauch eine Nach¬ 
ahmung der Vegetationsdämonen, also 
einen Fruchtbarkeitszauber sehen 147 ). 
Wenn dagegen z. B. auf der Insel Wetter 
j die Frauen als Zeichen der Trauer s.e 
j Schamgürtel anlegen und ihre Armbänder 
; mit s.en Tüchern verhüllen, so haben 
| wir das, wie überhaupt das Anlegen s.er 
I Trauergewänder, als Versuch aufzu¬ 


1445 


schwarz 


1446 


fassen, dem Neid des Toten durch ein 
unscheinbares Äußeres zu entgehen 148 ). 
Unzweifelhaft ist die prophylaktische und 
apotropäische Natur s.er Gegenstände und 
Amulette. In einer Predigt de idola- 
triae cultu des San Bernardino da Siena 
(1380—1444) heißt es: contra dolorem, 
sive tumefactionem gutturis, seu contra 
cantarellas incantant cum cultello qui 
habeat manubrium nigrum. In manchen 
Gegenden Griechenlands legt man der 
Wöchnerin zum Schutz gegen böse Geister 
ein Messer mit s.em Griff unter das Kopf¬ 
kissen 149 ). In Siegelsbach (Baden) gibt 
man den Männern, besonders den Schwer¬ 
arbeitern und Knechten, Karfreitagseier 
von s.en Hühnern als Vorbeugungsmittel 
gegen Nabel-, Leisten- oder Hoden¬ 
bruch 15 °). In Portugal sucht man die 
Kinder vor dem bösen Blick durch ver¬ 
schiedene Gegenstände zu schützen, die 
auf einem s.en Faden aufgezogen werden. 
Nach Plinius n. h. 37, 54. 6 schützt Anti- 
pathes, ein s.er Stein, vor der Faszina¬ 
tion 151 ). Denselben Dienst tun Queck¬ 
silber und weiße Steine aus dem Magen 
eines s.en Hahnes, bei Frauen einer s.en 
Henne 152 ). 

S.e Opfertiere gehören den Unter¬ 
irdischen 153 ). Zum Geisterzitieren 
schlachtete man an einem mit s.en oder 
himmelblauen Bändern und Zypressen 
geschmückten Altar s.e Tiere 154 ). Der 
Teufel verlangte von den Leuten, die 
er in seiner Gewalt hatte, bestimmte 
Opfer, besonders s.e Hühner 155 ). In 
Zeiten einer Pestepidemie schlachtete 
man einen s.en Hund, einen s.en Hahn 
und eine s.e Katze und tauchte in ihr 
Blut Garn, um es rückwärts gehend um 
das Haus zu spannen; dazu sprach man: 
„Komm nicht herein, der s.e Hund wird 
dich beißen, die s.e Katze dich zerreißen, 
der s.e Hahn nach dir hacken“ 156 ). Der 
apotropäische Charakter dieses Opfers 
ist unzweideutig. Um böse Geister fem- 
zuhalten opfern auch Schatzgräber s.e 
Tiere (Bock, Hund, Katze, Huhn) 157 ). 
Wassergeistern mußten ebenfalls s.e Tiere 
dargebracht werden, wenn nicht zu ge¬ 
wissen Zeiten jemand ertrinken sollte 158 ). 
Eine Drud kann erlöst werden, wenn 


man ihr erlaubt, ein s.es Tier zu er¬ 
drücken 159 ). Eine Feuersbrunst glauben 
die Esten dadurch zu hemmen, daß sie 
ein lebendiges s.es Huhn in die Flammen 
werfen 160 ). Bei der Grundsteinlegung 
von wichtigen Bauten wurden als Bau¬ 
opfer mit Vorliebe s.e Tiere eingemauert 
(s. Tieropfer) 161 ). Noch heute haut man 
in der Landshuter Gegend bei Unglück 
im Stall einer s.en Henne den Kopf ab, 
reißt drei Steine vom Stallpflaster auf 
und vergräbt die Henne hinein 162 ). Um 
ein Haus vor Feuer zu schützen nimmt 
man nach dem Rat eines Zigeuners 
morgens und abends eine kohls.e Henne, 
schneidet ihr den Hals ab, wirft sie auf 
die Erde und schneidet den Magen ganz 
aus dem Leib, aber ohne etwas davon 
wegzunehmen. Dann wickelt man den 
Magen zusammen mit einem Gründon¬ 
nerstagsei in ein tellergroßes Stück von 
einem mit Menstruationsblut durchtränk¬ 
ten Hemd einer reinen Jungfrau, umgibt 
diese drei Stücke (s.-weiß-rot, die kräftig¬ 
sten Zauberfarben) mit Wachs und ver¬ 
gräbt das Ganze in einem „Achtels-Maaß- 
Häflein“ unter der Haustürschwelle 163 ). 
Auch die außerordentlich weit verbreitete 
Meinung, man könne das Vieh vor Krank¬ 
heit (Behexung) bewahren, wenn man 
ein s.es Tier (Ziegenbock, Katze, Huhn, 
Hund) im Stall hält, wurzelt in dem 
Glauben an die apotropäische Kraft s.er 
(Opfer-)Tiere 164 ). In einem Haus, in 
dem ein s.er Hahn, eine s.e Katze und 
ein s.er Hund ist, kommt nie Feuer 
aus 165 ). Welches Tier einen s.en Rachen 
hat, dem können die Leute nichts an- 
haben 166 ). Wer einen ganz s.en Hahn, 
eine ganz s.e Katze oder ein ganz s.es 
Lamm dazu brächte, auf einer schnee¬ 
bedeckten Alm dreimal zu schreiten, 
würde die Alm vom Schnee befreien 167 ). 
Wegen ihrer übelabwehrenden Kraft soll 
man s.e Tiere nicht aus dem Hause tun 168 ). 

Geburt, Hochzeit und Tod sind 
die drei Lebensabschnitte, in denen der 
Mensch den Einflüssen böser Geister be¬ 
sonders ausgesetzt ist und deshalb ab¬ 
wehrender Mittel besonders bedarf. Für 
Mutter und Kind sind s.e Gegenstände 
von großer Bedeutung. Bei den Malayen 

46* 


M 47 


schwarz 


schwarz 


1450 


1448 


auf Ceylon, in der Türkei und in Griechen¬ 
land wird das Kind durch Anbringen 
s.er Rußflecken im Gesicht gegen den 
bösen Blick geschützt 169 ). Zu demselben 
Zweck hängt man in gewissen Gegenden 
Österreichs dem Kind ein Büschelchen 
s.er Bockshaare um den Hals 170 ). Gegen 
Krämpfe bekommt das Kind ein Ge¬ 
sangbuch und ein s.seidenes Tuch unter 
das Kopfkissen (Erzgeb.) m ) oder man 
bedeckt sein Gesicht mit dem s.seidenen 
Tuch einer verstorbenen Patin 172 ). In 
Estland trägt die Wöchnerin zum Schutz 
gegen den bösen Blick nur s.e Kleider 173 ). 
Im OA. Ravensburg (Württtemb.) sind 
Wöchnerin und Gevatterin beim ersten 
Kirchgang ganz s. gekleidet 174 ). Drei 
Tage nach der Taufe „weisen“ in Öster¬ 
reich die Gevattersleute der Wöchnerin 
Geschenke, u. a. eine s.e Henne 175 ). Da¬ 
gegen darf man in der Oberpfalz beim 
Besuch einer Wöchnerin keine s.en Kleider 
tragen; es wäre der Tod für Mutter und 
Kind 176 ). Auch sonst gilt s. für un¬ 
günstig. Eine Schwangere soll keine 
Schwarzbeeren (Heidelbeeren) pflücken, 
sonst bekommt das Kind viele s.e Mutter¬ 
male (Karlsbad) 177 ). Auch soll sie keine 
s.en Kleider tragen, sonst wird das Kind 
furchtsam 178 ). Dasselbe gilt von der 
Wöchnerin 179 ). Auch das Kind soll nicht 
s. gekleidet werden, sonst nimmt man 
ihm die Freude am Leben (OA. Mergent¬ 
heim) 18 °). Dagegen soll man kleine 
Kinder auf s.en Füllen reiten lassen, 
dann bekommen sie bald Zähne (Chem¬ 
nitzer Rockenphilos.) 181 ). 

Im österreichischen erhielten früher 
die Leutlader in jedem Haus ein Ge¬ 
schenk, womöglich einen s.en Hahn oder 
eine s.e Henne 182 ). Von der Verkündigung 
bis zur Hochzeit trägt im hochaleman¬ 
nischen Gebiet, in Oberschwaben und 
Altbayem, die Braut ein s.es Kleid 183 ). 
Bei der Kapitulation mußte man früher 
dem Pfarrer eine s.e Henne oder 2 fl. 
bringen (für Heirat in verbotener Zeit) 184 ). 
Auf dem Kammerwagen der Braut führte 
man in der Tachauer Gegend eine s.e 
Henne mit, damit die eheliche Treue ge¬ 
wahrt bleibe 185 ). Beim Einzug ins neue 
Heim sollen die Brautleute eine s.e Henne 


voran zur Haustür einlaufen lassen oder 
zum Fenster hineinstecken; alles Un¬ 
glück trifft dann das Tier (Chemn. 
Rockenphilos.) 186 ). 

In der Oberpfalz hält man dem Ster¬ 
benden eine s.e Lorettokerze vor, welche 
böse Geister und jeden Zauber fern¬ 
hält 187 ). Vor den Leichenhäusern pflanzte 
man im alten Rom die den unterirdischen 
Göttern geweihte atra cupressus auf 
(Serv. Aen. 3, 62—68) 188 ). In Ru¬ 
mänien setzt man, um einen Todesfall 
anzuzeigen, eine s.e Fahne oder einen 
mit trockenen Früchten oder Bändern 
behängten Fichtenbaum vors Haus 189 ). 
In s.e Gewänder hüllten die Alten die 
Toten (Lukian Philops. 31 f.) 190 ). Im Ber- 
gischen z.B. wurde der Sarg mit einem 
s.en Tuch bedeckt; war der Tote ver¬ 
heiratet, so ist es ein s.es Tuch mit 
weißem Kreuz 191 ). Im OA. Crailsheim 
und anderwärts ist noch heute der 
Leichenlader s. angezogen 192 ). Zur Toten¬ 
wache erscheinen im Bergischen die Män¬ 
ner mit hängenden Schleiern und ab¬ 
gezogenen Hüten, die Frauen aber in 
s.e Regentücher verhüllt im Sterbe¬ 
haus 193 ). Im Böhmerwald wird ein 
Junggeselle von s.gekleideten Burschen 
auf den Friedhof getragen 194 ). Im 
Bergischen erhielten die verheirateten 
Leichenträger, bevor der Trauerzug das 
Haus verließ, s.e Lederhandschuhe. Die 
Pferde des s. gestrichenen Leichenwagens 
trugen einen s.en Flor 195 ). Im Ber¬ 
gischen wie in Oldenburg trugen noch 
im 19. Jh. die Frauen des Trauergefolges 
das schwere, s.e Regentuch, das bis zu 
den Füßen herabfiel und die ganze Klei¬ 
dung bedeckte; ärmere Frauen legten 
statt dessen eine s.e Schürze über den 
Kopf 196 ). In Topusko (Kroatien) schlach¬ 
ten die Katholiken gleich nach der Hin¬ 
austragung des Toten eine s.e Henne, 
ihr Fleisch wird vergraben oder ver¬ 
schenkt, nur die ärmsten Leute ver¬ 
wenden es zum Trauermahl 197 ). 

Ihre vielfachen Beziehungen zu bösen 
Dämonen und Geistern, zu Tod und 
Sterben verliehen der s.en Farbe ihren 
unheilverkündenden Charakter. In 
Indien gelten Männer mit s.en Lippen 



1449 


und s.er Zunge für besonders bösartig 
und gefährlich 198 ). S.e Gespenster ver¬ 
künden Unglück und Tod (Berg, Nieder- 
österr.) 199 ). S.e Flecken auf den Nägeln 
bedeuten Unglück (Oldenb.) 20 °). Vor 
allem gelten s.e Tiere im deutschen 
Volksglauben als unheilbringend 201 ): Be¬ 
gegnet man einer s.en Katze, so hat man 
nichts Gutes zu erwarten und geht am 
besten wieder nach Hause 202 ). Laufen 
s.e Katzen einem Leichenzug nach, so 
steht es mit der Seele des Toten nicht 
gut 203 ). In einem Haus, in dem ein 
kleines Kind in der Wiege liegt, soll man 
keine s.e Katze mit einem weißen Fleck 
halten; der Atem des Tieres würde das 
Kind töten 204 ). Das Erscheinen oder das 
Heulen eines s.en Hundes zeigt einen 
bevorstehenden Todesfall an 205 ). Von 
den Vögeln gelten besonders Rabe, Krähe 
und Eule als Todesboten 206 ). Erscheinen 
viele s.e Käfer in einem Haus, so stirbt 
jemand. Ist der erste Schmetterling, 
den man im Jahr sieht, ein Trauer¬ 
mantel, so bekommt man Trauer 207 ). 
Beim ersten Austrieb vermeidet man, 
eine s.e Kuh voranzutreiben; denn das 
würde Unglück, zum mindesten schlechtes 
Wetter bringen 208 ). Wer eine s.e Kuh 
oder einen s.en Ochsen (hl. Opfertiere P 209 )) 
schlachtet, hat einen Todesfall in seinem 
Haus zu erwarten 21 °). Trägt die Braut 
an ihrem Hochzeitstag ein s.es Kleid, so 
bedeutet das Unglück 211 ). Wird die 
Brautkutsche von s.en Pferden gezogen, 
so zieht Not und Unglück in die Ehe 
ein 212 ). S.e Flecken in der Wäsche 
deuten auf den Tod eines Familien¬ 
glieds 213 ). S.e Blasen am gebackenen 
Brot oder s. gebackenes Brot verkünden 
Unglück und Trauer 214 ). Legt man 
Brot, in das ein Kranker gebissen hat, 
an einen Ort, wohin weder Sonne noch 
Mond scheint, so wird es immer dunkler, 
wenn die Krankheit zunimmt, und sechs 
Stunden vor des Kranken Tod wird es 
ganz s. 215 ). Zum Binden eines Blumen¬ 
straußes darf man keinen s.en Faden 
nehmen 216 ). Ein in der Stube liegender 
s.er Faden kündet einem der Einziehenden 
Tod an 217 ). Eine elsäß.-jüdische Redens¬ 
art sagt deshalb: ,,'s könnt mir nit 


emaul e s. Bändele an der Leib" (= bin 
immer fröhlich) 218 ). Im Traum be¬ 
deuten s.e Pferde Streit 219 ), s.e Kirschen 
einen bevorstehenden Todesfall 22 °). In 
der Andreasnacht kleben in manchen 
Gegenden die Mädchen Blätter von Im¬ 
mergrün an das Fenster; werden die 
Blätter über Nacht s., so stirbt das 
Mädchen noch in demselben Jahr 221 ). 
Wer beim Nüsseaufmachen am Christ¬ 
abend oder Silvesterabend zuerst eine 
s.e Nuß trifft, stirbt im kommenden 
jahr 222 ). Bei einem Gewitter soll man 
nicht sagen: ,,Der Himmel ist s.“, sonst 
wird Gott zornig 223 ). An der Ostsee¬ 
küste zeigt ein s.es Gespensterschiff eine 
kommende Sturmflut an 224 ). In Schle¬ 
sien heißt es: viel Brombeeren, viel 
Schnee 225 ). Eine ganz s.e Raupe zeigt 
einen strengen Winter an 226 ). Auch 
wenn die zwei Zeichen zwischen den 
Rückenflossen des Barsches im Herbst 
s. sind, steht ein strenger Winter bevor 227 ). 

Weit seltener ist S. als Glücksfarbe. 
So sollen ein s.er Hund, eine s.e Katze 
oder ein s.er Hahn auf dem Hof Glück 
bringen 228 ). Der Angang einer s.en 
Katze bedeutet Glück 229 ). Dasselbe 
trifft zu, wenn einem eine s.e Katze 
nachgeworfen wird 230 ). Wer von einem 
s.en Pferd träumt, bekommt einen Brief 231 ). 
S.e Kühe und Kälber deuten auf ein 
besonderes Glück 232 ). Eine s.e Spinne, 
die einem Menschen zu Leibe kriecht oder 
sich spinnend herabläßt, bringt Glück 233 ). 
Das tun auch große, s.e Ameisen, wenn 
man sie in einer Schachtel in den Geld¬ 
schrank stellt 234 ). Weit verbreitet ist 
der Brauch, daß junge Mädchen die 
ihnen begegnenden Schimmel zählen und 
nach einer bestimmten Anzahl (meist 100) 
nach einem Schornsteinfeger ausschauen. 
Begegnet ihnen ein solcher mit einer 
Leiter, so bedeutet das Hochzeit. Der 
junge Mann, den sie zuerst treffen, ist 
ihr Zukünftiger. 

14 °) Seligmann Blick 2, 244. 141 ) Ebd. 2, 

243 f. 142 ) Vgl. ZfVk. 23 (1913)» 152. 143 ) Ebd. 
151. 144 ) ZföVk. 2, 81. 145 ) Seligmann Blick 
2, 244t; ZfVk. 23 (1913). 146 ) Birlinger 

Aus Schwaben 2, 30; Fontaine Luxemburg 29; 
Hoffmann-Krayer 135; John Westböhmen 
192; Kapff Festgebräuche Nr. 2, 12; Mann- 










1451 


schwarz 


1452 


hardt 1, 342P 365. 426; Naumann Gemein- 
Schaftskultur 47ff.; Panzer Beitrag 2, n8f. 223. 
234. 250; Pollinger Landshut 204; Reiser 
Allgäu 2, 59; Sartori Sitte u. Brauch 2, 192; 
3, 100; Schmitt Bettingen 23; Strackerjan 
2, 72; Zingerle Tirol 136 Nr. 1198t.; 137 Nr. 
1205; 170 Nr. 1429; 175 Nr. 1461; ZfVk. 23 
( I 9 I 3 )» J 5 2 - 147 ) Mannhardt 1, 322; Schröder 
Rigveda 460t.; vgl. Pfannenschmid Ernte¬ 
feste 583.618. 148 ) ZfVk.23 (1913), 152. 149 ) Za- 
chariae Kl. Sehr. 351. 15 °) Zimmermann 

Volksheilkunde 59; vgl. Spieß Obererzgebirge 
12. 151 ) Seligmann Blick 2, 28. 244. 152 ) Jahrb. 
f. jüd. Vk. 1923, 212. 1S3 ) Grimm Myth. 1, 40; 
Höfler Organotherapie 30L; Panzer Beitrag 1, 
371; Siecke Götterattribute 301; Vernaleken 
Mythen 261 f.; ZfVk. 23 (1913), 149. 154 ) Fi¬ 

scher Aberglaube 312; Jahrb. f. jüd. Vk. 1923, 
179. 155 ) BlfHmtk. (Graz), 4,95; Fox Saarland 
243. 156 ) ZfVk. 35 (1925), 41. 1S7 ) BIPommVk. 
5, 100; Curtze Waldeck 194 Nr. 14; Fischer 
Aberglaube 159; Grimm Myth. 3, 192; Haas 
Usedom 148; Harrys Niedersachsen 2, 86f. 
Nr. 38; Jacobi Behuts. Vorstellung 17, 15; 
Kuhn u. Schwartz iof. 20. 468; Kühnau 
Sagen 3, 560; Meiche Sagen 557; Pfister Hes¬ 
sen 121; Wolf Sagen 9 Nr. 10; Zingerle Tirol 
159 Nr. 1352. 158 ) Jahn Opfergebräuche 151; 

Kuhn u. Schwartz 172 Nr. 197; 426 Nr. 237; 
Ranke Sagen 191. 159 ) Schönwerth Oberpfalz 
t, 210. 220. 224. 18 °) Grimm Myth. 3, 491 

Nr. 82. 161 ) ZfVk. 23 (1913), 150; Harrys 

Nieder Sachsen 2, 70. 162 ) Pollinger Landshut 

156. 163 ) ZföVk. 6 (1900), 113. 164 ) Bayld. 25 
(1913/14), 439; Eberhardt Landwirtschaft 

13; Fogel Pennsylvania 142 Nr. 656; Grimm 
Myth. 3, 456 Nr. 640; Hager Chiemgau 244; 
Haltrich Siebenb. Sachsen 278; Meyer Baden 
371; Schmitt Hettingen 15; Schönwerth 
Oberpfalz 1, 319. 327. 342. 346; Seligmann 
Blick 2, 244; Zimmermann Volksheilkunde 

96; SAVk. 7 (1903), 141; 21 (1917)» 54 ; ZfVk. 
2 3 (1913)» 150; ZföVk. 4 (1898), 215. 165 ) 

Drechsler 2, 146; Grimm Myth. 3, 474 Nr. 
1056; Sartori Sitte u. Brauch 2, 130; Wolf 
Beiträge 2, 388. 166 ) Grimm Myth. 3, 456 Nr. 
641. 167 ) ZfdMyth. 2 (1854), 31 f. 168 ) Sartori 
Sitte u. Brauch 2, 130; ZfVk. 1 (1891), 191. 
1€9 ) Seligmann Blick 2. 244ff.; Stern Türkei 

2, 409. 17 °) Baumgarten Aus der Heimat 3, 

23f. 171 ) Spieß Obererzgebirge 36. 172 ) John 

Erzgebirge 54. 173 ) Seligmann Blick 2, 244. 

174 ) Höh n Geburt Nr. 4, 266. 175 ) Baumgarten 
Aus der Heimat 3, 20. I76 ) Schönwerth Ober¬ 
pfalz i, 158. I77 ) Mar zell Heilpflanzen 121. 

178 ) Brückner Reuß 179. 179 ) Fischer Aber¬ 

glaube 257; Grimm Myth. 3, 436 Nr. 49; John 
Erzgebirge 52; Köhler Voigtland 437; Spieß 
Obererzgebirge 36. 18 °) Höhn Geburt Nr. 4, 277. 
181 ) Grimm Myth. 3, 448 Nr. 428. 182 ) Baum¬ 
garten Aus der Heimat 3, 53. 183 ) Meyer 

Baden 265; Weinhold Frauen 1, 343. 184 ) John 
Westböhmen 216; Weinhold Frauen i, 386. 
185 ) John Westböhmen 217. l86 ) Grimm Myth. 

3, 446 Nr. 358. 187 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 


241. 188 ) Bachof en Gräber Symbolik 8. 189 ) Sar¬ 
tori Sitte u. Brauch 1, 131. 19 °) Bachofen 

Gräbersymbolik 7. 391 ) ZfrwVk. 1908, 252. 

192 ) Höhn Tod Nr. 7, 328; vgl. SAVk. 19, 42. 

193 ) ZfrwVk. 1908, 252. 194 ) Schramek Böhmer¬ 
wald 228. 195 ) ZfrwVk. 1906, 252. 259. 261. 

196 ) Ebd.259; Strackerjan 2, 114. I97 ) Krauß 
Relig. Brauch 154. 198 ) ZfVk. 23 (1913), I4if. 
IM) Wolf Sagen 54; ZfrwVk. 1906, 65. 20 °) 

Strackerjan 2, 114. 201 ) Lütolf Sagen 276 Nr. 
215; Niderberger Unterwalden 1, 52; Strak- 
kerjan 2, 114; ZfVk. 23 (1913), 148. 202 ) Fogel 
Pennsylvania 67 Nr. 215; 99 Nr. 402; 105 Nr. 
443; 108 Nr. 463; 142 Nr. 655. 658; Spieß 
Obererzgebirge 18. 203 ) Baumgarten Aus der 

Heimat 3, 124. 204 ) ZfVk. 23 (1913), 148. 20S ) 
BayHfte. 1 (1914), 229; Schönwerth Ober- 
Pfalz 1, 262. 206 ) Fox Saarland 231; ZfVk. 

30/32 (1920), 149. 207 ) ZfVk. 30/32 (1920), 149 *. 
208 ) John Erzgebirge 228; Spieß Obererzgebirge 
13. 209 ) Grimm Myth. 1, 40. 21 °) Drechsler 
2, 107; Grimm Myth. 3, 467 Nr. 887; Urquell 
N. F. 1 (1897), 17; ZfrwVk. 1908, 244 f. 211 ) 
Curtze Waldeck 375 Nr. 31; Fogel Pennsyl¬ 
vania 70 Nr. 233; Zingerle Tirol 19 Nr. 119. 
212 ) John Erzgebirge 95. 213 ) ZfrwVk. 1905, 199. 
214 ) FränkHmt. 4 (1925), 12; John Westböhmen 
246. 21S ) BIPommVk. 5,40. 216 ) ZfVk.23 (1913), 
148. 217 ) John Erzgebirge 28. 218 ) SAVk. 11 

(1907), 4. 219 ) Fogel Pennsylvynia 79 Nr. 284. 
22 °) Lütolf Sagen 558 Nr. 582. 221 ) Marzell 

Kräuterbuch 476. 222 ) Spieß Obererzgebirge 22. 

223 ) Ebd. 31. 224 ) Haas Pomm. Sagen 1. 225 ) 

Drechsler 2, 218; Marzell Kräuterbuch 133. 
226 ) Fogel Pennsylvania 230 Nr. 1183. 227 ) 

BIPommVk. 5, m. 228 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 137; Fogel Pennsylvania 162 Nr. 766. 
229 ) Ebd. 142 Nr. 657. 23 °) HmtK. 37 (1927), 

135. 231 ) Fogel Pennsylvania 78 Nr. 281. 

232 ) Sartori Sitte u. Brauch 2, 140. 233 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 183. 234 ) Meiche Sagen 303. 

4. Vielfach ist die Zauberkraft der 
s.en Farbe in Vergessenheit geraten. Man 
sieht in S. nur den vollen Gegensatz zu 
Weiß, der Licht- und Lebensfarbe. So 
wird S. zum Symbol des erloschenen 
Lebens, des Todes und der tiefsten 
Trauer. Da S. die Farbe der Unterwelt 
ist (vgl. Hesiod Theog. 726), chthonischen 
Göttern s.e Opfer gebühren (s. o. 3 b), 
so trug auch der Priester (zunächst als 
Apotropäum) beim Opfer an die Unter¬ 
irdischen s.e Kleider (Orph. Argon. 968) 235 ). 
Einen letzten Überrest dieser kultischen 
Verwendung der s.en Farbe bildet ihre 
Aufnahme unter die liturgischen Farben 
der röm.-katholischen Kirche, die für 
Karfreitag und die Totenliturgie zum 
„Zeichen der tiefsten, schmerzlichsten 
Trauer und Klage, wie sie durch den 


1453 


schwarz 


1454 


Tod verursacht wird", s.e Gewänder vor¬ 
schreibt 236 ). Am Sonntag Judica (in 
manchen Kirchen an Laetare) werden 
die Altäre s. verhängt 237 )- Dieser Sonn¬ 
tag heißt deshalb „s.er Sonntag". Er 
gilt vielfach als Unglückstag 238 ). In 
Westböhmen aber heißt es: „Ist’s am 
s.en Sonntag schön, so wird schönes 
Heu" 239 ). In Schlesien heißt die Kar¬ 
woche „s.e Woche" 24 °). Auch in der 
Adventszeit waren in manchen Kirchen 
die Priestergewänder s., und in manchen 
protestantischen Kirchen werden noch 
in jüngster Zeit Altar und Kanzel s. be¬ 
hängt. Frauen und Mädchen kamen in 
s.er Kleidung zum Gottesdienst 241 ). Auch 
zu Festgewändern verwendete man im 
MA. die s.e Farbe, wie auch heute noch 
s.e Röcke und Jacken zur Frauen- und 
Mädchentracht an hohen Feiertagen (Weih¬ 
nachten, Ostern, Pfingsten) gehören 242 ). 
Für gewöhnlich aber gilt die schon im 
MA. übliche Deutung: S. bedeutet Tod, 
Schuld und Verdammnis; s.e Kleidung 
ist Trauerkleidung 243 ). In Dar-For (Nord¬ 
afrika) war es von übelster Vorbedeutung, 
wenn der Sultan einem Statthalter statt 
des roten ein s.es Gewand schickte oder 
selbst in s.er Kleidung erschien 244 ). Bei 
den mittelalterlichen Femgerichten spielte 
die s.e Farbe nicht umsonst eine große 
Rolle 245 ). Im Sächsischen mußte einst 
ein Edler zum Zeichen, daß er einmal 
dem Richtschwert verfallen war, zeit¬ 
lebens eine s.e Schnur um den Hals 
tragen 246 ). Anderwärts mußte bei Be¬ 
gnadigung des Delinquenten der Scharf¬ 
richter eine s.e Henne zerreißen, um 
Blut zu sehen und seine Grausamkeit zu 
befriedigen 247 ). 

Manche Leute glaubten aus der Ge¬ 
stalt und Haarfarbe einer Person auf 
deren Charakter schließen zu können: 
„Weilen die Moren vnverständig vnd 
hartnakig; so seyen auch die in jhrem 
Angesicht gelb-schwarzen / hartnakige 
vnd vnverständige Leut" 248 ). Bei einigen 
arabischen Stämmen hat die s.e Farbe 
u. U. geradezu die Bedeutung des Nie¬ 
drigen und Ehrlosen. Vermag einer 
seinen Gast nicht zu schützen und einen 
ihm entwendeten Gegenstand nicht wieder 


zu beschaffen, so tituliert man ihn bei 
den Imrän-Arabern mit „S.er Hund". 
Eine s.e Fahne, die er neben seinem 
Zelt auf pflanzen muß, darf nicht ent¬ 
fernt werden, bevor das Gestohlene wieder 
herbeigeschafft ist. Nimmt ein Mann 
aus Feigheit nicht an einem Kriegszug 
teil, so färben ihm die Frauen das Ge¬ 
sicht s. Bei den Kalmücken heißen 
Männer und Frauen aus dem Volk „s.e 
Knochen" und „s.es Fleisch", während 
die Vornehmen und die höhere Geistlich¬ 
keit „weiße Knochen" und „weißes Fleisch 
genannt werden 249 ). 

In früheren Zeiten war der Aber¬ 


glaube der Tagwählerei sehr verbreitet. 
„Wir halten aber für Tagweller . . . die¬ 
jenigen: Welche ins gemein / die Tage 
abtheilen in s.e und weisse: in glük- 


hafftige vnd vnglükhafftige 


" 250 



235 ) Zitiert bei Panzer Beitrag 1, 370 - 236 ) 
Gihr Meßopfer 261 ft. 237 ) John Westböhmen 
49; Sartori Sitte u. Brauch 3, 134. 238 ) Schultz 
Alltagsleben 240. 239 ) John Westböhmen 49. 

24 °) Drechsler 1,77. 241 ) Pfannenschmid 

Erntefeste 517. 242 ) Schulenburg 131 ; Schül¬ 
ler us Siebenbürgen 47 - 49 : Weinhold Frauen 
2, 255 ff. 243 ) Strackerjan 2, 114; Weinhold 
Frauen 2, 255 ff. 244 ) Schurtz Tracht 83 f. 
245 ) Vgl. Schönwerth Oberpfalz 3, 171- 246 ) 

Meiche Sägern 1007. 247 ) ZföVk. 6 (1900), 119. 
248 ) Anhorn Magiologia 227. 249 ) ZVfk. 23 

/ T ^t \ xi-'* 250\ A nhnrn ATapinloPld I^O f. 


5. Gebannte Diebe muß man vor Sonnen¬ 
aufgang lösen, sonst sterben sie und 
werden kohls. (s. auch bannen) 251 ), 
d. h. sie werden zu Teufeln 252 ). S.e 
Schafe sind geistersichtig (s. d.) 253 ). 

Manche Leute besitzen diese Gabe eben¬ 
falls. Sie sehen in der Silvesternacht auf 
dem Haus, aus dem jemand stirbt, eine 
s.e Bahre oder einen s.en Sarg 254 ). Eine 
Schwangere erschrickt vor einem Maul¬ 
wurf und berührt ihren Hinterkopf; das 
Kind bekommt an dieser Stelle s.e Haare, 
während es sonst rötliche hat 255 ). So¬ 
lange das Trauergeläut anhält, soll man 
nichts essen, sonst bekommt man s.e 
Zähne 256 ). Schwarzdorn und Weißdorn 
haben einen Widerwillen gegeneinander; 
stehen sie beisammen, so geht immer 
der Schwarzdom ein 257 ). Der Schell¬ 
fisch hat auf dem Rücken, dicht hinter 








1455 


Schwarzbeere—Schwarzwurz (el) 


schwatzen 


Schwefel 


1458 


1456 


dem Kopf, einen s.en Fleck; da hat ihn 
beim großen Fischzug Petrus angefaßt 258 ). 

251 ) Haas Usedom 68; Kuhn u. Schwartz 
449 Nr. 378; Ranke Sagen 25; Strackerjan 

2, 114. 252 ) Gredt Luxemburg Nr. 269; Ranke 

Sagen 26. 253 ) Grimm Myth. 3, 476 Nr. im. 
254 ) Haas Usedom 97; Liedersammlung von 
Fritz Anmüller aus Michelau (Oberfranken), 
niedergeschr. 1901 2, Nr. 565 (Würzburger 
Archiv). 255 ) Pollinger Landshut 239. 256 ) 

ZfVk. 30/32 (1920/2), 159. 257 ) Grimm Myth. 

3, 471 Nr. 972. 258 ) Kuhn u. Schwartz 302 

Nr. 346. Mengis. 

Schwarzbeere s. Heidelbeere. 

Schwarzdorn s. Schlehe. 

schwärzen s. Ruß. 

Schwarzkümmel (schwarzer Kreuz¬ 
kümmel; Nigella sativa). 

1. Botanisches. Hahnenfußgewächs 
mit doppelt gefiederten Blättern und 
weißen oder bläulichen Blüten. Die 
Fruchtkapsel enthält zahlreiche schwarze 
runzelige Samen. Die in Südeuropa und 
Westasien heimische Pflanze wird bei 
uns ab und zu wegen ihrer in der Volks¬ 
heilkunde verwendeten Samen ange¬ 
pflanzt 1 ). Als „Kreuzkümmel“ wird 
auch öfter der römische Kümmel (Cu- 
minum cyminum) bezeichnet, so daß 
aus der volkskundlichen Literatur nicht 
immer zu ersehen ist, ob diese Pflanze 
oder der Sch. gemeint ist. Auch die 
Samen des Stechapfels (s. d.) sollen 
,,Kreuzkümmel“ heißen 2 ). 

1 ) Marzeil Kräuterbuch 223 f. 2 ) Knoop 
Hinterpommern 159. 

2. Der Sch. (bzw. der Rauch aus den 
Samen) ist ein altes hexen vertreibendes 
Mittel 3 ). Die Braut steckt ihn in die 
Strümpfe 4 ) oder trägt ihn auf der Brust 5 ), 
den kleinen Kindern gibt man Sch. ins 
Badwasser 6 ). Damit böse Leute dem 
Vieh nichts schaden können, räuchert 
man mit Teufelsdreck, weißem Kampfer, 
Dillsamen, schwarzem Köhm (= Sch.), 
weißem Arand (= weißer Dorant, s. 
Sumpfgarbe) 7 ). Wenn eine Kuh ge¬ 
kälbert hat, reicht man ihr drei mit Salz 
und Sch. bestreute Brotschnitten, um 
die Hexen abzuhalten 8 ). In Palästina 
hilft der Sch. gegen den „bösen Blick“ 9 ). 
Um beim Spielen zu gewinnen, tue man 
für 6 Heller Retschenpful (?) und drei 


schwarze Kümmelkörner zusammen in 
ein Papierchen und nehme es während 
des Spielens in die linke Hand 10 ). Knollen 
vom Aronstab (1,599) zusammen mit 
Sch., Allermannsharnisch und heidnisch 
Wundkraut (Senecio Fuchsii) machen 
einen Bestandteil der Räucherkräuter 
aus, durch deren Verbrennung man sich 
die Liebe eines Mädchens zu erwerben 
glaubt 11 ). In Unterfranken gehört der 
Sch. zum Kräuterbüschel 12 ), s. Kräuter¬ 
weihe. 

3 ) Bartsch Mecklenburg 1, 194. 4 ) Enge¬ 
lien u. Lahn 244. 5 ) Knoop Hinterpommern 

159; vgl. auch Geschichtsbl. f. Stadt u. 
Land Magdeburg 14 (1879), 142. 6 ) Sam- 

land: Urquell i, 133. 7 ) Urquell 1, 187. 

8 ) Mar zell Bayer. Volksbotanik 208. 9 ) Ca- 

naan Aber gl. u. Volksmed. im Lande d. Bibel 
1914, 64. 10 ) Bartsch Mecklenburg 2, 352. 

u ) Veckenstedts Zs. 4, 147. 12 ) Marzell 

Bayer. Volksbot. 55. 

Marzell. 

Schwarzkünstler s. Kunst. 

Schwarzwurz(el) (Beinwell, Wallwurz; 
Symphytum officinale). 

1. Botanisches. Rauhblättriges, statt¬ 
liches Kraut mit glockenförmigen Blüten 
von schmutzigroter oder auch gelblich- 
weißer Farbe. Die Sch. ist auf feuchten 
Wiesen, in Gräben und in Gebüsch nicht 
selten 1 ). Das Kraut ist ein altes Volks¬ 
heilmittel bei Knochenbrüchen usw. 2 ). 
Sch. ist auch eine Bezeichnung für die 
in Gärten gezogene Scorzonera hispanica, 
deren Wurzeln als Gemüse gegessen 
werden. 

*) Marzell Kräuterbuch 270 f. 2 ) W. Sieben 
Sch. als heimisches Volksheilkraut, in: ZfrwVk. 
24, 151 — 154. 

2. Zur Heilung von Brüchen (Hernien) 
nimmt man den Kot des Bruchleidenden, 
gräbt gegen die Morgensonne (am besten 
an der Ostecke des Hauses) ein kleines 
Grübchen, legt den Kot hinein, 
pflanzt ein Wurzelstückchen der Sch. 
und deckt alles wieder im Namen des 
des Vaters, des Sohnes usw. zu. Sobald 
die Wurzel treibt, wird auch der Bruch 
heilen und beim Erscheinen des ersten 
Blattes völlig verschwunden sein 3 ). Aus 
Thüringen wird das Mittel in der Form 
berichtet, daß man bei abnehmendem 
Monde früh vor Sonnenaufgang zu dem 








1457 

Kranken geht, mit der Wurzel drei 
Kreuze auf den Leibesschaden drückt 
und dabei den Namen des Kranken sagt. 
Dann geht man an einen Ort, wo der 
Patient so bald nicht hinkommt, macht 
ein Loch in die Erde, hält die Wurzel 
ins Loch und sagt: „N. N. hier stecke 
ich die Wurzel in das Loch, dann ver¬ 
geht dir dein Bruch im Namen Gottes 
usw.“. Dies sprich dreimal. Laß dann 
die Wurzel im Loch stecken, mach es 
zu und geh stillschweigend nach Haus 4 ). 
Man hält die Sch. auf den zurückgedrück¬ 
ten Bruch, bis sie warm ist. Dann pflanzt 
man sie ein; wenn sie wächst, verschwin¬ 
det der Bruch 5 ), vgl. auch Fetthenne (2, 
1388). Lim Schweine von dem „Drach“ 
(einer Lähmung der Hinterbeine) zu 
befreien, steckt man ein Wurzel von der 
Sch. (Symphytum?) in eine Mauerritze 
des Schweinestalles und spricht dabei: 

Drach, Drach, Drach, 

Weich aus dem Gemach. 

Das tu ich dir zu Buße (dabei steckt man 
die Wurzel in die Ritze). Im Namen des Va¬ 
ters usw. 6 ). 

Auch in einem ostpreußischen Pest¬ 
spruch (s. Bibernelle 1,1223) erscheint der 
,,Benweir ‘ (Beinwell), was j edoch sicherlich 
mißverstanden ist für Bibernelle (Bewer- 
nell!) 7 ), s. auch Tausendgüldenkraut. 

0 Kt. Zürich: SchwVk. 17, 66. 4 ) Witz- 

schel Thüringen 2, 289. 5 ) Fogel Penn¬ 
sylvania 288. 6 ) Kreis Schlüchtern: Unsere 

Heimat. Schlüchtern 12 (1920), 67. 7 ) Frisch¬ 
bier Naturkunde 332. 

3. Wo die längste der aus der Erde 
gezogenen ,, Schatz wurzeln ‘ ‘ (Schwarz¬ 
wurzel [hier wohl Scorzonera ? ]) hin¬ 
zeigt, kommt der Schatz her 8 ), vgl. 
Ampfer (1,372). 

8 ) Mansfelder Seekreis: ZfVk. 19, 440. 

Marzell. 

schwatzen s. reden. 

schweben s. Geist. 

Schwefel. 

Mhd. swevel, swebel, ein gemein-ger¬ 
manisches Wort, das erstickender, töten¬ 
der oder glänzender Stoff bedeutet x ). 
Der üble Geruch des Schwefels führte 
zu dem Aberglauben, er sei den bösen 
Geistern eigentümlich. Vom Teufel, Ge¬ 
spenstern, dem Nachtjäger geht Schwefel¬ 


gestank aus 2 ). In Tirol heißt es: „Im 
Schwefel sitzt der Teufel, er ist sein 
Lieblingserzeugnis, sein Räucherpulver, 
denn er brennt und stinkt. Arme Seelen, 
die Pein leiden müssen, erleiden durch 
den Schwefel das Ärgste“ 3 ). Nach einer 
mir bekannten Sage aus der Grafschaft 
Glatz hat der Teufel die Schwefelhölzer 
erfunden; der letzte Feuerstein Verkäufer, 
der seitdem seine Steine nicht mehr los¬ 


wurde, warf sie dem Teufel wütend an 
den Kopf. Nach einem böhmischen Aber¬ 
glauben brauchen die Irrlichter Schwefel; 
man kann sie unschädlich machen, wenn 
man Schwefel oder Schwefelhölzchen bei 
sich trägt und den Irrlichtern zu geben 
verspricht 4 ). Auch der höllische Drache 
stinkt nach Schwefel; wenn er seine Last 
fallen läßt und man nicht schnell unter 
Dach und Fach ist, beschmutzt er einen 
mit einem Schwefelgestank, den man sein 
Lebtag nicht mehr los wird 5 ). Aus einem 
Schwefelbade stieg der böse Geist Orco 


empor, der in den Sagen Südtirols spukt 6 ). 
In alten Chroniken wird wiederholt be¬ 
richtet, daß es in einem Jahre Schwefel 
regnete 7 ). Zu diesem Aberglauben führte 
vielleicht eine gelbe Masse, die man zur 
Sommerszeit auf den Feldern findet. Im 
Fichtelgebirge schrieben manche sie dem 
Drachen zu, der sie hätte fallen lassen, 
und nannten sie deshalb Drachen¬ 
schmalz 8 ). Ein unausstehlicher Geruch 
wie nach angezündetem Schwefel war 
1585 nach einer Görlitzer Sage Vorbote 
des großen Sterbens, das dieser giftige 
Pestgestank angezeigt hatte 9 ). Aus 
einem großen Sumpfe im Spessart, in 
dem die Pest hauste, stieg ein dem 
Schwefelbrand gleichender dicker Dampf 


impor 10 ). 

x ) Schade s. v. 905; Kluge Etym. Wb. s. v.; 
Schräder Reallex . 2 2, 359. 2 ) Wuttke 37 

§ 41; Kühnau Sagen 4 (Register) s. v. Schwe¬ 
felgeruch; Amersbach Grimmelshausen 1, 16; 
Pfister Hessen 24; Rochholz Naturmythen 
[6*Abs. 2. 3 ) Alpenburg Tirol 412; Klapper 
Erzählungen 230 Z. 13 u. 373 Z. 22 (Höllen¬ 
trunk, Höllenfeuer) u. Caesarius 12, 41; vgl. 
Goethe Faust 2, 5 (Grablegung) u. Apokalypse 
19, 20 u. 21, 8. 4 ) Wuttke 478 § 762 = Groh- 
mann 21; vgl. Amersbach Lichtgeister 7. 
') Schwartz Studien 89; vgl. Bartsch Meck¬ 
lenburg 1, 259 Nr. 13 Abs. 2. 6 ) Amersbach 





M 59 


Schweifstern—schweigen 


schweigen 


I462 


I46O 


als Kugelblitz. ') Haupt Lausitz 1, 258 Nr. 
325; Kühnau Sagen 3, 449 u. 488; vgl. Keller 
Grab 4, 97 ff.; Bressl. Samml. Regb. 270 (anno 
1708). 8 ) Schwartz a. O. ö ) Haupt a. O. 1, 
272 Nr. 354 II; vgl. Ullrich Kuhländchen 82 
Nr. 89. 10 ) Schober Spessart 209 Nr. 41. 

In der Heilkunst wurde im Altertum 
und bis zum Ende der Vorherrschaft der 
galenisch-arabischen Schule der Schwefel 
nur als solcher angewendet. Zu den zahl¬ 
reichen von Plinius angegebenen Heil¬ 
kräften des Schwefels fügen die medi¬ 
zinischen Werke des Mittelalters noch 
seine Wirksamkeit gegen Podagra, Gift, 
und Pestilenz. Zedlers Universallexikon 
nennt ihn eine Panacee gegen allerhand 
Krankheiten u ). Noch 1866 trugen viele 
Leute in Leipzig ein Stück Schwefel auf 
der Brust als Schutzmittel gegen die 
Cholera 12 ). In der Pfalz wird gegen 
Gelbsucht das Tragen eines Schwefel¬ 
fadens als linkes Strumpfband empfohlen 
(similia similibus) 13 ). Gegen Gesichts¬ 
rose ist ein Säckchen mit Schwefelblüte 
um den Hals zu tragen; auch beräuchert 
man kranke Körperteile, vor allem bei 
Rose, mit Schwefel u ). Gegen Schwindel, 
den Rotlauf und Blattern hängt man 
ganzen roten Schwefel um den Hals und 
glaubt, dadurch von dem Übel befreit zu 
sein 15 ). Gegen Krämpfe in Händen und 
Füßen tragen einige stets ein Stück 
Stangenschwefel bei sich auf der Brust, 
auch im Bette 16 ). Gegen Krätze hängt 
man als Präservativ Säckchen mit Schwe¬ 
felblumen um 17 ). Auch verwendet man 
gegen diese Hautkrankheit Schwefelsal¬ 
ben 18 ). Ein Stück Schwefel in der 
Hosentasche soll vor Wadenkrämpfen 
schützen 19 ). Eine sofortige Entleerung 
der Blase soll eintreten, wenn man vier 
angezündete Schwefelhölzchen unter die 
Nase hält. Angezündeter Schwefel wird 
gegen Warzen verwendet 20 ). Auch beim 
Vieh verwendet die Volksheilkunde Schwe¬ 
fel. Schweinen, die Rotlauf haben, gibt 
man eine Mischung ein, deren Haupt¬ 
bestandteil grauer Schwefel ist 21 ). Wenn 
eine Färse gekalbt hat und nicht Milch 
geben will, gibt man ihr viermal etwas 
gestoßenen Schwefel ein 22 ). Schwefel 
wird benützt, um den Kälbern die Läuse 
zu vertreiben 23 ). Ausgekrochenen Küch¬ 


lein bestreicht man nach einigen Tagen 
ihre Köpfchen mit Schwefel; dann nimmt 
die Krähe keines 24 ). —- Wenn auch 
einigen der genannten Verwendungen des 
Schwefels in der Volksheilkunde eine ge¬ 
wisse Berechtigung nicht abgesprochen 
werden darf, so schwebt bei anderen 
doch noch der bereits in der Antike 
herrschende Aberglaube vor, daß der 
reinigende Schwefel ein Gegenmittel gegen 
Beschreiung ist 25 ). Im Altertum wurde 
gegen Beschreiungen und zur Entsühnung 
mit Schwefel geräuchert 26 ). 

n ) Peters Pharmazeutik 2, 129!.; Lonicer 
52; Zedier 36, 134 ff.; Bressl. Samml. 
6 , 1825; vgl. Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, 798 
u. 800; Plin. n. h . 35 § 174. 12 ) Seyfarth 

Sachsen 263; Köhler Voigtland 351. 13 ) Lam- 
mert 250; Schönwerth Oberpfalz 1, 180 Nr. 7; 
Hovorka-Kronfeld 2, 109. 14 ) ZfrwVk. 1 

(1904), 102; ZdVfVk. 4 (1894), 325; Köhler 
Voigtland 351; Seyfarth a. O. 263. 15 ) ZföVk. 
6 , m; Huß Aberglaube 6 Nr. 20; vgl. Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 256 Nr. 6; Fossel Volks¬ 
medizin 151. 138. 88; vgl. Most Encyklop. 563, 
12. 16 ) Urquell 3 (1892), 70; vgl. Steiner 

Mineralreich 116 2 (Schwefel gegen Reißen). 
17 ) Lammert 180. 18 ) Lammert a. O.; Zahler 
Simmenthal 85. 19 ) SAVk. 19, 215; vgl. Sey¬ 
farth 234. 20 ) ZfrwVk. 1 (1904), 98; Hüser 

Beiträge 1893, 24. 21 ) Kuhn u. Schwartz 

450 Nr. 782. 22 ) Schulenburg 105. 23 ) Zahler 
a. O. 24 ) Frischbier Hexenspr. 128. 25 ) Selig¬ 
mann 2, 38. 26 ) Plin. n. h. 35 § 176 f.; Selig¬ 
mann 2, 38. f Olbrich. 

Schweifstem s. Komet. 

schweigen. Sch. wird aus verschie¬ 
denen Gründen 4 ) beobachtet. A. als 
bewußte Übung des Nichtredens, in der 
ausdrücklichen Absicht, sich dadurch zu 
etwas Außergewöhnlichem zu befähigen„ 
seine Kräfte für bestimmte Fähigkeiten 
zu steigern. B. Zur Verhinderung der 
Störung einer rituellen Handlung durch 
Reden. Daher wird Sch. für die ver¬ 
schiedensten Unternehmungen vorge¬ 
schrieben 2 ). 

A. Sch. steigert die besonderen Kräfte 
des Menschen; von dem asketisch-monasti- 
schen Sch. 3 ) in der christlichen Kirche 
wird im Sinne des Handwörterbuches 
hier abgesehen, siehe zum Sch. allgemein 
G. Mensching und O. Casel 4 ). Dieses 
würde aber Gegenstand des Aberglaubens, 
in dem Falle, wo das primitiv-religiöse 
Volk darin die Ursache für höhere Macht 



1461 


des Priesters bzw. Mönches über die 
Geister sähe; von manchem Priester, der 
als Teufels- und Geisterbeschwörer gilt, 
wird seine Schweigsamkeit betont. In 
dieser Auffassung, daß Sch. eine Kraft¬ 
steigerung des Menschen bedeutet, daß 
es ihn zu übermenschlichen Handlungen 
befähigt, wie es auch in der Vorbereitung 
des Priesters und Zauberers bei den Tief¬ 
kulturvölkern eine Rolle spielt, wurzelt 
m. E. die Wichtigkeit des Sch.s: 

1. Beim Schatzheben, wo es eine 
wichtige Vorbedingung für das Ge¬ 
lingen ist 5 ); wird hier auch mancher¬ 
lei Zauberhandlung verrichtet, das Ge¬ 
lingen hängt vom Sch. ab. Auch 
der Teufel und die Geister, die 
Schützer des Schatzes, denen er gegen 
ihren Willen entzogen werden soll, richten 
ihre Anstrengungen und Listen aller Art 
darauf, daß sie den Schatzheber gerade 
zum Brechen des Sch.s bringen, in dem 
Augenblick, wo dies eintritt, ist auch die 
Bannkraft über den Schatz und bzw. 
seinen Besitzer geschwunden. Hierzu ge¬ 
hört auch das Sch. auf dem Weg zur Stelle 
als Vorbereitung. Die durch Sch. ge¬ 
steigerte Zauberkraft des Banners soll 
sich stärker erweisen als die des Schatz¬ 
besitzers, bzw. Hüters. Daher bedeutet 
sein Sieg eine schwere Gefährdung, auch 
den Tod des Schatzhebers. Dem Schatz¬ 
heben gleichbedeutend ist das Totenbahre¬ 
ziehen, bei dem auch Sch. zur Erlangung 
des Geldsackes nötig ist (Innviertel 6 )). 
Uber die Zeit des eigentlichen Hebens hin¬ 
aus erscheint das Sch.gebot noch weiter 
ausgedehnt, zeitlich auf drei Tage 7 ), ört¬ 
lich, bis der Schatz aus dem Berge, bis er 
über den Fluß gebracht ist 8 ). 

Eine weitere Gruppe unter den Schatz¬ 
hebungssagen bilden die, in welchen die 
Hebung einer versunkenen Glocke mi߬ 
lingt, weil zur Unzeit geredet wurde 9 ). 

2. Sch. bei der Erlösung: Diese wird 
davon abhängig gemacht, daß der zur Er¬ 
lösung Berufene für eine bestimmte Zeit 
und auch oft unter noch weiteren Bedin¬ 
gungen freiwillig Sch. beobachtet 10 ). Der 
Erfolg tritt ein, wenn der Erlösende durch 
Sch. seine Kraft soweit steigert, daß sie 
stärker ist als der Bannzauber. Eine 


Jungfrau kann der erlösen, der sie, ohne 
anzuhalten und anzusehen, auf einen 
Kirchhof trägt und dort mit voller Gewalt 
zur Erde wirft 11 ); auch durch keine Spuk- 
und Truggestalten, die sich zeigen, darf 
man sich erschrecken lassen und das Sch. 
brechen 12 ). Sch. durch 7 Jahre erlöst 
verwünschte Brüder 13 ). 

U Fehrle Keuschheit 69 (reiche Lit.). 
2 ) Strackerjan 2, 182 Nr. 421. 3 ) Ale¬ 
mannia 2, 15 4 ) G. Mensching Das heilige 

Schweigen, RVV. 20, 2. u. Odo Casel De philo - 
sophorum Graecorum silentio mystico, RVV. 16, 2. 
5 ) Die Lit. ist nicht vollständig: Grimm Myth. 
2, 811; Unoth 1, 188 (Schaffh.); Strackerjan 2, 
220 Nr. 466; Kühnau Sagen 3, 690; Pollinger 
Landshut 106; Meiche Sagen 684 Nr. 848; 725 
Nr. 897; 155 Nr. 206; 737 Nr. 907; Eisei 

Voigtland 177 Nr. 474; Witzschel Thüringen 
2, 41 Nr. 39; 2, 82 Nr. 96; Kuhn Mark. Sagen 
32 ff.; Baader Sagen 52. 94 ff.; Reusch 
Samland 134; Zingerle Tirol 97 Nr. 125; 
ZfdMyth. 4, 47; ZfrwVk 1910, 37; BayHfte j„ 
256; Rogasener Familienblatt 2, 51; Lach¬ 
mann Überlingen 97; Lenggenhager Sagen 
46, 159; Niderberger Unterwalden 1, 59; 
Sommert Egerland 40 Nr. 22; Kuoni St. 
G aller Sagen 174; Gräber Kärnten 41; 
Bartsch Mecklenburg 1, 256; Birlinger 

Schwaben 1, 262. 260; Heyl Tirol 516^.83; 
Hüser Beiträge 2, 19 Nr. 57; MschlesVk. 3. 41; 
18, 94 ff.; Söbillot Folk-Lore 1, 244; 2, 454; 
4, 201. 6 ) Baumgarten Jahr 15. 16. 

7 ) Kühnau Sagen 380; Kruspe Erfurt 2, 48. 

8 ) Müllenhoff Sagen 205 ff. Nr. 278. 9 ) ZfVk. 

7, 280; Pröhle Unterharz 153; Knoop Hinter¬ 
pommern 136. 10 ) Baader Sagen 24; Pröhle 

Unterharz 129; Reusch Samland Nr. 55; 
Meiche Sagen 578 Nr. 720; Heyl Tirol 456 
Nr. 15. 41 ) Grimm Myth. 2, 807. 12 ) Heyl 

Tirol 584 Nr. 44. 13 ) Strackerjan 2, 183 

Nr. 421. 

3. Die Beobachtung des Sch.s bewirkt 
einen Analogiezauber: Beim Abendessen 
am Weihnachtsabend schweigt man, da¬ 
mit der Förster niemanden von der Fa¬ 
milie beim Holzstehlen abfange und be¬ 
strafe (um Oppeln) 14 ). Das eigene Sch. 
soll die gänzliche Nichtbeachtung durch 
den Förster bewirken. Auf derselben 
Grundlage des Analogiezaubers beruhen 
Schweigegebote bei verschiedenen volks¬ 
medizinischen Behandlungen (s. u. B 2} 
und in der Viehzucht (s. u. B 3). 

14 ) Drechsler 1, 30 = 2, 262. 

4. Durch die Steigerung der Kräfte über 
das Menschliche hinaus kann der Mensch 
nun auch mit der außermenschlichen Welt 
in Verbindung treten. Sch. ist zu beachten 




1463 


schweigen 


1464 


a) während des Zusammentreffens mit 
der Geisterwelt 15 ). Die genaueste Beob¬ 
achtung des Sch.s ist die Hauptbedingung 
für den ungefährlichen Verkehr mit ihr, 
eine Übertretung wird schwer, ja sogar 
mit dem Tod bestraft. Hierher gehört 
das Zusammentreffen mit dem Zug der 
Frau Holla und der wilden Jagd. In dem 
Rat des Eckart an die Kinder zum Sch. 
kommt zugleich die fürchterliche Gefahr 
für den Menschen zum Ausdruck, wenn 
er Geistern begegnet, —• es würde ihm der 
Hals umgedreht — und ihre Milderung 
durch eine spätere freundlichere Auf¬ 
fassung 16 ). Wer bei Erscheinen der 
Gstampe (Tirol) husten muß, tue dies in 
eine Mohnstampfe hinein 17 ). Während 
einem der Feuermann heimleuchtet, darf 
kein Wort gesprochen werden, und man 
muß rücklings zur Tür hineingehen 18 ). 
Sch. rettet bei einem Feenerlebnis 19 ), 
ferner in der Hexenversammlung und 
beim Hexenritt 20 ). 

Als ein gefährliches In-Verbindung- 
treten mit der Geisterwelt mag auch die 
Erforschung der Zukunft aufgefaßt werden. 
Sch. ist dabei notwendig, bzw. eine Ver¬ 
letzung desselben kann für den Erforschen¬ 
den gefährlich sein, ihm das Leben 
kosten 21 ). Das beim Kreisstehen Er¬ 
forschte muß Geheimnis bleiben 22 ). Wäh¬ 
rend im deutschen Aberglauben bei Be¬ 
gegnung des Geisterheeres Sch. geboten 
ist, verkehren in den antiken heidnischen 
Sagen Sterbliche mit Unsterblichen und 
vereinigen sich zu einem Liebesbund, be¬ 
züglich dessen auch insofern ein Schweige¬ 
gebot besteht, als der Sterbliche keine 
Frage an den Unsterblichen richten 
darf 23 ) (s. Frage). 

b) In weiterer Folge ergibt sich das Ge¬ 
bot des Sch.s über die Erlebnisse mit der 
Geistern; auch über ihr Tun darf nicht 
erzählt werden 24 ). Der irdische Held, der 
die Liebe einer Himmlischen gewinnt, 
darf kein Wort reden. Vgl.: Anchises 
rühmt sich in angeheitertem Zustand 
seines Liebesglückes bei Aphrodite, und 
Zeus straft ihn mit dem Blitz, daß er lahm 
bleibt 25 ). Die Schweigefrist ist auf drei 
Tage beschränkt 26 ). Auch der Traum ist 
drei Tage zu verschweigen 27 ). Umgekehrt 


müssen auch Wechselbälge der Zwerge 
Sch. bewahren; gelingt es, sie durch List 
zum Reden zu bringen, so ist der Zauber 
gebrochen, ihr Anschlag ist mißlungen, 
sie müssen zurück 28 ). 

c) Schließlich ergibt sich das Sch. über 
Geschenke und Gaben verschiedenster 
Art von den Geistern an die Menschen. 
Die Verletzung des Schweigegebotes hat 
außer dem Schwinden der Geschenke auch 
oft noch eine Strafe zur Folge. Ein nie 
ausgehender Garnknäuel ist sofort zu 
Ende 29 ). Hierher gehören die Sagen von 
dem unerschöpflichen Weinkrug, der so 
lange fließt, bis das Sch. gebrochen wird 30 ), 
ferner von den Bierkrügen, aus denen die 
wilde Jagd trinkt 31 ). Nixen geben den 
Zwergen nichtige Geschenke mit dem Ver¬ 
sprechen, daß daraus Gold wird, wenn 
das Stillsch. eine gewisse Zeit beobachtet 
wird 32 ). Vgl. denselben franz. Volks¬ 
glauben 33 ). Von der Anwesenheit eines 
Drachen im Hause darf nicht gesprochen 
werden 34 ). Ein Nachtwächter, der das 
Gesehene dem Pastor mitteilt, wird mit 
Stummheit gestraft 35 ). Ein Berggeist, 
der für seine Hilfe täglich Anteil am Essen 
und ewiges Stillschweigen verlangte, 
strafte den Bruch des Sch.s mit furcht¬ 
barem Bergmannstod 36 ). Manchmal ge¬ 
schieht es, daß der, welcher das Sch. ge¬ 
brochen hat, verschwindet 37 ), krank wird 
oder stirbt, weil er das im unterirdischen 
Geisterreich Gesehene ausplaudert 38 ). 
Gleichzuhalten dem Verbot zu reden ist 
auch das zu lachen. Ein Senner lacht über 
das Wichtelmännlein beim Käsen, und so¬ 
gleich ist es verschwunden 39 ). 

15 ) Müller Tsergebirge 35. 16 ) Grimm Sagen 
6 Nr. 7; Witzschel Thüringen 1, 189 Nr. 184; 
2, 76 Nr. 89; ZfVk. 13, 186. l7 ) Heyl Tirol 

166 Nr. 75 2 . 18 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 92. 

19 ) Müllenhoff Sagen 341 Nr. 457; Herzog 
Schweizersagen 2, 163. 20 ) Schambach u. 

Müller 178 Nr. 195 2 . 385; Heyl Tirol 308 
Nr. 123; Schell B er gische Sagen 58 Nr. 93. 
21 ) Wuttke 252 Nr. 364; Meiche Sagen 234 
Nr. 296. 22 ) John Erzgebirge 181; Baum¬ 
garten Jahr 15; ZfdA. 4, 509. 23 ) Güntert 

Kalypso 113 £f. 146; Bolte-Polivka 2, 328; 
Aly Märchen 93 ft. 24 ) Strackerjan 1, 172. 
25 ) Güntert Kalypso 186. 26 ) Schönwerth 

Oberpfalz 3, 106. 27 ) Ebd. 3, 243 . 28 ) Stracker¬ 
jan 2, 183 Nr. 421; Schambach u. Müller 
133 Nr. 49 1 ; 134 Nr. 49 2 . 29 ) Schambach u. 


1465 


schweigen j 466 


Müller 122 Nr. 145. 352. 30 ) Wolf Beiträge 

2, 123. 31 ) Heyl Tirol 6 Nr. 7. 32 ) Meiche 

Sagen 31 ff. Nr. 30; MschlesVk. 18, 75. 33 ) Se- 
billot Folk-Lore 1, 438; 2, 121. 200; 3, 207. 
34 ) Meiche Sagen 310 ff. Nr. 407. 35 ) Kühnau 
Sagen 3, 491 ff. 36 ) Ebd. 2, 435 ff. 37 ) Ebd. 

3. 570. 38 ) Ebd. 3, 593 = Peter Burgen u. 

Schlösser (1879) 1, 2301t. 3a ) Vernaieken 

Alpensagen 217. 

B. Durch Sch. soll die Störung einer 
rituellen Handlung hintangehalten werden. 
Daß die Schweigegebote im Zusammen¬ 
hang mit einer solchen diese Ursache 
haben, ergibt sich daraus, daß nicht nur 
das menschliche Reden sondern jede Art 
von äußerer Unruhe und Störung dabei 
verboten ist und die ganze Handlung unter 
Stillsein vor sich gehen muß. Sch. ist 
ebensosehr für die Zauber- wie für die 
religiöse Handlung im weitesten Sinn vor¬ 
geschrieben ; doch besteht ein wesentlicher 
Unterschied zwischen den römischen kulti¬ 
schen Handlungen und den verschiedent- 
lichen christlichen; während für die 
ersteren die Wirkung der Handlung von 
der Einhaltung des Sch.s (favete linguis) 
abhängt, ist eine christliche Kulthandlung 
durch Verletzung des Sch.s von seiten 
einer profanen Störung nicht aufgehoben. 
Zudem konnte der ursprüngliche Sinn 
des Sch.s in einer rituellen Handlung 
allmählich verdunkelt und nicht mehr 
erkannt werden, so daß es auch in solche 
hineingetragen wurde, in denen es ur¬ 
sprünglich keinen wesentlichen Bestand¬ 
teil und keine Bedingung für das Gelingen 
bildete. So wurde es schließlich eine nahe¬ 
zu allgemeine Zugabe zur zauberischen 
Handlung, nach dem Grundsatz, daß diese 
um so eher Erfolg verspricht, je mehr und 
je schwierigere Bedingungen zu erfüllen 
sind 40 ). 

40 ) Helm Religgesch. 1, 45 ff.; J ec kl in Volks- 
tüml. 265 ff. 

1. Sch. dient der Steigerung der zaube¬ 
rischen Wirkung bei gewissen Arbeiten. 
Zauberkräftige Linnen werden im Märchen 
von den 7 Raben schweigend verfertigt 41 ). 
An dem Nothemd arbeitet ein unschuldi¬ 
ges Mädchen 7 Jahre lang, stumm und 
schweigend 42 ). Auch der Nothaken muß 
schweigend geschmiedet werden 43 ) (s. 

Nothaken). Der magische Kreis ist eben¬ 
falls schweigend zu ziehen. Auch 44 ) schon 


vor Beginn der Zauberhandlung ist Sch. 
zu bewahren 45 ). 

41 ) Wolf Beiträge 2, 213. 42 ) Grimm 

Myth. 2, 920. 43 ) Schell Bergische Sagen 302 

Nr. 19. 44 ) Witzschel Thüringen 2, 196 Nr. 

25. 45 ) Strackerjan 2, 183 Nr. 421. 

2. Sch. ist notwendig bei den verschie¬ 
denen volksmedizinischen Praktiken 
für Mensch und Tier 46 ). Der Kranke darf 
während der oft wochenlangen Behand¬ 
lung nicht von sich und seiner Krank¬ 
heit 47 ) reden. Er soll wohl die Existenz 
seiner Person vor den Krankheitsgeistern 
verbergen. Im besonderen erfolgt 
nahezu jede Behandlung unter Beob¬ 
achtung von Sch., z. B. Blutstillung: man 
nimmt einen kleinen Stein oder ein 
Stückchen Holz, läßt einige Tropfen Blut 
darauf fallen und verbindet es dann still¬ 
schweigend 48 ). 

Sch. beim Handauflegen s. Handaufle¬ 
gen 49 ). Beim Besprechen: Der Bespre¬ 
chende hat bereits auf dem Weg zum Kran¬ 
ken 50 ) Sch. zu beobachten. Es darf ihm 
niemand drein reden 51 ). Er muß schweigend 
ans Krankenbett treten 52 ). Beim Durch¬ 
kriechen 53 ): Der Gichtsegen ist dreimal 
stillschweigend bei Mondschein zu ge¬ 
brauchen 54 ), ferner beim Wundsegen 55 ) 
und gegen das Gerstenkorn 56 ) (s. Gersten¬ 
korn). 

Sch. beim Krankheitsübertragen 57 ). 
Es muß beim Schneiden der Zweige, die die 
Wunden heilen sollen, beobachtet werden, 
weil sonst der Zauber aufgehoben wird 58 ). 
Gegen die englische Krankheit (s. d.) oder 
Auszehrung (s. d.) hat der Leidende einen 
sog. Kringel (ringförmiges Gebäck) von 
Kehrmehl stillschweigend auf einen Kreuz¬ 
weg zu tragen 59 ). Bei Epilepsie ist dem 
Kranken das Hemd beim ersten oder 
zweiten Anfall auszuziehen, zu zerreißen 
und stillschweigend auf einen Kreuzweg 
zu werfen 60 ). Bei der Übertragung von 
Warzen (Walchow) 61 ) ist Sch. nötig. Ge¬ 
gen Kolik (s. d.) ist am Karfreitag still¬ 
schweigend ein frisch gelegtes Gänseei zu 
verzehren 62 ). Damit das Kind leicht zahne, 
gehe die stillende Mutter an drei Sonntagen 
aus der Kirche und zwar schweigend und 
blase dem Kind jedesmal in den Mund 63 ). 
Gegen die Gesichtsrose 64 ) (s. d.), gegen 




1467 


schweigen 


1468 


Blasen auf der Zunge 65 ), eine wunde 
Zunge 66 ). 

46 ) John Erzgebirge 106; Westböhmen 268; 
Bartsch Mecklenburg 2, 106 ff.; Seyfarth 
Sachsen 179; Lammert 32; Drechsler 2, 277; 
Wuttke 323 § 478; ZfVk. 22, 123 (MA.). 
47 ) Wuttke 323 § 478. 48 ) Lammert 193; 

Bartsch Mecklenburg 2, 376. 49 ) Bartsch 

Mecklenburg 2, 424; ZfVk. 7, 412. 50 ) Wuttke 
324 § 482; Seyfarth Sachsen 70. 51 ) Wuttke 
3 2 4 § 43 I - 52 ) John Westböhmen 268. 53 ) Kolbe 
Hessen 93. 54 ) Bartsch Mecklenburg 2, 428. 

55 ) Ebd. 2, 382; Grimm Myth. 3,471 Nr. 970. 

56 ) Bartsch Mecklenburg 2, 108. 57 ) Ebd. 2, 

104 ff. 108 ff. 58 ) ZfrwVk. 1908, 94. 59 ) 

Drechsler 2, 315. 60 ) Frischbier Hexenspr. 

47. 61 ) Bartsch Mecklenburg 2, 118; ZfVk. 

8, 199. 62 ) Drechsler 1, 90. 63 ) Grimm 

Myth. 3, 477 Nr. 1132. 64 ) Bartsch Meck- 

lenb. 2, 417. 65 ) ZfVk. 17, 451. 6Ö ) ZfwVk. 8, 
205 (Ruppin). 

3. Sch. ist eine feststehende Zugabe 
zu den wichtigsten agrarischen Arbeiten 
und Bräuchen: Auch in ihnen geht es 
nicht auf eine Auffassung allein zurück. 
Entweder wird es beobachtet gegenüber 
verschiedenen schädlichen Geistern und 
ihrer Einwirkung oder zur Verhinderung 
von Behexung und Schadenzauber oder 
als Analogiezauber. 

a) Der erste Austrieb erfolgt in tiefem 
Sch., um dem Wolf den Mund zu schlie¬ 
ßen 67 ). Der Stall ist vor dem Besprechen 
des Viehes ebenfalls stillschweigend zu 
betreten 68 ). Wenn die Kuh kalbt, darf 
kein Wort im Haus gesprochen werden, 
auch der eintretende Fremde wird mit 
keinem Wort begrüßt, sonst müßten das 
Junge und das Muttertier sterben (Todten¬ 
hausen, Kr. Minden) 69 ). Dasselbe beim 
Schwein 70 ). Gegenüber Beschreiung wird 
über die von der Kuh gegebene Milch Still¬ 
schweigen beobachtet 71 ). Eine Kuh, die 
das erste Mal gekalbt hat, muß man das 
erste Mal stillschweigend melken, dann 
wird sie fromm, d. i. leicht behandel¬ 
bar (Blexen) 72 ). Um junge Stiere 
zu bändigen, verschafft man sich 
in einem Bauernhaus einen Riemen oder 
ein Band, die an der Stubentür ange¬ 
bunden sind. Man nimmt diese still¬ 
schweigend an sich, verwahrt sie bis zur 
Anbändigung und bindet sie vorn an 
die Peitsche und haut den Stier still¬ 
schweigend hinter die Ohren, dann wird 


er sich rasch gewöhnen 73 ). Einer beim 
Melken unbändigen Kuh bindet man die 
Schnur um, die stillschweigend vom 
Spinnrad genommen wurde 74 ). Wer das 
Vieh stillschweigend um Mitternacht 
füttert, bewahrt dieses vor Krankheiten 
(Rahden, Kr. Minden) 75 ). Gegen Würmer 
im Schwein sagt man zum Besitzer: 
Deine Schweine haben Würmer. Er 
erwidert nichts und geht stillschweigend 
seinen Weg 76 ). Der Maien, der am Kar¬ 
freitag über der Stalltür befestigt wird, 
muß schweigend vor Sonnenaufgang ge¬ 
pflückt werden. Schweigend wird am 
1. Mai durch eine weibliche Person der 
Wiesentau gegen die Krankheiten der 
Kühe von den Gräsern gestreift 77 ). 

b) Anbau: Das Saatkorn muß schwei¬ 
gend aufs Feld gefahren werden 78 ); beim 
Einschütten des Samens soll sich der 
Bauer feierlicher Stille befleißigen 79 ). 
Beim Säen spricht er kein Wort und 
dankt auf keinen Gruß ®°). Das Sch. 
während des Säens ist Bedingung neben 
anderen Handlungen und wird verschie¬ 
dentlich begründet. Der Weizen soll 
keinen Brand bekommen 81 ), die Vögel 
sollen nichts merken 82 ). Es sollen keine 
Spatzen ins Feld kommen 83 ); zu diesem 
Zweck wirft der Sämann ebenfalls stül- 
schweigend 3 Körner in den Busch 84 ). 
Beim Zwiebelstecken muß man schweigen 
und sich nicht auf richten, damit er nicht 
schießt (Saulgau) 85 ). Ebenso schweigt 
man beim Erbsenlegen, indem man drei 
Erbsen unter der Zunge hält 88 ). Damit der 
Flachs gedeiht, gehen Frauen am Jo¬ 
hannistag um das Feld und fassen ihn 
schweigend an 87 ). 

c) Ernte: Man zieht schweigend zur 
Erntearbeit aus 88 ): man bindet sich still¬ 
schweigend die erste Handvoll Ähren um 
den Leib gegen Rückenschmerzen während 
der Ernte 89 ). Der erste Getreidewagen 
wird stillschweigend aufgeladen und heim- 
gefahren, abgeladen *°) t so still und ohne 
das Korn oder Stroh zu schneiden, ver¬ 
halten sich die Mäuse (Krossnow, Kr. 
Bütow) 91 ). Der Flachs soll stillschweigend, 
ohne daß ein Gruß erwidert wird, gerupft 
werden, er würde sonst nicht gut 92 ). 

d) Schweigegebot besteht für manche 


1469 


Schwein 


1470 


Frühlingsbräuche, in denen es vermieden 
werden soll, die Geister aufzurufen 93 ). 

Der Obstbaumzauber muß stillschwei¬ 
gend vollzogen werden, damit die Bäume 
fruchtbringend 94 ) sind, gegen ihre Be¬ 
hexung 95 ). 

Schweigend müssen am Johannistag 
die neunerlei Kräuter gepflückt werden, 
die vor Krankheit schützen sollen 96 ). 

e) Bei der Tierbannung. Gegen 
Raupen wird Sand vom letzten Grab 
schweigend und ohne sich umzusehen, über 
die Pflanzen gestreut 97 ). Von einem ge¬ 
fundenen Vogelnest darf man nach Son¬ 
nenuntergang nicht reden, sonst kommen 
die Ameisen und verzehren die Brut 98 ). 

« 7 ) Frisch hier Hexenspr . 146; Sartori Sitte 
2, 150. « 8 ) ZfVk. 8, 306. 89 ) ZfrwVk. 1906, 203. 
70 ) Ebd. 71 ) Seligmann Blick 2,262. 72 )Strak- 
kerjan 1,123 = \Vuttke446 §764. 73 )Bartsch 
Mecklenburg 2. 148. 74 ) Ebd. 2, 146. 75 ) ZfrwVk. 
1907, 12. 78 ) Frischbier Hexenspr. 98. 

77 ) Fehrle Volksfeste 61. 78 ) John Erzgebirge 

220. 79 ) Ebd. 80 ) ZfrwVk. 1910. 37; Meyer 

Baden 418; Wuttke 419 § 653; Bartsch Meck¬ 
lenburg 2,161; Toeppen Masuren 91 = Sartori 
Sitte 2, 64. 81 ) ZfVk. 10. 212; ZfdMyth. 1, 200. 
*2) John Erzgebirge 220. 83 ) Meyer Baden 

418. 84 ) Bartsch Mecklenburg 2, 162. 85 ) 

Eberhardt Landwirtschaft 3. 86 ) Bartsch 

Mecklenburg 2, 165. 87 ) And ree Braunschweig 

167 = Sartori Sitte 3, 112. 88 ) ZfVk. 7, 152; 

Messikommer 1,46 = Sartori Sitte 2,75; 
Reuschel Volksk. 2. 33. 89 ) ZfVk. 12. 337. 

90 ) Wuttke 423 § 661; Strackerjan 2 1, 55; 
Maack Lübeck 98; Knoop Hinterpommern 
175 (186) = Sartori Sitte 2, 81. 91 ) Knoop 

Hinterpommern 175. 92 ) Grimm Myth. 3, 491 
= Sartori Sitte 3, 114; Boeder Ehsten 137. 
93 ) Fehrle Volksfeste 61; Krauß Sitte u. 
Brauch 178. 179. 94 ) Wuttke 426 § 668. 

95 ) Strackerjan i, 445 Nr. 242. 96 ) Fehrle 

Volksfeste 61. 97 ) Frischbier Hexenspr. 138 

= Wuttke 417 § 648. 98 ) Rogasener Familien¬ 
blatt 5. 12. 

4. Beim Betreten eines Hauses: Vgl. den 
Brauch der Pythagoräer, schweigend durch 
Tür und Tor zu gehen (nach Porphyrius, 
de antro nympharum 27), und dasselbe 
finden wir noch bei Bauersfrauen um Die- 
kirch, die beim ersten Eintritt in ein Haus 
schweigen "). 

99 ) Radermacher Beiträge 630. = Rtrp. 
26, 284. 

5. Beim Schöpfen des wunderkräftigen 
Wassers: Die dem Wasser innewohnende 
Kraft ist im deutschen Volksglauben be¬ 
kannt ; das Wasser muß früh, vor Sonnen¬ 


aufgang, stromwärts und schweigend ge¬ 
schöpft werden. Diese Zauberkraft kommt 
in besonderem Maße dem sog. Osterwasser 
zu (s. d.). Es heißt auch das stille Wasser, 
weil es unter Sch. geschöpft werden muß, 
nur dann hat es die Zauberkraft. Hat 
man beim Schöpfen das Sch. gebrochen, 
ist es Plapperwasser (Kätscher) und ohne 
Kraft (Ratibor, Bunzlau) 100 ). 

i°°) Grimm Myth. 1, 487; 3 . 437 Nr. 

89; 461 Nr. 775; And ree Braunschweig 

338; Wuttke 72 § 83; Kück Lüneburger Heide 
37ff.; Drechsler 1, 83!!. 

6. Sonstiges: Sch. gegen Neid und bösen 
Blick (siehe oben Sch. bei Betreten des 
Stalles). Die Römer verwendeten als 
Amulett kleine nackte männliche und 
weibliche Figürchen, die zum Zeichen des 
Sch.s den Finger auf den Mund legten. 
Eine ähnliche Bedeutung und abwehrende 
Wirkung sollte als Amulett der Gott 
Harpokrates haben 101 ). 

Während des Wurstkochens darf nicht 
geredet werden, sonst kocht die Wurst 
aus 102 ). 

Zum Sch. im psychoanalytischen Sym¬ 
bolismus s. Storfer 103 ). 

101 ) Seligmann Blick 2, 271*5. 102 ) Knoop 
Hinterpommern 172 = Sartori Sitte 2, 156. 
103 ) Jungfr. Mutterschaft 83. Jungwirth. 

Schwein. 1. Die wichtige Rolle, die 
das Sch. im Aberglauben spielt, ist er¬ 
klärlich aus seiner großen Bedeutung für 
den menschlichen Haushalt. Seit den 
ältesten Zeiten ist es ein Haustier des 
Menschen, wie Funde von Sch.eknochen 
in den Pfahlbauten und Abbildungen von 
Sch.en durch vorgeschichtliche Höhlen¬ 
bewohner beweisen 1 ). Als Totenbeigabe 
ist es bereits in der Hallstatt-Periode 2 ) 
nachgewiesen, ebenso bei den süddeutschen 
Völkern der La Tene-Zeit (Eisen-Bronze¬ 
zeit) und der Völkerwanderungszeit 3 ). 
Auf dem alemannischen Opferaltar sind 
Sch.eopfer zu 17% vertreten 4 ). Bei allen 
Völkern erscheint es seit den ältesten 
Zeiten als Opfertier 5 ), bei den Germanen 
und den späteren Deutschen war es in 
höchstem Ansehen. Im Mittelalter stand 
die Sch.ezucht in hoher Blüte. Als Beispiel 
dafür sei erwähnt, daß im Walde Bußhart 
zwischen Bruchsal und Philippsburg in 









i4;i 


Schwein 


1472 


Baden 1437 etwa 50000 Sch.e in die Eichel- 
mast gingen 6 ). Der Volksglaube, daß der 
Atem des Sch.s verunreinigt 7 ), daß die 
Milch gerinnt, wenn es am Eimer riecht 8 ), 
daß man es nicht auf den Friedhof lassen 
dürfe (Schweiz) 9 ), daß es der Sitz un¬ 
reiner Geister sei 10 ), ist nicht deutsch, 
sondern durch jüdisch-christliche Ein¬ 
flüsse verursacht, vielleicht durch den 
syrisch-babylonischen Adoniskult 11 ), s. 
Eber 1. 


J ) Keller Haustiere 2 65 — 69; es begegnet 
zunächst in den Pfahlbauten der Po-Ebene 
und den mykenischen Gräbern (Schräder 
Reallex. 746). Sch.sidole (Amulette) aus Ton 
finden sich aus noch älterer Zeit in Ägypten, 
ferner in der ungarischen Steinzeit (HöfIer 
Organotherapie 101), während der jüngern Stein¬ 
zeit in Nord- u. Mitteleuropa nachgewiesen 
(Schräder Reallex. 746). 2 ) Höfler Organo¬ 
therapie 99. 3 ) Ebd. 101 — Anthropologie 

Bayerns 15, 183. 185. 187; 16, 100; 17, 29. 

3 1 • 34 - 39 - 4 2 I Arch. f. Anthropol. 27 (1902), 
184. — Bei den Schweden der Völkerwande¬ 
rungszeit sind Sch.e-Schinken Grabbeigabe 
(Höfler Org. 101 = Montelius 246. 243 ff. 
246; Müller Altertumsk. 2, 115. 141); Hastings 
1,525 (Indien). 605 (Griechen); 2,41 (Indogerm.); 
5, 668; 12, 133. 445 (Römer). 4 ) Ebd. 99. 

6 ) Sch.e-Opfer sind bezeugt bei den Ägyptern 
(allerdings nur einmal im Jahr), Babyloniern, 
Phöniziern; bei den Juden bis zur Zeit des 
Jesaias bei bes. feierlichen Gelegenheiten; den 
Griechen; bei den Römern scheint das Sch. 
das üblichste Opfertier gewesen zu sein bei 
allen Opfern, die vegetative und animalische 
Fruchtbarkeit erzielen sollten (Höfler Org. 
97 — I01 * 2141 Schräder a. a. O. [Ägypten]; 
ZdVfVk. 14, 9 [Griechen]). 6 ) Meyer Baden 
404, vgl. noch Meyer Religionsgesch. 414t. 

7 ) Grimm Myth. 2, 549 Anm. 1. 8 ) Ebd. 

3, 463 Nr. 820. 9 ) Davoser Landbuch 31. 

10 ) Fehrle Volksfeste 86; Lütolf Sagen 462. 

11 ) Hoops Reallexikon 4, 149; — die Adonis¬ 
verehrer aßen kein Sch.efleisch (Frazer 5, 265); 
vgl. dazu den Glauben der Kariben, die kein 
Sch. essen, um nicht so kleine Augen zu be¬ 
kommen wie diese (ZdVfVk. 13, 376 = Ger- 
land u. Waitz Anthropologie 3, 384). 

2. Die grunzende, erdaufwühlende Sau 12 ) 
vertritt nach der Deutung einiger Mytho- 
logen teils die Wetterwolke, teils den 
Wirbelsturm. In Sch.egestalt denkt 
das Volk sich den Wirbelwind 13 ), der 
nach bayerischem Glauben durch den 
Teufel und Hexen erregt wird 14 ); er wird 
als „Sauwedel, -zagel, -kegel, 
-arsch, -dreck, Windsau“ 15 ), als 
„Sa uze hl (Vogtl.) 16 ) bezeichnet, wird 


mit der Holle oder Werre in Verbindung 
gebracht, die man ebenfalls mit dem 
Namen Sauzehl bezeichnet 17 ). Ein auf¬ 
steigendes Sturmgewölk heißt eine 
„Moore“ (Muttersau) mit 7 Jungen 
(Schweiz) 18 ), ein mit einem Kreuzdorn¬ 
stock getroffenes gespenstiges Sch. bringt 
Sturm hervor 19 ). Die furchtbare Rochel- 
moore (s. d.), die spukt, wenn das Käuz¬ 
chen schreit 20 ), zieht dem singenden Gun¬ 
disheer, Guetigsheer, dem wildenHeer, 
d. i. dem Wind, voran, dessen Zug ander¬ 
wärts von einer lärmenden Sch.eherde er¬ 
öffnet wird (Schwz.) 21 ). Einäugige oder 
feurige Sch.e sind Begleiter des wilden 
Jägers 22 ), das „Wildg’fahr“ erscheint 
als „foirige Fok“ (Tirol) 23 ) oder 
als Sch.eherde 24 ). Auch das Opfer 
und die Erscheinung des Sch.s am 
Donnerstag und seine Verbindung 
mit Derk mit dem Beer (Eber) weist 
auf den Gewittersturm 25 ). Die sieben¬ 
bürger Adventssau oder der Gotts- 
borich (Gotteseber) 26 ) geht zur Weih¬ 
nachtszeit um wie das von einer Frau 
gerittene weiße Sch. und die auf dem 
Misthaufen umziehende Sau mit ihren 
Jungen in Schwaben 27 ). Hier sind an- 


Jungen in Schwaben 27 ). Hier sind an¬ 
zuschließen die Sagen von den Sch.en 
der Frau Harke 28 ), von der alten ein¬ 
äugigen Sau 29 ) und von den Sch.en (bei 
den Toten) im Berge (Kyffhäuser) 30 ), 
die nichts anderes sind als die im wilden 
Heere mitziehenden Sch.e 31 ). — Die bes. 
zur Weihnachtszeit umziehenden gespenst. 
Sch.e sind vielfach sogenannte Dorf¬ 
tiere, an denen die Schweiz und Süd¬ 
deutschland reich ist 32 ), die sich nachts 
vor dem Dorfe herumtreiben und dem 
Wanderer auflauern (s. Eber 2). 

12 ) Meyer Germ. Myth. 102 = Schwärtz 
Urspr. d. Mythol. 230. 13 ) Simrock 5 33 = 

Panzer Beitr. 2, 209. 389. 14 ) Quitzmann 

182; Laistner Nebelsagen 280 = Panzer 

2, 209; Sch melier BayWb. 2, 848; Alemannia 

3, 284. 15 ) Meyer a. a. O. 102 = Grimm 

Myth. 1, 236 Anm. 1; 3, 91. 180; Rochholz 
Sagen 2, 187; AfdA. n, 152; John Westböhmen 
218; Jahn Opfergebräuche 176. 16 ) Eisei 

Voigtland 105 Nr. 265 Anm. 3. 17 ) Eisei a. a. O. 
251 Nr. 627 Anm. 1. 18 ) Meyer Germ. Myth. 

102 = Rochholz Naturmythen 272; Laistner 
Nebelsagen 279; ebd. 272 = Lütolf Sagen 467; 
ZdVfVk. 7 (1897), 277 (Literaturangaben). 233. 
19 ) Meyer Germ. Myth. 102 = Kuhn Märk . 


102 


1473 


Schwein 


1474 


Sagen 212f. 20 ) SAfVk. 8, 276. 21 ) Meyer Germ. 
Myth. 102 = Rochholz Schweizersagen 1, 150; 
Kuhn Westfalen 326f. Anm. 2; 327 Anm. 2 = 
Rochholz a. a. O. 22 ) Meyer a. a. O. 240. 
2l ) Quitzmann 84 — Älpenburg Tirol 54. 
24 ) Meyer a. a. O. 102 = Rochholz Schweizer¬ 
sagen 1, 92. 101; Rochholz Naturmythen 100 
Nr. 31. 25 ) Meyer German. Mythol. 102 = 

Grimm Myth. 1, 177; Mannhardt Korn¬ 
dämonen 8. 11. 26 ) Meyer a. a. O. 27 ) Meyer 
a. a. O. = Birlinger Volksth. 1, 112; Meyer 
a. a. O. 287 — Birlinger a. a. O. 1, 113. —- 
Die schwedische Gloso mit Feuer-Augen und 
-Borsten grunzt, daß die Erde dröhnt (Ge¬ 
witter!) und bedrängt, wie die schon. Gluffe- 
suggan, die smäl. Torresuggan, Thorsau, den 
Wanderer nachts. Sie geht namentlich in den 
Julnächten um: Meyer Germ. Myth. 102 — 
H. Cavallius Wärend och Wirdarne 1, 177. 
240. 243; Wigström Folkdigtning i Skane 221. 
28 ) Sepp Sagen 421 Nr. 114; Mannhardt 
Götter 298; Meyer Germ. Myth. 281; ebd. 278 
(= Kuhn u. Schwartz ii2f. Nr. 126, 7 — 
Kuhn Westfalen 326. 328; Witzschel Thü¬ 
ringen 1, 232); Bechstein 4, 57 (Sag. v. Kyff¬ 
häuser) = Kuhn u. Schwartz 482L Anm. 126. 
2> ) Kuhn Westfalen 1, 325. 328L 331 f.; ebd. 
326 Anm. 2 = Ders. Märk. Sagen 145 Nr. 136; 
Kuhn u. Schwartz 155 Nr. 180. 472 Anm. 35. 
in Nr. 126, 4; Schambach u. Müller 

Nr. 86. 30 ) Kuhn Westfalen 1, 3270. u. Anm. 2 
(= Kuhn u. Schwartz 221 Nr. 247, 7; Scham ¬ 
bach u. Müll er Nr. 140,12; Kuhn u. Schwartz 
483 Anm. 126 = Müllenhoff Sagen Nr. 387 
= Bechstein Thüringen 4, 21. 22. 57); 

Kuhn Westfalen 1, 328 (Anm. 3) = Bech¬ 
stein Thüringen 4, 57; ebd. 1, 323 — Bech¬ 
stein Fränk. Sagen 300 Nr. 160; Kuhn a. a. O. 
370 Nr. 415 Anm. (Literatur); Ranke Sagen 2 
86 — Pröhle Deutsche SagenNi. 220; ZdVfVk. 7 
(1897), 275; Eisei Voigtland 70 Nr. 168; 190 
Nr. 503; Meyer Germ. Myth. 282. 31 ) Mann¬ 
hardt Götter 138. 32 ) Meyer Germ. Mythol. 

103 = Rochholz Sagen i f 214; Wuttke 
53 § 591 Laistner Nebelsagen 117. 279; Roch¬ 
holz Naiurmythen 72 Nr. 90; 97 Nr. 30; 98 
Nr. 31; SAfVk. 21 (1917),189; 25,48L; Kuoni 
St. Galler Sagen 78 Nr. 166; Walliser Sagen 150; 
Kohlrusch Sagen 45. 

3. Viele Sagen und abergläubische Mei¬ 
nungen lassen auf einen innigen Zu¬ 
sammenhang des Sch.s mit demMaren- 
und Alpglauben schließen. Die Tier- 
mar'e erscheint auch als Sch. 33 ), die 
Mutter der Mahrt in Engelland lockt 
Sch.e 34 ), das Tier muß aber auch als 
Seelentier angesehen worden sein. Denn 
Seelen erscheinen oft als Irrlichter, und 
das Vogtland 35 ) weiß von solchen zu 
berichten, die einem Saurüssel gleichen. 

Aus all den genannten Elementen er- 

• ^ 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII. 


wuchsen (s. oben 2) die Scharen ge¬ 
spenstiger Tiere, unter denen das Sch. 
besonders stark vertreten ist 36 ). In allen 
deutschen (und ehern, deutschen) Gegen¬ 
den spuken, meist zwischen 11 und 
12 Uhr 37 ) (Meckl. 38 ), Old. 39 ), Schwa. 40 ), 
Schwz. 41 ), Tir. 42 ), Württ. 43 )), schwarze 
(Bay. 44 ), Eis. 45 ), Schwz. 46 ), Thür. 47 )), 
weiße (Schwa.) 48 ), schwarzweiße 
(Schwa. 48 )) graue (Meckl. 49 )), rote 
(Schles. 50 )), feurige und feueratmende 
(Allgäu 53 ), österr. 51 ), Sachs. 52 ), Schles. 54 ) 
Tir. 42 )) Schweine, manchmal mit Feuer¬ 
augen (Tir.) 56 ). Sie laufen den Leuten 
nach (Bay. 44 )), zwingen sie, auf ihnen zu 
reiten und verschwinden dann plötzlich 
(Vogtl. 56 ), Westf. 57 )), verlocken den 
Wanderer (Schles. 58 )) und hetzen ihn, 
bis er sie durch den Namen Gottes 
(Schles. 59 )), durch Fluchen oder des 
Teufels Namen (Schwz. ®°)) vertreibt. 
Sie verschwinden im Wasser (Schles. 61 )) 
oder schlüpfen auf wunderbare Weise 
durch den Zaun (Schles. 62 )). Wer sie 
sieht, bekommt einen geschwollenen Kopf 
(Schwz. 46 )). Mit Vorliebe erscheinen 
sie zur Weihnachtszeit und im Ad¬ 
vent (Schw. 63 )) (siehe oben 2). Viel¬ 
fach erscheinen als Sch.e Tote (Bad., 
Sachs., Tir. 64 )), die keine Ruhe im Grabe 
finden und als „Wiedergänger“ (Old.) 
die Lebenden behelligen, „verwünschte“ 
Seelen (Bay., Schwz., Tir.) 65 ), die zur 
Strafe in Sch.e verwandelt wurden. 
Ermordete (Meckl.) 66 ) oder Menschen, 
die eine Schuld auf sich geladen, wie 
z. B. Selbstmörder (Nordbö.) 67 ), oder 
Frevel begangen haben. Zahlreich 
unter ihnen sind die Hartherzigen, 
Geizigen und Wucherer vertreten, 
die nun als hungrige Sch.e mit den Sch.en 
fressen müssen (Bad. 68 ), Bay. 69 ), Berg. 70 ), 
Elsaß 45 ), Mark 71 ), Niedersachsen 72 ), 
Sachs. 73 ), Schwa. 74 ), Schles. 75 ), Schwz. 76 ), 
Tir. 77 ), Thür. 78 ), Westf. 79 )) und die 
Unredlichen 80 ) und Betrüger, unter 
letzteren vielfach Frauen (Bay. 81 ), 
Schwa. 63 ), Schwz. 82 ), Tir. 83 )); Kindes¬ 
mörderinnen müssen als Säue mit 
Ferkeln umgehen (Tir. 84 ), Württ. 85 )). 
Pfaffenkellnerinnen müssen in Sch.e¬ 
gestalt ebenso umgehen (Schwz.) 86 ) wie 

47 







1475 


Schwein 


1476 


zänkische Eheleute, die unversöhnt 
gestorben sind (Bay.) 87 ), ein unnatür¬ 
licher Sohn 82 j in gleicher Weise wie 
der Geist eines Juden, der einmal den 
Schloßbrunnen in Würzburg vergiften 
wollte 88 ). Reich ist wiederum die Schweiz 
an solchen Spukgestalten (Tuutier, 
Gräägi, Fährlisau) 89 ). Vielfach sind 
christliche Anschauungen unlöslich mit 
heidn.-mythischem Erbe vermischt (s. 
Eber 3). 

33 ) Meyer Germ. Myth. 77. 34 ) Ranke 

Sagen 2 18f. = Kuhn u. Sch wartz 14 Nr. 16; 
469 Anm. 1; Meyer a. a. O. 127— Jahn 
Pommern 366t. 373. 35 ) Eisei Voigtland 167 

Nr. 455. 36 ) Wuttke 127 § 171. 37 ) Simrock 
Mythologie 5 468. 38 ) Bartsch Mecklenburg 

i, 145. * 39 ) Strackerjan Oldenburg 2, 142 

Nr. 371. 40 ) Birlinger Volksth. 1, 112. 114. 

41 ) Lütolf Sagen 466t.; Rochholz Natur¬ 
mythen 97; Laistner Nebelsagen 297 = Lütolf 
a. a. O. 345L 42 ) Alpenburg Tirol 212Ü. 

Nr. 7. 43 ) Bohnenberger Nr. 1, S. 8. 44 ) 

Pollinger Landshut 128 Nr. 9. 45 ) Rochholz 
Sagen 2, 136= Stöber Elsaß Nr. 196. 46 ) 

Rochholz Naturmythen 91 Nr. 24. 47 ) Ders. 

Sagen 2, 136. 48 ) Meier Schwaben 1, 224. 225; 
Wuttke 53 § 59. 49 ) Bartsch a. a. O. 1, 144. 
60 ) Drechsler Schlesien 2, 118; Urquell 2 
(1891), 206. 61 ) Vernaleken Mythen 135 

Nr. 15 (Sch. mit goldenem Schatzschlüssel). 
62 ) Meie he Sagenbuch 49 Nr. 41. 63 ) Reiser 

Allgäu 1, 273. 54 ) Kühnau Sagen 1, 302. 

ö5 ) Alpenburg a. a. O. 213 Nr. 8. 56 ) Eisei 

Voigtland 128 Nr. 135. 37 ) Kuhn Westfalen 

370 Nr. 415. 58 ) Kühnau a. a. O. 1, 577. 

69 ) Drechsler Schlesien 2, 118. 60 ) Kuoni 

St.Galler Sagen 158 Nr. 285. 61 ) Kühnau 

a. a. O. 2, 3iiff. 62 ) Ebd. 1, 3T4L ® 3 ) Meier 
Schwaben i, 226; Wolf Beitr. 2, 412. 64 ) Baader 
N Sagen (1859) 28; Meie he Sagenbuch 49 Nr. 41; 
Heyl Tirol 464 Nr. 24. 65 ) Pollinger Lands¬ 
hut 97 Nr. 8; Quitzmann 84. 177b; Lütolf 
Sagen 466f.; Alpenburg Tirol 213b Nr. 9; 
Heyl Tirol 22 Nr. 23. 6Ö ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 1, 144b 67 ) Kühnau Sagen 1, 526 = 

Langer Das östliche Deutschböhmen 6 (1906), 
187. 68 ) Baader NSagen (1859), 388; Waibel 
u. Flamm 2, 271. 69 ) Panzer Beitr. 2, 16. 490. 

70 ) Schell Bergische Sagen 84 Nr. 3. 71 ) Woeste 

Mark 46. 72 ) Schambach u. Müller 365 

Nr. 240. 73 ) Meiche a. a. O. 54 Nr. 55. 74 ) 

Birlinger Volksth. 1, 113. 75 ) Kühnau Sagen 

1, u6f. 144. 76 ) Kuoni St.Galler Sagen 35. 

77 ) Heyl Tirol 464 Nr. 24. 78 ) Rochholz 

Sagen 2, 136. 79 ) Sartori Westfalen 365 Nr. 242. 
80 ) ZdVfVk. 3 (1893), 81 ) Panzer Beitr. 

2, 209. 490. 82 ) Laistner Nebelsagen 279; 

Alemannia 4, 175; SAfVk. 25, 125. 83 ) Heyl 

Tirol 70 Nr. 30 2 . 84 ) Ebd. 357 Nr. 29. 85 ) 

Bohnenberger Nr. 1, S. 8. 10. 86 ) Lütolf 

Sagen 345. 87 ) Pollinger Landshut 96b 


8S ) ZfdMyth. 3,62. 89 ) Kuoni a. a.O. 78b 250L 
Nr. 423; 83 Nr. 176; 156 Nr. 283; 190 Nr. 339; 
vgl. zum möglichen Werdegang solcher Sagen 
ZdVfVk. 4 (1894), 327. 

4. Das Sch. ist Teufels- 90 ) und 
Hexentier 91 ). Der Teufel erscheint 
gerne als grunzendes (Bay., Kämt., Old. 
Samland) 92 ), oft schwarzes 93 ) Sch. mit 
feurigen Augen und glühendem Kopf 
(Schles.) 94 ), von ihm hat er die Augen 
(Oberpf.) 95 ), in Sch.egestalt zieht der 
Böse einen Graben (Schw.) ö6 ) um ein 
Stück Land, das ihm Gott geschenkt 
hat (Schwz.) 97 ). Ein Teufelsgespenst 
grunzt wie eine Herde Sch.e 98 ). Hexen 
nehmen oft die Gestalt eines (roten) 99 ) 
Sch.s an (Bad., Hessen, Meckl., Ndtl., 
Old., Schw., Schwz.) 100 ); sieht man in 
der Kirche durch ein Karfreitagsei hin¬ 
durch, so sieht man, wie die Hexen statt 
der Gesangsbücher Speck in den Händen 
haben (Eis.) 101 ). Das Sch. ist Reittier 
der Hexen 102 ) und des Teufels (Bad., 
Bay., öst., Vorarlberg) 103 ) sowie (ver¬ 
dammter) Verstorbener 104 ), die manch¬ 
mal auf glühenden Sch.en reitend er¬ 
scheinen 105 ). Der Ritt auf dem Sch. 
wurzelt tief im Volksbewußtsein, ist 
aber gewiß sehr von christlichen An¬ 
schauungen durchdrungen; wenn die 
Sage erzählt, daß Luther auf seiner Flucht 
auf einem Sch.e geritten sei 106 ), so sind 
die Niederschläge aus den kirchlichen 
Kämpfen der Reformationszeit offensicht¬ 
lich. Als Sch. erscheinen auch Kobolde 
(Schwz.) 107 ) und der Almputz (Tir.) 108 ). 
In Zusammenhang mit dem teuflischen 
Wesen des Tieres stehen die schätz- 
anzeigenden (Tirol) 109 ) und schatz¬ 
hütenden Sch.e (Schwz.) no ). Über 
Sch.e, die Glocken auswühlen s. unter 14 
und Eber 8 (s. a. Eber 3). 

90 ) Meyer Germ. Myth. 103 = Grimm Myth. 
2 » 832; 3, 294; Baumgarten Aus der Heimat 
1, 75. 91 ) Wuttke 127 § 171. 92 ) Grimm 

Myth. 2, 832; Simrock 5 480; Sepp Religion 
l 7 ‘> Quitzmann 84; Gräber Kärnten 4 299b 
305; Strackerjan 2, 142 Nr. 371; Reusch 
Samland 78 Nr. 80. 93 ) Wuttke 37 § 41. 

94 ) Drechsler Schlesien 2, 118. ö5 ) Quitz¬ 

mann 84 = Schönwerth Oberpfalz 3, 40; 
Schönwerth a. a, O. 1, 344. — Nach magyar. 
Volksgl. ist das nach rechts gedrehte Ringel¬ 
schwänzchen des Sch. vom Teufel verursacht: 
Wlislocki Magyar. Volksglaube 104. 93 ) 


77 


Schwein 


1478 



Grimm Myth. 2, 855. 3, 302. 97 ) Simrock 

Mythologie 5 303; ebd. 542 = Rochholz Natur¬ 
mythen 101 Nr. 31. Vgl. Grimm Myth. 2, 855. 
98 ) Kiesewetter Faust 2 1, 1. Buch 233. — 
In Sch.e-Gestalt verläßt der Teufel eine ehern, 
arianische den Katholiken wieder zurück- 


gegebene Kirche: Meyer Aberglaube 160 b 
") ZdVfVk. 23 (1913), 262. 10 °) Laistner 

Nebelsagen 281; Hertz Werwolf 74; Kämpfen 
Hexen 57; Bartsch Mecklenburg 1, i 45; 
Waibel u. Flamm 2, 343; Meier Schwaben 
186. 502; Wolf Sagen 196; Strackerjan Olden¬ 
burg 1, 327; Kuhn u. Schwartz 25 Nr. 32. 
101 ) Wuttke 256 § 373. 102 ) Ebd. 127 § 171; 
Laistner Nebelsagen = Hertz Werwolf 57; 
Strackerjan a. a. O. 2,142 Nr. 371. 281b; 
103 ) Simrock Mythologie* 473 = Baader Sagen 
16; Panzer Beitr. 2, 97. 308; Vernaleken 
Mythen 113; Vonbun Sagen 75. 104 ) Eisei 

Voigtland 66 Nr. 154; Birlinger Volksth. 
1, ii2fb; Wolf a. a. O. 409; Ders. Sagen 334; 
Wuttke 127 § 171. 105 ) Wolf Beitr. 2, 409. 

l06 ) Ebd. 408b 107 ) Kohlrusch Sagen 273. 

108 ) Heyl Tirol 22 Nr. 23. 109 ) Quitzmann 

241 = Zingerle Sagen 387. 391; Heyl 

Tirol 492 Nr. 55; 627 Nr. 93. 110 ) Ku¬ 

oni St. Galler Sagen 172fr Nr. 308. — Die 
dänische Grafso hockt auf einem Schatz: 


Meyer Germ. Myth. 102 = Mannhardt Korn- 
dämonen 12. 


5. Obwohl Teufels- und Hexentiere, 
sind Sch.e leicht zu behexen U1 ) und 
gegen böse Einflüsse empfänglich. Ein 
Sch., welches in einer Scheuer unter¬ 
gebracht war, wo sich einer erhenkt hatte, 
konnte sich des morgens nicht mehr 
rühren. Da rief man den Kapuziner, der 
es mit Malefixwachs einschmierte; und 
nach zwei Stunden war es wieder voll¬ 
kommen gesund 112 ). Sie sind sehr für 
den bösen Blick empfänglich 113 ), und 
besonders die Ferkel sind durch das 
Auge überwollender Menschen allerlei 
Krankheiten ausgesetzt 114 ). Man läßt 
sie aus Furcht davor keinen Unbekannten 
sehen und bedeckt sie mit einem Stück 
Zeug (Old., Ostpreuß. 113 )) oder läßt 
wenigstens die Neugekauften drei Tage 
von niemand ansehen (Schles.) 115 ). Man 
kann bei ihnen den ,,Hexenschuß“ be¬ 
wirken, wobei sie plötzlich geradeaus 
rennen und dann tot niederfallen 116 ). 
Schlägt man einen Sargnagel in den 
Sch.etrog ein, so krepieren die Sch.e 
und Ferkel, und keine Zucht kommt auf 
(Lauenb.) 117 ). 

m ) Strackerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 371. 
lia ) SAfVk. ii (1907), 132. 113 ) Seligmann 


Blick 1, 215b — Auch in England u. Frankreich. 
1I4 ) ZdVfVk. 11 (1901), 320. 1I5 ) Drechsler 

Schlesien 2, 118. l16 ) Wuttke 267 § 392. 

n? ) Ebd. u. 135 § 186. 

* 

6 . Deshalb wird der Fürsorge für die 
Sch.e und ihr Gedeihen die größte Auf¬ 
merksamkeit entgegengebracht, die bis 
zur Selbstentäußerung geht. Ein Bauer 
in Baden, der Jahre lang Unglück mit 
seinen Sch.en hatte, versprach, an 
Sonn- und Feiertagen kein Sch.efleisch 
zu kochen, was noch heute in dem Hause 
beobachtet wird 118 ). Vor allen Dingen 
müssen neugekaufte Sch.e besonders 
behandelt werden. Wählt man aus einem 
Stamme Ferkel eines aus, so muß man 
das zuerst ergriffene behalten. Wählt 
man ein anderes, so gedeiht es nicht 119 ). 
Einem neugekauften Sch. legt man beim 
Eintun Stroh vom Wagen (Erzgeb.) 120 ) 
oder Streu von seinem alten Lager 
und etwas Brot des Verkäufers (Bad.) 121 ), 
drei Brotkrusten, in welche einige 
unter dem Arme eines Menschen aus- 
gerissene Haare eingewickelt sind, dann 
gedeiht es gut (Wetterau) 122 ); man läßt 
es zuerst aus der Suppenschüssel 
fressen, dann frißt es immer gern (Ober¬ 
pfalz) 121 ). In Bayern muß man ein ge¬ 
kauftes Sch. ,,arschling“ in den Stall 
bringen, sonst würde es mit dem Hinter¬ 
teil zuerst herauskommen, d. h. umge¬ 
standen 123 ). In einigen Orten Ober¬ 
frankens spricht man, wenn ein neues 
Sch. in den Stall geführt wird, um es an 
den Stall zu gewöhnen: ,,Sau, eil in dein 
Gestell, wie der Advokat in die Holl’“ 124 ). 
Im Vogtl. rauft man ihm einige Borsten 
aus dem Rücken, legt sie unter die Stall¬ 
schwelle und sagt: „du Sch., komm wieder 
in deine Stell’, als wie der Advokat in 
die Holl’“ 125 ). Hat man verschiedene 
Sch.e zusammengekauft, so muß man 
ihnen den Rüssel mit Schnaps einreiben, 
damit sie infolge des gleichen Geruches 
sich besser vertragen (Eßlingen) (Das 
scheint aber kein Aberglaube zu sein). Um 
sie an Reinlichkeit zu gewöhnen, leert man 
einen Hafen lauen Wassers in eine Ecke 
der „Sausteig“, damit sie diese Ecke als 
Abort benützen (Württ.) 126 ). — Damit 
die Sch.e abends gern wieder nach Hause 

47 * 




M 79 


Schwein 


Schwein 


1482 


I480 


kommen, läßt man sie, wenn sie die Tür¬ 
schwelle zuerst beschreiten, d. h. zum 
erstenmal ausgetrieben werden, über ein 
Stück Waschtuch oder einen Knie¬ 
riemen 127 ), den Gürtel des Mannes 
oder das Strumpfband der Frau oder 
die Schürze der Magd 128 ) (auch nur 
ein Stück Schürze) 129 ), die man auf die 
Stallschwelle legt, springen (Bad., Bay., 
Pfalz, Frk., Wald.); oder die Hirtin 
breitet beim ersten Austrieb ihr Für¬ 
tuch vor die Stalltür und läßt die Sch.e 
darüber gehen (Oberpf.) 130 ). In Sieben¬ 
bürgen muß der Sch.ehirt beim ersten 
Austrieb nackt sein. Um die mitter¬ 
nächtige Stunde wurden die Sch.e mit 
lautem Geschrei und Peitschenknall aus 
dem Dorfe hinaus auf einen bestimmten 
Platz getrieben, dort wurde die Herde 
vom nackten Hirten (früher von nackten 
alten Weibern) dreimal im Kreis um¬ 
sprungen und dann bis zum grauenden 
Morgen draußen gehalten. Hiedurch, 
so glaubte man, sollten alle Fährlich- 
keiten von den Sch.en für das betreffende 
Jahr abgewendet werden 131 ). Der Tag 
des ersten Austriebes ist bedeutsam. 
Ferkel darf man nicht am Mittwoch 
(einem Hexentage) zum erstenmal aus- 
treiben, sonst kehren sie nicht heim 
(Bad.) 132 ). In Ermland erfolgt der erste 
Austrieb zu Petri Stuhlfeier (22.Febr.) 133 ). 
Auch am Ostertag darf man sie nicht 
austreiben, sonst werden sie ackerläufig 
(Siebenb.) 134 ). — Damit die Ferkel treff¬ 
lich wachsen, badet man sie in Wasser, 
worin ein gemetzeltes Sch. gebrüht wurde 
(Bad.) 135 ). Damit die Sch.e glatt werden, 
bekommen sie das Wasser, mit welchem 
man beim Backen das Brot glättet (Ost- 
preuß.) 136 ). Damit sie fressen und gesund 
bleiben, füttert man sie zu Weihnachten 
aus dem Reif: „man lokcht dy saw für 
das tar an dem weinacht margen vnd 
gibt in habern in ainem raif vnd sprechent: 

1 die meins nachtpawrn ain sümpl . die 
mein aein grumpV . so sind sew des iars 
frisch, vnd seins natpawr krankch. vnd 
des iars gentz gern an das veld“ (Ob.- 
Öst., 14. oder 15. Jh. 137 )). Auch gibt 
man ihnen am Neujahrsmorgen Erbsen 
als erstes Futter (Ostpreuß.) 138 ). In 


dem Kübel, in welchem der Trank für 
die Sch.e gesammelt wird, hält man 
eine Schildkröte, davon werden die 
Sch.e fett; stirbt sie, so gehen auch die 
Sch.e drauf (Ostpreuß.) 139 ). Wollen die 
Sch.e nicht fressen, so geht man an drei 
aufeinander folgenden Tagen nachts 
12 Uhr unbeschrien in den Stall und 
spricht ein gewisses Gebet (Bay.) 140 ). 

Gegen Behexung schützt man die 
Sch.eställe und Koben durch das Kreuz¬ 
zeichen 141 ), hitzige Krankheiten der Sch.e 
und Behexung werden durch Hausmittel 
unter Beihilfe von Segen und Sprüchen 142 ), 
ferner durch Zauberhandlungen geheilt 
und abgewehrt. Am Weihnachtsabend 
werden die Sch.e mit Birkenreisern 
über den Rücken gefegt und so gegen 
böse Einflüsse geschützt (Meckl.) 143 ). 
Damit die Sau nicht finnig wird, darf 
man am Freitag nicht Sch.efleisch essen 
(Ob.-Öst. 14. oder 15. Jh. 144 )); damit sie 
keine Würmer bekommt, darf man am 
Aschermittwoch nicht spinnen (Sieben¬ 
bürgen) 134 ). Man schützt sie vor Hexen¬ 
werk und Krankheiten, wenn man eine 
aus einem Sarge gezogene Schraube 
in den Futtertrog schraubt (Old.) (siehe 
das Gegenteil oben 5), oder einen Nagel 
im Namen der Dreifaltigkeit hineinklopft 
(Meckl.), oder viele Nägel in den Boden 
des Stalles schlägt (Bad.), oder ein Hexen¬ 
nest (d. h. die manchmal nestartig ver¬ 
wachsenen Zweige und Knorren einer 
Birke) in den Stall hängt (Old.); oder 
man spuckt dreimal in den Backtrog 
(Old.) 145 ). Um sie vor dem ,,Ver¬ 
fangen“ zu schützen, hält man sie bei 
dem Herauslassen am Schwänze so lange 
fest, bis sie schreien (Old.) 146 ); hat sich 
ein Sch. verfangen, so geht man dreimal 
um dasselbe herum, kneipt es in den 
Schwanz und spricht einen Segen 
(Old.) 147 ). Häufig ist die Anwendung 
des sog. „Fangwassers“: Über einen 
Sch.ekoven wird Wasser gegossen und 
dasselbe aufgefangen, und zwar dreimal; 
dies Fangwasser wird dem erkrankten 
Sch. zum Saufen eingegeben, um es wieder 
gesund zu machen (Meckl.) 148 ). Ist ein 
Sch. krank, so ruft man den Nachbar 
und macht mit ihm einen Scheinhandel 


1481 



r 


» 


(Schles.) 149 ), oder der Schinder muß den 
Kopf einer Schimmelstute auf den 
Sch.estall legen (Oberpf.) 150 ). Gegen 
die gefürchtete „Kornkrankheit“ der 
Sch.e wird im elsässischen Dorfe Hindis¬ 
heim ein Sch.esegen von 1717 als Fa¬ 
milienheiligtum geehrt und von Geschlecht 
zu Geschlecht vererbt. Selbst feindliche 
Nachbarn und Leute aus der Fremde er¬ 
bitten nicht selten unter Tränen das 
vergilbte Papier mit den verblaßten 
Schnörkeln 151 ). Gegen Hitze oder son¬ 
stige Krankheiten nagelt man Eber¬ 
wurz (Carlina) in den Säutrog und ver¬ 
wendet Säuwurz, Saukraut (Tollkirsche: 
Atropa Belladona), gegen Rotlauf (das 
St. Antoniusfeuer) Sauranke (Scrophu- 
laria nodosa) und Eberkraut (Sch.skraut), 
auch Antonius- oder Feuerkraut genannt 
(Epilobium angustifolium) 152 ). Um Krank¬ 
heiten und Seuchen von den Tieren ab¬ 
zuwehren, trieb man sie durch Notfeuer 
(noch 1831) 153 ). Hat ein Sch. den Fuß 
gebrochen, so umbindet und schient man 
das dem gebrochenen Fuße entsprechende 
Bein eines Stuhles; es darf sich aber 
niemand darauf setzen, bis das Tier 
geheilt ist (Bay.) 154 ). — Ist die Sau 
beim Eber gewesen, so wirft man ihr 
so viel Hände voll Hafer in den Trog, 
als man Junge wünscht (Old., Jever- 
land) 155 ). Wird ein Sch. zum Eber ge¬ 
führt, so muß, wenn man männliche 
Junge erzielen will, ein Mann bei der 
Zurückkunft die Stalltür schließen 
(Thür.) 156 ). — Geschenkte Schweine ge¬ 
raten nicht (Thür.) 157 ). — Beim Verkauf 
von Milchsch.en darf man, wenn der 
Bauer zum Markt fährt, nicht nach dem 
Preise fragen, sonst hat der Verkäufer 
kein Glück (Bad.) 158 ). 

118 ) Meyer Baden 530. 119 )ZdVfVk. 10 (1900), 
209. 12 °) John Erzgebirge 233. m ) Wuttke 

437 § 687. 122 ) Wolf Beitr. 1, 200. 123 ) Pol- 

linger Landshut 156. 124 ) Wuttke a. a. O. 

= Bavaria 3, 345. 125 ) Wuttke a. a. O. = 

Köhler Voigtland 428. 12 «) Eberhard t Land¬ 
wirtschaft Nr. 3, S. 15. 127 ) Wuttke a. a. O. 

128 ) Ebd.; Grimm Myth. 3, 455 Nr. 615. 

129 ) Ebd. 3,454 Nr. 578. 13 °) Wuttke 437 

§ 687 = Schönwerth Oberpfalz 1, 321 Nr. 9. 
131 ) Halt rieh Siebenb. Sachsen 279 f. 132 ) 
Grimm Myth. 3, 455 Nr. 613. 133 ) Sartori 

3, 89 Anm. 12 = Kück u. Sohnrey 69. 
134 ) Meyer Germ. Mythol. 286 — Haltrich 


a. a. O. 284. — In Schweden dürfen die Sch.e 
am Tage der hl. Lucia (13. Dez.), einer Ver¬ 
treterin der bayr. Perchta, nicht ausgetrieben 
werden, sonst bekommen sie Läuse: Meyer 
Germ. Myth. 286 = Grimm Myth. 3, 480 
Nr. 75. 13S ) Grimm Myth. 3, 455 Nr. 620. 

i 38 ) Wuttke 437 § 688. 137 ) Grimm Mythol. 
3, 418 Nr. 46. 138 ) Sartori 3, Ö7 65 = Lemke 

Ostpreußen 1, 7. 339 ) Wuttke a. a. O. = Top¬ 
pen Masuren 99; Sartori 2, 134 12 = Toppen 
a. a. O.; Bartsch Mecklenburg 2,157 ( 7 * 9 )* 
14 °) Pollinger Landshut 157. 14i ) Wuttke 

286 § 420. 142 ) Sartori 2, 134 11 (Literatur). 

143 ) Ebd. 3, 33 7 = Bartsch Mecklenburg 2, 227L 

144 ) Grimm Myth. 3, 419 Nr. 62. 145 ) Wuttke 

437f. § 688. 146 ) Ebd. 438 § 688. 147 ) Knuchel 
64; Mittel gegen das Verfangen: Strackerjan 
Oldenburg 2, 142 Nr. 371. 148 ) Bartsch Meck¬ 

lenburg 2, 157. 149 ) Drechsler Schlesien 2, 118. 
15 °) Wuttke 438 § 688. 151 ) Ebd. 148 § 243 = 
Alemannia 16, 54. 152 ) Marzell Pflanzen¬ 

namen 103 Nr. 55; m Nr. 57; 105^.55. 
1M ) ZdVfVk. 11 (1901). 217. Vgl. dazu Jahn 
Opfergebräuche 27 u. 32, der Wolfs Erklärung 
(Beitr. 1, 116) ablehnt und eine natürliche ver¬ 
sucht. 1B4 ) Wuttke 436 § 686 = Panzer 
Beitr. 2, 302. 15S ) Wuttke 438 § 688 — 

Strackerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 371; Eber¬ 
hardt Landwirtschaft Nr. 3, S. 16; Sartori 
2, 134 13 . 15a ) Sartori 2, 137 4 = Witzschel 

Thüringen 2, 279 (37). 157 ) Wuttke 438 
§ 688. 168 ) Meyer Baden 404. 

7. Das Sch. ist Orakeltier und zu¬ 
kunftkündend. Man deutet seinen 
Angang und weiß ihm Prophezeiungen 
für Hochzeit und Tod zu entnehmen 159 ). 

a) Im Angangglauben gilt es (einzelne 
und in Herden) viel häufiger als übles 
und unheilverkündendes Vorzeichen 160 ). 

egegnet man ihnen bei Antritt einer 
Reise oder auf dem Wege zu einem Be¬ 
such, so hat man entweder Unglück oder 
üblen Empfang zu gewärtigen (fast allg., 
Westf., Brand., Schwz., Old., Schles., 
Schw., Erzg.) 161 ). Man kehre in so einem 
Falle lieber um und unternehme an diesem 
Tage nichts. Besonders Jäger 162 ) und 
Geschäftsreisende 163 ) halten vielfach 
darauf (fast allg.). In einzelnen Gegen¬ 
den des deutschen Sprachgebietes gelten 
sie als unheilverkündend, wenn man ihrer 
zur Rechten ansichtig wird. „Sch.e 
rechts, Bedeuten Schlechte („Sch.e zur 
Rechten, 's gibt Vas durchzufechten), 
Sch.e zur Linken, ’s wird Freude dir 
winken“ u. a. (Schles.) 164 ). In Teplitz 
(D.-Bö.) aber bedeutet ein Sch. zur linken 
Hand Unglück 165 ). Wenn sie einem 




1483 Schwein 1484 


Hochzeitszuge begegnen, so gibt es eine 
unglückliche Ehe (Schw.) 166 ). Um das 
Eintreffen des Unglückes abzuwehren, 
mache man den begegnenden Sch. drei 
Verbeugungen (Schl.) 167 ) oder spucke 
aus und sage: ,,Pfui, pfui!“ (Bay.) 168 ), 
oder weiche nach rechts aus (Old.) 169 ), 
sonst verliert man z. B. seinen Prozeß. 
N ach Montanus dagegen wird sein An¬ 
gang als glückbringendes Omen auf¬ 
gefaßt 170 ) (auch in Ostpreußen) 171 ), be¬ 
sonders der eines kleinen Sch.es 172 ) im 
Anfang einer Reise. Doch macht man 
ihm drei Knixe (Schl.) 173 ) oder greift 
an ein Eisen (Schles. 173 ), Ostpreuß.) 171 ). 
Ebenso für günstig gilt der Angang einer 
Sau mit Ferkeln 174 ) und eine einem 
Hochzeitszug begegnende Sch.eherde 
(Eifel) 175 ). Die Glücksbedeutung scheint 
das Ursprüngliche zu sein. Darauf deuten 
ohne Zweifel die Redensarten: „einSau- 
glück,einGlückssch.haben'‘ (Erzg.) 176 ). 

b) Sch.e sind auch wetterkundig. 
Sie können auch Sturm riechen (West¬ 
falen) 177 ). Schleppen sie grunzend Stroh 
(zu ihren Schlafstellen), so wird es bald 
regnen (Dithm.) 178 ) oder kaltes Wetter 179 ) 
tritt ein. Das muß nicht Aberglaube sein. 
Ein Todesanzeichen ist es, wenn im 
Frühjahr das Sch. die gefrorene Erde auf¬ 
wühlt 180 ). Wendet ein getötetes und zum 
Sengen zurechtgelegtes Sch. den Kopf 
nach einer Seite, so sagt man, es sterbe 
jemand von den Leuten, die in der Rich¬ 
tung wohnen, nach der es den Kopf ge¬ 
wendet hat; ebenso bedeutet es einen 
Todesfall, wenn ein lebendes Sch. auf 
der rechten Seite liegt und den Kopf 
hängen läßt 181 ). Die Schweinemilz 
gilt als Todesanzeichen 182 ). Ist sie 
umgeklappt, so gibt es in der Familie, in 
der geschlachtet wurde, noch im selben 
Jahre einen Todesfall (Altmark) 183 ). Will 
man wissen, ob ein Kranker mit dem 
Leben davonkommt, so streicht man ihm 
die Herzgegend und die Fußsohlen mit 
einer Schweineschwarte. Diese gebe 
man einem Hunde. Frißt er sie, so ge¬ 
sundet der Patient, und umgekehrt 184 ). 

c) Von Sch.en träumen, besonders 
vor Antritt einer Reise, bedeutet Glück 
(Siebenb.) 185 ), bei den Malkrogern und 


in Mettersdorf aber einen Todesfall in 
der Familie 186 ). 

d) Bedeutsam als Eheorakel ist das 
Schweinestallhorchen, das in der 
Andreas- und Thomas- (Bayern) 187 ), be¬ 
sonders aber in der Christnacht (Mecklen¬ 
burg) 188 ) geübt wird und Auskunft über 
Liebe,Ehe und auch Fruchtbarkeit gibt 189 ). 
Das Mädchen muß nackt am Sch.estall 
klopfen (öst.) 19ü ) oder ebenso wie der 
junge Bursche auf dem Besenstiel hin¬ 
reiten und damit anklopfen (Meckl. 188 )). 
Antwortet dem Mädchen auf sein Klopfen 
ein erwachsenes Sch., so wird es von einem 
Witwer oder älteren Manne geheiratet; 
grunzt ein Ferkel, so ist der künftige 
Freier ein Bursche; regt sich nichts, so 
bleibt es noch ein Jahr ledig (Bad., öst., 
Oberpf., Bay.) 191 ). In anderen Gegenden 
stoßt das Mädchen mit dem Fuß an den 
Stall; wieviele Male das Sch. grunzt, so 
viele Jahre muß sie bis zu ihrer Verehe¬ 
lichung warten 192 ). Der an den Stall 
klopfende Bursche bekommt, w r enn die 
Tiere laut und zornig grunzen, eine böse 
Frau; aber die Zukünftige wird desto 
braver sein, je ruhiger die Tiere sind 
(Bad.) 193 ) (s. a. Eber 4, Eheorakel, 
horchen, Liebesorakel, Tierorakel). 

169 ) Sartori 3, 133 8 " 10 (Literatur); Schön¬ 
werth Oberpfalz 1, 345. 36 °) Wuttke 127 

§ 171; das Sch. als Unglücksvorzeichen s. 
ZdVfVk. 25 (1915), 23. 161 ) (Keller) Grab 

des Aberglaubens 2, 206; Grimm Myth. 2, 944: 
3, 466 Nr. 282; Wuttke a. a. O. u. 200 § 272; 
Wolf Beitr. 1,220; ZdVfVk. 22 (1912), 112; 
Kuhn Westfalen 2,59 Nr. 173; Ders. Mark. 
Sagen 387 Nr. 96; Unoth 1, 186 Nr. 115; 
Strackerjan Oldenburg 2, 342 Nr. 371; 1,23; 
Drechsler Schlesien 2, 118; Birlinger Volksth. 
1, 222; John Erzgebirge 218. 162 ) Strackerjan 
a. a. O. 1, 23. 163 ) Lammert 83. 164 ) Drechs¬ 
ler a. a. O. 2, 118. 193. 166 ) Laube Teplitz 2 53. 
166 ) Wuttke 200f. 272. Nach magyar. Volks¬ 
glauben bedeutet Begegnen eines Sch.es beim 
Hochzeitsgang ( ,Elend in der Ehe", beim Tauf¬ 
gang ,,Armut des Kindes": Wlislocki Magyar . 
Volksgl. 74. 167 ) Drechsler a. a. O. 2,235. 

368) Pollinger Landshut 167. 169 ) Wuttke 

201 § 272 = Strackerjan a. a. O. 1,23. 

17 °) ZrhwVk. 1904, 261. m ) ZdVfVk. 22 

(1912), 112. 172 ) SAfVk. 8, 268. 173 )Drechsler 
a. a. O. 2, 118. 174 ) Simrock Mythologie 5 534. 
17S ) ZrhwVk. 1908, 119. — Bei den Esten 

auf Oesel ist das Begegnen eines Sch.es 
ein gutes Zeichen, und für geradezu glückbrin¬ 
gend wird das Entgegenkommen einer träch- 



Schwein 



tigen Sau angesehen: Ho vorka-Kro nfeld 
3, 32. 176 ) John Erzgebirge 218. — Das Ur¬ 

bild des Glücksschweinchens, ein Knöchelchen 
in der Forelle, war früher dem Volke wohl be¬ 
kannt und geschätzt, jetzt ist es aber fast ver¬ 
gessen: ZdVfVk. 22, m. 177 ) Kuhn Westfalen 
2, 93 Nr. 292 (vgl. oben 2). 178 ) ZdVfVk. 24 

(1914), 59 - — Nach magyar. Volksglauben ist 
Regen zu erwarten, wenn sie unruhig herum¬ 
laufen; liegen sie lange im Kot, so dauert das 
schöne Wetter lang an: Wlislocki a. a. O. 
75 (Kann ebenfalls auf genauer Beobachtung 
beruhen). Grunzen sie in der Christ- und Neu¬ 
jahrsnacht laut und oft, so ist ein unfrucht¬ 
bares Jahr zu erwarten (ebd. 74 f.). 179 ) Ur¬ 
quell 4 (1893), 88. 18 °) Ebd. — Scharren 

Sch.e vor dem Hauseingang, so soll man sie mit 
Salzwasser begießen, denn „siegraben jemandem 
das Grab" (Wlislocki a. a. O. 75). 181 ) Urquell 
4 (893), 19: Nach kroatischem Glauben soll, 
wenn eine Zuchtsau lauter weibliche Ferkeln 
wirft, die Hausfrau, wenn nur Männchen, der 
Hausvorstand sterben: ZdVfVk. 2 (1892), 180. 
182 ) Stäuber Zürich 1, 30. 183 ) Wuttke 201 

§ 272 = Kuhn u. Schwartz 447 Nr. 873. 
384 ) Jühling Tiere 184. 186 ) Haltrich Siebenb. 
Sachsen 292. 186 ) Gassner Mettersdorf 80. — 

Bei den Magyaren bedeutet ein solcher Traum, 
daß der Betreffende mit Feinden zu tun haben 
wird (Wlislocki Magyar. Volksgl. 75); nach 
nordischem Glauben bedeuten Träume von 
wühlenden Sch.en hohe See und Regen oder 
Fruchtbarkeit (Meyer Germ. Mythol. 102). Be¬ 
sondere Bedeutung wurde den Träumen im 
Sch.e-Stall beigemessen, denn die treffen ein. 
So wurde schon dem norweg. König Halfdan 
dem Schwarzen geraten, in einem Schweinestall 
zu träumen; der Traum werde eintreffen 
(Grimm Myth. 2, 960; 3, 332; Simrock Mytho¬ 
logie* 533; Meyer Baden 200. 405). 187 ) Quitz- 
mann 241. 188 ) Bartsch Mecklenburg 2, 490. 

189 ) Meyer Germ. Myth. 287= Jahn Opfer¬ 
gebräuche 226. 19 °) ZföVk. 6 (1900), 121. 

m ) ZdVfVk. 4 (1894), 315; Wuttke 238 §341 — 
Meyer Baden 200; Vernaleken Mythen 329 
Nr. 1; Schönwerth Oberpfalz 1, 138; Quitz- 
mann 241 = Vernalekena.a. O. 192 ) ZdVfVk. 
4 (1894), 315. 193 ) Meyer Baden 200. 


8. Das Sch. im Zauberglauben. 

a) Anfangszauber: Am Neujahr muß 
man einen gesottenen Sch.srüssel essen 
(Alpenl.) 194 ) oder Sch.efleisch (D.bö.) 195 ), 
damit man im kommenden Jahre immer 
Glück, Geld und Überfluß hat, ebenso 
bringt der Genuß von Sch.efleisch zur 
Fastnachtszeit (imlaufenden Jahre) Glück 
und Geld ins Haus 196 ), Blutwurst, 
nüchtern gegessen, bewirkt Gesundheit 
durchs ganze Jahr 197 ). 

b) Glückszauber: Ein Sch.sgehör 
(Knochen am Ohr, s. u. S p. 1493) in der 


Tasche bringt Glück beim Kartenspiel 
(Schleswig) 198 ). 

c) Fruchtbarkeitszauber: Rippen 
und Knochen, besonders das „Jungfer 
im Bad“ 199 ) (Luz[a], Judenknochen 199 ), 
Jud auf der Wanne 200 ), Saujungfer“ 201 )) 
genannte Wirbelbein des za Fastnacht 
genossenen (ehern. Opfer-) Sch.es hängt 
man am Stubenboden auf und steckt sie 
in den zur Aussaat bestimmten Lein¬ 
samen (Meiningen, Hess., Schwa., Ober¬ 
pfalz) 202 ) oder, wie auch einen Sch.e- 
schwanz 203 ), ins Feld, um es fruchtbar 
zu machen. In verschiedenen Orten 
Siebenbürgens legt man die Knochen in 
die fertigen Heuschober 204 ). In Kurland 
erhält der Sämann bei der ersten Gersten¬ 
saat den mit dem Sch.srücken gekochten 
Sch.eschwanz, den er in den Feldrain 
steckt, damit die Ähren so lang wachsen 
wie der Schwanz 205 ). Im Günstal 206 ) 
und Vogtland 207 ) erhält die Braut in 
einer verdeckten Schüssel einen Sch.e¬ 
schwanz vorgesetzt, in Westbö.“ 208 ) wird 
ein reich mit Rosinen und Mandeln ver¬ 
ziertes Sch.eschwänzchen für die Paten¬ 
frau auf den Tisch gesetzt. Auch müssen 
die Kinder, besonders das kleinste, beim 
Sch.eschlachten den S c h .e s c h w anzessen 
(Erzg., Baden) 209 ), wodurch es in einem 
Jahre so viel wächst als das Schwänzchen 
lang ist (Erzg.) 210 ); dagegen vermeidet 
man es in anderen Teilen Badens, weil 
das Kind sonst nicht mehr wächst 211 ). 
Hierher gehört auch der Sch.eschwanz, 
der im Münsterland aus der das Leib¬ 
gericht, grüne Veitsbohnen mit Mettwurst 
enthaltenden Kumme, woraus die Essen¬ 
den ihren Bedarf auf die Schüsseln legen, 
hervorragt 212 ), und das dem letzten 
Drescher beim Dreschermahle Vorge¬ 
setzte Stück mit dem Sch.eschwanz 
(Ob.öst.) 213 ). — Einer Bruthenne lege 
man die Eier unter, wenn die Sch.e ein- 
kommen, und laufe so geschwind, wenn 
man sie ins Nest trägt, wie die Sch.e 
laufen, so kommen die Eier geschwind 
hintereinander aus (Harz) 214 ). 

d) Liebeszauber: Wenn das Mäd¬ 
chen ein Sch.eherz mit Nadeln spickt 
und es dann kocht, so muß der Bräutigam 
zu ihr kommen (Regbez. Potsdam) 215 ). 






1487 


Schwein 


1488 


Ein Mittel, den treubrüchigen Mann zu 
fesseln, ist folgendes: Haare und Fett 
von einem männlichen Sch. werden ein¬ 
geschmiert, nachdem sich die Frau ent¬ 
kleidet in einen Bach gelegt hat (Bö.) 216 ). 

e) Schutz- und Abwehrzauber: In 
Altmünster und Crailsheim wickelt man 
ein Sch.sgehör in einen Segen, macht 
ein Büscheln (Amulett) aus ungebleichtem 
Tuch und trägt es um den Hals, das hilft 
auf 1 Jahr (wofür?) 217 ). Zur Abwehr von 
Unglück nagelt man Sch.shufe am Tore 
auf 218 ).Um sich das ganze Jahr gegen Rot¬ 
lauf oder Flöhen zu schützen, ißt man am 
Fastnachtsmorgen Blutwurst 219 ). Um¬ 
fassend sind die Abwehrmaßregeln gegen 
Seuchen der Sch.e. Gegen die Sch.epest 
erhielten die gesund gebliebenen Tiere 
die verkohlten Reste (Asche) eines ganzen 
kranken verbrannten Sch.es als Vor- 
beugungsmittei 220 ) (Niederrhein; Huns¬ 
rück, Eifel, Gebiet von Speier); die noch 
gesund gebliebenen Tiere wurden an die 
Stelle getrieben, damit sie die vom Feuer 
übrig gebliebenen Knochen und die Asche, 
worin Hafer gestreut wurde, fraßen. Im 
Speierschen warf man ca. 1790, wenn 
kurz hintereinander viele Sch.e fielen, ein 
Tier in den Backofen und verbrannte 
es, um damit auch die Hexe zu verbren¬ 
nen 221 ); man vergrub auch das Tier 
lebendig unter der Dachtraufe, damit 
die Hexe starb (Schwz.) 222 ). Auch die 
Fundamente von Kirchen und Häusern 
bedürfen zu ihrer Befestigung nur des 
Vergrabens eines Sch.s 223 ). In anderen 
Gegenden wurde das Herz eines ge¬ 
fallenen Sch.s, klein gehackt und mit 
Kleie gemischt, den übrigen als Mittel 
gegen die Sch.epest zu fressen gegeben 224 ), 
in Bayern schlug man einem toten Sch. 
den Kopf ab und vergrub ihn unter der 
Schwelle des Sch.estalles 225 ). Deut¬ 
lich blicken hier noch die ehemaligen Sühn¬ 
opfer durch. — Sch.eknochen, mit etwas 
Salbei gekocht und an den Eingang der 
Ställe gelegt, schützen Tauben- und 
Hühnerställe vor Mardern (Schles.) 226 ). 
Läßt man zum ersten Male die Küchlein 
ins Freie, so blickt man durch den Knochen 
indem sich die Augenhöhlen befinden, die 
Küchlein an und spricht: „Rabe, Weihe, 


Elster! Seid alle blind, nur meine Hühn¬ 
chen sollen sehen“. Dann bleiben die 
Küchlein vor Raubvögeln verschont 227 ). 
Sch.sborsten, in den Schuh der Braut 
(beim Kirchgang) gelegt, bewirken, daß 
der Viehstand des jungen Paares gedeiht 
(Schles.) 228 ). Auch schützen sie gegen 
Alpdruck. Wen die Nachtmahr be¬ 
sucht, ein großes Weib mit lang fliegen¬ 
dem Haar, der bohre ein Loch unten in die 
Tür und lege so viel Sch.eborsten hinein, 
bis es ausgefüllt wird. Dann schlafe er 
ruhig und verspreche der Nachtmahr, 
wenn sie kommt, ein Geschenk; sie wird 
ihn verlassen und das Gelobte den andern 
Tag in Menschengestalt abholen 229 ). Denn 
das Sch. bleibt vom Alp unversehrt 
(Bay.) 23 °), da er es nicht leiden kann. 
Dem Sch. kann auch die Schlange nicht 
an 231 ). 

f) Bosheitszauber: Wenn man am 
Karfreitag vor Tage ein Stück Schweine¬ 
fleisch an dem Grenzrain so eingräbt, 
daß die Speckseite nach dem eigenen 
Felde, die magere nach dem des Nachbars 
zu liegt, so zieht man allen Milchnutzen 
vom Nachbar auf das eigene Vieh (Bö.) 232 ). 
Mit Sch.efleisch kann man jemandem auch 
Läuse machen, in dem man ein Stück 
davon in einen Ameisenhaufen legt und 
den Namen des Menschen nennt; dieser 
bekommt soviel Läuse, als das Fleisch 
wiegt (Bö.) 233 ). — Steckt man die Haare 
von kranken Sch.en einem in das Wagen¬ 
rad, so kommen ihm keine Sch.e auf, 
sondern alle krepieren 234 ). Sch.sborsten 
bilden laut einem Prozesse aus dem Mur¬ 
tale von 1602 einen Bestandteil der 
Hexensalbe 235 ). 

m ) Vernaleken Alpensagen 343 Nr. 7; 
Reiser Allgäu 2, 33. 195 ) mündlich. 1M ) Sar- 
tori 3, ii2 96 f. (Literatur); s. u. 12. 197 )Hofier 
Organotherapie 290. 198 ) ZföVk. 4 (1898), 115. 

199 ) Ebd.; eingehender ZdVfVk. 5 (1895), 101 f. 
20 °) Mannhardt Forschungen 187. 201 ) Sartori 
2, 134 = ZdVfVk. 5 (1895), 101 ff. = Birlinger 
Volksth. i, 122. 360; vgl. auch Fogel Penn¬ 
sylvania 376 Nr. 2017. 202 ) Meyer Germ. 

Myth. 103; ebd. 291 = Mannhar dtForschungen 
187; ebd. 287 = Jahn Opfergebräuche 103 t. 
196 = Witzschel Thüringen 2, 189 Nr. 11; 
Witzschel a. a. O. 2, 218 Nr. 36; Mann¬ 
hardt a. a. O. 192; Wuttke 84 § 98 = 

Mühlhause m. 203 ) Meyer a. a. O. 103 
'= Mannhardt Forschungen 186. — Die 


1489 


Schwein 


1490 


Ägypter verbrannten die Sch.emilz mit dem 
Ende des Sch.e-Schwanzes und dem Bauchnetz 
beim Opfer an den Mond (Höfler Organo¬ 
therapie 100. 266). 204 ) Jahn Opfer gebrauche 

230. 205 ) Mannhardt Forschungen 186 f. — 

In Weißrußland werden die Knochen eines ge¬ 
rösteten Spanferkels hinterwärts auf die Felder 
geworfen, um sie vor Hagel zu bewahren; im 
Hause aufbewahrt, schützen sie dieses vor Blitz¬ 
schlag (Mannhardt a. a. O. 188). — Bei den 
Griechen wurde das Sch. als Symbol der Frucht¬ 
barkeit der Demeter geopfert und seine auf den 
Altar gelegten Reste wurden nach Hause ge¬ 
nommen und mit der Saat vermischt (ZdVfVk. 14, 
9 = A. Mommsen Feste 314; Rhein. Mus. 25, 
549). 206 ) Meyer Germ. Mythol. 103. 286 = 

Mannhardt a. a. O. 186 Anm. 1 = Bavaria 2 
(1863), 289. 207 ) Meyer a. a. O. = Mannhardt 
a. a. O. = Köhler Voigtland 237; Sartori 

1, 93 = Köhler a. a. O.; vgl. ZdVfVk. 10, 369 
(Heanzen). 20s ) John Westböhmen 218. 
208 ) Wuttke 394 § 605; Schmitt Hettingen 14. 
21 °) Wuttke a. a. O. 2n ) Wuttke 395 § 605; 
Meyer Baden 51. 212 ) Strackerjan Oldenburg 

2, 39 Nr. 295. 213 ) Mannhardt a. a. O. 186. 

214 ) Grimm Myth. 3,461 Nr. 762. 215 )ZdVfVk. 
1 (1891), 182. 210 ) Kühnau Sagen 3, 18. Aphro¬ 
disische Wirkungen hat auch die Eberraute, 
-reis (Artemisia Abrotanum L.). Will man ein 
Mädchen zu seinem Schatz haben, so muß man 
ihr heimlich unter das Schürzenband ein Büschel 
Eberraute stecken, worauf das Mädchen selbst 
zu ihm kommt. Die Liebe aber dauert nur einige 
Jahre, weil sie keine natürliche, sondern ange¬ 
zaubert ist. Dann wandelt sie sich in Haß 
(ZdVfVk. 24, 13). 217 ) Höhn Volksheilkunde 

1, 143. 218 ) ZrhwVk. 1914, 261; Höfler 

Organotherapie 100 = Globus 91 Nr. 21, 337. 
ai9 ) Höfler Fasten 8; ders. Organoth. 247 = 
Jübling 181. 22 °) Höfler Organoth. 99; J ahn 

3 .. a. O. 25 — Schmitz Eifel 99. 221 ) Jahn 

a. a. O. 222 ) Kuoni St. Galler Sagen 280 Nr. 743. 
— In Schottland wurde ein Ferkel lebendig ver¬ 
brannt als Schutz gegen den ,,bösen Blick" 
(Frazer 10, 302 t.). 223 ) Jahn a. a. O. 18 = 

Grimm Myth. 2, 956. 224 ) ZdVfVk. 8 (1898),390. 
225 ) Pollinger Landshut 156. — Die Schädel 
von Tieren, denen zum Wohle der ganzen Herde 
der Kopf abgeschnitten wurde, galten als heil¬ 
kräftige Talismane und sanken allmählich zum 
bloßen Zauber herab. Sie galten (meist am 
First des Hauses aufbewahrt) in erster Linie 
als Abwehrmittel gegen Viehseuchen, wurden 
aber dann zum Abwehrmittel gegen Pest, Ge¬ 
witter usw., zu einer Art Universalheilmittel, 
(vgl. Jahna, a. O. 14. 16. 20—23). — Denselben 
Zweck hatten jedenfalls die Sch.e-Köpfe am 
Rathause in Harmersbach (Schwaben): Bir¬ 
linger Aus Schwaben 1, 289. 220 ) Drechsler 

Schlesien 2, 95. 227 ) ZdVfVk. 4 (1894), 322. 

227 ) Drechsler Schlesien 1, 259. 229 ) Grimm 

Myth. 3, 466 Nr. 878. 23 °) Leoprechting 

Lechrain 11; Meyer Religionsgeschichte 113. Man 
beachte, daß man in Italien auch die Figur eines 
Sch.s oder wilden Ebers als Amulett gegen die 


Jettatura trägt (Seligmann Blick 2, 132). 
231 ) Meyer ebd. 23a ) Wuttke 267 § 391. 

233 ) Ebd. 267 f. § 393 = Grohmann 199. 

234 ) Urquell 3 (1892), 100. 235 ) ZdVfVk. 7, 251. 

9. In der Volksmedizin findet das 
Sch. in ausgedehntestem Maße Ver¬ 
wendung 236 ). 

a) Sch.sblase: Gegen „blauenHusten“ 
(Keuchhusten) bindet man drei große 
Stücke Kandiszucker in eine Sch.sblase, 
hängt sie 24 Stunden lang in fließendes 
Wasser, reicht den darin enthaltenen 
Zuckersaft dem kleinen Patienten und 
wirft dann die Blase unbeschrien wieder 
in den Fluß (Unterfrk.) 237 ); gegen Wasser¬ 
sucht füllt man sie mit dem Urin des 
Kranken und hängt sie in den Rauchfang. 
Ist der Urin verdunstet, so ist die Krank¬ 
heit weg, die Sch.sblase aber muß in den 
Düngerhaufen vergraben werden (West- 
bö.) 238 ). Ähnlich ist das Mittel gegen 
Reißen und Rheumatismus, wobei man 
die gefüllte Blase an drei im Rauchfang 
übereinander eingeschlagene Nägel bindet 
und drei Tage lang darunter ein ununter¬ 
brochenes Feuer unterhält 239 ); gegen Be¬ 
hexung der Kühe, wo mit dem Eintrocknen 
der Blase die Hexe verdorrt (Oberpf., 
Schwz.) 24 °). Endlich wird dieses probate 
Mittel angewendet, wenn einem „das 
Wasser oder Mannsrecht (Zeugungsfähig¬ 
keit) genommen ist“ 241 ). Gegen den 
„Grind“ („bösen Kopf“) schmiere man 
den Kopf mit frischem Sch.efett und 
streue darauf das Pulver einer Kröte, 
über das Ganze lege man eine ange¬ 
feuchtete Sch.sblase und lasse diese 24 
Stunden liegen (Westbö.) 242 ). 

b) Gegen Rotlauf oder Rose (Schön¬ 
röte, Schöne, Überröte, Scharröte, Erysi- 
pelas) dörrt man das dem entzwei ge¬ 
schnittenen Herzen eines frisch ge¬ 
schlachteten Schweines entnommene Blut, 
stößt es zu Pulver und trägt es in einem 
Bündelchen am Halse. Wenn man Rot¬ 
lauf hat, streue man von diesem Pulver 
darauf und halte die Stelle warm 243 ); oder 
man streiche auf blaues (Zuckerhut-) 
Papier eine Honigwabe, streut das ge¬ 
dörrte Blut darauf und erneuere diesen 
Umschlag alle 24 Stunden (1740). Auch 
das Blut eines im Zimmer abgestochenen 



1491 


Schwein 


1492 


Tut- (Span-) Ferkels wird auf die Erysi¬ 
pelasstelle gelegt (1740) 244 ). Auf gich¬ 
tische Stellen legt man auf ein Tuch ver¬ 
riebenes Blut eines. Wildsch.es auf, gegen 
Lahmheit salbt man die betr. Stelle mit 
Wildsch.blut und ganz klein gestoßenem 
Gartenheil, das man durch ein Tuch ge¬ 
drückt hat 245 ). Im Samland gibt man 
gegen Krämpfe den Kindern drei Bluts¬ 
tropfen von einer jungen Sau, die zum 
erstenmal geferkelt hat, im Namen Gottes 
des Vaters usw. ein 246 ). 

c) Der Darm eines frisch geschlachteten 
Sch.es, um den Leib des Patienten ge¬ 
wickelt, hilft gegen Kurzatmigkeit 247 ), 

mit dem Schleim desselben bestreicht 
man Fisteln 248 ). 

d) Warzen muß man mit den Zitzen 
(Euter) eines frisch geschlachteten Sch.es 
bestreichen und diese dann vergraben 249 ). 
Ferner wird besonders 

e) Schweinefleisch gebraucht zur 
Vertreibung von Warzen. Man bestreicht 
die Warzen bei zunehmendem Mond mit 
einem Stück gestohlenen oder erbettelten 
rohen Sch.efleisch unter den Worten: 
„Was ich sehe, nehme zu, Was ich streiche, 
nehme ab!“ und vergrabe dann das Fleisch 
unter dem Sautrog 249 ) oder unter der 
Dachrinne, überhaupt an einer schattigen 
Stelle, damit es rasch verwest (Würt.) 250 ); 
bei Kindern streicht man dreimal 
stillschweigend kreuzweise mit einem er¬ 
bettelten Stück Sch.efleisch und legt 
dieses einem Toten in den Sarg 251 ). 
Ferner vertreibt man Trunksucht, indem 
man ein Stück Sch.efleisch insgeheim in 
das Bett eines Juden legt, es nach 
9 Tagen nimmt und in pulverisierter 
Form dem Trinker eingibt. Er wird sich 
vom Saufen in gleicher Weise abwenden 
wie der Jude vom Sch.efleisch 252 ). Es 
wird auch als Arcanum gegen Krank¬ 
heiten aller Art verwendet: Man kocht 
nämlich ein Stück Sch.efleisch im Urin 
des Kranken, bis er eingekocht ist. Als¬ 
dann gießt man frischen Urin dazu, läßt 
ihn abermals (ein-)kochen und wiederholt 
dies ein drittes Mal. Das Fleisch gibt man 
dann einer hungrigen Sau zu fressen. Da¬ 
mit ist dem Kranken geholfen, denn die 
Krankheit ist auf das Sch. übertragen 253 ). 


f) Sch.sgalle verhindert das Wachsen 
der Haare und ist gedörrt ein gutes Mittel 

Stuhlverstopfung (1683) 254 ) wie 
gegen Fingergeschwüre („Wurm, das böse 
Ding“, Panaritium 255 ), Westbö.) 256 ), 
ebenso Ferkelgalle 257 ), die auch, auf die 
Augen gestrichen, gegen „Wolken in den 
Augen“ hilft 258 ). Man heilt mit ihr Epi¬ 
lepsie (St. Valentins-Krankheit) 259 ) und 
bringt Frostbeulen zum Schwinden, wenn 
man sie bei abnehmendem Mond damit 
einreibt 26 °) (Ostpreuß.) 261 ). Gegen er¬ 
frorene Hände und Füße verwendet man 
auch die Gallenblase eines frisch geschlach¬ 
teten Sch.es, die man zweimal gefrieren 
und wieder auftauen läßt, worauf man 
die erfrorenen Teile mit der Galle be¬ 
streicht 262 ) (s. homogenes, similia simili- 
bus). Getrocknet und einen Tag lang in 
Wasser erweicht ist sie gut gegen Ri߬ 
wunden 263 ). 

g) Wenn man den Harn und das Ge¬ 
hirn eines Wildschweines in einer Blase 
in den Rauchfang hängt, so wird ein „Lini¬ 
ment“ daraus, das gegen den Grind 
(Hautausschlag) gut ist 264 ). 

h) Der Genuß von Sch.sgenitalien 
ist gut gegen Bettnässen 265 ). Knaben 
gibt man, ohne daß sie davon wissen, die 
gebratenen Schamteile eines Mutter- 
sch.es zu essen (Unterfrk.) 266 ), bei Mäd¬ 
chen ist es umgekehrt. Ferkelhoden 
dienen auch als Mittel zur Erlangung der 
Zeugungsfähigkeit. Im 15. Jh. nahm man 
von einem kleinen Spanferkel, das eine 
Saumutter allein getragen, die Nieren 
(Hoden), welche wirkten, „so die Mutter 
rein ist, wenn sie Kinder macht“ 267 ). 
Ebenso verleiht Leber von einem kleinen 
Ferkel samt den Geilen (Hoden), ge¬ 
trocknet und zu Pulver gestoßen und 
Mann und Weib des Nachts zu trinken ge¬ 
geben, dem zum Kindererzeugen un¬ 
tüchtigen Mann die Fähigkeit zu zeugen, 
der der Empfängnis baren Frau die Fähig¬ 
keit zu empfangen 268 ). Ein Zeugnis aus 
dem Jahre 1685 nennt Leber und Testikel 
ein venerisches Geheimnis 269 ) (s. Ebers). 

i) Sch.shaar (Borsten) und Beifuß 
gestoßen und mit Öl gemengt legt man 
zum BlutstilJen auf 270 ). Sie werden noch 
jetzt hie und da als Arznei gegeben 271 ). 


1493 


Schwein 


1494 


k) Das Trinken von Harn (Urin) 
einer verschnittenen Sau hilft gegen 
Harnbeschwerden 272 ) (Old.) 273 ), ebenso 
das Einnehmen einer gekochten oder 
gebrannten Sch.sharnblase durch den 
Kranken, der das Wasser nicht halten 
kann 274 ); „wan ein Weib zerrissen wird 
und ihr Wasser nicht halten kann, trockne 
man die Blase von einem wilden Sch., 
das eine Woche Mutter ist, zerstoße sie 
zu Pulver und gebe sie mit dem gleichen 
Teil getrockneter zerstoßener Hühner¬ 
kämme der Kranken ein“ 275 ). Eine 
Salbe aus einer Harnblase, dem Urin und 
Fett ist gut zur Heilung des Kopfgrindes 276 ) 
und gegen „kurze Adern“ infolge Ader- 
zertrennung bei schlecht verheilten Wun¬ 
den 277 ). Zur Vertreibung von Geschwül¬ 
sten verwendet man in Schwaben die 
Harnblase in gleicher Weise wie die 
Sch.sblase 278 ) (s. oben 9a). 

l ) Sch.sherz dient zur Heilung von 
Rotlauf 279 ). Häufiger wird Sch.eblut, 
d. h. Blut aus dem Herzen, dafür ver¬ 
wendet (s. oben Blut 9b). 

m) Gegen Magenschmerzen röstete man 
Sch.ehufe, klopfte sie in einem Lappen 
möglichst klein und nahm sie morgens 
nüchtern, dann noch zweimal im Tage, in 
Schnaps oder doppelter Anisette 280 ). Zur 
Heilung des Bettnässens der Kinder hängte 
man die Klaue eines frisch geschlachteten 
Sch.es, nachdem man sie mit dem Urin des 
Kranken gefüllt, in den Rauchfang und 
ließ den Urin verdunsten 281 ). Kolik heilte 
man durch Einnehmen von drei Messer¬ 
spitzen zu Pulver gebrannter Schweins¬ 
pfoten (Meckl.) 282 ). 

n) S ch.sk nochen dienen vielfach als 
Heilmittel. In einigen Teilen Schwabens 
nehmen Arbeiter, die viel „lupfen“ (heben) 
müssen, ein Beinchen vom Rückgrat eines 
Sch.es, das einem Totenkopf ziemlich 
ähnlich sieht, in die Tasche. Müssen sie 
auch noch so schwer „lupfen“, so ist jeden¬ 
falls kein Leibschaden zu besorgen 283 ). 
Von dem aus dem „Kehr bein“ eines Sch.s 
gemahlenen Mehl wird Kindern gegen 
„Gichter“ jeweils eine Messerspitze voll 
in die Milch getan (Bad.) 284 ), s. o. 
Am häufigsten erscheint das „S au¬ 
gehör“ (pars petrosa, Felsenbein, „Sau- 


g’hör“, „Säuludi“ 285 )), Gehörbein, ge¬ 
hörntes Beinlein“; wegen seiner ent¬ 
fernten Ähnlichkeit mit einem Totenkopf 
auch „Totenköpflein“ genannt; auch als 
„Judenknöchlein“ bezeichnet, welcher 
Name wohl von jüdischen Ärzten her¬ 
rührt, die im Mittelalter im Verdacht der 
Zauberei standen; ein sogenannter „Aufer¬ 
stehungsknochen“, wegen seiner Härte 286 ), 
ein besonders wichtiger Sympathiegegen- 
stand und fast stets Teil der sogenannten 
Fraisenkette, für Knaben von einem Sau¬ 
bären, für Mädchen von einer noch nicht 
trächtigen Sau genommen 287 ). In erster 
Linie wird es gegen Pestanfall, Krämpfe 
aller Art und Fraisen („Vergicht, Gich¬ 
ter“) der Kinder verwendet 288 ), wie seine 
geläufigen Namen „Fraisbeindl, Frais¬ 
knochen, Frais-Peterl“ besagen, und gegen 
Epilepsie (Oberpf.) 289 ). Selten wird es 
dem Kinde pulverisiert eingegeben (West¬ 
bö., Bay., Steierm., Ob. öst., Tir.) 2d0 ), 
meist ihm nach vorausgegangener Weihe 
(Schwz.) 291 ), in einem Säcklein ein¬ 
genäht, um den Hals gehängt, gegen 
Krämpfe aller Art, Zahnweh 292 ) und 
Rotlauf. Im letzteren Falle nimmt man 
den Knochen eines im abnehmenden 
Monde geschlachteten Sch.es (Bay., 
Westbö.) 293 ). Gegen Zahnweh, ebenso 
gegen Ohrenschmerzen und Taubheit, 
trägt man drei (Bay.) 294 ) oder ein Stück 
(Bay., öst.) 295 ); umgehängt und ständig 
getragen schützt es auch gegen Rücken¬ 
weh (Würt.) 296 ). 

o) Sch.ekot ist ein Universalheil¬ 
mittel für Krankheiten aller Art. Er gilt 
als gutes Mittel gegen Schnapsrausch, 
damit der Säufer nicht verbrennt 
(Würt.) 297 ). Gegen Verstopfung 298 ) 
röstet man den Kot eines schwarzen Sch.s 
auf einer Herdschaufel, pulverisiert ihn 
dann und nimmt einen Löffel ein; das 
hilft auch, wenn nichts mehr helfen will 
(Graz) 2 "). Gegen die rote Ruhr (den 
roten Schaden, das rote Auslaufen, rote 
Wehe) 300 ), Kolik 301 ), Bauchgrimmen 
(Preuß.) 302 ) gibt man den Kot eines (un¬ 
geschnittenen) Sch.s in Rotwein, Bier 
oder Branntwein, gegen Brand (Feuer 
in den Gliedern) 303 ) ein Pflaster aus 
blauen Kornblumen mit Sch.ekot. Glied- 





1495 


Schwein 


1496 


schwamm (Gliedwasser) heilt man mit 
Kompressen aus dem Kote eines im 
abnehmenden Monde geschlachteten 
Sch.es 304 ), mit Weizenmehl legt man ihn 
auf gegen Überbein 305 ), warm (frisch) 
bildet er einen guten Umschlag gegen 
(Drüsen-) Geschwülste 306 ), Wunden 307 ), 
den sog. Erdtritt 308 ) (wenn die Fußsohle 
rot und geschwollen erscheint und ohne 
ein Geschwür zu bilden in der Mitte der 
Sohle einen schwarzen Fleck zeigt), mit 
Essig gekocht oder in Wasser zerrieben, 
gegen Bienen- und Spinnenstich 309 ) oder 
den Biß und Stich giftiger Tiere (West- 
bö.) 310 ) wie gegen geschwollene Brüste 307 ) 
der Frauen nach der Geburt. Mit Honig 
vermengt und dem Kranken ohne sein 
Wissen eingegeben, heilt er Flüsse 311 ). 
Vor allem gilt er als vorzügliches Mittel 
gegen Nasenbluten 312 ), zu dessen Stillung 
er in den verschiedensten Formen, frisch, 
gedörrt und zu Pulver zerrieben, als Saft 
usw. verwendet wird, überhaupt zum 
Blutstillen 303 ), gegen Blutspeien 313 ); 
warm in ein Tüchlein gebunden und vor 
die vagina gelegt, hilft er gegen zu starke 
Menstruation 314 ). Endlich verwendet 
man den zu Asche gebrannten und pul¬ 
verisierten Kot gegen Syphilis und 
Schmerzen am Penis 315 ). 

p) Sch.eleber wird Ende des 16. und 
Anfang des 17. Jh.s gut gebraten ohne 
Brot als Mittel gegen die rote Ruhr 316 ) 
verwendet (Würt.), ebenso ist die Leber 
eines schwarzen Sch.s ein wirksames 
Mittel gegen Nachtnebel (Westbö.) 317 ). 

q) Sch.slunge findet sich einmal, ganz 
klein gehackt, in einem neuen Topf mit 
Bier gegeben als Heilmittel gegen die 
Emopticam (?) genannte Seuche 318 ). 

r) Sch.emagen findet Verwendung 
gegen Würmer in den Zähnen, überhaupt 
Zahnschmerzen 319 ). Man legt ein Stück 
vom Magen eines frisch geschlachteten 
Sch.es, das man in einem Tüchlein am 
Feuer heiß werden läßt, auf die Zähne. 

s) Sch.emark, morgens nüchtern ge¬ 
gessen, vertreibt Kopfweh (Westbö.) 320 ), 
eine Salbe aus Schinken- und Schulter¬ 
knochenmark mit Butter, Eidottern und 
Weihrauch ist gut gegen ,,zerbrochene“ 
Beine 321 ), mit anderen Zutaten gegen die 1 


,,böhse“ (Läuse) 322 ) (Mark aus Sch.e- 
zähnen s. unter 9 x.) 

t) Die Milch eines Sch.es (das zum 
ersten Male Junge geworfen hat) ist ein 
wirksames Mittel gegen die Fallsucht 
(die ,,böse fallende Krankheit“, ,,schwere 
Not“, ,,s’Werfende“, das ,,schwere Ge¬ 
brechen“) (Oberfrk. 323 ), Westbö. 324 )). 
Sie ist ferner gut gegen Trunksucht 
(Württ.) 297 ), Verstopfung, Schwindsucht, 
sehr dienlich bei Gemütskrankheit und 
Raserei, und selbst gegen den Tod 325 ). 
Endlich gilt sie als gutes Schlafmittel 326 ), 
das auch, einem Schlafenden auf die 
Stirne gestrichen, bewirkt, daß er drei 
Tage schläft 305 ). 

u) Der Nabel hilft, gebraten oder 
zerhackt und zu einer Wurst verarbeitet, 
dem Leidenden zu essen ^e^eben. 


dem Leidenden zu essen gegeben, 
gegen Bettnässen (Württ.) 327 ) und 
wird, je älter desto besser, als Hauptmittel 
gegen gerissene und gestochene Wunden 
verwendet (Bay. 328 ), Schw. 329 )). 

v) Sch.snieren oder die Köpflein 
vom Tragsack des Sch.s helfen, wenn 
man sie einer Kranken ohne ihr Wissen 
als Bratwurst zum essen gibt, gegen 
Blasenleiden (Württ.) 327 ). 

w) Sch.efett (-feist, -schmer, 
-schmalz) und -Speck wird verwendet 
gegen frische und alte Schäden und 
Wunden aller Art, gerissenen und ge¬ 
stochenen (Bay. 328 ), Schw. 329 )), Wund¬ 
sein bei gerissenem Nabel 325 ), gegen Ge¬ 
schwulst und Hitze 330 ) (mit Knoblauch 
gemischt), schwere Brandwunden 331 ) (mit 
Wasser verrührt). Es spielt eine große 
Rolle bei allen offenen Eiterungen 332 ) und 
blutigen Geschwüren 311 ), Rheuma 298 ), 
Grind 333 ) heilt man mit einer Abkochung 
aus Sch.efett mit Meisterwurz und Ei¬ 
dotter, wofür auch das aus den Schwarten 
der Sch.ebacken gebrannte Schmalz gut 
ist, nachdem man den Kopf mit Lorbeer¬ 
lauge gewaschen hat. Gichtische Augen¬ 
entzündungen vertreibt man, wenn man 
das leidende Auge so lange mit Sch.especk 
einreibt, bis dasselbe erwärmt wird 334 ). Mit 
Kalk gemischt vertreibt es die Härte der 
Brüste 321 ), mit Nußblättern zerlassen und 
kalt auf das Ohr gelegt, tötet es die 
Würmer im Gehirn 319 ); mit Schwefel 


1497 


Schwein 


1498 


hilft es gegen den Haarwurm (,,hoore 
wurm“) 326 ). Gegen ,,Kälte in den 

Füßen“ galten als besonders gut die Haut 
von Sch.eflommen 335 ) (Bauch- und Nie¬ 
renfett), auf Frostbeulen 336 ) legt man 
das Fell von Sch.eblume. Den Hühnern 
fettet man zur Heilung des Pips (auch 
der Influenza) Kamm, Hals und Wangen 
mit Sch.eschmalz ein (Bayr. Schw.) 337 ). 
Meist wird das Fett rein und unvermischt 
verwendet, oft aber auch gemischt mit 
Ingredienzien wie Storax, roten Myrrhen, 
Weihrauch, Safran und dem Fett aller 
möglichen Vierfüßler und Vögel zu¬ 
sammengeschmolzen 338 ). Z. B. besteht 
eine wirksame Salbe gegen Atrophie 
(Schwinden der Glieder) aus reinem 
Sch.eschmalz, Hahnen- und Enten¬ 
schmalz, Wachs, Terpentin, altem Baum¬ 
öl, Foenum Graecum, Leinsamen, Bdely (?), 
Oppoponacis, gestoßenem Mastix und 
Weihrauch 339 ). Zum Teil haben einzelne 
Verwendungsarten ihre Berechtigung, in 
einer großen Anzahl von Fällen aber bildet 
alter Opfer- bzw. Zauberbrauch die Grund¬ 
lage 340 ). Speck dient zum Übertragen und 
Vertreiben von Krankheiten, bes. wenn er 
gestohlen ist 341 ). Warzen bestreicht man 
mit Speck (der abends zuvor gestohlen ist) 
und vergräbt ihn dann unweit des Sch.e- 
blockes in die Erde 342 ) (Old. 343 )); oder 
hängt ihn an einen Baum; sobald der 
Speck vertrocknet ist, verschwinden auch 
die Warzen (Lauenb.) 344 ). Oder man be¬ 
streicht sie während des Begräbnisläutens 
mit einer Sch.sschwarte und vergräbt 
diese dann in der Dämmerung oder bei 
Mondschein (Schl.) schweigend unter der 
Dachtraufe, auf einen Kreuzweg, unter 
die Hausschwelle oder in eine Rinne 345 ) 
(fast allg.). In ähnlicher Weise bringt 
man Hühneraugen zum Schwinden, in¬ 
dem man nach dem Bestreichen die 
Speckschwarte bei einem Begräbnis nach 
einem Vaterunser ins Grab wirft oder 
sie in den Sarg legt (S.-Dtl., Vgtl.) 346 ). 
Er hilft, mit Seife einem futterehne Pferd 
in den After eingeschoben, diesem und 
ist gut gegen den Wurm im Ohr bei 
Pferden, wenn man ihn in Essig und 
Wein siedet und den Pferden lau oder 
kalt ins Ohr gießt 347 ). 


x) Sch.szähne wurden in Silber hülsen 
gefaßt und den Kindern um den Hals 
gehängt, um ihnen das Zahnen zu er¬ 
leichtern; auch wurden sie zerstoßen und 
ihnen gegen Krämpfe (Zahnfraisen) ein¬ 
gegeben 348 ). Das Tragen von Sch.ezähnen 
soll auch bei Erwachsenen Zahnweh an 
sich ziehen (Schwz. 349 ), Pennsylva- 
nien 350 )); bes. Heilwirkung wurde den 
Augenzähnen zugeschrieben bei Rheuma 
(Pennsylvanien) 351 ) und Epilepsie 352 ) 
(Regbez. Trier) 353 ), wo man sie als Pulver 
in etwas Wasser einnahm, bevor der An¬ 
fall eintrat, und Gichter (Pennsylva¬ 
nien) 364 ). Das Mark aus großen Sch.e¬ 
zähnen zieht, auf eine schmerzende Stelle, 
in die man sich einen Dorn oder Schiefer 
eingezogen hat, gebunden, den Fremd¬ 
körper binnen kurzem aus 355 ) (s. 

Eber 5). 

236 ) Wuttke 127 § 171 = ZdVfVk. 8, 47. 
237 ) Lammert 140. 238 ) Urban Heilkunde West¬ 
böhmens 49. 238 ) Jühling Tiere 183. 

240) Wuttke 445 § 701. 241 ) Höhn Volksheil¬ 

kunde 1, 119t. 242 ) Urban a. a. O. 83. 243 ) SA- 
fVk. 1906, 271; Höfler Organotherapie 247. 

244 ) Christi Granatapfel 2, 310 f.; Höfler a. a. O. 

245 ) Jühling a. a. O. 174 f. 246 ) Hovorka u. 

Kronfeld 1, 80 f.; 2, 206; über Sch.e-Blut im 
Heil- und Reinigungsopfer bei den Griechen s. 
Höfler Organoth. 98. 247 ) Jühling Tiere 181. 
248 ) Ebd. 182. 248 ) Ebd. 183. 25 °) Bohnen¬ 
berger Nr. 1, S. 14. 251 ) Jühling a. a. O. 

343. 262 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 352. 

253 ) Jühling Tiere 180. 184; ZdVfVk. 8 (1898), 
47. 254 ) Höfler Organoth. 212. 255 ) Ebd.; Jüh¬ 
ling a. a. O. 181. 183. 266 ) Urban a. a. O. 63. — 
Das Mittel geht auf Plinius zurück, der die 
Sch.e-Galle mit Bleiessig als Ätzmittel gegen 
die verschiedenen Geschwürformen benutzt. 
Aus der antiken Medizin, wo man sie bes. gegen 
eitrige Ohrenentzündungen anwendete, über¬ 
nahm es das Mittelalter (Höfler Organotherapie 
211 f.; Neue Jahrbücher f. Philol. 149» 139 )- 
Hippokrates gebraucht sie gegen Genitalleiden, 
Plinius zur Heilung von Milzkrankheiten. In 
altnorwegischen Hexenformularen und in einem 
isländischen Heilbuche des 13. Jh.s verwendet 
man sie an Stelle von Bärengalle (als Wund- 
mittel) gegen Wurm- und Schlangenbiß, was 
vermutlich aus der antiken durch Mönche 
überlieferten Medizin stammt (ebd. 212). 
257 ) Jühling a. a. O. 178. 258 ) Ebd. 180; 

ZdVfVk. 8 (1898), 47. 258 ) Jühling Tiere 183; 
Höfler Organotherapie 212. 26 °) Jühling 181. 

261 ) Urquell 1 (1890), 137. 262 ) Stoll Zauber¬ 

glauben 91 f. 263 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 
374. 264 ) Höfler Organoth. 101 f. — Die antike 
Medizin verwendet es als Mittel gegen Schlan¬ 
genbisse und Karbunkel, später gegen alle 




1499 


Schwein 


Schwein 


1502 


1500 


Schmerzen und Genitalleiden (ebd.). 265 ) Sta- 
ricius Heldenschatz (1679), 411 f.; Fogel 

Pennsylvania 282 Nr. 1482. 286 ) Lammert 

136. 267 ) Jühling Tiere 173; Höfler a. a. O. 

175. 268 ) Jühling a. a. O. 184; Höfler a. a. O. 
269 ) Höfler a. a. O. — Als ehemaliger Anteil 
der Götter am Opfer wohnt den Genitalien hei¬ 
lende Zauberkraft inne { Opfergebräuche 103. 226). 
In Griechenland erhielt der Oberzauberer beim 
Kulte der Demeter Chloe als Gottheitsanteil die 
Fut eines nichtträchtigen Schweines (Höfler 
a. a. O. 99 = Nilsson Griech. Feste 328). 
Über Sch.e-Hoden beim Reinigungs- (= Heil-) 
Opfer s. Höfler 98 t. 175. 27 °) Jühling Tiere 
174. 27 n ZdVfVk. 7 (1897), 251. 272) jühling 
a. a. O. 183. 273 ) Wuttke 322 § 477 = 

Strackerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 371. 

274 ) Jühling a. a. O. 171. 275 ) Ebd. 176. 

278 ) Ebd. 179. 277 ) Ebd. 178. 278 ) Hovorka- 
Kronfeld 2, 394. 279 ) Höfler Organotherapie 

247. — Bei den Christen des sloven. Balkans 

und in Bosnien wird das Herz eines wilden 
Sch.es gegen den Biß toller Hunde genossen 
(Ebd. 247; Urquell 2 [1891], 129). Möglicher¬ 
weise sind antike Einflüsse vorhanden. 
280 ) ZrhwVk. 1904, 95. 281 ) Jühling Tiere 

180. 282 ) Ebd. 184. —- Sch.e-Kopf und 

-Füße gab schon Hippokrates als Krankenkost 
ein, gekochte Sch.e-Füße empfahl Pseudo- 
Dioskurides (4. Jh. n. Chr.) als Mittel gegen 
Schleimauswurf. Diese Mittel stammen eben¬ 
falls aus dem Opferkult (Höfler a. a. O. 99). 
283 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 445L 284 ) Meyer 
Baden 41. 285 ) Erklärung des Namens bei Lü- 
tolf Sagen in. 286 ) ZföVk. 4 (1898), ii4f. 
287 ) Ebd. 13 (1907), 100. 116. 118; Höfler 
Organotherapie 99. 288 ) ZföVk. 13,100.114.116; 
Jühling Tiere 180; Lammert 125. 289 ) Schön¬ 
werth Oberpfalz 3, 262. 29 °) Jühling a. a. O. 
184; Schmidt Kräuterbuch 62Nr. 95; ZföVk. 4, 
ui = Lammert 125; Fossel Volksmedizin 72; 
Baumgarten Aus der Heimat 84; Heyl Tirol 
788. — Beim Anfall wird dort, wohin der Kopf 
des Kranken fällt, eine kleine Grube gegraben 
und an dieser Stelle ein Kohlenstückchen ge¬ 
funden; man gibt dies ebenfalls dem Kranken 
ein, und er ist geheilt (Hovorka-Kronfeld 
2, 226). 291 ) Manz Sargans 55. 292 ) Ebd.; 

Lammert 236; ZföVk. 4, 114. 293 ) Jühling 

Tiere 182 — Schönwerth Oberpfalz 3, 256; 
Urban Heilkunde Westböhmens 56. 294 ) ZföVk. 

4, 114. 295 )Ebd. 13 (1907), 100. 116; Pollinger 

Landshut 279. 296 ) Bohnenberger Nr. 1, 

5. 21; Höhn Volksheilkunde 1, 137. 297 ) Höhn 

■a. a. O. 1, 158. 298 ) J ühling Tiere 181. 2 ") Ho¬ 
vorka u. Kronfeld 2, 133. 30 °) Jühling 

Tiere 175. 30i ) Ebd. 176. 302 ) Hovorka u. 

Kronfeld 2, 125; Frisch bi er Hexenprozesse 35. 
303 ) Jühling a. a. O. 176. 304 ) Ebd. 181. 182; 
SAfVk. 15 (1911), 180. 305 ) ZdVfVk. 8, 48. 

306 ) Urban a. a. O. 93. 307 ) J ühling Tiere 171. 
508 ) StoW Zauber glauben 89. 309 ) Urban a. a. O. 
67. 31 °) Schmidt Kräuterbuch 49 Nr. 51. 

311 ) Jühling Tiere 175. 312 ) Ebd. 174. 176 f. 
178. i8i;Höhn Volksheilkunde 1,84. 313 ) Urban 


a. a. O. 20; Schmidt a. a. O. 59 Nr. 86. 
314 ) Jühling a. a. O. 173. 315 ) Ebd. 171. 180; 
ZdVfVk. 8, 48. 316 ) Höhn a. a. O. 1, 149. — Das 
Mittel scheint aus der antiken Medizin zu 
stammen. Näheres s. Höfler Organotherapie 
174t. Die zauberhafte Kraft der Leber (des 
ehern, heilsamen Opfertieres) erhellt aus der 
altgriechischen Sage, nach welcher sich Achilles, 
als er bei dem Zauberarzte Cheiron weilte, durch 
den Genuß von Sch.e-Leber seine übernatürliche 
Kraft erwarb (Höfler a. a. O. 174 = Mann¬ 
hardt 2, 52). In der Edda (2. Gudrunlied 
Str. 22,Edda von Jordan 414 ff.) bildet Sch.e- 
leber einen Bestandteil eines Vergessenheits¬ 
trankes (Höfler a. a. O. 175 f.). 317 ) Urban 

a. a. O. 25. 318 ) Jühling Tiere 175. — Auch 

hier scheint die deutsche Volksmedizin eine 
Anleihe bei der Antike gemacht zu haben. Vgl. 
Höfler a. a. O. 275. 319 ) Jühling a. a. O. 

174t. 32 °) Urban Heilkunde Westböhmens 17. 

321 ) Jühling a. a. O. 171. 322 ) ZrhwVk. 1912, 
226. 323 ) Wuttke 355 § 352 = Lammert 

272; Jühling Tiere 182t.; Hovorka-Kron¬ 
feld 2, 214. 324 ) Urban a. a. O. 61. 325 ) Jüh¬ 
ling a. a. O. 182. 326 ) Ebd. 179. 327 ) Höhn 

a. a. O. 1, 116. 328 ) Hovorka u. Kronfeld 

2,371. 329 ) Lammert 207. 33 °) Jühling 177. 
S31 ) Ebd. 174. 332 ) SAfVk. 8, 150. 333 ) ZdVfVk. 
8 (1898), 47; Jühling a. a. O. 180. 334 ) Lam¬ 
mert 229. 335 ) ZrhwVk. 1918, 10. 33a ) Ebd. 

1904, 103. 337 ) Eberhardt Landwirtschaft Nr. 3, 
S. 21. 338 ) Vgl. J ühling Tiere 171. 177. 339 ) J üh¬ 
ling Tiere 178. — In der nordischen Medizin ver¬ 
wendete man Schmalz von einem roten Sch. 
gegen Würmer, die dämonisch im Menschen 
hausen (Höfler Organotherapie 100). — In der 
Ukraine schmieren sich die Kranken die Brust 
mit etwas angebranntem Fett eines frisch ge¬ 
schlachteten Wild- oder Hausschweines ein; an 
der Stelle, wo sie das Fett aus dem Tiere zu dem 
Zwecke herausschneiden, schneiden sie mit dem 
Messer ein Kreuz ein (Hovorka u. Kronfeld 
2, 61). 34 °) Vgl. das Bestreichen der Türpfosten 
mit Sch.e-Fett bei der römischen Hochzeitsfeier 
wie bei den Griechen (Mannhardt Forschungen 
178; Seligmann Blick 2, 132). 341 ) Wuttke 

12 7 § 17 1 - 342 ) J ühling Tiere 183. 343 ) Wuttke 
344 § 5 i 3 - 344 ) Ebd. 338 f. § 504. 345 ) Ebd. 331 
§ 492. 346 ) Ebd. 334 § 496. 347 ) ZdVfVk. 8, 48. - 
Die Huzulen binden sich gegen Halsschmerzen 
Speck in dünnen Scheiben um den Hals und 
gurgeln dazu mit Alaun (Hovorka u. Kron¬ 
feld 2, 13). — Dem Speck schrieb man solche 
Heilkraft zu, daß man ungeborene, d. h. aus 
dem Mutterleib geschnittene Kinder in dem 
Speck (Bauche) frisch geschlachteter Schweine 
zur Reife brachte (Meyer German. Mythol. 103 
= Grimm Myth. 1, 322 — Zfhess. Gesch. 1, 97). 

348 ) ZföVk. 13 (1907), 105 f.; Jühling Tiere 183. 

349 ) Manz Sargans 56 = SAfVk. 15, 241 Nr. 24. 

35 °) Fogel Pennsylvania 314 Nr. 1668. 351 ) Ebd. 
327 Nr. 1739. 352 ) Hovorka u. Kronfeld 

2, 212. 353 ) ZdVfVk. 7 (1897), 290. 354 ) Fogel 
a. a. O. 333 Nr. 1769. 355 ) ZdVfVk. 8, 47. — 

Bei den Ägyptern wurden Sch.e-Zähne zer¬ 


1501 


rieben und in das Innere von 4 Zuckerkuchen 
gegeben als gutes Magenmittel (Höfler Organo¬ 
therapie 98). Der Glaube an ihre heilsame, 
unheilabwehrende Wirkung veranlaßte auch bei 
anderen Völkern ihre Verwendung als Amulett. 
In Italien und in der Türkei hängt man die Zähne 
des Sch.es den Kindern, in Jerusalem den 
Pferden um den Hals. In Persien, wo man ein 
wildes Sch. in den Pferdeställen hält, um die 
Pferde gegen den bösen Blick zu schützen, 
hängt man jedem Tier ein Amulett um den Hals, 
an dem ein Eberzahn befestigt ist (Seligmann 
Blick 2, 132) (s. Eber 4 37 ). 

10. Heilende Kraft hat auch alles, 
was mit den Sch.en zusammenhängt. 

a) Ein Bad oder Waschen der Hände 
und Füße in warmem Sch.ebrühwasser 
hilft gegen Frostbeulen an Händen und 
Füßen (Braunschw., Schles., Wetterau) 356 ) 
und Warzen (Württ.) 357 ). 

b) Wenn man sich am Sch.estall 
scheuert, wo sich die Sch.e gescheuert 
haben, so vergehen die Warzen (Mecklen¬ 
burg) 358 ) und Croup (Pennsyl.) 359 ). 
Hat man das Sch.sfieber (das dreitägige), 
so soll man mit den Sch.en fressen und 
sich in die Stalltür legen, daß die Sch.e 
über eins laufen 36 °) (Siebenb. 361 )), ebenso 
läßt man die Sch.e über sich hinweg¬ 
laufen, nachdem man sich in eine Ver¬ 
tiefung des Sch.estall gelegt hat, um 
lästige Geschwüre loszuwerden 362 ). Gegen 
Bettnässen läßt man das Kind auf das 
Stroh im Sch.estall pissen und auf dem¬ 
selben kurze Zeit schlafen 363 ). Kann 
ein Kind (infolge Behexung) nicht schla¬ 
fen, ist ,,ihm die Ruhe genommen“, so 
legt man ihm den Sch.estallriegel 
unter (Bay.) 364 ). 

c) Eine große Rolle im Heilzauber 
spielt der Sch.e trog, an dem man sich 
reibt gegen Krankheit (Pennsylv.) 365 ). 
Um das Kind vom Keuchhusten zu 
befreien, führt man es vor Sonnenaufgang 
in den Sch.estall und läßt es in den Sch.e- 
trog beißen (Posen) 366 ). Warzen ver¬ 
treibt man auf folgende Weise: Man 
bindet um sie einen roten Zwirnsfaden 
oder einen roten Seidenfaden dreimal 
kreuzweise in Knoten und versteckt ihn 
dann unter einen Sch.etrog, wohin weder 
Sonne noch Mond scheint (Meckl., Schl., 
Brand., Thür., Frk., Bö., Hess., Bad.) 367 ); 
oder man schneidet, in der Tilsiter und 


Goldaper Gegend, in ein Leinwand¬ 
läppchen so viele Löcher, als man Warzen 
hat, und legt den Lappen dann unter den 
Sch.etrog 368 ); oder man nimmt eine 
Haberstange, schneidet davon das unterste 
oder zweite Knie ab, reibt die Warze 
damit, daß sie schäbig und rauh wird, 
dann legt man das Ende, womit man 
die Warze gerieben hat, unter einen 
Sch.etrog (Meckl.) 369 ). Gegen Augen- 
wären (hordeola, Gerstenkorn) schneidet 
man einen Span aus der Stelle aus dem 
Sautrog, wo das Sch. seinen Hals zu 
fegen pflegt und überstreicht mit diesem 
Splitter das Gerstenkorn 370 ). Auch der 
Riegel am Sch.etrogtürchen ist heil¬ 
kräftig (Frk.) 371 ). 


356 ) Wuttke 346 § 517; Jühling Tiere 182; 
Andree Braunschweig 422. 357 ) Schmitt Het - 
tingen 16. 358 ) Bartsch Mecklenburg 2, 120. 

359 ) Fogel Pennsylvania 267 Nr. 1383. 36 °) Jüh¬ 
ling a. a. O. 179. 361 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 
272 Nr. 8. 362 ) ZrhwVk. 1908. 96. 3Ö3 ) Jüh¬ 
ling a. a. O. 180. M4 ) Ebd. 181; Wuttke 

386 § 587. 36s ) Fogel a. a. O. 299 Nr. 1579. 

368 ) Wuttke 361 § 587. 387 ) Ebd. 331 § 492. 
368 ) Frischbier Hexenprozesse 93. 389 ) Bartsch 


a. a. O. 2, 119. 


370 


) Jühling a. a. O. 182. 


371 ) Wuttke 132 § 181. 


11. Von sonstigem Aberglauben 
wäre zu nennen, daß eine schwangere Frau 
ein Sch. nicht mit dem Fuße fortstoßen 
darf, weil sie sonst eine schwere Geburt 
hat 372 ); daß eine Magd, die von einer 
Sch.eschnauze ißt, viel Geschirr zer¬ 
bricht (Bay., Old.) 373 ), daß Kinder, 
die vom Hirn des Sch.es essen, dumm 
werden (Meiningen) 374 ). Letzterer Glaube 
geht vielleicht auf folgendes zurück: 
Wenn der Mond bis zum letzten Punkt 
abgenommen hat, nimmt auch das Ge¬ 
hirn der Sau mehr ab wie bei irgend 
einem anderen Tier und ist schließlich 
äußerst klein im Verhältnis zur Größe 
des Tieres 375 ). Zu erwähnen ist schlie߬ 
lich noch, daß man auf die Zeit wähl 
beim Schlachten großes Gewicht legt. 
In Mecklenburg soll man am Gallustage 
(16. Okt.) kein Sch. schlachten 376 ). Viel¬ 
fach richtet man sich nach dem Mond. In 
Norddeutschland (Old., Pom.) 377 ) schlach¬ 
tet man nur bei abnehmenden Mond, 
damit das Fleisch sich besser erhält und 
nicht leicht Maden bekommt, in Bayern 


Schwein 


Schwein 


1506 


1503 


1504 


und Baden 378 ) geschieht es bei zunehmen¬ 
dem Mond, damit das Fleisch beim Sieden 
recht aufläuft und Fleisch und Speck 
beim Kochen quellen und ergiebiger sind, 
bezw. damit der Speck nicht auslaufe. 

372 ) Urquell NF. 1 (1897), 48. 373 ) Wuttke 
404 § 623 = Panzer Beitr . 1, 260; Stracker- 
jan Oldenburg 1, 50. 374 ) Urquell 1 (1890), 111. 
375 ) Megenberg Buch der Natur 100. 376 ) Sar- 
tori 3, 259 1 = Bartsch Mecklenburg 2, 220. 
377 ) Knoop Hinterpommern 172; Strackerjan 
a. a. O. 2, 142 Nr. 371. 378 ) Wuttke 450 § 710 
= Pollinger Landshut 157; Wuttke 58 § 65. 

12. Als Festspeise ist das Sch. als 
eines der ältesten und verbreitetsten, 
feierlich gezüchteten Opfertiere 379 ) an 
vielen Tagen des Jahres im ganzen 
deutschen Sprachgebiet Hauptgericht des 
Festmahles, was in den meisten Fällen 
auf alten Opferbrauch und Kulthand¬ 
lungen zurückzuführen ist, aber nicht 
in allen; man muß sich stets vor Augen 
halten, daß in manchen Gegenden aus 
einem Uberschuß an Schlachttieren ge¬ 
schlachtet werden mußte, daß aus prak¬ 
tischen Gründen das Sch. während des 
Winters fast die einzige Fleischspeise 
ist 380 ). Vor allem zur Erntezeit und 
im (Mitt-)Winter 381 ), aber auch zu 
weniger festlichen Zeiten fielen Sch.e 
als Opfer, wurden Opfermahle mit Sch.e¬ 
fleisch als Kultessen abgehalten, da 
wie dort zu Ehren der mütterlichen Erd¬ 
gottheit und der Wachstums- und Frucht¬ 
barkeitsdämonen 382 ), denen das Sch., 
wegen seiner Fruchtbarkeit und seiner 
erdaufwühlenden Natur 383 ) (s. Eber 7) 
ein wohlgefälliges Opfer sein mußte. 
Das Tier, das besonders in der früh¬ 
germanischen Zeit eine wichtige Rolle 
spielt 384 ), ist bei uns überall mit dem 
Ackerbau und unserer Pflugkultur ver¬ 
einigt 385 ). Sch.efleisch in irgend einer 
Form ist Festgericht überall zu Weih¬ 
nachten und Neujahr 386 ): Sch.s- 
kopf 387 ) (Bay., Old., Pom., Salzb., Sater¬ 
land, Schlesw.-Holst., Schles., Tir., Ucker¬ 
mark), Schinken 388 ) (am Rhein), 
Ferkel 389 )(Thür.),(Metten-)Würste 390 ) 
(Bay.) bilden den Mittelpunkt des Essens. 
Am fetten Donnerstag 391 ) und anderen 
Tagen der Fastnachtszeit 392 ) (Nord- 
u. M.Dtl., Hess., Meckl., Oberpf., Schw., 


Siebenb., Schwz.), zu Ostern 393 ), wo 
man kirchlich geweihtes Sch.efleisch aß^ 
vor allem wieder bei den Festmahlen der 
Erntezeit 394 ) (Süddtl.) ist es ebenso* 
notwendig wie zur Kirchweih 395 ) (Dbö. r 
Schles.) und am Martinstage 396 )(Braun- 
schw., Vogtl., Westf.), an dem man hie 
und da Sch.e (Eber) vor dem Mahle in 
einem Ring mit einander kämpfen und 
sich zerreißen ließ, um dann ihr Fleisch 
zu verzehren 397 ). Auch bei Familien¬ 
festen wie Hochzeit (Sch.ekopf in 
Hessen 398 ), Sch.sohren in Tirol 399 )) und 
Taufschmaus spielt es eine wichtige 
Rolle (s. o. 8: Sch. im Zauberglauben).— 
Daneben werden überall Sch.chen aus 
Semmel- und Kuchenteig (Gebildbrote) 
zur Erntezeit 400 ) (Löskuchlein in Bay.„ 
N.-Öst., Schw., Saufud in Mittelfr.) und 
zu Weihnachten 401 ) (Bay., Bö., Jever¬ 
land, Lüneb., Meckl., Old., Ostfriesl.,. 
Sachs., Schles., Schlesw., Schw., Thür.„ 
Westf., Niederl.) gegessen, in Anklam 
hängt man nach schwed. Sitte ein 
Zuckersch. an den Christbaum. Sie 
betonen den Opfercharakter nicht minder 
als die eisernen (Mutter-)Sch.e (mit Fer¬ 
keln), die als Votivgaben in den Leon- 
hardikirchen Oberbayerns geopfert wer¬ 
den 402 ). — Ein goldenes Sch.chen er¬ 
scheint zu Weihnachten oder Neu¬ 
jahr im Traum 403 ), und wer am hl. Abend 
bis zum Abendessen fastet, sieht das 
„goldene Schweindl, goldene junge 
Ferkel“ 404 ), das sich nur unschuldigen 
Kindern zeigt und immer glückbrin¬ 
gend 405 ) ist (Bad., Dbö., Thür.) 406 } 
(s. Eber 6). 

379 ) Vgl. die Ferkelabgabe an Gotteshäuser 
in Bayern (Meyer Germ. MythoL 102 = 
Schmeller BayWb. 1, 619). 38 °) ZdVfVk. 3 

(1893), 270 1 = Jahn Opfer gebrauche 265; Zd¬ 
VfVk. 12 (1902), 82; ZföVk. 4 (1898), 15; Fried¬ 
berg Bußbücher 18. — Darauf scheinen die 
„Dickbauchs-" und „Vollbauchsabende'* 
im Gebiet nördlich der Elbe, im Saterland, zu 
deuten (ZdVfVk. 3, 270). Immer wird man nicht 
an Opfer denken dürfen. Denn Sch.e-Fleisch 
mit Sauerkraut, noch heute ein Lieblings- und 
Nationalgericht, wird schon im 13. Jh. gepriesen 
(Lammert 41; John Westböhmen 217). Es 
bildete eben vielfach die Hauptnahrung, wie 
die Ausgrabungen in den sog. Zwergküchen be¬ 
weisen (Sepp Religion 286). Die Sch.e gelten 
als Haustiere der Zwerge, welche ihr Fleisch mit 



1505 


Vorliebe essen. Auch reiten Zwerge in Sagen 
häufig auf Sch.en (Rochholz Naturmythen 
121 Nr. 15; ders. Sagen 2, 227; Lütolf Sagen 
478; Wolf Beitr. 2, 331 = Schambach u. 
Müller Nr. 140 12 ). ^jMeyerG^w. Myth. 102; 
ZdVfVk. 3, 270; Sepp Religion 279 fr.; Quitz- 
mann 85. 382 ) Quitzmann 86; Jahn Opfer¬ 

gebräuche 139 f. 231; das Opfer des Sch.s und 
seine Erscheinung weist auf Donar (Meyer 
a. a. O.). — Über Sch.e-Opfer zu Ehren von Erd- 
und Fruchtbarkeits-Gottheiten bei Griechen und 
Römern vgl. Panzer Beitr. 2, 295. 297. 492 f. 
495 f. 497 — 501; Mannhardt Forschungen 115. 
119; Höfler Organotherapie 22f.91.99; ZdVfVk. 
14 (1904), 9; Reuterskiöld Speise Sakramente 
128. — Unzweifelhaft Opfer für Fruchtbarkeit 
sind die Sch.e-Opfer bei der Aufnahme der 
jungen Männer in den Mannesverband bei vielen 
australischen Völkern. Gleichzeitig sind sie 
auch als Abwehr- (Schutz-) Zauber aufzufassen. 
Vgl. Frazer n, 240 f. 246. 383 ) Jahn a. a. O. 
106. 884 ) Schräder Reallex. 745 ff.; Hoops 

Reallexikon 4, 149. 385 ) Hoops a. a. O.; Grimm 
Myth. 2, 555. Auch Plutarch im Symposion. 
3 ®®) Meyer a. a. O. 103; ZdVfVk. 10 (1900), 3; 
12, 87; 15, 179; Wuttke 290 § 425; Höfler 
Weihnacht 13 f.; Reinsberg-Düringsfeld 
Böhmen 542; John Westböhmen 12; Quitz¬ 
mann 86; Lippert Christentum 587 f. 677 ff.; 
Jahn a. a. O. 265 t; Sartori 3, 28. 66 (Lite¬ 
ratur). 387 ) Meyer Mythologie der Germanen 
(1903), 327; Höfler Weihnacht 12 f.; Wuttke ; 
66 § 76; 127 § 171.; Strackerjan Oldenburg 
2, 38; Kück u. Sohnrey 35; ZdVfVk. 3, 269h; 
ZföVk.9,187; Kuhn u. Schwartz 411 Nr. 161. 
Über den Sch.s-Kopf als Julgericht im Norden 
vgl. Grimm Myth. 1, 41; Meyer Religionsge¬ 
schichte 201; Albers Das Jahr 329, in England 
u. Schottland: Grimm Myth. 1, 178; Höfler 
a. a. O. — In Siechenhäusern wurden die 
Sch.skopf-Essen erst spät durch Geldspenden 
abgelöst (ZföVk. 4, 115). — Überdas Sch.emahl 
am Stephanstage in Kaufbeuren vgl.: Bir- 
linger Aus Schwaben 2, 14 f.; über das Lauter¬ 
bacher Goldferch: Meyer Germ. Myth. 103. 227. 
287 = Jahn Opfer gebrauche 264 = Grimm 
Weist. 3, 369; Simrock Mythologie 5 329; Sepp 
Religion 7; Kuhn Westfalen 1, 331; über das 
sog. Antoniusgemeindesch., Franziskussch. usw.: 
Meyer Germ. Myth. 103 — Montanus Volks¬ 
feste 1, 170; Kuhn Westfalen 2, 111 Nr. 332; 
Sepp Religion 287; Sartori 3, 28. — In Däne¬ 
mark sind neben dem Sch.skopf am Julabend 
auch Sch.sfüße Festgericht (Höfler Weihnacht 
13)- 388 ) Höfler Weihnacht 13. 389 ) Kück u. 
Sohnrey a. a. O. 33 °) ZföVk. 9, 187. 391 )Jahn 
a. a. O. 103L 392 ) Meyer Germ. Mythol. 287 = 
Jahn a. a. O. 103h 196; Bartsch Mecklenburg 
2, 254; Kuhn u. Schwartz 371; Höfler Fast¬ 
nacht 28. 61. Vgl. auch Sartori 3, 115 (Lite¬ 
ratur). 393 ) SAVk. 1906, 151; Meyer 

a. a. O. 287= Jahn a. a. O. 139; Höfler 
Organotherapie 290; Wolf Beitr. 1, 49f- 394 ) 
Sepp Religion 280. über das Vinkbucher 
Gerichtssch. vgl.: Simrock Mythologie 5 329; 

Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube Vll 


Meyer Germ. Myth. 103 = Grimm Myth. 
1, 41 f.; Jahn a. a. O. 229; Lippert Christen¬ 
tum 628; über das Mediascher Gerichtssch. 
Jahn a. a. O. 229. 3Ö5 ) Drechsler Schlesien 

1, 162f.; John Westböhmen 217. 396 ) Meyer 

Germ. Myth. 254. 103; Jahn Opfer gebrauche 
230. 234; Pfannenschmid Erntefeste 217; 
Andree Braunschweig 368L; Sartori 3, 
266 = Kuhn Westfalen 2, 98; Köhler 

Voigtland 259; ZrhwVk. 1909, 196. 387 ) 

Meyer a. a. O. = Jahn a. a. O. 230. 398 ) 

Höfler Hochzeit 10. 3 ") Heyl Tirol 766 

Nr. 77. 400 ) Jahn Opfergebräuche 227; ebd. 225 
= Panzer Beitr. 2, 223. 234f. 516; Panzer 

2, 221 f. 487!.; Quitzmann 65; Sepp Reli¬ 
gion 28of. — Bei den Griechen wurden der 
Demeter an Stelle eines wirklichen Sch.es 
Brotfiguren in Gestalt trächtiger Sch.e geopfert 
(Sepp Religion 281. Vgl. weiter Reuterskiöld 
Speisesakr. 123, über Mehlteigfiguren in Sch.s- 

gestalt: Höfler a. a. O. 60f. 100; bei den 

• « _ 

Ägyptern Eberfiguren aus Brotteig: ZdVfVk. 14 
(1904), 266. 401 ) Wuttke 66 § 76; Reuter¬ 

skiöld Speisesakr. 109; Höfler Weihnacht 61; 
Reinsberg-Düringsfeld Böhmen 578!.; 
Lippert Christentum 677; ZdVfVk. 14 (1904), 
266; 12 (1902), 198L = Wolf Beitr. r, 124; 
Strackerjan Oldenburg 2, 33. 142 Nr. 371; 
Kück u. Sohnrey 35; Weinhold Weinachts¬ 
spiele 26; Wolf Beitr. 1,104. — Über Kuchensch. 
in Schweden, auf Oesei und in Estland sowie 
in Frankreich vgl. Höfler Weihnacht 59ff. 
402 ) Andree Votive 154L; Sepp Religion 339; 
Jahn a. a. O. 52L; vgl. Hovorka u. Kron- 
feld 1, 340 (Abb.). — Auch bei den Opfern an 
die Ceres gebrauchte man silberne und goldene 
Sch.e (Panzer Beitr. 2, 501t.). 403 ) Mann¬ 
hardt 2, 205. 404 ) Ders. Götter 236f.; Jahn 

Opfergebr. 265. 40S ) Höfler Weihnacht 61; 

Wolf Beitr. 1, 191. 406 ) Meyer Baden 489; 

Reinsberg-Düringsfeld Böhmen 5780.; 
Grohmann 1 Nr. 4; John Westböhmen 217; 
Laube Teplitz 235 (Auch bei den Tschechen 
vgl. Grohmann 2); Simrock Mythologie 3 
329. 528; Wolf Beitr. 1, 104. 

13. Aus den engen Beziehungen des 
Sch.es zum Ackerbau 407 ) (s. oben 12) 
sind Erntebräuche und Redensarten 
entstanden, die auf mythische Grund¬ 
lagen zurückgeführt werden müssen: der 
letzte Drescher muß die „lös (lass) 
vertragen“, erhält „die Roggensau“ 
aufgebürdet 408 ). Er selbst oder der 
Mäher, der die letzten Halme ab¬ 
schneidet, wird als „Sau“ 409 ) (Bad., 
Bay., Schw.), „Kornsch., Korn-, Rog¬ 
gen-, Gersten-, Habersau 410 ), Sau¬ 
treiber 4U ), Saumoggl“ 412 ) (Bay.) oder 
als „Saufud“ (O.-Öst.) 413 ) bezeichnet; 
die letzte Garbe heißt „Roggen- oder 
Fersau“ u. a. In ihr steckt der Geist 

48 


1507 


Schwein 


1508 


des Wachstums, die verkörperte Segens¬ 
kraft, der Korndämon, das Roggen¬ 
schwein 414 ), der mit dem Wind in engem 
Zusammenhang steht 415 ). So gibt sich 
das Sch. auch als Symbol der Wachs¬ 
tumskraft zu erkennen. Wenn die 
goldene Fülle im Winde wogt, „laufen 
die wilden Sch.e durchs Korn" 416 ). 
Mythische Anschauungen und Reste ehe¬ 
maligen Opferkultes geben sich hier deut¬ 
lich zu erkennen und tragen bedeutend 
zum Verständnis des Sch.s im Aber¬ 
glauben bei. Doch werden Elemente 
dieses Glaubens auch recht realer Natur 
sein und aus einer Zeit stammen, wo 
wilde Sch.e das Land unsicher machten 
und leicht arglos in das Getreide sich 
begebenden Leuten gefährlich werden 
konnten 417 ). Auch von hier aus ging 
ein Weg zur Dämonisierung des Sch.es 
(s. Eber 7). 

407 ) Vgl- die schwed. Grubbso < grubba, 
Pfiugfurche (Meyer German. Mythol. 103). 
4Ü8 ) Mannhardt Götter 101; Jahn Opfer - 
gebrauche 105; Panzer Beitr. 2, 408 — 424. 487; 
Leoprechting Lechrain 165t.; Sepp Religion 
280. 285; Quitzmann 65. 241; Blaas Volks¬ 
tümliches aus N. Österreich in Germania 29, 
100 Nr. 11; Jahn a. a. O. 227 = Meier Schwa¬ 
ben 444 Nr. 162; Birlinger Aus Schwaben 
2, 328. 409 ) Birlinger Volkst. 2, 425. 428; 

Panzer Beitr. 2, 2iiff.; Reiser Allgäu 2, 367; 
Leoprechting a. a. O.; Meyer Baden 436f.; 
Sartori 2, 101. 41 °) Sepp Religion 283. 

411 ) Mannhardt Forschungen 186. 412 ) Sepp 

a. a. O. 284. 413 ) Mannhardt Götter 101. 

414 ) Sartori 3, 115; Mannhardt 2, 202; 

Meyer Germ. Mythol. 103. 415 ) Laistner 

Nebelsagen 208. 4l6 ) Pfannenschmid Ernte¬ 

feste 401 — Kuhn Westfalen 2, 93 Nr. 293. 
417 ) Jahn Opfergebr. 179. — Das Roggensch. ist 
auch in Estland und auf Oesel bekannt (Mann¬ 
hardt Forschungen 187 u. Anm. 1). 

14. Sagen von Sch.en sind in der 
volkstümlichen Überlieferung sehr zahl¬ 
reich. An erster Stelle erwähnen wir die 
zahlreichen Sagen von Sch.en, die Glok- 
ken aus wühlen 418 ), wobei gelegent¬ 
lich der kräftige, an ihre Auffindung er¬ 
innernde Klang der Glocken („Sau aus- 
g'wühlt“), die darauf bezügliche Namen 
führen („Saufang“ in Köln 419 ), „Sau¬ 
glocke“ von Dreßling in Ob.-Bay. 420 )) 
hervorgehoben wird 421 ). Die Verbindung 
der Glocken mit dem Sch. als Tier der 
Fruchtbarkeit kann nicht befremden, 


wenn wir in ihr wirklich ein Symbol der 
Gewitterwolke 422 ) (Donnerglocke 423 )) 
sehen dürfen. Vielfach werden aber 
auch tatsächliche Vorkommnisse auf 
die Entstehung solcher Sagen (bes. 
dreißigjähriger Krieg!) von Einfluß ge¬ 
wesen sein. Es fragt sich, ob wir es hier 
nicht mit einer Wandersage zu tun haben. 
Sch.e wühlen ferner aus: eine mit Hafer 
gefüllte Glocke (Siebenb.) 424 ), Schätze 
(Meckl. 425 ), Schles. 426 ), Siebenb. 427 )), 
eine goldene Wiege (Westf.) 428 ), ein 
Marienbild (Frk.) 429 ), einen Kirchen¬ 
schlüssel (Vogtl.) 43 °), eine Quelle (Nord- 
dtl.) 431 ), Salzquelle (Sachs., Thür.) 432 ), 
einen Kinderbrunnen, der Flensburg unter 
seinen Fluten begräbt 433 ). — Andere 
Sagen berichten von Ortsgründun¬ 
gen 434 ) und Namengebung 435 ) durch 
Sch.e, von in Strohwische verwandel¬ 
ten 436 ), von tanzenden 437 ) Säuen; von 
einem Ferkel, das beim Schlachten immer 
größer 438 ), von einem Sch., dem das 
Abendmahl gegeben wird 439 ); von ge¬ 
spenstigen Sch.sköpfen, durch deren Er¬ 
scheinung Trinker und Schieler gebessert 
werden 44 °); sie suchen verschiedene 
Sch.sgestalten 441 ) und -köpfe (in Wap¬ 
pen) 442 ) zu erklären. Sch.e warnen Be¬ 
lagerte 443 ), werden an gewissen Orten 
scheu 444 ) u. v. a. — Uber andere Sagen 
s. o. 2, 3, 4 (s. Eber 8). 

Vgl. noch Eber, Spanferkel. 

4l8 ) Meyer German. Mythol. 90; ebd. 102 = 
Wolf Beitr. 2, 294; Kuhn Westfalen 1, 31. 166 
Nr. 172. 243; ZdVfVk. 7 (1897), 275 (viele 
Literaturangaben); Kuhn Westfalen 167 Nr. 172 
Anm. (viele Literaturangaben f. Bad., Bay., 
Franken, Hess., Niedersachs., Preuß., Schw., 
Unterharz, Thür., Westf.). 335 Nr. 370; Ders. 
Märkische Sagen 108; Ranke Sagen 2 259 

(Bad., Vogtl.); Sepp Religion 122 f. (Bay., 
N. Öst.); Quitzmann 241; Meiche Sagenbuch 
681 Nr. 845; 677—680 Nr. 8370. 840. 841. 843. 
844 (Bö., Sachs., Vogtl.); Otte Glockenkunde 
69 (Köln); Bartsch Mecklenburg 1, 374; 

Schambach u. Müller 55L 340 (N. Sachs.); 
Jahn Pommern 209f. 223; Eisei Voigtland 
276 Nr. 694; 303 Nr. 764; Witzschel Thü¬ 
ringen 2, 59 Nr. 69; Grabinski Sagen 22 
(Schl.); Schulenburg Wend. Sagen 290b; 
Ders. Wend. Volkst. 7. 419 ) Die älteste Glocke 
der Zäzilienkirche: Otte Glockenkunde 69. 

420 ) Panzer Beitr. 2, 548; vgl. Meier Schwaben 

421 ) ZdVfVk. 7, 276t. (Literaturang.); Sepp 

Religion 122P; Lyncker Sagen 145. 422 ) Vgl. 


1509 


Schweine—Schwelle 


1510 


Meyer Germ. Myth. 90. 102. 423 ) Sepp a. a. O. 
123. 424 ) ZdVfVk. 7, 279 = Panzer Beitr. 

2, 182. 425 ) Bartsch Mecklenburg 1, 360. 

426 ) Schulen bürg Wend. Volkst. 3. 427 ) Mül¬ 
ler Siebenbürgen 96. 428 ) Meyer a. a. O. 102 

= Kuhn Westfalen 1, 302. 429 ) Bechstein 

Frankenland 76. 43 °) Eisei Voigtland 336 

Nr. 839. 431 ) Meyer Germ. Myth. 102 = Kuhn 
u. Schwartz 223 Nr. 247, 11; Knoop Hinter¬ 
pommern 89. 432 ) Sommer Sagen 70 Nr. 61. 

433 ) Meyer a. a. O. = Müllenhoff Sagen 105 
Nr. 234; Grimm Myth. 3, 191 = Müllenhoff 
a. a. O.; ZdVfVk. 7, 276. 434 ) Urquell 4 (1893), 
167; Quitzmann 241 — Panzer Beitr. 2, 
Nr. 271; Schöppner Sagen Nr. 70. 538. 435 ) 

Strackerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 371. 438 ) 

ZrhwVk. 1914, 89. 43? ) Eisei Voigtl. 215. 

438 ) ZdVfVk. 3 (1893), 50P 439 ) Stracker¬ 
jan Oldenburg 2, 142 Nr. 371. 44 °) Schell 

Bergische Sagen 203 Nr. 152. 441 ) Pollinger i 

Landshut 97 Nr. 8 . 442 ) Schambach u. Müller 
yi. 443 ) Eckart Südhannover. Sagen 86f. 
444 ) Eisei Voigtland 244 Nr. 607 Anm. 

Herold. 

Schweine s. Schwinden, Schwund. 

Schweinsfisch ist der Name für drei 
verschiedene Fische: 1. Batistes capriscus 
Gm., auch von den Italienern Pesce 
porco genannt, eine Art der Drücker¬ 
fische (Balistidae) 4 ), 2. Phocaena com¬ 
munis Less., auch Braunfisch, Tümm¬ 
ler (s. d.), Meerschwein 2 ), 3. Delphinus 
(s. Delphin Bd. 2, 186) tursio Fahr. 3 ). 
S. Tümmler. 

x ) Brehm 3, 431. 2 ) Leunis Synopsis d. 

Tierkunde 3 1, § 175, 2. 3 ) Ebd. § 175, 5. 

Hoffmann-Krayer. 

Schweiß, schwitzen s. Nachtrag. 
Schwelle. 

I. Allgemeines. II. Aufenthaltsort von 
Geistern. a) Bestattung unter der S. b) 
Unter der S. wohnen Seelen und ähnliche 
Geister. c) Krankheitsdämonen. d) Spuk. 

III. Opfer, a) Bauopfer, b) Bei Viehsterben 
und Seuchen, c) Um das Vieh vor Krankheit 
zu bewahren, d) Hochzeit, e) Für Dämonen. 

IV. Unter der S. durch. V. Die S. als Grenze. 

1. Übergangsriten und Riten bei der Aufnahme 
in die Hausgemeinschaft. a) Geburt, Taufe. 

b) Hochzeit, c) Einziehen, d) Aufnahme des 
Gesindes. e) Aufnahme der neuen Tiere, 
f) Eintrieb des Viehes. 2. Verlassen der Haus¬ 
gemeinschaft. a) Tod. b) Verkauf des Viehs. 

c) Erster Austrieb. VI. Ort zauberischer 
Handlungen, a) Sicherung des Segens, b) Eid¬ 
zauber. c) Geisterbannen, d) Schadenzauber, 
e) Liebeszauber, f) Gegenzauber. 1. Aus- und 
Vergraben. 2. Verpflocken, Schlagen, g) Die¬ 
beszauber. h) Heilzauber, i) Abwehrzauber, 
k) Verschiedene Zauberhandlungen. 1. Bei 
verschiedenen Anlässen. 2. An bestimmten 


Zeiten. 1 ) Zauber mit Bestandteilen der S. 
1. Räuchern. 2. Eingeben. VII. Abwehr- und 
Schutz, a) Abwehrzauber, b) Einfache, dau¬ 
ernde Schutzmittel, c) Dauernde Schutzmittel 
unter der S. und in der S. verpflockt. d) Schutz 
bei bestimmten Anlässen. 1. Hexen, Alp, 
wilder Mann, Gespenst. 2. Viehsterben. 3. 
Schutzmaßnahmen an Festzeiten. 4. Bei bösem 
Wetter. VIII. Orakel. IX. Vorzeichen, a) Gute, 
b) Böse, c) Verschiedene. X. S. darf nicht be¬ 
rührt werden. XI. Verschiedene Verbote und 
Gebote. XII. S. personifiziert. 

I. Allgemeines. Die S. ist mit der 
Tür (s. d) und der Obers, als Eingang 
des Hauses eine wichtige Grenze, die die 
fremde feindliche Außenwelt von der ge¬ 
schützten häuslichen trennt 1 ). An der 
S. sammeln sich allerhand Geister, die 
das Haus bedrängen und die durch die 
verschiedensten Maßnahmen und Zauber 
zurückgehalten werden müssen 2 ). Die 
Eigenschaften der S. als Grenze, Über¬ 
gang in wörtlicher und z. T. übertragener 
Bedeutung, erklärt an sich schon die 
meisten Vorstellungen, die sich im Volks¬ 
glauben an sie knüpfen. Daß die S. 
ein bevorzugter und dauernder Aufent¬ 
haltsort für Geister ist, scheint aber 
noch seine bes. Begründung in einer 
ehemaligen Bestattung unter ihr zu ha¬ 
ben 3 ). Diese Annahme wird trotz der 
wenigen Belege auf europäischem Gebiet 
(s. u. II a) durch die Eigenschaft der S. 
als Grenze, an der man in alter Zeit zu 
begraben pflegte, gestützt, ohne jedoch 
gesichert zu erscheinen. 

Die Wichtigkeit der S. im deutschen 
Volksglauben tritt in der Überlieferung 
deutlich hervor, ohne daß man im Einzel¬ 
fall entscheiden könnte, welche Vorstel¬ 
lung einer Vorschrift oder einem Glauben 
zugrunde liege. Die vergleichende Be¬ 
trachtung legt die Annahme nahe, daß 
die Abwehrmaßnahmen in späterer Zeit 
einen breiteren Raum in der Überlieferung 
beanspruchen, als dies in früherer Zeit 
gewesen sein dürfte. Als im Laufe der 
Zeit die Bedeutsamkeit der S. im Be¬ 
wußtsein mehr zurücktrat, scheint man 
viele Maßnahmen als Abwehr- oder Zau¬ 
berhandlungen umgedeutet zu haben, weü 
ein anderer Sinn nicht mehr verständlich 
war. Auch dadurch findet man nicht 
wenig Widersprüche in der Überlieferung. 

48* 



Schwelle 


1512 


I5II 


Bei den späteren Umdeutungen und Ab¬ 
schwächungen spielt wohl die Verände¬ 
rung des Wohnhauses eine gewisse Rolle, 
da an Stelle der einen S. mehrere S.n 
traten. In den meisten Fällen ist die 
Haustürs. gemeint, oft ist das ausdrück¬ 
lich gesagt, es ist aber auch von der 
Stubens., von mehreren S.n, mitunter von 
allen S.n des Hauses 4 ) die Rede. Ferner 
sind die Riten an der S. und am Herd, 
z. T. an der Dachluke 5 ) sehr ähnlich, 
z. B. bei der Hochzeit, Tod, Eiden, oder 
Herd und S.ngebräuche sind vereinigt. 
Gegen die Pest mußte ein nackter Mann 
den Kesselhaken mit der Sonne dreimal 
ums Haus tragen und dann unter der 
S. vergraben 6 ). Ähnlich wie die S. gilt 
auch, neben dem Herd, die Ecke als 
Geistersitz 7 ). Parallel mit anderen Ge¬ 
bräuchen beim Hausbau schlägt der Haus¬ 
herr den ersten Nagel in das „G'schwell“, 
so viel Streiche er tut, so viele Maß Bier 
zahlt er 8 ). Wie an anderen wichtigen 
Stellen des Hauses wurden an der S. 
Rechtshandlungen ohne 9 ) und mit zau¬ 
berischem Inhalt (s. VI b) vorgenommen. 
Von der Heiligkeit der S. im strengen 
Sinn oder von einer Verehrung, wie sie 
z. B. die alten Römer kannten, ist auf 
deutschem Gebiet kaum eine Spur zu 
finden. Die Römer hatten einen im 
Kulte nicht ganz unwichtigen S.ngott 
Limentinus 10 ), die S. war der Vesta 
heüig u ), die Vorstellungen von der Hauss. 
waren auch auf das Haus des Totenfürsten 
mit der ehernen S. übertragen 12 ). In der 
Odyssee 13 ) wird die S. einmal wie 
der Herd als Asyl erwähnt. Nach Tibull 
und im Kultus der Märtyrer wurde die 
S. geküßt u ). Auch von Opfern, die ent¬ 
weder der S. selbst oder den hier ge¬ 
dachten Ahnen gelten, sind nur wenige 
Resterscheinungen auf germanischem Ge¬ 
biet bekannt. 

*) Gennep Rites de passage 26. 2 ) Feilberg 
in Aarbog for dansk Kulturhistorie 1892, 18. 
3 ) Frazer The Keepers of the Threshold, Taylor- 
Festschrift 1907, 167—173; Samt er Geburt 

142; Eitrem Hermes und die Toten (Christiania, 
Videnskab Selskabs Forhandlinger 1909); 
Schreuer in ZfvgRw. 34, 90 ff. Die S. ist 
daher eine bevorzugte Stelle für den Ahnenkult. 
Vgl. Trumbull The Threshold Covenant, 1896, 
Bes. C. 1. Sehr zahlreiches Vergleichsmaterial 


für die Antike O gl e Housedoor in greek and roman 
religion and folklore. Amer. Journ. of Philol. 1911. 
Vgl. gegen Ogle und Samter, DeubnerAfRw. 
20, 419 f. 4 ) In Rußland ist an jeder S. ein Huf¬ 
eisen befestigt, Gennep Rites des passage 33. 
fi ) Sartori Westfalen 23. 6 ) Grimm Myth. 2, 
993 - Vgl. Liebrecht Gervasius 100. 7 ) Bei 

den Zigeunern Nordungarns legt die Patin den 
Täufling auf die S. die Füße nach der Hütte 
gekehrt mit einem Spruch, der ihn vor Krank¬ 
heit bewahren soll, dann in die 4 Ecken, um ihm 
den Schlaf zu sichern, auf den Herd, um ihm die 
Wärme, auf den Tisch, um ihm die Nahrung zu 
sichern. Urquell 2, 21. Vgl. Zauber mit Vier¬ 
winkelstaub auf der S. Goldmann Chrene - 
cruda. Studien zum Titel 58 der Lex Salica, 
Deutschrechtliche Beiträge 13, H. 1. 8 ) Sar¬ 

tori Sitte und Brauch 2, 4. 8 ) Grimm RA. i„ 
240; Goldmann Chrene cruda 71 Anm. 3 (Lit.). 
10 ) Pauly-Wissowa s. v. X1 ) Eitrem Hermes 
und die Toten 14. 12 ) Ebd.; ARw. 15, 359 ff. 

13 ) X, 62. 14 ) Eitrem Hermes usw. 15 ff. Vgl. 
Radermacher Beiträge 65. 

II. Aufenthaltsort von Geistern. 

a) Bestattung unter der S.: Nach 
Paulus Diaconus, Historia Langobardorum 
2 c. 28 wurde König Alboin unter 
der Treppe seines Palastes, also etwa 
an der S., bestattet. In der anord. 
Überlieferung wird einmal in der Laxdöla- 
saga c. 17 15 ) eine Beerdigung unter der 
S. berichtet. Nach Eitrem 16 ) ist die S. 
bei den Griechen eine der Beerdigungs¬ 
stationen, über welche der Bestattungs¬ 
platz der Toten vom Herde ins Freie 
verlegt wurde. Schreuer nimmt dieselbe 
Entwicklung auf germanischem Gebiet 
an 17 ). Im Zusammenhang hiermit kann 
erwähnt werden, daß in Kleinrußland 
ungetauft verstorbene Kinder unter der 
S. begraben werden, und daß man bei 
der Bestattung von Kindern alte Be¬ 
gräbnissitten besonders lange bewahrt 
hat 18 ). Totgeborene Kinder werden eben¬ 
falls in Zentral- und Nordindien unter 
der S. begraben 19 ). An dem römischen 
Totenfest der Feralien legten alte Weiber 
als Gabe für die Unterweits- oder Toten¬ 
göttin Tacita drei Weihrauchstückchen 
unter die S. 20 ) m 

b) Unter der S. wohnen Seelen und 
ähnliche Geister 21 ). Wennman in Ober- 
franken ein neues Haus betritt, soll man 
nicht auf die S. treten, weil dies den armen 
Seelen, die darunter sind, weh tut 22 ). 
Ähnlich heißt es in Norwegen, man dürfe 


1513 


Schwelle 


1514 


die Füße nicht auf der S. trocknen, den 
Grund hierfür wußte der Gewährsmann 
nicht mehr sicher, aber es war wegen der 
Toten 23 ). In Bayern, Voigtland, Böhmen 
darf man auf der S. kein Holz spalten, 
weil die Hausotter darunter liegt 24 ). In 
Norwegen muß man vor dem Aus¬ 
schütten von heißem Wasser (Absud) 
auf die S. sagen: ,,Ich nehme mich in 
acht, nehmt ihr euch auch in acht“; oder: 
,,Achtung! heißes Wasser“ 25 )! Um ein 
Gespenst loszuwerden, läßt man beim 
Abbruch eines Hauses die S. liegen, des¬ 
halb muß das Gespenst in den Trümmern 
bleiben 26 ). Die S.n des abgebrochenen 
Hauses mußten jahrelang auf dem Platz 
bleiben, bis sie verfaulten 27 ). Die Unter¬ 
irdischen wohnen unter der Stalls. (Hinter¬ 
pommern) 28 ), neben oder unter der Haus¬ 
türs. (Schweden 29 ), Schottland) 30 ). 

c) Krankheitsdämonen unter derS. 
Ein Schmied ließ, wenn er Fieber hatte 
einen Geistesbanner holen, der hob die 
S. aus und bannte den Geist in einen 
Weidenbaum 31 ). Der Schwellenvogel 
oder Summer-Sunnen-Suntevogel. In 
Westfalen heißen geheimnisvolle Wesen — 
Kröten, Ottern, Schlangen und anderes 
böses Gewürm —, das von Kindern 32 ), 
z. T. von Erwachsenen (Schweinehirt) 33 ) 
mit hölzernen Hämmern geweckt und 
vertrieben wird, S.nvogel und ebenfalls 
Insektenlarven im S.nholz, die schon im 
Hexenhammer als Urheber des abortus 
habitualis bei Mensch und Tier an¬ 
gesehen wurden. 1766 versuchte man den 
S.nvogel durch Niederlegung von Zauber¬ 
sachen zu verscheuchen 34 ) (Vgl. Maßnahme 
gegen das Verwerfen beim Vieh III b). 

d) Spuk auf der S. In Ratibor 
erzählte man, daß noch im 19. Jh. 
in der Dämmerung auf der S. eines 
bestimmten Hauses eine Gestalt saß, 
die die mit einem Bierkrug Vorbei¬ 
kommenden um einen Labetrunk an¬ 
sprach, wirklich trank, dankte und seinen 
Namen angab 35 ). Will man Hexen er¬ 
kennen, muß man sich beim Verlassen 
der Kirche hüten, daß sie einem nicht 
auf der S. erwischen 36 ). Sitzt man auf 
der S., wird man von Spuk heimgesucht 37 ) 
(Island). 


15 ) Der Betreffende hat es sich gewünscht, 
stehend unter der S. begraben zu werden, um 
sein Hauswesen besser übersehen zu können. 
lö ) Hermes und die Toten. 17 ) Das Recht 
der Toten § 15. 18 ) Schräder Reall. s. v. 

Friedhof § 1. 19 ) In Zentralafrika (auch 

bei den Huzulen, ohne Begründung, Mittei¬ 
lungen der Anthropologischen Gesellschaft 
Wien 1896, 150) vergräbt man die Nachgeburt 
unter der S., um den Kindern eine Art Doppel¬ 
gänger oder Schutzgeist zu sichern. Frazer 
Folklore in the old testament 3, 13; The golden 
bough 5, 93. In Bonny {Kongo bei den Bram- 
baras) wird der Tote unter der S. begraben. 
Durch ein Rohr gießt der Neger jedesmal, wenn 
er aus der Hütte heraus tritt, Blut zum Munde 
des Toten hinunter. Tylor Primitive Cultur 
2, 31. 20 ) Samter Geburt 142. 2l ) Von Indien 
{Winternitz Hochzeitsritual 72) bis Deutsch¬ 
land hin (ZfVk. 2, 264; Meyer Germ. Myth. 

73 f.). 22 ) w. 396 § 608; 471 § 750; 481 § 767. 

**) Kristian Bugges Samlinger 3, 142. 
24 ) W. 51 § 57 ; ZfVk. 4. 82f., 455 * ; Groh- 
mann Aberglaube 78 Nr. 560. 25 ) Kristian 

Bugges Samlinger 3, 156 Nr. 24. 28 ) Reiser 

Allgäu 1,330; Alpenburg Tirol 208 Nr. 85. 
27 ) Lütolf Sagen 161, 98. 28 ) Knoop Hinter¬ 
pommern 69. 29 ) Hylt6n-Cavallius 1, 268; 

ZfVk. 8, 275 Anm. 4. 30 ) J. Jamiesen Scottish 
Dictionary 2, 422. Z. B. Armenien: Samter Ge¬ 
burt 142. 31 ) Panzer Beitrag 2, 302. 32 ) Sar¬ 
tori Westfalen 143 f. Nach Meyer Baden 
80 f. dreht es sich dabei um Vertreibung dä¬ 
monischen Ungeziefers. 33 ) Sartori Sitte und 
Brauch 2, 147 Anm. 9. 3< ) Rochholz Glaube 
2, 167; Höf ler Krankheitsdämonen AfRw. 2,98. 
35 ) Kühnau Sagen i, 210. 38 ) Schramek 

Böhmerwald 118. 37 ) Liebrecht Zur Volksk. 

370; ZfVk. 8. 286. 

III. Opfer auf und unter der S. 
Während das Opfern auf der S. bei 
anderen Völkern noch vielfach üblich 
ist 38 ), gibt es auf deutschem Gebiet nur 
wenige Nachrichten. Wahrscheinlich kann 
man in manchen der vielen Zaubervor¬ 
schriften unter der S. Reste von ehe¬ 
maligem Kult (Totenkult ?) wiederfinden, 
wie es Eitrem für den antiken S.zauber 
vermutet 39 ). So scheinen Schutzmittel 
unter der S. und Bauopfer im Volks¬ 
glauben vermischt worden zu sein *°). 
Bei den unter c als Opfer angeführten 
Maßnahmen bleibt es zweifelhaft, ob sie 
als Opfer- oder Zauberhandlung auf¬ 
gefaßt wurden. 

a) Bauopfer. Unter der S. eines 
1625 erbauten Hauses fand man Geld 
und einen Hund eingemauert. An 
zwei andern Orten soll man unter 


Schwelle 


1516 


1515 

der S. Menschenschädel gefunden ha¬ 
ben 41 ). Außerdem werden Hühnereier 42 ), 
lebende Hunde, Rinderschädel, Pferdefüße, 
Hufeisen usw. unter der Schwelle ver¬ 
graben 43 ). In la Neuville (Normandie) 
läßt man einige Tropfen des geschlach¬ 
teten Huhnes auf die S. des fertigen 
Neubaues fließen 44 ). Die Südslaven 
schlachten auf der S. eines Neubaues 
irgendein Tier, sonst müßte noch vor 

Ablauf eines Jahres ein Hausgenosse 
sterben 45 ). 

b) Bei Viehsterben und Seuchen. 
In Kärnten begräbt man, wenn alle anderen 
Mittel vergeblich waren, ein Stück des 
kranken Viehes 46 ), einen lebendigen Hund 
in der Oberpfalz 47 ), unter der S. Ebenso 
vergrub man in Oberösterreich, wenn man 
mit den Pferden dauernd Unglück hatte, 
ein lebendiges Pferd samt Kummet unter 
der Stalls. 48 ). Bei Viehsterben begräbt 
man ein gefallenes Kalb unter der S., so 
bleiben die anderen Tiere verschont 49 ). 
Bei Schweinesterben braucht man nur 
einem toten Schwein den Kopf abzu¬ 
schlagen und unter die S. zu vergraben 50 ). 
Statt des lebenden oder toten Tieres 
vergrub man in Kärnten auch eiserne 
Tiere, besonders wenn sie sich vorher 
schon an heiliger Stätte befunden hat¬ 
ten 51 ). Totgeborene Kälber vergrub man 
in England unter die S. 52 ). Ähnlich 
hängt man ein verworfenes Kalb als 
Abwehr gegen Wiederholung des Unfalles, 
an der Außenseite des Stalles auf 53 ). 
Vgl. Aufenthalt von Krankheitsdämonen 
unter der Schwelle, besonders des Schwel¬ 
lenvogels, der als Ursache des abortus 
habitualis galt (o. II c). Vgl. den süd¬ 
slawischen Brauch: Wenn in einem Haus 
mehrere Kinder sterben, so schlachtet 
der Hausvorstand, während das jüngst 
Gestorbene eingesegnet wird, ein Huhn 
auf der S., vergräbt den Kopf unter 
der S., den Leib legt er auf die S., damit 
der Geistliche darüber hinwegschreite 54 ). 

c) Um das Vieh vor Krankheit zu 
bewahren. In Mecklenburg glaubt man, 
man müsse einen eben geborenen, noch 
blinden Hund unter der S. eingraben, 
wenn man die Pferde das ganze Jahr 
gesund erhalten wolle 65 ). Kopf, Herz 


und Fuß eines kohlschwarzen Hahnes 
in einem dicht verschlossenen Topf unter 
der S. vergraben, schützt das Haus vor 
Krankheit 56 ). Vergrabe eine schwarze 
Katze oder einen Raben unter der Stalls., 
so soll deinem Vieh nie etwas zustoßen. 
Das muß geschehen, bevor der Kuckuck 
ruft 57 ). 

d) Bei der Hochzeit. Während 
in außereuropäischen Gebieten 58 ) und 
z. T. in außerdeutschen Gegenden S.n- 
opfer bei der Hochzeit Vorkommen, 
ist dies für Deutschland unsicher. Viel¬ 
leicht ist eine Überlieferung als Rest 
eines einstigen S.nopfers anzusehen: In 
Thüringen wird der Ärmste des Dorfes 
aufgefordert, sich an der Tür aufzu¬ 
stellen. Ihm gibt die Braut beim über¬ 
schreiten der S. Geld und Kuchen, um 
alles Unglück von der Ehe femzuhalten 59 ). 

e) Für Dämonen. In Schweden wirft 
man bei einer von den Elben herrüh¬ 
renden Krankheit das Opfer auf der S. 
über die linke Schulter 60 ). Die Süd¬ 
slawen schlachten das Opfer für die 
Vilen auf der S. 61 ). 


38 ) Z. B. in Ägypten und Syrien wird noch 
jetzt auf der S. geopfert, wenn ein Gast in die 
Hausgemeinschaft aufgenommen wird. Trum¬ 
bull Threshold 3 ff. 7. Ebenso in Zentralafrika 
ebd. 8. 9. Blutopfer an die S. sind in Arabien 
häufig Eitrem Opferritus 433. 39 ) Hermes und 
die Toten 17. Das Opfer z. B. Geopon. 15, 8, 
das Haus und Hof vor Zauber beschützen soll, 
besteht aus Totensymbolen und Totenbeigaben. 
Ebd. 66. Vgl. die schwarzen Tiere in den unter 
Opfer c) angeführten Beispielen. 40 ) And ree - 
Eysn Volkstümliches 100 f. 4l ) ZrwVk. 1912, 
229. 42 ) Grafschaft Ruppin, Urquell 2, 110. 

43 ) ZfVk. 16, 166. 44 ) ZfEthn. 1898, 23. Vgl. 

Trumbull Threshold 45 fr. 45 ) Krauss Relig. 
Brauch 160. 46 ) Andree-Eysn Volkstüm¬ 

liches m ; das war schon im Altertum gebräuch¬ 


lich Col. 
Toten 17. 
Das Jahr 


7, 5, 17, Eitrem Hermes und die 
47 ) W. 299 § 439. 48 ) Baumgarten 

u. s. Tage 31 Anm. 1. Auch John 


Westböhmen 214. Norddeutschland: Jahn 


Opfergebräuche 17; Schweden: Grimm Myth. 


3, 174. 49 ) Drechsler 2, 107; Urquell 1, 15. 


158 Ditmarschen. 60 ) Pollinger Landshut 156. 
“) Andree-Eysn Volkstümliches in ; Andree 


Votive 54. 52 ) Frazer Folklore in the old testa- 
ment 3, 14 f. 63 ) Andree-Eysn Volkstümliches 
ui. 54 ) Krauss Relig. Brauch 154. 55 ) Maack 
Lübeck 54 f. «) Tirol, ZfVk. 8, 170. 57 ) Nor¬ 


wegen, Kristian Bugges Samlinger 3, 141 
Nr. 5, e. 68 ) Trumbull Threshold 25 ff. Die 
Mordwinen rufen nach der Verlobung die Hilfe 


1517 


Schwelle 


der Ahnen an und opfern Salz und Brot, das 
auf die S. niedergelegt wird. Samt er Geburt 
211. 59 ) W. 371 §563. 60 ) Hylten-Cavallius 
2, Tilläg 13. S1 ) Krauss Rel. Brauch 156. 

IV. Unter der S. durch. Die 
Leichen von Missetätern und Selbst¬ 
mördern dürfen nicht über die S. ge¬ 
tragen, sondern müssen unter der S. aus 
dem Haus gebracht werden (vgl. Fenster, 
Tür). Neben der Angst vor dem Toten, 
der so den Weg nicht zurückfinden 
sollte 62 ), spielt wohl auch die Vor¬ 
stellung mit, daß die S. nicht verunreinigt 
werden dürfe. Die Hinrichtung mit dem 
Beil wurde bisweilen auf der S. des 
Tatortes vollzogen, fiel der Rumpf in 
das Haus, mußte er unter der S. durch¬ 
gezogen werden 63 ). In gleicher Weise 
verfuhr man mit dem Selbstmörder, da¬ 
mit er nicht geistere 64 ). In mecklen¬ 
burgischen 65 ) Dörfern (auch im Braun¬ 
schweigischen) 66 ) hatte man früher an 
den Haustüren bewegliche S.n, ähnlich 
auch bei den Polaben im hannoveranischen 
Wendland 67 ). Auf diese Art wurde ein 
verhaßter Abt von den Appenzellem zu 
Grabe gebracht. In den Predigten des 
Berthold v. Regensburg wird diese Be¬ 
gräbnisart für Wucherer empfohlen, für 
alle Ketzer vorgeschrieben 68 ). In der 
Oberpfalz nimmt man die S. der Hinter¬ 
tür heraus, wenn der Selbstmörder hin¬ 
ausgetragen wird. Sie wird später wieder 
eingesetzt und geweiht 69 ). Hat man den 
Verdacht, daß die Leiche einem Doppel¬ 
sauger angehört, so verfährt man ebenso 
mit der Hauss. Ist diese wieder in ihrer 
alten Lage, kann er nicht mehr ins Haus 
zurück 70 ). In einem Ort des Amtes 
Mergentheim ließ man, um den in sein 
Haus zurückkehrenden Toten den Weg 
zu entfremden, einige S.n herausnehmen 
und neue einsetzen 71 ). In denselben 
Vorstellungskreis der verhinderten Rück¬ 
kehr gehört die Sage, ein Kapuziner 
habe einen Geist durch ein Loch unter 
der S. hinausgebannt 72 ). Im Gegensatz 
dazu hieß es von dem Geist Pölterken, 
daß er sich sogar unter der S. herwälzen 
konnte 73 ). 

6a ) Lütolf Sagen 398. 400 Nr. 386. * 3 ) Amira 
Todesstrafen 124 Anm. 4. 131. ® 4 ) Sartori 

Sitte und Brauch 1,143; Liebrecht Zur Volksh. 


1518 

373 (Schwaben). 414: Hylten-Cavallius 1, 
473. 65 ) Bartsch Mecklenburg 2, 100. 66 ) An¬ 
dree Braunschweig 321. 67 ) Globus 77, 222. 

68 ) Rochholz Glaube 2, 171. 69 ) Schönwerth 
3, m. 70 ) Andree Braunschweig 321. 71 ) Höhn 
Tod Nr. 7, 356. Ebenso in Rußland Trumbull 
Threshold 24. 72 ) Rochholz Glaube 2, 171 f.; 

Lütolf Sagen 341; Niderberger Unterwalden 
2, 82. 73 ) Kuhn Westfalen 216 Nr. 244. Die 

Hindu in Punjab ziehen u. a. ein Kind, das 
angeblich seinen Eltern Unglück bringen solle, 
unter der S. durch Frazer 11, 190. 

V. Die S. als Grenze. In öster¬ 
reichischen Weistümern kommt öfter die 
Bestimmung vor, daß der Verletzer des 
Hausfriedens so viele Male zahlen muß, 
als er über die S. gelaufen ist 74 ). Geister 
können die S. nicht überschreiten; 
das Seeweibchen kommt nie über die 
S. 75 ). Der Geist Pölterken dagegen 
konnte sich unter der S. durchwälzen 76 ). 
Die Mutter legt den Wechselbalg auf die 
S. und läßt ihn schreien, dann wird das 
richtige Kind wieder zurückgebracht 77 ). 
Der beschworene Schratt setzt sich auf 
die S. 78 ). Beim Ausgang tritt man auf 
die S. und spricht ein Gebet, das mit 
den Worten: Hier tret ich auf die S. . .. 
beginnt 79 ). Beim ersten Eintreten in 
die Sennhütte hackt man ein Kreuz in 
die S., legt eine Axt darauf und steigt 
über die S. 80 ). In Setesdal kniete die 
Sennin, wenn sie mit dem Vieh zur Senn¬ 
hütte kam, die ein Wicht bewohnte, auf 
der S. nieder und bat um Erlaubnis, eine 
bestimmte Zeit hierbleiben zu dürfen 81 ). 
Wenn die Männer vom ersten Pflügen 
nach Hause kamen, wurden sie von den 
Frauen des Hauses mit Wasser über¬ 
gossen. Gelang es ihnen aber unbemerkt 
über die S. zu kommen, so war das Recht 
der Weiber verloren. Ebenso ging es den 
Weibern, wenn sie zum erstenmal im 
Garten umgruben 82 ). Den Kehricht 
darf man nicht über die S. fegen, sonst 
kehrt man das Glück hinaus 83 ). Junge 
Kälber werden nicht über die S. getrie¬ 
ben, sondern getragen, als ob sie so im 
Schutze des Hauses blieben 84 ). Die 
erste Milch nach dem Kalben wird beson¬ 
ders zubereitet und dann in der Stube 
gegessen; sie darf nicht über die S. ge¬ 
tragen und nur im Hause genossen wer¬ 
den 85 ). Das Überschreiten der S. be- 


I 5 I 9 


Schw eile 


1521 


Schwelle 


1522 


1^20 


deutet bei den Lappen und Magyaren, 
daß man sich unter den Schutz der Fa¬ 
milie und der Hausgeister stellt 86 ). Die 
Hexe spuckt beim Verlassen ihres Hauses 
auf die S. 87 ). 

1) Übergangsriten und Riten bei 
der Aufnahme in die Hausgemein¬ 
schaft. Es handelt sich hierbei um ver¬ 
schiedene Arten von Handlungen, die an 
den wichtigsten Einschnitten des Lebens, 
die Trennung vom alten Lebensabschnitt 
und die Aufnahme in den neuen herstei¬ 
len und zugleich während des gefährdeten 
Überganges Schutz vor bösen Einflüssen 
gewähren 88 ). 

a) Geburt und Taufe. Die Wöch¬ 
nerin darf (besonders vor dem 9. Tag) 
nicht über die S. 89 ) (sie muß zu¬ 
erst 27 Wassersuppen essen ) 90 ), sonst 
kommt etwas über sie. Muß sie vor der 
Aussegnung ausgehen, so muß sie zuerst 
den rechten Fuß über die S. setzen und 
sich gut umsehen, ob eine verdächtige 
Person in der Nähe ist, die ihr schaden 
könnte 91 ). Tritt eine Wöchnerin über 
die S., so muß sie den Atem anziehen 92 ). 
Besonders deutlich zeigt der altrömische 
Brauch, nach der Entbindung die S. mit 
einem Beil und einer Mörserkeule zu 
schlagen und dann mit einem Besen zu 
fegen, daß man sich die S. bei der Geburt 
von Dämonen bedrängt vorstellte 93 ). 
Das ungetaufte Kind darf nicht über 
die S. des Hauses kommen, damit ihm 
die bösen Geister nicht schaden können, 
damit es nicht ein Ausreißer wird, der 
seine Eltern verachtet 94 ). Wird das un¬ 
getaufte Kind über die S. getragen, so 
spuckt die Mutter aus (Norwegen 95 ), 
Ungarn) 96 ). Auf daß der erste Ausgang 
des Neugeborenen glücklich sei, legt man 
ein Gebetbuch auf die S. und über¬ 
schreitet diese mit dem rechten Fuß 97 ). 
In Ostpreußen und in Westfalen muß 
der zur Kirche gehende Taufzug über eine 
Axt und einen Besen auf der S. hinweg¬ 
schreiten 98 ). Das (erste) 99 ) Badewasser des 
Neugeborenen darf man nicht unter 
freiem Himmel ausschütten, sondern muß 
es unter die S. gießen 100 ). Wenn in 
Litauen der Täufling von der Kirche 
zurückgebracht wurde, so hielt ihn der 


Vater eine zeitlang über die S., um das 
neue Familienmitglied unter den Schutz 
der Hausgeister zu stellen 101 ). 

b) Hochzeit. Unter die Aufnahmeriten 
bei der Hochzeit scheint früher ein Opfer 
an die S. gehört zu haben. Die schwedische 
Braut auf der Insel Worms muß beim 
Eintritt in das neue Wohnhaus auf jede 
S. eine Kupfermünze legen. In der 
frz. Schweiz wurde früher die S. des 
Hauses des Bräutigams ganz mit öl 
eingerieben. In Bulgarien bestreicht 
die Braut alle S.n, die sie überschreitet 
mit Honig. In Rumänien bestreicht sie 
die S. mit etwas Butter und Honig, bei 
den griechisch orthodoxen Bosniern küßt 
die Braut die S. und opfert einige Kupfer¬ 
münzen, die dem gehören, der sie auf¬ 
hebt 102 ). In Thüringen gibt die Braut 
dem Ärmsten des Dorfes, der sich neben 
die Tür stellen muß, beim Überschreiten 
der S. Geld und Kuchen 103 ). Die Braut 
darf die S. nicht betreten, sie wird über 
die S. gehoben im alten Rom 104 ), in 
Schlesien 105 ), in der Alt mark 106 ), in 
Brandenburg 107 ), in manchen Gegenden 
von Lothringen 108 ), der frz. Schweiz 109 ), 
in Frankreich, Wales, Lincolnshire, Schott¬ 
land no ), bei den Serben in Slavonien m ), 
den Neugriechen U2 ), in Palästina, Ru߬ 
land, Indien, Java, Afrika 113 ). Die römi¬ 
sche Braut wurde beim ersten Betreten 
des Hauses ihres Gatten mit Wasser und 
Feuer empfangen 114 ). Das Brautpaar 
muß beim Verlassen des Hauses, um in 
die Kirche zu gehen, über einen auf die S. 
gelegten Feuerbrand 115 ), ein Messer mit 
drei Kreuzen 116 ), eine mit der Schneide 
nach oben liegende Axt 117 ), einen Besen 
hinwegschreiten 118 ), oder der Hochzeits¬ 
lader macht beim Verlassen des Hauses 
mit dem Schwert drei Kreuze auf die 
S. 119 ). 

c) Beim Einziehen darf man nicht 
auf die S. treten, weil man sonst kein 
Jahr in der Wohnung bleibt lao ). 

d) Aufnahme des Gesindes. An der 
Niederwupper gab man dem neu ein- 
tretenden Gesinde auch einen gepulver¬ 
ten Spließ aus der S. ein. Der Betreffende 
war dagegen verpflichtet, den anderen 
Personen ein Trinkgeld zu geben 121 ). 


Abschnitzel von der S. gibt man der 
neuen Magd ein, damit sie nicht fort 
läuft 122 ). Wenn eine neue Magd zum 
erstenmal in den Kuhstall tritt, muß sie 
die S. mit dem rechten Fuß überschrei¬ 
ten 123 ). Der neue Knecht muß mit der 
Mütze dreimal an die S. schlagen 124 ). 

e) Aufnahme der neuen Tiere. 
Früher ließ man ein neues Stück Vieh 
mit dem rechten Fuß über einen auf die 
Stalls, gelegten Besen oder Groschen 
schreiten, den man den Armen gab 125 ). 
Vor die S. legt man eine Axt (Beil, auch 
Messer oder Schere 126 ), Hacke 127 )), einen 
Besen, dann bleibt das neuerworbene 
Tier vor Krankheit bewahrt 128 ). Vor 
Unheil beschützt man es, wenn man eine 
Mistgabel oder eine Brieftasche mit Geld 
und Hacke, oder eine Hacke mit der 
Schneide nach oben, ein Gebetbuch und 
einen Rosenkranz 129 ), einen Dreifuß und 
eine Schürze 130 ), ein Stück Brot 131 ), ein 
Messer auf die S. legt und spricht „im 
Namen“ usw. 132 ). Man führt das Vieh mit 
gehaltenem Atem über das Beil unter der 
S., es schreit dann nicht 133 ). Man nimmt 
Mispel vom Birnbaum, schneidet dem 
neuen Pferd vom Schopf und Schweif 
etliche Haare und bindet alles in ein 
Tüchlein. Wenn das Pferd im Stall steht, 
bohrt man ein Loch in die S., steckt das 
Zusammengebundene hinein und schließt 
es mit einem Nagel aus Haselnuß zu. 
Hierauf führt man das Pferd so weit, bis 
es mit dem einen Fuß über die S. tritt, 
zeichnet den Huf auf der Erde ab, schnei¬ 
det die Erde mit dem Messer aus, und 
in das Loch streut man Salz und legt das 
heraus Genommene wieder darauf 134 ). 
Wenn man einen neuen Hund bekommt, 
muß man Hundehaare in der S. ver- 
pflocken 135 ). Um die Schweine bald an 
den Stall zu gewöhnen, braucht man nur 
bei ihrem ersten Auslassen einige Borsten 
aus dem Rücken zu raufen, dieselben 
unter die S. des Stalles zu legen und dabei 
zu sagen: „Schwein komm wieder in deine 
StelT, als wie der Advokat in dieHöll“ 136 ). 

f) Beim Eintreiben des Viehes 
im Herbst. Man legt ein scharfes 
Beil auf die S. 137 ) oder hackt drei 
Kreuze in die S. 138 ). 


2. Verlassen der Hausgemein¬ 
schaft. 

a) Tod. Der Sarg soll beim Hinaus¬ 
tragen dreimal auf die S. (auf alle 
S.n des Hauses) 139 ) niedergesetzt 
werden 140 ). Ais Grund wird angegeben, 
daß der Tote in diesem Hause kein Recht 
mehr habe 141 ); damit der Tote die S. 
nicht mehr überschreite 142 ); damit der 
Segen des Verstorbenen im Hause blei¬ 
be 143 ). In Abtsgemünd wird der Sarg 
nur noch bei der Beerdigung eines Kindes 
dreimal auf die S. gestellt. Hier tut man 
es, damit das tote Kind nicht eines aus 
der Familie nachhole 144 ). Vgl.: Ein im 
1. Lebensjahr verstorbenes Kind kehrt 
unter der S. um, d. h. es holt sich im 
Laufe des Jahres noch ein Familien¬ 
glied nach 145 ). Ein Vampir erhält 
etwas Erde von der S. in den Sarg, da¬ 
mit er nicht ins Haus zurückkehren 
kann 146 ). Anderwärts aber darf der Sarg 
die S. nicht berühren, damit der Tote 
nicht am Geistersitz haften bleibe 147 ), 
nicht niedergesetzt werden, weil sonst 
alle im Hause sterben müßten 148 ). 
Der Sarg wird in solchen Gebieten beim 
Heraustragen an derS. dreimal gesenkt 149 ), 
oder man zeichnet durch Hin- und Her¬ 
schwenken des Sarges drei Kreuze über 
die S., damit der Tote nicht wieder¬ 
kehrt 15 °). Denselben Sinn wie die er¬ 
wähnten drei Kreuze haben die Axt oder 
das Schloß, das beim Hinaustragen des 
Sarges auf der S. liegen muß (Ostpr.) 151 ). 
Der Leichenbitter darf die S. nicht über¬ 
schreiten, sonst wird der Tod ins Haus 
gebracht 152 ). Wenn der Sarg über die 
Haustür hinaus ist, werden die Stühle 
im Sterbezimmer umgekippt, Gestelle 
oder die Bänke, auf denen der Sarg ge¬ 
standen ist, umgestürzt oder zerbrochen, 
das Leichenbrett umgewendet 153 ). Ist die 
Leiche zur Tür hinaus, schüttet man an der 
oberen Donau ein Schaff Wasser auf die S., 
damit der Tote nicht wiederkehrt 154 ). 

b) Beim Verkauf des Viehes. 
Als die verkaufte Kuh aus dem Stall 
geholt werden sollte, bat die Frau um 
etwas Geduld, sie suchte, während sie 
ein Messer schon in der Hand hatte, 
ein Beil. Der Käufer erriet die Absicht 


Schwelle 


1524 


1523 

und wollte abwehren. Die Frau aber 
sagte: Still, still, still, anders geiht dat 
Glück nich öwem süll! Messer und Beil 
legte sie kreuzweise über die S. und ließ 
die Kuh hinübergehen 155 ). 

c) Beim ersten Austrieb des Viehs. 
Beim ersten Austrieb legt man ein Beil vor 
die S. gegen Hexerei 156 ); ein Beil mit der 
Schneide nach oben, damit es auf der 
Weide keinen Schaden erleide 157 ), damit 
die Kälber keine schlimmen Beine be¬ 
kommen 158 ); damit das Vieh allem Schar¬ 
fem aus dem Wege gehe 159 ). Gutes Ge¬ 
deihen bringt es dem Vieh, wenn es das 
Beil nicht berührt, Mißgedeihen, wenn 
es dran stößt 160 ). Einige Leute legen 
beim Austrieb ein frisches Ei (so auch 
die Esten) 161 ), ein Beil (oder eine Schüs¬ 
sel) 162 ) samt einem Beil unter die Stalls, 
und bedecken es mit einem Stück Rasen, 
das schützt gegen Behexung 163 ); oder 
ein Beil und eine blaue Schürze 164 ); 
einen roten Strumpf 165 ); einen Besen 166 ); 
ein rotes Tuch u. einen Kreuzdornstock 167 ). 
Wenn man auf die Stalls., über die das 
Vieh zur Weide geht, mit einer geweihten 
Kreide ein Kreuz macht, bleibt das Vieh 
vom Blähen verschont 168 ). Man legt ein 
Kreuz aus geweihten Palmen vor oder 
hinter die S. (Baden) oder kreuzweis 
gelegte Palmzweige (Steiermark), damit 
die Tiere beim ersten Austrieb darüber¬ 
schreiten müssen 169 ). Man legt ein Band 
quer vor den Eingang des Gottesackers, 
so daß eine Leiche darüber hinweg 
getragen wird; dann legt man das Band 
quer vor die S. des Stalles, daß die Kühe 
beim ersten Austrieb darüberschreiten 
müssen. Die Kühe grasen dann ruhig und 
laufen nicht davon 170 ). In Norwegen 
muß die Sennerin, wenn sie zum ersten¬ 
mal zur Sennhütte kommt, etwas Erde 
vor oder hinter der S. mit Salz zusammen 
den Tieren geben 171 ). Nach dem Kalben, 
wenn die Kuh das erstemal den Stall ver¬ 
läßt, wird sie an der S. über eine Axt ge¬ 
führt, sonst bleibt sie nicht gesund 172 ). 
Wenn man das Kalb von der Kuh nimmt, 
muß man eine Schürze über die S. werfen, 
dann bekommt sie kein Heimweh 173 ). 

74 ) Rochholz Glaube 2, 157. 75 ) Kuhn 

Westfalen 1, 74 Nr. 2. 76 ) Ebd. 1, 216 Nr. 244. 


77 ) Lüers Sitte und Brauch 22. 78 ) Gräber 

Kärnten 35. 79 ) Wolf Beiträge 1, 258; Urquell 
1, 186. 80 ) Kristian Bugges Samlinger 3, 

140, ade. 81 ) Joh. Ska.T Gamalt or Saetesdal 8. 
82 ) Kuhn Westfalen 2, 153 Nr. 428. 83 ) John 

Westböhmen 251; W. 397 § 610; Schlesw. Holst.: 
ZfVk. 20, 383 Nr. 33. In Bulgarien sollen Mäd¬ 
chen die S. nicht kehren, sonst bekommen sie 
große Brüste, was als unschön gilt ZfVk. 11, 
264. Vgl. Kehren der S. als Abwehr bei den 
Römern Liebrecht Gervasius 99. 100 und 

u. V. 1, a. 84 ) Saterland ZfVk. 3, 390; Stracker- 
jan 1, 446 Nr. 244. 85 ) Schulenburg Wend. 

Volkstum 115. 86 ) Trumbull Threshold 12. 

87 ) Gräber Kärnten 39. 88 ) Gennep Rites de 
Passage c. 1. 89 ) Höhn Geburt Nr. 4, 265; ebenso 
bei den Parsis Samter Geburt 139. 90 ) Drechs¬ 
ler 1, 204. 91 ) Hartmann Dachau und Bruck 
202 Nr. 37. 92 ) Drechsler 1, 205. 93 ) Samter 
Geburt 29 ff. 94 ) John Erzgebirge 52; Andree 
Braunschweig 288. 95 ) Reichborn-Kj enn e- 

rud Trolldomsmedisin 2, 89. 9fi ) Samter Geburt 
139 - 97 ) Iglauer Sprachinsel ZfVk. 6, 254. 98 ) 

W. 387 § 591. ") Kristian Bugges Samlinger 
3, 149 Nr. 18. 10 °) Norwegen, Reichborn- 

Kjennerud Trolldomsmedisin 2, 94. 101 ) Trum¬ 
bull Threshold 19. 102 ) Samter Geburt 140. In 
Palästina kommt das junge Mädchen mit einem 
Gefäß Wasser auf dem Kopf. Indem sie die 
S. ihres zukünftigen Mannes überschreitet, 
läßt er das Gefäß herabfallen. Tr um bull 
Threshold 26—29 faßt diese Zeremonie als Li- 
bation auf, Gennep Rites de passage 191 als 
rite d'agregation. 103 ) W. 371 § 563. J04 ) Sam- 
terGeburt 136. 105 ) Drechsler 1, 264. 106 )Tem- 
me Altmark 73. 107 ) Weinhold Frauen 1, 380. 
108 ) Reinsberg Hochzeitsbuch 251. 109 ) Ebd. 

106. no ) Frazer Folklore in the old testament 

з, 9. ni ) Reinsberg Hochzeitsbuch 84. 112 ) 

Samter Geburt 136. 113 ) Frazer Folklore in 

the old testament 3, 6 f. Bei den Mordwinen 
und in China. Samter Geburt 136. Dieses He¬ 
ben über die S. wurde von verschiedenen For¬ 
schern, Rossbach, Leopold v. Schroeder 

и. a., als Rest des alten Frauenraubes aufgefaßt, 
eine Hypothese, die wohl nicht haltbar ist. 
Zachariae (Zeitschr. f. d. Kunde des Morgen¬ 
landes 18, 140) meint, das Nichtberühren der 
S. sei nur sekundär, in der Hauptsache komme 
es auf das Heben an. Samter erklärt das 


Nichtberühren und die vorerwähnten Opfer 
durch die Voraussetzung, daß die S. der Auf¬ 
enthalt der Seelen sei. Geburt 140 in Überein¬ 
stimmung mit Winternitz Altindisches Hoch¬ 
zeitsritual 79 und Frazer Folklore of the old 
testament 3, 11. Gennep faßt das Heben über 
die S. als rite de passage 186. 114 ) Samter 

Familienfeste 14. 115 ) W. 371 § 563. 116 ) Brun¬ 
ner Ostdeutsche Volksk. 172. 117 ) Ostpr. Hess. 

Ebd. 118 ) W. 371 § 563. 119 ) Brunner Ost¬ 
deutsche Volksk. 173. l2 °) Drechsler 2, 2 f. 

m ) ZfrwVk. 4, 294; Wrede Rhein. Volksk. 
200. 123 ) Fogel Pennsylvania 153 Nr. 721. 

123 ) W. 404 § 623. 124 ) Ebd. 125 ) Meyer Baden 


399. 126 ) Strackerjan 1,433 t.; Grohmann 


1525 


Schwelle 


1526 


Aberglaube 137 Nr. 996. 127 ) Köhler Vogtland 
427. 128 ) ZfVk. 1, 187. 129 ) John Westböhmen 
208. 13 °) Wolf Beiträge 1, 219. 131 ) Schlesien 

ZfVk. 11, 352. 132 ) ZfVk. 10, 208. 139 ) Wolf 

Beiträge 219. 134 ) Haltrich Siebenbürgen 279. 
135 ) F 0 gel Pennsylvania 145 Nr. 676. 136 ) Köh¬ 
ler Vogtland 428 = W. 437 § 687. 43 ') Strak- 
kerjan 1, 433. 138 ) Bartsch Mecklenburg 2, 

141. I39 ) Oberpfalz, Niederbayern, an der Glon, 
am Inn, zwischen Inn und Salzach; Lammert 
106; Höhn Tod Nr. 7, 337; Schulenburg 
in. 14 °) Grimm Myth. 3, 464 Nr. 846; Drechs¬ 
ler 1, 301; Pollinger Landshut 299; Schön¬ 
werth 1, 250; John Westböhmen 263; Wenden 
Oberlausitz ZfVk. 10, 120; Jüterbock-Lucken- 
walde ZfVk. 9, 444 ; Iglau ZfVk. 6, 409. 141 ) 

SchwVk. 8, 38. 142 ) Schönwerth 1, 250t.; 

Rochholz Glaube 1, 197; Köhler Vogtland 
253; Drechsler 1, 301; Franzisci Kärnten 
81; John Westböhmen 174; Lammert 106. 

143 ) Grohmann Aberglaube 189 Nr. 1342. 

144 ) Höhn Tod Nr. 7, 338. 145 ) Köhler Vogt¬ 
land 441. 146 ) Seefried - Gulgowski 191. 

147 ) Lüers Sitte und Brauch 95 f. 148 ) W. 464 

§ 736. 149 ) Schramek Böhmerwald 228. 15 °) 

Drechsler 1, 302; ZfVk. 8, 447. i«) W. 464 

§ 736. 152 ) ZfrwVk. 1, 54; ZfVk. 3, 151. 1 33 ) Sey- 
farth Sachsen 26. 154 ) Samter Geburt 87. 

m ) Strackerjan 1, 434. '$*) ZfVk. 15, 143. 

157 ) Bartsch Mecklenburg 2, 141. i* 8 ) Strak- 
kerjan 1, 433. i* 9 ) ZrwVk. 3, 231. 1«°) ZfVk. 

24, 61. 161 ) Meyer Aberglaube 224. 162 ) W. 

77 § 89. 163 ) Mannhardt Germ. Myth. 11 = 
Temme Altmark 7. 164 ) Grimm Myth. 3, 460 
Nr. 752. 165 ) Ebd. 3, 468 Nr. 927. ™ 8 ) Stracker¬ 
jan 1, 437 Nr. 235. i« 7 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 142. 168 ) Reiser Allgäu 2, 438. 169 ) 

Meyer Baden 137. 1™) Bartsch Mecklen¬ 

burg 2, 147. 171 ) Kristian Bugges Samlinger 
3 * *45 Nr. 11, b. 172 ) Andree Braunschweig 
401. 173 ) Fogel Pennsylvania 171 Nr. 815. 

VI. S. als Ort zauberischer Hand¬ 
lungen. 

a) Sicherung des Segens: Über¬ 
reste von Hingerichteten unter der S. 
vergraben verschaffen beständigen Haus¬ 
segen 174 ). Legt man einen Maul¬ 
wurf unter die S., so wird das Vieh 
hübsch 173 ). Wer Glück haben will, 
legt einen Pfennig unter die S. 176 ). Ein 
mit einem Loch versehenes, gefundenes 
Stück Geld auf die S. genagelt, bringt 
Glück 177 ). Um viele Käufer zu haben: 
,,Jezt tret ich über die S.en und nehme 
Gott zum Mitgesellen, daß die Leute 
kommen von nah und fern wie zur Zeit 
da St. Johannis taufte im Namen des 
Herrn“ usw. 178 ). An der. S. von Hand¬ 
lungen, Wirtshäusern schlägt man Mün¬ 
zen oder ein Hufeisen 179 ) an, die bringen 


Schefas (reichliche Losung) 18 °) (S. auch 
unter Schutz und Abwehr). 

b) Eidzauber. Nach dem Titel 58 der 
Lex Salica geht der Wergeidschuldner in 
sein Haus, nimmt aus den vier Ecken 
eine Handvoll Erde, stellt sich auf die 
S. und wirft, nach dem Innern des Hauses 
schauend, die Erde mit der linken Hand 
rückwärts über die Schulter auf den 
nächsten Verwandten. Nach Gold¬ 
mann 181 ) handelt es sich bei dem Chrene- 
crudawurf um einen Eidzauberakt, wie 
er aus einem andern niederdeutschen 
Recht, dem friesischen, bekannt ist. Die 
friesische Witwe, die ihren Ehesitz ver¬ 
lassen soll, mußte auf der S. ihren Kin¬ 
dern, falls diese es verlangten, einen 
Vieheid, d. h. einen in der Verfluchung 
ihres Vermögens gipfelnden Eid leisten, 
daß der ihr gemachte Vorwurf einer 
Verheimlichung von Gut beim Verlassen 
des Ehesitzes ungerechtfertigt sei 182 ). 

c) Geisterbannen. Ein Priester, der 
einen Bilwis bannen will, muß unter der 
Tür mit einem Fuß vor, mit dem anderen 
hinter der S. stehen 183 ). 

d) Schadenzauber. Schon im Alter¬ 
tum meinte man durch Vergraben ver¬ 
schiedener Dinge unter der S. dem 
Feinde Schaden zuzufügen 184 ). Nägel 
vom Kopfbrett eines Leichen sarges, 
unter die S. gelegt, bringen dem 
Hausherrn die Abzehrung 185 ). Fin¬ 
det man einen verrosteten Sargnagel auf 
dem Friedhof und schlägt ihn in die S. 
seines Feindes, wird dieser abgezehrt, 
so wie der Nagel plattgetreten wird 186 ). 
Man vergräbt das Haar eines Menschen 
vor der S.; sobald er darüberschreitet, 
muß er sterben 187 ). Eine 1521 wegen 
Zauberei verbrannte Bäuerin gestand, 
sie habe unterm Galgen Totengebein 
aufgelesen, es mit Menschenhaar ge¬ 
bürstet und gebunden und unter der S. 
vergraben. Dadurch sei eine Frau un¬ 
fruchtbar, ein Mann impotent und sechs 
Hengste störrisch geworden 188 ). Hexen 
legen oder vergraben unter die S. Toten¬ 
gebein, Haar und Nägel von Toten, das 
bewirkt unabwendbares Verderben 189 ). 
Die Milch wird durch Galgenholz unter 
der S. vertan 190 ). In Polen kann man 


1527 


Schwelle 


1528 


durch Vergraben einer jüdischen Leiche 
unter der S. des Schafstalles den Tod 
der Herde bewirken 191 ). Um gewisse 
Krankheiten über die Herde des Feindes 
zu bringen, vergräbt man am ersten 
Donnerstag nach Neumond um Mitter¬ 
nacht ein Stück einer christlichen Lei¬ 
che lö2 ) (Vgl. Sicherung des Segens 
durch Überreste eines Hingerichteten 
Via). Knochen von einem gefallenen 
Tier unter der Stalls, bringen Unglück, 
oder auch Haare, besonders Menschen¬ 
haare, in einem recht verworrenen Knaul 
verscharrt 193 ). Legt man ein Stück 
Luder unter die Stalls., so ist kein Pferd 
aus demselben zu bringen 194 ). Vergräbt 
man eine tote Katze 195 ) oder gefallenes 
Vieh 196 ) unter der S., bringt man Unglück 
über den Betreffenden (vgl. Vergraben 
von toten Tieren zur Abwendung von 
Seuchen III b). Das Vieh wird von Hexen 
durch Vergraben 197 ), Bestreichen 198 ) von 
Hexenpulver oder von Bitweisem durch 
Vergraben von Teufelswerk 199 ) vertan. 
Der Leibarzt Kaiser Maximilians II. 
widmet den unter der S. verborgenen 
Gegenständen ein ganzes Kapitel seines 
Buches von ,,Heylung zauberischer Schä¬ 
den“ 200 ). Ein Knecht sah, wie eine Frau 
ein Päckchen unter die Stalls, vergrub; 
er nahm es heraus und vergrub es unter 
die S. der Frau, der nun ein Stück Vieh 
nach dem andern starb 201 ). Als das Vieh 
behext war, ließ der Geistliche unter der 
S. nachgraben; man fand drei weiße 
Schachteln, die man auf offenem Acker 
vergrub, und das Vieh wurde gesund 202 ). 
Einem Bauer, der mit den Hühnern Un¬ 
glück hatte, riet ein kluger Mann, das, 
was er unter der S. vergraben fand, zu 
kochen; sie fanden ein großes Stück 
Fleisch und eine sehr große Kröte 203 ). 
Viele stehen in dem Wahn, daß sie 
durch . . . Vergrabung einer Kröte oder 
Eidechse unter der S. ganz verkommen 
müßten 204 ). Als man die S. zu einem 
neuen Hause legte, kam eine alte Frau 
und sah der Arbeit zu. Man wurde ein 
wenig ängstlich, aber die S. wurde doch 
gelegt. Indessen starb die Tochter des 
Eigentümers noch im selben Jahr, da 
wurde die S. wieder herausgenommen 205 ). 


Die Hostie wird zu Zauberzwecken unter 
der S. vergraben 206 ). Wetzt man ein 
Messer auf der S., wo eine Schwangere 
wohnt, so geht das Kind zurück und ärzt¬ 
liche Hilfe ist nötig 207 ). Ein Knoten 
unter die S. eines neuen Hauses ver¬ 
graben, bewirkt, daß die Frau des Hauses 
kränklich wird (1727 Schweden in Finn¬ 
land) 208 ). Eine Hexe wollte zur Kirche 
und befahl dem Mädchen beim Weg¬ 
gehen, etwas Milch von der besten Kuh 
in ein Loch der S. zu gießen. Das Mäd¬ 
chen wollte, daß die Hexe entdeckt 
werde, und goß kochendes Wasser in 
die S. Da schrie die verbrannte Hexe 
aus Leibeskräften in der Kirche 209 ). 

Prügelzauber. Wenn man seine Jacke 
auf die S. legt und recht peitscht, treffen 
die Schläge den, den man im Sinn hat 210 ) 
(S. auch Gegenzauber). 

e) Liebeszauber. In der Antike: Nach 
Sophron wurden die Zaubermittel unter 
den Türangelzapfen auf die S. des Ge¬ 
liebten hingeschmiert, nach Theokrit auf 
die Oberfläche der S. und ähnlich bei 
Ovid 211 ). Eine Frau kann einen Mann 
seiner Frau abwendig machen und an 
sich fesseln, wenn sie eine Kröte unter 
seine S. vergräbt, sobald er darüber¬ 
schreitet, ist er gefesselt 212 ). In Ungarn 
stiehlt das Mädchen etwas von dem un¬ 
willigen Geliebten und bringt es einer 
Hexe, die das Gestohlene mit anderen 
Dingen in einem Topf mit einem Zauber¬ 
spruch unter der S. des betreffenden 
vergräbt 213 ). Will man häufigen Besuch 
des Geliebten, so reißt man ihm heimlich 
ein Haar aus und steckt es unter die eigene 
Türs. 214 ). Leidenschaftliche Sehnsucht 
kann hervorgerufen oder geheilt werden, 
wenn man kreuzweise drei Beinchen 
von einem toten Menschen, dazu Haare 
und Eierschalen unter die S. legt 215 ). 
Um die Liebe eines Schmiedes zu ge¬ 
winnen, wurden ein Knoten und andere 
Dinge unter seiner S. vergraben 216 ). 

f) Gegenzauber, aa) Ausgraben und 
Vergraben. Das erste, das man tun muß, 
hält man sein Vieh für verhext, ist u. a., 
daß man die S. untergräbt. Findet man 
Kohlen, Haare, Pflanzenwerk, Lappen 
etc., so ist es Zauberwerk und muß ver¬ 


1529 


Schwelle 


153° 


brannt werden 217 ). Um zu wissen, ob 
das Vieh behext ist, steckt man ein Messer 
in die Stalls.; auf die Klinge legt man 
Osterbrot. Fehlt es im ganzen Stall, so 
fällt das Brot herunter, und die Klinge 
bricht; fehlt es nur bei einigen Stücken 
Vieh, so dreht sich nur das Brot um 218 ). 
Der Gießner Stadtphysikus Dr. E. Gocke- 
lius erzählt von sich, daß er samt seinen 
Hausgenossen und Haustieren ohne er¬ 
kennbare Ursache erkrankt sei und 
,,nicht eher einig Remedium erfunden 
worden, biß ongefähr die Magd unter der 
Türs. ein Töpfchen und in demselben 
ein mit Lappen und Faden umwickeltes 
Ei angetroffen; sobald diese Dinge weg¬ 
genommen worden, habe das Malum auf¬ 
gehört “ 219 ). Unter der S. fand man ein 
Pferdeskelett 220 ) (Knochen, Norwe¬ 
gen) 221 ), man vergrub es wieder und 
schlug darüber einen Eggezinken in die 
S., seither gediehen die Pferde 222 ). Ein 
Bauer, der mit den Hülmern Unglück 
hatte, grub auf klugen Rat ein großes 
Stück Fleisch und eine große Kröte unter 
der S. hervor und warf die Dinge in einen 
bereitgehaltenen Kessel mit Wasser überm 
Feuer. Gleich kam die Nachbarsfrau 
und wollte etwas leihen. Dadurch er¬ 
kannte man die Hexe und jagte sie aus 
dem Haus 223 ). Ein Bauer kochte auf 
guten Rat hin ein Stück Knäul. Sobald | 
er ins Kochen komme, würde der Mensch 
erscheinen, der das Vieh behext habe. Er 
machte nicht auf und vergrub das Knäul 
unter der Stalls. 224 ) und das half. Gegen 
Bezauberung des Viehs vergrabe man 
Teufelsdreck und reine Asche zwischen 
zwei reinen Topfdecken unter die S. des 
Pferdestalles 225 ). In Pommern schneidet 
man schweigend einem Tier ein Stück 
Haut aus und begräbt es unter der S. 226 ). 
In Kärnten gräbt der Zauberer nachts 
von 10 Uhr angefangen unter der S. des 
Stalles, wo die Krankheit ist, bis er die 
Figur eines eisernen Rindes findet, die 
einst zur Abw r ehr hier begraben wurde. 
Dann nimmt er einige Haare des ver¬ 
zauberten Tieres und verkeilt sie unter 
Gemurmel in einen lebenden Baum 227 ). 
Wenn eine Kuh die Milch verliert, macht 
der Schwarzkünstler ein Kreuz aus Lär¬ 


chenholz und legt es unter die Hoftors.,, 
vergräbt um Mitternacht einen lebendigen 
Igel unter die Stalls., zerreibt eine leben¬ 
dige Fledermaus in Schweinefett und 
beschmiert alle S.n, über die das Vieh 
gehen muß 228 ). 

bb) Verpflocken, schlagen usw. 
Wenn eine Kuh die Milch verliert: 
Etliche Tropfen Milch ausmelken, 
nimm einen Erbbohrer und bohre ein 
Loch in die S., steck einen Pfropfen 
hinein und schlage darauf, beim dritten 
Male ist die Hexe tot 229 ). In einem an¬ 
deren Fall muß außer der Milch noch 
etwas ,,in der Stadt“ Gekauftes ver- 
pflockt werden 230 ). Wenn die Kuh ver¬ 
hext ist, verbohrt man drei geweihte 
Palmenkätzchen in der S. 231 ). Wenn 
eine Kuh rote Milch gibt, so habe drei 
Schalen unter der Stalls, und tropfe 
drei Tropfen Milch hinein in den drei 
höchsten Namen und lege dann jedes 
wieder an seinen Platz 232 ). Wenn die 
Milch nach dem Melken gerinnt, gießt 
man sie auf drei S.n und schlägt sie mit 
dem Besen, bis sie trocken sind (Ost¬ 
preußen) 233 ). Eine sehr verwickelte Vor¬ 
schrift, um die Milch zu entzaubern, wobei 
ein Seihtuch über drei S.n geschleift 
werden muß, ist aus Dänemark berich¬ 
tet 234 ). Um Hexen, die Schaden ge¬ 
stiftet hatten, zu verbannen, erhielt 
eine Frau vom Scharfrichter eine Hand¬ 
voll Kräuter, die sie kochen mußte. Der 
Sud mußte kreuzweise über die S. ge¬ 
gossen und der Spruch gesagt werden: 
Ich gieße das Kreuz böser Leute meinem 
Nutzen 235 ). Wenn eine Henne kräht, 
also Unglück verkündet, so muß man 
sie nehmen, mit ihr die Länge der Stube,, 
von der der Stubentür entgegengesetzten 
Wand an messen, indem man sie immer 
kopfüber umdreht; kommt bei der letzten 
Umdrehung der Kopf der Henne nach 
der S., so schlägt man ihr den Kopf ab,, 
kommt das Schwanzende dahin, so schlägt 
man ihr diesen ab 236 ). 

g) Diebszauber. Man schlägt drei 
Roßnägelstempel in drei Teufelsnamen 
in die S. des Einfahrttores, wodurch 
der Dieb gezwungen wird, das Gestoh¬ 
lene zurückzubringen 237 ). Schreib auf 



Schwelle 


1532 


1531 


zwei (drei) 238 ) Zettel folgende Worte, 

dann leg' das eine über die Tür und das 

andre unter die S. (das dritte an den Ort, 

wo er's gestohlen), so bringt er am dritten 

Tag das Gestohlene 239 ) (wenn er’s nicht 

verkauft hat); dann folgt die Formel. 
• • 

Ähnlich heißt es in Island: Leg das 
Diebeszeichen unter die S. deines Fein¬ 
des und er wird, wenn er darüber geht, 
zusammenfahren, falls er an dir einen 
Diebstahl begangen hat 24 °). 

h) Heilzauber. Ein krankes Kind legt 
man auf die S. 241 ), geht dreimal gegen 
die Sonne ums Haus und sagt einen 
Spruch 242 ). Am Donnerstag Abend 
knien Patient und Besprecher auf der 
S. nieder, da kann die Besprechung 
gegen das Knarrband oder Knirrband 
(Verrenkung der Hand) vor sich gehen 243 ). 
Weit verbreitet ist diese Art des Heil¬ 
zaubers in Norwegen, der öfters dreimal 
auf drei S.n ausgeführt werden muß 244 ). 
Auch bei den Schweden Finnlands wird 
der „Knarren“ so geheilt, daß die Hand 
auf der S. liegt, drei Strohhalme darüber 
gelegt und unter einer Frage- und Ant¬ 
wortformel auf beiden Seiten abgehackt 
werden 245 ). Auch den Schlag in der Hand 
oder im Fuß heilt man auf der S. 246 ). 
Das Feuer für ein Zauberbad muß auf 
der S. gesägt werden 247 ). Die S. ist eine 
geeignete Stelle, wo die Krankheiten 
unter bestimmten Sprüchen eingepflockt 
wurden 248 ). Um das Vieh gesund zu 
machen, verpfiockt der Wunderdoktor 
ein Pulver in drei Löcher der S. 249 ). Um 
den Müttern die Milch zu vertreiben, 
fegen abergläubische Weiber von drei 
S.n Kutter zusammen und bestreuen 
damit die Brust in den drei hohen Na¬ 
men 250 ). Um die Kinder fürs ganze 
Leben vor Zahnschmerzen zu bewahren, 
stößt ein Pate bei der Taufe dreimal an 
die Kirchens. 251 ). Damit die Kinder 
leicht zahnen, legt man sie auf die Stuben- 
s. und schlägt ihnen mit der flachen Hand 
dreimal auf den Hintern 252 ). Ein Rezept 
gegen Zahnweh enthält u. a. die Vor¬ 
schrift, neun Tage keine S. zu berüh¬ 
ren 253 ). Fast allgemein verbreitet ist der 
Glaube, man könne Warzen vertreiben, 
indem man sie mit verschiedenen Dingen, 


am besten mit einem Stück Rindfleisch, 
einreibt und den Gegenstand unter der 
S. vergräbt 254 ), wenn man einen Woll- 
faden darum bindet und diesen unter der 
S. vergräbt (Norwegen) 255 ). Um Hühner¬ 
augen zu beseitigen, nimmt man einen 
Strohhalm, macht so viele Knoten als 
man Hühneraugen hat und legt diesen 
unter die S. Derjenige, der zuerst über 
die S. geht, erbt das Übel; der andere 
verliert es 256 ). Die Wöchnerin, die sich 
versehen hat, soll sieben aufeinander¬ 
folgende Freitage auf der S. mit dem 
Gesicht dem Haus zugekehrt sitzen, so 
wird das Kind sein Gebrechen los 257 ). 
In Nordland (Norwegen) kehrte eine 
Frau, die an einem Ausschlage (gust) 
leidet, den Staub von beiden Seiten der 
S. und warf den Staub auf die kranke 
Stelle 258 ). Gegen Schmerzen in den 
Lenden soll eine Frau, die zwei Söhne 
auf einmal geboren hat, dreimal die S. 
mit dem Fuße stampfen und dazu ge¬ 
wissen Unsinn sagen (um 1400) 259 ). In 
Schweden erbittet man von der Seejung¬ 
frau Wasser gegen Bezauberung und 
gegen Skrofeln, das man in einem Bohr¬ 
loch eines Dielenbrettes in der Nähe der 
S. auf bewahrt 26 °). Ein durch den bösen 
Blick erkranktes Kind wird auf der S. 
gewaschen 261 ). In der Herzegowina 
pflegen schwangere Frauen unter der S. 
durchzuschlüpfen, um leichter zu ge¬ 
bären 262 ). 

i) Abwehrzauber (s. u. Abwehr 
und Schutz). 

k) Verschiedene Zauberhand¬ 
lungen: 1) bei verschiedenen An¬ 
lässen. Damit die Schweine (das 
Vieh) 263 ) abends wieder nach Hause 
kommen, legt man ein Stück Wasch¬ 
tuch, einen Knieriemen (ne Schört) 264 ) 
auf die S. 265 ). Bauernfrauen heften, 
wenn eine Kuh des nachts auf dem Feld 
geblieben ist, eine Sichel in die S., damit 
das Tier vor den Wölfen sicher sei 266 ). Um 
eine baldige Kündigung zu verhüten, legt 
man einen Lenkhahl auf die S. 267 ). Wenn 
die Weiber aus der Kirche heimgehen, 
nachdem sie in die Kirche eingeführt 
wurden, pflegen sie auf ein an die S. ge¬ 
legtes Eisenstück zu treten, damit sie 


1533 


Schwelle 


1534 


so stark wie Eisen würden 268 ). Auf 
die S., die man mit dem Täufling über¬ 
schreitet, legt man eine Bibel oder ein 
Gesangbuch, dann wird das Kind 
fromm 269 ). Wenn ein junger Mann 
gern einen Bart bekommen möchte, so 
soll er, gleich nachdem ein junges Mäd¬ 
chen durch die Tür gegangen ist, sich 
stillschweigend niederlegen und die S. 
mit dem Munde scheuern 270 ). Nimm 
einen Eichenspan oder Holz und schreibe 
mit Hasenblut den Namen einer Frau 
auf die S., daß sie darüber gehen muß, 
und wenn sie darübergeht, so hebt sie 
das Gewand auf bis zum Nabel 271 ). Wenn 
man auf die Jagd geht, stößt man mit 
dem Flintenlauf dreimal unter die S. 
spuckt dreimal hin, mischt mit dem 
Staub einen Brei und bestreicht damit 
die Flinte, so trifft sie 272 ). Deine Kühe 
kannst du dir in folgender Weise nutzbar 
machen. Bei Neumond kaufe ein Ei, 
stoße es auf dem einen Ende durch und 
klopfe das Innere heraus. In die Schale 
melke deine Kühe, verklebe sie und ver¬ 
grabe sie unter die S., wo das Vieh heraus¬ 
geht 273 ). Die Toten kann man am Wieder¬ 
kehren verhindern, wenn man Leinsamen 
auf die S. streut 274 ) (Skandinavien). Bei 
Uneinigkeit in der Ehe opfert der Mann 
eine Henne, deren Kopf er am Samstag 
bei Neumond in der Dunkelheit ums Haus 
herum trägt, wenn seine Frau im Hause 
ist. Dann vergräbt er den Kopf unter 
der S. und sagt: „Bisher waltete dein 
Wille, von nun an soll der meinige gel¬ 
ten“. Mit dem Herzen und Schnabel muß 
er andere Zauber verrichten; dann wird 
ihm seine Frau nicht mehr widerspre¬ 
chen 275 ). 2) An bestimmten Zeiten: 

Fastnachtdonnerstag vor Sonnenauf¬ 
gang legt man eine Schürze auf die S., 
drei Brocken Brot mit Dreikönigswasser 
getränkt, dann jagt man die Hühner 
darüber, dann verlegen sie nicht 276 ). 

Hochzeit. Die Braut, die nach der 
Herrschaft im Haus strebt, läßt nach 
der Trauung ihren Gürtel und Trauring 
in die Türs. legen, daß der Bräutigam 
darüber schreitet 277 ). Der Bräutigam 
führt die Braut aus dem Haus und läßt 
sie an der S. dreimal unter seinem Arm 


durchgehen, damit in der Ehe alles nach 
seinem Willen geht 278 ). 

1 ) Zauber mitBestandteilen der S. 
1. Räuchern. Ist das Vieh vertan, nimmt 
man Holz von neun S.n und räuchert das 
Vieh damit 279 ). Ebenso räuchert man ein 
verschrienes Kind mit Holz und allen 
S.n und der untersten Treppenstufe 280 ). 
In Estland haut man ein Stück aus der 
S. und verbrennt es, wenn ein Mensch 
mit dem bösen Blick darübergegangen 
ist 281 ). 2. Eingeben. Nach dem Kalben 
gibt man der Kuh etwas von dem Holz 
sämtlicher S.n des Hauses im Futter 
ein 282 ) (Vgl. II c, III b). Der neuen 
Magd wird etwas von der S. eingegeben 283 ), 

c. o. V 1 d. 

174 ) W. 137 § 188. 175 ) Drechsler 2, 100. 

176 ) J ohn Erzgebirge 251. 177 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 312 Nr. 1517. 178 ) Ebd. 2, 351. 17# ) W. 
130 § 176. 180 ) Galizische Juden Urquell 4, 

75. 181 ) Chrenecruda Studien zum Titel 58 der 
Lex Salica, Deutschrechtliche Beiträge 13, 
H. 1, 107fl. 182 ) Ebd. in. Weitere Belege 
im germanischen Recht von Eiden, die an der 
S. abzulegen waren (ohne zauberischen Inhalt) 
ebd. 113 Anm. 4. 183 ) Schönwerth 3, 124. 

184 ) Plinius hist, nat . 25, 9; Horaz Sat. 1, 8; 
Epod. 5 und 17. Vgl. eine südslawische Be¬ 
schwörung, die so beginnt: Die Beschreiung 
sitzt auf der S. . . . Krauß Relig. Brauch 
44fl. 185 ) Voitsberg, Hovorka-Kronfeld 2, 


42 


186 


) Schönwerth 3, 200 Nr. 3. 


187 


) W. 


269 § 395 - 188 ) Rochholz Glaube 2, 167t. 

189 ) Gräber Kärnten 221. 19 °) Schönbach 

Berthold v. R. 132. 1#1 ) Urquell 3, 51. m ) Ebd. 
53. 193 ) Drechsler 2, 107. Vgl. ähnliche Vor¬ 
stellungen in einem französischen Indiculus 
Superstitionum Mitte des 17. Jh.s ZfVk. 14, 
414. m ) Köhler Vogtland 412. 1#5 ) W. 127 

§ 173 = Grohmann Aberglaube 55 Nr. 

358. 1M ) Schulenburg Wend. Volkstum 115. 
187 ) Meyer Aberglaube 250. 198 ) Alpenburg 

Tirol 264. 19# ) Kuhn Mark. Sagen 375. 20 °) Kie¬ 
sewetter Faust 254. 801 ) Müllenhoff Sagen 

565 Nr. 574. 202 ) Heyl Tirol 188 Nr. 88. 203 ) 
Strackerjan 1, 438. 204 ) Seyfarth Sachsen 

61 = Fischer Buch vom Aberglauben (1791) 
1, 136. Vergräbt man unter die Stalls, eine 
Kröte und sagt drei derbe Flüche dazu, so 
sollen alle Tiere, die dar überschreiten, drauf¬ 
gehen. Grohmann Aberglaube 132 Nr. 964. 
205 ) Strackerjan 1, 344, d. 2 ® 6 ) Meiche 
Sagen 494 Nr. 642. 207 ) Schönwerth 3, 280. 
208 ) Budkavlen 1927, 81 Nr. 26. 203 ) O. T. Ol¬ 
sen Norske Folkeeventyr og Sagn 112. 21ü ) 

Schönwerth 3, 201; Kuhn Westfalen 2, 

192 Nr. 543. 2U ) Theokrit 2, 59ff.; Ovid 

Fast. 2, 571—528; HessBl. 25, 226 f. 212 ) Bö. 
W. 365 § 550. 213 ) Trumbull Threshold 19t. 



1535 


Schwelle 



Vgl. Vergil Ecl. 8, 91 ff. 214 ) W. 367 § 553 = 
Grohmann Aberglaube 209 Nr. 1456; ähnlich 
Hovorka-Kronfeld 2, 179 bei den Magy¬ 
aren. 216 ) Grohmann Aberglaube 209 Nr. 1451. 
216 ) Schweden in Finnland, Budkavlen 1927, 


81 Nr. 29. 217 ) Frischbier Hexenspr. 17L 

218 ) Leoprechting Lechrain 28. 219 ) Von 

Beschreyn und Verzaubern Frankfurt 1717, 
8 = Kiesewetter Faust 253t. 22 °) Kühnau 

Sagen 3, 43. 221 ) Kristian Bugges Samlinger 
3, 140 Nr. 5c, 5d. 222 ) Kühnau Sagen 3, 43. 

223 ) Strackerjan 1, 438. 224 ) ZfVk. 11, 338. 

225 ) Drechsler 2, 114. 226 ) Seligmann 

Blick 1, 282. 227 ) Ebd. 1, 284. 228 ) Grohmann 
Aberglaube 133 Nr. 971. 229 ) Urquell 1, 187. 

23 °) Bartsch Mecklenburg 1, 117. 118. 231 ) Leo¬ 
prechting Lechrain 28. z32 ) Zahler Simmen - 
thal 94. 233 ) W. 448 § 706. »*) Paul Heur- 

green Husdjuren i Nor dis k Folktro 39. 235 ) 
Sommer Sagen 60 Nr. 52. 236 ) Westpr. W. 

287 § 422. 237 ) Meyer Baden 567. 238 ) Wein¬ 
hold Festschrift 116b. 239 ) Knoop Hinter - 

pommern 170 Nr. 137. 24 °) ZfVk. 13, 279; 

SAVk. 2, 266. 241 ) Vintlers Blume der Tugend 
(1411) V. 193; Rochholz Glaube 2, 166; Thü¬ 
ringen W. 360 § 542. 242 ) ZfVk. 11, 275. 

243 ) Hovorka-Kronfeld 2, 272 = Frisch¬ 
bier Hexenspr. 69; Kuhn u. Schwartz 443 
Nr. 3 3 7 * 244 ) Nils Lid Joleband og Vegetas - 

jonsguddom 261 f.; Reichborn-Kj ennerud 
Troldomsmedisin 2,154. 245 ) Finnlands svenska 
Folkdiktning 7, 5. 24 ®) ZfVk. 1, 174; vgl. 

Grimm Myth. 2, 975. 247 ) Grimm Myth. 1, 

505. 248 ) Andree Braunschweig 385. 249 ) Heyl 
Tirol 672 Nr. 147. 25 °) Birlinger Schwaben 

U 394 - 251 ) W. 367 § 595 Thüringen. 252 ) Ur¬ 
quell 1, 134. 253 ) Oberösterr. ZfVk. 8, 228. 

254 ) W. 331 § 492. 25S ) Folkevennen 1862, 

462 Nr. 354. 258 ) Grabinski Sagen 42. 257 ) 

Haltrich Siebenbürgen 288. 258 ) Kristian 

Bugge Samlinger 3, 139. 259 ) Zachariae 

Aberglauben in den Predigten Bernardinos 
von Siena (1380—1444) ZfVk. 22, 126. 26 °) ZfVk. 
11, 329 = Eva Wigström Folktro og Sägner 
J 35 Nr. 440. 261 ) Litauen, Trumbull Thre- 


shold 19. 


262 


) ZfVk. 20, 376. 


263 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 143. 264 Ebd. 265 ) W. 473 

§ 687. 266 ) Hertel Abergläubische Gebräuche 

aus dem Mittelalter ZfVk. 11, 274. 267 ) Sar- 

tori Sitte und Brauch 2, 42 — ZfrwV. 6, 

260. 268 ) ZföVk. 4, 217. 269 ) ZfVk. 1, 184. 

2, °) Bartsch Mecklenburg 2, 315 Nr. 1556. 
271 ) SAVk. 7, 52. 272 ) W. 453 § 715. 273 ) Groh¬ 
mann Aberglaube 137 Nr. 993. 274 ) Reich¬ 
born-Kj ennerud Trolldomsmedisin 1, 6. 

275 ) Krauß Relig. Brauch 355. 276 ) Schön¬ 
werth 1, 349 Nr. 7, 277 ) Chemnitzer 

Rockenphilosophie = Grimm Myth. 3, 447 
Nr. 391 278 ) Krauß Sitte und Brauch 398. 
279 ) Bartsch Mecklenburg 2, 149 Nr. 673. 
28 °) Ebd. 2, 52 Nr. 129. 281 ) Seligmann Blick 
2, 242. 282 ) Kuhn Westfalen 2, 62 Nr. 191; 

Sartori Sitte und Brauch 2, 137 = Wolf 
Beiträge 1, 219; W. 443 § 697. 283 ) Wrede 

Rhein. Volksk. 200. 


VII. Abwehr und Schutz. 

a) Abwehrzauber. Gegen Zauberei 
schneidet man Sonntags vor Sonnenauf¬ 
gang einen Haselstecken, nimmt Kehricht 
von vier Ecken des Hauses und des Stalles 
in einen Sack und schlägt ihn auf der 
Türs. 284 ) zusammen. S. o. unter III c. 

b) Einfache dauernde Schutzmit¬ 
tel. Ein gefundenes Hufeisen auf die 
S. genagelt bewahrt das Vieh vor Krank¬ 
heit 285 ), verhindert den Teufel, die S. 
zu überschreiten 286 ), schützt vor Be¬ 
hexung 287 ), mit der offenen Seite nach 
innen vor allem Zauber und bewirkt 
Glück und Gewinn 288 ). Gegen Zauberei 
schützt das Vieh auch Eisen- und Stahl¬ 
geräte auf der S. 289 ). Um das Vieh vor 
Krankheit zu bewahren, legt man eine 
Wassertracht quer vor die Türs., aber 
innerhalb des Stalles 29 °). Schlägt man 
drei Hufnägel in Dreieckform auf die S.„ 
so kann die Hexe nicht in die Stube m ). 
Gegen die Drud schützt ein mit einem 
Bockshaar umwickelter Keil vom Elsen¬ 
baum, den man in die Stalls, schlägt 292 ). 

c) Dauernde Schutzmittel unter 
der S. und in der S. verpflockt. 
Schutzmittel vergrub man schon in der 
Antike unter die S. 293 ). Man vergräbt 
eine lebende Eidechse 294 ), Hufeisen 295 ), 
Stahl und Eisen 296 ), Stachelbeerstau¬ 
den 297 ), Johanniskräuter 298 ), neunerlei 
Holz 299 ), eine Kröte 300 ), etwas Meister¬ 
wurz, ein Stücklein geweihtes Harz und 
ein bißchen Bast 301 ), Glasröhren mit 
Wachs und Klostersiegel verschlossen, in 
denen etwas Geweihtes 302 ) (Schutzbriefe 
oder Segen) 303 ), Salz und ein Bene- 
diktuspfennig 304 ) liegen 305 ), die Abbil¬ 
dung eines päpstlichen Conceptionszettels. 
in Blech verlötet 306 ), einen Zauberzet¬ 
tel 307 ) (s. o. unter III a). Weit ver¬ 
breitet ist der Glaube, daß man mit dem 
Magen eines schwarzen Huhnes zusammen 
mit einem Stück eines Hemdes mit 
Menstrualblut einer Jungfrau und einem 
Gründonnerstagei unter der S. vergraben, 
das Haus vor Feuer bewahren kann 308 ). 
Gegen Verhexung bohrt der Wunderdoktor 
oder Kapuziner ein Loch in die S., steckt 
etwas Geweihtes hinein und pflockt es im 
Namen der Dreieinigkeit zu 309 ). Gegen 




1537 


Schwelle 



den Schrättling wird ein Loch in der S. 
mit Malefizwachs gefüllt und verschlos¬ 
sen 310 ). In die Stalls, muß man drei 
Löcher bohren, Kreuzkümmel darein 
tun, dann kann keine Hexe hinein 311 ). 
Gegen böse Leute, daß sie dem Vieh 
nicht zukönnen: Nimm Wermuth, schwar¬ 
zen Kümmel, Fünf fingerkrau t und Teufels¬ 
dreck, von jedem Stück für 2 Kreuzer, 
nimm Saubohnenstroh, die Zusammen- 
kehrung hinter der Stalltür zusammen¬ 
gefaßt und ein wenig Salz, alles in ein 
Bündelein in ein Loch getan in die S.n, 
wo das Vieh ein- und ausgeht, mit Elzen- 
bäumen-Holz zugeschlagen hilft gewiß 312 ). 
Osternägel aus Weihrauch und Wachs 
legt man in Belgien unter die S. eines 
neugebauten Hauses zum Schutz gegen 
Zauberei 313 ). 

d) Schutz bei bestimmten An¬ 
lässen. 1. Hexen, Alp, wilden Mann, 
Gespenst. Man verjagt Hexen, in¬ 
dem man mit einer Kuhkette auf die 
S. schlägt 314 ). Um sich zu schützen, 
legt man zwei kreuzweise gestellte 
Nadeln unter die S. oder in eine 
Ritze, daß die Nadeln nach oben weisen, 
oder andere spitze Gegenstände, oder legt 
zwei Strohhalme kreuzförmig 315 ) (auch 
gegen den wilden Mann) 316 ) oder Axt 
und Besen auf die S. 317 ). Vor dem Aus¬ 
gang einer nicht für gut gehaltenen 
Person legt man einen Stock an die 
innere Seite der Türs. und geht darüber 
hinweg, um sich vor dem Behexen zu j 
schützen 318 ). Auf die S. des Stalles j 

legt man Rasen, damit die Hexe durch j 
das Zählen der Gräser auf gehalten wird 319 ). j 
Ähnlich schützt man sich durch das Hin¬ 
legen von Besenruten vor dem Alb, der 
sie zählen und, wenn er beim letzten 
Schlag Mitternacht nicht fertig ist, um¬ 
kehren muß 320 ). Man schützt sich gegen 
den Alp, wenn man einen Mistelzweig 
auf die S. legt 321 ). Ein Geistlicher gab 
einer Bäurin Maserun und Oberraut gegen 
den wilden Mann unter die S. zu legen 322 ). 
Gegen ein vermeintliches Gespenst ver¬ 
grub man das Vaterunser und den Glauben 
kreuzweise unter der S. 323 ). 2. Bei Vieh¬ 
sterben s. o. III c. 3. Schutzma߬ 
nahmen an Festzeiten: Am 22. Fe- 

Bäcbiold-Stäubli, Aberglaube VII 


bruar schlägt jeder Nachbar dem anderen 
vor Sonnenaufgang mit einer Axt auf die 
S., um ihn dadurch gegen den S.nvogel zu 
sichern 324 ) (s. II c). Vgl. damit den 
rauch der Hausfrauen, am Karsamstag 
mit einem Scheit Holz auf die S. zu 
klopfen und zu sagen: „Alles naus — 
Ratt’ und Maus“ 325 ). Am Georgitag 
wird die S. besonders gut gefegt und der 
Kehricht verbrannt oder in fließendes 
Wasser geworfen 326 ). In Siebenbürgen 
wird am Georgitag in die Stalls. Salz, 
Knoblauch und Sauerteig gelegt und mit 
einem Dorn verstopft. Es darf aber nie¬ 
mand Zusehen, sonst schadet es 327 ). Am 
Palmsonntag schreiten in Oberfranken 
alle Familienmitglieder über auf die S. 
gelegte Palmen 328 ). Zu Ostern vergräbt 
man ein geweihtes Ei unter der S. 329 ). 
Am Karsamstag vergräbt man Kohlen 
vom Osterfeuer unter der S., damit die 
Kühe keine rote Milch geben 330 ). Am 
Ostertag, nachdem das Weihwasser für 
das neue Kirchenjahr frisch gesegnet war, 
wurde die S. von dem Sigrist mit der 
sog. Ostertauf besprengt 331 ). In der 
Walpurgisnacht legt man Besen und 
Rasenstücke vor die S. 332 ). An Jo¬ 

hannis legt man über die S. jedes Vieh¬ 
stalles ein frisch ausgestochenes Rasen¬ 
stück, zwei Besen kreuzweise, oder Birken¬ 
oder Eichenzweige 333 ), Kohlen vom Jo¬ 
hannisfeuer unter die S. 334 ). 4. Bei 

bösem Wetter. Unwetter glaubt man 
dadurch zu stillen, daß man mit der 
Axt in die S. haut 335 ). Schlägt man mit 
dem Strick eines Gehängten die S. drei¬ 
mal, so schlägt kein Blitz ein 336 ). Die 
Rumänen in der Bukowina legen bei 
Hagel eine Backschaufel und Krücke 
kreuzweise vor die S. 337 ). 


284 ) Rochholz Glaube 2, 166. 285 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 313. 145. 286 ) Strackerjan 

1, 300 Nr. 190. 287 ) W. 286 § 420. 288 ) In 

Schlesien sehr lebendiger Glaube Drechsler 

2, 235. 289 ) Liebrecht Gervasius 100; ZfrwVk. 

3, 204. 29 °) Bartsch Mecklenburg 2, 144 Nr. 

645. 289. Vgl. Plinius nat. hist. 34, 151: Man 
schlägt einen Grabnagel in die S., um sich gegen 
nächtlichen Spuk zu schützen. 291 ) Wedtlenstedt: 
ZfVk. 24, 416. 292 ) Schönwerth 1, 311 

Nr. 6 . 293 ) S. Ogle Housesdoor in greek 

and roman religion and folklore. Amer. 
Journ. of Philol. 1911. So machen es 


49 



1539 


Schwelle 


1540 


auch die Hexen bei Sophron HessBl. 25, 225. 
Fließendes Harz und Salz über den Huf 
des rechten Vorderfußes eines Esels, den 
man unter die S. legt, schützt das Haus gegen 
Übel. Eitrem Opferritus 328; Geopon. 15, 
8. Die alten Assyrer vergruben Schutzmittel 
unter der S. Trumbull Threshold 14. 294 ) 

Gegen Hexen Müllenhoff Sagen 212. 295 ) 

Strackerjan 1, 434. 296 ) W. 282 § 414. 
29?) Frjj. 286 § 420. 298 ) W. 99 § 124; 
SAVk. 2, 272 Nr. 186. 2 ") W. 286 § 420. 
300 } SAVk. 7, 141 Nr. 126. 301 ) 1590: Lütolf 

Sagen 177 i. 302 ) Manz Sargans m; die S. der 
Stalltür wurde ausgegraben, eine neue ein¬ 
gesetzt und etwas Geweihtes darunter gelegt. 
Heyl Tirol 315 Nr. 134. 303 ) Jesus von nazaret 
ein König der Juden, dieser siger Tittel bewahr 
mein Haus alles was drinnen ist mit Christus 
Jesus, drei Kreuze ZrwVk. 1, 151. 304 ) Schön¬ 
werth 1, 311 Nr. 2; Meyer Baden 396. 305 ) 

Andree-Eysn Volkskundliches ioof. Diese 
vergrabenen Gegenstände werden ,,Hausschatz'' 
genannt, dabei scheint Schutzmittel und Bau¬ 
opfer mitunter vermischt zu sein. 306 ) Roch- 
holz Glaube 2, 168. 307 ) Ganzlin Sächsische 

Zauberformeln 20 Nr. 37. 308 ) Wolf Beiträge 1, 
236; Leoprechting Lechrain 22; Schramek 
Böhmerwald 276; SAVk. 15, 90; Geistlicher 
Schild 149; Zigeuner ZföVk. 6, 113. 309 ) Süd¬ 
deutschland W. 286 § 420— Seligmann Blick 
2, 334 - 31 °) Manz Sargans 106. 311 ) Knoop Hin¬ 
terpommern 168 Nr. 129. 312 ) Romanusbüchlein 
8 = SAVk. 2, 272 Nr. 186, wo Kerig-Kehricht, 
mißverstanden ist. 313 ) de Cock u. Teirlinck 
Sagenboek 1, 60 f. 314 ) Meyer Baden 396. 
31S ) ZrwVk 1914, 290. 316 ) Heyl Tirol 351 Nr. 
20. Die Wadschagga schützen eine offene Hütte 
durch ein über die S. gelegtes Bananenblatt. 
Sie glauben, daß jede in böser Absicht kommen¬ 
de Personen, die über die S. schreitet, krank 
werde oder sterbe. SAVk 25, 3. 317 ) Kuhn und 
Schwartz 447 Nr. 375. 318 ) Strackerjan 

1, 434 Nr. 235. 319 ) Drechsler 2, 100. 320 ) Ebd. 

2, I77. 324 ) W. 285 § 419. 3 22) SAVk. 23, 

i ?5 323) SAVk. 18, 115 = Jeremias Gott¬ 

helf Bauernspiegel. 324 ) Rochholz Glaube 
2, 166 f. = Praetorius Blockesberg ii5ff. 

325 ) John Westböhmen 64. 326 ) Baumgarten 
Aus der Heimat 23. In Nordwestkamerun 
nimmt der Häuptling alljährlich eine Reini¬ 
gungszeremonie vor: durch Ausgießen von 
Wasser auf der S. seines Gehöftes entsühnt 
er das Gemeinwesen. Korr.blatt d. Ges. f. 
Anthrop. Ethn. Urgesch. 41, 82. 327 ) Haltrich 
Siebenbürgen 279. 328 ) oben 6, 1369. 329 ) Leo¬ 
prechting Lechrain 175; schützt die Bewohner 
vor Unkeuschheit Hoffmann-Krayer 144. 
33 °) Zingerle Tirol Nr. 737. 331 ) Rochholz 

Glaube 2, 168. In der Osterwoche legen die 
Wodjaken gegen die umgehenden Hexen eine 
Axt auf die S. Urquell 4, 160. 332 ) W. 76 

§ 89. 333 ) Drechsler 1, 139. 334 ) Böhmen, 

Lippert Christentum 650. Am Abend vor 
Pfingsten muß man in Ungarn die S. mit Salz 
und Knoblauch einreiben, damit die ,,Bösen“ 


vor: 


den ,,Segen Gottes“, der in dieser Nacht vom 
Himmel fällt, nicht vom Haus nehmen. ZfVk. 
4, 401. Die Permier stellen beim Totenmahl, 
wenn die Gäste kommen, brennende Wachs¬ 
lichter zu beiden Seiten der S. auf. Globus 71, 
372 = ZfVk. 17,380. 335 ) Tettau-Temme 

284; W. 303 § 444. 336 ) W. 137 § 189. 337 ) 

ZföVk. 2, 251. 

VIII. Orakel. Um den Ausgang eines 
Beginnens zu erfahren, stellt man Nu߬ 
schalen mit Salz auf die S. Bleibt das 
Salz trocken, so hat man Glück 338 ). 
Man gießt in dem Augenblick, in dem 
die gekaufte Kuh die S. überschreitet, 
eine Kanne Wasser aufs Dach. Begießt 
das herabfließende Wasser das Rind, wird 
es gut gedeihen und eine Kuh viel Milch 
geben 339 ). In Ungarn versammeln sich 
die Mädchen am Silvesterabend, und jede 
legt eine Speckgriebe auf die S. Deren 
Griebe die Katze zuerst frißt, die heiratet 
vor allen anderen 340 ). 

338 ) W. 406 § 628. 339 ) Drechsler 2, 103. 

34 °) ZfVk. 4. 317. 

IX. Vorzeichen. 

a) Gute: Beim Hinausgehen bei einem 
wichtigen Gang muß man mit dem linken 
Fuß zuerst über die S. Sonst heißt es meist 
mit dem rechten 341 ). Tritt man beim Aus¬ 
gang mit dem rechten Fuß auf die S., hat 
man Glück 342 ). Nach der Taufe wird, be¬ 
vor die Paten eintreten, bei einem Knaben 
eine Axt und Rodehacke, bei einem 
Mädchen eine Kriebtasche und ein Besen 
auf die S. gelegt werden, darüber müssen 
alle hinwegschreiten, das bringt Glück 343 ). 
Stolpert man, wenn man in ein Haus 
geht, so bedeutet das, daß man will¬ 
kommen ist 344 ). 

b) Schlechte Vorzeichen. Schon im 
alten Rom galt das Anstoßen an oder gar 
Stolpern über die S.als böses Vorzeichen 345 ). 
Mit dem Fuß an die S. stoßen bedeutet 
Unglück 346 ). Stolpert man beim Aus¬ 
gehen über die S., soll man wieder um¬ 
kehren 347 ). Beim Eintreten hat das 
Stolpern eine so üble Bedeutung, daß ein 
Mädchen, dem es noch dazu Sonntags 
begegnete, ganz unwohl wurde und das 
Haus sofort wieder verließ und es seit¬ 
dem um keinen Preis wieder betreten 
haben würde, weil sie dort ein Übel er¬ 
wartete 348 ). Ebenso glaubt man in Nor¬ 
wegen, daß Stolpern über die S. Unglück 


1541 


Schwelle 


1542 


bedeute. Stolpert ein Gast über die S. 
und geht dennoch ins Haus, wird ihm 
hier ein Unglück begegnen 349 ). Über¬ 
schreiten der S. mit dem linken Fuß läßt 
es einem verkehrt gehen 350 ). Es kommt 
alles darauf an, wie einer über die S. 
tritt, gerade so, wie wenn der erste Nagel, 
der in die S. eines neuen Hauses ge¬ 
schlagen wird, raucht, man damit rechnen 
kann, daß das Haus verbrennen werde 351 ). 
Tritt der Freier bei der Werbung mit dem 
linken Fuß über die S., so bedeutet es 
Unglück, mag er die Braut bekommen 
oder nicht 352 ). Es ist nicht gut, wenn man 
mit ausgestreckten Armen in der Türs. 
(vgl. Tür) steht 353 ). Ebenso in Nor¬ 
wegen; es ist nicht gut, jemanden auf der 
S. zu umarmen, mit den Händen den 
Türstock zu berühren oder auf der S. zu 
stehen 354 ). Eine Kröte auf der S. be¬ 
deutet Unglück (s. auch VI. d, e) 355 ). 

c) Verschiedenes. Findet man einen 
Strohhalm auf der S., gibt es bald Be¬ 
such 356 ). 

344 ) W. 406 § 628; Grohmann Aberglaube 
221 Nr. 1521. 342 ) Grimm Myth. 3, 445 Nr. 

349. 343 ) Schulenburg 109. Es handelt sich 
hier wohl um eine Umdeutung von Bräuchen, 
die unter V, 1, a besprochen wurden. 344 ) Kri- 
stian Bugges Samlinger 3, 139. 345 ) Samter 

Geburt 138; St oll Zauber glaube 141. 348 ) Wolf 
Beiträge 1, 217 Nr. 182; ZfVk. 25, 26. 347 ) 

Agrippa 1, 244; Grimm Myth. 3, 467 Nr. 
895; 2, 935; De decem pra?ceptis von Thomas 
Ebendorfer ZfVk. 12, 9; Haltrich Sieben¬ 
bürgen 316. 348 ) Stoll Zauberglauben 141. 

349 ) Nordland, Kristian Bugges Samlinger 
3, 139. 35 °) John Erzgebirge 34. 351 ) SAVk. 21, 
181. 352 ) Höhn 6. 353 ) Panzer Beitrag 

2, 295. 354 ) Kristian Bugges Samlinger 3, 

139 - 355 ) Schweizld. 3, 877. Sollte ein Hund 
die Hauss. benässen, so gäbe es ein gewaltiges 
Unglück. Bulgarisch: Urquell 3, 296. 356 ) 

Kuhn Westfalen 2, 60 Nr. 180. 

X. Die S. darf nicht berührt 
werden. Weit verbreitet ist der Glaube, 
daß das Treten und Stoßen der S. ein 
böses Vorzeichen sei 357 ); entweder immer, 
oder an bestimmten Zeiten (s. o. IX b). 
Völlig durchgeführt ist die Vorstellung, 
die S. dürfe nicht berührt werden, jedoch 
nirgends. Obwohl im alten Rom das 
Anstoßen an die S. als üble Vorbedeutung 
galt, war es doch gut, wenn der Hausvater 
im Vorübergehen an die S. trat 358 ). Die 
Braut darf in vielen Gegenden die S. 


nicht berühren (s. o. V 1 b). Der Sarg 
darf in vielen Gebieten die S. nicht be¬ 
rühren (s. V 2 a). Man darf nie auf die 
S. treten (ohne Angabe des Grundes) 359 ), 
weil man früher eine lebende Katze unter 
der S. zu begraben pflegte. Besonders 
Frauen dürfen es nicht tun, sie würden 
von der Katze gekratzt werden 360 ). Man 
darf sich nicht an der S. ab trocknen, 
Begründung nicht klar, wegen der Toten. 
Die S. war auch immer sorgfältig blank 
gescheuert, aber das Verbot wurde sicher 
nicht nur aus Reinlichkeitsgründen ge¬ 
geben 361 ). Gründonnerstag oder Kar¬ 
freitag darf man beim Darübergehen die S. 
nicht schwer drücken, man bekommt auch 
viel Schmerzen davon 362 ). Nach einer 
norwegischen Erzählung gerieten zwei 
Frauen in ein Huldrehaus. Der Mann bot 
ihnen Essen an, aber sie wollten nur 
wieder hinaus. Die Frau bat für sie und 
sagte, sie müßten über die S. springen. 
Die eine tat dies, die andere berührte 
beim Springen die S. und hinkte ihr 
Leben lang 363 ). — Der Kranz, durch 
den man vom künftigen Gatten träumen 
kann, darf über keine S. gebracht worden 
sein 364 ), ebensowenig wie die Eichen¬ 
kränze, die in der Johannisnacht zum 
Schutz gegen die Hexen vor die Fenster 
gehängt werden 365 ). 

357 ) Das Betreten bes. der Tempels, war bei 
den alten Juden, den modernen Syrern, mittel¬ 
alterlichen Chinesen verboten. Bei den Tartaren 
wurde das Betreten der S. des prinzlichen Zeltes 
mit dem Tode bestraft. Frazer Folklore in 
the old testament 3, 1 fi. Bei den Mongolen gibt 
es eine Redensart: Tritt nicht auf die S., es 
ist Sünde. Ebd. 3, 4. In Bagdad, Persien, bei 
den weniger civiiisierten Fidschiinsulanern, in 
Afrika, bei den Eingeborenen Indiens, den Kal¬ 
mücken genießt die S. großen Respekt. 358 ) 
Eitrem Hermes und die Toten 14. Die mo¬ 
hammedanische Braut muß an alle S. stoßen. 
359 ) Aalesund, Nord- und Söndfjord Kristian 
Bugges Samlinger 3, 139. 360 ) Ebd. 3, 140, 5, b. 
291 ) Ebd. 3, 142. 3 ® 2 ) Ebd. 3, 143, 9 - 383 ) Hä- 

löygminne 1932» 4 2 3 * 364 ) Engelien und 

Lahn 235 Nr. 28. 365 ) Kühnau Sagen 3, 39. 

XI. Verschiedene Verbote und Ge¬ 
bote. Wer etwas sagen will und es ver¬ 
gessen hat, schreitet über die S. hinaus 
und wieder herein, so fällt es ihm ein 368 ). 
In den zwölf Tagen vor Weihnachten 
darf man nicht kauend über die S. 

49 * 



1543 Schwendtage 1544 


treten, sonst wird das Vieh im Sommer 
von Maden gequält 367 ). Die abgeschnit¬ 
tenen Nägel müssen unter der S. ver¬ 
wahrt werden 368 ). Wenn ein Kind nicht 
sterben kann, muß die Hebamme auf 
der Hauss. kniend ein Vaterunser beten 
(Ostpr.) 369 ). Wenn jemand unversehens 
eintritt, wo gebuttert wird, muß er über 
die S. hinein springen, damit er die Butter 
nicht wegnehme 37 °). Einschlagen des 
Blitzes kann man verschulden und ver¬ 
anlassen, wenn man während eines Ge¬ 
witters auf der S. steht 371 ). Geht eine 
Schwangere über eine S., von der gerade 
jemand mit einer Axt etwas abgehackt 
hat, so bekommt das Kind eine Hasen¬ 
scharte 372 ). 

368 ) Grimm Myth. 3, 476 Nr. noi;Rochholz 
Glaube 2, 170. 387 ) Haltrich Siebenbürgen 

269 Nr. 1. 368 ) ZfVk. 20, 386. 369 ) W. 458 § 724. 
37 °) Seligmann Blick 1, 235; Kristensen 
Folkeminder 6, 291, 377; ZfVk. 11, 322. 371 ) W. 
304 § 447 = Grohmann Aberglaube 38 Nr. 
223. 224. 373 ) Kristian Bugges Samlinger 3, 

149 Nr. 18. 

XII. S. personifiziert. Die S. kann 
reden und tritt als Beschirmerin der 
Hausehre auf, indem sie die Fehltritte 
der Braut verrät 373 ). In der antiken 
Liebespoesie wird die Liebesklage an die 
S. gerichtet 374 ). 

373 ) Dänische Märchen in: Märchen der Welt¬ 
literatur (Jena 1915) 1, 104 Nr. 20. 374 ) Rader- 
m ach er Beiträge 65. Weiser-Aall. 

Schwendtage. Damit bezeichnet man 
in Tirol 4 ), Österreich 2 ), Bayern 3 ), im 
Egerland 4 ) und auch in Siebenbürgen 5 ) 
bestimmte Unglückstage (s. d.), die 
durchaus nicht mit den sonst namhaft 
gemachten Unglückstagen des Kalenders 
übereinstimmen, die in den gleichen 
Gegenden ebenfalls bekannt sind. Es 
ist daher irrig, die Schw. als eine bloße, 
in Oberbayern und Tirol übliche Bezeich¬ 
nung der unglücklichen Tage hinzu¬ 
stellen 6 ). Die Schw. haben, ähnlich wie 
die kritischen Tage (s. d.), eine be¬ 
sondere Beziehung zur Volksheilkunde. 
Darauf verweist schon der Name, da 
das faktitive oder kausative Zeitwort 
„schwenden“ hier vornehmlich in dem 
Sinne zu verstehen ist, daß es das 
Schwinden des Körpers in gesund¬ 
heitlicher Beziehung bewirkt. Und 


dies betont auch besonders der auf diese 
Tage bezügliche Aberglaube. So heißt 
es in Tirol 7 ): Wenn man sich an einem 
dieser Tage zu einer bestimmten, jedoch 
dem Menschen unbekannten Stunde ver¬ 
wundet oder sonst versehrt, so ist das 
Übel unheilbar. Wenn man die Rinde 
eines Baumes an einem solchen Tage 
nur ein wenig beschädigt, stirbt der 
Baum ab, was daran erinnert, daß man 
noch heute, besonders in Süddeutschland, 
das Schwenden (= Schwindenmachen) 
der Bäume kennt, deren Rinde man am 
Fuße des Baumes abschält, um sie zum 
Absterben zu bringen. Ferner heißt es: 
Wenn an einem Sch. ein Kind geboren 
wird, so wird es nicht lange leben oder 
sein Lebtag kränklich sein und den Eltern 
viel Kummer machen. Wenn man sich 
an einem Schw. zur Ader läßt, verblutet 
man sich; wenn man sich die Haare 
schneiden läßt, so wachsen sie nicht 
mehr. Aus diesem letzten Aberglauben 
ist besonders deutlich sichtlich, daß der 
Sch. dem abnehmenden Mond (s. d.) 
entspricht, daß hier das Analogiegesetz 
wirksam ist, indem mit dem sprachlichen 
Ausdruck „schwinden“, bzw. „schwen¬ 
den“ das Nichtmehrgedeihen, Schwinden 
und Absterben von Personen und Sachen 
verknüpft wird. Dem Gesetz der Ver¬ 
allgemeinerung folgt der Aberglaube, 
wenn es weiter heißt 8 ), daß an Schw.n ge¬ 
schlossene Ehen unglücklich sein werden, 
indem die daraus entstehenden Kinder 
böse werden und dem Teufel zufahren, 
und endlich, daß jeder an einem Schw. 
begonnene Prozeß verloren wird. Das 
Gegenteil tritt ein, und der Schw. wird 
zu einem Glückstag, wenn, ebenfalls 
aus der sprachlichen Analogie heraus, das 
Schwenden zum Schwindenmachen 
der Krankheit wird, wie ähnlich das 
Wenden (s. d.). So braucht man in 
Tirol, um Kopfschmerz zu vertreiben, 
bloß an einem Schw. auf Eisen beißen. 
Und wenn man an einem solchen Tage 
pflügt, wird der Acker von Unkraut voll¬ 
kommen gereinigt, weil die abgeschnitte¬ 
nen Wurzeln nicht mehr wachsen 9 ). 

In Tirol 10 ) gelten die folgenden Tage 
als Schw.: 1., 2., 4., 6., 11., 20., 22. Jänner; 


1545 


Schwertel—Schwertlilie 


1546 


1., 17. Feber; 14., 16. März; 10., 16., 
17. April; 7., 8.Mai; 17. Juni; 17., 21. Juli; 

20., 21. August; 10., 18. September; 

6. Oktober; 6. November; 6. 11., 15. De¬ 
zember. 

Die gleichen 28 Tage gelten in Schwa¬ 
ben als verworfene Tage (s. d.). Nach 
westböhmischem Volksglauben gibt es 
30 Schw. im Jahre, außer diesen aber 
noch 30 besondere Unglückstage, an 
denen man nichts unternehmen soll n ). 
Wie man sieht, werden auch der Anzahl 
nach diese Schw. von den allgemeinen 
Unglückstagen (s. d.), die meist 42 Tage 
umfassen, geschieden. Dem widerspricht 
nicht, wenn in Oberbayern und Tirol 
besonders fünf Tage (1. April, 30. Juli, 

1., 25. August, 1. Dezember) als Schw. 
bezeichnet werden 12 ), da damit nur 
Unglückstage (s. d.) von erhöhter Be¬ 
deutung gemeint sind. 

Offenbar hat man es bei den Schw.n mit 
einer landschaftlichen Bedeutungs¬ 
verengerung von früher allgemeinen 
Unglückstagen zu tun. Denn sie gehen 
auf eine bestimmte, noch nicht näher 
erforschte Gruppe von 32 Unglückstagen 
zurück, die ohne nähere Bezeichnung 
neben den 42 Unglückstagen (s. d.) und 
den meist 24 ägyptischen Tagen (s. d.) 
schon seit dem Mittelalter überliefert 
werden, so in einer schlesischen Hand¬ 
schrift aus 1466 mit 32 Tagen 13 ), in 
einer Freiburger Handschrift aus dem 
16. Jh., in der die Monate April und De¬ 
zember mit ihren je drei Tagen fehlen, so 
daß nur 27 Tage verzeichnet sind 14 ), 
ferner bei Maennling mit 32 Tagen 15 ) 
und noch in neuerer Zeit aus Mühlhausen 
mit 31 Tagen 16 ). 

Daß die Schw. ursprünglich „Tage der 
Ruhe und der Feier“ waren und Über¬ 
bleibsel alter Feste sein sollen 17 ), 
läßt sich nicht beweisen. Vereinzelt 
werden in Tirol auch Wochentage, an 
denen alles viel schlechter und gefähr¬ 
licher sein soll, nämlich der Dienstag, 
Donnerstag und Samstag, als Schw. be¬ 
zeichnet 18 ). 

1 ) ZfdMyth. 2 (1854), 357 h = Simrock 

Myth. 594. 2 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 

-29. 8 ) Leoprechting Lechrain 212, der aber 


bloß den 30. Juli und 29. August nennt. 4 ) John 
Westböhmen 2 259. 5 ) Hillner Siebenbürgen 16. 26 
Nr. 102. 6 ) Wuttke 88 § 106 = Stemp- 

linger Aberglaube 116. 7 ) ZfdMyth. 2 (1854), 

357 f.; Zingerle Tirol 201 f. 8 ) Ebd. an beiden 
Stellen. 9 ) ZföVk. 2 (1895), 149 = Hovorka 
u. Kronfeld 2, 192. 10 ) ZfdMyth. a. a. O. 357; 
Zingerle Tirol 201. u ) John Westböhmen 2 259. 
12 ) Wuttke 88 § 106. Der 25. August ist wohl 
ein Druckfehler für den 29., den Leoprechting 
(s. o.) und Bavaria 1, 388 anführen. 13 ) Klapper 
Schlesien 256 f., wo auf die Quelle dieser hier 
„verworfene oder verdorbene Tage“ genannten 
Unglückstage mit den Worten hingedeutet wird: 
„also dy meyster von Paris gescriben haben“. 
14 ) Alemannia 22 (1894), 121. 15 ) Maennling 

188 — Happelius Cosmograph. 1,41 = Schultz 
Alltagsleben 238. 16 ) Mittantiquar. Ges. Zürich 

(1858/60) 12, 27. 17 ) ZfdMyth. a. a. O. 358 = 

Simrock Myth. 594. 18 ) Zingerle Tirol 124 

Nr. 1122. Jungbauer. 

Schwertel s. Siegwurz. 

Schwertfisch (Xiphias gladius L). Die 
abergläubische Vorstellung, daß der S. 
Schiffe anbohre, scheint auf die Antike 
zurückzugehen 1 ). Auch Konrad v. Megen- 
berg (S. 237) erwähnt sie, unter Berufung 
auf Plinius und Isidor, dagegen können 
wir die Quelle für seine weitere Be¬ 
schreibung, die mit der Natur nicht über¬ 
einstimmt, nicht nachweisen. 

Nach einer westfälischen Sage befinden 
sich S.e in dem Teich „Bullenkuhle“, 
der unterirdisch mit der Nordsee in Ver¬ 
bindung steht 2 ). 

*) Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 817t.; Isidorus 
Etym. (Lindsay) 12, 6, 15; Albertus Magnus 
De anim. (Stadler) 24, 35: „Cum gladio occidit 
pisces, et ut dicunt perforat naves“; Gesner 
Fischbuch 61 b. (Portugiesische Schiffe im 
„Indiaschen Meer“ durchstoßen). 2 ) Kuhn 
Westfalen 1, 290. Hoff mann-Krayer. 

Schwertlilie (Iris-Arten). 

1. Botanisches. Die Sch.n sind den 
Liliengewächsen nahe stehende Pflanzen 
mit langen, schwertförmigen Blättern. 
Die deutsche Sch. (blaue Lilie, I. ger¬ 
manica) wird häufig (wie viele verwandte 
Arten) in Gärten gezogen. Eine Garten¬ 
pflanze ist auch die Florentiner Sch. 
(Veilchenwurzel; I. florentina). Ihr 
Wurzelstock wird oft kleinen Kindern zur 
Erleichterung des Zahnens angehängt l ). 
An Ufern, in Wassergräben usw. wächst 
wild die gelbblühende Wasser-Sch. (I. 
pseudacorus) 2 ). In den meisten Fällen 
dürfte es der Wurzelstock gewesen sein. 


1547 


Schwerttanz 


Schwerttanz 


1550 


der im Aberglauben Verwendung fand. 
Als „Schwertel“ wird auch die verwandte 
Siegwurz (s. d.) bezeichnet. 

J ) Tschirch Handb. d. Pharmakognosie 2 
(1917), 1154 —56;Hovorkau.Kronfeld 1, 389. 

2. Die Sch. galt (vielleicht wegen der 
auffälligen Blütenform) als ein Apo- 
tropäum. Eine Hs. des 15. Jh.s (Cgm. 
384) verzeichnet: der schwertelen wurc- 
zen by im treit dem mag kain tüffel kain 
layd noch kain schaden by lebendem lib 
nit ge tun. Wer auch dieselben wurczellen 
under aines besessen menschen houpt 
guot gewand tut oder darinn lait so sait 
der tüffel was man in franget und flücht 
von danne zu hand 3 ). In die Pferdeställe 
oder den Pferden um den Hals gehängt 
schützt sie die Tiere gegen Behexung 4 ). 
Nach antikem Glauben sollen die Turtel¬ 
tauben die Frucht der Sch. (?) gegen den 
bösen Blick in ihre Nester legen 5 ). Sch.n- 
wurzel, in der Osternacht ausgegraben 
und getrocknet bei sich auf der bloßen 
Haut getragen, macht hieb- und stich¬ 
fest 6 ). Der Glaube zeigt Beziehungen zu 
dem an den Alraun (s. 1,3x3)» der j a 
auch aus den Wurzelstöcken der Sch. 
verfertigt wurde, und an den Allermanns- 
hamisch (s. 1,265). In einem Hexen¬ 
prozeß aus Rottenburg (Wttbg.) vom 
Jahre 1650 bekennt der Angeklagte, daß \ 
er von der im Mörser gestoßenen „Lilien¬ 
wurzel“ (aus dem Vorhergehenden er¬ 
sichtlich, handelt es sich hier nicht um 
die Lilie, sondern wohl um die Sch.) 
wisse, die man den Pferden unter das 
Futter mische. Dadurch würden diese 
sehr schön und zögen alle Lasten, die man 
ihnen auflade 7 ). Bei slavischen Völkern 
scheint die Sch., wie aus manchen ihrer 
Namen (z. B. serbisch perunika) hervor¬ 
geht, Beziehungen zum Gotte Perun ge¬ 
habt zu haben 8 ).Eine Sch.n-Art (I.biflora) 
fand in Rußland abergläubische Ver¬ 
wendung °). Das ab und zu als , »deutscher'' 
Volksglaube angegebene Rezept, in den 
Bienenstock eine „blaue Lilie“ (I. ger¬ 
manica) hineinzulegen, damit die Bienen 
nicht fortfliegen 10 ), stammt aus dem 
(Pseudo-)Apuleius: Herbam veneriam in 
vaso apium suspensam habeto, nunquam 
seducentur n ). Vgl. ferner Kalmus. 


1548 

2 ) Marzell Kräuterbuch 171. 426. 3 ) Anz. f. 
Kde. d. Vorzeit 12 (1865), 352 = Birlinger 
Aus Schwaben 461. 4 ) Seligmann Blick 2, 84. 
5 ) Aelian Hist. amm. 1, 35 = Seligmann 
Blick 2, 6. 84. 6 ) Nassau im 17. Jh.: Zs. f. 

Kulturgesch. N. F. 3 (1S96), 223. 7 ) Birlinger 
Aus Schwaben 1, 164. 8 ) Wiss. Mitt. BosnHerc. 

10 (1907), 626; Schroeder Arische Relig. 1 
(1914), 550. ö ) Georgi Geogr.-physik.-natur- 
hist. Beschr. d. russ. Reiches 1800, 2, 669. 
10 ) Wartmann St. Gallen 41; Eberhardt 
Landwirtschaft 220; Bohnenberger 113. 
n ) Corp. Medic. Latin. 4 (1927), 36. 

3. In der Sympathiemedizin wurde 
die „gelb lilgenwurz“ (Iris pseudacorus), 
die am Johannistag gegraben war, gegen 
Zahnweh gebraucht 12 ), vgl. florentinische 
Sch. (unter 1). Schon Plinius 13 ) schreibt, 
daß man die Wurzel der „iris“ den zahnen¬ 
den Kindern umhänge. Ebenso gibt 
er 14 ) den Glauben an, daß man die 
„xyris silvestris“ (Iris foetidissima ?), um 
Kröpfe, Geschwülste und aufgelaufene 
Schamteile damit zu heilen, mit der 
linken Hand aus der Erde ziehen und 
dabei sagen müsse, für wen die Wurzel 
gebraucht werde. Ein altes Sympathie¬ 
rezept (Quelle?) besagt, daß man gegen 
den Krampf die Wurzel der gelben Sch. 
am Mittwoch vor Sonnenaufgang in 
der Stunde des Saturn sammeln und 
sie dann an einem Sonntag bei Sonnen¬ 
aufgang mit gleich viel weißem „Agstein“ 
(s. Achat 1, 150) in roten Samt eingenäht 
an den Hals hängen müsse 15 ), auf ähn¬ 
liche Weise soll dieses Mittel die rote 
Ruhr stillen 16 ). Wegen der gelben Blüten¬ 
farbe wird die gelbe Sch. auch gegen 
Gelbsucht verwendet 17 ). 

12 ) Schmeller BayWb. 1, 1469; vgl. auch 
Black Folk-Mcdicine 203. 13 ) Nat. hist. 21, 140. 
14 ) a. a. O. 21, 143. 15 ) Schröder Apotheke 802 ; 
Bräun er Thesaur. Sanitat. 1728, 3, 49; vgl. 
Neidhart Schwaben 55; Zahler Simmenthal 
171; ZfVk. 7, 290; Höhn Volksheilkunde 1, 12S. 
16 ) Schroeder a. a. O. 802; Bräuner a. a. 
O.; Gottsched Flora prussica 1703, 6. 17 ) 

Bartsch Mecklenburg 2, 10S. Marzell. 

Schwerttanz. Tacitus berichtet von 
den Germanen: „Genus spectaculorum 
unum atque in omni coetu idem: Nudi 
juvenes, quibus id ludicrum est, inter 
gladios se atque infestas frameas saltu 
iaciunt. Exercitatio artem paravit, ars 
decorem, non in quaestum tarnen aut 
mercedem; quamvis audacis lasciviae 


1549 


pretium est voluptas spectantium“ x ). 
Von einem Sch. (als Fastnachtsspiel) er¬ 
fahren wir dann zuerst wieder aus Brügge 
in Flandern im Jahre 1389 2 ). In den 
folgenden Jh.en werden die Beispiele 
häufiger bis in die neuere Zeit hinein. 
Der bürgerliche Sch. ist uns früher be¬ 
kannt als der bäuerliche 3 ); aber die 
bäuerliche Stufe ist wohl die geschicht¬ 
lich ältere 4 ). Neben den Tänzen zu 
Fastnacht, die die Regel bilden, kommen 
später auch solche zu Weihnachten, am 
Maifest, bei Hochzeiten, Empfängen von 
Fürsten, Volksfesten usw. vor 5 ). Die 
Tänzer — immer ledige Burschen, in den 
Zünften die Gesellen 6 ) — führen kunst¬ 
gerechte Fechterschläge aus, bilden aus 
den zusammengehaltenen Klingen ma- 
nigfache Figuren und fügen sie schlie߬ 
lich so geschickt zu einer „Rose“ zu¬ 
sammen 7 ), daß der Vortänzer darauf 
treten und, auf ihnen in die Höhe gehoben, 
eine Ansprache halten kann 8 ). Die 
Tänzer haben meist ein weißes Hemd 
über den Kleidern und Schellen an den 
Beinen oder um den Leib 9 ). Mitunter 
vermischen sich die Sch.e mit den lärmen¬ 
den Fruchtbarkeitsumzügen 10 ). Mas¬ 
kierte Gestalten, namentlich ein Narr, 
pflegen dabei zu sein ll ). Es wird auch 
wohl in mimischer Darstellung einer ge¬ 
tötet und einer zum König erhoben 32 ). 
In Böhmen tritt ein „Mehlweib“ mit auf; 
die roten Flecken, die es auf seinem 
weißen Gewände aufgenäht trägt, legt 
die Bäuerin in die Nester ihrer Hennen, 
damit diese recht viele Eier legen 13 ). 
In Nordengland ist der Sch. mit dem 
Pflugziehen (s. d.) verbunden; hier wird 
der Narr getötet und der König auf den 
Schwertern emporgehoben 14 ). Während 
Tacitus erzählt, daß die Jünglinge den 
Tanz nur als Sport betrachten und zum 
bloßen Vergnügen der Zuschauer aus¬ 
führen, werden die Sch.er des Mittelalters 
und der neueren Zeit für ihre Leistungen 
belohnt; in den Städten gewöhnlich mit 
Geld 15 ). In Westfalen (Kr. Steinfurt) 
durchzogen sie alle Höfe der Bauern¬ 
schaft und wurden bewirtet und mit 
Würsten beschenkt 16 ). 

Obgleich Tacitus den von ihm ge¬ 


schilderten Sch. nicht als Kulttanz be¬ 
trachtet 17 ), nimmt man heute gewöhn¬ 
lich an, daß die Sch.e in ihrer letzten 
Wurzel auf die Darstellung eines Kampfes 
zwischen guten und bösen Dämonen 
(„Sommer und Winter“) zurückgehen 18 ). 
Manche sind geneigt, Beziehungen zum 
Schwertgotte Tiuz anzunehmen 19 ). Auch 
an einen Analogiezauber für den Krieg 
hat man gedacht 20 ). Nach Mogk besteht 
kein Zusammenhang zwischen altgerma¬ 
nischen und neuzeitlichen Sch.en; diese 
seien vielmehr als Innungstänze städ¬ 
tischer Messer- und Schwertschmiede ent¬ 
standen 21 ). L. v. Schröder hat den Sch. 
mit der Jünglingsweihe in Zusammenhang 
gebracht, wobei die Tänzer die abge¬ 
schiedenen Geister des Stammes dar¬ 
stellen 22 ). In Sachsen wird auch von 
Sch.en nachts auf den Kirchhöfen be¬ 
richtet 23 ). 

Nach hessischen Akten (von 1631) soll 
der Tanz der Hexen dem der Sch.er 
gleichen 24 ). 

2 ) Germ. 24. Vgl. Meschke Schwerttanz u. 
Schwerttanzspiel im germanischen Kulturkreis 
(1931) 133 ff. sieht in dem Waffentanz des 
Tacitus einen unmittelbaren Vorläufer des 
mittelalterlichen Schwerttanzes. 2 ) JbNdSpr. 
1875, 105. Weiterer Ausführungsbereich: 

Meschke 20 ff. 3 ) Älteste Belege für diesen: 
Meschke 74. 4 ) Ebd. 112. 113. 140. 5 ) Ebd. 
26 f. 6 ) Ebd. 78 f.; MitteldBIfVk. 7 (1932), 18 ff. 

7 ) Über die Tanzformen: Meschke 44 ff. 

8 ) Müllenhoff Altertumsk. 4, 350 ff. 573: 

Heckscher 156 f. 403; Meyer Deutsche Volksk. 
23. 162; Sartori Sitte u. Br. 3, 110; Ders. 
Westfalen 2 148; Fehrle in BadHmt 1 (1914), 
161 ff.; Nds. 12, 405 f.; ZfrwVk. 3, 218 ff.; 
Baumgarten Jahr (1860) 18; HessBl. 25 (1927), 
156 ff.; MschlesVk. 14 (1905), 13 f.; ZfVk. 21 
(1911), 353; Sepp Religion 91 ff.; Quitzmann 
76 f.; Ger am b Brauchtum 15 f. 23 ff. 88; Hertz 
Elsaß 28. 193 t.; Bayerischer Heimatschutz 27 
(1931), iöf. ; Sieber in MitteldBIfVk. 7 (1932), 
1 ff. 138 f.; de Witt-Huberts Zwaard dansen 
(1932). In außerdeutschem Gebiet: Ztschr. f. 
Völkerpsychologie 19 (1889), 227 f.; Sepp 

Religion 93 f.; Festskrift til Feilberg (1911) 
738 ff. (806 f.); Meschke 99 h- 9 ) Ztschr. f. 
Völkerpsychol. 19, 235 ff. 417; Meschke 32 f. 
36. 10 ) Ztschr. f. Völkerpsychol. 19, 248. 258 f. 
11 ) Meschke 30 f. 80. In England: 62!. 145 f. 
180. 12 ) Ebd. 147; MitteldBIfVk. 7 (1932), 17 f.; 
Ztschr. f. Völkerpsychol. 19, 229 ff.; BadHmt 1, 
176 f.; HessBl. 25, 157; Naumann Gemein¬ 
schaftskultur 124 ff. 13 ) Ztschr. f. Völkerpsychol. 
19, 417. 424; Meschke 81. 115. 14 ) Meyer 

German. Mythol. 222; BadHmt. 1, 177 L; 


Schwester—Schwiegereltern 


1552 


1553 


Schwiegerei tern 


1554 


1551 


Kauft mann Balder 291 Anm. 2. 15 ) Meschke 
28 f. 16 ) HmtbIRE. 2 (1921), 178; vgl. auch 
Lyncker Sagen 240. 17 ) Meschke 160 f. 

18 ) BadHmt 1, 161 ff.; Ztschr. f. Volkerpsychol. 
19, 256 ff. 425 f.; Naumann Gemeinschafts¬ 
kultur 133 f.; Philippson German. Heidentum 
bei d. Angelsachsen 155. 200. Vgl. Gruppe 
Griech. Mythol. u. Religionsgesch. 2, 298; 

Frazer 9, 251. 19 ) Ztschr. f. Volkerpsychol. 19. 
256 f.; Golther Mythologie 203; Meyer Reli- 
gionsgesch. 185; Meschke 153. 159. 20 ) Meschke 
159. 2I ) NddZfVk. 7 (1929), 147 f- 22 ) Weiser 
Altgerman. Jünglingsweihen u. Männerbünde 
9. 84; vgl. Meschke 139 ff- 142 ff.; Wolfram 
in Wiener Ztschr.f.Volkskunde 37 (1932), 3 ff-,' 
Oben 5, 1828. 23 ) Meschke 27; MitteldBlfVk. 7 
(1932), 20. 139. 24 ) Grimm Mythol. 2, 896; vgl. 
Meschke 21 Anm. 5. Sartori. 

Schwester. Beim Übergang von der 
Endogamie zur Exogamie und von der 
Raub- zur Tausch- bzw. Kaufehe war es 
üblich, daß der werbende Bruder als 
Entgelt für die Braut eine Sch. dem 
fremden Geschlecht hingab 1 ). Eine 
andere Eheform gewährte demjenigen, 
welcher die älteste von mehreren Sch.n 
heiratete, ein Anrecht auch auf alle 
jüngeren 2 ) oder zum mindesten auf 
einen Ersatz für den Fall ihres Todes 3 ), 
besonders wenn die erste Frau kinderlos 
starb. 

Ob es sich hier um Reste von Gruppen¬ 
ehe handelt 4 ), ist heute nicht auszu¬ 
machen 5 ). Umgekehrt ist im A. T. ver¬ 
boten, zwei Sch.n zu heiraten (gleich¬ 
zeitig oder überhaupt?) 6 ). In strenger 
Interpretation wird vom englischen Recht 
noch heute das Verbot, die Sch. einer 
vorverstorbenen Frau zu heiraten, bei¬ 
behalten. Hierher gehört auch der Aber¬ 
glaube, der sich an das Sitzen zwischen 
zwei Sch.n knüpft 7 ). 

Trotz ihrer Zurücksetzung im Leben 8 ) 
spielt die Sch. 9 ) eine große Rolle in Kult 
und Mythos, wo sie die Pluralität der 
wirkenden Naturkräfte zu versinnbild¬ 
lichen scheint, wobei bald die Zweizahl 10 ), 
bald die Dreizahl erscheint n ). Hierbei 
repräsentiert das schwesterliche Verhält¬ 
nis, daß bei wesenhafter Identität auch 
immanente Verschiedenheit im Natur- 
und Geistesleben besteht, sei es, daß sie 
verschiedene, einander ergänzende Wir¬ 
kungssphären haben, wie die Parzen und 
Nornen, einander entgegenwirken wie 


die Schicksalssch.n im Domröschen¬ 
märchen oder einander bekämpfen 12 ). 
Das letzte Motiv, welches auch auf männ¬ 
liche Geschwister (s. Bruder) angewendet 
wird, wird bei Sch.n meist in der Weise 
variiert, daß die eine Sch. aller Tugenden, 
die andere aller Untugenden voll ist 13 ), 
und überdies mit dem Stiefsch.- (s. d.) 
und Stiefmutter- (s. d.) Motiv in Ver¬ 
bindung gebracht. 

*) Frazer Old Testament 2, 399; Frazer 
Totemism 1, 502ff.; 4. 341. 367ff. 2 ) Roth 
North Queensland Ethnography, Bulletin 
Nr. 10; Marriage Ceremonies and Infant Life, 
p. 3. 3 ) E. Westermarck Marriage (London 

1921), 392h. 4 ) Köhler in Holtzendorff 

Enzyklopädie d. Rechtswissenschaft i, 27; Ho- 
witt in FL. 17, 189. 5 ) Westermarck Mar¬ 
riage 2, 271. 6 ) Lev. 18, 18. 7 ) Dähnhardt 

Volkstüml. 2, 89 Nr. 368. 8 ) Krauß Sitte und 

Brauch 677. 9 ) Storfer Jungfr. Mutterschaft 

23. 10 ) Rochholz Glaube 1, 99ff. il ) Sim- 

rock Myth. 635; Wolf Beitr. 2, 192t.', Meyer 
Mythologie d. Germanen (1903), 520. 12 ) Ur¬ 
quell 1898, 167. 13 ) Panzer Beitrag 1, 125; 

Mannhardt German. Mythen 430ff. 

2. In Dänemark und England gehört 
zu den Weihnachtsbräuchen 14 ) das Ver¬ 
zehren einer Brottorte, „Sch.kuchen“ ge¬ 
nannt, welche auf den Kult der Schick¬ 
salssch.n Bezug haben dürfte 15 ), aber 
auch mit der Stiftung eines überlebenden 
weiblichen Zwillings erklärt wird 16 ). 

14 ) Höfler Weihnacht 35. 15 ) ZfVk. 14 

(1904), 268. 16 ) Ebd. 

3. Das römische sororium tigillum, der 
Sch.balken, bei Reinigungsbräuchen ver¬ 
wendet, wurde mit dem Sch.mord des 
Horatiers etymologisch in Verbindung ge¬ 
bracht 17 ). 

17 ) ZfVk. 20 (1910), 180; Zachariae Kl. 

Sehr. 399. 

4. Analog zur Wahlbrüderschaft er¬ 
scheint auch die Wahlsch.schaft 18 ) sowohl 
als individuelle wie als soziale Bildung 19 ), 
doch reicht die Bedeutung der Sch.schaft 
meist lange nicht an die Brüderschaft 
heran 20 ). 

18 ) Ciszewski Künstliche Verwandtschaft 23 s. 

19 ) Sartori 2, 190; Hildebrand Mat. z. 

Gesch. d. Volksliedes 1, 89ff. 20 ) Frobenius 
Die atlantische Götterlehre (Jena 1926), 38. 

M. Beth. 

Schwiegereltern. Das Verhältnis zwi¬ 
schen Schwiegerkindern und Sch. 4 ) ist je 
nach den herrschenden Eheformen sehr 
verschieden gestaltet. Häufig obliegt den 


jungen Leuten, ihre Sch. dauernd zu 
unterstützen, indem etwa gewisse Teile 
jedes erbeuteten Wildes an diese abzu¬ 
liefern sind. In den meisten Fällen aber 
findet sich eine mehr oder weniger stark 
entwickelte Schwiegerscheu 2 ) zwischen 
den verschiedenen Geschlechtern, welche 
dem gefürchteten Inzest Vorbeugen soll. 
Andere erklären sie, was für manche 
Fälle auch zutreffen mag, aus den Er¬ 
fahrungen der Raubehe, wo der Schwieger¬ 
sohn sich den durch seine Gewalttat be¬ 
leidigten Sch. nicht nahen darf. Doch 
könnte solche Erklärung nur für eine 
Scheu zwischen Sohn und Schwiegervater 
zur Erklärung dienen, nicht für eirte solche 
zwischen Sohn und Schwiegermutter, 
welche viel häufiger ist, noch gar zwischen 
Tochter und Schwiegervater. Diese 
Schwiegerscheu geht so weit, daß etwa 
ein junger Mann seine Schwiegermutter 
niemals anblicken, niemals mit ihr 
sprechen darf, noch sich von ihr einen 
Dienst erweisen läßt 3 ). Muß sie etwas 
an den Ort bringen, wo er sich aufhält, 
so muß sie von rückwärts näher treten, 
damit er sie nicht sieht 4 ), ebenso wie er 
bei denselben nordaustralischen Stämmen 
niemals mit seinen jüngeren Schwestern 
sprechen darf. Der jungen Frau obliegt 
es, z.B. den Namen ihres Schwiegervaters 
nicht auszusprechen oder ihm nicht zu 
nahen 5 ); meist wird dieses Tabu aber 
nach einiger Zeit, insbesondere nach der 
Geburt oder Entwöhnung des ersten 
Kindes, weniger streng gehandhabt. Bei 
den Südslawen muß die junge Frau 
während der ersten Zeit allen Ver¬ 
wandten ihres Mannes gegenüber Zurück¬ 
haltung üben und soll bisweilen über¬ 
haupt nicht sprechen. Schwiegerscheu 
dürfte auch bei den indogermanischen 
Völkern weithin vorgekommen sein 6 ). 
Bei den Armeniern obliegt der jungen 
Frau das Schweigegebot bis zur Geburt 
des ersten Kindes. Die Notwendigkeit 
solchen Tabus gerade in jenen urtüm¬ 
lichen Verhältnissen, wo die ganze Fa¬ 
milie auf enggedrängtem Raume zu¬ 
sammenlebt und der Schwiegervater, 
welcher normalerweise das Haupt der 
Familie ist, unbegrenzte Macht besitzt, er¬ 


weist die Tatsache, daß z. B. die Russen 
ein eigenes Wort für die Buhlerei mit der 
Schwiegertochter haben, nämlich sno 
chäcestvo, und daß dieses Verhältnis 
von der Schwiegermutter trotz des Wider¬ 
willens der Schwiegertochter Förderung 
zu finden pflegt. Auch der Codex Ham- 
murabi sieht sich genötigt, besondere 
Bestimmungen aufzunehmen, welche die 
Schwiegertochter gegen den Schwieger¬ 
vater schützen sollen, da eine abergläu¬ 
bische Schwiegerscheu in Babylon nicht 
bestand. 

Aus anderen Motiven ergibt sich die 
Schwiegerscheu zwischen Frau und Mutter 
des Mannes in der patriarchalischen 
Familie. Hier ist die Schwiegermutter 7 ) 
der jung eintretenden Frau, der nevesta, 
d. i. ,,Unbekannten“, gegenüber die Vor¬ 
gesetzte, die unumschränkte Herrin. Da¬ 
her das südslavische Sprichwort: „Wie 
glücklich ist das Vögelein, es hat keine 
Schwiegermutter“. In der Crnagora 
schläft die Schwiegermutter während der 
ersten Nächte bei dem jungen Paar und 
bestimmt die Zeit des ersten Beilagers 8 ). 
Sie hatte offenbar auch bei der Frage der 
Aufzucht der Kinder ein einflußreiches 
Wort. Als Liafburg, die Mutter des 
heiligen Liudger, geboren wurde, befahl 
die Schwiegermutter (ihre Großmutter 
väterlicherseits), das Kind zu ertränken; 
Liafburg wurde nur dadurch gerettet, 
daß ihr eine mitleidige Nachbarin Honig 
in den Mund steckte, wodurch sie in die 
menschliche Gemeinschaft endgiltig auf¬ 
genommen war 9 ). Dieses Recht spiegelt 
sich in den zahlreichen Märchen, wo sich 
die böse Schwiegermutter eindrängt und 
(oft in Abwesenheit des Gatten, von dem 
die spätere Märchenweltanschauung einen 
wirksamen Schutz der Geliebten er¬ 
wartet, den diese in der Urzeit schwer¬ 
lich wirklich gefunden hätte) die Neu¬ 
geborenen tötet, verzaubert oder ver¬ 
schleppt 10 ). Oft kombiniert sich hier 
das Schwiegermuttermotiv mit dem Stief¬ 
muttermotiv. Im Saterlande dürfen die 
Sch. nicht Taufpaten werden 11 ). Bis¬ 
weilen richten sich auch die Nachstellungen 
direkt gegen die infolge der Abwesenheit 
i ihres Gatten schutzlose Frau 12 ); einzelne 



1555 


schwimmen—Scriptomantie 


1556 


Märchen bringen die Umkehrung, wie 
die Schwiegermutter von der jungen 
Frau während der Abwesenheit ihres 
Sohnes mißhandelt und aus dem Hause 
gewiesen wird, so daß er sie zuletzt nicht 
erkennt und verliert. 

Die „böse Schwiegermutter“ ist typisch 
die Mannesmutter 13 ). Die Ostindoger¬ 
manen haben für diese bis heute eine 
eigene Bezeichnung. Auf der anderen 
Seite ist das Wort für Schwiegertochter 
„Schmer“ gemein-indogermanisch und 
dürfte „Söhnin“ bedeuten. Die Mutter 
der Frau kommt ursprünglich mit dem 
Gatten ihrer Tochter kaum in Berührung. 
Wo dies geschieht, zeigt sie sich fürsorg¬ 
lich für ihn besorgt. Erst später wird 
durch Übertragung, größtenteils durch 
die Literatur, die Mutter der Frau zur 
Trägerin der längst typisch gewordenen 
Züge der „bösen Schwiegermutter“ 14 ). 


x ) St orfer Jungfr. Mutterschaft 138; M- 
schlesVk. 13-—14, 177^-; Frazer 12,405; Tote- 
mism 4, 361. 2 ) Ebd. 4, 326; Wilutzky 1, 

201; Andree Parallelen 1, 159. 3 ) Frazer 

12, 463; Hartland Primitive Paternity 2, 93. 
4 ) B. Spencer Native Trihes of Northern Au- 
stralia 3, 324. 5 ) Frazer Totemism 4, 342. 

6 ) Schräder Indogermanen 57. 77. 7 ) 

Weinhold Festschrift 198; Strauß Bulgaren 
513f. 8 ) Krauß Sitte und Brauch 455. ®) 

Mannhardt Germ. Mythen 311. 10 ) Grimm 

Myth. 2, 915. n ) Strackerjan 2, 203 Nr. 451. 
32 ) Liebrecht Zur Volksk. 187. 13 ) Otto 

Schräder Die Schwiegermutter und der Hage¬ 
stolz pass.; vgl. hierzu Arch. f. Kulturwissen¬ 
schaft 3, 239h 14 ) Schräder Reall. 2, 374. 

M. Beth. 


schwimmen s. Nachtrag. 


Schwindel s. Nachtrag. 


Schwinden, Schwund s. 6, 690. 692. 


Schwinden (Schwindsucht, Schwund) 
(Segen) 1 ). 

1. Die Dreieinigkeit (u. a.). Ein 
eigentümlicher, negativer Vergleich: das 
kranke Glied soll so wenig sch. wie die 
(drei) heiligen Personen. Die frühesten 
Belege im 16. Jh. Beispiel: „Nun schwin 
als lutzel als got der vater, der sun unnd 
der hailig gaist die geschwunen nie unnd 
geschwinen nimer“ 2 ). Auch noch mit 
Maria (bei der hl. Geburt) als vierte 
Person 3 ). In neuerer Zeit z. B.: „Das 
Waith Got der Vatter, schweint nit, Got 


d. S. schweint nit“ usw. 4 ). Mitunter 
sinnlos wegen Wegfalls der negativen 
Bestimmung: „Schenkel schwein wie G. 
d. V.“ usw., zum Schluß: „schwein als 
ein Stein“ 5 ). — Der negative Vergleich 
kann auch den Weltkörpem gelten: 
„Huff, Blatt, Blut ... schweinet nit, wie 
die Erde ... die Sonne u. die Sterne 
... wie Himmel u. Erde nie geschweinet 
haben“ 6 ). 

3 ) Viele Belege Höhn Volksheilkunde 1, 96ff. 
2 ) Alemannia 22, 122; vgl. 15, 123 und Mone 
Anzeiger 6, 461 (17. Jh.). Verschieden: Jüh- 
ling Tiere 283 (16. Jh.). 3 ) Birlinger Schwa¬ 
ben 1, 451 (16. Jh.). 4 ) Hovorka u. Kronfeld 
2, 42 Schwaben; Birlinger Schwaben 1, 449: 
Birlinger Volksth. 1 (1890), 209; Lammert 246; 
Urquell 1, 186 Nr. 19 Rendsburg. 5 ) Man2 
Sargans 73; Höhn Volksheilkunde 1, 96f.; 
BIPommVk. 7, 103 Nr. 6. ®) Lammert 246; 

Birlinger Volksth. 1, 208. 210. 

2. Bannung, stufenweise, aus dem 
Körper, gewöhnlich nach ödem Ort 7 ) 
(vgl. Verbannung in den Segen § 1—2). 
Beispiel: „...aus dem Mark in's Bein, 
aus dem Bein in's Fleisch (usw.) ... Haut 
... Haar ... in den wilden Wald, wo 
weder Sonn noch Mond hinscheint“. 
Auch „in das tiefe Meer hinein, wo sich 
weder Menschen noch Vieh erquicken 
können“, „neun Klafter tief in die Erde 
hinab“, „in die Luft“. 

Seltener werden die Glieder zum Zu- 
nehmen gemahnt: „...Nimm wieder 
zu, wie der Mond am Himmel (wie der 
Tag im Frühling), wie der Hopfen an 
den Stangen“ 8 ). 

Außerdem kommen recht viele Schwund¬ 
segen vor, durchweg aber vereinzelt; 
ihre Motive finden sich meist in anderen 
Krankheitssegen wieder. 

7 ) Manz Sargans 73; Birlinger Volksth . 
1, 209 (obiges Bsp.); Schwaben 1, 45° : 
Alemannia 25, 126; Höhn V olksheilkunde 

1, 9Öff.; Seyfarth Sachen 81; BIPomm¬ 
Vk. 7, 103 Nr. 5. 8 ) Romanusbüchlein 13; 

Ganzlin Sachs. Zauberformeln 8 Nr. 3; Mschles- 
Vk. Heft 4, 65t.; Drechsler 2, 313. 

Ohrt. 

Schwindsucht s. Nachtrag. 

schwitzen, Schweiß s. Nachtrag. 

schwören, Schwur s. Eid. 

Scotus, Michael s. Nachtrag. 

Scriptomantie. In der von einem unge¬ 
nannten Predigermönch aus Ungarn (Mi¬ 


1557 


Sebastian—See 


1558 


chael de Hungaria oder Frater Hungarus) 
im 15. Jh. verfaßten Biga Salutis, einer 
Sammlung von Fastenpredigten, wird im 
8. Sermon über das 1. Gebot unter den 
13 Künsten der Hexen die S. genannt *). 
Gemeint ist die Herstellung von geschrie¬ 
benen Amuletten; daher der zwitterhafte 
lateinisch-griechische Name, der sich 
äußerlich denen anderer Divinations- 
formen angleicht, obwohl die Sache selbst 
mit Mantik nichts zu tun hat, ein ähnlicher 
Vorgang wie die Bezeichnung Nekro- 
mantie für Zauberei überhaupt. 

3 ) Geffcken Bilderkatechismus 32, 55. 

Boehm. 

Sebastian, hl., s. Nachtrag. 

Sebastiansminne. Auf das Andenken 
des heiligen Sebastians den Becher zu 
leeren *), scheint eine Sitte von nur lo¬ 
kaler Bedeutung gewesen zu sein. Jeden¬ 
falls ist sie uns nur aus Bayern bekannt. 
Eine Notiz von Jahre 1520 bezeugt sie 
unter dem Namen St. Sebastians Pfeil für 
Regensburg 2 ); in Ebersberg hat sie 
sich, anscheinend unter kirchlichem 
Schutz, bis ins 19. Jh. gehalten. Sie 
wurde hier aus der angeblichen Hirn¬ 
schale Sebastians dem Volke gereicht 3 ). 
— Die S. bildet ein treffliches Beispiel 
für die ursprüngliche Form der Heiligen¬ 
minne, die zunächst nur die Bedeutung 
eines Gelegenheitskults von lokaler Gel¬ 
tung hatte 4 ); erst in späterer Zeit ge¬ 
wannen einzelne Minnetrunkkulte teils 
durch kirchliche Begünstigung, teils durch 
wachsende Beliebtheit beim Volke er¬ 
höhte und erweiterte 'Bedeutung 5 ), die 
der S. versagt blieb. 

3 ) Vgl. den Artikel Minne. 2 ) Franz Bene¬ 
diktionen i, 294. 3 ) Höfler Waldkult S. 168; 

ZdVfVk. 1 (1890), 293; Franz Benediktionen 
1, 294. 4 ) Vgl. die Artikel Benediktsminne, 

Emmeransminne, Erichsminne, Olafsminne, Ul¬ 
richsminne, Urbansminne. 5 ) Vgl. die Artikel 
Gertrudenminne, Johannisminne, Karlsminne, 
Martinsminne, Michaelsminne. Mackensen. 

sechs s. Zahlen B. 

Sechseläuten. Ein Zürcher Frühlings¬ 
fest, das jährlich am ersten Montag nach 
der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche ge¬ 
feiert wird. Man nennt es so, weil dann 


zum erstenmal die Feierabendglocke um 
6 Uhr geläutet wird. Vormittags ziehen 
verkleidete Kinder um; ehedem auch 


weißgekleidete Mädchen, die sog. Mareieli, 
entweder ein Maibäumchen oder einen 
mit Bändern und Blumen geschmück¬ 
ten Kranz mit Glöckchen und ausgebla¬ 
senen Eiern tragend und vor den Häusern 
singend. Die Buben führten auf Wägel¬ 
chen Strohmänner (Bööggen-Popanze; 
s. oben 1, 1466) durch die Straßen, und 
wenn abends um 6 Uhr zum erstenmal 
die Glocke ertönte, verbrannten sie 
diese auf einer hohen Stange an verschie¬ 
denen Ecken der Stadt. Der Winter ist 
damit vernichtet x ). Heute wird nur noch 
eine einzige Strohpuppe verbrannt. Wenn 
der Böögg nicht oben an der Stange ver¬ 
brennt, sondern vorher ins Feuer stürzt, 
so schließt man auf nochmalige Rückkehr 
der Kälte 2 ). Auch die Zünfte feiern. 
Jetzt sind die gegenseitigen Besuche und 
die bald ernsten, bald karnevalartigen 
Festzüge, die von ihnen seit 1830 veran¬ 
staltet werden, die Hauptsache geworden 3 ). 

3 ) Hoffmann-Krayer 137k; Rochholz 
Kinderlied 506; Herzog Volksfeste 1640.; 
Vernaleken Alpensagen 361 ff.; Rochholz 
Teil 11 f.; Stäuber Zürich 2, 158L iöiff.; 
SAVk. 11 (1907), 259 f.; SchwVk. 11, 31; 

14, 20f.; Reinsberg Festjahr noff.; Fehrle 
Volksfeste 50h; Frazer 4, 2Öof. 2 ) Hoffmann- 
Krayer 138. 3 ) Brockmann-Jerosch 

Schweizer Volksleben 1, ii7ff. Sartori. 

sechzehn s. Zahlen B. 

sechzig s. Zahlen B. 

Secreta secretorum s. Nachtrag. 

See, Teich, Weiher. 

1. Wesen und Entstehung. Das 
Wesen des S.s besteht im Gegensatz 
zu Quelle (s. Brunnen) und Fluß (s. 
d.) darin, daß sein Wasser stillsteht, 
vom Meer (s. d.) unterscheidet er sich 
durch seine Begrenztheit: was hin¬ 
einfällt, bleibt auf dem Grunde, wenn 
es nicht heraufgeholt oder heraufgespült 
wird. Sein Charakter ist meist tückisch: 
seine spiegelglatte Fläche lockt den Arg¬ 
losen an, seine geheimnisvolle Tiefe ist 
gefährlich. Viele S.n gelten als uner¬ 
gründlich (s. d.); sie hängen unter¬ 
irdisch mit dem Meer*) oder anderen 
S.n 2 ) zusammen: Ochsen, die in einen S. 
fielen 3 ), ein Fuhrmann, der bei Nacht in 
den S. fuhr 4 ), Fische eines S.s, die man 
gezeichnet hatte 5 ), kamen in anderen S.n 


1559 


See 


1560 


1561 


See 


zum Vorschein. „Es ist nicht unmöglich, 
daß hier einmal das wilde Heer durchge¬ 
rumpelt ist und die Verbindung herge¬ 
stellt hat“ ö ). Der Wildmöser S. hat einen 
unterirdischen Abfluß: eine Botin, die hin¬ 
einfiel, wurde bei Hall im Unterinntal als 
Leiche herausgefischt 7 ). Entstanden 
ist der S. zuweilen auf Gebet oder Ver¬ 
wünschung: den Luciner-S. in Mecklen¬ 
burg ließ die Jungfrau Maria entstehen, 
um eine Rotte plündernder und mordender 
Soldaten zu ertränken 8 ); der Ammersee, 
einst ein Sumpf, wurde auf Wunsch dreier 
Jungfrauen, die ihn bearbeiteten, zum 
S. 9 ). Oft ist die Entstehung des S.s ein 
Strafgericht: Nachbarn zanken sich um 
einen Wald, eines Tages befindet sich an 
seiner Stelle der Walchsee 10 ), und ebenso 
geht es mit der Wiese, um die drei 
Schwestern sich zankten n ). Wegen Über¬ 
muts der Sennen, die Kegel aus Butter 
herstellen, verwandelt sich die Alm in 
einen S. 12 ); das Schloß 13 ) oder Haus 14 ) 
eines Gottlosen versinkt, frevelhafte Berg¬ 
leute werden verschüttet 15 ), ein S. ent¬ 
steht an der Stelle; das Haus eines 
Frevlers brennt völlig nieder, das zur 
Löschung verwendete Wasser bildet einen 
S. 16 ). Der Teufel hat den S. entstehen 
lassen 17 ): er ist das Überbleibsel eines 
i eufelswetters 18 ); der Teufel wirft seinen 
Hammer in die Erde, es bilden sich dort 
S.n, oder er muß den S. ausgraben auf 
Wunsch einer Dame lö ). Ein Riese hat 
einen Tropfen 20 ) seines Bechers ver¬ 
schüttet; vgl. dazu die Volksmärchen, 
wo ein fliehendes Liebespaar vor dem Ver¬ 
folger einen S. entstehen läßt, indem es 
ein paar Tropfen Wasser hinter sich 
schüttet oder ausspuckt 21 ). Nach einer 
Sage aus Frankreich kommt ein S. von 
einem Mädchen, das 14 Tage nicht gepißt 
hatte 22 ). Ein Müller zaubert einen S. 
unter seinen Kirschbaum, auf den Diebe 
hinaufgeklettert sind 23 ). Manche S.n 
haben besondere Eigentümlichkeiten. 
Megenberg erwähnt in seinem Buch der 
Natur (414), daß im S. Asphaltides (Totes 
Meer) kein Lebewesen untersinken könne, 
während im S. Altes bei Porrentan nichts 
an der Oberfläche bleibe; wer vom Wasser 
eines gewissen tobenden S.s trinke, werde I 


von unkeuscher Begierde entzündet, wäh¬ 
rend der Trunk vom Wasser eines S.s in 
Italien bewirke, daß einem der Wein zu¬ 
wider werde (415), und Augustinus be¬ 
richtet von einigen S.n, deren Wasser drei¬ 
mal am Tage bitter und dreimal süß sei 
(416). Der Blutteich bei Braunau hat 
eine rote Farbe, weil dort ein Ritter seine 
Knechte erschlug 24 ). 

0 Sepp Sagen 343Ä. 365; Kühnau Sagen 
3, 382. 2 ) Heyl Tirol 399 Nr. 85t. 3 ) Reiser 
Allgäu 1, 233t. 4 ) Ebd. 1, 232. 5 ) Ebd. 234; 

Kühnau a. a. O. 3, 302; Birlinger Volksth. 

1, 138; Reiser a. a. O. 1, 233. 6 ) Ebd. i, 233f. 

7 ) ZfVk. 3 (1893), 175. 8 ) Bartsch Mecklen¬ 

burg 1, 404. 9 ) Panzer Beitrag i, 34. 10 ) Heyl 
a. a. O. 92 Nr. 55. n ) Reiser Allgäu i, 299 
Nr. 255t. 12 ) Heyl a. a. O. 93 Nr. 56; Ver- 

naleken Alpensagen 247f. 13 ) Sebillot Folk- 
Lore 2, 403. 14 ) Heyl a. a. O. 399 Nr. 84. 

16 ) Ebd. 269 Nr. 84. 16 ) Kühnau a. a. O. 

3 . 339 - 17 ) Knoop Hinterpommern 21. 18 ) 

Schwartz Studien 442. 19 ) Sebillot a. a. O. 

2, 403f. 20 ) Ebd. 2, 402. 21 ) Urquell 3 (1892), 

58. 22) Sebillot a. a. O. 2, 43. 23 ) SAVk. 

25, 141. 24 ) Grohmann Sagen 266. 

2. Unheimliches und Gefährliches. 
Manche S.n geben bei herannahendem 
Gewitter unheimliche Töne von sich 25 ); 
das Wasser des Wahlteiches bei Hohen¬ 
leuben rauscht zuweilen ohne allen Grund 
auf 26 ); das „Seeschießen“ des Bodens.s, 
ein donnerartiges Getöse bei Barometer¬ 
änderung, führt man übrigens auf Gase 
zurück, die sich in der Tiefe sammeln und 
an die Oberfläche gelangen 27 ). Ver¬ 
schiedene S.n kann kein Vogel über¬ 
fliegen; versucht er es, so fällt er tot 
nieder 28 ). Der Starnbergers, gibt keine 
Leiche eines in ihm Ertrunkenen zurück, 
sondern reiht alle aufrecht stehend in 
seinem lehmigen Grund aneinander 29 ). 
Manche S.n ziehen die Leute, die in ihrer 
Nähe schlafen, in sich hinein 30 ). Ein 
Jäger, der einen halben Scheibenschuß 
von einem solchen S. einschlief, war beim 
Aufwachen mit den Füßen schon im 
Wasser 31 ). Von vielen S.n sagt man, daß 
sie eines Tages ausbrechen und die 
Ortschaften in ihrer Nähe überschwemmen 
würden 32 ); dasselbe fürchtet man von 
S.n, die sich im Inneren der Berge be¬ 
finden 33 ). Den Ausbruch wird ein Drache 
veranlassen, der im S. liegt 34 ), oder eine 
* Hexe 35 ). Ein Zauberer hätte den Ant- 




; 


u.< 


1562 


holzer S. ausgelassen, wenn es ihm ge¬ 
glückt wäre, drei Körner vom Grunde des 
S.s heraufzuholen 36 ); ein anderer Zau¬ 
berer, der dasselbe vorhat, stürzt sich 
selbst in die Flut, als eine Prozession mit 
Gebet naht 37 ). Auch anderswo wird all¬ 
jährlich gebetet 38 ) und Messe gelesen 39 ), 
um das Unheil abzuwenden. Nekro¬ 

manten weihen bei einem nur ihnen zu¬ 
gänglichen S. ihre Bücher dem Teufel 40 ). 
So unheimlich wie der S. selbst sind meist 
auch die Lebewesen, die sich darin auf¬ 
halten. In verschiedenen S.n darf man 
nicht fischen, denn die Fische gehören 
den S.geistern, die sie zurückfordern 41 ), 
oder es sind arme Seelen, die hier den Tag 
des Gerichtes erwarten 42 ). S.schlangen¬ 
artige Fische hat der Walensee in der 
Schweiz **). Auch Drachen (S.drache) 
und unheimliche Pferde, die den Pflug und 
das andere Pferd, womit man sie zu¬ 
sammengespannt hat, hinunterziehen 44 ), 
leben in S.n. Die S.geister (s. d.) sind 
nur selten harmlos: im Bezirk Minden 
waren Teiche die Aufenthaltsorte für 
Hexen 45 ); in einem Tiroler S. lebt der 
„Blutschink“, der, in Bärengestalt und ] 
mit blutigen Füßen, nachts die Menschen 
holt und ihr Blut trinkt 46 ); im Hutzen¬ 
bacher S. wohnte ein böses Weib, das in 
die Nähe kommende Kinder raubte und 
lebendig auffraß 47 ). Frevler sind in den 
S. gebannt 48 ), sie zeigen sich als feurige 
Menschengestalt bei Nacht 49 ) oder als 
Aufhocker 50 ); ein Senn mit einer Kuh, 
von einer schlecht behandelten alten Frau 
hineingewünscht, taucht alle sieben Jahre 
auf, melkt die Kuh und versinkt hände¬ 
ringend 51 ). Das menschenähnlicheUngetüm 
im Schwindels, bei Wurzach ist das Kind 
eines Kreuzritters und einer Sklavin aus 
dem Morgenland, das der Ritter hinein¬ 
werfen ließ 52 ). Im Haidweiher bei Amberg 
strecken die alten Jungfern die Arme übers 
Wasser und schreien: „Einen Mann, einen 
Mann“ 53 ). Geister werden in S.n ge¬ 
bannt 54 ), so daß es manchmal schon sehr 
eng darin ist 55 ); in Gestalt von wilden 
Tieren hausen sie im Rachelsee 56 ), des 
Pilatus Geist weilt im Pilatuss. 57 ). In 
manchen S.n weilen die Toten 58 ) (s. a. 
Wasserhölle). Auf dem Grunde von S.n 


befinden sich versunkene Städte 59 ) und 
Schlösser 60 ), Kirchen 61 ), Schätze und 
Glocken (s. Gold, Schatz, Glocke). Wenn 
man Steine oder andere Gegenstände 
in bestimmte S.n wirft oder mit einem 
Stock hineinschlägt, entsteht ein Un¬ 
wetter (s. Mummeis., Wetters.). 

25 ) Kohlrusch Sagen 253!.; ZfVk. 3 (1893), 
I 75 - 26 ) Eisei Voigtland 252 Nr. 629. 27 )ZfVk. 

7 (1897), 283. 28 ) Sepp Sagen 3850. Nr. 102. 
29 ) Bavaria 1, 317h; Lammert 47. 30 ) Küh¬ 
nau Sagen 2, 230; Heyl Tirol 94 Nr. 56. 31 ) Zfd- 
Myth. 2 (1854), 351. 32 ) ZfVk. 3 (1893), 175; 
Heyl a. a. O. 693 Nr. 16; Schönwerth Ober¬ 
pfalz 2, 219; Waibel u. Flamm 2, 124. 170; 
Sepp a. a. O. 355 Nr. 94; 393 Nr. 105; Bir¬ 
linger Volksth. i, 136; Lammert 47. 33 ) Se¬ 
billot Folk-Lore I, 243 f.; Panzer Beitrag 
i, 18. 34 ) Reiser Allgäu 1, 265; Heyl a. a. O. 
88 Nr. 51; 486 Nr. 52. 35 ) Ebd. 678 Nr. 155. 

36 ) Ebd. 177 Nr. 81. 37 ) Ebd. 673 Nr. 148. 
38 ) Sepp a. a. O. 363 Nr. 96. 39 ) Sebillot 
a. a. O. i, 243!. 40 ) Kluge Bunte Blätter 32. 

41 ) Kuhn u. Schwartz Nr. 35. 180. 42 ) Heyl 
a. a. O. 64 Nr. 23; Sepp a. a. O. 393 Nr. 
105; Vernaleken Mythen 155. 43 ) SAVk. 

25, 237. 44 ) Bartsch Mecklenburg 1 Nr. 550; 

Kuhn u. Schwartz 155 Nr. 179. 45 ) ZfrwVk. 
3 (1906), 200. 46 ) Alpenburg Tirol 59. 

47 ) Bohnenberger 4. 48 ) Müller Urner 

Sagen 1, 79 Nr. 105; 80 Nr. 106; 81 Nr. 107. 
49 ) Reiser Allgäu 1, 234. 60 ) Kühnau Sagen 

1, 439. 51 ) Vernaleken Alpensagen 32. 

52 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 193. 53 ) 

Quitzmann Baiwaren 135. 54 ) Ebd. 179; 

Schönwerth a. a. O. 3, 145; Panzer a. a. O. 

2, 105. 55 ) Schambach u. Müller 232 Nr. 6. 
56 ) Panzer a. a. O. 2, 138L 67 ) Lütolf Sagen 
15. 275. 58 ) Mannhardt Germ. Mythen 444L 
69 ) Sepp a. a. O. 391 Nr. 104; Kühnau Sagen 

3 , 377 - €0 ) Ebd. 3,385. 61 ) Strackerjan 

2,115- 

3. Opfer und Kult. Ganz in der¬ 
selben Weise wie mancher Fluß (s. d.) 
fordern auch gewisse S.n alljährlich ihr 
Menschenopfer, meist an bestimmten 
Tagen: „'s ist heut Simon und Judae, 
da rast der S. und will sein Opfer haben“ 
(Schillers „Teil“, 1. Aufz. i.Auftr.); so 
der Walkteich bei Stollberg 62 ), der Mühl¬ 
teich bei Schlegenberg 63 ), der Schlawer 
S. in Niederschlesien 64 ), der Forellenteich 
im Oberwald in Oberhessen 65 ), der Wild¬ 
alps. und der Zirainers. in Tirol 66 ), der 
Nonnens. bei Bergen 67 ); ein Marin, der 
an dem Unheiltage Wasser aus der Peken- 
kuhle bei Sanderahm schöpft und trinkt, 
fällt tot um 68 ); der Schloßweiher zu 
Neumarkt fordert alle sieben Jahre ein 


1563 


See 


1564 


Opfer 69 ), der S. zwischen Brandeis und 
Altbunzlau einen Menschen oder ein 
Tier 70 ); in den Mohriner S. lockt eine 
weiße Gestalt am Marientag einen Men¬ 
schen hinab 71 ), in der Lausitz holt sich 
der Nix alljährlich einen Knaben, indem 
er da ein Loch macht, wo es voriges Jahr 
seicht war, und wenn es erst an Silvester 
geschieht 72 ). Ein Mann, den ein Müller 
gewaltsam davon zurückhält, über den 
Schweriner S. zu gehen, erklärt nachher, 
es habe ihn unwiderstehlich dazu ge¬ 
trieben, er habe gar keine Veranlassung 
dazu gehabt 73 ). Freiwillige Opfer der 
Menschen und kultische Verehrung 
haben meist den Zweck, den S. zu be¬ 
sänftigen, daß er sie verschone. Wenn 
ein Kind in Westböhmen im Zeichen des 
Wassermanns geboren war, mußte man 
auf dem Weg zur Taufe ein Geldstück 
ins Wasser werfen mit den Worten: ,,Da 
hast du das Deine, laß mir das Meine“ 74 ). 
Zur Besänftigung des Wassers dienen 
auch Käse- und Brotopfer 75 ). Früher 
warf man bei heftigen Sturmfluten eine 
heilige Hostie in den Achens. 76 ). Durch 
einen hineingeworfenen Ring beschwich¬ 
tigt man den Ammers. 77 ), den Drei¬ 
sessels. im bayrischen Wald 78 ) und den 
Wallers, in Oberbayern 79 ), und dies ist 
der ursprüngliche Sinn, wenn sich jeder 
altbayrische Herzog mit dem Walchens., 
wie der Doge von Venedig mit dem Meere, 
durch einen Ring, den er hinein warf, 
vermählte 80 ). Aus dem gleichen Grund 
fand alljährlich ein feierlicher Bittgang 
an oberbayrische S.n statt 81 ), und auch 
in der Eifel wird ein S. jedes Frühjahr 
betend umzogen 82 ). Zwecks Heilung 
von Rheumatismus und Hautkrank¬ 
heiten wird der S. von St. Andeol an 
gewissen Tagen, genau wie manche 
Brunnen (s. d.), umwandelt **), ebenso 
ein Teich im Kanton Tessin 84 ). Wenn 
in Böhmen ein Mädchen Fieber hat, so 
muß sie dreimal um einen Teich herum¬ 
laufen und beim ersten Male ein Stück 
Brot, beim zweiten Male eine Spindel und 
beim dritten Male ein Stück Flachs ins 
Wasser werfen, wodurch das Fieber, das 
unten im Teiche sitzt, zurückgehalten 
wird und nicht zur bestimmten Zeit 


kommen kann 85 ). Daß bestimmte S.n 
unseren heidnischen Vorfahren heilig 
waren, beweist der S. in der Germania 
des Tacitus (Kap. 40), in dem die Göttin 
Nerthus und ihr Wagen gewaschen wur¬ 
den, während die Sklaven, die dabei 
waren, der S. verschlang; auch die Tat¬ 
sache, daß die ältesten Christentempel 
häufig Wasserkirchen waren, scheint da¬ 
rauf hinzu weisen, daß die Kirche hier 
die heidnische Verehrung verdrängen 
wollte 86 ). Die Mutter Gottes erschien 
einem jungen Menschen über dem Lieb- 
frauens. bei Kissingen, als er sich darin 
ertränken wollte; daher der Name 87 ). 
In der Umgegend von Kiew darf man 
einen Toten nicht über einen Teich führen, 
sonst verlassen die Krebse den Teich 88 ). 
Ungeborene Kinder befinden sich in 
Oberdeutschland 89 ) und Böhmen 90 ) in 
Teichen, aus denen man sie herausfischt. 

62 ) John Erzgebirge 207. 63 ) Kühnau Sagen 
2, 253. 84 ) Drechsler Schlesien 1, 289. ® 5 ) 

Bindewald Sagenbuch 172. 6Ö ) Schönwerth 
Oberpfalz 2, 170; Alpenburg Tirol 237. ® 7 ) Zf- 
Vk. 7 (1897), 119. 68 ) Strackerjan 1,287. 

e8 ) Schönwerth a. a. O. 2, 177. 70 ) Groh- 

mann Aberglaube 49. 71 ) Kuhn Mark. Sagen 246. 
72 ) Haupt Lausitz 1, 47L 73 ) Bartsch Meck- 
lenburg 1, 154. 74 ) John Westböhmen 289. 

75 ) Grimm Myth. 1, 496. 76 ) Heyl Tirol 808 
Nr. 287. 77 ) Sepp Sagen 361 Nr. 95. 78 ) Ebd.; 
Panzer Beitrag 2, 138b 78 ) Ebd. i, 22. 

80 ) Sepp a. a. O. 361 Nr. 95. 81 ) Ebd. 8a ) 

Schmitz Eifel 2, 72f. 83 ) Sebillot Folk- 
Lore 2, 461. 84 ) SAVk. 14, 46. 85 ) Groh- 

mann a. a. O. 163! 86 ) Rochholz Gau¬ 

göttinnen 131. 87 ) ZfVk. 13 (1903)» 434 - 88 ) Ur- 
quell 3 (1892), 51. 88 ) Meyer Baden 13; 

Schläger Badisches Kinderleben in Spiel u. 
Beim 12; Höhn Geburt 259. 90 ) Grohmann 

a. a. O. 105. Nr. 748. 750. 

4. Weissagung. Der Murtens. 91 ) und 
ein S. in Bayern 92 ) werden blutrot, wenn 
bald ein Krieg ausbricht, ebenso der 
Mäuseteich zu Breslau, wenn der Stadt 
ein Unglück bevorsteht 93 ). Im Spiegel 
des S.s sehen die Mädchen am Andreas¬ 
abend, genau wie im Brunnen (s. d.) 
oder im Fluß (s. d.), vom Baum herab 
ihren Zukünftigen 94 ); oder sie schöpfen 
in der Matthiasnacht drei Eimer aus 
einem stillstehenden Wasser und gießen 
es jedesmal hinter sich aus, beim dritten 
Eimer sehen sie über die Schulter und 
erblicken da den zukünftigen Gatten 95 ). 


1565 


Seebarbe—Seelenbad 


1566 


94 ) SAVk. 19 , 209. 92 ) Sepp Sagen 376 

Nr. 100. 83 ) Kühnau Sagen 3, 431. 94 ) Drechs¬ 
ler Schlesien 1, 10. 85 ) Kuhn Westfalen 2, 123h; 
Strackerjan 1, 93. 

S. a. Meer 6, 65 ff. Hünnerkopf. 

Seebarbe (Mullus barbatus L.), Rot¬ 
bart, Alb.Magnus: harderen,gehört zur 
Familie der Mullidae. ,,Dise fisch frisch 
zerschnitten, aufgelegt, item auch in der 
speyß genossen, widerstedt dem gif ft 
(nach Plin. N. H. 32, 25) etlicher Meer¬ 
fischen, vnd dem gifft des flusses der 
wyber, menstrua genant (n. Plin. N. H. 
32, 43 f. und dieser aus Bithus von 
Dyrrhachium). Sein gall mit honig an¬ 
geschmiert scherpfft das gesicht, 
vnd sein fleisch gesotten mit honig ge¬ 
mischt ist seer nützlich den pristen 
des sitzes. Die ischen von dem kopff 
der fischen ist krefftig wider alles gifft, 
mit honig vertreybt es die heissen, gifftigen 
eissen (n. Plin. N. H. 32, 27) oder 
schwartzen blateren vnd prästen 
des sitzes (Plin. 32, 104). Dise fisch in 
der speyß gässen, item in weyn ertrenckt, 
der selbig getruncken, hinderet die 
empfencknuß, vnd vertreybt die 
geilheit in mannen vnd weyberen, vnd 
widerstedt dem gifft“ *). 

Auch Isidor v. Sevilla (1636): 
,,Mullus, cujus cibo tradunt libidinem 
inhiberi, oculorum autem aciem 
hebetare (nach Plin. N. H. 32, 70); 
homines vero, a quibus saepe pastus est, 
piscem olent 2 ). Mullus in vino necatus iis 
qui inde biberint taedium vini affert 
(n. Plin. N. H. 32, 138; s. Aal Bd. 1, 2) 3 ). 
Das meiste findet sich auch bei Vinzenz 
von Beauvais 4 ). 

*) Gesner Fischbuch 1563, 20 a. 2 ) Plinius 
{N. H. 32, 9) sagt von dem lepus marinus 
(Aplysia depilans): „homines quibus inpactus 
est piscem olent“. Also wohl Versehen des Isidor. 
Nach ihm auch Vinc. Bellov. C. LXIX u. 
Alb. Magnus XXIV, 43. 3 ) Etym. 12, 6, 25. 

4 ) Vincentius Bellovacensis Speculum na¬ 
turale L. XVII,c.LIX (Geilheit,Augen,Weinekel). 
LXX (Kopf gegen Gifte, gegen Ischias, Men¬ 
struation, Karbunkel, Weinekel). Ferner Al¬ 
bertus Magnus De anim. 24, 43 (gegen 
Geilheit, augenschwächend, Weinekel). 

Hoff mann- Kr ay er. 

Seegeister s. Meergeister 6, 71 ff. 

Seehund s. Robbe. 

Seele s. Nachtrag. 


Seelenbad. S.er (balnea animarum) 
sind meist letztwillige, barmherzige Stif¬ 
tungen zugunsten der Armen, die un¬ 
entgeltlich das Bad genießen wollen, 
und beruhen auf dem Glauben, daß 
Werke der Barmherzigkeit der Seele des 
Stifters im Jenseits zum Heile gereichen 
und vor allem einen Teil der Sünden¬ 
strafen zu tilgen vermögen. Daher ent¬ 
halten die S.Vermächtnisse offenbar die 
Verpflichtung, für den Stifter zu beten. 
Manche Urkunden betonen das ausdrück¬ 
lich. Die S.er gehören zu den mannig¬ 
fachen Seelgeräten, Stiftungen, die dem 
Seelenheil des Stifters förderlich sein 
sollen: in einem Koldizer Aktenstück 
aus dem 15. Jh. heißt es ausdrücklich 
„zelgerethe zcu der badestuben“, 134° 
in Zittau „Seelengeräth auf der Stuben 
vor der Stadt“. Die Subachsche Seel¬ 
gerätstiftung von 1440 für das Jung¬ 
frauenkloster St. Georg zu Glauchau bei 
Halle schreibt die Abhaltung von Vigilien 
und Seelenmessen und an demselben Tag 
ein Bad vor, ebenso eine Wiener Stiftung 
ein Seelenamt mit nachfolgendem Bad. 
Eine Dresdener Seelenbadstiftung von 
1394 bestimmte, daß 12 Badetücher für 
die Armen bereit gehalten werden sollen; 
in Halle (1552) schröpfte man die Baden¬ 
den auch unentgeltlich, ebenso in Hirsch¬ 
berg noch im 18. Jh. Auch andere kleine 
Vergünstigungen für die Armen kamen 
vor: in Hirschberg erhielten sie einen 
Trunk Bier und eine Schnitte gebähtes 
Brot und, da das S. am Allerseelentag 
abgehalten wurde, auch Seelenbrote. In 
Wien wurden sie mit Wein und Brot 
gespeist (1428). 

Die S.er wurden vielfach nur einmal 
oder während des ersten Jahres nach 
dem Tod des Stifters einmal wöchentlich 
abgehalten. Daneben finden sich aber 
sehr häufig auch Stiftungen „auf ewige 
Zeiten“ (zwei- bis viermal jährlich, auch 
alle Montage oder Donnerstage). Die 
Badezeit begann in der Regel nach dem 
Morgengottesdienst und erstreckte sich 
über den ganzen Tag hin. Der Beginn 
wurde mancherorts vom Bader durch 
Läuten angezeigt. 

S.er stiftete man besonders bei Tot- 


Seelenüberfahrt 


Seelen ü ber f ahr t 


1570 



1568 


schlag zum besten des Getöteten (1504 
Halle), Todsühnebriefe von 1474, 1508, 
1515 aus Freiberg nennen solche Ver¬ 
mächtnisse. Die Stifter sind in der Regel 
einzelne Personen oder Familien, meist 

k 

bürgerliche, selten adelige oder fürstliche 
(Friedrich d. Weise 1517). Weltliche oder 
geistliche Korporationen als Stifter sind 
Ausnahmen. In Wien wurden im 14. 
und 15. Jh. oft die Dürftigen und Siechen 
im Spital mit S.Stiftungen bedacht, viel 
häufiger aber die Armen ganz allgemein. 

Der Besuch der S.er war zeitweise so 
stark, daß die Leute ,,uber einander“ 
geschlagen wurden (1445 Gerolzhofen). 
Die S.er waren über ganz Deutschland 
verbreitet. Da sie auf der katholischen 
Lehre von der Verdienstlichkeit der guten 
Werke beruhen, gingen sie mit der Re¬ 
formation sehr zurück. Gleichwohl hatte 
z. B. in Hirschberg (Schles.) die Kürsch¬ 
nerzunft noch lange eine solche Stiftung 
zu verwalten. In München gaben noch 
1836 einige Zünfte zu Quatember und 
anderen Zeiten S.er für die Seelen ihrer 
verstorbenen Angehörigen. Ebenfalls in 
München wurden 1867 bei Trauergottes¬ 
diensten eine Anzahl von S.ern ausge¬ 
boten, in denen man die Armen zum 
Gedächtnis des Toten unentgeltlich 
waschen sollte. 

Eine andere Auffassung des S.es stützt 
sich auf die alte Meinung, die Seele müsse 
bei ihrem Scheiden aus dem Leib durch 
Wasser gehen (s. Seele), weshalb man in 
manchen Gegenden bei einem Todesfall 
alles Wasser im Haus ausschüttet. Auch 
empfängt man in den Ostseeländern am 
Allerseelentag die Seelen in der Bade¬ 
stube, wo sie bewirtet werden und ein 
Bad nehmen. 

Unser Wort „Salbader“ (= Seelbader) 
kann einen Arzt von einem Krankenhaus 
bezeichnen (Kluge). Da aber „Bader“ 
auch häufig „der Badende“ bedeutet, 
liegt für „Salbader“ die Deutung „der 
im S. badende“ nahe. Bei den großen 
S.ern geriet wohl mit der Zeit der eigent¬ 
liche Zweck, das fromme Gedenken des 
Stifters, immer mehr in Vergessenheit 
oder wurde wenigstens bei vielen ein 
leeres Wortemachen. So kann „sal¬ 


badern“ zu der Bedeutung „viele und 
unnütze Worte reden“, „Salbader“ zu 
der Bedeutung „Schwätzer“ gekommen 
sein. 

Martin Badewesen 188ff.; Mitt. f. schles. 
Vk. 21 (1919). 108ff. Mengis. 

Seelenüberfahrt. 1. In einer ostfrie¬ 
sischen Sage wird von einem Unbekannten 
in holländischer Kaufmannstracht ein 
Fischer gedungen, um in der Nacht Seelen 
nach der weißen Insel überzusetzen. 
Sein Schiff, das die Wellen anfangs leicht 
hin und her schaukeln, bewegt sich, so¬ 
bald der Vollmond erscheint, weniger 
leicht und sinkt immer tiefer, so daß 
schließlich das Wasser nur noch eine 
Hand breit vom Rande entfernt ist. Der 
Fährmann nimmt an, daß die Seelen jetzt 
an Bord seien, und stößt ab, kann aber 
von seinen Passagieren nichts wahr¬ 
nehmen als einige Nebelstreifen, die sich 
hin und her bewegen, ohne eine bestimmte 
Gestalt anzunehmen. Es handelt sich 
hierbei um eine bei den verschiedensten 
Völkern aller Zeiten verbreitete Vor¬ 
stellung 1 ), die im Seelenschiff der orien¬ 
talischen und griechischen Plastik be¬ 
sonders auch Amuletten ebenso begegnet 
wie auf primitiven Kunstwerken der 
Amerikaner oder als eines der frühesten 
christlichen Symbole 2 ). 

Der Zug oder die Fahrt der Toten oder 
der Seelen, denen die Zwerge der zahl¬ 
reichen deutschen Sagen gleichzusetzen 
sind 3 ), erfolgt überall da, wo ein Meer 
oder Fluß den Horizont eines Volkes 
begrenzt, über das Wasser, den Toten¬ 
strom, wobei alle die menschlichen Mittel, 
ein Wasser zu überschreiten (Schwimmen, 
Schiff, Brücke), wiederkehren 4 ). Der 
Fluß — für die Primitiven ein starkes 
Verkehrshindernis, weshalb auch ge¬ 
bannte Geister (s. Geisterbann) über 
einen Fluß geführt werden (z. B. den 
Rhein 5 )) — trennt die Unterwelt vom 
Diesseits. Bei den Indogermanen dient 
er vielfach zur Bewässerung der Unter¬ 
welt, so der Acheron der Griechen, und 
auch bei den Germanen fließt vor der 
Hel, wie vor der Walhalla ein Strom 6 ). 
Nach griechischem Glauben setzt Charon 
die Seelen in einem schmalen, zwei- 


1569 


rudrigen Boot in das Totenreich über, 
wofür er ein Fährgeld erhält. Zu diesem 
Zweck legte man dem Toten einen Obolos 
in den Mund. Die Sitte, der Leiche eine 
kleine Münze in den Mund zu legen, ur¬ 
sprünglich zur Ablösung des Gesamt¬ 
besitzes 7 ), dann als Fährgeld oder 
Brückenzoll (s. u.) gedeutet, findet sich 
auch bei Deutschen 8 ). Als Fährmann 
der Seelen begegnet auch Wuotan, der 
allein den Weg über den Totenstrom ins 
Reich der Unterwelt weist 9 ). In nor¬ 
dischen Sagen bringt man die Leiche 
auf ein Schiff, das man den Wogen und 
dem Wind überläßt, anderwärts trifft 
dieses Schicksal nur die vom Leib be¬ 
freiten Seelen 10 ). 

Der vorzüglichste Totenstrom der Deut¬ 
schen ist der Rhein (schon Procop. bell, 
goth. 4, 20), so daß die Redensart „Uber 
den Rhein fahren“ so viel bedeutet wie 
„sterben“ n ). Beliebte Übergangsstellen 
sind Speyer und Köln 12 ). Vielleicht 
hängt damit auch die in Meiderich nach¬ 
zuweisende Sitte zusammen, den Grab¬ 
hügeln die Form von Schiffen zu geben 13 ). 
Auch der andere Grenzstrom Germaniens 
(Tacitus, Germ. 1), die Donau, galt als 
Totenstrom. Der Elfenfährmann des 
Nibelungenlieds ist der Ferge der Toten 14 ). 
Der Zwergkönig Cyrillis läßt sich mit 
seiner Schar von einem Fischer bei 
Langenberg über die Elster setzen. Bei 
Audorf vernahmen die Leute nachts oft 
den Ruf: Überfahren!, ohne daß der 
Fährmann jemand am Ufer antraf. 
Dasselbe wird von der Mosel berichtet 15 ). 
Der Fährmann Beck zu Spichem in Thü¬ 
ringen erzählte von der Anmeldung un¬ 
zähliger Wichteln, von der Überfahrt 
Perhtas mit den Heimchen bei Kaulsdorf 
an der Saale und an der Elster bei 
Köstriz 16 ). 

Das Totenland ist in erster Linie die 
Insel Brittia (Procop. bell. goth. 4, 20), 
d. i. England, nach der Auffassung des 
Volkes „Engelland“, das Reich der Seelen. 
Fischer und Ackersleute, die am Ufer des 
Festlandes, von altersher aller Abgaben 
entbunden, wohnen, setzen die Toten 
nach Brittia über. Trotz der schweren 
Belastung (Tiefgang des Schiffes!) legen 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII. 


sie den Weg, der sonst einen Tag und eine 
Nacht benötigt, in einer Stunde zurück 
(Schnelligkeit des Geisterschiffs, s. d.; 
vgl. auch die Phaiaken der Odyssee). 
Nach der Landung entleert sich der 
Nachen sofort, wobei eine Stimme die 
unsichtbaren Ankömmlinge nach Namen 
und Vaterland fragt 17 ). 

Nach weitverbreiteter Meinung erfolgt 
die Überfahrt der Seelen auf Eierschalen 18 ). 
Die Vorstellung, daß die Seele nach dem 
Verlassen des Leibes ein Wasser passieren 
müsse, hat sich nicht überall an ein be¬ 
stimmtes Gewässer geheftet. So bittet 
in München der Geist eines Verstorbenen: 
„Zeige mir den Weg zum nächsten Wasser, 
ich muß hindurch, um an den Ort zur 
gelangen, wo ich meine Ruhe habe“ 19 ). 
In einem Beichtspiegel vom Jahre 1456 
heißt es u. a.: „Also wenn die menschen 
sterbend, so far die sei durch das wasser“. 
Deshalb stellt man einem Kranken, der 
sich durchgelegen hat, eine Schüssel 
Wasser unter das Bett, ein sympathe¬ 
tisches Heilbad 20 ) und zugleich eine 
Vorbereitung auf das bevorstehende Bad 
im Totenstrom. So erklärt in manchen 
Gegenden das Volk auch den katholischen 
Brauch, Leiche und Sarg mit Weihwasser 
zu besprengen, als Mittel, die Seele an 
das kalte Wasser zu gewöhnen 21 ). 

Nach älterer germanischer Vorstellung 
sammeln sich die Seelen hinter den 
Wolken. Durch die Wolkengewässer 
also nimmt die Seele ihren Weg, wenn 
sie von der Erde zurückkehrt 22 ). Im 
Wolkenschiff (Regenschiff, vgl. das Mut¬ 
tergottesschiff) führt Holda die Seelen **). 
Bei der Auffassung der Mondsichel im 
ersten und letzten Viertel als Seelen¬ 
schiff war offenbar die Anschauung des 
Aufgangs und Untergangs der Gestirne 
als Verschwinden in einer jenseitigen 
Welt ausschlaggebend 24 ). 

*) ARw. 4 (1901), 3i4f.; Caesarius v, Hei¬ 
sterbach 147; Grimm Myth. 2, 6920.; 

Hocker Volksglaube 232 t.; Kuhn Mythol. 
Stud. 2, 68Ü.; Laistner Nebelsagen 118; Reu- 
schel Volkskunde 2, 28; Franken-Warte 7 
(1919), Nr. 26; Unoth 1(1868), 115. 2 ) Wundt 
Mythus u. Religion r, 72. 159. 301. 3 ) Kuhn 

Mythol. Stud. 2, 68h.; ZfrwVk. 1908, 277. 
4 ) Dieterich Kl. Sehr. 315t. 5 ) Schell Ber- 

gische Sagen 526 Nr. 69; 563 Nr. 47; Schmitz 

50 


Seelenvogel 


Seelenvogel 


1574 


1571 


1572 


Eifel 2, 27. 6 ) Abt Apuleius 29f.; ARw. 4 

(1901), 314t.; Cleraen Leben n. d. Tode 455.; 
Grimm Myth. 2, 693t.; Kuhn Mythol. Stud. 
2 , 685 . 7 ) Dieterich Kl. Sehr. 315L 8 ) Grimm 
Myth. 2, 693h; 3, 441 Nr. 207. 9 ) ARw. 4 

(1901), 3 r 9 f- 10 ) Grimm Myth. 2, 693f. 

u ) ARw. 4 (1901), 321; Mannhardt Germ. 
Mythen 361; Sepp Sagen 638 Nr. 173; ZfrwVk. 
1908, 275. 12 ) ARw. 4 (1901), 314. 322 h; 

Sepp Sagen 638 Nr. 173; ZfrwVk. 1908, 276. 
13 ) ARw. 4 (1901), 317h. 14 ) Ebd. 317. 15 ) 

Sepp Sagen 638 Nr. 173. 16 ) Witzschel 

Thüringen 107. 212. 17 ) ARw. 4 (1901), 319. 

324; Grimm Myth. 2, 694h; Laistner Nebel¬ 
sagen 118; Tylor Cultur 2, 64. 18 ) Grimm 

Myth. 3, 248. 19 ) ARw. 4 (1901), 325. 20 ) Roch- 
holz Glaube 1, 173. Aus dem Munde kranker 
Leute kriecht bisweilen während des Schlafes 
die Seele und badet in einem Gewässer, wodurch 
der Kranke gesund wird. Panzer Beitrag 
2, 195*-; ZfVk. 18 (1908), 377. 2i) Rochholz 
Glaube 1, 173L; Pfannenschmid Weihwasser 
114; ZfVk. 18 (1908), 377. 22) ARw. 4 (1901), 

3i4f.; Pfannenschmid Weihwasser 99; Use- 
ner Kl. Sehr. 4, 395. 23 ) Mannhardt Germ. 

Mythen 366 Anm.; Meyer Germ. Myth. 282. 

24 ) Wundt Mythus u. Religion 2, 253. 

2. Neben der Überfahrt zu Schiff 
kennt der Volksglaube auch eine Brücke, 
die über den Totenstrom ins Jenseits 
führt. Der Geldzoll, den die Seelen bei 
ihrem Beschreiten entrichten müssen, 
erinnert an das Fährgeld, das der Toten¬ 
fährmann erhält 25 ). Nach altpersischer 
Religion muß jede Seele die über die 
Hölle ausgespannte Richterbrücke über¬ 
schreiten. Diese ist für die Guten breit 
und bequem, für die Bösen aber eng und 
haarscharf, so daß sie unrettbar in die 
Hölle stürzen. Das spättalmudische 
Judentum entnahm im 3. und 4. Jh. 
diese auch den alten Indern bekannte 
Darstellung dem Parsismus und brachte 
sie mit dem messianischen Weltgericht 
in Verbindung. Durch Vermittlung des 
Judentums wurde dann der Islam mit 
der Idee der Richterbrücke bekannt 26 ). 
Auch die Germanen kannten eine Seelen¬ 
brücke 27 ). „Sterben“ heißt darum schon 
altn. „Gehen auf der Gjallarbrücke“. 
In einem nordenglischen Lied, das einst 
bei der Totenwache gesungen wurde, ist 
die Rede von einer Angstbrücke, die 
nur die Breite eines Drahtes hat, und 
über welche der Weg zur Unterwelt 
führt 28 ). Vielfach wird die Milchstraße 
als Seelenbrücke betrachtet (so schon ‘ 


bei den Griechen, z. B. Lukian Demosth. 
encom. 50) 29 ). Diese heißt in Westfalen 
auch Hilweg, Helweg und Heerstraße 30 ). 
Auch der Regenbogen gilt vielfach als 
Seelenbrücke 31 ). 

Eine weitere Möglichkeit ins Jenseits 
zu kommen besteht für die Seele in der 
Überfahrt zu Wagen durch die Luft (wie 
beim wütenden Heer, vgl. auch Geister¬ 
kutsche). Nach englischem Volksglauben 
ist der mit einem weißen Tuch bedeckte 
Wagen so mit Seelen beladen, daß die 
Räder knarren 32 ). 

25 ) Grimm Myth. 2, 696L 26 ) Scheftelo- 

witz Altpersische Religion i8of. 27 ) Laistner 
Nebelsagen 102. 178; Meyer Germ. Myth. 134; 
Schröder Germanentum 35. 28 ) ARw. 4 (1901), 
317L 29 ) Jeremias Relig.-Gesch. 235; Kuhn 

Mythol. Stud. 2, 87. 30 ) Kulm Westfalen 2, 85. 
31 ) Jeremias Relig.-Gesch. 235; Meyer Germ. 
Myth. 134. 32 ) Grimm Myth. 2, 695 f. ; 3, 282. 

Mengis. 

Seelenvogel. Der Glaube an die Vogel¬ 
gestalt der Menschenseele ist gemein 
indogermanisch, läßt sich aber auch in 
China, Indonesien, Melanesien, Afrika 
und Amerika belegen x ). Bei den Semang- 
Pygmäen auf der Halbinsel Malakka tötet 
der Mann, bei dessen Frau eine Emp¬ 
fängnis stattgefunden hat, einen Vogel 
und gibt der Frau das Fleisch zu essen; 
dadurch erhält der dem materiellen Da¬ 
sein nach dem Zeugungsakt entstammende 
Foetus die Seele. Der getötete und ver¬ 
speiste S. enthält also oder ist die Seele 
des Kindes, die von dem höchsten Wesen 
Kari in Gestalt eines bestimmten Vogels 
aus dem Himmel gesandt wird 2 ). Wie 
im Glauben der Antike (bes. Hipponax 
fr. 54 xprpj 82 vsxptüv a^eXos 82 xal 
x 9 jpt>£) so gelten auch im deutschen 
Volksglauben aller Zeiten die Vögel als 
geisterhafte, prophetische Wesen, Todes¬ 
boten, d. h. als in Vogelgestalt erschei¬ 
nende Seelen von Abgeschiedenen, die 
einen Überlebenden ins Totenreich nach¬ 
ziehen, abrufen 3 ). In Vogelgestalt ent¬ 
weicht die Seele aus dem Mund des 
Sterbenden. Eine rotfigurige Amphora 
Brit. Mus. E 477 zeigt den der sterben¬ 
den Prokris entfliehenden S. 4 ). Die 
Seele Alexanders des Großen flog als 
Adler zum Himmel (Kallisth. 3, 33), die 


1573 

des Peregrinus als Geier (Lukian Peregr. 
39) 5 ). Auch nach der Vorstellung der 
slavischen Völker entweicht die Seele 
in Vogelgestalt aus dem Munde 6 ). Das¬ 
selbe kennt der deutsche Volksglaube 7 ). 
Zu scheiden ist hiervon die in zahlreichen 
Erzählungen des Altertums, des Mittel¬ 
alters und der Neuzeit anzutreffende An¬ 
schauung, daß ein Gestorbener mit Leib 
und Seele zum Vogel wird und so auf 
der Erde weiterlebt oder ein Lebender 
zur Strafe in einen Vogel verwandelt 
wird 8 ). Nach schlesischem Volksglauben 
umflattern die Seelen der Kinder als Vögel 
die Grabsteine auf den Friedhöfen, wie 
überhaupt die an Allerseelen die Friedhof¬ 
kreuze umfliegenden Vögel für Seelen 
gehalten werden. In manchen Gegenden 
streuen zu Frühlingsanfang die Kinder den 
Vögeln auch Brot als Opfer für die armen 
Seelen (s. d.) 9 ). Auch die in Gruppen 
und Scharen herumziehenden Seelen haben 
nicht nur im griechischen Mythos (Od. 
11,605; vor allem die stymphalischen 
Vögel) 10 ) sondern auch im neueren Volks¬ 
glauben Vogelgestalt: so gelten Möven 
im Bosporus als Seelen grausamer Schiffs¬ 
kapitäne, und König Abels Leute, die 
demselben seinen Bruder Erich ermorden 
halfen, nisten als Möven auf einer Insel 

der Schlei bei Schleswig 11 ). 

Der S. ist neben der Seelenschlange das 
spezifische Seelentier (s. Seele). Für die 
Antike hat die Forschung auszugehen von 
den Sirenen (s. d.), die wesensgleich sind 
mit den Harpyien, Keren, Strigen, Erinyen, 
Stymphaliden u. a., Totengeistern, die 
zu Dämonen mit speziellen Funktionen 
geworden sind 12 ). Die oft stark betonte 
phallische Natur in der bildlichen Dar¬ 
stellung dieser Dämonen 13 ) beweist das 
grob erotische Wesen, das dem S. ur¬ 
sprünglich eignet. Besänftigt können die 
Sirenen zu wohlwollenden (Euripides 
Helena 165f.), ja lebenspendenden, dem 
Kinde bei der Geburt die Seele ver¬ 
mittelnden Dämonen werden (Proklos 
Comm. in Platon. Rem publ. p. 34, 18), 
wie es ursprünglich die ihnen wesens¬ 
gleichen rptTOTraropsc und Eumeniden 
(Aischylos. Eum. 835, 895, 904) waren u ). 
Daneben aber sind die Sirenen wie die 


ihnen verwandten Dämonen sowohl blut¬ 
saugende (s. a. Vampir) und buhlerische 
Gespenster, wie auch Seelen gewaltsam 
entführende Wesen, als die aus der Lite¬ 
ratur Keren, Erinyen und Harpyien be¬ 
kannt sind 15 ). In der darstellenden 
Kunst ist der Typus des S.s eine Schöp¬ 
fung der Ägypter (Hieroglyphe für Seele: 
Vögel, gewöhnlich mit Menschenkopf und 
Händen) 16 ). Möglich, daß gewisse Raub¬ 
vögel, die als Leichenfresser (wie der 
Wurm!) von selbst zu Inkarnationen der 
Seele werden mußten, die Anregung dazu 
bildeten 17 ). Jedoch kennt die ägyp¬ 
tische Kunst den Typus des entführenden 
S.s nicht. Dieser ist vielmehr der grie¬ 
chischen Vorstellung eigentümlich. Am 
gewaltsamsten entführt seine Opfer durch 
die Luft der Dämon einer etruskisch¬ 
schwarzfigurigen, auf ostgriechische Vor¬ 
lagen zurückgehenden Vase (Berlin 
2117) 18 ), während schon auf dem sog. 
Harpyienmonument von Xanthos in Ly¬ 
kien (6. Jh.) das Rauben zum Geleiten, 
zum schonenden Davontragen der Psyche 
in das Schattenreich wird. Der Todes¬ 
engel löst den Todesdämon ab 19 ). 

Auch in deutschen Volkssagen finden 
sich Züge, die an diese Seelen raubenden 
Dämonen erinnern. So streiten z. B. in 
einer bergischen Sage ein schwarzer und 
weißer Rabe um die Seele eines Sterben¬ 
den 20 ). Und wenn die Kaiserin Mathilde, 
die einmal in Pöhlde gewohnt hat, immer 
ihre Dienerinnen in den Wald schickte, 
damit sie die Vögel fütterten, um der 
Seele des Kaisers die Ruhe zu geben 21 ), 
so ist das im Grunde ebenso eine Speisung 
der Seelenvögel wie der vor allem aus 
der Antike bekannte Brauch, der Seele 
die zu ihrer Fortexistenz nötigen Spenden 
und Opfer darzubringen. 

Ganz evident ist die Seelennatur der 
sog. „Heroenvögel“. Es sammelten sich 
nämlich am Grabe Memnons alljährlich 
zahllose Vögel, die Seelen seiner Ge¬ 
fährten und Gegner, die man direkt als 
av-tyo/oi (Hesych. s. v.). Verwandlungs¬ 
form der Seele, bezeichnete, und kämpften 
in den Lüften miteinander (Dionys, or- 
nith. 1,6; s. a. Geisterschlacht). Das¬ 
selbe berichtet Pausanias 1, 32. 3 von 


1575 


Seelenvogel 


1576 


den gespenstischen Marathonkämpfern. 
Nach eschatologischen Berichten haben 
auch die Seelen im Jenseits Vogelgestalt. 
Die Träume hausen in der Unterwelt 
(Od. 24,12) und erscheinen als Seelen¬ 
wesen in Vogelgestalt oder werden we¬ 
nigstens fliegend gedacht (Verg. Aen. 
6, 701 ff. 8930.). Daher deutet auch 
Artemidor jeden im Traum gesehenen 
Vogel auf einen Menschen (Oneirocr. 
p. 110,24; 112,19; u. a.), und 

alle Flugversuche im Traum verraten 
das Bestreben der Seele, sich als S. zum 
Elysium aufzuschwingen (ebd. 159,7; 
160, 14. 20) 22 ). 

Übernatürliche Wesen sind die Vögel, 
denen menschliche Stimme zugeschrieben 
wird oder deren Sprache begnadete 
Menschen (Melampus, Teiresias, Sieg¬ 
fried) verstehen. Nach Plinius 10,126 
haben die Diomedesvögel Jubas oculos 
igneo calore; entsprechend sagt die Petrus¬ 
apokalypse § 7 von den Seligen: 4 gsp yezo 
•yap airo etystuc GtüTüiv axtiv tjXiol» 23 ). 
Und wenn Statius Silv. 2, 1.204 die 
Seelen im Elysium mutae volucres nennt, 
so fliegen nach Alexander von Myndos 
(Aelian. nat. an. 3,23) die Störche im 
Alter nach den seligen Inseln des Ozeans 
und leben dort in Menschengestalt weiter. 

Die altchristliche Kunst kennt eben¬ 
falls die S., die ihren Platz im Jenseits 
unter Bäumen haben. Die Übernahme 
dieses Symbols der Seele wurde zudem 
erleichtert durch den Bericht von der 
Taufe Christi (Matth. 3,16; Marc. 1,10; 
Luc. 3, 22). In den Katakomben finden 
sich zahlreiche Vogelbilder, die durch die 
Beischrift anima innocens, anima simplex 
oder des Namens des Verstorbenen ein¬ 
deutig als Seelensymbole gekennzeichnet 
sind. Vor allem ist die Taube die Er¬ 
scheinungsform der sich beim Tode zum 
Himmel aufschwingenden Seele (Pru- 
dentius Peristeph. 3, i6if.), die Taube, 
die bei Aelian nat. an. 10,33 in Ver¬ 
bindung mit den Moiren und Erinyen 
(s. o.) genannt wird 24 ). Mittelalterliche 
Predigten weisen zahlreiche Anspielungen 
auf die Vogelgestalt der Seele auf, und 
in mancher deutschen Volkssage ver¬ 
läßt die Seele des Gerechten den Körper 


als weiße Taube, die des Verdammten 
aber als Rabe 25 ). Auch als Hühner 
zeigen sich die Seelen Verstorbener 26 ). 

Eine weitere auch im Altertum sehr 
beliebte Darstellungsform der Seele ist 
der Schmetterling (s. d.). Bevorzugt 
wird der dickleibige Nachtfalter mit 
kleinen, weißen Flügeln (?dXatvot; Sym¬ 
bol der Unsterblichkeit) 27 ). Die älteste 
griechische Vorstellung vom Seelen¬ 
schmetterling war die eines geflügelten 
Phallos (Vasenbilder] cpdXotiva / cpa'XXatva 
von cpaXXoc wie ösatva von öeoc, Xuxatva 
von Xuxo;). Aus der Puppe (vsxuöaXoc) 
entwickelt sich der Schmetterling, die 
Seele aus dem Leichnam. Den besten 
sprachlichen Beleg für den volkstüm¬ 
lichen Glauben an den Seelenschmetter¬ 
ling liefert das Wort <Jselbst, das 
„Seele" und „Schmetterling, Falter" be¬ 
deutet (z. B. Aristoteles, hist. an. 5, 
19. 5 ) 28 )- Auch der Volksglaube der 
Gegenwart sieht im Schmetterling ein 
Seelen wesen. So sagt man in Litauen, 
wenn ein Nachtfalter um das Licht 
flattert, es sterbe jemand, und die Seele 
gehe von hinnen. Vesha heißt bei den 
Slovenen „Irrlicht, Schmetterling und 
Hexe". Auch im deutschen Sprachgebiet 
kennt man den Seelenschmetterling. Diese 
Vorstellung begegnet z. B. in der von 
Hans Sachs gebrauchten Redensart „die 
seel muß im gras umbhupfen". Wiesen¬ 
hüpfer, Wiesenhüpfer in bedeutet auch 
Irrlicht 29 ). Als Schmetterling erscheint 
der Alp, die Holden und Elben sowie 
Hexen 30 ). Andere Insekten sind eben¬ 
falls Seelentiere, so vor allem die Biene 
(schon im Altertum) 31 ), dann Mücke 32 ), 
Hummel und Wespe 33 ). 

J ) Ackermann Shakespeare 40; ARw. 7 
(1904), 485; 16 (1913). 345^.; Baumgarten 
Aus der Heimat 3, 105; Frazer Golden Bougk 
3 . 33 f-; Grimm Myth. 2, 690; 3, 246; KL Sehr. 

5 , 447 : Heer Altglarner Heidentum 28 Anm.; 
Hertz Elsaß 257 {.; Werwolf 20; Hocker 
Volksglaube 238; Hopf Tierorakel 48. 105. 

241 f. ; Laistner Rätsel der Sphinx 2, 257; 
v. d. Leyen Märchen 53; Lippert Kultur¬ 
völker 44; Mannhardt Germ. Mythen 298t.; 
Mogk Germ. Mythologie 1006. 1026; Samter 
Familienfeste 6 Anm. 1; Schade Ursula 70; 
Schwebel Tod u. ewiges Leben i6ff.; Se- 
billot Folk-Lore de France 3, 209; Unoth 1 
(1868), in ff.; Weicker Seelenvogel 20ff.; 


15 77 


Seelen Wanderung 


1578 


Wundt Mythus u. Religion 1, 157ff.; ZfVk. 17 
(1907), 470. 2 ) Schmidt Gottesidee 1, 293. 

3 ) ARw. 16 (1913), 345h.; Grimm Myth. 

2, 95 o; 3, 326; Kuhn u. Schwartz 436h 

Nr. 306; Rochholz Schweizer sagen 1, 245; 

Weicker Seelcnvogel 23h 4 ) Roscher 
Lexikon 2, 1101; Weicker Seelenvogel i66f. 
Fig. 86. 5 ) Stemplinger Aberglaube 59. 

6 ) ZfVk. 13 (1903). 37 1 : J 4 (1904), 28. 7 ) Bir- 
linger Volksth. 1, 507; Golther Mythologie 
81 f.; Wackernagel Epea 40 h.; ARw. 16 
(1913), 345ff. 8 ) Wackernagel Epea 40h 

9 ) Drechsler i, 310; Mitt. f. schles. Vk. 10 
{1908), iof.; Sepp Religion 4070. 10 ) Weicker 
Seelenvogel 21.32.45. 41 ) ARw. 16 (1913), 

337f.; Mülienhoff Sagen 137; Wackernagel 
Epea 42; ZfVk. 15 (1905), 2. 12 ) ARw. 16 (1913), 
33öff. 387; Weicker Seelenvogel 1. 13 ) Z. B. 

Amphora Wien Nr. 318b; Weicker Seelen¬ 
vogel 123 Fig. 48. 14 ) Weicker Seelenvogel 50. 
59. 15 ) Ebd. iff.; Rohde Psyche 2, 219; 

ARw. 16 (1913), 337 *-: ZfVk. 15 (1905), 3 - 

J6 ) Liebrecht Gervasius 263; Weicker 
Seelenvogel 85h. 17 ) ARw. 16 (1913), 337!. 

18 ) Roscher Mythol. Lexikon 2, 1847 Fig. 1; 
Weicker Seelenvogel 6 Fig. 1. 19 ) Weicker 

7 Fig. 4. 20 ) Schell Berg. Sagen 426 Nr. 

15. 2l ) Pröhle Harzsagen 186, vgl. 292; 

Sartori Totenspeisung 63f.; ZfVk. 15 (1905), 

9. 22 ) Weicker Seelenvogel 23. 23 ) Die¬ 

terich Nekyia 38; Weicker Seelenvogel 25. 
24 ) ARw. 16 (1913). 345 tf- 387t-: Grimm 
Myth. 2, 691; Weicker Seelenvogel 26. 25 ) 

Baumgarten Aus der Heimat 2, 107; Böckel 
Volkssage 112; Grimm Myth. 2, 691; Groh- 
mann Aberglaube 194; Kühnau Sagen 1,63; 

3, 172h; Meiche Sagen 484 Nr. 628. 550; 
Ranke Sagen 24; Schönwerth Oberpfalz 
1, 115; Wackernagel Epea 39ff.; Wuttke 
483 § 770; Mitt. f. schles. Vk. 7 (1908), 19. Heft, 
17. 26 ) Birlinger Volksth. i, 502. 27 ) Immisch 
Glotta 6, 193ff. 28 ) ARw. 16 (1913), 3820.; 
Grimm Myth. 2, 692; 3, 246t.; Güntert 
Kalypso 2i8ff. 29 ) Grimm Myth. 2, 692. 30 ) 
Grimm Myth. 2, 905; 3, 246; Grohmann 
Sagen 242; Maas Mistral 15; Vonbun Bei¬ 
träge 83. 31 ) Weicker Seelenvogel 29L; Witt- I 
stock Siebenbürgen 60. 32 ) Sartori Toten¬ 
speisung 44; Wittstock Siebenbürgen 61. 

33 ) Vonbun Beiträge 83. Mengis. 

Seelen Wanderung *). Die S. ist eine 
Anschauungsform ursprünglichen, pri¬ 
mitiven Denkens, dem ein Neuentstehen, 
ein Neugeborenwerden unfaßbar ist. Die 
präexistente Seele (s. d.) kommt von 
der Erde und geht wieder dahin zurück, 
um von da immer wieder zur Geburt aus¬ 
zufahren. Daher pflegen manche Völker 
kleine Kinder, die vor einem gewissen 
Alter gestorben sind, in der Erde zu be¬ 
statten, auch wenn sonst die Verbrennung 
der Toten üblich ist. Es wird eben nach¬ 


weisbar die baldige Wiedergeburt aus 
dem Schoß der Erde erwartet. Damit 
aber die Seele ein volles, den Tod über¬ 
dauerndes Leben habe, kann sie die Ver¬ 
bindung mit einem neuen Leib nicht 
entbehren 2 ). Neben dem Glauben an 
die Wiedergeburt der Seele findet sich 
sehr häufig auch die Vorstellung einer 
Verkörperung der Seele in Tieren oder 
Pflanzen. So wird das Motiv der Tier- 
verwandlung der Seele (s. d.) als Strafe 
konsequent zu Ende geführt 3 ). 

Während bei Primitiven die Vorstellung 
von der S. volkstümliche Formen be¬ 
halten hat 4 ), wurde sie von den Indern 
zuerst planmäßig durchgebildet 5 ). Nach 
orphisch-pythagoreischer, vielleicht auf 
altem Volksglauben beruhender Lehre 
muß die durch die Geburt sündig ge¬ 
wordene Seele nach Ablauf von 1000 Jah¬ 
ren nach dem leiblichen Tode noch neun¬ 
mal in andere Leiber übergehen und sich 
vor jeder Wiedergeburt wiederum 1000 
Jahre der Läuterung unterziehen. Dabei 
kann sie jeweils den Körper selbst 
wählen: wählt sie schlecht, so kann sie 
eine Tier- oder Pflanzenseele werden. 
Erst wenn sie den großen Kreislauf von 
10000 Jahren (Tpö^o; ^svsasüK, 

örph. Frg. 226) beendet hat, kehrt sie 
frei in ihren Ursprung, den Äther, zu 
den Göttern zurück 6 ). Ob die Ger¬ 
manen eine S. in diesem Sinn gekannt 
haben, ist strittig. Appian nennt zwar 
(wohl nach Asinius PoÜio) die Germanen 
ikxvatou xaxotcppovyjTal 5t’ eXtuögc avaßuoasüK, 
überträgt dabei aber wohl griechisch- 
römische Vorstellungen auf die Ger¬ 
manen 7 ), wie es im Mittelalter auch der 
Hexenglaube tut (vgl. z. B. die Quaestio 
de strigis des Jordanes de Bergamo, um 
1460) 8 ). Auch die Tiergestalten der 
Seele (s. d.) und der Totengeister (s. 
Geist) haben mit der S. nichts zu tun. 
Dagegen kannten die Germanen die Vor¬ 
stellung von der Tierverwandlung der 
Seele als Strafe. Ist doch nach deutschem 
Volksglauben der Kuckuck ein ver¬ 
wünschter Bäckersknecht, der den armen 
Leuten Teig stahl. Wie diese Verwand¬ 
lung so erinnern die, welche man sich 
auch von Kiebitz, Eule und Wiedehopf 



Seemännchen—Seerose 


See schlänge—Segen 


1582 




erzählt, an die griechischen Sagen von 
Tereus, Philomele und Prokne 9 ). Eben¬ 
falls eng berührt sich mit dem Glauben an 
eine S. die alte Sitte, Neugeborenen den 
vollen und unveränderten Namen (s. d.) 
eines verstorbenen Verwandten, besonders 
des Vaters, zu geben. Mit dem Namen 
lebt dann auch die Seele des Verstorbenen 
in dem Kind weiter. So wurde Pipin 
d. Kl. nach seinem eben gestorbenen Gro߬ 
vater Pipin v. Heristal benannt, Karl der 
Große nach Karl Marteil u. a. Bezeich¬ 
nende Beispiele kennt besonders die nor¬ 
dische Sagaliteratur: der längst verstor¬ 
bene König Olaf Geirstadaälfr erscheint 
einem Mann im Tjaum und befiehlt ihm, 
aus seinem Grabhügel Waffen und einen 
Gürtel zu nehmen und diesen der schwan¬ 
geren Fürstin Asta in den Wehestunden 
umzulegen, dafür aber sich die Namen¬ 
gebung auszubedingen. Das Kind war 
Olaf der Heilige. In Nord- und West¬ 
norwegen ist die sog. Opkaldelse, die 
nach manchen in der Wikingerzeit mit 
dem Glauben an eine S. aus der Fremde 
eingeführte Sitte, Kinder nach Verstor¬ 
benen zu benennen, noch heute üblich. 
Regelmäßig erhalten Kinder den Namen 
ihrer verstorbenen Geschwister. Erst seit 
Einführung des Christentums wird auch 
der Name eines noch lebenden Ange¬ 
hörigen verwendet. Sehr bezeichnend ist 
endlich folgende norwegische Sitte: 
Träumt eine schwangere Frau von einem 
Verstorbenen, so glaubt man, dieser suche 
einen Namensvetter, und das Kind muß 
nach ihm getauft werden. Ist der Tote 
ein Mann, das Kind aber ein Mädchen, so 
muß man von dem männlichen Namen 
einen weiblichen bilden (und umgekehrt), 
woher so viele unschöne Namen kommen 
wie Larsine, Andersine usw. 10 ). Auch 
Spuren eines Glaubens an die Präexistenz 
der Seele finden sich im deutschen Volks¬ 
glauben, wenn man sagt, daß die Seelen 
der ungeborenen Kinder in Bäumen und 
Teichen, unter der Erde in Felsen und 
Quellen verborgen ihrer Zeit harren u ). 

l ) Bischoff Jenseits der Seele 145t. 258; Kabba- 
lah i, 238; Frazer Golden Bough 12, 500; Tote - 
mism 4, 374; Gennep Rites de passage 231 ff.; 
Hartland Primitive Paternity 1, 2460.; Nils- 
son Primitive Religion 60; Norden Aeneis VI 


16 ff. 303 ff.; Roh de Kl. Sehr. 2, 472; Schindler 
Aberglaube 26; Schmidt Gottesidee 1, 20; Sim- 
rock Mythologie 635; Tylor Cultur 2, 468; ZfVk. 
13 (1903), 369. 2 ) Cie men Leben nach dem Tode 
25f.; Dieterich Mutter Erde (1925) 31. 33. 56; 
Kl. Sehr. 93H 315. 471; Rohde Psyche 2, 133t. 
3 ) Hovorka-Kronfeld 1, 179; Jeremias 

Relig. Gesch. 206; Wundt Mythus u. Religion 

2, 207. 220; 3, 396h 4 ) Frazer Totemism 

3, 297; Gennep Rites de passage 75f.; Jere¬ 

mias Relig.-Gesch. 206; Tylor Cultur 2, 2ff.; 
Wilutzky Recht 1, 63; Urquell 4 (1893). 96. 
6 ) Crooke Northern India 333t.; Grimm 
Rechtsaltertümer 1, XV; Jeremias Relig. 
Gesch. 167; Wundt Mythus u. Religion 3, 396f. 
«) ARw. 4 (1901), 250«.; 7 (1904), 518; 17 
(1914), 5i3ff.; Dieterich Kl. Sehr. 471; Ne- 
kyia 88. H7ff. 144. 156f.; Eisler Weltenmantel 
u. Himmelszelt 2, 502 ff.; Grimm Myth. 3, 247; 
Norden Aeneis VI i6ff.; Rohde Psyche 
2, 31. 122f. 129. 134h 163. 386; Samter Relig. 
der Griechen 82. 7 ) Pfannenschmid Ernte¬ 

feste 432; Mitt. f. schles. Vk. 1 (1896), 34 f. 
g ) Hansen Hexenwahn 196. 9 ) Grimm Rechts¬ 
altertümer 1, XV; Meyer Relig. Gesch. 85; 
Pfannenschmid Erntefeste 432; Schönwerth 
Oberpfalz 3, 107 Nr. 2; Wuttke 476 § 760. 
I0 ) Mitt. i. schles. Vk. 1 (1896), 34f.;ZfVk. 7 
(1897), 3i8f. n ) Dieterich Kl. Sehr. 471. 

Mengis. 

Seemännchen s. Meergeister. 

Seerose (Mummel, Nixenblume, Wasser¬ 
rose; Nymphaea alba). 

1. Die weisse S. hat große, schildför¬ 
mige, auf dem Wasser schwimmende 
Blätter und weiße Blüten. Die nah ver¬ 
wandte gelbe S. (Nuphar luteum) blüht 
gelb. Beide Arten sind in stehenden 
und langsam fließenden Gewässern nicht 
selten x ). 

*) Marz eil Kräuterbuch 406. 408. 

2. Die S.n stehen mit den Wasser¬ 
geistern (Nixen) in Verbindung, sie sind 
die Geister Ertrunkener 2 ). Der Name 
,,Mummel, Mümmelchen“ weist auf die 
Wassermuhme (in Westfalen: Water- 
möme), ein geisterhaftes Wesen, hin. Der 
Mummelsee (Schwarzwald) ist von Nixen 
bewohnt 3 ). Schon Dioskurides leitet 
den Namen vupepettot von den wasser¬ 
bewohnenden Nymphen ab 4 ). Nach einer 
Wolliner Sage sind die S.n Fischerseelen 5 ). 
Die S. gehört dem Wassergeist Kühlebom, 
daher ist es gefährlich sie zu brechen; 
wer dies unternehmen will, soll vorher den 
Geist um Erlaubnis bitten, sonst wird man 
von unsichtbarer Hand in die Tiefe ge¬ 
zogen 6 ). In der toten Kinzig bei Hanau 


1581 


(einem Arm der Kinzig, der keinen Ab¬ 
fluß hat) sollen so viel Blätter der gelben 
S. sein, als Menschen in der Kinzig er¬ 
trunken sind 7 ). Damit hängt wohl auch 
der Glaube zusammen, daß man die S.n 
nicht ins Haus bringen soll, sonst sterbe 
einer der Inwohner 8 ) oder das Vieh 9 ). 
S.n bringt man in Braunsberg (Ostpr.) 
auf die Kirchhöfe 10 ). Z. T. hat das Verbot, 
S.n zu pflücken, wohl darin seinen Grund, 
weil dabei öfters Bootsunfälle Vorkom¬ 
men u ). Die Blüte der weißen S. soll man 
niemanden schenken, da sie Unheil 
bringt 12 ). Die gelben S.n soll man nicht 
brechen, denn wo sie wachsen, hat das 
Wetter ins Wasser geschlagen 13 ). 

2 ) Wuttke 104 § 133; Herzog Schweizer¬ 
sagen 2, iii . 113; Lohmeyer Saarbrücken 28; 
Gräber Kärnten 3; Meie he Sagen 367 Nr. 484; 
631 Nr. 776; Grohmann Sagen 147; Schulen¬ 
burg Wend. Volkstum 53. 3 ) Grimm Myth. 

2, 405.545; 3,142; Simrock Mythologie 498. 
4 ) Mat. med. 3, 132. 5 ) Hempler Psychol. d. 

Volksglaub. 1930, 48. s ) Schell Bergische 
Sagen 278; Montanus D. Vorzeit usw. 1 (1870), 
228; ähnlich Bartsch Mecklenburg 2, 192. 
7 ) Zaunert Hessen-Nassauische Sagen 1929, 
55. 8 )Haas Rügensche Sagen 1891,154; Vecken- 
stedts Zs. 3, 233 (polnisch). 9 ) Treichel 
Westpreußen 2, 203; Temme Pommern 346. 
10 ) Treichel a. a. O. 10, 467. n ) Hempler 
Psychol. d. Volksglaub. 1930, 48. 12 ) Alt¬ 

richter u. Schnarf Volkst. Pflanzennamen d. 
Iglauer Sprachinsel (S. A. aus ,,Heimatspiegel) 
19 2 9 , 5 - 13 ) ZfVk. 11, 226. 

3. Bei den antiken Ärzten galt die S. 
als ein antaphrodisisches Mittel. Sie 
ist wirksam gegen Samenerguß (Priapis¬ 
mus) und bewirkt das Schlaffwerden des 
männlichen Gliedes 14 ). Marcellus Em- 
piricus 15 ) schreibt: „Herba est, quae 
Graece nymphaea, Latine clava Herculis, 
Gallice baditis appellatur; eius radix 
contunditur et ex aceto edenda daturpuero 
per continuos decem dies, mirandum in 
modum fiet eunuchus“. Der Glaube hat 
sich durch die alten deutschen Kräuter¬ 
bücher fortgepflanzt 16 ). In Frankreich 
sagt man von jemanden, der sexuell wenig 
aktiv ist: ,,il a bu de l'eau de volet 
(= S.)“ 17 ). Die Mönche des Klosters 
Tegernsee (Oberbayem) hatten als Zöli- 
batäre die S. im Wappen 18 ), vielleicht 
spielt aber dieses Pflanzenwappen nur auf 
das Kloster am See an. Der gelehrt¬ 


magischen Medizin gehört es zunächst an, 
daß die im Schatten getrocknete Wurzel 
der S., an das Bett gehängt,den Krampf 
vertreibe 19 ). Auch dieses Mittel ist in die 
Volksmedizin übergegangen. In St. Gallen 
legt man den S.n wurzelstock unter das 
Bett, dann ist man vor dem Krampf 
sicher; die Pflanze heißt dort daher auch 
„ Krampfworzel'‘ 20 ). Nach einem west¬ 
preußischen Glauben soll die S. Krätze 
verursachen 21 ), vielleicht nur ein Schreck¬ 
mittel, damit sie nicht gepflückt wird. 

14 ) Dioskurides Mat. med. 3, 132; 

Alexander v. Tralles ed. Puschmann 2, 
500. 15 ) De medicamentis ed. Helmreich 33, 

63. 16 ) Z. B. Me genberg Buch der Natur 

ed. Pfeiffer 411: „sie krenkt der unkäusch 
gir". 17 ) Rolland Flore pop. 1, 155. 18 ) 

Höfler Kelten 267, vgl. auch Schmeller Bay - 
Wb. 2,201. 19 ) Schröder Apotheke 1763, 1077; 
Seitz Trost der Armen 1715, 128. 20 ) Wart¬ 
mann St. Gallen 51 f., ebenso Schramek 
Böhmerwald 262. 21 ) Hempler Psychol. d. 

Volksglaubens 1930, 48. Marzeil. 

Seeschlange s. Nachtrag. 

Sefenbaum s. Sadebaum. 

Seezunge, Sohle (Solea vulgaris). Die 
volksmedizinische Verwendung bei Milz¬ 
erkrankungen, die Jühling ( Tiere 32) 
nach Gesner {Fischbuch 55) erwähnt, ist 
schon antik (Plinius N.H. 32, 102). 

Hoffmann-Krayer. 

Segen (s. auch Beschwörung, Be¬ 
sprechen , Zauberspruch). 

1. Wort, Begriff und Umfang. 2. Chronolo¬ 
gisches und Urkundliches. 3( — 6). Formen. 
4. Aufbau der „Erzählung". 5. Sonderformen 
der „Erzählung". 6. Deutsch und Lateinisch. 
Poetisch und Prosaisch. 7. Inhalt und Zweck. 
8. Die Antike als Quelle. 9( — 12). Das Christen¬ 
tum als Quelle. 10. Kirchlicher und legen¬ 
darischer Inhalt. 11. Verfasser und Sinn christ¬ 
licher Segen. 12. Das Christusbild der volks¬ 
tümlichen Segen. I3(—16). Deutsches Heiden¬ 
tum als Quelle. 14. Heidnische Namen und 
Vorstellungen. 15. Heidnisches in Form und 
Stil. 16. Heidnisches im Inhalt (Wortlaut). 
17. Literatur. 

1. Wort, Begriff und Umfang. 
Das deutsche Wort S. entspricht dem 
lateinischen signuni (sc. crucis); da es 
aber Masc. ist und in den übrigen germ. 
Sprachen teils nicht vorkommt, teils (alt- 
engl.) andere Bedeutung hat, ist wohl 
das deutsche S. nicht als direkt aus 
! signum abgeleitet, sondern mit Grimm 


1583 


1584 


und Kluge l ) als Neubildung zum Verbum tage tritt (vgl. Grimm: „christlicher und 
segnen (ahd. seganön), einer Verdeut- nicht-christlicher Art“), z. B. die meisten 
schung des lat. signare (cruce), aufzu- Sprüchlein gegen Warzen, Hühneraugen 
fassen. u. dgl. Selbst bösartigen Sprüchen gegen- 

Außer den uns hier nicht berührenden über ist eine scharfe Abgrenzung wohl 
kirchlichen u. a. Bedeutungen hat das unmöglich; oft nehmen sogar Unglück 
Wort eine für den Aberglauben wichtige bezweckende Sprüche den Namen S. in 
Verwendung; es bedeutet nämlich auch Anspruch, z. B. „Diebss.“, und werden 
einen fest formulierten Spruch oder Text von den Verwendern als gottesgefällig 
(gesprochen oder geschrieben), dem eine verteidigt („mein“ Feind ist auch Gottes 
übernatürliche Kraft beigelegt wird. Der Feind); sie können denn auch ganz nach 
Sprachgebrauch der Forscher ist hier üblichem S.sschema verfaßt sein, z. B. 
verschieden. So umfaßt „Segen“ nach können Verfluchungen aus Zitaten davi- 
Hoffmann, Mone, Martin Müller, Ehris- discher Psalmen bestehen und, wie die 
mann 2 ) allein die (Übel) vorbeugenden S. allgemein, im Namen der Dreieinigkeit 
Sprüche, nicht auch die abhelfenden. schließen. Natürlich gibt es eine äußerste 
Nach Rieh. Meyer 3 ) bezwecken „S.“ (u. Grenze, die absolute und bewußte Bös- 
Flüche) etwas Allgemeines, Zauber- artigkeit wie der Teufelspakt, wo niemand 
Sprüche etwas Einzelnes. Wir schließen den Ausdruck S. gebrauchen wird, 
uns hier prinzipiell J. Grimms umfas- Kirche. Die S. gehören als außer- 
sender Definition 4 ) an; ihm sind die S. kirchlich, der Kirche mißliebig oder gar 
„Formeln im außerkirchlichen Gebrauch, von ihr verboten, dem Aberglauben an. 
christlicher und nicht-christlicher Art, Geschichtlich ist diese Grenze etwas 
denen eine übernatürliche Wirkung und fließend gewesen, nicht bloß in der kirch- 
zwar meist schützender, heilsamer Art liehen, sondern auch in der volkstüm- 
zugeschrieben wird“, „incantamentum et liehen Praxis, da nicht selten kirchliche 
adjuratio magica“. Diese Definition Gebete, Teufelsbeschwörungen, Kirchen- 
dürfte auch dem volkstümlichen Sprach- Symbole und -lieder in den Schwarz¬ 
gebrauch entsprechen. Wir bestimmen, büchern und im mündlichen Gebrauch 
hierauf fußend, in Kürze die Abgrenzungen der klugen Leute Aufnahme fanden, 
gegenüber anderen Gebieten. Kunstmagie. Die S. sind uns ein 

Religion. Als Mittel des Aberglaubens relativ volkstümlicher Begriff: alle Be- 
unterscheiden sich die S. *—• wie das schwörungen oder Formeln, die der syste- 
Zauberwort 5 ) überhaupt — durch die matischen, astrologischen, dämonologi- 
(angenommene) zwangsmäßige Art ihres sehen gelehrten Magie entsprungen sind, 
Wirkens von dem religiösen Worte, bei schließen wir aus. Ebenso die „Formeln“ 
dem sich Geist an Geist wendet. Ein im engeren Sinn, d. h. die sinnlosen, 
formeller Unterschied wäre damit gegeben, bzw. längst sinnlos gewordenen Wort- 
daß im eigentlichen S. der Leidende, im re- oder Buchstabenreihen, 
ligiösen Gebet die Gottheit angeredet Mit diesen Beschränkungen nehmen 

wird. Den Begriff der S. umgibt dennoch wir die S. als Gesamtbenennung der in 
von Anfang an die (jüdische und) christliche der christlichen Welt üblichen aber- 
Atmosphäre (benedictio, signum crucis). gläubischen Sprüche. Streng genommen 
Sprüche, deren Inhalt ausgesprochen un- ist zwar noch ein Gebiet abzugrenzen, 
christlich ist, sind keine „S.“; so heißt es nämlich die Beschwörung (s. d.). 
gew. „Merseburger Sprüche“, weil der Beschwörun g (con-, adjuratio, exoreis¬ 

erne von diesen heidnische Namen enthält, mus; das Wort Beschwörung ist ahd. nicht 
aber „Trierer S.“ (trotz der Überschrift belegt) unterscheidet sich vom S. prinzi- 
incantatio ), weil hier Christus auftritt. — piell durch das Objekt. Beschwörung ist 
Dagegen nennt man gewöhnlich auch Anrede an ein dämonisches Wesen, S. An- 
solche, neutrale Sprüche S., in denen ein rede an einen Leidenden oder dem Leiden 
christlicher Charakter nicht positiv zu- Ausgesetzten. Man beschwört einen Geist, 


Segen 


1586 


1585 

den Teufel (im Heidentum auch die I Vorstellungen ihrer Urheber Ausdruck. 


Götter), eine Krankheit, eine Zauber¬ 
pflanze, die Geliebte. Man segnet den 
Abreisenden, den Kranken, auch das 
kranke Glied. (Vgl. oben die entspre¬ 
chende formelle Grenze zwischen S. und 
Gebet). Der Sprachgebrauch wirft jedoch 
von Alters her die beiden Benennungen 
zusammen, was dadurch gefördert sein 
mag, daß oft ein und derselbe Text zu¬ 
gleich segnende und beschwörende Ele¬ 
mente enthält. Einige wenige Zitate aus 
früher Zeit mögen hier den Gebrauch der 
Wörter S., segnen als gleichdeutig mit 
Beschwörung darlegen. Im 11. Jh. sagt 
der Straßburger Bluts. 6 ): „ter heiligo 
Tumbo uersegene tiusa uunda“, im 
12. der Bamberger 7 ): „ich besuere 
dich... heil sis tu wunde“. Um 1200 
heißt es im Münchener Ausfahrtsegen 8 ): 
„min suert eine wil ich von dem segen scei- 
den“ (dieser „Segen“ war aber eine Be¬ 
schwörung der Waffen der Feinde). Im 
16. Jh. bei Hans Sachs 9 ): „Ich bschwur 
es (ein Tier) mit eim guten segn“. Um 
1200 gar in malam partem: „von des 
fluoches segene“, d. h. die Fluch¬ 
formel 10 ). — (Für „Beschwörung" in 
streng formalem Sinne gebrauchen wir 
im Folgenden die Benennung „Be¬ 
sprechung“, s. § 3). Und in der Folge 
dieses Artikels „Segen“ fassen wir dann, 
auch aus rein praktischen Gründen, 
dieses Wort in der weitest möglichen 
Bedeutung. 

Das Formelmäßige haftet zwar den 
Segen an — ihre Wirkung denkt man sich 
an buchstäblich genaue Zitierung ge¬ 
bunden —; aber nfeben dieser magisch¬ 
mechanischen Auffassung läuft im Volke 
doch immer eine geistigere: die Wirkung 
setzt auch eine seelische Kraft oder einen 
starken Glauben des S.Sprechers voraus; 
und der Inhalt kann sich (auch trotz 
etwaiger Textverderbung) mehr oder 
weniger dem Bewußtsein geltend machen. 
Letzteres hängt mit dem Ursprung der 
S. zusammen; von Anfang an waren sie 
(von den bloßen Buchstabenformeln u. ä. 
abgesehen) durchgehends keine toten Re¬ 
miniszenzen, sondern gaben metaphysi¬ 
schen, medizinischen, psychologischen u.a. 


Eben diese historische Betrachtung gibt 
den S. ihr Interesse für die Geisteskultur. 
Stofflich sind sie vielfach Zeugen eines 
Lebens, obschon sie selbst dem Toten¬ 
reich des formelhaft Magischen verfielen. 
Etwas anders liegt wieder die Sache, 
wenn z. B. ein religiös noch immer leben¬ 
diger Text abergläubisch verwendet wird 
(Gebrauch des Vaterunsers). 

x ) DWb. io. 1, 100; Kluge Et. Wb. 1 * 448. 
2 ) Belege bei Müller Stilform 3 f. ; Ehrismann 
Gesch. d. deutsch. Lit. bis 2. Ausgang desMA.s 1 
(1918), 53. 3 ) Meyer Religgesch. 138. 4 ) DWb. 

X 1, 104. 5 ) de Boor in Merker-Stammlers 

Reallexikon d. d. Literatur gesch. 3, 512. 6 ) MSD. 
1, 18 Nr. 6. 7 ) AfdA. 15, 216. 8 ) MSD. 1, 182. 
8 ) H. Sachs hrsg. von A. Keller 5 (Bibi, des 
lit. Vereins CVI), 295. 10 ) Diemer Gedichte 

des 11. u. 12. Jh.s 72 Z. 2. 

2. Chronologisches und Urkund¬ 
liches. Die ältesten bisher bekannten 
Aufzeichnungen in deutscher Sprache 
sind zwei aus dem 9. Jh., nämlich die 
Beschwörung „Gang uz Nesso“ und der 
Wiener Hundes. 11 ). Es ist überall 
zu erinnern, daß ein Spruch älter sein 
kann als die erste uns vorliegende Auf¬ 
zeichnung desselben. Aus dem 10. Jh. 
sind wohl 6 Nummern bekannt, unter 
ihnen die beiden Merseburger Sprüche, s. d., 
der Trierer (Pferde-)Segen, s. d., und der 
Lorscher Bienens., s. Bienens. Weiter 
aus dem 11. Jh. etwa 10, aus dem 12. 
mindestens 25 Nummern, verhältnis¬ 
mäßig wenige aus dem 13. (ungef. 10?), 
dann aus der Zeit von etwa 1400 an bis 
zur Gegenwart eine große Fülle 12 ). — S. in 
lateinischer Sprache in schon lange auf 
deutschem Boden befindlichen Hand¬ 
schriften finden sich datierend vom 9. Jh. 
an (aus dem 9. Jh. mehr als dreißig). In 
einigen Fällen gibt sich bei lateinischen 
S. die Mitwirkung eines Deutschen zu er¬ 
kennen; z. B. sind in einem Texte des 
alten Dreiengelsegens, s. d., die Krank¬ 
heitsnamen deutsch: Troppho , Stechido , 
Gegihte usw. 13 ). 

Was die übrigen germanischen Völker 
betrifft, so stammen die urnordischen, 
rein heidnischen, teilweise magisch ge¬ 
prägten Runeninschriften aus sehr alten 
Zeiten, die aller ältesten, wie man an- 


1587 


Segen 


Segen 


1590 


1588 


nimmt, schon aus der Zeit um 300 nach 
Chr. (ungefähr aus derselben Zeit wie die 
ältesten erhaltenen griechischen magischen 
Papyri); die alt(west)nordische Lite¬ 
ratur, entstanden etwa vom 9. Jh. an, 
erwähnt recht häufig Zaubersprüche, gibt 
aber sehr wenige Texte. Die meisten 
altenglischen Beschwörungen sind 
ums Jahr 1000 auf ge zeichnet. Die spätere 
nordische und englische literarische 
S.stradition liefert uns von c. 1300 an 
Belege. 

Die Urkunden aus Deutschlands 
Mittelalter finden sich meistens in Hand¬ 
schriften religiösen oder theologischen, 
sowie auch medizinischen Inhalts; manch¬ 
mal sind sie auf einen leeren Raum von 
späterer Hand eingetragen (so stehen 
z. B. die Merseburger Sprüche auf einem 
Vorsatzblatte einer um ein Jh. älteren 
Hschr. hauptsächlich liturgischen In¬ 
halts). — Nach der Reformationszeit er¬ 
öffnen sich andere Quellen, teils Arznei- 
und Schwarzbücher von Nicht-Geist¬ 
lichen geschrieben, teils Zitate in den 
Gerichtsprotokollen („Hexenprozessen“). 
Aber sogar im 17. und 18. Jh. wurden 
auch noch abergläubische kirchliche, 
private Benediktions- und Konjurations- 
sammlungen (besonders der katholischen 
Ordensgeistlichen) gedruckt 14 ). In der 
Neuzeit, wo die soziale Verschiebung des 
Besegnens von der Geistlichkeit über 
Adel und Bürgerschaft in die Unter¬ 
schicht allein (haupts. die ländliche) voll¬ 
zogen ist, stehen allerdings S. den 
Sammlern massenhaft zu Gebot, aber 
die Tradition ist zum Teil erstarrt durch 
die gedruckten Sammlungen mit häufig 
schlechter, verwilderter Form der S.s- 
texte (s. Zauberbücher). *— Schon von 
der ältesten Zeit an spielte die schrift¬ 
liche Fixierung bei den S. eine so große 
Rolle — was mit dem Gewicht, das hier 
auf die wörtlich genaue Wiedergabe ge¬ 
legt wurde, zusammenhängt, •— daß die¬ 
selben durchaus nicht zur rein münd¬ 
lichen Volksüberlieferung zu rechnen 
sind. 

u ) MSD. i, 17 Nr. 5 B 11. 3. 12 ) Romania 

I 7 * 343 fr 13 ) ZfdA. 22, 246 u. ö. 14 ) Franz 
Benediktionen 2, 585. 648. 


Eine Einteilung der S. läßt sich von 
drei verschiedenen Gesichtspunkten aus 
durchführen: Form (§ 3—6), Inhalt, 
Zweck (§ 7). 

3. Formen. Ein S. enthält normal 
sowohl subjektive als objektive Elemente, 
oft in intimer Verflechtung. Subjektiv 
ist die Willensäußerung des Segners, 
objektiv ist die Erwähnung solcher 
Tatsachen, die für den Fall in Betracht 
kommen. „Blut, du sollst stille stehen 
(subj.), wie das Wasser im Jordan stand 
(obj.)“. „Dat sali vergahn (subj.) as de 
Dau in’t Gras (obj.)“ 15 ). D.as subjektive 
Element muß, jedenfalls latent, in jedem 
S. vorhanden sein. 

Die Sonderform, in der sich das sub¬ 
jektive Element direkt zu erkennen gibt, 
ist die Besprechung (oder Beschwörung 
im strengeren Sinn vgl. Sp. 1584 t.), die An¬ 
rede des Ich des Segners an das Du des 
Übels. Die Formen des Verbs sind hier 
Präsens, Futurum oder Imperativ („ich 
gebiete“; „du sollst weichen“; „ver¬ 
schwinde“, vgl. 1, m8ff.). Aber auch 
diese Form des S.s ist normal mit objek¬ 
tivem Stoff durchsetzt, zieht aus diesem 
Kraft und Zuversicht. Unter den ob¬ 
jektiven Formen sind hervorzuheben: 
Das Herrechnen,’ die „Erzählung“, der 
rituelle Spruch (Ritusanzeige); endlich 
der Vergleich. Das Herrechnen (die 
magisch umsichtige Aufzählung) gilt be¬ 
sonders den Äußerungsformen des Übels 
oder der hilfskräftigen Mächte (auch 
weil das Aussprechen des Namens Macht 
über dessen Träger verleiht): „(Ich be¬ 
schwöre dich) ridtt, gesüecht, krampff 
vnd gegiecht... bei dem mon vnd bei 
der sunnen vnd bei der hailigen Wand¬ 
lung“ 16 ). In der „Erzählung“ (Dar¬ 
stellung) erscheint das Verb (von mit¬ 
geteilten Gesprächen abgesehen) gew. 
in der Vergangenheit: „Gott der Herr 
ging über Land“. Der Gebrauch dieser, 
„epischen“. Form wird (dem Glauben 
an die Kraft des Namens analog) ur¬ 
sprünglich auf der Zuversicht beruhen, 
daß der Inhalt der Erzählung, in der 
Regel die hilfreiche Tat der guten Macht 
in der Vorzeit, eben durch das Hersagen 
wieder lebendig und für den vorliegenden 


1589 

Fall wirkungskräftig wird 17 ) (man ver¬ 
gleiche aus dem Kultus den katholischen 
Glauben an die Wirkung des rituellen 
Rezitierens des Berichtes über das erste 
Abendmahl). Einzelformen s. § 5. Hieran 
schließt sich die Beschreibung eines noch 
vorhandenen Tatbestandes (Verbum im 
Präsens): „In Christi Garten da steht ein 
Baum“, gew. „topographische“ oder 
„physische“ Beschreibungen. Die Ritus¬ 
anzeige (Verbum normal im Präsens): 
Wo irgend eine Handlung magischer Art 
vorgenommen oder ein Geschehnis ma¬ 
gisch ausgenutzt wird, kann eine be¬ 
gleitende Aussage dieses formell an¬ 
kündigen und es dadurch so zu sagen 
vollgültig machen: „Sie läuten dem 
Toten in das Grab, ich wasche meine 
Warzen ab“ 18 ). In Dialogform, als Frage 
und Antwort, z. B. Krankheitssegen 
§ 3 b. Dem rituellen Segensspruch ver¬ 
gleichbar ist der Arbeitsgesang und be¬ 
sonders das Wort bei der symbolischen 
Rechtshandlung 19 ). 

Die Vergleichsform ist eine formelle 
Abänderung der beiden letzten Gruppen. 
Im Vergleich werden subjektive und ob¬ 
jektive Elemente mittelst einer Kon¬ 
junktion (sowie, quomodo usw.) zu¬ 
sammengestellt, so daß der Hauptsatz 
die subjektiven, der Nebensatz die ob¬ 
jektiven bringt. „Feuer steh, wie Christus 
am Kreuze stand“ (entspricht einer Er¬ 
zählung); „dat sali vergahn as de Dau 
in’t Gras un de Dodenkopp in’t Grav“ 2°) 
(entspricht einer Beschreibung). „So 
soll in aller Teufel Namen der Müller 
vergehn wie die [gleichzeitig ausgegossene] 
Milch auf den heißen Steinen“ 21 ) (ent¬ 
spricht einer direkten Ritusanzeige). Eine 
besondere Abart, negativer Natur, ist 
die unerfüllbare Bedingung (unlös¬ 
bare Aufgabe), die dem übel gestellt 
wird: „Blut, du sollst nicht bluten... ehe 
Mutter. Maria ihren anderen Sohn ge¬ 
bärt“ 22 ) (so wahr wie sie keinen ge¬ 
bären wird); s. z. B. auch Fiebersegen 
§ 3 b. — Ursprünglich ist der Vergleich 
sicher nicht bloß äußerlicher Art, sondern 
sehr innerlich gemeint: die Kraft des 
objektiven Satzes gießt sich in die aktuelle 
Willensäußerung des Segners über und 


kommt so dem vorliegenden, analog vor¬ 
gestellten Falle zugute. 

In der Praxis sind die augenfälligsten 
Segensformen die Besprechung (mit sub¬ 
jektiver Basis), die „Erzählung“ und 
der rituelle Spruch (beide mit objektiver 
Basis). Von diesen dreien fordert noch 
die Erzählung eine etwas genauere Er¬ 
wähnung. 


15 ) ZfVk. 7, 56; Bartsch Mecklenburg 2, 
423. 18 ) Alemannia 27, 118. 17 ) Vgl. Dieterich 
Kl. Sehr. 322; Meyer Religgesch. 137. 
18 ) Frischbier Hexenspr. 95. 1# ) W. Vogt 

Stil ge schichte der eddischen Wissensdichtung 1 
(Breslau 1927), 167. 20 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 423. 21 ) Müllenhoff Sagen 518. 

22 ) Jahn Hexenwahn 124. 

4. Aufbau der „Erzählung“ 

(, ,Historiola 4 *, Darstellung, ,,epischer' 4 
Segen). Eine einfache und doch formell 
vollständige Gestaltung ist diese: „Unser 
Herr Jesus Christus schlug mit einer 
Ruthe in den Jordan und hieß das Wasser 
stille stahn; also thue ich diesem Blute 
auch 4423 ). Wir vermerken hier: a) die 
Person(en); b) Handlung und Wort 
derselben; dazu c) die Übertragung auf 
den vorliegenden Fall, a) ist sehr häufig 
mit einer Beschreibung der Situation 
erweitert (Christus kam zum Jordan; 
Chr. u. Petrus gingen zusammen usw.). 
Wenn mehr als eine Person auftreten, 
ist doch eine die entscheidende (eine 
andere oft die leidende); mehrere, be¬ 
sonders drei, können eine Einheit bilden 
(z. B. drei Brüder, denen Christus be¬ 
gegnet). *— b) Eins von den beiden Glie¬ 
dern, Handlung und Wort, kann aus- 
bleiben; das Wort ist oft in direkter Form 
angeführt (Stehe still oder dgl.). Mitunter 
geht dem entscheidenden Ereignis als 
Voraussetzung eine Katastrophe vor¬ 
aus; z. B. das Pferd Jesu brach sein Bein; 
„Christ ward wund“ (da ward er gesund). 
Bisweilen kann eben die Katastrophe 
die für uns entscheidende Kraft abgeben; 
z. B.,, (Longinus stach Jesus in seine Seite) 
Blut und Wasser ging daraus; in dem 
Namen ziehe ich dich, Pfeil, aus" 24 ). — 
c) Die Übertragung ist eigentlich eine 
Form des Vergleichs (Sp. 1589): „Also (sc. 
wie eben berichtet) tue ich auch“, d. h. 
ich tue so, wie der Heilige damals tat. Die 



1591 


Segen 


1592 


Übertragung kann von Alters her die 
Form eines Versprechens haben: einem 
jeden, der diese Worte (den Bericht) 
liest (trägt, glaubt usw.), wird ebenso 
geholfen werden.— Oft ist die Über¬ 
tragung, und damit die Grenze zwischen 
damals und jetzt, nicht scharf gezogen; 
sie kann in verschiedener Weise schon in 
der Erzählung gegeben sein, z. B. wenn 
in derselben der jetzige Segner oder 
Kranke erwähnt wird: ,,Christus fragte 
Maria: wo gehst du hin ? Ich gehe, dem 
getauften Karl Klaus vor den schlim¬ 
men Hals rathen“ 25 ); ,,ich ging durch 
einen roten Wald“ usw. Endlich kann 
die formelle Übertragung gänzlich fehlen, 
so daß der S. bloß in einer Erzählung be¬ 
steht. — Mit der Übertragung kann ein 
besprechender Abschluß eng ver¬ 
bunden sein. Aber auch wo formelle 
Übertragung fehlt,, kann eine Besprechung 
die Erzählung abschließen; diese Be¬ 
sprechung muß man sich dann sowohl von 
dem Heiligen damals als von dem jetzigen 
Sprecher gesprochen vorstellen (so in den 
Merseburger Sprüchen, s. d.). 

23 ) Bartsch Mecklenburg 2, 374. 24 ) Ale¬ 

mannia 27, 104. 25 ) Frischbier Hexenspr. 65. 

5. Sonderformen der ,,Erzählung“. 
Es seien hervorgehoben: 

Zwistform. Zwei Personen (oder Be¬ 
griffe) treten als Gegner auf, die gute 
schließlich als die überlegene. Hierher 
gehören sowohl feierlich religiös ge¬ 
prägte als derb volkstümliche S. ,,Der 
mortslag der slug, der hl. Christ der 
hup“ 26 ); s. auch Artikel Streitmotiv. 
Verwandt sind Typen wie ,,Mathes gang 
ein, Pilatus aus“ 27 ) u. a.; vgl. auch unten 
„Begegnung b“. 

Dreiheitsform. Drei gleichbenannte 
Personen (oder Dinge) treten auf und 
werden jede für sich, oder zwei der 
dritten gegenüber, geschildert. Es können 
sich die beiden ersten zu der dritten 
(oder auch die zweite zu der ersten und 
der dritten) gegensätzlich verhalten. 

. .3 Brunnen, der eine fließt, der andere 
fließt, der dritte steht stille, so soll auch 
dies Blut stehen“ 28 ). Oder sie wirken, 
jede für sich, der dritten parallel, ohne 
jedoch wie die dritte die vorliegende 


Sache zu fördern: „es kamen 3 Jungfern 
... die eine pflückt Laub, die andere 
pflückt Gras, und die dritte brach die 
Rose [Krankheit] ab“ 29 ). Oder endlich 
alle drei drücken jede für sich dasselbe 
Grundwesen oder Wirken aus: „ ... drei 
Blümelein, das eine heißet Wohlgemuth, 
das andere heißet Demuth, die dritte 
heißet Blut stehe stille“ 30 ). In jedem 
Falle ist aber (wie in den Märchen) erst 
die dritte die entscheidende, und der Auf¬ 
bau dieser S. ist eher einem psychologi¬ 
schen Gesetze als der Logik entsprungen 
(s. auch Dreiblumen-, Dreifrauen-, Drei¬ 
rosen-S.). — Nicht hierher gehören solche 
S., wo die drei (resp. sieben, neun) über¬ 
haupt nicht getrennt, sondern als eine 
Einheit auftreten (s. Dreibrüder, Drei¬ 
engel, auch Dreifrauen § 2 biblische Form). 

Begegnung. Hier, wie bei der Zwist¬ 
form werden zwei vorgeführt; die beiden 
Parteien begegnen sich irgendwo, und die 
eine, die heilige, ist der anderen von vorn¬ 
herein ohne weiteres überlegen, sei es zur 
Hilfe oder zur Abweisung und Ver¬ 
dammung. Beispiele s. u. a. Dreibrüders., 
Hiobs. Es gibt demnach zwei Haupt¬ 
gruppen : 

a) Begegnung mit dem Hilfsbe¬ 
dürftigen. Die normale Gliederung ist 
diese: Eingang: Die heilige Macht be¬ 
gegnet einem Leidenden oder auch einem 
niederen Heiligen, der für den Leidenden 
Hilfe sucht. Schema etwa: ,,A. ging über 
Land, da kam gegangen B.“; die Reihen¬ 
folge der Auftretenden ist gleichgültig. 
Die Art des Leidens kann schon hier 
genannt oder angedeutet sein; „S. Peter 
saß .. . vnd hub sein wange in der hant“ 31 ). 
—• Gespräch: Die heilige Macht fragt 
nach dem Leiden (bzw. nach dem Ziel 
des Hilfesuchenden) und erhält Ant¬ 
wort. — Schluß: Die heilige Macht offen¬ 
bart, wie zu helfen ist; oft schreibt sie 
eine bestimmte Kur vor (s. z. B. Drei¬ 
brüders.), oder — seltener — sie greift 
selber handelnd oder redend ein („. .. 
Marey irem hl. trawt chind sein pain be- 
graif‘' 32 )). Das Gespräch zwischen dem 
Hauptheiligen und dem niederen Heiligen 
kommt auch außerhalb des eigentlichen 
Begegnungsschemas vor. 


1593 


1594 


b) Begegnung mit der bösen Macht 33 ), 
d. h. mit der personifizierten Krankheit 
oder sonst einem bösen Geist. Eingang 
wie in a, nur wird das Leiden selten schon 
hier genannt. — Gespräch: Wohin? 
Hin, den NN zu plagen. Das Übel ist hier 
normal erst beabsichtigt, in a dagegen 
schon eingetroffen. — Schluß: Verbot 
(„Nein“), oft noch Bannung des Bösen. 
Alte Sonderform: die böse Macht ver¬ 
spricht noch, NN (weiter) zu verschonen 
(vgl. Sp. 1590 f. Versprechen, und Fieber¬ 
segen § 1 c). 

Längere, kombinierte S. können in 
buntem Wechsel besprechende und er¬ 
zählende Stücke aufweisen; Beispiele 
bieten bes. Augen- und Gichtsegen. 

Von anderen Einteilungen der S. 
hat besonders die Schönbachs An¬ 
klang gefunden: Erzählung, Vergleich, 
Nachbildungen kirchlicher Benediktionen, 
endlich kabbalistische Zauberworte 34 ). 

28 ) Schönbachs hschr. Sammlung in Gießen 
Nr. 238. 27 ) Grimm Myth . 3, 503. 28 ) Württ- 

Vjh. 13, 218 Kr. 258. 29 ) Kuhn Westfalen 

2, 202. 30 ) Temme Pommern 342. 31 ) ZfVk. 

1, 175. 32 ) ZfdA. 24,68. 33 )Lit.: Ebermann 
ZfVk. 26,128 fi. 34 ) Schönbach Berthold v. R. 
124 fi. 

6. Weiter verteilen sich die in deutschem 
Sprachgebiet durch die Zeiten üblichen 
S. nach Sprache und Stil in Deutsche 
und lateinische S. (vgl. § 9 Schluß), 
poetische und prosaische Segen. Mit 
Ausnahme weniger, recht spät vorlie¬ 
gender Sprüche —wie „Dismas etGestas“ 
s. Gerichts., „Sta sangvis fixus“ s. 
Bluts. § 1, Apolloniasegen s. Zahns. 
§ 2 — sind die lateinischen christlichen 
S. in Prosa abgefaßt. Von den deutschen 
ist eine beträchtliche Zahl besonders 
recht kurzer (epischer u. a.) S. poetisch 
geformt, ganz oder teilweise; in wenigen 
Fällen ist die Form altgermanisch, wie 
in den Merseburger Sprüchen, sonst die 
modernen mit Endreimen; älteste Belege 
des Endreimes, aus dem 10. Jh., sind hier 
der erste Trierer S. und der Lorscher 
Bienens. 35 ). Das weitere gehört in die 
Metrik 36 ). Auch in der Prosa, vor allem 
in den Besprechungen, kommen oft 
rythmische Bewegung und Häufung 
paralleler Satzteile vor (bes. wegen der 


: magischen Wichtigkeit des genauen Her- 
l rechnens vgl. § 3), sowie auch gereimte 
i Worte. 

35 ) ZfdA. 52, 171; MSD. 1, 34 Nr. XVI. 
S6 ) Vgl. Koegel Gesch. d. deutsch. Lit. I 1, 259ff.; 
i 2, 152 fi. — 2. T. wohl etwas zu feinhörig. 

7. Einteilung nach Inhalt und Zweck 
der S. Inhaltlich spielt der Unter¬ 
schied zwischen Religiösem und Medi¬ 
zinischem eine Hauptrolle. Scharf ge¬ 
trennt sind diese Elemente keineswegs 
immer; so kann z.B. in der „Begegnung“ 
derHeilige eine Kur vorschreiben (Sp. 15 93). 
Auch ist an sich die Grenze zwischen 
primitiver Religion und Medizin keine 
scharfe. Über das Medizinische in den S. s. 
die betreffenden Artikel. Unter dem 
Religiösen verstehen wir hier allein die 
Erwähnung der Gottheit und der Heiligen, 
sowie guter und böser Dämonen, nebst 
des Kultes. Christlich orientiert kann 
] man dann etwa zwischen alt- und neu- 
testamentlichem Stoff sondern, weiter 
nach Personen (Christus, Maria usw.). 
Tiefer ginge eine historisch und psycho¬ 
logisch angelegte Sonderung — so weit 
durchführbar — u. a. betreffend die Auf¬ 
fassungen des Verhältnisses der Gottheit 
zum Menschenleiden, vgl. Artikel Christus 
in den S. 

i Zweck. Eine augenfällige Einteilung 
ergibt sich durch die Bezugnahme auf die 
Aufgaben, welche sich die Segner mit den 
einzelnen Texten stellen, also etwa Ein¬ 
teilung nach Krankheiten (äußeren und 
inneren, bei Menschen und Tieren), Ver¬ 
hältnis zu den Mitmenschen (Liebe und 
Ehe, Gericht, Feinde, Krieg), zu den 
Tieren (positiv und negativ) und Pflan¬ 
zen 37 ); auch moralisch: Hilfs- bzw. Ab- 
| wehrsegen und bösartige Sprüche. Derar¬ 
tige Einteilungen sind wegen ihrer Über¬ 
sichtlichkeit die üblichen in den Text¬ 
sammlungen, obgleich sie oft inhaltlich 
Verwandtes oder Identisches trennen 
I müssen. Auch in unserm Handwörterbuch 
sind die meisten Einzelartikel über S. 
nach Zweckangaben geordnet: Augen-, 
Bienensegen usw.; in wenigeren Fällen, 
bes. wo eine inhaltsmäßige Benennung all¬ 
bekannt ist — z. B. Dreibrüders., Un- 


1595 


Segen 


1598 



gerechter Mann — ist ein S. unter solchem 
Stichwort behandelt. 

37 ) Ganz ähnlich z. B. Hälsig Zauberspruch 
22 ff. 

8 . Ursprung deutscher Segen 
(§ 8—16). Es kann hier hauptsächlich von 
drei Quellen die Rede sein: a) Die Antike 
(§ 8), b) das Christentum (§ 9 ff.), c) das 
nationale Heidentum (§ 13 ff.). Die 
Grenzen scharf zu ziehen ist unmöglich; 
u. a. standen die vom Süden kommenden 
christl. S. im Banne klassischer Muster; 
andererseits waren die medizinischen Ver¬ 
fasser des ausgehenden Altertums meist 
Christen und ihre Sprüche teilweise 
christlich gefärbt; sogar die Zauber¬ 
papyri und -tafeln dieser Zeit zeigen bei 
sehr großem orientalischen auch einen 
jüdischen, mitunter gar christlichen Ein¬ 
schlag. Auch die Grenze zwischen a und c, 
sowie zwischen b und c wird nicht leicht 
zu ziehen sein, vgl. unten. 

Antikes Heidentum. Die griechisch- 
römische (orientalisch beeinflußte) Ver¬ 
balmagie konnte auf die altdeutsche ein¬ 
wirken teils in der Praxis des Verkehrs — 
und zwar schon in sehr alter Zeit, durch 
Handelsleute, Kolonisten, Soldaten usw., 
mündlich sowie durch Zauberzettel und 
-bücher —, teils auf rein literarischem 
Weg, besonders durch die medizinischen 
Schriftsteller und Kompilatoren von Pli- 
nius an, welche nicht wenigen Stoff 
bringen. Diese letztere Quelle war immer 
neu zugänglich, und möglich ist, daß einige 
der betr. Sprüche in Deutschland erst 
spät üblich wurden. 

Erstlich bestehen im Allgemeinen 
große Übereinstimmungen, insbes. was 
das Formelle betrifft: Hauptarten, Stil, 
Vorliebe für detaillierte Aufzählungen 
und Bezeichnungen der Übel, die Rolle 
des Namens, der Vergleich 38 ). Hier ist 
aber äußerst schwer zu entscheiden, wie 
viel auf den antiken und altgermanischen 
Sprüchen gemeinsamen Voraussetzungen 
beruht, wie viel auf unmittelbare Ein¬ 
wirkung und wie viel endlich auf Ver¬ 
mittlung durch christl. S. Da wir keine 
in rein heidnischer Zeit geschriebenen 
Aufzeichnungen deutscher Sprüche be¬ 
sitzen, erhält für unsere Frage die 


urnordische Runenmagie ein be¬ 
sonderes Interesse; sie bietet teilweise 
dieselben Erscheinungen wie die spät- 
griechischen, urkundlich gleichzeitigen 
Zauberpapyri, z. B. Zahlenspielereien, 
Geheimworte, magische Wirkung der 
Buchstaben reihe, Hervorhebung der 
Person und Macht des Magiers, eine 
Kurzform wie „Gegen (dies u. das) 
Übel“. Hier kann Einfluß der Antike 
schwerlich ganz geleugnet werden 39 ). 
Vieles davon setzt notwendig schrift¬ 
liche Muster voraus. Auch die altengli¬ 
schen, noch kaum genügend untersuchten 
Zaubersprüche zeigen neben christlichem 
auch antiken Einfluß (Geheimworte, z. T. 
wohl auch Stil der Kräuterbeschwörungen). 
Eine Beeinflussung altgermanischer und 
keltischer mündlicher Magie durch die 
Antike könnte an sich noch älter sein 
als der Anfang des Runengebrauchs. 

Weiter können einzelne Sprüche oder 
Spruchteile übernommen sein, außer den 
Geheimworten („Zauberworten“), die uns 
hier nicht beschäftigen. Die greifbarsten 
Beispiele geben einige berichtende und 
schildernde Sprüche, vor allem bei dem 
Mediziner Marcellus von Bordeaux, um 
400. So besteht sicher ein literarischer 
Zusammenhang zwischen dessen Drei¬ 
jungfernspruch „Stabat arbor“ (usw.) 
und einer deutschen Fassung, 14. Jh. 
(Texte s. Dreifrauensegen); fast dieselbe 
deutsche Form ist durch ein gedrucktes 
Zauberbuch 40 ) allgemein geworden. Der 
Spruch gegen Podagra „Summum caelum, 
ima terra, medium medicamentum“ 41 ) 
ist nachgebildet in dem recht beliebten 
Spruchteile „Der Himmel ist ob dir, 
das Erdreich unter dir, du bist in der 
Mitten, ich segne dich vor das Ver- 
ritten“ (d. h. die Verhexung) 42 ). An 
die Aussage, gegen Zäpfchenbeschwerde, 
„Formica sanguinem non habet nec fei“ 43 ) 
schließt sich in sehr verbreitetem deut¬ 
schem Fiebersegen (s. d. § 4 b) die ent¬ 
sprechende von der Taube ohne Galle. — 
Unter den „Besprechungen“ sei in erster 
Reihe auf die Kräuterbeschwörungen 
hingewiesen, s. d. — Uber den Gruß an 
ein Gestirn s. Mondsegen § 3 a. Eine 
griechisch wie lateinisch sehr übliche 



Anredeform an irgend ein Übel lautet 
griechisch z. B. „Fliehe, Podagra, Per¬ 
seus verfolgt dich“, so auf einer Gemme 
mit Perseus, Medusas Kopf haltend 44 ); 
auch andere Namen kommen vor, lat. 
z. B. „Solomon te sequitur“ 45 ); diese 
Form findet sich recht früh verchrist- 


licht, „Fuge, diabolus, Christus te se¬ 
quitur“ 46 ), aus England (Hschr. wohl um 
1000); und neudeutsch ist sie öfters nach¬ 
gebildet, z. B. „Flechten, scheret euch, 
meine Hände jagen euch“ 47 ). Die An¬ 
rede in den Gebärmuttersegen (s. Koliks.) 
„Lege dich wieder nieder an deine rechte 
Statt“ 48 ) findet sich fast wörtlich in 
griechischem Papyrus 49 ) (in einem jüdisch 
geprägten Spruche). Hier kommen wir 
aber an Fälle, wo es schwierig ist zu ent¬ 
scheiden, ob das Gemeinsame bloß die 
Vorstellung von Krankheit und Heil¬ 
verfahren ist, oder zugleich die Worte 
übernommen sind. So öfters in den 
Ritusanzeigen (oben § 3), wo der Ritus 
das primäre, die begleitenden Worte 
sekundär sind und sich oft nicht ganz 
decken, z. B. in antiken und deutschen 
Fiebersprüchen (Anrede an einen Baum 
schon bei Pseudo-Plinius), Diebssprüchen 


u. a. m. ®°). 


Theokrits Liebeszwangs- 


verse (Idylle II 28) finden sich (jedoch 
ohne den Ritus) wenig abgeändert als 
deutscher prosaischer Spruch im 14. Jh. 51 ). 


38 ) Vgl. 2. B. Stemplinger Volksmedizin 
45 f. 51. 3# ) Vgl. z. B. Linderholm Nordisk 

Magi I (Svenska Landsmal 1918) passim; 
Lindquist Relig. Runtexter I (Lund 1932) 62. 
40 ) Jahn Hexenwesen 79; WürttVjh. 13, 194 
Nr. 163. 41 ) Marcellus De medicamentis 36, 19. 
42 ) ZföVk. 2, 149. 43 ) Marcellus 14, 67. 

44 ) Heim Incantamenta 480. 45 ) Ebd. 479 

aus Pseudo-Plinius 3, 15. 46 ) JAmFl. 22, 186. 

47 ) Frischbier Hexenspruch 57; s. auch 
Herzgespann § 2a. 48 ) Lammert 252. 

4# ) Wiener Denkschriften 42, 28. 50 ) Belege 

Ohrt Trylleord 15 ff. 51 ) Schönbach 
Berthold v. R. 144. 


9. Christentum (§ 9—12, nebst 

Judentum und altem Orient). Daß die 
überwältigende Mehrzahl der deutschen 
Sprüche christlichen Gepräges ist, wird 
niemand leugnen. Christlich sind schon 
der Wiener Hundes, und die Trierers, um 
900. — Nicht bloß die Namen Gottes und 
der Heiligen, sondern die ganze christ¬ 


liche Vorstellungswelt, bald streng biblisch, 
bald legendarisch, tritt wieder und wieder 
zutage. Die Grenze zwischen (ursprüng¬ 
lich) kirchlich rezipierten Benediktionen 
und volkstümlich freier gestalteten S. ist 
eine etwas fließende 52 ). 

Viele deutsche und lateinische christ¬ 
liche S. werden erst innerhalb der römi¬ 
schen Kirche gebildet sein; eine große 
Zahl aber findet sich als S. auch im 
byzantinisch Griechischen. Leider 
sind die byzantinischen Aufzeichnungen 
meist recht spät, von um 1400 an; in ei¬ 
nigen wenigen Fällen ist Übernahme sei¬ 
tens des Byzantinischen vom Latei¬ 
nischen nicht unwahrscheinlich — so 
Thekla- (s. Augens. § 2) und Hiobs, (s. 
d. § 2 Anm. 14) —, in anderen ist der by¬ 
zantinische Ursprung einleuchtend. By¬ 
zantinisch liegen u. a. vor: Die Patriarchen 
in Diebss. (s. d. § 5), Gebärs. (s. d. 
§ 1) über Maria und Elisabeth, (drei) 
Hauptdaten im Leben Jesu, schon um 
400 in Fiebers, auf Papyrus (s. Glück¬ 
selige Stunden § ia), Zwei böse Augen 
und drei gute (Neugriech., s. Verhexung, S. 
wider § 2), Dreibrüder (s.d.) und Longinus 
(s. d.), Dreiengel (s. d.), das Versprechen 
Engeln oder dem St. Johann (s. Fiebers. 
§ 1 c und Wetters. § 2), Siebenschläfer 
(vgl. Fiebers. § 2), Sünder (s. Sünder in 
den S. § 2). Das Motiv „Der Jordan (s. d. 
§ 1 u. 3) stand still“ kommt in S.sform 
griechisch erst spät und vereinzelt vor, 
war aber als griech. Legende schon im 
Altertum in ähnlicher Fassung bekannt. 
Hierzu kommen einige nicht religiös 
geprägte Themata, § 16 b. 

Über den Ursprung des beliebten B e g e g - 
nungsschemas (§ 5) ist zu bemerken: Das 
Schema der Begegnungss. entspricht 
einigermaßen demjenigen bekannter 
evangelischer Erzählungen, z. B. Matt. 8, 
1 ff. Jesus und ein Leidender, Matt. '8, 
28 ff. Jesus und die böse Macht. Auch 
die Namen sind christlich, aber Taten 
und Worte sind fast nie aus der Bibel 
oder aus einer nachweisbaren Legende 
geschöpft; und die erste Quelle dieser 
Art S. ist sicher nicht in den Evangelien 
sondern in alter, nicht- und auch vor¬ 
christlicher Zauberpraxis zu suchen. Für 


1599 Segen 1600 


die Begegnung mit dem Bösen hat 
Pradel 53 ) auf die Dämonenaustreibungen 
hingewiesen: für die Kuranweisung könnte 
man die antike Inkubation heranziehen. 
Schon die (jüdischen und) alt orientalischen 
(Legenden u.) Zaubersprüche kennen das 
Schema mit der Kuranweisung sowie 
mit der Bedrohung 54 ). — Der älteste 
klare deutsche Beleg ist ein Text des 
Dreibrüdersegens, 12. Jh. 5Ö ); ein latei¬ 
nischer Text des Dreiengels.s (s. d.) mit 
deutschen Worten vermischt geht ver¬ 
meintlich auf das 9. Jh. zurück. Ein 
griechischer christlicher Begegnungsspruch 
liegt schon um 500 vor (Ägypten) 56 ). 

Einige S. mit alttestamentl. Stoff gehen 
sicher letzten Endes auf altjüdischen 
Brauch zurück, so die Namen Abraham 
Isaak Jakob in Besprechungen 57 ), viel¬ 
leicht auch der Grundstock des Gellos. 
(s. Fiebers. § ic); andere solche werden 
erst von christlicher Hand gebildet sein. 

Lateinische oder deutsche Grund¬ 
form. Recht viele von den christl., 
in Deutschland üblichen S. liegen vom 
Frühmittelalter an sowohl lat. als deutsch 
vor, einige bloß lat., oder vorwiegend lat. 
und selten (oder spät) deutsch, vgl. 
Dreiengels., Kräuters. In der neueren 
Zeit verlor sich der Gebrauch der lat. 
S. mit dem allmählichen Schwinden des 
S.Sprechens aus den gelehrteren Kreisen 
(Sp. 1586f.). — Die sich hier erhebenden 
Fragen sind noch wenig erörtert. Daß 
bei zweisprachlicher Vertretung die lat. 
Form durchgängig die originale ist, darf 
man wohl annehmen, insbes. bei poeti¬ 
scher Form 58 ). In einem Einzelfalle, bei 
der Aufzeichnung einer gereimten deut¬ 
schen Fassung, 13. Jh., des Dreibrüders.s, 
steht der Vermerk ,,Ritmizata theuto- 
nice“ 59 ), die Vorlage war hier also 
lateinisch. Nachträgliche Latinisierung 
eines deutschen Originals ist wohl in 
keinem Falle sicher erwiesen; möglich 
ist sie etwa bei der uns bekannten lat. 
Form des Tumbos.s, s. d., obgleich die 
betr. Aufzeichnung chronologisch die äl¬ 
tere ist; vgl. auch Hiob in den S. § 1. 

Die Grenze zwischen lat. und deutsch 
deckt sich durchaus nicht immer mit der 
Grenze zwischen den korrekten biblischen 


oder kirchlichen und den volkstümlichen 
S. (vgl. § 10); so liegt der legendarische 
Longinuss. seit ungefähr 1000 in beiden 
Sprachen vor; die älteste Variante des 
S.s über das Stehen des Jordans, um 
900, ist in barbarischem Latein. 

Lateinische Sprüche müssen die Ein¬ 
wirkung aus dem Süden, antike wie 
durchgängig auch christliche, vermittelt 
haben. 

52 ) Vgl. Schönbach in ZfVk. 12, 2. 6S ) Pra¬ 
del Gebete 94. 64 ) Gaster in FL. 11, 129 ff.; 

v. Oefele ZfVk. 26, 135; Ohrt Trylleord 

65 ff. 65 ) Grenfell & Hunt The Oxyrhyn- 
chus Papyri XI Nr. 1384. 56 ) ZfdA. 15, 454. 

67 ) Test. Salomonis, Migne Patr. Graeca 122, 
1343; WürttVjh. 13, 191 Nr. 143. 58 ) Müller 

Stilformen 13 fl. 5# ) ZfdA. 15, 452 f. 

10. Kirchlicher und legendari¬ 
scher Inhalt. Die Aussagen der christ¬ 
lich geprägten S. über Gott, biblische 
und nachbiblische Personen und heilige 
Dinge bieten für die Forschung eine reiche 
Quelle zur Kenntnis der religiösen Vor¬ 
stellungen und Anschauungen der Ver¬ 
fasser (und Bearbeiter). 

a) Korrekt Hochkirchliches (vgl. 
1, 1122 f. und 1125 f.). Vielfach stimmt 
der Inhalt mit der Bibel, der offiziellen 
Dogmatik und dem Kultus überein, teils 
wenn Bibelsprüche, Symbolstücke oder 
kirchlich zugelassene Benediktionen im 
S.sbrauch Vorkommen, teils auch in volks¬ 
tümlicheren S. Es gibt hier Beispiele aus 
allen Zeiten (und Ländern) der Christen¬ 
heit, wo überhaupt S. bekannt sind. Wir 
beschränken uns auf einige sehr alte 
Belege aus deutschen S. Mit ,,ter pater 
noster“ schließt eine Fassung des Spruches 
„Gang uz nesso“, 9. Jh. 60 ); „Increatus 
pater“ usw. aus dem Symb. Athanas. 
steht in einem teilweise deutschen (Eiter- ?) 
S., 11. (?) Jh. 61 ); der „Regensburger 
Augens.“, 11. Jh., erwähnt die Heilung 
des Blindgeborenen, Joh. 9, „der der daz 
tages lieht nie ne gesah“ 62 ); das „Über¬ 
bein“ wird dogmatisch korrekt beschwo¬ 
ren, 12. Jh., „bi demo holze, da der al- 
mahtigo got an ersterb an wolda durich 
meneschon sunda“ 63 ); der Schluß des 
Lorscher Bienens.s, 10. Jh., „uuirki godes 
uuillon“ 64 ) spielt auf die Wachsproduktion 
für den Gottesdienst an. 




1601 


Segen 


1602 


b) Legendarisches. Weiter birgt 
sich in den S. von alter Zeit an viel 
Legendenstoff. Dieser macht sich geltend 
teils bloß in der Ausmalung biblischer 
Geschichten, teils als selbständige Le¬ 
genden ; zu den wirklichen Legenden 
kommen dann die augenscheinlich nur 
für den Fall erfundenen Geschehnisse, 
wie manches in den „Begegnungen“ 

(§ § 5 u. 9); von dieser letzten Gruppe 
sehen wir in den folgenden Beispielen 
meist ab. Um von der Fülle und Art 
dieses Stoffes einen Begriff zu geben 
seien bekanntere, sowohl einmal als öfter 
belegte Fälle hervorgehoben, die Jahres¬ 
zahl gibt die Zeit des (m. W.) ersten 
Beleges der Legende in Segensform; 
unsere Liste, welche auch lateinische S. 
umfaßt, zeigt, daß der Legendenreichtum 
der S. durchaus nicht, wie von einigen 
angenommen, erst dem Schluß des Mittel¬ 
alters zugehört. 

8—900: Adam rief Eva herauszu¬ 
kommen 65 ); Christus vor Wolf und Dieb 
geboren 66 ); leidende(r) Heilige(r) auf 
dem Stein 67 ); Drei Engel (s. d.). 

900—1000: Der Jordan (s. d.) steht 
still; Longinus (s. d.) in mehr biblischer 
Form; die Siebenschläfer 68 ); der Petrus- 
Zahns. (s. Zahns. §1); törichtes Weib 
(später Tumbo , s. d.) und Kind. 

1000—1100: Adamsbrücke (s. Fall- 
suchts.); Longinus in freierer Form; 
Martha zählt Meeressand 69 ); Helena und 
das Kreuz (s. Diebss. §6). 

11— 1200: Adam und der Gottes¬ 
name 70 ); Hiob im Mist rief zu Christ, 
s. Hiob in den S. §1; Jesus genießt 
das hl. Abendmahl bei der Taufe 71 ); 
Theklalegende (s. Augens. § 2); der 
Hagel und die Engel (s. Wetters. §2); 
Dreibrüder (s. d.). 

12— 1300: Trauer Marias (oder an¬ 
derer) über Christi Leiden 72 ). 

13— 1400: Elias' Nasenbluten 73 ); die 
Würmer aßen Hiob (s. d. § 2 Anm. 14); 
die Diebe und das Jesuskindlein (s. 
Diebss. § 1); Christus und die Juden 
im Saal (s. Gerichts.); Pilatus, Jesus 
und die Gicht (s. Gichts. §2); Tod des 
Richters Jesu (s. Ungerechter Mann); 
Petri Fieber (s. Fiebers. § ib); endlich 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII 


die ersten Belege solcher begegnungs¬ 
mäßigen S.,w r o Christus Maria hilft (heilt) 
oder umgekehrt (s. Maria in den S. § 6). 

14—1500: Dualistische S. (Gott und 
Teufel als Schöpfer 74 ), Christus und 
der Mord 75 ); David und die Fall- 
süchtige 76 ); S. Johann und die Ritten 
(s. Fiebers. § ic); verdorrte Hand der 
Häscher Christi (s. Gichts. § 1); vier 
Herren an einem See 77 ); Apollonia (s. 
Zahns. §2). Auch erst später belegte S. 
können aus dem Mittelalter stammen 
(so der Laurentiuss., s. d.). 

In einigen Fällen gehen von alter Zeit 
her korrektere und freiere Formen neben¬ 
einander, ohne daß es möglich wäre, die 
letzteren als bloße Mißverständnisse bes¬ 
serer Texte aufzufassen, so in den Lon¬ 
ginus- und Jordans, (s. d.). Manchmal 
ist sogar nachweisbar ein anstoßfreier 
Zug durch nachträgliche Korrektur ein¬ 
geführt ; ein Beispiel gibt Franz 78 ): Ein 
(sogar kirchlich rezipierter) Wetters., 
9. Jh., sagt, der Jordan sei das Wasser 
„ubi Maria . . . pedes suos lavavit“; dies 
ist in einer Variante des 10. Jh. unge¬ 
schickt verbessert in „ubi Maria ... in 
utero candido portavit“. — Andere ab¬ 
sonderliche Züge hinwieder sind natür- 
lirh zufällig oder sekundär. 


60 ) MSD. 1, 17 Nr. 5 B. 61 ) ZfdA. 21, 210. 
* 2 ) ZfdA. 46, 303. 63 ) MSD. 2, 305. 64 ) MSD. 
i, 34 Nr. XVI. 65 ) Heim Incaniamenta 564. 
66 ) MSD. 1, 16 Nr. 3. 67 ) ZfdA. 23, 261, vgl. Ger¬ 
mania 25, 70. 68 ) v. Steinmeyer Die kleineren 


ahd. Sprachdenkmäler 392. 


69 


) Hälsig 


Zauberspruch 61. 70 ) Graff Diutisca 2, 297. 

71 ) MSD. 2, 286 f. 72 ) Mone Anzeiger 7,422. 
73 ) MSD. 2, 275 f. 74 ) ZfVk. 1, 174. 75 ) Schön¬ 
bachs hschr. Sammlungen (Gießen) Nr. 238. 
443. 959. 76 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 461. 

77 ) Bartsch Die altdeutschen Handschriften der 
Universitätsbibliothek in Heidelberg 48. 78 ) 

Franz Benediktionen 2, 76. 


11. Verfasser und Sinn christ¬ 
licher Segen. Daß Geistliche und 
Mönche im deutschen Mittelalter — wie 
schon im Süden in dem ausgehenden 
Altertum — allen Verboten zum Trotze, 
Verbalmagie ausübten, wird immer und 
immer bezeugt 79 ). Aber weiter muß als 
sicher gelten und ist auch längst er¬ 
kannt 80 ), daß die christlichen S. des 
Mittelalters eben in diesen Kreisen auch 


51 


i6o3 


Segen 


Segen 


IÖ06 


1604 


ihre Verfasser und Bearbeiter hatten. 
Nur Geistliche konnten weiter S. aus 
dem Lateinischen in eine Volkssprache 
übertragen und sie überhaupt schriftlich 
fixieren. Bei allem Aberglauben zeigen 
die alten S. auch durchgängig größere 
Vertrautheit mit dem christlichen Stoff 
als bei Laien damals denkbar. Man be¬ 
denke weiter, daß die Grenze zwischen 
Verbotenem und Zulässigem nicht immer 
scharf und klar war. Noch nach der 
Reformation haben sich Geistliche, auch 
in den protestantischen Ländern, am 
Besegnen beteiligt; aber in so später Zeit 
war die eigentliche Produktivität er¬ 
loschen. 

Kirchliche Quellen nennen recht früh 
auch Weiber und andere Laien als be¬ 
teiligt, so Burchard ums Jahr 1000: ,,Si 
qua mulier . . . incantationes diabolicas 
fecerit“; ,,De bubulcis vel venatoribus, 
qui suas incantationes exercuerint“ 81 ). 
Insofern hier wirklich auch vom Verfassen 
die Rede sein kann (und nicht bloß vom 
Vortragen), müssen kurze Sprüche (auch 
Reminiszensen aus heidnischer Zeit?, 
vgl. § 16b) in Betracht kommen. Die 
Sprüche der Hexen aus den Hexen¬ 
prozessen späterer Zeiten unterscheiden 
sich von dem sonst bekannten S.schätz 
nicht wesentlich. 

Sind die legendarischen und überhaupt 
die konkreten Züge in den S. ganz einfach 
und buchstäblich oder aber symbo¬ 
lisch - allegorisch zu verstehen ? Letzteres 
behauptet von den christlichen S. Eu¬ 
ropas überhaupt insbesondere Mansikka 
(seit 1909) und hat damit, wie es scheint, 
vielfach Anklang gefunden. Die Vor¬ 
stellungen in den S. zeugen nach ihm 
,,von einer intimen, detaillierten Kenntnis 
der biblischen, apokryphen und kano¬ 
nischen Symbolik“; die gelehrten Ver¬ 
fasser „haben in ihnen mit ihren Kennt¬ 
nissen in der christlichen Allegorie ge¬ 
spielt und den Laien mit einer Symbolik 
hinters Licht geführt, deren Bedeutung 
dem Volke . . . verborgen blieb“ 82 ). So 
bedeutet z. B. die Verrenkung (s. d. §1) 
des Fußes Christi seinen Kreuzestod; 
die Taube ohne Galle in den Fiebers, 
(s. d. § 4b) ist Christus oder Maria als 


sündenfrei; die „stulta femina“ mit „stul- 
tus infans in sinu“ (s. Tumbo ) ist Maria 
mit dem Kinde, und die Quelle (fons), 
an der sie sitzt, ist wieder Maria als Jesu 
Lebensborn 83 ); der marmorne Tisch und 
das Faß in Marcellus’ Dreijungfern - 
Sprüchen (s. d. §1) sind der göttliche 
Altar, mit Christus identisch, bzw. „die 
symbolische Schüssel mit dem Leib und 
Blut Christi“ 84 ). Solche Auslegungen 
kommen in russischen Dreifrauens. (s. d. 
§ x Schluß), wie es scheint, tatsächlich 
vor, was jedoch in bezug auf den lat. 
Verfasser der Marcellussprüche selbst 
nichts beweisen kann. 

Eben wegen seiner großen Ergiebigkeit 
scheint dieses ganze Verfahren ebenso 
gefährlich wie die konsequente Durch¬ 
führung einer heidnischen Auslegung 
(s. § 16) (und wie die stoische Inter¬ 
pretation Homers, die altkirchliche der 
Bibel); es gibt kaum einen Fall, wo sich 
ein S. nicht auf eine oder gar mehrere 
Weisen allegorisch erklären ließe. Prin¬ 
zipiell muß wohl gelten, daß, soweit sich 
die buchstäbliche Auffassung ohne Zwang 
durchführen läßt, sie den Vorzug ver¬ 
dient; auch ist darauf zu achten, ob sich 
nicht in dem betreffenden S. das etwa auf 
Symbolik deutende Gepräge als sekundär 
eingedrungen erweist (s. z. B. Verrenkung 
§!)• 

Hiermit soll nicht geleugnet sein, daß 
in einigen Fällen eine symbolische 
(schwerlich eine allegorisch-zusammen- 
gestückelte) Bedeutung in einem S. steckt. 
Bei der Fassung des Krankheitss.s „Chri¬ 
stus wart gekreuzigt — verloren — wider 
funden“ 85 ), eine Parallele der älteren 
„Chr. geboren — gekreuzigt — aufer- 
standen“ (Sp. 1598), mag der Dichter an 
eine symbolische Bedeutung des Auf¬ 
trittes Luk. 2, 41 ff. (vgl. Apoc. 12,5) 
gedacht haben. Gewöhnlich wird jedoch 
das eventuell Symbolische hinter der 
Segensform liegen, d. h. in den (etwa 
liturgischen, hymnischen usw.) Reminis¬ 
zenzen, aus denen der S. geschöpft wurde, 
jedoch so, daß dem Verfasser des S.s z. B. 
der Schlüssel ein wirklicher Schlüssel, 
die Taube eine wirkliche Taube war. 

Daß mancher korrektere S. eine recht 



große Gelehrsamkeit zeigt, ist unleug¬ 
bar (z. B. Bluts. §2b. 3b). Andererseits 
können sogar rezipierte alte Benediktionen 
grob abergläubische und offenbar ganz 
realistisch gemeinte Züge enthalten (vgl. 
Sp. 1602f.). Mansikka’s Behauptung, daß 
in den „Arzneibüchern“ des Mittelalters 
die Symbolik „lebendiger und unver¬ 
sehrter“ hervortrete als in neueren Fas¬ 
sungen 86 ), ist schwerlich stichhaltig; in 
den Aufzeichnungen des 9.—12. Jh.s 
(Sp. 1601) stehen die Züge und Dinge als 
ebenso massive Realitäten wie in den 


späteren. 

Wir suchen demnach die Verfasser der 
geläufigen legendarischen S. nicht in den 
gelehrten Kreisen des Klerus (also nicht 
in denselben Kreisen, aus welcher ihre 
Verketzerung hervorging). Andererseits 
gehören sie auch nicht der aller unkun¬ 
digsten Schicht desselben an, wie schon 
die häufige Anwendung des Lateinischen 
zeigt; aber ihre religiöse Auffassung war 
eine volkstümliche, und ihre Produkte 
haben einen nicht ganz geringen Wert 
für unser Verständnis der mittelalter¬ 
lichen Volksreligion. 


79 ) Vgl. z. B. Franz Benediktionen 2, 426. 
430; Hansen Zauberwahn 40 ff. 80 ) Vgl. 
z. B. Wackernagel Deutsches Lesebuch 4, 274 
{..Basel 1848“, erschien 1851 — 55). 81 ) Decre- 

talium über X cap. 8 u. 18 (Migne Patr. Lat. 
140, 834 ff.). 82 ) Mansikka Über russische 


Zauberformeln V. 


83 


) Ebd. 70. 


84 


) Ebd. 


173 - 194 - 


85 


) Franz Benediktionen 2, 451. 


«6 


) Mansikka a. a. O. V 


12. Das Christusbild der volks¬ 
tümlichen Segen. Bemerkenswert ist, 
daß die volkstümlich gestalteten S. 
sich mit dem Hauptteil der Evangelien, 
den Wundern und Reden Christi, sehr 
wenig beschäftigen; was den Heiland 
betrifft, konzentriert sich der Stoff ganz 
um seine Geburt und seinen Lebens¬ 
ausgang, und hier wuchern (wie ja auch 
außerhalb der S.) die Legendenzüge. 
Dies mag zwar auf geringe Bibelkenntnis 
der Verfasser deuten, letztlich ist doch 
aber diese Auswahl durch das kirchliche 
Interesse bedingt: jene Geschehnisse 
waren vor allem die heilbringenden, auf 
die demnach in Predigt und Bildkunst 
das Hauptgewicht fiel. Wo Christus (und 


Maria) in den ,,Begegnungs“-S. als Helfer 
und Wundertäter auftritt, ist dies 
normal nicht aus den Evangelien ge¬ 
schöpft (Sp. 1599). 

Christus selbst (s. „Chr. in den 
Segen“ 2,82ff.) ist in sehr alten latei¬ 
nischen und deutschen S. nach dem 
„apathischen“, der alten Kirche und dem 
Frühmittelalter vertrauten Christusideal 
aufgefaßt, bloß in volkstümlich ver¬ 
gröberter Art; noch einzelne später ent¬ 
standene legendarische S. halten an diesem 
alten Bilde fest. — Dagegen gehören die 
S., in denen Christus wie ein hilfloses 
Kind von seiner Mutter getröstet und 
geheilt wird, so weit bekannt, ausschlie߬ 
lich dem späteren Mittelalter an; dasselbe 
gilt, merkwürdigerweise, überhaupt dem 
häufigeren Auftreten Marias in den S. 
(s. d.), Passions- sowie Begegnungs-S., 
sei es als helfend oder als hilfsbedürftig. 

Die Auswahl aus dem alten Testa¬ 
ment ist verhältnismäßig groß, umfaßt 
aber wohl durchgängig solche Gestalten — 
Adam, Eva, Noah, Abraham, Moses, 
Hiob, Tobias, Jünglinge im Feuerofen —, 
die als Prototypen Christi oder der 
Christen recht allgemein bekannt waren, 
z. B. aus dem Bilderschatz („Biblia pau- 
perum“). 

13. Deutsches Heidentum (§ 13 
bis 16). Das Vorhandensein einer ein¬ 
heimischen Verbalmagie vor jeglichem 
Einfluß des Christentums und gar der 
griechisch-römischen Antike, ist an sich 
sehr wahrscheinlich, ebenso daß sich 
diese Sprüche teilweise in poetische Form 
kleideten 87 ). Die Bestätigung kann bei 
anderen germanischen Stämmen gefunden 
werden. Die alten nordischen Runenin¬ 
schriften um 300—1000 bieten neben anders¬ 
artigen Erscheinungen (Sp. 1595!.) auch 
einige sinnvolle Beschwörungen und Ver¬ 
fluchungen, die auf alte mündliche Über¬ 
lieferung zurückgehen mögen. Und in 
einigen der alt englischen Sprüche (um’s 
Jahr 1000 aufgezeichnet) (Sp. 1596) deutet 
wohl jedenfalls der poetische Stil auf 
noch ältere Vorgänger. Dagegen geben 
die meist sehr kurzen auf deutschem 
Boden gefundenen Runeninschriften, um 
500—650, kaum magische Sprüche (vom 

51* 


Zauberwort alu abgesehen) 88 ), obgleich 
Versuche, Magisches herauszulesen 89 ), 
nicht gänzlich fehlen. Die Nordendorfer 
Spange, die Wodan und Donar nennt, 
ist wohl eher als religiöse denn als „ma¬ 
gische“ Urkunde zu beurteilen, aber 
Deutung und Ursprung sind hier unsicher. 
Ein paar deutsche Runeninschriften sind 
vermeintlich schon christlich geprägt 90 ). 

Das ehemalige Vorhandensein deutscher 
und anderer südgermanischer heidnischer 
Zaubersprüche könnte noch bestätigt 
werden durch die häufige Erwähnung 
„heidnischer“ (auch „teuflischer“) 
Sprüche und Zauberworte in der kirch¬ 
lichen, germanische Völkerschaften be¬ 
treffenden oder mit einbetreffenden Lite¬ 
ratur des Frühmittelalters (Konzilien¬ 
beschlüsse, Kapitularien, Predigten, Bu߬ 
bücher usw.), wenn nicht eben hier große 
Vorsicht geboten wäre. In sehr vielen 
Fällen kann hier einfach Wiederholung 
vorliegen aus Quellen, die ausschließlich 
südgallische und römische Verhältnisse 
berücksichtigen 91 ), mithin wesentlich von 
spätantiker synkretistischer Magie die 
Rede sein. Weiter will die Bezeichnung 
Heide, heidnisch sehr oft ein rein religiös¬ 
moralisches Urteil ausdrücken, z. B. wenn 
als „paganus“ bezeichnet wird ein jeder, 
der „angelorum uel Salamonis cäracteres“ 
trägt 92 ); hinter den in den Inkantationen 
angerufenen „Dämonen“ stecken sicher 
nicht immer Namen der Heidengötter 
(noch im 15. Jh. werden Geistliche, welche 
christlich-tuende abergläubische S. ge¬ 
brauchen, als Anrufer der Dämonen ge¬ 
rügt 93 )). Wirklich auf deutsche Ver¬ 
hältnisse bezieht sich die Behauptung 
des Papstes Gregor III. (J. 742), daß 
auch in Hessen und Thüringen u. a. 
„filacteria et incantatores“ in Gebrauch 
gewesen 94 ). Hierher gehören wohl auch 
einige Stellen des „Corrector“ Burchards 
von Worms (ums J. 1020) über Sprüche 
oder Worte („incantationes“, „verbum") 
gewisser Weiber, um sich Milch und Honig 
anderer Leute anzueignen oder junge 
Haustiere zu verderben 95 ). Wenn eine 
Predigt um 790 (Hschrr. in München und 
Wien) unter „pagania“ nebst Inkan¬ 
tationen auch Opfer „lovi vel Mercurio“ 


(d. i. Donar und Wotan) rechnet 96 ), 
könnte man hier auch die Zauberlieder 
als deutsch-heidnische auf fassen. — Die 
Zaubertexte selbst werden in den kirch¬ 
lichen Quellen niemals mitgeteilt. 

Die eventuellen Reste oder Spuren 
deutschen Heidentums in der Verbal¬ 
magie müssen also innerhalb der erst seit 
dem 9. Jh. (§2) vorliegenden deutschen 
S.- und Spruchüberlieferung gesucht 
werden. Es ist hier von Wichtigkeit, 
zwischen Heidnischem in einem Spruche 
(Namen, Vorstellungen, § 14) und heid¬ 
nischen Sprüchen (§15—17) zu sondern. 
Das Vorkommen heidnischer Elemente 
bedeutet nicht ohne weiteres, daß der 
Spruch als solcher altheidnisches Erbe 
sei, kann überhaupt nicht ohne weiteres 
als Beweis für die ehemalige Existenz 
eines entsprechenden heidnischen Zauber¬ 
spruches dienen. 


87 ) Vgl. E. Schröder ZfdA. 37, 258 ff. (wo 
jedoch die Darlegung über das Wort spell nicht 
überzeugend scheint). 88 ) Henning Die deut¬ 
schen Runendenkmäler 120. 131. 89 ) Feist 
ZfdPh. 47, 1; 49, 1. ,0 ) Wimmer Aarboger for 
nordisk Oldkyndighed 1894, 44. 91 ) Helm 
Religgesch. 1, 87 ff.; W. Boudriot Die altgerm. 
Religion in der amtl. kirchl. Literatur (1928) 
passim. 92 ) Homilia de sacrilegiis (um 740) 
Casparis Ausg. § 14 ff. 93 ) Franz Benediktionen 
2, 431 Anm. 1 (vgl. im 12. Jh. Bourgain La 
chaire fvavgaise 314). 94 ) Mon. Germ. Hist., 

Epistolae selectae I 69. 95 ) Cap. 168 f., Herrn. 
Schmitz Die Bußbüchcr 2, 446, vgl. Boudriot 
a. a. O. 63 f. 96 )ZfdA. 12, 439. Die Bemerkung 
Hrabanus’ Opera 6 , 334, über Runen und 
Zauberlieder hat offenbar nordische, nicht 
deutsche Verhältnisse vor Augen. 


14. Heidnische Namen und Vor¬ 
stellungen. Wenn ethisch neutrale 
oder gute Gestalten des alten Volks¬ 
glaubens in Beschwörungen als böse 
Wesen beschimpft und fortgebannt wer¬ 
den, so liegt hier natürlich kein heid¬ 
nischer Spruch vor. So die elvi und 
elvae, Alb und Elbin in lateinischen 


(schon um 800) und deutschen Alp¬ 
drucks. (s. d.). Unsicher ist, ob Doner 
in einem S. um 1100 wider Fallsucht 


(s. d.) über Teufelssohn und Adamssohn, 
hierher gehört; denn man kann schwerlich 
entscheiden, ob in der Grundform Doner 


mit dem Teufelssohn identisch war, ja 
ob das Wort hier überhaupt als Name 


1609 


Segen 


IÖIO 


fungiert. — In anderen Fällen mag das 
mythische Wesen (wenn überhaupt wirk¬ 
lich altheidnisch) schon dem Heidentum 
ein (unter Umständen) schädliches ge¬ 
wesen sein; hier kann sich aber dennoch 
der ganze Spruch deutlich als christlich 
erweisen; so der Wicht ( uuiht ) im Züricher 
Haussegen, 10. Jh. 97 ), und wutungis her 
zw. christlichen Namen in einem rein 
literarischen Produkt, 14. Jh. 98 ). In 
einem Wetters., 15. Jh., heißt es: „ich 
peut dir Fasolt , daß du das wetter verfirst 
mir und meinen nachpaurn an schaden“; 
alte lateinische Wetters., weiche Ent¬ 
sprechendes bieten, nennen statt Fasolt 
Mermeunt , einen jüdischen Namen 99 ). — 
Dagegen kommen im 2. Merseburger 
Spruche, 10. Jh., Gestalten des alten 
Glaubens in wohltätiger Funktion vor 
(s. Phol, Wodan usw.). Über diesen 
Spruch s. § 15. 16. — Die Anrufung beim 
Beginn des Säens „O Wode, o Wode! hoal 
dinenParden Foder“ usw. 100 ) —ein Mittel¬ 
ding zwischen Gebet und Zauberspruch — 
dürfte inhaltlich alt sein, obschon die 
Form recht spät sein mag. 

Von Interesse ist die Verfolgung der 
Sachlage in den nordischen Sprüchen 
der älteren und der jüngeren Zeit. In den 
Beschwörungen und Grabinschriften der 
altnordischen Runendenkmäler bis um 
900 können Göttemamen überhaupt nicht 
nachgewiesen werden (auch kaum An¬ 
spielungen auf Göttermythen); doch 
waren einzelne der, magisch kräftigen, 
Runenzeichen selbst nach Göttern be¬ 
nannt, und ein Eddagedicht aus der 
Wikingerzeit 101 ) rät dem Siegsuchenden, 
„zweimal Ty zu nennen“; Ty ist Gott 
und Rune. Dagegen kann der Runen¬ 
magier sein eigenes Ich hervorheben, 
z. B. „Ich verbarg hier Macht-Runen, 
furchtlos bösem Zauber gegenüber“ 102 ). 
Um 900 wird dann Thor in Runen¬ 
inschriften genannt, und um 935 be¬ 
schwört der Skalde Egil in einem Zauber- 
verse Odin, Frey und Njord 103 ). — In 
den Sprüchen später, christlicher Zeit 
kommen besonders in Island und Schwe¬ 
den nicht ganz selten Göttemamen vor; 
dies ist aber überall als „unecht“ zu 
beurteilen, d. h. beruht nicht auf Über¬ 


lieferung innerhalb der Sprüche 104 ). Ein 
Beispiel aus Island, 17. Jh. 105 ): „Hierzu 
[ein Weib zu zwingen] verhelfen mir 
alle Götter, Thor, Odin, Frigg, Freia, 
Satan, Belsebub und alle Bewohner und 
Bewohnerinnen Walhals in deinem mäch¬ 
tigsten Namen Odin“. Dies gilt auch 
von dem Auftreten Odins (u. a. Götter) 
in späten ostschwedischen Aufzeich¬ 
nungen 106 ), w t o der Gott — mit Jesus, 
Maria usw. wechselnd — gewöhnlich als 
die hilfreiche Person in Begegnungs¬ 
sprüchen (einem orientalisch-christlichem 
Typus, § 9) auftritt und auch sonst einige 
i Male, u. a. in Verrenkungssprüchen, z. B. 
„Odin reitet über Berg und Stein, er 
reitet sein Pferd aus Verrenkung in Ein¬ 
renkung“ (auch „Fylle“ und „Freya“ 107 )). 
Für die Beurteilung des 2. Merseburger 
Spruches sind diese Varianten ohne Be¬ 
weiskraft. — Die von Grimm vermu¬ 
tete 108 ) „Frau Freia“ in einem dänischen 
S. (Abendgebet) beruht auf Mißver¬ 
ständnis, denn der Text bedeutet „dann 
schlafe ich auf (d. h. in) unserer Frauen 
Frieden“ („paa vor Frou Frey“). 

In altenglischen Sprüchen (um 1000) 
kommen einige Göttemamen vor, esa 
(Gen. Plur.), Woden, Erce; die betreffen¬ 
den Texte 109 ) sind jedoch vielleicht 
antiken und christlichen Mustern nach¬ 
gebildet (Erce als Allmutter Erde, Woden 
als Schlangen toter), bzw. setzen christ¬ 
liche Anschauung voraus (die Äsen als 
Krankheitsdämonen). 

Vorstellungen, die im Heidentum 
wurzeln können, liegen manchmal auch 
in recht jungen Aufzeichnungen vor, so 
der Ritt des Tages: „Grüß dich gott du 
heiliger sonntag, ich sich dich dort her- 
kommen reiten“ 110 ), wo aber der übrige 
Text christlich ist. 

Heidnische Sprüche. Die Nach¬ 
wirkung oder das Fortleben deutsch¬ 
heidnischer Sprüche innerhalb des uns 
überlieferten Spruch- und S.bestandes 
könnte sich teils durch Formen und Stil 
(§ I 5 )» teils im Inhalt oder gar Wortlaut 
(§ 16) kundgeben. 

97 ) Germania 22, 352; Steinmeyer 389; s. 
auch Teufel in den S. § 1. 98 ) F. H. v. d. 

Hagen Gesammtabentheuer 3, 77. 99 ) Franz 


16 i i 


Segen 


IÖI2 


Benediktionen 2, 56 mit weiteren Hinweisen. 
10 °) Strackerjan 2, 127; Wossidlo Ernte¬ 
bräuche 30 f. Rituelle Wodensprüche auch 
dänisch, Thiele Danmarks Folkesagn 2, 119, 
u. schwedisch, Hylten-Cavallius 212. 101 ) 
Sigrdrifumäl Str. 5. 102 ) Uppsala Univ.Ärsskrift 
1916 II, 2, 20. 103 ) Egilssaga 197. 104 ) Ohrt 

T rylleord 94 ff. 105 ) N. Lindqvist En isländsk 
Svaribok 66. 106 ) Christiansen FFC. 18, 

50 — 58. 107 ) Bugge Heldensagen 306; vgl. 

Art. Verrenkung, S. wider, §1 mit Anm. 3. 
108 ) Grimm Myth. 3, 508 aus Pontoppidan 
Everriculutn (1736) 66; nach Grimm noch 
Bugge Heldensagen 303 und Grendon JAmFl. 
22 (1909), 155. 109 ) Grendon ebda. 22, 176. 190. 
no ) Mone Anzeiger 6, 459; vgl. Grimm Myth. 2, 

615- 4 

^15. Formen und Stil. Einige wenige 
altdeutsche Sprüche tragen ausgesprochen 
poetische Form; metrischer Bau und 
Stabreim finden sich in den beiden Merse¬ 
burger Sprüchen und auch in dem inhalt¬ 
lich christlichen Weingartner Reises. 111 ), 
entsprechendes im Altenglischen und 
Altnordischen. Dies deutet auf alte 
Spruchformentradition 112 ), um so mehr 
als die spätantiken und altchristlichen 
magischen Sprüche des Südens gewöhnlich 
prosaisch sind, beweist aber natürlich 
nicht, daß jeder betreffende Zauberspruch 
aus heidnischer Zeit herstammt. 

Vielleicht könnten aber anderweitig 
gewisse Sprüche eine so eigentümliche 
Prägung tragen, daß sich ihre altgerma¬ 
nische Herkunft geradezu aufdrängt. Für 
einige altdeutsche Sprüche (von den alt¬ 
englischen müssen wir hier absehen 113 )) 
ist dies mit besonderer Kraft und Klar¬ 
heit von W. H. Vogt behauptet 114 ). Nach 
ihm sind hier zwei polare Gegensätze 
vertreten (vgl. oben § 3): die bündige 
Darstellung einer jenseitigen Urhandlung 
(so die zwei Merseburger Sprüche, unten 
gekürzt Msb.) und der reine Befehl des 
gegenwärtigen Zauberers (z. B. ,,Gang 
ut nesso“ s. Verbannung in den S. § 1, 
vgl. auch ,,Uuola uuiht“ s. Teufel in 
den S. §1). Beide Pole sind nach Vogt 
heidnisch und zwar Ausdrücke einer 


intensiven Willensleistung des Magiers; 
alle Zwischenformen zwischen diesen Polen 
(Vergleich, Reflexion, Beschwörung durch 
fremde Mächte u. a.) schwächen die 
Willenskraft ab und sind christlich. 

Diese Typen sind jedoch nicht ganz 


Sondereigentum der Germanen; auch in 
der spät antiken, synchretistischen Magie 
finden sich nicht bloß die Zwischenformen 
sondern auch, in ,,reiner“ Form, die beiden 
Pole: Reine Darstellung geben z. B. die 
Dreifrauensprüche bei Marcellus (s. Drei- 
frauens. §1); reinen Befehl gibt z. B. 
der Spruch ,,Fuge, fuge, podagra et 
omnis nervorum dolor de pedibus meis et 
Omnibus membris meis“ 115 ). Anderseits 
ist zu merken, daß unter den uns be¬ 
kannten, sicher heidnischen ur- und alt¬ 
nordischen Zaubersprüchen keiner die 
darstellende Form, reine oder nicht-reine, 
vertritt (allerdings kennen wir aus dem 
alten Norden fast nur Abwehr- und 
Schadensprüche, nicht z. B. Krankheits¬ 
heilungen), und auch die Nachahmung 
und Erwähnung des Wortzaubers in der 
altnordischen Literatur geben kaum An¬ 
deutungen von der Existenz dieser Spruch¬ 
form 116 ). Die Darstellungsform könnten 
aber die deutschen (und angelsächsischen) 
Sprüche südlichen Mustern nachgebildet 
haben, sei es antik-heidnischen, sei es 
christlichen; die christlichen S. bieten sie 
ja massenhaft, w r enn auch nicht ganz in 
der ,,reinen“ Form. 

Aber noch eine, und zwar ganz beson¬ 
dere, Eigentümlichkeit bieten nach Vogt 
die beiden Msb.: der reine Befehl kommt 
hier neben der Darstellung vor, aber als 
Worte von den Mächten selbst gesprochen, 
und bildet so den Gipfel und Abschluß, 
,,in dem Jenseits und Diesseits kraftvoll 
zusammenschlägt“, mithin Urhandlung 
und Gelegenheit zusammengezwungen 
werden. Selbst wenn man die Darstellung 
(ohne Befehl) als vom Süden übernommen 
ansehen will, gibt sich hier also etwas 
Eigenartiges Ausdruck. Zu merken ist 
noch, daß in den späteren Varianten des 
2. (nicht des 1.) Msb. dieser Typus sich 
mehr oder weniger rein wiederfindet (vgl. 
Verrenkungss. §ib). Diese Darlegung 
des Sondergepräges der Msb. ist sehr 
beachtenswert. Es fragt sich wohl, ob 
seelisch wirklich eine so tiefe Kluft gähnt 
zwischen diesen Sprüchen und z. B. den¬ 
jenigen christlichen Begegnungss., die in 
die Verbannung des Dämons (seitens des 
Heiligen) auslaufen (§5). Auch sonst 


Segen 




bieten später durch die Zeiten etliche 
deutsche (und nordische) Segensvarianten 
eine derjenigen der Msb. sehr ähnliche 
Vereinigung reiner Darstellung und reinen 
Befehls (letzterer sei als Wort der Gottheit 
gedacht oder nicht) 117 ). Solches könnte 
man dann zwar als heidnisches Erbe 
auf fassen; jedenfalls in einem Falle (,,Der 
herre Job lach .... des buozte im der 
hl. Crist .... also si des manewurmes, 
des härwurmes .... der wurm der si nü 
t6t“) ist jedoch der betreffende S.kreis 
schwerlich germanischen Ursprungs; er 
findet sich z. B. auf Sizilien vertreten, 
und zw r ar in sehr intensiver Form 
(,,S. Hiob hatte den Wurm; der Wurm 
ins Wasser; tot bist du“) 118 ), hier sicher 
als Kürzung einer älteren, weniger ker¬ 
nigen Form (eine Kürzung, die also 
schwerlich altgermanischem Geiste ent¬ 
sprungen ist) (vgl. Hiob in den S. § 1 
u. 2). — Es bedarf vielleicht weiterer 
Untersuchung des christlichen Materials, 
ehe man den Stil der Msb. als entschieden 
urgermanisch und nur germanisch ab¬ 
grenzt; die Möglichkeit ist kaum abzu¬ 
weisen, daß es sich um einen auch sonst 
sich entfaltenden volkstümlichen Ty¬ 
pus (vom gelehrten oder kirchlich ge¬ 
prägten verschieden) handelt. 

m ) MSD. 1, 18 Nr. 8. 112 ) Uber die vermeint¬ 
liche urgermanische „Galderform" Lindquist 
Galdrar (1923), rez. DanSt. 1923, 183 t!. 

113 ) über deren Stil H eusler Die altgerm. 
Dichtung 61. 114 ) ZfdA. 65, 117 t!. 115 ) Mar¬ 

cellus De medicamentis XXXVI 70 (Heim 
Incantamenta 477). 11C ) Höchstens Sklrnismäl 

Str. 32 Ichform in der Vergangenheit; Darra- 
darljöd (Njälssaga cap. 158) Schilderung in der 
Gegenwart (rituelles Zauberlied). 117 ) MSD. 
2, 275, 12. Jh., „Wazzer rinnet" (vgl. hier Vogt 
ZfdA. 65, 121); ebd. 1, 181, 12. Jh., ..Der herre 
Job" s. oben; Schönbach HSG. 15. Jh., 
„Jhesus unde der mordt", s. Mordsegen; Ale¬ 
mannia 27, 123, 16. Jh., ,,Es ginge S. Peter“; 
ZfVk. 7, 57, spät, ,,Unser Herr Christ" (Wund¬ 
segen); DanmTryllefml. Nr. 130. 318. 447h. 
318 ) Pitrö Bibblioteca delle tradizioni popolari 
Siciliane 19, 394. Vgl. auch z. B. neugriech. 
Folk-Lore 7, 144 (Dreiheitsspruch); altgr. 

Denkschriften der Wiener Akademie 42, 26 

Z.197 fi. 

16. Inhalt (und Wortlaut). Eine 
Sonderung der Fragen über Inhalt und 
über Form ist notwendig. Es kann ein 
vom Süden übernommener Spruch einen 


Umguß nach altererbtem heidnischem 
Typus erfahren haben und umgekehrt 
ein heidnischer Spruch christlichen Mu¬ 
stern angepaßt sein. Ein Beispiel ersterer 
Art bietet der große alt englische, in alter¬ 
tümlich-nationale Form gekleidete Neun- 
kräuterspruch 119 ), der jedenfalls teilweise 
den Inhalt antiker und christlicher 
Sprüche wiedergibt. 

Wir betrachten hier a) zuerst wieder 
die Merseburger Sprüche, b) dann andere. 

a) Daß die Merseburger Sprüche 
sowohl inhaltlich als auch formell heid¬ 
nisch-germanischer Herkunft sein mußten, 
hat bis mehr als 50 Jahre nach ihrer 
Auffindung niemand bezweifelt. Selbst 
einem S. Bugge 12 °) war trotz seiner 
Deutung des P(h)ol als Paulus auch der 
2. Msb. ursprünglich heidnisch, und selbst 
einem E. H. Meyer 121 ) atmete derselbe 
,,höchste Altertümlichkeit“. Dann er¬ 
klärte (1901) der finnische Forscher 
K. Krohn 122 ) den 2. Spruch (inhaltlich) 
für eine christliche Legende über Jesu 
Eselsritt in Jerusalem mit nachträglich 
substituierten heidnischen Namen (außer 
Pol = Paulus); Krohn betont teils, daß 
eine Spazierfahrt Wodans keinen Sinn 
habe, wogegen der Spruch als christliche 
Legende leicht verständlich sei, teils daß 
die zahlreichen anderen Varianten des 
Spruches christliche Namen tragen. Einige 
Forscher 123 ) haben sich dieser Auffassung 
angeschlossen, Schwietering 124 ) hat auch 
den 1. Msb. als christlich zu erklären 
versucht. 

Den ersten Spruch, eine (sehr selb¬ 
ständige) Parallele zu den Marcellus¬ 
sprüchen über drei Jungfern (s. Drei- 
frauens. §1), möchte man als inhaltlich 
weder speziell heidnisch noch speziell 
christlich bezeichnen; daß die zaubernden 
Weiber (idisi) eben Walküren bedeuten, 
ist nicht ausgemacht. 

Der zweite Spruch bringt aber 
heidnische Götternamen. Der gewöhn¬ 
liche Einwand gegen christlichen Ur¬ 
sprung, daß die Einsetzung heidnischer, 
den Geistlichen durchweg als böse Dä¬ 
monen geltender Götter an Stelle christ¬ 
licher Heiligen undenkbar sei, ist kaum 
stichhaltig. Tatsächlich hat ja doch hier 


IÖI 5 Segen l6l6 

ein Geistlicher jedenfalls kein Bedenken Schluß des 2. Msb. Spruches, mit wechseln - 


getragen, einen Spruch mit heidnischen 
Namen in eine christlich rituelle Hand¬ 
schrift einzuschreiben; bloß aus histori¬ 
schem oder ästhetischem Interesse hat 
er dies sicher nicht getan 125 ). Eher wäre 
hervorzuheben, daß der Spruch über den 
Heiligen und sein Pferd nicht in romani¬ 
schen Landen und nicht lateinisch be¬ 
kannt ist (vgl. Verrenkung, S. wider, 
§ !)• 

Ein völlig entsprechender und einheit¬ 
licher Mythus läßt sich weder in germani¬ 
scher noch in antiker Mythologie als 
Quelle des 2. Spruches angeben (der bib¬ 
lische Esel erleidet ja keinen Schaden); 
aber die magischen Historiolae verfahren 
überhaupt mit ihrem Stoff sehr frei (vgl. 
Verrenkung, S. wider § ic). Eine hand¬ 
schriftlich ungefähr gleichzeitige (10. Jh.) 
christliche Parallele in Prosa liegt in 
einem Trierer Segen (s. d.) vor, dessen 
nahe Verwandtschaft nicht zu leugnen 
ist; der Anfang des Tr. S.s ist mit dem 
des 2. Msb. völlig gleichlaufend, während 
der Schluß wohl kirchliche Bearbeitung 
einer volkstüml. Grundlage verrät. Für 
evangelische Quelle (Matth, cap. 21) des 
2. Msb. Spruches wäre das Wort jolo so 
gut wie entscheidend, falls man mit 
Mogk 126 ) urgieren dürfte, daß dies Wort 
im Altdeutschen nur in der Bedeutung 
Füllen (nicht auch: ausgewachsenes Pferd) 
belegt ist, was wohl aber Zufall sein kann. 

Jedenfalls war der Verfasser mit alter 
heidnischer Tradition vertraut (Namen, 
dichterischer Form), und der Spruch 
ist vielleicht bedeutend älter als sein 
erster Beleg. Schon in sehr frühen Jahr¬ 
hunderten hat aber auch südliche Zauber¬ 
tradition sich geltend machen können. 

Daß die Schlußbeschwörungen der 
Msb. Sprüche (im 2. von Wotan ge¬ 
sprochen) als Typus uralt sind (vgl. § 15; 
Ad. Kuhn 127 ) hat gar einen parallelen 
altindischen Zauberspruch herangezogen), 
und daß sogar ihr Wortlaut aus heidni¬ 
scher Zeit stammen kann, wird niemand 
leugnen; ungefähr so mußte sich zu allen 
Zeiten ein Befehl an die verrenkten 
Glieder oder an den Gefangenen formen; 
noch in neuerer Zeit findet sich der 


der Reihenfolge der Glieder, im Volke 
auch ohne das Vorstück 128 ) und auch 
anderen Segen angegliedert 129 ). 

b) Andere Sprüche. Daß etliche 
religiös neutrale, aus älterer oder 
späterer Zeit überlieferte unepische Sprü¬ 
che (Besprechungen) dem Inhalt oder gar 
Wortlaut nach aus deutschem Heiden¬ 
tum stammen können, ist eine offen zu 
lassende Möglichkeit, in einigen Fällen 
die nächstliegende. So vor allem der, 
wesentlich prosaische, Spruch (gegen 
Wurm) ,,Gang uz nesso“ (vgl. Sp. 1611), 
9. Jh. 13 °); auch zwei Langzeilen im 
übrigens christlichen Weingärtner Reise¬ 
segen, 12. Jh. 131 ): ,,Offin si dir diz sigi- 
dor“ usw. Ja dasselbe kann der Fall 
sein mit dieser und jener erst in später 
Zeit aus mündlicher Tradition aufge¬ 
zeichneten kurzen Beschwörung oder 
Ritusanzeige (nach Art z. B. des ,,Ben 
zi bena“ des 2. Msb.); dies entzieht sich 
aber jeder Kontrolle. Das Gepräge solcher 
Sprüche ist recht international; einige 
in Deutschland belegte, religiös neutrale 
Sprüche und Motive finden sich z. B. 
im Byzantinischen (und Neugriechischen) 
wieder, so der Mond, der das Geschwür 
fortnimmt 132 ), das Fortlocken des Übels 
an einen Ort, wo es zu essen und trinken 
gibt 133 ), die Verbannung (s. d.) an einen 
öden Ort. 

Aber auf den Merseburger Sprüchen 
fußend sind frühere Forscher viel weiter 
gegangen und haben heidnische Grund¬ 
lage auch für Segen mit christlichen 
Namen angenommen. So natürlich mit 
dem Verrenkungssegen über Jesu Pferd, 
auch mit alten volkstüml. Segen w r ie dem 
,,Straßburger** und dem „Bamberger“ 
Blutsegen, Varianten des Longinussegens 
(s. d.). Aber dann auch in den christl. 
Segen überhaupt; J. Grimm erwartete 
hier bes. von den skandinavischen Segen 
viele Aufklärung 134 ) (vgl. Sp. 1609!.). Noch 
ein H. Usener meinte (1902), daß Namen 
wie Christus u. Maria in die Segen für 
ältere heidnische eingesetzt wären, ,,und 
in dieser christl. Umbildung laufen sie 
(die Heidengötter) bis heute um“ 135 ). 
Von solchem Gesichtspunkte aus be- 


Segen 


l6l8 


I617 

deutete dann ein Eingang wie , »Christus I Stoffsammlungen nur wichtigere Publi- 


u. Petrus gingen über Land“ Wotans 
Wanderung mit anderen Göttern 136 ); 
das j* in einem Kreuzessegen war Donars 
Hammer 137 ); der verrenkte, von Christus 
geheilte Hirsch war Frohs oder auch 
Balders Tier 138 ); drei Schwestern in 
einem ölgarten (in Blutsegen, vgl. Mark. 
Ev. 16, 1) waren die Nornen unter dem 
Yggdrasilbaume 139 ). Und erst dies gab 
in den Augen mancher den Segen über¬ 
haupt ein Interesse, ,,es wäre wünschens¬ 
wert, daß diese einmal ordentlich ge¬ 
sammelt würden, denn gerade hier hat 
sich ... vieles aus der heidnischen Zeit 
erhalten“ 14 °). 

Daß man in dieser raschen Zuversicht 
ganz auf Irrwege gekommen war, wird 
jetzt wohl allgemein erkannt, ohne Rück¬ 
sicht darauf, wie man zu den Msb. 
Sprüchen steht. Die Methode war zu 
leicht und willkürlich; und das Studium 
der einzelnen Segen zeigt mehr u. mehr, 
daß sie im (volkstüml.) Katholizismus 
wurzeln. Was hier an „Heidnischem“ 
steckt, ist (mit den oben gegebenen Be¬ 
schränkungen ) das breit-volkstümliche 
Christentum des europ. Mittelalters im 
Allgemeinen. Ein nationales Element 
macht sich hier im Stil, im Geschmack 
und in Einzelheiten, wie wohl überall, 
auch in Deutschland geltend, aber dies 
hat mit germanischer Mythologie wenig 
zu schaffen. 

119 ) JAmFl. 22, 190. 12 °) Bugge Helden¬ 
sagen 301. 121 ) E. H. Meyer Mythologie der 

Germanen (1903) 392. 122 ) Finnisch-ugrische 

Forschungen 1, 148h; 5, 129 h. 123 ) S. bes. 
R. Th, Christiansen Die nordischen u. finni¬ 
schen Varianten des 2. Msb. (F. F. C., Nr. 18, 
Hamina 1914). 124 ) ZfdA. 55, 1480. 12S ) Vgl. 
AfdA. 43, 37 f. 126 ) Ebd. 127 ) ZfvglSpr. 13, 58. 
128) Frischbier Hexenspr. 92. 129 ) Eber- 

mann Blutsegen 23, 130 ) MSD. 1, 17 Nr. 5. 

131 ) MSD. 1, 18 Nr. 8. 132 ) Legrand Biblio- 

thique grecque vulgaire 2 S. XXII. 133 ) Pradel 
Gebete 15; vgl. Lammert 131. 134 ) Grimm 

Myth. S. 1043. 13S ) HessBl. 1, 2; so für den 

Wiener Hundesegen (s. Wolfss. § 1 — 2) noch 
Ehrismann Gesch. d. d. Lit. 1 (1918), 100. 
1S «) Wuttke §242. 1 37 ) J.W. Wolf ZfdA. 

7, 537 - 138 ) Losch WürttVjh. 13, 157 f. 

139 ) Kronfeld Krieg (1915) 203. 14 °) Gallee 
Germania 32, 452. 

17. Literatur. Es können hier bei 
der fast unübersehbaren Menge bes. der 


kationen genannt werden, und einer ge¬ 
wissen Willkür in der Auswahl ist kaum 
zu entgehen. Wir geben unten zuerst 
Sammlungen und zwar a) Texte aus 
älterer Zeit, b) nach Möglichkeit in 
geographischer Ordnung Sammlungen 
späterer Texte, aus dem Volksmund oder 
aus handschriftlichen (u. gedruckten) 
Zauberbüchern u. dgl.; dann c) wichtigere 
Arbeiten über Wesen und Geschichte 
der Segen und Beiträge zu ihrer Erklärung. 

Für Text Sammlungen, sowie für Ab¬ 
handlungen, einzelne Segengruppen be¬ 
treffend siehe die Literaturangaben bei 
den Sonderartikeln (Blutsegen, Kräuter¬ 
segen usw.). 

(Einige der unten angeführten Publikationen 
konnten für die Einzelartikel über S. nur teil¬ 
weise oder gar nicht verwertet werden.) 

a. Sammlungen älterer Texte (deutscher, 

und lateinischer aus deutschem Gebiet), bes. 
vor 1600: Bartsch Mecklenburg 2, 10 ff.; 
Bartsch Die ahd. Handschriften der Univ. Bibi, 
in Heidelberg = Katalog der Handschrr. der 
UB. in Hdlbg. 1 (1887) Register ,,Segen"; 

Birlinger Aus Schwaben 1, 4570.; Fr. By- 
loff Volkskundliches aus Strafprozessen der 
österr. Alpenländer (1929) Index; Franz 
Benediktionen 2 (198 ff. 480 ff.), 493 ff.; Gallee 
Altsächsische Sprachdenkmäler (Leiden 1894) 
208; Hälsig Zauberspruch passim; MSD. 1, 
15 ff. 34 ff. 180 ff.; 2, 272 ff.; R. Priebsch 
Deutsche Handschriften in England 1 — 2 (1896 
bis 1901) Register ,,Segen"; A. Schönbach 
Analecta Graeciensia (Graz 1893) 25 ff. Stein- 
meyer 3650.; J. Wierus De praestigiis dae- 
monum (1563; Ausg. Basel 1577) 518 ff.; 

Alemannia 16, 2330.; 22, 120 ff.; 25, 262 ff.; 
26, 70 ff.; 27, 93 ff.; AnzfKddV. 1853, 135 f.; 
1854, 17 f. 165!.; 1862, 234 ff.; 1865, 349 ff-; 
1871, 301 ff.; 1873, 227 ff.; Germania 12, 463 ff.; 
17, 75 f.; 24, 73 ff. 311; 25, 67«. 507 t-; 32, 
452 ff.; Mones Anzeiger 3 (1834), 2770.; 6 
(1837), 460ff.; 7 (1838),420ff.; MschlesVk. H. 13 
(1905). 25 S-; H. 18 (1907), 5 ff.; Urquell2 (1898), 
101 ff. 172 ff. 241 ff.; ZfdA. 13, 214 ff.; 15, 
452 ff.; 18. 78 ff.; 21, 207 ff.; 23, 435 ff.; 24, 
65 ff.; 27, 308 ff.; 35, 248 ff.; 38,14 ff.; ZfdMyth. 

1, 279 ff.; 3, 318 ff.; ZfVk. 1, 172 ff. 315 ff. 

b. Sammlungen späterer Texte. Alten¬ 
burg: V. Lommer Volkstümliches aus dem 
Saalthal (Orlamünde 1878) 1 ff. — Baden: 
Schmitt Hettingen 18 ff.; Zimmermann Ba¬ 
dische Volksheilkunde (1927) passim; Alemannia 

2, 126 ff.; 31, 177 ff.; ZfVk. 5, 293 ff. — Bayern 
(m.w.): Flügel Volksmedizin 37 ff.,* Höfler 
Volksmedizin u. Aber gl. in Oberbayern (2. Aufl. 


segnen—sehen 


1020 


1619 

1893) 31 ff.; Lamraert 131 ff.; Reiser Allgäu 
2, 441 ff.; Schönwerth Oberpfalz 3, 234 ff.; 
BIBayVk. 1, 54 ff.; 2, 23 ff.; Heimatbilder aus 
Oberfranken 2 (1914), 233 ff. — Böhmen: John 
Westböhmen 296 ff. 310 ff.; Schramek Böhmer¬ 
wald 264 ff.; ZfVk. i, 201 ff. 307 ff.; 2, 165 ff. 
(siehe weiter Jungbauer Bibliogr. 3570.). — 
Brandenburg: Engelien u. Lahn passim; 
ZfVk. 1, 193 ff. — Braunschweig: Andree 
Braunschweig 416 ff.; ZfVk. io, 62 ff.; 22, 
296 ff. — Elsaß: Alemannia 17, 239 ff. — 
Hannover: Die Volkskunde der Prov. Hannover 
1, 126 ff. — Hessen: Heßler Hess. Bandes- u. 
Volkskunde 2 (1904) passim; Mitteilungen des 
Wetzlarer Geschichtsvereins 12, 7 ff.; Zf Kultur- 
gesch. 8, 299 ff. — Holstein (m. w.): Müllen- 
hoff Sagen 508 ff. (Ausg. 1921: 5090.).; Ur¬ 
quell 2 (1898), 259 f. — Kärnten: WZfVk. 31, 
47 ff. — Krain (Gottschee): ZföVk. 15, 171. — 
Luxemburg: Ons Hemecht 1921/22. — Mecklen¬ 
burg: Bartsch Mecklenburg 2, 3240.; Staak 
Die magischen Krankheitsbehandlungen in M. 
(1931); ZfVk. 7, 53 ff. 162 ff. 287 ff. 4050.; 
8, 56 ff. 197 ff. 304 ff. 389 ff. — Österreich: 
Germania 26, 229 ff.; ZföVk. 3, 4 ff. — Olden¬ 
burg: Strackerjan 1, 74 ff. — Ostfriesland: 
Niederdeutsche Ztschr. f. Volkskunde 7, 33 f. — 
Pommern: Jahn Hexenwesen 51 ff.; Kuhn 
u. Schwartz43ff. (nicht alle ausP.); Blpomm- 
Vk. i, 46 ff. 106 ff. 139 ä.; 2, 27. 43 f.; 3, 26; 
4, 159 f. 169 f.; 5, 25 ff.; 7, 96. 103 ff. H4ff. 
150ff.; 9, 85ff.; ZfEthn. 31, 459 (der Verhandl.)ff. 
— Preußen (Prov.): Frischbier Hexenspr. — 
Rheinland: H. Holschbach Volkskunde des 
Kreises Altenkirchen (Elberfeld 1929) 132 ff. 
Rheinisches Land 10, 171 ff.; ZfrwVk. 7, 54 ff.; 
8, 65 ff.; 23, 1x6 ff.; ZfVk. 16, 170 ff. — Sachsen: 
Ganzlin Sachs. Zauberformeln ; John Erz¬ 
gebirge 107 ff.; Seyfarth Sachsen 75 ff. — 
Schlesien: Drechsler 2, 2840.; Klapper 

Schlesien 232 (z.T. ältere Texte); MschlesVk. H. 
6 (1899), 30 ff.; H. 14 (1905), 86 ff. (s. auch Sp. 
1618). — „Schwaben": Birlinger Volksth . 1, 
202 ff.; Ders. Aus Schwaben 1, 441 ff. (vgl. 
Sp. 1618); Meier Schwaben 2, 515 ff. (s. auch 
Baden usw.). — Schweiz: Manz Sargans 57 ff. 
(passim). 113 ff.; Stoll Zauberglauben passim; 
Zahler Simmenthal 100 ff.; SAVk. 2, 2570.; 
4, 321 ff.; 24, 293 ff.; 26, 65 ff.; ZfdMyth. 4, 
103 ff. — Siebenbürgen: Haltrich Siebenb. 
Sachsen 262 ff.; Schuster Siebenb.-sächsische 
Volkslieder (Hermannstadt 1865) 2850.; Wli- 
slocki Sieb. Volksgl. 83 h.; KbbSbLkde 42, 
39 ff-; 45, 16 ff. — Steiermark: Fossel 

Volksmedizin 145 ff. und passim. — Thüringen: 
Köhler Voigtland 4030.; Sagen u. Gebräuche 
aus Thüringen 2 (Wien 1878), 271 ff. — Tirol: 
ZföVk. 2, 149 ff. — Westfalen: Kuhn West¬ 
falen 2, 191 ff.; ZfrwVk. 1, 207 ff.; 2, 280 ff. — 
Württemberg: Höhn Volksheilkunde passim; 
Alemannia 14, 670.; 25, 126 ff.; Heimatblätter 
vom ob. Neckar 7 (1931), 1159 f.; Württ. Jahr¬ 
bücher f. Statistik u. Landeskunde 1917/18, 
110 ff. 

Weiteres. Grimm Myth. 3, 492 ff. (Ho- 


vorkau. Kronfeld 1 — 2 passim, auch slavische 
u. a.) (W^uttke §227 — 241). — Für die ge¬ 
druckten Zauberbücher s. d. Art. und Art. 
Romanusbüchlein sowie WürttVjh. 13, 157:0. 

S. auch Hof fmann-Krayer Volkskundl. 
Bibliographie für 1917 ff. sowie die Dar¬ 
stellungen der Volkskunde Deutschlands oder 
deutscher Gebiete. 

Größere Sammlungen von Segen- und 
Zaubersprüchen in anderen, bes. germani¬ 
schen Sprachen. Altenglisch: Wülker Bibliot. 
der angelsächs. Prosa VI (Hamburg 1905); 
Grendon JAmFl. 22. Altgriechisch u. römisch: 
Heim Incantamenta. Dänisch DanmTryllefml. 
1—2. Englisch: Hinweisungen bei Kittredge 
Witchcraft in Old and New England (Harv. Univ. 
Press 1929) 389. Finnisch: Suomen kansan 
vanhat runot (Helsinki 1908 ff.) s. die Inhalts¬ 
angaben der Einzelbände. Französisch Eber¬ 
mann ZfVk. 1914, 134 ff. Litauisch: Man- 
sikka FFC. Nr. 87. Niederländisch: Verdam 
siehe unter c; de Cock Volksgeneeskunde in 
Viaanderen (Gent 1891) 133 ff. Norwegisch: 
Bang Norske Hexefml. Polnisch (Masurisch): 
Toeppen Masuren 45 ff. (verdeutscht). Rus¬ 
sisch: Mansikka Über russ. Zauberformeln (Hel- 
singfors 1909) passim. (Literaturangaben 
S. VII ff.). Schwedisch in Schweden: E. Lin- 
derholm Svenska signelser, in Svenska lands¬ 
malen, bisher H. 176. 185. Schwed. in Finnland: 
W. Forsblom Finlands svenska folkdiktning 
VII. Bd. 5 (1927, Registerband 1930). Tsche¬ 
chisch: Grohmann. Ungarisch: Wlislocki 
Volksglaube der Magyaren, s. Index sub Zauber¬ 
spruch. 

Handschriftliche Sammlungen (nicht öffent¬ 
lich zugänglich). A. Schönbachshinterlassene 
Sammlung, Universitätsbibliothek, Gießen (äl¬ 
tere S.). Prof. Wossidlos Samml., Waren, 
Mecklenburg. 

c) Arbeiten über S. (außer den betreffenden 
Abschnitten in den Darstellungen der deutschen 
Literaturgeschichte und der germ. Religions¬ 
geschichte). M. Brie Der germ. insbesondere 
der englische Zauber Spruch MschlesVk. 16 
(1906), i ff.; Fehrle Zauber und Segen (Jena 
1926); Franz Benediktionen 2, 420 ff.; Grimm 
Myth. 2, 1023 ff.; Hälsig Zauber Spruch. ; Heus- 
ler Die altgerm. Dichtung (1923) in O. Walzeis 
Handbuch der Literaturwissenschaft ; Klapper 
MschlesVk. H. 18 (1907), 5 ff.;MSD. 2, 42ff. goff. 
272 ff.; Müller Stilform ; Paul’s Grundriß d. 
germ. Philologie, 2. Ausg., II 1 (1909) S. 63 ff.; 
Steinmeyer 365 ff.; Verdam Over Bezwerings- 
formulieren, Handel, en Meded. van de Maatsch. 
de Nederland. Letterkunde te Leiden 1900/01, 
3 ff.; Wuttke §221—248. — Uber Segens¬ 
parodien Ebermann HessBl. 12,182 ff.; Wein¬ 
reich HessBl. 9, 126 ff. — Außerdem bieten 
mehrere der Textsammlungen orientierende 
Bemerkungen. Ohrt. 

segnen s. Nachtrag. 

sehen (s. Blick, umsehen, Zusehen). 
Um die abergläubischen Vorstellungen 


IÖ2I 


Seidelbast 


1622 


beim Sehen sich zu vergegenwärtigen, sei 
ein typischer Einzelfall vorangestellt: 
Ein Knecht erkrankt, nachdem er von 
einer bekannten Ortshexe angesprochen 
ist (s. blasen). Eine kluge Frau warnt 
ihn, die Hexe dürfe ihn in drei Tagen nicht 
sehen. Am dritten Tage ist sie mit einem 
Male in der Krankenstube, geht an das 
Bett und lacht laut. Nach langer Krank¬ 
heit starb der Knecht. Hätte seine Frau 
die Hexe sofort blutig geschlagen, so wäre 
der Zauber gebrochen gewesen (s. Blut) 1 ). 
Es genügte also einfaches Hinsehen, um 
diejenige Verbindung mit dem Objekt 
herzustellen, die erforderlich ist, um 
zauberische Wirkung auszuüben. Damit 
stellt sich das Ansehen in eine Reihe mit 
einer großen Anzahl analoger Handlungen, 
dem Anrühren, Ansprechen, Anblasen, Be¬ 
nutzung von Kleidungsstücken, Exkre¬ 
menten, Aussprechen des Namens u. ä. 
Wer also zuerst sieht 2 ), kann eine zaube¬ 
rische Macht ausüben. Umgekehrt kann 
in der durch das Sehen hergestellten Ver¬ 
bindung eine Gefahr liegen, selbst von 
dem Gesehenen beeinflußt zu werden 3 ), 
gewöhnlich als versehen (s. d.) bezeichnet. 
Ebenso genügt oft ein Sehen oder Hören, 
um helfende Mächte mobil zu machen 4 ). 

*) ZdVfVk. 11, 308. 2 ) Grimm Myth. i, 394; 
2,903; S6billot Folk-Lore 4,490- a ) Frazer 
3, 9. 4 ) Für Hören etwa Alexis Hosen d. Herrn 
v. Bredow 11 112. Aly. 

Seidelbast (Kellerhals, Wolfsbast, Zei- 
land, Ziland; Daphne mezereum). 

1. Botanisches. Niedriger Strauch mit 
duftenden, purpurroten, vierzipfeligen Blü¬ 
ten. Die Blätter sind länglich-lanzettlich 
und erscheinen erst nach den Blüten. Die : 
Früchte sind rote Beeren. Der S. ist eine 
der ersten Frühlingspflanzen, in Wäldern 
und im Gebüsch ist er nicht selten. Die 
scharf schmeckende Rinde wird als blasen¬ 
ziehendes Mittel manchmal im Volke ver¬ 
wendet *). Den antiken Schriftstellern 
war der S. anscheinend nicht bekannt, er 
ist also (volkskundlich) eine echt „ger¬ 
manische“ Pflanze 2 ). 

*) Marzeil Kräuterbuch 460t. 2 ) Marzeil 

Der S. in der Volkskunde in: BayHfte 3, 
110-119; M. Springenfeld Beitrag z. Gesch. 
d. S.s, Dissert. Dorpat 1890, 140 S.; Höfler 
Kelten 254; Tschirch Handb. d. Pharm. 2 
(1917), I 355 - 


2. Die altdeutschen Namen cigilinta, 
zigelinta, ziulinberi (nhd. Zeiland, Ziland) 
für den S. wurden von der älteren mytho¬ 
logischen Schule gern mit dem Gotte Ziu 
(als Frühlingshimmel? Der S. ist eine 
Frühlingspflanze) bzw. mit dem Namen 
der Schwanenjungfrau Sigel int in Ver¬ 
bindung gebracht, vgl. auch die dänische 
Bezeichnung tysved (nach Grimm viel¬ 
leicht ahd. ziowitu = Martis arbor) 3 ). 
Nach Björkman 4 ) sind jedoch die Ety¬ 
mologien nicht annehmbar. Nach einer 
oberösterreichischen Legende hat der S. 
(Zwülindn) eine besondere Kraft, weil 
dem Heiland bei seinem feierlichen Einzug 
in Jerusalem nebst Palmen (der S. ist 
auch ein Bestandteil des „Palms“, s. 
unten) auch „Zwülindn“ gestreut wurde 4 ). 
Der S. soll einst ein stolzer Baum gewesen 
sein, als aber die Juden das Kreuz Christi 
aus seinem Holz zimmerten, traf den S. 
der Fluch und er wurde zu einem Sträuch- 
lein 5 ). Bei den Esten ist der S. des Teufels 
Strauch, er darf nicht verbrannt werden, 
sonst zündet der Teufel das Haus an. Den 
Pferden die ihren Strick zerrissen haben, 
dreht man einen aus dem Baste des S.s 6 ). 
Eine sächsische Sage erzählt von einem 
im Garten gepflanzten „Zeilaunderstrauch“ 
der beim Erkranken seines Besitzers zu 

verdorren begann 7 ). 

3 ) Grimm Myth. 1, 165; 2, 355. 998f.; 
Mannhardt 1, 582; Höfler Botanik 114; 
Herr mann D. Myth. 1898, 283. 4 ) ZfdWort- 
forsch. 3 (1902), 280; vgl. auch Falk u. Torp 
Norw.-Dän. Etym. Wb. 1910/11, 1306 s. v. 

Tybast. 4 ) Baumgarten Aus der Heimat 155. 
B ) Perger * Pflanzensagen 221. ®) Dähnhardt 

Natursagen 1, 200; Grimm Myth. 2, 99S er¬ 
innert bei dem Namen „Wolfsbast" an die 
dem Fenriswolfe angelegte Fessel. 7 ) Meiche 
Sagen 12. 

3. Der S. hat, besonders auch im nordi¬ 
schen Glauben 8 ), apotropäische Eigen¬ 
schaften. Nach einer badischen Sage 
bannte eine Hexe alle Pflüge der im Feld 

arbeitenden Bauern bis auf einen. Da 

/ 

sagte sie: „Kein Wunder! der hat ge¬ 
weihten Zyland (= S.) im Kummet“ oder 
nach anderer Version: „O du verfluch¬ 
ter Zylander, wie machst du mi zua 
Schande“ ®). Ganz ähnlich sagt in einer 
schwedischen Volkssage der Troll: „tibast 
och vanderot stä mig emot“ (= S. und 


1623 


Seidelbast 


1624 


Baldrian sind mir zuwider) 10 ). Im Nor¬ 
wegischen heißt der S. auch „trollved“ u). 
Der S. dient gegen die Verzauberung des 
Viehs 12 ), in Mähren räuchert man die 
jungen Gänschen damit 13 ). Die Hirten 
behaupten, mit dem S. könne man sogar 
den Teufel festbinden 14 ). In Vorarlberg 
wurden bei Gewitter geweihte Palmen 
(s. d.), in denen S. sein mußte, ange¬ 
zündet 15 ). Zweige von S. werden auch 
in Oberösterreich in den Palmbuschen : 
gebunden, teils um davon zu gewissen 


Gesicht 23 ). Das gleiche glaubt man von 
anderen Frühlingsblumen, vgl. Märzglöck¬ 
chen (5, 1741). Beim S. ist es jedoch 
wohl mehr als ein bloßerAberglaube,dadie 
Pflanze eine stark hautreizende Wirkung 
hat und eine Berührung des Gesichts mit 
den Blüten bei sehr empfindlichen Per¬ 
sonen wohl einen Ausschlag hervorbringen 
kann 24 ). Die reifen Beeren des S.s („Zier¬ 
körner“) werden getrocknet und in un¬ 
gerader Zahl (3 oder 5) eingenommen. 
Sollen sie Erbrechen bewirken, müssen 


Zeiten dem Vieh einzugeben, teils um die 
„Harnwindn“ (Strangurie) zu wenden, 
indem man dem Vieh damit auf den 
Rücken „schmeißt“ und dabei einen Spruch 
sagt 16 ). In Baden 17 ) ist der S. (es können 
nur fruchttragende Zweige gemeint sein) 
auch ein Bestandteil des Kräuter¬ 
büschels 18 ). S. im Keller wirkt gegen 
den Zauber, wenn es dort die 
Scheidung der Milch verhindert. In Est¬ 
land treiben mancherorts die Hirten die 
Kühe mit S.zweigen auf die Weide, damit 
sie recht viel Milch geben 19 ). Hier spielt 
der S. offenbar die Rolle der „Lebens¬ 
rute“. 

8 ) Vgl., Reichborn-Kjennerud Laegeurier 
68f. 9 ) Meyer Baden 397. 557f. = Wuttke 

io 5 § 135. 10 ) Fries Växtnamen 1880, 142, vgl. j 
auch SAVk. 23, 179; Meyer Germ. Myth. 117. ! 
n ) Rcichborn-Kjennerud a. a. O. 12 ) Zah¬ 
ler Simmental 176. 13 ) Grohmann 140. 

14 ) Alpenburg Tirol 396. 15 ) Vierteljahrs- 

schr. f. Gesch. u. Landeskde Vorarlbergs N. 

F. 2 (1918), 84; Helbok Vorarlberg 1927, 
56; vgl. auch Vonbun Beiträge 128. 16 ) Baum¬ 
garten Aus der Heimat 147. 17 ) Meyer Baden 
105. 18 ) Vonbun Beiträge 106. 128; Helbok 
Vorarlberg 1927, 60. 19 ) Springenfeld a. a. O. 
iof. 

3. Als Frühlingspflanze (s. 3, 160) 
hat der S. besondere Wirkungen. 1—2 | 
frische Blüten davon gegessen, schützen 
das ganze Jahr vor der „Motter“ (Sod- | 
brennen) Die ersten Blüten des S.s 
muß man unbeschrieen suchen, wenn man 
ihn gefunden hat, muß man ihn in die 
rechte Hand nehmen und sprechen: 

Den ersten Zylander, den ich fand. 

Den nehme ich in meine Hand, 

Damit kann ich stillen Blut, Schmerz i 

und Brand 21 ). ! 

i 

Wer an den Blüten riecht, bekommt eine j 


sie „herauf zu“ (also von unten nach oben) 
abgepflückt werden, sollen sie aber 
als Abführmittel dienen, dann müssen sie 
„herunter zu“ gepflückt werden 2S ), vgl. 
Holunder (4, 273) (vgl. abwärts, aufwärts 
1, 125ff.). Die Hirten binden den S. gegen 
Krämpfe um die Füße 26 ). Wenn man in 
der Gegend von Insterburg den schmerzen¬ 
den hohlen Zahn mit einem trockenen 
Stengel des S.s ausstochert, so ist das wohl 
auf die hautreizende Wirkung der Pflanze 
zurückzuführen 27 ). Die Beeren gibt man 
gegen das „kalte Fieber“ ein 28 )\ Auch 
sind sie in Altbayern ein bäuerliches Aphro¬ 
disiakum. Wenn der „Kammerwagen“ 
(Hochzeitswagen) durchs Dorf fährt, hat 
der Fuhrmann seinen Pferden S.beeren 
zu fressen gegeben, daß sie „Schneid“ 
bekommen und fest wiehern 29 ). Pferde- 
gewieher bedeutet Glück 30 ). Die stimu¬ 
lierende Wirkung des S.s auf die Sexual¬ 
organe ist übrigens pharmakologisch nach¬ 
gewiesen 31 ). 

20 ) Schmalkalden: Veckenstedts Zs. 4, 149. 
21 ) Marzeil Bayer. Volksbot. 1S0. 22 ) Kummer 
Volkst. Pflanzennamen usw. aus d. Kt. Schaff- 
hausen 1928, 96; Erlanger Heimatbl. 10 (1927), 
146; eine ,,große“ Nase: ZfVk. 11, 60. 23 ) Mittel¬ 
franken: Marzell Bayer. Volksbot. 183. 24 ) Vgl. 
Mitt. Deutsch. Dendrol. Gesellsch. 38 (1927), 
70. 25 ) Nordwestböhmen: Orig.-Mitt. v. Stelz- 
hamer 1910. 26 ) Alpenburg Tirol 39t). 

27 ) Urquell 1, 137. 28 ) Peter Österreichisch - 

Schlesien 2, 242. 29 ) Marzell Altbayr. Volks¬ 
bot. 1909, 9; Strobl Altbayr. Mittel 1926, 

41. 42. 51. 30 ) Grimm Myth. 3, 442. 31 ) 

Schultz Vorles. über Wirkung u. Anwend. d. 
deutsch. Arzneipflanzen 1919, 114. 

4. Wirft man die S.beeren unter das 
Kochloch, so kann nicht mehr gehörig 
gekocht werden; alle Speise brennen 
an, bis man die Asche und mit ihr die 


„böse“ Nase 22 ) oder ein 


geschwollenes ; Beeren wieder entfernt hat 32 ). Der Aber- 


1625 


Seidenfaden—Seife 


1626 


glaube geht wohl auf den scharfen bren¬ 
nenden Geschmack der Beeren zurück. 

32 ) Wartmann St. Gallen 30. 

5. Wie die Blütenähre des S.s auf blüht, 
so soll man säen: blüht sie oben zuerst 
auf, so ist die Frühsaat die beste, blüht 
sie zuerst in der Mitte, so ist die Mittelsaat, 
blüht sie zuerst unten auf, so ist die Spät¬ 
saat die günstigste 33 ), vgl. Augentrost 
(i, 720). 

33 ) Marzell Bayer. Volksbot. 103, vgl. 

Fischer SchwäbWb. 5, 1321. Marzell. 

Seidenfaden. Wo ein Faden gebraucht 
wird, soll es sehr oft ein Seidenfaden sein, 
weil die Seide fest, dünn und selten ist. 
Gelegentlich tritt auch der Spinnweb¬ 
faden dafür ein (s. d.) Aiy. 

Seidenschwanz (Bombycilla garru- 
lus L.), auch Kriegs-, Pest-, Toten- j 
Vogel 1 ). Nach Brehm 2 ) bewohnt er 
vorwiegend nördliche Länder und wan¬ 
dert nur südwärts, wei i sich dort be¬ 
sonders starke Schneefälle einstellen. 
Der S. gilt allgemein als Unheilverkün¬ 
der; er zeigt Krieg oder Pest an; 
mancherorts erscheint er alle sieben 
Jahre 3 ). 

*) Suolahti Vogelnamen 144 ff. 2 ) Vogel- 
brehm 519. 3 ) Kronfeld Krieg 182; Birlin- 
ger Aus Schwaben 1,396; Lammert Volksme¬ 
dizin 100; Hopf Tierorakel 133; „Der Bund“ 
(Bern) 17. Juni 1915, Abendbl. (zit. Alb. Heß 
in d. „Schweiz. Bll. f. Ornith.“, wo auch Buf- 
fon erwähnt. S. als Verkünder der Cholera in 
Zürich 1866 u. des Weltkriegs, Winter 1913/14); 
Baumgarten Aus d. Heimat 1, 102; Derselbe 
Das Jahr 15; ZfdMyth. 1, 202 (Harz); Andree- 
Eysn Vkdl. 158; SAVk. 19, 209. 

Hoff mann-Kray er. 

Seife. 1. In der Volksmedizin findet 
die S. vielfach Verwendung. Damit die 
Nachgeburt nicht anwachse, soll neben 
anderem die Schwangere sich jeden 
Morgen die Nabelgegend einreiben mit 
einem Ansatz von geschnittener S. und 
Kornschnaps *); S. kommt auf Wunden 2 ), 
als Pfropf bei Verstopfung in den After 3 ), 
auf ein geschwollenes Glied in Form einer 
Salbe von S., Schweinefett, Kreide und 
Essig 4 ) (Neckargemünd); einen Schaden 
bestreicht man mit S., mit der eine Leiche 
gewaschen wurde, und zwar in der Rich¬ 
tung, in der ein Leichenzug am Hause 
vorbeigeht 5 ); S.nwasser gilt als Reini¬ 
gungsmittel bei Seborrhoea capilitii 6 ), 


gegen Finnen gibt man es den Schweinen, 
nachdem man sich vorher darinnen ge¬ 
waschen hat 7 ). 

Schwarze S. scheint früher als Abor¬ 
tivmittel verwendet worden zu sein 8 ); 
grüne S. 9 ), auf einen Lappen gestrichen 
und auf die Stelle gelegt, wo ein Splitter 
sitzt, zieht ihn heraus 10 ), auch in Verbin¬ 
dung mit feinem Salze wird sie verwen¬ 
det n ), bei Zahnweh legt man ein Pflaster 
aus grüner S. und etwas gemahlenem 
Kaffee hinter das dieser Seite entgegenge- 
| setzte Ohr 12 ); endlich verhütet sie Blasen¬ 
bildung bei Brandflecken 13 ). Um den 
Alp festzuhalten, schmiert man sich die 
Hände mit grüner S. 13a ). Braune S. 
hilft gegen Blutvergiftung 14 ) (Kr. Biele¬ 
feld). S.nspiritus tut gut als Einreibemittel 
gegen alle Schmerzen 15 ), 

*) John Westböhmen 101. 2 ) Fogel Penn¬ 
sylvania 301 Nr. 1595. 3 ) ZfrwVk. 1, 96. 

4 ) Alemannia 27, 437. 6 ) John Erzgebirge 

no=Seyfarth Sachsen 212. 6 ) Lammert 

118. 7 ) ZfVk. 8, 307; vgl. Fogel Pennsylvania 
165 Nr. 786; 166 Nr. 788. 8 ) Hovorka-Kron- 
feld 1, 172. 9 ) Vgl. Hovorka-Kronfeld 

1, 172. 10 ) ZfrwVk. 1, 101. u ) Ebd. 1, 204. 

12 ) Ebd. 1, 93. 13 ) Ebd. 1, 99. 13a ) ZfdMyth. 2, 
140 (s. oben 1, 304). 14 ) Ebd. 2, 95. 15 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 201; über die Herstellung: Ro¬ 
manusbüchlein 44. 

2. Verschiedener Aberglaube: Fällt 
einem ein Stück S. aus der Hand, so ist 
Besuch zu erwarten 16 ); aus S.nblasen, die 
unmittelbar im Wasser erzeugt wurden, 
ist früher in der Thomasnacht auf die 
Zukunft geschlossen worden 17 ). Einer 
im Kindbett verstorbenen Mutter wird 
neben anderem auch S. ins Grab mitge¬ 
geben 18 ). 

Es gibt geheiligte S. 19 ), eine Segens¬ 
formel für S. ist erhalten *°). Zwischen 

S.nkochen und Hexe 21 ), S.nkochen und 
Märzschnee 22 ), S.nkochen und Brot 23 ) 
stellt man Verbindungen her. 

Auch zum Zauber wird die S. ver¬ 
wendet, so zum Liebeszauber, durch den 
sich das Mädchen einen Mann gewinnt 24 ) ; 
mit S. kann man unter Umständen Jung¬ 
frauen erlösen und Schätze gewinnen 25 ). 
Schenken sich Liebende S., so löst sich 
allerdings das Verhältnis 26 ). Ehedem 
glaubte man, w r enn man mit S., mit der 
ein neu- und erstgeborener Sohn zum 


1627 


Seitenstechen 


Selbstmörder 


Selbstmörder 


1630 


erstenmal gewaschen wurde, das Gewehr 
beschmiere, treffe man alles damit 27 ). 

lfi ) John Erzgebirge 33. 17 ) Reiser Allgäu 

2, 14. 18 ) John Westböhmen 178. lö ) Fischer 
Angelsachsen 7. 20 ) Franz Benediktionen 1, 

644. 21 ) Fogel Pennsylvania 140 Nr. 644. 

22 ) Ebd. 258 Nr. 1345. 23 ) Ebd. 876 Nr. 2020 ff. 

24 ) Bartsch Mecklenburg 2, 239 Nr. 240. 

25 ) Knoop Hinterpommern 152. 26 ) John Erz¬ 
gebirge 75. 27 ) John Westböhmen 327. 

3. Im außerdeutschen Aberglauben sei 
lediglich auf die S. als Heilmittel hinge¬ 
wiesen 28 ) und auf den Brauch der Ru¬ 
mänen, an Freitagen nicht mit S. zu 
waschen 29 ). Vgl. noch über S. bei Rö¬ 
mern 30 ), Südslaven 31 ), Türken 32 ). 

28 ) ZfVk. 2, 17S. 29 ) ZföVk. 3, 181 Nr. 249. 
30 ) Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, j.112 ff.; ZfdA. 
(N. F.) 36, 400 f.; Fischer Altertumskunde 44; 
Schräder Reallexikon 760. 31 ) Krauss Sitte 

u. Brauch 557. 32 ) Stern Türkei 409. 

Webinger. 

Seitenstechen s. Nachtrag. 

Selbstmörder. 

1. Der Selbstmord wird bei verschie¬ 
denen Völkern verschieden beurteilt, da¬ 
her wird auch der S. verschieden behan- ! 
delt, verschieden sind auch die Vorstel¬ 
lungen über sein Fortleben x ). In heid¬ 
nischer Zeit galt offenbar bei den Deut¬ 
schen der Selbstmord nicht als tadelns¬ 
wert, manchmal, als Selbstopferung, sogar 
als ehrenwert. Die christliche Kirche, be¬ 
sonders Augustin, bekämpften ihn, stellen 
ihn dem Morde gleich und stempeln ihn so 
zur Todsünde. Der Einfluß der Kirche 
machte sich nach und nach sowohl im 
Recht als auch in der Auffassung des 
Volkes geltend: Der S. wird als Ver¬ 
brecher behandelt, die Strafe wird am 
Leichnam vollzogen; er gerät in die Klasse 
der vorzeitig oder auf gewaltsame Art Ver¬ 
storbenen, wird zum bösartigen Wieder¬ 
gänger und darum mit allerlei Abwehr¬ 
riten umgeben. Diese Auffassung der ka¬ 
tholischen Kirche wird von der protestan¬ 
tischen übernommen, und erst der Ra¬ 
tionalismus des 18. Jh. drängt auf eine 
Änderung. Die Ausnahmebräuche ver¬ 
schwinden aus dem Recht; im Volk haben 
sie sich teilweise bis heute erhalten 
können 2 ). 

x ) Lasch in Globus 74, 37 ff.; 75, 69 ff.; 76, 
•63 ff.; 77, 110 ff.; Westermarck Urspr. d. 


1628 

Moralbegr . 2, 196 ff. mit Lit.; Hirzel in ARw. 
11, 75 ff. (im Altertum); Steinmetz Rechts- 
verhältn. 421; Jobbe Les niorts malfaisants 
586 f. 2 ) SAVk. 26, 145 ff- mit Lit. 

2. Die Veranlassung zum Selbst¬ 
mord wird schon von Augustin und Luther 
dem Teufel zugeschrieben 3 ). Auch nach 
dem heutigen Volksglauben hilft der 
Teufel dabei 4 ); teuflisch ist auch wohl 
die schöne Musik, die einer zu hören glaubt, 
wenn er sich umbringen will 5 ). Gewisse 
Leute sind zum Selbstmord prädestiniert: 
wer zwei Haarwirbel hat 6 ); S. sind an 
einem verwünschten Tag geboren 7 ). 

Der Teufel soll manchmal auch den 
Sturm erregen, der bei einem Selbstmord 
eintritt: er reißt den S. in der Luft hin und 
her, oder er fährt mit der Seele durch die 
Luft 8 ). Gewöhnlich heißt es, ohne daß 
der Teufel genannt wird, wenn sich einer 
erhängt habe, entstehe ein dreitägiger 
Sturm 9 ) ,,die Bäume läuten aus“ 10 ). 
In Schwaben sagt man, die reine Luft em¬ 
pöre sich über die Verunreinigung durch 
den Leichnam n ). Zur Erklärung werden 
das Hängen als Opfer an den Windgott 
Wodan herangezogen 12 ) und die im 
Sturm herumziehenden Seelen 13 ). Doch 
wird auch behauptet, wenn einer er¬ 
trunken sei, entstehe Sturm 14 ), oder es 
regne 3 Tage lang 15 ). Trübes Wetter 
soll Folge eines Selbstmords sein 16 ), eben¬ 
so Hagelwetter 17 ). Etwas anderes ist es, 
wenn es heißt, ein S. dürfe nicht auf dem 
Friedhof oder ehrlich bestattet werden, 
sonst verhagelt es im nächsten Jahr oder 
3 Jahre lang die Feldflur 18 ); oder es 
heißt, die Markung, wo ein S. begraben 
liegt, wird 3 Jahre nacheinander vom 
Wetter getroffen 19 ). Ebenso halten 
Russen, Bulgaren und Rumänen die S. 
für Urheber von Dürre oder Gewittern 20 ). 

3 ) SAVk. 26, 148. 166. 4 ) Schüller, Progr. 
Schäßburg 1863, 66; Gander Niederlausitz 89; 
KühnauSage»3,246; Unoth. 1,27; vgl.Mschles- 
Vk. 8 Heft 16, 103 f.: Krähen beim Begräbnis; 
Schönwerth Oberpfalz 3, m. 5 ) Lütolf Sa¬ 
gen 185; SchweizVk. 14, 36; Sooder Rohr¬ 
bach 113. 6 ) SAVk. 24, 66. 7 ) Vernaleken Al¬ 
pensagen 420. 8 ) Vernaleken a. a. O. 415; 

Drechsler Schlesien 2, 151; Köhler Voigtland 
386; Sooder Rohrbach 68; Landsteiner Nie- 
derösterr. 28; Baumgarten Aus d. Heimat 3, 
125; Haltrich Siebenb. 301; vgl. Rochholz 
Glaube 1, 213. 9 ) SAVk. 2, 218; 25, 63; Aargau, 


1629 


Bern mündl.; Köhler Voigtland 386; Urquell 3, 
108; Andree Braunschweig 404; Birlinger 
Volksth. 1, 193; MSchönhVk. 8, 102; MschlesVk. 
7 Heft 14. 75; Laube Teplitz 50; Wittstock 
Siebenb. 60; Schmitt Hetlingen 17; Baumgar¬ 
ten Aus d. Heimat 1, 39; Kuhn Mark. Sagen 
387; Müllenhoff Sagen 109; Rockenphiloso¬ 
phie 648 No. 27; Wirth Beiträge 2/3, 47; Keller 
Grab d. Abergl. 5, 73; Germania 29, 104; 17, 79; 
ZföVk. 11, 193. 10 ) John Westböhmen 180 u. 

238; MschlesVk. 27, 232; Schulenburg 236. 
1J ) Meier Schivaben 257. 12 ) Amira Todes¬ 

strafe 202; Helm Rel.gesch. 1, 262 f. 13 ) Kuhn 
Mythol. Studien 2, 40; Mannhardt Germ. 
Myth. 270; vgl. Eitrem Opferritus 253. 14 ) Gaß- 
ner Mettersdorf 80. 15 ) Drechsler Schlesien 2, 
150. 16 ) SAVk. 21, 51; vgl. SAVk. 25,54. 

17 ) Fossel Volksmedizin 171; Höhn Tod 356. 

18 ) Alemannia 8, 129; Höhn Tod 346; John 

Westböhmen 180; Hartmann Dachau u. Bruck 
227; Baumgarten Aus d. Heimat 3, 125; Kel¬ 
ler Grab d. Abergl. 1, 7; 4, 251; 2, 145; Lam- 
mert 109; Pollinger Landshut 299; Panzer 
Beitrag 2, 294. 19 ) Grimm Myth. 3, 457; Ale¬ 
mannia 10, 11; Meier Schwaben 2, 490. 

20 ) ARw. 13, 627; Löwenstimm Aberglaube 
102 f.; Globus 76, 64. 

3. Groß ist die Scheu vor der Leiche 
eines S.s. Früher wurde, wer einen Er¬ 
hängten vom Strick losmachte, unehr¬ 
lich 21 ). Man wagt die Leiche nicht zu 
berühren 22 ). Man gibt dem Gehängten 
eine Ohrfeige, bevor man ihn abschneidet, 
sonst dreht er einem den Hals um 23 ). 
Auch die Gegenstände, die zum Selbst¬ 
mord dienten oder zum Begräbnis ge¬ 
braucht werden, erhalten etwas Gefähr¬ 
liches, müssen beseitigt werden. Der 
Baum, woran sich einer hängte, verdorrt, 
der Balken muß ersetzt oder vernichtet 
werden 24 ). Bahre und Grabladen werden 
entzweigesägt und aufs Grab gelegt 25 ). 
Strick, Messer, ein Stück vom Balken 
müssen ihm mitgegeben werden 26 ). Auch 
Geld erhält er mit, damit er nicht zu¬ 
rückkehre 27 ). 

Seine Habe behält etwas Unheimliches 
an sich; wer in seinem Bett schläft, wird 
.geplagt 28 ); sein Bild schwitzt am Tage 
des Selbstmords 29 ). 

21 ) Keller Grafe d. Abergl. 3,77', vgl.Krünitz 
Encycl. 73, 257; Globus 76, 64. 22 ) SAVk. 26, 

150 Anm. 3; LeBraz Ligende 2, 14; Urquell 5, 
•88; vgl. Müller Isergebirge 25 ; Nicht nachsehen: 
Peuckert Schlesien 229. 23 ) Drechsler Schle¬ 
sien 1, 312; vgl. Schönwerth Oberpfalz 3, 111. 
^ 4 ) SAVk. 26, 165; Hartmann Dachau u. 
Bruck 228. 25 ) Messikommer Aus alter Zeit 

1, 182; vgl. Melusine 4, 12; Feilberg Dansk 


Bondeliv 2, 134. 2S ) MschlesVk. 11, 89; Müller 
Isergebirge 24; Feilberg Dansk Bondeliv 2, 134. 
37 ) Feilberg a. a. O.; Höhn Tod 333. 28 ) M- 
schlesVk. 8, Heft 16, 88. 29 ) Meiche Sagen 253. 

4. Weil der S. als Wiedergänger ge¬ 
fürchtet wird, werden allerlei Abwehr- 
mittel angewandt. In früherer Zeit 
suchte man den Toten durch Vernichtung, 
Entfernung oder andere an oder mit der 
Leiche vollzogene Maßnahmen unschäd¬ 
lich zu machen. Meist wurde es von Ge¬ 
richts wegen als Strafe dem Toten aufer¬ 
legt und mit der Zeit als bloße Entehrung 
ausgelegt. 

Im 16. Jh. wurden S. verbrannt, 
wie beim Nachzehrer (s. d.) auch etwa 
erst, wenn es spukte 30 ). Früher, schon im 
14. Jh., ließ man die Leiche ,,rinnen“, 
d. h. sie wurde in ein Faß verschlossen 
und in ein fließendes Wasser geworfen. 
Die Gefahr wurde dadurch wegge¬ 
schwemmt. Zum erstenmal wird es 1384 
(Stadtrecht von Baden) erwähnt, kam 
dann auch sonst in Süd- und Mittel¬ 
deutschland öfters bis in den Anfang des 
19. Jh.s vor 31 ). Seltener war Versenken 
in einen Sumpf (Schlesien 1385) oder 
Begraben an der Flutgrenze am Strande 32 ). 
Der Tote wurde auch unschädlich ge¬ 
macht durch Pfählen oder Köpfen 33 ). 
Beim Wegschaffen der Leiche war oft 
üblich, sie auf einer Kuhhaut zu schleifen; 
Brunner leitet es von einem alten Opfer¬ 
brauch ab 34 ). Die Leichen wurden bis in 
neuere Zeiten nicht durch die Tür hin¬ 
ausgetragen, sondern durch ein Loch in 
der Wand, durchs Fenster, durchs Dach 
oder unter der Schwelle durch hinausge¬ 
schafft (vgl. Leichenzug VB 1) 35 ). Sie 
dürfen nicht durchs Friedhofstor geführt 
| werden, sondern müssen verkehrt über 
die Mauer gehoben werden 36 ). Man führt 
sie auf Nebenwegen 37 ). Sie werden mit dem 
Gesicht nach unten in den Sarg gelegt 38 ); 
man trägt die Leiche mit dem Kopf 
voraus 39 ). Türschlösser werden verändert, 
Schwellen entfernt, Türen versetzt 40 ). 
Die Leiche wird nicht gewaschen und 
bekommt keine besonderen Kleider 41 ). 

30 ) SAVk. 26, 153 f. 31 ) SAVk. 26, 154 t.; 
Lavater Von Gespänsten (1569) 4i a . 32 ) SAVk. 
26, 158. 33 ) SAVk. 26, 157 t.: Löwenstimm 
Aberglaube 98 (Rußland i. J. 1892); MschlesVk. 


1631 


Selbstmörder 


Sellerie 


1634 



ii, 77; Fielding Tom Jones Book 7 chap. 7. 
34 ) SAVk. 26, 157. 35 ) SAVk. 26, 158 f.; Urquell 
3, 50; ZfVk. 11, 268; Kühnau Sagen 3, 213; 
MittSchlesVk. 8 Heft 16, 87; Wittstock Sie¬ 
benbürgen 60. 62; Bodemeyer Rechtsalterl. 180; 
LeBraz Legende 1, 335; MsächsVk. 6, 253; Feil- 
berg Dansk Bondeliv 2, 134; Müller Urner 
Sagen 1, 61; Rosen DÖdsrike 195; SudetZVk. 

1, 104. 3Ö ) SAVk. 26, 159; Rosen Död och be- 
gravning 11; Wirth Beiträge 2/3, 64; Becker 
Pfalz 142; Köhler Voigtland 258; HmtK. 33, 
210. 37 ) Urquell 3, 50. 38 ) SAVk. 26, 159; M- 
schlesVk. 10 Heft 19,21; Grimm RA 2 . 727; 
vgl. Wirth Beiträge 2/3, 64; FL. 18, 370. 
3Ö ) SAVk. 26, 159; mit d. linken Händen ge¬ 
tragen: Wien ZfVk. 34, 29. 40 ) Höhn Tod 356. 

41 ) Gassner Mettersdorf 85. 

5. Die Kirche strafte den Selbstmörder, 
indem sie ihre Teilnahme am Begräbnis 
verweigerte; Glockenläuten und Gesang 
fielen weg 42 ). Werden S. mit kirchlichen 
Ehren bestattet, so kommen sie wieder 43 ). 
Begräbniszeiten waren Nacht, früher Mor¬ 
gen oder später Abend 44 ). 

Kirchlicher Einfluß bestimmte auch 
den Begräbnisort; die Kirche verwei¬ 
gerte das Begräbnis in geweihter Erde, 
der weltliche Richter gebot Verscharren 
unter dem Galgen oder auf dem Schind¬ 
anger, „Eselsbegräbnis“ 45 ). Als gefähr¬ 
liche Wiedergänger wurden sie auch auf 
Kreuzwegen (mit einem Pfahl durch den 
Leib) verscharrt oder auch an der Gemein¬ 
degrenze 46 ), oder man wählte einen ab¬ 
gelegenen, wüsten Ort 47 ). Auf dem Fried¬ 
hof duldete man sie nur ungern und ge¬ 
zwungen; man glaubte, die andern Toten ! 
würfen sie wieder hinaus 48 ). Und wenn ! 
man sie aufnahm, so wies man ihnen eine ; 
besondere Ecke an der Mauer oder unter 
der Dachtraufe an 49 ). In Schottland gab 
man ihnen einen Platz, von wo sie nicht 
aufs Meer sehen konnten, weil das dem 
Fischfang geschadet hätte 50 ), ein Glaube, 
ähnlich dem obengenannten, wonach sie ; 
den Feldern Schaden bringen könnten. 

Man will nicht neben einem S. begra¬ 
ben werden 51 ); sein Grab wird nicht ge¬ 
pflegt 52 ), und es spukt an diesen Orten 63 ). 
Auch die Stelle, wo der Selbstmord ge¬ 
schehen, ist verflucht, bleibt unfrucht¬ 
bar 54 ). 

42 ) SAVk. 26, 163. 167 t.; Gassner Metters¬ 
dorf 92; Meiche Sagen 524. 43 ) Drechsler 

Schlesien 1, 311; vgl. Bohnenberger Nr. 1,21. 
44 ) SAVk. 26, 164; Rosen Död och begravning j 


11; Feilberg Dansk Bondeliv 2, 133. 45 ) SAVk. 
26, 163; Bodemeyer Rechtsaltert. 181; Fon¬ 
taine Luxemburg 185; Rosen Dödsrike 51 ff. 
46 ) SAVk. 26, 163; FL. 14, 73; Feilberg Dansk 
Bondeliv 2, 135; Ackermann Shakespeare 125; 
Melusine 4, 11 ff.; Peter österr. Schlesien 2, 
55 f.; Köhler Voigtland 525. 47 ) SAVk. 26,163; 
Kühnau Sagen 3,209; Urquell 3, 50; Argovia 5, 
250; Kuoni St. Galler Sagen 263. 48 ) SAVk. 

26, 164; TroelsLund 14, 236t.; Brückner 
Reuß 195; Künzig Schwarzwald 53; Waibel 
u. Flamm 2, 138t.; ZfVk. 21, 401; Köhler 
Voigtland 257f.; Sooder Rohrbach 65. 49 ) SAVk. 
26, 164. 167 f.; Becker Pfalz 142; Wirth Bei¬ 
träge 2/3, 64; Meiche Sagen 188; FL. 18, 369; 
Schweizld. 2, 433. 50 ) FL. 14, 369 ff.; Melusine 
4, 12; Le Braz Legende 1, 335. 51 ) Höhn Tod 
346. 62 ) Sartori Sitte u. Brauch 3, 261 10 ; 

Wirth Beiträge 2/3, 64. 53 ) John Westböhmen 
180. 54 ) Schambach u. Müller 18; Urquell 3„ 
52 f.; ZfVk. 18, 373. 

6 . Der S. wird zum Wiedergänger, 
meist gefährlicher Art. Drum heißt es, 
die Leiche oder nur die Schuhe bleiben 
lange unverwest 55 ). Er muß ,,schwe¬ 
ben“, als Spuk umgehen bis zur Zeit, 
wo sein natürlicher Tod erfolgt wäre 66 ). 
Die Seele eines Erhängten kommt weder 
in den Himmel noch in die Hölle; der 
Teufel erwischt sie nämlich nicht, weil er 
beim Munde auf sie lauert und sie durch den 
After entweicht 57 ). Der S. schaut auch 
seinem eigenen Begräbnis zu (s. Leichen - 
zug (ii) 58 ); er muß Friedhofwache hal¬ 
ten (s.Friedhof), bis der nächste kommt 59 ). 
Er spukt in seinem Hause 60 ), am Ort, 
wo man ihn verscharrt hat 61 ), oder am 
Ort, wo er die Tat begangen hat 62 ). Er 
verlegt anderen Toten den Weg zum Fried¬ 
hof 63 ). Er muß wandern, ohne Ruhe zu 
finden; nur wenn er mit dem ewigen Ju¬ 
den zusammentrifft, darf er mit ihm unter 
zwei aufgestellten Eggen eine Zeitlang 
ruhen 64 ). Der S. als Wiedergänger kann 
die Angehörigen plagen, ihnen Unglück 
schicken 65 ). Oft verwandeln sie sich in 
gespenstische Tiere oder andere Wesen; 
in Pommern gelten sie als die Hunde des 
Wöd 66 ); sie gehen als kopflose Gespenster, 
als Hunde, Ziegenböcke oder als Irrlichter 
um 67 ). Sie spuken besonders in der Ad- 
ventszeit 68 ). 

55 ) SAVk. 26, 150. 56 ) SAVk. 26, 151 f.; 

Bohnenberger Nr. 1, 6; Feilberg Dansk 
Bondeliv 2, 132; vgl. ZfVk. 14, 31; Singer 
Schweiz. Märchen 2, 153. 57 ) Le Braz Le¬ 

gende 2, 9. 68 ) Meiche Sagen 524. 59 ) 



Drechsler Schlesien 1, 311. 60 ) SAVk. 26, 

150 (mit Lit.); Haupt Lausitz i, 140; Heyl 
Tirol 72; Correvon Gespenstergesch. 25 f.; Ei¬ 
sei Voigtland 85 f.; Künzig Schwarzwald 51.55; 
Schell Berg. Sagen 405. 476; Kühnau Sagen 
3, 214; Kuoni St. Galler Sagen 296. 61 ) Eisei 
Voigtland 192; Baumgarten Aus d. Heimat 3, 
132. ® 2 ) Witzschel Thüringen 2, 131; Meiche 
Sagen 180; Pollinger Landshut 96; Eisei 
Voigtland 244; Hof mann Bad. Franken 19; 
Gander Niederlausitz 89. 91; MSchlesVk. 8 
Heft 16, 88; SAVk. 25, 54; 26, 150. w ) Meiche 
Sagen 135. * 4 ) St rackerjan 1, 222. 65 )Strak- 
kerjan 1,222; vgl. Thurston Southern India 
218; Kühnau Sagen 1, 162 ff. ® 6 ) Mannhardt 
Germ. Myth. 301. #7 ) Eisei Voigtland 63;Meiche 
Sagen 50. 53. 70 f. 273; Strackerjan i, 122; 
Urquell 3, 52; Grohmann Sagen 207; Müllen- 
hoff Sagen 188; Gräber Kärnten 435; Kuoni 
St. Galler Sagen 297. 68 ) Gander Niederlausitz 
88 f.; Meyer Baden 597. 


7. Die Leiche des S.s und alles, was mit 
ihr in Berührung kommt, gilt als be¬ 
sonders zauberkräftig; der Glaube ist 
wohl von den Hingerichteten (als Opfer) 
auf die S. übertragen worden 69 ). Das 
Eisen, woran sich einer erhängt hat, dient 
dazu, Ringe, die Heilkraft haben, oder 
sogen. Nothaken (s.d.)zu schmieden 70 ). Mit 
Kleiderfetzen eines S.s soll man das Vieh 
reiben, damit es gedeiht 71 ). Besonders 
zauber- und heilkräftig ist der Strick, wo¬ 
mit sich einer erhängt hat 72 ). Die Hand 
eines S.s dient zum Diebs- und Heil¬ 
zauber 73 ). In Schottland will man Epi¬ 
lepsie heilen, indem man aus dem Schä¬ 
del eines S.s trinkt 74 ). Am Grab eines S.s 
holt sich der Zauberer vom Teufel Zau¬ 
berkraft 75 ). 

69 ) SAVk. 26, 165; Sartori Speisung 38. 
70 ) HessBI. 6, 103; Heckenbach de nuditate 
92 ff.; Schell Berg. Sagen 302. 71 ) Haltrich 
Siebenb. 309; Gaßner Mettersdorf 84; Globus 
76, 65. 72 ) Seyfarth Sachsen 286; Urquell 4, 
99; Panzer Beitrag 2, 279 (auch das Messer 
eines S.); MSchönhVk. 8, 102; Fogel Penn¬ 
sylvania 333 Nr. 1772; Strack Blut 47; Su- 
detendZfVk. 1, 104 f. 73 ) Gross Handbuch 
1, 537 ; Black Folk Medicine 101. 74 ) FL. 14, 
370; Melusine 4, 13. 75 ) Urquell 3, 201. Geiger. 


Selenomantie, Mondwahrsagung. Die 
einzige Stelle, in der diese antike Be¬ 
zeichnung überliefert ist, läßt nicht er¬ 
kennen, um welche der verschiedenen 
auf den Mond bezüglichen Divinationen 
(s. Mondwahrsagung) es sich handelt. 
Plinius *) berichtet nur von einem Edel¬ 
stein Glossopetra (s.d.) der angeblich nicht 

Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII 


in derErde entstehe, sondern bei abnehmen¬ 
dem Mond vom Himmel falle und außer¬ 
dem zur Beschwichtigung des Windes 
diene; er sei zur S. notwendig. Möglich, 
daß die in der alten Literatur so oft er¬ 
wähnte Kunst der Zauberinnen, den Mond 
vom Himmel herabzubannen, gemeint ist. 
Auffallend ist, daß die auf Bereicherung 
ihrer Divinationsverzeichnisse so bedach¬ 
ten Systematiker des Mittelalters diese 
echt antike Bezeichnung übersehen haben. 

4 ) Naturalis Historia 37, 164. Boehm. 

Sellerie (Eppich; Apium graveolens). 

1. Doldenblütler mit dicker, fleischiger 
Wurzel und glänzenden, fiederteiligen Blät¬ 
tern. Der S. wird häufig in den Gärten als 
Gewürz- bzw. Salatpflanze kultiviert. 
Er ist teilweise identisch mit der Pflanze 
aeXtvov (apium) der Antike, die im Toten¬ 
kult eine große Rolle spielte *). Unter 
,,Eppich“ werden auch andere Dolden¬ 
blütler (z. B. Wasser-Eppich = Sium lati- 
folium; Garten-Eppich = Petroselinum 
sativum; Roß-Eppich = Heracleum sphon- 
dylium, Seseli macedonicum, Smymium 
olusatrum) sowie der Efeu verstanden. 
In einem Wälschtiroler Märchen wird ein 
Mädchen, als es S. ausziehen soll, von der 
Pflanze hinabgezogen 2 ). 

*) Pauly-Wissowa 6, 1, 252 ff.; Rohde 
Psyche 2, 432; Köchling de coronarum vi 50. 
2 ) Schneller Wälschtirol 84 ff. 

2. Der S. gilt wegen des starken Ge¬ 
ruches wie viele seiner Verwandten (s. 
Dill, Fenchel, Kümmel, Meisterwurz) als 
hexenabwehrendes Mittel 3 ). Das 
Brautpaar mußte eine S.wurzel in die 
Tasche oder in die Schuhe stecken 4 ), s. 
Dill (2, 296). Das Kraut steckte man in 
Fugen und Ritzen des Schweine Stalles, 
damit die Tiere nicht verrufen werden. 
Auch in die Kuhställe wurde es gebracht, 
damit die Milch nicht gerinnt 5 ). Bei den 
Neugriechen ist S. eine Glückspflanze 
und wird nebst Knoblauch und Zwiebel 
in Zimmern aufgehängt, an Seiden¬ 
wurmhürden angebunden, den kleinen 
Kindern beigegeben usw. 6 ). 

3 ) Dirksen Meiderich 45; ZfVk. 4, 324; 
Seligmann Blick 2, 84. 4 ) Treichel West¬ 

preußen 2, 193; Knoop Hinterpommern 159. 
5 ) Treichel a. a. O. 4, 5. 6 ) Fraas Synopsis 

plantar um flor ae classicae 1845, 147 = Hovorka 
u. Kronfeld i, 390. 

52 


1635 


Seltertum—-Semmel 


1636 


Semmel 


1638 


3. Der S. gilt im Volke allgemein als 
starkes Aphrodisiakum, was jedoch 
pharmakologisch nicht erwiesen ist 7 ). So 
sagt schon Konrad v. Megenberg 8 ): „ez 
sprechent auch etleich, daz daz kraut und 
sein sam den ammen schad sei, wan ez 
pringt unkäusch und mit der unkäusch 
sinket in diu behend fäuht auz den prüst- 
leinn hin ab zuo der unkäuschen stat“. 
In einem Arzneibuch des 15. Jh.s heißt es: 
,,Item das dich din frouw für al man lieb 
hatt, so nim epich safft mit honig ge¬ 
stoßen und tempteriert und schmir den 
zagel da mit und die hoden, so machst du 
als wohl, das ir kein ander für dich liebt“ •). 
Verschiedene erotische Reime spielen auf 
diese vermeintliche Kraft des S.s an, z. B. 
in der Pfalz: 

Schatzl, back meer Aier 

Mit Zellerie und Salat, 

Am Sonntak gehe meer maie, 

Mei Mudder hat's gesaht 10 ). 

ln Frankreich sagt man: „Si la femme 
savait ce que le celeri vaut ä l’homme, 
Elle en irait chercher jusqu'ä Rome“ u ), 1 
vgl. Petersilie. Auch Volksnamen des S.s ; 
wie Geilwurz (Baden), Böckekriut (Bock- I 
kraut; Südhannover), Hemadspreizer 

(Niederösterreich), Stehsalat (erectio pe- 
nis) (Pfalz) weisen auf diesen Glauben hin. 
Der Cod. Bonensis 218 (aus Maria Laach) 
des 11. Jh.s bringt ein Orakel, um zu er¬ 
fahren, was das Weib gebären wird. Man 
legt ihr grünen Eppich, ohne daß die Frau 
es weiß, auf ihr Haupt; wenn sie zuerst 
einen Mann nennt, wird sie ein Kind männ¬ 
lichen Geschlechts gebären, wenn eine 
Frau, ein Kind weiblichen Geschlechts 12 ). 
Auf ähnliche Weise erfährt man die Jung¬ 
fräulichkeit eines Weibes: „Nim epich 
und brenn in unde habe in einer (Frau) 
für die nas, diu da sprichet, si sei dime: 
ist si niht ein dirn, so beseichet si sich“ 13 ), 
s. Brennessel (1, 1560). 

7 ) Schulz Vorles. über Wirkung u. Anwend, 
d. deutsch. Arzneipflanzen 1919, 275. 8 ) Ed. 

Pfeiffer 3S2. ») SAVk. 27, 82. 10 ) Wilde Pfalz 
227. u ) Rolland Flore pop. 6, 174. 12 ) Heim 
Incantamenta 553; ebenso Joubert Erreurs po¬ 
pul. 1579, 276 = Rolland Flore pop. 6, 174. 

13 ) Pfeiffer Arzneibücher 149. Marzell. 

Seltertum, wohl entstanden aus [da]s 
Eltertum = Altartum, ist eine dem 
vorreformatorischen Pfarrer in der I 


Gegend von Zweibrücken gereichte Na¬ 
turalleistung, die als freiwillige Opfer- 
gäbe im heutigen bayrisch-österreichi¬ 
schen Wallfahrtsbrauchtum und dem 
daran geknüpften Glauben wohl noch 
fortlebt. Bisher unter diesem Namen 
sonst nicht bezeugt x ). 

*) Becker JbfVk. 1 (1936 v. G. Schreiber), 
302; ZfRechtsgesch. 56 (193b), 398. Becker. 

Semiphoras und Sehern ha mphoras, 

Name eines Zauberbuchs 1 ). l&Hlssn CK' 

/ T : - 

ist der „deutliche, ausgesprochene Gottes¬ 
name“, der als zauberkräftig galt 2 ). 
So steht er auch unter den Gottesnamen 
in Beschwörungen z. B. beim Graben der 
Päonie 3 ): 2 » t ut|A<popa£, in einer Kyliko- 
mantie zum Entdecken von Dieben 4 ) : 
Scemhemmaphoras. 

0 Bei Andreas Luppius 1686 erschienen vgl, 
Abt Apuleius 112 (38) Anm. 4. 2 ) Buxtorff 

Lexic. Chaldaicum usw. ed. Fischer (1879). 
1205; Bousset Die Religion des Judentums im 
neutest. Zeitalter (1906), 355; Bise hoff Die 
Kahbalah (1903), 82. 3 ) Haag Hermetica 34 

(168). 4 ) Thiers 1, 166. Jacoby. 

Semmel. 1. Der Name kommt von 
simila (Weizenmehl, so oft in der Vul¬ 
gata 1 )); man übertrug den Namen vom 
Mehl auf das Gebäck 2 ); die Form ist 
verschieden (siehe Brezel, Strützel, Weck, 
Kipf, Stollen, Stute, Gebildbrote), am 
häufigsten ist die Weckform 3 ), auch 
Semmelringe, wie sie die Züricher den 
Straßburger Kindern schenkten 4 ), als 
das glückhafte Schiff dort landete. Schon 
zur Zeit Karls des Großen war der Name 
auf das Gebäck übertragen: Im Kapi- 
tulare de villis lesen wir: pistores qui 
similam ad opus nostrum faciunt 5 ). 
Nach den Stellen bei Du Cange war das 
Semmelgebäck vor allem im Kloster 
beliebt 6 ); schon im 11. Jh. ist die S. als 
Klostergebäck bezeugt 7 ). Nach einer 
Urkunde wird 1292 im Kloster Herren- 
alb Semmelbrot eingeführt 8 ). Semmel¬ 
geräusch 9 ) ist in Reichenbach im Voigt¬ 
lande wie Rührei, aus Semmelscheiben 
Mehl und Ei gebacken. 

4 ) Konkordantia testamenti s. v.; Sirach 38, 11; 
Offenb. Joh. 18, 13. 2 ) Hoops Reallex. 1, 331; 
Grimm DWb. 10, 1, 559 mit Lit.; Kluge Et- 
Wb. s. v.; Paul DWb. 483; in der Schweiz Sim¬ 
mels oder Simmlen, Staub Brot 131. 135. 138; 
Ducange 7, 489. 491; Blümner Rom. Privat¬ 



altertümer 161. 163 A. 5: pistor similaginarius. 
3 ) Nach einem Beschluß vom Jahre 1454 soll,,wel¬ 
cher wolle Simmlen buchen, keine halb Weggen 
bachen und umgekehrt“: Staub Brot 138 A. 1; 
sonst werden Wecken und S. als eine Art er¬ 
wähnt: Staub 130—135. 4 ) Grimm DWb. 

10, 1, 566: Semmelring; Rochholz Sagen 2, 
327. 5 ) MG. leges 2,1,87, 20; Du Cange 7, 

4S9; Höfler Weihnachten 51. 6 ) Du Cange 

simila: 1. c. 490; simula: 491; siminellus: 489; 
auf den unter simenellus erwähnten Sonntags, 
war oft das Bild des Erlösers oder der Jungfrau 
Maria aufgedrückt. ") Weinhold Frauen 2, 
54. 56. 8 ) Mones Zeitschrift 2, 364; Grimm 

DWb. 10, 1, 563. 9 ) Köhler Voigtland 263. 

2. Wie das einfache Brot, so ist auch 
dieses Backwerk heilig und darf nicht 
verunehrt werden: In der Tiroler 
Sage wird Frau Hütt furchtbar bestraft, 
weil sie den Knaben mit Semmelkrumen 
und Brosamen reinigt 10 ). In Danzig 
zeigt man einen Stein, an den sich fol¬ 
gende Begebenheit knüpft: Zur Zeit der 
Hungersnot reinigte eine Frau ihr Kind 
mit einem Stück S., weil sie nichts anderes 
hatte. Aber die S. verwandelte sich in 
einen Stein, so daß die Frau Haut und 
Fleisch des Kindes wegrieb; das Kind 
starb, die Frau wurde wahnsinnig 11 ). 
Die Einwohner der pommerschen 
Stadt Stubbenkammer streuten in ihrem 
Übermut die S. auf die Straße; durch 
eine Flut geht die Stadt unter 12 ). Die 
Einwohner der versunkenen Stadt Vineta 
wischten die Kinder mit S.n ab 13 ). 


10 ) Alpenburg Tirol 240 Nr. x; Globus 42, 
91; Grimm Sagen 2 1, 277 Nr. 234. n ) Tettau- 
Temme 208 ff.; Globus 42, 91. 12 ) Haas 

Pomm. Sagen 134 Nr. 252. 13 ) Temme Pommern 


2 5 - 

3. Die Zwerge und Kobolde sind 
lüstern nach S.n: Die Zwerge trugen 
früher den Einwohnern von Gera das 
frischgebackene Brot weg und stahlen 
den Bäckern die S.n von den Fenstern 


weg 14 ). Wenn die Wemburger früher 
brauen wollten, liehen sie die Brau¬ 
pfanne von dem Berggeist; wenn sie die 
Pfanne wieder brachten, legten sie eine 
Flasche Wein und eine S. hinein 15 ). S. 
und Wein ist eine Fest speise 16 ). Ebenso 
borgten die Einwohner von Etzdorf die 
Braupfanne von einem Berggeist und 
gaben sie wieder mit einer Reihe S.n zu¬ 
rück 17 ); vgl. die Reihens, in Mecklen¬ 
burg 18 ). Die schatzhütenden Geister 


halten eine S. in der Hand (goldgelbe 
Farbe?). Wenn man auf der Landskrone 
in das Gewölbe hinabgeht, wo der Schatz 
liegt, sieht man den Ziscibor vor ihm 
sitzen, mit einer weichen S. in der 
Hand 19 ); dazu ist das witzige Gedicht 
zu vergleichen: der Semmeljunge und die 
Männer im Zobten 20 ). Im Schlaraffen¬ 
land von H. Sachs reifen an den Milch¬ 
bächen auf den Weidenbäumen S.n 21 ). 
Uber ein in Schlesien gefundenes Semmel¬ 
gewächs siehe Kühnau 22 ). Die Heimchen 
speisen das verirrte Kind mit S.n und 
Milch 23 ). Auch die Hexen schenken 
einem Neugierigen, der der Hexenver¬ 
sammlung zusieht, S.; aber diese wird 
zu Kuhdung und die Wurst zu einem 
Spannseil 24 ). 


14 ) Eisei Sagen 14 Nr. 26; 18 Nr. 28. 
15 ) Witz sc hei Thüringen 2, 89 Nr. 109, vgl. 
88. 10 ) Grimm DWb. 10, 1, 562; vgl. 

das Augurium bei Wuttke § 360. 17 ) 
Witzschel 1 . c. 2, 88 Nr. 107. 18 ) AfAn- 

throp. NF. 6, 103. 19 ) Kühnau Sagen 3,560 

Nr. 1964. 20 ) 1 . c. 3, 469 Nr. 2050. 21 ) 
Bolte-Polivka 3,250. 22 ) Kühnau 5 a^n 

3, 478 ff. Nr. 1867. 23 ) BlpommVk. 1, 180 

Nr. 51. 24 ) Bartsch Mecklenburg 1, 288 Nr. 

-jHt • vtr] Oa nder Niederlausitz 28 Nr. 72 . 


4. Semmelopfer: Das Opfer mit 

S.mehl wird häufig im alten Testament 
erwähnt 25 ); Grimm weist auch auf die 
Sachs’sche Übersetzung der Worte Syr. 
35, 3 hin 26 ): 


Wer Gott danket zu aller Frist, 

Ein recht S.opfer das ist. 

Im 79. Kanon des Konzils von Konstanti¬ 
nopel wird „simila“ als Geschenk zu 
Ehren des Kindbettes Marias erwähnt 27 ), 
wohl ein Brei 28 ), kein S.gebäck 29 ). Die 
erwähnte Spende der Wernburger ist 
wohl als Opfer aufzufassen. Der boshafte 
Berggeist im Schachte Orschel wollte 
einen Knaben töten; doch schonte er ihn, 
weil er ihm jeden Tag eine S. brachte; 
als aber der Knabe eines Tages keine S. 
brachte, wurde er erwürgt 30 ). Die Be¬ 
wohner der früheren Grafschaft Glatz 
lassen von ihrem Weihnachtsfestgericht, 
Milchsuppe mit S., Stritzel, Obst und 
Nüsse etwas übrig, damit die Engel, die 
kommen, wenn alles schläft, im Falle 
sie etwas essen wollen, etwas finden: 
wenn sie nichts finden, würde es einem 




1639 


Semmel 


1640 


nicht gut gehen 31 ). Als man die Burg 
Liebenstein in Thüringen baute, opferte 
man ein Kind, das von einer Land¬ 
streicherin gekauft wurde; diesem gab 
man eine S. in die Hand 32 ). Einen Rest 
eines Totenopfers haben wir im hannover¬ 
schen Clenze: Nach dem Begräbnis geht 
man in die Bauernstube; die Angehörigen 
müssen Bier geben; auf die letzte leere 
Tonne setzt man zwei Lichter, ein Glas 
Bier und eine S.; dann schließt man die 
Türe zu; das Seelchen soll nun kommen 
und etwas nehmen 33 ). 

26 ) Konkordantia s. v. 2 *) DWb. 10, 1, 566: 
S.Opfer. 27 j Hefele Conzilien 3, 310, 79. 
28 ) Usener Kl. Schriften 4, 424 = ARw. 7, 
288. 2®) Hofier Weihnacht 51. 30 ) Meie he 

Sagenbuch 401 Nr. 526. 31 ) Reinsberg Jahr 

395: Höf ler Weihnachten 19 ff. 32 ) W 440; 
Bechstein Sagen Thür. Landes 1835 ff. 4, 
157; Wucke Sagen von der mittleren Werra 
(1864) 1, 85. 141. 149. 33 ) Globus 81, 271; 

Sartori Totenspeisung 26; AfAnthrop. NF. 

6, 95 * v gl* 103 Fig. 1; Bodemeyer Rechts¬ 
altert. 193. 

5. S. bei Vegetationsriten (Mi¬ 
schung von Opfer- und Übertragungs¬ 
gedanken, S. als Fruchtbarkeitssymbol): 
Wenn man in Marksuhl den Lein im Mai 
sät, befand sich außer den Knochen 
und Rippen von dem an Fastnacht ge¬ 
gessenen Schweinefleisch im Leinsack 
noch eine S., Wurst und Eierkuchen und 
etwas Branntwein als Frühstück für den 
Bauer; das mußte er auf seinem eigenen 
Felde sitzend essen 34 ). Wenn die Mägde 
Kraut gepflanzt haben, müssen sie S. und 
Milch erhalten und Sauerkraut 35 ). Beim 
Brunnenumzug in Schöten bei Apolda 
bekommen die Kinder Eier und S. 36 ). 
Beim Pfingstritt zu Blumenhagen ist eine 
auf eine Stange gespießte S. das Mal des 
Wettrittes 37 ). Beim Hudlerlaufen in der 
Gegend von Hall in Tirol am schmutzigen 
Donnerstag trägt der Hudler um die 
Lenden einen mit S.n besteckten Gurt; 
an der langen Peitsche hängen mehr als 
50 Brezeln; nach dem Wettlauf bewirtet 
der Hudler den Ereilten mit einer S. und 
Wein 38 ); hier ist die Bedeutung der S. 
als Fruchtbarkeitssymbol ganz klar. 

S.spenden: a) Spenden bei Todes¬ 
fall und Seelenspenden: Beim 
Seelenopfer in Niederbayem legen die 


drei nächsten Verwandten außer Kerzen¬ 
lichtern und einem Kruge mit Geld für 
Wein auch für drei Kreuzer S.n nieder 39 ). 
In Inkhofen bei Moosburg opferte der 
Taufpate bei einem Sterbefalle auf dem 
Altar einen Maßkrug, auf dem ein 
brennendes Wachslicht steckt, die andern 
legen S.n auf denAltar 40 ). Auf Hiddensee 
bekommen beim Leichenmahl die Leid¬ 
tragenden je drei S.n, die Leichenträger 
je vier 41 ). In Simbach wurden 1437 am 
Jahrestag eines Sterbefalles S.n unter die 
armen Spitäler verteilt 42 ). Am Jahres¬ 
tag des Todes Walters von der Vogel¬ 
weide wurde an die Kanoniker des Neu¬ 
münsters eine S.spende verteilt 43 ). In 
einigen Städten in Böhmen verteilt man 
am Allerseelentag in den Schulen aus den 
Gemeindeeinkünften Brot und S.n unter 
die Kinder 44 ). Am Oberrhein kennt 
man am Allerseelentag eine Armenspende 
von S.n auf dem Friedhof 45 ). In Tepel- 
Weseritz im Egerland ißt man am Aller¬ 
heiligenabend S.n (knochenförmige Gebild- 
brote aus S.mehl, siehe Knaufgebäcke) 
und kalte Milch, um den armen Seelen 
im Fegfeuer Kühlung zu verschaffen. 
Man darf nicht zuviel davon essen; sonst 
drückt einen die Trud oder schneidet 
einem den Bauch auf. Beim Morgen¬ 
läuten kehren die mit diesem S.brei 
gespeisten Seelen wieder in ihre Gräber 
zurück. Die Bäuerinnen bespritzen mit 
dieser S.milch das Gesicht der Mägde, 
damit sie nicht schläfrig sind, wenn sie 
ins Gras gehen 46 ). 

b) Andere Spenden (bes. an die 
Armen): Ein Schäfer, der Liebling des 
Berggeistes von Etzdorf, machte eine 
Stiftung an die Armen, nach der die 
Armen jedes Jahr eine Reihe S.n erhielten; 
als ein Pfarrer den Brauch abschaffen 
wollte, wurde die Kirche ruiniert 47 ). 
Alljährlich wurde bei der Wekingsspende 
in Herford am 1. 10. an die Schüler eine 
Spende von Timpen-Semmeln 48 ) aus¬ 
geteilt 49 ). In Nördlingen verteilt man 
an die Armen das Spitalbrot, eine Doppel¬ 
semmel 50 ) (vgl. das Straßburger Teilbrot), 
die Reihens., die Schichts. 51 ). In Ulm 
bekamen in den Klöstern am Kindleins¬ 
tag die Armen und die Conventualen je 


1641 


Semmel 


I642 


ein S.brot * 2 ). Uber die witzige S.lieferung 
im Mannsfeldischen siehe Sommer 53 ). 
Behebt sind die S.geschenke der Paten 54 ), 
so am Lechrain beim Kindelmahl 55 ). 

S. an Festen: a) S. als Fruchtbar¬ 
keitssymbol und glückbringendes 
Festgebäck an der Hochzeit: In der 
Landgemeinde von Grevismühlen in Meck¬ 
lenburg war es noch vor 50 Jahren Sitte, 
daß den von der Trauung heimkehrenden 
jungen Eheleuten, ehe sie das Hochzeits¬ 
haus betraten, eine lange, eigens für 
diesen Zweck gebackene große S. dar¬ 
geboten wurde, wovon jeder Teil von der 
Spitze einen Bissen nahm, der möglichst 
groß sein mußte. Diese Bissen wurden 
nach der Hochzeit noch einmal gebacken, 
um sie vor dem Schimmeln zu schützen, 
und gegen Krankheiten wurde von dem 
Stück etwas im Mörser gestoßen und den 
Leidenden eingegeben; diese „Hochtiden¬ 
beten' ‘ waren sehr gesucht 56 ). Das Journal 
berichtet als Aberglaube aus dem Erz¬ 
gebirge um Chemnitz: Von Hochzeits¬ 
brot und S. muß etwas aufgehoben 
werden, damit den Eheleuten kein Brot 
mangle. Solch Brot schimmelt nicht und 
hilft Schwangeren, die keine Eßlust haben, 
sobald man etwas davon in ihre Suppe 
wirft 57 ). In manchen Gegenden von 
Pommern erhält der Bräutigam das von 
den Brautjungfern angefertigte Braut¬ 
faß: Eine Krone aus Buchs- oder Tannen¬ 
zweigen mit vergoldeten Äpfeln und 
bunten Fahnen verziert, mit einem Ei, 
einem Huhn und einem kleinen Ehebett 
ausstaffiiert; in der Mitte ist eine Wiege, 
in deren Hohlraum ein mit S.brot und 
Obst gefüllter Zinnteller 58 ). Auf dem 
Gemälde des Meisters Bertram von Ham¬ 
burg (1364—1415) sehen wir einen S.weck 
abgebildet in der Form der rima vulvae 59 ). 

b) S. bei der Geburt, Taufe und 
Konfirmation 59 ): Eine wichtige, noch 
zu deutende Rolle spielt die S. im 
Kreise Zerbst und im wendischen Volks¬ 
tum 592 ). Im Liesertale gibt man der 
Person, die man auf dem Weg zur 
Taufe zuerst trifft, eine S., die man 
„Pleppers.“ nennt, weil diese Person ge¬ 
wöhnlich eine Plaudertasche ist 60 ). In 
der Karlsbad-Duppauer Gegend gehen 


Kinder und Erwachsene in das Haus, in 
dem man einen Taufschmaus abhält, 
auf den „Goisoa“; sie bitten um Butters.n; 
von diesen soll man schön werden 61 ). 
In Roding in der Oberpfalz kommen, 
sowie das Kind von der Taufe der Mutter 
zurückgegeben wird, die Nachbarsweiber 
zu der Wöchnerin und bringen dem 
Kinde S.n und Zucker, wäre es auch nur 
einen Kreuzer wert, damit es nicht 
neidisch werde. Auf diesen Brauch hält 
man sehr viel, selbst solche, die bis dahin 
mit der Mutter verfeindet waren 62 ). Um 
Landshut ist zwei bis vier Wochen nach 
der Taufe „das Weiset“. Die Gevatters¬ 
leute besuchen Mutter und Kind und be¬ 
schenken sie mit Zucker, Kaffee, S.n und 
Backwerk 63 ). In Oberösterreich geht 
man mit dem Taufkind zum Taufpaten, 
der dem Kind ein Ei, eine S. und ein 
Glas Wein schenkt 64 ) (vgl. Ei § 22). 
In Deutsch-Evern bei Lüneburg darf sich 
jedes unkonfirmierte Kind im Tauf haus 
eine S. holen; wird die Gabe verweigert, 
so ziehen die Kinder wochenlang abends 
vor das Haus und rufen: Dat Kind heet 
keenen Foot 65 ) (siehe Knaufgebäcke). 
In Oldenburg gibt es bei der Taufe 
S.schnitten in Schmalz oder Butter ge¬ 
backen 66 ), in Deutschböhmen wird beim 
Taufschmaus die Branntweins, vorge¬ 
setzt 67 ). Nach dem Journal herrschte 
in Osterode im Harz der Glaube: Einem 
entwöhnt werdenden Kinde muß man 
dreimal geben: eine S. zum Essen, einen 
Pfennig zum Verlieren und eine Schüssel 68 ). 
In Schlesien soll man dem Konfirmanden 
heimlich eine halbe S. in die Tasche 
stecken; dann bekommt er kein Zahn¬ 
weh 69 ). 

c) S. an Jahresfesten: Um Bämau 
feiern die Mädchen den „Schoidlrocka" 
durch ein Festmahl mit Milch und S.n; 
diesen Brauch illustriert neben der alter¬ 
tümlichen Speise (vgl. Weihnachtss.) der 
beim Tanz gesungene Spruch: Dreimal 

uman Kachluafn- 70 ). In England 

heißt der Mittfastensonntag Simnel- oder 
Simbler-Sunday wegen des üblichen S.ge- 
bäckes 71 ). Im Hirschbergischen (Warm¬ 
brunn) wird am Palmsonntag der Tall- 
sack gebacken, ein aus S.teig gebackener 


1643 


Semmel 


Semmel 


1646 


1644 


Mann mit Rosinenaugen (vgl. die Oster¬ 
männer) 72 ). Tallsack bezeichnet einen 
tollen albernen Kerl 73 ). In Deutsch- 
Böhmen erhält am Osterdienstag die 
ganze Hausgenossenschaft süße Milch 
mit S.n als Mittel gegen Mückenbisse 74 ). 
Im deutschen Teil des Böhmerwaldes tat 
man das am weißen Sonntag, um gegen 
das Beißen der Mücken am weißen 
Sonntag geschützt zu sein 75 ). Nach 
deutsch-böhmischem Glauben kann der, 
welcher am Gründonnerstag Honigbrot 
ißt, von keinen giftigen Tieren (Bienen, 
Flöhe, Wespen) gestochen werden 76 ). 
In Böhmisch-Leipa bekommen die Hunde 
ein Stück Honigs., damit sie nicht toll 
werden 77 ). Im tschechischen Elbtal gibt 
es am Gründonnerstag Honigs. 78 ). In 
gewissen Teilen von England wird die 
Karfreitagss. als Heilmittel genos¬ 
sen und auch bei Seuchen dem Vieh 
gegeben 79 ). In Österreich wurde früher 
am weißen Sonntag die ganze Haus¬ 
genossenschaft mit süßer Milch und 
S.n bewirtet, damit alle im Sommer 
bei der Arbeit von den Mückenstichen 
beschützt seien (vgl. Osterbrot, Honig) 80 ). 
In der Niederlausitz holen sich die Kinder 
am Ostermontag von ihren Paten die 
Dingeier: drei bunte Eier, dazu eine S., 
einen Pfefferkuchen und eine Brezel 81 ). 
Spezielle Ostersemmelgebäcke sind die 
Oberlausitzer Patens. 82 ), die ober-bayri¬ 
schen Kreuzers.n 83 ), Ulmer Kaisers., 
Wiener Munds., DillingerMohns., Stettiner 
Rosens. 84 ), der für 1577 belegte S.- 
weck 85 ), die Propsts. 86 ). In Driftsethe 
(Geestemünde) werden am ersten Oster¬ 
tag am Nachmittag S.n auf einer Dreh¬ 
scheibe ausgespielt 87 ). 

In der Woche vor Ostern müssen die 
Untertanen der Vogtei Meßdorf eine 
Menge Weizenmehl zusammenbringen, in 
Meßdorf davon S.n (früher Osterfladen) 
backen und nach Wolfsburg bringen; 
am Karfreitag Mittag muß der S.wagen 
auf dem Schloßhof ankommen, und nun 
bekommt jeder sein Teil, vom regierenden 
Herrn bis zum Bedienten 88 ). 

Am Himmelfahrtstag gingen früher die 
Leute in Reichenbach im Voigtland in 
die S.milch 89 ). In Herford werden am 


Michaelistag Timpens.n an die Schulkinder 
verteilt zum Andenken an Widukind 89a ). 
An St. Nikolaus und St. Lucia stellen in 
Tirol die Kinder S.bröselchen vor das 
Fenster für die Esel der beiden Hei¬ 
ligen 89b ). An Weihnachten muß in 
Neuhaus jeder, und wäre er ein Bettler, 
zuerst warme Milch mit S.n essen, dann 
Graupen mit Milch usw. 90 ). In Reichen¬ 
berg ißt man, wo man nach alter Sitte 
lebt, zuerst Pflaumensuppe mit gedörrten 
Pilzen, zum Schluß Mohnmilch mit 
kleinen S.brocken drinnen, dann Brei, 
damit man das ganze Jahr Glück habe 91 ) 
(vgl. Speiseopfer § 6). Über die Kraft 
der Speise S. und Milch gibt es eine 
oberpfälzer Erzählung in Velburg: Ein 
Weib wollte ihren Mann durch einen 
Schadentrank beseitigen. Der durch¬ 
schaute des Weibes Absicht und sagte: 

O Weib, 

S. und Milch tötet mich; 

Aber Rayacker 

macht mich wacker. 

Das Weib gab ihm S. und Milch, und der 
Mann wurde stark 92 ). Über einen Weih¬ 
nachtsbrauch mit S.speise informiert der 
79. Kanon des Konzils zu Konstantinopel 
(690/91) (A. 27—29). 

S. im Zauber: a) imLiebeszauber: 
Schon als Liebeszeichen spielt die S. eine 
große Rolle: Wenn in der Oberpfalz der 
Bursche die Bekanntschaft eines Mäd¬ 
chens macht, lädt er es zum Bier ein und 
bricht ihm eine S. vor. Beim Aufbruch 
nimmt das Mädchen, falls ihr der Bursche 
gefällt, zum Zeichen der Geneigtheit die 
Stückchen Weißbrot mit, die ihr der 
Bursche vorgebrockt hat 93 ). Schon 
deutlicher sagt das Mädchen bei den Süd¬ 
slaven zum Burschen: 

Mein Schatz kauf mir eine S., 

Wenn du mich vögeln willst 84 ). 

Bei den Lausitzern wird der Liebeszauber, 
der dort eine große Rolle spielt, u. a. mit 
einer S. oder einem Pfefferkuchen zuwege 
gebracht 95 ). Die Lausitzer Sorben bringen 
einen Tropfen Menstrualblut in eine S., 
um den Mann toll zu machen 96 ). Um 
den Mann mit dem Körperfluidum zu 
bezaubern, trägt man eine S. am Körper, 
die den Schweiß 97 ) annimmt. In Posen 



1645 

trägt das Weib die S. unter der Achsel 
(vgl. Brot) und gibt sie dem Mann zu 
essen 98 ). Zum gleichen Zweck wird die 
S. auch zwischen die Beine gesteckt 99 ). 

b) im Gegenzauber als Opfer und als 
Kraft- und Glücksmittel: In einem Zauber¬ 
papyrus muß der Zauberer drei S.n 
verzehren 10 °). Um einen Teufelsgroschen 
loszuwerden und seine Kraft zu brechen, 
muß ein Mann aus Neuwalde bei Naum¬ 
burg a. B. für den Groschen eine S. 
kaufen; die S. muß er in vier Ecken zer¬ 
brechen und diese vier verschiedenen 
Kindern zu essen geben (mündlich von 
einer Waschfrau) 101 ). Nach einer böh¬ 
mischen Sage konnte der Wassermann 
denen nichts anhaben, die am Morgen 
vor dem Ausgehen gebackene S.schnitten 
verzehrten 102 ) (vgl. Brot). Ebenfalls 
nach böhmischem Glauben muß eine 
Wöchnerin, um das Wasser nicht zu 
verunreinigen, drei Brotrinden hinein¬ 
werfen 103 ). Um Glück mit dem Vieh zu 
haben, kaufe am Martinstag ein Pfund 
Fleisch, dazu S.brot, gib es an diesem 
Tag den Kühen um Gottes Willen zu 
fressen, so hast du gutes Glück 104 ). In 
Mariazell stand 1887 in einer Bäckerei 
ein Holzesel, auf dem eine Christusfigur 
saß; in deren Hand lag eine S., die als 
hochgeweiht galt. Diese galt als wunder¬ 
tätig gegen Brände, in die man sie hinein¬ 
warf 105 ). Es ist daran zu erinnern, daß 
beim Umzug am Palmsonntag in Lienz 
der Zaun des auf dem Esel sitzenden 
Christus mit Brezeln 106 ) geschmückt war, 
ebenso die Palmstangen selbst 107 ). 

Semmelaugurium 108 ): a) Weih- 
nachtsorakel: Wenn in Westböhmen die 
Weihnachtss. nicht gerät, stirbt jemand 
in der Familie 108a ). Weist die Rinde der 
Egerländer Weihnachtss. Risse auf, so 
steht ein Todesfall in der Familie be¬ 
vor 109 ). In den tschechischen Teilen 
von Schlesien ißt man am heiligen Abend 
Fische und Mohngebäck, auch steckt 
man eine Kruste einer Weihnachtss. und 
sonstigem Kornbrot an ein Messer und 
läßt dieses, in ein Tüchel gehüllt, eine 
Nacht im Freien liegen; hat die S. an dem 
Messer einen größeren Rostfleck verur¬ 
sacht, so gedeiht der Weizen im kom¬ 


menden Jahr weniger gut, wenn das 
Kombrot Flecken verursacht hat, so 
gerät das Brotkom nicht no ). In Däne¬ 
mark steckt man drei Messer in das 
Roggenbrot am Weihnachtsabend, eins 
für den Roggen, eins für die Gerste, eins 
für den Hafer; welches Messer am fol¬ 
genden Morgen am meisten angelaufen 
ist, das sagt die Getreideart an, die im 
nächsten Jahr am meisten geraten wird 111 ). 

b)Liebesaugurium: NachPraetorius, 
Satumalia: Einige kaufen Christnachts für 
drei Heller S.n, teilen die in drei Bissen 
und verzehren sie durch drei Gassen, in 
jeder Gasse ein Stück; in der dritten 
Gasse wird man den Liebsten sehen 112 ). 
In Ungarn fastet das Mädchen am Andreas¬ 
tag, ißt vor dem Schlafengehen eine halbe 
S. und steckt die andere Hälfte unter 
das Kopfpolster; wenn sie von einem 
Manne träumt, daß er die andere Hälfte 
ißt, ist das der Zukünftige 113 ). Einige 
kaufen am Tag vor dem heiligen Abend 
für einen Pfennig das letzte Endstößchen 
S., schneiden ein bischen Rinde ab und 
binden es unter den rechten Arm, tragen 
es so den Tag über, und beim Schlafen¬ 
gehen; Christnachts legen sie es unter 
ihren Kopf und sprechen: Jetzt hab' ich 
mich gelegt und Brot bei mir; wenn doch 
nun mein feins Lieb käme und äße mit 
mir; findet sich von der S. am Morgen 
etwas abgenagt, so wird die Heirat das 
Jahr über geschlossen werden 114 ). In 
Posen kommen in der Andreasnacht die 
Mädchen zusammen, jedes bringt eine 
frische S. mit, auf die es den Namen 
eines Burschen aufgezeichnet hat; die S.n 
werden in einer Reihe auf die Diele gelegt, 
und ein Hund wird hereingelassen; das 
Mädchen, dessen S. der Hund zuerst 
ergreift, wird zuerst heiraten 115 ). Am 
Andreasabend vor dem Schlafengehen 
spricht das heiratslustige Mädchen: O du 
lieber Andreas mein, hier steh ich vor 
meinen Bettsäulen, laß meinen Liebsten 
bei mir erscheinen; soll ich mit ihm leiden 
Not, so laß ihn erscheinen bei Wasser 
und Brot; soll ich mit ihm leiden keine, 
so laß ihn erscheinen bei S. und Weine 116 ). 
In Hof war früher das S.beißen üblich: 
Man aß auf der Straße, so lange der Ver- 



Semmel 



kehr noch nicht ausgestorben war, in der 
Dämmerung auf drei Bissen eine halbe 
Kreuzers., dann ging man lautlos auf der 
Straße hin; der erste begegnende Mann 
muß aufmerksam betrachtet werden; denn 
entsprechend seiner bürgerlichen Stellung 
wird sich der Beruf und das Leben des 
Zukünftigen gestalten 117 ). 

S. im Heilzauber und in der 
Volksmedizin: Gegen den Wichtel (eine 
widernatürliche fette Verfilzung des 
Haupt- und Barthaares): Man gräbt ihn 
ab (er darf nicht abgeschnitten werden), 
indem man ihn in Werg nachbildet und 
dies mit einer S. und einem Geldstück 
in einem dunklen Winkel vergräbt, 
meist in der Kirche; wenn nach geraumer 
Zeit alles verschwunden ist, darf man am 
nächsten Karfreitag unter Hersagen ge¬ 
wisser Sprüche den Wichtelzopf mit einem 
scharfen Stein abschneiden 118 ). Der 
Fieberkranke legt eine S. auf die Stirne 
und gibt sie einem Hund zu fressen, 
damit das Fieber auf diesen übergeht 119 ). 
Gegen Erbrechen: Nimb S., laß die in 
einem Ofen dürre und braun werden, zer¬ 
stoß und laß es also zerstoßen in Essig 
wol erweichen, tue dazu das Gelee von 
etlichen hart gesottenen Eyern, Mastix, 
Weyrauch und Gummi arabicum . .. un 
misch es wohl zu einem Pflaster und leg 
es dem Kind auf den Bauch 120 ). Gegen 
Gerstenkorn 121 ) und Bindehautkatarrh 122 ) 
macht man Umschläge aus S. in Milch 
auf geweicht. Gegen Lähmung nimmt 
man S. in Baumöl getaucht 123 ), gegen 
Spulwürmer harte S. in Branntwein ge¬ 
taucht 124 ). 

Allerlei Aberglaube mit S.n: Wenn 
eine S. hohl ist, sagt man in Mün¬ 
chen zu den Kindern: da ist der Bäcker 
hineingeschlüpft, oder da ist der Kuckuck 
darin 125 ) (vgl. Brot, backen). Wenn 
man Brot oder S. ißt, woran die Mäuse 
genagt haben, bekommt man gute 
Zähne 126 ). Wenn einem die S. in den 
Kaffee fällt, kommt Besuch ins Haus 127 ). 

34 ) Witzschel 1 . c. 2, 218 Nr. 36; Jahn 
Opfergebräuche 196. 3a ) Witzschel 1 . c. 2,218 

Nr. 34. 36 ) 1 . c. 284 Nr. 291. 37 ) Mannhardt 
1, 393 - 3 I 7 - 38 ) 1 - c - L 26 9 - 3 W: ders. For¬ 
schungen 169. 39 ) AfAnthrop. NF. 6, 107; 

Bavaria 1, 993. 40 ) h c. 108. 41 ) Globus 78, 


385; Sartori Totenspeisung 25. 42 ) AfAnthrop. 

1 . c. 104. 43 ) ZfVk. 15, 1; AfAntrop. 1 . c. 108; 

ZföVk. 13, 79. 44 ) Reinsberg Böhmen 495. 

45 ) ZföVk. 13, 79. 46 ) Reinsberg Böhmen 494; 
ZföVk. 13, 79; vgl. Höfler Weihnachten 50. 
47 ) Witzschel 1 . c. 2, 88 Nr. 107. 48 ) Höfler 
Hochzeit 42. 4Ö ) Rochholz Glaube 1, 313; 

ZfVk. 11, 198. 50 ) AfAnthrop. 1 . c. 102. 

51 ) 1 . c. 103 Fig. 1. 52 ) Birlinger Schwaben 

2, 13; Höfler Weihnachten 74. 53 ) Kloster 7, 

IX; 9, 291; Sommer Sagen 149; Rochholz 
Glaube 2, 294. 54 ) ZfVk. 23, 184. 55 ) Leo- 

prechting Lechrain 237. 56 ) Bartsch 1 . c. 

2, 66 Nr. 238; vgl. 67 Nr. 240: auf einer Bauern¬ 

hochzeit zu Gerdshagen schnitt die Braut nach 
alter Sitte jedem Gast bei Beginn des Hoch¬ 
zeitsmahles eigenhändig ein Stück Brot; ein 
Fruchtbarkeitssymbol ist auch der wagenrad¬ 
große Kringel, der an der Feldscheide zwischen 
Kritzkow und Kues angeboten wird; dazu 
trinkt man Bier und Branntwein aus Gie߬ 
kannen: 1 . c. 83 Nr. 266. 57 ) Grimm Mythol. 

3, 450 Nr. 489. 58 ) Kloster 12, 170. 59 ) Höfler 

Hochzeit 9 Fig- 7 - 43 Fig. 30. 69a ) Bargheer- 

Freudenthal Volkskundearbeit 189 ff. 60 |Ho- 
vorka-Kronfeld 2, 643. 61 ) ZföVk. 1908, 125. 
€2 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 176. 63 ) Pol- 
linger Landshut 242. 64 ) ZföVk. 15, 102; 
Münchener med. Woch. 1904, 1438. 6d ) ZföVk. 
15, 102; Niedersachsen 8 Nr. 9. 6R ) ZföVk. 15, 

101; Ploß-Bartels Weib 2, 361. 67 ) ZföVk. 

15, 102; John Westböhmen 135. C8 ) Grimm 

1 . c. 3, 461 Nr. 770. 69 ) Drechsler Schlesien 2, 
300. 70 ) Schönwerth 1 . c. 1, 425 Nr. 10. 

71 ) Höfler Fastengebäck 93; Hazlitt Faiths 
and Folklore 2, 549. 72 ) Höfler Ostern Fig. 64 ff. 

73 ) Drechsler 1 . c. 1, 76; Sartori Sitte 3, 137. 

74 ) John Westböhmen 69; Höfler Ostergebäcke 

61. 75 ) Höfler 1 . c. 63. 76 j Höfler 1 . c. 6 ff.; 

John 1 . c. 61; W. 450. 620. 77 ) Reinsberg 

Böhmen 121. 78 ) Höfler 1 . c. 6. 79 ) Höfler 

1 . c. 15; Hazlitt 1 . c. 1, 283. 79a ) ZföVk. 1902, 
26S; vgl. Bartsch Mecklenburg 2, 259 Nr. 1351. 
80 ) Kloster 7, 926. 81 ) Höfler Ostern Fig. 32. 

82 ) 1 . c. Fig. 18. 83 ) 1 . c. Fig. 41. 42. 84 ) Bir¬ 
linger Wb. 385; Diefenbach Glossarium i, 
409; Höfler 1 . c. 43. 86 ) Germania 9, 199; 

Höfler 1 . c. 20. 86 ) Niedersachsen 15, 241; 

Sartori 1 . c. 3, 157. 87 ) Kuhn Märk. Sagen 

370. 88 ) Köhler Voigtland 175. 89 ) Reins¬ 

berg Böhmen 557; Höfler Weihnachten 19. 89a ) 
ZfVk. 11, 198. 89b ) Schneller Wälschtirol. 239. 

90 ) Reinsberg 1 . c. 558; Höfler 1 . c. 18. 

91 ) Schönwerth 1 . c. 1, 130 Nr. 1. 92 ) Schön¬ 
werth 1 . c. 1, 49 - 93 ) Kryptadia 7, 142. 

94 ) Gander Niederlausitz 26. 9o ) ARw. 25, 

336 ff. 96 ) Anthropophyteia 9, 349 Nr. 87. 
97 ) Hovorka-Kronfeld 2, 172; vgl. ARw. 
25, 333 ff. 98 )MschlesVk. 1903, Heft 13, 45 Nr. 17. 
") Ploß Weib 2, 176. 10 °) MschlesVk. 1922, 4. 

101 ) Gander I. c. 16. 102 ) Grohmann Sagen 

163; ZfVölkerpsychol. 18, 24. 103 ) Groh¬ 
mann Aberglaube 115 Nr. 857. 104 ) Alpen¬ 
burg Tirol 362. 105 ) ZföVk. 13. m ff. 106 )Zin- 
gerle Tirol 147 Nr. 1263. 10 ') Ders. 146 



Semper, Semperlaufen—September 



Nr. 1260. 108 ) Die Art wie man auf pommer- 

schen Hochschulen die Eignung der Medi¬ 
ziner zum Beruf augurierte, indem sie eine 
.auf einer Leiche liegende S. verzehren 
mußten, ist ein kräftiger Witz: BlpomVk. 3, 
105; John 1. c. 17. 109 ) Egerland 1905, 33; 

Höfler Weihnachten 51. 110 ) Globus 1900, 
340; Höfler 1 . c. 50 ff. m ) Höfler 1, c. 28. 
212 ) Grimm 1 . c. 3, 470 Nr. 959; Höfler 1 . c. 
50. 113 ) ZfVk. 4, 406. n4 ) Grimm 1 . c. Nr. 957. 
115 ) MschlesVk. 1905 Heft 13,47 Nr. 38. lie ) W. 
360. 117 ) Köhler Voigtland 380. 118 )Drechsler 
1. c. 2, 296. 119 ) Hovorka-Kronfeld 2, 336. 
12 °) Coler Öconomia 2, 355. 121 ) Hovorka- 

Kronfeld 2, 794. 122 ) 1. c. 787. 123 ) 1 . c. 247. 
124 ) 1 . c. 99. 126 ) ZfdMyth. 3, 400; vgl. Zingerle 

I. c. 57 Nr. 494. 126 ) Grabinski Sagen 46. 

127 ) Pollinger Landshut 167. Eckstein. 


Sinapis alba; 


Sempre, Semperlaufen s. 5, 1766 und 
7, 1040. 

Senf (Weißer S. — 
schwarzer S. = Brassica nigra). S.kömer 
dienten im alten Indien als Schutz gegen 
böse Geister und galten als glückbringend. 
Das Neugeborene wird mit Körnern ge¬ 
räuchert, die mit Senf gemischt sind, und 
mit Sprüchen, die eine Verwünschung 
der Dämonen enthalten, wirft der Zau¬ 
berer diese Körner ins Feuer 1 ). S. hat 
die Braut bei sich, um das Regiment im 
Haus zu erlangen 2 ), s. Dill (2, 296). Wer 
alle Morgen einige S.kömer nüchtern 
genießt, ist sicher vor Schlag 3 ). 

2 ) ZfVk. 15, 76; Selig mann Blick 2, 85; 
Samter Gehurt 153. 159. 171; Knuchel Um¬ 
wandlung 12. 2 ) Engelien u. Lahn 243. 

3 ) Schreger Hausbüchlein 1770, 138 = 

Hovorka u. Kronfeld 2, 246. 

2. In Shakespeares „Sommernachts¬ 
traum“ heißen Elfen ,,S.samen“ 4 ); ,,S.- 
chörnli“ ist auch ein Zwergname 5 ). 

4 ) Simrock Mythologie 474. 5 ) Lütolf 

Sagen 476. Marzell. 


Sepa, Zauberwort in der Formel gegen 
Blutverlust: Sepa -f- sepaga -f- sepagoga 
+ sta sanguis etc. 1 ), vgl. avis gravis seps 
sipa 2 ) und: Iza + Sipa + Rezia + Catze- 
rin + Bachlabena + 3 ). Die letzte Form 
läßt die Vermutung zu, daß es sich um 
‘eine Entstellung der von Cato 4 ) über¬ 
lieferten Formel: huat hauat huat ista 
pista sista dannabo dannaustra, gegen 
Fraktur, handelt, die bei Thiers 5 ) so 
gegeben wird: Sista Pista Rista Xista. 
Vgl. auch Sepia 6 ). 

*) Meyer Aberglaube 259 nach Wier De 


praestigiis daemonum I. 5c. 8. 2 ) Hansen 

Hexenwahn 46, nach Arnaldus de Villanova 
de maleficiis (Lyon 1509) fol. 215 (um 1300). 
3 ) Seyfarth Sachsen 175. 4 ) Heim Incanta- 

menta 534. 5 ) Thiers 1, 361. «) Ohrt Trylle- 
formler 2, 126. Jacoby. 

September. 

1. Im alten römischen Kalender, in dem 
das Jahr mit dem März begann, war der 
S. der 7. Monat, welchen Namen er auch 
weiterhin behalten hat 1 ). Zu Karls des 
Großen Zeit finden sich dafür die deut¬ 
schen Bezeichnungen Witumänoth 2 ) 
und Herbistmänoth 3 ), von welchen 
die zweite dauernde Geltung bekam. Als 
der erste Herbst oder erste Herbst¬ 
monat wird der S. vom Oktober (s. d.) 
und November (s. d.) unterschieden 4 ), 
vom August (s. d.) alsder ander Augst 5 ). 
Auf die Fülle der Erntezeit verweist der 
Name Fulmonet, bei Fischart Voll¬ 
monat 6 ). Im Tegernseer Kalender 
(16. Jh.) heißt der S. auch Saumonat 7 ), 
weil die Saujagd begann, und Über¬ 
herbst 8 ). Als Zeit der Wintersaat führt 
er, wie der Oktober, auch den Namen 
Sämonat 9 ). Dithmarsisch Silmand 10 ) 
scheint Seelenmonat zu bedeuten, da der 
neunte Monat im Jahr der Opfermonat 
war 11 ). In Fischarts „Aller Praktik 
Großmutter“ finden sich noch die Namen 
Verenamonat (1. S.) 12 ) und Michelsmonat 
(29. S.) 13 ). 

Betreffs Personifikation des S.s vgl. 
Monat. 

l ) Reinsberg Festjahr 257. 2 ) Wein¬ 
hold Monatnamen 62. 3 ) Ebd. 42. 4 ) Ebd. 

41 ff. 5 ) Ebd. 32. 6 ) Ebd. 59 f. 7 ) Ebd. 54. 

8 ) Ebd. 59. 9 ) Ebd. 53 f. 1 °) Ebd. 55. n)Wid- 
lak Synode v. Liftinae 14. 12 ) Weinhold 

a. a. O. 59. 1 3 ) Ebd. 50. 

2. Mit dem S. tritt die Sonne in das 
Zeichen der Waage 4 ). Aber in der ersten 
Hälfte des Monats, der noch zum Frauen- 
dreißiger (s. d.) gehört, gilt noch das 
Zeichen der Jungfrau (s. August) und 
findet im Feste Maria Geburt (s. d.) 
seinen Ausdruck. Im S. finden sich bei 
verschiedenen Völkern Abwehrbräuche. 
Im alten Rom wurde am 13. S. durch 
Einschlagen eines Nagels in eine Mauer 
alles Unheil verbannt 2 ); in den Dörfern 
um Moskau wurden am Vorabend des 
1. S.s Notfeuer entzündet 3 ); am i. S. 



1651 


1653 


Serpentaria—Severinus, hl. 


1654 


September 



war es in Rußland üblich, die der Ernte 
schädlichen Insekten durch einen Zauber 
zu vertreiben 4 ); in Peru, wo mit dem S. 
die von Krankheiten begleitete Regenzeit 
beginnt, erfolgte die Vertreibung alles 
Übels durch die Inkas 5 ). Abwehrzauber 
spielte sicher auch mit bei dem heid¬ 
nischen Herbstfest der Germanen, das 
mit dem Opfer von Tierköpfen und Opfer- 
schmäusen begangen wurde 6 ). Doch 
dürfte sich hier mit einem älteren Toten¬ 
fest, das zu feiern der anbrechende 
Winter gemahnte 7 ), ein Erntedank¬ 
fest 8 ) verbunden haben. Das erste lebt 
in dem Feste des hl. Michael (s. d.) 
weiter, das zweite in den Kirchweih¬ 
festen (s. d.). Die Verquickung der zwei 
Feste beweist, daß es am Lechrain üblich 
war, am Kirchweihmontag ein Seelen- 
amt für alle Verstorbenen aus der Ge¬ 
meinde abzuhalten. „Auf dieses Seelen¬ 
amt wird mit einer unglaublichen Hals¬ 
starrigkeit gehalten, welche oft zwischen 
dem Pfarrer und der Gemeinde zu Zer¬ 
würfnissen führt. Wenn es sich nämlich 
trifft, daß gerade dieser Montag auf einen 
Frauentag oder den eines großen Heiligen, 
wie z. B. Sankt Michael selber, fällt, wo 
nach kirchlichen Vorschriften kein Seelen¬ 
amt gehalten werden darf (festutn duplex ), 
so hat der Pfarrer einen schweren Stand, 
denn lieber verzichten die Bauern auf die 
ganze Nachkirchweih, als auf ein Ver¬ 
schieben des Seelengottesdienstes“ 9 ). An 
das altheidnische Opferfest, zu dem man 
aus weitem Umkreise zusammenkam, er¬ 
innert vielleicht auch noch die Tatsache, 
daß gerade im S. die meisten Wall¬ 
fahrten stattfinden 10 ). 

Der hundertjährige Kalender, der für 
den Juni, Juli und August besonderes 
Maßhalten im Essen und Trinken anrät, 
trägt der festlichen Ernte- und Kirch¬ 
weihstimmung des S.s Rechnung, wenn 
er Dunstbimen als vortreffliches Essen 
empfiehlt, ferner meint, man soll jetzt 
wieder den Leib durch Arzneien, Pur¬ 
gieren und Aderlässen reinigen, wohl 
vor Überfluß in allem Obst warnt, 
aber den Rat gibt, ,,hingegen sich 
der Gänse, Kapaunen, Indian und 
Rebhühner, auch Schnepfen, Fasanen, 


Krametsvögel, Wachteln und Staren be¬ 
dienen“ u ). 

Vom Volksglauben der Gegen¬ 
wart ist bloß zu erwähnen: Der 1. S., 

an dem Sodom und Gomorrha unter- 

* 

gegangen sein sollen, ist ein Unglücks¬ 
tag (s. d.) 12 ); in Ungarn auch der 30. S., 
an dem man nicht säen soll, denn das 
Korn bleibt grün und wird nicht reif 13 ). 
Andrerseits ist der 1. S. (Ägidius) vor¬ 
bedeutend für das ganze Herbstwetter 14 ). 
Ein weiterer Lostag ist der 17. S. (Lam¬ 
bert) 15 ) und der 21. S. (Matthäus) 16 ). 
So viel Nachtfröste man vor dem 21. S. 
zählt, so viel werden auch in dem kom¬ 
menden Mai erfolgen 17 ). Noch mehr als 
Maria Geburt, wo die Schwalben fort¬ 
fliegen 18 ), gilt der Michaelstag als Be¬ 
ginn der kalten und dunklen Jahreszeit. 
Von diesem Tag an arbeiten die Hand¬ 
werker wieder bei Licht 19 ), und von 
Michaeli bis Ostern war seinerzeit das 
Siebenuhrläuten üblich 20 ). Günstig ist 
Nebel im S., denn: 

Wenn's im September viel Nebel geit, 

Der Bauer sich auf den Hirast(Herbst) g’freut* 1 ). 

Gewitter im S. verheißen für das nächste 
| Jahr viel Obst und Wein 22 ). Ähnlich 
heißt es: 

Wenn der September noch donnern kann, 

Setzen die Bäume viel Blüten an 23 ). 

Ebenso lautet der Eingang eines unter 
Hermes Trismegistos , Namen überlieferten 
Brontologion, das wohl einst in Versen 
abgefaßt war, in seiner gegenwärtigen 
Gestalt aber der römischen Kaiserzeit 
angehört: ,,Wenn im September Donner 
oder Blitz am Tage eintritt, so werden 
günstige Sterne sein und viel heitere 
Tage; alle junge Frucht wird schön er¬ 
blühen“ 24 ). Der S.sonne kommt, beson¬ 
ders bezüglich der Traubenreife, nur mehr 
wenig Kraft zu: „Was Juli und August 
nicht kochen, das kann der S. nicht 
braten“ 25 ). Vom Gemüse sagt man im 
Nahetal: ,,Geht es freudig in den S., so 
geht es traurig heraus“, was auch umge¬ 
kehrt gilt 26 ). 

x ) Vgl. Nork Festkalender 555. 2 ) Frazer 

9, 66. 3 ) Ebd. io, 139. 4 ) Ebd. 8, 279 f. 

fi ) Ebd. 9, 128. •) Widlak Synode v. Liftinae 
14; M üllenhoff Altertumsk . 4, 439. 7 ) Vgl. 

Nork Festkalender 564 ff.; vgl. Oktober. *) Al- 
bers Das Jahr 273. •) Leoprechting Lech¬ 


rain 195. 10 ) Vgl. Reinsberg Festjahr 259 ff. 

n ) Hovorka u. Kronfeld 2, 380. 12 ) Wuttke 
84 § 300; John Erzgebirge 196. 13 ) ZfVk. 4 

(1894), 405. 14 ) Bartsch Mecklenburg 2, 295; 

Leoprechting Lechrain 193; Baum garten 
Aus der Heimat 1, 52; Zingerle Tirol 170 f.; 
Reinsberg Böhmen 430u. Wetter 171; B. Haidy 
Die deutschen Bauernregeln (Jena 1923) 80 f. 
15 ) Haldy 81. Vgl. Reinsberg Festjahr 276 
(Lambertusfest in Münster). 16 ) Reinsberg 
Böhmen 450 t. u. Wetter 173 f.; Haldy 79 f. 
17 ) Bartsch Mecklenburg 2, 212. 18 ) Leop¬ 

rechting Lechrain 194; Zingerle Tirol 171; 
Reinsberg Wetter 172; Haldy 81; Jung¬ 
bauer Volksdichtung 225. 19 ) Leoprechting 

Lechrain 195 f.; Baumgarten Aus der Heimat 
1, 52; Zingerle Tirol 171. 20 ) Zingerle Tirol 
171 f. 21 )Reiterer Ennstalerisch 55. 22 ) E b e r- 
hardt Landwirtschaft Nr. 3, 13. 23 ) Haldy 77. 
24 ) Boll Offenbarung Joh. 10. 

Mecklenburg 2, 215; Wrede 
150 (s. August). 26 ) ZfrwVk. 


25 ) Bartsch 
Rhein. Volksk. 
1909, 300. 


Jungbauer. 

Serpentaria s. Knöterich. 


Serpentin, Lapis serpentinus genannt, 
nach serpens = Schlange, Schlangen¬ 
stein. 

Von jeher verglich man den S. mit 
einer Schlangenhaut, da er in allerlei 
trüben Farben schimmert und meistens 
bunt gefleckt ist x ). Man glaubte deshalb, 
er sei gut gegen Schlangenbisse. Zu 
diesem Zwecke mußte er, wie Zedier 
berichtet, warm gemacht und auf die 
Wunde gelegt werden, auch sollte der 
Gebissene Wein aus einer S.schale trinken, 
in der der Stein eine Zeitlang gelegen 


Hatte -). Gesner erzählt, man habe aus 
dem Marmor, quem vulgo Serpentariam 
nominant, Löffel und Becher hergestellt, 
da man überzeugt war, sie widerständen 
dem Gifte 3 ). In Tirol galt das besonders 
für Trinkgefäße aus edlem, d. h. schön 
grünlich gelbem S.; solche Steinbecher 
zersprangen angeblich sofort, wenn ver¬ 
giftetes Getränk in sie gegossen wurde 4 ). 
Nach der Sage besaß König Weking 
(Wittekind) einen solchen Becher, den 
der große Karl ihm geschenkt hatte 5 ). 

Das Wasser, das aus dem S. dringt 
oder mit d?m es eingenommen wird, 
galt als unfehlbares Mittel gegen Gift, 
Schlafsucht, Kopfweh, Lendenreißen, 
Quartanfieber und sollte schweißtreibend 
wirken. Wegen seiner eigenartigen Flecken 
und Marmorierung hielt man den S. auch 


gut für Nierenleiden und legte ihn auf 
die schmerzende Stelle 6 ) (vgl. Nephrit). — 
Zu dem S. als Schreckstein siehe s. d„ 
(Abbildung eines S.amuletts bei Andree- 
Eysn 141 Fig. 113; ebd. 139). 

J ) Quenstedt 247. 2 ) Zedier s. v. Bd. 37, 
410. 3 ) Gesner d. f. L 99, Abbildung 112 1 ; 
über die Zöblitzer Serpentindrechslermnung: 
Bergmann 496 f.; zu den dort hergestellten 
Arzneien aus Serpentin Seyfarth Sachsen 
260 f. 4 ) Alpenburg Tirol 412. 5 ) Kuhn 

Westfalen 1, 267 Nr. 306; Graesse Preußen 1, 
714. 6 ) Zedier s. v. Bd. 37, 410; Seyfarth 

a. O.; Most Enzyklopädie 492 s. v. Ophites. 

f Olbrich. 

Servatius, hl., Bischof von Tongern 
und Maasstricht, f um 384 1 ). Sein Grab 
in Maastricht grünt auch im Winter und 
wird nie mit Schnee bedeckt 2 ). In ihm 
fand man einen noch heute in Maastricht 
als Reliquie aufbewahrten Petrusschlüssel 
und seinen Krückenstab 3 ). Schon für 
das 12. Jh. ist dort der noch jetzt übliche 
Brauch nachgewiesen, daß in der Fest¬ 
oktav des Heiligen Leute aus seiner Schale 
tranken zum Schutze gegen Fieber 4 ). 
In der Gegend von Speyer soll er eine 
Quelle hervorgerufen haben, indem er mit 
dem Finger ein Kreuzzeichen auf dem 
Boden machte 5 ). Sein Gedächtnistag ist 
der 13. Mai. Er ist einer der sog. Eis¬ 
heiligen (s. d.). In der Bretagne er¬ 
flehte man am S.tage in der Kapelle des 
Heiligen Erntesegen, woran sich ein ge¬ 
waltiger Kampf um seine Fahne schloß 6 ). 
Alles Vieh, das an diesem Tage zur Welt 
kommt, wird verunglücken (Nordenau in 
Westfalen) 7 ). 

*) Künstle Ikonographie d. Heiligen 529 !.; 
Samson D. Heiligen als Kirchenpatrone 359ff. 
2 ) Gregor. Turon. hist. Franc . 2, 5 = Menzel 
Symbolik 2, 340. 3 ) Künstle 530; Beißel 

Heiligenverehrung 1, 8ff.; SchwVk. 19, 71. 

4 ) Beißel 2, 90; ZfVk. 22 (1912), 4. 5 ) Schöpp- 
ner Sagen 2, 317 (792). 6 ) Mannhardt For¬ 
schungen 195. 7 ) Hüser 2, 26. Sartori. 

Severinus, hl., der zweite Bischof 
von Köln, f 403. Sein Gedächtnistag 
ist der 23. Oktober 1 ). Man sagt von ihm 
an der unteren Wupper: „Severing Wirpt 
den kahlen (= kalten) Steen en den Rhing, 
Gierdrück met derMuus Treckt en widder 
herus“, und im Siebengebirge: „De Gied- 
röck mät de Muus De holt de kaele Steen 
eruus. De zente Vring Dä schmiess en en 



Seuche—Sibylle 


Sibylle 


1658 


1655 


1656 


«den Rhing“ 2 ). Bei anhaltender Dürre 
wurden in Köln die Gebeine des Heiligen 
aufgestellt, worauf regelmäßig Regen ein¬ 
trat 3 ). Einer der Priester, die den Schrein 
heraussetzen, muß binnen Jahresfrist 
sterben 4 ). 

*) Samson Die Heiligen als Kirchenpatrone 
361 f. z ) ZfrwVk. 11 (1914),269; 12 (1915)» 2 37 - 
3 ) Meyer Aberglaube 168; Simrock Mythol . 2 
542; Nork Festkalender 2, 655 f.; Zaunert 
Rheinlandsagen 1, 137. 4 ) Wolf Deutsche 

Märchen u. Sagen 208 f. Sartori. 

Seuche s. Nachtrag. 

Sevenbaum s. Sadebaum. 

Sibylle. Gestalt und Name der S. ist 
dem Volke auf vier verschiedenen Wegen 
zugekommen. Für die Scheidung der 
Gestalten, die S.n-Volksbücher und ihre 
quellenkritische Aufarbeitung wie für 
die Frage des Nachlebens der Gestalt im 
deutschen Volksglauben verweise ich auf 
meine Untersuchung ,, Sibylle Weiß“. 

Zum ersten Male ist dem Volk im MA. 
die Sibylle entgegen getreten; das ,,teste 
David cum Sibylla“, des Dies-irae-Gesan¬ 
ges vermag ein Bild von ihrem unbe¬ 
stimmten und nicht recht greifbaren 
Wesen zu geben •— dem Wesen der von 
Gott begnadeten, wie dieser Gesang 
bezeugt — und dennoch heidnischen 
Frau, wovon man durch Vergil genug 
erfuhr. Aber bereits dem MA. verwandelt 
sich die S. zu den S.n. Wir sehen in 
diesen Werdeprozeß noch nicht genügend 
tief hinein, um ihn in allen Stadien be¬ 
schreiben zu können. Ein sicherstes 
Zeugnis für die Vervielfältigung der Ge¬ 
stalt gewähren uns die üblich werdenden 
Beinamen: Sibylla Cumana, S. Erithrea, 
S j Tiburtina usw. Das 15. Jh. weiß dann 
von 12 S.n, die den Propheten gegenüber 
gestellt werden, ja die wohl diesen erst 
verdanken, daß man die runde Zahl für 
sie erfand. Zu den Propheten des AT. 
treten in gleicher Zahl die prophetischen 
Stimmen des Heidentums, die (wie die 
zwölf Propheten) Christum verheißen 
haben. Der Nachklang der vierten Ecloge 
Vergils und der der Erithrea zugeschrie¬ 
benen Sage ist deutlich zu erkennen. 

Bereits die Kunst des 15. Jh.s bemäch¬ 
tigte sich der zwölf. Vielleicht als eine 


Anweisung 


bildende Künstler, in 


jedem Falle aber abschließend die Ent¬ 
wicklung und typusformend, wird in 
dem Opusculum de vaticiniis Sibillarum 
des Filippo Barbieri von diesen zwölf 
gehandelt, ihr Name, Aussehen und ihre 
Vaticinia festgelegt. Das Opusculum l ) 
ging in das deutsche Volksbuch ,,Zwölff 
Sibyllen Weissagungen“ von 151b über l ) 
und wirkte auf diese Art ins Volk. 

Schon im 14. Jh. schälte sich aus der 
Vielzahl der S.n als wichtigste die Tibur¬ 
tina (s. u.) heraus. Auf ihrer Grundlage 
entstand in der Zeit Karl IV. ein deut¬ 
sches S.ngedicht 2 ), das sich großer Be¬ 
liebtheit erfreute, Köbel die erste An¬ 
regung zum oben erwähnten Volksbuch 
gab 1 ), in dieses selbst einging, wodurch 
die Gestalt der ,,13. S.“ geschaffen wurde, 
daneben aber selbständig fortlebte, gegen 
Ende des 16. Jh.s nicht nur in einer Um¬ 
dichtung 3 ), sondern als im Volk wirkend 
und glauben-formend bezeugt ist x ), und 
sich dann über die deutschen Grenzen 
ausbreitete, den Norden erfaßte, wo es 
noch heut in Drucken umgeht und in 
zahlreichen Sagensammlungen von ihm 
berichtet wird 1 ). 

Wie ich bereits bemerkte, schuf der 
Oppenheimer Drucker Johann Köbel das 
deutsche Volksbuch ,,Zwölf Sibyllen Weis¬ 
sagungen“, in dem er den durch eine Pre¬ 
digt Jost Eychmans von Heidelberg er¬ 
weiterten Text Barbieris mit einer 
Prosaumschreibung des deutschen Ge¬ 
dichtes vereinte 1 ). Manch kleineres Ein¬ 
sprengsel mag hier unerwähnt bleiben. 
Kobels Druck vermochte nicht, sich 
durchzusetzen; erst in den Händen der 
geschäftstüchtigen Firma Egenolph in 
Frankfurt a. M., die dem Köbelschen 
Text einen Anhang beifügte 4 ), wurde 
aus dem Schriftchen der Volksbuchtext, 
der sich bis in das vorige Jh. erhielt 5 ). 

Im zweiten Jahrzehnt des 19. Jh.s ge¬ 
langte das Volksbuch in die Hände eines 
Nationaltschechen, anscheinend aus der 
Umgegend Pilsens 1 ). Dieser, ein dich¬ 
terisch hochbegabter Mann, schmolz es 
mit der Schilderung eines deutschen 
Prälaten zum Kampf von der Schlacht am 
Weißen Berge, wohl auch mit Reminis- 


1657 

zenzen, die am Untersbergbüchel hängen, 
und anderem Gut zusammen zu der 
„Proroctvf Michaldy, krälowny ze Säby, 
trinacte Sibylly“: Prophezeiung der Kö¬ 
nigin Michalda von Saba, der dreizehnten 
S. Einige tschechische Drucke aus der 
ersten Hälfte des 19. Jh.s waren in Prag 
aufzustöbem 1 ). Die Deutschen in Öster¬ 
reich lasen, gebannt von den großen 
Gesichten des tschechischen Dichters, 
über die ihnen feindseligen Stellen hin¬ 
weg, und es entstanden in der zweiten 
Hälfte des vorigen Jh.s zwei Übersetzun¬ 
gen der ,,Proroctvf“, von denen die eine 
in Linz, die andere in Leitomischl erschien. 
Die Verbreitung der Leitomischier „Pro¬ 
phezeiung“ scheint sich auf das deutsche 
Nordböhmen und -mähren beschränkt 
zu haben; die Linzer hat anscheinend 
den ganzen „deutsch-österreichischen“ 
Teil der alten Monarchie erfaßt l ). 

Über weitere S.n-Volksbücher vgl. 
meine „Sibylle Weiß“. 

2. Es ist mir möglich gewesen, die Ver¬ 
breitungsgebiete der drei wichtigsten S.n- 
Bücher (das Gedicht, Köbels „Zwölf! 
S.n Weissagungen.“, tschechische „Pro¬ 
phezeiung Michaldas“) abzugrenzen x ). 
Das gibt eine erste Antwort auf die Frage, 
aus welcher der Schriften eine Volks¬ 
vorstellung entsprang. Das Gedicht 
lebte um 1600 am Kyffhäuser 1 ) und besitzt 
jetzt Dänemark, Schweden, schwedisches 
Finnland, Norwegen. Das Köbelsche 
Volksbuch ist einmal in Schwaben, Tirol, 
Salzburg, Bayern, Ober-Österreich, West¬ 
böhmen nachzuweisen, hat ein zweites 
Zentrum am Rhein (Köln), und scheint 
nach Thüringen verschleppt worden zu 
sein. Der „Proroctvf“ gehörte das innere 
Böhmen und Polen bis nach Kulm, 
Thom; ihre deutsche Übersetzung strahlt 
nach allen Seiten aus und erreicht im 
Norden Breslau und Schweidnitz, im 
Westen die Oberpfalz und Salzburg, im 
Süden Friesach und das Metnitztal in 
Nordkämten, Salzburg x ). 

Ich kann, nachdem ich das Werden und 
Wachsen der einzelnen Motive im Volk in 
meiner „Sibylle Weiß“ verfolgt habe, 
hier nicht ausführlich mehr darauf ein- 
gehen, sondern nur kurz anmerken, daß 


aus dem Anhang des Köbelschen Druckes 
die „Türkenschlacht bei Köln“ aus- 
wuchs 1 ), und wir für deren Propheten 
(Spielbähn usw.) Kenntnis der Schrift 
nach weisen können 1 ) t daß aus der 
deutschen „Prophezeiung“ vor allem die 
Prophetie gekommen ist, ein Fuhrmann 
werde einst mit der Peitsche auf eine 
wüste Stelle zeigen und seinen Fahrgästen 
erklären: Hier stand einst die stolze 
Stadt Prag (Breslau, Graz usw.) x ). 

3. Während in NW-Deutschland S. 
ein Name für die witten wiver wurde, 
nennt seit dem Ende des 17. Jh.s das 
mittel- und obd. Volk die an einem Baum 
wohnende Bitweise: Billeweis (Kärnten), 
Willeweis (Tirol), Sibylle Weiß (Ober¬ 
pfalz, Steiermark), Sewilla Weiß (Eger- 
land), S. (Lausitz, Grafsch. Glatz, Schwa¬ 
ben) 5 ). Es tritt eine Vermischung beider 
Gestalten ein, aus der sich als volks¬ 
läufiger Typus die Zukunft wissende Frau 
an oder unter einem Baume heraus¬ 
kristallisiert, die die Endschlacht weis¬ 
sagt, wenn dies und das Vorzeichen ge¬ 
schehen ist. 

5 ) Vgl. auch Schlachtenbaum (s. Nachtrag). 

4. Ein unvergleichlich bunteres Fort¬ 
leben ist aus der Volkserzählung und dem 
Volksglauben der deutsch-slavisehen Be¬ 
rührungszone festzustellen. S. tritt hier 
in die Märchen vom Schlangenturm zu 
Babel, vom Fürsten Lichtenstein ein x ), 
wird zu einer der drei Schlangenjung- 
frauen des Märchens J ), tritt neben oder 
für die Melusine der böhmischen und 
polnisch-schlesischen Sage ein l ). 

5. Seit dem 14. Jh. hat man bei Norcia 
einen Monte della Sibilla und eine Höhle 
der S. gekannt x ). An einem See hat man 
dort in dieser und der folgenden Zeit 
nekromantische Zaubereien vorgenommen, 
magische Bücher geweiht usw. x ). 

In Deutschland hat man bei mantischen 
Praktiken die S. beschworen, wovon 
Carpzow berichtet, und wovon ein Ritual 
im „Nigromantischen Kunstbuch“ vor- 
iiegt. 

Über die S. in Sagen und über S.n- 
Weissagungen vgl. meine „Sibylle Weiß“. 

S. auch Tiburtina. 

1 ) Peuckert Sybille Weiß. 2 ) Lothar Dar- 







n 

1 



Sichel—Sickin gen 


1660 1661 


Sideromantie—Sieb 


1662 


nedde Deutsche Sibyllen-Weissagung. Phil. Diss 
Greifswald 1933, mit manchem Irrweg in Ein¬ 
leitung und Schlüssen. 3 ) Peuckert Legende 
vom Kreuzholz Christi , MschlVk. 28 (1927), 1640. 
4 ) Nachweis über die Herkunft der einzelnen 
Teile: Peuckert Zwölff Sibyllen Weissagungen, 
in MschlesVk. 29, 217. 5 ) Bibliographie der 

mir bekannt gewordenen Drucke in meiner Sy- 
bylle Weiß. Peuckert. 

Sichel s. Nachtrag. 

Sickingen, Franz von. 

1. Ritter Franz v. S. t geb. 2. März 1481 
auf der Ebernburg (bei Bad Kreuznach), 
der ,,Herberge der Gerechtigkeit“, wo 
ihn seit 1889 ein Denkmal zusammen 
mit seinem literarischen Freunde Ulrich 
von Hutten ehrt, starb nach einem strate¬ 
gischen Vagantenleben als wohlbegüterter, 
gesuchter und erfolgreicher Kondottiere, 
als ehrgeiziger ,,letzter Ritter“, aber auch 
tatkräftiger Förderer der reformatorischen 
Ideen seiner Zeit am 7. Mai 1523 in dem 
von Feindeshand gebrochenen Felsgemach 
seiner Feste Nannstein (bei Landstuhl 
in der Pfalz) x ). Das Schicksalhaft- 
Heldenhafte seiner volkstümlichen Per¬ 
sönlichkeit („Fränzchen“ im Pfälzer 
Volksmund) Heß seine Gestalt rasch ins 
Mythische wachsen; Glaube und Lied 
umranken sein volksnahes irdisches Da¬ 
sein und verleihen ihm auch in der Dich¬ 
tung dauerndes Fortleben. Die Grund¬ 
lagen dieses volkskundhchen Franz v. S. 
sind so nicht erst ein Gebilde der Ro¬ 
mantik, die in Albrecht Dürers Stich 
Ritter , Tod und Teufel S. wiederzufinden 
glaubte 2 ). 

*) H. Ulmann, Franz von Sickingen. Leipz. 
1872; ders., ADB. 34. Weiteres Schriftt. Albert 
Becker [Das] Hutten-Sickingen [- Bild] im 
Zeitenwandel (Beiträge z. Heimatkde. d. Pfalz 16, 
Heidelb. 1936). 2 ) Becker a. a. O. 24. 

2. Durch der Sterne (s. d.) Lauf ist 
sein Schicksal schon in der Stunde der 
Geburt bestimmt. Der Felsgeist des 
Rotenfels (unweit seiner Geburtsstätte) 
nimmt den heranwachsenden Knaben 
in seinen Schutz. Von dem Manne S. 
führen Fäden zu Johannes Lichtenberger 
(s. d.), Faustus (s. d.), Johannes Trithe- 
mius (s. d.), Konrad Celtes u. a., zur 
astrologischen- und Weissagungslite¬ 
ratur, der reformatorisch-revolutionären 
Pubhzistik, dem deutschen Humanismus 


und den Anfängen deutscher Volkskunde 
in jener fließenden Übergangszeit um 
1500. S.s Feste Nannenstul 3 ) (dann 
Nannstein, fälschlich Landstuhl) steht 
vielleicht im Zusammenhang mit dem 
Matronendenkmal 4 ) des Heidenfelsen 
am Fuß des Nannstein; in den dort dar¬ 
gestellten Matronen (s. Matronenkult) 
sieht das Volk Mitglieder des S. feind- 
Hchen Kriegsrates, die vor dem Sturm 
auf S.s Feste ihre Pläne schmieden. 
Indes befragt oben auf der Burg S. im 
Würfelspiel das Schicksal und schleudert 
die riesigen Würfel (s. d.), da sie ihm 
Unglück künden, hinab ins Tal: so deutet 
das Volk die Überreste eines römischen 
Grabdenkmals in Landstuhl; auch in 
S.s Wappen (byzantinische Pesanten- 
münzen) erkennt es wieder die verhäng¬ 
nisvollen, an Saturn (s. d.), den römischen 
Würfelgott, gemahnenden Würfel. Als 
S. dann seinem Schicksal eriiegt, sieht 
Melanchthon und Lucas Cranachs Sohn 
einen Stern am Himmel, um den Pauken¬ 
ton erdröhnt und zwei Heere im Kampfe 
liegen; Kurfürst Johann von Sachsen 
aber glaubt in Weimar einen Stern zu 
sehen, der sich bald in eine Kerze (s. d.), 
bald in ein Kreuz (s. d.) verwandelt 5 ). 

3 ) R. Henning, ZfdA. 49, 469 ff. Becker 
a. a. O. 36 20 . 4 ) Beckera. a. O. 15. 5 ) Klingner 
Luther 96. 

3. In bald nach S.s Tode erschienenen 
Flugschriften 6 ) kHngt dieser Glaube 
an das Wunderbare fort, und das gleich¬ 
zeitige Landsknechts- und VolksHed 7 ) 
läßt das menschHch Gewinnende seiner 
Persönhchkeit und die WirkHchkeitsnähe 
seines rastlosen Tuns weit erspielen. Die 
Dichtung (Epos, Roman, Novelle, Drama 
bis her zum Rundfunk-Hörspiel) wird 
des Stoffes niemals müde 8 ). In Tagen 
vaterländisch-kriegerischer Not erwacht 
S.s Bild neu in der Sage: wie Karl XII., 
der Zweibrücker Herzog auf Schwedens 
Thron, wie Barbarossas (s. bergentrückt) 
Geist in Kaiserslautern, wie die im 
Speyerer Kaiserdom bestatteten Deut¬ 
schen Kaiser sich zur Hilfeleistung er¬ 
heben 9 ), so ersteht S., mit Zügen Wodans 
(s. d.) ausgestattet, ein zweiter Roden¬ 
steiner (s. d.) 10 ) oder Maltitz 11 ), und zieht 


t. 

'i 


• u 




im Sturmwind aus den Ruinen seiner 
Burg, um drohendes Unheil zu künden. 

8 ) K. Schottenloher Flugblatt und Zeitung. 
Berlin 1922. 66 ff. 7 ) Becker a. a. O. 36 24 . 

6 ) Becker a. a. O. 20—29. # ) Becker a. a. O. 
37 26 . 10 ) Becker Pfalz 18. 129. 294. Ders., 

Jb. f. Volksk. 1 (1936), m. L1 ) Becker 
Hutten-Sickingen 22. 

4. Der Zug zum Geheimnisvollen 
schleppt sich wie eine verhängnisvolle 
Erbschaft durch die Famüie S. fort, die 
in einzelnen ihrer Glieder (18. Jh.) der 
Goldmacherei anhängt, in andern aber 
auch zur wissenschaftlichen Chemie hin 
findet. Der letzte Pfälzer S. starb ver¬ 
armt am 24725. November 1834 in Sauer¬ 
tal bei Lorch und Caub am Rhein 12 ). 

12 ) Becker a. a. O. 29 f. H. Schreibmüller 
Pfälzer Reichsministerialen. Kaiserslautern 1911, 
78 t. (irrig 1836 statt 1834). Becker. 

Sideromantie, Wahrsagung vermittelst 
Eisen (atör^pos); gelehrte, antiken Divi- 
nationsnamen nachgebildete Bezeichnung. 
Nach den vorhegenden Zeugnissen x ) be¬ 
zieht sie sich nicht etwa auf alle irgendwie 
mit dem Eisen zusammenhängenden 
Orakelbräuche (s. o. 2, 729), sondern nur 
auf einen bestimmten: Auf glühend 
heißes Eisen (vermutlich Herdplatte, 
Schaufel oder dergl.) warf man eine un¬ 
gleiche Zahl von Strohhalmen. Aus ihren 
Bewegungen, Verkrümmungen und Ge¬ 
staltungen unter der Einwirkung der 
Hitze sowie aus dem Funkensprühen und 
dem Rauch deutete man die Zukunft. 
Wie man sieht, handelt es sich um die 
Methode der Pyromantie, Blätter, Körner 
und andere organische Stoffe den Ein¬ 
wirkungen einer erhitzten Fläche auszu¬ 
setzen (oben 7,409); in einem Beichtzettel 
aus dem bayrischen Kloster Scheyern 
v. J. 1468 wird als Liebesorakel erwähnt, 
daß die Leute am Silvesterabend Schweins¬ 
borsten auf erhitzte Steine legen 2 ). Am 
nächsten kommen ihr die unter Phyllo- 
mantie (oben 7, 21) und Krithomantie 
(oben 5, 594) beschriebenen Formen, die 
z. T. schon für Altertum und Mittelalter 
belegt sind. Ob die Bezeichnung S. auf 
Grund der antiken Zeugnisse oder gleich¬ 
zeitigen Volksbrauches geprägt wurde, 
ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden. 

l ) Boissardus (1528—1602) De divinatione, 
Oppenheim 1615, 20. Von ihm abhängig die 


späteren Zeugnisse: De l’Ancre L'incredulite 
etc. (Paris 1622) 278; hier wird die S. auch mit 
dem Lapis siderites der Alten, d. h. dem Ma¬ 
gnet, in Verbindung gebracht, eine haltlose Ver¬ 
mutung; (Bouhours) Remarques ou Reflec- 
tions (Amsterdam 1692) 116; Potter Archaeol. 
Graec. 1 (Oxford 1697), 320; Fabricius Bi- 
bliogr. antiquar. 3 (Hamburg 1760) 610. 2 )Use- 
ner Religionsgeschichil. Unters. 2 (Bonn 1889), 
83 ff. Boehm. 


Sieb, 

1. S. als Lustrationsmittel und Apotropaion. 

2. S. als Fruchtbarkeitssymbol- und Behälter. 

3. Andere Grundvorstellungen: Durch Löcher 
sehen. 4. Material. 

A. Siebaberglaube ohne lustrativ-apotropä- 
ischen Hintergrund: 

5. Wasser im Sieb tragen im Jenseitsglauben. 

6. Wassertragen als Gottesurteil. 7. Wasser¬ 
tragen im Märchen. 8. Wassertragen der 
Pythonissa. 9. Regenzauber. 10. S. im Grab. 

B. Das S. in Reinigungsriten und als 
Apotropaion: 

11. Samen durch S. seien. 12. Kultfeuer im S. 
13. Reinigungskreis und Bannkreis. 14. Durch 
ein S. sehen. 15. S. als Apotropaion. 

C. Das S. zusammen mit der Getreide¬ 
schwinge als Fruchtbarkeitsbehälter 
und -Überträger: 

a) Hochzeitsriten: 

16. S. bei den xaxayuaixata. 17. Ringe im S. 
18. Kerze im S. u. anderes. 19. S. und Jung¬ 
fräulichkeit. 

b) Kind und Korn: 

20. S. als Wiege. 21. Mehl 3- und 7-mal sieben. 


D. S. im Zauber allgemein und als 
Werkzeug und Attribut der Hexen, 
Dämonen und Zauberer: 

22. Die „Siebfrau“ und ähnliches. 23. Hexen 
fahren auf S. 24. S. Verwandlungsform des 
Alp. 25. S. im Gegenzauber. 26. S. im Zauber 
allgemein. 27. Sieborakel. 28. Siebdrehen. 
29. S. im Heilzauber. 30. S. beim Viehbe¬ 
sprechen. 31. S. im Analogiezauber an bestimm¬ 
ten Jahrestagen. 

1. Über das S. als altes Kultur¬ 


gerät der Getreidebauem: Ebert 4 ), Kroll 2 ), 
Hug 3 ), Hoops 4 ) und Grimm 5 ), ferner 
Schräder 6 ). Für den alten und eigen¬ 
tümlichen Gebrauch des S.s in Kult und 
Aberglaube ist zunächst festzuhalten, 
daß sowohl dem griechischen xoaxtvov 7 ) 
wie dem lat. cribrum 8 ), wie dem deut¬ 
schen S. 9 ) die Grundbedeutung „scheiden, 
trennen“ innewohnt. Mit Recht geht 
Fehrle 10 ) in seiner kleinen Monographie 
über das S. von dieser Grundbedeutung 
aus, und auch Gunning 11 ) und Bloom- 
field 12 ) stellen die lustrative Be¬ 
deutung an die Spitze; was im S. 


1663 


Sieb 


1664 


zurückbleibt, ist rein, so wird das S. 
zum Apotropaion und Alexikakon; 
diese scheidende und reinigende Eigen¬ 
schaft des S.s macht es für kultliche 
Lustrationszeremonien 13 ) sehr geeignet; 
in dieselbe Sphäre gehören die Über¬ 
tragungen der Tätigkeit des Siebens auf 
das moralische Gebiet: ,,deswegen ihr 
lieben Eltern gebt ein S. ab, und tut 
euere guten Kinder von den bösen Ge¬ 
sellen absönderen“ (Abraham a St. 
Clara) 14 ). Die meisten dieser BÜder 
gehen wohl auf Lukas zurück 15 ): ’Ioou 

6 aatavac £;TQrqaaio 6pac, tou aiviocsat ok 
täv atiov (ut cribraret: Vulgata). 

J ) Reallex. 12, 74 — 84. 2 ) Pauly-Wissowa 

25. Halbb., 538—41*; vgl. Blümner Die römi¬ 
schen Privataltertümer München 19x1, 158. 

3 ) Pauly-Wissowa 22. Halbb., 1483 ff. 

4 ) Reallex. 4, 171 ff. b )DWb. 19, 1, 774 g.; vgl. 

745 ff.; das Haars, erfanden die Gallier, Haupt¬ 
stelle bei Plinius 18, 108: cribrorum genera 
Galliae saetis equorum invenere, Hispaniae lino 
excussoria et pollinaria, Ägyptus papyro atque 
iunco (aus Binsen). 6 ) Reallex. 764. 7 ) Hug 

1 . c.; Pauly-Wissowa 22. Halbb., i486; 
Boisacq dictionaire dt. de la langue grecque 
500; Prellwitz Etymol. Wb. 2 239. 8 ) Walde 

Etymol. Wb. 2 154 (cerno). 177; Thurneysen 
im Thesaurus linguae lat. 4, 1189. # ) Grimm 
DWb. 10,1, 773 ff. 745: das sichten sie mit dem 
S., damit es rein Getreide werde; vgj. Kluge 
Et. Wb. 426; Paul Deutsches Wb. 486. 10 ) ARw. 
19» 547—5X; dazu ergänzend 1. c. 21, 235 — 
38. n ) Pauly-Wissowa 22. Halbb., i486. 12 ) 
The sacred book of the east 42, 473: the siew is 
allways the tangible expression of passing throug 
and out. 13 ) So in Eleusis: Gruppe Grie¬ 
chische Mythologie und Religionsgeschichte 1 
(1906), 56. 14 ) bei Grimm DWb. 1 . c. 775. 

15 ) 22, 31; vgl. Schweiz. Id. 6, 1728. 

2. Das S., in dem man Korn und Mehl 
sichtet und reinigt, in dem also Frucht- 
barkeits- und Kraftbringer Zurück¬ 
bleiben, wird für die ackerbautreibenden 
Völker auch zum Fruchtbarkeitsträger 
und Überträger rein empirisch (für den 
vitalistischen Menschen); für eine Stufe, 
die im Getreidewachstum das Wirken 
der Fruchtbarkeitsdämonen- und Geister 
sah, mag Gruppe recht deuten: „man 
meinte, im Korns, blieben Fruchtbarkeits¬ 
geister zurück, mit denen man Menschen 
erfüllen könne'* 16 ). Beide Vorstellungen, 
die vom reinigenden Apotropaion und 
vom Fruchtbarkeitsträger, lagern in be¬ 
stimmten Gebräuchen über einander, so 


wenn man, wie Eitrem 17 ) erwähnt, im 
neugriechischen Hause das S. als Symbol 
des häuslichen Glücks und Segens auf¬ 
hängt; man möge bedenken, daß die 

Bäuerin, die selbst das Mehl siebt, mit 
diesem Hausgerät gerade so verwachsen 
ist, wie mit dem Backtrog, der ja auch 
als Fruchtbarkeitsbehälter eine Rolle 
spielt. Man braucht also nicht mit 

Fehrle 18 ) nur eine Wurzel des S.kultes. 
annehmen, das Alexikakon. Wo der 

apotropäisch-lustrative Charakter ganz 
klar ist, wird im folgenden mit ap. kurz 
darauf hingewiesen werden. Für die 

Verwendung des S.s im Zauber des 
S.drehens spielt, wie wir sehen werden,. 
noch eine andere Vorstellung herein „ 
die mit den beiden angeführten Wurzeln 
des S.kultes keine Berührung hat. 

16 ) Gruppe Mythologie 2 (1906), 1424. 

17 ) Eitrem Opferritus 307. 18 ) 1 . c. 549. 

3. Viele S.bräuche tangieren die Sphäre 
der Lustration in keiner Weise, knüpfen, 
auch nicht an einen Fruchtbarkeitszauber 
an; hier spielt wohl das S. als Zauber¬ 
medium katexochen oder das Seltsam- 
Eigenartige des durchlöcherten Bodens 
eine Rolle und die Veränderung des Bildes 
der Außenwelt, wenn man diese durch 
diese Löcher anschaut: In Niederländisch- 
Indien glaubt man, daß ein Kind, das 
durch ein S. schaut, soviel Eitergeschwüre 
bekommt, als das S. Löcher hat 19 ). In 
der Bukovina sagt man, es sei nicht gut,, 
wenn ein Kind durch ein S. oder Reuter 
schaue, denn dann würde es schielen 20 ). 
Zu vergleichen ist der schwedische Aber¬ 
glaube bei den Bauern: Wenn eine 
Schwangere durch ein Loch in der Mauer 
oder durch die Türspalte schaut, wird 
das Kind schielen 21 ). Ähnlich warnt 
der St. Florianer Papierkodex: Item in 
den unternachten trait man nicht reitter 
über den hof, das das viech nicht da 
durich lueg, das es nicht werd schiech 
noch hin scherff 22 ). Aber e contrario 
empfiehlt man in Wulkow gegen Gersten¬ 
körner: Siehe dreimal durch ein S. in die 
untergehende Sonne, ohne zu lachen und 
sprich dabei leise: Im Namen des Vaters 
usw. 23 ). Bei den Wotjaken heißt es: 


1665 Sieb XÖ66 


Auf deinen Kopf leg kein Reuters., Du 
wächst nicht 24 ). 

lö ) Frazer 1, 1, 157. 20 ) ZföYk. 1897, 21 Nr. 

131. 2] ) Seligmann Blich 1, 185. 22 ) Grimm 
Mythologie 3, 418 Nr. 35. 23 ) ZfVk. 7, 164 

Nr. 8. 24 ) Urquell 4 (1893), 159 Nr. 142. 

4. Zur Deutung des deutschen Mate¬ 
rials müssen auch die antiken Belege 
herangezogen werden, da die meisten 
heutigen Gebräuche schon in der Antike 
vorgebildet sind; nicht zu übergehen 
sind die Parallelen der heutigen Völker 
mit primitiver Eigenwirtschaft, vor allem 
der Inder, für die das S. ein ,,powerful 
fetish“ 25 ) ist, wie im deutschen Aber¬ 
glauben ,,ein heiliges Gerät, dem man 
Wunderkraft beilegte“ 26 ). 

25 ) W. Crooke Northern India (Allahabad 
1894) 85. 99. 307. 347; vgl. M. Bloomfield in 
Sacred books of the east 42, 248. 473. 519; 
ZfVk. 12, 112 ff.; Zachariae KISchr. 244. 
26 ) Grimm Myth. 2, 1004; vgl. 931. 

A. S.aberglauben und -Bräuche, 
bei denen die lustrativ-apotropä- 
ische Grundanschauung keine 
Rolle spielt: 

5. Wasser im Sieb tragen: Das 
Wasserschöpfen der Danaiden gehört zum 
Topos der Adynata 27 ), wie schon Rohde 
in einem Exkurs ausgeführt 2Ö ) hat. Da 
sie das Ziel des Lebens, die Ehe, nicht 
erreicht haben, müssen sie Wasser in ein 
Faß ohne Boden tragen. Auch im deut¬ 
schen Volksglauben müssen Ehelose im 
Jenseits Sand oder Wasser in Körben 
mit Löchern tragen oder sonst unnütze 
Arbeiten verrichten 29 ). Später kommt 
in Anlehnung an das Sprichwort 30 ) xoa- 
xtvtp Comp TTSpupEpsts, die Version auf, 
daß die Danaiden Wasser in S.en tragen 
müssen. In Patschkau, im Kreis Neiße, 
erzählt man sich, daß die alten Jungfern 
nach dem Tode den Turm von Patschkau 
abwaschen und die Junggesellen das 
Wasser dazu in S.en herbeitragen müs¬ 
müssen 31 ) (s. 1, 334h.). 

Abgeschwächt erscheint diese Version 
in der Sage von den weißen Jungfrauen zu 
Hachen an der Röhr: diese müssen nachts 
zwölf bis eins Wasser schöpfen 32 ). Nach 
Sommer bekommt eine verstorbene Frau 
die Auflage, einen Teich mit dem S. aus¬ 
zuschöpfen 33 ): Nach einer mündlichen 

Bachtold-Stäubli, Aberglaube VII 


Überlieferung aus Mansfeld besuchte die 
verstorbene Frau des Amtmanns zu 
Helbra aus Liebe zu ihren Kindern immer 
das Schloß, bis der Amtmann die Ver¬ 
storbene durch einen Jesuiten bannen 
ließ; dieser hieß die Leiche in das Pfarr- 
holz bringen, bei dem ein Teich war; aus 
diesem Teich mußte die Frau das Wasser 
schöpfen; als sie diese Aufgabe erfüllt 
hatte, erschien sie aufs neue auf dem Hof; 
da bannte sie der Jesuit über die Grenze. 
Frau Holle trägt zwischen zwölf und eins 
Wasser in einem Faß ohne Boden 34 ); 
sie ist eine schwarze Frau mit zwei Eimern 
ohne Boden 35 ). 

27 ) Lukian Demonax 28 (386); Plato Rep. p. 
363 D; Schweiz.Id.6, 1726: mit einer Reiter Wasser 
schöpfen. 28 ) Psyche 1, 326 ff.; Glotz l'ordalie 
dans la Grbce primitive 98; Fehrle 1 . c. 550 ff.; 
Kuhn Herabkunft des Feuers ; vgl. die Deutung 
bei Kuhn Westfalen i, 203 ff.; Gesemann 
Regenzauber 13. 29 ) SAVk. 1, 139 ff.; Fehrle 

1 . c. 551. 30 ) Suidas s. v. xoaxtvr^ov (Gaisford- 
Bernardy 2,352): xoaxivr^oov. 8fx7jv xoaxtWj. xo- 
axt'vu) uoujp ccEpttv er! ttuv «ouvaxiuv; vgl. Plau- 
tus Pseudolus 102: Non pluris refert, quam 
si imbrem in cribrum legas; vgl. Philologus 
N. F. 31, 160 A. 27; über ähnliche Bilder in 
der mhd. Lit.: Grimm DWb. 10, 1, 776; vgl. 
Eyring copia proverbiorum 2, 445 bei Bolte- 
Polfvka 3, 477 A. 1. 31 ) Kühnau Sagen 3, 47 
Nr. 1401 b. 32 ) Kuhn Westfalen i, 203 Nr. 228. 
33 ) Sommer Sagen 13 ff. Nr. 10. 34 ) Pröhle 

Oberharzsagen 155; Kuhn 1 . c. 35 ) L. c. 135. 

6 . Als Adynaton finden wir diese Hand¬ 
lung auch im Gottesurteil 36 ) u. a. 
neben der Feuerprobe. Nach einem Ge¬ 
dicht des Valerius Maximus 37 ) und einer 
kurzen Notiz des Plinius 38 ) wurde die 
Vestalin Tuccia angeklagt, mit einem 
Manne verkehrt zu haben; um ihre Un¬ 
schuld vor der Göttin Vesta zu beweisen, 
holt sie in einem S. Wasser. Wald- 
schmid 39 ) vermutet auf Grund von Au¬ 
gustinus 40 ), daß der Teufel die Löcher 
des S.s verstopft habe. Die indische 
Mariatale trägt, solange ihre Gedanken 
noch rein sind, das zu einer Kugel geballte 
Wasser ohne Gefäß 41 ). Goethe ver¬ 
wendet in seinem Gedicht Paria (Legende) 
das Motiv. Nach einer Schweizer Er¬ 
zählung mußte ein Knabe im Kloster 
Wasser in einem S. tragen; weil er un¬ 
schuldig war, ging kein Tropfen ver¬ 
loren 42 ). Nach indischem Glauben können 

53 


1667 


Sieb 


1668 


die reinen Jungfrauen Wasser in einem 
S. tragen 43 ). 

38 ) Gruppe 1 . c. 37 ) Memorabilia 8 , t, 5: 
Arripuit cribrum; tum Vestae cernua dixit: 

Diva! Meae testis virginitatis ades! 

Si, dea Vesta, tuas manus haec non polluit 

aras. 

Hoc cribro Tiberim sub tua tecta ferat. 

Vgl. Blümner Die Römischen Privataltertümer 
158 A. 12; Gruppe 1 . c. 2, 877 A. 11; 
Grimm Mythol. 2, 931. 88 ) Nat. Hist . 18, 

12: exstat Tucciae Vestalis incesti deprecatio, 
qua usa aqua in cribro tulit anno urbis 
609; vgl. Augustinus de civitate dei 10, 16; 
Bachofen Gr aber Symbolik 395 (!). 39 ) M. 
J. Praetorius de coscinomantia oder vom 

Sieblauffe diatribe curiosa . Curiae Varisco- 

rum 1677, D2-D3; vgl. Tharsander 2, 339. 
40 ) De civitate dei 10, 16 (= 1, 379, 5 h. Dom¬ 
bart); 22,11 ( = 2, 513, 16 ff. D.). 41 ) Sonnerat 
Reise nach Ostindien (1786) i, 205; Bolte- 
Polivka 3, 477; Simrock Mythologie 379. 
‘■ 2 ) Bolte-Poiivka 1 . c. 476 ff. 43 ) Grimm 
RA. 2, 598. 

7. Im Märchen gibt die Stiefmutter 
der Stieftochter den Auftrag als Ady- 
naton, Wasser im S. zu holen, so 
in einer norwegischen und irischen 
Variation des Märchens vom Frosch¬ 
könig 44 ) ; in einer schwedischen Erzählung 
aus Upland und Ostgotland haben wir 
dasselbe Motiv 45 ); ebenso soll in einer 
italienischen Variation der Frau Holle 
die gute Tochter ein S. bei den Feen 
leihen 46 ). Nach einer Sage aus Folgareit 
bekam Frau Berta von einer alten Frau 
die Aufgabe, in zwei S.en Wasser zu 
holen 47 ). In einer französischen Erzäh¬ 
lung von Ille-et-Vilaine verlangt der 
Teufel von denen, die ihm dienen wollen, 
daß sie Wasser in ein S. schöpfen 48 ). 
In einem nordischen Märchen befiehlt 
die Hexe dem Mädchen, Wasser im S. 
zu holen 49 ). 

44 ) Bolte-Poiivka 1, 5. 45 ) Mannhardt 

German. Mythen 431. 46 )L. c. 215. 47 ) Schnel¬ 
ler Wälschtirol 200, 1, vgl. 202, 1. 48 ) Sebillot 
s. v. crible. 49 ) Grimm Mythol. 2, 931. 

8. Eine eigentümliche Deutung gibt 
Langer 50 ) einer polnischen Episode aus 
dem Feldzug Konrads von Masovien 
gegen Wlodislaw (1209) nach demChroni- 
kon montis sereni: Wlodislaw wird von 
Konrad belagert, bietet diesem eine Zu¬ 
sammenkunft an, plant aber für den 
Abend vor der Zusammenkunft einen 


verräterischen Überfall. Ein Ritter rät 
davon ab; an seine Treue gemahnt, sagt 
er: Ich werde in den Kampf ziehen; aber 
ich weiß, daß ich mein Vaterland nicht 
mehr sehen werde. „Habebat autem 
ducem belli pythonissam quandam, quae 
de flumine cribro haustam nec fiuentem, 
ut ferebatur, ducens aquam exercitum 
praecedebat, et hoc signo eis victoriam 
permittebat" 51 ). In der Schlacht aber 
fielen die pythonissa und der warnende 
Ritter. Nach Langer sind die hinter 
dem S. Schreitenden, die Gesiebten, die 
Auserwählten, die von Gott Ausersehenen; 
Fehrle deutet wohl richtig, daß die pytho¬ 
nissa durch die Ausführung des Ady- 
naton die göttliche Sendung dokumen¬ 
tieren wollte 52 ). 

50 ) Intellektualmythologie 117. 51 ) Bei Grimm 
Mythol. 2, 930 ff. 52 ) 1 . c. 550. 

9. Wenn Roscher 53 ), Kuhn 54 ) und 
Gesemann 55 ) die Danaidensage als ur¬ 
sprünglichen Regenzauber deuten, so 
machen die oben angeführten Parallelen 
diese Erklärung höchst unwahrscheinlich. 
Die Belege, welche das S. im Regenzauber 
vorführen, haben ein anderes Gepräge: 
In der finnischen Kalevala sendet die 
Göttin Uutar den Dunst in Sieben vom 
Himmel 56 ). Die Wolke ist ein wasser¬ 
durchlässiges S., und auch die Wetter¬ 
hexen haben das S. als Attribut und 
Medium 57 ). Kuhn führt die Redensart 
an, die bei feinem Regen üblich ist: Das 
Wasser kommt wie gesiebt herunter 58 ). 
Platen gebraucht ein ähnliches Bild in 
seinem peruanischen Lied 59 ): 

Du himmlische Jungfrau, du, 

Du tränkst das dürre Peru, 

Du labst mit dem ehernen Krug in der Hand 

Das lechzende Land. 

Bei einer Regenprozession der Zuni- 
Clowns 60 ) in Neumexiko und bei der¬ 
selben Zeremonie in der alten Mokian- 
siedelung Awatobi in Arizona 61 ) (siehe 
nackt) schütten Weiber Wasser in Krügen 
vom Dach herunter auf die nackten 
Männer. Die Pueblo führen einen Kult¬ 
tanz auf, bei dem der Regengott einen 
netzartig überzogenen Ring in der Hand 
hält mit einem Loch in der Mitte; dieser 
wird Wassersieb genannt, weil die Gott¬ 


f 



Sieb 



heiten durch solche S.e den Regen auf 
die Erde senden 62 ). Oldenberg erzählt 
von einer indischen Sitte, daß Mädchen 
bei einem Regenzauber gefüllte Wasser¬ 
krüge in ein Feuer gießen 63 ). Um Regen 
zu bekommen, fangen die Bauersfrauen 
einer Bauemkaste, der Kapu in Madra, 
einen Frosch und binden ihn lebend in 
ein Bambuss. (eig. Wanne); in die Wanne 
legen sie einige Margosablätter und ziehen 
singend von Haus zu Haus: Frau Frosch 
muß ihr Bad haben! Gott, gib ein bißchen 
Wasser für sie; währenddessen gießen 
die Männer Wasser in das S. über den 
Frosch 64 ). Im Jahre 1868 wollten Bauern 
im Tarashchansk-Distrikt Regen machen, 
indem sie einen Toten ausgruben und 
diesen um Regen anflehten; dabei ließ 
man Wasser durch ein S. auf den Toten 
laufen 65 ). Bei den Ainos schüttet man 
Wasser durch ein S., um Regen zu er¬ 
zeugen 66 ). Nach Diodor kannten die 
Ägypter eine Zeremonie, bei der die 
Priester eines Heiligtums in Akanthus 
bei Memphis täglich Nilwasser in ein 
Faß ohne Boden schöpfen mußten 67 ). 
Zu vergleichen ist eine Legende bei Suidas, 
die daraus entstanden ist 68 ). 

53 ) Mythologie 2, 831. 54 ) Herabkunft 154. 

55 ) Regenzauber 13. 56 ) Cast re n Finnische 

Mythologie (Schiefner) 68. 98; Kuhn West¬ 
falen 1, 18 Nr. 22 A.; 203 Nr. 228 A. 57 ) E. H. 
Meyer Germanische Mythologie 90. 58 ) Ur¬ 

sprung der Mythologie 8; Simrock Mythologie 
379. 59 ) Kuhn 1 . c. 204 Nr. 228 A. 60 ) Journal 
of Americ. Ethnol. and Archaeolog. 1, 18; ange¬ 
führt von Preuß in Archiv für Anthrop. NF. 
1, 131 ff. mit Bild. 61 ) Preuß 1 . c. 129 ff. mit 
Bild. 62 ) ARw. 9, 131 ; Gesemann l.c.A. 63 ) Die 
Religion des Veda 445; vgl. 603 A. 4: Seien des 
Somas. 64 ) Frazer 1, 1, 294. 65 ) Frazer 1, 1, 
285. 6ß ) 1 . c. 251. 67 ) Diodor i, 97: t:i' 0 ov 

sFvat T£TpT}uevov eic ov tq>v e£Vjxovta x«i 

i;axo3tO’j; xxft’exacSTTjv T;jX£pav Gouip e®£pov i x 
tou NeiXo’j ; Bachofen 1 . c. 60 ff. 6S ) Gruppe 
831 A. 6; Suidas Kavtono;; Rufinus Kirchen¬ 
geschichte 2, 26 (534 Mi). 

10. Die Sitte, den Unverheirateten 
ein S. mit ins Grab zu geben, um sie damit 
als aicXsic zu kennzeichnen (vgl. § 5), 
ist antik und sonst nicht belegt 69 ). 

69 ) Mitteil. d. archaeol. Inst. Rom. Abt. 25, 
274 ff.; Fehrle 1 . c. 551. 

B. Das S. in Reinigungsriten und 
als Apotropaion: 

11. Durchseien des Samens: Wie 


man in Ostpreußen die Erbsen, bevor 
man sie sät, durch eine Radnabe rinnen 
läßt, damit sie nicht vom Mehltau be¬ 
fallen werden 70 ), so muß man nach den 
Geoponica, um die Saat gegen Hagel und 
Rost zu schützen, den Samen durch ein 
S. aus Seehundsfell passieren lassen 71 ). 
Nach einer andern Stelle soll man den 
Samen durch ein S. aus Wolf£feil mit 
30 72 ) Löchern rinnen lassen (hier sind 
die Apotropaia gehäuft) 73 ). 

70 ) Toppen Masuren 93; W. 655. 71 ) Geo¬ 

ponica 5, 33, 7; zitiert bei Ries in Pauly- 
Wissowa 1, 79; Fehrle Geoponica ijff. 72 ) Über 
die Zahl der Löcher: Selig mann 1, 275. 
73 ) Geoponica 2, 19, 5. 

12. Kultfeuer im S.: Die uralte Zere¬ 
monie des Feuerreibens ist noch in Rom 
erhalten beim Entfachen des heiligen 
Vestafeuers: Mos erat tabulam felicis 
materiae tamdiu terebrare, quousque ex- 
ceptum ignem cribro aeneo virgo in aedem 
ferret 74 ). 

74 ) Gruppe 1 . c. 2, 726 A. 1 ; Thesaurus 1, 1, 4, 
1189; Festus ep. 106; Fehrle im ARw. 19, 548 
A. 4; Wissowa Religion 160; Pauly-Wissowa 
22. Halbb,, i486. 

13. S. im Reinigungs- und Bann¬ 
kreis: Wer die Hexen sehen will, muß 
nach einer Mitteilung aus Testorf das 
Dorf mit einer Erbegge und einem Erbs. 
umziehen, sich dann das S. auf den Kopf 
stülpen und sich hinter die auf den Weg 
gestellte Egge setzen 75 ). Nach den 
Akten der medizinischen Fakultät in 
Rostock zogen zwei Bewohner eines 
Dorfes mit einer Kette einen Kreis um 
das Dorf, um ein Ehepaar der Hexerei zu 
überführen; beim Verhör geben sie an: 
,,sie hätten gehört, daß die Dragoner auch 
also mit einem seidenen Faden und S.e 
umb S. gezogen** 76 ). ,,Wird Hab und 
Gute gestohlen, so gieße man Wasser 
durch eine Reiter, kugle sie um das Haus, 
und der Dieb muß das Gestohlene zurück¬ 
bringen** 77 ). Ist das Einsäen des Samens 
fertig, so wird zum Schluß in Schönebeck 
(Kreis Saatzig in Pommern) noch einmal 
um das beeggte Land ein S. herumgezogen; 
dies nennt man den Deifsegen 78 ). Wenn 
einen Kranken die weißen Leute quälen, 
wird in Polen Freitags ein Lager von 
Erbsenstroh gemacht, der Laken ge- 

53 * 





1671 


Sieb 


1672 


spreitet und der Kranke darauf gelegt. 
Dann trägt einer ein S. mit Asche auf 
dem Rücken, geht um den Kranken 
herum und läßt die Asche auslaufen, 
so daß das ganze Lager davon umstreut 
wird. Frühmorgens zählt man alle Striche 
auf der Asche, und stillschweigend, ohne 
unterwegs zu grüßen, hinterbringt sie 
einer der klugen Frau, die nun Mittel 
verschreibt 79 ). 

75 ) Bartsch Mecklenburg 2, 266 Nr. 1384(1; 
vgl. Seligmann Blick 1, 175. 76 )Bartsch 2, 35 
Nr. 13. 77 ) ZfVk. 7, 188. 78 ) BlpommVk. 3, 90. 
79 ) Grimm Mythol. 2, 975. 

14. Durch ein S. sehen (vgl. durch 
Löcher sehen) 80 ): In Wulkow soll man 
gegen Gerstenkörner dreimal durch ein S. 
in die untergehende Sonne schauen, ohne 
zu lachen und dabei sagen: Im Namen... 
(vgl. A. 23). Wer eine Blatter im Auge 
hat, soll in Böhmen durch einen Seiher 
in die Sonne schauen 81 ), in Bayern durch 
ein Astloch 82 ). Wer den Nachtnebel hat, 
den man beim Schauen in die unter¬ 
gehende Sonne oder den Vollmond be¬ 
kommt, soll durch ein S. auf Schafe 
schauen, wenn der Schäfer diese früh 
aus dem Schafstall treibt 83 ). In Fausts 
Hexenküche läßt der Kater die Kätzin 
durch das S. sehen, um einen Dieb zu 
erkennen 84 ): 

Sieh durch das Sieb, 

Erkennst du den Dieb 
Und darfst ihn nicht nennen. 

Diese Verwendung zum Erkennen eines 
Diebes ist ohne Parallele (vgl. Siebdrehen). 

80 ) Seligmann 1, 175 ff. 327. 275. 81 ) 

Grohmann 174 Nr. 1237; W. 525. 82 ) W. 

5 2 5 - 359 - 83 ) Grohmann 174 Nr. 1232; W. 

524. 84 ) Vgl. Fehrle 1 . c. 550; Urquell 4, 199. 

15. Das S. als Apotropaion: In 
Bulgarien geht bei drohendem Gewitter 
eine alte Frau nackt (siehe dies) mit einer 
brennenden Kerze 85 ), roten Eiern und 
einem S. den Wolken entgegen; sie ver¬ 
wünscht das Unwetter in den wüsten 
Wald 86 ). Nach Eitrem 87 ) vertreibt ein 
aufgehängtes S. bei den Neugriechen die 
Kalikantzaren 88 ). 

85 ) ZfVk. 12, 113 A. 1. 86 ) Klio 12, 356; 

Fehrle I. c. 87 ) Eitrem I. c. 307. 88 ) Joh. 

Bodinus De magorum Daemonomania (Frank¬ 
furt 1603) 335. 

C. Das S. zusammen mit der Ge¬ 
treideschwinge (Xixvov) als Frucht¬ 


barkeitsbehälter und -Überträger: 
Beim Reiserntefest in Java wird das 
„Brautpaar" (zwei Reisarten) in ein S. 
gelegt 88a ). 

88») Frazer 7, 200. 

a) Hochzeitsgebräuche: 

16. Bei allen getreidepflanzenden Völ¬ 
kern spielen die xaTct^foptaxa in den 
Hochzeitsriten eine große Rolle, indem 
man Getreide, Reis, Hirse usw. über die 
Braut ausgießt oder durch die Braut 
ausgießen läßt; darüber ausführlich Sam- 
ter 89 ) und Mannhardt ö0 ), ebenso Pi- 
prek 91 ), Frazer 92 ), Reinsberg-Dürings- 
feld 93 ), Gruppe 94 ). Meist ist das Gefäß 
bei diesem Fruchtbarkeitszauber eine 
Getreideschwinge, eine Reiter oder ein S.: 
In Bihar wandeln Braut und Bräutigam 
fünfmal um das Opferfeuer; sie tragen 
dabei ein S.; die Braut hält das S. vor 
sich hin; der Bräutigam folgt und streckt 
die Arme so vor, daß er auch das S. hält; 
der Bruder der Braut füllt das S. mit 
gerösteten Körnern, die der Bräutigam 
ausstreut 95 ). In ganz Oberindien begleitet 
der Bruder der Braut bei der Rückkehr 
nach dem Brauthaus das Paar und streut 
aus einem S. geröstete Körner auf den 
Boden als Zauber für Glück und Frucht¬ 
barkeit 96 ). Nach Krauß reicht in der 
Herzegowina die Schwiegermutter im 
Hause des Gatten der jungen Frau eine 
Getreidereiter voll Frucht; die Braut 
streut die Frucht aus und wirft die Reiter 
hinter sich über den Kopf 97 ). Ähnlich 
werfen die Mädchen bei dem bekannten 
Regenzauber am Schluß ein S. hoch aus 
dem Hause 98 ). In Dalmatien wirft die 
Braut die mit Äpfeln gefüllte Reiter samt 
den Äpfeln über das Haus "). Bei den 
Serben wirft die Braut einige Hände voll 
Getreide aus einem S. und wirft es hinter 
sich 10 °), bei den Slovenen in Krain dient 
ein Korb' als Behälter für das Getreide 101 ). 
Petrowitsch beschreibt eine andere Sitte: 
Am Schluß der Zeremonie des über- 
schüttens wirft die Braut das S. auf das 
Dach; die Gäste fangen das S. auf und 
zerreißen es 102 ). In der Morlachei wird 
ein Kind zu der Braut aufs Pferd gehoben; 
es reicht ihr ein S. mit Mandeln, Nüssen, 
Feigen, die sie zum Zeichen, sie habe jetzt 


1673 


Sieb 


1674 


an andere Dinge zu denken als ans 
Naschen, geringschätzig unter die Kinder 
wirft 103 ) (die Begründung ist hier sekun¬ 
där). In Nordschottland hielt die Schwie¬ 
germutter an der Schwelle des Hauses 
ein S. mit Brot und Käse über das Haupt 
der Braut; Brot und Käse wurden unter 
die Gäste verteilt und unter die Menge 
gestreut 104 ). Suidas 105 ) überliefert eine 
gute Parallele: Ein in Athen üblicher 
Hochzeitsbrauch bestand darin, daß ein 
Knabe, dessen beide Eltern noch lebten, 
auf dem Kopf einen Kranz von Akanthus- 
blättern und Eicheln hatte und eine mit 
Broten gefüllte Getreideschwinge (kixvov) 
trug und die Formel sprach: xaxov, 

tupov apstvov (Übergang des Frucht- 
barkeitszaubers in das Apotropaion); 
diesen Spruch sagte auch der Myste nach 
der Weihe 106 ). Aus demselben Kreis 
bringt Dieterich eine Parallele zum Aus¬ 
schütten der Früchte bei der Hochzeit : 
Auf dem Relief einer römischen Aschenurne 
ist die Weihe dargestellt; eine Frau 
schüttet ein Xixvov mit Körnern über den 
Mysten 107 ). 

8B ) Familienfeste 4. 24. 99 ff. 90 ) Forschungen 
357 ff. 366 ff. 91 ) Piprek 43. 187. 92 ) 7, 6 ff. 

93 ) Hochzeitsbuch (so im folgenden zitiert) 66 ff. 
w ) 1 . c. 2, 1424. ö5 ) M. Winternitz Das alt¬ 

indische Hochzeitsrituell 61 ff.; G. A. Grior- 
son Bihor Peasent Life Calcutta 1885 § 1332; 
Krauß Sitte u. Brauch 399. 430. 444. ® 8 ) 

Crooke 1 . c. 307. 97 ) Krauß Sitte 430. 

399. 444; Samter 1 . c. 4 A. 3. 98 ) Regen¬ 

zauber 13A. M ) Krauß 1 . c. 430; Hochzeitsbuch 
77; Samter 1 . c. 24. 10 °) Hochzeitsbuch 66. 

101 ) 1 . c. 88. 102 ) Ausland 1876, 630; Mann¬ 
hardt 1 . c. 357. 103 ) Hochzeitsbuch 78 ff. 187. 

1M ) Mannhardt 1 . c. 360 ff. 106 ) s. v. f vgl. 
Mannhardt l.c. 371; Samter 1 . c. 100. 106 ) 
Demosthenes über den Kranz 259. 107 ) Rhein. 
Mus. 48, 276; die Lit. bei Samter 1 . c. 98. 

17. Damit ist eine andere Gruppe von 
Gebräuchen zusammenzustellen. Bei den 
Kroaten und Serben trägt die Braut ein 
S. mit den Blumen, die dem Bräutigam 
an dem Hut befestigt werden sollen 108 ). 
Zu vergleichen ist auch eine sehr rare 
Sitte in Weiningen (Kt. Zürich; durch 
Mannhardt 109 ) auf gezeichnet und durch 
Bächtolds Aufzeichnungen 11 °) ergänzt): 
Am Polterabend wurde der Rest der 
schönsten Ähren von ein paar Frauen 
zu einem Fruchtkranz geflochten und der 


Braut aufgesetzt; ein Büschel Ähren 
bekam sie in die Hand; mittlerweile 
hielten andere Frauen dem Bräutigam 
eine Komritere vor; in diese warf er zu¬ 
erst Rappen, dann Schillinge, Batzen 
und kleine Silbermünzen; wenn er reich 
war, brachte man ihm dann eine Holz- 
äpfelritere, in die er Gulden und Taler 
werfen mußte. Das Geld kam in die 
Weiberkasse, aus der das Weibermahl 
bestritten wurde. In Rustschuk wird bei 
der Verlobung ein S. gebracht; das be¬ 
deckt man mit einem Tuch und legt 
Ohrringe und Ringe hinein; man dreht 
das S. dreimal um, übergibt die Ohrringe 
der Braut und den Ring dem Bräutigam. 
Alle Beteiligten werfen in das S. eine 
Münze; das Geld gibt der Vater der 
Braut 111 ). In einem russischen Schwank 
bedeckt man am Morgen nach der Braut¬ 
nacht die Eheleute mit einem weißen 
Tuch, darauf legt man ein S. und in dieses 
werfen die Gäste Geldgeschenke 112 ). Bei 
den Serben müssen Braut und Bräutigam 
die Ringe in dem mit Roggen gefüllten 
S. suchen 113 ). In Zarnewenz im Fürsten¬ 
tum Ratzeburg und auf den umliegenden 
Bauerndörfern geht die Braut einige Tage 
vor der Hochzeit bei den Bauern mit 
einem S. herum; von jedem Bauer erhält 
sie Bettfedern in das S. mit. Mit diesen 
Federn muß sie die Betten stopfen, damit 
sie beim Gebrauch immer daran erinnert 
wird, daß sie bitten und dem Mann ge¬ 
horchen muß; in einigen Dörfern wird 
statt des S.es ein Spinnrad genommen; 


entsprechend bestehen dann die Ge¬ 
schenke in andern Dingen 114 ). 

los) Piprek 125. 109 ) 1. c. 360. no ) Zettel¬ 
kasten für Hochzeitsgebräuche; Schwld. 6, 
1727; Schweiz. Familienzeitung 1878 Nr. 1 
u. 2. m ) Z. f. vergl. Rechtsw. 29, 125. 
312 ) Kryptadia 1, 204 Nr. 61. 113 ) Piprek 

27. 114 ) Bartsch Mecklenburg 2, 59 Nr. 186b. 


18. Bei den Bulgaren hält die Braut 
in der Hand ein S. mit Kerzen und drei 


brennenden Holzspänen; die Begleiter 
des Bräutigams werden erst nach langen 
Verhandlungen und nachdem sie Ge¬ 


schenke gegeben haben, zur Braut ge¬ 
lassen; dann folgt das Beschenken der 
Braut 115 ). 

In Kukus und Tatar Pazardzik emp- 




1675 


Sieb 


Sieb 


1678 



fängt die Braut die Abgesandten des 
Bräutigams, indem sie in den Händen 


einen Reiter mit Leinsamen hält und einen 
brennenden Tannen- oder Fichtenzweig. 
Das Mädchen streut den Samen im Hof 
aus, die Gäste werfen ihn über das Haus 
hin 116 ). In Slavonien bekommt die Braut 
beim Eintritt ins Haus eine Reiter voll 
Weizen in die Hand. Sie reit er t ein wenig 
und wirft den Weizen den Hühnern hin 
zum Zeichen, daß sie eine gute Hausfrau 
ist 117 ). 

In Kukus (Bulgarien) findet der Bräu¬ 
tigam und sein Gefolge die Braut mit 
ihrer Familie in einem Zimmer einge¬ 


schlossen; die Braut hält in einer Hand 
ein S. mit Samenkörnern; in Liedern 
werden die Burschen auf gef ordert, die 
Braut zu kaufen 118 ). 

115 ) Piprek 146. 116 ) Krauß 1 . c. 444. 

117 ) 1 . c. 399 - U8 ) 1 . c. 145. 


19. In Tripolitza werden die Brautleute 
beim Eintritt in ihr Haus mit Blumen, 
Früchten, Nüssen und Backwerk über¬ 
schüttet ; die Braut muß zum Beweis 
ihrer Jungfräulichkeit in ein S. aus Fell 
steigen und es durch treten 119 ). Im Gö- 
morer Komitat bedeckt man ein neu¬ 
geborenes Mädchen mit einem S., damit 
es keusch bleibe 120 ). 

119 ) Wachsmuth Das alte Griechenland im 
neuen, Bonn 1864, 97; Hochzeitsbuch 57; Doug¬ 
las An essay on certain points of resemblance 
bttween the ancient and modern Greeks London 
1813, 112; Mannhardt 1 . c. 364. 368. 12 °) Ho- 
vorka-Kronfeld 2, 641. 


b) Kind und Korn 121 ): 

m ) Darüber Mannhardt 1 . c. 3666.; 
Gruppe 1 . c. 1, 55 ff.; 2, 726. 1172.; Preller- 
Robert Griechische Mythol. 764 A. 2; 
J. Harrison in Journ. hell. stud. 1903» 3 22 ff-J 
Dieterich Mutter Erde ioiff.; Kruse in 
Pauly-Wissowa 25. Halbb., 537 ff. 

20. Gebräuche, die über alle Zeiten und 
getreidebauenden Völker sich erstrecken, 
haben einen gemeinsamen Zug: Wie man 
das Korn in der primitiven Getreide¬ 
schwinge 122 ) worfelte, so war es Brauch, 
das Neugeborene in eine Getreideschwinge, 
manchmal auch in ein Sieb zu legen und 
zu schwingen (in Dänemark legt man 
einen neugeborenen Knaben in einen 
Säkorb, damit er ein guter Sämann 
werde 123 )). Unwahrscheinlich dehnt 


Scheftelowitz die Begründung des S.Zau¬ 
bers bei der Viehbesprechung (vgl. § 30) 
auch auf die Sitte aus, das Kind in die 
Schwinge oder das S. zu setzen: ,,Man 
glaubte, daß der dämonische Stoff infolge 
des Hin- und Herbewegens des Siebes 
durch dasselbe fallen würde“ 124 ). Die Grie¬ 
chen nannten Dionysos Xtxvtx rfi 125 ); sie 
dachten sich das kleine Kind in einem 
Liknon liegend: Hesych.: XtxvixrjC ertde- 
tov Aiovusou ob™ tcüv Xtxvuiv, sv 01* ra ?:ai- 
8ta xoiuamat 126 ). Besonders die Or¬ 
phiker besangen ihren Gott als Lik- 
nites 127 ). Im Liknon schlafen auch das 
Hermeskind 128 ) und das Zeuskind 129 ) 
(vgl. Christus Xixvrnjc) 130 ). Allgemein 
hatte die Wiege die Form des Liknon, 
vgl. Hesych. oben und Servius 131 ): 
Nonnulli Liberum patrem apud Grae- 
cos XtxviTTjV dici asserunt; vannus 
autem apud eos nuncupatur, ubi de 
more positus esse dicitur, postquam 
est utero matris editus. In Indien ist 
das S. die erste Wiege des Kindes, und 
wenn die Mutter ein Kind verloren hat, 
legt sie das nächste in das S. und schleppt 
es herum ,,calling it Kadheran or Gha- 
sitan“ the dragged one ,,so as to baffle 
the evil eye by a pretence of contempt“ 132 ). 
Bei den Beduinen wird das an die Welt 
kommende Kind in einem S. auf gefangen, 
während die Frauen den Leib der Mutter 


drücken 133 ). 

Uber die Bedeutung der Sitte, das Kind 
in das Liknon zu legen, äußert sich der 
Scholiast zu Kallimachos 134 ): iv 7a p- 
Xt'xvot; xats xotpiCov tä ßpscpvj ttXoüxov xal 
xapitou» otojvtCojxevoi. Daß man das 
Kind im Liknon schw r ang, zeigt ein 
Terrakottarelief 135 ). Auch in den My¬ 
sterien spielt das Liknon für die raXi^e- 
veaia eine Rolle 136 ). Isis sammelt die 
Glieder ihres zerstückelten Gatten in 
einem S. (Wiedergeburt) 137 ). Diesen 
Geburtsritus im Kult und in den Myste¬ 
rien 138 ) kann man sich nur denken, wenn 
man die Sitte, das Kind in die Getreide¬ 
schwinge oder das Getreides, zu legen, 
sich als uralt und gemeinindogermanisch, 
ja allgemein menschlich vor stellt. Paral¬ 
lelen beweisen das: In Oberägypten legt 
man das Neugeborene ungewaschen in 


ein Korns, und umgibt es mit Korn; am 
Morgen des siebenten Tages nach der 
Geburt setzt man das Kind auf ein S. 
und trägt das Neugeborene umgeben von 
Kerzenlichtern in Prozession der weib¬ 
lichen Besucher durch das Haus, während 
die Wehmutter Weizen, Gerste, Erbsen 
und Salz umherstreut, als Schutz gegen 
Schadenzauber, zum Futter für die bösen 
Geister. Man schüttelt und siebt das 
Kind, damit es den Schrecken für das 
Leben verlieren soll. Auch der Vater 
veranstaltet mit seinen Freunden ein 
Fest; das Kind wird im S. herein gebracht 
und den Gästen gezeigt 139 ). In Indien 
legt man das Neugeborene in ein S. mit 
Reis und gibt den Reis der Amme 140 ). 
In China setzt man das Kind am ersten 
Geburtstag in ein Bambuss. und legt 
allerlei Dinge hinein wie Früchte, Schmuck 
usw.; aus dem Gegenstand, den das Kind 
ergreift, weissagt man 141 ). In Monastir 
saugt das Kind nach dem Weggang des 
Priesters zum erstenmal; die Mutter, 
über deren Haupt eine Frau in einem S. 
ein Brot hält (vgl. oben A. 104), während 
jene eine Flasche Wein in der Rechten 
hält, die Symbole des Glückes, drückt 
das Kind an die Brust und bringt einige 
Tropfen Milch in seinen Mund 142 ). In 
diesen Bräuchen scheint eine Vereinigung 
von Reinigungs- und Fruchtbar¬ 
keitszeremonie vorzuliegen 143 ); eine 
besondere Deutung gibt Gruppe 144 ). 

122 ) Über das Liknon mit Lit. W. Kroll in 
Pauly-Wissowa 1 . c. 536 ff. 123 ) Th iele Däne¬ 
marks Eolkesagen 3, 83. 3S4 ff.; Mannhardt 
1 . c. 366. 124 ) J. Scheftelowitz Altpalästi - 

nensxscher Bauernglaube 65. 125 ) Alles im Ar¬ 
tikel Liknites von Kruse 1 . c. 126 ) Hesych s. v. 
327 ) Kruse 1 . c. 537. 128 ) Hymnus auf Hermes 

v. 21. 150. 129 ) Kallimachus Hymnus auf 

Zeus 1, 47. 130 ) Eisler Weltenmantcl und 

Himmelszelt 1, 185 A. 4. 1S1 ) Servius zu 

Vergil Georgica 1, 166. 132 ) Crooke 1 . c. 307. 

133 ) Stern Türkei 2,306. 134 ) Schol. zu Kalli¬ 
machos Hymnen 1, 18. 135 ) Mannhardt 

1 * c - 369 ff- 136 ) Kruse I. c. 338. 137 ) Gruppe 
1 . c. 2, 1424; Frazer 6, 97. 138 ) Eisler 1 . c. 

3, 210 A. 4. 139 ) Frazer 7, 7; Mannhardt 

1 . c. 366 ff. ; Munzinger Bilder aus Ober¬ 
ägypten Stuttgart 1877, 181; Ausland 1871, 
949 - 14 °) Frazer 7, 7. 141 ) 1 . c. 7, 6. 142 ) ZfVk. 

4, 146; vgl. Stern Türkei 2, 319. 143 ) Mann¬ 

hardt 1 . c. 351 ff.; Dieterich 1 . c.; Harrison 
1. c. 144 ) 1. c. 1424. 


21. Reinigungs- und Fruchtbarkeits¬ 
zauber vereinigt sich auch in den Vor¬ 
schriften, das Mehl 3, 7 usw.-mal zu 
sieben: In der Gegend von Ljeskovce 
sieben die Mädchen, die den Hochzeits¬ 
fladen bereiten, das Mehl durch sieben S.e. 
In einem der S.e befindet sich der Ring 
des Bräutigams und einige Nüsse. Zwei 
Knaben, der eine ein erstgeborenes Kind, 
der andere ein Findling, halten das S.; 
dabei singen die Mädchen S.lieder 145 ). 
Der aus dem ausgesiebten Mehl gebackene 
Honigkuchen wird über dem Haupt des 
Bräutigams gebrochen (vgl. oben A. 104). 

Der Tag, da man das Mehl siebt, heißt 
der Siebetag 146 ). In der Gegend von 
Struga und Kukus wird das Mehl zum 
Hochzeitsfladen in drei Trögen und drei 
S.en getrennt gesiebt; ein Kind, dessen 
Vater und Mutter noch am Leben sind, 
rührt den Teig mit Wasser und Salz 
an 147 ). Bei den Südslaven backt man 
nach dem Kindstaufmahl feierlich ein 
großes Brezelbrot. Alle Anwesenden 
müssen während des Mehlsiebens das S. 
halten; nachdem der Teig geknetet ist, 
steckt man Geldstücke hinein 148 ). Will 
bei den Südslaven ein Mann ein Mädchen 
liebest oll machen, so siebt er Mehl in 
einem verkehrten S. und macht daraus 
einen Kuchen (hier schon schwerer 
Zauber) 149 ). 

345 ) Krauß 1 . c. 439; Piprek 143. 146 ) Hoch¬ 
zeitsbuch 53. 147 ) Krauß 1 . c. 437 ff. 14S ) Ho- 

vorka-Kronfeld 2, 645. 149 ) Anthropo- 

phyteia 5, 245 Nr. 31. 

D. Das S. im Zauber xax’e£o^v 
und als Werkzeug und Attribut 
der Dämonen und Hexen. 


22. Die indische Gottheit der Krank¬ 
heiten Matangi Sakti trägt einen Besen 
und eine Getreideschwinge, mit der sie 
die Menschen siebt. Diese Schwinge ist 
ein sehr mächtiger Fetisch I50 ). Bei den 
Griechen gehört Kosko, die ,,Siebfrau“, 
wie Karko, Mormo und Baubo 151 ) usw. 
zu den Lamiae 152 ). Weiber mit S.en, 
die Zauber treiben, bezeugt uns Apollonios 
von Tyana 153 ): Weiber mit S.en besuchen 
die Schafhirten und manchmal auch die 
Rinder hirten, sie heilen die kranken 
Jungtiere, wie sie sagen durch fiavxuoj; 


1679 


Sieb 


Sieb 


1682 


1680 


l68l 


sie verlangen, daß man sie weise nennt, 
und sogar weiser als die zunftmäßigen 
jxavTsic. In einem von Wessely heraus¬ 
gegebenen Pariser Zauberpapyrus wird 
die Kraft des Gebetes noch erhöht durch 
den Zusatz Hekates: axsuoc rotXatov xocrxtvov 
uou aupßoXov 154 ). 

150 ) Crooke 1 . c. 85; Frazer 9, 145. 151 ) 

Rohde Psyche 2, 407 ff. 152 ) Vgl. Artikel 
Kosko von Gunning in Pauly-Wissow a 22. 
Halbb., 1484-1486, vgl. 1482. 153 ) Bei Phi- 

lostratos 6, 11 (22 2, 28 Kaiser). 154 ) 

Wessely Griech Zauberpapyri Abh. der 
Wiener Akad. 1888, 2303; Gunning l. c. 1485; 
vgl. 1482; Fehrle 1 . c. 548. 

23. Auch im germanischen Aberglauben 
ist das S. das Zauberattribut der Hexen 155 ): 
Das S. ist vor allem das Gerät der Wetter¬ 
hexen 156 ). In dem oben angeführten 
Gutachten der medizinischen Fakultät 
zu Rostock (1681) wird über den Ange¬ 
klagten ausgesagt: ,,Nach einer Stunde 
sahen sie P. R. auf einer Schwinge, da 
das Handgriff vorgewesen, reiten, die 
Füße von der Erde, unter der Schwinge 
waren Füße an der Erde“ 157 ). In Rheden 
bei Diepholz waren zwei Walriderske 
oder Hexen; die fuhren in einem S. von 
Holland zurück nach Rheden 158 ). Nach 
einer mündlichen Sage aus Barnoize 
fand ein Waldhüter an einem Steg, der 
durchs Korn führte, ein S.; als er es mit¬ 
nahm, lief ihm ein Frauenzimmer nach 
und rief, indem sie ängstlich auf- und 
niederlaufend etwas suchte: Wie weinen 
meine Kinder in Engelland; wie weinen 
meine Kinder in Engelland 159 ); da legte 
der Mann das S. hin, und S. und Frau 
waren verschwunden. Dieselbe Version 
bei Bechstein 160 ). Auf Rügen flog einem 
Schäfer aus einem Wirbelwind ein S.rand 
zu; als er den Rand faßte, stand sofort ein 
Mädchen neben ihm und klagte: 

Min Sevenrand, min Sevenrand, 

Wo röpt min Moder in Engelland! 

Da reichte der Schäfer dem Mädchen den 
S.rand; und sofort war es verschwun¬ 
den 161 ). Dieselbe Klage führt in Olden¬ 
burg ein Mar, der eine viehhütende Dirne 
plagte; diese suchte zusammen mit dem 
Bruder den Mar zu erwischen und be¬ 
kam nur einen S.rand zu fassen; als der 
Bursche immer weiter zog, hörte er eine 
Stimme 162 ): 


Och Säwenrand, och Säwenrand, 

Wanner kamt wi nach Engelland. 

Die schlesischen Fenesmannel und -weibel 
sollen auf Fässern und S.n wie die Hexen 
nach Amerika und wie die Maren nach 
England gefahren sein 163 ). Die erste 
Hexe in Shakespeares Macbeth ist als 
Ratte ohne Schwanz in einem S. nach 
Aleppo geschwommen (1, 3) 164 ). 

Nach einer Oldenburger Version kommt 
eine Mare auf einem S. aus England übers 
Meer gefahren, mit Kuhrippen oder 
Schulterknochen rudernd 165 ). 

15S ) Roscher 1 . c. 2, 831 A. 6; W.215; Sim- 
rock Mythol. 378 ff. 15e ) E. H. Meyer Ger¬ 
manische Mythologie 90. 157 ) Bartsch Mecklen¬ 
burg 2, 35. 158 ) Kuhn Westfalen 1, 18 Nr. 22; 

Simrock 1 . c. 475* 159 ) Kuhn-Schwartz 

262 ff. Nr. 293; Mannhardt Germanische My¬ 
then 345: vgl. Kuhn Westfalen 1, 18. 160 ) Sagen 
von Thüringen 1,133. 161 ) ZfdMyth. 2, 141 Nr. 5; 
vgl. Ranke Volkssagen 5 ff.; E. H. Meyer 
1 . c. 78. 123. 135. 175. 162 ) Müllenhoff Sagen 1 
244 Nr. 333 = 2. Aufl. 260 Nr. 388; Mann¬ 
hardt Germ. Mythen 345- 163 ) Drechsler 

Schlesien 2, 171. 164 ) Ackermann Shakespeare 

63 165 ) \v. 402; vgl. E. H. Meyer 1 . c. 175; 

ders. Mythologie der Germanen 167. 169. 

24. Das S. ist die Verwandlungs¬ 
form des Alp und Werkzeug der 
Hexen: Der Postillon Karl Maschke 
fuhr einmal von Bütow nach Berent; 
als er nach Abgabe der Postsachen ruhen 
wollte, wurde er von einem Mar gestört; 
auf der Rückfahrt morgens 4 Uhr lief 
ein S.rand vor dem Wagen her; der 
Postillon erkannte, daß es ein Mar war 
und schlug mit der Peitsche auf den 
S.rand los; da entlief der S.rand quer¬ 
feldein und rief: Lick mi im M... 166 ). 
Als in Klein-Ellgut im Kreise Öls ein 
Mädchen den Alp zum Kammerfenster 
hereinkommen sah, packte sie ihn; los¬ 
gelassen wurde der Alp zu einem S., 
streckte sich und flog summend zum 
Kammerloch hinaus 167 ). Als man zu 
Ukerath einen Werwolf fangen wollte, 
fand man drei Lichter am Wege stehen, 
über welche ein Stoppeis. gelegt war; 
da konnte man dem Werwolf nichts an¬ 
tun 168 ). Der Drac in der Languedoc 
hat siebförmige Hände 169 ). Nach der 
Tiroler Version erkennt man die Hexen 
daran, daß sie in der Kirche Milchs. auf 
dem Kopfe haben 17 °). Wenn man 





während der Christmette mit einem Ei 
unter jeder Achselhöhle die ersten drei 
Schritte rückwärts in die Kirche geht, 
und die Eier vor die Augen nimmt, 
kann man die Hexen sehen, die einen 
Schein auf dem Kopf wie ein Butters. 
haben 171 ). Andererseits darf man in 
Pommern das Milchs. wie die andern 
Milchgefäße nicht anschauen, da sie 
sonst mit dem bösen Blick bezaubert 
werden könnten 172 ). Der Pfeifer Huisele 
in Pens im Sarntal holte sich Wasser, 
mit dem er zaubern wollte, aus dem 
Durnholzer See; das Wasser holte er, 
indem er auf einen Wagen, der mit zwei 
schwarzen Katzen bespannt war, eine 
Reiter legte; aus dem S.korb rann kein 
Tropfen Wasser 173 ). 


166 ) Knoop Hinterpommern 27 ff. Nr. 49. 
167 ) Kühnau Sagen 3, 122 Nr. 1490. 188 ) Schell 
Bergische Sagen 442 Nr. 44. 189 ) Liebrecht 

Gervasius 135 A. 1; Schwartz Ursprung der 
Mythologie 8; Simrock I. c. 379. 17 °) Heyl 

Tirol 800 Nr. 244. 171 ) Bavaria 2a, 241. 172 ) Bl- 
pommVk. 3, 150. 173 ) 1 . c. 287 Nr. 104. 


25. S. im Gegenzauber: Um einen 
von einem bösen Geiste Besessenen zu 
heilen, schüttet der Ojha, der die Lokal¬ 
geister beherrscht, Gerstenkörner in ein 
S. und schüttelt dieses, bis nur noch 
einige Körner Zurückbleiben; dann bannt 
er den Geist durch das Zählen der 
Körner 174 ). In Dänemark verwendet 
man gegen die Mar ein großes S. mit 
der Vorstellung, daß die Mar, welche über 
die heilige Zahl drei nicht hinauskommt, 
erst die Löcher zählen muß, bevor sie 
schaden kann 175 ). 

Bei den Hindus treibt am Fest of 
lamps, an dem die Seelen der Ahnen das 
Haus besuchen, die älteste Frau die 
Dämonen aus; sie nimmt ein Kornsieb 
oder eine Kornwanne (beiden Dingen 
schreibt man große Zauberkraft zu) und 
schlägt damit in alle Winkel des Hauses, 
indem sie ruft: Gott bleibt hier, die 
Armut gehe fort. Das S. wird dann aus 
dem Dorfe getragen, meist nach Norden 
oder Osten; damit trägt man die Armut 
fort 176 ). In Ostpreußen bannt man den 
Alp mit einem Erbsieb 177 ). Wer nach 
der schlesischen Version ein S. über 


einen dreibeinigen Hasen (Hexe) deckt, 
findet Kot darunter 178 ). 

174 ) Crooke 99. 308. 347. 175 ) E. H. Meyer 

Mythologie der Germanen 135; Crooke 1 . c. 
307 ü.; Frazer 9, 145. 176 ) Scheftelowitz 

1 . c. 66. 177 ) W. 419. 178 ) Drechsler Schlesien 

2, 234 Nr. 610. 

26. S. im Zauber allgemein 179 ): 
Wlislocki berichtet von einem S.zauber 
der Magyaren, ohne auf Näheres einzu¬ 
gehen 18 °). In Ertingen hatte ein Hexen¬ 
meister ein S., in das der Teufel Erde 
hineinschöpfte; schwang der Hexen¬ 
meister das S., dann fielen Taler und 
Münzen unten heraus; der Teufel holte 
den Hexenmeister später während eines 
Gewitters 181 ). 

In Eschelkam in der Oberpfalz gab 
ein Mädchen dem in die Feme ziehenden 
Geliebten aus dem Milchsiebchen ein 
Haar zum Andenken; als sie nach drei 
Tagen von Sehnsucht ergriffen ward, 
sah sie das Milchsiebchen zur Türe 
hereinkommen und zum Fenster hinaus¬ 
fliegen ; dem Geliebten aber flog im fernen 
Dorf das S. zu. Später gestand er, daß 
er bei einer Hexe gewesen sei und das 
Haar habe besprechen lassen, daß, wer 
es getragen, ihm nachlaufen müsse 182 ). 
In der Gegend von Arlon gibt ein Mädchen 
einem Soldaten statt seiner Haare ein 
paar Haare von einem Haars, zum An¬ 
denken; das S. läuft dem Soldaten 
nach 18Sa ). 

Nach einer Erzählung der Malabaren 
half der Gott Vistnun den Rixijs Grund 
und Boden für einen Tempel suchen, 
indem er ein Reiss. oder eine Reiswanne 
schüttelte, wodurch das Meer zurück¬ 
trat ; der Gott des Wassers aber ver¬ 
wandelte sich in weiße Ameisen und zer¬ 
fraß das S. 183 ). Der St. Florianer 
Papierkodex rät: Item durich ain reitter 
saicht ainew, so tanczt man mit ir gern 
vor für die andern 184 ); ferner: das man 
mit ainer var tancz das sy zu dem 
tancz get, so siez sy auf ainn drifues 
oder sy saicht durich ain reitter 185 ) 
(Vgl. durch einen Ring urinieren gegen 
fascinatio) 186 ). 

179 ) Grimm Mythol. 2, 913. 180 ) Magyaren 

122. 181 ) Birlinger Volkstümliches 1, 317 

Nr. 508; Fischer Wb. 5, 1380. 182 ) Schön- 


i68 3 


Sieb 


Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben 


1686 



werth Oberpfalz 1, 132 ff. Nr. 3; Ranke Volks¬ 
sagen 26. 182a ) Gredt Luxemburg 476 ff. 

Nr. 243. 183 ) Philipp Baldaeus Beschreibung 
der ostindischen Küsten Malabar und Coro- 
mandel Amsterdam 1672, 496b; ZfVk. 12, 113 
A. 2; Zachariae Kleine Schriften 244. 
184 ) Grimm Mythol. 3, 418 Nr. 36. 185 ) 1 . c. 419 
Nr. 60. 186 ) Bächtold Hochzeit 1, 177; Selig¬ 

mann i, 302 (durch Ring, Besen und Loch). 

27. Sieborakel: Die finnischen Wahr¬ 
sager werfen auf ein S. ein Stückchen 
Brot und Kohle; wenn in dem Moment, 
in dem man einen Wunsch ausspricht, ein 
Pendel zwischen den beiden Stückchen 
sich bewegt, geht der Wunsch in Erfül¬ 
lung 186a ). In Schottland stellt man 
folgendes Orakel an, um etwas über 
die Zukünftige zu erfahren: Man geht 
in die Scheune und öffnet beide Tore, 
womöglich hebt man die Tore aus 
den Angeln; dann führt man mit einem 
S. oder einer Kornreiter dreimal in des 
Teufels Namen die Aktion des Korn- 
siebens aus; dann kommt die Zukünftige 
durch das Windtor herein und zum andern 
Tor hinaus 187 ). Bei den Hochzeiten der 
Pulayars in Travankore ist folgendes 
Liebesorakel üblich: In der Dämmerung 
dreht man eine Muschel in einem S. und 
beobachtet, wohin die Muschel fällt; 
wenn sie nach Norden fällt, ist das 
günstig; die Südrichtung ist die ungün¬ 
stigste 188 ). Bei den Südslaven legt man 
am Johannistag so viel weiße Johannis¬ 
blumen in ein S., als Personen im Hause 
sind und denkt jeder Person eine Blume 
zu; wessen Blume zuerst welkt, der stirbt 
im selben Jahr 189 ). Dasselbe Orakel 
stellen die Zigeuner am St. Georgsfest 
an 190 ). 

186a) Busch an Völkerkunde 3, 421. 187 ) 

Frazer 10, 236. 188 ) ZfVk. 14, 406. 18d ) 

Krauß Rel. Brauch 34. 19 °) Wlislocki Zi¬ 

geuner 148. 

28. Siebdrehen s. Sp. 1686ff. 

29. S. im Heilzauber: In den meisten, 
besonders in den indischen Gebräuchen 
handelt es sich um reinigend-apotro- 
päische Zeremonien gegen Krankheits¬ 
dämonen (vgl. Gegenzauber § 25): In 
den von F. M. Müller herausgegebenen 
,,Hymns of the Atharva-Veda“ handelt 
es sich um Heilgesänge und Zeremonien 
gegen bestimmte Krankheiten; letztere 


sind sehr undurchsichtig: In einem Zau¬ 
ber gegen Husten und Kopfschmerzen 
trägt der Patient in der linken Hand ge¬ 
röstete Körner in einem S. (vgl. A 95) und 
streut die Körner mit der Linken aus m ). 
Auch in einer andern sehr komplizierten 
Reinigungszeremonie gegen Krankheits¬ 
dämonen wirft der Patient die geopferten 
Gegenstände in ein S. 192 ). In einer 
andern symbolischen Zeremonie gegen 
alle Krankheitsdämonen werden ge¬ 
röstete Getreidekörner in einem S. ge¬ 
reinigt und dann auf den Weg gewor¬ 
fen 193 ). Wenn man in Indien auf Grund 
des Horoskopes Krankheit befürchtet, 
wird das Kind in Scharlach gewickelt 
(apotr. Zauberfarbe), in ein S. gelegt 
und dann durch die Hinterbeine einer 
Kuh durchgezogen 194 ). Reinigungs- und 
Analogiezauber (durchschlüpfen) ver¬ 
bindet sich in dem bekannten römischen 
Brauch, mit dem man den Frauen die 
Geburt erleichterte: Cribro in limite 
abjecto herbae intus exstantes decerptae 
adalligataeque gravidis partus adce- 
lerant 195 ). Nach der rabbinischen Heil¬ 
magie soll man über ein Kind, das puls¬ 
los ist (so lehrt die Pflegemutter des 
babylonischen Lehrers Abajji), ein S. hin- 
und her schwenken 196 ). 

Um die Augenkrankheit loszubekom¬ 
men, wirft der Japaner drei Bohnen in 
den Brunnen seines Hauses; dabei hält er 
ein Sieb so über den Brunnenrand, daß 
es sich nur halb im Brunnen spiegelt; 
nach der Genesung läßt man das S. sich 
ganz im Wasser spiegeln und opfert wieder 
drei Bohnen 197 ). 

Gegen Magenbeschwerden legt man 
bei den Huzulen ein S. auf den Magen des 
Kranken und läßt durch dieses Wasser, 
in dem Kohlen gelöscht wurden, tropfen 198 ). 

191 ) The sacred booksof the east 42, 248. 192 ) 1 . c. 
519. 193 ) 1 . c. 473. 194 ) ZfVk. 12, 112 ff . 195 ) Pli - 
nius Nat. hist. 24, 171; vgl. Fehrle 1 . c. 547; 
Grimm Mythol. 2, 1004; 3, 352. 196 ) ARw. 

2i, 235. 197 ) H ovorka-Kronfeld 2, 791 ff . 

198 ) 1. c. 2, 84. 

30. S. im Viehbesprechen und im Vieh¬ 
heilzauber: Oben wurde die Stelle aus 
Apollonios zitiert, nach der alte Weiber 
mit dem S. das Vieh heilten (Anm. 153). 
Kranke Hühner, die an pituita (Ver- 



schleimung) litten, setzte man auf ein 
S. (Wicken- oder Hirses.) und räucherte 
sie mit Polei 199 ). 

Ausgeschlüpfte Gänseküchlein muß 
man in der Mark in einem S.e räuchern, 
und zwar nimmt man als Räucherwerk 
etwas vom Schwänze eines Küchleins, 
etwas aus dem Brutnest und einige 
Daunen von den Gänsen 20 °); dann steckt 
man sie durch die Öffnung eines Pferde¬ 
schädels oder durch das Astloch eines 
Eichenklobens. 

Die kleinen Hühner und Gänse werden 
in Pommern in ein S. getan und mit 
Pulver beräuchert: dann tun ihnen die 
Krähen nichts 201 ). Kranke Hühner 
schwenkt man im Harz 202 ) in einem S. 
über das Kohlenfeuer hin und her. In 
Hornhausen im Halberstädtischen hält 
man die jungen Gänse über das Feuer 203 ). 

Im Katalog der abergläubischen Ge¬ 
bräuche im Tosefta Sabbat heißt es: 
Wenn eine Frau die Küchlein im S. siebt, 
und wenn eine Frau Eisen zwischen die 
Küchlein legt, so ist das erlaubt 204 ). 
Die böhmische Hausfrau dreht die Gänse 
beim Setzen dreimal in der Stube herum, 
dann setzt sie sie auf das Nest von 
Erbsenstroh in ein S. 205 ). Nach dem 
Ausschlupfen beräuchert sie die Jungen 
in einem S. mit Hammerschlag, dem 
zarten Flaum der Gänschen, geweihten 
Palmen, Rosenblättern und Seidelbast 
und Nessel 206 ). In Elbekosteletz werden 
die jungen Gänschen, damit sie nicht 
krank werden, in ein S. gelegt, das über 
einem Kohlenfeuer hängt; dort werden 
ihnen die zarten Flaumfedern am 
Schwänze abgeschnitten und in das 
Kohlenbecken geworfen 207 ). ,,Besiehe 

das Vieh, so Läuse hat, mit gebrannter 
Zwöftenbuchenasche; das ist aber nur 
für die kleinen Läuse; für die großen 
brenne Erbsenstroh zu Asche und besiehe 
damit das Vieh“ (Mecklenburg, Tessin 208 )). 
Item so ain chue ain erstchalb trait, so 
nimpt die peyrinn ain aichenlaub, und 
stekcht ain nadel darin und lecht es 
enmitten in den sechter, und nymt dann 
das uberruckh mit dem gor und Spindel 
ab dem rokchen und stekcht es auch 
enmitten in den sechter, so mag man der 1 


chue nicht nemen die milich und des 
ersten milich sy in den sechter, do das 
ding in stekcht, die selb chue am ersten, 
die weil das dinkch dar inn stekcht 209 ). 
Damit die Hühner nicht verlegen, läßt 
man in Mergentheim am Karfreitag alle 
Hühner aus einem S. fressen 210 ). 

199 )Columella 8, 5; Pauly-Wissowa 1, 91; 
11, 1484; ARw. 2i, 235 ff.] ZfVk. 3, 39; Fehrle 
1 . c. 548; W. 677. 20 °) Kuhn Mark 381 Nr. 40; 

ZfVk. 1 . c. ; Seefried-Gulgowski Kaschubei 
176; Berthold Unverwundbarkeit 40. 201 ) Bl- 

pommVk. 3,90. 202 )W. 676. 203 )ZfdMyth. 1, 202. 

204 ) ARw. 21, 235; Scheftelowitz 1 . c. 66. 

205 ) G roh mann Aberglaube 139 Nr. 1021. 

206 ) 1 . c. 140. 207 ) 1 . c. 140 Nr. 1027; W. 676 — 77. 

208 ) Bartsch Mecklenburg 2, 152 Nr. 684. 

209 ) Grimm Mythol. 3, 416 Nr. 18. 21 °) Eber¬ 

hardt Landwirtschaft Nr. 3, 21. 

31. Am Matthiastag darf man bei den 
Esten keine Spindel sehen lassen, damit die 
Schlangen keinen Schaden zufügen, auch 
kein S., damit es in diesem Jahre nicht 
viel Fliegen und Ungeziefer gibt 211 ). 
Manche lassen sich zu Fastnacht mit der 
Schafschurschere die Spitzen der Kopf¬ 
haare abschneiden und auf den Boden 
eines S.es stellen; dann wachsen die Haare 
lang und schön 212 ). In der Gegend von 
Timowo in Bulgarien siebt die Hausfrau 
am Weihnachtsabend in einem groß- 
löcherigen S. Hafer und Spelt über die 
Schlafenden und spricht: In diesem Haus 
soll es heute viele Hühner, Enten, Kälber 
usw. geben 212a ). Im Banat steht am 
Weihnachtsabend in manchen Orten vom 
Eintritt der Dämmerung bis zum Morgen 
ein S., in welches ein Nest gemacht ist 
und worin man gerebelten Mais legt, damit 
das kommende Jahr viele Hühner bringe. 
Das S. soll nicht umgestoßen werden, 
sonst sitzen die Bruthennen unruhig und 
die Küchlein laufen fort 212b ). 

211 ) Bcecler Ehsten 77/79. 212 ) 1 . c. 80. 

212a) Arnaudoff Bulgarien 18. 212b) Bell 

Das Deutschtum im Ausland (1926) 124. 

Eckstein. 

Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben 

(s.a. Koskinomantie). 1. Der Begriff xocrxt- 
vGjjLavTeia und Stand der xoaxtvojiavieic 
waren im Altertum vorhanden: Den 
ältesten Beleg finden wir bei Theokrit 2 ) 
in seinem dritten Gedicht, wo er eine 
Agroio als xoaxtvofAavttc bezeichnet; 
aus den Scholien 2 ) geht hervor, daß es 


1687 


Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben 


Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben 


• • 


ein armes Weib war, das Afiren aut dem 
Felde las; wenn Ganschinietz 3 ) daraus 
vermutet, daß die Ähren eine Rolle beim 
Weissagen spielten, so dürfte wohl diese 
Interpretation durch Wortlaut und Sinn 
nicht zu begründen sein. Apollonius von 
Tyana 4 ) berichtet von weisen Frauen, 
die Herdenkrankheiten mit dem Sieb 
besprachen und sich p.avru nannten; 
dieses Milieu paßt zu dem bei Theokrit 
geschilderten. Die andern Stellen (Lu- 
kian 5 ), Pollux 6 ), im Traumbuch des 
Artemidor 7 ), bei Josephus 8 ) und Choiro- 
boskos in den Anekdota Bekkers 9 )) bieten 
nur die Tatsache der Koskinomantie. 
Über die Praxis der antiken Koskino¬ 
mantie wissen wir gar nichts. 

*) 3, 31: Elfte xat ’Aypouü xctXaO^a xor/ivoua- 
vxt;. Jahrb. d. K. d. archaeol. Instituts, 
Erg. Heft 6 (B. 1905), 48; A. Bouche-Le- 
clerq Histoire de la divination dans l'antiquitb 
1 (Paris 1879), 183. 2 ) p. 120 Wendel: f, rapa- 

xoXoufloOsa xotc iHeptaral; xai too; axa/ua; avaXe- 
70jjivjj; Stemplinger Antiker Aberglaube 56. 
3 ) Pauly-Wissowa 11, 1481 ff. 4 ) Bei Phi- 
lostratos 6, 11 (222, 28 Kayser): yoae; avr)u- 
ptivat xosxtva <c>otxu>atv iizi rotuiva;, ote 5 e xai 
ßouxdXooc, (uip-evai xd voaouvta xuiv ftpcu^dxtov 
jAavTtxirj, u>; 'faaiv. d£ioOai 0 i aoWi < 5 vo[Ad£ea#ai 
xal 3 o<pitmpai 7j ol aTeyvdi; p.avxeic. ß ) Alex¬ 
ander Pseudomantis c. 9 (— 2, 120, 3 

Jakobitz): xosxi'voj xd xoü Xoyou pavxti»dp.cvoc 
(die Paphlagonier als Gaukler u. Spiritisten). 
6 ) 7, 188 (— 318 ff. Bekker) dXcpixopdvxstc ... 
xo5xtvopctVTEic. 7 ) 2, 69 (= 161, 20 Hercher): 
03 a ydp dv X^w 3 i... xo 3 xtvop.dvxetc. . . rdvxa 

xai dviurd^Taxa yprj voptCEiv. xal ydp at xfyvat 
ajxujv ttei xotaOxat xal adxr,; p.iv pavxtxf}; ou 5 e 
ßpayj faam, yoTjxEuovxcC hi xai aTraTÜivTec är:o 5 i- 
odaxojat xob{ EvruyydvovTa;. 8 ) Migne Patro - 
logia graeca 160: die 23te pavxtla 7rap’ a EXX7)3iv 
ist: ^ ota xocxi'vou. ®) Bekker Anecdota 3, 
1193: xoaxtvdfxavxi;. .. dXEupduavxtc. 

2. Plötzlich taucht in den Werken des 
16. und 17. Jahrhunderts die Koskino¬ 
mantie wieder auf mit einer ganz be¬ 
stimmten Technik. Wohl den ältesten 
Beleg bietet ein Gedicht aus dem Kreis 
des Strickers 10 ): 

Und das ein wlp ein sib tribe 
Sünder vleisch und sunder ribe, 

Dä. nicht inne waere, 

das sind alles gelogniu maere. 

Wohl eine der ältesten Beschreibungen 
mit Abbildung (s. d.) bietet Georg 
Pictorius aus Villingen in seiner Ab¬ 
handlung de speciebus magiae cere- 
monialis, wo er die Arten derMantik auf¬ 


1688 

zählt: Die Koskinomantie gibt Auskunft 
über Diebstahl, über geheime Verbrechen 
und über eine Wunde, die man von 
einem Unbekannten empfangen hat; die 
auch in den folgenden Belegen des 16. 
und 17. Jh.s oft unklare Beschreibung 
der Technik des Siebhaltens geht aus der 
Figur klar hervor; vor allem ist die 
besondere Art der Schere zu beachten; 
die Worte lauten: dies, mies, ieschet, 
benedoefet, dovvina, enitemaus. Pic¬ 
torius hat dieses Orakel selbst gebraucht: 
Vor rund dreißig Jahren (um 1530) habe 
ich diese Art der Divination selbst ge¬ 
braucht zuerst wegen eines Diebstahles, 
dann wegen eines Jagdnetzes, das mir 
ein Mißgünstiger durchschnitt, drittens 
wegen eines verlorenen Hundes, und immer 
habe ich erfahren, daß der Würfel nach 
Wunsch fiel; später aber habe ich es 
sein lassen aus Furcht, daß der Teufel 
mir gegen die Natur die Wahrheit ent¬ 
deckte und mir den Mund zuschmierte 
und durch seine Verfügung mich in seine 
Falle lockte. Diese Divination hielt man 
sonst für zuverlässiger, wie auch Erasmus 
im Sprichwort schreibt: cribro divi- 
nare 11 ) = stulte de rebus occultis divi- 
nare 12 ). Hermann Neuwaldt bietet die 
bei Pictorius beschriebene Technik, 
erwähnt aber Diebsegen, die von Petrus 
und Paulus handeln 13 ). Die K. wurde 
in der Gesellschaft als Kuriosum vorge¬ 
führt: Bodinus erzählt in seiner Daemo- 
nologia, daß er in Paris um das Jahr 1583 
in einer vornehmen Gesellschaft zusah, 
wie ein junger Mann bei Anwesenheit 
berühmter Männer ein S. laufen ließ, 
ohne es zu berühren, nur durch Hersagen 
einiger französischer Wörter; daß aber, 
meint Bodinus, hinter dieser Manipula¬ 
tion eine teuflische Kunst steckte, gehe 
daraus hervor, daß ein anderer in Ab¬ 
wesenheit des Siebzauberers mit den¬ 
selben Worten das S. nicht zum Laufen 
brachte 14 ). Kaspar Peucer in seinem 
Commentarius erwähnt unter den in- 
cantationes zusammen mit der Axino- 
mantie (s. d.) die K. zur Aufdeckung ver¬ 
borgener Verbrechen. Diese übt man aus, 
indem man ein S. auf einer Schere auf¬ 
setzt und die Schere nur mit zwei Fingern 




I 

I 


0 

k 


I689 

ergreift und in die Höhe hebt; hierauf 
spricht man ein Gebet und sagt den 
Namen der Verdächtigen; wenn nach 
der Nennung eines Verdächtigen das S. 
zittert pder sich bewegt oder dreht (tremit 
vel nutat vel convertitur), klagt man 
den als verdächtig an 15 ). Schröder (1563): 
Dar hen under gehören ok de, de wat 
vorlaren hebben, edder wenn en wat 
gestalen ys, so besöken se de Tatern 
(Zigeuner), de Warsager, de Thöverers, 
de schölen ydt en vorkündigen, wol dat 
gedan hefft, de moten en dat Seve laten 
ummelopen, welcker wysen schal up den 
Deeff, und den melden 16 ). In seiner 
Schrift de magis infamibus erwähnt Wierus 
(= Weier) unter den vielen Arten der 
Manteia auch zusammen mit der Axino- 
manteia die Koskinomanteia mit denselben 
Worten wie Peucer, nur zitiert er die 
adjuratio per sex verba: dies,nues, jeschet, 
benedoefer, donuina, enitemaus 17 ). 
Waldschmidt weist in seiner fünften 
Predigt auf Peucerus, Wierus und Bodinus 
hin: Wie auch die Coscinomantia die 
S.Wahrsagung, durch welche sie die Dieb 
und andere verborgene Ding erkundigten, 
dann sie nahmen eine Zang in zween 
Finger / legten ein Sieb darauff / und 
sprachen ihr gewöhnliche Zauberwort / 
wann sie nun des Thäters Namen nen- 
neten / so zitterte das Sieb und bewegte 
sich / und ist des Dings noch vielmehr 
gewesen / so sie zum Wahrsagen gebraucht / 
ist nicht möglich alles in kurtzer Zeit zu 
erzählen / es habens der Länge nach 
Peucerus, Wierus und Bodinus beschrie¬ 
ben 18 ). Der Stendaler Pfarrer Daniel 
Schalter wettert in seinen acht Predigten 
von Zauberhändeln gegen die, welche 
mit Kristallen, Spiegeln, Ringen, Becken 
und S.en augurieren lö ). 

David Herlicius schreibt: Eine andere 
noch teuflischere Weissagekunst ist die 
Coscinomantia, welche lehrt, daß durch 
ein S. auf Drängen des Teufels geweissagt 
werde; wer der Urheber irgendeiner Tat 
sei, wer diesen Diebstahl begangen habe, 
wer diese Wunde geschlagen habe, ob 
dieser oder jener Bursche der Verlobte 
des Mädchens sein werde oder was derlei 
ist. Sie hangen nämlich zwischen den 


1690 

Mittelfingern von zwei einander gegen¬ 
überstehenden Personen das S. mittels 
einer Zange auf und zitieren durch Worte, 
die sie selbst nicht verstehen, den Teufel 
herbei, damit nach Nennung des Schul¬ 
digen das S. sich sofort dreht; damit 
vergleicht der Autor die Axinomantie 20 ). 
Dazu stellt Praetorius das Orakel mit 
einem Schlüssel, den man mit einem 
Papier umwickelt, auf dem der Name 
des vermuteten Diebes geschrieben steht; 
den Schlüssel hängt man an einem hei¬ 
ligen Buch auf; beim Nennen des wahren 
Diebes bewegt sich der Schlüssel 21 ). 
Herrenschmid in seiner Sündenrolle be¬ 
schreibt nach der Verwerfung des Schlüs¬ 
selorakels das „ Sieblauf en“: Man nimmt 
eine Zange in zwei Finger, leget ein S. 
darauf und spricht sonderbare Worte 
darüber; wenn man den Namen des 
Diebes nennt, schwenkt sich das S. oder 
bewegt sich wenigstens 22 ). 

F. Balduin erwähnt die Koskinomantia 
nur kurz 23 ); nach ihm war eine besondere 
Art folgende: Man legte Zettel in ein S., 
und wenn man beim Nennen eines Ver¬ 
dächtigen den Zettel mit dem Namen 
des Petrus zog, war der Verdächtige 
überführt 24 ). Eine besondere Technik 
hatte man nach Praetorius in Polen 25 ): 
In Polen haben sie folgende Sitte von den 
Vätern übernommen: Sie nehmen so viel 
Zettel als sie Leute im Verdacht haben 
und schreiben auf diese Zettel die Namen 
und legen sie in ein S.; das bringen sie 
in eine Kufe mit Wasser; alle Zettel 
werden naß, nur der nicht, der den 
Namen des Schuldigen trägt (hier wirkt 
die Wasserprobe ein). Der Züricher 
Pfarrer J. Müller schreibt 1646: da etlich 
eine schär darsetzen auff ein sieb und 
murmeln gewüsse wort: die schär durch 
satans trieb indessen auff dem Geschirr 
ganz ungeheuer umbrennet, wann eine 
die nit fromb mit nammen wird genen- 
net 26 ). Der Pfarrer Barth. Anhorn zählt 
unter den Manteiai auf: D. Die Sieb- 
Zang- Axt- oder Beilzauberey ist laider 
under den Christen viel gemeiner als gut 
ist / verborgener Dingen / Diebställen / und 
dessen was verloren worden / Offenbahrung 
zu suchen; da man ein Zang in zween 







Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben 




Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben 



Finger nimmt / oder ein Axt / oder Beil in 
einen runden Pfahl schlage / ein Sieb drauf 
setzt / sonderbare Zauberwort spricht / 
und die Namen derer / die in dem Arg¬ 
wohn sind / einanderen nach nennet. 
Wann man dann den Namen dessen 
nennet / der schuldig ist / und dieses oder 
jenes gestohlen hat / so soll sich das Sieb 
schwenken / oder wenigst bewegen und 
zittern 27 ). Alle diese und noch andere 
Zeugnisse benutzt Praetorius in seiner 
Monographie; darin viele absurde Deu¬ 
tungen, so die etymologischen Erklä¬ 
rungen 28 ), und ,,Teufel und S.“ 29 ). 
Fischer in seinem Kompilationswerk gibt 
seiner Beschreibung des Zaubers eine 
Abbildung bei, die eine von der allgemein 
üblichen Zeremonie abweichende Version 
bietet: zwei Weiber halten das S. an der 
Schenkelspitze einer Schere, während der 
weise Mann dieWorte sagt 30 ). Die übliche 
Technik bieten Tharsander 31 ) und Agrippa 
von Nettesheim 32 ). Nach Agrippa war 
zu seiner Zeit das S.drehen besonders 
in Frankreich im Schwünge bei Bürgern 
und Bauern 33 ). Nach Maimonides wurde 
die Kunst auch von den Hebräern ge¬ 
übt 34 ). Einen Fall kennen wir aus den 
Akten von Günzburg aus dem 17. Jh.: 
die Angeklagte wurde überführt und zur 
Geige verurteilt 35 ); in einem Prozeß 1708 
wird ebenfalls das Laufen des S.es er¬ 
wähnt 36 ). Im Hexenprozeß gegen Anna 
Maria Everkams 1676 ist das S.drehen 
das kriminelle Verbrechen; die Angeklagte 
hatte für eine Frau in Zemlin, der ein 
Hemd gestohlen war, das Erbs. laufen 
lassen mit dem Spruch: St. Peter, St. Pa- 
gel. St. Matthias 37 ). 

10 ) Grimm Mythol. 2, 928. n ) De illorum 
daemonum, qui süb lunari collimitio versantur, 

ortu, nominibus . per Georgium Pic- 

torium Villinganum; quibus accedit De 
speciebus magiae ceremonialis .. . Basileae 1563, 
63 ff.; Zedier 37, 1039 ff. 12 ) M. Joh. Prae¬ 
torius De coscinomantia oder vom Sieblauffe 
diatribe curiosa Curiae Variscorum 1677, L. 3. 
13 ) Hermann Neuwaldt Exegesis purgationis 
sive examinis sagarum super aquam frigidam 
proiectarum ... Helmstadt 1584, F. 5 ff. 14 ) De 
magorum daemonomania libri 4: lib. 2 cap. 1 
Frankfurt 1603, 151. 15 ) Commentarius de 

praecipuis generibus divinationum . .. Witten¬ 
berg 1560, 170b (de fatbooi;). 16 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 330 Nr. 1601a. 17 ) Johannis 


Wieri Opera omnia Amsterdam 1660, 134 T. 11. 
18 ) Pythonissa endorea das ist: acht und zwantzig 

Hexen- und Gespenst-Predigten . von 

M. Bernhardo Waldschmidt Frankf. 1660, 
100 ff. 19 ) Daniel Schalter acht Predigen von 
Zauberhändeln Stendal 1611; Praetorius 1 . c. 
H. 4. 20 ) David Herlicius Orationes lib . 1, 

Greifswald 1602; Praetorius 1 . c. A. 2. 21 ) 

Praetorius I. c. C. 22 ) Jak. Ad. Herren¬ 
schmied Sündenrolle p. 4 ff.; Praetorius 1 . c. 
C. 23 ) Friedericus Balduinus de casibus cons- 
cientiae Wittenberg 1628, 769. 24 )1. c.771. 25 )l.c. 
C 2 ff. 26 ) Vorrede zu Rud. Gwerbs leuth - und 
vyschbesägnen Zürich 1646; ZfdMyth. 4, 131. 
27 ) Anhorn Magiologia 519. 773; Meyer 

Aberglaube 284. 28 ) 1 . c. L 3 ff. 29 ) 1 . c. K 4 ff. 
30 ) Aberglaube 297. 31 ) Tharsander 2, 182. 
32 ) 4, 179; 5, 363 ff. 33 ) Carus Sterne Die 
Wahrsagung aus den Bewegungen lebloser Körper 
Weimar 1862, 136. 34 ) 1 . c. 134; Molitor Philo¬ 
sophie der Geschichte 1839, 1,316. 35 )Birlinger 
Schwaben 2, 496. 38 ) Akten des bad. General¬ 
landesarchivs Breisgau Generalia 2120. 37 ) Bl- 

pommVk. 4, 139, 11. 

3. Die S.dreher werden oft unter den 
Zauberern und Wahrsagern genannt: aut 
qui ariolos suscitaturi inspectores cribro- 
rum pro cognoscendis furtis et observant 
somnia 38 ). Grimmelshausen erwähnt 
im Simplicissimus einen Profos: er war 
ein rechter Schwarzkünstler, S.dreher und 
Teufelsbanner 39 ). Im Vogelnest 2. Teil 
cap. 1 bringt er schwarzkünstlerische 
Lumpen, S.träher und Segensprecher 40 ); 
im cap. 2 werden neben den Teufels- 
bannern die S.dreher genannt 41 ). Nach 
Anhom wurde ein S.dreher am 17. Tag 
des Oktober 1629 vom Rat in Basel dazu 
verurteilt, in der Kirche St. Leonhard 
öffentliche Kirchenbuße zu leisten 42 ). In 
Westböhmen kennt man noch beson¬ 
dere S.dreher 43 ). 

38 ) Schönbach Berth. von Regensburg 135. 
3# ) Buch 2 cap. 22; Amersbach Grimmels¬ 
hausen 1, 28. 40 ) 4, 15, 18 Kurz. 41 ) 4, 21, 22 
Kurz; Amersbach Grimmelshausen 2, 76. 

42 ) Magiologia 1048; ZfdMyth. 4, 131. 43 ) John 
Westböhmen 275. 

4. Die Technik des S.drehens ist nicht 
einheitlich; am gebräuchlichsten war die 
von Pictorius gezeichnete, die auch in den 
obigen Belegen in der Regel sich findet; 
diese gebräuchlichste Art beschreibt auch 
der Scharfrichter Huß in seinem Buch 
vom Aberglauben 44 ): Nun nihmt der 
gescheite Mann das Erbs. und stecket 
auf den Raif die offene Erbschere, an 
denen zwey Ohren haltet zu jeder Seite 


y 





einer mit dem Zeigfinger das Ohr, nach 
einem langen geheimen Gemurmel und 
Vorstellungen, bey welchen Namen sich 
das S. umdrehet, dieser oder diese soll 
und muß der Dieb sein. 

Nach den Gerichtsakten der Herr¬ 
schaft Pernstein 1750 holte ein Bauer, 
dem ein Faß Butter gestohlen wurde, 
einen weisen Mann, um den Ort zu 
finden, wo das Faß versteckt war; dieser 
steckte eine Schneiderschere in eine 
Haberreiter und lehnte die Reiter an 
die Stallwand; dann kniete er nieder und 
betete barhäuptig ein Vaterunser und 
ein Avemaria; darauf mußte einer die 
Schere bei dem Griff auswendig halten; 
ein zweiter mußte die verdächtigen Orte 
hersagen, während dessen sprach der 
Meister das Sieb an mit den Worten: Hei¬ 
liger Petrus und Paulus, befindet sich 
das Schmalz an diesem Ort, so gehe, ist 
es aber allda nicht, so stehe 45 ). 

Alte schweizer Handschrift 46 ): Man 
nimbt eine Kornreitern und eine Schaf¬ 
schär. Steckt die Schär in den drei 
höchsten Namen oben in die Reitern, 
dann stehen zwei gegen einander und 
nehmen die Schär in welchen die Reitern 
hangend ist, dann spricht einer: Dies, 
mies, Mues, fette Mus, Muß in Asch; 
benedicto Sanktpetrus Sanktpaulus, ich 

frage euch, hat J. Str. dem 

J. St. eine Kupfergelten ge- 

stollen, so trä di, hat er dies aber nicht 
genohmen, so bleib stehn. In einer alten 
Vorschrift aus Schwaben ist die Technik 
genau die von Pictorius beschriebene; 
hier spricht der, bei dem nicht gestohlen 
wurde: Paulus hat gestohlen im Namen 
usw. (dreimal); dann nennt man die ver¬ 
meintliche Diebsperson und sagt: N. N. 
gestohlen im Namen usw. (dreimal). 
Wendet sich das S., so weiß man den 
Dieb 47 ). Meier beschreibt die schwä¬ 
bische Praxis ebenso, und fährt fort: 
Jetzt fragt der eine: Soll ich dies Jahr 
noch heiraten? Wird mein Vater bald 
sterben? hat der und der mir das Holz 
gestohlen? Bejaht das Sieb eine Frage, 
so dreht sichs bei dem Fragenden ge¬ 
waltsam von der rechten zur linken 
Seite 48 ). Aus einem Privatbrief (1868): 


Man nimmt ein Ährensieb, steckt die 
Spitzen einer geöffneten Schere hinein, 
die zwei Personen mit einem Finger, dem 
längsten der Hand, halten, während eine 
Person das bekannte Evangelium Im 
Anfang war das Wort usw. betet; nun 
denken sämtliche Personen auf eine 
verdächtige Person; hat dieselbe wirklich 
den Diebstahl vollbracht, so dreht sich 
das S. um. Habe gestern selbst das 
Orakulum mit gemacht 49 ). 

In Westböhmen nimmt man den 
Mittel- oder Zeigefinger beim Sieb- oder 
Raddrehen 50 ); ein Dritter spricht den 
Namen der verdächtigen Person aus 51 ). 
In Böhmen nimmt der Beschwörer ein S., 
befestigt in der Mitte eine Schere und 
hält diese beim Griff mit den Worten: 
Heiliger Johann, Kilian, ich bitte euch 
um der Wunden Christi willen, sagt mir, 
ob die Sachen N. gestohlen hat 52 ). Sieber 
beschreibt die Methode der ,,klugen 
Frauen“ im böhmischen Wittigtale: Eine 
dreimal vererbte Schere wurde ge¬ 
öffnet und mit gespreizten Schenkeln fest 
in die Siebrechen eines dreimal ver¬ 
erbten Siebes mit Holzboden einge¬ 
stochen ; der den Dieb Suchende mußte den 
kleinen Finger der rechten Hand in den 
einen Scherenring stecken, in den andern 
Ring griff die kluge Frau; unter geheimen 
Formeln und unter Kreuzschlagen zählte 
sie die Namen der Verdächtigen auf; 
beim Nennen des Diebes bewegte sich 
das Sieb 52a ). Im Landbezirk Znaim 
in Mähren nimmt die Hausfrau die 
Zeremonie vor; sie denkt dabei an 
den Dieb, den sie im Verdacht hat; 
ist dieser der Dieb, so dreht sich das 
Sieb im Halbkreis 53 ). In Mecklenburg ist 
die Technik, die von Bassewitz beschrie¬ 
ben wird, sehr unklar 54 ). In Waldeck 
finden wir die übliche Technik mit dem 
Spruch: Im Namen Gottes des Vaters 
usw. 55 ). Das Schöffengericht zu Greifen¬ 
berg i. A. verurteilte ein Mädchen auf 
Grund des Siebdrehens 56 ). Zwei Per¬ 
sonen verschiedenen Geschlechts 
halten (in Schlesien) ein Erbsieb an einer 
weitgeöffneten Erbschere schwebend, in¬ 
dem jede einen Griff der Schere auf der 
Spitze des rechten Mittelfingers, ganz 








1695 


Siebdrehen, S.eblaufen, Siebtreiben 


I696 


leicht aufliegend, hält. Die eine Person 
sagt: Peter und Paul hat geschrieben, 
N. N. hat das gestohlen; die andere sagt: 
Peter und Paul hat geschrieben; durch 
eine Drehung entscheidet das Sieb, wer 
von beiden recht hat (Kätscher, Kreuz¬ 
birg 67 )). 

Eine sehr einfache Methode bestand 
darin, daß man die Mitte des Sieb¬ 
geflechtes mit zwei Fingern wie mit einer 
Radwelle hielt und auf die Bewegung 
achtete 58 ). 

Das Orakel mit Sieb und Schere ist 
für England im Glossarium von Brocket 
bezeugt. In Northumberland stellen die 
jungen Leute um Mitternacht zwischen 
zwei offenen Toren durch Siebdrehen ein 
Liebesaugurium an 59 ). Das Siebdrehen 
ist in derselben Form in Hessen 60 ) be¬ 
legt, in Braunschweig 61 ), außerdem in 
Bosnien 62 ), in Siebenbürgen bei einer 
Feuersbrunst 63 ), weiteres bei Panzer 64 ), 
Enslin 65 ), Sartori 66 ), Fehrle 67 ), Lieb¬ 
recht 68 ). Abzulehnen ist die Tamfana- 
Hypothese von Grimm 69 ) und Sim- 
rock 70 ). Höpler berichtet von einem 
Fall, wo in Wien im April 1898 das Sieb¬ 
laufen geübt wurde 70a ). 

44 ) Huß Aberglaube 24 ff.; ARw. 19, 549; 
ZföVk. 6, 118; John Westböhmen 275; Bavaria 
4 > 395 - <6 ) Baumgarten Heimat 1864, 85 ff. 

4Ö ) SAVk. 2, 266 ff. 47 ) Birlinger Schwaben 
L 453 ; Fischer Wb. 5, 1380. 48 ) Schwaben 1, 

282 ff. Nr. 318; Fischer Wb. 2, 769. 4Ö ) Zettel¬ 
katalog von Bächtold-Stäubli. 60 ) Meyer 
Baden 567; SAVk. 2, 10. Im badischen Ried 
ist nach dem Zeugnis von Professor Roegele 
(Bruchsal) das Sieb- und Raddrehen noch 
vor 30 Jahren geübt worden; ein bekannter 
,,Braucher" hat dort einmal einen Dieb durch 
Raddrehen zum Erscheinen gezwungen, indem 
er ein Wagenrad unter bestimmten Formeln 
drehte. 51 ) John Westböhmen 275. 62 ) Groh- 
mann 204 Nr. 1417. 52a ) Bautzener Tageblatt 

1925 Beil. 18. 58 ) ZföVk. 2, 319. 64 ) Bartsch 
Mecklenburg 2, 334 Nr. 1610. 65 ) Curtze Wal¬ 
deck 420 Nr. 244; SAVk. 25, 9ff. 56 ) SAVk. 10. 

67 ) Drechsler 2, 242, 619; vgl. Liebrecht ZVk. 
344. M ) Sterne 1 . c. 137. 69 ) Kuhn-Schwartz 
523 ff-; Tylor Culiur 1, 127 ff.; Halliday 
Greek divination London 1913, 219 mit Lit. 
®°) Lyncker Hessische Sagen 261. 81 ) Andree 
Braunschweig 406. 62 ) Lilek Familien- und 

Volksleben in Bosnien 461; ZföVk. 6, 207 ff. 
63 ) Haltrich Siebenbürgen 310. ® 4 ) Panzer j 

Beitr. 2, 297 ft. 65 ) Bas Siebdrehen im Frank¬ 
furter Museum 1856 Nr. 4 u. 5; SAVk. 25, 10; 
dazu Hellwig Aberglaube 98; Freudenberg ' 


Wahrsagekunst 49; Löwenstimm Aberglaube 
84; Keller Grab 4, 153 ff.; 5, 411. 439 ff.; En- 
ders Kuhländchen 90. 66 ) Sitte und Brauch 2 r 
19 A. 54; ZfdM. 17 (1903), 355. #7 ) 1 . c. ® 8 ) Volks¬ 
kunde 344. ® 9 ) Mythologie 2, 928 A. 1; vgl. 

DWb. 10, 1, 777. 70 ) Mythologie 397. 70a ) Groß- 
Höpler Handbuch für Untersuchungsrichter 
(1922) 2, 501. 

5. In der Oberpfalz kennt man eine 
von der bekannten Zeremonie abweichende 
Technik: Der Meister nimmt seine Schere, 
stellt sie auseinander und das S. wagrecht 
auf die beiden Spitzen; zittert das S. bei 
Nennung eines Namens, so ist das der 
Dieb 71 ). 

71 ) Bavaria 4b, 395; C. Sterne 1 . c. 137. 

6. Das S. dreht sich und fällt: Alte 
Aargauer Überlieferung 72 ): 

Man sticht eine schere mit beiden spitzen 
in die sarge einer riteren; zwei personen 
heben das sieb an den griffen der schere mit 
dem unterlegten daumen der rechten hand 
in die schwebe; so wie dasselbe ruhig steht, 
nennt der eine den namen dessen der hier 
gestolen oder etwas beschädigt haben 
sol]; der andere aber spricht: nein der ist 
es nicht, so zu dreienmalen . . . dreht sich 
das sieb und fällt, so ist der gleichzeitig 
genannte der täter. Brauch in Mecklen¬ 
burg 73 ) : „Man nimmt ein von Verwandten 
geerbtes sieb, stellt es auf den rand hin, 
spreizt eine erbschere und sticht ihre 
spitzen so tief in den rand des siebes, 
daß man es daran tragen kann; dann 
gehen zwei verschiednen geschlechts damit 
an einen völlig dunklen ort (das S. wird 
wie zumeist mit dem Mittelfinger der 
rechten Hand gehalten) . . . nun beginnt 
der eine den andern zu fragen :imn.g.d.v. 
etc. frage ich dich, sage mir die Wahrheit 
und lüge nicht, wer hat das und das 
gestolen? hat es Hans, Fritz, Peter ge¬ 
tan ? beim nennen des verdächtigen 
gleitet der ring ab, das sieb fällt zu boden 
und man weiß den dieb“. 

72 ) ZfdMyth. 4, 131; für die Schweiz vgl. 
Schweiz. Id. 6, 1727; 7, 43. 73 ) Mecklenburger 
Jahrbücher 5, 108; BlpommVk. 4, 139; 

Grimm 1 . c. 927 A. 1. 

7. S. an einem Tuch oder Faden 
hängend 74 ): Wenn jemand in Posen 
einen Trauring verloren hat, dann nimmt 
er ein S. und das Trautuch einer Ver¬ 
storbenen; hält er das S. in dem Tuch, so 


1697 


Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben 


1698 


fängt es an, sich zu drehen; sobald aber 
der Namen des Diebes ausgesprochen 
wird, steht es still 74a ). Wenn bei den 
Wenden etwas gestohlen worden ist, 
nimmt einer von zweien ein ,,abge¬ 
storbenes'* Sieb, hält es an einer Strippe 
und frägt, indem er an den denkt, auf 
den er Verdacht hat: Du hast es mir ge¬ 
nommen; und der andere sagt: ich habe 
es nicht genommen. Ist so dreimal gefragt 
worden und der Verdächtige schuldig, 
so dreht sich das Sieb dreimal herum 74b ). 

Der hölzerne Reif des Siebs hat in der 
Oberpfalz zwei entgegengesetzte Ein¬ 
schnitte, Handheben genannt, in welchen 
man das Sieb faßt; durch einen derselben 
zieht man einen Faden von der Länge 
einer halben Elle und macht ihn fest; 
dann bindet man das freie Ende des 
Fadens an einen Schlüssel, dessen Bart 
ein Kreuz macht, so daß es in die Mitte 
des Rohres zu stehen kommt; nun faßt 
man die beiden Enden des Schlüssels 
und läßt das Sieb frei hängen, bis es sich 
nicht mehr bewegt; dann spricht man: 
Sieb, ich beschwöre dich bei Christi Kreuz, 
laß mir die Wahrheit zeugen; dann frägt 
man, was man wissen will; handelt es 
sich um eine Person, so nennt man zu¬ 
gleich dessen Tauf- und Schreibnamen. 
Dreht sich innerhalb des Zeitraumes von 
drei Vaterunsern das Sieb nicht, ist die 
Frage bejaht; gerät es aber in Schwin¬ 
gungen, geht die Sache schief oder die 
genannte Person ist die Unrechte. Man 
wendet das Sieborakel an, um zu erfahren, 
ob ein Freier kommt, ob Kinder am Leben 
bleiben, ob ein Unternehmen gelingen 
wird, ob der Bursche bei der Aushebung 
das Los zum Soldaten zieht, besonders 
aber ob ein Verdächtiger der wahre Dieb 
ist 75 ). 

In Ostpreußen legt man auf einen Erb¬ 
tisch eine Erbbibel und auf diese einen 
Erbschlüssel; über diesem wird das Sieb 
an einem Faden an der Decke schwebend 
aufgehängt; der Beschwörer ruft dreimal 
den Namen Gottes 76 ). 

74 1 C. Sterne 1 . c. 134 ff. 74a ) Veckenst. 
ZfVk. 1, 4S, 3. 74b ) Schulenburg m. 75 ) 

Schönwerth Oberpfalz 3, 2170. Nr. 13. 76 ) 

W. 369; Frischbier Hexenspruch 117 ff. 

Bächtold-Stäubli , Aberglaube VII 


8. Sieb am Schlüssel aufgehängt: 
Volksmann beschreibt eine Art des Siebora¬ 
kels in Scharkholz: Man nimmt eine 
Erbbibel, legt einen Erbschlüssel hinein 
und hängt auf denselben ein Sieb (auch 
an einer Zange wird das Sieb auf gehängt) 77 ); 
sobald man den Namen des Verdächtigen 
nennt, fängt das Sieb an, sich zu bewegen 
und fällt zur Erde 78 ). In Ostpreußen 
sagt man dabei: Siebchen, Siebchen, 
sag mir alles 79 ). Auf Christiansholm bei 
Rendsburg hat man auch den Dieb einer 
Jacke mit Erbbibel, Erbschlüssel und S. 
ausfindig gemacht 80 ); diese Art ist offen¬ 
bar in dem oben für Mecklenburg ange¬ 
führten Siebzauber gemeint (vgl. A. 54). 
In Dithmarschen legt man einen Erb¬ 
schlüssel in eine Erbbibel, um ihn zu 
heiligen; dann läßt der weise Mann das Sieb 
auf dem Schlüssel kreisen; dabei nennt 
er die Namen; der ist der Dieb, bei dessen 
Namen das Sieb herunter fällt 81 ). 

77 ) Sterne 1 . c. 137. 7B ) Urquell 2, 126. 7Ö ) 
W. 369; Toppen 57. 80 ) Urquell 1 . c. 81 ) 

Müllenhoff-Mensing Sagen 211 Nr. 313 
Anm. (alte Aufl.: 200 Nr. 272). 

9. Siebzauber mit Wasser: Hierher 
gehört der oben aus Praetorius erwähnte 
Zauber aus Polen. Durch einen Hexen¬ 
meister in Morsum auf Sylt wurde ein 
Diebstahl auf Antum entdeckt: Der 
Meister legte einen Schlüssel und eine 
Schere in ein Mehlsieb und setzte das Sieb 
auf ein großes mit Wasser gefülltes Gefäß; 
darauf sprach er Zauberformeln, und die 
Frau mußte die Namen der Verdächtigen 
mehrmals nennen; so oft sie die Namen 
der Täter nannte, tanzten Schlüssel und 
Schere herum; der Hexenmeister ließ 
sie ins Wasser sehen, und da erkannte sie 
den Täter 82 ). 

82 ) Müllenhoff-Mensing 1 . c.; vgl. das Sehen 
des Diebes im Zauberspiegel: BlpommVk. 4, 
139 ff. 

10. Eine ganz singuläre Zeremonie 
bietet eine Handschrift aus dem Mittel- 
alter 83 ): Accipe cribrum, nim ein sip 
und stich en mitten da durch ein spinnelen, 
da an ein enspin (Ring, um der Spindel 
die nötige Schwere zu geben) und gib das 
zwein ze haben uf den vingern gegen¬ 
einander unde bestelle alle die, hinz den 
du dich der diube versehest und sprich 

54 


Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben 


1699 


1700 


wider ein: er ist hinne, der das hat ver- 
stolen. der ander sprech: ern ist (nicht); 
di wort sprechen dri stunt und sprich den: 
nü seze es got üf den recht schuldegen 
und lege den ein salz üf das sip in dem 

namen des vaters.und sprich den 

disiu worte in crimis wise: pecto. pertho. 
pecho. perdo. pedo. (13. Jh.). 

83 ) Germania 8, 303. 

11. Eine andere Art besteht darin, daß 
man ein S. hinstellt und Bohnen auf das 
Geflecht wirft; hüpft die Bohne beim 
Nennen eines Verdächtigen heraus, so 
ist der unschuldig, bleibt sie aber im Siebe 
stecken, so ist der Dieb überführt 84 ). 
Um einen Dieb zu entdecken, wirft man 
gestohlene Bohnen, die man auf die 
Namen verschiedener verdächtiger Per¬ 
sonen getauft hat, auf das Siebgeflecht 
und nennt die Namen; bleibt die Bohne 
auf dem Sieb, so ist der Dieb entdeckt 84a ). 

84 ) Groß Handbuch 1, 548; Fehrle 1 . c. 
549 ff. 81a ) Groß-Höpler 1 . c. 

12. Der Spruch beim S.drehen ist, wie 
aus den Beispielen klar wird, verschieden. 
In Thüringen, Schlesien und ähnlich in 
Bayern, Böhmen, Ostpreußen und Pfalz 
müssen es zwei Personen verschiedenen 
Geschlechtes sein; eine sagt: St. Paulus 
zu Rom ist gestorben; darauf die andere: 
und das ist wahr; jene: hat N. gestohlen, 
so dreh dich rum und um; hat er es aber 
nicht gestohlen, so bleib still stehen 85 ). 
In den Akten aus Günzburg heißt die 
Besprechung: So wahr St. Peter und 
Paul begraben liegt, so wahr hat N. das 
entfremdete Gut 86 ). Auch sonst kommt 
St. Peter in den Diebesbeschwörungen 
häufig vor 87 ) (vgl. oben A. 57). Über 
Diebessegen vgl. Franz 88 ). 

85 ) W. 369. 86 ) Birlinger Schwaben 2, 496. 
87 ) Kain dl Beschwörungsbuch in Zf Ethno¬ 
logie 25, 29, 21; BlpommVk. 4, 170. 88 ) Bene¬ 
diktionen 2, 362; ZfdA. 18, 78; Stemplinger 1 . 
c. 56. 

13. Wie man Erb ketten 89 ) und Erb¬ 
schlüssel 90 ) beim ganz ähnlichen 
Schlüsselzauber bevorzugt, so wird auch 
meist ein Erbsieb 91 ) und eine Erbschere 
gebraucht, wenn man das Sieb laufen läßt. 
Beim Zauber mit dem Buch und Schlüssel 
(§7) bedient man sich in Masuren eines 
religiösen Buches aus der Hinterlassen¬ 


schaft eines Verstorbenen, der im Rufe 
der Ehrlichkeit stand 92 ). 

89 ) Bartsch ]. c. 2, 34. 90 ) Baumgarten 

Heimat 1864, 86; BlpommVk. 4, 120; 8, 14. 
16; 10,16; Kuhn-Schwartz 448,377; Schön¬ 
werth 1 . c. 3, 318, 15; Anhorn 1 . c. 772; 
W. 368. 91 ) Panzer Beitrag 1, 258, 32; Lie¬ 

brecht l.c. 344; Drechsler2, 242 ff.; Bartsch 

1 . c. 2, 331, 1603. 334, 1610; Meier Schwaben 
282 ff. 318; Curtze Waldeck 420, 244; Schulen¬ 
burg 111; Müllenhoff 200, 272 (= 211, 313 

2. Aufl.); Andree Braunschweig 406; Grimm 

Mythologie 2, 927; Groß Handbuch 1, 548; 
W. 369; ZföVk. 6, 118; Urquell 2, 126; Stemp¬ 
linger 1 . c. 56. 92 ) Toeppen Masuren 57; 

Urquell 3, 200. 

14. Psychologisch knüpft der Aber¬ 
glaube vom sich bewegenden Sieb an alle 
jene Zimmerspielgeräte an, die aus leich¬ 
tem Stoff gefertigt, frei schweben und 
sich beim leisesten Windhauch bewegen; 
Wünsch hat ähnliches Zaubergerät aus 
der Antike nachgewiesen 93 ): Man stellte 
Orakel an mit einer schwebenden Scheibe 
und concepta carmina. 

Im deutschen Kulturkreis heißt ein 
Hängegebilde, das nach Verwendung und 
Namen bis nach Dänemark 94 ) bekannt 
ist, und das aus Strohhalmen, Birken¬ 
schwämmen und andern leicht beweg¬ 
lichen Substanzen gefertigt ist (auch der 
Lätarekranz wird so gebraucht) 95 ) die 
„Unruh“ 96 ); es bewegt sich bei jedem 
Luftstrom; in Bayern sagt man, daß die 
Unruh still stehe, sobald eine Hexe das 
Zimmer betrete; in Schlesien und 
Franken hängt man einen Distelkopf an 
einem Faden als Unruh an die Decke; 
die Bewegung soll die Hexen vertreiben 97 ). 
Über das pendulum (auch in England) 
Tylor 98 ) und Halliday "). Vor 60 Jahren 
schrieb Carus Sterne (Ernst Krause) eine 
Monographie über die Weissagung mit 
Pendeln und auch über den Siebzau¬ 
ber 10 °). Schon Gregor III. verbot die 
Divination aus den res suspendendae 101 ). 
Einen Sympathiezauber mit einem sich 
sehr leicht bewegenden Gegenstand stellen 
auch die Araber bei Diebstahl an: Wenn 
die vorislamischen Beduinen einen Dieb¬ 
stahl aufklären wollten, ließ der Beschwörer 
die verdächtigen Leute sich im Kreis 
aufstellen; dann nahm er einen Erbkrug 
zwischen die beiden Zeigefinger, blies 


1701 


sieben, Siebenjahr, siebenköpfig, siebenter—Siebenschläfer 


1702 


und sprach eine Formel und ging mit dem 
Krug die Reihe entlang. Wenn er bei 
dem Dieb angekommen war, begann sich 
der Krug angeblich zu drehen 102 ). 

93 ) Jahrb. des K. d. archaeol. Instituts Erg. 
Heft 6 (B. 1905), 48. M ) Feilberg Dansk 
Bondelev 1, 2, 53 ff. 95 ) Arnim-Brentano 
Des Knaben Wunderhorn Reclamausgabe 798. 
<j6 ) Andree-Eysn Volkskundliches 90 ff.; 
Pröhle Harzbilder 1855, 85. 97 ) Seligmann 

Blick 2, 58. 66. 98 ) Tylor Cultur 1, 127 ff. 

") Halliday 1 . c. 218 ff. 10 °) 1 . c. 39-85. 
134 — 1 3 6 - 101 ) 1 - c - 136 A 1. 102 ) Negelein 

Aberglaube 1, 193. Eckstein. 

sieben, Siebenjahr, siebenköpfig 
siebenter s. Zahlen B. 7. 

Siebenbrüdertag wird am 10. Juli zum 
Gedächtnis von sieben Brüdern (Felix, 
Januarius, Philippus, Alexander, Si- 
lanus, Vitalis, Martialis) gefeiert, die 
mit ihrer Mutter Felicitas unter Mark 
Aurel oder Antoninus Pius den Märtyrer¬ 
tod erlitten 4 ). Wenn es an diesem Tage 
regnet, so regnet es sieben Wochen 2 ). 
Der Drak zieht im Lande umher, und 
daher wird alles Geschirr ins Haus ge¬ 
bracht 3 ). Wo am S. Farnkräuter aus- 
gerissen werden, wachsen keine mehr 4 ). 

*) Künstle Ikonographie d. Heiligen 233; 
Nork Festkalender 1, 458. 2 ) Wuttke 85 (101); 
Bartsch Mecklenb. 2, 294; Schnippei Ost- 
und Westpreußen 2, 18; NddZfVk. 8 (1930), 
54 (Ostpreußen); Kück Wetterglaube 74 (in 
Hänigsen vier Wochen). 3 ) Bartsch 2, 294. 
4 ) JbEIsaß-Lothr. 6, 170 = Sartori Sitte 3, 
240, wohl vom Abdontage (s. d.) übertragen. 

Sartori. 

siebenerlei Kräuter (Blumen). An 
Stelle der „neunerlei Kräuter“ (s. d.) 
finden auch oft die „s. Kr.“ Verwendung. 
Am Gründonnerstag werden als „Seben- 
sterke“ um Göttingen die folgenden 
Pflanzen als Gemüse gegessen: 1. Brauner 
Kohl, 2. Spinat, 3. Taubnessel, 4. Geschel 
(Aegopodium podagraria, s. Zipperleins¬ 
kraut), 5. Hopfen, 6. Kümmel, 7. Schörbok 
(Scharbockskraut) *). Der Johanniskranz 
(s. Johanniskräuter), der das Haus das 
ganze Jahr vor Unwetter und sonstigem 
Unglück schützt, wird ebenfalls gern aus 
s. K.n gewunden 8 ). In einigen Dörfern des 
Leitmeritzer Gebietes begeben sich an 
Johanni die Mädchen, welche den Stand 
ihres zukünftigen Mannes erfahren wollen, 
in ein Erbsenfeld, flechten dort einen 


Kranz aus sieben verschiedenartigen 
Blumen (einige nehmen nur fünferlei 
Blumen, aber von verschiedener Farbe), 
legen sich diesen Kranz als Kissen unters 
rechte Ohr, worauf ihnen aus der Erde 
eine unterirdische Stimme ihr zukünftiges 
Schicksal verkünden soll 3 ). Bei den Slawen 
werden häufig Kränze von siebenerlei 
Blumen von den Mädchen zur Erforschung 
der Zukunft ins Wasser geworfen 4 ). 
In Oberfranken gibt man an Walburgi 
den Kühen s. Kr. zu fressen, damit die 
Tiere das ganze Jahr über viel Milch 
geben 5 ). S. Kr. (Pflanzen der sieben 
Planeten) spielen auch in der alten Magie 
eine Rolle, z. B. in den „Kyraniden“ 6 ). 
In Hartliebs „Buch aller verboten Kunst“ 
(1456) wird die Hexensalbe aus sieben 
Kräutern gemacht. Die Hexen „prechen 
yeckliches kraut an einem tag, der dann 
demselben kraut zugehört; als am sundag 
solsequium [Wegwarte], am mentag lu- 
nariam [Mondraute], am erctag verbenam 
[Eisenkraut], am mittwochen mercu- 
rialem [Bingelkraut], am pfinztag bar- 
bam Jovis [Hauswurz], am freitag capillos 
Veneris [Frauenhaar, Polytrichum bzw. 
Adiantum capillus Veneris] 7 ). Über 
siebenerlei Holz vgl. neunerlei Holz. 

J ) Schambach Wb. 188; vgl. Knorrn 
Pommern 121; Reinsberg Festjahr 2 128. 

2 ) Kück u. Sohnrey 1909, 145 f. 3 ) Reins¬ 
berg Böhmen 312; vgl. Bartsch Mecklenburg 
2, 285. 4 ) Hanusch Wissensch. v. slaw. My¬ 
thus 1842, 310. 5 ) Heimatbilder aus Oberfr. 4 

(1916), 148. 6 ) Dieterich Abraxas 157; über 
die „Kyraniden“ vgl. Meyer Gesch. d. Botanik 
2 (1855), 348 ff. 7 ) Hansen Hexenwahn 131; 
Riezler Hexenprozesse 1896, 328. Marzeli. 

Siebengestirn s. Sternbilder I. 

Siebengezeit s. Schabziegerklee. 

siebenhundert s. Zahlen B 700. 

Siebenschläfer. 1. Von Schläfern, die 
ihren zauberhaften Schlaf über einen 
außergewöhnlichen Zeitraum hin aus¬ 
dehnen und dann wieder erwachen, wissen 
die Sagen mancher Völker zu erzählen. 
Die Siebenzahl spielt dabei oft eine 
Rolle. Bald stellt sie die Zahl der ver¬ 
schlafenen Jahre dar 1 ), bald die der 
Schlummernden 2 ). Am berühmtesten ist 
die Legende, die sieben Jünglinge zur 
Zeit der Verfolgung des Decius in eine 

54 * 




Sieben Sprung 


1704 


1703 


Hohle bei Ephesus flüchten läßt, die 
man zumauerte. Um 450 soll dann ein 
Bauer sie geöffnet haben und die Jüng¬ 
linge alle lebendig zum Vorschein ge¬ 
kommen sein 3 ). Seit Gregor v. Tours 4 ) 
und Paulus Diaconus 5 ) ist diese Sage 
auch in den Norden verpflanzt worden 6 ). 
Als christliche Namen der Siebenschläfer 
werden angegeben: Maximinianus, Mal- 
chus, Martinianus, Constantinus, Dio¬ 
nysius, Johannes, Serapion 7 ). Ein mit 
diesen Namen beschriebenes Blatt, das 
man einem heimlich unter den Kopf 
legt, ist gegen Schlaflosigkeit wirksam 8 ). 
In Hollerich helfen die S. gegen Schlaf¬ 
losigkeit der Kinder 9 ). Sie gehören auch 
zu den Fieberpatronen 10 ). Einen selt¬ 
samen Zug, der wohl vom Johannistage 
(s. Johannes d. Täufer § 3) hierher ge¬ 
raten ist, erzählt Hygden: Eduard der 
Heilige, König von England, saß 1065 
bei Tische und Jachte. Als man ihn nach 
dem Grunde fragte, erwiderte er, er habe 
gesehen, wie die sieben Schläfer sich im 
Schlafe umgewandt hätten. Man ließ 
nachsehen, und es fand sich wirklich so. 
Das deutete man auf die großen Ver¬ 
änderungen der Zeit, die Eroberung 
Englands durch die Normannen usw. 11 ). 

*) Bolte-Polivka 3, 460; Deecke Lübische 
Sagen 2 94 f.; Wolf Deutsche Märch. u. Sag. 404 
(279: hier auch noch dreimal 7 und siebenmal 
7 Jahre); Meiche Sagen 732; Schulenburg 
62 f.; Kreutzwald Estnische Märchen 160 ff. 
Auch von 70 Jahren (Tendlau Buch d. Sagen 
u. Legenden jüdischer Vorzeit 186 ff.; ZfVk. 

2, 298 f.; Günter Christi. Legende d. Abend¬ 
landes 105) und von 700 Jahren (Grohmann 
Sagen 23) ist die Rede. 3 ) Grimm Sagen 
2 > 27 (392); Wolf Sagen 2; Kühnau Sagen 

3, 3 J 2f., vgl. 517; Schulenburg 63 f.; 
Veckenstedt Mythen d. Zamaiten 2, 232 f. 

3 ) J. Koch Die Siebenschläferlegende, ihr Ur¬ 
sprung und ihre Verbreitung 1883; M. Huber 
X). Wanderlegende von d. Siebenschläfern 1910; 
vgl. ZfVk. 15, 462 A. 1; 27, 175 f.; Künstle 
Ikonographie 532 t.; Doye Heilige u. 
Selige d. römisch-katholischen Kirche 2, 324. 

4 ) Bernoulli Merowinger 160 ff. 5 ) Hist. 

Langob. 1, 4. 6 ) Roscher Sieben- u. Neunzahl 
5 1 - 7 ) Franz Benediktionen 2, 480. Ihre 

heidnischen Namen lauten nach Gregor v. 
Tours: Achillidis, Diomedis, Diogenis, Proba- 
tus, Stephanus, Sambatius, Quiriacus: Ebd. 
480. Anm. 7. •) ZfVk. 8 (1898), 288 (Island). 
Die Namen der S. und ihres Hundes helfen 
auch gegen das böse Auge (Ägypten): Selig¬ 


mann Blick 2, 328. 9 ) Fontaine Luxemburg 

112. 10 ) Franz Benediktionen 2, 474 h 480. 

Oben 2, 1455. 1463 b “) Menzel Symbolik 
2, 324 b 

2. Den S.n ist der 27. Juni 12 ) gewidmet. 
Regnet es an diesem Tage, so regnet es 
7 Tage lang 13 ) oder 40 Tage 14 ) oder 
7 Wochen 15 ) oder entweder 7 Tage oder 
7 Wochen 16 ). Wie das Wetter ist, so 
ist es noch 7 Wochen 17 ). An S. gesteckte 
Pflanzen schlafen 7 Wochen lang 18 ). 
Man muß früh auf stehen, sonst wird 
man ein Langschläfer 19 ). Wer bis früh 
7 Uhr schläft, tut das auch das ganze 
Jahr hindurch 20 ). 

Kinder, die an S. geboren sind, sterben 
im ersten Lebensjahre 21 ). 

1Z ) Ursprünglich der 27. Juli: Kück Wetter¬ 
glaube 74. 13 ) Bart sch Mecklenburg 2, 293. 

14 ) Drechsler 1, 133. 15 ) Mitteil. Anhalt. 

Gesch. 14, 21; Urquell 6, 15 f. (Ruppin); 
ZfVk. 24(1914)359 (Ditmarschen); Schnippei 
Ost- u. Westpreußen 2, 18; Kück Wetterglaube 74; 
Lau ff er Niederdeutsche Volksk. 73; Wuttke 
85 (101). Wenn es aber Siebenbrüder regnet, 
so hat es sich abgeregnet und regnet nicht 
weiter: Mündl. aus Dortmund. 16 ) And ree 
Braunschweig 410; Urquell 6, 15 b (Ruppin); 
Kück Wetter glaube 75 (im ostfälischen Gebiete 
glaubt man, daß Regen an S. eine kürzere 
Regenperiode, dagegen am Siebenbrüdertage 
7 Wochen Regen bedeute). 17 ) Strackerjan 
2, 93 - 18 ) John Erzgebirge 225. 19 ) Wuttke 
313 (462). 85 (101). 20 ) Köhler Voigtland 

377 b 21 ) John Erzgebirge 50. 

3. In Lippe heißen die durch den Stich 
einer Wespe hervorgerufenen, mit moos¬ 
artigem Grün umgebenen Rosengall¬ 
äpfel Siebenschläfer. Wer morgens zu 
rechter Zeit aufwachen will, legt sie sich 
unter das Kopfkissen, denn wer auf ihnen 
ruht, kann nur 7 Stunden schlafen 22 ). 
Auch Omithogalum umbellatum (eben- 
sträußiger Milchstern) wird in der Ober¬ 
lausitz S. genannt, weil die Pflanze um 
den S.tag blüht, oder weil sie erst spät 
am Vormittag ihre Blüten öffnet 23 ). 

”) ZfrwVk. IO (1913), 58. «) MitteldBlfVk. 

5 (i 93 o), 152. Sartori. 

Siebensprung. 1. Einstige in West¬ 
falen am ersten Ostertag ausgeführte Ge¬ 
wandtheitsübung: Um eine alte Eiche 
auf der Haar waren in einer gewissen 
Entfernung sieben Löcher gegraben. Man 
faßte den Baum und machte die ,,siewen 
Sprünge“; wer alle sieben Löcher traf. 


1705 


si eben undsieb zig—Siegelerde 



glaubte, daß er wenigstens noch sieben 
Jahre zu leben habe, oder in dieser Zeit 
eine Frau bekommen werde 1 ). Später 
führte man die Sprünge etwas abseits 
von dem Baume aus, indem man den 
linken Fuß in ein in die Nähe angebrachtes 
Loch setzte und das rechte Bein rechtsum 
hinterwärts schwang und, sonnenläufig 
sich drehend, alle sieben Löcher zu treffen 
suchte. Wem dies gelang, galt für den 
,,Glücklichen“ 2 ). 

*) Kuhn Westfalen 2, 149 f. 2 ) Woeste in 
ZfdMyth. 3, 304; Kuhn Westfalen 2, 151; Sar¬ 
tori Westfalen 2 (1929) 67. 156; ders. Sitte 3, 
162; Losch Balder 1930. — Vgl. auch Feilberg 
Ordbog 3, 715 unter ,,syvspring 2)". 

2. Eine Quelle im Harz, angeblich da¬ 
durch entstanden, daß sich sieben Prin¬ 
zessinnen über dem (Jrabe von sieben 
durch Riesen erschlagenen Prinzen zu 
Tode weinten 3 ). 

3 ) Pröhle Unterharz S. 4 Nr. 11 und 12; 
vgl. Kuhn Westfalen 2, 151. 

3. Ein einst sehr verbreiteter, heute 
aber meist vergessener Volkstanz, dessen 
Eigenart in sieben durch den Tänzer zu 
vollführenden, verschiedenartigen Sprün¬ 
gen besteht 4 ). Nicht über 1732 zurück 
belegbar 5 ) diente er bei allerlei Festen, 
wie Hochzeit, Emtefeier, Fastnacht und 
dergl. zur Belustigung 6 ). Vorsichtig 
erwägende Forscher weisen auf die man¬ 
cherlei jüngeren Züge hin, die der Tanz 
unverkennbar zeigt, und möchten ihm 
daher kein allzu hohes Alter zubilligen 7 ). 
Andere widersprechen dem und möchten 
in ihm den Nachklang eines heidnischen 
Opfertanzes vermuten 8 ), welcher der Ge¬ 
deihen und Fruchtbarkeit spendenden 
Lichtgottheit und der Mutter Erde ge¬ 
golten habe 9 ). Unter Heranziehung 
altindischer Hochzeitsbräuche hat man 
ferner geglaubt, ihn sogar in die indo¬ 
germanische Urzeit zurückdatieren zu 
können 10 ); ja man scheut nicht davor 
zurück, den S. kurzerhand zum Neuner¬ 
sprung zu erweitern und, unter Bezug¬ 
nahme auf altpersische Reinigungsge¬ 
bräuche, anzunehmen, dieser arische Tanz 
habe Sündentilgung beabsichtigt; noch 
ursprünglicher habe er Beziehung zur 
Mondwende gehabt 11 ). Was im S. an 
Ursprüngliches erinnert, läßt am ehesten 


eine Parallele zu Gewittertänzen der 
Primitiven ziehen 12 ). 

4 ) Ausführliche Nachweise und viel neu bei¬ 
gebrachtes Material bei Ed. Hermann Der 
S. = ZfVk. 15, 282—311. Dazu Nachträge ebd. 
17, 81—85. S. ferner Nds. 7, 17; ZfVk. 17, 447; 
Sartori Westfalen 2 97; Kolbe Hessen 178 f.; 
Rhönwacht 1933 S. 32; Wrede Rhein . Vkds 
202; Pinck Verklingende Weisen 1, 270.310.312; 
H. J. Moser Tönende Volksaltertümer (1935) 
S. 249 t.; Val. Beyer Elsässische Volkslieder 
(1926) Nr. 53; Deutsche Volkstänze Heft 17/18 
S. 6; Heft 20 S. 4; Vld. 32, 47 (Ungarn); Zoder 
Altösterr. Volkstänze 1 (1922) Nr. 10 (mit wei¬ 
teren Belegen); Walther Schwäb. Vkde (1929) 
122; Deutsches Volksliedarchiv A 43 563 

(Rhld.); A 61 068 (Westfalen); A 139 376 
(Altona; dort um 1910 aufgekommen!); 
D 448 (Pommern). Holland: ZfMusik 92 
(1925), 518; Jaap Kunst Terschellinger Volks¬ 
leven (1916), 124 f.; van Duyse Het oude neder- 
landsche lied Nr. 364. Dänemark: S. Tver- 
mose Thyregod Danmarks Sanglege (K0b. 
1931) Nr. 154; Nordisk Kultur 24 (1933), 147; 
Feilberg Ordbog 3, 715, Tillaeg353; FFC. 85, 
160. 6 ) Im ,.Nouveau recueil de chansons choi- 
sies, A la Haye 1732“, 6, 21 nach ZfVk. 15, 
284 und 310. 6 ) ZfVk. 15, 311. 7 ) Vgl. die Aus¬ 
führungen von Hermann, sowie die von 
Bloch in HessBIVk. 26, 76 ff. 8 ) Erk-Böhme 
2, 758; Böhme Geschichte des Tanzes 1 (1886), 
155; Kunst a. a. O. ®) Kolbe Hessen 178. 
10 ) Bloch a. a. O. 77; Woeste in JbndSpr. 
1877, 140; Kuhn Westfalen 2, 150 f.; s. a. 
Nationalzeitung v. 28. 5. 1854 Nr. 245. X1 ) G. 
und E. Hüsing Deutsche Laiche und Lieder 
(Wien 1932) 120 f. 12 ) C. Sachs Eine Welt¬ 
geschichte des Tanzes (Berlin 1933) 59 - — Zur 
Melodie vgl. noch Jos. M. Müller-Blattau in 
Vierteljahrsschr. f. Lit. u. Geistesgesch. 3 
(1925), 561. Seemann. 

siebenundsiebzig s. Zahlen B 77. 

siebenundzwanzig s. Zahlen B 27. 
siebzehn s. Zahlen B 17. 
siebzig s. Zahlen B 70. 


Siegelerde, terra sigillata. Unter dem 
Namen terra sigillata war in der Heilkunde 
eine Art feiner Bolus oder Ton bekannt, 
der man im Altertum, Mittelalter und bis 
in die Neuzeit große Heilkräfte zuschrieb. 
Man unterschied roten und weißen Bolus 
(terra sigillata und terra Lemma). Die 
der terra sigillata beigemessenen Heil¬ 
kräfte waren z. T. den Zeugnissen des 
Altertums entnommen. Sie galt als un¬ 
fehlbares Mittel gegen Gift, Blutungen, 
Geschwüre, Pest, Seuchen usw. Ihren 
Namen hatte die Siegelerde von den ein- 



Siegellack—Siegstein 


1708 


I707 

gepreßten Buchstaben und Bildern, die 
ihre Echtheit kennzeichnen sollten. Im 
17. Jh. entdeckte man in Höhlen des 
Georgsberges bei Striegau eine gleiche 
Tonart, die als terra Strigensis in den 
Handel kam. Sie sollte sogar die alt¬ 
berühmte terra Lemnia an Heilkraft 
übertreffen, die Kenntmann als „sigil- 
lata vera, omnium terrarum apud medicos 
celeberrima" preist. Zedier sagt, die 
Liegnitzer (= Striegauer) Siegelerde helfe 
gegen alte Schäden, auch bei Krebs, die 
Malteser sei gut gegen Bisse und Stiche 
giftiger Tiere und werde deshalb auch 
dem Theriak beigefügt. Viel gerühmt 
wurden als Siegelerden die gelbe Axungia 
Solis aus der alten Goldgrube bei Schweid¬ 
nitz und die graue Axungia Lunae aus 
Liegnitz 1 ). Zwei von Höhn mitgeteilte 
alte Rezepte gegen Pest und rote Ruhr 
enthalten neben anderen Bestandteilen 
gestoßene terra sigillata. Salben und 
Pulver aus rotem Bolus (= t. s.) gegen 
Gift, Epilepsie u. a. werden wiederholt 
mitgeteüt 2 ). Als austrocknendes Mittel 
wird die Siegelerde (roter Bolus) bis heute 
von altmodischen Ärzten in Rezepten 
verschrieben und in den meisten Apo¬ 
theken noch geführt 3 ). Auch Peters 
berichtet, daß sie in den Obsoleten- 
kammern älterer Apotheken noch zu 
finden sei 4 ). 

a ) Plin. n. h. 35 § 33 u. 34; Schade 1409 
f. s. v. rami; Lonicer 56; Gesner d. /. I. 
102 u. 153; Bressl. Samml. Regb. 666; Schles. 
Histor. Layrinth (Breslau 1787), 712 f.; Zedier 
37, 1077 t.; Bergmann 328 u. 500; Hellwig 
Kalender 58; Quenstedt 379 h; Peters 
Pharmazeutik 2, 158 t. 2 ) Höhn Volksheil¬ 
kunde 1, 149; ZdVfVk. 7 (1897), 412; Andree 
Braunschweig (1896) 413; Kuhn u. Schwartz 
45 ° Nr. 382; Drechsler Schlesien 2, 281 u. 306. 
3 ) mündlich. 4 ) Peters 2, 159. Abbildungen 
bei Gesner u. Peters a. O. j- Olbrich. 

Siegellack. Die Verwendung des S.s 
in der Volksheilkunde beruht größtenteils 
auf dem Grundsätze similia similibus 
(rot für rot). So trägt man in Bayern bei 
Rotlauf mit rotem Ausschlag ein Stück 
roten S. im Nacken oder in der Tasche 
und legt bei Gesichtsrose eine Stange 
roten S. auf die leidende Stelle 1 ). Gegen 
die rote Ruhr wird „spanisches Wachs, 
so man sonst zum Petschieren zu ver¬ 
wenden pflegt", zu Pulver zerstoßen und 


in Wasser eingenommen 2 ). An die Ver¬ 
wendung roter Amulette als „Schreck¬ 
stein" (s. d.) erinnert es, wenn im Sar- 
ganserland Siegellack als Abwehr gegen 
Krämpfe getragen wird 3 ). In Schaff¬ 
hausen soll man gegen Rheumatismus 
einen S.stengel bei sich tragen 4 ). Das 
Tragen einer Stange S. gilt als Präser¬ 
vativ gegen schmerzhafte Katarrhe; un¬ 
garische Bauern tragen als Vorbeugungs¬ 
mittel ein Stückchen Siegelwachs am 
Halse 6 ). Vor Zahnweh schützt ein Stück 
S. in einem blauen Seidenfleckchen ein¬ 
genäht und auf der Herzgrube oder in 
der Tasche getragen 6 ). Auf die alte 
Farbensymbolik, die z. T. auf aber¬ 
gläubischen Vorstellungen beruht, geht 
die heute wieder Mode gewordene S.- 
spräche zurück 7 ). 

*) Wuttke 322 § 477; 348 § 520; Lammert 
220; Hovorka-Kronfeld 2, 736; Amers¬ 
bach Grimmelshausen 2, 59. 2 ) Schmidt 

Mieser Kräuterbuch 55 Nr. 77; vgl. Höhn 
Volksheilkunde 1, 110. 3 ) Manz Sargans 80. 

4 ) SchwVk. 3,75. *) Hovorka-Kronfeld 2, 
26; 2, 6; Lammert 242. c ) Lammert 234; 
zu der mit wirkenden Heilkraft der Seide vgl. 
Wuttke 132 § 181. 7 ) Urquell N. F. r 

(1897), 247. Zur Farbensymbolik vgl. H. 
Schräder Aus dem Wunder garten der deutschen 
Sprache (1896), 1 ff. f Olbrich. 

Siegstein. Schade führt als im Alter¬ 
tum bekannte Steine, die ihrem Träger 
den Sieg verleihen sollten, an: victres, 
gagatromes, pirophilus 1 ). Megenberg 
bezeichnet auch den Almandin als S. 2 ). 
Die alten Germanen trugen S.e als dem 
Odin geweihte Amulette, z. B. Thors 
Hammer, wahrscheinlich auch Steine aus 
Rabennestem 3 ). Der Rabenstein galt 
nach einer Sage auf den Faröer-Inseln als 
S. 4 ). Bei den Angelsachsen galt der 
Achat als siegverleihender Stein 5 ). Dem Cal- 
cedon und Alabaster wurden gleiche magi¬ 
sche Kräfte zugeschrieben 6 ). Auch zwei 
fossile Gebilde, der Sternstein und der 
Drachenstein, werden als S.e bezeichnet 7 ). 
Grimm führt aus mittelalterlichen Quellen 
als S.e an: den unüberwindlich machen¬ 
den Hahnenstein, den siegverleihenden 
Schlangenstein, den Diamant und den 
„künstlich heimlich wie Glas wie Erz 
gegossenen S. oder Siegelstein" 8 ). Aus 
Glasfluß bestehen die sogenannten Alsen- 
steine, genannt nach der Insel Alsen, wo 


1709 


Siegwurz—Signatur 


I7IO 


das erste derartige Stück gefunden wurde, 
es sind frühmittelalterliche Gemmen, in 
die ein bis vier menschliche Figuren und 
allerlei Beiwerk in roher Arbeit einge¬ 
schnitten sind. Sie sind für eine Fassung 
eingerichtet und konnten wahrscheinlich 
auch zum Siegeln verwendet werden; 
allerdings hat man sie nie in einem Siegel¬ 
ring gefunden. Vermutlich wurden sie 
im Verborgenen getragen; sie erinnern 
an die S.e, die schon in der Sage von Wie 
land dem Schmied eine Rolle spielen 9 ). 
Auch der Gottscheer shidlschtoin gehört 
hierher; denn das Wort ist aus der 
jüngeren, in Anlehnung an Siegel ge¬ 
bildeten Form Siegelstein infolge volks¬ 
tümlicher Umdeutung entstanden. Es 
ist der alte zauberkräftige, siegverleihende 
Stein der germanischen Mythe, der in der 
Thidreksage ebenso vorkommt wie in 
heutigen Mythen derFaröerinseln und aus¬ 
führlich von dem österreichischen Er¬ 
zähler des Mittelalters, dem Stricker, 
beschrieben wird. In Gottscheer Märchen 
befindet sich der Edelstein in der Schlan¬ 
genkrone; er ist schwer zu erringen, macht 
seinen Besitzer reich und gesund, löscht 
ihm Hunger und Durst und verleiht ihm 
beständiges Glück. Ist jemand rasch 
reich geworden, so sagt man, er hat den 
shidlschtoin. Man kann ihn auch dem 
Erben hinterlassen und der Tochter als 
Mitgift schenken. Nach der Gottscheer 
Volksetymologie heißt der Siedelstein so, 
weil alles Glück sich bei ihm „angesiedelt" 
hat 10 ). 

x ) Schade 1440.1338 f. (= Megenberg 385). 
1406 (= Megenberg 391 f.). 2 ) Megenberg 

375. 3 ) Meyer Relgesch. 244®. 4 ) ZdVfVk. 2 
\1892), 14 Nr. 16; vgl. Rabenstein. 5 ) Fischer 
Angelsachsen 41; Liebrecht Gervasius 110 
letzte Zeilen. 6 ) Kronfeld Krieg 166 (der 
Nichomar); vgl. Calcedon und Alabaster s. v. 
7 ) Brückmann 350 f.; vgl. Drachenstein u. 
Fossilien § 4. 8 ) Grimm Myth. 2, 1020 f.; 

vgl. Nork Sitten 717 u. 719. 9 ) ZdVfVk. 23 

•(1913), 119 zu 7807. 10 ) Hauffen Gottschee 97. 

j- Olbrich. 

Siegwurz ([weiblicher] Allermannshar¬ 
nisch, Schwertel; Gladiolus communis). 
Rotblühende Gartenpflanze mit schwert¬ 
förmigen Blättern und roten, fast zwei- 
lippigen, in lockerer Ähre stehenden 
Blüten. Wild wächst hin und wieder die 
Sumpf-S. (G. palustris). Wie die Zwiebel 


des Allermann sh amisches (1, 264 ff.) be¬ 
sitzt auch die Knolle der S. eine netz¬ 
artige Hülle, die mit einem Panzerhemd 
(Harnisch) verglichen wurde. Der Träger 
dieser Hülle sollte unverwundbar sein *). 
Zum Unterschied von der Zwiebel des 
Allermannsharnisches (Radix Victorialis 
maris seu longae) wurde in der alten 
Apothekersprache die Knolle der S. als 
„Radix Victorialis feminae seu rotundae" 
bezeichnet. Beide zusammen waren „Er 
und Sie", plattdeutsch „He un Se" 
(Heken un Seken). Unter diesem Namen 
werden diese Knollen noch jetzt ab und 
zu von abergläubischen Leuten in den 
Apotheken verlangt, „der schwertelen 
(= S. ?, vgl. Schwertlilie!) wurczen by im 
treit, dem mag kain tüffel kayn layd 
noch kain schaden by lebendem lib nit 
getun. wer ouch dieselben Wurczellen 
under aines besessen [Epileptiker? s. u.] 
menschen houpt guot gewand tut oder 
darinn lait, so sait der tüfel was man in 
franget und flücht von danne ze hand" 2 ). 
Den kleinen Kindern hing man diese 
Knollen als Amulett gegen epileptische 
Anfälle („Schoierken") um und nannte 
sie „Schreckstein" 3 ). Das Volk benutzte 
die Siegwurz auch, um in die Haut ein¬ 
gedrungene Splitter herauszuziehen 4 ). 

*) Staricius Heldenschatz (1679), 77 f.; 

Kuhn Westfalen 2, 171; Grabinski Neuere 
Mystik 71; Schwartz Volksglaube 150 f.; unter 
Sp. 1711. 2 ) Hs. d. 15. Jh.s: Birlinger Aus 

Schwaben 1, 461. 3 ) Schambach Wb. 320 = 
Die Spinnstube Göttingen 7 (1930). 18. 

4 ) Camerarius Hortus med. et philosoph. 1588, 
67 = Lammert 205. Marzeil. 

Signatur. Die Kunst Signatum will 
besagen, „das innere Sein und Wesen der 
Dinge zeige sich schon in ihrer Gestalt. 
Ein solcher Gedanke ist primitiv. Er 
findet sich auch bei Ungelehrten. Und 
er gehört auch dem Mittelalter mit seinem 
analogischen Schließen. Aber im 16. Jh., 
da die magia naturalis den Grüblern und 
Suchern das Herz berückt, da pascht er 
sich in gelehrte Werke. Die Italiener 
gebrauchen ihn. Und des Johannes Bap- 
tista Porta kurieuse „Magia naturalis" 
macht reichen Gebrauch von diesem 
Prinzip" *). 

Am Anfang der für uns wichtigen S.- 
Lehre steht Paracelsus. „Ihr wißt, daß 


Signatur 


1712 


1711 


ein Jud ein gelbes Flecklein am Rock 
oder Mantel trägt. Was ist solches an¬ 
ders denn ein Zeichen, daß jedermann 
ihn für einen Juden dabei erkennen soll“. 
„Die Natur zeichnet ein jegliches Ge¬ 
wächs, so von ihr ausgeht, zu dem das es 
gut ist“. „Seht an die Wurzel Satyrion! 
(Knabenkraut, Orchis). Ist sie nicht ge¬ 
staltet wie eines Mannes Scham ?... 
Darum daß sie anzeigt, daß sie den Mannen 
ihre verlorene Mannschaft und Unkeusch¬ 
heit wieder bringt. Also die Siegwurz, hat 
Geflecht um sich wie ein Panzer. Das ist 
auch ein magisch Zeichen und Bedeutung, 
daß sie behüt vor Waffen wie ein Panzer“ 2 ). 
Die Beispiele zeigen, wie tief im Volksglau¬ 
ben diese Ansichten bei Paracelsus wurzeln. 

Die Fortentwicklung der paracel- 
sisehen Signaturenlehre durch das 16. 
und die erste Hälfte des 17. Jh.s habe ich 
in meiner „Pansophie“ dargestellt. Es 
ist für unsere Zwecke wichtig, zu unter¬ 
streichen, daß als wichtigster Zwischen¬ 
träger Croll 3 ) zu betrachten ist 3 ). Von 
diesen Paracelsisten, die Portas Wissen 4 ) 
aufnehmen, gehen dann zwei Wege aus. 
Der eine ist am besten als eine Schule der 
Medizin zu bezeichnen; er führt über 
Glauber 6 ) und Cudrio 6 ) zu den anti-allo¬ 
pathischen Ärzten und Nichtärzten des 
19. und 20. Jh.s. Außer Chapiel 7 ) ist 
hier vor allem Schlegel zu nennen 8 ), dem 
Madaus 9 ) folgt, während Ernst Fuhrmann 
diese Frage nur gelegentlich streift. 

Wenn manche dieser Namen bedenklich 
in die Nähe des großen geistigen Kom¬ 
plexes rücken, den wir gemeinhin „Ok¬ 
kultismus“ nennen, so mündete der zweite 
der oben genannten Wege durchaus in die 
Zauber- und Geheimwissenschaft des 17. 
und 18. Jh.s. Es ist nicht so sehr 
Tenzel, obwohl er manchmal unsere Ge¬ 
gend streift, als Antonius Mizaldus 10 ), der 
anonyme Autor der „138 Geheimnisse“ u ), 
und das aus ihnen wie den „Kunst und 
Wunderbüchem“ der Hildebrand u. a. 
in die Geheimbücher vom Schlage des 
„6. und 7. Buch Moses“, „Albertus 
Magnus... egyptische Geheimnisse“ 12 ) 
und „siebenmal versiegelte Buch“ 13 ) 
übergegangene Gut, in dem die Kunst 
Signatum dem Volke, aus dem sie Para¬ 
celsuserfahren hatte,zurückgegeben wurde. 


Soweit ich es zu sehen vermag, ist die 
Signaturenlehre als Prinzip nicht mehr 
im Volk lebendig; ich habe jedenfalls 
keinen Fall, daß nach ihrer Methode aus 
der S. einer Pflanze auf ihre Heilkraft 
geschlossen wird, erfahren. Die Kräuter¬ 
weiber, die ich kenne, bewahren allein 
das Wissen, „das ist gut für dies und das“, 
ohne nach dem Grunde zu fragen, wenn 
auch Heilmittel, die nur auf diesem Wege 
zu Heilmitteln geworden sind, dabei 
unterlaufen. Doch mag das in andern 
Landschaften anders sein. Ein schwacher 
Nachhall lebt im Schulunterricht fort; 
der preußische Volksschullehrer des 19. 
Jh.s besaß ein gutes botanisches Wissen, — 
und bei der Übermittlung von Pflanzen¬ 
namen wurde gelegentlich erwähnt, man 
habe das Leberkraut um der Gestalt 
seiner Blätter willen für ein Leberheil¬ 
mittel gehalten usw. Das klingt zuweilen 
noch auf und nach. Möglicherweise 
kann aber die Laienmedizin (Bilz’sche 
Naturheilkunde, Kneipps Kräuterheil¬ 
kunde, Hahnemanns Homöopathie usw.) 
eine Belebung der Signaturenlehre er¬ 
zielen. 

S. unter den verschiedenen Pflanzen 
und Tieren, z. B. Maulwurf, die zu Heil¬ 
zwecken gebraucht werden. 

*) Peuckert Pansophie 1936, 393. 2 ) Peu- 
ckert 394 f.; Paracelsus Bücher vnd Schrifften 
(ed. Huser 1589) 10, 152 ff. 425 ff. 469 ff. 

3 ) Peuckert 395 ff.; Emil Schlegel Religionder 
Arznei 1933, 75; Zentralbl. f. Okkultismus 1932/3. 

4 ) Ein Auszug aus Porta’s Physognomonica: 

Schlegel 76 ff. 5 ) Schlegel 75. 6 ) Johann 

Cudrio von Tours Anatomia et Physiognomie 
simplicium .. . Stuttgart 1659; ein Auszug bei 
Schlegel 94 ff. 7 ) Chapiel Des rapports de 
l’homoeopathie avec la doctrine des Signatur es, 
Paris 1866; vgl. Schlegel 90 ff., wo auch auf 
Imbert-Gourbeyre Lectures publique s sur 
l’homoeopathie hingewiesen wird. 8 ) Emil 
Schlegel Religion der Arznei Das ist Herr 
Gotts Apotheke, 1933 3 . 9 ) Vgl. ebd. 33. 34. 

iO) Vgl. etwa ,.Nützliche, curieuse und an¬ 
genehme Kunst-Stücke Antonii Mizaldi Me¬ 
dici“ s. 1 . et a. ll ) 1. Aufl. 1715; ich benütze die 2. 
Vgl. dort Nr. 141, wo die Wurzel Fellriß gegen 
Felle der Augen angepriesen wird. 12 ) Vgl. 
etwa ein Augenwasser aus Augentrost usw. 
Brabant 1725, 1, 26. 13 ) Druck u. Verlag C. A. 
Hager in Chemnitz s. a. Vgl. etwa S. 49: Ge¬ 
pulverten Augentrost gegen triefende Augen; 
S. 70 Knabenkraut bei männl. Unvermögen usw. 

Peuckert. 


0joyiä itx G&CQl&ig dßo 

Gt in färrä g( Z>GnGVolGntiä Gr&ä AominG/s 

iinisr 



Handbuch und Atlas 

2., erweiterte Auflage 

21,5x 27,8 cm. XII, 607 Seiten. Mit 295 Abbildungen und 7 Tabellen. 1985. 
Balacronbroschur DM 59,- ISBN 311 010694 9. 

Gebunden DM 88,- ISBN 311010693 0 

Die Sexologie - nach wie vor ein Stiefkind der Medizin - wird in diesem 
reichbebilderten Handbuch unter folgenden Aspekten behandelt: Physio¬ 
logische und psychologische Grundlagen; Formen und Varianten mensch¬ 
licher Sexualität; Sexuelle Funktionsstörungen; Sexualität und Partner¬ 
schaft - Ehe, Familie, Emanzipation; Sexualität und Gesellschaft - Konfor¬ 
mität und Abweichung in Geschichte, Kunst und Recht. Eine reichhaltige 
photographische Dokumentation erlaubt auch auf visuellem Wege den 
Zugang zum vielgestaltigen Inhalt: Die Sexualität des Menschen, Handbuch 
und Atlas. 

Die 2. Auflage wurde vom Autor in einem Anhang aktualisiert und dabei um 
folgende wichtige Kapitel erweitert: 

• AIDS - „Aufgegriffenes“ Immun-Defekt-Syndrom 

• Audiovisuelle Hilfsmittel in der Sexualtherapie 

• Die Gräfenberg-Zone („G-Spot“) 

• Sexualwissenschaft: Neuere Entwicklungen 

• Sexuelle Menschenrechte 

• Sexualwissenschaftliche Testfragen 

Professor Haeberle ist Sexualtherapeut in San Francisco und arbeitet am 
Kinsey Institute. Sein Werk erlebte bisher in den USA eine Auflage von über 
500000 Exemplaren. 

... Tatsächlich gibt es wohl kein zweites Fachbuch, das die Vielfalt menschli¬ 
chen Sexuallebens so reichhaltig und freizügig, dabei durchaus ästhetisch in 
Bildern - historischen und realistischen darbietet wie dieses. 

Frankfurter Rundschau 


Haeberle hat mit seinem Handbuch die seit langem umfassendste Darstel¬ 
lung der Sexualforschung geschaffen, die auch wissenschaftlichen Ansprü¬ 
chen genügt. Daneben ist ihm zugleich das Kunststück gelungen, ein wirklich 
allgemeinverständliches und im besten Sinne populärwissenschaftliches 
Buch zu schreiben, das sich wegen seiner klaren Gliederung und seines 
Registers ausgezeichnet als Nachschlagswerk eignet. 


Preisänderungen Vorbehalten 


Süddeutsche Zeitung 




Gruyter 



mit klinischen Syndromen und Nomina Anatomica 


255., völlig überarbeitete und stark erweiterte Auflage. Bearbeitet von der 
Wörterbuchredaktion des Verlages unter der Leitung von Christoph Zink. 

14 x 21,5 cm. XX. 1874 Seiten. Mit 2926 Abbildungen, davon 647 farbig, und 
214 Tabellen. 1986. Gebunden DM 64,- ISBN 311 007916 X 


Das am weitesten verbreitete klinische Nachschlagewerk 

• erläutert alle wichtigen Krankheitszustände 

• erleichtert Diagnose und Differentialdiagnose 

• beschreibt diagnostische und therapeutische Verfahren 

• gibt eine Übersicht über gängige Pharmaka 

• informiert auch über die Grenzgebiete der klinischen Medizin 

• erklärt Wortbedeutungen und 

• ist grundlegende Rechtschreibhilfe 


Pressestimmen zur neuen Auflage: 


präzise 


praxisbezogene Information über medizinische Zusammenhänge. Es ist 
der Begriff für ein medizinisches Wörterbuch schlechthin, das auch jetzt sei¬ 
nem traditionellen Ruf als wichtigste klinische Informationsquelle gerecht 


wird.“ 


Die Welt 


hat sich der ,Pschyrembel‘ mit dieser Auflage ... zum konkurrenzlosen 
Werk gemausert. Erhebliche Textvermehrung (zwei volle Druckseiten über 
AIDS!), erstaunliche Aktualisierung und erstmals vierfarbige Bilder haben 


das bewirkt.“ 


Ärztliche Praxis 


Preisänderung Vorbehalten 




Gruyter 


Winau ■ Rosemeier 




mit einem Geleitwort 
von Jörg Zink 


12 x 18 cm. XVI, 430 Seiten. 1984. Kartoniert 
DM 29,80 ISBN 311 010001 0 

Preisänderung Vorbehalten 


Zum augenblicklich breit diskutierten Thema Tod 
erläutern hier führende Wissenschaftler in ver¬ 
ständlicher Weise die meist nicht berücksichtig¬ 
ten Grundlagen. Bekannte Autoren aus den Fach¬ 
gebieten der Philosophie, Theologie, Medizin, Bio¬ 
logie und Psychologie beleuchten das Thema aus 
jeweils unterschiedlichen Perspektiven: 


Der alltägliche Tod 

Margret M. Baltes: Altern und Tod in der psycholo¬ 
gischen Forschung 

Siegfried Kanowski: Altern und Tod - medizi¬ 
nische Überlegungen 

Meinhard Adler: Tod als Notwendigkeit, Töten als 
Alltäglichkeit 


Der vergangene und gegenwärtige Tod Das begleitete Sterben 


Rolf Winau: Einstellungen zu Tod und Sterben in 
der europäischen Geschichte 

Rolf Winau: Die Freigabe der Vernichtung lebens¬ 
unwerten Lebens 

Hans Ebeling: Die Willkür des Todes und der 
Widerstand der Vernunft 

Der bedachte Tod 

Hans Schadewaldt: Bilder vom Tod 

Michael Theunissen: Die Gegenwart des Todes im 
Leben 

Bruno Schlegelberger: Das Leben nach dem Tode 

Wilfried Bamer: Der Tod als Bruder des Schlafs 

Der erforschte Tod 


Hans Peter Rosemeier: Zur Psychologie der Be¬ 
gegnung des Kindes mit dem Tode 

Hansjörg Riehm: Tod und Sterben von krebskran- 
ken Kindern 

Jürgen Howe: Zur Problematik von Psychothera¬ 
pie mit Sterbenden 

Renate Kreibich-Fischer: Sterbebegleitung von 
Krebspatienten im Krankenhaus 

Josef Mayer-Scheu: Seelsorgerische Begleitung 
von Sterbenden und ihren Angehörigen im 
Krankenhaus 

Elmar Weingarten: Bemerkungen zur sozialen 
Organisation des Sterbens im Krankenhaus 

Ingeborg Falck: Sterbebegleitung älterer Men¬ 
schen im Krankenhaus 

Rolf Winau: Sterbehilfe 

Rudolf Wassermann: Das Recht auf den eigenen 
Tod 


Hans-Joachim Merker: Die Anatomie des Todes 

Gisela Schneider: Über den Anblick des eröffne- 
ten Leichnams 

Rolf Winau: Untersuchungen zur Mortalität in 
Berlin im 18. Jahrhundert 

Hans Peter Rosemeier: Untersuchungen zur Psy¬ 
chologie der Todeskonzepte 


Das Ziel dieses Buches ist es, die emotionale Be¬ 
troffenheit mit der notwendigen Information aus¬ 
zustatten. 




Gruyter 








Pschyrembel Wörterbuch 



Bearbeitet von der Pschyrembel-Redaktion 
unter der Leitung von Christoph Zink. 

14x21,5 cm. 96 Seiten. Mit 61 Abbildungen, 19 Formeln und 13 Tabellen. 
1986. Kartoniert DM 14,80 ISBN 311011048 2 

Aus aktuellem Anlaß hat die Pschyrembel-Redaktion des Klinischen Wör¬ 
terbuchs aus den Stichwörtern dieses millionenfach bewährten, fast 
2000 Seiten starken Nachschlagewerkes wichtige Begriffe zum Thema 
Radioaktivität völlig neu bearbeitet und erweitert. 

Unter Mitarbeit zahlreicher namhafter Wissenschaftler entstand in kürze¬ 
ster Zeit das Wörterbuch Radioaktivität, Strahlenwirkung, Strahlen¬ 
schutz, das auf alle wichtigen Aspekte dieses Themas eingeht: 

- Physikalische Grundlagen der Entstehung und Wirkung von Radioaktivität 

- Biologische Wirkungen der Radioaktivität 

- Krankheitsbilder als Folge akuter Strahlenwirkung 

- Entstehung von Mißbildungen und Tumoren 

- Messung von Radioaktivität und Interpretation von Daten 

- Erläuterungen von Einheiten und Fachausdrücken 

- Strahlenschutz 

Ziel des vorliegenden Buches ist es, dem Informationsbedürfnis mit sach¬ 
lichen, wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen zu begegnen, wobei 
bewußt auf eine unzulässige Vereinfachung des komplizierten Sachverhalts 

verzichtet wurde. 


Preisänderung Vorbehalten 




Gruyter